Trügerische Ruhe vor dem Sturm?

Die unterschiedliche Entwicklung der Wirtschaftssektoren mahnt zu Wachsamkeit.

Roman Steinbauer. Sich abzeichnende Zinssenkungen in den Vereinigten Staaten stimulieren nach wie vor die Notizen an den Finanzmärkten. Schwache Öl- und Gaspreise sorgen zusätzlich für Auftrieb. Doch könnte sich dies als trügerisch erweisen. Anhand mehrerer Indikatoren wird ebenso deutlich: Die Risikoaversion reduzierte sich sowohl bei institutionellen als auch bei Privatanlegern seit dem Frühjahr stetig. Selbst passiven Börsen-Beobachtern entgeht die derzeit vorherrschende Ignoranz der Kapitalmärkte gegenüber strukturellen Schieflagen und globalen Unsicherheiten nicht. Investoren sehen dazu weder die gefährdete Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed, hohe Marktbewertungen, noch schwächelnde Arbeitsmarktdaten in westlichen Volkswirtschaften oder die ausufernde Haushaltsschieflage Frankreichsals Kaufhemmnis.

USA: Nur die Gesamtdatenlage passt
Wie der New Yorker Marktkorrespondent der Financial Times (FT), George Steer, in einem Beitrag am 4. September anführte, laufe die US-Wirtschaft zunehmend einer gespaltenen Gewinnentwicklung der diversen Wirtschaftssektoren entgegen. Steer weist dabei explizit auf die aufgehende Schere zur Profitabilität der einzelnen Sektoren hin. Während die Margen im Bankensegment und im Umfeld der Technologiegiganten auf der einen Seite zunehmen, strauchelt diese Kennzahl bei immer mehr Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf einer verbraucherorientierten Basis stünden. Die FT gibt zu bedenken, führende Indizes wie der S&P 500, zuletzt wiederum auf einen Höchststand geklettert, seien in erster Linie durch Titel wie JPMorgan, Goldman Sachs, Meta, Apple oder Microsoft, deren Quartalsergebnisse jüngst glänzten, angetrieben. Der Analyst verweist auf den Umstand, wonach der Großteil der „Corporate America“-Gesellschaften mit erodierenden Profiten und den Unwägbarkeiten der Zollpolitik durch die Trump-Administration kämpfe. Dabei stützt sich Steer auf Zahlen des Analysehauses FactSet Data aus Connecticut, wonach von der US-Konsumgüterbranche bis zu Materialverarbeitern die Gewinne im vergangenen Quartal auf Jahresbasis zwischen 0,1 und 5,0 % schmolzen. Ebenso wies die Investmentabteilung der Société Générale zuletzt für 52 % der im S&P 500 gelisteten Unternehmen fallende Gewinnmargen aus. Diese Ertragsschwäche sei laut der Bank ein Prozess, der punktuell selbst bei Umsatzsteigerungen zu beobachten sei. Daraus sei zu schließen, der Kostendruck könne seitens der Unternehmen immer weniger auf die Verkaufspreise umgewälzt werden.

Potenzial an Enttäuschungen bedroht Bewertungen
Nach Angaben der Investoren-Plattform TradingView stand das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der im S&P 500 enthaltenen Werte am 9. September im Median bei dem Faktor 30. Die Dividenden-Rendite lag hingegen bei dünnen 1,18 % – ein Wert, der sich, abgesehen von der Internet-Blase im Jahr 1999, zuvor nie so mager ausnahm. Des Weiteren setzte sich laut der Nachrichtenagentur Bloomberg auch eine kaum gesehene spekulative Welle fort, in der Währungen wie der US-Dollar geliehen werden, um extrem hohe Zinssätze in der türkischen Lira und dem argentinischen Peso zu generieren. Diese beiden Positionen, der im Finanz-Universum genannten „Carry Trades“, machen unterdessen 45 bzw. 31 % des Aktionsvolumens aus. Da Glattstellungen derartig einseitiger Gewichtungen in der Vergangenheit meist zu Verwerfungen führten, sei ein weiterer möglicher Brennpunkt vorhanden.

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