Aktuelle Herausforderungen und Perspektiven auf dem europäischen Immobilienmarkt

Ein Kommentar von Vincent Nobel, Head of Asset Based Lending, Federated Hermes.

(14.05.) Die jüngsten Daten zu den Immobilientransaktionen in Europa deuten auf ein neues Rekordtief für das erste Quartal hin, das auf das bisherige Rekordtief im ersten Quartal des Jahres 2023 folgt. Meiner Meinung nach steht dies im Gegensatz zur verhalten positiven Stimmung auf der MIPIM, der jährlichen Immobilienmesse im März. Letztes Jahr war die Konferenz von der Hoffnung auf Zinssenkungen geprägt. Da diese jedoch ausblieben, schienen sich viele auf ein Umfeld einzustellen, in dem die Zinsen noch länger steigen werden. Auf der diesjährigen Konferenz wurde das Thema Zinssenkungen nicht so oft erwähnt, aber in der Praxis scheinen die meisten Investoren immer noch auf die Zentralbanken zu warten. Die Zentralbanken haben nun angedeutet, dass Zinssenkungen in diesem Jahr geplant sind. Worauf warten also die Immobilieninvestoren?

Viele Investoren konzentrieren sich nach wie vor auf ihre Bestandsimmobilien. Dazu gehört auch der Refinanzierungsbedarf, wenn Kredite fällig werden. Es klafft eine Lücke zwischen der bestehenden Verschuldung und der Bereitschaft neuer Kreditgeber, Kredite zu vergeben. In den meisten Fällen muss diese Lücke mit Eigenkapital geschlossen werden, was teuer und in manchen Fällen schlicht nicht möglich ist. Dort, wo es möglich ist, können Kreditverlängerungen mit hohen Tilgungsraten eine vorübergehende Entlastung bringen. Für diejenigen, die nachrangiges Fremdkapital benötigen, um diese Lücken zu schließen, können die Kosten für Fremdkapital ein Schock sein. Eine teure Mezzanine-Finanzierung zusätzlich zu einer teureren vorrangigen Finanzierung mit einem geringeren Darlehensbetrag ist für viele Investoren eine unangenehme – wenn auch nicht völlig unvorhersehbare – Überraschung. Vor diesem Hintergrund muss die Suche nach neuen Schnäppchen möglicherweise warten, bis die bestehenden Probleme gelöst sind.

Externe Schocks werden unterschätzt

Wie das Klima und die Geopolitik die Weltwirtschaft prägen.

Michael Kordovsky. Börsianer holen ihre entscheidungsrelevanten Zahlen, Daten und Fakten primär aus Publikationen über Investments und wirtschaftliche Entwicklungen. Das erscheint auch logisch. Doch immer wieder treten Ereignisse ein, die sämtliche Prognosen über Bord werfen. Es geht hier um einschneidende Ereignisse in Form von Naturkatastrophen, Kriege und Pandemien. Die Wirkung dieser externen Schocks auf Wirtschaft und Börsengeschehen wird vollkommen unterschätzt, und dennoch sind dies Meilensteine der Wirtschaftsgeschichte. Dazu gibt es jede Menge Beispiele.

Rezessionsfaktor und Kapitalvernichtung durch Krieg
So hatte der verlorene Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) infolge nicht mehr leistbarer Folgekosten und einer übermäßigen Bedienung der Notenpresse in der Weimarer Republik 1923 eine Hyperinflation zur Folge. Dieses Chaos ebnete radikalen Kräften den Weg an die Macht, woraus 1939 bis 1945 der Zweite Weltkrieg resultierte.

Danach folgte eine lange Phase der Prosperität, anfänglich her-vorgerufen durch Wiederaufbau, dann ab den 90er-Jahren infolge neuer Märkte im Osten, angefangen in der Ex-DDR, den ehemaligen Ostblock-Staaten bis hin zur gesamten Ex-Sowjetunion. Rüstungsausgaben wurden auf breiter Front hinuntergefahren und flossen über niedrigere Steuern in die zivile Realwirtschaft.

Ab September 2001 (9/11) wurde die Welt wieder unruhiger. Nach den Terroranschlägen in den USA war in New York zwischen dem 11. und 14. September 2001 die Börse für vier Handelstage geschlossen, und nach Wiedereröffnung am Montag, dem 17. September, brachen die Kurse um 7,1 % ein. Das Platzen der damaligen Technologieaktienblase beschleunigte sich.

Den Ukrainekrieg mit Beginn 24. Feber 2022 hatte kaum jemand vorhergesagt. Er überraschte, führte zur Preisexplosion bei Erdöl und Erdgas und bremste die Erholung der Wirtschaft von der Pandemie. Infolge steigender Zinsen wurden Investitionen für Unternehmen und Eigenheime für Privatpersonen immer schwerer leistbar. Vor allem in Europa wirkte sich dies negativ auf das BIP-Wachstum aus. Vom zweiten Quartal 2022 bis hin zum dritten Quartal 2023 verlangsamte sich in der EU27 das BIP-Wachstum von 4,2 auf 0,1 %, ehe im 1. Quartal 2024 wieder eine leichte Erholung auf 0,5 % folgte.

Ein anderer Krieg in der Geschichte, der Wirtschaftswachstum kostete, war der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973. Am 6. Oktober 1973, dem jüdischen Feiertag griffen Syrien und Ägypten Israel an und wollten die von Israel besetzten Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel zurückerobern. Begleiterscheinung war auch eine Drosselung der Ölförderung durch die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OPEC) um 5 %, um die westlichen Länder für ihre Unterstützung Israels unter Druck zu setzen. Die Folgen waren: eine Vervierfachung des Ölpreises, eine US-Inflationsrate von bis zu 12,3 % (Dezember 1974), in den USA eine schwere Rezession von November 1973 bis März 1975, die einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,2 % mit sich brachte. Ebenfalls Co-Faktoren einer US-Rezession waren der Erste Golfkrieg (1979/80) und die Kuwait-Krise (2. August 1990 bis 17. Jänner 1991).

Eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft mit dem Titel „Kiel Policy Brief – The Price of War“ vom Feber 2024 analysierte die ökonomischen Auswirkungen von Kriegen und verwendete dazu einen Datensatz mit mehr als 150 Kriegen seit 1870. Ergebnis im O-Ton: „Alleine auf den unmittelbaren Kriegsschauplätzen sinkt das reale BIP fünf Jahre nach Kriegsbeginn durchschnittlich um 30 %, während die Inflation um bis zu 15 %-Punkte steigt. Weitere Kriegskosten kommen auf Nachbarländer und weiter entfernte Länder hinzu, die mit zunehmender Distanz sinken.“ Daraus leiten die Autoren für die Ukraine bis 2026 einen kumulativen BIP-Verlust von umgerechnet 111,1 Milliarde Euro und einen Rückgang des Kapitalstocks um umgerechnet 880 Milliarde Euro (EUR/USD 1,08) ab. Schäden für Drittländer werden mit umgerechnet 231,5 Milliarde Euro kalkuliert.

Unterschätzte (Natur-)Katastrophen
Auch die Corona-Pandemie ist von vielen Seiten in den ersten Wochen unterschätzt worden. Doch letztendlich brach 2020 die Weltwirtschaftsleistung um 3,1 % ein. Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920, die weltweit mindestens 25 Millionen Todesfälle verursachte, würde heute rund 4,8 % der globalen Wirtschaftsleistung kosten.

Mittlerweile alltäglich ist der Klimawandel. Heuer gingen bereits reihenweise regionale Temperaturrekorde durch die Medien. Dürren und Waldbrände, gefolgt von schweren Regenfällen und Überschwemmungen prägen die Witterung, während immer mehr Ernten ausfallen und die Preise betroffener Agrargüter emporschnellen. Doch was hat der Klimawandel für wirtschaftliche Auswirkungen?

Anhand von Prognosen aus 33 globalen Klimamodellen hat ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Paul Waidelich von der ETH Zürich eine bahnbrechende Studie durchgeführt, die in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht wurde, um solche Auswirkungen auf BIP weltweit zu quantifizieren. Die Ergebnisse: Die Studie ergab, dass bei einer Erwärmung des Planeten um +3 ºC das globale BIP um bis zu 10 % sinken würde. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Schwankungen und Extreme die Kosten des Klimawandels auf der ganzen Welt erhöhen. Niederschlagsveränderungen und starke Temperaturschwankungen richten hohe Schäden an.

Eine globale Erwärmung um 3 ºC erhöht auch das Risiko extremer Niederschläge weltweit, wodurch das globale BIP im Durchschnitt um 0,2 % sinkt. Ein Großteil dieser Kosten entsteht in den USA und in China, die im Gegensatz zu den wärmeren tropischen Regionen weniger an extreme Niederschläge gewöhnt sind. Unter den betrachteten Extremereignissen haben jedoch Hitzewellen die stärksten Auswirkungen. Die Studie deutet darauf hin, dass fast die Hälfte der weltweiten wirtschaftlichen Schäden bei einer globalen Erwärmung von 3 ºC auf extreme Hitze zurückzuführen sein könnte.

In der jüngsten Zeit häufen sich aber Medienberichte über Hitzewellen und weltweit wachsen die Risiken von Ernteausfällen, die wiederum mehr Inflation bedeuten. Mehr Inflation hat aber eine restriktivere Geldpolitik und höhere Zinsen zur Folge und kostet somit auch Wirtschaftswachstum.

Fazit
Zunehmende Klimakapriolen und erhöhte geopolitische Risiken infolge des China-Taiwan-Konflikts, eines eskalierenden Ukrainekriegs und des aktuellen Gaza-Konfliktes erfordern, dass Anleger über den Tellerrand blicken, um sich mit wesentlichen Faktoren auseinanderzusetzen, die auch die zukünftigen Wirtschafts- und Börsenentwicklungen prägen können, obwohl sie nicht unbedingt Tagesthemen der Börsenberichterstattung sind.

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Auftritt für die erste digitale Anleihe

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau begibt im Sommer erstmals Krypto-Bonds.

Roman Steinbauer. Die überraschende Pressemeldung der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) vom 6. Mai verbreitete sich nicht nur auf Blockchain-affinen Plattformen umgehend: Die führende Förderbank der bedeutendsten Volkswirtschaft Europas begibt die erste vollwertige digitale Anleihe nach dem eWpG (Gesetz über elektronische Wertpapiere des Bundesamtes für Justiz). Die Vorbereitungen zur Emission starteten bereits, die Begebung werde noch in der Sommerperiode erfolgen.

Erwartete Abwicklungsvorteile
Als Motivation, den Krypto-Markt einzubinden, führt die KfW an: Die Digitalisierung sei entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Finanzmarktes. Der Diskurs zu Krypto-Wertpapieren solle dadurch intensiviert und Marktteilnehmer gewonnen werden. Dass generell die Akzeptanz der Blockchain-Obligationen für Anleger und Großinvestoren erhöht werden soll, geht zudem aus den Worten Melanie Kehrs, Mitglied des Vorstands der KfW-Bankengruppe, zur Produktpräsentation hervor: „Für Transaktionen dieser Technologie wird der künftige Weg damit geebnet.“ Tim Armbruster, Verantwortlicher Schatzmeister der KfW, ergänzte dazu: „Die Kombination aus Fortschritt und gesetzlich reguliertem Umfeld biete der KfW gute Rahmenbedingungen, um diesen nächsten Schritt zu gehen.“ (Anm. der Red: Digitale Schuldscheine in Form von Zentralregisterwertpapieren wurden bereits begeben.) Ziel sei ebenso, Lernprozesse zum Produkt und die Verbesserungspotenziale zu erkennen. Laut Armbruster werde der Schub zur Digitalisierung der KfW vorteilhafte Effizienzsteigerungen und eine erhöhte Skalierbarkeit bringen. Ergänzend hält der Emittent dazu aber auch fest: „Die betreffenden Wertpapiere wurden und werden nicht gemäß dem U.S. Securities Act von 1933 in der jeweils gültigen Fassung registriert und dürfen in den Vereinigten Staaten weder angeboten noch verkauft werden.“

Marktreife in wenigen Wochen
Die am 18. November 1948 gegründete Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) wird in erster Linie als nationale Förderbank wahrgenommen. Sie etablierte sich aber durch die über die Jahre ausgeweitete Tätigkeit zu einer der führenden Beteiligungsbanken der Welt. Zur Liquiditätsbeschaffung für die operativen Tätigkeiten der drei Tochterunternehmen, der KfW Capital, der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH (DEG) und der IPEX-Bank GmbH (IPEX), refinanziert diese sich im überwiegenden Ausmaß über die internationalen Finanzmärkte selbst. Es werden daher keine eigenen Filialen und Kundeneinlagen beansprucht. Das deutsche Bundesfinanzministerium (übt die Rechtsaufsicht über die KfW aus) definiert die Aufgaben der in Frankfurt am Main ansässigen KfW auf ihrer Plattform: „Die Kreditanstalt für Wiederaufbau setzt in Deutschland, Europa, aber auch weltweit Impulse für Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie.“ Im Blickpunkt stünden der Mittelstand, Existenzgründer und die Bildungsförderung. Dabei liege der Fokus zudem beim Umweltschutz, der Wohnungswirtschaft, der Infrastruktur sowie die Projekt- und Exportfinanzierung und eine Entwicklungszusammenarbeit.

In einer mehrwöchigen Vorbereitungsphase werde nun umgehend mit institutionellen Investoren ein Wissensaustausch stattfinden, um sich mit Eventualitäten, Unsicherheiten oder Zweifel ausei-nander zu setzen. Mit an Bord ist an vorderster Front bereits die Union Investment, die reichlich Erfahrung mit Krypto-Wertpapieren mitbringe. Der Weg zur Emission werde aus einem Konsortium aus DZ Bank AG, Deutsche Bank AG, LBBW und Bankhaus Metzler begleitet werden. Details werden folgen.

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Warum sind „grüne“ Fonds Technologie-lastig?

Nachhaltige Finanzprodukte eignen sich oft nur für dynamische Anleger.

Andreas Dolezal. Die Finanzbranche soll, dem Auftrag der EU folgend, Anlagegelder verstärkt in nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten bzw. Unternehmen lenken. Auf Basis der EU-Taxonomie können sich nachhaltige Finanzprodukte wie Investmentfonds, ETFs und Lebensversicherungen mit dem Attribut „Artikel 8“ („hellgrün“) oder „Artikel 9“ („dunkelgrün“) auszeichnen. Ein Blick in die Asset Allokation zeigt, dass sich in „grünen“ Anlageprodukten fokussiert Technologie- und Finanztitel wiederfinden. Warum ist das so?

CO2-Ausstoß als Messgröße
Im Sinne der EU-Taxonomie wird eine Wirtschaftstätigkeit nur dann als nachhaltig bewertet, wenn sie heute bereits CO2-arm im Verhältnis zum Unternehmenswert ist. Über die Idee, dass auch Unternehmen, die heute noch „schmutzig“ produzieren, Kapital benötigen, um morgen „sauber“ zu sein, denkt die EU-Kommission gerade erst nach.

Das Konzept trägt den Namen „Transition Finance“. Bis zu dessen Umsetzung gilt als nachhaltig nur, was bereits klima- und umweltfreundlich ist.

Investitions-CO2-Fußabdruck
Die EU-Berechnung des CO2-Fußabdrucks einer Investition (durch Kauf von Aktien oder Anleihen) bzw. eines Portfolios setzt den jeweiligen Unternehmenswert, sprich die Marktkapitalisierung, ins Verhältnis zu den Gesamt-CO2-Emissionen des betreffenden Unternehmens. Großer Wert und verhältnismäßig geringe CO2-Emissionen machen Investments „grün“ im Sinne der EU.

Dieser Berechnungsmodus, der in den Technischen Regulierungsstandards zur EU-Offenlegungs-Verordnung gesetzlich vorgegeben ist, bevorzugt insbesondere große, global tätige Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor. Namhafte Vertreter dieser Gruppe sind Amazon, Microsoft, Meta (Facebook, WhatsApp) und Alphabet (Google).

Ebenso sind globale Finanzdienstleister wie Mastercard, Visa sowie Bankenkonzerne und Börsenplätze quasi automatisch nachhaltig im Sinne der EU.

Fokus Tech & Finanz
Damit Fondsanbieter ihre Finanzprodukte mit dem Attribut „Artikel 8/9“ schmücken können, müssen sie nachhaltig im Sinne der EU investieren. Je „grüner“ ein Fonds oder ETF ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den größten Positionen im Portfolio Technologie- und Finanzwerte befinden. „Schmutzige“ Sektoren – deren CO2-Emissionen im Verhältnis zur Marktkapitalisierung hoch sind – wie Rohstoffe, Energie und Industrie finden sich erst auf den hinteren Rängen wieder.

Nachdem die globalen Tech-Konzerne wie Microsoft & Co. mehrheitlich in den USA angesiedelt sind, haben Investmentfonds mit Anlagefokus Europa oft ein Übergewicht (fallweise 40 % und mehr) im Finanzwesen. Global investierende „grüne“ Finanzprodukte kommen in der Länderallokation vielfach auf einen USA-Anteil von mehr als 50 %.

„Grünes“ Geld für die USA
Europa möchte bekanntlich bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. Ob dies mit verstärkten Investments in US-amerikanische Technologie- und Finanzkonzerne erreicht wird, darf bezweifelt werden. Eher zeigt sich hier ein grundlegender Konstruktionsfehler der EU-Taxonomie, der augenscheinlich mit dem Konzept „Transition Finance“ korrigiert werden soll.

Achtung: Risiko!
Investoren in nachhaltige Finanzprodukte sollten die Dynamik dieser Investitionen im Auge behalten. So erfreulich sich Technologie- und Finanztitel zuletzt entwickelt haben, so spürbar können sie auch korrigieren und schöne Kursgewinne wieder abgeben.

Sicherheitsorientierte Anleger tun sich bei der Suche nach geeigneten „grünen“ Anlageprodukten schwerer als dynamische.

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BIP in Eurozone verzeichnet stärkstes Wachstum seit eineinhalb Jahren

Ein Kommentar von Guy Wagner von Banque de Luxembourg Investments.

(06.05.) Ausnahmsweise war das Wachstum der europäischen Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres die positive Überraschung. So stieg das Bruttoinlandsprodukt der gesamten Eurozone im Quartalsvergleich um 0,3 Prozent und verzeichnete damit das stärkste Wachstum seit eineinhalb Jahren, schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.

„Die vier größten Volkswirtschaften des Euroraums, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien, übertrafen alle die Erwartungen der Analysten und trugen zu dem günstigen Wachstum bei“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. In den USA verlangsamte sich das BIP-Wachstum im ersten Quartal leicht und betrug annualisiert plus 1,6 Prozent im Vergleich zum vierten Quartal des Vorjahres. „Dennoch war die Verlangsamung vor allem auf niedrige Lagerbestände und höhere Importe zurückzuführen, wobei das zugrundeliegende Wachstum stärker war, als es die Leitzahl vermuten lässt.“ In China deutet der BIP-Anstieg um 5,3 Prozent im Jahresvergleich darauf hin, dass die Wirtschaftstätigkeit in etwa ein Wachstumstempo verfolgt, das mit dem offiziellen Ziel von fünf Prozent übereinstimmt.

Inflation: Rückkehr zum Zwei-Prozent-Ziel könnte etwas schwieriger werden
„Nachdem sich die Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks in den vergangenen 18 Monaten erheblich verlangsamt hat, könnte die Rückkehr zum Zwei-Prozent-Ziel etwas schwieriger werden“, glaubt der luxemburgische Ökonom So stieg in den USA die Gesamtinflationsrate im März auf 3,5 Prozent. In der Eurozone blieb die Gesamtinflationsrate im April unverändert bei 2,4 Prozent.

Leitzinsen in den USA und Europa bleiben unverändert
Wie erwartet ließ die US-Notenbank auf ihrer Sitzung am 1. Mai ihre Leitzinsen unverändert. Nach den jüngsten enttäuschenden Inflationsdaten dämpfte Präsident Jerome Powell jedoch die Hoffnungen auf eine baldige Lockerung der Geldpolitik und räumte ein, dass es in letzter Zeit keine Fortschritte in Richtung des Inflationsziels von zwei Prozent gegeben habe. Der oberste Währungshüter der USA bleibt bei seiner Meinung, dass die nächste Zinsbewegung eine Abwärtsbewegung sein wird, deren Zeitpunkt von der Entwicklung der veröffentlichten Zahlen abhängt. In der Eurozone ließ die Europäische Zentralbank auf ihrer April-Sitzung die Leitzinsen ebenfalls unverändert. Allerdings deutete die Präsidentin Christine Lagarde an, dass eine erste Senkung der Leitzinsen auf der nächsten Sitzung Anfang Juni sehr wahrscheinlich sei, wenn keine ungünstigen Inflationsdaten veröffentlicht würden.

Deutlicher Anstieg der langfristigen Zinsen
Die Verschlechterung der Inflationsstatistiken in den USA löste einen deutlichen Anstieg der langfristigen Zinsen aus. Die europäischen langfristigen Zinsen folgten dem Trend ihrer US-amerikanischen Pendants, obwohl die Inflationszahlen in Europa günstiger blieben. So stieg der zehnjährige Referenzzinssatz in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien jeweils an.

Aufwärtstrend an den Aktienmärkten vorläufig gestoppt
Nach fünf aufeinanderfolgenden Monaten mit steigenden Kursen gingen die Aktienmärkte im April leicht zurück. Guy Wagner: „Die hartnäckige US-Inflation, die einen Anstieg der langfristigen Zinsen auslöste, und die Unsicherheit über den Beginn der geldpolitischen Lockerung durch die Federal Reserve unterbrachen zumindest vorübergehend den seit November 2023 etablierten Aufwärtstrend der Märkte.“ Die Berichtssaison war bislang eher günstig, da viele Unternehmen von der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit profitierten. Insgesamt ging der in Euro ausgedrückte Weltaktienindex MSCI All Country World Index Net Total Return zurück, nachdem er in den Vormonaten mehrere Rekorde in Folge erzielt hatte. „Auf Sektorenebene erzielten Versorger, Energie und Basiskonsum die beste Performance, während diskretionäre Konsumgüter, Technologie und Immobilien die größten Rückgänge verzeichneten.“

Die hohe Marktkonzentration verunsichert

Der Diskurs über eine Blasenbildung an den Aktienmärkten lebt auf.

Roman Steinbauer. Nach Angaben der britischen Wirtschaftstageszeitung Financial Times (FT) repräsentiert der gesamte Aktienmarkt der USA aktuell 60 % an Kapitalisierung des Weltindex MSCI ACWI. Zuletzt wurde eine derartige Dominanz US-amerikanischer Gesellschaften im Jahr 2004 beobachtet. Für auf den globalen Markt ausgerichtete Fondsmanager führt dieser Umstand zu herausfordernden Entscheidungen. Stieg doch seit 2023 der Druck, in die Leitaktien der Tech-Rallye (ungeachtet der Bewertungsrelationen) engagiert zu sein, erheblich. Nach Meinung etlicher Marktprofis steige dadurch zunehmend die Fragilität an den Märkten. Zudem merkte die FT jenen volkswirtschaftlichen Faktor an, wonach die Vereinigten Staaten über das größte Netto-Defizit relevanter Wirtschaftsräume verfügten.

Wellensyndrom in Zeiten der Umbrüche
Das Londoner Finanzmedium strebte zuletzt in mehreren Beiträgen an, die Lage einzuordnen. Die Redakteurin Rhoula Khalaf thematisierte insbesondere die Zuspitzung der Anlagegelder in wenige Aktien der haussierenden Technologiesparte. Khalaf führte unter anderem die Expertise von Goldman Sachs Global Investment Research (GS) an, wonach der Börsenwert der zehn höchstkapitalisierten US-Gesellschaften die Schwelle von 30 % im breiten S&P-500-Index überschritten hat. Diese Dominanz der aktuellen Zugpferde sei seit dem Jahr 1970 (erste Erhebungen) noch nie eingetreten.

Bezogen auf den US-Gesamtmarkt hat die London Business School mit 28 % im Vormonat ebenso eine Topbildung wie seit 1966 nicht mehr errechnet. Trotzdem relativiert die FT: eine hohe Sektor-Konzentration sei dennoch keine Anomalie. Innerhalb der vergangenen Dekaden hätten derartige Anlageschwerpunkte, die in der Folge durch neu aufgelegte Finanzprodukte (wie Fonds, ETFs, Zertifikate, Derivate) eine Sogwirkung entfalteten, den Trend verstärkt.

Dabei sei die zugespitzte Entwicklung an den Aktienmärkten stets durch jene Wirtschaftssektoren angetrieben worden, die zur aktuellen Zeit die Realwirtschaft am stärksten beeinflussten und veränderten. Wurde der Wertpapiermarkt im 19. Jahrhundert von Versicherungen, Bank- und Immobilienwerten beherrscht, hätte sich im 20. Jahrhundert insgesamt der Transportsektor an die Spitze gesetzt. Khalaf sieht im heutigen Informationszeitalter das Übergewicht der mächtigen Aktienfavoriten des Technologieuniversums über das Maß der 1950er-Jahre als nicht hinausschießend. Damals entstand durch das enorme Aufkommen der Haushaltsgeräte an den Börsen ein goldenes Jahrzehnt für Energiekonzerne und Materialhersteller. Die FT führte zudem die Perspektive des GS-Chefstrategen für globale Aktien, Peter Oppenheimer, an. Laut dem Investmentbanker verfügten die wichtigsten Unternehmen der Technologiebranche heute über höhere Margin-Quoten und eine gute Kapitalausstattung.

Eine „Blase“ bleibt eine Vermutung
Nach Oppenheimers Worten bauten sich zudem während der Epoche der „Nifty Fifty“ (50 führende Aktien an der New Yorker Börse, die zugleich für eine Kaufen- und Halten-Strategie standen) in den 1960er und 1970er Jahren ähnlich hohe Bewertungen auf. Diese hätten aber ebenso nicht unmittelbar mit einer Blase zu tun gehabt. Bereits 1973 habe das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der „Nifty-Fifty“-Aktien im Median den Faktor 34 betragen, im Jahr 1990 sei für japanische Standardwerte sogar der 67-fache Kurs zum Gewinn akzeptiert worden. Verunsicherten Anlegern rät GS dennoch, teils günstige Aktienbewertungen kleiner Unternehmen in Betracht zu ziehen. Viele Gesellschaften seien mit einer soliden Bilanzstruktur, profitablen Dividendenausschüttungen oder mit Aktienrückkaufprogrammen attraktiv.

Foto: Adobe Stock /Old Man Stocker (KI)

 

 

Chipindustrie: Kommt der nächste Aufschwung?

Trotz der KI-Euphorie erlitt die Branche jüngst einen Dämpfer. Experten erwarten nun eine Trendwende.

Raja Korinek. Der Markt für Halbleiter gewinnt weltweit an Bedeutung. Schließlich wächst das globale Datenvolumen und damit verbunden der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI). Für den KI-Einsatz werden entsprechend immer leistungsfähigere Halbleiter gebraucht.

Dennoch gibt es auch Rücksetzer. „Trotz des aktuellen KI-Hypes war 2023 ein schwieriges Jahr für die Halbleiterbranche“, konstatiert Hagen Ernst, Stellvertretender Leiter Research und Portfoliomanagement bei DJE Kapital AG. Er verweist auf Zahlen der „Semiconductor Industry Association“ (SIA) aus den USA, denen zufolge der Markt für Maschinen zur Halbleiterfertigung – WFE (Wafer Fab Equipment) – um 8 % schrumpfte. Der gesamte Halbleitermarkt brach sogar um 16 % ein.

Trendwende noch heuer in Sicht
Die Gründe sind mehrfach. Unter anderem gab es noch Überkapazitäten am Markt. Obendrein machten die hohen Zinsen grundsätzlich vielen Wachstumsunternehmen, somit auch aus dem Technologiesektor, zu schaffen. Das Blatt könnte sich nunmehr wenden, auch da der Zinszenit erreicht sein dürfte.

Die SIA-Daten deuten jedenfalls auf eine Trendwende im laufenden Jahr hin. Ihnen zufolge dürfte der Halbleitermarkt um 5,1 % und im kommenden Jahr um 6 % wachsen. Ernst verweist auf mehrere Faktoren, die hier zusammenkommen, wie er sagt. „Neue Produktionskapazitäten für KI-Chips werden benötigt. Zudem dürfte die Erholung im Speicherchip-Segment nach Jahren geringer Investitionen der Speicherchip-Produzenten zu einer starken Nachfrage vor allem beim Kapazitätsausbau für schnelle DRAM-Speicherchips führen.“

Neue Speichertechnologien gefragt
Auch anderswo räumt man dem Sektor Chancen ein. Noch seien die Wachstumsraten schwach, von einer echten, kräftigen Erholung sei man weit entfernt, betont Robert Schramm-Fuchs, Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors. Schramm-Fuchs nennt einige Wachstumstreiber für den Chipsektor. „Die stark steigende Nachfrage nach neuen Speichertechnologien und der sich abzeichnende KI-Server-Megatrend versprechen einen Zyklus von Technologie-Upgrades für PCs und Smartphones. Das stimmt uns optimistisch für die nächsten Jahre.“

Schramm-Fuchs verweist auch auf die Wertentwicklung der Branchen-Benchmark: Der Philadelphia PHLX Semiconductor Index verzeichnete seit seinem Höchststand Anfang März bei rund 4.905 Punkten eine 17 %ige Kurskorrektur. Zugleich aber hätten mehrere Unternehmen entlang der gesamten Halbleiter-Wertschöpfungskette gute Quartalsergebnisse und zuversichtliche Prognosen vorgelegt, zeigt Schramm-Fuchs einen weiteren positiven Aspekt auf.

Zertifikate als Chance
Anleger, die jüngste Rücksetzer zu einem Einstieg in ein Brancheninvestment nutzen wollen, können dies zum Beispiel mit dem „Alphabeta Access Products Chip Power Indexzertifikat“ von Morgan Stanley. Der Index umfasst 15 Branchentitel, zu denen unter anderem die Chiphersteller Texas Instruments aus den USA und Infineon Technologies aus Deutschland sowie die niederländische ASML gehören. Letzterer Konzern ist der weltweit größte Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie.

Das „Vontobel Solactive Global Semiconductor Leaders Indexzertifikat“ umfasst ebenfalls 15 Titel aus der globalen Welt der Halbleiter. Zu den Indexmitgliedern zählen Nvidia und Advanced Micro Devices (beide aus den USA) sowie TSMC aus Taiwan. Aus Europa sind keine Titel enthalten. Wie immer der Hinweis: Verluste sind bei beiden Produkten möglich.

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Begehrte Industriemetalle

Mit Zertifikaten am nächsten Rohstoffpreisschub partizipieren.

Michael Kordovsky. Weltweit sind die hohen „Sicherheitslagerbestände“ aus der Pandemiezeit weitgehend abgebaut. In China zeigt die Industrie bereits starke Impulse. Vor allem Batteriemetalle wie Nickel, Lithium und Kobalt sind aussichtsreich. Aluminium könnte von begrenztem Kapazitätswachstum und periodischen Stromunterbrechungen in Chinas primärem Produktionssektor profitieren. Darüber hinaus führen Trends zur Leichtbauweise in der Autobranche und beim Flugzeugbau zu steigender Nachfrage. Laut einer Schätzung des Research-Hauses „Fortune Business Insights“ sollte der Weltmarkt für Aluminium von 2024 bis 2032 jährlich um 6,2 % wachsen.

Kupfer und Silber aussichtsreich
Über besondere Chancen verfügen auch Kupfer und Silber. Der Aufbau der modernen Stromversorgungsinfrastruktur und grünen Mobilität erfordert beide Metalle. Eine Publikation von Sprott Wealth Management (mit Daten von BloombergNEF) beinhaltet eine Prognose, wonach die Silbernachfrage der Photovoltaik-Branche von 2022 bis 2030 von 140 auf 273 Millionen Unzen steigen sollte. Das Silber-Angebotsdefizit sollte dann bei 260 Millionen Unzen liegen – verglichen mit jeweils 51 bzw. 238 Millionen Unzen in den Jahren 2021 und 2022.

Auch Kupfer könnte knapp werden, denn: Für jede Windturbine werden zwischen 950 Kilogramm bis 5 Tonnen Kupfer benötigt. Bereits jetzt gibt es klare Tendenzen: So stieg die Kupfernachfrage 2023 in China um mehr als 9 % und weltweit um 4 %, trotz des verlangsamten Wachstums. Immer mehr Umweltinitiativen in Lateinamerika verhindern neue Kupferminen und Goldman Sachs rechnet bereits für 2024 am Kupfermarkt mit einem Angebotsdefizit von 428.000 Tonnen. Der Ausbau der Stromnetze in China und die grüne Energiewende in Europa erfordern reichlich davon. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass zur Deckung des durch die Energiewende entstehenden Kupferbedarfs 80 neue Minen eröffnet werden müssten (nur ein Bruchteil davon ist in Planung aktuell).

Die passenden Zertifikate
Während Gewinne aus CFDs und Futures (nicht verbriefte Derivate) dem progressiven Einkommensteuertarif unterliegen, fallen bei Zertifikaten nur 27,5 % KESt an. Allerdings sollten bei den genannten Rohstoffen Partizipationszertifikate oder Knock-Out-Zertifikate mit moderatem Hebel bis maximal 3,5 eingesetzt werden. Auf den Kupfer-Futures hat beispielsweise die Société Générale ein Open-End-Zertifikat emittiert. Per 2. Mai 2024 einen Hebel von 2,39 auf den Kupferpreis bei rund 42 % Abstand zum Knock-Out bietet wiederum ein von Morgan Stanley emittierter „Open End Turbo Long“. Eine Partizipation am Silberpreis ermöglicht indessen ein Open-End-Index-Zertifikat auf Silber – ebenso emittiert von Goldman Sachs. Alternativ gibt es reihenweise leicht gehebelte Knock-Out-Zertifikate.

Ein Index-Zertifikat auf den Primär-Aluminium-Future (Open End) hat die Deutsche Bank emittiert, und mit einem Hebel von 3,3 gibt es den von Vontobel emittierten Long-Mini-Future auf den „Primary Aluminium Future“ (Composite), dessen Abstand zum Knock-Out am 2. Mai bei rund 26 % lag. Und als Nickel-Future-Open-End-Partizipations-Zertifikat (Quanto, das heißt währungsgesichert) gibt es last but not least ein Produkt der Deutschen Bank.

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Hohe Renditen mit Fokus auf Innovation

In Innovation zu investieren, heißt vor allem in die Tech-Branche und die USA.

Christian Sec. Mit der KI-Revolution werden die Karten wieder neu gemischt. Dementsprechend geht ein wenig die Angst um. Denn eines scheint gewiss: Marktanteile werden sich verschieben. Die Unternehmen investieren in KI, nicht zuletzt in der Angst, dass sie, wenn sie es nicht tun, vom Markt gefressen werden könnten. Trotz stagnierender Umsätze und sinkender Gewinne steigerten die 500 innovativsten Top-Konzerne der Welt ihre F&E-Ausgaben um 12 %. Insgesamt zeigt sich, dass sich die Ausgaben immer stärker in die USA verschieben, wo die Forschungsausgaben gar um 13 % zulegten, während der Anstieg in Europa nur 7 % betrug. Damit droht die Schere zwischen den USA und Europa weiter auseinanderzugehen.

Auch im „MSCI Innovation Index“ ist die USA mit fast 80 % Länderanteil die dominierende Region. Dabei zeigen sich mit dem Chiphersteller Nvidia und dem Softwaregiganten Microsoft zwei Unternehmen an der Spitzenposition im Index, die in den vergangenen Jahren im KI-Bereich die Innovationstreiber geworden sind. Der Marktführer bei KI-Chips, Nvidia, profitiert von der Aufrüstung in diesem Bereich ganz besonders. Als Meta bekanntgab, seine Kapitalausgaben statt von bis zu 37 auf 40 MrdUSD zu erhöhen, um stärker in KI zu investieren, stiegen die Aktien von Nvidia im selben Atemzug um 3 %. Der Wettbewerb werde weitere Investitionsausgaben antreiben und Investitionen in KI binden, sind sich die Experten sicher. Nvidia liefert KI-Chips für Unternehmen in den Zukunftssegmenten autonomes Fahren, Robotik, Cloud Computing usw.

Microsoft wiederum glänzte schon sehr früh als Risikokapitalgeber von OpenAI, dem Gründer des KI-Pioniers ChatGPT. Der Softwarekonzern integriert ChatGPT mittlerweile in seine Produkte. So steckt nun viel ChatGPT-Know-how in der Microsoft-Suchmaschine Bing.

Hohes KGV
Auch der „Franklin Innovation Fund“ legt seinen Schwerpunkt einerseits auf die IT-Branche und andererseits auf die USA. Das Portfolio ähnelt auf dem ersten Blick dem „MSCI Innovation Index“. Auch hier sind Nvidia und Microsoft die stärksten Werte. Mit fast 10 respektive 7,7 % sind die Gewichtungen dieser beiden Schwergewichte jedoch noch höher als beim MSCI-Innovation. Trotzdem ist Matt Moberg, Portfoliomanager des Fonds, überzeugt, dass innovationsorientierte Anlagen ein aktives Management erfordern: „Innovationen sind oft fehlbewertet, weil sie häufig länger anhalten und schneller übernommen werden als erwartet.“ Daher achtet Moberg neben guten Fundamentaldaten auf die Entwicklung der Marktanteile, die durch neue Wege erobert werden, um rechtzeitig die starken Innovatoren zu identifizieren.

Insgesamt zeigt sich, dass der „MSCI Innovation Index“ mit einem KGV von 55 im Vergleich zu seinem Pendant, dem „MSCI AC“ mit einem KGV von 21, deutlich höher bewertet ist. Der Markt honoriert das höhere Risiko mit höheren Renditen. Grundsätzlich seien die hohen Bewertungen im Tech-Bereich nicht übertrieben, erklärt Bernhard Ruttensdorfer, Fondsmanager des „Erste Stock Techno“, in einem Pressegespräch. Auch in seinem Produkt sind Nvidia und Microsoft die Top-Unternehmen. Mittelfristig werde das beschleunigte Gewinnwachstum die Bewertungen normalisieren. Jedenfalls sorge aber auch kontinuierliche Innovation für stabile Gewinnmargen, so Ruttensdorfer.

Der „MSCI AC World Innovation Index“ hat seit Mai 2013 um mehr als 450 % zugelegt, und übertrifft damit den „MSCI AC World“ in seiner Performance um das Doppelte. Auch der „Franklin Innovation Fund“ erzielt seit Auflage vor rund 4,5 Jahren eine Performance von rund 71 %.

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Rüstungs-Lieferkette bietet Chancen

Investments entlang der Wertschöpfungskette statt reiner Rüstungsaktien.

Michael Kordovsky. Die weltweiten Rüstungsausgaben stiegen von 1.842 MrdUSD im Jahr 2018 bis 2023 auf 2.443 MrdUSD – ein Anstieg um jährlich 5,8 %. Weitere Erhöhungen (vor allem bei den Nato-Ländern sowie in Russland und China) zeichnen sich ab.

Die Performance des 28 Werte der Bereiche Rüstung sowie Luft- und Raumfahrt enthaltenden „MSCI World Aerospace and Defense Index“ (USD) lag in den vergangenen drei Jahren bis 29.3. bei 13,7 % p.a. verglichen mit 8,6 % p.a. im MSCI World. Allerdings ist das Forward-KGV dieses Index mit 22,6 bereits relativ hoch. Aber auf Umwegen kann man auch über teils wesentlich günstiger bewertete Aktien der Rüstungs-Wertschöpfungskette an diesem Trend mit- partizipieren.

Elektronikfirmen profitieren vom Rüstungsboom
Ein Unternehmen, das Kampfflugzeuge mit Flug-Kontrollsystemen, Navigations- und Kommunikationsausrüstung ausstattet und auch wichtige elektronische Komponenten liefert, ist die französische Thales, die über Thales Alenia Space Satelliten baut und Komponenten für die zivile und militärische Raumfahrttechnik entwickelt. Ein weiterer Bereich ist Digital Identity & Security. Laut Konsens unter finanzen.net erwarten Analysten von 2024 bis 2028 ein Gewinnwachstum/Aktie von 11,2 % p.a. Auf Basis eines Kurses von 159,20 Euro liegt das für 2025 geschätzte KGV bei 16,9.

Noch weiter hinten in der Wertschöpfungskette angesiedelt sind Chiphersteller, die laufende Aufträge von der Rüstungsindustrie erhalten. Ein aktuelles Beispiel ist AMD. Als KI-Speziallist und Anbieter von Graphik-Prozessoren in den USA mit dem Militär arbeitet auch Nvidia zusammen. Das Unternehmen mit einem von Zacks ausgestatteten „Buy“ ist laut Schätzungskonsens per 26. April mit einem für 2025/26 geschätzten KGV von 32,2 bewertet. Doch tendenziell revidieren die Analysten ihre Gewinnerwartungen/Aktie nach oben – in den vergangenen 90 Tagen sogar um 19,6 %.

Flugzeugtriebwerke und Stahl
Ein wichtiger Zulieferer in der Produktion von Militärflugzeugen ist die deutsche MTU Aero Engines AG, die nicht nur Systempartner für nahezu alle Luftfahrtantriebe der deutschen Bundeswehr ist, sondern auch eine Schlüsselrolle in den wichtigsten militärischen Triebwerksprogrammen Europas spielt – von der Entwicklung, Produktion bis hin zur Instandhaltung. Ein weiteres Standbein sind Industriegasturbinen. Im Zeitraum 2018 bis 2023 konnte das Unternehmen den Umsatz um 6,7 % p.a. auf 6,33 Milliarden Euro steigern, während sich der freie Cashflow um 11,6 % p.a. auf 352 Millionen Euro verbesserte. Auf Basis eines Kurses von 223,10 Euro liegt das von Analysten erwartete KGV 2025 bei 16.

Als Stahlzulieferer der Rüstungsindustrie fungiert der weltgrößte Stahlkonzern Arcelor Mittal, der allerdings ein großes Spektrum an zahlreichen Branchen wie Bau, Automobil, Verpackung und Transport abdeckt. Bei der Größe und Diversifikation spielt derzeit der „Defense-Trend“ daher nur eine untergeordnete Rolle und die zyklischen Schwankungen der Erträge erinnern an die Natur klassischer Zykliker.

Seltene Erden
Militärstrategisch von Bedeutung sind auch seltene Erden – eine Metallgruppe, deren Angebot von China dominiert wird. Vor allem wenn die Produktion außerhalb Chinas liegt, wird es aber interessant. Ein Beispiel ist die australische Lynas Rare Earths Ltd., die Metalle für die moderne Infrastruktur inklusive grüne Energie, E-Autos, Automatisierung, Smartphones und diverse E-Komponenten in ihren Lagerstätten hat und bereits schwarze Zahlen schreibt. Laut MarketScreener liegt das für 2025/26 geschätzte KGV der Aktie bei 13,1.

Foto: Pixabay / Defence Imagery

 

 

Womit Europas Zinslandschaft lockt

Bei Pictet sieht man gute Gründe für Euro-Unternehmensanleihen.

Raja Korinek. Das Ende der lockeren Geldpolitik vor rund zwei Jahren führte zu Turbulenzen auf den globalen Anleihemärkten. Die Zinsen wurden in Europa sowie in den USA zügig angehoben, wodurch bestehende Bonds an Wert verloren. Denn sie waren dann schlechter verzinst als jene Papiere, die nach den Anhebungen begeben wurden.

Dieser Umstand traf auf Unternehmensanleihen in einem größeren Ausmaß als auf Staatsanleihen zu. Manch ein Konzern konnte die höheren Finanzierungskosten nicht ganz einfach wegstecken. Vor allem Emittenten aus dem Hochzinsbereich schmerzten die höheren Zinsen. Darin haben Emittenten ein Rating von einem BB+ oder darunter. Das obere Bonitätssegment, der Investment Grade-Bereich, beginnt bei einem BBB-.

Lukratives Zinsniveau
Inzwischen haben die Renditen etwa bei Unternehmensanleihen in Euro ein durchaus interessantes Niveau erreicht, betonen Experten. Noch knapp vor der Zinswende lagen die Renditen bei rund 0,3 %. Sie haben zuletzt ein Niveau von gut 4 % erreicht.

Hinzu kommen die erwarteten Zinssenkungen in der Eurozone. „Der Markt rechnet derzeit mit zumindest drei Senkungen zu jeweils 0,25 %-Punkten. Die Annahme erscheint vernünftig, zumal sich die Wirtschaft teils abschwächt und die Inflation in der Region rückläufig ist“, konstatiert Manesh Mistry (Foto), Senior Client Portfolio Manager bei Pictet Asset Management, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Tatsächlich stieg die Inflation in der Eurozone im März um 2,4 % im Jahresvergleich. Im Feber lag die Zahl noch bei 2,6 %. Sinkende Zinsen sollten die Kurse bestehender Anleihen unterstützen. Solche Papiere sind dann besser verzinst als jene, die nach der Senkung begeben werden.

Breite Palette nutzen
Die Marktchancen sind breit gefächert. Im „Pictet – EUR Income Opportunities Fund“ setzt man auf ein breites Spektrum insbesondere an Unternehmensanleihen aus dem Investment-Grade- und High-Yield-Segment. Zusätzlich wird das Portfolio mit Staatsanleihen und Geldmarktinstrumenten ergänzt. Damit sollen Schwankungen in stressigen Marktphasen verringert werden, erklärt Mistry. Mit knapp 40 % machen Papiere mit einem „BBB“-Rating zudem den größten Anteil im Fonds aus.

Grundsätzlich würden dabei eher defensiv als zyklisch ausgerichtete Unternehmen bevorzugt. Zudem sehe man derzeit interessantere Chancen bei Finanztiteln in Relation zu Unternehmen aus anderen Branchen. Tatsächlich haben viele Banken von den höheren Zinsen stark profitiert. Damit verbesserte sich deren Zinsmarge.

Kurze Laufzeiten im Fokus
Auch der Blick auf die durchschnittliche Restlaufzeit offenbart Interessantes. Rund 71 % des Fondsvermögens sind derzeit in Papiere mit einer Restlaufzeit von ein bis drei Jahre veranlagt. Das besondere an solchen Papieren: Weil deren Fälligkeit in greifbarer Nähe ist, schwanken deren Kurse grundsätzlich weniger als bei Anleihen mit langen Laufzeiten.

Tatsächlich könnte Unerwartetes bei den prognostizierten Zinssenkungen bzw. der Inflationsentwicklung zu herben Enttäuschungen führen. So könnte insbesondere die Entwicklung beim Ölpreis dem erwarteten Vorhaben der EZB im Juni einen Strich durch die Rechnung machen, falls sich der geopolitische Konflikt im Nahen Osten verschlechtert und die Notierung hinaufschnellt. Solch eine Entwicklung sieht man bei Pictet Asset Management allerdings nicht als Basisszenario. Mistry verweist auf die Hausmeinung, der zufolge letztendlich mit einer Deeskalation gerechnet wird.

Foto: Pictet Asset Management

 

 

Wie nachhaltig ist die Renaissance der japanischen Aktien?

Eine Einschätzung von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management.

(22.04.) Nach über 34 Jahren hatte es der Nikkei am 28. Februar endlich geschafft: Der japanische Aktienindex erreichte ein neues Allzeithoch und erklomm im März sogar die Marke von 40.000 Punkten. Nach einem starken Performance-Jahr 2023 mit einer Wertentwicklung von 28 Prozent stürmten japanische Aktien auch in diesem Jahr an die Tabellenspitze der Aktienmärkte und stiegen in Lokalwährung um über 10 Prozent. Bietet Japan auch weiterhin Potenzial für Anlegerinnen und Anleger? Aus Sicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, ist aus makroökonomischer Sicht in Japan in den letzten Jahren tatsächlich etwas in Bewegung geraten. Dazu zählen die Rückkehr der Inflation und ein deutlich höheres Wachstum als in der Vergangenheit. Doch auch unternehmensspezifische Faktoren haben sich verbessert und damit ein positiveres Umfeld für Aktionäre geschaffen. „Trotz der attraktiven Rahmenbedingungen in Japan gibt es aber einen Wermutstropfen“, erklärt Ökonom Galler. Demnach könnte eine Erholung des Yen bremsend wirken. Japanische Aktien ohne Währungssicherung seien daher eine interessante Option.

Veränderte makroökonomische Faktoren
Nachdem es zwei Jahrzehnte keinen nennenswerten Preisauftrieb gab, ist die Inflation in Japan zurückgekehrt: „Die Verbraucherpreise sind bereits seit sieben Quartalen über die Marke von zwei Prozent gestiegen und erfüllen damit eine der geldpolitischen Zielsetzungen der Bank of Japan“, stellt Tilmann Galler fest. Die vorläufigen Ergebnisse der Frühjahrslohnverhandlungen zeigten, dass der erwartete durchschnittliche Lohnanstieg bei 5,28 Prozent liegen würde – und damit zum ersten Mal seit 33 Jahren über der 5 Prozent-Marke. „So war es keine große Überraschung mehr, dass die japanische Notenbank seit 17 Jahren den Leitzins von -0,1 Prozent auf +0,1 angehoben hat. Die Zinswende findet in Japan also mit anderen Vorzeichen statt“, sagt Galler.

Die Rückkehr der Inflation aufgrund verbesserter Nachfrage spiegelt sich auch im Wachstum des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) Japans wider. „In den letzten beiden Jahren ist das BIP um jährlich 3,5 Prozent gestiegen, während das Wachstum in den 20 Jahren zuvor nur jährlich 0,2 Prozent betrug. Für die Umsatzentwicklung ist das eine gute Nachricht, da 52 Prozent des Umsatzes japanischer börsengelisteter Unternehmen auf dem Heimmarkt erzielt wird“, erklärt Kapitalmarktexperte Galler. Das aktuell kräftige Lohnwachstum verspreche auch in den kommenden Quartalen eine robuste Nachfrage.

Besseres Umfeld für Aktionäre
Noch viel entscheidender sind für das positivere Momentum japanischer Aktien die unternehmensspezifischen Faktoren. Um die Unternehmensführung stand es in der Vergangenheit im internationalen Vergleich eher unterdurchschnittlich. Doch in den letzten zehn Jahren hat Japan schrittweise das Umfeld für Aktionäre verbessert. Die jüngste Maßnahme der Tokyo Stock Exchange fordert Unternehmen auf, Ineffizienzen der Kapitalallokation anzugehen. Denn über 40 Prozent der Unternehmen im MSCI Japan Index verfügen über positive Nettoliquidität – viel mehr als in den USA (15 Prozent) oder Europa (19 Prozent). Die Folgen davon sind eine niedrige Eigenkapitalrentabilität (RoE) und ein Bewertungsabschlag japanischer Aktien. 28 Prozent der Unternehmen im MSCI Japan haben einen Kurs-Buch-Wert unter eins und 39 Prozent einen RoE unter 8 Prozent. In den USA beispielsweise liegt der Anteil mit 3 Prozent sowie 22 Prozent deutlich darunter.

 

„Die Auswirkungen der Reformen sind bereits sichtbar. Sowohl die Dividendenausschüttungen als auch die Aktienrückkäufe sind in den letzten Jahren stark gestiegen“, erklärt Tilmann Galler. Das Volumen der angekündigten Aktienrückkäufe hat 2023 einen historischen Höchststand erreicht. Der weitere Abbau der Barmittel und der Verkauf von Überkreuz-Aktienbeteiligungen zur Finanzierung von Aktienrückkäufen dürfte nach Einschätzung von Tilmann Galler zukünftig den RoE japanischer Unternehmen verbessern. Die Eigenkapitalrendite Japans könnte von 9,9 Prozent auf bis zu 12 Prozent steigen, wodurch japanische Aktien weiteren Auftrieb erhalten.

Yen als Wermutstropfen
Gleichzeitig hat jedoch der Yen in den letzten vier Jahren fast ein Drittel seines Werts gegenüber dem Euro und dem US-Dollar verloren. Dies lieferte einen kräftigen Rückenwind für den japanischen Aktienmarkt. „Die Aussicht auf tiefere Zinsen in Europa und den USA und leicht steigende Zinsen in Japan dürften zukünftig den Yen als Währung wieder attraktiver werden lassen“, sagt Tilmann Galler. Die negative Korrelation zwischen Wertentwicklung des Yen und des TOPIX der vergangenen Jahrzehnte ließe damit einen bremsenden Effekt für die zukünftige Aktienperformance erwarten. „Wir präferieren deshalb Investments in japanische Aktien ohne Währungssicherung“, führt Galler aus.

Fiesta an der Börse Madrid

Die Konjunktur in Spanien boomt – und mit ihr auch der Aktienmarkt in zahlreichen Branchen.

Stefan Riedel, München. Spaniens Wirtschaft blickt weiter sonnigen Zeiten entgegen. Der IWF prognostiziert für die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone 2024 ein Wachstum von 1,5 %. Das ist deutlich mehr als die für die Eurozone prognostizierten 0,9 % und die 0,2 %, die für Österreich erwartet werden. Bereits 2023 hatte Spanien mit einem 2,5-%-Plus beim Bruttoinlandsprodukt die meisten Industriestaaten abgehängt. Das Land ist einer der größten Profiteure des Wiederaufbaufonds der EU. Und weil die Inflation früher sank als in der restlichen EU, haben auch die Privatverbraucher mehr Geld in der Tasche. Der robuste Arbeitsmarkt und der wieder boomende Tourismus stützen den Binnenkonsum.

Boombörse Madrid
Der Leitindex der Börse Madrid, der Ibex 35, hat seit Jahresanfang um 5 % zugelegt. Damit hat er den Wiener ATX überholt und fast so gut abgeschnitten wie der S&P 500. Im Index am höchsten gewichtet sind Konzerne aus dem Finanz-, Energie- und Bausektor. Weil in diesen Branchen traditionell hohe Dividenden ausgeschüttet werden, liegt die durchschnittliche Dividendenrendite aller im Ibex 35 enthaltenen Blue Chips mit 4,4 % weit über dem europäischen Durchschnitt.

Zur Auswahl haben Anleger einen breiten Branchenmix. Vom Ende der steigenden Zinsen profitieren zum einen Firmen aus defensiven Branchen wie Versorger, zum anderen zyklische Sektoren wie Immobilien und Infrastruktur, die in Spaniens Wirtschaft eine wichtige Rolle spielen. Gut aufgestellt ist Spanien auch bei erneuerbaren Energien. Dank der vielen Sonnenstunden und freien weiten unbewohnten Flächen für Windparks ist das Land prädestiniert für die Produktion von grünem Strom. Ein weiterer Pluspunkt ist die Verflechtung vieler spanischer Unternehmen mit Absatzmärkten in Lateinamerika.

Fonds und ein attraktives Aktientrio
Der „Xtrackers Spain UCITS ETF“ ist ein kostengünstiges Vehikel, um an der Performance des Ibex 35 in der Breite zu partizipieren. Anleger müssen sich dabei immer vor Augen halten, dass Versorger, Banken und Telekom hoch gewichtet sind. Der im Oktober 1990 aufgelegte „Fidelity Iberia Fund A“ hat mit seiner Dreijahresperformance besser abgeschnitten als die beiden zugrundeliegenden Benchmark-Indizes. Neben den Blue Chips enthält der Fonds auch etliche Nebenwerte. Demgegenüber hat der „Mediolanum Challenge Spain Equity L“ ein deutlich kleineres Fondsvolumen von 45 Millionen Euro. Die Kosten sind mit 3 % vergleichsweise niedrig. Das mit rund 30 Position konzentrierte Portfolio hat in drei Jahren eine Performance von rund 20 % erzielt.

Bei den Einzelwerten bleibt der weltweit umsatzstärkste Modekonzern Inditex ein Top Pick. Mit seinen Topmarken Zara, Bershka und Massimo Dutti sollte Inditex in den nächsten zwei Jahren ein Gewinnwachstum im unteren zweistelligen Bereich schaffen. Die operative Marge von 25 % ist in der Branche top und rechtfertigt eine höhere Aktienbewertung.

Ein weltweiter Branchenchampion ist die auf Software für Reise- und Hotelbuchungen spezialisierte Amadeus IT Group. Das Unternehmen profitiert weiter von Nachholeffekten nach der Corona-Pandemie und baut das organische Wachstum über Zukäufe in neuen Marktnischen konsequent aus.

Unter den Banken ist Banco Santander bei der Relation von erwartetem Wachstum zu Aktienbewertung ein klarer Kauf. Das Geldhaus erwirtschaftet rund 45 % seiner Erträge in Europa und den USA, expandiert aber immer stärker nach Lateinamerika. Diese Strategie zahlt sich aus. Anleger können sich dank üppiger Ausschüttungen auf hohe Dividendenrenditen freuen.

Foto: Pixabay / Karabo Spain

 

 

Chinas steiniger Weg zurück

Der Exportsektor wird zu einer wichtigen Wachstumsstütze, der Konsum könnte bald folgen.

Raja Korinek. Das globale Umfeld ist nicht einfach. Die geopolitischen Konflikte spitzen sich zu, in den USA bleibt die Inflation hoch. Dennoch erhöhte der Internationale Währungsfonds kürzlich seine Wachstumsprognosen. Ihm zufolge dürfte heuer die globale Konjunktur um 3,2 % wachsen. Auch für das Reich der Mitte gibt es eine Wachstumsprognose, sie liegt bei 4,6 %. Und damit ein Stück unter den angestrebten 5 % der Regierung in Peking.

Erfolgreicher Jahresstart
Immerhin verlief das erste Quartal bereits positiv: Die chinesische Wirtschaft wuchs mit einem Plus von 5,3 % im Vergleich zum Vorjahr stärker als erwartet. Volkswirte hatten im Schnitt mit einem Zuwachs von 4,6 % gerechnet. Denn die harten Lockdowns aufgrund der Covid-Pandemie hatten selbst nach dem Ende vor knapp mehr als einem Jahr noch lange auf der Wirtschaft gelastet – ebenso wie die Immobilienkrise. „Damit das Verbrauchervertrauen wiederhergestellt wird, braucht es Zeit und staatliche Maßnahmen“, konstatiert Peter Becker, Investment Director der Capital Group. Er ist jedoch zuversichtlich, dass dies mit der Zeit gelingen werde.

Zuletzt war es vor allem der Exportsektor, der überraschend an Schwung gewonnen hat. Dabei sticht insbesondere die Energiewende hervor. Denn China verkauft unter anderem jede Menge Solarmodule, Halbleiter, Batterien und Elektroautos am Weltmarkt, und das zu sehr günstigen Preisen. Damit hat sich das Land zugleich eine Vormachtstellung gesichert, ein Umstand, der der EU zunehmend ein Dorn im Auge ist. Becker zufolge werde China auch weiter-hin eine zentrale Rolle in den globalen Handelsbeziehungen spielen, trotz aller Bemühungen Europas, den USA und anderer Länder, sich unabhängiger von China zu machen.

Chinas Börsen unter Druck
Die Vorsicht rund um Chinas Wirtschaftsentwicklung hat auch tiefe Spuren an den Aktienmärkten sowohl am Festland als auch in Hongkong hinterlassen. Der Shanghai-Index hat etwa auf ein Jahr einen Wertverlust von rund 10 % verzeichnet. Das Minus ist beim Hang-Seng-Index in Hongkong mit gut 20 % weitaus größer.

Doch wie könnte es weitergehen? Noch immer werde Anlegern ein wenig positives Bild von China vermittelt, dass sich deutlich von der vor Ort zu beobachtenden Realität unterscheide, betont John Malloy, Co-Head of Emerging & Frontier Markets beim Assetmanager Redwheel. Malloy verweist auf die erheblichen Fiskalmaßnahmen und geldpolitischen Anreize der Regierung.

So wurde zum Beispiel am 5. Feber der Mindestreservesatz um 0,5 %-Punkte gesenkt, um die Liquidität im Finanzsystem zu erhöhen. Weitere Stützungsmaßnahmen werden erwartet, um das Marktvertrauen zu stärken, wie es heißt. „Die Schritte werden sich vermutlich auf die Unterstützung der Kapitalmärkte, die Stabilisierung der Immobilienpreise und die Ankurbelung der Wirtschaftstätigkeit konzentrieren.“

Anlagechancen mit Konsum und IT
Anleger, die auf einen Aufschwung an Chinas Börsen setzen wollen, können dies etwa mit dem „Vitruvius Greater China Equity Fund“ tun, der sich auf zehn Jahre besonders gut halten konnte. Die größte Gewichtung entfällt auf den Konsumsektor, etwa mit der Anhui Gujing Distillery, gefolgt vom IT-Sektor. Dazu zählt Netease, das unter anderem Online-Spiele anbietet.

Netease ist auch Teil des „Alphabeta Access Products WANT“-Indexzertifikats von Morgan Stanley. Auch Tencent, Alibaba und Weibo sind Teil davon. Anleger müssen bei beiden Produkten beachten, dass auch größere Verluste möglich sind.

Foto: Pixabay / Ilama2014020

 

 

Kreislauf statt Müll

Im Spannungsfeld zwischen Produktionssteigerung und Abfallreduktion.

Christian Sec. Wenn es nach dem Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft der EU geht, soll die Wegwerfgesellschaft bald der Vergangenheit angehören, genauso soll die Abfallmenge nicht mehr eins zu eins von der Produktionsmenge abhängen. Insbesondere die Lebensdauer von Produkten und ihre Wiederverwendbarkeit zu erhöhen, steht daher im Zentrum der politischen Anstrengungen.

Bei Wienerberger soll der Anteil von Produkten mit extrem langer Lebensdauer bis 2026 auf mehr als 80 % und jener von recycelbaren Produkten auf 90 % ansteigen. Das Nachhaltigkeitsprogramm von Wienerberger sieht infolgedessen bis 2026 eine 15 %ige Reduktion des an den Produktionsstätten anfallenden Abfalls vor. Bei Betonflächenbefestigungen werden so Kies und Sand durch sekundäre Zuschlagsstoffe aus eigenem Produktionsabfall ersetzt. Insgesamt lag das Abfallaufkommen von Wienerberger 2023 bei 95.336 Tonnen. Dabei zeigt sich auch ein Trend zu sogenannten weniger gefährlichen Abfällen (schädigend für Gesundheit und Umwelt). So stieg der Anteil an nicht gefährlichen, recycelbaren Abfällen von 67 auf 76 %.

Gute Auftragslage, steigende Abfälle
Der Bausektor gehört zu jenen Branchen, die besonders viele Ressourcen in Anspruch nehmen und Abfälle verursachen. Porr hat sich auf die Aufbereitung von Bau- und Abbruchabfällen sowie Bodenaushüben spezialisiert, die laut Porr rund 75 % des gesamten Abfallstroms in Österreich ausmachen. In eigenen Anlagen sowie durch gezielte Forschung werden diese und auch industrielle Abfälle so aufbereitet, dass sie erneut genutzt werden können. Wie die Ökodesign-Verordnung der EU vorsieht, wird bereits in der Planung von Bauprojekten die Einbeziehung von Abfall und Recycling mitberücksichtigt. Eine kontinuierliche Reduktion des Gesamtabfallaufkommens gestaltet sich herausfordernd, da die Abfallmengen je nach Auftragslage und durch Umbauten von Betriebsstandorten stark schwanken können, schreibt der Baukonzern in seinem Nachhaltigkeitsbericht. So stieg das Abfallaufkommen im Vorjahr auf rund 10.650 Tonnen und war damit rund 1.500 Tonnen höher als im Jahr zuvor. Um das Abfallaufkommen zu minimieren, nutzt das Unternehmen innovative Softwarelösungen. Dabei führt der Konzern überschüssiges Materialangebot mit entsprechender Nachfrage zusammen.

