Gibt es erste Rezessionssignale?

Wie die Signale vom Bond-Markt einzuordnen sind.

Michael Kordovsky. In den USA kam vor wenigen Wochen ein Rezessionssignal vom Bond-Markt. Durch die Medien ging Anfang April eine negative Differenz zwischen zehnjährigen und zweijährigen US-Staatsanleihenrenditen. In einer normalen Rendite-Kurve herrscht ein steilerer Verlauf. Die „Zinsen“ (Renditen) sind umso höher, je länger die Laufzeit ist. Da es aber im Falle eines erwarteten Wirtschaftsabschwungs zu rückläufigen Renditen und, wenn Spielraum vorhanden, auch zu Leitzinssenkungen kommt, verflacht sich schon allein durch Abschwungserwartungen die Zinskurve – manchmal sogar so lange, bis sie invers ist, also kürzere Laufzeiten höhere Renditen aufweisen als längere. Das Schema ist klar, doch der Teufel liegt im Detail: Die Renditedifferenz zehn zu zwei Jahre ist zwar ein zuverlässiges Rezessionssignal, jedoch nicht unbedingt das beste. Beispielsweise gab es im Juni 1998 verfrüht ein falsches Signal, da die Rezession erst im Jahr 2001 begann. Zuletzt schlug es gegen Ende August 2019 richtig an.

Das präzisere Signal ist aber die Rendite-Differenz zwischen zehnjährigen US-Staatsanleihen und jenen mit dreimonatiger Laufzeit. Sie hat seit den späten 1980er-Jahren kein Fehlsignal geliefert, und in den USA ging seit den 1970er-Jahren (auf sechs bis 17 Monate) jeder Rezession auf dieser Basis eine inverse Zinskurve voran, zuletzt im Mai 2019. Aktuell jedoch liegt die Differenz bei hohen 1,94 % -Punkten (per 26.4.). Das würde gegen eine Rezession sprechen. Wie zuverlässig dieser Indikator war, kann anhand untenstehender Historie illustriert werden.

Rezession noch nicht greifbar
Der Krieg in der Ukraine eskaliert zunehmend. Mit Polen und Bulgarien gibt es die ersten beiden Länder der EU, denen Moskau den Gashahn abgedreht hat. Gleichzeitig dehnte sich in China der Corona-Lockdown von Shanghai auf das größte Stadtviertel Pekings aus. Im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine haben bereits mehrere Stimmungsindikatoren weltweit negativ reagiert. Auf der anderen Seite haben die USA eine starke Konjunktur und eine Reihe von Schwellenländern profitieren von hohen Öl- und Rohstoffpreisen.

Stärke zeigt unter anderem die US-Industrie: Im März stand auf Jahresbasis einer Steigerung der Auftragseingänge für langlebige Güter von 12,6 % ein Plus bei den Auslieferungen um 11,2 % gegenüber, womit die Zeichen auf Expansion stehen. Allerdings steht bei Transportausrüstung eine verlangsamte Auslieferung von 8,5 % einem Auftragsschub um 17,8 % gegenüber. Rückläufige Auftrags-eingänge verzeichnet zuletzt der Rüstungsbereich, während Investitionsgüter außerhalb des Rüstungsbereichs boomen: Auftragseingänge von plus 23,5 % vs. Auslieferungen von 11,9 %. Das deckt sich auch mit den April-Daten des vorläufigen „S&P Global Flash US Composite PMI“, dessen „Flash US Manufacturing PMI“ auf ein Sieben-Monatshoch stieg. Obwohl sich die Dynamik im Dienstleistungssektor verlangsamt, sollte laut S&P Global das annualisierte US-BIP-Wachstum im April bei 3 % liegen.

Der IWF rechnet im jüngsten Ausblick zwar mit weniger Wachstum, aber für 2022 und 2023 noch immer global mit je 3,6 %, wobei sich von 2022 auf 2023 das BIP-Wachstum der USA von 3,7 auf 2,3 % verlangsamen sollte und jenes des Euroraums von 2,8 auf 2,3%. Andererseits sollten die Emerging-Markets mit einer Wachstumsbeschleunigung von 3,8 auf 4,4 % der globale Wachstumsträger sein. Ob sich mit den aktuellen Corona-Maßnahmen Chinas BIP-Wachstum von 4,4 auf 5,1 % (2022 auf 2023) wirklich verbessert, bleibt allerdings fraglich.

Fazit: Noch ist keine unmittelbare Rezession spürbar und bis die Drei-Monats-T-Bill-Zinsen die Renditen zehnjähriger US-Treasuries überschreiten, sind noch vier bis sechs Leitzinsanhebungen in den USA erforderlich.

Foto: Pixabay / 0fjd125gk87

 

 

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