„Wir denken nicht daran, die Aktienquote zu reduzieren“

Experte: Entwicklung der Weltwirtschaft wichtiger als tägliche Geopolitik.

Patrick Baldia (16.01.2026). Alois Wögerbauer, Fondsmanager und Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft, spricht im Exklusiv-Interview mit dem Börsen-Kurier über das angelaufene Aktienjahr.

Börsen-Kurier: Bei unserem letzten Gespräch im Herbst meinten Sie, dass Sie kürzlich die globale Aktienquote erhöht hätten, um an der Jahresendrallye teilzunehmen. Man darf also gratulieren?

Alois Wögerbauer: Ja, das hat gut funktioniert. Der Hintergedanke war, dass normalerweise in guten Aktienjahren der Lauf auch zum Jahresende anhält.

Börsen-Kurier: Wie geht es jetzt weiter, sollte man als Anleger jetzt vorsichtiger vorgehen?

Wögerbauer: Unsere Aktienquote bleibt hoch und wir denken auch nicht daran, sie zu reduzieren. Schließlich entwickelt sich die Weltwirtschaft weiter relativ stabil. Auch 2026 und 2027 wird mit einem Wachstum von jeweils 3 % gerechnet. Und das ist für uns wichtiger als die tägliche Geopolitik. Auch, dass sich die Unternehmensgewinne gut entwickeln. Heuer wird ein durchschnittliches Wachstum von 8 % erwartet. Dasselbe gilt für die Aktienkurse. Kurz: Es gibt keinen wirklichen Grund, von einer Trendwende an der Börse auszugehen.

Börsen-Kurier: Die geopolitischen Entwicklungen bereiten Ihnen keine Sorgen? Der Markt hat sich zuletzt davon relativ unbeeindruckt gezeigt, obwohl eine Menge passiert ist.

Wögerbauer: Dass der Markt gelassen geblieben ist, hat zwei Gründe: Erstens ist der globale Veranlagungsdruck hoch. Egal, ob in Europa, den USA oder Asien, viele Anleger beunruhigt die Entwicklung der Staatsschulden. Sie wollen sich mit Assets – sprich Aktien, Gold und Kryptowährungen – vor der Abwertung der traditionellen Währungen und in weiterer Folge vor Kaufkraftverlusten absichern. Zweitens wirkt sich die Geopolitik in den meisten Fällen nicht auf die Geschäftsmodelle der Unternehmen aus.

Börsen-Kurier: Sehen Sie wirklich keine Themen, die für die Entwicklung der Börse entscheidend sind?

Wögerbauer: Wenn ich zwei aussuchen müsste, dann drängt sich vor allem die Frage auf, wie nach der Ära Powell das Zusammenspiel zwischen US-Präsident Donald Trump und dem künftigen Fed-Chef laufen wird. Wird sich die Person unter Druck setzen lassen? Wenn ja, hätte das gravierende Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit der Fed, die Entwicklung des Dollars und letztlich auch die Performance der Börse. Das zweite entscheidende Thema ist, dass KI weiter Impulse für die Wirtschaft liefert.

Börsen-Kurier: Sie sehen also keine KI-Blase?

Wögerbauer: Nein, denn Blasen, über die alle reden, sind in der Regel auch keine. Bei KI geht es letztlich um die Frage, ob die Technologie den Nutzern bzw. Unternehmen Produktivitätsfortschritte bringt. Und da bin ich eher im Lager der Optimisten und sehe Profiteure auf breiter Ebene.

Börsen-Kurier: Lassen Sie uns über die Wiener Börse reden. Würden Sie beispielsweise einen Frequentis-Aktionär nach dem Kursplus von rund 180 % im Vorjahr aktuell empfehlen, seine Position aufzustocken?
Wögerbauer: Klar scheint, dass wir in Wien heuer nicht eine ähnliche starke Performance sehen werden wie 2025. Allerdings bedeutet das nicht, dass sich der Wiener Markt schlecht entwickeln wird.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Frequentis ist ein tolles Unternehmen. Dasselbe gilt aber auch für andere Top-Performer des Vorjahres wie Strabag oder VIG. Ich würde jedenfalls derzeit nichts verkaufen. Gleichzeitig würde ich auf dem aktuellen Niveau auch nicht mit großer Eile nachkaufen. Sehr wohl würde ich jedoch bei Rückgängen nachkaufen.

Börsen-Kurier: Könnte 2026 die Stunde einiger Aktien schlagen, die im Vorjahr wenig beachtet oder gar unterschätzt worden sind?

Wögerbauer: Da gibt es einige Kandidaten. Palfinger steht meiner Meinung nach vor guten Jahren. Viele Chancen sehe ich auch bei Wienerberger und Rosenbauer. RHI Magnesita könnte von steigenden Rohstoffpreisen profitieren. Das Unternehmen wird oft unterschätzt, weil Wien als Nebenschauplatz gilt. Die OMV könnte wiederum aufholen, wenn sich die Fusion zwischen Borealis und Borouge materialisiert, und FACC befindet sich in einer spannenden Phase, in der sich Investitionen in Aufträge ummünzen lassen.

Foto: Eric Kruegl / office@kruegl.at