Reduktion des Abfallziels
Mit dem Ziel, gefährlichen Abfall zu vermeiden, sowie eine schonende Verwendung von Kupfer zu gewährleisten, hat der Leiterplattenhersteller AT&S ein Kupferrecyclingprojekt initiiert. Nach der Implementation des Recyclingprozesses können mit dieser Methode 75 % des eingesetzten Kupfers zurückgewonnen werden.

Bei Semperit werden derzeit Abfälle aus dem Post-Industrial-Bereich, die nicht wiederverwertet werden können, verbrannt. Daher forscht das Unternehmen derzeit an Möglichkeiten, diese Recyclingprozesse zukünftig abdecken zu können. Mit Hilfe von externen Partnern werden Produktionsabfälle von Fenster-, Tür und Fassadendichtungen devulkanisiert und das daraus gewonnene Rezyklat zurück in den eigenen Produktionskreislauf der Profilfertigung integriert.

Insgesamt betrachtet wurde aber mit dem Medizinsektor der Geschäftssektor mit dem größtem Einsparpotenzial im Bereich Energie und Abfall verkauft. Bei den verbliebenen Bereichen gibt es vergleichsweise nur ein geringes oder gar kein Einsparpotenzial. Durch die Adaption der Ziele nach dem Verkauf der Medizinsparte wurde das Abfallreduktionsziel auf 7 % zurückgesetzt, zuvor lag es bei 30 %.

Foto: Pixabay / AbsolutVision

 

 

Positive Signale für Emerging Markets

Ein Kommentar von Peter Becker, Investment Director bei Capital Group.

(16.04.2024) Die Situation der Emerging Markets (EM) hat sich nach der Corona-Pandemie neu geordnet. Die nächste Wachstumsphase von EMs wird anders verlaufen als in den letzten 20 Jahren: Chinas Wirtschaft durchläuft eine schwierige Phase der Reformen. Geopolitische Spannungen und die Energiewende treiben Investitionen immer mehr in Richtung der EMs, um dort zu produzieren und den Bedarf an natürlichen Ressourcen zu decken. Peter Becker, Investment Director bei Capital Group, erklärt die Trends und Chancen, die sich aus dieser Entwicklung ergeben.

„In vielen Schwellenländern schwächt sich die Inflation momentan ab, was die jeweiligen Zentralbanken zu Zinssenkungen bewegen könnte“, erläutert der Experte. Unter anderem Brasilien, Chile, Ungarn und China hätten damit bereits begonnen und dürften ihren Volkswirtschaften damit Auftrieb verleihen. Das sollte sich auch positiv auf die jeweiligen Aktienmärkte auswirken.

Im Vergleich zu früheren Zeiten stünden viele Schwellenländer außerdem wirtschaftlich deutlich solider da. Zwischen 2019 und 2021 habe sich die Summe der Bilanzüberschüsse aller Schwellenländer mehr als verdreifacht. „Reformen haben die Geschäftstätigkeit in Ländern wie Indien erleichtert. Die indische Regierung hat unternehmensfreundliche Reformen und ein digitales Identifizierungssystem eingeführt, die das Wachstum beschleunigt haben, indem sie die Ausweitung der Kreditvergabe erleichtert und große Teile der Wirtschaft in den formellen Sektor gebracht haben“, sagt Becker. „Indonesien wiederum hat mehr Flughäfen, Straßen und Seehäfen gebaut, mehr Industriezweige für ausländische Investitionen geöffnet und versucht, durch Änderungen des Arbeits- und Steuerrechts Bürokratie abzubauen.“

China ist der Elefant im Raum
Der rasante Aufstieg der chinesischen Wirtschaft hätte seinen Höhepunkt im Jahr 2020 erreicht. Die Wachstumsraten dürften sich in den nächsten Jahren verringern und China müsse in höhere Stufen der Wertschöpfungskette in Produktion und Technologie aufsteigen. In Bereichen wie der Robotik und der Batterietechnologie für Elektrofahrzeuge beweise China bereits seine Fähigkeiten als High-End-Hersteller. Der Aufstieg der chinesischen Elektroauto-Industrie könne sogar die Dominanz der deutschen Autohersteller gefährden, was jedoch auch davon abhängig sei, wie sich der chinesische Konsumentenmarkt entwickele. „Das Vertrauen der Verbraucher ist durch die strengen COVID-Sperren und die Probleme im Immobiliensektor erschüttert worden und wird sowohl Zeit als auch staatliche Maßnahmen benötigen, um wiederhergestellt zu werden. Dennoch bleiben wir optimistisch, dass dies mit der Zeit geschehen wird“, so Becker.

China wird laut Becker weiter eine zentrale Rolle in den globalen Handelsbeziehungen spielen, trotz aller Bemühungen von Europa, den USA, Japan, Indien und anderer Länder sich unabhängiger von China zu machen. In den letzten Jahren hätten sich viele Investoren von China abgewandt. Der Ausverkauf chinesischer Aktien seit 2021 habe Anleger anfällig für Volatilität gemacht, insbesondere diejenigen, die über ein passives Indexvehikel in China investiert gewesen seien. Peter Becker sieht darin eine gute Gelegenheit für aktive Manager: „Es ist die Aufgabe von Vermögensverwaltern und anderen Anlegern, aus erster Hand zu untersuchen und zu kalibrieren, welche Bereiche, Branchen und Unternehmen am besten positioniert sind, um von diesen säkularen Verschiebungen und Trends zu profitieren.“

EMs könnten von geopolitischen Spannungen profitieren
Länder wie Indonesien, Indien, oder Mexiko seien nicht mehr abhängig von einer ökonomischen Supermacht, sondern könnten sowohl mit den führenden westlichen Industrienationen als auch mit China handeln. Der Wunsch nach einer Diversifikation der Lieferketten bei vielen multinationalen Unternehmen komme den Emerging Markets ebenfalls zugute. „Wenn ein multinationales Unternehmen eine Produktionsstätte baut, zieht dies häufig Investitionen anderer Unternehmen aus dem Ökosystem der Zulieferer nach sich, die ebenfalls eine physische Präsenz in dieser bestimmten Region aufbauen”, erklärt Becker.

Indonesien versuche sich als wichtiger Nickelverarbeiter zu einem integralen Bestandteil der Lieferketten für Elektroauto-Batterien zu entwickeln. Das locke bereits Milliarden an Investitionen aus China in den Inselstaat und habe Vereinbarungen über Beteiligungen an der Nickelverarbeitung mit multinationalen Unternehmen wie dem südkoreanische Autokonzern Hyundai, dem deutschen Chemiekonzern BASF und dem US-Automobilhersteller Ford gebracht.

Mexiko habe vor Kurzem China als größten Handelspartner der USA verdrängt. Die Investitionen in das Land würden sich heute nicht mehr weitestgehend auf die Automobilbranche und die Herstellung von kleinen Elektrogeräten beschränken, sondern hätten sich auf medizinische Geräte, komplexere Elektronik, Möbel und allgemeine Industriegüter erweitert. Ausländische Direktinvestitionen von Autoherstellern wie Tesla oder BMW und Herstellern von elektronischen Bauteilen wie Bosch oder Continental hätten stark zugenommen.

Indien habe seine Produktionskapazitäten für Mobiltelefone, Haushaltsgeräte, Computer und Telekommunikationsgeräte ausgebaut. Im Ausland habe Indien einige große Unternehmen davon überzeugen können, in diese Kapazitäten zu investieren, darunter Apple, Foxconn, Daikin und Mitsubishi Electric. Die indische Strategie sei zweigleisig: Zunächst sollen die Kapazitäten zur Versorgung der eigenen Bevölkerung ausgebaut werden, um über einen längeren Zeitraum auch ein größerer Akteur auf den Exportmärkten zu werden. Der groß angelegte Ausbau der Infrastruktur solle die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums fördern.

Die Energiewende könne ein weiterer Rückenwind für das Wachstum sein. „Mit dem weltweiten Bestreben, energieeffiziente Fahrzeuge, Stromnetze und Gebäude zu bauen, steigt die Nachfrage nach Kupfer, Nickel, Eisenerz und Lithium. Wir gehen davon aus, dass dies zu größeren Investitionen in neue Bergbauprojekte in Teilen Afrikas, Südamerikas und Asiens führen wird“, prognostiziert Becker.

Stabilisator aus dem Südosten

Der CEE-Markt hat für heimische Immobilienentwickler eine stabilisierende Wirkung.

Christian Sec. 2023 sah sich der Immobilienmarkt mit massiven Zinserhöhungen konfrontiert, was zwar die Immobilienrenditen in allen Anlageklassen erhöhte, sich aber negativ auf die Immobilienwerte auswirkte. So verzeichneten die Bestandsimmobilien des Immobilienentwicklers Immofinanz Abwertungen von 186,8 Millionen Euro. Dabei war der Euroraum stärker von den Abwertungen betroffen als der CEE-Raum. Die Renditen in den Jahren davor waren aufgrund der niedrigen Zinsen und der hohen Aufwertungen der Immobilien stark gestiegen. Der Effekt in Westeuropa war dabei stärker als im CEE-Raum, erklärte die Immofinanz auf Anfrage des Börsen-Kurier.

Bei der CA Immo beträgt der CEE-Anteil am Gesamtportfolio des Büroimmobilienspezialisten etwa 27 %, jedoch betrafen nur rund 16 % der gesamten Abwertungen, rund 87 Millionen Euro, im vergangenen Jahr diese Region. Aktuell sind in den CEE-Märkten die Immobilienwerte stabiler im Vergleich zu den steigenden Finanzierungskosten, zieht die CA Immo einen Vergleich zu Westeuropa. Viele Analysten gehen davon aus, dass die Finanzierungskosten in der CEE-Region wohl noch für längere Zeit deutlich höher liegen werden als in der Eurozone. Hohe Inflationsraten von bis zu 20 % im CEE-Raum haben zu höheren Leitzinsen der CEE-Notenbanken im Vergleich zur EZB geführt.

Höhere Renditen
Zum Unterschied zu den reiferen Immobilienmärkten in Westeuropa bieten die CEE-Märkte höhere Renditen bei geringeren Transaktionsumsätzen, so die Immofinanz. Dabei bestehe in Zentral- und Osteuropa nach wie vor Aufholbedarf in puncto nachhaltiger und innovativer Office- und Retail-Lösungen. Die Spitzenrenditen liegen in den großen CEE-Metropolen Budapest (6,75 %), Prag (5,40 %), Warschau (5,85 %) über denen von Wien (5,0 %) oder den deutschen Städten, wie die Zahlen des CA-Immo-Geschäftsberichts zeigen.

Für Warimpex, den Immobilienentwickler von Büros und Hotels, ist Polen mit einem Portfolio-Anteil von mehr als 40 % einer der wichtigsten Märkte. Das Unternehmen sieht gerade in der höheren Wachstumsdynamik der Gesamtwirtschaft die Attraktivität des Marktes. „Das wirkt sich positiv auf den Büromarkt aus“, so die Warimpex. Vor allem auch deswegen, weil das dynamischere Wachstum auf ein knappes Angebot stößt. Viele Büroprojekte wurden während Covid eingestellt, hört man aus der Branche.

Unterschiedliche Schwerpunkte
Für die CA Immo liegt der Fokus in den CEE-Ländern auf gewerblichen Klasse-A-Gebäuden in den jeweiligen Hauptstädten. In den CEE-Ländern bedeutet dies nach dem angekündigten Marktausstieg aus Ungarn: Konzentration auf Prag und Warschau im Prime-Bürobereich. Bei der Immofinanz liegt der CEE-Anteil im Bestandsportfolio bei rund drei Viertel, wobei im Gegensatz zu ihrem Bestand in Österreich und Deutschland ein stärkerer Fokus auf das Einzelhandelssegment gelegt wird. So steht die Stärkung des Einzelhandelsportfolios durch Eigenentwicklungen sowie selektive Zukäufe im Fokus. In Kroatien entstehen der-zeit sechs neue Retail-Parks. Die Warimpex wiederum konzentriert sich auf hochqualitative Büro-Developments in mittelgroßen Städten Polens.

Foto: AdobeStock / stanciuc

 

 

Trendwende bei den Security-Aktien

Sicherheit ist in schwierigen Zeiten gefragt – die Investoren profitieren von steigenden Kursen.

Roman Steinbauer. Die Aktiennotiz des prominenten schwedischen Vertreters der Sicherheitsbranche, Securitas, war eine der Enttäuschungen des Vorjahres: Von Juli 2021 bis zum Sommer 2023 halbierte sich diese an der Frankfurter Börse bis auf 7 Euro. Seit November streben die Kurse nun wieder kräftig nach oben. In der Vorwoche waren bereits 9,65 Euro für einen Anteilschein aufzuwenden. Securitas ist als Sicherheitsdienstleister auf persönliche Überwachungen samt individueller Lösungen spezialisiert. Aber auch Alarmsysteme für Unternehmen, Eigenheime und Privatpersonen ergänzen das Angebot. Die Kundenstruktur der Gesellschaft mit Sitz in Stockholm umfasst den Einzelhandel, die Energieversorgung, das Gesundheitswesen, die Finanzbranche als auch öffentliche Veranstaltungen. Das zu 100 % im Eigentum stehende Tochterunternehmen Pinkerton Consulting & Investigations bietet außerdem Sicherheitsberatungen und Ermittlungsdienste an.

Völlig anders sieht die Charakteristik des Kursverlaufs der US-Aktien der The Brink’s Company aus Virginia aus. Ein steiler Aufwärtstrend hält bereits seit 16 Monaten an, der das Papier (ebenso in Frankfurt gelistet) von 50 auf 85 Euro hob. Vorwiegend in Nordamerika und Europa tätig, bietet das Unternehmen aus Richmond Sicherheits- und Autotransporte, ebenso aber auch ein Cash Management (wie Bargeldversorgungen und Serviceleistungen für Geldautomaten) an. Speziell liegt der Fokus zudem auf dem Transport von Diamanten, Juwelen, Edelmetallen und Pharmazeutika. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist mit dem Faktor 47 sehr hoch, die Dividenden-Rendite mit 1,07 % niedrig. Die hohe Bewertung liegt unter anderem aber an einem hohen Cash-Bestand der Firma, der für sich bereits 26 USD (24,05 Euro) per Aktie ausmacht.

Etablierter, starker Aufwärtstrend
Unter Investoren zogen seit Dezember besonders auch die Titel der britischen Synectics die Aufmerksamkeit auf sich. Die Notiz katapultierte sich seitdem von umgerechnet 1,25 auf 2,05 Euro nach oben. Die Gesellschaft aus Sheffield implementiert Elektronik- und Softwaresicherheitssysteme.

Als Aufsteiger präsentierten sich seit August ebenso die Aktien der Geo Group (Sicherheitslösungen bis allgemeine Dienstleistungen für Liegenschaften). Die Valoren des Anbieters aus Florida verbuchen seitdem ein Plus von 115 % auf 14,60 Euro (KGV derzeit 22).

Ein weltweit bedeutender Mitbewerber ist hingegen seit April 2021 nicht mehr börsennotiert: Die Anteile der dänisch-britischen G4S Gruppe (global mit mehr als 800.000 Mitarbeitern in mehr als 85 Staaten aktiv) wurden vor drei Jahren vom US-Konkurrenten Allied Universal (Allied selbst ist nur mit Anleihen an den Märkten gelistet) aufgekauft.

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Wenn die Schwankungen zunehmen

Die Inflation ist hartnäckig, geopolitische Konflikte verschärfen sich: Gezielte Strategien sind gefragt.

Raja Korinek. Das neue Börsenjahr ist bislang gut gestartet. In den USA bleibt die Künstliche Intelligenz (KI) tonangebend und zieht entsprechend die Branchenaktien nach oben. In Europa gibt es weitere Treiber. So legten in Deutschland etwa Rüstungsaktien kräftig zu und Bankenwerte profitierten von höheren Zinsen. Damit verbessert sich deren Marge, da höhere Zinsen meist nur an Kreditnehmer, jedoch nur in geringem Ausmaß an Sparer weitergereicht werden.

Zuletzt waren auch Hoffnungen auf sinkende Zinsen ein breiter Markttreiber, so vor allem für Wachstumsaktien. Denn damit vergünstigen sich deren Finanzierungskosten, da solche Unternehmen oftmals noch keine Gewinne schreiben. Doch mittlerweile gibt es wachsende Zweifel rund um den Start der geldpolitischen Lockerungen, allen voran in den USA. Allein im März stieg die Inflation um 3,5 % und damit stärker als erwartet. So richtig Öl ins Feuer gossen jüngst zudem Aussagen regionaler Mitglieder der US-Notenbank, so etwa von Lorie Logan aus Dallas. Sie äußerte sich skeptisch über eine allzu frühe Senkung und verwies nebst der hartnäckigen Inflation auf das anhaltend hohe Wirtschaftswachstum.

Konflikte spitzen sich zu
Hinzu kommen weitere Faktoren. Auf sie verweisen die Private-Banking-Experten der Steiermärkischen Sparkasse. Alexander Eberan, Leiter Private Banking in Wien, hebt etwa die bevorstehende US-Wahl sowie die geopolitischen Konflikte hervor. Allein im Nahen Osten sowie in der Ukraine spitzen sich die Ereignisse zu. Eine Verschärfung könnte letztendlich den Ölpreis weiteren Rückenwind verschaffen, ein Umstand, der die Inflation wiederum kräftig anheizen würde. „Dass der aktuelle Höhenflug an den Börsen in eine stärkere Volatilität übergeht, ist sehr wahrscheinlich“, so das Fazit. Die Frage sei nur, wann dies passieren werde.

Ein guter Indikator können Volatilitätsindizes sein. So misst der VIX die erwartete künftige Schwankung – die implizite Volatilität – des S&P 500 auf die jeweils kommenden 30 Tage anhand von Optionen. Zuletzt lag der VIX bei 16,28 Punkten (per 11.4.). Zum Vergleich: Als die Börsen zu Beginn der Corona-Pandemie einbrachen, schnellte der Index auf knapp 83 Punkte. In Europa misst wiederum der VSTOXX die vom Markt erwartete Schwankungsbreite des Euro-Stoxx-50-Index auf die jeweils kommenden 30 Tage. Hier verharrt der Index derzeit ebenfalls auf sehr niedrigem Stand.

Strategien gegen Schwankungen
Anleger, die mit einem Anstieg rechnen, können darauf etwa mit dem Indexzertifikat der Société Générale setzen. Eine weitere Möglichkeit bieten Low-Volatility-Fonds, so etwa das „AB SICAV I – Low Volatility Equity Portfolio“. Dabei wird auf Qualitätsaktien gesetzt, die nach Meinung des Fondsmanagements geringere Schwankungen als der Gesamtmarkt aufweisen. Beinahe 40 % des Fonds entfallen derzeit auf IT-Unternehmen, etwa auf Microsoft und Alphabet, gefolgt von Finanzen und dem Gesundheitswesen. Dazu zählt beispielsweise der US-Pharmakonzern Merck. Überhaupt entfällt regional der größte Anteil auf die USA, gefolgt von UK und Kanada.

Im „Invesco Euro Stoxx High Dividend Low Volatility UCITS ETF“ liegt der Fokus auf den 50 dividendenstärksten europäischen Unternehmen mit möglichst geringer Volatilität. Unternehmen aus Italien und Deutschland sind besonders hoch gewichtet, so etwa Mercedes-Benz oder Intesa-Sanpaolo. Verluste sind jedoch auch bei all diesen Produkten möglich.

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Fünf Gründe für Anleger optimistisch zu bleiben

Von Matthias Mohr, Managing Director Financial Intermediaries Germany & Austria bei Capital Group.

(09.04.2024) Angesichts der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, der schwelenden Spannungen zwischen den USA und China und eines umstrittenen US-Präsidentschaftswahlkampfs sind viele Anleger weiterhin verunsichert. Aber es gibt auch positive Trends, die häufig von negativen Ereignissen überschattet werden. Matthias Mohr, Managing Director Financial Intermediaries Germany & Austria bei Capital Group, identifiziert fünf Gründe für Anleger, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

1. Die USA sind stärker als gedacht
Die erwartete Rezession habe sich in den USA nicht eingestellt. Trotz einer hohen Inflation und steigenden Zinsen sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2023 um 3,3 Prozent gestiegen. Mohr glaubt, dass diese Entwicklung nachhaltig ist: „Der amerikanische Verbrauchersektor lässt weiterhin seine Muskeln spielen. Im Januar kreierte die Wirtschaft 353 000 neue Arbeitsplätze. Dazu stiegen die Löhne im Jahresvergleich um 4,5 Prozent – ein robustes Tempo, das sich wahrscheinlich verlangsamen wird. Dennoch können anhaltende, wenn auch moderatere Arbeits- und Einkommenszuwächse das Wachstum der Verbraucherausgaben weiterhin unterstützen. Auch die nachlassende Inflation dürfte das reale Einkommenswachstum, insbesondere bei Arbeitnehmern mit geringem Einkommen, unterstützen.“

Darüber hinaus scheine sich der US-Wohnungsmarkt angesichts sinkender Hypothekenzinsen zu erholen und es gebe erste Anzeichen für eine Belebung der verarbeitenden Industrie, da die Unternehmen damit beginnen würden, ihre Lagerbestände aufzufüllen. Auch die Bemühungen der US-Notenbank Fed, die Inflation zu senken und zeitgleich das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten würden dazu beitragen, dass die USA die Krise stärker überwunden habe, als zunächst angenommen.

2. Künstliche Intelligenz (KI) wird Produktivität weiter steigern
Mit der Einführung von ChatGPT und anderen KI-Tools sei das enorme Potenzial, das diese Technik für die Produktivitätssteigerung haben könne, offensichtlich geworden. Es gebe bereits erste Beispiele dafür, wie KI für mehr Effektivität in Unternehmen sorgen könne. Mastercard setze beispielsweise generative KI ein, um die Mitarbeiterrekrutierung zu optimieren und Zahlungsbetrug zu erkennen. Amazon nutze KI in seinen Amazon Go-Filialen, um den Verbrauchern zu ermöglichen, Artikel mitzunehmen und über die Amazon-App zu bezahlen, ohne an der Kasse anstehen zu müssen. Und Krankenhäuser würden mit Hilfe von KI Verwaltungsaufgaben rationalisieren und so Personalengpässe beheben.

„Natürlich überschätzen wir oft die kurzfristigen Auswirkungen neuer Technologien und unterschätzen ihre langfristigen Folgen. Für Anleger ist es wichtig zu unterscheiden, was ein Hype ist und was eine greifbare Investitionsmöglichkeit darstellt. Etwas mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung von ChatGPT ist KI jedoch nicht mehr nur ein Schlagwort“, resümiert der Experte.

3. Weitere Aktien werden an Wert gewinnen
Im vergangenen Jahr hätten die Aktienmärkte überraschend robuste Rendite erzielt. Zu einem überwältigen Anteil seien dafür die „Magnificent Seven“, also Apple, Meta, Microsoft, NVIDIA, Amazon, Alphabet und Tesla, verantwortlich gewesen. Die verbesserte wirtschaftliche Situation der USA dürfte laut Mohr dafür sorgen, dass auch die restlichen 493 Unternehmen im S&P 500 an Wert gewinnen. Die Analysten der Wall Street erwarteten in diesem Jahr ein gesundes Wachstum an allen wichtigen Märkten.

„Es gibt in allen Märkten und Branchen Innovatoren, die Strategien zum Wachstum ihrer Unternehmen anwenden. In den USA verzeichnete der Klimaanlagenhersteller Carrier Global angesichts der Rekordtemperaturen in Regionen auf der ganzen Welt eine steigende Nachfrage nach seinen energieeffizienten Systemen. In Japan ist SMC ein führender Hersteller von Komponenten für die Fabrikautomation“, erklärt Mohr.

4. Schwellenländer profitieren von Neuausrichtung des Welthandels
Die eskalierenden Spannungen zwischen den USA und China hätten für Zölle und Handelsbeschränkungen gesorgt, welche sich negativ auf die weltweiten Warenströme ausgewirkt hätten. Verstärkt worden sei dies durch die COVID-19-Pandemie, die ernsthafte Schwachstellen in den Lieferketten aufgedeckt habe, da Betriebsstillstände und Arbeitskräftemangel zu Engpässen und Verzögerungen geführt hätten. Mohr sieht in dieser Entwicklung jedoch auch positives: „Der Welthandel ist nicht tot, er ist nur im Wandel. Um das Risiko einer übermäßigen Abhängigkeit von einer einzigen globalen Lieferkette zu verringern, entwickeln Regierungen und Unternehmen mehr Handelsbeziehungen, viele davon regional.“

Gerade für Schwellenländer würden diese Veränderungen Chancen bieten. So habe Mexiko China als wichtigsten Handelspartner der USA abgelöst. Das Land profitiere dabei von niedrigeren Arbeitskosten, reichlich im Land vorkommenden natürlichen Ressourcen und der geographischen Nähe zu den USA. Mohr glaubt, dass ähnlich wie Mexiko auch andere Schwellenländer, wie etwa Indien, Thailand, Indonesien oder Singapur, von der Umstrukturierung globaler Lieferketten profitieren könnten.

5. Große Innovationen im Health-Care-Bereich
„Pharma- und Biotechnologieunternehmen sind in den letzten Jahren in ein goldenes Zeitalter der Arzneimittelentdeckung eingetreten, indem sie Therapien für ein breites Spektrum wichtiger Krankheiten entwickelt und Leben verlängert und verbessert haben“, sagt der Experte. Viel Aufmerksamkeit hätten dabei die neuen Medikamente zur Bekämpfung von Fettleibigkeit erfahren. Hinzu kämen innovative Blutzuckermessgeräte mit eingebauter Insulinpumpe und die berechtigte Hoffnung, dass mit Hilfe der genetischen Sequenzierung zelltherapeutische Krebstherapien bald mit traditionellen Behandlungsmethoden konkurrieren könnten.

Bei all der Aufbruchsstimmung im Gesundheitsbereich mahnt Mohr jedoch: „Innovation ist zwar ein wesentlicher Werttreiber im Gesundheitssektor, aber nicht alle Innovationen werden erfolgreich sein. Investoren müssen andere Faktoren berücksichtigen, darunter das Potenzial der gesamten Entwicklungspipeline eines Unternehmens, die Qualität des Managements und den potenziellen Markt für die Therapien.“

Wohin steuert der Ölpreis?

Die Ölnotierungen legen derzeit zu. Für Anleger gibt es neue Chancen.

Raja Korinek. Die Entwicklungen beim Ölpreis sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Anfang März trafen sich die Mitglieder des internationalen Ölkartells Opec samt ihren Verbündeten, zu denen etwa Russland zählt. Dabei wurde die freiwillige Produktionsdrosselung bis Juni verlängert.

Grund für die Entscheidung war der gesunkene Ölpreis. Allein die Nordseemarke Brent hatte im März 2022 ein Zwischenhoch von knapp 130 USD je Fass erreicht, nachdem in der Ukraine Krieg ausgebrochen war. Aufgrund zahlreicher Maßnahmen, so etwa das Anzapfen der strategischen Reserven in den USA, sank die Notierung Monate später wieder und verharrte danach in einem breiten Seitwärtstrend zwischen 70 und kurzzeitig bis zu 90 USD.

Geopolitik treibt den Preis an
Zuletzt gewann die Notierung jedoch wieder an Schwung. Binnen weniger Tage war der Brent-Preis auf mehr als 90 USD zügig geschnellt. Grund für den Auftrieb sind aktuelle geopolitischen Spannungen im Nahen Osten. Meldungen zufolge wurden jüngst zwei iranische Generäle in Syrien durch israelische Luftangriffe getötet, Teheran kündigte umgehend Gegenmaßnahmen an.

Die Sorge rund um die globale Ölversorgung wächst damit. Schließlich ist der Iran einer der weltweit größten Ölproduzenten und fördert rund 3,8 Mio Fass pro Tag. Auch könnte das Land die Straße von Hormus blockieren, ein Umstand, der weitreichende Folgen für die Versorgung haben könnte. So wird über diese Schiffsroute rund ein Fünftel der globalen Ölversorgung transportiert.

Die US-Nachfrage steigt
Doch wie sehen die Entwicklungen auf der Nachfrageseite aus? Hier zeichneten sich jüngst Zuwächse ab. Allein Mitte März wurde bekannt, dass die US-Rohöllagerbestände in der Woche zuvor – überraschend – um 1,5 Mio Fass gesunken waren. „Die Entwicklung lässt auf eine starke Nachfrage beim weltweit größten Ölverbraucher schließen“, konstatiert Ulrich Stephan, Chefanlagestratege Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. Der Experte meint, dies, gepaart mit den geopolitischen Spannungen, dürfte den Ölpreis vorerst hochhalten. Er mahnt jedoch auch, die US-Ölproduktion nicht zu unterschätzen. Sie erreichte im Dezember mit durchschnittlich 13,3 Mio Fass pro Tag einen Rekordwert. Damit könnte ein allzu kräftiger Preisanstieg ein wenig im Zaum gehalten werden.

Begrenztes Potenzial nutzen
Anleger, die dem Brent-Ölpreis noch ein wenig Spielraum nach oben einräumen, können auf solch eine Entwicklung mit einem Discount-Zertifikat setzen. Mit diesem Produkt kauft man sich in den Basiswert günstiger ein, als dieser an der Börse kostet. Doch dafür profitiert man von Kursanstiegen des Basiswertes nur bis zu einem fixen Cap. Nach unten gibt es einen Verlustpuffer in Höhe des Diskonts, zu dem man den Basiswert günstiger erworben hat. Erst wenn der Kurs des Basiswertes derart kräftig sinkt, so dass der Puffer aus dem Diskont aufgebraucht ist, erleidet man auch mit dem Zertifikat einen Verlust. Dann ist zugleich der sogenannte Break-Even-Punkt unterschritten worden.

Ein solches Produkt bietet die BNP Paribas an (ISIN: DE000PC3RMF0). Der Cap liegt bei 90 USD, der aktuelle Break-Even-Kurs (per 4. April) bei 82,56 USD. Bewertungstag ist am 26.7.2024. Die Société Générale bietet ein Discount-Zertifikat (DE000SU9EEN1) mit einem Cap von 92 USD an. Der aktuelle Break-Even-Kurs liegt bei 83,37 USD. Bewertungstag ist ebenfalls am 26.7.2024. Bei beiden Produkten sind Verluste möglich.

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Die Ruhe vor dem Bitcoin-Halving

Wie man mit Zertifikaten auf das Potenzial der Kryptowährung setzen kann.

Patrick Baldia. Dass mit Investments in Bitcoin bzw. Kryptowährungen hohe Volatilität verbunden ist, konnten Anleger einmal mehr im März erleben. Nachdem die größte digitale Währung zur Monatsmitte mit fast 74.800 USD ein neues Rekordhoch erreichte, ging der Kurs auf 60.700 USD zurück, nur um Ende März wieder die 70.000-USD-Marke zu durchbrechen. Dahinter stehen für Experten hohe Abflüsse aus den Bitcoin-Spot-ETFs, die ja erst im Jänner von der US-Börsenaufsicht SEC zugelassen wurden – der Börsen-Kurier berichtete umfassend. Viele Anleger hätten nach den starken Kursanstiegen davor einfach nur Kasse machen wollen.

Insgesamt soll sich die Zulassung von Bitcoin-ETFs jedenfalls positiv auf den Bitcoin-Kurs auswirken und vor allem der Krypto-Branche zu mehr Akzeptanz und Institutionalisierung verhelfen. Maßgeblich verantwortlich für die starke Kursentwicklung seit dem Vorjahr – für die vergangenen zwölf Monate steht ein Plus von rund 145 % zu Buche – soll allerdings das bevorstehende „Halving“ sein. Zur Erinnerung: Alle vier Jahre wird die Belohnung, die die Miner für das Schürfen von Bitcoins erhalten, halbiert. „Die so künstlich herbeigeführte Verknappung führt zu einer abnehmenden Wachstumsrate der Bitcoin-Menge und stellt das Grundprinzip des deflationären Charakters des Bitcoins dar“, erklärt Manuel Schleifer, Finanzmarktstratege bei Raiffeisen Research, in einer aktuellen Analyse.

Tatsächlich folgten auf die letzten drei Halvings außergewöhnliche Kursanstiege. Schleifer empfiehlt den Event, den er für den 20. April prognostiziert, jedenfalls nicht unter-, aber auch nicht überzubewerten. „Wir sehen es als durchaus wahrscheinlich an, dass ein Gutteil des Aufwärtspotenzials bereits eingepreist ist und raten davon ab, das Halving als primären Grund für den Bitcoin-Kauf heranzuziehen“, meint er.

Investieren ohne Krypto-Broker
Neben einschlägigen ETFs kann man auch mit Zertifikaten das Thema Bitcoin spielen.

Im Dezember 2023 hat etwa die Raiffeisen Bank International (RBI) ein einschlägiges Produkt auf den Markt gebracht. Konkret basiert das Index-/Partizipations-Zertifikat „Long Bitcoin Future“ auf dem Bitcoin Future in US-Dollar, der an der US-Optionsbörse CME gehandelt wird.

„Wir wollten für Anleger die Möglichkeit schaffen, wertpapier-basiert an der Entwicklung des Bitcoin-Future zu partizipieren“, sagt Philipp Arnold, Head of Department Certificates Sales & Marketing bei der RBI, zum Börsen-Kurier.

Bei den Kunden sei das Zertifikat jedenfalls gut angekommen, so Arnold, der auf einen entscheidenden Unterschied gegenüber einem direkten Investment in den Bitcoin hinweist: Anleger benötigen keinen Zugang zu einem Krypto-Broker bzw. ein einschlägiges Wallet, um in das Potenzial der digitalen Währung investieren zu können. Das trifft zwar auch auf die US-Bitcoin-Spot-ETFs zu. Nur sind diese in den meisten europäischen Ländern aufgrund der UCITS-Richtlinien nicht zugelassen. Der hohen Schwankungsbreite des Bitcoin-Kurses könnten sich Anleger freilich auch mit dem Index-/Partizipations-Zertifikat nicht entziehen, warnt Arnold. Dazu komme das Währungsrisiko. Der Hintergrund: der Future notiert in US-Dollar, das Zertifikat in Euro.

Partizipationszertifikate auf den Bitcoin bietet auch Vontobel an, etwa das Open „End Partizipationszertifikat (EUR) I“, ebenso wie eine Vielzahl an Mini-Futures. Mit letzterem Hebelprodukt haben Anleger die Möglichkeit, bereits mit kleinen Beträgen überproportional am steigenden oder fallenden Kurs des Bitcoins zu partizipieren. Eine Stop-Loss-Barriere soll wiederum Schutz vor einem Totalverlust bieten.

Zu weiteren interessanten Produkten gehören unter anderem „21Shares Bitcoin“ und „21Shares Bitcoin Core“, die beide zu 100 % physisch mit der Cyberwährung unterlegt sind und dessen Performance abbilden.

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Wenn Sicherheit an Wert gewinnt

Der Bedarf an Schutz nimmt weltweit zu. Das eröffnet langfristige Investmentchancen.

Raja Korinek. Die geopolitischen Konflikte spitzen sich weiter zu: Sowohl zum Nahostkonflikt als auch zu dem Krieg in der Ukraine mehrten sich in der Vergangenheit die Schlagzeilen. Damit verbunden steigt die Nachfrage nach mehr Rüstung, ein Umstand, von dem etwa deutsche Waffenproduzenten derzeit profitieren. Entsprechend haben zuletzt deren Aktienkurse an der Börse kräftig zugelegt.

Auch Patrick Kolb, Fondsmanager des Credit Suisse (Lux) Security Equity Fund, beobachtet die Entwicklung genau. Einzig, Rüstungsaktien kommen für sein Portfolio nicht in Frage, wie er im Gespräch mit dem Börsen-Kurier festhält. Denn bei der Selektion werden strenge Nachhaltigkeitskriterien angewendet. „Dazu zählt unter anderem der Ausschluss solcher Produzenten.“

Sicherheitsbedarf wächst weltweit
Doch grundsätzlich setzt der Fonds auf den wachsenden Sicherheitsbedarf weltweit und das in unterschiedlichsten Bereichen. So könnte beispielsweise ein Cyberangriff wichtige Infrastruktur wie etwa die Wasser- oder die Energieversorgung eines Landes lahmlegen. Es könnten aber auch Autoschlösser per Fernfunk „geknackt“, Alarmanlagen ungewollt abgeschaltet oder medizinische Geräte, wie zum Beispiel Herzschrittmacher, gehackt und manipuliert werden. „Wir sehen das Thema Sicherheit deshalb als einen Megatrend, der langfristig stärker als der Gesamtmarkt wachsen dürfte“, konstatiert Kolb.

Er zieht dazu ein klares Fazit. Hinter all solchen Beispielen steckten ihm zufolge letztendlich drei große Treiber: Dazu zählen die wachsende Weltbevölkerung sowie die zunehmende Migration. Mit der Digitalisierung wachse zudem der Bedarf an Datenschutz. Auch Regulierungen und Vorschriften werden immer strenger, etwa zur Einhaltung von Sicherheitsstandards. „Zudem kann sich ein Unternehmen einen erfolgreichen Cyberangriff erst gar nicht leisten. Allein die entsprechende Berichterstattung kann einen großen Reputationsschaden zur Folge haben.“

Das Marktpotenzial ist groß
Der Markt ist jedenfalls längst kein Nischenbereich mehr. Wie groß das Potenzial tatsächlich ist, haben sich die Analysten beim deutschen Datenanbieter Statista näher angesehen: So erreichte der globale Umsatz allein am Markt für Cyberlösungen und Sicherheitsdienste im Jahr 2020 bereits 106,82 Milliarden Euro und könnte den Prognosen zufolge bis zum Jahr 2028 auf gut 250,80 Milliarden Euro wachsen. Das ist immerhin mehr als eine Verdoppelung.

Doch wie setzt Kolb all solche Themen in dem Fonds konkret um? Er verweist in diesem Zusammenhang auf sein Aktienuniversum, das gut 220 Titel umfasst. Es handelt sich dabei um „Pure-Player“, wie er sagt. „Die Unternehmen müssen daher zumindest 50 % ihres Umsatzes im Bereich Sicherheit und Schutz erzielen.“

Fünf Themenblöcke im Fokus
Doch damit ist längst nicht Schluss, es gibt noch weitere Kriterien, auf die der Experte verweist: So wird das Fondsvermögen auf insgesamt fünf Themenblöcke aufgeteilt, wobei IT-Sicherheit mit rund 25 % den größten Anteil ausmacht.

Dazu zählt beispielsweise Cyber-Ark Software aus Israel. Das Unternehmen bietet IT-Sicherheit sowie Identitätsmanagement an. Der Schutz der Gesundheit, etwa durch Wasser- und Lebensmittelkontrollen, nimmt weitere 20 % ein, ebenso wie der Schutz vor Kriminalität und Umweltsicherheit. Die restlichen 15 % entfallen auf Transportsicherheit. Umgesetzt werden solche Themen zum Beispiel mit Thermo Fisher Scientific und Idexx Laboratories.

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Magnificent 7: Wer könnte Tesla bald ersetzen?

Ein Kommentar von Roman Przibylla, Head Public Solutions bei CAT Financial Products

(03.04.) Die Magnificent 7 haben in den vergangenen Monaten für Furore gesorgt. Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla dominieren den US-Aktienmarkt. Die sieben großen Tech-Werte haben mittlerweile eine Relevanz erreicht, der sich die Anlegenden nicht mehr entziehen können.

Doch nun werden erste negative Stimmen laut. Während Nvidia unaufhaltsam weiter steigt, sind es Apple, Google und vor allem Tesla, die seit Jahresbeginn schwächeln. Betrachtet man Tesla als Autohersteller, so wächst das Unternehmen längst nicht mehr so schnell wie früher. Die kürzlich veröffentlichten Verkaufszahlen zum ersten Quartal in 2024 waren enttäuschend und sind nicht nur hinter den Erwartungen des Marktes geblieben, sondern auch weit unterhalb der Rekordzahlen aus dem vierten Quartal des vergangenen Jahres. Tesla hat hinzu ein immer grösser werdendes Margenproblem. Diese liegt mit rund 8 Prozent mittlerweile auf dem Niveau eines Universalanbieters wie Toyota. Elon Musk muss Lösungen finden oder durch neue technologische Innovationen die Investoren wieder begeistern. Solange dies nicht geschieht, befindet sich Tesla in einer längeren Konsolidierungsphase und droht den Anschluss an die Magnificent 7 zu verlieren. Elon Musk sollte zwar nicht abgeschrieben werden, aber andere Unternehmen wie Broadcom oder Eli Lilly stehen bereit, um Teslas Platz unter den Glorreichen Sieben einzunehmen. Der Markt für die „Abnehmspritze” ist riesig, und Partnerschaften wie die kürzlich bekannt gegebene mit Amazon sollen Eli Lilly nun helfen, diesen Markt auch flächendeckend zu bedienen. Dazu hat das Unternehmen mit LillyDirect eine eigene Plattform für den Direktvertrieb geschaffen, die den Zugang nun weiter vereinfacht. Eli Lilly ist damit auf dem Weg, sich zu einem Plattformunternehmen im Gesundheitsbereich zu entwickeln, das in Zukunft noch höhere Umsätze und Margen erzielen wird. Es zeigt sich somit immer mehr, dass die eigentliche Performance am Markt von wenigen Aktien gemacht wird, die ihre Dominanz immer weiter ausbauen.

Für Anlegende, die auch in Zukunft auf die Magnificent 7 setzen wollen, gibt es jetzt eine einfache Lösung: Mit dem ETP auf den Magnificent 7 Index (CH1272477154) haben Anlegende erstmals die Möglichkeit, ganz einfach in die Glorreichen Sieben zu investieren. Der Index erlaubt es, die sieben Aktien unterschiedlich zu gewichten oder sogar eine Aktie auszutauschen, wenn zum Beispiel Tesla durch eine andere Aktie wie Eli Lilly oder Broadcom ersetzt werden würde. Emittent ist CAT Financial Products. Der ETP ist zusätzlich mit einer Besicherung der Swissquote ausgestattet und an der SIX Swiss Exchange kotiert sowie täglich handelbar. Einfacher kann man in den nächsten Jahren nicht in die Magnificent 7 investieren.

Bitcoin-Kurs vor „Wirbelsturm nach oben“?

Angesichts der Dynamik seit Mitte Feber halten Experten ein Kursfeuerwerk für möglich.

Patrick Baldia. Viel deutet darauf hin, dass die Zulassung von Bitcoin-Spot-ETFs durch die US-Börsenaufsicht SEC Mitte Jänner tatsächlich der von vielen lang erwartete „Gamechanger“ für die Assetklasse war. Bereits in der ersten Woche nach der Auflage der ersten Produkte stieg das Veranlagungsvolumen auf mehr als 1 Milliarde USD. Zuletzt lag es bereits bei knapp 30 Milliarde USD. Der Bitcoin-Kurs hat seitdem mehrmals ein neues Allzeithoch erreicht, zuletzt Mitte März, als die Schwelle von fast 74.000 USD durchbrochen wurde. Nun mehren sich die Stimmen, dass bis zum Jahresende die 100.000-USD-Marke deutlich übertroffen werden könnte.

Auch Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei 21Shares, hält nun einen „Wirbelwind nach oben“ für möglich. Beim Schweizer Pionier für Krypto-Investments sei man selbst überrascht gewesen über die Dimension der Zuflüsse an Kundengeldern in die hauseigenen Produkte innerhalb so kurzer Zeit bzw. seit der Bitcoin-Spot-ETF-Zulassung. Er verweist darauf, dass Analysten mit einem „Supply-Squeeze“ rechnen und in weiterer Folge, in Kombination mit anderen Faktoren, auch mit potenziellen starken Kursanstiegen.

Tatsächlich steht hinter dem jüngsten Höhenflug der Krypto-währung nicht nur die Zulassung von Bitcoin-Spot-ETFs, sondern etwa auch der mittlerweile klarere regulatorische Rahmen. „Verordnungen wie MICA in Europa heben die Branchenstandards an und ebnen den Weg für die Integration von Bitcoin in die etablierte Finanzwelt“, sagt Lukas Enzersdorfer-Konrad, Deputy CEO von Bitpanda.

Kurstreiber „Halving“
Den Preis weiter beflügeln sollte auch das voraussichtlich im April anstehende sogenannte „Halving“. Darunter versteht man, dass rund alle vier Jahre die Belohnung, die die Miner für das Schürfen von Bitcoin erhalten, halbiert wird. „An den historischen Daten kann man ablesen, dass die bisherigen Halvings den Preis immer langfristig unterstützt haben“, sagt Enzersdorfer-Konrad zum Börsen-Kurier. Zur Erinnerung: Nach dem letzten Termin am 11. Mai 2020 legte der Bitcoin-Kurs bis Ende 2020 von 5.300 auf 30.000 USD zu. Im Jänner 2021 schoss er sogar auf 42.000 USD. Und auch die heuer erwartete Zinssenkung sollte sich positiv auf den Bitcoin auswirken.

Lohnt es sich zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch einzusteigen? „Das Risiko nicht dabei zu sein, scheint derzeit höher als das Risiko dabei zu sein“, hält Wenger angesichts des „hohen Potenzials signifikanter Kursanstiege“ fest. Dass die Bitcoin-Kursentwicklung rund um das Halving im April volatiler verlaufen könnte und durch-aus auch eine Korrektur möglich ist, sieht der 21Shares-Experte als Chance für einen Einstieg. „In der Vergangenheit hat es immer etwas gedauert, bis nach einem Halving deflationäre Tendenzen einsetzten“, erklärt er den Hintergrund. Bei allem Optimismus warnt Wenger allerdings auch vor Risiken, wie etwa, dass keine Zinssenkung stattfindet, ETF-Käufer ausbleiben oder zu viele Anleger auf einmal Profite realisieren und verkaufen.

Neben Direktinvestments in die Cyberwährung, die Branchenplayer wie Bitpanda, Coinbase, Coinfinity oder Kraken offerieren, bieten sich auch eine Reihe von börsengehandelten Wertpapieren bzw. ETPs (für Exchange Traded Product, Anm.) an. Dazu gehören unter anderem „CoinShares Physical Bitcoin“, „VanEck Bitcoin“, „21Shares Bitcoin“ und „21Shares Bitcoin Core“. Besonders spannend wirkt im aktuellen Umfeld ein weiteres Produkt des Schweizer Krypto-Pioniers: Der „21Shares Bytetree BOLD ETP“ kombiniert die beiden „Wertspeicher“ Bitcoin und Gold, wobei die Gewichtung von der Höhe der Volatilität abhängt.

„Auch für Gold ist das Umfeld sehr konstruktiv“, so Wenger. Ehrlich gesagt: Wer hätte gedacht, dass das Edelmetall auch bei steigenden Zinsen so gut performt wie 2023 (+13 %). In der Vergangenheit sei das bislang stets Gift für Gold gewesen. Nachsatz Wenger: „Dass nun in den nächsten Monaten voraussichtlich die Zinsen gesenkt werden sollen, ist positiv für Gold.“

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Nachhaltigkeit: Auch Kleinere werden berichten müssen

Berichtsstandard für nicht-börsengelistete kleine und mittlere Unternehmen geplant.

Andreas Dolezal. Banken, Versicherungen und börsengelistete Unternehmen müssen ihre Nachhaltigkeitsberichte ab 2024 erst-mals auf Basis des „European Sustainability Reporting Standards“ ESRS erstellen. Die zugehörige EU-Verordnung umfasst stolze 284 Seiten. Entsprechend herausfordernd und aufwendig (und teuer) sind die Vorbereitungen der betroffenen Unternehmen. Von Jahr zu Jahr werden die Berichtspflichten sukzessive auf kleinere und nicht-börsengelistete Betriebe ausgeweitet. Im Jahr 2029 werden schließlich auch Unternehmen aus Drittstaaten umfasst sein, wenn sie in der EU 150 Millionen Euro oder mehr Umsatz machen.

KMU indirekt betroffen
Um die Nachhaltigkeitsberichte gesetzeskonform erstellen zu können, benötigen direkt verpflichtete Unternehmen eine Fülle an Daten und Informationen. Diese müssen sie unter anderem bei ihren Lieferanten einholen – und dazu zählen auch KMU. Daher sind bereits heute viele kleinste, kleine und mittlere Unternehmen indirekt vom ESRS betroffen. Beliefern KMU große, berichtspflichtige Unternehmen (und sei es nur ein einziges), landen umfangreiche ESG-Fragebögen auf den Schreibtischen. Das Beantworten sollte ernst genommen werden, denn sonst droht im schlimmsten Fall das Ende der Geschäftsbeziehung.

Das von Verfechtern der umfangreichen Nachhaltigkeitsberichterstattung oft angeführte Argument, dass die gesetzliche Pflicht ohnehin nur große Unternehmen trifft, geht in der Praxis ins Leere. Durch den weit gefassten Berichtsstandard sind auch viel kleinere Betriebe mittelbar umfasst.

VSME soll KMU entlasten
Die EU-Kommission hat die „European Financial Reporting Advisory Group“ EFRAG beauftragt, neben dem ESRS für große Unternehmen auch einen freiwilligen Berichtsstandard für KMU zu erstellen. Der erste Entwurf des „Voluntary ESRS for non-listed small- and medium-sized Enterprises“, kurz VSME, wurde am 22. Jänner veröffentlicht und steht noch bis 21. Mai 2024 zur Konsultation. Der im Vergleich mit dem ESRS deutlich schlankere VSME soll es KMU ermöglichen, ihre Nachhaltigkeitsmaßnahmen und -ziele freiwillig zu ermitteln und zu dokumentieren.

Dabei ist die Hoffnung auch, dass der VSME jene Daten und Informationen vereinheitlicht, die große Unternehmen bei ihren kleinen Lieferanten einholen müssen. Derzeit sieht nämlich so gut wie jeder ESG-Fragebogen anders aus, wodurch das Beantworten für KMU alles andere als einfach und effizient ist. Dafür steht jedoch noch die Entscheidung aus, dass große Unternehmen mit den auf Basis des VSME erhobenen Daten das Auslangen finden, um ihre Berichtspflichten zu erfüllen.

Tatsächlich freiwillig?
Sollte sich der VSME tatsächlich als Standard für das Erheben von nachhaltigkeitsbezogenen Daten und Informationen bei KMU etablieren, ist es mit der Freiwilligkeit wahrscheinlich vorbei. Gut möglich, dass große Unternehmen dann statt den Antworten auf ihre individuellen ESG-Fragebögen einen Bericht nach VSME verlangen. Kleinste, kleine und mittlere Unternehmen, die große, berichtspflichtige Unternehmen zu ihren Kunden zählen, tun also gut daran, die weitere Entwicklung im Auge zu behalten.

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Investieren in Gold, Silber und Platin

Edelmetalle zeigten zuletzt starke Impulse, und bei Silber und Platin überwiegt die Nachfrage.

Michael Kordovsky. Der Goldpreis stieg infolge geopolitischer Spannungen und zunehmender Ängste vor einer Eskalation mit Russland bis zum 20. März auf ein vorläufiges Allzeithoch von rund 2.186 USD pro Unze. Per 27. März (13.00 Uhr) liegt der Goldpreis auf Jahressicht knapp 12 % im Plus. Unterstützend bleiben die Aussichten auf rückläufige Leitzinsen der EZB. Letzteres ist auch positiv für Platin und Silber.

Angebotsdefizit am Platinmarkt
Der Platinpreis liegt auf Dreijahressicht noch um rund 24 % im Minus, sollte jedoch von zunehmender Umstellung in der Produktion von Autokatalysatoren profitieren, wo Firmen bestrebt sind, teures Palladium durch günstiges Platin zu ersetzen. 2023 hingegen erholte sich die Autoindustrie von den Lieferkettenunterbrechungen der Pandemie und jener infolge des Ukrainekriegs. Die Platinnachfrage aus der Autobranche, die rund 41 % der gesamten Platinnachfrage ausmacht, stieg von 2022 auf 2023 um 16 %. Die globale Platinnachfrage stieg von 6,406 auf 8,009 Millionen Unzen, wodurch sich ein Angebotsüberhang von 899.000 Unzen in ein Angebotsdefizit von 878.000 verwandelte. Laut dem Researchhaus Metals Focus ist auch 2024 mit einem Angebotsdefizit zu rechnen.

Gemäß einer Jänner-Publikation des World Patinum Investment Council rechnen Experten damit, dass die Minenproduktion von Platin von 2024 bis 2027 lediglich nur noch von 5,734 auf 5,918 Millionen Unzen steigt, ehe es 2028 wieder auf 5,8 Millionen Unzen abwärts geht. Die globale Nachfrage sollte hingegen von 2024 bis 2028 von 7,663 auf 8,24 Millionen Unzen steigen. Zwar sollte das Recycling-Volumen kräftig ansteigen, doch per Saldo bleiben von 2025 bis 2028 jährliche Angebotsdefizite im Bereich von 500.000 bis 612.000 Unzen. Aber noch immer liegt der Platinpreis bei nur noch 43 % des Goldpreises – einem historisch betrachtet extrem niedrigen Wert. Hinzu kommen noch gewisse Platinversorgungsunsicherheiten, denn Südafrika, bekannt für häufige Stromausfälle und Streiks, ist 2023 mit einem Welt-Minen-Produktionsanteil von rund 70 % der größte Produzent, gefolgt von Russland und Zimbabwe.

Silber profitiert von Energiewende
Silber hat im Vergleich zu Gold laut vielen Tradern und Marktbeobachtern noch Aufholpotenzial. Fakt ist, dass der Silbermarkt schon seit 2021 ein permanentes Angebotsdefizit (Market Balance) aufweist und 2024 mit einem weiteren Angebotsdefizit-Jahr zu rechnen ist. In jeder Solarzelle befinden sich rund 111 Milligramm Silber und ein E-Auto enthält rund drei Unzen Silber. Eine aktuelle Publikation von Sprott Wealth Management (basierend auf Daten von Bloomberg) zeigt eine Prognose, wonach die Silbernachfrage der Photovoltaik-Branche von 2022 bis 2030 von 140 auf 273 Millionen Unzen steigen sollte. Das Silber-Angebotsdefizit (Market Balance) sollte dann bei 260 Millionen liegen, verglichen mit 51 bzw. 238 Millionen Unzen in den Jahren 2021 und 2022. Viele Financial-Influencer begründen mit ähnlichen Zahlen einen starken Optimismus bezüglich des zukünftigen Silberpreises.

Steuerliche Aspekte
Wer tradet und innerhalb eines Kalenderjahres kauft und verkauft, ist mit besicherten ETCs und (Hebel-)Zertifikaten unter steuerlichen Aspekten aufgrund des besonderen Steuersatzes von 27,5 % und automatischem Abzug auf inländischen Depots in der Regel besser dran. Doch im Falle niedrigerer Einkommen können auch umsatzsteuerbefreite Bullion-Goldmünzen und -Barren oder in einem Zollfreilager in der Schweiz befindliche Silber- und Platin-Barren generell die bessere Alternative sein. Werden hier Gewinne innerhalb der Spekulationsfrist von einem Jahr realisiert, fällt auf den realisierten Gewinn der individuelle progressive Einkommensteuertarif an. Im Falle einer Behaltedauer von mehr als einem Jahr sind die Gewinne hingegen steuerfrei.

Zu beachten ist allerdings, dass Silber- und Platin-Käufe in Österreich der Umsatzsteuer von 20 % unterliegen. Der Ausweg liegt in Zollfreilagern in der Schweiz, wo beim Ankauf von Silber, Platin oder Palladium die Umsatzsteuer zu-nächst vermieden werden kann. Als Zollfreilager werden Warenlager bezeichnet, die zur unversteuerten und unverzollten Zwischenlagerung von Produkten aller Art dienen. Die Nutzung eines Zollfreilagers ist kostenpflichtig. Die Kosten sind aber bei der Ermittlung von Spekulationseinkünften als Werbungskosten steuerlich absetzbar. Die Umsatzsteuer kann vermieden werden, indem das Edelmetall das Lager nicht verlässt.

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Huber Automotive AG Anleihe 2019/2024

Mehr Liquidität durch Prolongation?

Tibor Pásztory. Der Automobilzulieferer Huber Automotive AG schlägt eine Prolongation samt Zinsanpassung der am 16. April fälligen Anleihe 2019/2024 vor. Was steckt dahinter? Der Börsen-Kurier befragte dazu Martin Huber, CEO des Unternehmens.

Börsen-Kurier: am 16. April wird eine 6 %-Anleihe (ISIN: DE000A2TR430), ausstehend in Höhe von 20,460.000 EUR, zur Rückzahlung fällig. Nun arbeiten Sie auf eine Verlängerung der Laufzeit hin und sind auch bereit, Anpassungen am Zinscoupon vorzunehmen. Salopp gefragt, geht Ihnen das Geld aus?

Martin Huber: Sie müssen sich die Bedingungen der Branche ansehen, in der wir uns bewegen. Da sind CAGR (Compound Annual Growth Rates) von mehr als 20 % per anno üblich und jede Aktivität in diesem Markt ist eine Investition in die Zukunft. Huber Automotive kann hier über einen größeren Zeitraum jährliche Werte von mehr als 30 % vorweisen. Das kostet viel Geld, ist aber unerlässlich, um die Marktposition des Unternehmens in einem begehrten Markt weiter auszubauen. Wir wollen ja nicht in einem Umsatzbereich von 50-100 Mio EUR p.a. stehen bleiben.

Börsen-Kurier: Das sind Werte, die erinnern eher an die Start-up-Welt…

Martin Huber: Das ist tatsächlich so, auch weil unser Tätigkeitsbereich – im weitesten Sinne, die Elektrifizierung der Fahrzeuge – von vielen Außenstehenden immer noch stark als Start-up-Szene wahrgenommen wird. Dabei besteht unser Unternehmen schon seit fast einem Vierteljahrhundert und wir betätigen uns seit 2010 in dem Thema Elektromobilität.

Börsen-Kurier: Können Sie unseren Lesern Ihr Geschäftsmodell näher skizzieren?

Martin Huber: Das Unternehmen mit rund 260 Mitarbeitern hat drei wesentliche Geschäftsbereiche: Die allgemeine Automotive Electronics, den Bereich Batteriemanagement-Komponenten und E-Drive/Hybrid-Systeme. In allen Bereichen bieten wir nicht nur die Produktion an, sondern auch die Hard- und Software Entwicklung. Wir beliefern sowohl OEMs (Fahrzeughersteller; Anm.) als auch Tier 1-Zulieferer. Wir beliefern auch einen der weltweit größten Fahrzeughersteller. Wir bedienen andererseits auch Spezialmärkte und bauen Prototypen und Kleinserien. Als Referenzprojekt dient hier etwa der von uns elektrifizierte Toyota Land Cruiser J7, welcher im Untertagebau eingesetzt wird.

Börsen-Kurier: Muss die Entwicklung Ihrer Produkte durch Sie vorfinanziert werden?

Martin Huber: Ja, das ist die Regel. Es gilt daher die Kunst des Spagats zu beherrschen und die Balance zwischen einem ständig bezuschussungsbedürftigem Start-up Wachstum und dem Bedürfnis Ertrag zu generieren, wie das im klassisch finanzierten Industriebetrieb mit moderatem Wachstum von 5-10% der Fall ist. Aber nur mit einem überproportionalen Wachstum kann in einem stark wachsenden Markt die eigene Position weiter ausgebaut werden. In diesem Zusammenhang muss man sich auch intensiv mit dem wachsenden Bedarf an Elektronik bei chinesischen Batterieherstellern auseinandersetzen, die in zunehmendem Maße Batteriewerke in Europa planen und errichten.

Börsen-Kurier: Ihr Argument lautet also: Um diese erforderlichen Investitionen besser bewerkstelligen zu können, hilft Ihnen eine durch Prolongation der Fälligkeit Ihrer Anleihe entstandene höhere Liquidität?

Martin Huber: Ein weiterer Wachstumskurs über dem marktüblichen wird eine Stärkung des Eigenkapitals erforderlich machen. Um die Anleger für eine Prolongation um drei Jahre zu gewinnen, bieten wir einen marktkonformen Coupon und haben den Zins von 6 % auf 7,5 % per anno angepasst.

Börsen-Kurier: Auffällig und ungewöhnlich ist, dass es seit 2018/19 keine testierten Jahresabschlüsse gibt. Gibt es dazu eine Erklärung?

Martin Huber: In den Wirtschaftsjahren 2019/2020 und 2020/2021 gab es diverse Bewertungsthemen, bei denen wir mit den für diese Jahre zuständigen Wirtschaftsprüfern keinen Konsens finden konnten. Im Dezember 2022 erklärte man uns, dass man für eine going concern-Betrachtung zum Testatstag eine 18-monatige Betrachtung machen muss und ein Testat nur erteilt werden kann, wenn wir die Refinanzierung der Anleihe nachweisen. Es wurde deshalb beschlossen, die Wirtschaftsjahre 2021/2022 sowie 2022/2023 von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grant Thornton prüfen zu lassen, um die zeitnahe Fertigstellung aller Jahresabschlüsse zu forcieren. Aber auch hier gilt, die Refinanzierung bzw. die Prolongation der Anleihe stellt eine Grundvoraussetzung für das Testat dar.

Börsen-Kurier: Wie sieht das geplante Procedere nun aus?

Martin Huber: Bei der Anleiheemission 2019 handelte es sich um ein Private Placement mit qualifizierten Investoren und einer Mindestzeichnungssumme von 100.000 EUR. Durch Sekundärverkäufe an der Börse gibt es aber inzwischen auch Anleihegläubiger, die mit kleineren Beträgen investiert sind. Nachdem nun im Bundesanzeiger sowie auf unserer Website eine Aufforderung zur Stimmabgabe veröffentlicht worden ist, erhalten alle in die Anleihe Investierten von 2. bis 4. April die Möglichkeit per Post, Fax oder E-Mail ihr Stimmrecht zu nutzen. Es ist eine Abstimmung ohne Versammlung. Wird unser Vorschlag wirksam angenommen, kommt es nicht nur zu einer Prolongation um drei Jahre, sondern auch zur Erhöhung des Coupons auf 7,5 % in ebendiesem Zeitraum. Darüber hinaus wird damit einem Kündigungsverzicht seitens der Anleger zugestimmt, wenn und soweit bestimmte zur Kündigung berechtigende Umstände vorliegen, die bis einschließlich zum 15. Mai 2024 eingetreten sind.

Börsen-Kurier: Das Abstimmverhalten wird wohl auch vom Ausblick Ihres Unternehmens abhängen…

Martin Huber: Die Regularien im Kapitalmarkt sind streng, und wir können aus Haftungsgründen keine Wachstumsprognosen abgeben. Potenzielle Kunden können wir namentlich sowieso nicht benennen. Zählt man aber das Gesamtvolumen aller Ausschreibungen zusammen, an denen wir aktuell teilnehmen, so ist das tief im 3-stelligen Mio. Euro-Bereich. Wobei ich klarstellen möchte, dass abgegebene Angebote nichts darüber aussagen, welche Chancen man letztendlich hat als Lieferant final nominiert zu werden. Marktpotenzial für weiteres überproportionales Wachstum gibt es jedenfalls genug.

Börsen-Kurier: Wir danken für das Gespräch.

 

 

Small Caps: Sieben Anlagechancen in 2024

(19.03.) In den letzten Jahren konnten sich Small Caps nicht so kräftig entwickeln wie Large Caps. Sollte die US-Notenbank jedoch wie erwartet 2024 die Zinsen senken, könnten sich ihre Aussichten verbessern. Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, sieht sieben Bereiche, in denen sich noch in diesem Jahr für Small Caps erhebliche Chancen ergeben dürften.

