Die Geldpolitik der EZB auf dem Prüfstand

Trotz Rekordinflation keine Wiederholung historischer Inflationsbekämpfungsszenarien.

Michael Kordovsky. Von August 1979 bis zum Hoch im März 1980 stieg in den USA die Inflationsrate von 11,8 auf 14,8 %. In diesem Zeitraum erhöhte die Fed unter der Führung von Paul Volcker ihre Fed Fund Rate von knapp mehr als 10,5 auf 20 %. Die Leitzinsen überschritten die meiste Zeit die Inflationsrate, am Inflationspeak sogar um mehr als 5 %-Punkte. Bis Dezember 1982 war die Inflationsrate auf 3,8 % rückläufig und die Leitzinsen auf 8,5 %. In Deutschland lag 1980 und 1981 die Inflationsrate bei jeweils 5,4 bzw. 6,3 % und der Diskontsatz der Deutschen Bundesbank bewegte sich in diesen beiden Jahren von anfänglich 6 %, und ab 29. Feber 1980 bei 7 % ab 2. Mai 1980 durchgehend bei 7,5 %. Auch hier gab es positive reale Leitzinsen.

Kurzfristig noch kräftige Leitzinsanhebungen
Heuer waren bereits die bisherigen Zinsschritte eine „Sensation“. Die Fed hat von Mitte März bis 27. Juli ihre Fed Fund Rate von 0,00 bis 0,25 auf 2,25 bis 2,50 % angehoben, und der Futures-Markt preist für die Fed-Sitzung am 21. September bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % eine weitere Leitzinsanhebung um 75 Basispunkte auf 3,00 bis 3,25 % ein. Das wären dann schon 3 %-Punkte Leitzinsanstieg im laufenden Jahr. (In den USA ist die Inflation von Jänner bis August von 7,5 auf 8,3 % gestiegen.) Doch die Fed hat spät auf die Inflationsentwicklung im Vorjahr reagiert. Denn von Jänner bis Dezember 2021 war es bereits ein Anstieg von 1,4 auf 7,0 %!

In der Eurozone ist die Inflation heuer von Jänner bis August von 5,1 auf 9,1 % gestiegen, während die EZB alle drei Leitzinsen in zwei Schritten um jeweils insgesamt 1,25 %-Punkte anhob. Am 8. September vollzog die EZB mit einer Leitzinsanhebung um je 0,75 %-Punkte die stärkste Anhebung seit 22 Jahren. Weitere Erhöhungen sind zu erwarten, zumal die EZB zuletzt von Juni auf September ihre Inflationsprognosen nach oben revidierte. Für heuer erwartet sie anstatt 6,8 bereits 8,1 % und für 2023 5,5 statt 3,5 %. Eine Annäherung an das Inflationsziel von 2,0 % ist erst 2024 wieder zu erwarten. Nimmt man den Zwei-Jahres EUR-Swapsatz, so liegt dieser per 16. September bei 2,57 %, was bis September 2024 Leitzinserhöhungen auf bis zu 2,5 % impliziert. Heuer sind durchaus noch Leit-zinsanhebungen bis zu 2,0 % denkbar. Danach sollte eine gemächlichere Gangart folgen. Eine Rezession ist dabei kein Hindernis. Auch in den frühen 1980er-Jahren stiegen trotz Rezession die Leitzinssätze.

Damoklesschwert: Zu hohe Staatsverschuldung
Der Unterschied zu den frühen 1980er-Jahren liegt weder in angespannter Geopolitik noch im Wirtschaftsabschwung in Kombination mit hohen Inflationsraten. Was die heutige Zeit von der damaligen Epoche entscheidend abhebt, ist die höchste Staatsschuldenquote in den OECD-Ländern, die es je in Friedenszeiten gegeben hat.

Beispiel USA: 1980 (im 1. Quartal) lag dort die Staatsverschuldung bei 30,9 % des BIP, im zweiten Quartal 2022 bei 122,8 %. Da die relative Staatsverschuldung viermal höher ist als im ersten Quartal 1980, sind in den USA unter dem Aspekt der proportionalen Belastungsbetrachtung Leitzinsen von 5 % eine denkbare Obergrenze. In Europa kann ein Blick auf die Leitwirtschaft Deutschland geworfen werden, deren Staatsschuldenquote im ersten Quartal 2022 bei 68,2 % liegt, verglichen mit

36,5 % des BIP im Jahr 1982. Doch es sind Länder wie Frankreich, Italien, Portugal, Spanien und Griechenland, die beunruhigen, denn deren Staatsschuldenquoten bewegen sich im ersten Quartal 2022 zwischen 114,4 % (Frankreich) und 189,3 % (Griechenland). Italiens Staatsschuldenquote liegt bei 155,6 % des BIP. Ein Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank von 3,0 % wäre bereits der höchste Stand seit 2008 und aktuell eine mögliche Schmerzgrenze bezüglich drohender Schuldenkrisen in Europa.

Foto: AdobeStock / mekcar

 

 

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