Börsencrash: Was Anleger bei fallenden Aktienkursen tun sollten
Ein WU-Experte erklärt, wie Anleger teure Fehler vermeiden.
(06.11.2026) Kommt er oder kommt er (noch) nicht? Zuletzt waren unter Experten vermehrt Stimmen auszumachen, die mit Verweis auf die gefährliche Gemengelage mit überhöhten Tech-Bewertungen, Inflation und geopolitischen Spannungen vor einem großen Börsencrash warnen. Auch wenn Sentiment-Indikatoren derzeit keinen Anlass bieten, unmittelbar in den Alarmmodus zu verfallen, sollten sich Anleger damit auseinandersetzen, wie sie sich im Ernstfall verhalten sollen. Die Erkenntnisse der Behavioral Finance könnten dabei hilfreich sein, sagt Manfred Frühwirth, Professor am Department of Finance, Accounting & Statistics der WU Wien.
Crash: Besser geht‘s nicht
„Die meisten Menschen wissen nicht, dass der Crash eigentlich der beste Zeitpunkt ist, um zu kaufen“, so Frühwirth. Aufgrund von mehreren psychologischen Faktoren könne man dann nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit unterbewertete Assets erwerben, meint er im Börsen-Kurier-Gespräch. Früher oder später würden nämlich die Kurse von unterbewerteten, breit diversifizierten Papieren zu ihrem Fundamentalwert zurückkehren.
Zu tun habe das unter anderem mit dem sehr häufigen Börsenfehler – im Fachjargon ist von Extrapolieren die Rede –, in der Vergangenheit beobachtete Entwicklungen wie Kursanstiege oder -verluste als Basis für eine Prognose zu nehmen. Dabei werde vergessen, dass, wenn die Medien über Kursanstiege berichten, diese bereits erfolgt seien. „Kommt man dann erst drauf, dass man auch dabei sein will, ist es oft schon zu spät“, hält Frühwirth fest.
Nicht der Masse folgen
Der Ablauf wiederholt sich: Mehr und mehr Anleger steigen ein, bis die Masse den Kurs immer weiter über den fundamentalen Wert hinaustreibt und damit eine zunehmende Überbewertung bewirkt. Laut Frühwirth würden dann irgendwann meist professionelle Anleger darauf kommen, dass die Bewertungen zu hoch seien bzw. nicht mehr zu rechtfertigen seien. Sie würden dann beginnen zu verkaufen, wodurch sich das Ganze in die andere Richtung wiederhole und es zu immer stärkeren Kursrückgängen komme. „Bis hin zu einer massiven Unterbewertung“, so Frühwirth.
Ein weiteres, in hitzigen Börsenphasen häufig zu beobachtendes Phänomen sei das Regret-Problem. Laut dem Finanzwissenschaftler beschreibt dieses ein Verhalten, das stark von der Angst getrieben wird, Entscheidungen zu treffen, die sich später als die falschen herausstellen. Die Folge: Von einer Handlung, wie etwa einem Aktienkauf, wird völlig abgesehen. Als Lösung empfiehlt Frühwirth sehr starre Regeln. „Im Crash sollte man beispielsweise für sich fixe Limits definieren, ab wann man wieder wie viel kaufen sollte.“ Bei der Titelselektion spricht die empirische Finanzliteratur eine klare Sprache: Das Branchenrisiko bzw. einzelne Aktien seien zu meiden, stattdessen sollte man breit diversifizieren.
Falscher Blick auf die Dividende
Ein ganz wichtiges Thema, das mit vielen Fehlern verbunden ist, sind für Frühwirth Dividenden. „Der größte ist wohl, nicht zu verstehen, dass man sich die Dividende praktisch selber zahlt.“ Der WU-Professor vermutet, dass sie von vielen als etwas Ähnliches wie Sparbuchzinsen gesehen werden. Allerdings seien Sparbücher Fremdkapital, während Aktien dem Eigenkapital zuzurechnen seien. Auch würden viele Anleger den Dividendenabschlag (der theoretische Kursrückgang am Ex-Dividenden-Tag, Anm.) nicht ernst nehmen in der Annahme, dieser sei schnell aufgeholt. „Das hat aber damit zu tun, dass Aktien generell einen positiven Trend aufweisen“, erklärt Frühwirth. Mit breit diversifizierten ETFs könne man daher davon ausgehen, langfristig Kursanstiege zu sehen.
Autor: Mag. Patrick Baldia