Nr. 1: Ausbau der globalen Infrastruktur
Die Bereitschaft der US-Regierung, die zum Teil marode Infrastruktur in den USA zu modernisieren, sowie der Wunsch vieler Unternehmen, ihre Lieferketten stärker abzusichern, hätten dem Industriesektor neues Leben eingehaucht. Erhebliche Investitionen von Regierungsseite sowie von multinationalen Unternehmen dürften in den kommenden Jahren für eine anhaltende Nachfrage sorgen. Interessant seien beispielsweise Unternehmen, die Installationsdienste für Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen (HVAC) anbieten. „Dies ist ein Wachstumsbereich, in dem sich kleinere Unternehmen Marktanteile und schwer zu reproduzierende Vertriebsnetze gesichert haben, was ihnen eine starke Preissetzungsmacht verleiht“, erklärt Braun.

Nr. 2: Europäische Industriekonzerne
„Akquisitionsstarke Industriekonzerne, die mehrere Unternehmen unter einem Dach vereinen, können echte Wertschöpfer sein. Wir sehen das vor allem in Nordeuropa“, sagt Braun. Diese Unternehmen könnten profitabel skalieren und durch eine Kombination aus Dividenden, organischem Wachstum und erworbenen Gewinnen aus Fusionen und Übernahmen (M&A) über längere Zeiträume überzeugende Gesamtrenditen erzielen. „Die Philosophie dieser Konzerne ist recht einfach: Sie erwerben in der Regel Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 10 Millionen US-Dollar für einen Betrag, der geringer ist als das Zehnfache des Gewinns vor Steuern und Zinsen. Nach der Übernahme halten sie diese Unternehmen in einem dezentralen Betriebsmodell unabhängig voneinander“, so Braun. Da sie nur kleine Übernahmen tätigen würden, stünden diese Industriekonzerne weniger in Konkurrenz mit Private-Equity-Käufern und könnten niedrigere Bewertungsmultiplikatoren zahlen.

Nr. 3: KI eröffnet Chancen
Chancen böten sich auch in Branchen, die von künstlicher Intelligenz (KI) profitierten. So treibe KI nicht nur das Wachstum in der globalen Halbleiterindustrie voran, weil Hochleistungs-Computerchips benötigt würden, um KI-Anwendungen zu betreiben. Auch die Hersteller von Spezialchemikalien, Gasen und Klebstoffen, die in der Halbleiterproduktion und -verpackung verwendet werden, würden profitieren. „Dieser Bereich wird von einigen wenigen japanischen Unternehmen beherrscht“, sagt Braun. „Hier sehen wir monopolähnliche Strukturen, weshalb diese Unternehmen kaum zu verdrängen sind.“ Auch IT-Dienstleistungsunternehmen würden einen Anstieg der Aufträge verzeichnen, weil große Unternehmen ihre bestehende Technologie mit KI aufrüsten wollten.

Nr. 4: Indien ist ein fruchtbarer Boden für Small Caps
Indiens boomende Wirtschaft, der wachsende Wohnungsmarkt und die digitale Infrastruktur machen das Land aus Sicht des Experten zu einem attraktiven Jagdrevier auf der Suche nach schnell wachsenden Unternehmen. Die Bandbreite sei groß: von Getränkeherstellern über Chemielieferanten bis hin zu privaten Krankenhausbetreibern. Auch im Finanzsektor gebe es mehr Anlagemöglichkeiten. Diese sind auf eine neue Generation von Vermögensverwaltungsfirmen, Anbieter von Hypothekenkrediten und mobilfunkbasierte Finanzplattformen zurückzuführen. Zudem habe die Zahl der kleinen und mittleren Unternehmen, die ihre Aktien an den öffentlichen Aktienmärkten anböten, zugenommen.

Allerdings notiere der indische Aktienmarkt derzeit auf einem Rekordhoch; die Bewertungen seien in einigen Fällen teuer geworden. „Wir gehen deshalb selektiv vor“, so Braun. „Wir erkennen aber auch an, dass es sich um einen Markt mit starkem Wachstum handelt. Wenn ein Unternehmen das Potenzial hat, seinen Gewinn in absehbarer Zukunft deutlich zu steigern, ist die Aktie möglicherweise auf lange Sicht doch nicht so teuer. Um dies beurteilen zu können, ist umfangreiches Bottom-up-Research unerlässlich.“

Nr. 5: Griechische Banken
Chancen sieht Braun auch auf dem griechischen Geschäftsbankenmarkt. Dieser habe sich in den letzten Jahren stark verändert: Von etwa 25 Banken habe nur eine Handvoll überlebt. Die verbleibenden Banken seien überkapitalisiert, und es gebe weniger Wettbewerb um Kredite, was im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zu einer kostengünstigen Einlagenbasis geführt habe. „Insgesamt werden die griechischen Banken auf relativer Basis zu attraktiven Bewertungen gehandelt“, urteilt Braun. „Zudem besteht Potenzial für Dividenden, was die Gesamtrendite der Aktien erhöhen könnte.“

Nr. 6: Biotechnologie könnte sich 2024 erholen
Im Biotechnologiesektor könnten die Bewertungen aus Sicht Brauns ihren Tiefpunkt erreicht haben, was wiederum Chancen mit sich bringen würde. „Die Aktienkurse im Biotech-Bereich neigen dazu, sich mit den Finanzzyklen zu bewegen. Sobald die Zinssätze sinken, könnte sich dies entsprechend positiv auswirken“, so Braun. Die Zunahme der Fusions- und Übernahmetätigkeit in den letzten Monaten wertet er als erstes positives Signal. „Wir sind auf der Suche nach Unternehmen, deren Bewertungen durch den Zinsanstieg in den Keller gegangen sind“, sagt Braun. „Wir glauben, dass der Innovations- und Produktzyklus für Medikamente zur Behandlung einer Reihe von Krankheiten, darunter Alzheimer, sehr dynamisch ist.“ Ein weiterer potenzieller Wachstumsbereich seien Unternehmen, die spezialisierte Werkzeuge und Materialien liefern, welche von globalen Pharmariesen benötigt werden.

Nr. 7: Chancen durch wiederbelebten IPO-Markt
Börsengänge könnten Anlegern 2024 ebenfalls Gelegenheiten bieten, zu vernünftigen Bewertungen in vielversprechende Unternehmen zu investieren. „Angesichts der Erwartung, dass sich die großen globalen Zentralbanken dem Ende des Zinserhöhungszyklus nähern, besteht die Hoffnung, dass sich die IPO-Aktivität nach ein paar ruhigen Jahren wieder erholen wird“, sagt der Aktienexperte. Dies eröffne Chancen. Denn die Erfahrungen der Vergangenheit hätten gezeigt, dass nach Zeiten mit weniger Börsengängen oft qualitativ hochwertigere Unternehmen als erste auf den Markt gebracht würden. Diese Unternehmen würden zudem in der Regel zu günstigeren Bewertungen angeboten werden als in Zeiten, in denen der Markt für Börsengänge heiß gelaufen sein und weniger reife Unternehmen auf den Markt drängten.

Fazit
„Wir konzentrieren uns im Small-Cap-Bereich auf Unternehmen mit einzigartigen Geschäftsmodellen, die von langfristigen Wachstumstrends profitieren dürften“, resümiert Braun. „In diesem Jahr sollten sich zahlreiche Gelegenheiten ergeben, um vielversprechende Unternehmen zu kaufen, und dies zu Bewertungen, die im historischen Vergleich insgesamt sehr angemessen sind.“

Neue Impulse für britische Aktien

Die Regierung in London will Steuererleichterungen beim Kauf von Aktien einführen.

Roman Steinbauer. Angesichts eines global starken Börsenumfelds erschien der britische Aktienindex FTSE 100 bisher blass. Im Jahresvergleich zog der Londoner Leitindex nur um 5 % an. Die Messlatte, der S&P 500, stieg während dieses Zeitraums hingegen um 31 %, der Dax 40 um 21 % und der Pariser CAC 40 um 17 %. Das Nachhinken ist aber keinesfalls auf ein einheitliches Kursverhalten britischer Aktien zurückzuführen. Ganz im Gegenteil: Seit zwölf Monaten ist bei vielen Aktien einerseits eine steile Aufwärtsbewegung, und andererseits aber auch ein starker Abwärtstrend zu beobachten.

Nach Angaben des Datenlieferanten Siblis Research betrug per 31.12. der durchschnittliche KGV-Multiplikator der im FTSE 100 enthaltenen Aktien 10,5. Binnen Jahresfrist führen die Liste der Gewinner die Papiere des Triebwerkherstellers Rolls Royce mit einem Zugewinn von 175 % an. Zu den absoluten Aufsteigern gesellen sich weiters Sage (+66 %), Marks & Spencer (+65 %), BAE Systems (+44 %), Next (+33 %), Barclays (+29 %) oder ConvaTec (+28 %). Die Verliererliste wurde von Burberry (-43 %), Vodafone (-24 %), WPP 2012 (-22 %) Diageo (-16 %) und Rentokil (-12 %) geprägt.

John Stepek von Bloomberg thematisierte zuletzt die im Median günstige Bewertung des britischen Aktienmarktes. Demnach lägen die Gründe in schwachen Investitionen aufgrund einer skeptischen Grundhaltung gegenüber der Volkswirtschaft und einer kleinen Quote an Technologie-Titeln. Stepek fasste Äußerungen der Analysten wie folgt zusammen: „Die attraktiven Bewertungen werden erkannt, aber um zu kaufen fehlen Investmenthäusern noch zündende Ansätze.“

So ein Ansatz zeichnet sich aber nun ab. Nach Worten des konservativen Abgeordneten Jeremy Hunt sei ein neues ISA (Individual Savings Account)-Gesetz in Vorbereitung, das Bürger-Steuererleichterung für den Investitionsumfang von bis zu 20.000 GBP (23.400 E) pro Jahr vorsieht. Dabei werde implementiert, dass ein (noch nicht genannter) Teil davon explizit für den Ankauf von Wertpapieren an britischen Börsen bindend ist.

Volkswirtschaftliche Effekte durch Währungsrelationen schlagen indes kaum durch. Denn das britische Pfund schwankt im Verhältnis zum Euro seit nunmehr drei Jahren in einer Bandbreite zwischen 0,83 und 0,89 GBP. Nachdem die Handelsbilanz Großbritanniens im Feber 2022 mit -26,5 MrdGBP (-31 MrdE) einen Rekordabgang darstellte, geht dieser seitdem kontinuierlich zurück. Neben Deutschland (-0,3 %) schwächte sich allerdings das Wirtschaftswachstum im 4. Quartal auch in Großbritannien (-0,2 %) erstmals ab. Doch gibt es erfreuliche Vorzeichen zu einem bedeutenden Konjunkturindikator. So zeigt der Halifax-Hauspreisindex für Feber 2024 mit +0,4 % den fünften Monat in Folge nach oben.

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Israel: Folgt dem Krieg ein Wirtschaftswunder?

Die Wirtschaft des Landes leidet unter dem Krieg, Chancen auf Erholung bestehen aber.

Tibor Pásztory. Über den Gaza-Krieg und seine militärischen, politischen und menschlichen Aspekte wird täglich berichtet. Weniger öffentlich beleuchtet werden die Folgen für die israelische Volkswirtschaft.

Mit dem Terror-Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 sowie der militärischen Reaktion Israels fällt so gut wie das gesamte vierte Quartal des abgelaufenen Jahres in die Zeit des Gaza-Krieges. Dies macht sich in einem unübersehbaren Konjunkturrückgang bemerkbar. Wie der internationale Kreditversicherer Coface in einer Studie feststellt, schrumpfte die israelische Wirtschaft – mehr als erwartet – im vierten Quartal im Vergleich zum 4. Quartal 2022 um 5,2 %, der private Konsum sogar um 7,5 %. Die Investitionstätigkeit – traditionell eine der Säulen der Tech-getriebenen israelischen Wirtschaft – brach um ein gutes Viertel ein, die Hälfte davon betrafen Investitionen der öffentlichen Hand. Auch der Handel leidet import- (-13 %) wie exportmäßig (-5 %) unter dem Krieg.

Boom durch Wiederaufbau
So weit, so nicht wirklich überraschend. Oder doch? Schließlich gilt der Krieg seit der Antike als Vater aller Dinge, wie bereits der griechische Philosoph Heraklit (550 bis 460 v. Chr.) vermerkte. Beispiele gibt es auch in jüngerer Zeit zur Genüge, wie etwa die Ära des Wirtschaftswunders in Europa, allen voran Deutschland, während und nach dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg oder zum Beispiel der Koreaboom nach dem Koreakrieg 1950 bis 1953.

Die Logik hinter solchen Booms ist leicht zu durchschauen, denn hier handelt es sich um Wiederaufbau nach entsprechender Zerstörung (in Großbritannien wurde von der Zerstörung Coventrys abgesehen zu wenig zerstört und daher nach dem Krieg zu wenig wiederaufgebaut, daher fand dort kein Wirtschaftswunder statt).

Ein anderes Beispiel liefert uns das gegenwärtige Russland Vladimir Putins, das trotz oder wegen des Ukrainekrieges 2023 ein Wirtschaftswachstum von 3,5 % erreicht haben will. Doch bei diesen Angaben ist Vorsicht geboten, denn erstens stammen diese von gewiss nicht propagandafreier russischer Seite, und zweitens findet der Krieg nicht auf russischem Boden statt. Aber immerhin: eine Umstellung auf Kriegswirtschaft, das heißt eine Konzentration auf die Rüstungsindustrie, galt schon immer als Wachstumstreiber (bzw. Rezessionsmilderung).

Zurück zu Israel
Hier zeigt sich ein Phänomen, das sich in Europa bereits in den beiden Weltkriegen als brandgefährlich erwiesen hatte. In beiden Fällen befand sich ein Großteil der männlichen Bevölkerung an der Front, worauf diese Arbeitskräfte in der Wirtschaft – etwa bei der Ernte – fehlten und die Wirtschaft kollabierte (im Falle Österreich-Ungarns 1918 gleich der ganze Staat). Im Falle Israels, wo 350.000 Reservisten einberufen worden sind, handelt es sich immerhin um 4 % der Gesamtbevölkerung. Verstärkt wird die Misere noch durch weitere einschränkende Maßnahmen der israelischen Regierung (oder in manchen Fällen durch selbstermächtigte israelische Siedler) gegenüber palästinensischen Arbeitskräften aus dem Westjordanland mit desaströsen Folgen für die Bau- und Landwirtschaft. In solch einem Klima kommt begreiflicherweise auch jeglicher Tourismus zum Erliegen, und die einheimische Bevölkerung beginnt beim Konsum zu sparen.

Doch ganz ohne zumindest branchenspezifischem „Kriegsboom“ geht es auch in vorliegendem Fall nicht, hat doch die israelische Regierung einen Nachtragshaushalt von 8 MrdUSD (rund 7,32 Mrd Euro) beschlossen und das israelische Verteidigungsministerium seine Ausgaben im vierten Quartal 2023 im Vergleich zum dritten Quartal um 4 % erhöht. Dies sollte sich jeden-falls konjunkturrückgangsmildernd auswirken, schätzt man bei Coface ein. Nicht unbeachtet sollte dabei die hohe Bedeutung des israelischen Tech-Sektors sein, einer konkurrenzlosen Start-up-Kultur, die traditionell dem israelischen Militär zuarbeitet.

Kompensationen
Welche Hoffnungen kann sich also die israelische Wirtschaft auf eine Erholung machen? Auf der positiven Seite ist ein nach wie vor komfortabler Leistungsbilanzüberschuss zu erwähnen. Coface schätzt, dass High-Tech-Produkte aus den Bereichen Verteidigung und Cybersicherheit die fehlenden Tourismuseinnahmen kompensieren könnten. Ob die Angriffe der Houthi-Rebellen auf die internationale Seefahrt im Roten Meer dem israelischen Außenhandel ernsthaft schaden könnten, scheint hierbei noch nicht absehbar, ist aber laut der Coface-Studie immerhin als Möglichkeit in Betracht zu ziehen, ebenso wie eine Ausweitung des Kriegs auf weitere Player im nahöstlichen Raum, wie die Hisbollah oder den Iran. Auch die negativen Auswirkungen des Kriegs auf diplomatischer Ebene wie das Aussetzen der Annäherung Israels und Saudi-Arabiens oder die Verschlechterung der Beziehungen zu Jordanien sind nicht als positive Vorzeichen zu nennen.

Auch weist die Studie darauf hin, dass das Wachstum bereits vor dem Krieg bei weitem nicht die durchschnittlichen Raten von 3,8 % der Jahre 2015 bis 2019 aufweisen konnte. Dies sei allerdings vor allem auf die Zinserhöhungen zurückzuführen gewesen, die die israelische Zentralbank ebenso durchgeführt hatte wie die EZB. Solange dies so bleibe, erwartet die Studie klar und deutlich nur ein langsames und bescheidenes Wachstum.

Fazit und Ausblick
In diesem Sinne sollte aus historischer Sicht nochmals auf die erwähnten Boomphasen nach der Beendigung von Kriegen zurückgekommen werden. Erstens ist selbst bei einem dauerhaften Waffenstillstand so lange nicht von Frieden zu reden, bis eine politische Lösung für die Palästinenserfrage umgesetzt wird. An der sind beide Kriegsparteien allerdings in seltener Einigkeit nicht interessiert. Und zweitens befindet sich das große Wiederaufbaupotenzial, das, wie erwähnt, Deutschland, Südkorea oder Japan zu Wirtschaftswundern verholfen hat, im Gazastreifen, einem Gebiet, an dessen Wiederaufbau weder Israel noch sonst ein Land großes Interesse zeigt. Es sei denn vielleicht, der Iran – der Erzfeind Israels schlechthin – wittert hier eine Chance, Einfluss zu gewinnen. Aber das böte gleich genügend Stoff für die nächsten Konflikte.

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Mystery Shopping der AK bei Beratern

AK Wien geht der Frage nach, ob Finanzdienstleister Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen.

Andreas Dolezal. Einmalig 20.000 Euro und optional 200 Euro monatlich sollen bei einem Anlagehorizont von sieben bis zehn Jahren bei mittlerem Risiko investiert werden. Mit diesem Testdesign schickte die Arbeiterkammer Wien Testkäufer zu 55 Finanzdienstleistern (elf Banken, 14 Versicherer, 15 Vermögensberater, 14 Versicherungsvermittler). Insgesamt 93 Termine fanden von Juli bis Oktober 2023 statt.

Im Rahmen des Mystery Shoppings sollten die Finanzberater geeignete Produktvorschläge erarbeiten und anbieten. Für den Fall, dass Nachhaltigkeitsaspekte nicht proaktiv vom Berater thematisiert wurden, erfolgte die Initiative durch den Testkäufer. Zusätzlich wurde die Reaktion auf das Ansprechen des österreichischen Umweltzeichens untersucht.

Komplexe gesetzliche Pflicht
Mit der Studie geht die AK Wien der Frage nach, wie Finanzberater die seit 2. August 2022 bestehende Pflicht zur Abfrage der kundenseitigen Nachhaltigkeitspräferenzen umsetzen. Einfach gesagt, müssen Wertpapier- und Versicherungsberater ihre Kunden fragen, ob, und wenn ja, inwieweit bei der geplanten Investition EU-konforme nachhaltige Investitionen berücksichtigt werden sollen. So einfach das klingt, so kompliziert ist das in der Praxis.

Der EU-Gesetzestext, auf dem die Abfragepflicht basiert, umfasst gerade einmal 133 Wörter. Der vom WKO-Fachverband Finanzdienstleister erstellte Leitfaden, der Finanzberater beim Umsetzen in die Praxis unterstützt, umfasst 26 (sic!) Seiten. Den resultierenden zehn- bis zwölfseitigen Fragebogen müssen nachhaltig orientierte Anleger mit ihrem Berater minutiös abarbeiten. Dass diese Abfrage sehr komplex und umfangreich ist und Kunden die Thematik oft nicht verstehen, hat auch bereits die Finanzmarktaufsicht festgestellt. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.

Nachhaltigkeit führt Schattendasein
Die Ergebnisse der AK-Studie deuten darauf hin, dass eine „fundierte nachhaltigkeitsorientierte Beratung zu Finanzprodukten eher zufällig passiert“. 60 % der besuchten Finanzdienstleister führten die gesetzlich vorgeschriebene Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen formal durch. Jedoch sprachen neun von zehn Beratern das Thema Nachhaltigkeit nicht aktiv an. Als Gründe dafür erkennt die AK Wien unter anderem generelle Ablehnung der Finanzberater gegenüber nachhaltigen Investments, oder deren nur sehr oberflächliche Behandlung.

Jeder fünfte Berater riet von nachhaltigen Fonds ab. Als Haupt-argumente dafür wurden schlechtere Performance sowie zu kurze historische Wertentwicklungen, die eine fundierte Rendite-/Risiko-Bewertung erschweren, angeführt. Auch die Tatsache, dass die EU-Taxonomie noch nicht ausgereift ist, diente als Begründung.

Das österreichische Umweltzeichen für nachhaltige Finanzprodukte kam in den Beratungsgesprächen praktisch nicht vor. Die Verpflichtung, dieses oder andere Gütesiegel zu kennen oder anzusprechen, besteht für Finanzberater jedoch nicht. Deren Bekanntheit und Relevanz in der Anlageberatung zu steigern, obliegt einzig den jeweiligen Anbietern.

Probleme in der Praxis
Die AK Wien erkennt eine Reihe von Herausforderungen: Neben der unvollständigen EU-Taxonomie sind dies fehlende Standards für Nachhaltigkeitskriterien von Finanzprodukten, Komplexität der Produktanalyse, intransparente Produktzusammensetzung und unzureichendes Produktangebot.

Foto: AdobeStock / Promezz

 

 

Rohstoffe 2024 wieder attraktiv

Laut Experten spricht einiges dafür, dass es heuer mit den Preisen bergauf geht.

Patrick Baldia. Mit wenigen Ausnahmen, wie etwa Gold, das ein Rekordhoch erreichte, war 2023 nicht das beste Jahr für Rohstoffe. Dahinter stehen die Zinserhöhungen, die sich dämpfend auf die Konjunktur ausgewirkt und die Energie- und Industriemetallpreise gedrückt haben. Angesichts der mauen Wirtschaftslage bzw. des globalen Desinflationstrends gehen Experten davon aus, dass es spätestens in der zweiten Jahreshälfte zu ersten Zinssenkungen von Fed und EZB kommen wird. Damit sollte es auch – mit zeitlicher Verzögerung – mit den Rohstoffpreisen wieder bergauf gehen.

Für Tobias Schmidt, Leiter Multi Asset bei Union Investment, spricht derzeit einiges für die Beimischung von Rohstoffen. Anlegern empfiehlt er, selektiv vorzugehen. So biete der Ölpreis kein großes Potenzial – vorausgesetzt, in Russland oder dem Nahen Osten komme es zu keiner weiteren Eskalation. Wesentlich attraktiver für Anleger wären hingegen Industrie- und Edelmetalle. „Die Kombination aus geopolitischer Lage, Wirtschaftsumfeld und strukturellen Trends wie der grünen Transformation und der Digitalisierung schafft ein Marktumfeld, in dem Industriemetalle profitieren“, hält der Experte fest. Die Edelmetallpreise sollten wiederum durch Zinssenkungen beflügelt werden.

Tatsächlich spricht einiges für eine steigende Nachfrage nach Industriemetallen. Schmidt verweist auf den Kampf zwischen China und den USA um die globale Vorherrschaft und damit auch um kritische Mineralien und Metalle, die für zahlreiche industrielle Anwendungen und Technologien benötigt werden, wie Kupfer, Lithium und Nickel. „Im Zuge des grünen und technologischen Wandels wird die Nachfrage nach diesen Rohstoffen weiter steigen – sei es für den Bau von Batterien für E-Autos, für den Betrieb von Windkraftanlagen oder für Netzwerke, die die erneuerbare Energie von A nach B leiten.“

Auch die Rohstoffanalysten der Commerzbank rund um Thu Lan Nguyen haben einen positiven Ausblick für die Preise. Sie sprechen von „Licht am Ende des Tunnels“ und erwarten, dass es, sobald die USA und der Euroraum die Rezession hinter sich gelassen haben und auch die chinesische Konjunktur wieder Fahrt aufgenommen hat, zu „deutlichen Anstiegen“ kommen wird.

Experten legen Anlegern jedenfalls einen Rohstoffanteil zwischen 5 und 10 % im Portfolio nahe. Am einfachsten umzusetzen ist das für private Anleger mit klassischen Fonds bzw. ETFs. Je nach Risikoeinstellung bieten sich hier etwa Produkte an, die breite Rohstoffindizes wie den „Bloomberg Commodity Index“ oder den „UBS CMCI Index“ abbilden, sprich Zugang zu Futures aus den Bereichen Edelmetalle, Energie, Industriemetalle sowie Lebendvieh und Agrarwirtschaft bieten. Ein paar Beispiele, die sich in den letzten Jahren gut geschlagen haben, sind „UBS ETF (IE) CMCI Composite SF UCITS ETF“, „iShares Diversified Commmodity Swap UCITS ETF“ oder der „L&G All Commodities UCITS ETF“. Und wer aus ethischen Überlegungen nicht in landwirtschaftliche Produkte investieren möchte: Etliche Anbieter bieten auch „bereinigte“ Produkte an. Als riskanter gelten ETFs, die einzelne Rohstoffkategorien wie Edel- und Industriemetalle oder Öl und Gas abbilden.

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Mehr als nur ein Posting

Social Media ist zu einem wichtigen Kommunikationskanal geworden.

Christian Sec. In einem Instagram-Post von Porr werden die IT-Klischees mit Humor auf die Schippe genommen. Anscheinend stellt der Abteilungschef sein Büro vor und bedient dabei verschiedene Vorurteile. „Wir sind in der IT, natürlich sind wir alle Männer“, heißt es da unter anderem, während ein Schwenk durchs Büro nur Frauen zeigt. Humor sorgt auch für mehr Engagement bei den Social-Media-Nutzern, wie auch dieses Beispiel zeigt. Natürlich ist man dabei noch weit davon entfernt, „viral zu gehen“, also dass sich eine Information (zumeist Beiträge, Videos, Bilder) rasend schnell verbreitet, aber immerhin.

Für das Bauunternehmen steht dabei im Vordergrund, das positive Image zu stärken und zu zeigen, wie Porr-CEO Karl-Heinz Strauss gegenüber dem Börsen-Kurier erklärt. „Besonders wichtig ist es dabei, uns durch Authentizität abzuheben.“ Porr ist auf LinkedIn, Instagram und YouTube vertreten. LinkedIn hat dabei mit rund 117.000 Followern den höchsten Stellenwert, vor allem, wenn es darum geht, Erfolge und Projekte zu kommunizieren. „Wir schätzen daran speziell die Möglichkeit, auch komplexere Themen wie Nachhaltigkeit, Innovation und Digitalisierung in der Baubranche vermitteln zu können“, so Strauss. Auf Instagram will sich Porr als interessanter Arbeitgeber in Szene setzen, mit – unter anderem – Geschichten von Mitarbeitern. Zwei Mitarbeiter des Unternehmens sind für das Social Media verantwortlich und sollen fast täglich neuen Content schaffen.

Kommunikation mit Kunden
Die Erste Bank und Sparkasse zählt mehr als 238.000 Follower auf Facebook, und auf LinkedIn folgen ihr rund 50.000 Personen. 14.200 Follower zählt die Erste Bank und Sparkassen auf Instagram. Die Ziele auf den einzelnen Kanälen sind dabei so verschieden wie die jeweiligen Plattformen, erklärt ein Erste-Group-Sprecher auf Anfrage. Grundsätzlich kann man sagen, dass LinkedIn eine B2B-Plattform darstellt, während Instagram und Facebook die Endkunden ansprechen soll. Social Media ist dabei nicht nur Arm der Kampagnen, sondern geht darüber hinaus. Bei der Erste Group werden z. B. Beiträge über Finanzbildung, finanzielle Gesundheit und Unabhängigkeit, Produktinformationen, Tipps und Tricks für private Unternehmenskunden auf Social Media erstellt. Darüber hinaus sind die Kanäle für die Erste Group auch ein wichtiger Kanal für Rückfragen – und teilweise auch für Beschwerden – und informieren das Unternehmen über Störungen und geben den Kunden einfache allgemeine Hilfestellungen.

Bei der EVN wird Social Media bereits seit 2012 auf Facebook und YouTube betrieben. Die wichtigste Plattform für den Energiekonzern ist LinkedIn mit rund 10.000 Followern, gefolgt von TikTok, Instagram, Facebook und X. Die verschiedenen Kanäle werden von zwei Personen betreut. Auf Linked-In spielt vor allem das Thema Employer Branding eine wichtige Rolle. Ziel ist es dabei, sich als Arbeitgeber attraktiv für potenzielle Arbeitnehmer zu machen.

Dies gilt sowohl für die EVN als auch für den Versicherer VIG. Als Holding konzentriert sich die VIG vor allem auf die Plattform LinkedIn, da damit die Zielgruppen am besten erreicht werden können (rund 17.500 Follower). Die VIG hat außerdem einen eigenen VIG-Investor-Relations-Kanal auf LinkedIn, um speziell für Analysten und Investoren relevante Inhalte zielgerichtet zu positionieren. Der Social-Media-Auftritt unterscheidet sich naturgemäß von ihren operativen Gesellschaften wie z.B. der Wiener Städtischen. Während die VIG nicht auf Facebook oder Instagram aktiv ist, hat die Wiener Städtische rund 100.000 Follower auf Facebook und mehr als 9.500 auf Instagram, wobei fast täglich ein Posting abgesetzt wird.

Foto: Pixabay / cloudlynx

 

 

Megatrends auf dem Genfer Automobilsalon

Das Design der Fahrzeuge kann wettbewerbsentscheidend sein.

Tibor Pásztory, Genf. Das Design- und Engineering-Unternehmen Pininfarina ist das einzige der traditionsreichen italienischen Designhäuser, das – dank Mailänder Börsennotiz und indischer Großinvestoren – noch in relevanter Größe existiert. Vor dem Hintergrund des diesjährigen Genfer Automobilsalons unterhielt sich der Börsen-Kurier mit CEO Silvio Angori (am Foto rechts) über die Zukunft des Automobilmarktes und die Möglichkeiten von Designhäusern, auf diesen Einfluss zu nehmen.

Teilnahme äußerst bescheiden
Zunächst sei ein Seitenblick auf den diesjährigen Genfer Salon gestattet, den hundertsten in seiner Geschichte, der schon alleine aus diesem Grund sowie nach vier Jahren Corona-bedingter Pause ein besonderes Fest hätte werden sollen. Um es kurz zu machen: er war es nicht, weigerten sich doch die meisten Automobilhersteller, an diesem teilzunehmen. Von den großen europäischen Herstellern wagte sich lediglich Renault mitsamt Tochter Dacia aus der Deckung sowie ein paar chinesische Hersteller. Als dementsprechend mäßig erwies sich auch der Ansturm der Besucher. Vielversprechend gestalteten sich jedoch neue Diskussionsformate, die sich um grundsätzliche Fragen drehten.

Alte versus neue Welt?
Autosalons gelten bei den Herstellern derzeit als veraltetes Konzept. Als „hip“ wird alles gesehen, was irgendwie als digital bezeichnet werden kann, und selbst den Automobilverkauf wagen die zahlreichen Newcomer nach dem Vorbild von Tesla selbstbewusst ab Werk und ohne Händlernetz – mit mäßigem Erfolg. Nehmen die Hersteller vielleicht den Mund zu voll?

Pininfarina CEO Angori macht sich erst gar keine Mühe, um den heißen Brei herumzureden: „Es wird heutzutage von den Herstellern zu viel über Technologie geredet“, um gleich ein Beispiel zu formulieren: „Man will uns ‚veganes Leder‘ verkaufen, dabei handelt es sich doch auch nur um Kunststoff.“ Nun, wegen des Facelifts eines Golfs wird heute tatsächlich kaum jemand noch einen Autosalon besuchen. Und interessiert den Durchschnittskunden wirklich jede (echte oder unechte) Innovation, solange seine Bedürfnisse im Alltag, wie etwa Reichweite oder adäquate Platzverhältnisse, nicht erfüllt werden?

Im Umbruch
Zweifellos, die automobile Landschaft befindet sich im Umbruch wie seit 100 Jahren nicht mehr. Damals ging es Pionieren wie Henry Ford, André Citroën und Ferdinand Porsche um die Einführung des Massenautomobils, heute um den umweltverträglichen Umgang mit diesem. Ob die Elektromobilität dabei der Weisheit letzter Schluss ist, ist eine zentrale Frage, doch die (europäische) Politik von der Notwendigkeit einer Technologieoffenheit zu überzeugen, scheint bislang ein schwieriges Unterfangen.

Diese selbstgestellte Falle wird von den chinesischen Herstellern genützt, die derzeit in den europäischen Markt drängen. Doch auch Chinesen begehen strategische Fehler. Aus der Geschichte japanischer und koreanischer Hersteller wissen wir, wie viel Geld und Geduld vonnöten ist, um eine neue Marke im Markt zu etablieren. Statt sich auf jeweils ein bis zwei neue Marken zu konzentrieren, erfinden chinesische Hersteller jedoch gefühlt fast täglich neue, die man sich erst einmal merken muss.

Wie können solche neuen Marken und deren Produkte nun eine eigene Persönlichkeit erhalten? Angori arbeitet mit den meisten bedeutenden Herstellern zusammen und spricht aus Erfahrung: „Diese Marken müssen sich über Technologie und/oder Design eine Markengeschichte erarbeiten – das benötigt Zeit. Aber die neuen Hersteller lernen schnell. Um die Anforderungen des Marktes zu erfüllen, ist Expertise gefragt. Diejenige unserer 500 Mitarbeiter ist Grundlage unserer Existenz.“

Zur Absicherung des Unternehmens tätigt 25 % des Umsatzes aber außerhalb der Automobilbranche.

Design schlägt Langeweile
„Alle Autos sehen heute gleich aus“, heißt es in der Bevölkerung oft, und die SUV-Monokultur nervt viele Menschen. Kann sich Angori eine größere Artenvielfalt des Automobils vorstellen? Die Antwortet lautet schlicht „ja“. Sogar die Coupé-Form könnte ein Revival erleben, wenn vielleicht auch mehr als 5- denn als 2+2-Sitzer. Auch dieser Weg könne Newcomern zu einer rascheren Etablierung verhelfen. Design werde daher im Wettbewerb an Bedeutung gewinnen, gerade bei Elektrofahrzeugen, bei denen bessere Aerodynamik höhere Reichweiten ermögliche.

Die Bedeutung der Automobilbranche insbesondere für die europäische Wirtschaft kann alleine aufgrund der Arbeitsplätze gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Doch handelt es sich beim Automobil nicht um irgendeinen Gebrauchsgegenstand, sondern um ein emotionales Produkt. Obgleich mindestens ebenso viele Menschen eine Waschmaschine besitzen wie ein Auto, findet man im Zeitschriftenhandel jede Menge Automagazine, aber kein einziges Waschmaschinenjournal. Wird dies auch in Zukunft so bleiben? Auch die jüngeren Generationen blieben im Großen und Ganzen autoaffin, solange ihre Anforderungen erfüllt würden, gibt sich Angori überzeugt. Und solange gutes Design Langeweile bekämpfe. In diesem Sinne trügen auch kleine exotische Sportwagenhersteller zum einzigartigen Nimbus des Automobils bei.

 

 

Warum Schweizer Aktien?

Ein Kommentar von Daniel Häuselmann, Investment Director, Aktien Schweiz bei GAM Investments.

(01.03.2024) Für ein Binnenland mit nur neun Millionen Einwohnern und einer Fläche von etwa einem Zehntel der Fläche Deutschlands ist die Schweiz auf der Weltbühne weitaus bedeutender als ihre Größe vorgibt. Und auch die weltweite Reichweite von Schweizer Unternehmen ist nicht zu unterschätzen. Auf dem Schweizer Markt gibt es, neben globalen Megakonzernen wie Nestlé, eine Vielzahl innovativer, effizienter und gut geführter Unternehmen, die zu den Besten ihrer Branche zählen und in allen Teilen der Welt erfolgreich Marktanteile einnehmen. Bei einer Investition in Schweizer Aktien geht es also weniger um den heimischen Markt, sondern vor allem um Unternehmen, die durch starkes Management sowie Innovation auf eine lange Geschichte nachhaltigen globalen Wachstums zurückblicken können – aufgebaut auf dem Fundament eines der stabilsten Länder der Welt.

Um zu verstehen, warum Schweizer Unternehmen international so erfolgreich sind, müssen wir einen genaueren Blick auf den Schweizer „Investment-Case“ werfen:

Gunst im eigenen Land – warum ein stabiler Heimmarkt der Schlüssel zum globalen Erfolg ist
Als einer der ausgewogensten und sichersten Volkswirtschaften der Welt, steht die Schweiz für Widerstandsfähigkeit und Stabilität. Die umsichtige Steuerpolitik und das robuste Finanzsystem des Landes helfen Schweizer Unternehmen, langfristig und sicher zu planen. Das stabile innenpolitische Umfeld (mit Volksabstimmungen, die das Modell der direkten Demokratie untermauern), zuverlässige Eigentumsrechte und ein moderates Steuerniveau stärken das solide und sichere nationale Umfeld, von dem aus Schweizer Unternehmen ihre globalen Strategien planen.

Da es der Schweiz an natürlichen Ressourcen wie fossilen Brennstoffen oder Metallen mangelt, hat sie keinen nennenswerten Energiesektor und seit vielen Jahrzehnten keinen Bergbau mehr betrieben. Doch anstatt sich von diesem Mangel an natürlichen Ressourcen aufhalten zu lassen, hat die Schweiz andere Wege zum Erfolg gefunden und eine Mentalität der Kreativität und Wertschöpfung gefördert. Ihr langfristiges Engagement in Forschung und Entwicklung führt zu neuen Ideen und Produkten in Bereichen wie IT, Finanzen und Pharmazeutika. Dank ihrer Entwicklung durch Innovation hat die Globalisierung vielen Schweizer Unternehmen geholfen, ihren Erfolg auf weltweiter Ebene zu steigern und auf der internationalen Bühne zu gedeihen. Ein wichtiger Innovationsmotor für Schweizer Unternehmen ist der leichte Zugang zu neuen Talenten: Das Schweizer Bildungssystem gehört zu den besten der Welt und verschafft den Schweizer Unternehmen Zugang zu den talentiertesten Nachwuchskräften. Darüber hinaus verbindet die Schweiz ein starkes Identitätsbewusstsein mit einer offenen, multinationalen Mentalität und kann bei der Integration internationaler Kulturen Erfolge vorweisen.

Diversifizierter globaler Einnahmen-Mix
Schweizer Aktien verfügen über eine wahrhaft internationale Mischung von Einnahmeströmen. Weit davon entfernt, von ihrem relativ kleinen Heimmarkt eingeengt zu werden, haben viele Schweizer Unternehmen den Spieß umgedreht und sind ihren Konkurrenten mit einem größeren bindenden Inlandsmarkt voraus. In der Praxis sind viele Schweizer Unternehmen in der Tat global aufgestellt und verfügen über Einnahmequellen, die weit über die Grenzen Europas hinausreichen. Einige konzentrieren sich auf wachstumsstärkere Regionen wie Nord- und Südamerika und Asien, einschließlich der Schwellenländer, was ihr Potenzial für ein attraktives Gewinnwachstum und verbesserte Margen erhöht.

Sektoren wie Pharmazeutika und Basiskonsumgüter, die in den Schweizer Marktindizes durch Unternehmen wie Novartis, Roche und Nestlé gut vertreten sind, werden normalerweise mit defensiven Eigenschaften assoziiert, die dem Schweizer Markt in unsicheren Zeiten widerstandsfähige Eigenschaften verleihen. Doch aufgrund der Stärke der globalen Marktstellung dieser Unternehmen und der schieren Größe der Segmente, in denen sie tätig sind, können selbst diese defensiven, qualitativ hochwertigen Schweizer Schwergewichte ein Wachstumschancen für Anleger bieten.

Etwas weiter unten auf der Kapitalisierungsskala finden sich auf dem Schweizer Markt auch weltweit anerkannte Namen in Sektoren wie Grundstoffe, Industrie, Finanzwerte und Luxusgüter (z. B. Sika, ABB, Zurich Insurance und Richemont). Ergänzt werden diese führenden Namen durch eine wachsende Zahl kleiner und mittlerer Schweizer Unternehmen, von denen einige in Sektoren tätig sind, die viele Anleger nicht sofort mit der Schweiz in Verbindung bringen (z. B. IT und Logistik), und insgesamt stehen Schweizer Aktien für qualitativ hochwertige Wachstumsunternehmen mit einer beeindruckenden Erfolgsbilanz, die den Anlegern langfristig Beständigkeit bieten.

Ein Blick auf langfristig konstante Performance
Die langfristige Stärke des Schweizer Frankens war eine treibende Kraft für die Verbesserung der betrieblichen Effizienz in Schweizer Unternehmen. Schweizer Unternehmen, die an den Gegenwind einer starken Währung gewöhnt sind, können nicht stillstehen und haben sich daher weiterentwickelt, um auf globaler Ebene effizient und äußerst wettbewerbsfähig zu sein. Die Formel der Schweizer Unternehmen für langfristigen Erfolg spricht für sich selbst, denn in den letzten 35 Jahren haben Schweizer Unternehmen besser abgeschnitten als ihre europäischen, US-amerikanischen und globalen Konkurrenten

Bei der Anlage in Schweizer Aktien geht es also nicht so sehr um den Schweizer Markt, sondern vielmehr um die Erschließung globaler Ertragschancen durch Unternehmen mit Sitz in der Schweiz, die sich durch Exzellenz, Effizienz, Innovation, Nachhaltigkeit und globalen Ambitionen auszeichnen. In dieser Hinsicht stellt der Schweizer Aktienmarkt ein reiches Jagdrevier für Investoren wie uns dar, die auf Wachstum, Qualität und Nachhaltigkeit mit einem mittelfristigen Anlagehorizont abzielen. Unsere Erfahrung zeigt, dass gut geführte Wachstumsunternehmen sowohl in defensiven als auch in zyklischen Sektoren auf dem Schweizer Markt zu finden sind. Wir sind daher der Ansicht, dass der Rückhalt von Unternehmen, die auf die Schweizer Tradition von Wachstum durch geografische Expansion und Marktdurchdringung durch Innovation und Exzellenz setzen, den Anlegern mittel- und langfristig gute Dienste leisten wird.

Die Wolken über der Weltwirtschaft lichten sich bereits. Deswegen glauben wir, dass in diesem Jahr ein neuer Ertragszyklus beginnt und Schweizer Unternehmen, von den Mega-Caps bis zu den Small- und Mid-Caps, gut positioniert sind, um auf der globalen Bühne zu bestehen.

Zu viel Euphorie im Markt?

Die überschwängliche Kauflaune erhöht das Rückschlagpotenzial.

Roman Steinbauer. Signale bezüglich einer bevorstehenden Aktienkorrektur mehren sich. Zuletzt zogen wiederholte Höchststände der Indizes an führenden Börsen in Europa, den USA oder Japan viel spekulatives Kapital an. Obwohl diverse Titel etablierter AGs durchaus günstige Bewertungen aufweisen, wurden seit Jahreswechsel unter den Anlegern weiterhin jene Fonds oder Aktien bevorzugt, die dem Technologiesektor zuzuordnen sind. Da die Gewichtung dieser Sparte vor allem in den US-Indizes anstieg, wird der Gesamtmarkt durch stark gelaufene Tech-Werte dominiert.

Profis des New Yorker Investmentriesen BlackRock Inc. bremsten kürzlich den Optimismus zu den Aktienmärkten. Die Chef-Global-Investment-Strategin des Hauses, Wei Li, ordnete die Betrachtung in einem Interview gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg in der Vorwoche nun neu ein: „Wir sind gegenüber Aktien zu einer neutralen Haltung übergegangen. Für den japanischen und den US-Markt stehen wir zwar immer noch zu einer Übergewichtung. Auch hier glauben wir aber, die Immobilienkrise kann noch unerwartet durchschlagen.“ (Anm. der Red.: Die Lage spitzte sich jüngst in den USA nicht nur bei Gewerbe- sondern auch bei Büro-Immobilien zu.) Den weitreichenden Risikofaktor einer Kehrtwende der japanischen Notenbank (BoJ) mit einer Zinsstraffung und einem steigenden Yen relativierte die 53-jährige gebürtige Chinesin, befindet sich doch der Leitzins in Tokio nach wie vor bei -0,1 % und werden weltweit Finanzierungen in großem Umfang mit der Devise Nippons getätigt. Li: „Die Notenbanker werden behutsam sein, denn sie wissen um die Marktsensibilität. Die Wende wird mit Augenmaß erfolgen.“ Der Vorsitzende von Renaissance Macro Research, Neil Dutta, wies wiederum im selbigen Finanzkanal darauf hin, dass er trotz Fortschritten in der Inflationseindämmung die Chance für eine Zinssenkung in den USA heuer nur noch auf 10 bis 15 % einschätze.

Wie hochgesteckt die Erwartungen sind, aber auch das Potenzial einer Enttäuschung unter Investoren gestiegen ist, wurde anhand der abrupten Kurszäsur eines prominenten Vertreters des Technologiesektors deutlich. Trifft der Jahresausblick nicht die enorme Wachstumsfantasie der Anleger, werden Titel umgehend abgestraft. So setzte es beim Cybersecurity-Unternehmen Palo Alto (ISIN: US6974351057) am 21. Feber einen Abschlag um sagenhafte 28 %, nachdem die Umsatzprognose für 2024 unter den Markterwartungen lag. Noch zuvor wandten sich Investoren geradewegs Aktien dieser „zweiten Reihe“ bevorzugt zu.

Unsicherheit gedeiht 2024 indes nicht nur durch Präsidentenwahlen in den USA. Weitere Wirtschaftskonflikte bahnen sich an. Am Donnerstag der Vorwoche verlautbarte die US-Regierungsadministration, aufgrund von Sicherheitsbedenken Untersuchungen gegen importierte chinesische E-Kfz einzuleiten: Angesichts der Branchenbedeutung und der groß angelaufenen Autoproduktion chinesischer Marken in mexikanischen Werken ein Ungemach mit Potenzial. Dass diese Schritte zum Schutz der US-Autoindustrie gesetzt werden, liegt indes auf der Hand. Unterdessen kommen in Europa von der Inflationsseite kaum stimulierende Signale. Während die Preissteigerung in Deutschland für Feber mit +2,5 % (p.a.) der Erwartung entsprach, überraschte das nationale französische Statistikinstitut mit einer Rate von +2,9 % negativ. Der Volatilitätsindex (VIX) mahnt ebenso zur Vorsicht. Immer noch zeigt er mit 14 Punkten Gelassenheit an.

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Aktienbarometer 2024: Es gibt noch Luft nach oben

Die Österreicher gelten noch immer als Wertpapiermuffel.

Raja Korinek. Eine Umfrage der Industriellenvereinigung (IV), des Aktienforums und der Wiener Börse im Rahmen des „Aktienbarometer 2024“ hat die Entwicklungen für das Jahr 2023 erhoben. Dazu wurden 2.000 Österreicher ab 16 Jahren zwischen dem 2. und dem 22. Jänner befragt, die Ergebnisse wurden vergangene Woche vorgestellt. Der Börsen-Kurier war bei der Pressekonferenz dabei.

Peter Hajek, Chef der Peter Hajek Public Opinion Strategies GmbH (das Unternehmen führte die Studie durch), präsentierte die Auswertungen. Die wichtigsten Erkenntnisse: Demnach besitzen 27 % Wertpapiere (2022 waren es nur 25 %), das Thema werde zudem noch immer von Männern dominiert. Immerhin beschränke sich aber der Wertpapierbesitz nicht nur auf Vermögende, konstatiert Hajek und verweist in diesem Zusammenhang auf eine weitere Auswertung: 17 % jener, die in Wertpapiere investieren, verdienen bis zu 2.000 Euro netto – der Rest der Befragten gab in der Umfrage ein höheres Nettoeinkommen an.

Fonds bleiben gefragt
Doch wie sieht die Auswertung nach Assetklassen aus? Der größte Anteil entfällt auf Fonds und ETFs (20 %), gefolgt von Aktien (14 %) und Anleihen. „Hier stieg der Besitz von 6 auf 9 % im vergangenen Jahr“, sagt Hajek. Der Zuwachs fiel damit prozentuell stärker aus als in den anderen zwei Kategorien.

Schließlich konnten Anleger im Laufe des vergangenen Jahres erstmals wieder höhere Renditen lukrieren, ein Umstand, der selbst auf solide Bonds zutraf. Ein entsprechendes Investment wurde damit wieder umso interessanter.

Heimische Aktien im Fokus
Auch bei Aktien fällt ein Fazit auf: So gaben 40 % der Befragten an, Aktien österreichischer Unternehmen gekauft zu haben. Weitere 32 % haben sowohl inländische als auch ausländische Titel erworben. Als Hauptgründe für den Aktienbesitz wurde dabei der langfristige Vermögensaufbau sowie der Werterhalt genannt. „Wertpapiere sind das neue ‚Normal‘“, sagt IV-Präsident Georg Knill (Foto). Ins-besondere die langfristige Aktienvorsorge komme allmählich in der Mitte der Gesellschaft an. Knill hebt auch den Umstand, dass immer mehr junge Menschen in Wertpapiere investierten, positiv hervor. „Dies wirkt letztendlich wie ein Turbo am Kapitalmarkt.“

Überhaupt seien die Bürger der Politik einen Schritt voraus, die Kapitalmarktoffensive sollte ihm zufolge deshalb „jetzt“ gestartet werden. Robert Ottel, Präsident des Aktienforums, präzisiert die Forderungen, zu denen etwa der Verlustvortrag gelten solle. Derzeit ist ein Verlustausgleich nur innerhalb eines Kalenderjahres möglich. Auch sollte man Ottel zufolge den Verlustausgleich mit anderen Einkunftsarten geltend machen können. Obendrein wünsche man sich die Einführung eines – steuerbefreiten – Vorsorgemodells, bei dem erst bei Bezug der Erträge Steuern anfallen würden.

Foto: IV

 

 

Lichtblicke in der Industrie

Gesunkene Lagerbestände sprechen für einen baldigen Nachfrageschub.

Michael Kordovsky. Aufgrund von Lieferkettenunterbrechungen in den Pandemiejahren 2020 bis 2022 haben Unternehmen hohe Lagerbestände aufgebaut. Im Laufe des Jahres 2023 haben sie infolge einer Normalisierung der Lieferketten damit begonnen, ihre Bestände wieder abzubauen. Monat für Monat berichteten deshalb vor allem in den USA und Europa die mit diversen Einkaufsmanager-Indexdaten einhergehenden Reports von einem Lagerabbau. Nun aber sind weltweit die Lagerbestände dermaßen gesunken, dass Unternehmen wieder damit beginnen (werden), ihre Läger aufzustocken.

Lager werden aufgestockt
In den USA zeigte sich bereits in den vergangenen Monaten bei rückläufigen Lagerbeständen ein generell niedriges Vorratsniveau. Das lässt sich aus den Daten eines in den USA genau verfolgten Einkaufsmanagerindex tendenziell erkennen. Zudem lässt sich aus den BIP-Daten ablesen, dass die US-Exporte von Gütern und Dienstleistungen bereits im vierten Quartal 2023 um 2,1 % wuchsen. Ermutigend sind auch die Daten des „S&P Global US Manufacturing PMI“, der von Jänner auf Feber 2024 von 50,7 auf 52,2 Punkte anstieg und somit die stärkste Erholung seit Juli 2022 verzeichnete. In einer

Aussendung vom 1. März weist Chris Williamson, Chief Business Economist bei S&P Global Market Intelligence, sinngemäß darauf hin, dass nach einer langen Durststrecke des Lagerabbaus Fabriken wieder vermehrt ihre Lager aufstocken, was die Input-Nachfrage nach oben treibt und die Produktion im stärksten Ausmaß seit Anfang 2022 puscht.

Rohstoffnachfrageschub aus China winkt
Geht es um Industrieproduktion, so sollte unbedingt ein Blick auf die Entwicklungen des bedeutenden Produktionsstandortes China geworfen werden: Der vom National Bureau of Statistics of China (NBS, chinesische Statistikbehörde) veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für Unternehmen der verarbeitenden Industrie stieg im Jänner 2024 von 49,0 auf 49,2 % Punkte. Während die Produktion bereits anspringt, hinkt der Rohmaterial-Lagerbestand-Subindex noch hinterher. Er war auf Jahressicht noch von 49,6 auf 47,6 Punkte rückläufig. Allerdings ist ein Index für die Lager fertiggestellter Produkte von Dezember 2023 auf Jänner 2024 von 47,8 auf 49,4 Punkte und somit den höchsten Stand seit April 2023 gestiegen. Gleichzeitig stieg der Index neuer Exportaufträge von 45,8 auf 47,2 Punkte. Chinas Exporte sind nach sechs Monaten der rückläufigen Entwicklung im November 2023 gegenüber dem Vorjahresmonat erstmals wieder gewachsen. Im November und Dezember 2023 wuchsen die Exporte um je 0,7 bzw. 2,3 %. Bleibt der jüngste Nachfragetrend aufrecht, wird China wieder vermehrt international Rohstoffe einkaufen.

Industrieproduktion im Euroraum wächst im Dezember
In Europa schwächt sich der Abschwung der Industrie seit Jahresbeginn erkennbar ab und noch immer werden die Lagerbestände tendenziell kleiner. Laut dem von S&P Global veröffentlichten „HCOB Eurozone Manufacturing PMI“ hielt im Feber der Lagerabbau weiter an. Allerdings hat sich sowohl bei Vormaterialien als auch bei Fertigwaren der Abbau der Bestände verlangsamt. Der Abbau der Auftragsbestände hat sich hingegen im Feber gegenüber dem Vormonat leicht beschleunigt und das Minus der Neuaufträge verringerte sich bereits den vierten Monat in Folge und fiel so niedrig aus wie seit März 2023 nicht mehr. Das sind Lichtblicke, und auch die Zahlen von Eurostat stimmen optimistisch: War im November die Industrieproduktion noch um 5,4 % gegenüber dem Vorjahresmonat rückläufig, so folgte im Dezember ein Plus von 1,2 %. Vor allem die Investitionsgüterkäufe sprangen an. Dort lag das Plus bei 9,4 %.

Foto: AdobeStock / industrieblick

 

 

3 Gründe für Japans starke Performance

Ein Kommentar von Daniel Hurley, Spezialist für Schwellenländeraktien und japanische Aktien bei T. Rowe Price.

(27.02.) Die aktuell starke Performance Japans ist auf drei Schlüsselfaktoren zurückzuführen: Erstens eine robuste Weltwirtschaft und Wachstum, zweitens ein günstiger Wechselkurs, der Exporteuren hilft, und drittens eine Unternehmensreform, welche die Renditen für Anleger steigern lässt.

Die japanische Aktienrally konzentrierte sich bisher auf die Large Caps, allerdings nicht in dem Maße wie bei den amerikanischen „Magnificent Seven“. Der Nikkei 225, der stärker auf Export- und Technologieunternehmen ausgerichtet ist, notiert im Vergleich zum breiteren Topix-Index auf einem Dreijahreshoch. Dies ist zum Teil auf ausländische Kapitalzuflüsse zurückzuführen, die in größere Titel fließen, vor allem aber auf die Fundamentaldaten. Der schwache Yen unterstützt Exporteure und Technologieunternehmen, die aufgrund der Nachfrage nach KI- und Hardware-Technologien und -Produkten eine regelrechte Rallye erleben.

Value-Titel mit hohen Renditen
Auch in Japan haben großkapitalisierte Value-Titel die Renditen angeführt, was zum Teil auf die verbesserte Rentabilität infolge der Yen-Schwäche zurückzuführen ist. Im Topix-Index stammen rund 48 % der Erträge aus Ländern außerhalb Japans und 15 % aus den USA. Zu den Unternehmen, die von dieser Entwicklung profitierten, gehörten einige der größten Exporteure, die ihre Gewinne steigern und die Aufmerksamkeit der Investoren auf sich ziehen konnten.

Die Gewinne in Übersee wurden vor allem durch die jahrzehntelange Schwäche des Yen begünstigt. Das Ausmaß der Yen-Schwäche war in den letzten zwei bis drei Jahren dramatisch. Die Korrelation zwischen der monatlichen Veränderung des Nikkei und des JPY/USD lag in den letzten 30 Jahren bei 0,51. Von Anfang 2020 bis Januar 2024 ist dieser Wert auf 0,66 gestiegen. Die rasche Abwertung des japanischen Yen hat sich in jüngster Zeit zunehmend auf die Aktienmarktrenditen ausgewirkt.

Darüber hinaus hat die Schwäche des Yen in den letzten zwei Jahren den Value-Aktien zusätzlich geholfen. Diese Entwicklung ist zyklisch und wird von der Politik der Zentralbanken und den Inflationsraten in den USA und Japan bestimmt. Wir gehen nicht davon aus, dass er sich weiter abschwächen wird, wenn die Zinsen in den USA ihren Höhepunkt erreicht haben sollten.

Der Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit in Japan liegt vor allem in Reformen der Corporate Governance. Eine kontinuierliche Verbesserung in diesem Bereich wird für die zukünftige Performance des gesamten Marktes von Bedeutung sein.

Vernachlässigte Südhalbkugel

Noch scheuen sich die Unternehmen, den Blick jenseits des Äquators zu richten.

Christian Sec. „Es gibt wenig bis keine Handelsbeziehungen in der südlichen Hemisphäre“, schreibt die Außenhandelskammer in einer Studie. Die Umsatzanteile, die südlich des Äquators lukriert werden, liegen bei österreichischen Unternehmen höchstens im einstelligen Prozentbereich. Neben der geografischen Distanz könnte dies an der Wirtschaftsleistung der Südhalbkugel liegen, die bei weniger als 10 % des globalen BIPs liegt.

Neue Märkte bieten jedenfalls Möglichkeit zur geografischen Diversifikation und damit zur Verbesserung der Resilienz. Der Maschinenbauer Palfinger setzt verstärkt auf Südamerika als Hoffnungsmarkt. 2022 stieg der Umsatzanteil des Geschäftes dort von 4,5 auf mehr als 6 %. Vor allem Kräne für die Land- und Forstwirtschaft und den Bergbau werden stark nachgefragt. Insgesamt stiegen die Direktinvestitionen Österreichs in Brasilien 2022 um mehr als 15 % auf 1,7 Milliarden Euro. Dabei könnte es noch viel mehr sein. Aber Österreich steht beim Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay auf der Bremse. Die Vertreter der Wirtschaft und Industrie würden einen Beitritt befürworten. Landwirtschaftskammer und Arbeiterkammer sind dagegen.

Größte Freihandelszone
Auch Indonesien ist mit mehr als 270 Millionen Einwohnern ein Markt mit großen Chancen. Die Förderung ausländischer Betriebsansiedelungen gehört zur Wirtschaftsstrategie des Landes, mit dem Ziel, vom reinen Rohstoffexporteur zum Produzenten für die Weltwirtschaft aufzusteigen.

2023 trat in Indonesien das neue Freihandelsabkommen RCEP in Kraft, dass durchschnittlich 90 % der Zölle zwischen den Beitrittsländern beseitigt.

Die RCEP wird durch die Vereinigung der zehn ASEAN-Staaten mit fünf weiteren Partnerländern (China, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland) zur größten Freihandelszone der Welt. „Dies sollte österreichischen Investitionen in Indonesien zugutekommen, die auf den Export in die RCEP-Partnerländer ausgerichtet sind“, erklärt Sigmund Nemeti, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Jakarta, gegenüber dem Börsen-Kurier.

Lenzing produziert z. B. einen großen Teil seiner Viskosefasern für den asiatischen Markt in Indonesien. Mitglied des neuen RCEP-Raums ist auch Australien. Für Andritz Hydro ist Australien derzeit der aktivste Hydro-Markt der Welt. Einen Großauftrag für ein Pumpspeicherkraftwerk verdankt das Unternehmen auch seiner lokalen Präsenz, wie das Unternehmen erklärt.

Die Pierer AG wiederum verkauft mit seinen Zweiradmarken in Australien rund 33.000 Stück jährlich und sieht das Land gemeinsam mit Südafrika im Bereich der Elektromobilität als wichtige Eintrittsmärkte in ihrer internationalen Expansionsstrategie.

Nicht auf dem Radar
Südafrika ist der wichtigste Zielmarkt Österreichs in Afrika mit rund 700 Millionen Euro Exportumsatz und rund 70 Niederlassungen. Die Agrana betreibt in Südafrika eine Fruchtverarbeitungsanlage in der Nähe von Johannesburg. Die Kapsch TrafficCom konnte in Südafrika den Betrieb des Mautsystems, der bereits seit 2013 läuft, bis Juni 2024 verlängern. Rund 1.000 Mitarbeiter beschäftigt der Mautsystemanbieter dafür. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz aus Südafrika 69 Millionen Euro. „Viele Betriebe haben das Potenzial des Marktes noch nicht auf dem Schirm“, weiß die „Außenwirtschaft Austria“ auf Börsen-Kurier-Anfrage. In kaum einer Region der Welt sind persönliche Präsenz und Kenntnisse vor Ort so wichtig wie in Afrika. „Der Grundsatz: Kenne deine Geschäftspartner zählt hier doppelt“, so die „Außenwirtschaft Austria“.

Foto: Pixabay / Mohamed_hassan

 

 

Anonymen Barzahlungen drohen Einschränkungen

Bei Barzahlungen ab 3.000 Euro sollen sich Kunden legitimieren müssen. Auch Fußballvereine sind betroffen.

Andreas Dolezal. Schon seit Juli 2021 liegen die Entwürfe zum neuen EU-Geldwäsche-Paket vor. Am 12. und 13. Feber 2024 – also nach gut zweieinhalb Jahren politischer Verhandlung – wurden die finalen Entwürfe zur kommenden EU-Geldwäsche-Richtlinie und -Verordnung veröffentlicht. Einige Inhalte waren zu erwarten, andere überraschen.

10.000 Euro Bargeldobergrenze
Die Bargeldobergrenze von 10.000 Euro steht schon lange im Raum. Im Geschäftsverkehr sollen Barzahlungen ab 10.000 Euro verboten sein. Die einzelnen EU-Mitgliedsländer können national sogar einen niedrigeren Schwellenwert festsetzen. In Italien gilt beispielsweise schon heute ein Barzahlungsverbot ab 5.000 Euro (bis Ende 2022 sogar 2.000 Euro), in Griechenland bereits ab 500 Euro.

Gelten soll das Barzahlungsverbot im Geschäftsverkehr, von privat zu privat können weiterhin höhere Beträge bar bezahlt werden. Aber Achtung: Lukrieren Sie beispielsweise durch den Verkauf eines Pkw 15.000 Euro in bar, und zahlen diesen Betrag anschließend bei Ihrer Hausbank ein, muss diese – weil der Barbetrag über 10.000 Euro liegt – unverzüglich eine Meldung an die Geldwäschemeldestelle abgeben. Diese Pflicht besteht unabhängig davon, ob ein Verdachtsfall vorliegt, oder nicht, sowie bei Auszahlungen ab 10.000 Euro. Damit ist es mit der Anonymität vorbei.

Legitimierung ab 3.000 Euro in bar
Bei Barzahlungen ab 3.000 Euro sollen Verpflichtete zur Geldwäsche-Prävention den Kunden identifizieren müssen, also dessen Identität feststellen und überprüfen. Dies erfolgt in der Regel durch Vorlage eines amtlichen Lichtbildausweises. Anonyme Barzahlungen, wie zum Beispiel beim Kauf von physischem Gold, wären folglich nur mehr bis 2.999,99 Euro möglich.

