Polen macht sich schon jetzt bezahlt

Die Erste Group mit viel Wachstum und hohem Potenzial in Zentraleuropa.

(03.08.2026). Nein, keine Sorge: Peter Bosek (Foto)ist nicht der KPÖ beigetreten, nur weil er vor Journalisten bei der Präsentation der Halbjahresergebnisse von „Verstaatlichung“ redete … Sein Gedankenspiel orientiert sich auch nicht an der eher unglückseligen heimischen Verstaatlichten früherer Jahrzehnte, sondern an einer Idee, die auch den österreichischen Kapitalmarkt auffrischen würde. So stellt er den Gedanken zur Diskussion, 15 % der ÖBAG an die Börse zu bringen. „Mit den auf diese Weise lukrierten Erlösen könnte die ÖBAG dann Anteile an der Telekom Austria oder an der OMV zukaufen und die heimische Infrastruktur besser schützen“, so der Erste-Group-CEO.

Mehr IPOs notwendig
Wie kommt er darauf? Die Erste Group will die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen, sowohl in den CEE-Märkten als auch in Österreich. Dazu gehört die Entwicklung des Kapitalmarktes ebenso wie jene der Unternehmen. „Nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern IT allgemein gehören hier dazu“, so CFO Stefan Dörfler, der klar feststellt: „Wir brauchen in Europa mehr Börsengänge.“ Hier lehnt sich Bosek weit aus dem Fenster: „Unsere kritische Infrastruktur ist nicht in österreichischer Hand!“ Eine Aufstockung des ÖBAG-Anteils (um mehr handelt es sich ja nicht) würde die Resilienz der heimischen Infrastruktur erhöhen. Immerhin seien ihre Kunden seit Corona viel resilienter geworden, etwa bei ihren Lieferketten, konstatiert Risikovorständin Alexandra Habeler-Drabek.

Starkes Ergebnis im Halbjahr
Hoch zufrieden zeigt sich die Erste Group mit ihrem Halbjahresergebnis. So konnten die Kundenkredite im ersten Halbjahr auf 283 Milliarden Euro erhöht werden. Damit wurde bereits jetzt das Gesamtjahresziel von 285 Milliarden Euro so gut wie erreicht und entsprechend auf 290 Milliarden Euro ausgeweitet. Auch die Einlagen sind auf 324 Milliarden Euro gestiegen, und das verwaltete Vermögen konnte seit Jahresbeginn um 8 % auf knapp 112 Milliarden Euro gesteigert werden. Der Nettogewinn auf vergleichbarer Basis stieg um 7,6 % auf 1,83 Milliarden Euro. Bei all diesen Werten ist die Akquisition der Santander Bank Polska (nunmehr Erste Bank Polska) noch gar nicht eingerechnet. Inklusive dieser lag etwa der Nettogewinn bei 2 Milliarden Euro.

Wachstumsmotor Zentraleuropa
Doch diese Zahlen erzählen nur die halbe Wahrheit, denn es geht um mehr. Bereits seit Jahren fungiert die Erste Group als einer der Big Player im östlichen Mitteleuropa. „Zentraleuropa bleibt Europas Wachstumsmotor auch 2026“, so der CEO. In den sieben Kernmärkten der Erste Group außerhalb Österreichs sei das reale BIP zwischen dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 bis Ende 2025 durchschnittlich um 63 % gestiegen. Auch heuer liege das BIP-Wachstum durchschnittlich bei 2,3 %, wobei Polen mit 3,6 % den absoluten Spitzenwert einnehme. Zum Vergleich: Österreich kann nur 0,7 % ausweisen, die Eurozone gar nur 0,5 %.

Durchaus despektierlich wird dem „Osten“ auch heute noch oft mit einer gewissen Reserviertheit, wenn nicht sogar mit Misstrauen, begegnet. Dabei ist die Non-Performing-Loan-Quote (die Quote notleidender Kredite) in den meisten „östlichen“ Auslandsmärkten der Erste Group ähnlich oder sogar niedriger als in Österreich. Selbst in Rumänien, dem als am schwierigsten geltenden, liegt sie bei 2,9 % (in Österreich bei 2,6 %).

Erste Bank Polska
Mit der Akquisition von 49 % der Santander Bank Polska – finanziert aus eigenen Mitteln – hat die Erste Group offensichtlich einen goldenen Griff gemacht und die Basis für einen bleibenden Wert geschaffen. Um es zu verdeutlichen: Im ersten Halbjahr erwirtschaftete die Erste ohne Polen ein Betriebsergebnis in Höhe von 3,3 Milliarden Euro. Mit Polen kamen noch 1,1 Milliarden Euro hinzu. Seit Jahresbeginn konnte die Bank auch 306.000 neue polnische Retail-Kunden hinzugewinnen. Ebenso wurde das verwaltete Vermögen dank Erste Bank Polska um 7,7 Milliarden Euro erhöht.

Größte Börse der Region
Die Kundenstruktur Firmen- und Privatkunden im Verhältnis eins zu eins sei ideal, so Bosek, und es dürfe nicht vergessen werden, dass der polnische Markt nicht nur aus Warschau bestehe (Anm.: Polen war 1795 bis 1918 unter Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt, weswegen neben dem russisch beherrschten Warschau das altösterreichische Krakau und ehemals preußische Großstädte wie Danzig und Breslau eigene Wirtschaftszentren wurden). Diese geographische Diversifizierung erhöhe das Geschäftspotenzial, so Bosek. Nebenbei bemerkt ist die Warschauer Börse die größte Börse der Region. Kurios übrigens: Die Neubeschilderung sämtlicher Santander-Bankstellen als Erste Bank Polska musste an einem einzigen Wochenende erfolgen.

Noch abwarten in Ungarn
Auch auf den ungarischen Markt hat die Bank nach dem Regierungswechsel ein aufmerksames Auge, will aber abwarten, wie sich die Dinge weiterentwickeln. „Heuer wird sich nichts mehr tun, aber wir sehen ein positives Momentum“, so der CEO. Dabei betont er den „ungarischen Unternehmerspirit“, sieht aber auch das hohe ungarische Budgetdefizit. Auch setzt er Hoffnung auf eine Reaktivierung der Zusammenarbeit der Visegrad-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn.

Autor: Mag. Tibor Pásztory
Foto: Erste Group / Pavel Becker