Hat Europa auch 2026 die Nase vorn?

Für den „alten Kontinent“ würden Fiskalpolitik und attraktive Bewertungen sprechen, so Experten.

Patrick Baldia (09.01.2026). Dass der Euro Stoxx 50 sowohl den S&P 500 als auch den Nasdaq hinter sich lässt, kommt nicht allzu oft vor. Streng genommen war das in den vergangenen 20 Jahren nur alle vier Jahre der Fall. 2025 war es jedenfalls wieder so weit: Während der Leitindex, der die 50 größten Unternehmen des Euroraums abbildet, um mehr als 23 % zulegte, haben S&P 500 und Nasdaq eine Performance von rund 16 bzw. 20 % zu Buche stehen. Ist es realistisch, dass Europa heuer die USA wieder schlägt? „Damit es wieder so kommt, muss entweder das amerikanische Gewinnwachstum nachlassen oder das Gewinnwachstum in Europa stärker steigen, als es beim derzeitigen Konjunkturausblick plausibel erscheint – oder die Bewertungen in Europa und den USA nähern sich an“, erklärt Chris Iggo, CIO Core bei AXA Investment Managers, die Voraussetzungen für einen neuerlichen Triumph europäischer Aktien.

Sorgen um US-Bewertungen
Iggo ist jedenfalls nicht wirklich überzeugt von einem kräftigen Kursanstieg der großen US-Tech-Indizes. Sorgen bereiten dem Experten weiterhin die Bewertungen und die Konzentration -Stichwort: Tech-Werte. Optimistischer ist er hingegen für Europa eingestellt. Dort sei mit höheren Aktiengewinnen zu rechnen, „zumal die deutschen Ausgabenprogramme das Wachstum stärken könnten“, so Iggo.

Christian Kopf, Leiter Portfoliomanagement Renten bei Union Investment, glaubt, dass im Euroraum vor allem die Fiskalpolitik das Wachstum ankurbeln dürfte. Er geht davon aus, dass sich die positiven Effekte vor allem in der zweiten Jahreshälfte zeigen werden – also „leicht zeitverzögert“. Der Aufschwung dürfte also an Breite gewinnen. In Europa wären die Bewertungen vergleichsweise attraktiv, weil IT-Dienstleister sowie Bau- und Infrastrukturanbieter von den Fiskalpaketen profitieren könnten. Insgesamt bevorzugt man bei Union Investment im Aktienbereich allerdings die USA gegenüber Europa.

Dax: Rückenwind von der Konjunktur
Bei der Commerzbank ist man „vorsichtig optimistisch“ auf den Dax eingestellt. Der deutsche Leitindex dürfte heuer erstmals seit vielen Jahren wieder Rückenwind von der Konjunktur erhalten, so Aktien-Experte Andreas Hürkamp in einer aktuellen Analyse. Zurückzuführen sei das weiterhin auf das große Fiskalpaket der deutschen Regierung und die steigenden Verteidigungsausgaben in Europa. „Für die Dax-Unternehmensgewinne halten wir ein Gewinnwachstum von 6 bis 8 % für möglich, während sich Bewertungskennzahlen wie das KGV auf hohem Niveau seitwärts bewegen dürften“, hält Hürkamp fest.

Noch optimistischer ist man beim Assetmanager DWS. Der globale Aktienchef Benjardin Gärtner glaubt, dass die Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben 2026 einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass das Gewinnwachstum im Dax im zweistelligen Bereich liegen dürfte. So positiv der Experte auch für deutsche Aktien eingestellt ist, auch er glaubt, dass die USA 2026 der aussichtsreichste Aktienmarkt sein werden. „Die Unternehmensgewinne dürften in den USA in den kommenden zwei Jahren zweistellig wachsen, angetrieben von der technologischen Entwicklung, insbesondere durch den verstärkten Einsatz von KI“, so Gärtner.

Anlagetipp: Europäische Indexschwergewichte
Das sich verbessernde Gewinnwachstum der Unternehmen spricht auch nach Einschätzung der Experten von J.P. Morgan Asset Management für europäische Aktien. Dieses werde durch eine voraussichtliche Verlangsamung oder das Ende der Euro-Aufwertung sowie stabileren Energiepreisen gestützt. Anlegern empfiehlt man, in Europa selektiv vorzugehen und sich auf drei Hauptbereiche zu konzentrieren: Banken, Unternehmen, die von der Fiskalpolitik profitieren, sowie „GRANOLAS“, sprich die elf Indexschwergewichte GSK, Roche, ASML, Novo Nordisk, Nestlé, Novartis, L’Oréal, LVMH, Astra Zeneca, Sanofi und SAP. Sie hätten seit Anfang 2022 eine unterdurchschnittliche Performance erzielt.

Foto: Adobe Stoc / MNStudio / mit KI generiert