Sand im Getriebe der Kryptowährungen

Für Experten ist die Kryptostory weiterhin intakt. Sie mahnen aber zur Vorsicht beim Investieren.

Patrick Baldia. Die Milliarden-Pleite von FTX erschüttert derzeit die Kryptowelt. Die Handelsplattform für Kryptowährungen meldete vor rund zwei Wochen Konkurs an, nachdem Kunden, als bekannt wurde, dass Einlagen in der Höhe von rund 10 MrdUSD verschoben wurden, in großem Stil Gelder abgezogen hatten. Gegen den Gründer und CEO Sam Bankman-Fried wurde mittlerweile eine Sammelklage eingereicht. Der Fall FTX hat jedenfalls die bislang größte Krise in der noch jungen Geschichte der Kryptowährungen ausgelöst. Und Befürchtungen genährt, dass weitere Branchenplayer folgen könnten.

Kritiker sehen sich angesichts der FTX-Pleite in ihrer Ablehnung gegenüber Bitcoin und Konsorten bestärkt. Diese hatten in den vergangenen Wochen allerdings ohnehin Hochkonjunktur. Dahin-ter steht der anhaltende „Krypto-winter“, darunter versteht man eine seit längerem anhaltende Kursflaute von Cyberwährungen. Allein der Bitcoin notierte zuletzt bei rund 17.000 USD. Dabei hatte die größte und bekannteste Kryptowährung erst im vergangenen November den Rekordstand von knapp 69.000 USD erreicht. Und die Prognosen waren überaus optimistisch. So ging JP Morgan bis Ende 2021 von einem Kurs von 130.000 USD aus, die US-Citigroup gar von 318.000 USD.

„Dass vorzeitig das Ende des Bitcoins und anderer Kryptowährungen erklärt wird, ist grundsätzlich nichts Neues“, sagt Manuel Schleifer, Finanzmarktstratege bei Raiffeisen Research, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Schaue man sich den Zyklus an, so wären extreme Kurseinbrüche nach dem Erreichen neuer Rekordhöchststände nichts Besonderes. Ähnliches sei auch 2018/19 zu beobachten gewesen, als der Bitcoin-Kurs von 18.000 auf 3.000 USD zurückging. „Davon sind wir meilenweit entfernt“, hält Schleifer fest. Nachsatz: „Das Ende der Kryptowährungen sehe ich nicht, sondern vielmehr eine Marktbereinigung.“

Mehrwert im täglichen Leben
Auch für Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei 21Shares, ist die „Kryptostory“ weiterhin intakt. „Die Innovation wird sich weiter durchsetzen und die gesamte Blockchain und Kryptotechnologie zeigt ja bereits in vielen Beispielen des täglichen Lebens ihren Mehrwert“, meint er gegenüber dem Börsen-Kurier. Man dürfe auch nicht vergessen, dass FTX ein zentrales Kryptounternehmen gewesen sei und per se nichts mit Bitcoin und Decentralised Finance zu tun habe.

Wie lange der Kryptowinter noch anhalten wird, ist jedenfalls schwer zu sagen. Für Mark Dowding, CIO bei BlueBay Asset Management, sind weitere deutliche Preisrückgänge der Kryptowährungen in den kommenden Wochen durchaus möglich. Wenger erinnert wiederum darauf hin, dass die beiden letzten Bärenmärkte 2018 und 2019/20 360 bzw. 260 Tage dauerten. Der aktuelle hält jedenfalls bereits seit 370 Tagen an. Viel werde jetzt jedenfalls von der weiteren makroökonomischen Entwicklung, den Zinsen, aber auch vom Ukrainekrieg abhängen.

„Sobald wir eine gewisse Stabilität am Aktienmarkt sehen, dann stehen die Chancen gut, dass wir bei Kryptowährungen eine Erholung erleben werden“, sagt Schleifer und verweist auf die – anders als in der Vergangenheit – auszumachende Korrelation zwischen Kryptowährungen und Aktien – vor allem Techwerten. Optimistisch stimmt ihn jedenfalls, dass viele institutionelle Anleger in Kryptowährungen investiert sind. „Das ist ein Indiz dafür, dass der Markt professioneller geworden ist“, meint er. Weiters glaubt der Analyst, dass sich der Krypto-markt bereits in einer Bodenbildungsphase befindet. Dazu komme, dass Regulierung mehr und mehr zum Thema werde – Stichwort MiCA-Verordnung, die bereits Ende 2022 in allen EU-Mitgliedsstaaten eingeführt werden soll.

Bitcoin-Halving steht bevor
Ein weiterer Grund für ein Krypto-investment: das nächste Halving steht 2024 bevor. Darunter versteht man die Begrenzung des Bitcoin-Angebots ungefähr alle vier Jahre, indem die Belohnung, die die so genannten Miner für das Schürfen der Kryptowährung erhalten, halbiert wird. Bislang sind darauf immer Kursanstiege gefolgt.

Schleifer empfiehlt Interessenten sich auf die zehn größten Kryptowährungen zu konzentrieren. Positiv zu sehen wären solche, die eine realwirtschaftliche Anwendung hätten, wie allen voran Ethereum, aber auch Solana und Cardano. „BTC hat dagegen kaum Anwendungen und hat sich bislang auch nicht als reines Zahlungsmittel etabliert und ist daher als Spekulationsobjekt zu sehen.“

Für Wenger ist es wichtig, zu verstehen, in was man investiert, über Unterschiede und Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Kryptoassets Bescheid zu wissen und auch über Risiken im Bilde zu sein. „Auch mit der relativ hohen Volatilität müssen Investoren, die am Upside partizipieren wollen, leben können“, bringt es der 21Shares-Experte auf den Punkt.

„Bei Kryptowährungen muss man zwischen Investieren und Spekulieren unterscheiden“, so Schleifer. Auch ein Vergleich zu einem Kasinobesuch sei nicht weithergeholt: Man gehe dorthin, um zu Spielen und damit zu Spekulieren. Ein Totalausfall ist immer möglich. „Das ist am Aktienmarkt in der Regel völlig anders“, so Schleifer. Stichwort Totalausfall: Dowding erinnert daran, dass Kryptowährungen in ihrer Hochphase eine Marktkapitalisierung von mehr als 3 BioUSD aufgewiesen haben, wovon nun mehr als 2,3 BioUSD verloren wären. Eine Tatsache, die sich Anleger immer vor Augen halten sollten.

Foto: Pixabay / WorldSpectrum

 

 

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