Value-Investing mit Austro-Aktien

Wie die Chancen entlang der Infrastruktur-Wertschöpfungskette stehen?

Michael Kordovsky. In Europa werden in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren enorme Summen in die Erneuerung der Infrastruktur investiert. Der Brenner-Basistunnel, dessen Gesamtkosten auf 10,5 Milliarden Euro geschätzt werden, ist ein prominentes Beispiel. Allein Deutschland stellte für zwölf Jahre ein Sondervermögen für Infrastrukturprojekte von 500 Milliarden Euro zur Verfügung. Spanien baut vor allem Hochgeschwindigkeitsstrecken aus, und in Frankreich wollen internationale Akteure 109 Milliarden Euro in den Aufbau neuer Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren. Hinzu kommen noch Chancen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Ukraine.

Bau und Baustoffe
Vor allem die in Wien notierten Baufirmen Porr und Strabag profitieren vom Aufbau der Infrastruktur. Porr gewann im ersten Halbjahr zahlreiche Bahnbau-Neuaufträge, wie die 32,6 km lange Eisenbahnstrecke von Craiova nach Caransebes in Rumänien im Volumen von rund 425 Millionen Euro und Polens längsten Eisenbahntunnel, den Hochgeschwindigkeitstunnel in Lodz (Volumen rund 400 Millionen Euro). Der Auftragsbestand stieg um 10 % auf einen Rekordwert von 9,4 Milliarden Euro. Die Ebit-Marge soll laut Einschätzung des Vorstands heuer bei 2,8 bis 3,0 % liegen und bis 2030 auf 3,5 bis 4,0 % steigen. Analysten schätzen die weitere Ertragsentwicklung sehr positiv ein. Der Gewinn pro Aktie sollte laut MarketScreener-Konsens von 2025 bis 2027 von 2,869 auf 3,613 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 29,50 Euro ein für 2027 geschätztes günstiges KGV von 8,2 resultieren würde.

Strabag, die zwei Drittel ihrer Leistung für öffentliche Auftraggeber abwickelt, ist ebenfalls ein Profiteur von Infrastruktur-Programmen. Das Unternehmen realisiert als Generalunternehmerin einen der größten Windparks Rumäniens, modernisiert einen wichtigen Eisenbahnknoten in Polen und erhielt gemeinsam mit seinen Konsortial-Partnern in Großbritannien den Auftrag zur Modernisierung eines 110 Kilometer langen Wasserleitungssystems. Analysten rechnen von 2025 bis 2027 mit soliden Gewinnsteigerungen. Als Zulieferer von Baumaterialien ein klarer Gewinner in der Wertschöpfungskette ist auch Wienerberger, die mit Kostensenkungen und gezielten Akquisitionen in der Lage sein sollte, 2025 und in den kommenden Jahren die Ertragskraft zu steigern. Das konkrete Ausmaß hängt dabei von Markt- und Konjunkturdynamiken sowie der Entwicklung der Inputkosten ab. Derzeit ist die Aktie am Markt eher konservativ bewertet.

Anlagenbau und Schwerindustrie
Der Bau von Maschinen, Industrieanlagen und insbesondere von Kraftwerken gehört ebenfalls zu einem Infrastrukturboom, wovon vor allem Andritz profitieren sollte. Andritz ist einer der weltweit führenden Anbieter von elektromechanischen Ausrüstungen und Serviceleistungen für Wasserkraftwerke mit mehr als 185 Jahre Erfahrung beim Bau von Turbinen. Als Anbieter eines breiten Spektrums an Pumpen, einem Standbein im Bereich „grüner Wasserstoff“ und auch bei thermischen Kraftwerken ist Andritz ein klarer Gewinner des Infrastruktur-Ausbaus. Das Unternehmen konnte den Cashflow aus betrieblicher Tätigkeit von 2020 bis 2024 von 461,5 auf 636,5 Millionen Euro steigern, und von 2025 bis 2027 sollte laut Schätzungskonsens bei MarketScreener der Gewinn pro Aktie von 4,773 auf 6,1 Euro wachsen, woraus bei einem Kurs von 60,90 Euro ein für 2027 günstiges KGV von 10 resultieren würde.

Aufgrund der Verlagerung des Produktmixes in Richtung Innovation und Qualität ist derzeit auch die Voestalpine wahrscheinlich unterbewertet. Das Unternehmen profitiert zum Beispiel mit Baustahl, Stahlteilen für den Maschinen- und Anlagenbau sowie Stahl für Rohrleitungen am Ausbau der Infrastruktur. Die Voestalpine ist bei einem Kurs von 32,18 Euro mit einem für 2027/28 geschätzten KGV von 9,1 günstig bewertet.

Feuerwehren und Kräne
Feuerwehrfahrzeuge, Pumpen, Hydranten und Ausrüstung sind Teil der Ausgaben der städtischen Infrastruktur. Urbanisierung erhöht und verändert den Bedarf an Fahrzeugen: nicht nur mehr Einheiten, sondern auch mehr Spezialisierung (schnelle Einsatzfahrzeuge für enge Gassen, passende Löschfahrzeuge für Flughäfen …). Hier kommt Rosenbauer ins Spiel, dessen globaler Marktanteil bei Löschfahrzeugen auf 11 % geschätzt wird. Ein hoher Auftragsbestand gibt dem Unternehmen Spielräume für Umsatz- und Ertragssteigerungen. Der Gewinn pro Aktie sollte laut Analystenschätzungs-Konsens von 2025 bis 2027 von 3,45 auf 7,115 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 45,25 Euro ein für 2027 geschätztes KGV von nur noch 6,4 resultieren würde.

Teil der Infrastruktur-Wertschöpfungskette ist indessen Palfinger – mit Kränen, Mitnahmestaplern und Ladeboardwänden für die Bauwirtschaft oder direkt im Infrastruktur-Bereich mit Ladekränen, Brückeninspektionsgeräten und Hubarbeitsbühnen. Trotz zyklischer Schwankungen war das Unternehmen in der Lage, von 2018 bis 2024 das Konzernergebnis von 58 auf 100 Millionen Euro zu steigern. Der Free Cashflow verbesserte sich im selben Zeitraum von 46,8 auf 119,5 Millionen Euro. Auf Basis eines Kurses von 30,68 Euro wäre die Aktie mit einem für 2027 geschätzten KGV von 7,6 günstig bewertet.

Foto: unsplash/Wolfgang Weiser