ATX-Aktien im Vergleich: Welche haben Potenzial?
Fünf Aktien bestimmen fast zwei Drittel des ATX. Wie sind Erste Group, BAWAG, RBI, OMV und Andritz bewertet und wo sehen Analysten noch Kurspotenzial?
Das Wichtigste in Kürze
- Hohe Konzentration: Erste Group, BAWAG, OMV, RBI und Andritz vereinen 63,5 % des ATX-Gewichts auf sich. Allein auf die drei Banken entfallen 43,9 %.
- Kurspotenzial: Bei vier der fünf Aktien liegen die durchschnittlichen Analystenkursziele über den Börsenkursen vom 23. Oktober. Den größten Abstand weist BAWAG mit 26,6 % auf.
- Bewertung und Risiken: RBI erscheint mit einem erwarteten KGV 2028 von 7,2 besonders günstig, bleibt aber durch das Russlandgeschäft belastet. OMV ist stärker von Energiepreisen abhängig.
ATX-Aktien: KGV und Analystenkursziele im Vergleich
(2.11.2026) Fünf Unternehmen bestimmen maßgeblich die Entwicklung an der Wiener Börse: Erste Group, BAWAG, OMV, Raiffeisen Bank International (RBI) und Andritz vereinten laut Wiener Börse per 30. September rund 63,5 % des ATX-Gewichts auf sich. Allein die drei Banken kamen auf 43,9 %. Das erhöht das Klumpenrisiko für Anleger, da Zinsen und Kreditqualität mehrere Schwergewichte gleichzeitig beeinflussen.
Besonders deutlich wird die Konzentration bei der Erste Group. Mit einem Indexgewicht von 19,7 % würde ein isolierter Kursanstieg der Aktie um 10 % den ATX rechnerisch um rund 1,97 % anheben – vorausgesetzt, alle anderen Kurse und Indexgewichte bleiben unverändert.
Obwohl der ATX 20 Aktien umfasst, bestimmen damit wenige Unternehmen und Geschäftsmodelle einen großen Teil seiner Entwicklung. Für Anleger stellt sich die Frage, welche dieser Schwergewichte angesichts ihrer Gewinnprognosen und Bewertungen noch attraktiv erscheinen.
Welche österreichischen Aktien darüber hinaus interessant sind, zeigt unser Überblick zu den ATX-Kaufempfehlungen 2026.
Die fünf größten ATX-Werte unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer Ertragsaussichten und Risiken. Während die Banken von einer hohen Profitabilität und steigenden Gewinnen profitieren, hängt die OMV stärker vom Energiepreiszyklus ab. Andritz wiederum setzt auf einen hohen Auftragsbestand und ambitionierte Wachstumsziele.
ATX-Aktien im Vergleich: KGV und Analystenkursziele
| ATX-Aktie | ATX-Gewicht | KGV 2027e | KGV 2028e | Abstand zum Analystenkursziel |
| Erste Group | 19,7 % | 9,3 | 8,4 | +24,5 % |
| BAWAG Group | 15,2 % | 9,6 | 8,2 | +26,6 % |
| OMV | 12,9 % | 8,9 | 9,8 | -9,6 % |
| RBI | 9,0 % | 7,8 | 7,2 | +12,6 % |
| Andritz | 6,7 % | 13,6 | 12,0 | +22,0 % |
e = erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Kursziel-Abstand: Differenz zum durchschnittlichen Analystenkursziel.
Quellen: MarketScreener, Wiener Börse. ATX-Gewichtung: 30.09.2026; Börsenkurse: 23.10.2026; Analystenkonsens: 25.10.2026.
Bei vier der fünf Aktien liegen die durchschnittlichen Analystenkursziele über den damaligen Börsenkursen. Lediglich bei OMV signalisiert der Konsens einen negativen Abstand. Allerdings ist ein hohes rechnerisches Kurspotenzial nicht automatisch mit einem geringeren Anlagerisiko verbunden.
Erste-Group-Aktie: Wachstum durch Polen-Expansion
Die Erste Group hat mit der Erste Bank Polska ihre Marktposition in Zentral- und Osteuropa ausgebaut. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Betriebserträge stärker als die Aufwendungen. Die Kosten-Ertrags-Relation verbesserte sich von 47,7 auf 44,4 %, wobei die Erstkonsolidierung der polnischen Bank den Vorjahresvergleich beeinflusst.
