Marcel Koehler

Oekostrom AG denkt laut über Börse nach

Das öffentliche Angebot der Kapitalerhöhung hat soeben begonnen.

(02.10.2026) Nach zwei Kapitalerhöhungen 2021 und 2022 führt die Oekostrom AG nach längerem wieder eine Kapitalerhöhung zur Finanzierung von Wachstumsprojekten durch. Der Bezugsrechtshandel endete vor kurzem. In dieser Zeit konnten Bestandsaktionäre neue Aktien im Bezugsverhältnis 4,1 zu 1 zu einem Ausgabepreis von 30 Euro zeichnen oder ihre Bezugsrechte an Dritte weitergeben. Nun folgt das öffentliche Angebot verbleibender Aktien in Österreich und Deutschland zu einem Ausgabepreis von 32 Euro. Damit ist es an der Zeit, sich die geplante Mittelverwendung näher anzusehen.

Börsen-Kurier-Chefredakteur Tibor Pásztory unterhielt sich darüber mit CEO Ulrich Streibl.

Börsen-Kurier: Bei Ihrer letzten Hauptversammlung hat man deutlich gespürt, dass es bei Ihren Aktionären ein Umdenken gegeben hat, vom rein ökologischen hin zu einem stärkeren ökonomischen Interesse. Trügt der Schein?
Ulrich Streibl: Nein, das stimmt. Ökologie und Ökonomie sind kein Widerspruch. Und die Energiewende zählt zu den größten Wachstumsmärkten der kommenden Jahrzehnte. In den vergangenen fünf Jahren haben wir damit 35 Millionen Euro verdient und eine zweistellige Eigenkapitalrendite erzielt. Und der Strombedarf wird sich in den Bereichen Mobilität, Industrie und künstliche Intelligenz noch weiter erhöhen. Aber wir bedienen auch weiter die ökologische Komponente. Wir betreiben eine Strombilanzgruppe und können garantieren, dass unser Strom aus erneuerbaren Quellen in Österreich stammt.

Börsen-Kurier: Wie fassen Sie Ihr Geschäftsmodell in kurzen Worten zusammen?
Streibl: Wir haben drei Geschäftsfelder: Produktion, Handel und Vertrieb von Strom. Wir produzieren mit Windkraft und Photovoltaik. Im Bereich Handel bieten wir einen flexiblen Strombezug und ein Speichermanagement an und vermarkten auch Strom anderer Produzenten. Im Bereich Vertrieb versorgen wir über 100.000 Kunden und wir sind in der Lage, Wärmepumpen zu steuern und uns nach der stündlichen Preisbildung zu orientieren.

Börsen-Kurier: Wie finanzieren Sie sich?
Streibl: Wir streben bei jeder Investition einen Eigenkapitalanteil von 20 bis 30 % an. Damit sind wir „bankable“ und können den Rest mit Fremdkapital finanzieren. Weil wir schnell wachsen, führen wir alle paar Jahre eine Kapitalerhöhung durch. Damit sind wir bis jetzt sehr gut gefahren und verfügen über 3.100 Aktionäre, die sich einer Erhöhung der Bilanzsumme seit 2020 von 35 auf 165 Millionen Euro erfreuen durften. Das Eigenkapital hat sich im selben Zeitraum von 13 auf 55 Millionen Euro erhöht.

Börsen-Kurier: Können Sie ewig so weitermachen? Schließlich denken Sie seit langem über einen Börsengang nach.
Streibl: Sie haben recht, wir denken seit längerem über den Gang an die Börse nach und unterwerfen uns auch freiwillig den wesentlichen Börsenregeln. Ein Listing im Direct Market Plus wäre ein Einstieg, um dann Schritt für Schritt ins Börsendasein hineinzuwachsen. Das Verhältnis von vorhandenem Kapital zu vorhandenen Projekten muss jedenfalls immer passen.

Börsen-Kurier: Um im Hier und Jetzt zu bleiben: Wie planen Sie die Mittelverwendung aus der derzeit laufenden Kapitalerhöhung?
Streibl: Die Mittel sollen in konkrete, kurzfristig realisierbare Projekte fließen, die zusätzliche Erzeugungs- und Speicherkapazitäten schaffen und neue Ertragsquellen erschließen. Im Bereich Produktion planen wir daher die größte PV-Anlage Oberösterreichs in einem Joint Venture mit der Energie AG Oberösterreich. Weitere PV-Anlagen sind in Kärnten und der Slowakei geplant. Und was Speicher anbelangt, finanzieren wir einen Batteriespeicher beim Hybridkraftwerk im burgenländischen Parndorf, um der sogenannten „Dunkelflaute“ zu begegnen. Zusätzlich sollen weitere Mittel in das Repowering zweier bestehender Windkraftstandorte fließen. Diese Projekte brauchen 20 bis 30 Millionen Euro an Gesamtkapital.

Börsen-Kurier: Und wie sieht es in den Bereichen Handel und Vertrieb aus?
Streibl: Im Energiehandel gehört die Oekostrom AG zu den Top-Unternehmen in Österreich. Wir vermarkten auch den Strom anderer Produzenten. Diese Stromlieferdienstleistungen sind sehr stark IT-getrieben. Die Investitionen in diesem Bereich sowie in den Aufbau einer Handelsgesellschaft in Deutschland benötigen binnen drei Jahren ein Investment von 5 Millionen Euro. Um eine ähnliche Größenordnung geht es im Vertriebsbereich. Auch hier dreht sich alles um Digitalisierung, wenn unsere Energiemanagementsysteme der jeweiligen Strompreisbildung optimal folgen wollen.

Börsen-Kurier: Wie sieht es bei den Genehmigungen aus?
Streibl:
Ein wunder Punkt! Diese verlaufen hierzulande viel zu langsam mit einer Durchschnittsdauer von zehn Jahren. Diese Verfahren sollten nicht länger als zwei Jahre dauern. Sonst sollte die Genehmigung automatisch folgen. Weiters unterliegen die Förderungen der Speicher einer Überprüfung der „Systemdienlichkeit“ – eine Scheinwissenschaft, denn in Wahrheit benötigen wir aktuell jeden Speicher. Aber auch wenn es nicht einfach ist: Österreich bietet gute Chancen bei erneuerbaren Energien – und die nutzen wir.

Börsen-Kurier: Danke für das Gespräch.

Interview: Mag. Tibor Pásztory