Was passiert, wenn Russland Europa das Gas abdreht?

Der Börsen-Kurier befragte dazu einen Experten, der bezüglich der Folgen Klartext spricht.

Michael Kordovsky. Alternative Erdgaslieferungen zu Russland können nur in kleineren Mengen aus anderen Ländern kommen. Russland exportierte nämlich im Jahr 2020 232,5 Mrd m3 Erdgas, die beiden nächstgrößten Exporteure sind die USA und Katar mit jeweils 149,5 bzw. 143,7 Mrd m3, gefolgt von Norwegen und Australien. 43,5 % der EU-Erdgasimporte oder 155 Mrd m3 stammen aus Russland, gefolgt von Norwegen (23,6 %), Algerien (12,6 %) und den USA (6,6 %). Die Gasspeicher-Reserven der EU-Länder reichen bestenfalls dafür aus, 25 bis 30% des Winterbedarfs zu decken und selbst schnelle Sparmaßnahmen wären nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Eine Zwischenlösung ist dabei teures Flüssiggas, das beispielsweile auf dem Seeweg aus den USA, Katar oder Australien angeliefert wird, sofern genügend Terminals vorhanden sind.

Hohe Erdgas-Exposure
Mit 21,5 % des Primärenergiebedarfs zählt Erdgas in der EU zu den wichtigsten Energieträgern. 32,1 % der Energie für private Haushalte stammt aus Erdgas und rund 40 % der privaten Haushalte haben einen Erdgasanschluss. Private Haushalte waren 2020 für 28 % des Gesamtenergieverbrauchs verantwortlich, Transport und Industrie für jeweils 28,4 bzw. 26,1 %. Während Österreich noch relativ gut mit Wasserkraft versorgt ist, noch kleinere Spielräume bei einem alten Kohlekraftwerk hat und somit unter Heranziehung der strategischen Erdgasreserven zumindest noch genügend Erdgas zur Verfügung steht, damit die privaten Haushalte geheizt durch den Winter kommen, könnte es im Falle fehlender russischer Erdgas-Lieferungen in einzelnen EU-Ländern bereits Rationierungen der Erdgaszufuhr für private Haushalte geben. Industrie und Verkehr hätten in diesem Szenario nur noch minimale Erdgasversorgung und ein Wirtschaftszusammenbruch schlimmer als in den USA der frühen 30er-Jahre wäre die Folge. Dass es aber so weit kommt ist zwar theoretisch möglich, praktisch aber eher unwahrscheinlich.

Völliger Lieferboykott bei Erdgas möglich
Dazu Gerhard Massenbauer, Chefanalyst bei Hedge Go, der den historischen Kontext erläutert: „Europa ist zu einem hohen Maß in der Versorgung mit Gas von Russland abhängig. Das erschien lange Zeit als geringes Risiko, weil Russland hierbei auch am Höhepunkt des Kalten Krieges als zuverlässiger Energielieferant aufgetreten ist. Freilich gab es damals für Russland keine solventen Kundenalternativen. Indien und China, heute wichtige Abnehmer von russischen Energielieferungen, hatten damals nicht nur einen sehr viel geringeren Bedarf, sondern vor allem keine ausreichenden Mittel wie die Westmächte, um der UdSSR als Alternative für Einnahmen zu dienen.“ Doch die Zeiten ändern sich. „Heute ist das anders – Russland kann es sich theoretisch leisten, Europa komplett von der Energieversorgung abzuschneiden, ohne daran selbst zu Grunde zu gehen. Russland müsste sich wohl auch beschneiden, wäre aber nicht existenziell bedroht“, erklärt Massenbauer gegenüber dem Börsen-Kurier.

Doch es gibt Wirtschaftsinteressen, die dagegensprechen, da die Auswirkungen auf Europa und die Weltwirtschaft verheerend wären. „Ich gehe davon aus, dass Russland einen solchen Schritt nicht ohne Rücksprache mit China gehen und dass China dagegen ein Veto einlegen würde“, so Massenbauer.

Auswirkung eines Endes russischer Erdgaslieferungen
„Es gibt eine Reihe von Industrien, die von einer Gasunterversorgung massiv betroffen wären. Dass Russland mit einem Anteil von mehr als 40 % an der europäischen Gasversorgung nicht von heute auf morgen ersetzt werden kann, sollte auch dem Dümmsten einleuchten. Es dauert Jahre, bis ein solcher Anteil in der Versorgung ersetzt werden kann. Es fehlen Leitungen/Transportkapazitäten ebenso wie Anlagen, diese Mengen aufzunehmen“, so Massenbauer, der folgende Branchen als besonders betroffen erachtet:

• Stahlindustrie (in der Folge auch Autofirmen, Autozulieferer, Bauindustrie)
• Chemie (in der Folge auch Kunststoffindustrie, Lebensmittelindustrie, Autofirmen, Autozulieferer)
• Glasindustrie (in der Folge auch Verpackungsindustrie, Lebensmittelindustrie, Bauindustrie, Autofirmen)

„Es ist zum Teil möglich, dass etwa die Glasindustrie auf Öl umsteigt, doch setzt das voraus, dass die Anlagen nicht allzu neu und nicht sehr stark nach ESG-Kriterien ausgerichtet sind, die ‚sauberes Gas‘ gegenüber schmutzigen Ölbrennern bevorzugen. Nicht alle Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Hitzezubereitung von Gas auf Öl umzurüsten. Dies führt vor allem bei Stahl- und Glas dazu, dass Produktionsanlagen erkalten und damit endgültig unbrauchbar werden, also abgebaut und neu gebaut werden müssen. Dafür braucht es dann aber wiederum zumindest Stahlunternehmen, die die hitzebeständigen Kessel bauen können, was dann auch nicht möglich wäre, weil deren Produktionsanlagen wohl auch betroffen wären“, erklärt Massenbauer und ergänzt: „Es ist also denkbar, dass Europas Produktionskapazitäten in einer Weise betroffen sein könnten, die einen vollständigen Zusammenbruch der Wirtschaft bedeuten würde. Erfolgt das, würde die Welt in eine Depression stürzen. Denn was wir in den vergangenen beiden Jahren als Lieferkettenproblematik erfuhren, wäre ein lächerliches Vorspiel gegenüber dem Drama, das aus einem Zusammenbruch der europäischen Wirtschaft folgen könnte. Dies ist auch der Grund, warum ich denke, dass China kein Interesse daran haben kann, weil es selbst auch stark davon betroffen wäre.“

Es gibt Lichtblicke gegenüber dem Worst Case, die Massenbauer wie folgt skizziert: „Ich gehe davon aus, dass diese Probleme nur dann vermieden werden können, wenn Russland sich doch wieder an seine Lieferverpflichtungen halten wird, rechne aber damit, dass Russland dies nicht umsonst anbieten wird. Zumindest wird Putin den Druck hochhalten und nur ein Minimum bereitstellen, dass für sich genommen schon für eine starke Rezession ausreicht.“

Foto: Pixabay / viarami

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen