Die Macht des Stimmrechts

Aktionäre verschaffen sich auf HVs zunehmend Gehör für ihre Anliegen.

Raja Korinek. Das historisch niedrige Zinsumfeld geht allmählich zu Ende. Grund ist freilich die anziehende Inflation. Bondinvestments werden damit zunehmend knifflig. Für viele Anleger liegt die Antwort in einem langfristigen Aktieninvestment, vor allem in jene Unternehmen, die über eine hohe Preissetzungsmacht verfügen.

Doch ein Aktieninvestment umfasst noch weitaus mehr, ein Umstand, der von manch einem Privatanleger teils übersehen wird. Schließlich hat man als Aktionär auch ein Stimmrecht, von dem man auf der Hauptversammlung Gebrauch machen kann, etwa, um einzelnen Punkten zuzustimmen. Oder aber auch, um seinen Unmut zu äußern.

Abstimmung als wichtiger Einflussfaktor
Jedenfalls nutzen immer mehr Fondsgesellschaften weltweit ihre Stimmrechte, so etwa auch die Experten bei der BNP Paribas AM. Michael Herskovich, Global Head of Stewardship, sagt: „Mit unserem Verhalten bei den Abstimmungen können wir immerhin so einiges bewirken.“ Das Unternehmen stimmte allein im vergangenen Jahr auf mehr als 2.000 Hauptversammlungen ab – und stimmte dabei gegen insgesamt 33 % der Resolutionen der Vorstände diverser Unternehmen, in die Fonds der BNP Paribas AM investiert sind.

Ein guter Teil der Einsprüche richtete sich gegen die Ernennung von Vorstandsmitgliedern, etwa dann, wenn dabei das Thema Diversität nicht ausreichend abgedeckt wurde. Orsolya Gal, Senior Stewardship Analyst bei der BNP Paribas Asset Management, präzisiert: „Bereits 2019 beschlossen wir, gegen Vorschläge sämtlicher männlicher Vorstandsmitglieder zu stimmen, wenn im Vorstand keine einzige Frau sitzt.“ Die Anforderungen habe man seither ausgebaut. Seit 2020 müssen mindestens 30 % des Vorstandes weiblich besetzt sein, und zwar in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland.

Im Vorjahr wurde auch Südafrikas Börsenkonzernen eine derartige Grenze auferlegt, für die restliche Welt liegt sie derzeit bei 15 %.

Diversität im Fokus
Auch andere Vermögensverwalter setzen ähnliche Schritte. Ab März 2022 erwartet Goldman Sachs Asset Management, dass in allen börsennotierten Unternehmen global mindestens zwei Frauen im Vorstand sitzen müssen – sofern dieser nicht aus weniger als zehn Mitgliedern besteht oder die lokalen Anforderungen ohnedies über der Mindestzahl liegen. Außerdem wird von Unternehmen des S&P 500 und FTSE 100 erwartet, dass sie mindestens ein Board-Mitglied aus einer unterrepräsentierten Gruppe einer ethnischen Minderheit aufweisen.

Doch auch rund um den Klimawandel wird auf die Macht der Stimme gesetzt. 2021 brachte BNP Paribas auf den Hauptversammlungen bei Exxon und Delta Airlines Resolutionen zur Offenlegung ihrer Lobby-Aktivitäten ein. Schließlich wollte man wissen, wie diese im Einklang mit den Pariser Klimazielen stehen. Denn die Transformation in Richtung Nachhaltig steht bei der BNP Paribas AM hoch im Kurs.

Ein weiteres Kriterium
Ähnlich ist der Zugang bei Aberdeen. „Da Klimawandel und Beschäftigungspraktiken immer stärker in den Vordergrund rücken, stehen zunehmend umwelt- und gesellschaftsbezogene Beschlüsse auf den Tagesordnungen der Hauptversammlungen. 2021 haben wir über rund 280 dieser Beschlüsse abgestimmt, dabei 49 % befürwortet und 50 % abgelehnt“, zeigt Andrew Mason, Stewardship Director bei Aberdeen, auf. Und bei einem Prozent habe man sich enthalten. Mason sagt, man unterstütze Beschlüsse zugunsten von Klima, Diversität und Inklusion grundsätzlich.

Foto: AdobeStock / MQ Illustrations

 

 

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