Wer jetzt denkt, dass er oder sie nirgends mehr im Handel um zum Beispiel 7.000 Euro bar einkaufen kann, irrt jedoch. Des Rätsels Lösung sind jene Gewerbetreibenden, die überhaupt zur Geldwäsche-Prävention verpflichtet sind. Diese Gruppe wird nämlich deutlich kleiner. Sie umfasst zukünftig nur noch Händler mit Edelmetallen, Edelsteinen, Kunst oder anderen hochwertigen Gütern. Was hochwertige Güter sind, ist explizit festgelegt: Schmuck und Uhren mit einem Wert von mehr als 10.000 Euro, Kfz mit einem Wert über 250.000 Euro sowie Luft- und Wasserfahrzeuge mit einem Wert von mehr als 7,5 Millionen Euro.

Beim Juwelier und Autohändler müssen Sie sich also zukünftig ab 3.000 Euro Barzahlung ausweisen, bei allen anderen Händlern, wie etwa jenen mit Elektronik und Baustoffen, können Sie weiterhin bis 9.999 Euro bar und anonym bezahlen, weil diese in den Bestimmungen zur Geldwäsche-Prävention nicht mehr erwähnt werden.

Fußballsektor als Risikobranche
Obwohl schon die letzte gesamteuropäische Risikobewertung den Fußballsektor als Risikobranche nennt, überrascht es doch, dass zukünftig Fußballvermittler und Profifußballvereine zur Geldwäsche-Prävention verpflichtet sein sollen. Die Mitgliedstaaten können jedoch Profifußballvereine aus der ersten Liga mit einem Umsatz von weniger als 5 Millionen Euro und Vereine aus niedrigeren Spielklassen ganz oder teilweise davon ausnehmen.

Frühestens Mitte 2027
Abzuwarten bleibt, ob es tatsächlich alle Textpassagen aus den nun vorliegenden Entwürfen in die endgültige Fassung der neuen Geldwäsche-Bestimmungen schaffen. Die beschriebenen und noch einige mehr erscheinen aus Sicht der Praxis haarsträubend bis skurril. Ob Richtlinie und Verordnung noch vor den Europawahlen im Juni 2024 fertig werden, ist offen. Nach Inkrafttreten haben die Mitgliedstaaten und Verpflichteten 36 Monate Zeit, die Bestimmungen umzusetzen. Bis Mitte 2027 bleibt also voraussichtlich noch alles beim Alten.

Foto: AdobeStock / Rawf8

 

 

Keine Crash-Szenarien im Immobilienbereich

Nur leichte Konsolidierung der Preise – diese sollten aber relativ stabil bleiben.

Michael Kordovsky. Der „S&P CoreLogic Case-Shiller 20-City Composite Home Price NSA Index“ misst den gleitenden Wohnhaus-Preisdurchschnitt von 20 US-Großstädten bzw. die Veränderung der Wohnhauspreise. Per 30. November 2023 lag die 3-Jahres-Wertentwicklung noch immer bei knapp über 10 % pro Jahr. Auf zehn Jahre sind es genau 6,74 % p.a., und selbst die jüngsten Zinssteigerungen führten nur zu einer kurzen zwischenzeitlichen Preiskorrektur im Jahr 2022. Doch damals lag das gesamte Plus per Saldo noch immer bei 4,8 %, nach einem Anstieg von 18,5 % im Jahr 2021. Von Jänner bis November 2023 sind es wieder plus 6,4 %. Die Arbeitslosenquote in den USA ist auf Vollbeschäftigungsniveau und die Aktienmärkte haben sich schon über einen längeren Zeitraum positiv entwickelt. Fazit: Es ist noch immer genug Geld für Wohnimmobilienkäufe vorhanden.

Auch im asiatisch-pazifischem Raum kein Immobiliencrash
Die Region Asien/Pazifik ist langfristig ein goldener Boden für Immobilieninvestoren. Zwischenzeitliche Volatilitäten sind dabei ganz normal. So gab es beispielsweise zuletzt am australischen Markt eine spürbare Preiskorrektur, die sich auch gut erklären lässt: Die Reserve Bank of Australia hat von Mai 2022 bis November 2023 ihren Leitzins von 0,10 auf 4,35 % angehoben. Aufgrund dessen war der „Real House Price Index“ vom vierten Quartal 2021 bis zum ersten Quartal 2023 von 131 auf 117 Punkte rückläufig (minus 10,6 %) ehe bis zum dritten Quartal 2023 wieder eine Erholung einsetzte.

In Japan erreichte der „Japan Residential Property Price Index“ im September 2023 sogar ein Allzeithoch. Und wie sieht es in China aus? Schließlich gibt es eine Inflation an Medienberichterstattung über den „angeschlagenen chinesischen Immobilienmarkt“. Doch das Ausmaß relativiert sich zumindest gemäß den veröffentlichten Daten zum „China Real Residential Property Price Index“: Vom Hoch bei 113 Punkten im September 2021 folgte bis September 2023 ein Rückgang auf 103 Punkte oder von minus 8,7 %.

In Indien läuft indessen bereits über mehrere Jahre eine schleichende Preiskorrektur im „India Real Residential Property Price Index“, der vom All Time High von 177 Punkten im Juni 2019 bis Juni 2023 auf 160 Punkte, also um 9,8 %, rückläufig war.

Ebenfalls nur moderate Korrekturen in Europa
Von Eurostat liegen erst die Daten bis zum dritten Quartal 2023 vor, während für Österreich von der OeNB bereits der Wohnimmobilienpreisindex für das vierte Quartal 2023 veröffentlicht wurde – mit folgenden Ergebnissen: Die Preise für Wohnimmobilien fielen bundesweit seit ihrem Peak im dritten Quartal 2022 nur um 4,2 %. Marginal stärker war der Preisrückgang in Wien mit -5,4 % verglichen mit nur -3,4 % außerhalb Wiens. Gebrauchte Eigentumswohnungen in Wien haben seit ihrem Peak im zweiten Quartal 2022 (bis zum vierten Quartal 23) mit -8,6 % überdurchschnittlich an Wert verloren. Doch angesichts rückläufiger Baugenehmigungen und einer weiteren Zuwanderung sowie einer bis Jahresende absehbaren Entspannung an der Zinsfront erscheint hier-zulande ein baldiger Preisboden plausibel.

Und auch quer durch Europa fehlen für ein „Crash-Szenario“ jegliche Anzeichen: Im Euroraum 20 entwickeln sich die Wohnimmobilienpreise auf Jahresbasis erst seit dem zweiten Quartal 2023 erneut rückläufig. Im dritten Quartal lag der Rückgang des Hauspreisindex (HPI) bei 2,1 %.

Der Hauspreisindex misst die Preisentwicklungen aller von Haushalten erworbenen Wohnimmobilien (Wohnungen, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser usw.; sowohl Neu-als auch Altbauten) unabhängig von ihrer endgültigen Verwendung und ihren bisherigen Eigentümern.

Die Indizes der Mitgliedstaaten werden von den nationalen Statistikämtern erstellt, die Aggregate für den Euroraum und die EU von Eurostat. Von den Mitgliedsstaaten, für die Preisdaten vorliegen, verzeichneten im dritten Quartal 2023 zehn einen jährlichen Rückgang der Hauspreise und 16 einen Anstieg. Die höchsten Anstiege meldeten Kroatien (+10,9 %), Polen (+9,3 %) und Bulgarien (+9,2 %). Seit der Euro-Einführung in Kroatien ist die Nachfrage nach Freizeitwohnsitzen dort enorm. Polen und Bulgarien profitieren indessen von einem volkswirtschaftlichen Aufholprozess. Die höchsten Rückgänge verzeichneten hingegen Luxemburg (-13,6 %), Deutschland (-10,2 %) und Finnland (-7,0 %).

Fazit
Weltweit halten sich die Immobilienpreisrückgänge in engen Grenzen oder der Preisanstieg setzt sich sogar einfach weiter fort. Schließlich führten höhere Inflationsraten zu einem Anstieg der Inflations-indexierten Mieten.

Nehmen wir seit Feber 2021 nur insgesamt 20 % Inflationsanstieg (= Mietpreisanstieg) an. Bei gleichbleibendem Wohnungspreis und einer „Ausgangs-Mietrendite“ von 3,30 % im Feber 2021 würde die Mietrendite mittlerweile bei knapp 4 % liegen. Dieses beschriebene Phänomen macht Wohnungen in punkto Mietrendite im Vergleich zu den Jahren 2021 und 2022 wesentlich attraktiver.

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Fünf Grundsätze für die Geldanlage in 2024

Von Matthias Mohr, Managing Director Financial Intermediaries Germany & Austria bei Capital Group.

(20.02.) Das vergangene Jahr hielt für Anleger einige Überraschungen bereit, und auch 2024 verspricht turbulent zu werden – dazu tragen nicht zuletzt die zahlreichen Wahlen rund um den Globus bei. Matthias Mohr, Managing Director Financial Intermediaries Germany & Austria bei Capital Group, gibt Anlegern deshalb zum Jahresbeginn fünf Grundsätze für die Geldanlage an die Hand, die ihnen dabei helfen können, mit ihren langfristigen Plänen auf Kurs zu bleiben.

1. Wahlen kommen und gehen. Ihre Auswirkungen werden jedoch häufig überschätzt
Politische Nachrichten dürften auch in diesem Jahr die Schlagzeilen beherrschen. Immerhin wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung 2024 an die Wahlurnen gerufen. Insbesondere rund um die US-Präsidentschaftswahlen erwartet Mohr kontroverse Debatten über Einwanderung, internationale Politik und soziale Fragen. Dies dürfte zu erhöhter Volatilität an den Märkten führen. Die gute Nachricht: Volatilität könne geduldigen Anlegern auch Chancen eröffnen. „Qualitativ hochwertige Unternehmen geraten häufig ins Visier der Politik, woraus sich Kaufgelegenheiten ergeben können“, so Mohr.

Zudem gibt er zu bedenken: In den USA hätte der Ausgang einer Wahl in der Vergangenheit kaum Auswirkungen auf die langfristigen Marktrenditen gehabt. Seit 1936 habe die annualisierte 10-Jahres-Rendite von US-Aktien gemessen am S&P 500 in Wahljahren, in denen ein Demokrat gewonnen habe, 11,2 % betragen und in Jahren, in denen ein Republikaner den Sieg davongetragen habe, 10,5 %.

2. Barmittel sind möglicherweise nicht so attraktiv wie angenommen
2023 sei die Risikoaversion der Anleger in Verlustaversion umgeschlagen: Ängstliche Anleger hätten Milliarden in Barmittel und Barmitteläquivalente umgeschichtet. „Wenn die Unsicherheit groß ist, sucht man natürlich Sicherheit, und die attraktive Verzinsung von Geldmarktfonds und Barmitteläquivalenten mag beruhigend wirken“, sagt Mohr. „Aber Bargeld ist möglicherweise nicht so attraktiv, wie man meinen könnte, wenn man die Opportunitätskosten betrachtet.“

Anleger müssten nur einen Blick auf ihre Bilanzen für das vierte Quartal 2023 werfen, um zu erkennen, dass es riskant sein könne, an der Seitenlinie zu verharren. Der S&P 500, ein breiter Maßstab für US-Aktien, sei in den drei Monaten bis zum 31. Dezember 2023 um 11,69 % gestiegen, und der Bloomberg US Aggregate Index, ein breiter Maßstab für den US-Anleihemarkt, um 6,82 %. „Anleger, die weiterhin an der Seitenlinie stehen, verpassen möglicherweise künftige Chancen und gefährden so ihre langfristigen Ziele. Denn langfristigen Anlegern bieten sich wieder attraktive Anlagemöglichkeiten in Aktien und Anleihen“, so Mohr.

3. Innovation ist gut, aber auch Diversifikation ist wichtig
Zuletzt hätten Durchbrüche im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) die Welt in ihren Bann gezogen und die Aktienkurse einer Handvoll Mega-Cap-Tech-Unternehmen in die Höhe getrieben. Einige dieser führenden Unternehmen werden nach Ansicht Mohrs wahrscheinlich auch weiterhin an der Spitze der Innovationsentwicklung stehen. Ihre jüngsten Erfolge hätten jedoch zu einem US-Aktienmarkt geführt, der stärker konzentriert sei als in der Dotcom-Ära. Im Dezember 2023 seien auf die zehn größten Unternehmen des S&P 500 30,9 % der Marktkapitalisierung entfallen, verglichen mit 26,6 % im März 2000.

„Da eine so kleine Anzahl von US-Technologieaktien einen so großen Anteil an den Gesamtmarktrenditen hat, sind die potenziellen Vorteile der Diversifikation im vergangenen Jahr nicht offensichtlich gewesen“, sagt Mohr. „Angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten zu Beginn dieses Jahres halte ich Diversifikation jedoch für wichtiger denn je.“ Er sieht vielversprechende Anlagechancen bei führenden US-Technologieunternehmen sowie bei Dividendenzahlern und globalen Spitzenunternehmen. Europa und Asien seien die Heimat von Pionieren in verschiedenen Branchen, von der Luft- und Raumfahrt bis zur Fabrikautomation. Das französische Unternehmen Safran beispielsweise, Weltmarktführer bei Triebwerken für Schmalrumpfflugzeuge, entwickele in Zusammenarbeit mit General Electric Triebwerke, die die Emissionen um 20 % senken könnten. In Japan wiederum sei SMC führend bei Komponenten für Roboteranlagen und die Halbleiterproduktion.

4. Das Comeback der Anleihen könnte gerade erst begonnen haben
Anleihen hätten in den vergangenen beiden Jahren nicht die relative Stabilität und Diversifikation geboten, die sich Anleger erhofft hätten. Zuletzt habe sich das Bild jedoch deutlich aufgehellt. Da die Inflation schneller als erwartet zurückgegangen sei, habe die US-Notenbank angedeutet, die Zinsen nicht weiter erhöhen zu wollen – eine Nachricht, die im vierten Quartal eine Rallye an den Anleihenmärkten ausgelöst habe. Aus Sicht Mohrs ist das Ende eines Straffungszyklus in der Regel ein guter Zeitpunkt, um Anleihen zu kaufen. „Da die Renditen in allen Kreditsektoren deutlich gestiegen sind und jede Konjunkturabschwächung zu Zinssenkungen führen könnte, könnten Anleihen die Comeback-Story des Jahres 2024 werden“, so Mohr.

5. Es gibt immer Gründe, nicht zu investieren. Das muss Anleger jedoch nicht zwingend abhalten
„In meinen 25 Jahren im Investmentgeschäft habe ich noch nie einen guten Zeitpunkt zum Investieren gesehen. Es gibt immer ein Dutzend guter Gründe zu warten“, sagte einst Graham Holloway, der verstorbene Präsident von American Funds Distributors. „Die heutige Zeit bildet da keine Ausnahme: die Zinsen, der Präsident, die anhaltenden Unruhen im Nahen Osten, übermäßige staatliche Regulierung und ein Kongress, der eher Teil des Problems als Teil der Lösung ist. Vorsichtige Anleger könnten versucht sein, unter diesen Umständen nicht zu investieren – es sei denn, sie möchten eine Gelegenheit nutzen.“

Diese Worte hätten aus Sicht Mohrs auch gestern gefallen sein können. Sie stammen jedoch von Mai 1981, als die Märkte ebenfalls von Unsicherheit geprägt waren. „Kurzfristig sorgen Nachrichten für Turbulenzen, aber langfristig bestimmen die Fundamentaldaten der Unternehmen die Märkte“, hält der Experte abschließend fest.

Verpönte Dividendenbringer

Öl- und Tabak-Aktien punkten mit hohen – auch zukünftigen – Ausschüttungen.

Michael Kordovsky. Durch die zunehmende ESG-Orientierung in der Vermögensverwaltung kommt es immer häufiger zum Ausschluss von Öl- und Tabaktiteln. Die betreffenden Aktienkurse hinken in der Folge den Unternehmenswerten immer weiter hinterher. Damit wird der Value-Faktor zunehmend verlockender, insbesondere in einem inflationären Umfeld, dessen treibende Kraft steigende Erdöl- und Erdgaspreise sind. Indessen haben Tabakkonzerne eine hohe Preissetzungsmacht in einem inflationären Umfeld und gerade jene Firmen stehen solide da, bei denen der Zigarettenanteil am Umsatz weniger wird. Dies bedeutet langfristig einen Aufstieg in der ESG-Hierarchie und ein wachsendes Investorenspektrum, weshalb der niedrige KGVs und hohe Dividendenrenditen einen Bonus darstellen könnten.

Als ein Vorreiter für eine rauchfreie Zukunft gilt Philip Morris International (ISIN: US7181721090). Der Tabakriese hat seit 2008 bereits mehr als (umgerechnet) 11,6 Milliarden Euro in die Erforschung und Entwicklung rauchfreier Produkte wie E-Zigaretten investiert. Bis 2030 will Philip Morris bereits zwei Drittel der Umsätze rauchfrei erwirtschaften, 2023 waren es 39,3 %. Im Jahr 2023 konnte der Konzern auf organischer Basis den Nettoumsatz um 7,8 % auf 32,6 Milliarden Euro steigern, während bereinigt um Währungseffekte der Gewinn pro Aktie um 11 % wuchs. Laut Zacks-Konsens errechnete sich am 16. Feber ein für 2025 geschätztes KGV von 12,6. Auf Basis der Jahresdividende für 2023 liegt die Dividendenrendite bei 5,8 % und von 2008 bis 2023 konnte die Dividende pro Aktie um 7,2 % p.a. gesteigert werden.

Ein weiterer lukrativer Dividendenbringer ist die britische Imperial Brands (GB0004544929), die sich in ihrem Transformationsprozess mit diversen ESG-Zielen auseinandersetzt. Die Dividendenrendite liegt aktuell bei satten 8 %. Für 2024 bis 2026 (das Geschäftsjahr endet per 30.9.) rechnen Experten im Schnitt mit 10,2 % p.a. Gewinnwachstum pro Aktie. Das für 2025 erwartete KGV liegt per 16.2.2024 bei niedrigen 5,5. Ein weiterer Top-Tabakwert, der ebenfalls rauchfreie Produkte forciert, ist Altria (US02209S1033). Dessen um Sonderposten bereinigter Gewinn pro Aktie wuchs von 2018 bis 2023 um 4,4 % p.a. und die aktuelle Dividendenrendite beträgt 9,8 %. Laut Analystenschätzungskonsens liegt das für 2024 geschätzte KGV bei 7,9.

Von 2012 bis 2022 steigerte die französische TotalEnergies (ISIN: FR0000120271) ihre regulären Ausschüttungen pro Aktie von 2,34 auf 2,81 Euro, und für 2023 ist eine Anhebung um 7,1 % auf 3,01 Euro vorgesehen (wodurch bei einem Kurs von 59,82 Euro eine Dividendenrendite von 5 % resultiert). Das Unternehmen konnte den operativen Cashflow von 2018 bis 2023 um 10,5 % p.a. auf 40,7 Milliarden Euro steigern. Von 2024 bis 2027 rechnen Analysten mit einem kontinuierlichen moderaten Gewinnwachstum pro Aktie, und das für 2025 erwartete KGV läge somit bei günstigen 6,5.

Das Highlight ist aber die OMV, die ihre reguläre Dividendenzahlung von 2015 bis 2022 um 16 % p.a. auf 2,80 Euro steigern konnte. 2022 kam die „Sonderdividende“, die damals 2,25 Euro betrug, als neues Instrument für Ausschüttungen hinzu. Im laufenden Jahr will die OMV für 2023 eine Gesamtdividende von 5,05 Euro ausschütten, davon 2,95 Euro regulär und 2,10 Euro Sonderdividende. Bei einem Kurs von 40,66 Euro resultiert daraus eine Dividendenrendite von 12,4 %, und wirft man einen Blick auf die zukünftigen Ertragserwartungen der Analysten, so erscheinen in den kommenden Jahren zumindest Ausschüttungen im Bereich 3,50 bis 3,80 Euro pro Aktie realistisch.

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Pension: Zu viel „Prinzip Hoffnung“

Fürs Alter nicht nur ansparen, sondern auch planen, raten Experten.

Emanuel Lampert. Knapp die Hälfte der Österreicher (45 %) schätzt, dass die „Höhe der Kosten zur Bewältigung des Alltags“ in der Pension „etwa gleich hoch“ ist wie zu Berufszeiten. 29 % gehen von höheren Kosten aus, 27 % von geringeren. Das sind Ergebnisse einer Umfrage, die Christian Nuschele, bei Standard Life Head of Distribution für Österreich und Deutschland, vor Journalisten in Wien präsentiert hat. IFES hat für den Versicherer rund um den Jahreswechsel 1.000 16- bis 75-Jährige befragt. Nuschele sieht darin eine „vernünftige Einschätzung“. Medikamente, Pflege, altersgerechte Wohnraumgestaltung könnten Verteuerungen verursachen.

Geld und andere Sorgen
Neben körperlichen Beschwerden können im Alter noch andere Probleme auftreten, ergänzte Gerald Gatterer, Leiter des Instituts für Alternsforschung an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien: psychische – wie Depressionen, Ängste, „Sinnfrage“ -, soziale wie etwa Vereinsamung oder auch finanzielle. Gatterer charakterisiert die Pensionierung folglich als „mehrdimensionalen Prozess“ – mit Risiken für physische und psychische Erkrankungen, aber auch mit Entwicklungspotenzialen. „Die Planung des Ruhestands muss daher ganzheitlich angegangen werden.“

Eben auch finanziell: Denn während, siehe oben, drei Viertel gleich hohe oder höhere Kosten erwarten, schätzen zugleich 69 % das Einkommen aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge als geringer ein als ihr Erwerbseinkommen zuvor. „Sehr gut“ für den Ruhestand abgesichert fühlen sich nur 10 %, weitere 39 % „eher gut“. 28 % fühlen sich eher schlecht, 11 % sehr schlecht abgesichert. 12 % konnten keine Einschätzung abgeben.

Kapitalmarkt nutzen
Ronald Felsner
, Vorsorgeexperte von FBP Financial Advisers, plädierte dafür, zur Altersvorsorge den Kapitalmarkt zu nutzen. Ohne diesen werde es „sehr, sehr schwer“ gehen. Von der seit langem angekündigten Behaltefrist für die KESt-Befreiung für Kursgewinne bei Wertpapieren und Fondsprodukten erwartet er sich nicht viel. Darauf zu warten, sei aber ohnehin nicht nötig.

Mit der fondsgebundenen Versicherung gebe es nämlich schon eine attraktive Lösung – nicht nur aus steuerlichen Gründen, auch weil sie „flexible Änderungs- und Verfügungsmöglichkeiten“, einen „raschen Kapitalzugriff“ für Erben im Todesfall und die Option auf eine lebenslange Rente biete. Es sei ein „häufiger Fehler“, das Kapital auszahlen zu lassen, nur um sich danach zu fragen, wie man das Geld am besten weiterveranlagt.

Nuschele betonte, häufig konzentriere sich die Pensionsvorsorge nur aufs Ansparen; danach herrsche oft das „Prinzip Hoffnung“, dass das Geld bis zum Lebensende reicht. Die Zeit nach der Ansparphase nicht im Blick zu haben, sei riskant. „Deshalb sollte auch die Pensionsphase im Rahmen einer Ruhestandsplanung professionell finanziell geplant werden.“

Wesentliche Faktoren dafür seien Schutz der Kaufkraft des Pensionskapitals und Risikominimierung durch lebenslange Rentenauszahlungen.

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GAR: Die neue „grüne“ Kennzahl

Banken müssen den Anteil ihrer nachhaltigen Investments offenlegen.

Andreas Dolezal. Finanzmarktteilnehmer sollen, so die Vorgabe der EU, verstärkt nachhaltige Investitionen tätigen. Um vergleichen zu können, welche Bank oder Versicherung wie „grün“ investiert, muss ab 2024 die Green Asset Ratio – frei ins Deutsche übersetzt: Quote grüner Investitionen – berechnet und publiziert werden.

Rechengröße GAR
Die Green Asset Ratio, kurz GAR, ist sozusagen der CO2-Fußabdruck aller Investitionen einer Bank, Versicherung oder Fondsgesellschaft. Ganz so aussagekräftig ist die GAR jedoch nicht. Der direkte Bezug von nachhaltigen Investitionen zur EU-Taxonomie beschert der Kennzahl erhebliche Unschärfen.

Im Grunde ist das Berechnen der GAR einfach. Alle im Sinne der EU-Taxonomie nachhaltigen Investitionen, wie Veranlagungen in Aktien und Anleihen, sowie Kredite werden addiert und durch das gesamte Investitionsvolumen dividiert. Das Ergebnis soll den Anteil an „grünen“ Investments repräsentieren.

Grün = Taxonomie-konform
Die EU-Taxonomie kennt nur etwa 100 Wirtschaftstätigkeiten. Banken finanzieren jedoch nicht nur diese kleine Auswahl, sondern die gesamte Wirtschaft. Geschäftsaktivitäten, die die EU-Taxonomie nicht kennt – und seien sie noch so nachhaltig -, fließen nicht in die GAR-Berechnung ein. Die EU-Taxonomie ist blind für sie, also finden sie keine Berücksichtigung. Ebenfalls ignoriert werden Investitionen in Klein- und Mittelbetriebe sowie Unternehmen, die ihren Sitz nicht in der EU haben. Denn all diese sind nicht verpflichtet, die Taxonomie-Konformität ihrer Wirtschaftstätigkeit zu ermitteln und zu veröffentlichen. Je höher das Engagement einer Bank gegenüber KMU und Nicht-EU-Unternehmen ist, desto geringer wird die Green Asset Ratio sein, die sie ausweisen wird. Ausgeschlossen sind auch Kredite an Private sowie Engagements in Staatsanleihen.

Irreführendes Rechenergebnis
Das Investitionsvolumen im Zähler schrumpft durch die auf wenige Wirtschafstätigkeiten beschränkte Regulatorik, während im Nenner das gesamte Investitionsvolumen aufsummiert wird. „Aufgrund ihrer Struktur und ihres eingeschränkten Erfassungsbereichs hat sie (Anm.: die Green Asset Ratio) jedoch nur einen sehr begrenzten Informationswert“, kritisiert die Europäische Bankenvereinigung EBF. Ein einfacher Vergleich der GAR-Zahlen zwischen Banken könne irreführend sein, schreibt die EBF weiter, denn die Nichtberücksichtigung eines großen Teils der Wirtschaft werde, je nach Geschäftsmodell, Kundenstamm und geografischer Ausdehnung einer Bank, zu unterschiedlichen Werten für die grünen Vermögenswerte führen.

Eingeschränkte Vergleichbarkeit
Den hohen Ansprüchen hinsichtlich Vergleichbarkeit „grüner“ Portfolios von verschiedenen Finanzmarktteilnehmern wird die Green Asset Ratio nicht gerecht werden können. Auch als Kennzahl für Fortschritte beim Finanzieren des grünen Übergangs oder dem Erfüllen von Nachhaltigkeitsverpflichtungen kann die GAR kaum dienen. Angesichts der strikten Fokussierung auf die EU-Taxonomie und den methodischen Schwächen wäre die Bezeichnung Taxonomy Asset Ratio zutreffender.

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Fünf Investments zum Valentinstag

Fondsmanager Zehrid Osmani, Manager des FTGF Martin Currie European Unconstrained Fund, verrät seine Lieblingsaktien zum Valentinstag. Martin Currie ist Teil von Franklin Templeton.

Ferrari
„Der italienische Sportwagenhersteller bietet ein einzigartiges Angebot für vermögende Privatpersonen auf der ganzen Welt. Ferrari konzentriert sich ausschließlich auf den Markt für Luxusautos der Oberklasse. Diese Fokussierung ist wichtig, um den Markenwert zu erhalten. Das Unternehmen arbeitet mit einem strikten Angebots- und Nachfragemodell, das Exklusivität und Knappheit aufrechterhält, was ihm eine überlegene Preismacht verleiht.

Die hohe Nachfrage nach seinen Produkten, die begrenzte Produktion und die Loyalität seines Kundenstamms (der Ferraristi) sorgen für eine konstante Nachfrage. Die verstärkte Nutzung der Plattformen Special Service und Icona gibt dem Unternehmen die Möglichkeit, seinen durchschnittlichen Verkaufspreis zu erhöhen, der bereits einen erheblichen Aufschlag gegenüber anderen Luxusautoherstellern darstellt.“

L’Oreal
„L‘Oreal ist die weltweite Nummer eins im Bereich Schönheitspflege und behauptet seine Marktführerschaft durch starke Forschung und Entwicklung (F&E) sowie Marketingkapazitäten. Wachstumschancen ergeben sich aus der Führungsposition im wenig durchdrungenen E-Commerce-Markt und aus dem Asiengeschäft, das von der zunehmenden Reisetätigkeit in der Region profitiert. Als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit verfolgt L‘Oréal mit dem Programm ,L‘Oréal for the Future‘ quantifizierbare Ziele, um die Auswirkungen auf den Klimawandel und die natürlichen Ressourcen zu begrenzen, sowie sozial ausgerichtete Initiativen.

Das Unternehmen ist gut positioniert, um vom wachsenden Wohlstand in den Schwellenländern und der zunehmenden Reisetätigkeit im asiatischen Raum zu profitieren. Das Unternehmen hat eine starke Präsenz in Haitang Bay in China, dem größten Duty-Free-Einkaufskomplex der Welt, und expandiert in die neue Haikou International Duty-Free City (Eröffnung Ende 2022), die doppelt so groß ist wie Haitang.“

Moncler
„Das italienische Unternehmen Moncler ist weltweit führend im Bereich hochwertiger Daunenjacken. Das Unternehmen verfügt über eine traditionsreiche Firmengeschichte und eine strategische Ausrichtung auf langfristiges, nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Wachstum. Das Unternehmen wächst organisch durch Preissetzungsmacht und geografische Expansion – mit großem Potenzial in den Schwellenländern. Das Unternehmen ist zunehmend in China präsent, das inzwischen die weltweit größte Umsatzquelle darstellt. Das Unternehmen verfügt über ein Netz von 40 Verkaufsstellen und plant die Eröffnung weiterer.“

 

ASML
„Das niederländische Unternehmen für Halbleiterproduktionsanlagen ist der weltweit führende Hersteller von lithografischen Systemen und seine Technologie ist für die Massenproduktion von Halbleiterchips von grundlegender Bedeutung. Ein Lithographiesystem projiziert Licht durch ein Muster des zu druckenden Chips, das als Maske oder Retikel bezeichnet wird. Die Produkte des Unternehmens sind für die Innovation und Entwicklung in der Halbleiterindustrie von entscheidender Bedeutung, da sie dazu beitragen, die Größe und Kosten der Chips zu verringern und ihre Energieeffizienz zu erhöhen. Zu den Kunden von ASML zählen einige der weltweit größten Halbleiterhersteller, darunter TSMC, Samsung Electronics und Intel. Wir glauben, dass ASML gut positioniert ist, um von einer Reihe struktureller langfristiger Wachstumstrends zu profitieren, insbesondere vom Übergang zu sauberer Energie.“

Kingspan
„Das Unternehmen passt in den Trend hin zu umweltfreundlicheren Gebäuden, da es eine führende Position im Bereich der Gebäudeisolierung einnimmt. Wir glauben, dass es von den strengeren Vorschriften zur Energieeffizienz profitieren wird. Das Unternehmen kann anderen Unternehmen dabei helfen, ihre Netto-Null-Ziele zu erreichen. Beispielsweise benötigen Lagerhallen, Fabriken und Lagerhäuser alle eine Dämmung, und Kingspan bietet fortschrittliche Dämmplatten an, von denen einige mit integrierten Solarzellen ausgestattet sind.“

Frontier Markets im Aufschwung

Stark aufstrebende Märkte locken derzeit mit reichlich Chancen.

Raja Korinek. Es sind Märkte voller Chancen, wenngleich dafür auch die Risiken höher sind: Die Rede ist von den Frontier Markets. Dabei handelt es sich um aufstrebende Länder, die jedoch noch nicht den Status eines Schwellenlandes erreicht haben, etwa weil deren Kapitalmärkte noch nicht liquide genug sind. Allein der MSCI-Frontier-Markets-Index umfasst aktuell 211 Länder weltweit.

Die Wachstumsaussichten sind intakt und liegen weit über jenen der Industrienationen. Laut dem Internationalen Währungsfonds dürfte heuer beispielsweise das Wirtschaftswachstum in Kasachstan bei 3,1 %, in Ägypten (Bild: Kairo) leicht darunter liegen, während die Konjunktur in Saudi-Arabien um 2,7 % zulegen dürfte.

Anleger sollten in den Regionen aber sehr selektiv vorgehen. Dies tun etwa der leitende Portfoliomanager Stefan Böttcher sowie Portfoliomanager Julius Böttcher – beide für Frontier und Emerging Markets bei Fiera Capital -, im Magna New Frontiers Fund (ISIN: IE00B68FF474). Der Fonds erzielte allein im vergangenen Jahr eine Wertentwicklung von mehr als 25 %, während der MSCI Frontier Markets Index um rund 8 % zulegte. Freilich, die Vergangenheit ist kein Garant für die künftige Wertentwicklung.

Von Autovermietern bis Banken
Das Familienduo ist laufend auf der Suche nach neuen Entwicklungen. Regional sind derzeit Vietnam, Saudi-Arabien und Griechenland am höchsten im Fonds gewichtet. So zählt der Autovermieter Lumi Rental (SA15 SH122J13), der in Riad an der Börse notiert ist, zu den Investments. Eben dort dürfte dem Portfoliomanager zufolge noch in diesem Jahr auch die Metallschmiede Aluminium Bahrain (BH00060 00044) ein Zweitlisting erhalten. „Damit würde die Liquidität und in Folge auch das Interesse an der Aktie steigen.“

In Griechenland ist der Fonds etwa in Alpha Bank sowie Piraeus Financial Holdings (GRS014003032) investiert. Dabei könnte Griechenlands Rettungsfonds bis März Anteile an letzterem Institut aus seinem Bestand privatisieren. „Meist belastet solch ein Schub an weiteren Aktien entsprechend den Börsenkurs. Doch diesmal könnte es anderes sein“, ist Portfoliomanager Böttcher überzeugt und begründet seine Zuversicht mit der aktuell günstigen Bewertung der Aktie, ein Umstand, den ihm zufolge auch der Markt erkennen dürfte. Auch am Börsengang des Athener Flughafens, dem Athens International Airport (GRS536003007), habe man sich beteiligt.

Uran boomt
Ein weiteres Thema, auf das der Fonds einen Fokus legt, ist die Atomkraft. Sie scheint angesichts der Abkehr von fossilen Energieträgern in immer mehr Ländern rund um den Globus eine Renaissance zu erfahren. Frankreich gab etwa zu Jahresbeginn 2024 bekannt, den Ausbau seiner Atomkraft beschleunigen zu wollen. In Großbritannien hegt man ebenfalls große Pläne mit der Atomkraft. Sie soll in spätestens einem Vierteljahrhundert gut ein Viertel des Stromverbrauchs dort abdecken.

Die steigende Nachfrage hat freilich auch den Preis für Uran kräftig angetrieben. Im April 2023 wurde dabei erstmals die Marke von 50 USD je Pfund übersprungen. Zuletzt erreichte die Notierung rund 106 USD je Pfund. Von der Entwicklung profitiert beispielsweise Yellow Cake (JE00BF50RG45). Das Unternehmen kauft Uran von Kazatomprom (US63253R2013) – dem weltweit größten Uranförderer – und verkauft es weiter. Auch diese Titel sind Teil des Fonds.

Foto: AdobeStock / Zaleman

 

 

Die wahren Profiteure des E-Auto-Booms

Die E-Auto-Wertschöpfungskette bringt an der Börse zahlreiche Gewinner hervor.

Michael Kordovsky. Hohe Investitionssummen sind erforderlich, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Dabei entstehen völlig neue Infrastrukturen und Wertschöpfungsketten, insbesondere im Automobilbereich, wo sich immer mehr eine Aufteilung auf Pkw mit batteriebetriebenem Elektromotor und Nutzfahrzeuge mit Brennstoffzellenantrieb abzeichnet. Laut den Experten von BloombergNEF sollte weltweit die Elektro-Fahrzeugflotte von Ende 2022 bis 2026 von 27 auf mehr als 100 Millionen E-Pkw wachsen. 2040 sollten es bereits 700 Millionen sein.

Was dabei entsteht, sind völlig neue Wertschöpfungsketten. Am nächsten beim Verbraucher und Endabnehmer sind die Automobilhersteller, die derzeit vor allem im Bereich der E-Pkw im bedeutenden chinesischen Markt regelrechte Preiskämpfe ausfechten. Medienberichten zufolge senkte beispielweise Tesla von Dezember 2022 bis Dezember 2023 vor Ort die Preise für Model 3 und Y um je 6 bzw. 11 %, während BYD über das Jahr 2023 hinweg die Preise einiger Kassenschlager sogar um 10 bis 17 % reduzierte. Das kurbelt den mengenmäßigen Absatz an. Während infolge des intensiven Wettbewerbs noch nicht klar ist, wer langfristig als Sieger hervorgeht, zeichnen sich auf der Zulieferseite der Wertschöpfungskette bereits eine Reihe von Gewinner ab.

Gewinner der Wertschöpfungskette
Es sind innovative etablierte Batteriehersteller wie Panasonic (ISIN: JP3866800000), langjähriger Batteriezellenlieferant für Tesla mit Werken in Japan, China und den USA. Bekannt ist das Unternehmen für die Gigafactory-Kooperation mit Tesla in Nevada, wo Batterien für Tesla Model 3 und Y produziert werden. Die Aktie ist auf Basis eines Kurses von 8,71 Euro mit einem für 2024/25 (das Geschäftsjahr endet per 31.3.) erwarteten KGV von 8,8 günstig bewertet. Der weltweit größte Hersteller von E-Auto-Batterien ist allerdings das chinesische Unternehmen Contemporary Amperex Technology (CATL) mit der ISIN CNE100003662, das am 17. Jänner mit dem chinesischen E-Auto-Hersteller Nio eine Entwicklungskooperation vereinbarte. Allerdings notiert die Aktie des Unternehmens nur in China. Laut Analystenkonsens sollte der freie Cashflow von 2023 bis 2025 um rund 123 % steigen und die für 2024 und 2025 erwarteten KGVs sollten lediglich bei je 13,6 bzw. 11,1 liegen.

Auch in Deutschland notiert die Aktie der koreanischen Samsung SDI (US7960542030), ein Komplettanbieter für Speicherzellen, Batteriemodule und Batteriesysteme für reine E-Fahrzeuge sowie für Hybrid- und Plug-In-Hybridfahrzeuge. Das Batterie-Geschäftsfeld des Unternehmens konnte 2023 den Umsatz und das Betriebsergebnis um je 40 bzw. 93 % steigern, während der Konzernumsatz um 12,8 % wuchs. Der Wachstumskurs der vergangenen Jahre sollte sich weiter fortsetzen und das von Analysten für 2025 erwartete KGV liegt bei 10,3.

Ein E-Auto hat im Vergleich zu Verbrennern doppelt so viel an Elektronik und Halbleiter eingebaut, wovon beispiels-weise Infineon (DE0006231004) profitiert, deren Wachstumstreiber Bauteile sind, die den Energiefluss steuern. Bei Infineon rechnen laut Analystenkonsens von 2024 bis 2027 mit einem Wachstum des Ergebnis pro Aktie von 2,11 auf 3,06 Euro. Das für 2024 geschätzte KGV liegt auf Basis eines Kurses von 33,64 Euro bei günstigen 12,8. Ein E-Auto benötigt aber auch Elektromotoren, und hier kommt als Zulieferer der japanische Elektromotorenhersteller Nidec (JP3734800000) ins Spiel. Analysten trauen dem Unternehmen von 2024 bis 2028 ein Gewinnwachstum pro Aktie von 15,5 % p.a. zu.

Rohstoffe
Als Basis der Wertschöpfungskette werden immer mehr Rohstoffe für Batterien und Elektronik wie Lithium, Nickel und Kupfer benötigt. Im Rohstoff-Bereich wäre somit die Minengesellschaft Vale (Nickel, Eisenerz; ISIN: BRVALEACNOR0) interessant, aber auch die im Kupfer-Bergbau tätige Freeport McMoRan (US35671D8570), deren Gewinne pro Aktie in den vergangenen vier Quartalen kontinuierlich und im Schnitt knapp 22 % über den Analystenschätzungen lag. Im Lithium-Bereich sollte auch ein Blick auf die chinesische Gangfeng Lithium (CNE1000031W9) und Albemarle (US0126531013) geworfen werden. Der Gewinnverlauf dieser Gesellschaften ist aber stark vom Lithiumpreis abhängig.

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Kosten von Anlageprodukten sinken

EU-Aufsichtsbehörde nimmt Anlageprodukte für Kleinanleger unter die Lupe.

Andreas Dolezal. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA macht in ihrem Marktbericht die Kosten und Wertentwicklung von Anlageprodukten für Kleinanleger zum Thema. Die Behörde stellt fest, dass die durchschnittlichen Kosten für Investitionen in die wichtigsten EU-Retail-Finanzprodukte bis Ende 2022 – einem Jahr, das durch hohe Inflation und gedämpfte Renditen gekennzeichnet war – gesunken sind. Gleichzeitig stellt sie jedoch fest, dass die Kosten in den EU-Mitgliedstaaten uneinheitlich sind. „Kosten und Wertentwicklung sind entscheidende Faktoren dafür, ob Kleinanleger von ihren Anlagen profitieren, und obwohl es zu begrüßen ist, dass die den Anlegern entstehenden Kosten langsam zurückgehen, müssen Kleinanleger bei ihren Anlageentscheidungen die Kosten immer noch sorgfältig berücksichtigen“, sagt Verena Ross, ESMA-Vorsitzende, zu den Ergebnissen.

Kosten sind rückläufig
Klassische Publikumsfonds (UCITS-Fonds) sind der größte Sektor für Kleinanleger in der EU. Die ESMA-Stichprobe umfasst Vermögenswerte im Wert von rund 8,4 Milliarden Euro, von denen Kleinanleger im Jahr 2022 rund 5,5 Milliarden Euro hielten. Die Fondskosten, einschließlich laufender und einmaliger Gebühren, gingen weiter zurück und bestätigten damit die Trends aus früheren Jahren. Kostenunterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten blieben weiterhin bestehen.

Obwohl die Kosten für aktiv gemanagte Aktienfonds sanken, blieb diese Fondskategorie – wenig überraschend – teurer als passive Fonds und ETFs, sodass ihre Nettoperformance im Vergleich durchschnittlich niedriger war. Für eine Anlage in Publikumsfonds in Höhe von 10.000 Euro über zehn Jahre zahlten Anleger rund 2.000 Euro an Kosten. Die erzielten Renditen führten nach diesem Zeitraum zu einem Nettowert von 14.850 Euro und zu einem realen Nettowert von 13.500 Euro, wenn die Inflation berücksichtigt wird.

Nicht-ESG-Produkte kurz im Hintertreffen
Fonds mit ESG-Fokus schnitten im Jahr 2022 im Durchschnitt schlechter ab als ihre nicht-ESG-konformen Pendants. Als wahrscheinlichen Grund dafür erkennt die ESMA die Folgen der Energiekrise und der damit verbundenen steigenden Energiepreise. Dennoch übertrafen die ESG-Fonds ihre Nicht-ESG-Äquivalente über den dreijährigen Anlagehorizont. Im Jahr 2022 waren die laufenden Kosten der ESG-Fonds niedriger oder ähnlich hoch wie die der Nicht-ESG-Äquivalente.

Aus der Kategorie Alternative Investmentfonds waren Immobilienfonds die einzigen, die im vorvergangenen Jahr 2022 positive Brutto- und Nettorenditen erzielten. Allerdings, so die ESMA, stehen die Immobilienmärkte seit 2022 vor erheblichen Herausforderungen, was sich angesichts des weiteren Anstiegs der Zinssätze im Jahr 2023 wahrscheinlich auf die künftige Performance von Immobilienfonds auswirken wird.

Klare und umfassende Informationen über Anlageprodukte für Kleinanleger könnten den Anlegern helfen, die bisherige Leistung und die Kosten der in der EU angebotenen Produkte zu beurteilen und die Teilnahme von Privatanlegern an den Kapitalmärkten zu fördern.

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„Die wahren Klimaschutz-Profiteure sind nicht die Wind- und Solarbranche – sondern der Bausektor und Green IT“

Eine Einschätzung von Stephan Wittwer, Leiter Investment-Spezialisten, bei der LBBW Asset Management.

(06.02.) Viele Anleger, die vom Kampf gegen den Klimawandel profitieren wollen, fokussieren sich auf die Wind- und Solarbranche. Doch den Fokus zu erweitern, kann sich lohnen. Zu den wahren Profiteuren in puncto Klimaschutz gehören zwei andere Branchen: die Sektoren Energetisches Bauen beziehungsweise Sanieren und Green IT. Zu dieser Einschätzung kommt Stephan Wittwer, Leiter Investment-Spezialisten bei der LBBW Asset Management.

„Schauen wir uns den Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttoendenergieverbrauch in Deutschland und Europa an, dann sehen wir, dass es noch viel Potenzial für Hersteller von Wind- und Solarkraftanlagen gibt“, sagt Wittwer. So betrage der Anteil in Deutschland nur 19 Prozent, in Europa immerhin 22 Prozent. Zum Vergleich: die EU-Staaten Lettland und Finnland liegen bei 42 beziehungsweise 43 Prozent, Schweden sogar bei 63 Prozent. „Sogar die USA liegen mit 22 Prozent vor Deutschland.“

Boom bei Erneuerbaren Energien sorgt für starken Wettbewerb – und Pleiten
„Die entscheidende Frage ist aber, was von dem entsprechenden Boom bei den Unternehmen ankommt“, betont Wittwer. Die hohe Nachfrage nach Wind- und Solarkraftanlagen habe zwar zu hohen Wachstumsraten, aber gleichzeitig auch zu einem intensiven Wettbewerb mit schwachen Margen und Erträgen sowie einigen Firmenpleiten geführt. In Deutschland habe beispielsweise Ende des vergangenen Jahres die Firma Eickhoff, die Getriebe für Windräder herstellt, berichtet, den Betrieb im April einzustellen. Auch der Wind-Getriebehersteller Zimm in Ohorn habe bereits einen ähnlichen Schritt angekündigt. Zuvor musste bereits der Dresdner Windkraftanlagenhersteller Iqron Insolvenz anmelden, wie auch das Werk für Windkraftgeneratoren der Firma Partzsch in Döbeln. „Es scheint, als geht den Herstellern von Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien im wahrsten Sinne des Wortes die Luft aus“, so Wittwer.

Anstatt also primär in Aktien von Wind- und Solarunternehmen zu investieren, hält es der Experte für interessant, andere Profiteure des Klimawandels ins Auge zu fassen – insbesondere den Sektor Energetisches Bauen und Sanieren. Zwischen 2011 und 2022 seien die Investitionen in energetische Sanierungen um fast 40 Prozent auf 67 Milliarden Euro gestiegen. „Zwar war die Entwicklung 2023 etwas rückläufig, doch unserer Meinung nach sind wir hier noch lange nicht am Ende der Entwicklung“, resümiert Wittwer

Markt für Green IT könnte sich bis 2029 verdoppeln
Auch im Bereich Green IT sieht Wittwer starke Wachstumschancen: „Wenn wir es mit dem Klimawandel ernst meinen, rückt die IT auf kurz oder lang in den Fokus.“ So liege der Energieverbrauch von Rechen- und Datenzentren auf einer Höhe mit dem gesamten Energieverbrauch Deutschlands inklusive aller Privathaushalte, der Industrie sowie öffentlichen Einrichtungen. Während das Marktvolumen für Green IT in diesem Jahr noch bei etwa 24 Milliarden US-Dollar liegt, könnte diese Zahl bis 2029 auf knapp 50 Milliarden anwachsen.

Rendite mit Gesundheit

Alternde Bevölkerung, zunehmende Fettleibigkeit: in neue Ansätze investieren.

Raja Korinek. Im vorigen Jahr wurde einmal mehr ein Rekord aufgestellt: Laut der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung ist die Zahl der Menschen global auf 8,07 Milliarden angestiegen. Vor allem in vielen Schwellenländern wächst die Bevölkerung. Doch es gibt noch einen weiteren Trend. „Die Bevölkerung altert in vielen Regionen“, konstatiert Cyrill Zimmermann, Head Healthcare Funds & Mandates von Bellevue Asset Management. Dies trifft laut dem „World Population Prospects 2022“-Bericht der Vereinten Nationen vor allem auf den europäischen Kontinent zu. Doch auch in Japan ist diese Entwicklung dem Bericht zufolge stark ausgeprägt.

Gesundheitssystem wird gefordert
Dies stelle das globale Gesundheitssystem vor große Herausforderungen, betont Zimmermann. Damit steigen der Pflegebedarf sowie die Zahl etwa der Alzheimer- und Krebspatienten. „Für Unternehmen aus der Pharma- und Biotechbranche ergeben sich hingegen Chancen.“ Solche sieht der Branchenexperte etwa bei der japanischen Eisai (ISIN: JP3160400002). Vor rund einem Jahr erteilte die US-Arzneibehörde FDA eine beschleunigte Zulassung für ein Alzheimermedikament, das Eisei gemeinsam mit dem US-Biotechkonzern Biogen Idec (US09062X1037) entwickelt hat.

Doch auch ein weiterer Trend ist auf dem Vormarsch: die Fettleibigkeit. Weltweit tendieren immer mehr Menschen zu ungesunder Nahrung – und bewegen sich weniger. Die Folgen sind sichtbar: Global gibt es 500 Millionen Diabetiker. „Und das nicht nur in den Industrienationen, sondern zunehmend auch in vielen Schwellenländern“, so Zimmermann. Auch hier hat die Medizin große Fortschritte vorzuweisen.

Sowohl Eli Lilly (US5324571083) aus den USA als auch Novo Nordisk (DK0062498333) aus Dänemark sorgen mit ihren Diabetes-Arzneimitteln seit Monaten für reichlich Schlagzeilen, zumal der Gewichtsverlust ein Nebeneffekt ist. Somit werden die Medikamente auch von Menschen gekauft, die lediglich abnehmen wollen. Das Geschäft läuft, wie jüngste Zahlen von Novo Nordisk verdeutlichen. 2023 steigerte der Konzern den Umsatz mit Medikamenten gegen Diabetes und Fettleibigkeit (mit Ozempic und Wegovy) um 42 % auf knapp mehr als 19 Milliarden Euro. Der Nettogewinn schnellte auf 11,27 Milliarden Euro hinauf.

Die moderne Technologie spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, etwa mittels Einsatzes der Künstlichen Intelligenz (KI). So können große Mengen an Daten ausgewertet und Diagnosen wesentlich präziser erstellt werden. Doch es gibt noch weitere Anwendungen: Zimmermann verweist auf den US-Biotech-Titel Amgen: Dieser produziert und vertreibt biopharmazeutische Produkte, die anhand von DNA-Technologien hergestellt werden. Amgen (US0311621009) arbeitet derzeit an einer „Generativen KI-Plattform“, die mittels Supercomputer das Verhalten von Molekülen auf atomarer Ebene simulieren soll.

Unterschiedliche Strategien
Chancen für Anleger gibt es zahlreiche. Ein breit gestreutes Investment bietet der „Bellevue Healthcare Strategy Fund“ (LU1477743386). Darin sind globale Unternehmen aus der Pharma- und Biotechbranche bis hin zu den Bereichen Medtech und Gesundheitsdienstleister vertreten. Weitaus fokussierter ist der „Bellevue Obesity Solutions“ (LU0415392249), der den Kampf gegen Fettleibigkeit und Diabetes im Fokus hat.

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Was tun, wenn es turbulent wird?

Manch Marktbeobachter rechnet mit zunehmenden Schwankungen.

Raja Korinek. Das abgelaufene Börsenjahr 2023 verlief für Anleger durchaus erfreulich. Allein die US-Technologiebörse Nasdaq legte rund 50 % zu, wobei die Künstliche Intelligenz (KI) Zugpferd der Entwicklung war. Auch in Europa gab es im Großen und Ganzen ansehnliche Kurszuwächse.

An der Zuversicht hat sich dabei auch im neuen Jahr nichts geändert, zumindest bislang. „Marktteilnehmer sind außerordentlich positiv gestimmt“, konstatiert Beat Thoma, CIO bei Fisch Asset Management. Er meint, neben mehreren Zinssenkungen der US-Notenbank werde ein weiterer rascher Rückgang der Inflation sowie ein „Soft-Landing“ der Konjunktur erwartet. „Bemerkenswert ist, dass dieser positive Trend nicht nur auf die USA beschränkt ist, sondern weltweit zu beobachten ist, mit Ausnahme Chinas.“

Vorsicht vor zu viel Euphorie
Doch manch Marktbeobachter mahnt inzwischen auch zu mehr Vorsicht. „Neben einer sich weiter abkühlenden Weltkonjunktur wird 2024 aufgrund der zunehmenden geld- und geopolitischen Unsicherheiten zu einer höheren Volatilität an den Märkten führen“, betont Kent Hargis, Portfolio Manager bei AllianceBernstein. Tatsächlich verschlechtert sich die Lage im Nahen Osten zunehmend. Der Konflikt etwa zwischen dem Iran und den USA droht zu eskalieren.

Sollte zudem auch noch der Suez-Kanal für längere Zeit nicht mehr passierbar sein, würde solch ein Umstand die globale Konjunktur sowie die Inflationsentwicklung negativ beeinflussen. Denn immer mehr Transportschiffe nehmen den teureren Weg rund um das südliche Afrika, um nicht von Huthi-Rebellen angegriffen zu werden.

Wann kommen die Zinssenkungen?
Hinzu kommt, dass die Fed sowie die EZB erste Zinssenkungen wo-möglich erst später im laufenden Jahr vornehmen dürften, als noch vor wenigen Monaten erwartet war. Sollte die Inflation aufgrund der geopolitischen Konflikte wieder stärker steigen, könnten die Währungshüter in eine Zwickmühle geraten. Sehen sie deshalb nämlich länger von einer Lockerung ab, würde solch ein Umstand die Konjunktur weiter belasten.

Ein zusätzliches Warnsignal für die Konjunktur und damit auch die Aktienmärkte liefere Thoma zufolge die sogenannte „Dow-Theorie“ wie er sagt. So hat der Dow Jones Industrial Index vor kurzem ein neues Allzeithoch erreicht, das aber vom Dow Jones Transportation Index, der einen Frühindikator für die Konjunktur darstellt, nicht bestätigt wurde.

Auf die Marktschwankung setzen
Sollten die Marktschwankungen tatsächlich zunehmen, würden auch die Volatilitätsindizes nach oben schnellen. Ein solches Barometer ist beispielsweise der VSTOXX. Dieser misst die vom Markt erwartete Schwankungsbreite des Euro-Stoxx-50-Index auf die jeweils kommenden 30 Tage.

Dabei notiert der VSTOXX derzeit auf einem historisch niedrigen Niveau von rund 14 Punkten. Zum Vergleich: Nach Ausbruch der Corona-Pandemie, als die Märkte im Frühjahr 2020 abstürzten, schnellte der Index auf knapp über 85,6 Punkte. Anleger, die auf einen erneuten Anstieg setzen wollen, können dies etwa mit dem Indexzertifikat der Société Générale (ISIN: DE000SH755J2) tun.

Gehebelte Chancen – mit mehr Risiko
Eine gehebelte Investmentmöglichkeit bietet das Turbo-Long-Zertifikat der BNP Paribas (DE000PC2UL99). Hier liegt der aktuelle Hebel bei 2,53 (per 1.2.). Um diesen verändert sich der Kurs des Zertifikats im Verhältnis zu jenem des Basiswerts. Berührt oder unterschreitet der Basiswert jedoch die Marke von 9,3814 Punkte, verfällt das Produkt.

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Vorsichtiger Optimismus für globale Konjunktur

Aktuelle Daten in den USA, Europa und China machen etwas Hoffnung im grauen Umfeld.

Michael Kordovsky. Während die jüngste EZB-Entscheidung an den Märkten ein Non-Event war und die Kommentare von Fed-Chef Jerome Powell nach der Zinsentscheidung am 31. Jänner leicht enttäuschten, stellen sich viele Marktteilnehmer jetzt die entscheidende Frage: „Wie sieht es aktuell konjunkturell in den USA, Europa und China aus?“ Wir geben ein Update.

USA: Optimismus in der verarbeitenden Industrie
Getragen von Staatsausgaben und guten Dienstleistungsexporten ins Ausland beschleunigte sich das US-Wirtschaftswachstum von 2022 auf 2023 von 1,9 auf 2,5 %. Seit dem zweiten Quartal 2023 setzte eine Wachstumsbeschleunigung von 2,4 auf 2,9 % im dritten und 3,1 % im vierten Quartal ein. Träger waren im dritten und vierten Quartal die Staatsausgaben mit Zuwächsen von jeweils 4,8 bzw. 4,3 %. Auch die privaten Investitionen jenseits des Wohnbaus zeigten Stärke. Darüber hinaus ist laut Umfragedaten im Rahmen des „S&P Global US-Manufacturing PMI“ die Stimmung der Warenhersteller in den USA im Jänner so positiv wie seit 21 Monaten nicht mehr. Der „S&P Global US-Manufacturing PMI“ ist im April wieder im Expansionsbereich und übertraf die Schnellschätzung sogar um 0,4 Punkte. Die Neuaufträge wachsen wieder, und immer mehr verarbeitende Unternehmen stocken ihre Lagerbestände wieder auf. Im Verlauf des Jahres 2024 bleibt abzuwarten, wie sich die Staatsausgaben entwickeln werden und wie schnell die Fiskalimpulse aus dem Vorjahr abklingen.

Binnenkonsum stützt Chinas Wirtschaft
In China hat die Exportwirtschaft bereits im Dezember mit 2,3 % Steigerung deutlich positive Impulse geliefert. 2023 wuchs die Wirtschaft um 5,2 %. Das verarbeitende Gewerbe und Infrastruktureinrichtungen signalisierten zuletzt ein minimales Wachstum, während der Binnenkonsum vom Fahrzeugverkauf und vom Einzelhandel beflügelt werden. Im Jahr 2023 wuchs in China der Pkw-Absatz um 10,6 % auf 26,06 Millionen Einheiten und bei Nutzfahrzeugen lag der Zuwachs sogar bei 22,1 %. Das Wachstum der Einzelhandelsumsätze lag im Jahr 2023 bei 7,2 % und der private Konsum machte 82,5 % des Wirtschaftswachstums aus – verglichen mit 39,4 % im Vorjahr. Im Dezember 2023 beschleunigte sich der Zuwachs im Einzelhandel sogar auf 7,4 %. Was allerdings bremst, ist der schwache Immobilienmarkt, weshalb ein Konjunkturprogramm der Regierung in Peking nicht auszuschließen ist. Letzteres wäre ein globaler „Konjunkturjoker“.

Stabilisierung in Europa
In Europa sieht es nach Stabilisierung auf Nullwachstumsniveau aus – so die Daten der am 30. Jänner von Eurostat veröffentlichten BIP-Schnellschätzung für das vierte Quartal 2023. Betrachtet man das BIP-Wachstum des Euroraums, war es ein Treten am Stand mit je 0,1 % Plus in den beiden ersten Quartalen und je -0,1 % und 0,0 % im dritten und vierten Quartal 2023. Verfolgt man den Wachstumstrend gegenüber dem Vorjahresquartal, dann kühlte sich das BIP-Wachstum von 1,3 % im ersten auf 0,6 % im zweiten Quartal ab, gefolgt von einem Nullwachstum im dritten und einem marginalen Plus von 0,1 % im vierten Quartal 2023.

In der EU lag nach einem Nullwachstum im Vorquartal das BIP-Wachstum (auf Jahresbasis) im vierten Quartal 2023 bei 0,2 %. Schätzt man auf Basis vorhandener saison- und kalenderbereinigter Quartalsdaten die Jahreswachstumsrate für 2023, so lag diese sowohl in der EU als auch im Euroraum bei 0,5 %. Unter den Mitgliedstaaten, für die Daten für das vierte Quartal 2023 vorliegen, verzeichneten Portugal und Spanien mit je 2,2 bzw. 2 % den höchsten Anstieg. Eine schrumpfende Wirtschaftsleistung mussten hingegen die Länder Irland (-4,8 %!), Österreich (-1,3 %), Tschechien, Deutschland und Lettland (je -0,2 %) ausweisen.

Ein Blick auf den am 1. Februar 2024 veröffentlichten „HCOB Eurozone Manufacturing PMI“ von S&P Global zeigt bereits ein Nachlassen der Abwärtsdynamik im verarbeitenden Gewerbe. Vor allem der Subindex für Auftragseingänge hat sich spürbar verbessert: ein Lichtblick. Und die EZB vermerkte in ihrem geldpolitischen Statement vom 25. Jänner 2024: „Die eingehenden Daten signalisieren kurzfristig weitere Schwäche. Doch einige vorauseilende Umfrage-Indikatoren deuten auf eine Belebung des Wachstums in der Zukunft hin.“

Fazit: Es mehren sich die konjunkturellen Lichtblicke.

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Gesundheitssektor im Fokus der Investoren

Ein Marktkommentar der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking.

(26.01.) Der globale Gesundheitssektor befindet sich in einer Phase großer Veränderungen. Demografie, technischer Fortschritt und steigende Bedürfnisse der Patienten und Patientinnen haben weltweit das Interesse von Investoren geweckt. So hat zum Beispiel der NASDAQ Biotechnology Index (NBI), der Wertpapiere aus der Biotechnologie- und der Pharmaindustrie abbildet, das Jahr mit einer leichten Outperformance begonnen. Mehrere Trends wie Innovationen, Einsatz Künstlicher Intelligenz, Nachhaltigkeit, Integration der Sozialfürsorge, Kostenmanagement und Anpassung der Arbeitskräfte prägen das aktuelle und künftige Umfeld für den Gesundheitssektor, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.

Steigende Lebenserwartung
Die Bevölkerung in den Industrieländern wird immer älter. Somit wächst auch die Zahl derjenigen, die an altersbedingten Krankheiten wie Demenz und Krebs leiden, rasant. Hinzu kommt, dass die Forschung laufend Durchbrüche erzielt, die die Lebenserwartung- und -qualität nochmals steigern können, zum Beispiel beim Kampf gegen Adipositas (chronisches, starkes Übergewicht) oder bei der Alzheimer-Therapie. So sehr eine älter werdende Bevölkerung wünschenswert ist, so sehr steigen die Anforderungen an die Gesundheitssysteme. Organisationen des Gesundheitswesens auf der ganzen Welt beginnen mit der Implementierung innovativer Technologien wie virtuelle Stationen und KI-gestützte Diagnosetools, um die Kosten für die altersbedingte Versorgung zu senken. Anbieter investieren auch in Technologie, um Diagnosen zu beschleunigen und die Behandlungskosten für chronische Krankheiten zu senken.

KI wird Wettbewerbsfaktor
Der tiefgreifende Wandel im Gesundheitssektor ist auch und unter anderem eine Nachwirkung der COVID-Pandemie, die unter dem Eindruck von Fachkräftemangel und Überlastung der Gesundheitssysteme manche Entwicklungen zwangsläufig – etwa im Bereich der Telemedizin – beschleunigt hat. Künstliche Intelligenz (KI) hat sich aber auch längst bei vielen klinischen Diagnosen und Ergebnissen etabliert und wird ständig weiterentwickelt. KI-Tools spielen eine entscheidende Rolle bei der Rationalisierung von Prozessen, nicht nur bei der Versorgung der Patientinnen und Patienten, sondern auch in der Verwaltung und bei Lieferketten. Vorausschauende KI könnte sogar das Patientenaufkommen prognostizieren und Krankenhäusern helfen, Personal und Ressourcen anzupassen. KI hat das Potenzial, sich zu einem Wettbewerbsfaktor im Gesundheitswesen zu entwickeln.

