Von der Inflation zur Deflation

Wohin gehen die Preise? Und warum auch die Deflation ein Szenario sein kann.

Michael Kordovsky. Noch herrscht Jammern und Wehklagen über eine Teuerung auf breiter Front. Im Mai stieg in den USA die Inflationsrate von 8,3 auf 8,6 % und markierte den höchsten Stand seit Dezember 1981. Ein Jahr davor lag die Inflation bei 5 % und im Jänner 2021 sogar noch bei 1,4 %.

Im Vergleich dazu stieg im Euroraum die Inflationsrate von 2,2 % im Juli 2021 auf 8,1 % im Mai 2022, ehe sich die Teuerung im Juni auf einen neuen Inflationsrekordwert von 8,6% beschleunigte. Dazu ein Blick auf die genaue Schnellschätzung für Juni 2022: Die Jahres-Teuerung der im HVPI mit 10,93 % gewichteten Energiepreiskomponente beschleunigte sich von Mai auf Juni von 39,1 auf 41,9 %, was primär eine Folge der Ukraine-Krise (Erdgasknappheit) ist. Im Vergleich dazu lag im Juni 2021 deren Preissteigerung erst bei 12,6 % was damals auf eine Erholung von den Lockdowns zurückzuführen war.

Noch vor einem Jahr (im Juni 2021) waren die Preise für unverarbeitete Lebensmittel um 0,3 % rückläufig. Heuer: Von Mai auf Juni beschleunigte sich der Preisauftrieb von 9 auf 11,1 %. Hingegen gemäßigt entwickelten sich im Juni 2022 die Preissteigerungen bei Dienstleistungen (3,4 %) und Industriegüter ohne Energie (4,3 %). Rechnet man Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak aus dem HVPI heraus, so läge diese Art der „Kerninflation“ nur bei 3,7 %.

Es zeigt sich somit primär eine energiepreisgetriebene Inflation, von der die einstigen „verlängerten Werkbänke“ in Osteuropa am stärksten betroffen sind. Die höchsten Inflationsraten wiesen im Juni Estland (22 %), Litauen (20,5 %), Lettland (19,0 %) und die Slowakei (12,5 %) auf.

Indessen am niedrigsten war die Inflation auf Malta (6,1 %), in Frankreich (6,5 %) und in Finnland (8,1 %). In Österreich sprang sie von 7,7 auf 8,7 %.

Konjunktursensible Rohstoffpreise fallen
Mittlerweile setzen die Regierungen der EU- und NATO-Länder wegen des Ukraine-Kriegs auf Energiesparen und Alternativen zu russischem Erdgas. Gleichzeitig kühlt die Konjunktur immer stärker ab und die von Experten bezifferte Wahrscheinlichkeit einer Rezession wird von Woche zu Woche höher. Während WTI-Rohöl auf 3-Monats-Basis noch 11,7 % im Plus liegt (Monatsbasis -8,1 %), verteuerte sich UK-Erdgas binnen eines Monats um 29 %, was auf die jüngsten Drosselungen russischer Erdgaslieferungen in die EU zurückzuführen ist.

Die Preisentwicklung der konjunktursensiblen Industriemetalle Kupfer, Nickel und Primäraluminium spricht hingegen eine klare Sprache: Deren Preise liegen auf 3-Monats-Basis je 21,6 %, 35,9 % bzw. 28,2 % im Minus. Im gleichen Zeitraum verlor Zinn bereits knapp 41 %. Auch die Preise für Agrarrohstoffe bröckeln wieder ab: Mais und Weizen verloren binnen eines Monat 9,9 bzw. 10,3 %. Aktualisierte Anbaudaten aus den Vereinigten Staaten und die Ende Mai vorhandenen Getreidebestände waren die Auslöser.

Mit der Produktionsausweitung der Opec+-Länder und ersten Anzeichen diplomatischer Verhandlungen im Ukraine-Krieg könnte ebenfalls jederzeit ein massiver Ölpreisverfall einsetzen, zumal die Konjunktur und damit einhergehend die Erdölnachfrage sich tendenziell rückläufig entwickeln.

Ausblick mit vielen Fragezeichen
Die Volkswirte der EZB gehen davon aus, dass sich die Inflationsrate des Eurosystems von 6,8 % in 2022 bis 2023 und 2024 jeweils auf 3,5 bzw. 2,1 % mäßigen wird. Die Kerninflation (also Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel) sollte von 3,3 % im Jahr 2022 bis 2023 und 2024 auf jeweils 2,8 bzw. 2,3 % sinken. Und es könnte 2023/24 im Falle einer Rezession das Pendel bereits in die andere Richtung schlagen. Starke Basiseffekte beim Rohöl (im Falle eines Öl-Crashs) könnten sogar zu einzelnen Monaten mit negativen Inflationsraten führen.

Sollten dann wegen höherer Leit- und Wohnkreditzinsen auch noch die Immobilienpreise fallen, wäre ab der zweiten Jahreshälfte 2023 selbst ein klassisches Deflationsszenario denkbar.

Foto: AdobeStock / photoschmidt

 

 

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