In München schläft die Börse kaum noch

Wie das vollelektronische Handelssystem Gettex seine Marktposition in Marktnischen konsequent ausbaut.

Stefan Riedel, München. Deutschlands Börse mit den längsten Handelszeiten hat ihren Sitz in einer unscheinbaren Seitenstraße nahe des Münchner Hauptbahnhofs. Dort können Anleger unter der Woche von 8.00 bis 22.00 Uhr mit Zertifikaten, und von 7.30 bis 23.00 Uhr mit Aktien, Fonds, ETPs und Anleihen handeln. Das im Jänner 2015 von der Börse München aus der Taufe gehobene Börsensegment Gettex hat auch in anderer Hinsicht eine Einzelstellung – und zeigt, wie regionale Börsen mit spezifischen Dienstleistungen eine Marktnische besetzen können.

Keine Broker, keine Banken
So ist Gettex die deutschlandweit erste Börse, auf der die Market Maker direkt ihre Preise stellen. Als erster Anbieter konnte man auch den Börsenhandel zu OTC-Preisen anbieten, was Zeit und Kosten für den Wertpapierhandel spart. Und weil die Abwicklung hochgradig automatisiert ist, arbeitet auch die Börse München kostenbewusst. Weniger als 40 Angestellte zählt man. Dazu können interne Synergien gehoben werden mit Max One, dem zweiten Handelsplatz der Börse München, etwa in der Marktsteuerung und der Handelsüberwachung.

Rund 830.000 Produkte sind aktuell an der Gettex handelbar – und für alle diese Wertpapiere besteht nach den Worten von Lars Reichel (Foto) eine reelle Nachfrage. „Wir haben hier keine Karteileichen“, betont der Head of Sales gegenüber dem Börsen-Kurier. Dafür sorge auch das Real Time Listing. In der Praxis bedeutet das: Endanleger können für Produkte, die sie auf Gettex nicht finden, per Mail an das Listing Team eine Zulassung formlos beantragen, die nach Prüfung mit den Market Makern erfolgt. Neben den Aktien spielen Anleihen in Fremdwährungen und vor allem ETFs eine wichtige Rolle. Im September 2025 beliefen sich die gesamten Mittelzuflüsse auf 50 Milliarden Euro. Mehr als 190 Milliarden Euro an Zuflüssen verzeichneten Aktien-ETFs seit Jahresanfang.

Privatanleger dominieren
„Bei den Anlegergruppen sehen wir uns aufgrund der effizienten Kostenstrukturen primär retail-getrieben, können aber auch größere institutionelle Tickets zu marktgerechten Kursen durchführen. Außerhalb der normalen Handelszeiten geben vor allem gut informierte Trader ihre Orders auf“, betont Reichel. 44 österreichische Aktien können aktuell auf Gettex zu den verlängerten Handelszeiten gekauft und verkauft werden. Steyr Motor, Kontron und OMV sind hier die aktuell meistgehandelten Wertpapiere.

Aus Österreich sind einige Order-Flow-Provider angebunden wie die Dadat Bank, Easybank, Erste Group, Raiffeisen Bank International oder Traders Place. Um die Kontakte in die österreichische Finanzwelt weiter auszubauen, ist die Gettex übrigens auch wieder am Börsentag Wien im nächsten Jahr präsent.

Neue Wachstumstreiber
Mit neuentwickelten Produkten wie Sentiment-Analysen will die Börse München weitere Anleger auf die Plattform ziehen. „Um ein Gefühl und eine Einschätzung zum positiven und negativen Anlegerverhalten auf Markttrends zu bekommen, haben wir ‚Gettex-Risiko-Indikatoren‘ formuliert, welche die aktuelle Marktstimmung visualisieren. Die Kategorien lauten Bullish und Bearish, teilweise ergänzt mit einer Volatilitäts- und Momentum-Analyse. Auf der Gettex-Webpage können sich Anleger unter der Rubrik Handelsidee einen Überblick verschaffen, ob gerade mehr Käufer oder Verkäufer aktiv sind“, erläutert Reichel. Die Risiko-Indikatoren sind nach Euro und US-Dollar bzw. nach langfristigem und kurzfristigem Bereich getrennt.

Mit Gettex will die Börse München über die bayerischen Landesgrenzen hinaus weiterwachsen. Zum einen, indem weitere Banken und Broker für das Konzept beim Wertpapierhandel begeistert werden. Zum anderen, indem der Zertifikate-Handel weiter forciert wird: Hier ist Gettex mit mehr als 50 % aller Handelsvolumina bereits die klare Nummer Eins in Deutschland.

Foto: Börse München