Omnibus-Paradox: Erleichterung mit unerwünschter Wirkung
Weniger Berichtspflichten bedeuten aus Sicht der Banken nicht weniger Arbeit, aber mehr Unsicherheit. Ein Gastkommentar von Dr. Thomas Siwik, Geschäftsführer der Credarate Solutions GmbH.
Red. Die Europäische Union will mit dem Omnibus-Paket die Berichtspflichten für Unternehmen drastisch reduzieren – auf Basis des letzten Vorschlags des EU-Parlaments um bis zu 95 % auf weniger als 2.000 Unternehmen. Was erstmal nach Entlastung klingt, entpuppt sich aber als Paradox: Laut dem ESG-Daten Monitor 2025 erwarten rund 70 % der befragten Banker zusätzlichen Aufwand bei der Kreditvergabe für – nun umso mehr – nicht-berichtspflichtige Firmenkunden.
Die soeben erschienene, größte Studie zur Nutzung von ESG-Daten in Finanzinstituten im deutschsprachigen Raum zeigt: Weniger Berichtspflichten bedeuten nicht weniger Arbeit, sondern mehr Unsicherheit. 165 Experten aus Instituten mit insgesamt mehr als 6 Billionen Bilanzsumme bestätigen, dass fehlende Daten die Risikosteuerung erschweren. Besonders betroffen sind nicht-berichtspflichtige Firmenkunden einschließlich KMU, bei denen Banken künftig noch häufiger auf Schätzwerte zurückgreifen müssen, wenn Kunden keine validen Daten bereitstellen. Damit wird deutlich: ESG-Daten sind kein regulatorischer Luxus, sondern eine Notwendigkeit für fundierte, risikoorientierte Kreditentscheidungen und nachhaltige Geschäftsmodelle. Die EZB warnte bereits im August dieses Jahres eindringlich vor einer regulatorischen Schieflage: Klimarisiken haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Preisstabilität und erfordern belastbare Daten.
ESG bleibt strategisch
Trotz politischem Gegenwind halten Finanzinstitute an ihren ESG-Vorhaben fest. 86 % nutzen bereits ein ESG-Scoring für KMU oder stehen kurz vor der Einführung. Das zeigt: ESG ist aus der anfänglichen Hype-Phase heraus und Teil der operativen Banksteuerung geworden. Selbst wenn der Einfluss auf Kreditentscheidungen kurzfristig gesunken ist, erwarten die befragten Experten eine Umkehr: Bis 2027 sollen ESG-Risiken wieder über 40 % der Kreditentscheidungen bei Großunternehmen und über 30 % bei KMU beeinflussen. Warum das wichtig ist? ESG sichert nicht nur regulatorische Konformität, sondern eröffnet Geschäftschancen: 60 % der Banken sehen Sustainable Finance als strategischen Hebel für Wachstum. Die Integration von ESG-Kriterien in die Banksteuerung schreitet voran: ESG-Scorings sind Standard, auch wenn ihre Wirkung auf die Kreditmarge bisher begrenzt ist. Bei großen Instituten beeinflussen sie die Marge in immerhin 45 % der Fälle.
Datenqualität als Schlüssel für Glaubwürdigkeit
Die größte operative Hürde bleibt die Verfügbarkeit belastbarer ESG-Daten. Die Studie bewertet die Relevanz dieses Problems mit 5,2 von 6 Punkten am höchsten, als Zweites die Datenqualität. Be-sonders im KMU-Segment dominieren immer noch Schätzwerte und Branchendurchschnitte – 63 % der Scorings basieren darauf. Das ist ein Dilemma, denn ohne valide Daten wird ESG zur reinen Formalität. Banken müssen deshalb in digitale Lieferstrecken und standardisierte Datenerhebung investieren. So überrascht es, dass kleine wie große Institute auf ihre Kundenbetreuer als Datenkollektoren setzen, während die Datenerhebung durch Dienstleister eine geringe und die direkte Erfassung durch Kreditnehmer überhaupt keine Rolle spielen.
Fazit
Das Omnibus-Paket zeigt eine paradoxe Wirkung: Bürokratieabbau führt in der Kreditwirtschaft zu Mehraufwand. Wer ESG-Daten vernachlässigt, gefährdet nicht nur die Einhaltung regulatorischer Vorgaben, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Ob ein verpflichtender VSME-Standard die Datenlücke schließen kann, wird sich noch herausstellen. Die Botschaft der Studie ist klar: ESG ist keine zusätzliche Belastung, sondern eine strategische Chance für Banken.
Foto: Dr. Thomas Siwik; Copyright: www.himkurth.de
