Wandelanleihen: Warum sie jetzt wieder an Bedeutung gewinnen
Experte Andrew Raab über Vor- und Nachteile der Assetklasse.
Wandelanleihen erleben ein Comeback. In einem Umfeld bereits deutlich gefallener Zinsen, moderater Inflation und wachsender Hoffnung auf eine „sanfte Landung“ der Weltwirtschaft rücken sie erneut in den Fokus vieler Anleger. Der Börsen‑Kurier hat mit Andrew Raab, Portfoliomanager und Analyst im Global Convertibles Team bei Lazard Asset Management, gesprochen – und seine Einschätzungen zeigen, warum diese hybride Anlageklasse gerade jetzt strategisch spannend ist.
Warum Unternehmen Wandelanleihen begeben
Unternehmen nutzen Wandelanleihen aus mehreren Gründen – und Raab bringt es klar auf den Punkt: „Ein Vorteil für Emittenten von Wandelanleihen sind niedrigere Zinskosten.“ Denn im Gegenzug für die eingebettete Option, die Wandelanleihe in Aktien des gleichen Unternehmens umzuwandeln, nehmen die Käufer von Wandelanleihen niedrigere Kuponsätze in Kauf. Es überrascht nicht, dass angesichts des im Vergleich zum letzten Jahrzehnt höheren Zinsniveaus die Emissionstätigkeit in dieser Assetklasse zugenommen hat.
Da Investoren im Gegenzug die Option erhalten, die Anleihe später in Aktien umzuwandeln, akzeptieren sie niedrigere Kupons.
Raab betont zudem zwei weitere Motive für Unternehmen:
- Diversifikation der Anlegerbasis
- „Eine Art verzögertes Aktieninvestment“, wie er es nennt, da im Geld liegende Wandelanleihen bei Fälligkeit oft in Aktien zurückgezahlt werden.
Damit sind Wandelanleihen für Unternehmen ein flexibles Finanzierungsinstrument: günstiger als reine Anleihen und weniger verwässernd als eine sofortige Aktienemission.
Risiken für Investoren: Kredit, Duration – und Aktienbezug
Für Anleger sind Wandelanleihen ein Hybrid: Sie tragen Merkmale von Unternehmensanleihen, aber auch von Aktien.
Raab erklärt: „Wandelanleihen sind Unternehmensanleihen, was bedeutet, dass sie einem Durations- und Kreditrisiko ausgesetzt sind.“
Gleichzeitig reagieren sie auf Aktienbewegungen – allerdings nicht linear. Die Sensitivität hängt davon ab, wie nah der Aktienkurs am Wandlungspreis liegt.
Diese Dynamik ist ein Kernmerkmal der Assetklasse:
- Steigende Aktienmärkte: hohe Partizipation
- Risk‑off‑Phasen: Abwärtsrisiken werden durch den Anleihecharakter abgefedert
Raab fasst es so zusammen: Wandelanleihen bieten „einen wichtigen Schutz nach unten“, ohne die Chance auf Aktiengewinne zu verlieren.
Zinsen, Konjunktur und das „Goldilocks“-Szenario
Das makroökonomische Umfeld spielt Wandelanleihen direkt in die Karten.
Die großen Zentralbanken – Fed, EZB, BoE – haben ihre Zinssenkungszyklen 2024 begonnen und 2025 fortgesetzt. 2026 befinden sich die Kapitalmärkte nun in einer Phase stabiler, moderat niedriger Zinsen, nachdem die Inflation in den meisten Industrieländern wieder nahe den Zielwerten liegt.
Andrew Raab beschreibt die Wirkung dieser Entwicklung so: „Ähnlich wie bei anderen Unternehmensanleihen dürften niedrigere Zinssätze aufgrund des Durationsrisikos den Anleihenwert einer Wandelanleihe erhöhen.“
Gleichzeitig betont er, dass die Zinsen auch die Aktienseite beeinflussen – und genau hier zeigt sich 2026 ein entscheidender Punkt: Mid‑Cap‑ und Wachstumsunternehmen, traditionell wichtige Emittenten von Wandelanleihen, haben sich nach den Zinssenkungen der vergangenen zwei Jahre deutlich erholt. Raab verweist darauf, dass diese Unternehmen historisch eine hohe Korrelation zu den Zinssätzen aufweisen und daher besonders stark von einem Umfeld profitieren, in dem die Finanzierungskosten sinken und Investitionen wieder zunehmen.