Fachkräftemangel und KI
Beim gravierenden Mangel an Arbeitskräften geht eine Schere auf: Einerseits ist das Umfeld für medizinisches Personal durch ungünstige Faktoren gekennzeichnet: Burnout, begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten, demografische Veränderungen und Abwanderung durch Migration führen zu Engpässen. Andererseits steigt laut einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte die Nachfrage nach Arbeitskräften im Gesundheitswesen in den nächsten zehn Jahren um 29 %. Eine Hoffnung bei der Bewältigung dieser kritischen Herausforderung ruht auf der KI, die gemeinsam mit anderen Technologien das Potenzial haben, Patienteninteraktionen zu personalisieren, Verwaltungs- und Pflegeprozesse zu rationalisieren und Kliniken zu entlasten, damit sie sich auf komplexe Verfahren konzentrieren können. Nachhaltige Investitionen in Technologie sind entscheidend, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen und die Gesundheitsversorgung zu verändern.

Steigende Kosten
Während die Personalkosten ein wesentlicher Treiber für expandierende Gesundheitskosten sind, tragen auch andere Faktoren dazu bei. Steigende Kosten im Gesundheitswesen entstehen generell auch beim Betrieb von Pflegeeinrichtungen. Damit Qualität, Zugänglichkeit und Erschwinglichkeit erhalten bleiben, bieten technologiegestützte Modelle gute Lösungen für eine effizientere und kostengünstigere Versorgung. Dazu gehören der Einsatz von Telemedizin, Fernüberwachung und künstlicher Intelligenz, um die Ressourcenzuweisung zu optimieren, Prozesse zu rationalisieren und die Patientenversorgung zu personalisieren. Nicht zuletzt werden die Gesundheitssysteme auch an Gerechtigkeit gemessen werden. Rationalisierungen durch Technologie sollten helfen, die berüchtigte 2-Klassen-Medizin zu vermeiden.

Sozialfürsorge und Nachhaltigkeit
Das Thema soziale Gerechtigkeit geht aber noch weiter: Das traditionelle Gesundheitsmodell, das sich auf die Behandlung von Krankheiten nach ihrem Auftreten konzentriert, verlagert sich hin zu einem ganzheitlichen Ansatz, der sich mit Prävention und den sozialen Determinanten von Gesundheit befasst. Dieses integrierte Modell umfasst Sozial- und Gesundheitsdienste, um Krankheiten vorzubeugen, das Wohlbefinden zu fördern sowie die Bedürfnisse unterversorgter Gemeinschaften zu erfassen.

Auch Nachhaltigkeit rückt in den Mittelpunkt. Der Gesundheitssektor muss sich anpassen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Patientenversorgung und die Gesundheitsversorgung abzumildern. Organisationen im Gesundheitswesen werden schrittweise Nachhaltigkeitsmaßnahmen ergreifen müssen, um ihre Umweltbelastung zu verringern und die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel zu verbessern.

Europas Musterschüler

Die Märkte Nordeuropas bestechen durch Innovation und Offenheit.

Christian Sec. Egal ob Innovation, Bildung, Transparenz oder Staatshaushalt: die nordischen Länder sind wahre Musterschüler. Im „Global Innovation Index“ belegen z. B. Schweden Platz zwei und Finnland Platz sechs. Noch besser sieht es im Bereich Bildung aus, wo Dänemark und Finnland laut dem „Global Citizenship for Human Rights Report“ die ersten beiden Plätze belegen. Das hohe Innovationspotenzial zeigt sich daran, dass der Norden regelmäßig Start-ups auf den Markt bringt, die durch das Umfeld sehr gute Entwicklungschancen haben, wie der Head of Sales für Zentraleuropa von Nordea, Johannes Rogy, auf Anfrage von Börsen-Kurier erklärt. Skype, Spotify oder Klarna profitierten dabei auch von einem dichten Netz an Private Equity bzw. Venture Capital und Inkubatoren in den Start-up-Hubs Stockholm oder Helsinki.

Globale Ausrichtung
Auch der MSCI Nordic Countries, der 83 Werte aus den Ländern Dänemark (ca. 41 %), Schweden (38 %), Finnland (13 %) und Norwegen (8 %), erfasst, ist im Vergleich zum MSCI Europe ein Musterschüler. Die annualisierte Rendite des MSCI Nordic Countries liegt bei 6,26 % in den vergangenen zehn Jahren, die des MSCI Europe nur bei 4,74 %. Die großen skandinavischen Unternehmen, wie der Pharmariese Novo Nordisk oder die Container-Reederei Moeller Maersk, haben größtenteils eine globale Ausrichtung, im Unterschied zu österreichischen Firmen, die primär auf Zentral- und Osteuropa konzentriert sind, analysiert Rogy. „Die Kombination von globalen Brands und vielen kleinen hoch-innovativen Firmen ergeben ein sehr dynamisches Wirtschaftsleben“, so Rogy. Die hohe Exportorientierung schlägt sich auch in einer starken Leistungsbilanz nieder. In Dänemark liegt das Leistungsbilanzsaldo bei über 11 % des BIP, in Schweden bei rund 5 %. „Aufgrund der hohen Exportquoten der nordischen Unternehmen liegt der Fokus der Analysten auf den Exportmärkten in Nordamerika und Asien und folglich auch auf den Wachstumsraten in diesen Märkten“, wie Rogy erklärt. In Finnland, Schweden und Dänemark liegt der Anteil der Ausfuhren in die EU mit jeweils knapp über 50 % deutlich unter dem von Österreich, wo rund 70 % aller Exporte in die EU gehen.

Trotz der überschaubaren Größe der Kapitalmärkte im hohen Norden zeigt der MSCI Nordic Countries nur eine geringfügig höhere Volatilität im Vergleich zum MSCI Europe und damit insgesamt ein besseres Rendite-Risiko-Profil in den letzten zehn Jahren. Dazu trägt auch die Branchenvielfalt bei, die die nordischen Märkte sehr widerstandsfähig macht, wie Öyvind Fjell, Fondsmanager bei DNB, in einem Interview mit Das Investment meint.

Risiko der Deglobalisierung
Aber es sind trotzdem einige Risiken für Anleger, die in den hohen Norden investieren wollen, zu beachten. Die Abhängigkeiten von Lieferketten und Handelshemmnissen und der Trend zur Deglobalisierung trifft die Exportmärkte des Nordens stärker als die Märkte Westeuropas. Auch stellen die Rohstoffpreise ein Risiko dar, insbesondere in Norwegen mit den enormen Öl- und Gasvorkommen. Und dann wäre noch das Währungs-Exposure mit der Norwegischen- und der Schweden-Krone zu beachten. Neben einem ETF-Investment gibt es eine Reihe von Möglichkeiten mit aktiv gemanagten Fonds, in diese Region zu investieren. So wäre ein Fonds in Small Caps, wie der „Nordea Nordic Equity Small Fund“ (ISIN: LU0278527428), eine Möglichkeit, in die Innovationskraft kleinerer bzw. jüngerer Unternehmen in Skandinavien zu investieren. Über die vergangenen fünf Jahre konnte der Fonds immerhin eine Performance von rund 83 % erzielen.

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Künstliche Intelligenz als Zugpferd

Auch 2024 räumen Fondsexperten dem Sektor Chancen ein, mahnen aber vor Marktturbulenzen.

Raja Korinek. Das abgelaufene Jahr sorgte durchaus für Überraschungen. So legten zahlreiche Börsenbarometer kräftig zu. Die Inflation hatte sich verlangsamt, allein da die Energiekosten gesunken waren. Damit stieg auch die Hoffnung auf Zinssenkungen im neuen Börsenjahr.

Dass sie womöglich weniger kräftiger ausfallen könnten, als noch zuvor prognostiziert, liegt an den relativ robusten Wirtschaftsdaten. In den USA etwa stiegen die Einzelhandelsumsätze für den Monat Dezember um 0,6 % im Jahresvergleich, damit stärker als erwartet. In der Eurozone legten die Löhne wiederum ein gutes Stück zu.

Künstliche Intelligenz bleibt das Zugpferd
Ein Trend, der jedenfalls andauern dürfte, ist der Hype rund um die Künstliche Intelligenz (KI), die sich bereits im Vorjahr als Zugpferd für Technologieaktien bewährt hat, zeigt Ivan Domjanic, Kapitalmarktstratege beim britischen Vermögensverwalter M&G, im Rahmen des Jahresausblicks 2024 auf. Der Börsen-Kurier war dabei. „Als Nachzügler hatten sich die Gesundheitsbranche sowie der Basiskonsum und Versorger erwiesen“, so der Experte. Auch wenn der KI-Hype bereits länger anhält, sieht Domjanic Chancen in dem Sektor. Jedoch nicht unbedingt bei Anbietern solcher Technologien, bei denen die Aktienkurse bereits stark gestiegen sind, sondern bei Unternehmen, die KI im Alltag anwenden.

Auch bei der DNB Asset Management steht die KI im Fokus. Erling Kise, Co-Portfoliomanager des DNB Fund Technology (ISIN: LU0302296495), meint: „Aus heutiger Sicht dürfte der Technologiesektor als großer Gewinner aus dem KI-Rennen hervorgehen. Der Schlüsselfaktor ist der Zugang zu Daten, der die Spreu vom Weizen trennen wird. Unternehmen mit einzigartigen Datenbeständen und Zugang zu Kapital werden in der Lage sein, ihre eigenen KI-Projekte zu entwickeln.“

Generative KI im Aufwind
Das KI-Wachstum werde dabei weiterhin Hand in Hand mit der Entwicklung von Algorithmen für maschinelles Lernen, Datenanalyse, Cloud Computing und spezialisierter Hardware gehen, ergänzt Kise. Der Fondsmanager räumt insbesondere dem Bereich der generativen KI gute Chancen ein. Dabei geht es unter anderem um die Erstellung von Inhalten oder Vorschlägen. Kise verweist zudem auf Firmen, die durchaus zu den Profiteuren zählen könnten: Er zählt dazu Unternehmen wie Nvidia (US67066G1040) und die Cloud-Giganten Microsoft (US5949181045) mit Azure, Amazon (US0231351067) mit AWS und Alphabet (US02079K3059) mit GCP.

Anleger, die eine etwas defensivere Aktienanlage suchen, könnten einen Blick auf den Bereich Infrastruktur werfen, meint Domjanic von M&G und verweist in diesem Zusammenhang auf den „M&G (Lux) Global Listed Infrastructure Fund“ (LU1665237613). Schließlich gebe es noch jede Menge Unsicherheiten, die zu größeren Schwankungen an den Börsen führen können. Dazu zählt derzeit freilich auch der wachsende Konflikt im Nahen Osten.

Infrastruktur als Stabilitätsanker
Dabei gelten Infrastrukturaktien meist als stabiler als der breite Markt. Denn entsprechende Branchenfirmen lukrieren in der Regel stetige Einnahmen mit ihren Geschäftsmodellen auf viele Jahre, einerlei, wie sich das Umfeld entwickelt. Obendrein sind die Verträge oftmals an die Inflation gekoppelt. Im Fonds selbst wird auf mehrere Bereiche gesetzt, so etwa auf Versorger und Transportunternehmen, aber auch auf Bildungseinrichtungen sowie auf Anbieter von Mobilfunktürmen. Verluste sind jedoch bei all den Produkten möglich.

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„Gibt keinen Grund, aus Investmentfonds auszusteigen“

Trotz schwierigem Umfeld hat der Immobilien-Spezialist Corum seine Renditeziele erreicht.

Patrick Baldia. Während die meisten Akteure in der Immobilienbranche das „Seuchenjahr“ 2023 wohl am liebsten vergessen würden, gibt man sich bei Corum äußerst zufrieden. Kein Wunder: Einerseits wurden mit den Produkten Corum Origin und Corum XL einmal mehr die Renditeziele erreicht. Andererseits wurden die beiden offenen Immobilienfonds des Hauses von Mittelabflüssen in großem Stil verschont. Dazu kommt noch etwas: der Wert der Immobilienportfolios blieb insgesamt stabil, so das Ergebnis der jährlichen Bewertung.

So kam das Flaggschiff „Corum Origin 2023“ (ISIN: FR0013398039) auf eine Rendite von 6,06 % (2022: 6,88 %), der „Corum XL“ (FR0013397692) verzeichnete ein Plus von 5,40 % (2022: 5,97 %). Dass beide Fonds das Jahr mit einer etwas niedrigeren Rendite als 2022 beendeten haben, hat einen guten Grund: die Erhöhung der Anteilspreise im Jahr 2022. Bei gleichbleibenden Mieteinnahmen führt dies im Folgejahr automatisch zu einer geringeren Performance, erklärte das Unternehmen bei einer Presseveranstaltung in Wien. Die Entscheidung, die Anteilspreise zu erhöhen, sei im Übrigen bewusst getroffen worden, um die Wertsteigerungen des Immobilienvermögens an die Anleger weiterzugeben.

„Dass beide Fonds seit der Auflage jedes Jahr die Renditeziele erreichen konnten, ist das Ergebnis unserer Strategie, nur jene Kundengelder anzunehmen, die wir in Immobilien investieren können, die einen Mehrwert für das angestrebte Renditeziel generieren“, so Corum-Gründer Frédéric Puzin (Foto). Investiert werde allerdings nur zu den richtigen Preisen in Gewerbeimmobilien mit stabilen Mietern, die mit großer Wahrscheinlichkeit in der Lage wären, ihre Mieten über lange Zeiträume hinweg bedienen zu können. „Manche meinen es geht um Lage, Lage, Lage; wir sagen es geht um Mieter, Mieter, Mieter“, stellt Puzin die Prioritäten klar.

Starke Zuflüsse im Vorjahr
Von anderen offenen Immobilienfonds unterscheiden sich die aus dem Hause Corum auch insofern, als dass sie nicht mit Abflüssen in großem Stil zu kämpfen hatten. „Wir sind einer der wenigen Immobilienfonds in Europa, die weiterwachsen“, hält Puzin fest, um hinzuzufügen: „Die Anleger haben auch keinen Grund auszusteigen.“ So flossen Kundengelder von knapp 1,1 Milliarde Euro, davon 20 Millionen Euro aus Österreich, in die Fonds, was wiederum dem Fondsmanagement ermöglichte, Kaufgelegenheiten wahrzunehmen. Konkret wurden 2023 rund 1 Milliarde Euro in 25 Objekte in zehn Ländern und fünf gewerblichen Sektoren investiert und damit im Ausmaß von fast 20 % der Gesamtkapitalisierung der Corum-Fonds (6 Milliarden Euro).

Privatanleger bevorzugt
Ein Mitgrund für die Zielerreichung sei die Strategie, nur Privatanleger und keine Großinvestoren zuzulassen. Sie sorgen für eine stabile Entwicklung im kleinteiligen Bereich. Um die 130.000 Anleger sind in die Corum-Fonds investiert. „Will jemand aussteigen, hat das keine Auswirkungen auf die Liquidität“, hält Puzin fest.

Investiert wird weiterhin nahezu in ganz Europa. Heimische Gewerbeimmobilien stehen nach wie vor nicht auf dem Speisezettel. „In Österreich können wir nicht die Rendite erzielen, die wir benötigen“, stellt Puzin klar. Der Markt sei nicht nur zu teuer, sondern auch zu eng. „Da haben wir das Gefühl, bis wir ins Flugzeug steigen, um nach Österreich zu kommen, ist die Immobilie längst verkauft.“

Foto: Corum

 

 

Weshalb die USA auch 2024 eine Rezession vermeiden können

Ein Kommentar von Matthias Mohr, Managing Director Intermediaries bei Capital Group.

(23.01.) Die stark gestiegene Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen, die für einen Großteil der Wirtschaft die Grundlage für die Kreditkosten bilden, stellt die US-Notenbank im Jahr 2024 vor eine schwierige Aufgabe. Wie zähmt sie die Inflation, ohne dass die Wirtschaft darunter leidet? Matthias Mohr, Managing Director Intermediaries bei Capital Group, geht nicht nur davon aus, dass die Renditen auf einem Niveau bleiben könnten, das vor der globalen Finanzkrise als normal angesehen wurde, sondern auch, dass die USA eine Rezession auch in 2024 vermeiden können.

„Ich bin optimistisch, dass die Verbraucher die Wirtschaft weiterhin tragen werden, auch wenn die Zinsen für einen längeren Zeitraum höher bleiben“, so Mohr. Das liege zum Teil daran, dass die Löhne und die Immobilienwerte weiterhin über dem Niveau vor der Pandemie lägen, was die Verbraucherausgaben gestützt habe. Auch die Ausgaben der US-Regierung hätten die Wirtschaft angekurbelt, was sich in einem steigenden Defizit von fast acht Prozent des Bruttoinlanddprodukts (BIP) niederschlage. „Mit Blick auf 2024 glauben wir, dass sich die Renditen auf einem Niveau etablieren werden, welches vor der Finanzkrise als normal angesehen wurde, also zwischen 3,5 und 5,5 Prozent“, erläutert Mohr. Der Zinsanstieg könne die Märkte zwar belasten, aber Mohr glaubt, dass die Anleger sich entsprechend anpassen können.

Keine klassische Rezession in den USA
Dabei helfen könne auch, dass eine klassische Rezession in den USA bislang nicht stattgefunden habe. „Die Rezession, die viele Experten vorhergesagt haben, hat zwar stattgefunden, aber nicht auf einmal“, erläutert der Experte. „In den vergangenen anderthalb Jahren erlebten verschiedene Wirtschaftssektoren in den USA zu unterschiedlichen Zeiten einen Abschwung – ein Phänomen, das Ökonomen als ‚rollende Rezession‘ bezeichnen.“

Dank dieses seltenen Ereignisses sei es möglich, dass die USA trotz der hohen Inflation und der steigenden Zinssätze nicht vor Ende diesen oder sogar im nächsten Jahr eine traditionelle Rezession erleben würden.

„Nicht alle Rezessionen oder Konjunkturzyklen sind gleich, aber ein Blick auf die zugrunde liegenden Bedingungen – mit besonderem Augenmerk auf Technologie, Bankwesen und Wohnungsbau – gibt Aufschluss darüber, wie und warum die USA eine Rezession im Jahr 2023 vermieden haben und wie dies vielleicht auch im Jahr 2024 gelingen kann“, betont Mohr.

Technologie: hohe Bewertungen, reales Wachstum
Der Aufstieg der „glorreichen Sieben“ (Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, NVIDIA, Tesla und Meta Platforms) sei oft mit den Exzessen der Dot.com-Ära in den späten 1990er Jahren verglichen worden. Heute gebe es jedoch wichtige Unterschiede.

„2000 waren die Unternehmen viel stärker überbewertet als die Marktführer heute“, so Mohr. „Auf dem Höhepunkt der Internetblase gab es eine Implodierung. Diesmal gibt es weniger Patzer und die meisten der Mega-Cap-Aktien sind legitime Investitionen.“ Die glorreichen Sieben hätten einen Großteil der Renditen in einem engen Markt eingefahren und Ende 2023 zusammen 59,1 Prozent des Nasdaq 100 ausgemacht. Ihre relativ hohen Bewertungen würden jedoch durch Gewinne und Cashflows gestützt, die ihren Status als Marktführer rechtfertigen würden.

Anleger sollten zwar angesichts der hohen Preise für einige dieser Mega-Cap-Aktien vorsichtig sein. „In Anbetracht des Wachstumspotenzials der heutigen Marktführer können sie jedoch als Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios sinnvoll sein“, so Mohr.

Bankwesen: Ansteckungsgefahr wurde eingedämmt
Die Bankenkrise vom März 2023 sei eher ein Zinsproblem als ein Kreditproblem gewesen: ein Ergebnis eines der schnellsten Zinserhöhungszyklen der Geschichte. Als die Zinssätze gestiegen seien, sei der Marktwert der Anleihenbestände der Banken gesunken, was bei den Kunden die Sorge ausgelöst habe, dass die Banken nicht genügend liquide Mittel haben könnten, um ihre Einlagen zu sichern.

„Die Liquiditätsanbieter konnten aufatmen, als die Federal Deposit Insurance Corporation nervöse Anleger daran erinnerte, dass die Einleger keine Verluste erleiden würden“, erklärt Mohr. Außerdem habe die Federal Reserve über das Bank Term Funding Program Liquidität zur Verfügung gestellt. „So wie die Regulierungsbehörden aus der Bankenkrise von 2008 Lehren gezogen haben, die ihnen bei ihrer Reaktion im Jahr 2023 geholfen haben, können die Anleger aus den Befürchtungen des Jahres 2023 lernen, wenn sie sich den Märkten des Jahres 2024 nähern“, resümiert der Experte.

Wohnungsmarkt: Veränderte Dynamik
Anleger, die sich derzeit Sorgen um den US-Immobilienmarkt machen, könnten sich mit der Tatsache trösten, dass sich dieser im Vergleich zum Jahr 2008 stark verändert habe. „Heute haben die Zinserhöhungen der US-Notenbank den Verkauf von Wohnimmobilien gedämpft, ebenso wie die Veränderungen im Wohnverhalten im Zuge der Pandemie“, so Mohr. All dies habe dazu beigetragen, die Volatilität von vor 15 Jahren abzufedern.

Damals sei zu viel gebaut worden, was zu einem Überangebot an Wohnungen geführt habe. Heute sei das Gegenteil der Fall: Viele Jahre sei zu wenig gebaut worden, so dass der Wohnungsmarkt zum Zeitpunkt der Corona-Pandemie ziemlich angespannt gewesen sei. Auch ein stabiler Arbeitsmarkt mit nahezu Vollbeschäftigung und niedrigen Refinanzierunssätzen seien für das aktuelle Umfeld hilfreich gewesen.

Fazit
„Auch wenn die Wirtschaftslage heute im historischen Vergleich solide erscheint, wird es 2024 mit Sicherheit Überraschungen geben“, bilanziert Mohr. Anstatt auf ein Entwarnungssignal zu warten, um wieder in die Aktien- und Anleihenmärkte einzusteigen, sei die Beibehaltung gut diversifizierter, ausgewogener Portfolios über Konjunkturzyklen hinweg ein sinnvoller Ansatz für langfristige Anleger.

Das lange Warten auf den Gamechanger

Die Zulassung von Bitcoin-ETFs sollte sich äußerst positiv auf den Krypto-Markt auswirken.

Patrick Baldia. Während die meisten Akteure in der Immobilienbranche das „Seuchenjahr“ 2023 wohl am liebsten vergessen würden, gibt man sich bei Corum äußerst zufrieden. Kein Wunder: Einerseits wurden mit den Produkten Corum Origin und Corum XL einmal mehr die Renditeziele erreicht. Andererseits wurden die beiden Immobilienfonds des Hauses von Mittelabflüssen in großem Stil verschont. Dazu kommt noch etwas: der Wert der Immobilienportfolios blieb insgesamt stabil, so das Ergebnis der jährlichen Bewertung.

So kam das Flaggschiff „Corum Origin“ (ISIN: FR0013398039) auf eine Rendite von 6,06 % (2022: 6,88 %), der „Corum XL“ (FR0013397692) verzeichnete ein Plus von 5,40 % (2022: 5,97 %). Dass beide Fonds das Jahr mit einer etwas niedrigeren Rendite als 2022 beendeten haben, hat einen guten Grund: die Erhöhung der Anteilspreise im Jahr 2022. Bei gleichbleibenden Mieteinnahmen führt dies im Folgejahr automatisch zu einer geringeren Performance, erklärte das Unternehmen bei einer Presseveranstaltung in Wien. Die Entscheidung, die Anteilspreise zu erhöhen, sei im Übrigen bewusst getroffen worden, um die Wertsteigerungen des Immobilienvermögens an die Anleger weiterzugeben.

„Dass beide Fonds seit der Auflage jedes Jahr die Renditeziele erreichen konnten, ist das Ergebnis unserer Strategie, nur jene Kundengelder anzunehmen, die wir in Immobilien investieren können, die einen Mehrwert für das angestrebte Renditeziel generieren“, so Corum-Gründer Frédéric Puzin (Foto). Investiert werde allerdings nur zu den richtigen Preisen in Gewerbeimmobilien mit stabilen Mietern, die mit großer Wahrscheinlichkeit in der Lage wären, ihre Mieten über lange Zeiträume hinweg bedienen zu können. „Manche meinen es geht um Lage, Lage, Lage; wir sagen es geht um Mieter, Mieter, Mieter“, stellt Puzin die Prioritäten klar.

Starke Zuflüsse im Vorjahr
Von anderen offenen Immobilienfonds unterscheiden sich die aus dem Hause Corum auch insofern, als dass sie nicht mit Abflüssen in großem Stil zu kämpfen hatten. „Wir sind einer der wenigen Immobilienfonds in Europa, die weiterwachsen“, hält Puzin fest, um hinzuzufügen: „Die Anleger haben auch keinen Grund auszusteigen.“ So flossen Kundengelder von knapp 1,1 Milliarde Euro, davon 20 Millionen Euro aus Österreich, in die Fonds, was wiederum dem Fondsmanagement ermöglichte, Kaufgelegenheiten wahrzunehmen. Konkret wurden 2023 rund 1 Milliarde Euro in 25 Objekte in zehn Ländern und fünf gewerblichen Sektoren investiert und damit im Ausmaß von fast 20 % der Gesamtkapitalisierung der Corum-Fonds (6 Milliarden Euro).

Privatanleger bevorzugt
Ein Mitgrund für die Zielerreichung sei die Strategie, nur Privatanleger und keine Großinvestoren zuzulassen. Sie sorgen für eine stabile Entwicklung im kleinteiligen Bereich. Um die 120.000 Anleger sind in die Corum-Fonds investiert. „Will jemand aussteigen, hat das keine Auswirkungen auf die Liquidität“, hält Puzin fest.

Investiert wird weiterhin nahezu in ganz Europa. Heimische Gewerbeimmobilien stehen nach wie vor nicht auf dem Speisezettel. „In Österreich können wir nicht die Rendite erzielen, die wir benötigen“, stellt Puzin klar. Der Markt sei nicht nur zu teuer, sondern auch zu eng. „Da haben wir das Gefühl, bis wir ins Flugzeug steigen, um nach Österreich zu kommen, ist die Immobilie längst verkauft.“

Foto: Corum

Emerging Markets auf der Überholspur

Koppeln sich Schwellenländer wie China und Indien konjunkturell ab?

Michael Kordovsky. Bereits in den Jahren 2013 bis 2019 stand ein durchschnittliches BIP-Wachstum der OECD-Staaten von 2,3 % einem Schnitt von 4,4 % außerhalb der OECD gegenüber. China und Indien brachten es sogar auf jeweils 6,8 % p.a. Trotz Zinsschock im US-Dollar sollten die Non-OECD-Länder 2023 im Schnitt noch immer um 4 % gewachsen sein, gefolgt von jeweils 3,8 bzw. 4,0 % in den Jahren 2024 und 2025. Im Vergleich dazu macht das Wachstum der OECD-Länder voraussichtlich nicht einmal die Hälfte davon aus. Der Euroraum sollte laut OECD-Prognose 2024 und 2025 nur noch um jeweils 0,9 bzw. 1,5 % wachsen.

Für China erwarten die OECD-Volkswirte eine Verlangsamung des BIP-Wachstums von 5,2 % im Jahr 2023 auf je 4,7 bzw. 4,2 % im laufenden Jahr und im Jahr 2025. Indien hingegen werden Zuwachsraten von mehr als 6 % p.a. prognostiziert. Der IWF sagte im Oktober den Emerging Markets und Entwicklungsländern für 2024 ein BIP-Wachstum von 4 % voraus, wobei Indien mit 6,3 % Spitzenreiter sein sollte. Um 4,8 % sollte die Region „Emerging/Developing Asia“ wachsen, und „Sub-Sahara-Afrika“ um 4 %, während Lateinamerikas Volkswirtschaften Brasilien und Mexiko mit 1,5 bzw. 2,1 % Zuwachs sich voraussichtlich verhältnismäßig moderat bewegen.

Lichtblicke in China
In Bezug auf die Schwellenländer hängt dabei viel Dynamik von den Entwicklungen in China ab, wo sich zuletzt die Signale einer Stabilisierung mehren: Obwohl China mit „nur“ 5,2 % BIP-Wachstum für negative Schlagzeilen sorgt, da Analysten von 5,3 % ausgingen, zeigt sich gerade dort der Anfang einer möglichen konjunkturellen Stabilisierung.

Zwar waren aufgrund einer schwächeren globalen Nachfrage und einer verstärkten Regionalisierung von Lieferketten europäischer und nordamerikanischer Firmen Chinas Exporte im Gesamtjahr 2023 um 4,6 % rückläufig. Doch im Dezember 2023 stiegen die Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahresmonat wieder um 2,3 %. Analysten rechneten lediglich mit 1,7 % Wachstum. 2024 könnte es eine Trendwende geben, zumal die Produktionsunternehmen weltweit ihre Lagerbestände drastisch reduziert haben und nun wieder mehr Lieferungen nachbestellen müssen. Das sollte auch zu einem Anstieg der Industrieproduktion in China führen. Lichtblicke zeigten sich im Dezember 2023 bei der Entwicklung des „Caixin China General Manufacturing PMI“ von S&P Global, der auf der Befragung von rund 650 privaten und staatlichen Unternehmen im Riesenreich beruht. Dessen Expansionsschwelle liegt bei 50 Punkten. Von November auf Dezember folgte ein Anstieg von 50,7 auf 50,8 Punkte. Die Auftragseingänge im Dezember haben sich verbessert. Offensichtlich wird von Kundenseite wieder mehr bestellt.

Auch Schwachstellen vorhanden
Ein positives Signal seitens der Binnenwirtschat liefert der chinesische Einzelhandel, der im vergangenen Jahr 7,2 % Umsatzsteigerung verzeichnete. Im Dezember 2023 lag das Plus sogar bei 7,4 %. Vor allem der Online-Handel läuft und wuchs in China 2023 um satte 11 %. Dabei werden schon 27,6 % der Einzelhandelsumsätze mit physischen Waren online umgesetzt. Der private Konsum ist eine klare Konjunkturstütze und trägt bereits 82,5 % zum BIP-Wachstum bei. Chinas Wirtschaft ist im Vergleich zum OECD-Schnitt wachstumsstark, doch es gibt Schwachstellen wie eine kontinuierlich rückläufige Bevölkerungszahl und ein kriselnder Immobilienmarkt.

Staatliche Konjunkturprogramme könnten aber viel Unsicherheit beseitigen und dazu führen, dass China als Konjunkturlokomotive über stärkere Rohstoffnachfrage auch die Schwellenländer in Afrika und Lateinamerika beflügelt.

Unabhängig davon sollte Indien nicht aus den Augen verloren werden, das sich durch eine kräftige Inlandsnachfrage und einen Anstieg der privaten Investitionen auszeichnet. Hinzukommt noch eine wirtschaftsfreundliche Politik unter Premier Narendra Modi.

Fazit
Noch hängt in puncto Konjunktur in den Schwellenländern viel von den Dollarzinsentwicklungen (je niedriger diese sind, umso besser) und der Wirtschaftsentwicklung Chinas ab. Doch mit Indien wächst ein neuer Gigant, der immer mehr zu einem globalen Nachfragefaktor wird, aber mit einem Median-Alter der Bevölkerung von 28,7 Jahren wesentlich solider aufgestellt ist als China mit einem Wert von 38,4 Jahren. Für 2024 könnte es aber ausgehend von China und auch sinkenden Dollarzinsen positive konjunkturelle Impulse quer durch die Schwellenländer geben, deren Wachstumsraten im Schnitt die alten Industrieländer weit in den Schatten stellen.

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Ottakringer-HV: Das Glas ist leer

Rupert-Heinrich Staller strengt übernahmerechtliches Verfahren an.

Rudolf Preyer. Der Wochenbeginn brachte in der außerordentlichen Hauptversammlung der Ottakringer Getränke AG Ernüchterung: Der Traditions-Braukonzern hat das Wiener Börsenparkett verlassen.

Ende Oktober 2023 endete das von der Gesellschaft dem Streubesitz angebotenen Delisting-Angebot. Der Konzern wollte Stammaktien um 85 Euro zurückkaufen, Vorzugsaktien um 70 Euro. Man habe bei beiden Aktienformen einen Aufschlag von rund 20 % vorgenommen, hatten Sprecher beratender Unternehmen damals erklärt.

Daraufhin reduzierte sich der Streubesitz von 3,23 auf 2,24 %. Somit minimierten sich die Stimmrechte des Streubesitzes in der a.o. HV auf lediglich 0,36 %.

Aufsichtsratsvorsitzende Christiane Wenckheim: „Dem Streubesitz wurde eine angemessene Barabfindung angeboten.“ Dies entspreche einer hochgerechneten Barabfindung von insgesamt 220,2 Millionen Euro.

Ende Feber soll der Gesellschafterausschluss wirksam sein und einen Monat darauf planmäßig eingetragen werden. Gesellschafter können innerhalb eines Monats nach Eintragung ins Firmenbuch Antrag auf Überprüfung der Barabfindung stellen (Gremialverfahren). Diesem können sich Aktionäre dann innerhalb eines Monats nach Veröffentlichung der Verfahrenseinleitung anschließen.

Die Barabfindung soll zwei Monate nach der a.o.HV ausgezahlt und bis dorthin mit 2 % p.a. über dem jeweils geltenden Basiszinssatz verzinst werden. Die RBI ist Abwicklungs- und Zahlstelle.

Übernahmerechtliches Verfahren
Die erste Aktionärin in der Generaldebatte (nach 100 Minuten Vorlese-Übungen der Prüfer) regte an, dass die Kostensenkungen aufgrund des Delistings sich direkt auf Preissenkungsmaßnahmen beim Bierpreis auswirken sollten.

„Zur Unzeit verlangt Ottakringer ein Delisting“, begann der lediglich als „normaler Privataktionär“ angetretene Rupert-Heinrich Staller in seinem Redebeitrag, um gleich anzukündigen, er werde das Podium über die ganze Dauer der für zwei Tage anberaumten außerordentlichen Hauptversammlung mit seinen Beiträgen und Fragen beschäftigen.

Gleich fügte er hinzu: „Ich bin Partei eines übernahmerechtlichen Verfahrens.“ Diesbezüglich gebe es noch keine Literatur, die OGH-Entscheidungen dürfen folglich mit Spannung erwartet werden. Auch zitierte Staller den IVA-Präsidenten Florian Beckermann, der im Vorfeld „einen fairen Rückkaufspreis“ eingefordert hatte.

Beckermann erklärte, dass der IVA „selbstverständlich“ auch eine Überprüfung des Übernahmeverfahrens betreiben werde. Anscheinend versuche man sich hier an einem Präzedenzfall: „Wie schafft man ein Delisting vor dem Squeeze-out?“ In Richtung Rechtsberater erklärte Beckermann, dass dies in Deutschland (wohin wohl geschielt werde) „nicht immer erfolgreich“ sei.

„Unfair“ sei es weiters, dass für die Abfindung die Dividende für 2023 nicht berücksichtigt worden sei. Beckermann stellte Spekulationen zur Motivation der AG an: Wolle man möglicherweise in naher Zukunft Vöslauer verkaufen – und den Streubesitz daran nicht beteiligen?

Zu Redaktionsschluss der Print-Ausgabe war die HV noch im Gange. Über das weitere Geschehen und die Abstimmungsergebnisse berichten wir in der nächsten Ausgabe.

 

 

Was Anleger im Superwahljahr beachten sollten

Ein Kommentar von Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group.

(15.01.) Am vergangenen Montag begann mit den Vorwahlen in Iowa die heiße Phase des Wahlkampfes in den Vereinigten Staaten. US-Präsidentschaftswahlen können spaltend und beunruhigend sein. Manchmal scheint das Schicksal der Welt auf dem Spiel zu stehen. Aber sind Wahlen wirklich so wichtig, wenn es um Investitionen geht? Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, ist der Meinung, dass langfristig orientierte Anleger unabhängig vom Ausgang der Wahlen gut aufgestellt sind.

„Eine Überreaktion auf kurzfristige Volatilität während der Wahlzyklen kann sich sogar nachteilig auf die Anlagerenditen auswirken“, erläutert der Experte. „In der Tat kann die Politik starke Emotionen und Sorgen hervorrufen, aber die Anleger tun gut daran, den Lärm auszublenden und sich auf das Langfristige zu konzentrieren.“ Denn historisch gesehen hätten Wahlen im Grunde keinen Unterschied gemacht, wenn es um langfristige Anlagerenditen gehe.

Was sind die Lehren aus der Vergangenheit?
Eine Investition von 1.000 US-Dollar in den S&P 500, die bei Amtsantritt von Franklin D. Roosevelt 1933 getätigt wurde, wäre am 30. Juni 2023 über 19 Millionen US-Dollar wert gewesen. In dieser Zeit gab es acht demokratische und sieben republikanische Präsidenten. „Die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen mögen beispiellos erscheinen, aber ein Blick auf vergangene Wahlzyklen zeigt, dass jeder Wahlkampf von Kontroversen und Unsicherheiten begleitet war“, so Braun. „Und in jedem Fall hat sich der Markt im Laufe der Zeit als widerstandsfähig erwiesen.“ Erfolgreiche Anleger würden auf Kurs bleiben und sich eher auf die Zeit im Markt als auf das Timing des Marktes verlassen.

Wie reagieren die Aktienmärkte in Wahljahren?
„Das Ungewisse ist die Vorwahlsaison“, erläutert Braun. „Bei so vielen Kandidaten auf dem Wahlkampftrip – bis Mitte 2023 hatten 14 Republikaner ihre Kandidatur angekündigt – kann die Bandbreite der Ergebnisse beängstigend wirken.“ Diese Unbeständigkeit sei jedoch oft nur von kurzer Dauer. Nach dem Ende der Vorwahlen würden die Märkte in der Regel zu ihrem normalen Aufwärtstrend zurückkehren. Geduldige Anleger, die den Kurs beibehielten, würden oft belohnt. Seit 1932 hätten Aktien in den 12 Monaten nach Abschluss der Vorwahlen (wenn man den 31. Mai als Maßstab nimmt) im Durchschnitt um 11,3 Prozent zugelegt, verglichen mit nur 5,8 Prozent in ähnlichen Zeiträumen in Nichtwahljahren. „Dies sind jedoch nur Durchschnittswerte“, betont Braun. „Anleger sollten nicht versuchen, den Zeitpunkt für den Einstieg in den Markt zu bestimmen.“ Stattdessen könne ein langfristiger Ansatz den Anlegern helfen, der Volatilität zu widerstehen und darauf zu vertrauen, dass sich die Märkte im Laufe der Zeit tendenziell nach oben bewegen, selbst in Wahljahren.

Welche Fehler gilt es zu vermeiden?
„Viele Anleger sind mit Blick auf die Märkte im Jahr 2024 nervös“, resümiert Braun. „Präsidentschaftskandidaten lenken die Aufmerksamkeit oft auf die Probleme des Landes, und Kampagnen neigen dazu, negative Botschaften zu verstärken.“ Es sei also kein Wunder, dass auch die Anleger ein wenig pessimistisch werden. Dies könne zu einem Problem werden, wenn sie zulassen, dass sich ihre Stimmung auf ihr Geld auswirke. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Anleger vor Wahlen häufiger in Geldmarktfonds – traditionell eine der risikoärmsten Anlageformen – investiert haben,“ so Braun. „Im Gegensatz dazu verzeichneten Aktienfonds im Jahr unmittelbar nach einer Wahl die höchsten Nettozuflüsse. Dieser Trend gilt sogar für internationale Fonds.“ Dies deute darauf hin, dass die Anleger in Wahljahren das Risiko minimieren und abwarten wollen, bis die Unsicherheit nachlasse, bevor sie sich wieder riskanteren Anlagen wie Aktien zuwenden würden. Doch Markt-Timing sei selten eine langfristig erfolgreiche Anlagestrategie und könne ein großes Problem für die Portfoliorendite darstellen.

„In einem Wahljahr sollte man sich mit seinen Investitionen nicht zurückhalten”, sagt der Aktien-Experte. „Anleger, die in Wahljahren voll investiert waren oder beispielsweise monatliche Beiträge in einen Pensionsplan einzahlten, schnitten durchschnittlich immer am besten ab.” Diese Anleger hätten über den gesamten Zeitraum höhere durchschnittliche Portfoliobestände und hätten häufiger die Anleger übertroffen, die länger in Bargeld investiert gewesen sein. Das Festhalten an einem soliden langfristigen Anlageplan, der auf den individuellen Anlagezielen basiere, sei in der Regel die beste Vorgehensweise. „Unabhängig davon, ob diese Strategie darin besteht, das ganze Jahr über voll investiert zu sein oder regelmäßig zu investieren, sollten die Anleger in jedem Fall das Markt-Timing im Zusammenhang mit der Politik vermeiden“, bilanziert Braun. Wie so oft beim Investieren gehe es darum, kurzfristigen Lärm beiseite zu schieben und sich auf langfristige Ziele zu konzentrieren.

Ausgebombte Aktien mit Potenzial

Eine Trendwende bei überverkauften Werten ist möglich.

Roman Steinbauer. Trotz einer zuletzt hervorragenden Aktienentwicklung der Gesamtmärkte in Europa und den USA wurden 2023 etliche Wertpapiere gewichtiger Branchenführer eklatant abgestraft. Einige betroffene und bis zum Jahresende unter die Räder geratene Werte erscheinen für einen Einstieg aber hoch lukrativ. Oft standen die abgestraften Anteilsscheine dieser Unternehmen aus schlüssigen Gründen unter Druck und fanden sich im Dezember teils auf Tiefst-Niveaus vergangener Jahre wieder.

Anhand der günstigen Bewertungen und der Betrachtung eines großen Bildes über viele Jahre hinweg sind aber überverkaufte Situationen zu beobachten, die Einstiegskurse signalisieren. Denn die oft dominante Marktstellung in der jeweiligen Geschäftssparte wurde ausgeblendet.

So rutschten Aktien der größten US-Apothekerkette Walgreens Boots Alliance (Dow Jones; ISIN: US9314271084) an der Frankfurter Börse binnen 24 Monaten um 50 % auf 22,60 Euro ab. Hier sind ein hoher Kostendruck im Einzelhandel und eine Halbierung der Quartalsdividende um 48 % auf 0,25 USD (0,29 Euro-Cent) ins Treffen zu führen. Die Analysten der UBS erkennen beim hoch verschuldeten Unternehmen aus Illinois zudem einen schwachen Barmittelzufluss. Dennoch zog die Notiz seit 1. Dezember um bereits 20 % an, nachdem die letzten Quartalsergebnisse um 0,03 Euro/Aktie übertroffen wurden. Der Kurs liegt auf Höhe des Buchwerts, das Preis/Umsatz-Verhältnis befindet sich bei 1 : 6,8. Die Absicht, die britische Apothekenkette Boots abzugeben, nährt nun die Fantasie um eine Schuldenreduktion.

Weitere Gegenbewegungen
Durch den niedrigen Aluminiumpreis bedingt, sticht zudem die Halbierung der Notiz der Alcoa (US0138721065) ins Auge. Vor Weihnachten war sodann binnen Tagen ein Kurssprung um 25 % auf mehr als 34 USD (31,10 Euro) zu verfolgen, nachdem J.P. Morgan auf einen Einstiegszeitpunkt hinwies. Der auch im Bauxit-Abbau tätige Aluminiumriese schreibt derzeit Verluste. Erholen sich die Produktpreise, winkt für Aktionäre eine hohe Hebelwirkung der Notiz.

Als attraktiv stellen sich bei einem erneuten Rückschlag ebenso die Aktien der Roche Holding (Börse SIX SWISS; CH0012032113) dar. Eine Bodenbildung war bereits im November bei umgerechnet 260 E zu beobachten. Seither legte das Papier um mehr als 10 % zu. Das geschätzte KGV 2024 liegt anhand des momentanen Kurses bei 12,9; die Prognose der Dividenden-Rendite bei 3,40 %. Analysten der DZ Bank sehen eine positive Produktentwicklung in der Onkologie und eine faire Bewertung bei 312 Euro/Aktie.

Aufbäumen der Basis-Chemikalien-Vertreter
Institutionelle Anleger wittern offenbar ein Einstiegsniveau bei stark gedrückten Notizen des Chemieriesen BASF (DE000BASF111) sowie beim Branchenmitbewerber Bayer (DE000BAY0017), der auch im Agrar- und Pharmasektor stark positioniert ist. Obwohl der Margendruck vorerst anhält, gaben beide Titel seit sechs Wochen mit +20 bzw. +15 % ein starkes Lebenszeichen von sich, bevor eine Korrektur einsetzte. Neben einem jeweiligen KGV von 7 beeindruckt besonders bei der Ludwigshafener BASF eine Gewinnausschüttung, die zu einem Rückfluss von mehr als 8 % des Einsatzes führt. Und für auf Platin setzende, spekulativ orientierte Investoren eröffnen sich bei den Marktführern Impala Platinum (ZAE000083648) und Anglo American Platinum (ZAE000013181) Chancen. Die Tiefstände von März 2020 sind wieder erreicht.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

Die geldpolitische Lockerung kehrt zurück

Bei J. Safra Sarasin rechnet man heuer mit ersten Zinssenkungen und schwachem Wachstum.

Raja Korinek. Das Ende der Nullzins-Ära, das aufgrund der steigenden Inflation eingeläutet wurde, hat auf den globalen Kapitalmärkten zu einem Paradigmenwechsel geführt. Allein 2022 verloren sowohl die Aktien- als auch die Anleihemärkte an Wert. Seit dem vergangenen Herbst zeichnete sich hingegen eine Abschwächung bei der Inflationsdynamik ab, wenngleich die Teuerung im Dezember im Jahresvergleich wieder zulegte. In der Eurozone lag das Plus bei 2,9 %, in den USA bei 3,4 %.

Müssen Anleger folglich einen Trendbruch befürchten? Der Trend sinkender Inflationsraten sei damit nicht gebrochen, konstatiert Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin, bei der Präsentation seines Jahresausblicks 2024. Der Börsen-Kurier war dabei.

Inflationsrückgang mit Ausreißern
Dennoch verlaufen solche Entwicklungen nicht linear, Gegenbewegungen seien normal. Dabei waren es in den USA insbesondere höhere Wohnkosten, die sich negativ niederschlugen. „Es braucht eben Zeit, bis sich der Trend rückläufiger Immobilienpreise durchschlägt.“ Im Schnitt dürfte heuer die Inflation in den USA auf 2,5 % sinken, in der Eurozone auf 2,3 %.

Die Frage bleibt somit, wann die Zentralbanken die Leitzinsen senken werden. Den ersten Schritt prognostiziert Junius seitens der Fed im Mai oder Juni – um 0,25 %-Punkte. Derzeit liegt der Leitzins in einer Spanne von 5,25 bis 5,5 %. In der Eurozone dürfte dem Sarasin-Experten zufolge die Geldpolitik erstmals im Juni gelockert werden, wenngleich dies dem Ökonomen zufolge zu früh sein könnte. „Die Lohnentwicklung in der Eurozone ist stark, deren Auswirkungen auf die Inflation sollten zunächst beobachtet werden.“

US-Dollar dürfte heuer sinken
Junius verweist auf eine weitere Prognose: Weil die Fed die Zinsen heuer stärker als die EZB senken dürfte, werde voraussichtlich der US-Dollar zum Euro an Wert verlieren. Denn eine höhere Verzinsung in der Eurozone im Vergleich zu jener in den USA dürfte entsprechend mehr Kapital – auch aus dem Ausland – anlocken und dem Euro zu einem Auftrieb verhelfen. Im 4. Quartal 2024 sollte der Wechselkurs bei gut 1,10 zum Dollar liegen. Zuletzt lag der Kurs (per 12. Jänner) bei 1,096 US-Dollar zum Euro.

Doch wie könnte es mit der konjunkturellen Entwicklung weitergehen? In den USA rechne man mit keiner Rezession. Das BIP dürfte im laufenden Jahr dennoch um nur 1,1 % wachsen – nach einem Plus von 2,5 % im Vorjahr. Grund für den gedämpften Ausblick liegt unter anderem in der Erwartung, dass staatliche Stützen, die während der Corona-Pandemie ins Leben gerufen wurden, zurückgefahren werden. Obendrein sind überschüssige Ersparnisse der US-Haushalte, die ebenfalls in jenem Zeitraum angehäuft wurden, schrittweise aufgebraucht.

In der Eurozone wird hingegen mit einem BIP-Zuwachs von 0,5 % gerechnet. Dabei sollte die Binnennachfrage von den steigenden Reallöhnen gepaart mit der Normalisierung der Inflation profitieren, meint Junius. Er räumt deshalb europäischen Aktien im Vergleich zu US-Titeln das größere Potenzial ein. Insgesamt sei man jedoch ein wenig zurückhaltend bei Aktien und Anleihen. Dafür halte man aktuell eine größere Cash-Position, eine opportunistische Entscheidung, betont der Sarasin-Volkswirt. „Sobald sich eine günstige Gelegenheit ergibt, würden wir umschichten.“ Angesichts der aktuellen Spannungen im Roten Meer sind Korrekturen an den Märkten freilich nicht auszuschließen.

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„Grüne“ Standards für die nachhaltige Berichterstattung

Ab 2025 müssen erste Firmen gemäß European Sustainability Reporting Standard berichten.

Andreas Dolezal. Ziel der Europäischen Union ist es, die EU-Wirtschaft auf eine nachhaltige Zukunft auszurichten. „Dazu werden Unternehmen und Finanzinstitute mit ihren Klima- und Umweltdaten offener umgehen müssen, damit die Anleger umfassend über die Nachhaltigkeit ihrer Investitionen informiert sind“, schreibt die Kommission. Um die Vergleichbarkeit der Informationen zu gewährleisten, hat die „European Financial Reporting Advisory Group“ (EFRAG), ein Beratergremium der EU, neue Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung erarbeitet. Das erste Set dieser „European Sustainability Reporting Standards“ (ESRS) wurde vor Kurzem veröffentlicht. Branchenspezifische Standards, etwa für Land- und Fortwirtschaft, Öl und Gas, Textilien sowie chemische Erzeugnisse, befinden sich noch in Entwicklung und werden folgen.

Von GRI zu ESRS
Schon bisher haben große Unternehmen auf Basis internationaler Standards nachhaltig berichtet, etwa gemäß den Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI). Die EU-Kommission hat sich jedoch nicht für einen seit Jahren weltweit etablierten Berichtsstandard entschieden, sondern mit den ESRS ein neues europäisches Berichtsschema entwickelt. Es orientiert sich an bekannten Standards, geht aber weit darüber hinaus, um den visionären Zielen des Grünen Deals gerecht zu werden.

Die ersten zwölf ESRS-Standards wurden als 284-seitige EU-Verordnung am 22. Dezember 2023 veröffentlicht und gelten bereits seit 1. Jänner 2024. Unternehmen, die schon bisher nicht-finanziell bzw. nachhaltig berichten mussten (Banken, Versicherungen und börsennotierte Unternehmen), müssen erstmals das Geschäftsjahr 2024 gemäß der ESRS berichten.

Kleinere Unternehmen werden schrittweise verpflichtet laut ESRS zu berichten. Letztendlich werden im Jahr 2029 statt aktuell etwa 11.600 EU-Unternehmen knapp 50.000 nachhaltig berichten müssen. Betroffene Unternehmen, in Österreich etwa 3.000, sind gut beraten, sich rechtzeitig darauf vorzubereiten.

Doppelte Wesentlichkeit
Eine zentrale Anforderung ist die Betrachtung von Nachhaltigkeitsaspekten im Sinne der doppelten Wesentlichkeit. Das ist einerseits die Wesentlichkeit der Auswirkungen („Inside-out-Perspektive“), also die Auswirkungen des Unternehmens auf Menschen oder Umwelt innerhalb kurz-, mittel- oder langfristiger Zeithorizonte. Andererseits die finanzielle Wesentlichkeit („Outside-in-Perspektive“), das sind von außen auf das Unternehmen einwirkende Nachhaltigkeitsfaktoren, wie etwa der Klimawandel, die Einfluss auf die künftige Entwicklung und Rentabilität haben.

Weitere Standards beziehen sich auf die nachhaltige Betrachtung der eigenen Belegschaft, der Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette, betroffener Gemeinschaften, Verbraucher und Endnutzer sowie die Unternehmenspolitik.

Bürokratie-Monster?
Sowohl Detailgrad als auch Tiefe der ESRS sind bemerkenswert. Die neuen Berichtsstandards nehmen Unternehmen deutlich mehr in die Pflicht als bisher. Die Anforderungen an IT und Datenmanagement erhöhen sich massiv. Offenzulegen sind die Informationen im „European Single Electronic Format“ (ESEF), das für Mensch und Maschine gleichermaßen lesbar ist. Die nachhaltigen Angaben müssen verständlich, relevant, überprüfbar und vergleichbar sein, und sie unterliegen neuerdings einer externen Prüfpflicht. All dies bedingt erhebliche personelle und zeitliche Ressourcen, die naturgemäß auch ins Geld gehen.

Laute Kritik
Die „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD), die festlegt, welche Unternehmen ab wann berichtspflichtig sind, besagt in Artikel 29b, dass die „Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung einen unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand für Unternehmen vermeiden“ müssen. Dieser gesetzliche Auftrag wurde nicht erfüllt, kritisieren Interessenvertretungen und Wirtschaft.

Das Berichtsschema sollte überschaubarer, verhältnismäßiger und praktikabler sind, fordern Kritiker insbesondere im Hinblick auf kleine und mittlere Unternehmen. Sie fürchten um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen, daher sollten die Offenlegungsanforderungen unbedingt vereinfacht und auf das Notwendigste reduziert werden. Bis dato haben sie damit in Brüssel wenig Gehör gefunden.

Apropos „CSRD“: Diese EU-Richtlinie muss, im Gegensatz zur „ESRS“-Verordnung, in allen EU-Mitgliedstaaten bis 6. Juli 2024 in nationales Recht umgesetzt werden. Sonst kann die skurrile Situation entstehen, dass der Berichtsstandard ab 2025 Pflicht ist, aber gesetzlich nicht festgelegt ist, wer überhaupt berichten muss.

Foto: AdobeStock / FCS Photography

 

 

Luxusmarken: Stock Picking wird im Jahr 2024 wichtiger sein als jemals zuvor

Ein Kommentar von Flavio Cereda, Investment Manager, Luxusaktien bei GAM Investments.

(09.01.). 2023 war ein Jahr voller Kontraste für Luxusaktien: Das erste Halbjahr begann sehr lebhaft. Im Gegensatz dazu stellte das zweite Halbjahr im Jahresvergleich eine größere Herausforderung dar und zeigte eine Bewegung zurück zur gewohnten Wachstumsdynamik. Diese wird aller Voraussicht nach auch im ersten Halbjahr 2024 zu beobachten sein. Eine Flucht in die Qualität ist wahrscheinlich, wobei die stärkeren Marken ihre Widerstandsfähigkeit erneut unter Beweis stellen müssen. Das obere Ende der sogenannten Luxuspyramide profitiert von einer wohlhabenderen und loyaleren Kundschaft, einem weniger volatilen Nachfragemuster und einer beträchtlichen Preissetzungsmacht, da das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu seinen Gunsten ausfällt.

Langfristige Perspektiven und Herausforderungen im Sektor
Aktuelle Trends müssen in einen Kontext gestellt werden. Wenn wir die Leistung über den längstmöglichen glaubwürdigen Zeitraum, d. h. zurück bis 1995, verfolgen, sehen wir, dass der Luxussektor mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 6,5 Prozent wächst. Das ist eine bemerkenswerte Zahl, da sie ein Wachstum von 66 auf 343 Milliarden Euro im letzten Jahr bedeutet. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate seit der globalen Finanzkrise bzw. seit 2010 beträgt 6,4 Prozent. Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass eine Kennzahl im mittleren einstelligen Bereich nicht nur nachhaltig, sondern auch sehr glaubwürdig ist. Der Sektor ist im Jahr 2020 bekanntlich um 22 Prozent eingebrochen, hat sich aber 2021 wieder vollständig erholt und wird den Gesamtwert von 2019 übertreffen. Genau hier liegt die Herausforderung: Die Erholung nach Covid, die für verschiedene Regionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten angesetzt wurde, war mit +29 Prozent im Jahr 2021 und +21 Prozent im Jahr 2022 ungewöhnlich stark. Diese Kennzahlen sind weder nachhaltig noch gesund, obwohl sie den ungebrochenen Appetit der Verbraucher auf der ganzen Welt auf diesen Bereich unterstreichen. Die sogenannte Normalisierung, d. h. ein jährliches Wachstum von 6 bis 7 Prozent, ist unvermeidlich und wesentlich widerstandsfähiger als anderswo. Und das ist auch gut so, denn ein Wachstum von über 20 Prozent hatte den Markt für die wichtigsten Überlegungen blind gemacht: die Nachhaltigkeit. Unsere Prognosen für den Luxussektor deuten auf ein Wachstum von 9 bis 10 Prozent im Jahr 2023 hin, das 2024 auf 5 Prozent und 2025 auf 6 bis 8 Prozent zurückgeht.

Globale Dynamik im Luxusgütermarkt
Der Konsument von Luxusgütern ist seit einigen Jahren zunehmend asiatisch, wobei der Konsum in den USA weitreichend zunimmt. Währenddessen wird der europäische Käufer immer weniger relevant. Prognosen vermuten, dass der Anteil der Asiaten an den Gesamtausgaben inzwischen bei weit über 50 Prozent liegt und damit ähnlich hoch ist wie 2019, nur dass der Sektor um ein Drittel größer ist. Die bekannten Faktoren, insbesondere in China, wie die demografische Entwicklung, das Wachstum der Mittelschicht und die Bedeutung des sozialen Status, sorgen im Land weiterhin für einen unstillbaren Appetit auf Luxus. Dieser wird durch die Vorliebe der Chinesen für Reisen innerhalb Asiens noch verstärkt. Der US-Käufer war in der Vergangenheit immer unterdurchschnittlich im Luxussegment vertreten, ist aber in letzter Zeit von den unteren bis zu den mittleren 20ern aufgestiegen, da das Interesse an diesem Sektor nach 2020 gestiegen ist. Dies ist nicht nur auf die Rückkehr zur Reiselust und die Suche nach Erlebnissen zurückzuführen, sondern auch auf den Erfolg der besseren Marken, die ihre Reichweite über alle Kategorien hinweg deutlich ausweiten konnten und durch ihr Engagement in Bereichen wie Sport, Musik und Unterhaltung eine viel größere Resonanz bei jüngeren Verbrauchern hervorrufen. Der US-Käufer reiste 2022-23 ausgiebig nach Europa, ebenso wie asiatische (weniger chinesische) und nahöstliche Verbraucher, weshalb Europa als Land für Luxus viel relevanter ist als es die Europäer selbst sind. Die erfolgreichen Marken sind deutlich größer, viel profitabler und finanziell besser aufgestellt als sie es vielleicht jemals waren. Dadurch sind sie in einer starken Position, um mögliche kurzfristige Schwankungen zu bewältigen. Sie haben einen besseren Vertrieb, eine größere Preissetzungsmacht und sind in den sozialen Medien sehr effektiv geworden; all das ist wichtig.

China: ein Risiko oder eine Chance?
China bietet eine unglaubliche Chance mit einem gewissen Risiko. Die Bereitschaft des chinesischen Verbrauchers, Geld für Luxus auszugeben, ist nach wie vor sehr hoch, das wahrgenommene Status-Element ist so wichtig wie eh und je. Die Marken sind viel besser positioniert, um mit dem anhaltenden Wachstum Schritt zu halten, der Preisunterschied zu Europa ist kleiner geworden, die Sparquote der privaten Haushalte ist mit über 40 Prozent sehr hoch (doppelt so hoch wie in Deutschland). Darüber hinaus erholt sich der internationale Reiseverkehr, wenn auch langsamer, die Expansion der Mittelschicht schreitet wie erwartet voran, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Kommunistische Partei Bedenken hat, da das gängige Wohlstandsnarrativ nie gegen Luxus war, sondern eher gegen die übermäßige Zurschaustellung von Reichtum und Opulenz. Wir gehen davon aus, dass China seine Ausgaben für Luxusgüter zwischen 2025 und 2029 um fast 80 Milliarden Euro steigern wird.

Das Risiko würde hier von einer Änderung der Politik ausgehen, aber wir sehen keine Anzeichen dafür, dass dies der Fall ist. Eine Verlangsamung der Ausgaben verglichen zu den anormalen Spitzenwerten ist kein Risiko; wir haben dies bereits einkalkuliert.

Erfolg durch gezielte Markenwahl
Das Wachstum wird unserer Meinung nach im Jahr 2024 unter dem Durchschnitt liegen, die besseren Marken hingegen werden weiterhin überdurchschnittlich abschneiden. Die Dynamik wird zwar in allen Regionen außer den USA positiv bleiben, es wird jedoch immer wichtiger, zwischen den Marken zu unterscheiden, die in den letzten Jahren einfach vom allgemeinen Aufschwung profitiert haben und denjenigen, die im Allgemeinen gut positioniert sind, um ihren Marktanteil weiter auszubauen und überdurchschnittliche Renditen zu erzielen auch, gerade in volatileren Zeiten. Die Aktienauswahl wird daher im Jahr 2024 wichtiger sein als jemals zuvor seit 2016.

Stabile Werte und Inflationsschutz als Schlüsselfaktoren
Die jüngste Abwertung auf breiterer Front scheint das erwartete langsamere Wachstum, wie oben beschrieben, weitgehend aufgefangen zu haben, so dass die Bewertungen im Großen und Ganzen auf das Niveau von 2019 zurückgekehrt sind. Wir glauben, dass es Raum für weitere Anpassungen gibt, aber es sind vor allem die schwächeren Marken, die hier mehr gefährdet sind. Qualität ist und wird immer defensiver und widerstandsfähiger sein, und dennoch sind diese Marken für die allmähliche Beschleunigung, die wir für das zweite Halbjahr 2024 erwarten, hervorragend gerüstet. Der Luxussektor ist nach wie vor eine solide Absicherung gegen die Inflation, gestützt durch eine gute Cash-Generierung, solidere Bilanzen und die Fähigkeit, hohe Margen zu erzielen, die durch die Stärke der Marken und die zugrunde liegende Nachfrage bedingt sind. Kurzfristige Schwankungen sind genau das, weshalb uns die bewährte Erfolgsbilanz und die sehr verlässlichen Grundlagen des Sektors beruhigen. Der Luxuskonsument „ist der letzte, der kommt, und der erste, der geht, wenn die Konjunktur schwankt, wie es jetzt der Fall ist’“, sagte der CEO von Saks Anfang November. Mit anderen Worten, er ist der letzte, der seine Ausgaben einschränkt, und der erste, der zurückkommt – die beste Art von Verbraucher.

Qualitätsmarken als Anker in volatilen Zeiten
Die breitere Definition von Luxusmarken umfasst sowohl die Marken selbst als auch relevante Unternehmen in angrenzenden Sektoren, die sich aufgrund des starken Interesses von Verbrauchern mit einem sehr ähnlichen Profil, sprich wohlhabend, überschneiden. Wir werden uns auf die widerstandsfähigeren Qualitätsmarken konzentrieren, die unserer Meinung nach besser in der Lage sind, die derzeitige Volatilität zu überstehen. Außerdem werden wir nach relevanten verwandten Titeln in anderen Kategorien suchen, die die Möglichkeit bieten, ein größeres Aufwärtspotenzial zu sichern.

Sieben Aktien für 2024

Kontinuierliche Erträge und starkes Gewinnwachstum als Asset.

Michael Kordovsky. Überschaubare Volatilität während der Finanzkrise, gepaart mit kontinuierlichem Gewinnwachstum trotz Corona-Krise sowie eine Performance von mindestens 8 % p.a. über die vergangenen 20 Jahre – in diesem Zusammenhang kann man schon von Qualitätsaktien sprechen. Wir haben für Sie Aktien gefunden, die es bei einem hohen durchschnittlichen Gewinnwachstum pro Aktie in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Schnitt auf eine durchschnittliche Performance (inklusive Dividenden) von 12,7 % p.a. gebracht haben (Stichtag 22.12.2023).

