Politik darf „nicht alles schönfärben“

Merkur-Vorstände zur Zukunft von Lebens-, Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung.

Marius Perger. Die Lebensversicherung erlebte in den vergangenen Jahren schwierige Zeiten – das Niedrigzinsumfeld machte der klassischen Lebensversicherung das Leben schwer, die fondsgebundene litt unter Volatilitäten am Kapitalmarkt. Die Zukunft der Personenversicherung und aktuelle Herausforderungen standen deshalb im Zentrum eines Interviews mit Markus Spellmeyer und Markus Zahrnhofer im Merkur Campus, dem Headquarter der Merkur Gruppe in Graz. Vor allem Mut habe es gebraucht, in dieser Situation im Frühjahr 2022 die damalige Nürnberger Versicherung AG in Österreich zu übernehmen, betont Spellmeyer, Vorstandsmitglied der Merkur Versicherung AG, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Als Personenversicherer positioniert
Als ein „Pionier“ in der Sparte Krankenversicherung sei es die Strategie der Merkur gewesen, sich als „Personenversicherer“ in Österreich zu positionieren und kein Einspartenversicherer zu sein. Man stand dabei vor der Entscheidung, die nötige Expertise selbst aufzubauen oder zu „schauen, was am Markt möglich ist“. Als sich dann dazu die Möglichkeit ergab, kaufte Merkur die Nürnberger – wie sich heute zeigt, ein „sehr guter und strategisch richtiger Schritt“, so Spellmeyer. Damit habe man das Portfolio auf fondsgebundene Lebensversicherungen und biometrische Versicherungen erweitert, sodass „jetzt, nach drei Jahren, man am österreichischen Markt im Bereich der Personenversicherungen nicht mehr an uns vorbeikommt“.

Starkes Wachstum
Mit der Übernahme der Nürnberger Versicherung habe die Merkur einen klaren Plan verfolgt, so Zahrnhofer, er ist CEO der Merkur Lebensversicherung AG: Im Fokus standen dabei Kunden, Vertriebspartner und Service. Wichtig sei es gewesen dafür das richtige Umfeld zu schaffen, das habe man „in geordnete Bahnen gelenkt“. Und das wirke sich auch in der Realität aus, so Spellmeyer. So sei der Lebensversicherungsmarkt in Österreich von September des Vorjahres bis September 2025 um 3,2 % gewachsen, die Merkur Lebensversicherung habe in diesem Zeitraum aber um 11,3 % zulegen können. Und im Neugeschäft habe man einen Zuwachs um 40 % erzielt, wobei es bei Verträgen mit laufender Prämie sogar ein Plus von 50 % gegeben habe. Zahrnhofer: „Der Markt wächst mit Einmalerlägen, wir auch mit laufender Prämie.“ Geholfen habe dabei aber auch der Weggang der HDI Leben.

Der Markt für die dritte Säule ist angerichtet
Um die Zukunft der fondsgebundenen Lebensversicherung macht sich Zahrnhofer jedenfalls keine Sorgen. Denn die „demografische Bombe“ sei die beste Werbung: „Der Markt ist angerichtet.“ Angesichts der Unsicherheiten, die sich durch die Veränderung des Verhältnisses zwischen Beschäftigten und Pensionisten für die staatliche Pension ergeben, komme das Thema jetzt sukzessive auch an die Öffentlichkeit. In Zukunft werde es in der Altersvorsorge deshalb aller drei Säulen bedürfen, ist Zahrnhofer überzeugt: „Man braucht etwas Individuelles“ und Merkur sei „stark in der dritten Säule“. Die klassische Lebensversicherung habe allerdings keine Zukunft, ergänzt Spellmeyer.

Der Ball liegt bei der Politik
„Die Politik muss Tacheles reden und nicht alles schönfärben“, betont Spellmeyer in diesem Zusammenhang. In Deutschland sei man bereits über seinen Schatten gesprungen und habe erklärt, dass die gesetzliche Rente nicht reichen werde und private Vorsorge nötig ist.

Für die Kommunikation in die breite Masse sei es nötig, dass die Politik den ersten Schritt macht. „Wir schieben den Stein an, ins Rollen bringen muss ihn die Politik“, sagt Zahrnhofer. Denn mit der österreichischen Mentalität, „es wird schon gehen“, werde es eng werden.

In der Krankenversicherung ein Stück weiter
Im Bereich der Krankenversicherung sei man in Österreich dagegen schon ein Stück weiter, so Spellmeyer. Vor allem aber müsse es uns bewusstwerden, dass wir uns mit unserem Gesundheitssystem im Schlaraffenland befänden.

Kritik äußert Spellmeyer daran, dass Wahlärzte hierzulande „frei sind, was die Rechnungslegung betrifft“: Es gebe keine Standards, andere Länder würden das dagegen „ordentlich regeln“. So könne es aber nicht weitergehen: „Auch wir als Versicherer müssen kalkulieren können.“ Die heimischen Versicherer hätten im Vorjahr 2,6 Milliarden Euro ausbezahlt und seien damit eine wichtige Stütze des gesetzlichen Systems. Die Ärztekammer verteidige die aktuelle Regelung, doch das sei nicht im Sinn der Allgemeinheit. Es sei deshalb „Zeit, dass alle an einen Tisch kommen“.

Und Zahrnhofer macht darauf aufmerksam, dass die Probleme ineinandergreifen: Es gehe auch darum, dass Menschen möglichst lange im Arbeitsmarkt bleiben können. Wichtig sei es, dass sie dafür auch selbst Verantwortung übernehmen.

BU-Versicherung: „Es tut sich was“
Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung profitiere Merkur von der 30-jährigen Expertise, die unter Nürnberger-Flagge aufgebaut wurde, sagt Zahrnhofer. Sie sei „fixer Bestandteil unserer Strategie“, seit ihrer Überarbeitung im Vorjahr verzeichne man eine deutlich positive Entwicklung.

Nach wie vor besteht im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherung in Österreich Nachholbedarf. Zahrnhofer betont, Merkur habe dies zum Thema gemacht, Geld in die Hand genommen und sie aktiv beworben. Mittlerweile habe der Markt aber verstanden, „dass das ein Thema in Österreich ist“, auch andere Anbieter würden hier proaktiv agieren.

„Wir sind froh, dass das auch andere verstanden haben“, ergänzt Spellmeyer, und, optimistisch: „Wir werden unser Stück vom Kuchen abbekommen.“

Foto: Merkur Versicherung AG