Auch ohne Polen entwickelten sich die Geschäfte positiv: Der Zinsüberschuss legte um 6,1 % und der Provisionsüberschuss um 8,8 % zu. Die Quote notleidender Kredite sank auf 2,3 %.
Bis 2030 strebt das Management einen Gewinn je Aktie von mehr als 15 € an. Zum Vergleich: Der um Sondereffekte bereinigte Wert für 2025 lag bei 7,72 €. Der MarketScreener-Konsens erwartet für 2028 einen Gewinn je Aktie von 12,33 €.
Beim Börsenkurs von 104,10 € am 23. Oktober entsprach dies einem erwarteten KGV von rund 8,4 für 2028. Die Bewertung lässt Spielraum für Kurssteigerungen, sofern die Integration in Polen gelingt und die Kreditqualität stabil bleibt.
Welche Bedeutung die Expansion nach Polen für die weitere Entwicklung hat, beleuchtet unsere Analyse zur Erste Group und ihrer Polen-Übernahme.
BAWAG-Aktie: Hohe Profitabilität und weitere Übernahmen
Die BAWAG Group überzeugt mit hoher Profitabilität und konsequenter Kostenkontrolle. In den ersten drei Quartalen 2026 stiegen die operativen Kernerträge um 8 % auf 1,77 Milliarden Euro. Gleichzeitig sanken die operativen Aufwendungen um 8 %. Dadurch verbesserte sich das Ergebnis vor Risikokosten um 19 % auf 1,23 Milliarden Euro.
Die Rendite auf das materielle Eigenkapital (RoTCE) erreichte 28 %, die Kosten-Ertrags-Relation lag bei lediglich 31,1 %. Damit unterschritt die Bank ihr langfristiges Ziel von 33 %.
Zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten eröffnet die geplante Übernahme der irischen PTSB, die allerdings noch unter Genehmigungsvorbehalt steht. Die Quote notleidender Kredite von 1,0 % und die harte Kernkapitalquote von 17,1 % unterstreichen die solide Ausgangslage.
Der Analystenkonsens erwartet einen Anstieg des Gewinns je Aktie von rund 12,7 € im Jahr 2026 auf knapp 18,9 € im Jahr 2028. Entscheidend wird sein, ob die BAWAG ihre hohe Effizienz halten und die übernommenen Unternehmen erfolgreich integrieren kann.
Wie Anleger erkennen können, ob eine Aktie günstig oder teuer bewertet ist, erklärt unser Beitrag zu den wichtigsten Kennzahlen der Aktienbewertung.
OMV-Aktie: Erholung bei Gewinnen, aber zyklische Risiken
Die OMV profitiert von höheren Öl- und Gaspreisen sowie starken Raffineriemargen. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Konzernumsatz um 16 % auf 13,91 Milliarden Euro. Das um Sondereffekte bereinigte operative CCS-Ergebnis verbesserte sich um 25 % auf 2,73 Milliarden Euro.
Allerdings ging der organische freie Cashflow um 16 % auf 504 Millionen Euro zurück, während die Nettoverschuldung deutlich zunahm. Das zeigt, dass steigende operative Gewinne nicht zwangsläufig mit einer entsprechend höheren Liquiditätsgenerierung einhergehen.
Wachstumspotenzial bieten neue Förderprojekte. Beim rumänischen Gasprojekt Neptun Deep ist der Förderbeginn für das erste Halbjahr 2027 vorgesehen. Hinzu kommt ein kommerziell verwertbarer Ölfund in Libyen mit einer geplanten Bruttoförderkapazität von 6.000 Barrel pro Tag nach vollständiger Erschließung.
Der Analystenkonsens rechnet für die kommenden Jahre allerdings mit rückläufigen Gewinnen je Aktie. Das durchschnittliche Kursziel lag zuletzt unter dem Börsenkurs. Die Dividende bleibt ein wichtiges Argument für Anleger, während Energiepreise und Investitionsbedarf wesentliche Risiken darstellen.
