Social Impact Investing: trotz Rückschlägen im Vormarsch
Aus Idealismus und einer ökumenischen Idee wurde ein weltweit wachsendes Segment.
(16.10.2026) Während der klassische Kapitalmarkt primär auf Renditeoptimierung setzt, verfolgt die internationale Genossenschaft Oikocredit seit mehr als 50 Jahren einen strikten „Double Bottom Line“-Ansatz. Als einer der weltweit größten privaten Impact-Investoren im Bereich der Entwicklungsfinanzierung steuert die Institution ein diversifiziertes Portfolio aus Private Debt und Equity in den Sektoren Financial Inclusion, nachhaltige Agrarwirtschaft und erneuerbare Energien im globalen Süden. Investoren bietet Oikocredit eine Anlageform, bei der die messbare sozial-ökologische Wirkung klar vor der finanziellen Rendite steht.
Der Börsen-Kurier sprach mit Klaus Bergsmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des österreichischen Förderkreises von Oikocredit, über Impact-Investing in einer sich verändernden Welt.
Bergsmann ist ein österreichischer Finanz- und Nachhaltigkeitsexperte mit einer jahrzehntelangen Karriere im Bankensektor. Zuletzt war er fast ein Jahrzehnt lang Chief Sustainability Officer der Erste Group Bank AG.
Börsen-Kurier: Auf der letzten Oikocredit-Generalversammlung im September wurde über die weltweiten Unsicherheiten gesprochen, die auch die Entwicklungszusammenarbeit belasten. Wie resilient zeigt sich das Modell von Oikocredit aktuell angesichts politischer Konflikte und des Klimawandels?
Klaus Bergsmann: Das Modell zeigt weiterhin seine Stärke: Mit Finanzierungen von insgesamt knapp 934 Millionen Euro erreichen wir rund 40 Millionen Menschen über 474 Partner – Menschen im Globalen Süden, 64 % davon im ländlichen Raum. In direkten Befragungen berichteten 69 % unserer Kundinnen und Kunden von höheren Einkommen; 87 % davon führen die Zuwächse auf ihre Mitgliedschaft in unseren Partnerorganisationen zurück.
Allerdings war das wirtschaftliche Ergebnis von Oikocredit International in den vergangenen beiden Jahren negativ – vor allem aufgrund klimabedingter Ernteausfälle und Verluste aus Währungsrisiken. Daraus ziehen wir Konsequenzen: Derzeit unterstützen wir 36 landwirtschaftliche Genossenschaften gezielt beim Aufbau von Klimaresilienz. Denn Finanzierung allein ist nicht genug – Oikocredit begleitet seine Partner auch mit Training. Und wir stehen damit nicht allein: Zunehmend investieren auch institutionelle Anleger mit, um diese globalen Herausforderungen gemeinsam anzugehen.
Börsen-Kurier: Oikocredit International durchläuft eine größere Umstrukturierung. Welche konkreten Veränderungen bedeutet das für die Anlegerinnen und Anleger hier in Österreich?
Bergsmann: Die Veränderungen auf der Investorenseite reagieren auf die Verluste der vergangenen Jahre und auf politisch volatile globale Rahmenbedingungen. Für Anlegerinnen und Anleger in Österreich bleibt das Veranlagungsprodukt unverändert attraktiv. Denn Oikocredit stellt höchste ethische Anforderungen.
Ziel der Umstrukturierung ist die Rückkehr zu finanziellem Wachstum, denn die Nachfrage nach Oikocredits Leistungen im Globalen Süden wächst ständig. Wachstum ist die Grundlage für Dividenden: 2026 dürfen wir wieder zuversichtlich auf eine Dividende hoffen. Auch das Anlegerinteresse wächst unverändert – in den traditionellen Investorenländern des Nordens und zunehmend international, befeuert von der weltweit positiven Wirkung Oikocredits.
Börsen-Kurier: Sie waren selbst vor Ort in Indien, um sich ein Bild der Partner zu machen. Welche Begegnung oder Geschichte hat Sie dabei am tiefsten geprägt, und was beobachten Sie aktuell?
Bergsmann: Prägend war das Leuchten in den Augen der Menschen, die über unsere Partner Kapital und Know-how erhalten – und ihr Stolz, aus eigener Kraft ein besseres Leben für ihre Familien geschaffen zu haben. Solche Einblicke bietet unser Förderkreis heute auch Organisationen, Firmen und Privatpersonen: in den Bereichen Kaffee, Kakao, Bildung und vor allem Klima.
Laut unserem jüngsten Wirkungsbericht sind 84 % unserer Endkundschaft Frauen. Frauen sind weltweit noch immer gesellschaftlich benachteiligt – schon deshalb ist ihre Förderung wichtig. Zudem nutzen sie wirtschaftliche Chancen verlässlich. Ihre Finanzierung ist daher sozial wirksam und wirtschaftlich sinnvoll. Näheres zeigt der „Wirkungsbericht 2025“ von Oikocredit International auf unserer Website.
Börsen-Kurier: Wenn Sie auf die Kernidee der „Hilfe zur Selbsthilfe“ blicken: Wie hat sich der Begriff von sozialem Investment über die Jahrzehnte gewandelt?
Bergsmann: Vor 50 Jahren war soziales Investment vor allem von Idealismus geprägt und in der Finanzwelt kaum verankert. Oikocredit entstand aus einer ökumenischen Idee: Kirchen wollten ihr Geld so anlegen, dass es Menschen im Globalen Süden eine faire Chance gibt. Inzwischen ist „Social Impact Investment“ ein weltweit wachsendes Segment mit immer mehr Anbietern. Gewandelt hat sich auch unser Verständnis von Hilfe zur Selbsthilfe: Kapital allein genügt nicht.
Unsere Mitarbeiterin Silvia Astner traf in Guatemala Wilson Castro (Foto). Er fand nach seinem Studium keine Stelle und kehrte in den Betrieb seiner Eltern zurück. Heute webt er wunderbare Stoffe und kann sie dank seines Studiums gut vermarkten – begleitet von unserem Partner Reficom mit Kapital und Know-how. Seit 35 Jahren trägt der Förderkreis diese Idee in Österreich weiter.
Börsen-Kurier: Das Ehrenamt nimmt in Ihrem Leben einen extrem hohen Stellenwert ein. Was motiviert Sie persönlich, so viel Energie in eine ökumenische Genossenschaft wie Oikocredit zu stecken?
Bergsmann: Nach einem spannenden Berufsleben der Gesellschaft etwas zurückzugeben, ist sehr erfüllend. Jeder noch so kleine Kredit von Oikocredit kann dazu beitragen, die Zukunft einer Familie zu sichern – dieses Ziel ist jede Anstrengung wert. Daneben engagiere ich mich in meiner Pfarre und ehrenamtlich im Vorstand von Fairtrade. Solange es mir möglich ist, möchte ich weiterhin einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten.
Wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Klaus Schweinegger