Der absolute Spitzenreiter ist – bei 21,9 % Gewinnwachstum in den Jahren 2016 bis 2022 und einer langjährigen Durchschnittsperformance von 19,8 % p.a. – die Google-Muttergesellschaft Alphabet (ISIN: US02079K1079), die laut

einem Report des Nachrichtendienstes Citywire die „Lieblingsaktie“ der weltweit besten 5 % der Portfoliomanager ist.

Als rentabler Laborausstatter mit einer operativen Marge von mehr als 18 % in den vergangenen vier Quartalen überzeugt auch Thermo Fisher Scientific (US8835561023), deren Gewinnwachstum/Aktie im Beobachtungszeitraum bei 23 % p.a. liegt. Die Aktie brachte es in den vergangenen 20 Jahren auf ein Plus von 16,80 % pro Jahr.

Ein lukrativer deutscher Nebenwert ist MuM (Mensch und Maschine Software SE; DE0006580806), der in den Segmenten Standardsoftware für computergestütztes Design, Fertigung und Technik sowie kundenspezifische Digitalisierungslösungen, Schulung und Beratung für Kunden aus Industrie, Bauwesen und Infrastruktur tätig ist. Das Unternehmen wies im Beobachtungszeitraum 2016 bis 2022 ein Gewinnwachstum pro Aktie von 25,3 % p.a. auf. Die Analysten von SMC Research trauen (per 20.10.2023) dem Unternehmen von 2023 bis zum Jahr 2030 eine Steigerung des Free Cashflow von 35,6 auf 84,7 Millionen Euro zu.

Mit dem Handel mit Auto- und Industriegerät-Ersatzteilen hat es Genuine Parts (US3724601055) auf eine 20-Jahres-Performance von 10,8 % p.a. gebracht. Seit dem Börsengang im Jahr 1948 schüttete das Unternehmen jedes Jahr eine Dividende aus und der Nettogewinn stieg um 10,5 % p.a. Und es geht weiter aufwärts: Auf einer bereinigten und verwässerten Basis wuchs in den ersten neun Monaten 2023 der Gewinn pro Aktie um 12,6 %. Analysten rechnen mit einer Fortsetzung der Wachstumsstory in den kommenden Jahren.

Rare alte Klassiker
Nur noch wenige Top-Marken zeigen sich an der Börse als solide Langzeitperformer. Vor allem Konzerne mit bekannten Haushalts- und Pflegemarken, die von der Macht der Konsumgewohnheit leben, sind diesbezüglich auf der Gewinnerseite. Ein Beispiel dafür ist das Kosmetik-Unternehmen L‘Oréal (FR0000120321), dessen Gewinnwachstum pro Aktie im Beobachtungszeitraum bei 11,6 % p.a. liegt. Die 20-Jahres-Performance beträgt 12,20 % p.a. Allerdings ist die Aktie als „Glamour-Stock“ per 3.1.2024 mit einem für 2024 erwarteten KGV von 33,2 etwas ambitionierter bewertet.

Mit einem für 2024 erwarteten KGV von nur 17,2 bei einem Gewinnwachstum 2016 bis 2022 von 9,3 % p.a. günstiger bewertet ist der Hersteller von Haushaltswaren und Pflegeartikeln Unilever (US9047677045) mit den Marken Dove, Axe, Cif, Knorr oder Omo.

Als defensiver Wert (mit 8,3 % p.a. Gewinnwachstum) interessant ist auch Procter&Gamble (US7427181091) mit Marken wie Pampers, Gillette, Ariel, Always, Braun, Old Spice, Meister Proper oder Blend-a-med.

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Unterschätzte Risiken

2024 lauern vielen Gefahren für die Börsen.

Roman Steinbauer. Die Schlagworte Rezession, Zinsen und Inflation beschäftigen Investoren seit mehreren Quartalen. Die Fixierung auf diese Parameter und deren weitere Entwicklung blenden eine dahinter entstandene Fragilität am Finanzmarkt aber aus. In vielen Branchen steht gerade erst eine Marktbereinigung bzw. ein Ausleseprozess bevor.

Die Einschätzung unzähliger Ökonomen, 2024 sei mit einer weiteren Abschwächung des Preisdrucks zu rechnen, stimulierte die Börsen zu Jahresende deutlich. Eine rezessive Wirtschaftslage trat in Staaten Mitteleuropas zwar bereits ein, doch wird nicht von einer Ausbreitung der Schwäche auf den ganzen Kontinent ausgegangen. Nach überwiegender Meinung gelte es eher, eine temporäre Stagnation auszusitzen. In den USA erwies sich in den vergangenen Monaten zudem die Güter-nachfrage als robust. Diese Sichtweise überdeckte oft den Blick auf die vielen Folgen des teureren Geldes, die laue globale Wirtschaftsdynamik und die politischen Unsicherheiten.

Warnsignal: Haushaltsdefizite
Weitere Aspekte, wie die Rating-Abstufungen vieler US-Regionalbanken seit dem Sommer 2023, werden in der Börsenwelt indes kaum noch beachtet. Dies, obwohl die labile Situation der Geldhäuser in vielen US-Bundesstaaten oder Gemeinden seit dem Jahr 2009 wieder zutage tritt. Dabei wird die kritische Beobachtungsliste wöchentlich länger. So senkte die Ratingagentur Moody‘s die Bonitätsnoten für regionale US-Banken wie Pinnacle Financial Partners oder die M&T Bank. Hier geriet vor allem die Qualität der Gewerbe- und Büro-Immobilen in den Blickpunkt. Laut Moody‘s hätten die Bewertungsanpassungen das Potenzial für unerwartet hohe Abschreibungen und Abstufungen auch für größere Institute.

Es drohe für Geldhäuser zudem durch nicht realisierte Verluste am Bondmarkt ein erhöhtes Unruhepotenzial, da diese in den Kapitalquoten vorab nicht ersichtlich seien. Des Weiteren bleibe die Anfälligkeit für Vertrauenskrisen im Umfeld der derzeitigen Zinsniveaus generell erhöht. Auch die Entwicklung der US-Staatsschulden (der Ausblick wurde im November von „stabil“ auf „negativ“ gesenkt) könnte sich noch als eine zähe Belastung für die Börsen darstellen. Zu diesem Sachverhalt gab es zwischen der US-Finanzministerin Janet Yellen und Moody‘s zuletzt regelrechte Wortgefechte. Da auch der Branchenmitbewerber Fitch die Verbindlichkeiten des US-Staatshaushalts im Jahr 2025 bei 118 % zum BIP sieht, ist ein Aufflammen des Themas wahrscheinlich.

Fühlen sich Investoren „unantastbar“?
Der (grundsätzlich als Börsenoptimist geltende) Ökonom und Marktanalyst Ed Yardeni wies in der Vorwoche gegenüber Business Insider auf die Gefahrenquellen für die Märkte hin, die verstärkt betrachtet werden sollten. Die rasante technologische Entwicklung hätte eine Stimmung der Unbesiegbarkeit – gleich der 1920er-Jahre – zutage gebracht. Trotz vielfältiger Krisen habe der S&P-500-Index seit Ende 2019 um 48 % zugelegt. Diese Wahrnehmung hätte unter Investoren zu einer Sorglosigkeit geführt. Des Weiteren ist Yardeni der Ansicht, die US-Notenbank werde missverstanden. Eine Lockerung der Geldpolitik werde 2024 nicht erfolgen, da dies den eigenen Fed-Prognosen widersprechen würde. Das negative Überraschungspotenzial an den Finanzmärkten wäre somit hoch. Neben bekannten Krisenherden in Nahost, der Ukraine und um Taiwan sieht Yardeni die wachsenden Spannungen im US-Kongress mit Sorge. Der schwindende Handlungsspielraum zu eminenten Themen könnte sich als folgenschwer erweisen.

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Hebelzertifikate als Portfolioabsicherung

Die Märkte steuern auf kritische Ereignisse zu. Rechtzeitige Absicherung ist Trumpf.

Michael Kordovsky. Die Rekordmargen der Pandemiezeit konnten US-Unternehmen auf Dauer nicht halten. Gewinnwarnungen und ernüchternde Ausblicke mehren sich. Darüber hinaus drohen nach den zuletzt starken Renditerückgängen am Bondmarkt, die mit teils überzogenen Leitzinssenkungserwartungen zusammenhängen, erste Anzeichen dafür, dass die Leitzinsen noch länger hoch bleiben könnten – inklusive von Rückschlägen an den Bond- und Aktienmärkten.

Hinzukommen (geo-)politische Risiken. Doch ein ganzes Portfolio glattzustellen ist mit hohen Transaktionskosten verbunden. Die bessere Alternative liegt in einer temporären Absicherung von Aktien- und Anleihen-Positionen mit Short-Hebelzertifikaten (Knock-outs).

Worauf bei Absicherungen zu achten ist
Der Vorteil von Knock-out-Zertifikaten liegt darin, dass deren realisierte Kursgewinne nicht dem persönlichen Einkommenssteuertarif unterliegen, sondern dass nur 27,5 % KESt abzuliefern sind. Der Nachteil liegt in der Knock-out-Schwelle, bei deren Erreichen das Papier in der Regel wertlos verfällt. Der für eine exakt vollständige Absicherung erforderliche Einsatz errechnet sich dabei wie folgt: Abzusicherndes Portfoliovolumen dividiert durch den Hebel des Zertifikats. Liegt dieser beispielsweise bei 8, erfordert ein 70.000-Euro-Depot zur Absicherung einen Einsatz von 8.750 Euro. Je höher der Hebel, desto geringer wird der erforderliche Einsatz. Das Problem, das dann auftritt, ist der schwindende Abstand zur Knock-out-Schwelle. Auch sollte dabei bedacht werden, dass ein Aktien(-Fonds)-Portfolio, außer im Falle vollständig hedgebarer Index-ETFs, nie 1:1 abgesichert werden kann. Man kann improvisieren, indem man bestimmte Aktienfonds und Einzeltitel in Gruppen zusammenfasst, die mit einem absicherbaren Index, auf den Short-Hebelzertifikate existieren, einigermaßen korrelieren. Dann erfolgt für das betreffende Volumen eine Absicherung über Short-Hebelzertifikate auf diesen Index. Es ist also ein sogenannter „Proxy-Hedge“.

Nehmen wir an, ein Portfolio besteht durchgerechnet aus US-Aktien verschiedener Branchen (Large/Mega Caps) im Wert von 50.000 Euro. Dann käme dafür ein Short-Zertifikat auf den S&P 500 in Frage. Ein konkretes Beispiel wäre diesbezüglich die Selektion eines Short-Knock-out-Zertifikats auf der Webseite von „Onvista“. Der Abstand zum Knock-out sollte bei endloser Laufzeit (open end) idealerweise über der Jahresvolatilität des Index (S&P 500: 12,7 %) liegen (und der Hebel wird auf 10 begrenzt). Im erwähnten Fall gelangt der „Open-End-Turbo-Optionsschein-Short“ auf den S&P 500 (ISIN: DE000GP4GKG9) des Emittenten Goldman Sachs zum Einsatz. Per 5. Jänner (8:41 Uhr) lag der Hebel bei 7,6 und der Abstand zum Knock-out bei ca. 13 %. Um (theoretisch) den 50.000-Euro-Depotteil abzusichern, ist ein Einsatz von 6.580 Euro erforderlich. Weitere gut absicherbare Basiswerte wären beispielsweise der Euro Stoxx 50, der Dax und der Nasdaq 100 (z. B. bei Technologiefonds).

Deutsche Bundesanleihen mit Restlaufzeiten von achteinhalb bis zehn Jahren oder im „Proxy-Hedge“ europäische Staatsanleihenfonds mit Schwerpunkt des genannten Laufzeitspektrums können mit einem Short-Hebelzertifikat auf den Euro-Bund-Future abgesichert werden. Ein Beispiel wäre der von J.P. Morgan emittierte „Open-End-Turbo-Optionsschein (Short)“ mit der ISIN DE000JQ77CN9, der per 5. Jänner (09:15 Uhr) bei einem Abstand zum Knock-out von 10,05 % einen Hebel von 9,95 aufweist.

Schnell reagieren, nur kurzfristige Zeiträume absichern
Die genannten Instrumente dienen nur einer Absicherung über kurze kritische Zeiträume von wenigen Wochen. Beispielsweise über den März, in dem wichtige geldpolitische Entscheidungen fallen sowie die Präsidentenwahl in Russland stattfindet, erscheint dies sinnvoll – ebenso wie jetzt vor der Wahl in Taiwan.

Achtung: Sollte in einem kritischen Szenario die Absicherung funktionieren, dann sollten im Falle besonders schneller Absicherungsgewinne diese mitgenommen werden. Entwickelt sich hingegen der Aktien- und/oder Bondmarkt weiter positiv, sind Stopps zur Absicherungsverlustbegrenzung erforderlich, denn mit dem Hebel ist nicht zu spaßen.

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Europäische Aktien 2024: Chancen und Herausforderungen im Fokus

Ein Kommentar von Niall Gallagher, Investment Director, Europäische Aktien bei GAM Investments.

(14.12.) Die Aussichten für eine weitere Wertsteigerung der europäischen Aktien bis 2024 sind positiv. Der europäische Aktienmarkt (repräsentiert durch den MSCI Europe Index) ist mit dem 12,5-fachen der zukünftigen Gewinne weiterhin attraktiv bewertet und liegt damit unter dem langfristigen Mittelwert. Das erwartete Gewinnwachstum für die nächsten zwei Jahre liegt bei 6 Prozent für 2024 bzw. 9 Prozent für 2025 (Bloomberg, Stand: 6. Dezember 2023). Die voraussichtliche Dividendenrendite ist mit 3,7 Prozent ebenfalls sehr attraktiv (Bloomberg, Stand: 6. Dezember 2023) – und deutlich über dem Medianwert.

Aktienrückkäufe hingegen werden eine immer wichtigere Komponente des europäischen Marktes, angetrieben durch Banken und den Energiesektor, und die Dividendenrendite so um etwa 2 Prozent erhöhen, was zu einer Gesamtausschüttungsrendite von 5,7 Prozent führt. Trotz der negativen Stimmung in Bezug auf die europäische Wirtschaft darf nicht vergessen werden, dass nur 42 Prozent der Erträge des MSCI Europe Index aus Westeuropa stammen, während der Großteil der Erträge inzwischen aus den schneller wachsenden Teilen der Welt stammt. Diese veränderte Exposition dient letztlich dazu, die strukturelle Wachstumsrate der Anlageklasse zu erhöhen. Das Forward-Price/Earnings-Multiple unserer Strategie (ein gewichtetes durchschnittliches Forward-Price/Earnings-Multiple der Bestände der Strategie) entspricht dem MSCI Index, was zeigt, dass es derzeit keine Ausrichtung des Investmentstils gibt, was mit unserem stilunabhängigen und stilflexiblen Anlageprozess übereinstimmt.

Ein breiter Mix von Performancetreibern im Laufe des Jahres 2023 – trotz eines konzentrierten Anlageprozesses – ist ein Beweis für unser Mantra, sowohl die Aktienauswahl als auch die Portfoliokonstruktion durch das Eingehen idiosynkratischer Risiken voranzutreiben und zu vermeiden, dass wir uns in die langwierige Sortierung in Growth- und Value-Boxen hineinziehen lassen. Wir sind überzeugt, dass dies der beste Weg ist, Geld zu verwalten und langfristiges Alpha zu generieren. Dies hilft uns hoffentlich, nicht in kognitive Fallen zu geraten, in denen wir den Besitz teurer Aktien rechtfertigen müssen, oder in Value-Fallen, weil wir an einem proklamierten Style Bias festhalten.

Banken- und Energiesektor mit attraktiven Investments
Mit Blick auf das Jahr 2024 sehen wir die Aussichten für den europäischen Bankensektor nach wie vor positiv. Bei der Bewertung der Aktien am Markt wurde der nachhaltige Charakter des Anstiegs der Erträge/Eigenkapitalrendite (ROE) infolge der Rückkehr zu positiven Zinssätzen nicht berücksichtigt. Wir halten eine Rückkehr zu den extremen Zinssätzen von 2008 bis 2021, die laut der Bank of England ein Jahrhunderttief bei den Zinssätzen darstellten, für höchst unwahrscheinlich, doch ist dies in den Aktienkursen eingepreist. Solange die Zinssätze über 2 Prozent liegen, können die Banken weiterhin attraktive Eigenkapitalrenditen erzielen, die weit über jeder konservativen Schätzung der Kapitalkosten liegen. Dennoch wird der größte Teil des Sektors immer noch mit einem Abschlag auf den Buchwert gehandelt, obwohl die Renditen auf das materielle Eigenkapital bei den meisten Aktien zwischen 12 Prozent und 20 Prozent liegen.

Der Energiesektor weist einige der gleichen Marktcharakteristika auf wie der Bankensektor: sehr niedrige Bewertungen verglichen zur Historie und hohe Cash-Renditen durch Dividenden und Rückkäufe. Wir glauben, dass dies zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass viele Anleger sich weigern, in diesen Sektor zu investieren – entweder weil ihr Mandat dies ausschließt oder weil sie es vergessen haben oder nicht wissen, wie man den Sektor – ähnlich dem Bankensektor – analysiert. Alles schlechte Ausreden. Wir haben in den letzten drei Jahren mehrfach die Ansicht geäußert, dass wir davon ausgehen, dass der Ölpreis in den nächsten zehn Jahren in einer höheren Preisspanne bleiben wird, da die weltweiten Kapitalinvestitionen in die Kohlenwasserstoffförderung deutlich zurückgehen und die Nachfrage immer noch steigt. Dies liegt daran, dass die Entwicklungsländer und die Länder, die nicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören, den gleichen Lebensstandard der Mittelklasse anstreben, den wir in der OECD genießen. Wir fügen hinzu, dass es aufgrund unzureichender Kapitalinvestitionen wahrscheinlich zu Engpässen und Preisineffizienzen im gesamten Energiespektrum kommen wird, was in einer ganzen Reihe von Bereichen wie Raffinerie, Handel, Flüssigerdgas (LNG), Marketing und Einzelhandel Gewinnchancen bietet. In der Tat könnte man sich keine schlechter durchdachte und miserabel umgesetzte öffentliche Energiepolitik ausdenken als die, die wir derzeit in Europa erleben, die den Energieunternehmen attraktive Gewinnchancen und attraktive Renditen auf das eingesetzte Kapital bietet. Es ist auch wichtig, daran zu erinnern, dass wir eine sehr große Rolle für europäische integrierte Energieunternehmen bei der Energiewende sehen und in der Tat glauben, dass die Energiewende ohne das technische Know-how und die finanzielle Schlagkraft europäischer Energieunternehmen nicht möglich sein wird. Europäische Unternehmen sind in Bereichen wie Solar- und Windenergie (On- und Offshore), grünem und blauem Wasserstoff, der Einführung von Ladevorrichtungen für Elektrofahrzeuge, Biokraftstoffen, nachhaltigem Flugbenzin, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung aktiv, und wir werden sie weiterhin in ihren Bemühungen um die Dekarbonisierung unserer Gesellschaften unterstützen.

Strategisches Engagement in Wachstumssektoren: Halbleiterindustrie und Technologieunternehmen im Aufschwung
Außerhalb der Bereiche Banken und Energie halten wir ein erhebliches Engagement in Marktsegmenten aufrecht, die von starken strukturellen Wachstumstreibern profitieren, in denen wir bestrebt sind, dass unsere Beteiligungen zu den weltweit besten ihrer Klasse gehören und in denen die Aktien attraktiv bewertet sind. Unserer Meinung nach ist der interessanteste Bereich dieser Art die Halbleiterindustrie und Technologieunternehmen mit hohem Investitionsbedarf, die unsere Beteiligungen an Infineon, STM, ASM International, BE Semiconductor und Atlas Copco umfassen. Der größte Treiber für Infineon und STM ist der Automobilsektor, in dem der Übergang zu Elektrofahrzeugen und die Zunahme der Sicherheit und des autonomen Fahrens den Halbleiteranteil pro Auto (um ein Vielfaches) dramatisch erhöhen wird, so dass die verstärkte Durchdringung dieser Technologien das säkulare Wachstum antreibt. Was uns an automobilen Halbleitern – über alle automobilen Anwendungen hinweg – besonders gefällt, ist die Tatsache, dass, sobald sie einmal in ein Fahrzeug eingebaut sind, typischerweise eine starke Nachfragebeständigkeit besteht, da die Automobilhersteller dazu neigen, Halbleiterkomponenten nicht auszutauschen, es sei denn, das Fahrzeug wird grundlegend umgestaltet. Darüber hinaus sehen wir ein sehr starkes Wachstum durch breitere Elektrifizierungstrends wie erneuerbare Energien und das explosive Wachstum des Energiebedarfs von Rechenzentren. Es ist kaum zu glauben, dass Infineon und STM angesichts ihrer starken Position in ihren jeweiligen Segmenten und der viel höheren Bewertungen der US-Konkurrenten sowie des starken strukturellen Wachstums zu Bewertungen gehandelt werden, die nahe an den Tiefstwerten des Jahrzehnts liegen. Unsere Halbleiter-Kapitaltitel ASM International und BE Semiconductor haben beide im Jahr 2023 einen außerordentlichen Kursanstieg erlebt und werden zu Multiplikatoren gehandelt, die näher am oberen Ende ihrer historischen Spanne liegen, was uns zu einigen Gewinnmitnahmen ermutigt hat. Dennoch sind wir nach wie vor von den sehr starken strukturellen Wachstumstreibern angezogen, die ein Schrumpfen von Halbleitern über die Lithografie hinaus erfordern.

Weitere Bereiche, in denen wir eine attraktive Kombination aus Bewertung, strukturellem Wachstum und angemessenen Renditen sehen, sind Branchen, von denen wir erwarten, dass sie durch die Dekarbonisierung und den Übergang zur Netto-Null einen starken Impuls erhalten. Zu den Aktien, die im Bereich der Elektrifizierung angesiedelt sind, wo bis 2050 eine 2-3-fache Steigerung der Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung erforderlich ist, gehören Prysmian, Schneider (und natürlich Infineon und STM). Zu den Aktien, die im Bereich der Gebäudehülle angesiedelt sind, wo strengere Standards für thermische Effizienz und Neubauten erforderlich sind, gehören Kingspan und Saint Gobain. Und zu den Aktien, die im Bereich des grünen und blauen Wasserstoffs angesiedelt sind, zählen Linde, Atlas Copco und natürlich unsere Energieaktien. Der Übergang zu einer Netto-Null wird einen gewaltigen Anstieg der Sachinvestitionen erfordern – weit mehr als die Politiker ihren Wählern erläutert haben – und dies wird ein starker Nachfragetreiber für viele unserer Portfoliounternehmen mit dem richtigen Engagement sein.

Neben den oben genannten Engagements, die von erkennbaren strukturellen Wachstumstreibern angetrieben werden, haben wir mehrere große Engagements mit starken idiosynkratischen Treibern. Zu diesen Aktien gehören Ryanair, Volvo Trucks, Novo Nordisk und Inditex. Der Hauptgrund für Ryanair ist die sehr starke Marktposition im innereuropäischen Kurzstreckenflugverkehr in Verbindung mit gut kontrollierten und etablierten Kosten und einem engen Zeitplan für die Auslieferung neuer Flugzeuge in einer Zeit, in der das Angebot in der Branche begrenzt ist und sich die Kundennachfrage nach Covid normalisiert. Die Aktie wird zu einer außergewöhnlich niedrigen Bewertung gehandelt und steht kurz davor, aufgrund steigender Flugpreise und sinkender Kapitalintensität einen hohen Cashflow zu erzielen. Das Unternehmen ist im Luftfahrtsektor auch führend bei der Ökologisierung, da es sehr niedrige Kohlenstoffemissionen pro Passagier-KM aufweist und eine klare Strategie für den Einsatz von nachhaltigem Flugkraftstoff verfolgt. Novo Nordisk ist aufgrund der explosionsartigen Nachfrage nach seinen innovativen Medikamenten zur Gewichtsreduzierung und den ausgezeichneten Ergebnissen aus klinischen Studien, die sich auf die Risiken von Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen konzentrieren, weiterhin auf dem Vormarsch. Wir glauben fest an das langfristige Potenzial dieser Medikamente zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit, aber der Weg dorthin wird nicht linear verlaufen, und die Bewertungen sind im historischen Vergleich hoch.

Großzügige Aktiengesellschaften

Nicht nur zu Weihnachten: Konzerne haben auch eine soziale Ader.

Christian Sec. Für Unternehmen ist soziales Engagement nicht auf den Advent beschränkt. Seit seiner Gründung 2016 hat etwa das „Social Banking“ der Erste Group fast 425 Millionen Euro in Form von Krediten in die soziale Entwicklung in der CEE-Region investiert. Dabei wird Menschen in finanzieller Not geholfen, sowie das Entrepreneurship durch Mikrofinanzierungen unterstützt. Heuer setzte das Institut einen Spendenschwerpunkt beim Thema Armutsvermeidung und dem Lindern von akuten Notlagen. Die größten Einzelengagements der Bank betreffen aktuell mit dem Ö3-Weihnachtswunder und der Aktion „Ein Funken Wärme“ dieses Thema. Für die beiden Aktionen spendete das Institut 150.000 Euro. Um das tägliche Leben zu erleichtern, unterstützt die Erste Bank auch die Tafel Österreich und ermöglicht damit 100.000 Mahlzeiten.

Essen und Umweltschutz
Die Bawag wiederum bietet ihren Mitarbeitern mehrmals im Jahr im Rahmen von sogenannten „Freiwilligentagen“, ihr Engagement in den Dienst der guten Sache zu stellen. So haben nach Angaben des Konzerns seit Anfang des Jahres mehr als 80 Bawag-Teams mit mehr als 400 Mitarbeitern gemeinsam unter Anleitung eines Kochs für den Samariter-Suppentopf mehr als 20.000 Portionen für Armutsbetroffene gekocht und in Sozialmärkten ausgeschenkt. Die Bank übernimmt dabei auch die Finanzierung der Zutaten. Im Rahmen der Freiwilligenarbeit können sich die Mitarbeiter auch im Kinderbüro der Universität Wien engagieren, wo Mitarbeiter ihr Finanz-Know-how im Rahmen von Workshops an Kinder weitergeben. Und: In Zusammenarbeit mit dem Verein „Oceanblue“ haben mehr als 350 Mitarbeiter in den vergangenen zwei Jahren bereits viermal rund um die Donauinsel die Ufer vom Müll gereinigt. „In Summe haben wir rund 820 Kilogramm Müll davor bewahrt, die Donau – und in weiterer Folge auch die Weltmeere – zu verschmutzen“, erklärt die Bawag dazu.

Gesundheit und Lernen
Beim Versicherer Uniqa liegt der Schwerpunkt des gesellschaftlichen Engagements auf Gesundheit und Bildung. Im Bereich Bildung beteiligt sich die Assekuranz unter anderem bereits seit mehreren Jahren an der Initiative „Kurier Aid Austria“, deren Lernhäuser sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche aus bildungsfernem Umfeld an selbstständiges und eigeninitiatives Lernen heranführen. Im Rahmen des Projektes „Sindbad“ unterstützen junge Mitarbeiter als persönliche Mentoren Schüler der Mittelschule beim Start in die Ausbildung oder Lehre. Im Bereich Gesundheit unterstützt die „Uniqa Privatstiftung“ mit dem Projekt „Soziale Geburt“ das St.-Josef-Krankenhaus in Wien, das sozial bedürftige Frauen durch Schwangerschaft und Geburt begleitet.

Schulen und Wohnungen
Beim Maschinenbauer Andritz werden die Charity-Aktivitäten von den lokalen Firmen nach deren Gesichtspunkten beschlossen. Eine Tochtergesellschaft in Brasilien hat sich auf die Unterstützung von Kindern in sozial schwachen Schulen konzentriert und unterstützt spezielle Sportmodule, Kulturveranstaltungen und Bibliotheken mit Lese- und Spielmöglichkeiten.

Eine weitere brasilianische Tochter spendet Kleidung, Spielzeug, Möbel usw. für bedürftige Kinder. In China beteiligt sich das Unternehmen an einem Programm, das Menschen mit Behinderung bei der Arbeitssuche unterstützt und Ausbildungsmöglichkeiten anbietet. Die Andritz AG in Österreich hat dieses Jahr wiederum überschüssige, gut erhaltene Büromöbel an eine Schule in Bosnien gespendet, mit dem Ziel, die Lernumgebung vor Ort zu verbessern und durch Wiederverwendung einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten.

Und der Baustoffhersteller Wienerberger verfolgt bereits seit einigen Jahren eine Partnerschaft mit „Habitat for Humanity“. Durch diese Zusammenarbeit hat die Wienerberger das Ziel, jedes Jahr 200 Wohneinheiten mit Wienerberger-Produkten für bedürftige Menschen in Europa und Nordamerika zu bauen.

Foto: AdobeStock / Margit Power

 

 

Wie Wahlen und Politik die Wirtschaft beeinflussen

Reine volkswirtschaftliche Prognosen ohne geopolitische Analyse sind 2024 nicht zielführend.

Michael Kordovsky. Bereits seit dem 24. Feber 2022 prägt ein geopolitischer Konflikt das Wirtschaftsgeschehen. Der Ukrainekrieg trug über explodierende Erdgaspreise und eine Verteuerung von Weizen und Düngemittel wesentlich zum Inflationsschock im vergangenen Jahr bei. Im Falle einer stärkeren Eskalation mit der Folge eines möglichen Erdgaslieferstopps Russlands in die EU könnte er für eine weitere Teuerungswelle und Energiekrise sorgen. Russland ist weiters Verbündeter des Irans, Chinas und Nordkoreas, das Medienberichten zufolge die Hamas indirekt über den Iran mit Waffen versorgen könnte.

Taiwan-Konflikt kann eine Rezession auslösen
Besonders gefährlich ist der China-Taiwan-Konflikt. China intensivierte heuer seine militärischen Machtdemonstrationen rund um die Insel und schickt laufend Kampfflugzeuge in die Luftverteidigungszone Taiwans. Die Drohkulisse findet auch anlässlich der für Jänner 2024 geplanten Präsidentenwahl in Taiwan statt. Der Präsidentschaftskandidat und Vorsitzender der regierenden Demokratischen Fortschrittspartei, Lai Ching-te, wird von Peking als Separatist betrachtet, der Taiwan für unabhängig von China erklären wolle. Lai, der seit 2020 das Amt des taiwanesischen Vizepräsidenten innehat, weist aber darauf hin, dass Taiwan bereits unabhängig ist. China signalisiert nun verstärkt die Entschlossenheit, notfalls Taiwan militärisch zu erobern.

Sollte dieses Szenario eintreten, könnte China den Westen sofort durch eine Sperre der Formosa-Straße, auch Taiwanstraße genannt, unter Druck setzen. Durch diese 180 Kilometer breite Meerenge zwischen der chinesischen Provinz Fujian im Westen und der Insel Taiwan im Osten fährt fast die Hälfte aller Containerschiffe. Eine Sperre dieser Meeresenge würde globale Lieferengpässe und Lieferkettenunterbrechungen zur Folge haben.

Kommt es infolge einer Besetzung Taiwans durch chinesische Truppen seitens der USA, der EU sowie Australiens/Neuseelands zu Wirtschaftssanktionen gegen China, könnte Peking die Ausfuhr an seltenen Erden in diese Länder stoppen, was dort die Halbeiterindustrie lahmlegen würde.

Zumal mit Taiwan ohnehin ein Machtfaktor in der Elektronik-Branche ins Spiel kommt, denn zwei Drittel der für Auftraggeber produzierten Chips stammen im Jahr 2022 von der Insel, wobei Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) einen Weltmarktanteil in der Auftragsfertigung von Halbleitern von 56 % innehat. Bei Halbleitern der neuesten Generation liegt der Anteil sogar bei 92 %. Ein Viertel des Umsatzes macht TSMC dabei nur mit Apple. Sollte China dessen Auslieferungen im Zuge einer Besetzung Taiwans kontrollieren und vorübergehend kappen, könnte alleine dieses Ereignis in der Lage sein, über die Lieferausfälle entlang der Wertschöpfungsketten eine weltweite Rezession auszulösen.

Risikofaktor: Die US-Wahlen im kommenden Jahr
Vom zweiten auf das dritte Quartal 2023 beschleunigte sich das US-BIP-Wachstum von 2,4 auf 3,0 %, da gegenüber dem Vorjahresquartal aber auch das Wachstum der Staatsausgaben von 4,1 auf 4,7 % wuchs. Doch die Republikaner dominieren das Repräsentantenhaus und Präsident Joe Biden kann nur über Kompromisse kostspieligere Projekte umsetzen. Sobald der Fiskalimpuls aus diesem Jahr im Verlauf des Jahres 2024 abklingt, wird es kritisch. Die Wahlen rücken näher und schlechtere Wirtschaftsdaten würden durchaus in die Hände der Republikaner spielen.

Bei den am 5. November 2024 anstehenden Wahlen zum Repräsentantenhaus und zu einem Teil des Senats haben die Republikaner gute Karten. Die finalen Präsidentschaftskandidaten stehen hingegen noch nicht fest. Während die Demokraten voraussichtlich mit Präsident Biden als Kandidaten auf das „Altbewährte“ setzen, würde bei den Republikanern ein Spitzenkandidat Donald Trump das Publikum zu sehr spalten.

Somit steigt die Chance, dass Nikki Haley, Präsidentschaftskandidatin der „Grand Old Party“ wird. Unterstützt wird die frühere Gouverneurin des Bundesstaates South Carolina vom US-Milliardär Charles Koch. Diese Kandidatin wäre für Industrie und Börse positiv. Wie ein Match Trump gegen Biden verlaufen kann, zeigte sich hingegen schon am 6. Jänner 2021 beim Sturm auf das Kapitol. Würde es Trump sogar erneut zum US-Präsidenten bringen, dann droht wieder ein größerer Handelskonflikt mit China.

Eine Verhinderung der Kandidatur Trumps könnte somit den Präsidentschaftswahlkampf und die Zeit danach viel berechenbarer machen. Trump als republikanischer Spitzenkandidat steht demgegenüber eher für unangenehme Ereignisse und eine erhöhte Gefahr von Marktturbulenzen.

Schlussfolgerung
Da es 2024 noch in zahlreichen anderen wichtigen Ländern wie Russland, Indien, Indonesien, Pakistan, Taiwan, Iran, Mexiko und Südafrika Wahlen gibt und derzeit noch ein eskalierender Nahost-Konflikt und der Ukraine-Krieg im Nachrichtenfokus stehen, kann davon ausgegangen werden, dass das Jahr 2024 ein Jahr der (geo-)-politischen Börsen mit (geo-)politischen Einflüssen auf die Weltwirtschaft wird.

Foto: Pixabay / Marcel Elia

Etwas Optimismus für 2024

Für Finanzdienstleister-Obmann Hannes Dolzer sind Silberstreifen erkennbar.

Red/ks. Es war ein äußerst herausforderndes Jahr, geprägt von weiterhin hoher Inflation, steigenden Zinsen, Stagflation der österreichischen Wirtschaft, sieben Anhebungen des Leitzinses innerhalb von acht Monaten und den damit einhergehenden enormen Auswirkungen auf Kreditbedingungen. Für den Obmann des Fachverbands Finanzdienstleister in der WKO Österreich, Hannes Dolzer (Foto), war 2023 im Rückblick ein herausforderndes Jahr, für 2024 lassen sich aber bereits Silberstreifen am Horizont erkennen.

Chance, in Aktien zu investieren
„Das zurückliegende Jahr war herausfordernd. Vor allem im Bereich der Neuvergabe von Immobilienkrediten. Aber so schlimm, als dass man sagen könnte, mein Gott, was für ein furchtbares Börsenjahr, war es auch nicht. Vielleicht bietet sich jetzt die Chance, in Aktien zu investieren und mit Sparplänen einzusteigen“, betont Dolzer.

Rückblick auf 2023
Das vergangene Jahr war laut dem Fachverbandsobmann von drei großen Herausforderungen geprägt. Da war der starke Rückgang bei neuen (Immobilien-)Krediten, bedingt durch KIM-Verordnung und – bedingt durch die starke Anhebung des Leitzinses – auch gestiegene Zinsen für Kreditnehmer. Beides führte dazu, dass kaum mehr Immobilienkredite bewilligt wurden.

Die Krise der Bauwirtschaft begleitete diese Entwicklung, weil zum einen die Preise für Baumaterialen exorbitant in die Höhe schnellten, aber auch Bauträger in diesem Konfliktfeld zum Teil keine Kredite mehr bekamen bzw. bekommen.

Und dann kam noch dazu, dass der Aktienmarkt von starken Schwankungen geprägt war, mit dem Ergebnis sehr bescheidener Erträge für Anleger. Auch das Wirtschaftswachstum in Österreich und in Europa ging stark zurück, die Gefahr einer Rezession ist noch nicht ausgestanden.

Ausblick für 2024
„Auch wenn die Talsohle noch nicht erreicht ist, für 2024 bin ich in vielerlei Hinsicht wirklich optimistisch. Es wird ein positives Jahr für Anleihen. Während sich der Aktienmarkt im ersten Halbjahr noch volatil zeigen wird, ist hier ab dem zweiten Halbjahr mit einer Stabilisierung zu rechnen“, so Dolzer. Die Anhebungswut des Leitzinses durch die EZB, um die Inflation im Euro-Raum in den Griff zu bekommen, hat im Herbst 2023 einen Stopp erfahren. Ab der zweiten Jahreshälfte 2024 ist laut dem Experten auch mit ersten Leitzinssenkungen der EZB zu rechnen.

Anleihen wieder lukrativ
Da mit einer weiteren Anhebung des Leitzinses und damit einhergehend höheren Zinsen aktuell nicht mehr zu rechnen ist, wirkt sich das günstig auf den Anleihenmarkt aus. Damit bietet sich die Chance, in Euro-Unternehmensanleihen mit guter Bonität zu investieren, sie locken derzeit mit hervorragenden Renditen.

Bei Unternehmensanleihen sind – im Vergleich zu Staatsanleihen – höhere Zinsen zu erwarten, was natürlich auch mit einem höheren Risiko verbunden ist. „Das lässt sich mit Fonds umschiffen. Außerdem gilt immer, nie alles auf eine Karte zu setzen und sich nicht von der Gier steuern zu lassen“, betont Dolzer. Staatsanleihen hingegen gelten als Anlageprodukte, mit denen „risikolose“ Zinsen zu erwarten sind. Allerdings gilt auch hier, derzeit nur bei kurzer Laufzeit. Vorsicht ist bei längeren Laufzeiten geboten, da sich die Zinsen über kurz oder lang wieder normalisieren werden. Grundsätzlich bieten Anleihen die Möglichkeit, das eigene Portfolio zu differenzieren und besser vor Schwankungen zu schützen.

Entwicklung im Immobiliensektor
Spannend wird es sicherlich auch in Bezug auf den Immobilienmarkt. Die Frage ist, wie es in der Baubranche weitergeht, wenn alle offenen Aufträge abgearbeitet sind, es aber – wenn sich die Finanzierungssituation für potenzielle „Häuselbauer“ nicht ändert – kaum mehr Neuaufträge gibt.

„Daher ist es wichtig, an der KIM-VO bestimmte Stellschrauben nachzujustieren – etwa die Randbereiche zu korrigieren“, ergänzt Dolzer.

„Für mich sind auch die Generationenkredite in diesem Zusammenhang noch nicht vom Tisch. Diese brächten vor allem für ältere Kreditnehmer mit Immobilienwunsch viele Vorteile, da sie für die Kreditnehmer tilgungsfrei sind und nur die Zinsen bedient werden müssen. Erst die Erbengeneration muss bei der Übernahme der Immobilie das Darlehen tilgen. Diese Kreditform wird in Österreich aber aufgrund ihrer Bedingungen noch viel zu selten genutzt. Dabei ist bei diesem Kredit, wenn er fix verzinst ist, die Belastung konstant. Vor allem wenn man sich im Vergleichszeitraum die Belastung durch regelmäßig steigende Mieten ansieht“, so Dolzer.

Foto: Fischer

 

 

Leerverkäufe in der Dauerkritik

Für Experten sind sie wichtig für einen funktionierenden Kapitalmarkt.

Roman Steinbauer. Zumeist sind sie verpönt, oft Zielscheibe aus der Politik, um von Unzulänglichkeiten abzulenken, und sie werden moralisch als zweifelhafte Marktakteure angesehen. Short Seller (Leerverkäufer) erscheinen pauschal in einem negativen Licht. Im wöchentlichen Titel-Report der Financial Times widmete sich Chefredakteurin Roula Khalaf zuletzt diesem Thema und stellte dieser Wahrnehmung Argumente entgegen.

Ein Image der „unbändigen Gier“
Vorab: Die Zielsetzung des Leerverkäufers scheint simpel. Die Spekulation steuert einen Gewinn an, sobald der Kurs eines Wertpapiers fällt. Hierfür werden Effekten verkauft, die sich noch nicht im eigenen Depotbestand befinden. Sie werden somit geliehen, um die Aktien oder Anleihen zu einem späteren Zeitpunkt zu einem geringeren Betrag zu kaufen und somit einen Ertrag durch die Differenz zu verbuchen.

Von diversen Hedgefonds wird diese Strategie seit Jahrzehnten angewandt, da in deren Statuten ein hoher Aktionsspielraum gegeben ist, um auf vielfältige Weise Gewinnchancen zu lukrieren. Der Reiz dieser Investmentprofis basiert auf der Erkenntnis: Abwärts gerichtete Börsenphasen vollziehen sich stets rascher als dies in Perioden anziehender Kurse der Fall ist.

Ein breites Publikum erreichte diese Börsendisziplin durch den Hollywood-Spielfilm mit dem Titel „The Big Short“. Der Filmstoff nährte die Ansicht, Leerverkäufer seien moralisch eine schädigende Spezies und „Krisengewinner“, während die Mehrheit der Anleger Verluste erleide.

Missverständnisse und Vorurteile
Ein kürzlich bis Juni 2024 auferlegtes Short-Selling-Verbot durch die südkoreanische Börsenaufsichtsbehörde FSS heizte das Thema erneut an. Ausgelöst durch zwei in Hong Kong beheimatete Investmentbanken, die ungedeckt südkoreanische Wertpapiere im Umfang von 56 Billionen Won (39,5 Milliarden Euro) leer verkauften. Laut der FSS wurde die Markt-Fairness beeinträchtigt, die Entwicklung der Börse und dessen Glaubwürdigkeit untergraben.

Die Financial Times sah sich nun veranlasst, dieser Ansicht zu entgegnen. Leerverkäufe zu verbieten, führe laut Khalaf vielmehr zu verfehlten freien Kursbildungen an den Märkten, dies sei „ineffektiv und schädlich“.

Die Handelsstrategie des Short Selling sei das Herzstück einer gesunden Marktfunktion. Sie schaffe eine erhöhte Liquidität und erleichtere eine Preisfindung. Leerverkäufer nähmen auch das Risiko hoher Verluste auf sich (sofern die Notizen nicht fallen) und hätten zumeist eine intensive Research-Arbeit zu vollbringen.

Zudem rüttle ein entstehender Preisdruck in vielen Fällen erst Marktteilnehmer zu oft irrational hohen Bewertungen wach. Schieflagen rückten am Beispiel von Akteuren wie Hedgefonds-Gründer Jim Chanos (er zweifelte frühzeitig die Geschäftsmodelle von Enron und Wirecard an) rascher und noch in aufstrebenden Börsenphasen in den Vordergrund.

Auch der Begründung, Leerverkäufe würden Verkaufswellen verschärfen, tritt Khalaf entgegen. Vielmehr würden dadurch Blasenbildungen durch einseitigen, ungebremsten Optimismus frühzeitig erkannt.

Short Seller förderten die Transparenz, die Erfassung und Bewertung der Risiken, den Informationsfluss und die Liquidität.

Die Financial Times beruft sich zudem auf Erkenntnisse der Federal Reserve Bank (Fed) wonach durch Verbote des Short Selling maximal eine Verzögerung etwaiger Kursrückgänge im selben Ausmaß eintrete. Durch eine geringere Liquidität würden sich höhere Handelskosten und Preisspannen bilden. Verbote von Leerverkäufen im März 2020 in sechs europäischen Staaten hätten darüber hinaus vor allem Nachteile an kleineren Börsenplätzen bei gering kapitalisierten Werten aufgezeigt.

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Brauchen wir den digitalen Euro wirklich?

Die Diskussion über Kosten und Nutzen nimmt Fahrt auf.

Andreas Dolezal. Am 28. Juni des heurigen Jahres hat die EU-Kommission den Rahmen für die digitale Form des Euro vorgelegt, den die Europäische Zentralbank als Ergänzung zu Bargeld ausgeben könnte. Gleichzeitig soll sichergestellt werden, dass EU-Bürger und Unternehmen weiterhin Zugang zu Euro-Banknoten und -Münzen haben. Bargeld und digitaler Euro sollen also parallel existieren. Kritiker monieren daher, dass der digitale Euro überflüssig ist. Es fehle schlicht-weg der Bedarf.

Warum ist die EZB für den digitalen Euro?
„Ein digitaler Euro wäre eine Neuerung, die das Leben erleichtert“, schreibt die EZB auf ihrer Internetseite. Er wäre ein allgemein akzeptiertes digitales Zahlungsmittel, das in Geschäften, online oder zwischen Privatpersonen verwendet werden kann. Mit zahlreichen elektronischen Zahlungssystemen und Bargeld im Portemonnaie bezahlen wir schon heute überall bar oder unbar. Worin die echte Neuerung besteht, die unseren Alltag erleichtert, bleibt offen.

Laut EZB könnte der digitale Euro dazu beitragen, die Abhängigkeit Europas von nichteuropäischen privaten Zahlungsdienstleistern zu verringern, und so deren marktbeherrschender Stellung entgegenzuwirken. Mit einem erfolgreichen digitalen Euro könne Europa eine globale Vorreiterrolle im digitalen Finanzwesen übernehmen.

Indirekt gibt die EZB also zu verstehen, dass sie in das bisher von privaten Banken und Zahlungsdienstleistern beherrschte Geschäftsfeld vordringen will. Um diesen das Geschäft nicht gänzlich zu entreißen, ist eine Obergrenze von 3.000 digitalen Euro pro Person geplant. Auch der Konkurrenz durch Krypto-Assets wie Bitcoin möchte die Zentralbank augenscheinlich etwas entgegensetzen.

Wer trägt die Kosten für den digitalen Euro?
Die grundlegende Nutzung wird kostenlos sein. Banken sollen bei der Bereitstellung des digitalen Euro als zentrale Anlaufstelle für Privatpersonen, Handel und Unternehmen dienen und sämtliche Dienstleistungen für die Nutzer erbringen. Zwar sieht die EZB vor, dass das Eurosystem die Kosten für die Einrichtung eines Systems und der Infrastruktur tragen soll, Banken gehen trotzdem davon aus, dass hohe Kosten auf sie zukommen.

Die Begeisterung der Händler ist ebenfalls gedämpft. Sie wären verpflichtet, den digitalen Euro als Zahlungsmittel anzunehmen, und fürchten die Kosten für die dazu notwendige Infrastruktur. Ausgenommen wären nur sehr kleine Händler, für die die anfallenden Investitionen unverhältnismäßig wären. Diese verständliche Ausnahme konterkariert aber das Ziel der EZB, den digitalen Euro zum allgemein akzeptierten Zahlungsmittel zu machen.

Worin liegt der Unterschied zu Krypto-Assets?
Im Gegensatz zu Krypto-Assets wie Bitcoin wäre der digitale Euro Zentralbankgeld. Zitat EZB: „Daher wäre er risikofrei.“ Und weiter: „Überdies würden Privatsphäre und Datenschutz gewahrt, denn private Emittenten (Anm.: von Krypto-Assets) können personenbezogene Daten auch für kommerzielle Zwecke nutzen.“

Die Befürchtung vieler Kritiker und Datenschützer, dass mit dem digitalen Euro auch die digitale Überwachung sämtlicher Zahlungsströme kommt, räumt die Zentralbank damit nicht aus.

Wann kommt der digitale Euro?
Ob ein digitaler Euro tatsächlich kommt und ausgegeben wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Die Vorbereitungsphase hat im November 2023 begonnen, der Rechtsrahmen muss auf europäischer Ebene erst final verabschiedet werden. Geht es nach der EZB, kann man in fünf Jahren mit dem digitalen Euro bezahlen.

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„An der Zeit, sich mit dieser Asset-Klasse anzufreunden“

Assetmanagerin Birgitte Olsen im Interview über das Comeback von Small and Mid Caps aus Wachstumsbranchen.

Börsen-Kurier: Warum haben sich Small and Mid Caps (SMC) in den vergangenen Jahren schwächer entwickelt als Large Caps?
Birgitte Olsen: Die Post-Covid Erholung war für europäische Nebenwerte retrospektiv von kurzer Dauer. Die Bilanz der vergangenen zwei Jahre sieht düster aus: SMC notieren insgesamt 12 % tiefer, während der STOXX 50 rund +17 % an Wert zulegen konnte. Der Krieg in der Ukraine, die Angst um eine Energiekrise, der Kollaps drei mittelgroßer US-Banken, die steigenden Zinsen und hohe Inflation haben in den Aktienmärkten uneinheitliche Spuren hinterlassen. Nebenwerte wurden stark verkauft, so sehr, dass die Bewertungen aktuell auf historisch tiefen Niveaus angelangt sind. In Krisenzeiten, sogenannten „Risk-Off“-Phasen, leiden SMC wegen ihrer geringeren Marktliquidität und ihrem schwierigeren Zugang zu Kapital überdurchschnittlich. Das Derating der letzten zwei Jahre ist jedoch so stark gewesen, dass SMC heute sogar mit einem Abschlag zu Large Caps handeln. Dies ist das letzte Mal während der großen Finanzkrise Ende 2008 geschehen.

Börsen-Kurier: Was spricht dafür, dass es nun zu einer Trendumkehr kommt und SMC gegenüber Large Caps wieder Boden gutmachen werden?
Olsen: Die Abschwächung der Makrodaten und die sich deutlicher abzeichnenden disinflationären Tendenzen untermauern die Erwartung, dass FED und EZB ihren Zinserhöhungszyklus nun abgeschlossen haben. Eine Stabilisierung der Zinssätze ist die notwendige Grundlage für eine Outperformance von Nebenwerten und eine Umkehr der Risk-Off-Phase. Genau das haben wir seit Ende Oktober beobachten können, was zu einer klaren Outperformance von europäischen Nebenwerten (+11,5 %) im Vergleich zum STOXX 50 (+4,3 %) geführt hat. Auch die Stabilisierung in China und das absehbare Ende des Lagerabbau-Zyklus sind unterstützende Faktoren für die erwartete Trendumkehr bei SMC.

Börsen-Kurier: Wie abhängig sind SMC vom Zins- und Inflationsumfeld? Sind sie in Bezug auf die Weitergabe hoher Kosten gegenüber Large Caps im Nachteil?
Olsen: Ob SMC oder Large Caps, die richtige Unternehmensauswahl ist entscheidend. Unser Entrepreneur Investment-Ansatz fokussiert auf qualitativ hochstehende Unternehmen. Diese verzeichnen hohe Margen, eine starke Innovation und überdurchschnittliche Preissetzungsmacht. Auch steht die Cashflow-Generierung im Vordergrund und die Bilanzen sind aufgrund ihrer tiefen Schuldenquote äußerst solide. Das macht diese Unternehmen allesamt weniger abhängig von der Zins- und Inflations-Großwetterlage. In unserem Portfolio ist die Nettoverschuldung im Schnitt gemessen am operativen Gewinn bei 0,6x, was deutlich tiefer als der Durchschnitt von 1,2x bis 1,5x ist. In Zeiten von steigenden Zinsen ist eine tiefe Verschuldung elementar: Niedrigere Kapitalkosten, höhere Cashflows und geringere Refinanzierungsbedürfnisse sind wieder echte Wettbewerbsvorteile.

Börsen-Kurier: Von welchem konjunkturellen Szenario für Europa gehen Sie im Jahr 2024 aus und wo sehen Sie die Risiken?
Olsen: Unser Grundszenario geht von einem Soft Landing in den USA und einer graduellen Verbesserung des Wirtschaftswachstums in Europa in der zweiten Jahreshälfte aus. Jedoch gibt es drei potenzielle Risiken, nämlich eine US-Rezession, geopolitische Disruptionen und ein Comeback der Inflation. Insgesamt darf man aber nicht vergessen, dass europäische Aktien, und SMC im Besonderen, sehr günstig bewertet sind und eine Rezession weitestgehend schon eingepreist ist. In unseren Augen ist eine Menge Pessimismus in den Kursen drin und es ist für Anleger wieder an der Zeit, sich mit dieser Asset-Klasse anzufreunden.

Börsen-Kurier: Auf welche Branchen legen Sie aktuell Ihren Fokus?
Olsen: Unser Fokus liegt auf strukturellen Wachstumsthemen, die uns in das nächste Jahrzehnt begleiten werden. Zu diesen Schlüsselthemen gehören Near- und Reshoring, Digitalisierung, Elektrifizierung sowie die Energiewende, um nur einige zu nennen. Wir bewegen uns auf eine Phase zu, in der höhere Investitionen in die Infrastruktur getätigt werden, von denen viele SMC erheblich profitieren werden. Beispiele aus unserem Portfolio sind etwa BESI, Wärtsilä, Subsea7 oder CAF.

Foto: Bellevue

 

 

Aktienausblick 2024: Die Möglichkeiten für Alpha steigen

Eine Einschätzung von Phil Haworth, Head of Equities bei Aegon Asset Management.

(05.12.) Bei den globalen Aktien gab es im Jahr 2023 zwei herausragende Themen: die Outperformance der so genannten „glorreichen Sieben“ der US-Mega-Cap-Technologiewerte (ohne die die US-Indizes unterdurchschnittlich abgeschnitten hätten) und der japanische Aktienmarkt. Es gab auch zwei Länder, die eine unterdurchschnittliche Wertentwicklung aufwiesen – China und Großbritannien. Werden sich diese Trends im Jahr 2024 fortsetzen.

Die Chancen scheinen für eine anhaltende Vormachtstellung der Mega-Caps scheinen schlecht zu stehen. Mit einem Anteil von 29 % an der Marktkapitalisierung des S&P500 übertrafen sie den 40-Jahres-Höchststand aus der Zeit vor dem Börsencrash um ganze 5 Prozentpunkte. Nur wenige hatten damit gerechnet, dass diese Aktien in einem Jahr steigender langfristiger Realrenditen und eines überraschend robusten BIP-Wachstums ihre billigeren, kleineren und zyklischeren Pendants übertreffen würden. Wir glauben, dass die „glorreichen Sieben“ weiterhin gut abschneiden werden, vor allem diejenigen wie Nvidia und Microsoft, die die Entwicklung der KI vorantreiben, aber wir sollten in 2024 eine größere Bandbreite des Marktes erwarten.

Auf makroökonomischer Ebene befindet sich die Arbeitslosenquote in der Nähe historischer Tiefststände und wir erwarten, dass sie sich zu normalisieren beginnt, d. h. ansteigt. Die Verbraucher spüren den Druck der hohen Inflation, und ihre Geldbörsen werden nicht mehr durch staatliche Zuwendungen aus der Pandemiezeit gestützt, so dass wir schwächere Konsumzahlen aus den USA sehen werden. In diesem Umfeld könnte die Fed gezwungen sein, die Zinsen zu senken, was sich positiv auf kleine und mittlere Unternehmen auswirken dürfte, die im Vergleich zur Bewertung des Gesamtmarktes bereits sehr günstig erscheinen. Kurzum: Die Möglichkeiten für Alpha steigen.

Die Geschichte spricht auch dagegen, dass Japan seine Führungsrolle beibehält. Jahrzehntelang war dies ein Markt “zum Mieten, nicht zum Kaufen”, aber ist es dieses Mal anders? Japan könnte noch einige Quartale lang besser abschneiden: Das makroökonomische Umfeld ist günstig, da die Zinsen niedrig sind (10-jährige Staatsanleihen rentieren unter 1 %); die Inflation ist nicht so besorgniserregend wie in anderen G7-Ländern; die jüngste Abschwächung der Währung sorgt dafür, dass die Offshore-Gewinne in Yen noch größer sind. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 14 bedeutet, dass der Markt nicht teuer ist und deutet darauf hin, dass kaum Unternehmensumstrukturierungen eingepreist sind. Die Umstrukturierung der Unternehmen findet jedoch statt. Die Unternehmen kaufen Aktien zurück, erhöhen die Dividende und schließen Geschäftsbereiche. Wenn sie dies nicht tun, übt die Tokioter Börse Druck aus, und, was noch wichtiger ist, aktivistische Aktionäre werden immer ermutigender.

Was die Nachzügler des Jahres 2023 betrifft, so ist die schwache Performance Chinas im Nachhinein leicht zu erklären. Zu einer enttäuschenden Wiederaufhebung des Lockdowns kamen geopolitische Bedenken hinzu. Auch die Verschuldungssorgen bei lokalen staatlichen Finanzierungsgesellschaften (LGFVs) und auf dem Immobilienmarkt (Chinas historischer Wachstumsmotor) halten an. Die bisherigen Lockerungsmaßnahmen tragen nicht dazu bei, das Vertrauen der Verbraucher und des privaten Sektors im Allgemeinen zu stärken. Ohne eine Lösung für die Immobilienproblematik, eine direktere Förderung des Konsums und eine Erhöhung der Steuerausgaben wird die chinesische Konjunkturbelebung im Jahr 2024 wahrscheinlich allmählich und holprig bleiben. Ein solcher Moment à la Draghi könnte einen unterbewerteten Markt, der zu Tiefstpreisen gehandelt wird, kräftig aufmischen, aber solange dies nicht der Fall ist, könnten die strukturelleren Geschichten Asiens (Indien, Indonesien, Korea und Singapur) weiterhin attraktiv sein.

Unabhängig davon, auf welchem Markt die Unternehmen tätig sind, wird das Umfeld im Jahr 2024 wahrscheinlich eine Reihe von Herausforderungen mit sich bringen, die sich von denen der jüngsten Vergangenheit unterscheiden. Die größte Herausforderung ist die Bewältigung des Preisverfalls, in einigen Fällen sogar der Deflation, vor einem Nachfragehintergrund, der die verzögerten Auswirkungen der geldpolitischen Straffung spüren wird. Ein Gewinnwachstum wird nur schwer zu erzielen sein und dürfte die globale Konsensprognose von +10 % sicherlich enttäuschen. Dies deutet darauf hin, dass eine Aktienauswahl, die sich auf Qualität, Bilanzstärke und Rentabilität konzentriert, im Jahr 2024 die beste Strategie sein könnte.

Fundamentale Wiener Schnäppchen

Welche Aktien nach massiven Kursverlusten jetzt interessant sind.

Michael Kordovsky. Nicht alle Unternehmen, deren Aktien massive Kursverluste hinnehmen mussten, haben wirtschaftliche Probleme. Oft führen mangelndes Interesse von Marktteilnehmern bzw. die fehlende Bereitschaft von Anlegern, sich genauer zu informieren, zu ungerechtfertigten Vorurteilen. Doch ein zweiter Blick spricht oft eine ganz andere Sprache.

Im Falle der RBI, die noch immer eine Lösung für das Russland-Geschäft sucht, würde in den ersten neun Monaten 2023 das Ergebnis nach Steuern ohne Russland und Belarus gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 29 % auf 1.186 Millionen Euro steigen (verglichen mit 2.274 Millionen Euro beim Ergebnis aus fortgeführten Geschäftsbereichen). Die harte Kernkapitalquote würde ohne Russland noch immer bei 14,4 % liegen. Das Institut kann gut von den Geschäften außerhalb Russlands leben. Im Ausblick auf das Gesamtjahr 2023 würde ohne Russland und Belarus der Zinsüberschuss anstatt bei 5,6 bis 5,7 noch immer bei 4,2 bis 4,3 Milliarden Euro liegen, und wirft man einen Blick auf den Analystenschätzungskonsens unter finanzen.at, dann würde das Ergebnis pro Aktie bis 2025 nur auf 4,75 Euro sinken, woraus bei einem Kurs von 15,17 Euro ein KGV von 3,2 resultieren würde.

Selbst eine Qualitätsaktie wie die Bawag, die von der Ukraine und Russland nicht direkt betroffen ist, ist auffallend günstig. Der vom Institut angepeilte Gewinn pro Aktie sollte 2023 bei mindestens 8,20 Euro liegen, woraus bei einem Kurs von 47,66 Euro ein KGV von max. 5,8 resultieren würde.

Niedergeprügelte Industriewerte
Die AT&S-Aktie liegt im laufenden Jahr rund 25 % im Minus. Das aktuelle konjunkturelle Umfeld belastet und führte im ersten Halbjahr 2023/24 (endete am 30.9.) dazu, dass bei einem Umsatzrückgang um 23,9 % das Betriebsergebnis um 55 % einbrach. Doch das Unternehmen steuert mit Kostenoptimierungs- und Effizienzprogrammen entgegen. Gleichzeitig laufen die Erweiterung von Produktionskapazitäten in Kulim (Malaysia) und der Ausbau des Standorts Leoben. Für das Geschäftsjahr 2026/27 rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von rund 3,5 Milliarden Euro (2022/23: 1,79 Milliarden Euro) und einer Ebitda-Marge von 27 bis 32 % (2022/23: 23,3 %). Laut Analystenschätzungskonsens von MarketScreener sollte von 2023/24 bis 2025/26 der Gewinn pro Aktie von 1,40 auf 7,90 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 24,04 Euro ein für 2025/26 erwartetes KGV von 3,04 resultiert.

Semperit hat binnen drei Monaten rund 31 % an Wert verloren. Zwar ging das Betriebsergebnis in den ersten neun Monaten 2023 um 36,3 % auf 30,9 Millionen Euro zurück, doch die begonnenen Einsparungen entfalten gerade ihre Wirkung. Blickt man auf den Analystenkonsens von MarketScreener, dann sollte nach dem Übergangsjahr 2023 ab 2024 ein Gewinnschub einsetzen und das für 2025 erwartete KGV läge bereits bei 4,9, während das aktuelle Kurs/Buchwert-Verhältnis in etwa 0,7 beträgt.

Zu den „geprügelten“ Werten zählt auch der Beleuchtungsspezialist Zumtobel, der in der Lage war, in den Geschäftsjahren 2018/19 bis 2022/23 den Cashflow aus dem operativen Ergebnis von 56,8 auf 140,2 Millionen Euro zu steigern und somit auch die Eigenkapitalquote von 28,5 auf 42,1 % zu verbessern. Im ersten Quartal 2023/24 sind Rückgänge im Komponentengeschäft infolge voller Kundenlager eine Herausforderung, doch Zumtobel hat die Kosten im Griff. Analysten rechnen damit, dass sich die Gewinne in den kommenden Jahren auf etwas niedrigerem Niveau einpendeln werden. Zukünftige KGVs von rund 6 erscheinen denkbar.

Foto: AdobeStock / Tupungato

 

 

Gewinnwachstum als entscheidender Faktor

Was hält das neue Jahr für Aktien bereit? Ein Gastkommentar von Investmentexpertin Ritu Vohora von T. Rowe Price.

Red. Die globalen Märkte erholten sich Mitte November, als die abkühlenden Inflationsdaten aus den USA und Großbritannien die Hoffnung der Anleger stärkten, dass die großen Zentralbanken nun mit der Erhöhung der Zinsen fertig sind. Wird jetzt die Weihnachts-Rallye kommen? Und was hält das neue Jahr für die Aktien bereit?