RBI-Aktie: Niedriges KGV, aber Russlandrisiko
Die Raiffeisen Bank International setzt ihre Expansion mit dem Addiko-Übernahmeangebot und dem vereinbarten Erwerb von Garanti BBVA Romania fort. Für 2026 erwartet das Management ohne Russland und ohne Akquisitionen ein Kreditwachstum von rund 7 %.
Operativ entwickelte sich das Geschäft positiv. Im ersten Halbjahr 2026 stieg das Konzernergebnis ohne Russland um 25 % auf 708 Millionen Euro. Der Zinsüberschuss erhöhte sich um 6 % auf 2,19 Milliarden Euro, der Provisionsüberschuss um 10 % auf 1,07 Milliarden Euro.
Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor bleibt Russland. Am 22. September erwirkte die RBI gemeinsam mit ihrer russischen Tochter in Wien ein Versäumnisurteil, das Rasperia zur Zahlung von rund 3,15 Milliarden Euro Schadenersatz verpflichtet. Das Urteil wurde am 22. Oktober rechtskräftig. Ein tatsächlicher Mittelzufluss hängt jedoch von der behördlichen Freigabe eingefrorener Vermögenswerte ab.
Beim Kurs von 53,90 € am 23. Oktober lag das erwartete KGV für 2028 bei rund 7,2. Damit erscheint die Aktie auf Basis der Gewinnschätzungen vergleichsweise günstig. Der Bewertungsabschlag ist angesichts der russischen Risiken allerdings nicht unbegründet.
Welche Chancen heimische Banken und Versicherer bieten, analysiert unser Beitrag über österreichische Finanzwerte.
Andritz-Aktie: Rekordauftragsbestand und ehrgeizige Wachstumsziele
Der Grazer Anlagenbauer Andritz profitiert von seiner breiten Aufstellung in Wasserkraft, Zellstoff und Papier, Metallverarbeitung sowie Umwelt- und Energietechnik.
Im ersten Halbjahr 2026 erhöhte sich der Umsatz um 5,2 % auf 3,84 Milliarden Euro. Das Konzernergebnis stieg um 4,9 % auf 201 Millionen Euro. Besonders erfreulich entwickelte sich der Auftragseingang mit einem Plus von rund 25 %. Der Auftragsbestand erreichte mit 12,6 Milliarden Euro einen Rekordwert.
Auf dem Kapitalmarkttag im Oktober formulierte das Management ambitionierte Ziele: Der Umsatz soll von erwarteten 8,26 Milliarden Euro im Jahr 2026 bis 2029 auf 10 Milliarden Euro steigen. Gleichzeitig soll sich die bereinigte EBITDA-Marge von rund 9 auf 10 % verbessern.
Der MarketScreener-Konsens erwartet bis 2028 einen Anstieg des Gewinns je Aktie auf 6,44 €. Auch die Analystenkursziele signalisierten zuletzt weiteres Kurspotenzial.
Voraussetzung für die positive Entwicklung ist allerdings, dass Großprojekte termingerecht und rentabel abgewickelt werden. Kostenüberschreitungen könnten die Margen trotz voller Auftragsbücher belasten.
Welche ATX-Aktien bieten die besten Aussichten?
Der Vergleich zeigt unterschiedliche Chancen und Risiken. Erste Group und BAWAG verbinden hohe Profitabilität mit Wachstumsplänen, müssen aber die Integration ihrer Zukäufe erfolgreich bewältigen. RBI erscheint auf Basis des erwarteten Gewinns besonders niedrig bewertet, bleibt jedoch mit erheblichen Russlandrisiken behaftet. Andritz verfügt über einen hohen Auftragsbestand und konkrete Wachstumsziele bis 2029. Bei OMV hängen die Aussichten dagegen stärker von der Entwicklung der Energiepreise und der erfolgreichen Umsetzung neuer Förderprojekte ab.
Für Anleger ist nicht allein entscheidend, welche Aktie das niedrigste KGV oder den größten Abstand zum Analystenkursziel aufweist. Ebenso wichtig sind die Verlässlichkeit der Gewinnprognosen, die Bilanzqualität und unternehmensspezifische Risiken. Gerade wegen der hohen Konzentration auf wenige Titel und den Bankensektor ersetzt ein Investment in den ATX keine breite internationale Risikostreuung.
Autor: Michael Kordovsky, für die Onlineausgabe bearbeitet.
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