„Das Rezessionsgerede ist zu negativ“

Alois Wögerbauer (li.), Fondsmanager und Geschäftsführer der 3 Banken Generali KAG, im Exklusivinterview.

Marius Perger. „Zu negativ“ sei derzeit der Konjunkturkonsens. Das sagt Alois Wögerbauer, Fondsmanager und Geschäftsführer der 3 Banken Generali KAG, im Gespräch mit Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger. Er rechnet damit, dass die Rezession in Europa „mild bis sehr mild“ verlaufen werde, das Wirtschaftswachstum also zwischen null und -0,5 % liegen werde. In den USA werde es bei „plus/minus null“ liegen, weltweit sei keine Rezession zu erwarten.

Positiv sei auch, dass der Zinsgipfel in Sicht sei. Dies sei für die Anleihen- und Aktienmärkte emotional extrem wichtig, um eine Verunsicherung zu vermeiden. Den Zinshöhepunkt erwartet Wögerbauer in den USA bei 5 %, im Euroraum bei 3,5 %.

Besonders achten müsse man als Anleger im heurigen Jahr darauf, was die Notenbanken sagen. „Zu Recht geprügelt“ sei die EZB worden, weil sie „zu spät zu wenig“ getan habe. Nun habe er die Sorge, dass ins Gegenteil überzogen werde: Es stelle sich die Frage, ob das System einen Zinssatz von 4 % aushalten würde, so Wögerbauer.

Die weitere geopolitische Entwicklung einzuschätzen, sei sehr schwierig. Eine Eskalation des Konflikts zwischen China und Taiwan wäre sehr negativ, für Wögerbauer ist sie aber „nicht sehr wahrscheinlich“. Ökonomisch weniger Auswirkungen habe der Ukrainekrieg, ein positiver Ausgang hätte aber einen großen positiven Effekt: Ein Friede in der Ukraine werde vom Markt derzeit nicht gepreist.

Anleihen wieder Alternative
Die „spannendste Assetklasse“ seien derzeit Anleihen, so Wögerbauer. Es sei allerdings schwer, das in die Köpfe hineinzubekommen, „weil wir es einfach verlernt haben“. Immerhin gab es seit 2015 Nullzinsen, seit 2017 sogar Negativzinsen: „Die Assetklasse war verloren, jetzt gibt es wieder eine Chance“. Wer heute starte, erhalte für Anleihen bester Bonität mit fünf Jahren Laufzeit Renditen von bis zu 4,5 % – nach vorne gerechnet decke dies zumindest die Inflationsrate ab.

Solche Renditen habe es zuletzt zur Zeit der Finanzkrise 2012 gegeben – heute für Corporate Bonds dieselbe Rendite zu erhalten sei schon deswegen attraktiv, weil die Unternehmensbilanzen wesentlich besser seien als damals. Wer bereit sei, ein Aktien-ähnliches Risiko in Kauf zu nehmen, also Hochzinsanleihen oder Hybridanleihen zu kaufen, könne sogar Renditen von 6 % lukrieren.

Wögerbauers Fazit: „Die Assetklasse ist zurück, es gibt wieder eine Alternative.“

Aktienmärkte unter Druck
Was Aktien betrifft, zeigt sich Wögerbauer weniger optimistisch. Diese würden nämlich für höhere Kurse einen Treiber benötigen – entweder steigende Gewinne oder niedrige Zinsen. Heuer sei aber nur ein geringes Gewinnwachstum zu erwarten, in Europa sogar ein leichter Gewinnrückgang. Dieser Treiber fehle also bis auf Weiteres, auch wenn die Situation bereits 2024 anders sein könnte. Was den zweiten möglichen Treiber betrifft, die Zinslandschaft, sieht Wögerbauer Aktien für das aktuelle Zinsumfeld „fair bewertet“, kurzfristig seien Bonds daher attraktiver. Positiv sei allerdings, dass es bei Aktien derzeit keine Übertreibungen mehr gebe.

Im Auge behalten müsse man auch die Inflationsrate. Historisch zeige sich, dass der US-Aktienmarkt immer dann schlecht laufe, wenn die Inflation unter 1 % (Deflationsgefahr) oder über 5 % (Zinsdruck, Margenprobleme) liege. „Best case“ für Aktien sei eine Inflation von 3 bis 4 %.

Noch zu früh sei es für Wachstumsaktien. Erst wenn die Zinsen sinken, würden die Tech-Riesen wieder stärker in den Vordergrund treten – bis dahin werden sie leiden, glaubt Wögerbauer. „Viele schöne Investments“ gebe es derzeit aber im Bereich „Value“: Banken würden von der Zinswende profitieren, Rohstoffwerte von der Energiewende.

Auf Schwellenländer werde es sich positiv auswirken, dass der Zinsgipfel heuer vermutlich ereicht wird und der US-Dollar etwas schwächer werden dürfte. Zuerst sollte man dabei aber auf Anleihen schauen: Emerging Market Bonds seien mit Renditen von rund sieben Prozent wieder interessanter.

Unter den sogenannten „BRIC-Staaten“ müsse man Russland „abhaken“, Brasilien sei aus Investorensicht nicht sehr interessant, und China sei „unberechenbar“. Einzig Indien laufe derzeit gut.

Was Mittel- und Osteuropa betrifft, gebe es nicht viele liquide, interessante Aktien. Wögerbauer: „Wenn ich für Tschechien optimistisch bin, dann kaufe ich Erste Bank.“

Österreich: 100 % zyklisch
Der Wiener Aktienmarkt zähle immer entweder zu den am besten oder den am schlechtesten performenden Märkten. Das liege daran, dass er „zu 100 % zyklisch“ ist, die allermeisten Unternehmen, seien von der Konjunktur abhängig.

Heimische Aktien seien derzeit günstig bewertet und bieten eine hohe Dividendenrendite. Größtes Risiko sei eine Eskalation in der Ukraine. Käme es wider Erwarten doch zu einer Rezession, so würde Wien zu den am stärksten betroffenen Finanzplätzen zählen. Im Fall einer Entspannung würde man aber stark profitieren, auch weil dann das Auslandskapital wieder zurückkäme: Immerhin stammen

75 % der Investoren der Wiener Börse aus dem Ausland. Entwickle sich die Konjunktur besser als erwartet, besitze Wien den „größten Hebel nach oben“.

Foto: Börsen-Kurier

 

 

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