Die Zentralbanken haben ihren Fokus inzwischen klar auf Wachstum und Beschäftigung verlagert. Die Kombination aus rückläufiger Inflation, stabilisierten Lieferketten und vorsichtig optimistischer Konsumentwicklung erhöht die Wahrscheinlichkeit einer „sanften Landung“ weiterhin. Raab formuliert es so: Mit Wandelanleihen können Anleger an diesem „Goldilocks“-Szenario teilhaben – also einem Umfeld, das weder zu heiß (Inflation) noch zu kalt (Rezession) ist. Gleichzeitig bleiben sie im Falle neuer Wachstumsbedenken besser geschützt als mit einem reinen Aktieninvestment.
Vergleich zu Aktien und Corporate Bonds: Wo Wandelanleihen glänzen
Wandelanleihen sind kein Ersatz für Aktien oder Anleihen – sie sind eine eigene Kategorie mit einem „einzigartigen Auszahlungsprofil“, wie Raab betont.
Die Vorteile von Wandelanleihen im Überblick
- Defensiveres Aktienengagement Trotz der typischen Emittentenstruktur (Mid Caps, Growth) bieten Wandelanleihen ein stabileres Risikoprofil.
- Positive Wirkung von Volatilität „Eine erhöhte Volatilität kann den Wert einer Wandelanleihe steigern.“ Ein Vorteil, den klassische Anleihen nicht haben.
- Sektordiversifikation Rund 60 % der Emittenten geben ausschließlich Wandelanleihen aus. Besonders stark vertreten:
Technologie, Biotechnologie, Nicht‑Basiskonsumgüter. - Defensiveres Kreditprofil Seit 2000 gab es 44 % weniger Ausfälle als bei High‑Yield‑Anleihen. Dennoch werden Wandelanleihen aktuell mit einem deutlichen Creditspread‑Aufschlag gehandelt – ein potenziell attraktives Bewertungsniveau.
Wie Privatanleger investieren können
Für europäische Anleger führt der Weg meist über UCITS‑Fonds.
Raab betont, dass die Assetklasse technisch anspruchsvoll ist: „In Anbetracht der technischen Aspekte […] bietet sich in der Regel ein aktiver Managementansatz an.“
Lazard setzt dabei auf ein spezialisiertes Team und verschiedene Strategien. Ein Beispiel ist der Lazard Convertible Global Fund (ISIN: FR0000098683), der global in Wandelanleihen investiert.
Fazit: Wandelanleihen sind zurück – das Umfeld spielt ihnen in die Hände
Wandelanleihen haben sich im aktuellen Marktumfeld als bemerkenswert robuste und zugleich chancenreiche Anlageklasse erwiesen. Nach zwei Jahren globaler Zinssenkungen, einer weitgehend normalisierten Inflation und einer stabileren wirtschaftlichen Grunddynamik profitieren sie heute gleich doppelt: von der Aufwertung ihrer Anleihekomponente und von der Erholung jener Mid‑Cap‑ und Wachstumsunternehmen, die traditionell zu den wichtigsten Emittenten zählen. Gleichzeitig bleiben die Creditspreads weiterhin attraktiv, da viele Wandelanleihen trotz ihres historisch defensiveren Profils mit einem deutlichen Aufschlag gegenüber vergleichbaren Nominalanleihen gehandelt werden.
Damit verbinden Wandelanleihen 2026 ein seltenes Profil: Sie ermöglichen Anlegern die Teilnahme an einem konstruktiven Marktumfeld, das von moderatem Wachstum, sinkenden Finanzierungskosten und einer vorsichtig optimistischen Stimmung geprägt ist, bieten aber zugleich einen strukturellen Puffer gegen mögliche Rückschläge. Die Kombination aus asymmetrischem Renditepotenzial, sektoraler Diversifikation und einem im historischen Vergleich niedrigen Ausfallrisiko macht sie zu einem Instrument, das in vielen Portfolios wieder eine strategische Rolle einnimmt.
Autor: Marius Perger
Foto: Lazard
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