Wer und was ist ESG-perfekt?

Dass die Wirtschaft nachhaltig werden muss, scheint klar, der Weg zum Ziel weniger.

Emanuel Lampert. Umwelt, Soziales, Unternehmensführung – wie sieht ein „ESG-perfektes“ Unternehmen aus? Im Detail lasse sich das nicht festmachen, weil sich das Verständnis von Nachhaltigkeit laufend wandle, sagt Thomas Wondrak, Experte für betriebliche Altersvorsorge, bei einer Diskussionsrunde des Börsen-Kurier. „Perfekt“ handle, wer das Thema ernst nimmt und nicht nur zum Marketing nutzt.

Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE, ist der Ansicht, dass die ESG-Kriterien zurzeit noch zu ungenau sind, um klar zu sagen, wer und wie man tatsachlich ESG-konform ist.

Nachhaltigkeit ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern „Marktvoraussetzung“, sagt Michael Meidlinger, CFO des auf den Immo-Bereich spezialisierten Instituts für Anlageberatung (IFA). Energieeffiziente Häuser seien vor einem Jahr „noch nicht so im Fokus“ der Privatanleger gestanden.

Problem Green Washing
Was tun mit „Green Washing“? Andreas Bayerle, Vorstandsmitglied der Helvetia Österreich, hält „spezialisierte Player“, ähnlich Creditrating-Agenturen, für die einzig sinnvolle Lösung. „Es ist völlig undenkbar, dass weltweit jeder institutionelle Anleger jedes Unternehmen der Welt prüft.“

Frühwald betont die Wichtigkeit valider, überprüfter Daten. Bei börsegelisteten Unternehmen könne man zur Umsetzung von Nachhaltigkeitskriterien mittels Steward-ship und Abstimmungspolitik bei Hauptversammlungen Einfluss nehmen.

Das gehe umso besser, je größer man ist, sagt Nachhaltigkeitsfachmann Andreas Dolezal. Kleine Akteure seien aber auf zugeliefertes Datenmaterial angewiesen, „und das gibt‘s einfach momentan nicht“. Alle an sich nötigen Zahlen werde man wohl auch nie zur Verfügung haben.

Nachhaltiges Kundeninteresse?
Seit etwa zwei Monaten sind in der Beratung Nachhaltigkeitspräferenzen abzufragen. Dolezal sieht eine Diskrepanz zwischen Regulierung und „gelebter“ Nachhaltigkeit; der Detailgrad überfordere den Kunden. „Der sagt dann lieber: Ich bin nachhaltigkeitsneutral.“

„Es ist sehr schwer, Begeisterung für einen Versicherungsvertrag zu erzeugen, einfach, weil das ein extrem abstraktes Produkt ist“, sagt Bayerle. Nachhaltigkeit aber interessiere die Leute. Auch Wondrak hat den Eindruck, dass das Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Kunden zwar da ist. „Aber ich glaube, da fehlt noch viel an Finanz- und Nachhaltigkeitswissen.“

Wie misst man Soziales?
Kann man „soziale“ Kriterien in Zahlen fassen? Dolezal sieht das spätestens dann kritisch, wenn es um längere, verästelte Lieferketten geht. Bezüglich der Messbarkeit ist er „gespannt, was sich die EU da einfallen lässt“.

Wirken sich soziale Risiken auf die Unternehmensperformance aus? Ja, meint Frühwald und nennt als Beispiel Minen und Arbeitssicherheit: „Wenn da etwas passiert, das ist ein weltweiter Aufschrei.“ Die Folge: Reputations- und Umsatzverlust.

Wie viel Verantwortung?
Wie weit kann die Verantwortung eines Unternehmens gehen? Sie „kann und muss so weit gehen, wie man es selbst gestalten kann“, samt Einkaufskriterien und Vor-gaben für Sublieferanten, meint Meidlinger.

Nachhaltigkeitsmanagement im Beschaffungswesen sei üblich, wirft Dolezal ein. Was sich aber an Regulierung abzeichne, gehe in die Richtung, „bis auf die andere Seite des Erdballs“ zu kontrollieren, was dort in puncto ESG geschieht. „Das wird die Herausforderung werden.“

Foto: Tanzerfotografie/Rudolph

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie Anfang November im kostenlosen Magazin zum Jubiläum „100 Jahre Börsen-Kurier“.

Es diskutierten vergangenen Freitag unter der Leitung von Herausgeber Marius Perger in der Wiener Börse: Andreas Bayerle (Helvetia), Andreas Dolezal, Anita Frühwald (BNP Paribas AM), Michael Meidlinger (IFA) und Thomas Wondrak

 

 

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