Die veröffentlichten US-Verbraucherpreisindexdaten haben sowohl beim Gesamt- als auch beim Kernverbraucherpreisindex nach unten überrascht. Der Gesamt-VPI lag bei 3,2 %, gegenüber 3,7 % im September, und unter den Prognosen von 3,3 %. Dies führte zu einem drastischen Rückgang der US-Staatsanleiherenditen über die gesamte Kurve hinweg und zu einer Rallye in den meisten Anlageklassen. Es war ein großes Ereignis für die Aktienbullen. Die Zahlen bestätigten die Ansicht des Marktes, dass die Fed ihren Zinserhöhungszyklus abgeschlossen hat.

Die Anleger debattieren nun, ob 2024 das Jahr der Zinssenkungen sein wird – bis Juli nächsten Jahres werden zwei Senkungen eingepreist. Und das, obwohl die Fed-Vertreter bekräftigt haben, dass sie die Zinssätze wahrscheinlich noch eine Weile hoch halten werden, um die Inflation nachhaltig zu senken. Auch wenn der Zeitpunkt und das Ausmaß etwaiger Zinssenkungen noch ungewiss sind, befinden wir uns in einem neuen Regime höherer und längerer Zinsen. Dies bedeutet, dass der Wettbewerb um Kapital zunimmt und die realen Renditen der Portfolios wahrscheinlich niedriger sein werden als im vergangenen Jahrzehnt.

Wir gehen davon aus, dass sich das Gewinnwachstum über alle Sektoren und Regionen hinweg verbreitern wird – mit einer Welle bahnbrechender Innovationen in wichtigen Sektoren und einem verbesserten strukturellen Ausblick für Rohstoffe, die die Chancen für globale Aktien im Jahr 2024 erweitern.

Ein Wendepunkt: Generative KI
Die massive Outperformance der „Magnificent 7“, der Mega-Cap-Technologiewerte, die durch generative KI-Perspektiven angetrieben wird, ist ein bestimmendes Merkmal des Aktienmarktes im Jahr 2023 und hat die extremste Konzentration der Renditen seit den 1960er Jahren bewirkt. Auch wenn die Bewertungen in dieser kleinen Gruppe hoch erscheinen, könnten sie durch die hohe Eigenkapitalrendite dieser Unternehmen (33 % gegenüber 18 % für den S&P 500) einiger-maßen gerechtfertigt sein.

Mit Blick auf das Jahr 2024 wird das Gewinnwachstum ein entscheidender Faktor sein, der über Gewinner und Verlierer entscheidet. Wir glauben, dass viele Unternehmen von KI-Anwendungen im Technologiebereich, in breiteren Sektoren und komplexen Unternehmen mit der Fähigkeit zur Produktivitätssteigerung profitieren werden. Zu den Chancen gehören diejenigen, die das Chip-Ökosystem unterstützen, sowie eine Reihe von Software-, Halbleiter-, Internet- und Rechenzentrumsaktien. Die Gewinner werden wahrscheinlich diejenigen Unternehmen sein, welch die Kern-Technologie entwickeln, um die nächste Innovationsrunde zu ermöglichen, und die einen überzeugenden Weg zur Monetarisierung haben.

Abgesehen von den vorherrschenden Technologiewerten werden die weiteren 493 S&P-Werte mit dem 15,6-fachen der zukünftigen Gewinne gehandelt. Dies entspricht sowohl auf historischer Basis als auch im Verhältnis zu den Zinssätzen dem fairen Wert.

Innovation im Gesundheitswesen
Die Gesundheitsfürsorge wird ein wichtiger Bereich sein, in dem sich Chancen bieten – von therapeutischen Innovationen in der Bioverarbeitung bis hin zur Verwendung revolutionärer GLP-1-Diabetes-Medikamente zur Behandlung von Fettleibigkeit. Die Entwicklung hat das Potenzial, die Ökonomie des Gesundheitswesens zu verändern, indem sie zu einer Verringerung von kardiovaskulären Ereignissen, Schlafapnoe und sogar der Alzheimer-Krankheit führen kann. Wir untersuchen auch die nachgelagerten Auswirkungen, die dies auf den Endwert des Lebensmittel- und Getränkesektors haben könnte, wenn die Menschen ihre Essgewohnheiten dauerhaft ändern.

Energie: steigende Kostenkurven und Investitionsausgaben
Rohstoffzyklen dauern in der Regel zehn bis 15 Jahre und werden von langen Produktivitätswellen angetrieben, die die Preise treiben. Wir befinden uns seit 2011 in einem Bärenmarkt. Möglicherweise stehen wir jetzt aber an der Schwelle zum Wandel. Die Energieproduktivität ist gegen Ende 2022 gesunken und kehrt nun um. Dies führt zu steigenden Kostenkurven, da die Erzeuger höhere Anreizpreise benötigen, um neue Projekte in Angriff zu nehmen und das Angebot auszuweiten. Dies wird wahrscheinlich zu strukturell höheren Energiepreisen führen.

Da die Welt die Dekarbonisierung vorantreibt, wird der Bedarf an umweltfreundlicher Infrastruktur wahrscheinlich die Nachfrage nach Metallen und Materialien erhöhen und einen neuen Investitionsboom auslösen. Für die Schwellenländer als Lieferanten der Welt könnte dies ein starker Rückenwind sein. Die Auswirkungen der geopolitischen Volatilität auf die Energiesicherheit dürften ebenfalls zu strukturell höheren Öl- und Gaspreisen führen.

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Teuerungsausgleich mit den richtigen Produkten

Von steigenden Energie- und Rohstoffpreisen profitieren.

Michael Kordovsky. Steigende Öl- und Rohstoffpreise sind im Falle nachhaltiger Anstiege die Vorhut höherer Inflationsraten. Wer mit Zertifikaten bereits in konjunkturell schwächeren Phasen, in denen die Nachfrage nach Rohstoffen noch niedrig ist, auf die richtigen Rohstoffe setzt, kann bereits frühzeitig zukünftig höhere Lebenshaltungskosten teilweise durch Kursgewinne kompensieren.

Auf steigende Ölpreise setzen
Steigende Energiepreise korrelieren mit Ölpreisanstiegen, die als ein wesentlicher Teuerungsfaktor gelten. Eins zu eins an der Preisentwicklung der Ölsorte Brent partizipieren können Anleger beispielsweise mit dem Endlos-Indexzertifikat auf den „Brent Crude Oil Future (BRN) – IPE/202401“ mit der ISIN DE000TB7DNU5. Emittent ist HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Etwas riskanter aber bei richtiger Kursrichtung auch lukrativer sind Knock-Out Zertifikate, deren Knock-Out-Schwelle möglichst weit vom aktuellen Preis des Basiswertes entfernt sein sollte. Wählt man beispielsweise den vom genannten Anbieter emittierten Open-End-Turbo-Optionsschein auf den „Brent Crude Oil Future (BRN) – IPE/202401“ mit der ISIN DE000HG0DS85, so liegt bei einem Hebel von knapp 2,5 deren Abstand zum Knock-Out 40,55 % entfernt (erst bei einem Einbruch des Ölpreises auf 32,533 USD).

Wenn die Konjunktur anspringt
Das klassische Konjunkturmetall ist Kupfer, dessen Preis im Einklang mit dem Konjunkturzyklus schwankt. Doch in der grünen Wirtschaft mit E-Autos und Windparks steigt der Kupferbedarf noch zusätzlich, weshalb Experten für die kommenden Jahre von einem permanenten Angebotsdefizit ausgehen.

In Ruhe an der Preisentwicklung in gleichem Ausmaß partizipieren können Anleger bei-spielsweise mit dem von der Société Générale emittierten Open-End-Rohstoff-Zertifikat auf den „Copper Future (HB) – CXE/202403“ mit der ISIN DE000SH755F0.

Nickel gilt als wichtiges Batteriemetall und sollte zukünftig eben-falls an Bedeutung gewinnen. Deshalb sollte hier ein Blick auf den „RICI Enhanced-(SM)-Nickel-(TR) ETC“ mit der ISIN DE000PB8R1N4 geworfen werden, der von BNP Paribas rolloptimiert und besichert angeboten wird. Eine anspringende Konjunktur ist auch positiv für Zink. Hinzukommt ein Sonderfaktor im Haupt-Produktionsland China, wo die Zink-Produktion aufgrund der Probleme im Immobiliensektor seit März deutlich zurückgenommen wurde.

Als Investment in Frage kommt hier beispielsweise das nicht gehebelte, von der Deutschen Bank emittierte Open-End-X-pert-Zertifikat auf den „Zinc Future (Composite) (ZS) – LCO/20231220“ mit der ISIN: DE000DB5ZNC8.

Aber es besteht auch die Möglichkeit, auf ein Portfolio bestehend aus mehreren Metallen zu setzen. Beispielsweise im „RICI Enhanced(SM) Industrial Metal Total Return Index“ sind Aluminium, Kupfer, Blei, Nickel, Zinn und Zink enthalten, und mit dem von BNP Paribas emittierten ETC mit der ISIN DE000PB8REM3 kann besichert, währungsgesichert und rolloptimiert an diesem Index partizipiert werden.

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Niedrigere Zinserwartungen begünstigen „Weihnachtsrallye“

Lewis Grant, Senior Portfolio Manager for Global Equities bei Federated Hermes Limited.

(24.11.) „Zu Beginn des Dezembers sind die Anleger positiver gestimmt als in weiten Teilen des Jahres 2023. Unser firmeneigener Risikoaversions-Indikator hat eine deutliche Wende hin zu einer risikofreudigeren Stimmung vollzogen, was in erster Linie auf die geringere Wahrscheinlichkeit weiterer Zinserhöhungen zurückzuführen ist. Die Zentralbanker versuchen weiterhin, die Botschaft „Higher for Longer“ zu vermitteln, aber die Märkte hören nicht darauf: Der einzige Weg ist der nach unten. Die Aktienanleger sind bereit für die Weihnachtszeit, und die niedrigeren Zinserwartungen werden ein wichtiger Katalysator sein, um die „Weihnachtsrallye“ bis Weihnachten fortzusetzen. Schwache makroökonomische Daten werden die Aktienindizes weiter anheizen. Mit den Rechnungen – und dem möglichen Kater – können wir uns im neuen Jahr beschäftigen.

Unsicherheiten auf dem Ölmarkt
Dringlicher ist möglicherweise die Volatilität auf dem Ölmarkt. Unstimmigkeiten zwischen den OPEC+-Ländern haben zu einer Verschiebung des Treffens geführt, das nun mit dem Beginn der COP28 zusammenfällt. Niedrigere Energiepreise werden zwar allgemein begrüßt, aber Unsicherheit ist nie gern gesehen. Zu einer Zeit, in der die Welt zusammenkommt, um über den Klimawandel zu diskutieren, könnte das Öl aus den falschen Gründen im Mittelpunkt stehen.“

Security und Cybersecurity boomen

(Internet-)Sicherheit boomt – wenige Spezialprodukte decken das Thema ab.

Michael Kordovsky. Mit zunehmenden geopolitischen und sozialen Spannungen wächst der Bedarf an der Bewachung von Gebäuden und öffentlichen Einrichtungen wie auch an Flughäfen. Inklusive des militärischen Bereichs wird laut Grand View Research der globale „Sicherheitsmarkt“ von 2023 bis 2030 um 8,0 % p.a. (CAGR) wachsen.

Doch es gibt einen eigenen Spezialbereich der Sicherheitsbranche, der darüber hinaus boomt und mit der zunehmenden Digitalisierung immer mehr an Bedeutung gewinnt: die Cybersecurity. Großunternehmen, Banken, öffentliche Institutionen aber auch Einzelpersonen geraten immer mehr ins Visier von Cyberkriminellen. Zu deren Angriffsmittel zählen u.a. schädliche Software, Phishing-Mails und DDoS-Attacken von koordinierten, kompromittierten Geräten. Weltweit werden die Kosten der Cyberkriminalität von 2021 bis 2027 von umgerechnet 5,5 auf 21,9 Billionen Euro steigen (Quelle: Statista). Somit sollte auch der Weltmarkt für Cybersicherheit laut den Researchern von Spherical Insights von 2022 bis 2030 (CAGR) um 11,6 % p.a. wachsen. Cloud Security und der KMU-Bereich sollen dabei besonders stark zulegen.

Security-Investmentfonds

Per 22. November 2023 auf zehn Jahre mit bereits 138 %, auf fünf Jahre mit 43 % und im laufenden Jahr mit 9 % im Plus liegt der „Pictet-Security P“ (ISIN: LU0270904781). Der Fonds investiert in Anbieter von Sicherheitstechnik für Systeme, Personen und Unternehmen. Sicherheitsdienstleistungen sind mit rund 40 % gewichtet, IT-Sicherheit mit 36 % und physische Sicherheit mit 23 %. Top-Positionen sind Equinix (Rechenzentren), Palo Alto Networks (Cloud-Sicherheit, Endpunktsicherheit, Firewalls der nächsten Generation), der Maschinendaten-Spezialist Splunk, aber auch Johnson Controls (Zutrittskontrolle, Einbruchsmeldung, Videoüberwachung) und Steris (Sterilisation, Desinfektion und Dekontamination).

Interessant erscheint auch der „CS(Lux)Security Equity Fund“ (LU0909471251), der auf USD-Basis auf fünf Jahre gesehen per 21. November 2023 knapp 63 % im Plus liegt; auf zehn Jahre sind es sogar 150 %. Die Euro-Tranche mit der ISIN LU2042518436 überzeugt im laufenden Jahr mit knapp 13 % plus. Per Ende Oktober 2023 waren die Bereiche IT-Sicherheit und Umweltsicherheit mit je 27 bzw. 20 % im stärksten gewichtet, gefolgt von Verbrechensvorsorge und Gesundheitsvorsorge mit je 18 % und Transportsicherheit. Zu den Top-Positionen zählen der Spezialist für analytikbasierte Software für Betrugserkennung, Fair Isaac, das Datenanalyse-Unternehmen Verisk Analytics, Steris und der Laborausstatter Thermo Fisher Scientific.

Ausgewählte Cybersicherheits-ETF

Momentumsstark ist der „First Trust Nasdaq Cybersecurity UCITS ETF“ mit der ISIN IE00BF16M727, der im laufenden Jahr auf USD-Basis per 22. November 25 % im Plus liegt. Dieser bildet den 33 Cybersecurity-Aktien enthaltenden „Nasdaq CTA Cybersecurity Index“ ab, der per 29. September auf Zehn-Jahres-Sicht 12,9 % p.a. im Plus liegt. Die fünf Top-Positionen des Index sind die indische Infosys Ltd und IT-Klassiker wie Fortinet, Cisco und Broadcom, aber auch Palo Alto Networks.

Wer eine breitere Diversifikation bevorzugt, sollte einen Blick auf den „iShares Digital Security UCITS ETF“ (IE00BG0J4C88) werfen. Dieser bildet den „STOXX Global Digital Security Index“ ab, der 105 Werte enthält. Der ETF ist auf USD-Basis im laufenden Jahr per 22. November mehr als 21 % im Plus. Zum gleichen Stichtag heuer sogar 24,7 % (USD-Basis) im Plus ist der „L&G Cyber Security UCITS ETF“ mit der ISIN IE00BYPLS672. Er deckt den 42 Werte enthaltenden „ISI Cyber Security UCITS Index Net TR“ ab. Die Top-Positionen sind der bedeutende Anbieter von Endgeräteschutz-Plattformen, Crowdstrike, Palo Alto Networks, BroadCom, Check Point Software Technologies und Splunk.

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Zwei Schwellenriesen auf dem Vormarsch

Indien und Indonesien haben für Anleger einiges zu bieten.

Christian Sec. Indien und Indonesien gelten unter den Top-20-Wirtschaftsnationen laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) als die am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt bis 2028. Indiens Wachstum wird laut IWF in den kommenden fünf Jahren 6,3 % betragen, Indonesiens Wachstum rund 5 %.

Diese Ausgangslage macht die beiden Emerging-Markets-Länder zu interessanten Anlagemärkten. Gemeinsamkeiten gibt es dabei viele. Indonesien hat in den vergangenen Jahren hunderte Wirtschaftssektoren für ausländische Eigentümerschaften geöffnet. In Indien sind unter der Regierung von Narendra Modi die meisten Beschränkungen für Auslandsinvestoren gefallen. Um die Beschäftigung im Land anzukurbeln, unterstützt der indische Premierminister durch sogenannte „Production-Linked Incentives“ die Neuansiedlung von Unternehmen im Produktionsbereich. Andere Strukturmaßnahmen, wie die Einführung einer einheitlichen Mehrwertsteuer, führten zu einem positiven Sentiment in der Wirtschaft, so Jürgen Maier, Fondsmanager für Emerging Markets, bei der RBI. „Der Produktionsbereich ist ein neuer Wachstumstreiber (neben IT-Outsourcing und der Pharmabranche) und werde in den kommenden Jahren deutlich wachsen.“ Allein die Elektronikproduktion soll sich bis 2026 auf 300 MrdUSD verdreifachen. So wird das Apple-Smartphone seit 2022 nicht mehr nur in China, sondern auch in Indien produziert. Bis 2027 sollen bereits die Hälfte aller iPhones aus Indien stammen.

Indonesien wiederum ist u.a. der größte Nickelabbauproduzent weltweit. Ein Glücksfall, denn Nickel ist ein zentraler Rohstoff in der Erzeugung batteriebetriebener Fahrzeuge. Um die Beschäftigung im eigenen Land zu halten, ist die Ausfuhr von ausgewählten reinen Rohstoffen wie Nickel verboten. Wer Nickel haben will, muss den Rohstoff in Indonesien weiterverarbeiten. Damit will Indonesien die Stufen in der Wertschöpfungskette weiter hinaufaufsteigen und ein globaler Hub für die Batterieerzeugung werden. Beiden Ländern gemein ist auch ein großangelegter Ausbau von Infrastrukturprojekten. Indien erhöht sein Straßennetz alljährlich um 10.000 Kilometer und Indonesien hat während der Amtszeit von Joko Widodo u.a. 18 Seehäfen, 21 Flughäfen gebaut.

Neue Wachstumslokomotive
Indonesien weist ein BIP pro Kopf von 5.100 USD auf, Indien gar nur 2.600 USD, und somit ist beiden Ländern ein riesiges Aufholpotenzial gemein. In den vergangenen zehn Jahren erzielte der MSCI-Indien ein annualisiertes Wachstum von 11,8 %. Der MSCI-Indonesien hinkt mit einem Wachstum von 2,4 % etwas hinterher. Das KGV des MSCI-Indien ist mit 26 fast doppelt so hoch, wie der indonesische Counterpart. „Dies liegt auch an der Indexzusammenstellung“, so Maier zum Börsen-Kurier. Der indische Index wird von privaten Banken, IT-Outsourcing-Unternehmen und Konsumunternehmen, die alle ein vergleichsweises hohes Gewinnwachstum aufweisen, dominiert. Damit ist auch die höhere Bewertung zu erklären, so Maier. Der MSCI-Indonesien hat neben Bankenwerten auch viele Rohstoffunternehmen gelistet, die aufgrund der volatilen Gewinnentwicklung eine niedrigere Bewertung aufweisen.

Auch wenn beide Aktienmärkte attraktive Investitionsmöglichkeiten sind, ist Maier längerfristig gerade für Indien positiver gestimmt, auch weil Indien China immer mehr als Wachstumslokomotive ablösen wird. Eine ähnliche Einschätzung trifft Harald Holzer, CIO und Vorstandsmitglied der Kathrein Privatbank, der jedoch zu bedenken gibt, dass die politische Situation und hier vor allem der zunehmende religiöse Nationalismus unter Modi, im Gegensatz zur inklusiven Regierungsform in Indonesien ein Risiko für eine nachhaltige Entwicklung darstellt.

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Kurskapriolen im Segment Luxusuhren

Mehrere Faktoren stoppten Preissteigerungen bei gebrauchten Luxusuhren.

Roman Steinbauer. Andy Hoffman, ein Reporter der Finanzmarktagentur Bloomberg, wies in der Vorwoche auf den hauseigenen „Bloomberg Subdial Watch Index“ hin. Der Preisbarometer, der Marktwerte für den Wiederverkauf der 50 meistgehandelten Luxuszeitmesser berücksichtigt, gab seit zwölf Monaten um mehr als 19 % nach. Als Ursache führte Hoffman das auf einen historischen Höchstwert gewachsene Angebot an. Betroffen seien vor allem Modelle der Schweizer Spitzenmarken Rolex, Patek Philippe oder Audemars Piguet, deren Preisniveau zum Teil auf ein Zwei-Jahres-Tief fiel.

Laut dem Lifestyle-Magazin Robb Report aus Los Angeles wies das „Royal Oak Jumbo Ultra Thin“-Modell von Audemars Piguet mit einem Abschlag von 35 % (auf umgerechnet 66.000 Euro) die negativste Entwicklung auf. Die eidgenössischen Exporterfolge der teuren Chronometer reichten allerdings bis ins Frühjahr 2023 hinein. So konnte die Vereinigung der Schweizer Uhrenindustrie noch für März eine Zunahme der Ausfuhren um 24 % auf 2,48 Milliarden Euro zum Vergleichsmonat 2022 melden. Das Exportvolumen zog um 300.000 Stück auf 1,5 Millionen Exemplare an. Nach Aussagen des Investmenthaus Morgan Stanley habe aber eine „Richcession“ unterdessen den Markt erfasst.

Rares Wertpapierangebot zur Uhrenbranche

Die jüngste Aufwärtsbewegung an den Finanzmärkten zog die (primär in London gelistete aber ebenso an der Stuttgarter Börse notierte) Aktie der Watches of Switzerland Group (ISIN: GB00BJDQQ870) mit. Die Titel der britischen Einzelhändlerkette (1775 in Leicester gegründet), die Uhren der wertvollen Kategorie zudem in der EU und den USA anbietet, vollzogen während der vergangenen Wochen einen Anstieg um 27 % auf 6,8 Euro. Zuvor hatten die Aktionäre seit Jahresbeginn allerdings einen Einbruch – von 14 Euro ausgehend – zu erdulden. Dass der Hersteller Rolex im August seinerseits bekannt gab, den größten Verkäufer von Rolex-Uhren in Großbritannien, Bucherer, zu übernehmen, erhöhte den Abgabedruck. Zogen die Umsätze der Watches of Switzerland im (am 30. April endenden)

Geschäftsjahr 2022/23 noch rasant um 24 % auf 1,77 Milliarden Euro an, droht derzeit eine Stagnation. Luxus-Uhrenhersteller sind nicht eigenständig an Börsen notiert, da sie entweder als Privatunternehmen oder unter einer Dachholding oder Stiftung operieren. Im gemäßigtem Preissegment werden an der SIX Swiss Exchange die Inhaber-Aktien der Swatch Group (CH0012255151) gehandelt, die aktuell mit umgerechnet 248 Euro heuer um 7 % im Minus stehen.

Fondsanbieter decken umfassend die Luxusbranche ab

Die allgemein hohe Schwankungsbreite der Wertpapiere der Luxusgüter-Hersteller schlägt auch in einer Anlageform wie jener der Fonds gedämpfter, aber relativ deutlich durch. Dies ist auch am Chartbild der ETF-Produkte erkennbar. So tauchte der auf Euro lautende, thesaurierende Aktien-ETF „Amundi S&P Global Luxury“ (LU1681048630; berücksichtigt zu 86 % zyklische Konsumgüter, hier wiederum zu 38 % aus den USA und zu 42 % aus Frankreich, Deutschland und Italien) seit Juli zeitweise um mehr als 15 % ab. Die auf US-Dollar basierende Variante (LU1681048713) führte teils zu einer Reduzierung um 19 % des Depotpostens. Der Zugewinn war seit Monatsbeginn wiederum mit jeweils 8 bzw. 7 % beachtlich. Etwas träger präsentierte sich die Fonds-Variante von GAM („Multistock – Luxury Brands Equity“, LU0329429897, thesaurierend). Hier liegt der Anlageschwerpunkt auf Bekleidung (42 %), dahinter Getränke (17 %), Konsumgüter

(15 %) und Pflegeprodukte (7 %).

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Investmentopportunitäten für 2024

(21.11.) Nachstehend drei aktuelle Einschätzungen der Investmentexperten von T. Rowe Price, wo Anleger 2024 Investmentopportunitäten finden können.

„Die glorreichen Sieben” mittlerweile eigene Anlageklasse

Tim Murray, Kapitalmarktstratege, Multi-Asset, T. Rowe Price

• Das globale Marktumfeld befindet sich derzeit in einem Zustand des Fegefeuers, mit anhaltender Ungewissheit über Inflations- und Rezessionsrisiken, während die Fed ihren nächsten Schritt überlegt.
• Die Korrelationen zwischen Aktien und Anleihen sind ständig in Bewegung. Die Anleger müssen sich entsprechend absichern, indem sie von attraktiven Zinsen profitieren und gleichzeitig ihre Aktien-, Anleihen- und Sachwertallokation klug wählen.
• Mega-Cap-Tech-Aktien – „Die glorreichen Sieben“ (Apple, Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft, NVIDIA und Tesla) – haben die Bewertungsmetriken so stark verzerrt, dass sie faktisch zu einer eigenen Anlageklasse geworden sind.
• Taktische Positionierung: Diese Trends spiegeln sich in den Multi-Asset-Portfolios von T. Rowe Price wider, die derzeit zu vier Themen positioniert sind:
– Ungewissheit über die Rezession: Übergewichtung von Barmitteln aus Gründen der Liquidität und Flexibilität
– Attraktive Zinserträge: Übergewichtung von Hochzins-, variabel verzinslichen und Schwellenländeranleihen
– Absicherung gegen Inflation: Übergewichtung von Realwerten als Absicherung gegen hartnäckige Inflation; Rohstoff- und Realsektoren zu attraktiven Preisen
– Selektive Möglichkeiten: Übergewichtung von Small Caps bei sich stabilisierenden Gewinnschätzungen und attraktiven Bewertungen

Investmentcase: KI-Chip-Markt wächst jährlich um 50 Prozent

Dom Rizzo, Portfoliomanager, Global Technology Equity Strategy, T. Rowe Price

• Künstliche Intelligenz wird sich in fast allen Bereichen unseres täglichen Lebens ausbreiten. Diese einzigartige Technologie hat das Potenzial, die größte Produktivitätssteigerung für die Weltwirtschaft seit der Elektrizität zu werden. Wir richten unsere Strategie so aus, dass wir in diesem sich schnell verändernde Umfeld verantwortungsvoll navigieren können.
• Das digitale Halbleiter-Ökosystem ist nach wie vor der attraktivste Ort für Investoren in der Technologiebranche. Der gesamte adressierbare Markt für KI-Chips könnte in kürzester Zeit von 30 Milliarden Dollar in diesem Jahr auf 150 Milliarden Dollar im Jahr 2027 wachsen, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von etwa 50 % entspricht. Diese KI-Entwicklung revolutioniert den 1-Billionen-Dollar-Markt für Rechenzentren vollständig. Digitale Halbleiter sind die Schlüsseltechnologien, die diese Revolution der künstlichen Intelligenz vorantreiben werden.

Im Anlegerblick: Halbleiter, KI-Infrastruktur, Adipositas-Medikamente

Peter Bates, Portfoliomanager, Global Select Equity Strategy, T. Rowe Price

• Aktien sind auf lange Sicht immer noch die beste Anlage, aber die Strategie, die in den vergangenen zehn Jahren funktioniert hat, wird in den nächsten 10 Jahren nicht mehr funktionieren. In einem unsichereren Umfeld werden die Bewertungen noch wichtiger werden.
• Ein vernünftiger Investmentansatz zur Erzielung von Überschussrenditen in der neuen Situation besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Wachstums- und Value-Faktoren zu finden, in dauerhafte Wachstumsthemen zu investieren und Rezessions- und Makrorisiken auszugleichen, und um Unternehmen zu finden, die einen positiven Katalysator für den Wandel darstellen
• In einer unsicheren Welt bieten sich Investitionsmöglichkeiten in den Bereichen künstliche Intelligenz (Halbleiter-Ökosystem und KI-Infrastruktur), Innovation im Gesundheitswesen (Adipositas-Medikamente und Bioprozesse) sowie Wohn- und Gewerbebau.

Ist der Goldpreis am Zenit?

US-Zinssenkungen erst 2024 könnten den Goldpreis bremsen.

Raja Korinek. Die jüngste US-Notenbanksitzung wurde mit großer Spannung beobachtet. Schließlich hatten Marktbeobachter im Vorfeld damit gerechnet, dass FED-Chef Jerome Powell die Zinsen nicht noch weiter anheben wird. Genauso kam es auch, nach elf Anhebungen war zuletzt Schluss. Der Leitzins liegt aktuell in einer Spanne von 5,25 bis 5,5 %. Konstantin Oldenburger, Marktanalyst bei CMC Markets, zieht ein klares Fazit: „Je länger Powell auf der Sitzung sprach, desto mehr hörte der Markt aus seinen Worten heraus, dass die FED den Zinserhöhungszyklus abgeschlossen haben dürfte.“

US-Inflation sinkt
Die Zuversicht wurde vor wenigen Tagen bestärkt, als neue US-Inflationsdaten veröffentlicht wurden. Denen zufolge ist die Teuerung im Oktober im Vergleich zum Vorjahreswert um nur 3,4 % gestiegen, damit weniger stark als erwartet. Die Folgen waren an den globalen Märkten weitreichend.

So reagierten Wachstumsaktien, die meist einen hohen Anteil an Fremdkapital haben, um ihr junges Geschäftsmodell zu finanzieren, mit besonders großen Kurssprüngen.

Selbst die Anleihekurse reagierten mit einem Plus, weshalb die Renditen sanken. Allein die Renditen zehnjähriger deutscher Bundesanleihen fielen zuletzt auf rund 2,6 %.

Wie lange steigt der Goldpreis?
Auch der Blick auf den Goldmarkt offenbart Interessantes: Dieser hatte nach den überraschend guten US-Inflationsdaten endlich wieder zugelegt, konstatiert Barbara Lambrecht, Rohstoffanalystin bei der Commerzbank. Sie geht auf die jüngste Entwicklung näher ein: Mit 1.985 USD je Feinunze notiert dieser rund 40 USD höher als vor der Datenveröffentlichung. „Schließlich ist damit eine – letzte – Zinserhöhung der US-Notenbank im Dezember unwahrscheinlich geworden.“ Dies nährte bei manch einem Investor auch die Hoffnung auf Zinssenkungen. In der Regel sind tiefe Zinsen positiv für ein zinsloses Goldinvestment.

Bei der Commerzbank warnt man aber vor zu viel Euphorie. „So dürfte es dauern, bis der Markt gänzlich dreht und auf nahe Zinssenkungen in den USA spekuliert. Damit dürfte sich die Erholung am Goldmarkt kaum fortsetzen“, meint Lambrecht. Zumindest unmittelbar. Sie glaubt, dass der Goldpreis erst Mitte des Jahres 2024 die Schwelle von 2.000 USD nachhaltig überwinden werde.

Zertifikate als Chance
Anleger, die in nächster Zeit eben-falls mit einer verhaltenen Entwicklung rechnen, können Chancen etwa mit einem Discountzertifikat nutzen. Mit diesem Produkt kauft man sich in den Basiswert günstiger ein, als dieser an der Börse kostet. Dafür profitiert man von möglichen Kursanstiegen des Basiswertes nur begrenzt, und zwar bis zu einem fixen Cap. Nach unten hin gibt es einen Verlustpuffer in Höhe des Diskonts, zu dem man den Basiswert günstiger erworben hat. Erst wenn der Kurs des Basiswertes derart kräftig sinkt, so dass selbst der Puffer aus dem Diskont aufgebraucht ist, erleidet man mit dem Zertifikat einen Verlust. Dann ist zugleich der sogenannte „Break-Even-Punkt“ unterschritten worden.

Solch ein Produkt bietet die Bank Vontobel an (ISIN: DE000VU9PKU4). Der Cap liegt bei 2.000 USD, der aktuelle Break-Even-Punkt bei 1.809,293 USD. Letzter Handelstag ist der 20.12.2024.

Besonders pessimistische und sehr risikobereite Anleger können auf Kursrücksetzer etwa mit einem Turbo-Short-Zertifikat gehebelt setzen. Solch ein Produkt bietet zum Beispiel die Société Générale an (DE000SV2ED44). Der aktuelle Hebel liegt bei rund 2,33, die Knock-out-Schwelle ist bei 2.757 USD angesetzt.

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„Langfristig hat der Finanzmarkt recht“

Private Banker Alexander Eberan über Investmentstrategien und Sorgen um Europas Zukunft.

Marius Perger. In der derzeit schwierigen, allgemeinen Gemengelage sei eine spannende, wenn auch nur vermeintliche Abkoppelung des Finanzmarktes von der Realwirtschaft zu beobachten. Das sagt Alexander Eberan, Leiter Private Banking der Steiermärkischen Sparkasse in Wien, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Viele Menschen, die den konjunkturellen Rückgang sehr stark verspüren, würden nicht verstehen, dass der Finanzmarkt anscheinend „anders tickt“. Tatsächlich handle es sich allerdings nur um eine kurzfristige Abkoppelung: „Mittel- bis langfristig hat der Finanzmarkt doch wieder recht“, so Eberan.

Hauptgrund sei, dass die Finanzmärkte der Realwirtschaft zwölf bis 18 Monate vorauseilen. Und die aktuelle Entwicklung antizipiere die starke Vermutung, dass der Zinszyklus sowohl in den USA als auch in Europa seinen Höhepunkt überschritten hat. Diese Aussicht beflügle in erste Linie den Technologiesektor, aber auch Zykliker würden von einer sinkenden Inflation profitieren. Eberan: „Man glaubt, es handelt sich um eine Abkoppelung, in Wirklichkeit werden Dinge nur vorausgenommen.“

Viele Kunden derzeit verunsichert
Viele seiner Kunden seien derzeit aber skeptisch und verunsichert, sagt der Private Banker. Dies betreffe insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung in Europa, die zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit des alten Kontinents führe. Manche politischen Schnellschüsse in der jüngeren Vergangenheit seien „nicht positiv“ gewesen.

Probleme bereite den Unternehmen nach wie vor das Thema Lieferketten. Die zu Corona-Zeiten angedachte Rückholung der Produktion aus China nach Europa sei eine „absolute Illusion“ gewesen, China habe nach wie vor einen hohen Stellenwert und zeichne sich durch hohe Verlässlichkeit aus. Andererseits sei derzeit eher eine Auslagerung europäischer Produktion in Richtung USA zu beobachten, was auf die wirtschaftliche Stärke und eine gesicherte, günstige Energieversorgung zurückzuführen sei.

Klassisches Portfolio wieder möglich
Nachdem es zehn Jahre lang keine Zinsen gegeben habe, habe „Geld Gott sei Dank wieder einen Preis“. Zwar würden die hohen Zinsen den einen oder anderen, der hoch verschuldet ist, zum Straucheln bringen, dies sei aber ein vernünftiger Aussonderungsprozess und marktwirtschaftlich zu begrüßen.

Für die Geldanlage bedeute dies aber, dass Anleihen wieder einen guten Gegenpol zum Aktienmarkt bilden und einen Puffer für Aktienfluktuation darstellen: Man könne Kunden nun auch im Anleihebereich wieder eine gute Beratung anbieten, so Eberan. Bei Anleihezinsen von 3 bis 4 % wäre es auch im Sinn der Diversifikation gut, ein „klassisches Portfolio“ wiederherzustellen. Und bei einer weiter sinkenden Inflation sollte es auch wieder zu einer positiven Zinsstruktur kommen. Eberan rechnet damit, dass Anleihen auch wieder zu Ertragsbringern werden. Und er rät Kunden, sich jetzt Zinssätze von 3,5 oder 4 % für die nächsten Jahre zu sichern.

Was Aktien betrifft, wäre antizyklisches Investieren heuer nicht möglich gewesen. Eine Konzentration auf Value-Titel hätte im laufenden Jahr keine Performance gebracht, ohne Tech-Werte wäre es ein Nullsummenspiel gewesen: „Wer hätte 2022 gedacht, dass der Technologiesektor wieder anspringt?“ Die Anlagestrategie seines Instituts sei aber grundsätzlich sehr breit aufgestellt und man sei auch im Technologiebereich investiert, weshalb man bisher eine „ansprechende Rendite“ erzielen konnte. Ganz wichtig sei es aber, in qualitativ gute Unternehmen investiert zu sein; das gelte auch für den Anleihebereich.

Für Europas Zukunft skeptisch
Für das kommende Jahr rechnet Eberan mit einer starken Entwicklung in den USA: „Wir sind sehr positiv für die Vereinigten Staaten eingestellt.“ China werde sich aufgrund der Demografie und der Immobilienkrise schwach entwickeln, für die Emerging Markets sind seine Erwartung „gedämpft“.

Probleme erkennt Eberan aber in Europa, insbesondere in Deutschland, das immerhin einen Anteil von rund 5 % am globalen Wirtschaftswachstum habe: Wenn Deutschland schwächelt, sei das ein massives Problem. Unser nördliches Nachbarland habe sich in eine schwierige Position manövriert und sei dabei, „alle Tugenden abzuschaffen“.

Dazu komme, dass Europa seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den anderen Kontinenten verloren habe, auch wenn einige Länder in Osteuropa einen „guten Job machen“. Vor allem würde Europa zu teuer produzieren, viele Länder hätten die Euro-Einführung auch dazu genutzt, Löhne über die Maßen anzuheben. Mitauslöser der problematischen Entwicklung sei es auch, dass die Themen, die sich die EU gesetzt hat, nicht die richtigen sind, ist Eberan überzeugt: „Wir blockieren das Unternehmertum und untergraben damit unsere Wettbewerbsfähigkeit.“

Echte Themen, die wir angehen müssten, wären das Pensionssystem, Gesundheit und Pflege, Bildung sowie eine Strukturreform in den Ländern. Und über dem allen müsse das Thema Rechtsstaatlichkeit stehen. Schließlich gehe es aber auch darum, dass Leistung wieder belohnt wird, so Eberan abschließend.

Bild: Thomas Raggam

 

 

Versicherer müssen Selbstbestimmung ermöglichen

Zu Besuch in Graz: Merkur-CEO Ingo Hofmann im großen Vorsorge-Talk mit dem Börsen-Kurier.

Marius Perger. Angesichts hoher Inflation, steigender Zinsen und schwächelnder Konjunktur stellen sich Versicherern zunehmend Fragen nach Leistbarkeit für den Kunden, nach Prämienanpassungen und zum Umgang mit den gestiegenen Kosten. Entscheidend sei, wie weit das leistbar sei, was dem Kunden wichtig ist, betont Ingo Hofmann (Foto rechts), CEO der Merkur Versicherung AG, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Aus Versicherungssicht werde diese Frage nur durch persönliches Risikomanagement zu beantworten sein. Der Begriff, der sowohl in der Krankenversicherung als auch in der Vorsorge mit einem Wort das Wichtigste beschreibt, sei dabei „Selbstbestimmung“.

Mit anderen Worten: Es gehe darum, ob jemand haben will, dass ein System darüber entscheidet, wo, wann und wie er behandelt wird, wenn es ihm wirklich schlecht geht und er echten Handlungsbedarf hat.

Modulare Antworten gefragt
Um die Leistbarkeit künftig sicherzustellen, dürfe man deshalb nicht mehr davon ausgehen, dass es ein Produkt für alles gibt, so Hofmann. Man müsse modular darauf antworten, mit einem sehr persönlichen Risikokonzept. Dies sei „die größte Herausforderung, vor der wir aktuell stehen“. Viele hätten zwar immer gerne eine Vollkaskolösung – nötig seien aber vielleicht eine Vollkaskolösung mit einer etwas höheren Selbstbeteiligung oder der Ausschluss bestimmter Gefahren. Versicherer seien gefragt, solche Lösungen anzubieten. Dann werde man auch die aktuellen Entwicklungen zu den Themen Preis und Inflation „sehr sinnvoll beantworten können“.

Die Kosten in den Griff bekommen
Eine Herausforderung für Versicherer ist auch eine geänderte Kostensituation – sei es durch die zunehmende Zahl an Wahlärzten, durch teure medizinische Apparate oder durch die demografische Entwicklung. Man könnte sich stundenlang über das Thema Kosten unterhalten, so Hofmann. Jedenfalls sei eine Verschiebung von einer kassenärztlichen zu einer privatärztlichen Behandlung mit einer Kostensteigerung verbunden. Das bereite auch den Versicherern Sorgen, „weil wir einen Mix aus beidem brauchen“. Bei einem höheren Anteil privatärztlicher Leistungen seien die bisher kalkulierten Tarife auf Sicht nicht haltbar. Es könne aber nicht die Lösung sein, Leistungen einzuschränken oder zu deckeln.

Nicht das System ist in Frage zu stellen
Österreich besitze eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, betont Hofmann. Häufig werde dennoch von einem „kranken Mann“ gesprochen. Doch nicht das System selbst, sondern die Strukturen im System sind krank, ist der Merkur-CEO überzeugt. Hier sei etwas auseinandergelaufen, was nicht auseinanderlaufen darf. Alle Beteiligten – Politik, Regulatorik, Sozialversicherungen, Ärztekammern und private Versicherungswirtschaft müssten sich an einen Tisch setzen, um zu Lösungen zu kommen, die dem System in seinen Strukturen guttun. Zu diskutieren sei die Frage, „Wie können wir mit allen Beteiligten, die dafür notwendig sind, wieder eine Stabilität der Strukturen schaffen?“ Das System als solches sei nicht zu überdenken, es seien Stellschrauben, die neu justiert werden müssen.

Keine Symptombekämpfung
Die Frage nach den Strukturen beinhalte auch die Frage, wer für die Strukturen verantwortlich ist. Dies seien Privatversicherungswirtschaft und öffentliche Hand genauso wie jene, die die Dienstleistung erbringen.

Und schließlich müsse man auch Veränderungen akzeptieren. So werde es zunehmend eine Verlagerung von stationärer zu ambulanter und von ambulanter zu digitaler Medizin geben. Das müsse man auch den Versicherten bewusst machen. Um Lösungen zu finden, müsse man sich von den Symptomen entfernen und auf die Ursachen konzentrieren. Symptome zu bekämpfen sei einfach, setze man aber bei der Ursache an, so falle es leichter, nachhaltige oder tiefergehende Lösungen zu schaffen.

Den Bedarf des Kunden erkennen
Im zweiten Teil des Gesprächs ging es darum, wie konjunkturabhängig Versicherer sind, wie die Versicherungswirtschaft mit konjunkturellen Schwankungen umgeht und wo es heute noch neue Potenziale gibt.

Es sei für Versicherer zwar möglich und legitim, danach zu fragen, wo es Optimierungspotenzial für Cross- oder Upselling gibt, so Hofmann. Allerdings sei dieser Gedanke limitiert. Wenn man als Versicherer nicht verstehe, was der Kunde will, werde man auch nicht ertragreich wachsen können.

Es sei nötig, Lösungen anzubieten, die dabei helfen, das emotionale Bedürfnis der Kunden zu erkennen und ihren Bedarf abzuklären und zu filtern. Dann werde man gemeinsam mit dem Kunden Lösungen entwickeln, die er möchte, und für sich als Versicherer Zukunft gestalten können.

Als Versicherer sei man gefordert, dem Kunden ein persönliches Risikokonzept anzubieten, also die Lebenssituation und die Lebensphasen abzubilden und dann dem Kunden die Chance zu geben, das auszuwählen, was er für wichtig hält.

Intelligente Produkte schaffen
In diesem Zusammenhang sei es für die Merkur sehr wichtig gewesen, die ehemalige Nürnberger Versicherung Österreich als Teil des Konzerns zu integrieren, weil man damit die Abdeckung der biometrischen Risiken als strategischen Teil dazubekommen konnte. Es stelle nun eine Herausforderung dar, die Produkte nicht nur nebeneinanderzustellen, sondern daraus „intelligente Themen“ zu schaffen, um dem Kunden individuelle Lösungen anbieten zu können: „Wenn ich das schaffe, werde ich auch als Unternehmen ertragreich sein.“

Eine Rolle spielen könnte dabei auch Künstliche Intelligenz, denn höchst individualisierte Produkte seien bisher aufgrund der Komplexität bei der Abrechnung nicht möglich gewesen. Nun habe man einen Schlüssel in die Hand bekommen, junge, moderne Produkte zu schaffen. „Deswegen bin ich so zuversichtlich, dass wir in den nächsten zwei, drei, vier Jahren so etwas auch präsentieren können, dass so etwas auch möglich wird, was bisher eine Spinnerei war“, so Hofmann. Die Rahmenbedingungen dafür würden heute bereits existieren.

Mehr Gemeinsamkeit entwickeln
Zuletzt sprach der Börsen-Kurier mit Hofmann noch über die staatliche Altersvorsorge und die Rolle der privaten Versicherungswirtschaft. Der Merkur-Chef erinnert daran, dass der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen schon vor mehr als 15 Jahren erklärt hat, dass aus der Alterspyramide ein Atompilz geworden sei. Noch sei das System finanzierbar, langfristig lasse sich mit einem Umlagesystem das Versprechen der Vergangenheit aber nicht aufrechterhalten. Wenn man über Lösungen nachdenke, sei es aber notwendig, dass alle involvierten Parteien an einem Tisch sitzen. Die Versicherungsindustrie könne das tollste Produkt schaffen, aber nur wenn es ins System passt, würde man eine Lösung hinkriegen. „Es ist mein Wunsch und meine Hoffnung, dass wir da mehr Gemeinsamkeit entwickeln“, so Hofmann abschließend.

Foto: Börsen-Kurier

 

 

US-Präsidentschaftswahlen 2024: Kurs halten oder Richtungswechsel?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE

(14.11.) Weniger als ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen hat das Rennen begonnen. Die Kandidaten sind bereits ausgemacht, doch der Ausgang der Wahlen und der Verlauf des Wahlkampfs lassen sich keineswegs vorhersagen.

Bei den Demokraten gilt die erneute Kandidatur des amtierenden Präsidenten als sicher. Joe Biden, der am 20. November seinen einundachtzigsten Geburtstag feiert, kandidiert erneut. Sollte er gewinnen und sein zweites Mandat vollenden, wird er das Weiße Haus im Alter von 86 Jahren verlassen. Das wäre ein neuer Rekord.

Bei den Republikanern, deren Vorwahlen zurzeit noch laufen, ist Donald Trump der große Favorit. Die verschiedenen gegen ihn laufenden straf- und zivilrechtlichen Gerichtsverfahren scheinen Trump nicht vom Kampf um das Weiße Haus abzuhalten. Mit über 55 % Zustimmung für ihn bei den Anhängern der „Grand Old Party“, also 40 % mehr als für seinen beliebtesten Konkurrenten, zeichnet sich eine Wiederauflage des Duells von 2020 ab. Zudem dürfte es bei dem Rennen um die Staatsspitze 2024 eng werden: Laut einer Wählerbefragung von CNN liegt Trump bei 49 % und damit vor Joe Biden mit 45 %.

Neue Herausforderungen für den nächsten Präsidenten
Fest steht, dass sich der nächste Präsident mit einem ganz anderen wirtschaftlichen Umfeld arrangieren muss als dem der vorangegangenen beiden Amtszeiten. Von der Situation im Jahr 2020 und der pandemiebedingten Rezession abgesehen, boten das solide Wirtschaftswachstum, die außerordentlich niedrigen Zinsen und der Beschäftigungsstand – nahezu Vollbeschäftigung – seit 2016 beziehungsweise 2017 ein vorteilhaftes Umfeld. All dies hatte allerdings einen Preis: Das Haushaltsdefizit in diesen beiden Amtszeiten lag im Durchschnitt bei fast 7 %. Die Staatsverschuldung der USA dürfte sich somit laut dem IWF Ende 2024 auf 125 % belaufen. Selbst wenn die US-Notenbank (Fed) ihre Zinsen bis dahin mehrfach senken würde – was Konsens der Ökonomen ist und auf dem Anleihenmarkt bereits eingepreist wurde -, würden die Kosten einer weiteren Verschuldung den künftigen glücklichen Wahlsieger wahrscheinlich dazu zwingen, eine gewisse Haushaltsdisziplin an den Tag zu legen. Das gilt sowohl für Donald Trump, dessen Programm für 2024 auf erneute Steuersenkungen setzt, als auch für Joe Biden, dessen großzügige Programme von Haushaltsausgaben seine erste Amtszeit geprägt haben.

In einem angespannten internationalen Umfeld mit trüben Wirtschaftsaussichten und zu einer Zeit, in der Uncle Sam in zwei Stellvertreterkriegen engagiert ist, siedeln der Marktkonsens und die Fed von New York die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den kommenden zwölf Monaten bei 55 % an. Das politische Risiko steht also auf der Agenda der Finanzmärkte. 2024 werden sich Aktienanleger mit einem zusätzlichen Faktor arrangieren müssen – mit der Volatilität.

ESMA Europäische Wertpapieraufsicht prüft Fondsnamen

Die ESMA analysierte ESG-Begriffe in tausenden Bezeichnungen von Investmentfonds auf Greenwashing.

Andreas Dolezal. Bereits im vergangenen Juni haben die Europäischen Aufsichtsbehörden ESAs (EBA für Banken, EIOPA für Versicherungen und ESMA für Wertpapiere & Markt) einen Bericht über Greenwashing im Finanzsektor veröffentlicht. Unter Greenwashing verstehen sie die Praxis, bei der nachhaltigkeitsbezogene Aussagen, Erklärungen, Maßnahmen oder Mitteilungen das zugrunde liegende Nachhaltigkeitsprofil eines Finanzprodukts oder einer Finanzdienstleistung nicht klar und angemessen widerspiegeln. Diese Praxis kann für Verbraucher, Investoren oder andere Marktteilnehmer irreführend sein.

Mit zunehmender Beliebtheit von ESG-Investments steigen auch die Risiken und die Bedeutung von Greenwashing. Gemeinsam mit den nationalen Aufsichtsbehörden (in Österreich die Finanzmarktaufsicht FMA) gehen die ESAs daher gegen Greenwashing vor, um Verbraucher- und Anlegerschutz zu gewährleisten, die Marktintegrität zu unterstützen und ein vertrauenswürdiges Umfeld für nachhaltige Finanzen zu erhalten.

Liste mit ESG-Begriffen
Unter Verwendung eines Datensatzes mit historischen Informationen von mehr als 36.000 in der EU domizilierte Fonds, die ein Vermögen von 16 Billionen Euro verwalten, stellte die ESMA fest, dass Fonds zunehmend ESG-bezogene Begriffe im Namen verwenden. Auch das Ausmaß der ESG-Sprache in aufsichtsrechtlichen Dokumenten und Marketingmaterial wurde auf Basis von mehr als 100.000 Dokumenten analysiert. Dabei kamen auch NLP-Techniken zum Einsatz.

Die ESMA hat eine Liste von ESG-Wörtern und -Phrasen erstellt, anhand derer die von den Fonds verwendete ESG-bezogene Sprache gemessen und verglichen wurde. Auf dieser Liste finden sich Begriffe wieder wie „Netto-null“, „ESG“, „CO2-Reduktion“ und „Biodiversität“ sowie Begriffe des eher allgemeinen Sprachgebrauchs wie „Wald“, „nachhaltige Entwicklung“ und „Einwanderung“.

ESG-Sprache nimmt zu
Die Analyse zeigt, wenig überraschend, dass Fonds zunehmend ESG-Begriffe in ihre Namen aufnehmen. Darüber hinaus hätten seit Mitte 2017 zahlreiche Investmentfonds ihren Namen geändert, um ESG-Begriffe hinzuzufügen. Gleichzeitig findet die ESMA Belege für hohes Anlegerinteresse an Fonds mit ESG-bezogenen Begriffen im Namen. Fonds, die sich an Kleinanleger richten, scheinen zusätzliche ESG-Angaben in den Dokumenten zu machen, um das Verständnis zu verbessern.

Kampf gegen Greenwashing
Die ESMA sieht in den Ergebnissen die Nützlichkeit ihrer regulatorischen Bemühungen hinsichtlich der Offenlegungsanforderungen für Investmentfonds sowie von Leitlinien zur ESG-Sprache bestätigt. Darüber hinaus erkennt die Behörde den Nutzen standardisierter Offenlegungen in Form von Vorlagen.

In Zukunft wird die ESMA die Überwachung und Kontrolle von Greenwashing weiter ausbauen. NLP-basierte Tools sollen die wirksame Aufsicht in der gesamten EU erheblich unterstützen. Daher wird die ESMA angesichts des raschen Wachstums und der wichtigen Rolle des Marktes für ESG-Investments weiterhin ESG-bezogene Offenlegungen überwachen.

Foto: AdobeStock / Philipp Schilli

 

 

Meta-Studie spricht für Schwellenländer-Investments

Nachhaltigkeit zahlt sich bei Anleihen aus Emerging Markets aus.

Michael Kordovsky. Die Ergebnisse einer viel beachteten Metastudie, die rund 2.200 empirische Studien analysierte (Titel: „ESG and financial performance: aggregated evidence from more than 2000 empirical studies“), sprechen für ESG-orientierte Investments in den Emerging Markets.

Die Einbeziehung von ESG-Aspekten in der Selektion von Geldanlagen ergab von 1970 bis 2015 in rund 90 % aller Studien keine negativen Wirkungen auf die finanzielle Performance von Unternehmen, wobei es in punkto positiver Effekte die höchste Quote in den Emerging Markets mit 65 % gab, verglichen mit nur 6 % an negativen Ergebnissen. In den entwickelten Ländern lag die positive Quote hingegen nur bei 38 % verglichen mit rund 8 % negativen Resultaten. Am niedrigsten sind die Erfolgsquoten mit 26 % in den entwickelten Ländern Europas, gefolgt von den entwickelten Ländern Asiens plus Australien und Neuseeland (33 %).

Offensichtlich ist der Grenznutzen weiterer Verbesserungen in der Governance oder zusätzlicher ökologischer Anlageninvestitionen in den Schwellenländern (noch) besonders hoch, zumal dort – im Gegensatz zu so manchen entwickelten Staaten – die Kontraste zwischen ethisch und unethisch deutlich stärker sind. Länder mit viel Korruption und schlechten Arbeitsbedingungen sind anfälliger für Aufstände, Streiks und staatliche Zahlungsausfälle. Filtert man besonders korrupte Risikokandidaten mit in der demokratischen Welt umstrittenen Regierungen heraus, dann kann dies das Chancen-Risiko-Verhältnis deutlich verbessern. Das zeigt vor allem bei ESG-orientierten Emerging-Markets-Anleihenfonds Mehrwert, sofern diese systematisch nicht ESG-konforme Emittenten ausschließen und mit dem Rest gezielt Renditen erwirtschaften.

Aussichtsreiche nachhaltige Fonds
Selektiert man (am 10.11.) auf Fondsweb unter den EM-Bond-Fonds jene mit dem höchsten ISS ESG Fund Rating, dann ist der „Apollo Nachhaltig New World“ (ISIN: AT0000A1XFK8) auf fünf Jahre der „Top-Performer“. Auf Jahressicht liegt das Plus bei 6,58 %. Mindestens 25 % des Portfolios sind Greenbonds oder Social Bonds. Die durchschnittliche Portfolio-Rendite liegt per 31. Oktober bei 6,88 % (Modified Duration von 4,82 und im Schnitt ein Rating von BBB-). Als Emittenten am stärksten gewichtet sind die Central American Bank, Chile, Rumänien, die Corporacion Andina de Fomento, Peru, Nordmazedonien und Serbien.

Comeback
Ein ESG-orientierter EM-Bond-Fonds ist auch der „Nordea 1 – Emerging Stars Bond BP-EUR“ (LU1915689233). Von der Ländergewichtung her mit 8,8 % am stärksten gewichtet ist Indonesien, gefolgt von Mexiko, Chile, Uruguay, Dominikanische Republik und Ägypten. Nach einem Minus von 12 % im Jahr 2022 zeigte der Fonds in den vergangenen sechs Monaten mit einem Plus von 2,9 % Stärke.

Eine Innovation ist der „Schroder ISF BlueOrchard Emerging Markets Climate Bond USD A Acc“ mit der ISIN LU2328266650. Der Investmentfonds investiert weltweit in Staatstitel und Unternehmen inklusive Emerging Markets, die dazu beitragen, die Nachhaltigkeitsziele der UNO zu realisieren und Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel zu setzen. Geographisch betrachtet sind Emittenten aus den USA, Südkorea, Indien, Chile, Tschechien, Peru, Brasilien und Polen am stärksten gewichtet. Die Emittenten sind überwiegend dem Investmentgrade-Spektrum zuzuordnen. In US-Dollar gerechnet ist der Fonds auf Jahressicht 6,6 % im Plus.

Auch Währungen enthalten
Nimmt man schlichtweg die besten Fonds, die sich bereits selbst als „nachhaltig“ titulieren, dann wäre beispielsweise der „DPAM L Bonds Emerging Markets Sustainable“ (LU0907928575) mit einem Plus von 14,1 % auf fünf Jahre und 44,2 % auf zehn Jahre (per 8.11.) ein „Spitzenperformer“. Von der Währungsseite mit 10 % am stärksten gewichtet ist der brasilianische Real, gefolgt von Mexikanischem Peso und Indonesischer Rupiah (je 9 %) bzw. von den Ländern her Brasilien, Mexiko, Indonesien, Südafrika und Polen.

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Im Osten viel Neues

Die Stabilisierung der Energiekosten und höhere Zinsen bieten Chancen.

Raja Korinek. Zuerst brach die Covid-Pandemie, dann der Ukraine-Krieg aus: Die Börsen in Zentral- und Osteuropa (Central and Eastern Europe, kurz CEE) hatten in den vergangenen Jahren eine denkbar schwierige Ausgangslage. Allein der CECE-Index, der von der Wiener Börse berechnet wird, bewegt sich seit Längerem in einem breiten Seitwärtstrend. Der Index misst die Wertentwicklung des Hungarian Traded Index, des Czech Traded Index sowie des Polish Traded Index. Doch wie sehen regionale Entwicklungen aus? „Die Konjunkturdynamik in Tschechien ist auch im dritten Quartal 2023 enttäuschend ausgefallen: Das reale BIP ist um 0,6 % gegenüber dem Vorjahr gesunken“, so Daria Orlova, Analystin bei der Deka Bank. Dabei sei die Konsumschwäche die größte Konjunkturbremse.

Enge West-Verflechtung
„Einige Wirtschaftszweige Tschechiens – etwa die Autoproduktion – sind eng mit der Euro-Zone verflochten. Da die deutsche Autoproduktion bei der Elektromobilität dem großen Konkurrenten China hinterherhinkt, steht sie stark unter Druck“, ergänzt Ronald Schneider, Leiter „Anleihen, CEE & Global Emerging Markets“ bei der Raiffeisen Capital Management. Dabei sei Tschechien, neben Ungarn und Polen, besonders exponiert. In Polen konnte zuletzt die Opposition bei den Parlamentswahlen in beiden Parlamentskammern deutliche Mehrheiten erreichen. Vor Kurzem hat das Bündnis der drei Oppositionsparteien die Bildung einer gemeinsamen Regierung vereinbart.

Neue Investments gefragt
Schneider hebt gegenüber dem Börsen-Kurier noch weitere Entwicklungen hervor: „So baut Intel eine Chipfabrik in Polen während Ungarn die Batterieproduktion ausbauen könnte.“ Dies sei insofern wichtig, da Ungern vom EU-Strukturfonds vermutlich nicht sehr viel sehen werde. „Da müsste sich das Land in Bezug auf seine Rechtsstaatlichkeit noch massiv an die diesbezüglichen EU-Vorgaben anpassen.“ Andere CEE-Staaten dürften von den Strukturfonds-Zahlungen und den Next Generation Funds profitieren, so etwa Kroatien und Rumänien.

Die Wachstumsprognosen für 2023 liegen laut Bloomberg für Rumänien bei 2,3 % im Jahresdurchschnitt, für Kroatien bei 2,6 %, während die CE3-Staaten stagnieren (Polen mit 0,4 %, Ungarn mit einem leichten Minus und Tschechien bei 0 %), zeigt der Raiffeisen-Experte auf. „Die künftige Entwicklung der Länder wird stark von der Konjunktur der Euro-Zone abhängen. Wenn die Rezession ausbleibt oder nur sehr schwach ausfällt und es danach wieder aufwärts geht, wird das die Attraktivität der Märkte entscheidend erhöhen.“

Stabilere Energiepreise
Doch wie sieht es bei Aktien aus? Seit November 2022 gebe es eine Erholung, zeigt Andras Szalkai, Fondsmanager im Team „Aktien, CEE & Global Emerging Markets“, auf. „Grund ist die Stabilisierung der Energiepreise und der Versorgungssicherheit.“ Szalkai hebt etwa im „Raiffeisen-ZentralEuropa-ESG-Aktien“ (ISIN: AT0000805460) vor allem den Finanzsektor hervor, so etwa die Erste Group (AT0000652011). „Der Konzern kommt im aktuellen Zinsumfeld gut zurecht.“ Aufgrund steigender Zinsen lukrieren die Banken derzeit eine höhere Zinsmarge. Auf Länderebene gefällt ihm Polen gut. Dort habe man ebenfalls verstärkt den Finanzsektor im Fokus. In Rumänien hebt Andras Szalkai Hidroelectrica (RO4Q0Z5RO1B6) hervor: „Der Wasserkraftwerksbetreiber wirtschaftet solide.“ Die Erste Group bietet hingegen ein Zertifikat auf den CECE-Index an (AT0000A00D99). Bei beiden Produkten kann es aber auch zu größeren Schwankungen kommen.

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USA können sich immer noch von der allgemeinen Abschwächung abkoppeln

Ein Kommentar von Guy Wagner von BLI – Banque de Luxembourg Investments.

(07.11.) Während sich die Weltwirtschaft weiter verlangsamt, können sich die USA immer noch von der allgemeinen Abschwächung abkoppeln, schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.

„Das Bruttoinlandsprodukt der USA beschleunigte sich im dritten Quartal gemäß der ersten Schätzung stark und wies ein annualisiertes Quartalswachstum von 4,9 Prozent auf, was auf die Ausweitung des Staatsdefizits, einen dynamischen Konsum und einen starken Wiederaufstockungseffekt seitens der Unternehmen zurückzuführen ist“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. „Die erreichten Niveaus bei den Staatsausgaben, der Sparquote und den Lagerbeständen machen dieses Muster jedoch schwer haltbar, da das Umfeld sicherlich fragiler ist, als die Wachstumszahlen vermuten lassen.“

USA sind letzte Bastion des soliden Wachstums
In der Eurozone ging das BIP im Quartalsvergleich um 0,1 Prozent zurück und wuchs im Jahresvergleich nur noch um 0,1 Prozent, „wobei die Dynamik besorgniserregend ist“. In China reichten die Ankündigungen von Stützungsmaßnahmen und eines Konjunkturpakets nicht aus, um die Aktivitätsindikatoren zu beleben, die sich nach einem kleinen Sprung im September sowohl im Dienstleistungssektor als auch im verarbeitenden Gewerbe im Oktober erneut verschlechterten. In Japan wirkt sich die allgemein schwache Auslandsnachfrage nun auch auf die Industrieproduktion aus, die in den vergangenen beiden Monaten stark zurückging. „Insgesamt fungieren die USA aus Gründen, die spezifisch und vorübergehend zu sein scheinen, nun als letzte Bastion soliden Wachstums in einer Welt, in der die wirtschaftliche Dynamik allgemein nachlässt und in der die Auswirkungen der geldpolitischen Straffung immer spürbarer werden,“ meint der luxemburgische Ökonom.

