Europa besser als öffentlich dargestellt

Aufwärtsrevisionen beim BIP-Wachstum und stabile Jobs statt Schwäche und Niedergang.

Michael Kordovsky. In zahlreichen Medien herrscht derzeit eine Art „Eurosklerose“. Es geht häufig um eine schwache europäische Wirtschaft und mangelnde Sicherung der Energieversorgung oder schlichtweg um eine düstere Zukunft. Doch die aktuelle Faktenlage zeigt ein wesentlich differenzierteres Bild.

Aufwärtsrevision des Wirtschaftswachstums
Noch in der am 30. Oktober von Eurostat veröffentlichten vorläufigen Schnellschätzung des BIP im dritten Quartal gingen die Volkswirte für den Euroraum gegenüber dem Vorjahresquartal von 1,3 % BIP-Wachstum (2. Quartal 2025: 1,5 %) und in der EU von 1,5 % (2. Quartal 2025: 1,6 %) aus.

Die Aufwärtsrevision der jährlichen Wachstumsraten folgte nur zwei Wochen später am 14. November mit der Schnellschätzung des BIP: Sowohl in der EU als auch im Euroraum wuchs die Wirtschaft um je 0,1 %-Punkt stärker als zuvor angenommen, also um 1,6 bzw. 1,4 %.

Irland hebt ab
Von allen EU-Mitgliedsstaaten, die Zahlen veröffentlichten, weist für das dritte Quartal lediglich Finnland eine rückläufige Wirtschaftsleistung auf. Deutschland und Frankreich wachsen um 0,3 bzw. 0,9 %. Irland schert aus, und profitierte vor allem in der ersten Jahreshälfte von starken Vorzieheffekten bei den Exporten. Im dritten Quartal 2025 waren es nach 18 % (!) im zweiten Quartal, auf Jahresbasis noch immer 12,3 % BIP-Zuwachs. Das zweitstärkste Wachstum mit 3,7 % wies Polen auf. Gleichzeitig verharrt die Arbeitslosenquote im Euroraum in den Monaten Juli bis September mit 6,3 % nur marginal über dem Rekordtief. In Malta und Tschechien liegt sie nur bei 3 % und in der nur minimal wachsenden Leitwirtschaft Deutschlands bei 3,9 %.

„Hire and Fire“ ist out
In früheren Phasen schwachen Wirtschaftswachstums waren die Arbeitslosenquoten viel höher. Heute halten Unternehmen in unsicheren Zeiten an ihren Beschäftigten fest, da diese als „Humankapital“ gelten, dessen Aufbau mit Zeit und Kosten verbunden ist. Somit passt das alte „Hire and Fire“ nicht mehr ins Konzept moderner Unternehmensführung. Hinzu kommt noch eine demografische Alterung der Bevölkerung mit zunehmenden Pensionierungswellen. Die gute Nachricht ist dabei: Wer ernsthaft einen adäquaten Job sucht, wird im Regelfall schnell fündig.

Vorsichtiger Optimismus
Die Industriekonjunktur schwächelt, wobei bei den Industrie-PMIs im November innerhalb des Euroraums eine differenzierte Entwicklung zu beobachten war: Die Daten der Industrie-Einkaufsmanager-Indizes von S&P Global zeigen jeweils ein Neun-Monats-Tief im Kontraktionsbereich in den beiden bedeutenden Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich. Irland, Spanien, Griechenland, Niederlande, Österreich und Italien sind indessen alle im Expansionsbereich, wobei Italien ein 32-Monats-Hoch und Österreich ein 40-Monats-Hoch markieren.

Cyrus de la Rubia, er ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, verweist in einer Presseaussendung vom 1. Dezember in Bezug auf Frankreich und auf Deutschland auf mögliche Ursachen. Im Falle Frankreichs vermutet er eine weiterhin ungeklärte politische Situation, und in Deutschland eine Enttäuschung über den bisherigen Kurs der Bundesregierung. Allerdings sollten schon bald sichtbare Investitionen in die Infrastruktur die Stimmung wieder beleben.

Wirft man einen Blick auf die gesamte Privatwirtschaft inklusive Service-Sektor, sieht es besser aus: Eine vorläufige Datenauswertung (HCOB-Flash PMI Eurozone) zeigt im Euroraum eine klare Expansion der Privatwirtschaft im November. Die Geschäftstätigkeit des Service-Sektors markierte ein 18-Monats-Hoch und insgesamt steigt in der Privatwirtschaft der Optimismus bezüglich der Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist, nachdem sich die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe aufgehellt hatte.

Der von der Europäischen Kommission veröffentlichte Economic Sentiment Indicator (ESI; ein Stimmungsindikator der Wirtschaft in der EU und des Euroraums, Anm.), der die Verbraucherstimmung sowie die Manager-Erwartungen in der Industrie, dem Dienstleistungsbereich, dem Einzelhandel und der Bauwirtschaft widerspiegelt, zeigte sich im November sowohl in der EU als auch dem Euroraum stabil (je +0,2 auf 96,8 bzw.
97 Punkte). Stimmungsverbesserungen im Service-Sektor, im Einzelhandel und in der Bauwirtschaft standen einer Stimmungsverschlechterung in der Industrie gegenüber. Hingegen war die Verbraucherstimmung gegenüber Oktober marginal rückläufig. Die gesamte Wirtschaftsstimmung der EU hat sich allerdings seit dem Zwischentief im Juni um 2,5 Punkte auf 96,8 verbessert.

Positives Fazit
Die aktuellen Wachstums- und Stimmungstrends deuten auf einen weiterhin moderaten BIP-Wachstumstrend in Europa hin, der sich durch verstärkte Rüstungs- und Infrastrukturinvestitionen verstärken kann. Auf der anderen Seite können Zollkonflikte, geopolitische Eskalationen und Lieferkettenunterbrechungen natürlich zu einer Wachstumsverlangsamung führen.

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