Zweite Säule: Einigkeit der Sozialpartner wichtig

Minister Martin Kocher über demografische Entwicklung, Arbeitsmarkt und Altersvorsorge.

Marius Perger. Im Sommer 2020 hatte Martin Kocher, damals als Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), in einem „Policy Brief“ auf die geringen Anteile der zweiten und dritten Säule des Pensionssystems in Österreich im Vergleich zu anderen OECD-Staaten hingewiesen.

Als nunmehriger Bundesminister für Arbeit und zukünftig auch für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort zuständig, betonte er bei der „9. Konferenz Betriebliche Altersvorsorge“ in einem Impulsvortrag erneut die zunehmende Bedeutung der Vorsorge.

Die Konferenz, die vom Unternehmensberater und Vorsorgeexperten Thomas Wondrak veranstaltet wurde, fand am 19. Mai in Wien wieder mit physischer Anwesenheit der Teilnehmer statt.

Vorsorgethema auch für Arbeitsmarkt wichtig
Aufgrund der demografischen Entwicklung werde die Aufmerksamkeit für Altersvorsorge in den nächsten Jahren zunehmen, so Kocher: „Wenn nichts passiert“ werde es in zehn Jahren in Österreich 150.000 bis 200.000 Arbeitskräfte weniger geben.

Kocher spricht in diesem Zusammenhang von einem „Paradigmenwechsel am Arbeitsmarkt“, weil der geburtenstärkste Jahrgang 1963 spätestens in fünf bis zehn Jahren in Pension gehen werde.

Die nachfolgenden, „kleineren“ Jahrgänge würden für ihre Absicherung im Alter dann höhere Pensionsbeiträge zahlen müssen und könnten in 40 Jahren weniger Leistungen erwarten. Das bedeute einen „großen Wandel am Arbeitsmarkt, auch was die Vorsorge betrifft“.

Demografie wird große Herausforderung bleiben
Trotz Pandemie und Ukraine-Krieg gebe es in Österreich derzeit einen Arbeitskräftemangel wie seit den 70er-Jahren nicht mehr, die Zahl der offenen Stellen übertreffe die Zahl der Arbeitslosen. Viele Stellen seien nicht besetzbar, auch aufgrund eines „Mismatch“, also fehlender Übereinstimmung.

Auch wenn die aktuellen Ereignisse zu einigen Jahren mit schwächerer wirtschaftlicher Entwicklung führen sollten, werde die Demografie eine große Herausforderung bleiben und es weiterhin schwierig sein, Fachkräfte zu bekommen.

Wichtig sei es deshalb, dass Menschen länger arbeiten; Kocher sieht hier großes Potenzial im Vergleich zu Skandinavien oder den Benelux-Staaten. Vor allem müssten Anreizstrukturen geschaffen werden: Es gebe derzeit nur sehr geringe Anreize, länger als bis 65 zu arbeiten.

Darüber hinaus gebe es auch immer weniger Menschen, die im Alter nicht mehr arbeiten können. Vor allem die technische Entwicklung führe dazu, dass die Menschen immer weniger schwer arbeiten müssen.

Politisch schwierig
Einen „anderen Stellenwert“ werde die betriebliche Altersvorsorge erhalten, wenn die „Baby-Boomer“ aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, erwartet Kocher. Das staatliche Pensionssystem könnte „möglicherweise“ unter Druck geraten, private Vorsorge sei daher wichtig.

Das sei allerdings in Österreich politisch schwieriger zu realisieren als beispielsweise in Dänemark, weil es hierzu-lande keine Einigkeit der Sozialpartner gebe, was die betriebliche Altersvorsorge betrifft: Hier sei „Überzeugungsarbeit nötig“.

Zum wiederholten Male kritisierte Kocher auch die Komplexität der Systeme, die es mittlerweile in ganz Europa gebe. Man müsse darauf schauen, dass es nicht zu viele Hürden gibt, insbesondere bei der Übertragung von einem Land in ein anderes.

Herausforderungen für Mitarbeitervorsorgekassen
Neue, immer flexiblere Modelle des Arbeitens, beispielsweise im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder mit unterschiedlichen Lebensphasen, müssten auch in den Mitarbeitervorsorgekassen abgebildet werden, betont Kocher.

So gebe es derzeit wenige Möglichkeiten, über Jahre hinweg Zeitguthaben zu erhalten, wenn ein Arbeitnehmer nicht beim gleichen Arbeitgeber bleibt. Hier sei eine überbetriebliche Lösung anzustreben.

Man müsse sich Gedanken machen, wie flexibles Arbeiten besser unterstützt werden kann, der Wunsch sei jedenfalls vorhanden. Allerdings müsse auch sichergestellt sein, dass dabei Menschen nicht ausgenutzt werden.

Foto: Florian Schrötter

 

 

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