Unterschiedliche Inflationsentwicklungen

Warum die US-Inflation rückläufig ist und jene in Europa weiter steigt.

Michael Kordovsky. Die Inflationsrate im Euroraum hat sich von August auf September von 9,1 auf ein neues Rekordhoch von 10 % beschleunigt, während sie im September in den USA von 8,3 auf 8,2 % – also den dritten Monat in Folge – zurückging. Worauf sind diese Unterschiede zurückzuführen?

Europa ist Epizentrum der Energiekrise
Erdgas kommt über strategisch wichtige Pipelines nach Europa. Mehrere davon gehen auch durch die Ukraine. In der EU werden rund 40 % des benötigten Erdgases aus Russland importiert, das Erdgas derzeit zunehmend als außenpolitisches Druckmittel benützt. Bereits vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs stoppte Russland offiziell noch ohne politische Gründe, Medienberichten zufolge mitten in der kalten Jahreszeit seine Gaslieferungen durch die Jamal-Europa-Pipeline, was die Knappheit am europäischen Gasmarkt schon davor verschärfte. Nordamerika hingegen verfügt über ein ausgedehntes Pipeline-Netz und in den USA übersteigt das Angebot aufgrund der Produktion von Schiefer-Öl und -Gas den einheimischen Verbrauch um rund 10 %.

Von den hohen Erdöl-Preisen sind die USA hingegen ähnlich betroffen wie Europa. Allerdings korrelieren die Preise für Raffinerieprodukte stärker mit den Börsenpreisen. Die Benzinpreise an der Zapfsäule entwickelten sich in den USA seit den Benzin-Preis-Peaks an der Börse wieder rückläufig. 2021 haben die USA 18,7 Mio Barrel Heizöl pro Tag verbraucht, aber 16,6 Mio Barrel pro Tag produziert. Die EU ist hingegen stark auf Erdölimporte angewiesen.

Sowohl die Strom- als auch die Erdgaspreise sind in den USA nicht so stark gestiegen wie in diversen europäischen Ländern. Laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde sind die Energiepreise in Europa der Kerntreiber der Inflation. Strom, Erdgas und Treibstoff sind im Euroraum 60 % der Inflationstreiber. In den USA ist es nur die Hälfte davon. Die im HVPI des Euroraums mit 10,93 % gewichtete Energiepreiskomponente stieg im September auf Jahresbasis um

40,8 %. In den USA hingegen stieg die Energiepreiskomponente des urbanen Verbraucherpreisindex im September nur um 19,8 % im Vergleich zum Vorjahresmonat.

USA mit mehr nachfragebedingter Inflation
Die Inflation in den USA ist anderer Natur als jene im Euroraum, wo derzeit ein Angebotsschock vorherrscht. Lieferketten sind durch den Ukraine-Krieg (zuvor waren Covid-19-Lockdowns ein Auslöser) unterbrochen und seit 2021 herrscht akuter Energiemangel. Gleichzeitig mangelt es vor allem im Logistikbereich, teils auch in den Supermärkten akut an Personal. Die Nahversorgungsinfrastruktur ist angespannt.

In den USA hingegen herrscht ein normaler Konjunkturzyklus, der sich nun wieder im Abschwung befindet. Nachfrageimpulse führten in vielen Bereichen zu Preisanstiegen. Filtert man die volatilen Preiskomponenten Energie und Nahrungsmittel aus dem CPI-U (VPI für alle städtischen Verbraucher), dann stieg die Kerninflation um 6,6 %. Das ist der stärkste Jahresanstieg seit August 1982. Die wichtige Wohnpreiskomponente (bezieht sich auf Mieten und Anschaffung von Wohneigentum) stieg ebenfalls um 6,6 %. Möbel und Einrichtungsgegenstände verteuerten sich um 9,3 %, neue Autos um 9,4 % und Gebrauchtwägen um 7,2 %.

Lohninflation?
Von August auf September war zudem in den USA die Arbeitslosenquote von 3,7 auf 3,5 % rückläufig. Die durchschnittlichen saisonbereinigten Stundenlöhne stiegen im September in der US-Privatwirtschaft ex Agrarsektor um 5 % auf 32,46 USD und mit den höheren Inflationsraten werden die Lohnforderungen steigen.

Im Euroraum hingegen liegt die saisonbereinigte Arbeitslosenquote bei 6,6 % im August (August 21: 7,5 %). Die höchste Arbeitslosenquote weist Spanien mit 12,4 % auf. Am niedrigsten ist sie mit 2,4 % in Tschechien. Im Euroraum stiegen die Arbeitskosten pro Stunde im zweiten Quartal 2022 auf Jahresbasis um 4 %. Das hat es in den vergangenen zehn Jahren sonst nie gegeben. Löhne und Gehälter stiegen dabei um 4,1 % und die Lohnnebenkosten pro Stunde um 3,8 %.

Ebenfalls exorbitant gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 2,2 auf 3,0 % im Euroraum gestiegen ist die Quote der offenen Stellen im zweiten Quartal 2022. Am höchsten ist sie in den Niederlanden (5,1 %) und Belgien (5,0 %). In Deutschland und Österreich beträgt sie 4,5 bzw. 4,8 %.

Es herrscht nicht nur akuter Facharbeitermangel in Europa. Ein weiterer kritischer Faktor am Arbeitsmarkt ist auch ein verstärkter Trend Richtung „soziale Hängematte“. Mehr Arbeitsangebot kann primär durch höhere Bezahlung mobilisiert werden – also auch in Europa könnte sich bald eine Lohn-Preis-Spirale zu drehen beginnen.

Ein weiterer Inflationsfaktor ist der hohe Wechselkurs des US-Dollar, über den wir im Euroraum mehr Inflation importieren. Binnen eines Jahres wertete nämlich der US-Dollar zum Euro um rund 18 % auf (Stand 14.10.). Umgekehrt verbilligt der starke Dollar die Importe der USA, die in abgewerteten Fremdwährungen fakturiert werden.

Darüber hinaus hat die Fed bereits ab Mitte März mit Leitzinsanhebungen zur Bekämpfung der Inflation begonnen, während die EZB ihren ersten Leitzinsschritt erst am 21. Juli setzte.

In den USA bremsen zudem höhere Zinsen langsam die Nachfrageseite. In Europa hingegen sollte eine Wiederherstellung der Lie¬ferketten und eine ausreichende Energieversorgung Priorität haben, denn die inflationären Schübe liegen in einem Angebotsschock.

Fazit
Während in den USA eventuell bei der Inflation ein zwischenzeitliches Plateau erreicht sein könnte, drohen im Euroraum vorerst weitere Anstiege.

Foto: Pixabay / WolfBlur

 

 

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