Private Vorsorge: Warum Österreich ein Problem hat
Herausforderungen und Lösungsansätze für Finanzberater im Umgang mit Kunden.
3.5.2026
Warum die dritte Säule in Österreich kaum präsent ist
Jahrelang wurde vermittelt, dass die staatliche Pension – die erste Säule – ausreichen werde. Die Existenz einer Pensionslücke wurde teils bestritten. Nun plant die Regierung eine Stärkung der betrieblichen Vorsorge, also der zweiten Säule. Vorgesehen ist ein Generalpensionskassenvertrag, der Arbeitnehmern ermöglichen soll, ihre Abfertigungssummen beim Pensionsantritt in eine Pensionskasse zu übertragen und so eine lebenslange Zusatzpension zu erhalten.
Die private Vorsorge – die dritte Säule – bleibt jedoch unterrepräsentiert. Ein Round Table mit führenden Versicherungsexperten zeigt, warum das problematisch ist.
Vertrauen in das staatliche System – und warum das gefährlich ist
Stefan Otto (WWK) sieht das Thema „gar nicht präsent“, weil viele Menschen weiterhin auf das staatliche System vertrauen. Markus Zahrnhofer (Merkur) betont, dass über alle drei Säulen gesprochen werden müsse. Die staatliche Pension werde bleiben, aber ihre Höhe sei ungewiss.
Michael Gadinger (Wiener Städtische) fordert eine offene, positive Kommunikation: Private Vorsorge bedeute finanzielle Freiheit im Alter.
Patrick Rechberger (Ergo) verweist auf die steigenden Kosten: Schon heute fließen 13,7 % des BIP in die öffentlichen Pensionen – mit stark steigender Tendenz.
Christian Nuschele (Standard Life) spricht von „maximal einer Grundsicherung“ und fordert mehr Ehrlichkeit in der politischen Kommunikation.
Wie Finanzberater das Thema richtig ansprechen
Zahrnhofer betont das hohe Vertrauen in Versicherungen: Seit 90 Jahren ist in Österreich kein Versicherer insolvent geworden. Vorsorge müsse jedoch vertrauensvoll und sensibel angesprochen werden.
Nuschele verweist auf die demografische Realität: Das Verhältnis von Beitragszahlern zu Pensionisten verschiebt sich dramatisch. Junge Menschen müssten verstehen, dass sie später deutlich weniger staatliche Leistungen erwarten können.
Gadinger sieht Berater in einer Schlüsselrolle. Der Beratungsprozess umfasst drei Schritte:
Schritt 1 – Standortbestimmung
Analyse der aktuellen finanziellen Situation.
Schritt 2 – Vorsorgeplan entwickeln
Darstellung möglicher Lösungen und langfristiger Strategien.
Schritt 3 – Lebenslange Begleitung
Regelmäßige Anpassung des Plans an Lebensumstände und Einkommen.
Nuschele ergänzt: Neben Fachwissen brauche es Empathie, weil viele Menschen Hemmungen haben, ihre finanzielle Situation offenzulegen.
Lebensversicherung als zentrales Vorsorgeinstrument
Gadinger betont die Vorteile der Lebensversicherung: Steuervorteile, Nachlassplanung und langfristige Stabilität machen sie zum „Vorsorgevehikel für die breite Masse“.
Zahrnhofer sieht die Nähe zum Berater als entscheidend – persönlich, digital und prozessunterstützt. Moderne Software soll den Abschluss erleichtern und Transparenz schaffen.
Kapital aus der Pensionskasse – Chance oder Risiko?
Die Regierung plant, dass Menschen beim Pensionsantritt ihr angespartes Kapital aus der Pensionskasse entnehmen können.
Nuschele sieht darin Chancen: Einmalerläge seien attraktiv, und Menschen könnten ihre Finanzplanung im Alter neu ordnen.
Otto warnt jedoch vor Kostenfallen: Wenn Kapital aus der Pensionskasse in neue Produkte fließt, könnten zusätzliche Gebühren entstehen. Eine provisionsfreie Variante wäre nötig – aber für Vermittler unattraktiv.
Zahrnhofer hält die Option dennoch für sinnvoll, etwa bei Unzufriedenheit mit der Performance der Pensionskasse. Versicherer könnten kosteneffiziente Alternativen bieten.
Anlegen im höheren Alter – unterschätzte Möglichkeiten
Gadinger betont, dass aufgrund steigender Lebenserwartung Pensionszeiten von 25 bis 30 Jahren realistisch sind – ein „Super‑Zeitraum“, um Kapital zu veranlagen. Auch ab 65 könne man vom Kapitalmarkt profitieren.
Die Lebensversicherung bietet zudem Vorteile bei der Nachlassplanung: Bezugsrechte ermöglichen eine direkte Auszahlung ohne Verlassenschaftsverfahren.
Zahrnhofer sieht Berater als Lebensbegleiter: Sie müssen Risikoappetit, Lebenssituation und Marktzyklen berücksichtigen. Die Kapitalmärkte hätten gezeigt, dass Erholungsphasen nach Krisen immer kürzer werden.
Rechberger ergänzt: Wer Ertragschancen will, muss ein gewisses Risiko akzeptieren – unabhängig vom Alter.
Autor: Marius Perger
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