Zwischen Wettbewerbsnachteil und großer Chance

ESG-Vorreiterrolle Europas wird innerhalb der Industrie sehr kontrovers diskutiert.

Christian Sec. Die Vorreiterrolle Europas im Bereich der Nachhaltigkeit erreicht mit dem geplanten EU-Lieferkettengesetz einen neuen Höhepunkt. Der Entwurf verpflichtet EU-Firmen dazu, ihre Zulieferer entlang der gesamten globalen Lieferketten zu überprüfen, inklusive aller direkter und indirekter Geschäftsbeziehungen. Die offensive ESG-Strategie Europas stößt dabei nicht nur auf Zustimmung, wie ein Interview von Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, mit der APA zeigt. Laut Knill riskiere Europa mit seiner Vorreiterrolle einen groben Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Ländern. Gleichzeitig könnten die Klimaziele nicht erreicht werden, wenn die anderen großen Player der Welt noch nicht so weit seien. Entspannter sehen die Großunternehmen in Österreich das Vorpreschen der EU. So erklärt uns Milena Ioveva, Chief Sustainability Officer, beim Bauunternehmen Porr: „Kritiker an der Vorgangsweise Europas haben Recht, dass wir nur gemeinsam die Kehrtwende schaffen können. Aber auch wenn Europa in puncto ESG-Regulierungen wesentlich schärfere Vorgaben trifft, sehen wir die Chance, Europa als zukunftsfähigen Standort mit Vorbildwirkung zu etablieren.“ Ioveva sieht dabei die Rolle Europas als First-Mover im Bereich ESG am Weltmarkt als Vorteil, weil früher oder später die anderen Länder mitziehen müssen und dieser Wandel für die Unternehmen eine große Herausforderung darstellen wird.

Der Gummi-Konzern Semperit schlägt in dieselbe Kerbe. „Auf Dauer wird es sich wohl kein großes Land leisten können, den Zug zu verpassen“, so Kristian Brok, COO von Semperit, gegenüber dem Börsen-Kurier. Er fügt hinzu: „Das Thema Nachhaltigkeit beschleunigt Innovationen, die an-dernfalls in dieser Geschwindigkeit vielleicht nicht zu erwarten gewesen wären.“ Innovationskraft, die wohl dringend benötigt wird für ein Europa in der Technologieklemme zwischen Asien und USA.

Aufwand erhöht sich
Für die Unternehmen ergibt sich durch das Reporting von Nachhaltigkeit, Taxonomie und künftig auch Due Diligence ein hoher Aufwand, wie der Lichttechnikproduzent Zumtobel nach Anfrage des Börsen-Kurier erklärt, wobei das Unternehmen meint: „Unsere Netzwerkpartner sind der Gesetzgebung mit ihren Fragen und Anliegen mitunter schon voraus.“ Nichtsdestoweniger erwartet das Vorarlberger Unternehmen von der Politik, dass nicht die ganze Verantwortung auf die Unternehmen abgewälzt wird. „Es bedarf einer Schaffung von politischen Rahmenbedingungen, die die Anstrengungen zu ESG-Themen auch beispielsweise durch Kriterien im Rahmen der öffentlichen Beschaffung unterstützen.“

Auch der Kartonhersteller Mayr-Melnhof verstärkt bereits im Vorfeld möglicher verstärkter Due-Diligence-Pflichten die Prüfung der Lieferanten, im Bestreben, diese und deren Produktionsschritte eingehender zu erfassen und zu verstehen. „Die Risikobewertung von Lieferanten wird in den kommenden Geschäftsjahren auf Gruppen-Ebene daher fokussiert, um dieses Ziel umzusetzen. Chancen und Risiken sollen aufgedeckt und angemessen eingeordnet, bearbeitet oder beseitigt werden“, so der Konzern in seinem nichtfinanziellen Jahresbericht.

Foto: Adobe Stock / thodonal

 

 

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