„Anlegerschutz täglich in Gefahr“ – Beckermann über ATX, HV-Saison & Politik
IVA-Chef Beckermann über den ATX, die Realwirtschaft und die HV-Saison 2026.
06.03.2026. Die Eskalation im Nahen Osten hat die weltweiten Börsen auf Talfahrt geschickt. Davor erreichten viele Indizes aber All-Time-Highs – auch der ATX. Parallel dazu hat in Österreich die Hauptversammlungssaison begonnen.
Klaus Schweinegger vom Börsen-Kurier sprach in diesem Kontext mit Florian Beckerman, dem Präsidenten des Anlegerschutzvereins IVA – Interessenverband für Anleger, über Hintergründe und seine Erwartungen an die HV-Saison 2026.
Börsen-Kurier: Traditionell hat die EVN die HV-Saison in der Vorwoche eröffnet. Wie schätzen Sie die Stimmung unter den heimischen Privatanlegern ein – der ATX hat ja bis zur Eskalation im Nahen Osten vor ein paar Tagen ausgezeichnet performt?
Florian Beckermann: Die ATX-Performance war bis vor kurzem sehr stark, das stimmt. Die Wiener Börse verzeichnet traditionell eine starke Gewichtung auf die Bank- und Versicherungstitel, Stichworte: Raiffeisenbank International, Erste Group, VIG oder Uniqa. Alle diese legten in den vergangenen zwölf Monaten eine außerordentliche Aktienkursperformance vor, was diese Erholung ermöglichte. Dennoch sind den heimischen Privatanlegern die wirtschaftlichen Probleme auf nationaler Basis völlig bewusst. Eine Euphorie mag ich dort nicht erkennen. Eher das Gegenteil.
Die Wiener Börse wird international geschätzt
Börsen-Kurier: Sie sagen es. Wie erklären Sie sich die enorme Outperformance angesichts einer sich nur langsam erholenden Realwirtschaft und auch der Wirtschaftsskandale Signa, Wienwert oder ganz aktuell Sun Contracting?
Beckermann: Die Lücke zur Realwirtschaft ist frappant. Dennoch wird unser Markt international geschätzt. Das liegt an der internationalen Ausrichtung, aber auch an guter Stakeholder-Arbeit. Die genannten Cases haben mit der Börse nichts oder nur indirekt zu tun. Sie sind zwar schlecht für die betroffenen Anleger, aber im Verhältnis zum Volumen der Gesamtbörse zu vernachlässigen. Ein Glücksfall.
In der Industriestrategie fehlt der Kapitalmarkt.
Börsen-Kurier: In diesem Umfeld hat die Bundesregierung vor kurzem eine Industriestrategie veröffentlicht. Was erwarten Sie davon? Und könnte sich daraus ein Anschub für den heimischen Kapitalmarkt entwickeln?
Beckermann: Zunächst ist es gut, eine Strategie formuliert zu haben. Die Bundesregierung hat die Zeichen der Zeit erkannt. Leider fehlt der Strategie gewissermaßen der Treibstoff, der Kapitalmarkt. Hier muss die Regierung noch einmal ran, sonst wird die Industriestrategie zum peinlichen Stückwerk eines Wunschkonzerts.
Börsen-Kurier: Die Satzungsermächtigung zur Durchführung von virtuellen Hauptversammlungen war nach der Pandemie ein großer Streitpunkt. Anders als in Deutschland hat sich das Präsenzformat bei uns anscheinend durchgesetzt. Ein Sieg der Transparenz und Offenheit und letztlich auch einer für den IVA?
Beckermann: Wie eine HV abgehalten wird, ist wichtig für die Aktionäre. Anders als bei uns, gibt es in Deutschland Gesellschaften, die aus verschiedenen Gründen ihre Aktionäre nicht sehen wollen. Das wird zunehmend negativ beurteilt – aus der Perspektive der Transparenz, Governance und Hauptversammlungskultur. Diesen Pfad beschreitet in Österreich aktuell eigentlich kein börsengelistetes Unternehmen. Das ist vernünftig. Wir haben auf diesen Irrweg von Anfang an hingewiesen, aber von Sieg würde ich nicht sprechen.
Bei nicht-börsengelisteten Aktiengesellschaften kann die virtuelle HV Sinn ergeben
Börsen-Kurier: Rechnen Sie heuer überhaupt noch mit irgendeiner virtuellen HV?
Beckermann: Bei nicht-börsengelisteten Aktiengesellschaften kann die virtuelle HV Sinn ergeben. Dort wird das Format weiter praktiziert. Für Publikumsgesellschaften ist uns für dieses Jahr bisher keine virtuelle HV bekannt. Aber man weiß ja nie! Viele Aktionäre sehen diese Entwicklung als sehr positiv. Ein Asset für unseren Markt über die Grenzen Österreichs hinaus.
Lösung: 40 % Quote für das unterrepräsentierte Geschlecht im Aufsichtsrat
Börsen-Kurier: Vergütungsberichte und Geschlechterquoten waren und sind immer wieder eines der Themen. Was erwartet uns 2026?
Beckermann: Das Vergütungsberichtswesen hat über die Jahre ein nationales Eigenleben entwickelt. Häufiger Kritikpunkt war die fehlende Vergütungszurechnung. Nach den Stimmrechtsberatern wird ab dieser Saison der internationale Maßstab herangezogen. Hier kommt es also zu negativem Voting. In Sachen Geschlechterquote müssen wir die Woman-on-Board-Richtlinie umsetzen. Die Lösung für Österreich liegt nun in einer 40 % Quote für das unterrepräsentierte Geschlecht im Aufsichtsrat. Da kommt noch nicht jedes Unternehmen hin. Es gibt Anpassungsbedarf.
Spannende HVs mit interessanten Tagesordnungspunkten erfreuen sich immer guter Frequenz.
Börsen-Kurier: Sie besuchen seit vielen Jahren als professioneller Teilnehmer die HVs. Wie hat sich die Qualität der Veranstaltungen entwickelt, und machen Sie sich Sorgen bezüglich der Teilnehmerzahlen?
Beckermann: Jein! Seit der zweiten EU-Aktionärsrechterichtlinie hat die Präsenz zugenommen. Insbesondere institutionelle Aktionäre sind vertreten. Das ist eine gute Entwicklung. Die physische Präsenz vor Ort ist da komplexer zu beurteilen. Spannende HVs mit interessanten Tagesordnungspunkten erfreuen sich immer guter Frequenz. Manche Unternehmen kümmern sich auch gern um viel Präsenz bei einer Standard-HV. Andere sehen in der HV eine lästige Pflicht und wurschteln sich durch. Das merken natürlich die Aktionäre und verlieren das Interesse.
Der Anlegerschutz ist täglich in Gefahr
Börsen-Kurier: Und abschließend Ihr Appell an unsere Leserinnen und Leser?
Beckermann: Zunächst Danke, dass es sie gibt! Der Börsen-Kurier-Leser hat einen Wissensvorsprung. Der IVA und die Leser pflegen eine sehr erfolgreiche Verbindung. Wir können noch viel gemeinsam für den Kapitalmarkt erreichen. Ich möchte die Leser ermuntern, weiter aktiv und kritisch zu sein. Der Anlegerschutz ist täglich in Gefahr.
Foto: IVA
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