Europäische Zentralbank lässt Refinanzierungssatz unverändert
Wie erwartet beließ die US-Notenbank auf ihrer Sitzung am 1. November das Zielband für die Federal Funds Rate unverändert bei 5,25 Prozent bis 5,50 Prozent. Ihr Vorsitzender Jerome Powell ließ verlauten, dass der allmähliche Rückgang der Inflation in Verbindung mit dem Anstieg der langfristigen Zinsen an den Anleihemärkten eine dauerhafte Pause auf diesem Niveau erwarten lasse und der Institution nun etwas Zeit gebe, um die Auswirkungen der vergangenen Zinserhöhungen auf die Wirtschaft zu analysieren. In der Eurozone ließ die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen nach zehn aufeinanderfolgenden Erhöhungen unverändert. Der Refinanzierungssatz liegt somit unverändert bei 4,5 Prozent. Präsidentin Christine Lagarde deutete an, dass die Geldpolitik von den veröffentlichten Daten abhängen würde. Gleichzeitig unterstrich sie jedoch, dass der in den vergangenen Monaten eingesetzte Trend rückläufiger Inflation etwas Spielraum bietet, um eine Pause einzulegen.

Endfälligkeitsrendite der zehnjährigen US Treasury Note auf höchstem Stand seit 2007
Aufgrund der anhaltenden wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit zogen im Oktober die Endfälligkeitsrenditen an den Anleihemärkten in den USA vor allem zu Beginn des Monats und bei den längeren Laufzeiten weiter an. So stieg die Endfälligkeitsrendite der zehnjährigen US Treasury Note auf den höchsten Stand seit 2007. In der Eurozone fielen die Bewegungen an den Märkten viel geringer aus.

Rückgang der Aktienkurse im Oktober
Insgesamt gingen die meisten Aktienkurse im Oktober zurück, da sie durch den Anstieg der langfristigen US-Zinsen, den Ausbruch des Krieges zwischen Israel und der Hamas und eine enttäuschende Berichtssaison beeinträchtigt wurden. So fiel der in Euro ausgedrückte Weltaktienindex MSCI All Country World Index Net Total Return im Monatsverlauf um 2,9 Prozent. Auf regionaler Ebene fiel der S&P 500 in den USA um 2,2 Prozent (in USD), der Stoxx 600 in Europa um 3,7 Prozent (in EUR), der Topix in Japan um 3,0 Prozent (in JPY) und der MSCI Emerging Markets Index um 3,9 Prozent (in USD). „Auf Sektorenebene waren die Versorger der einzige Sektor, der sich leicht positiv entwickelte, während der diskretionäre Konsum, die Industrie, die Energie und das Gesundheitswesen die größten Rückgänge hinnehmen mussten“, sagt Guy Wagner abschließend.

Das Austro-Ertragsportfolio

Unternehmensanleihen und Dividendentitel ermöglichen Renditen von mehr als 4 %.

Michael Kordovsky. Wenn bereits der sogenannte „risikolose Zins“ hierzulande auf ein Jahr Laufzeit bei 3,5 % liegt, dürfen Anleger schon höhere Ansprüche an die Verzinsung von Unternehmensanleihen und die Dividendenrendite von Aktien stellen.

Als Emittent interessant ist Wienerberger, deren Rating von Moody‘s heuer im März auf Investmentgrade (Baa3) angehoben wurde. Die Relation Nettoverschuldung zu Ebitda lag Ende 2022 nur noch bei 1,1. Interessant erscheint die bis 4. Oktober 2028 laufende „Sustainability-Linked Anleihe 2023“ mit einem Kupon von 4,875 % und der ISIN AT0000A37249. Die Performance der Anleihe ist mit dem Erreichen folgender ESG-Ziele verbunden: Erstens mit der Senkung der Intensität der Treibhausgasemissionen gegenüber 2020 um 25 %, und zweitens mit dem Erreichen von 75 % Umsatz aus Bauprodukten, die zu Netto-Null-Gebäuden beitragen. Wird das erste Ziel verfehlt, erhöht sich der Kupon um 25 Basispunkte, bei Verfehlung des zweiten um 50 Basispunkte, und wenn beide nicht erreicht werden, dann um 75 Basispunkte (0,75 %-Punkte). Per 3.11. liegt die Rendite bis Laufzeitende bei 4,447 %. Eine weitere Schuldverschreibung von Wienerberger mit Fälligkeit 4.6.2025 (Kupon von 2,75 % und ISIN AT0000A2GLA0) wirft eine etwas höhere Rendite (bis Laufzeitende) von 4,887 % ab.

Ein günstiges Chancen-Risiko-Verhältnis weist die „Pierer Industrie 2,5% Anleihe 20-28“ (AT0000 A2JSQ5) mit Fälligkeit 22.4.2028 auf. Auf Basis eines Kurses von 91,5 % liegt die Rendite bis Laufzeitende bei 4,649 %. Marken wie KTM, Husqvarna und GasGas sowie Komponenten für den Motorsport (Pankl) sind ein gutes Geschäftsfeld und die für 2023 erwartete Ebit-Marge liegt bei 8 bis 10 %.

Ein solides Investment ist auch eine Unternehmensanleihe der Voestalpine (Kupon: 1,75 %, Laufzeit bis 10.4.2026 und ISIN AT0000 A27LQ1), deren Rendite bis Laufzeitende bei einem Berechnungskurs von 94,59 % bei 4,136 % liegt.

Saftige Dividendenrenditen
Dividenden müssen nachhaltig finanzierbar sein, weshalb sich Anleger an regulären Ausschüttungen in der Vergangenheit orientieren sollen. Unter diesen Aspekten ein Klassiker unter den soliden Dividendenzahlern ist die Post, deren Standbein Bank99 langfristig für Ertragszuwachs sorgen sollte. Im ersten Halbjahr 2023 konnten Umsatz und Ebit um jeweils 6,0 bzw. 4,6 % gesteigert werden. Ausgehend von gleichbleibender Dividende in Höhe von 1,75 Euro/Aktie liegt bei einem Kurs von 30,55 Euro die Dividendenrendite bei 5,73 %.

Der Versicherungskonzern VIG schüttet sogar seit 1994 jedes Jahr ununterbrochen Dividenden aus. Auf Basis der jüngsten Dividendenausschüttung und eines Kurses von 25,55 Euro liegt die Dividendenrendite bei 5,09 %. Ein Geheimtipp unter den Dividendentiteln ist die Bawag, die in den ersten neun Monaten 2023 ihre operativen Kernerträge um 16 % auf 1.143 Millionen Euro steigern konnte, während das Ergebnis pro Aktie um 45 % auf

6,13 Euro stieg. Im Gesamtjahr erwartet das Institut mindestens einen Gewinn pro Aktie von 8,20 Euro und eine Dividendenausschüttung von 4,50 Euro pro Aktie. Bei einem Kurs von 43,14 Euro wäre es eine Dividendenrendite von 10,4 %. Selbst bei gleichbleibenden 3,70 würden es noch 8,6 % sein.

Zu einem ertragreichen Dividendenzahler entwickelte sich die Strabag, bei der für die kommenden Jahre ein Dividendenlevel von 2 Euro pro Aktie realistisch erscheint woraus bei einem Kurs von 38,35 Euro eine Dividendenrendite von 5,19 % resultiert.

Foto: AdobeStock / Negro Elkha

 

 

Haben wir die Inflation im Griff?

Erhöhte Chancen auf Zinserleichterungen im Jahr 2024.

Michael Kordovsky. Der US-Dienstleistungssektor ist nahe der Stagnation, während sich die Produktionswirtschaft in den Staaten langsam auf niedrigem Niveau stabilisiert. Mittlerweile kühlt sich der US-Arbeitsmarkt ab: Nach zwei Monaten mit einem Level von 3,8 % stieg die Arbeitslosenquote marginal weiter auf 3,9 %. Indessen verlangsamte sich im Oktober der Stellenaufbau außerhalb der Landwirtschaft gegenüber einem Monatsschnitt von 258.000 neuen Jobs auf 150.000 – so die Fakten.

Von September auf Oktober war die Jahressteigerung der Stundenlöhne (Privatwirtschaft ex Agrar) von 4,3 auf 4,1 % rückläufig. Noch im Oktober 2022 lag die Jahressteigerung bei 5,0 %. Im September verharrte die Headline-Inflation auf 3,7 %, während die Kerninflation (Inflation ex Energie und Nahrungsmittel) von August auf September von 4,3 auf 4,1 % zurückging. Die von der Fed genau beobachtete Teuerung persönlicher Konsumausgaben (PCE-Inflation) verharrte im September bereits den dritten Monat in Folge auf 3,4 %, während die PCE-Kerninflation von August auf September von 3,8 auf 3,7 % rückläufig war.

Dem steht ein Stabilitätsziel der Fed mit einer Inflationsrate von 2 % gegenüber. Mittlerweile weist die Fed Fund Rate mit 5,25 bis 5,50 % ein positives Realniveau auf. Die aktuelle Gemengelage veranlasste die Fed am 1. November zu einer weiteren Leitzinsanhebungspause. Die letzte Leitzinsanhebung fand am 26. Juli 2023 statt.

Futures preisen Zinssenkungen ein
Zwar sind Zinssenkungen noch nicht spruchreif, aber die Fed führt einen Balanceakt zwischen Inflationsbekämpfung und der Rücksichtnahme auf eine schwächelnde Konjunktur durch. Die US-Wirtschaft ist allerdings stärker als jene der Eurozone und Fed-Chef Jerome Powell nennt ihren Zustand sogar „überraschend robust“. Das BIP wuchs im dritten Quartal im Vergleich zum Vorquartal auf das Jahr hochgerechnet um 4,9 %. Das ist der stärkste Zuwachs seit dem vierten Quartal 2021. Eine zu starke Konjunktur birgt in sich erneute Inflationsrisiken, weshalb am Terminmarkt die Renditen zehnjähriger US-Treasuries zwischenzeit-lich fast 5 % erreichten, ehe bis 3. November eine massive Korrektur auf 4,544 % folgte.

Gemäß dem aus Futures-Preisen abgeleiteten „CME Fed Watch Tool“ sind mittlerweile weitere Leitzinsanhebungen unwahrscheinlich und bereits für die Fed-Sitzung am 12. Juni 2024 preisen die Märkte die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung (auf 5 bis 5,25 % oder darunter) mit 67 % ein. Die höchste Wahrscheinlichkeit fällt auf ein Leitzinsniveau von 5 bis 5,25 %.

Starker Inflationsrückgang spricht für Leitzinspeak
Ebenfalls rückläufige Leitzinsen werden im Euroraum eingepreist. Im Sommer 2024 könnte die EZB damit beginnen und bis Herbst 2025 wären laut aktuellen Markteinschätzungen im Hauptrefinanzierungssatz (derzeit 4,50 %) Rückgänge bis 3 % möglich. Doch geopolitische Faktoren (z. B. ein Ölpreisschock) sollten nicht außer Acht gelassen werden.

Rein volkswirtschaftlich betrachtet könnte nach jüngsten Inflationszahlen das Leitzinsniveau bereits den Peak erreicht haben: Noch im August lag die Teuerung des HVPI im Euroraum bei 5,2 %. Im September folgte ein starker Rückgang auf 4,3 %, gefolgt von einem regelrechten Paukenschlag im Oktober: Die Jahresteuerung verlangsamte sich auf 2,9 %. Mittlerweile verzeichnen infolge von Basiseffekten bereits zwei Euroländer rückläufige Verbraucherpreise im Oktober, nämlich Belgien (-1,7 %) und die Niederlande (-1,0 %). Die im HVPI mit 10,23 % gewichtete Energiepreiskomponente beschleunigte gegenüber dem Vormonat ihre rückläufige Jahresveränderung von -4,6 auf -11,1 %.

Energieversorger haben nämlich bereits mit Preissenkungen begonnen. Doch auch die Teuerung von Industriegütern ohne Energie entwickelte sich von 4,1 auf 3,5 % rückläufig, und die einst von der EZB kritisch beäugte Kerninflation (Teuerung des HVPI ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak) war von September auf Oktober von 4,5 auf 4,2 % rückläufig.

Die weitere Vorgangsweise publizierte die EZB am 26. Oktober (EZB-Ratssitzung) mit folgendem O-Ton: „Der EZB-Rat ist entschlossen, für eine zeitnahe Rückkehr der Inflation zum mittelfristigen Ziel von 2 % zu sorgen. Auf Grundlage seiner aktuellen Beurteilung ist der EZB-Rat der Auffassung, dass sich die EZB-Leitzinsen auf einem Niveau befinden, das – wenn es lange genug aufrechterhalten wird – einen erheblichen Beitrag zu diesem Ziel leisten wird. Die zukünftigen Beschlüsse des EZB-Rats werden dafür sorgen, dass die Leitzinsen so lange wie erforderlich auf ein ausreichend restriktives Niveau festgelegt werden. Bei der Festlegung der angemessenen Höhe und Dauer des restriktiven Niveaus wird der EZB-Rat auch künftig einen datengestützten Ansatz verfolgen.“

Was dabei zählt, ist die Einschätzung der Inflationsaussichten vor dem Hintergrund aktueller Wirtschafts- und Finanzdaten, die Inflationsentwicklung und die Wirkung jüngster geldpolitischer Beschlüsse.

Fazit
Eine längere Zinsanhebungspause und ab Sommer 2024 erste Leitzinssenkungen in den USA und im Euroraum erscheinen rein volkswirtschaftlich betrachtet aktuell plausibel. Doch geopolitische Verzerrungen und eine zu starke US-Konjunktur sowie Konjunkturprogramme in China könnten andere Szenarien einleiten.

Foto: AdobeStock / K.-U. Häßler

 

 

Aufholjagd in den Schwellenländern

Günstige Bewertungen, ein hohes Wachstum: Einiges spricht für Aktien aus den Emerging Markets.

Raja Korinek. Die jüngsten Schlagzeilen aus den Schwellenländern drehen sich fast ausschließlich um die Entwicklungen in China. Tatsächlich war der fulminante Aufschwung ausgeblieben, auf den viele Marktbeobachter nach dem Ende der strengen Lockdowns zu Jahresbeginn gehofft hatten. Ende Oktober wurde beispielsweise der neue Einkaufsmanagerindex veröffentlicht, der einmal mehr wieder unter die Schwelle von 50 gerutscht war. Dies deutet auf eine Kontraktion der Wirtschaft hin. Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst CMC Markets, meint, „die Zweifel an der Stärke der chinesischen Wirtschaftserholung bekommen wieder Aufwind. China entwickelt sich klammheimlich zum kranken Mann Asiens“.

China-Aktien belasten
Freilich, die Schwäche des Landes lastet auch auf den Aktien aus dem Reich der Mitte – und somit auf den MSCI Emerging Markets, da chinesische Aktien darin besonders hoch gewichtet sind. Allein seit Jahresbeginn bis Ende Oktober lag die Wertentwicklung bei -2,14 %. Im Vergleich dazu legte der MSCI World Index, der Aktien aus den Industrieländern umfasst, um 7,88 % zu. Auch das KGV ist mit 13,52 am MSCI Emerging Markets weitaus günstiger. Die Kennzahl hat am MSCI World Index 18,73 erreicht.

Doch dieser Rückstand werde sich voraussichtlich verringern, angetrieben durch ein höheres Wachstum beim Gewinn je Aktie, die höhere Rentabilität der Anlageklasse und das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern, zeigt James Donald, Leiter der Emerging Markets-Plattform von Lazard Asset Management, auf. Donald verweist auf aktuelle Analystenschätzungen, denen zufolge der Gewinn je Aktie im kommenden Jahr im Schnitt um 19 % wachsen dürfte, damit um 9 %-Punkte mehr als bei Aktien aus den Industrieländern.

Auch beim Wirtschaftswachstum dürften die Regionen die Nase vorne haben. Laut dem Internationalen Währungsfonds dürften 2024 die Emerging Markets um 4 % wachsen, die Industrienationen um 1,4 %.

Attraktive Renditechancen
Angesichts all solcher Prognosen meint der Lazard-Experte, dass Schwellenlandaktien in den kommenden Jahren sehr attraktive Renditen abwerfen dürften. „Gepaart mit der aktuellen Unterbewertung der Assetklasse bieten Schwellenländeraktien eine hochprofitable Anlagemöglichkeit.“ Dabei ist das Universum breit gefasst. Bei der Kathrein Privatbank setzt Harald Holzer, Chief Investment Officer und Vorstandsmitglied, auf eine klare Strategie: „Wir lassen von China explizit die Hände. Die Governance dort lässt zu wünschen übrig. Zudem sind die politischen Risiken und deren Auswirkungen auf den Aktienmarkt schwer einzuschätzen.“

Im Private Banking greift man deshalb zum „Lyxor MSCI Emerging Markets Ex China“ (ISIN: LU2009202107). Darin sind indische Aktien mit knapp mehr als 22 % gewichtet, gefolgt von Aktien aus Taiwan und Südkorea. Die IT-Branche und das Finanzwesen sind größte Branchen und werden etwa mit TSMC (US8740391003), Samsung Electronics (US7960502018) und Reliance Industries (US7594701077) abgedeckt.

Breite Streuung nutzen
Unter den aktiv verwalteten Fonds kann sich langfristig der „BlackRock Global Funds – Emerging Markets Equity Income Fund“ (LU0653880228) gut behaupten. Das jährliche Plus auf zehn Jahre liegt laut Morningstar bei rund 5,35 %. China, Indien und Taiwan sind regional am höchsten gewichtet. Größte Positionen sind nebst den ersteren zwei genannten Aktien Alibaba Group (US01609W1027) und HDFC Bank (US40415F1012).

Foto: AdobeStock / Sunnydays

 

 

Im Technologiesektor bestehen noch Wachstumschancen

Ein Kommentar von Geir Lode, Head of Global Equities at Federated Hermes Limited.

(27.10.) „Die Ernüchterung bezüglich der Ertragszahlen von Google Cloud sowie höhere Zinssätze haben die Aktienmärkte geschwächt. Die höheren Zinssätze haben begonnen zu wirken und deuten auf eine bevorstehende Rezession hin. Die Berichtssaison ließ bisher stark zu wünschen übrig, da die typischerweise konjunktursensiblen Aktien, die sich in einem schwierigen Umfeld gut gehalten haben, unter dem Druck zu leiden beginnen. Gute Ergebnisse reichen für diese konjunktursensiblen Aktien nicht mehr aus, um an Fahrt zu gewinnen, denn die Anleger sind besorgt angesichts eines schwächeren makroökonomischen Umfelds.

Die schwachen Cloud-Geschäftszahlen von Alphabet sind auf den Kostendruck zurückzuführen, und diejenigen, die immer noch stark auf Cloud-Aktien setzen, werden eine Kaufgelegenheit für die noch ausstehenden Veröffentlichungen sehen. Die bessere Performance von Microsoft zeigt, dass im Technologiesektor noch Wachstumschancen bestehen.

Eine milde Rezession könnte den Aktienmärkten zugutekommen, da eine sich verlangsamende Wirtschaft in der makroökonomischen Betrachtung den Impuls für eine Senkung der Zinssätze verstärken wird, auch wenn der Zeitplan für etwaige Zinssenkungen wahrscheinlich erst Mitte bis Ende 2024 liegen dürfte.“

Wachsende Macht der Staatsfonds

Ihr langfristiger Anlagehorizont hat eine Pufferfunktion an den Märkten.

Roman Steinbauer. Das unbändige Wachstum der Staatsfonds führt zu einem gewichtigen Einfluss an den internationalen Handelsplätzen. Die verwalteten Vermögenswerte der weltweiten Akteure wirken anhand der Zahlen der letzten Jänner-Erhebung des Datenportals Statista beeindruckend. Demnach führte die Liste der größten Vorsorgetöpfe die China Investment Corporation mit umgerechnet 1,26 Billionen Euro vor dem Staatsfonds Norwegens („Oljefondet“) mit 1,08 Billionen Euro an. Dahinter folgen Abu Dhabi Investment mit 747 Milliarden Euro, Kuwait Investment mit 699 Milliarden Euro, die GIC Private Limited aus Singapur mit 652 Milliarden Euro sowie der saudische Public Investment Fund (575 Milliarden Euro). Das jährliche Wachstum lag zuletzt insgesamt bei durchschnittlich 6 %. Neben Aktien, Anleihen oder dem Immobilien-Markt steht es den Management-Teams teils offen, Anteile an Alternativen Investments, Hedge-Fonds oder Private-Equity-Fonds zu erwerben.

Norwegens Staatsfonds weist die höchste Transparenz auf. Die strategische Ausrichtung und die Leitung gibt das Finanzministerium in Oslo vor. Die durch öffentliche Anteile am Export der Öl- und Gasindustrie generierten Reserven werden durch nationale und globale Investments für künftige Generationen der 5,4 Millionen Einwohner gespeist. Ausländische Kapitalanlagen administriert die Abteilung des Government Pension Fund Global (GPFG).

Die 1959 in Michigan gegründete Akademie für Internationale Wirtschaft (AIB; mit 3.400 Mitgliedern in 90 Staaten) veröffentlichte als Herausgeberin des „Journal of International Business Policy“ im April eine Publikation über den Einfluss der Staatsfonds auf die Finanzmärkte. Demnach wurde das Volumen aller verwalteten Bestände der Sovereign Wealth Funds (SWF) mit 10,87 Billionen Euro beziffert. Die bedeutendsten der 176 definierten Institutionen werden aus nicht-westlichen Ländern durch Rohstoffeinnahmen (Ausnahme China) gespeist. Die AIB bestätigt zwar den positiven Kurzfrist-Einfluss auf Aktienkurse durch Kauf-Ankündigungen der Fonds in Zielunternehmen, dieser werde aber gegenüber von Käufen durch Privat-Investoren signifikant überschätzt.

In der Analyse überrascht die Kategorie-Einteilung zu Handelsentscheidungen des Managements, die gegenüber anderen Parametern dominiert. So hoben die Autoren drei favorisierte Methoden heraus: Die Stabilisierungs-Strategie (salopp als „rainy day funds“ bezeichnet). In diesem Fall, in dem Aktien und Anleihen bis zu 90 % der Portfolio-Investitionen ausmachen, werden Markt-Schocks zu Käufen genutzt. Folgend die Sicherheitsstrategie „future generations funds“, bei der Festzinsanlagen für Jahrzehnte überwiegen, aber rund ein Fünftel des Volumens auf Titel der Privatwirtschaft abzielt. Schließlich der Entwicklungs- oder „development stratetic funds“. Diese Schiene hat die Stimulation der inländischen Wirtschaft durch den Anteilserwerb an vielversprechenden Unternehmen – aber auch zur Liquiditätsbereitstellung für speziell ausgerichtete Förderbanken – zum Ziel.

Im Juni veröffentlichte der Weltwährungsfonds (IMF) ein Arbeitspapier der Autoren Ali Al Sadiq und Diego Alejandro Gutierrez. Demnach habe sich die Volatilität der Fiskalpolitik als auch der Rohstoffe seit dem Jahr 1980 bis 2020 durch den Ansatz von Stabilisierungs-SWFs verringert. Durch die Langfrist-Perspektive und das teils antizyklische Agieren der Staatsfonds wirkt deren Einfluss daher als glättend oder als „Pufferung“ zu panischem Verhalten an den Börsen.

Foto: Adobe Stock Pankow

 

 

Schwerpunktsetzung mit Basket-Produkten

Eine Themen- oder Regionen-Auswahl kann einem Abwärtssog trotzen.

Roman Steinbauer. Die Finanzmärkte zeigen sich von ihrer launischen Seite. Dabei akzentuierte sich ein abwärts gerichteter Trend. Die Risiko-Aversion steigt auf breiter Front. Wieder einmal gewinnt die Weisheit, die Aktienauswahl einer breiten Streuung zu unterziehen, an Gewicht. Dennoch ist die Sache auch hiermit nicht einfach. Selbst mit einer umfangreichen Mischung an Wertpapieren gerieten Anleger seit 18 Monaten oft universal unter die Räder. So drückte das scharf gestiegene Zinsniveau nicht nur das weite Spektrum des Rentenmarktes insgesamt in die Knie. Ausgenommen weniger Segmente steht unterdessen ein Großteil der diversen Aktienkategorien unter dem Niveau des 1. Jänner.

Von Fernost-Börsen bis zum Wein
Setzen Anleger mit Überzeugung auf Trends oder Themen und mittels einer einfachen Weise auf eine Sonder-Rendite, kommen Basket-Zertifikate ins Spiel. Bieten doch Emittenten in vielfacher Hinsicht „Aktienkörbe“ (Baskets) an. Zumeist werden dabei Gesellschaften mit der stärksten Marktstellung innerhalb einer Branche, eines Sektors oder einer Region einbezogen. Da sich ein Anlagetrend oft über einige Jahre etabliert, ist es bei einer einsetzenden positiven Entwicklung ratsam, gewählte Produkte einige Jahre laufen zu lassen. So offeriert die BNP Paribas etwa ein Open-End-Zertifikat auf die BRIC-Indizes (Brasilien, Russland, Indien, China; ISIN: NL0000463487). Die RBI bietet unter anderem unter der Bezeichnung „East Basket Takeover“ (RCB000000104) eine Variante, um auf etablierte osteuropäische Werte (inklusive der Türkei) zu setzen. Die Société Générale wartet wiederum etwa mit entsprechenden Wertpapieren zur Sicherheitsbranche (SGI Global Security Index CNTR; DE000SV4C6D7) oder zur Abfallwirtschaft (SGI Global Waste Management Index CNTR; DE000SQ7VXM7) auf. Um an ein Aktien-Comeback der Wasserstoffpioniere zu glauben, ist es möglich, den „Solactive World Hydrogen Index Basket“ (DE000SL0BBN3) ins Depot zu holen. Die RBI hat zudem spezielle Ausrichtungen wie einen „Open End Wein Basket“ im Angebot, der Aktien prominenter Hersteller von alkoholischen Getränke umfasst.

Beachtung der Bedingungen angebracht
In jedem Fall ist auch bei Basket-Zertifikaten eine genaue Beleuchtung der Ausschlüsse, Limits oder prozentueller Auslöseeffekte des jeweiligen Anlageinstruments sinnvoll. Verstärkt werden seitens der Emittenten wieder Produkte angepriesen, die das Schlagwort „Kapitalschutz“ in den Vordergrund stellen. Von einem Aufwärtstrend zu profitieren und bei fragiler Börsenlage vor Verlusten abgesichert zu sein – ein Wunsch, der ohne Haken kaum erfüllbar ist. Oft ist bei derartigen Titulierungen eine Partizipation bei deutlich steigenden Notizen gedeckelt, ebenso gilt des Öfteren der Kapitalschutz nur bis zu einem definierten Abschlag eines adäquaten Referenz-Index. Versicherer (vermehrt auch in der Vermögensverwaltung aktiv) offerieren mitunter Vorteile wie einen gekoppelten Bonus (z. B. eine Todesfallrisiko-Police).

Eine Position für ein Universum
An der Wertentwicklung eines Anlagesegments zu partizipieren, ohne Einzel-Aktien selbst beobachten und erwerben zu müssen, stellt eine bequeme Handhabung für Anleger dar. Dividenden zu generieren und kein Emittentenrisiko zu tragen, spricht hingegen klar für der Erwerb der Einzelaktien. Anleger mit passivem Börse-Verhalten, Zeitmangel, einer Unlust, sich mit dem Geschehen zu singulären Unternehmen zu beschäftigen, dem Wunsch nach geringem Administrationsaufwand, kommen wiederum Basket-Zertifikate entgegen. Im Unterschied zu Themen-Fonds sind hier die Kosten geringer, allerdings entfällt ein aktiv agierendes Management.

Foto: AdobeStock / Andrey Burmakin

 

 

Die Kleinen kommen!

Small- und Mid-Caps für Zertifikate-Investoren.

Harald Kolerus. Am Anfang steht die übergeordnete Frage, wie sich der Zertifikate-Markt im heurigen zweiten Halbjahr bisher entwickelt hat. Die Antwort gibt Heiko Geiger, Fachmann auf dem Gebiet bei Vontobel: „Das Volumen entwickelt sich besser als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Auch heuer gab es zwar einen Einbruch, aber die Erholung ist seit Juni zu beobachten. 2022 war das zweite Halbjahr schwächer.“

Den Hebel angesetzt
Weiters sieht der Experte einen „zweigeteilten“ Markt: „Hebelprodukte dominieren die Nachfrage, bei Anlage-Zertifikaten ist sie geringer.“ Geiger findet das eigentlich etwas schade, weil derzeit ein perfektes Umfeld für Bonus-Zertifikate und Aktien-Anleihen herrsche: „Es wäre jetzt recht komfortabel, die beiden letztgenannten Produktgruppen sechs bis zwölf Monate einfach zu halten. Der Abstand zur Barriere liegt im Schnitt bei 30 bis 35 %, und die Kupons sind aufgrund der gestiegenen Volatilität und hoher Zinsen attraktiv.“ Dennoch geht der Trend aktuell weiter zu Hebelprodukten, eigentlich konträr zur Anlagelogik – aber der Markt hat bekanntlich immer recht.

„Erschöpfte“ Blue Chips
Geiger beobachtet einen weiteren Trend, der allerdings sehr leicht nachvollziehbar ist: Anleger greifen via Zertifikaten vermehrt zu kleineren und mittleren Aktien; Blue Chips (eine Ausnahme bilden die führenden US-Technologiewerte wie Amazon, Alphabet usw.) rücken etwas in den Hintergrund. Warum? Großkapitalisierte Titel erscheinen „ausgeschöpft“, die Blue-Chips-Indizes treten auf der Stelle. Somit kommen Small- und Mid-Caps ins Spiel. Geiger: „Studien kommen zu dem Schluss, dass kleinere AGs wegen ihrem Hang zu stärkerer Volatilität zwar ein höheres Risiko bergen als die Schwergewichte, dafür werfen sie langfristig gesehen aber eine bessere Rendite ab.“ Vontobel trägt diesem Phänomen Rechnung und hat das „Open-End Partizipationszertifikat auf den Solactive Germany Small and Mid Cap Growth Index“ aufgelegt (ISIN: DE000VM0RCF7). Im Fokus stehen hier die Top-20 unter den deutschen Nebenwerten.

Blick in die Bilanz
Herausgefiltert werden jene Unternehmen, die kombiniert möglichst hohe Rentabilität sowie starkes Umsatz- und Gewinnwachstum aufweisen. Dabei werden für alle deutschen Small- und Mid-Caps (ein beträchtliches Anlageuniversum) verschiedene fundamentale Kennzahlen ermittelt, eingeordnet in die übergeordneten Bereiche „Quality“ und „Value Growth“. Der Filterungsprozess wird halbjährlich wiederholt, damit die Bestenliste up-to-date bleibt. Geiger fügt hinzu: „So wird ein breit diversifiziertes Portfolio erstellt, das Klumpenrisken vorbeugt. Der Anleger erhält mit einem Kauf Beteiligungen an 20 Aktien, das ist kosteneffizient und erspart dem Investor zusätzlich die mühsame Analyse und Auswahl.“

Echt bio!
Zum Abschluss noch ein Blick zu einem anderen spannenden Thema unserer Zeit: Biodiversität. Denn der Verlust von Arten, Ökosystemen und genetischer Vielfalt ist eine generationenübergreifende und globale Bedrohung. Die UNO schätzt, dass etwa eine Million (!) Tier- und Pflanzenarten vor dem Aussterben stehen, sofern keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. Hier kommt das „Strategie-Zertifikat auf den Vontobel Biodiversity Strategy Index“ ins Spiel (DE000VU8N9X8).

Neben fundamentalen Kennzahlen ist für die Auswahl entscheidend, dass die in den Index aufgenommenen Unternehmen gegen den Verlust von Biodiversität ankämpfen. Letztlich landen 30 Aktien im Portfolio, wobei die Zusammensetzung fortwährend angepasst werden kann.

Foto: Vontobel

 

 

Die Welt in Unruhe

Auf der Suche nach Stabilität in stürmischen Zeiten. Von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE.

(24.10.) Die zahlreichen diplomatischen Flüge nach und aus Tel Aviv tragen bisher nicht zur Beschwichtigung der aktuellen Auseinandersetzungen in der Region bei. Aus den endlosen Abstimmungen in Washington ist noch immer kein neuer Vorsitzender des Repräsentantenhauses hervorgegangen, obwohl drängende Fragen auf der Tagesordnung stehen. Auf dem Gipfeltreffen zur Initiative „neue Seidenstraße“ in Peking tritt Wladimir Putin kühn an der Seite von Xi Jinping auf. Seine Haltung zeigt deutliche Skepsis gegenüber dem internationalen Gerichtshof – der so „international“ ist, dass China und Russland ihn nicht anerkennen.

Diese wenigen Momentaufnahmen veranschaulichen exemplarisch, wie stark zerrüttet die Welt gerade ist. Diese Spaltung ist nicht nur zwischen Demokratien und autoritären Staaten zu beobachten, sondern auch innerhalb der demokratischen Länder: zwischen unter anderem liberalen und anti-liberalen, zwischen Demokraten und Republikanern, zwischen „pro-ESG“- und „contra-ESG“-Positionen.

Stabilität in turbulenten Zeiten: Zentralbanken und Unternehmen im Blickfeld
Dennoch funktionieren mehrere wesentliche Institutionen nach wie vor sehr gut. Das gilt für viele Unternehmen, Verbände und nicht zuletzt für die Zentralbanken.

Bei den Unternehmen zeigt die beginnende Berichtssaison erneut, dass sich einige von ihnen in ausgezeichneter Verfassung befinden. So verzeichnet Netflix beispielsweise einen stärkeren Zuwachs von Abonnenten als erwartet – und das trotz erheblicher Preiserhöhungen und Anmelderestriktionen. Novo Nordisk feiert bemerkenswerte Erfolge mit seinen Medikamenten gegen Diabetes. Der Aktienkurs des Unternehmens legte in diesem Jahr um fast 50 % zu. Ein vergleichbarer Fall im selben Sektor findet sich auch in den USA mit Eli Lily & Co, die über einen Zeitraum von fünf Jahren ein jährliches Wachstum von 40 % verzeichnen konnten.

Auch bei den Zentralbanken lassen sich zahlreiche Beispiele finden, die für einen reibungslosen Ablauf sprechen. Sie achten sehr aufmerksam auf die Inflationsdaten und reagieren mit Fingerspitzengefühl auf wirtschaftliche Wendungen – nicht überstürzt und nicht zögerlich. So hat die Bank of England entgegen allen Erwartungen eine erneute Zinsanhebung vermieden. Sie war der Auffassung, dass die Inflation mittelfristig einen eher stabilen Kurs einschlagen werde, auch wenn kurzfristig noch Sprünge zu befürchten seien. Die US-Notenbank schlug hingegen mit der Feststellung, dass sich der Arbeitsmarkt immer noch in einem äußerst angespannten Zustand befinde, einen härteren Tonfall an – allerdings ohne erneut strenge Maßnahmen zu ergreifen. Selbst die türkische Zentralbank hat aus ihren gescheiterten Versuchen, die Inflation im Zaum zu halten, Lehren gezogen und ihre Leitzinsen drastisch erhöht. Damit vollzog sie eine Kehrtwende nach Jahren unorthodoxer und zugleich erfolgloser Geldpolitik.

Zentralbanken sind gewiss nicht immun gegen Irrtümer und müssen zuweilen Krisen bekämpfen, die sie selbst ausgelöst haben. Dies gilt beispielsweise für das Ausschütten übermäßiger Liquidität während der Coronazeit, mit der sich zum Teil die Inflation erklären lässt, wobei hier die Staaten mitverantwortlich sind. Dennoch zeigt die Geschichte, dass man den Währungshütern insgesamt ein hohes Maß an Zuverlässigkeit sowie die Fähigkeit, ihre eigenen Irrtümer zu korrigieren, zugutehalten kann. Im Falle einer sich abzeichnenden neuen systemischen Krise, ist davon auszugehen, dass sie effizient dagegen vorgehen werden und sie eindämmen, indem sie trotz weltweiter Konflikte die ordnungsgemäße Funktionalität des Finanzsystems sicherstellen. So würden sie letztendlich die Liquidität der wichtigsten Institutionen und zum Teil sogar deren Zahlungsfähigkeit sicherstellen.

Krisen als Korrekturmechanismus und Antrieb für Veränderungen
Das bedeutet nicht, dass alle Krisen ausgelöscht werden müssen. Einige von ihnen korrigieren kontraproduktive Entwicklungen. So werden die hohen Zinsen automatisch die Zahl der Insolvenzen hoch verschuldeter Unternehmen erhöhen, deren Geschäftsmodell ohnehin nicht solide war. Die damit verbundenen Schwierigkeiten, zu denen leider auch soziale gehören, werden Chancen für andere Akteure eröffnen. Dieselbe Anpassung wird bei Immobilien erfolgen, die aufgrund niedriger Zinsen einen beispiellosen Anteil der Ersparnisse gebunden haben, was zulasten produktiver Investitionen ging.

Umbrüche, Neugestaltungen und unablässiger Wettbewerb sind wesentliche Bestandteile der Menschheit. Auch wenn die Welt heute besonders zerrissen erscheinen mag: Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dies zum einen schon immer der Fall war. Zum anderen waren bestimmte Institutionen immer hinreichend funktionsfähig und haben dazu beitragen, einige weltweite Herausforderungen zu überwinden.

Defensiv mit dem Gesundheitssektor

Turbulenzen ruhiger durchtauchen und langfristige Perspektiven nützen.

Raja Korinek. Die Turbulenzen auf den Aktienmärkten nehmen angesichts der wachsenden geopolitischen Spannungen zu. So werden derzeit insbesondere die Entwicklungen im Nahen Osten mit großer Sorge beobachtet. Zu allem Überfluss stellte US-Notenbankchef Jerome Powell Ende vergangener Woche klar, dass weitere Zinsanhebungen nicht ausgeschlossen werden können. Er meint, dass die Inflation noch immer zu hoch sei. Sie lag für den Monat September in den USA bei 3,7 % im Vergleich zum Vorjahreswert.

Powells mahnende Worte hinterließen weitere Spuren auf den Märkten. Vor allem die US-Technologiebörse Nasdaq verlor danach an Wert. Gerade junge Wachstumsunternehmen, die sich mit reichlich Fremdkapital finanzieren, leiden unter höheren Zinsen.

Defensive Gesundheit
Umso mehr könnte sich der Blick auf den Gesundheitssektor lohnen, findet Andy Acker, Fondsmanager des „Janus Henderson Global Life Sciences Fund“ (ISIN: IE0009355771). Der Sektor habe in der Vergangenheit seine defensiven Eigenschaften in turbulenten Zeiten bewiesen, betont Acker im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Denn selbst während eines Abschwungs brauchen Menschen Medikamente und Therapien. Somit bleibe die Nachfrage robust.

Obendrein sieht Acker langfristige Wachstumstreiber für den Gesundheitssektor. „Der Wohlstand steigt in den Schwellenländern, so etwa in den großen Wirtschaftsregionen China und Indien, wo derzeit rund ein Drittel der Weltbevölkerung lebt. Damit geben die Menschen auch zunehmend mehr Geld für ihre Gesundheit aus.“ Obendrein altert die Weltbevölkerung und beansprucht damit immer mehr Therapien. „Menschen über 65 geben rund dreimal soviel für die Gesundheit aus, als der Rest der Bevölkerung“, konstatiert der Janus Henderson-Experte.

Reichlich Innovationen
Zugleich wächst die Zahl der Innovationen kräftig an. Acker verweist in diesem Zusammenhang auf eine Rekordzahl neu zugelassener Medikamente und verdeutlicht die Entwicklung mit Zahlen der US-Gesundheitsbehörde: Demnach wurden zwischen 2003 und 2007 insgesamt 123 neue Medikamente zugelassen. Zwischen den Jahren 2018 und 2022 schnellte die Zahl auf beinahe 250 Medikamente hinauf.

Doch damit ist längst nicht Schluss. Acker meint, dass auch die Zahl der sogenannten „Blockbuster-Arzneien“, mit denen sich folglich ein jährlicher Umsatz von zumindest 1 Milliarde USD erzielen lässt, kräftig ansteigt. Im Jahr 2000 gab es lediglich zwei Blockbuster. Inzwischen ist die Zahl auf 117 Stück angestiegen.

Obendrein wächst auch die Palette an Therapien, nämlich auch für Krankheiten, für die es noch vor wenigen Jahren keine Heilmittel gab, betont Acker. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Gentherapien, um beispielsweise Genkrankheiten maßgeschneidert zu behandeln.

Auch könnten damit Krebserkrankungen gezielter behandelt werden, anstatt dass auf die Chemotherapie zugegriffen werden muss.

Breite Palette
Die Vielfalt im Gesundheitssektor spiegelt sich freilich auch an der Börse wider – und wird auch vom Janus-Portfolio durchaus genutzt. Dazu zählen Investments in große Pharma- und Medtechkonzerne bis hin zu Biotech-Firmen und Gesundheitsdienstleister. Ein kleiner Teil des Investmentfonds wird zudem in jene Unternehmen investiert, die noch nicht an der Börse notiert sind, bei denen aber die Aussicht auf solch einen Schritt besteht. Zu den größten Positionen zählen aber die United Health Group (US91324P1021), Eli Lilly (US5324571083) und Astra Zeneca (GB0009895292).

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„Es gibt keinen Grund für ein Provisionsverbot“

Der Börsen-Kurier im Vorsorge-Gespräch mit Christian Nuschele von Standard Life.

Klaus Schweinegger. Christian Nuschele ist Vertriebschef für Deutschland und Österreich bei Standard Life. Der britische Lebensversicherer ist Anbieter fondsgebundener Vorsorgeprodukte und arbeitet in Österreich ausschließlich mit unabhängigen Vermögensberatern zusammen.

Wir haben beim Experten nachgefragt, wie sich die Produkte seiner Gesellschaft in den aktuell herausfordernden Zeiten bewähren, aber auch, wie er zum Thema gezillmerte oder ungezillmerte Verträge (Anm.: unter „gezillmerten“ Verträgen versteht man die Verrechnung der Verwaltungs- und Abschlusskosten einmalig zu Beginn bei Lebensversicherungsverträgen mit laufender Prämienzahlung) und vor allem zur Diskussion über ein EU-weites Provisionsverbot steht.

Börsen-Kurier: Herr Nuschele, abseits der schrecklichen Nachrichten zuletzt aus dem Nahen Osten bzw. aus Israel machen sich viele Kundinnen und Kunden auch um ihre Geldanlage Sorgen. Welche Auswirkungen haben die gestiegenen Zinsen und die unverändert hohe Inflation aus Ihrer Sicht auf die private Vorsorge?
Christian Nuschele: Wir leben aktuell politisch und wirtschaftlich in sehr herausfordernden Zeiten. Was die private Vorsorge betrifft, so sind unverändert die Auswirkungen der hohen Inflation deutlich zu spüren. Konsumentinnen und Konsumenten halten sich aktuell mit langfristigen, finanziellen Entscheidungen sehr stark zurück. Bei bestehenden Verträgen sehen wir, dass die Flexibilität der Produkte in Form von Beitragsreduzierungen und -ferien genutzt wird, um auf finanzielle Engpässe zu reagieren. Kündigungen oder Stornierungen halten sich hingegen erfreulicherweise in Grenzen, meistens wird an der langfristigen Strategie festgehalten. Die gestiegenen Zinsen haben dafür gesorgt, dass Bankprodukte wie Tages- oder Festgeld wieder stark an Beliebtheit gewonnen haben. Man übersieht aber leicht: Trotz vermeintlich hoher Zinsen geht auf Grund der hohen Inflation Kaufkraft verloren.

Börsen-Kurier: Sie vertreiben Fondspolizzen über den unabhängigen Vertrieb. Wie verhalten sich Ihre Produkte in dieser Phase?
Nuschele: An den grundsätzlichen Vorteilen einer Fondspolizze hat sich auch in der aktuellen Phase nichts geändert. Sie bieten sehr attraktive Anlagemöglichkeiten. Ob konservativ oder chancenorientiert, für jeden Kundentypen ist die passende Lösung dabei. Was auch in dieser Phase wichtig ist: Fondswechsel sind einmal monatlich kostenfrei möglich, im Vergleich zum Depot fällt kein Ausgabeaufschlag an. Das ist nicht der einzige steuerliche Vorteil. Kunden zahlen grundsätzlich nur 4 % Versicherungssteuer, Kapitalertragssteuer fällt nicht an. Die Kapitalabfindung und die Rente sind bei Fondspolizzen grundsätzlich steuerfrei. Die hohe Flexibilität von Fondspolizzen hatte ich bereits angesprochen. Zusätzlich zu Beitragsreduzierungen oder -ferien sind auch jederzeit Zuzahlungen oder Entnahmen möglich, um so auf wechselnde Lebenssituationen reagieren. Der ganz zentrale Vorteil von Fondspolizzen ist aber die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos. Dies hat kein anderes Vorsorgeprodukt zu bieten.

Börsen-Kurier: Auch die Diskussion für Vor- und Nachteile von ungezillmerten Tarifen hält an. Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihren Vertriebspartnern diesbezüglich?
Nuschele: Wir machen sehr positive Erfahrungen. Die Beliebtheit von ungezillmerten Tarifen wächst, der Anteil am Neugeschäft steigt kontinuierlich. Besonderes Argument für einen ungezillmerten Tarif ist, dass die Entnahme der Kosten über die gesamte Vertragslaufzeit erfolgt. Dadurch kann von Anfang an ein deutlich höherer Anteil der Prämien investiert werden und es ist direkt nach Vertragsstart ein höherer Restwert (Rückkaufswert) und zum Vertragsende eine höhere Ablaufleistung möglich. Wenn man berücksichtigt, dass mehr als die Hälfte der Versicherungsverträge in Österreich vor Vertragsablauf gekündigt werden, kann ein ungezillmerter Tarif eine sehr sinnvolle Alternative sein.

Börsen-Kurier: Nicht minder intensiv – vor allem im Zusammenhang mit der EU- Kleinanlagerstrategie – wird über das Thema Provisionsverbot debattiert. Wie ist Ihrer Einstellung zu diesem Thema?
Nuschele: Meine klare Meinung ist, dass es auch weiterhin ein Nebeneinander von Provisions- und Honorarberatung geben sollte. Unabhängige Beraterinnen und Berater leisten eine hochwertige Arbeit und sollten auch entsprechend vergütet werden. Ob die Vergütung über eine Provision oder ein Honorar sinnvoller ist, hängt sehr stark von der individuellen Situation ab. Mir ist sehr wichtig, noch einmal klarzustellen, dass es keinen Grund für ein Provisionsverbot gibt. Die häufig genannten Argumente von Fehlanreizen durch Provisionen oder gar Provisionsexzessen kann ich in der breiten Masse nicht erkennen. Sozialpolitisch könnte ein Provisionsverbot erhebliche Nachteile haben, weil sich große Teile der Bevölkerung eine Beratung nicht mehr leisten könnten. In anderen Ländern wie Großbritannien ist dies der Fall und ich kann mir auch in Österreich eine ähnliche Entwicklung vorstellen. Dies kann von Seiten der politischen Entscheidungsträger eigentlich nicht gewünscht sein.

Foto: Standard Life

 

 

Bawag sieht Zukunft im Retailgeschäft

Beim ersten Privataktionärstag präsentierte sich das Institut den Privatanlegern.

Barbara Ottawa. Es wurde vergangene Woche am Wiedner Gürtel vielleicht ein bisschen zu oft betont, dass dies der „erste Privataktionärstag“ ist, den die Bawag Group seit ihrem Börsengang im Oktober 2017 abgehalten hat. Mehrfach betont wurde auch die Wichtigkeit „im Austausch mit unseren österreichischen Privataktionären zu sein“ – nicht ohne im gleichen Atemzug deren geringen Anteil am Streubesitz zu erwähnen.

Nicht zu überhören war auch das Commitment der Bankengruppe zu Österreich. „Bawag is an Austrian institution and we want to stress that“, sagte CEO Anas Abuzaakouk (am Bild) – auf Englisch und entschuldigte sich, dass er selbst kein Deutsch spreche.

Retail, Westen und Kerngeschäft als Strategie
Ihren guten Ruf in Österreich zu wahren, macht für die Bawag Group unter anderem auch deshalb viel Sinn, weil sie seit dem IPO ihr Geschäft von mehrheitlich Unternehmenskunden auf nunmehr 60 % Retail-Kunden und nur mehr 40 % Corporates umgestellt hat.

„Wir sind ein guter Gegenbeweis, dass man einen guten Profit machen kann, wenn man Retail ordentlich angeht“, so Enver Sirucic, CFO (also Finanzchef) der Bawag. „Unser Geschäft wird sich noch weiter in Richtung Retail ausweiten.“

Ganz deutlich positionierte sich die Bank auch in Sachen Expansion konträr zu den meisten anderen heimischen Finanzdienstleistern. Dazu Abuzaakouk: „Anders als andere österreichische Banken sind wir in den Westen gegangen, nach Deutschland, in die Schweiz, die Niederlande, Irland und die USA.“ In einem Satz, den man als Seitenhieb auf die Konkurrenz interpretieren könnte, sagte der CEO: „Wir sind in diese Länder gegangen, weil sie ein stabiles Rechtssystem haben sowie ein niedriges Schuldenlevel unter Konsumenten und eine gute Rückzahlungsmoral.“

Zum Börsengang vor sechs Jahren, der größte in der Geschichte der Wiener Börse, merkte Abuzaakouk an, dass man sich bewusst für diesen Börsenplatz entschieden habe, obwohl er „nicht der dynamischste“ sei. „Wir hätten nach Deutschland gehen können oder in die USA, aber wir wollten die Bank dem österreichischen Markt zurückgeben und große institutionelle Anleger hierher anlocken.“ Heute halten T. Rowe Price, Wellington, BlackRock und Amundi gemeinsam mit dem obersten Management der Bank insgesamt 25 % der Aktien. Die Bawag ist mittlerweile im ATX-Global-Player-Segment und auch international in einigen Indizes vertreten.

„Besten Jahre noch vor uns“
Der CEO hielt fest, dass seit dem IPO die Aktionäre 28 % Eigenkaptialrendite erzielen konnten. „Aber die besten Jahre liegen noch vor uns – Sie müssen Geduld haben und langfristig dabei sein wollen.“

Seit dem Börsengang wurde auch eine deutliche Konzentration aufs Kerngeschäft vorgenommen. „Neben dem Geschäft im Osten haben wir unsere Beteiligungen an Schuhhändlern und Klavierfabrikanten abgestoßen“, erläuterte CFO Sirucic. „Das macht für uns, für eine moderne Bank, keinen Sinn – andere Banken mögen andere Geschäftsmodelle haben.“ Abschließend betonte er: „Vor 2017 waren wir eine durchschnittliche Bank und waren nicht glücklich darüber. Heuer erwarten wir einen Gewinn vor Steuern von knapp 900 Millionen Euro.“

Foto: Bawag Group

 

 

Ist die US-Inflation bereits besiegt?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE.

(17.10.) „Der Kampf gegen die Inflation ist vorbei. Wir haben ihn zu sehr geringen Kosten gewonnen“. Diese Äußerung des 2008 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichneten Paul Krugman auf X (ehemals Twitter) nach der Veröffentlichung der US-Inflationszahlen im September entfesselte einen Sturm der Kritik – ein durchaus gängiges Phänomen in den sozialen Netzwerken. Doch sein Siegesruf mag durchaus ein wenig verfrüht erscheinen.

Die Kontroverse um Paul Krugmans Inflationsmessung
Ein Maß für die Inflation, bei dem Preiserhöhungen ausgeblendet werden? Seinem Tweet war eine Inflationsgrafik von recht begrenztem Umfang beigefügt, weit entfernt vom durchschnittlichen Korb von Waren und Dienstleistungen eines US-Haushalts. Durch den Ausschluss von Lebensmitteln, Energie, Wohnen und Gebrauchtwagen reduziert er den Umfang des traditionellen Maßes der Konsuminflation um fast zwei Drittel. Zudem schönt Krugman mit seinem annualisierten Beobachtungszeitraum von lediglich sechs Monaten den Befund noch weiter und lässt die Teuerung auf nur 1,9 % sinken. Er berücksichtigt damit ausschließlich die Komponenten der Gesamtinflation, die zurzeit am schnellsten zurückgehen. Denn im September leisteten Wohnen, Energie und Lebensmittel die bedeutendsten Beiträge zum Anstieg der Preise über den vergangenen Monat wie auch über das vergangene Jahr.

Das weniger volatile Maß der Gesamtinflation, bei dem Energie und Lebensmittel unberücksichtigt bleiben, geht zwar tatsächlich seit einigen Monaten zurück. Doch die Schlacht scheint noch längst nicht gewonnen zu sein. Diese Inflationsniveaus liegen immer noch deutlich über dem Ziel der US-Notenbank (Fed) von 2 %. Die Mitglieder der Fed, von denen in jüngster Zeit viele Verlautbarungen zu vernehmen waren, gehen in den kommenden Monaten bzw. Quartalen von keinerlei Zinssenkungen aus, was darauf hindeutet, dass die Zinshüter die Meinung von Paul Krugman ganz und gar nicht teilen.

US-Wirtschaft im Aufwind trotz Straffungszyklus der Fed
Der zweite Satz seiner Äußerung „Wir haben ihn zu sehr geringen Kosten gewonnen“ scheint hingegen realistischer. Die Fed hat zwar die schnellste geldpolitische Straffung der vergangenen 40 Jahre vorgenommen, aber die Kollateralschäden dieser Politik haben bisher eher homöopathischen Charakter. Wenngleich sich aus den jüngsten Erhebungen zum Arbeitsmarkt trübe Aussichten für die künftige Entwicklung ergeben, herrscht in den USA immer noch Vollbeschäftigung. Auch das Wirtschaftswachstum konnte sich gut behaupten. Unterstützt von einem robusten Konsum und großzügigen Staatsausgaben wird es zurzeit mit +2,1 % für 2023 veranschlagt, nachdem es seit Jahresbeginn immer wieder nach oben korrigiert wurde. Die Finanzmärkte haben diesen Straffungszyklus schließlich ohne allzu heftige Erschütterungen überstanden, obwohl die finanziellen Bedingungen restriktiver werden.

Inflation als Daueraufgabe
Den Kampf gegen die Inflation für gewonnen zu erklären, erscheint angesichts der Lehren, die man aus der Wirtschaftsgeschichte ziehen kann, allerdings verfrüht. Inflationsschübe dieses Ausmaßes ereigneten sich zuletzt in den 1960er- und 70er-Jahren. Auf jeden dieser Inflationsschübe folgte ein Nachbeben, das die Fed zwang, ihre Geldpolitik erneut zu straffen. Dies bewirkte eine deutliche Konjunkturabkühlung oder sogar eine Rezession und gelegentlich eine radikale Straffung der Geldpolitik mit Zinsen, die knapp 20 % erreichten und fast 10 % über der in bestimmten Zeiten zu verzeichnenden Inflation lagen.

Der Krieg gegen die Inflation ist ein Abnutzungskrieg, der sich lange hinzieht. Sich zu früh vom Schlachtfeld zurückzuziehen und den Sieg auszurufen, kann verheerende Folgen haben. Bauen wir darauf, dass die Mitglieder der Fed dies im Hinterkopf haben – im Gegensatz zu manchen Wirtschaftskommentatoren.

Neuer Anlauf für EU-weites Vermögensregister

Die geplante Verordnung macht EU-Bürger zu gläsernen Menschen.

Andreas Dolezal. Seit Juli 2021 kennen wir die Entwürfe zu den neuen EU-Geldwäsche-Bestimmungen. Neben einer Richtlinie, die sich mit dem Einrichten einer europäischen Geldwäschebehörde (AMLA) beschäftigt, wird eine von den EU-Mitgliedstaaten direkt anwendbare Verordnung kommen. Nicht nur die darin geplante Bargeldobergrenze im Geschäftsverkehr von 10.000 Euro sorgt für Aufsehen, auch die Idee eines EU-weiten Vermögensregisters wird diskutiert.

Kampf der Geldwäsche
Bereits im Juli 2021 hat die EU-Kommission eine Machbarkeitsstudie für ein Europäisches Vermögensregister ausgeschrieben. Dienen soll dieses Register der Bekämpfung von Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Es sollte untersucht werden, wie aus verschiedenen Quellen für Eigentum an Vermögen (wie Grundbuch, WiEReG-Register, Stiftungsregister usw.) Informationen gesammelt und miteinander verknüpft werden können. Gleichzeitig sollte die Möglichkeit evaluiert werden, Daten über das Eigentum an Kryptowährungen, Kunstwerken, Immobilien und Gold aufzunehmen.

Nun wird diese Idee im Rahmen der Diskussion über die finale Fassung der kommenden Geldwäsche-Bestimmungen vom EU-Parlament erneut ernsthaft diskutiert. Denn bestimmte (hochwertige) Güter können für Kriminelle attraktiv sein, um die Erlöse aus ihren illegalen Aktivitäten zu waschen. Im Fokus steht das Zusammenführen von Informationen zum wirtschaftlichen Eigentum.

Übers Ziel hinaus
Grundsätzlich ist das – nationale und europaweite – Konsolidieren von Daten zu wirtschaftlichen Eigentümern begrüßenswert. Für Verpflichtete zur Geldwäsche-Prävention würde dies eine deutliche Erleichterung darstellen. Das System zur EU-weiten Vernetzung der Register der wirtschaftlichen Eigentümer von Unternehmen (BORIS) befindet sich schon im Aufbau. Das geplante Vermögensregister geht jedoch weit darüber hinaus. Zentral verwaltet werden sollen unter anderem Daten zum Eigentum an Kraftfahrzeugen, Wasser- und Luftfahrzeugen („mit einem geschätzten Wert von mehr als 200.000 Euro“) ebenso wie Informationen über den elektronischen Zahlungsverkehr, Hypotheken und Darlehen. Dazu sollen nationale Daten der Steuer- und Finanzbehörde, aus Grundbuch und Melderegister, zu politisch exponierten Personen, Reisepass- und Visa-Daten sowie Daten aus dem „Sozialversicherungsregister“ kommen. Weiters Informationen aus dem Waffenregister, zu Jahresabschlüssen von Unternehmen, Insolvenzdaten und Strafverfolgungsinformationen.

Der Plan ist, all diese Register und noch einige mehr auf EU-Ebene zusammenzuführen und den nationalen Geldwäschemeldestellen sowie der vorgesehenen europäischen Aufsichtsbehörde AMLA – und eingeschränkt auch der breiten Öffentlichkeit (!) – „unmittelbar und ungefiltert“ zur Verfügung zu stellen.

Viele offene Fragen
Die EU-Mitgliedstaaten sollen auch in Erwägung ziehen, Informationen über das Eigentum an bestimmten anderen Gütern von hohem Wert in das Vermögensregister aufzunehmen. Was das EU-Parlament als hochwertige Güter ansieht, wird nicht näher ausgeführt. Kunstwerke, Edelmetalle, Uhren, Schmuck, Krypto-Assets? Offen bleibt auch die Frage, wer diese Informationen in das Register einpflegt. Die Motivation des Einzelnen, seine anonym im Safe aufbewahrten Goldmünzen freiwillig zu melden, wird eher gering sein. Ab welchem Wert ist ein Gut über-haupt hochwertig? Wer schätzt dessen Wert? Macht die Behörde Stichproben? Ganz ausgegoren ist die Idee zum EU-weiten Vermögensregister nicht. Fragen zum Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre sind unbeantwortet. Ganz offensichtlich will die EU aber einen weiteren großen Schritt hin zum gläsernen EU-Bürger setzen.

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Die Ruhe vor einer Kursexplosion?

Laut Experten spricht einiges dafür, dass der Bitcoin 2024 zu einem Höhenflug ansetzen wird.

Patrick Baldia. Nachdem der Bitcoin in der ersten Jahreshälfte um rund 64 % zugelegt hat, hat die größte und beliebteste Kryptowährung zwischen Anfang Juli und Ende September erstmals in diesem Jahr einen Quartalsverlust verzeichnet. Konkret ging der Kurs um 11 % zurück. Laut Experten machte dem Bitcoin, wie auch anderen Risky Assets, die Aussicht auf längerfristig höhere Zinsen an den Anleihemärkten zu schaffen. Gleichzeigt soll auch SpaceX, die Weltraumfirma des US-Milliardärs Elon Musk, ihre gesamten Bestände der Digitalwährung im Wert von 373 MioUSD verkauft haben.

„Tatsache ist, dass sich der Bitcoin nicht vom Makroumfeld abkoppeln kann“, sagt Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei 21Shares, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Allerdings brauchen sich Krypto-Anleger ob der vorübergehenden Kursschwäche keine allzu großen Sorgen zu machen. Schließlich steht seit Jahresbeginn ein Plus von fast 70 % zu Buche. Zur Erinnerung: 2022 als der „Krypto-Winter“ den Markt fest im Griff hatte, musste für das Gesamtjahr noch ein Kursverlust von mehr als 65 % verdaut werden.

Guter Einstiegszeitpunkt
Wenger glaubt jedenfalls, dass jetzt ein guter Zeitpunkt sein könnte, in die Cyberwährung einzusteigen. Er verweist auf das 2024 anstehende Halving. Darunter versteht man den festgelegten Vorgang, dass rund alle vier Jahre die Belohnung, die die Miner für das Schürfen des Bitcoins erhalten, halbiert wird. Die Folge: das Mining wird teurer, was das Angebot verknappt. „Bislang haben Halvings immer deflationäre Auswirkungen gehabt, bzw. nach rund sechs Monaten ist es zu Kursanstiegen gekommen“, erklärt Wenger. Allein zwischen dem 11. Mai 2020, dem Tag des Halvings, und März 2021 stieg der Kurs des Bitcoins von rund 8.700 auf mehr als 50.000 USD. Mitte November 2021 erreichte die Cyberwährung mit rund 69.000 USD ihr bisheriges Allzeithoch.

Positiv für den Bitcoin ist auch die Aussicht auf die lang erwartete Lancierung eines einschlägigen Fonds bzw. ETFs. Als etwa bekannt wurde, dass BlackRock das vorhat, hat der Kurs im Juli vorübergehend die 30.000-USD-Grenze durchbrochen. Aktuell notiert der Bitcoin wieder bei knapp 28.000 USD. Auch wenn es derzeit noch in den Sternen steht, wann der Bitcoin-ETF zugelassen wird, so stünden die Chancen aus der Sicht von 21Shares gut, so Wenger. Nachsatz: „Dass namhafte Investoren wie BlackRock in den Markt einsteigen, bedeutet sicher einen Reputationsgewinn.“

Ein weiterer Pluspunkt für den Bitcoin: Krypto-Analysten glauben nicht, dass die aktuell diskutierte Einführung eines digitalen Euros negative Auswirkungen auf Bitcoin und Konsorten haben würde bzw. mit ihren korrelieren würde. Bei 21Shares geht man davon aus, dass sich der Bitcoin, „natürlich abhängig vom Makroumfeld“, positiv entwickeln wird bzw. es „einen gewissen Kursdruck geben wird“. Derzeit verzeichne man beim Krypto-Spezialisten Zuflüsse. „Auch wenn sie nicht so stark sind, wie 2021, wo wir über 1 Milliarde Euro einsammeln konnten“, sagt Wenger. Interessant sei, dass einzelne Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether oder Solana mehr nachgefragt wären als Krypto-Körbe.

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Die zeitlose Strategie des Value-Investing

Experte Hendrik Leber hielt ein Plädoyer für eine wertorientierte Geldanlage.

Roman Steinbauer. Am 10. Oktober lud das Private-Banking-Team der Steiermärkischen Sparkasse zu einem Vortrag mit Investor Hendrik Leber in die Zentrale am Grazer Sparkassenplatz. Da sich eine über dreistellige Zahl an Teilnehmern zur Veranstaltung anmeldete, wurde die Rede des Gründers der Frankfurter Acatis Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft mbH vom vorgesehenen Schlossbergsaal in das großräumige Lobby-Foyer verlegt. Leber, der sich nach dem Vorbild von Benjamin Graham und Warren Buffett als Vertreter des „Value Investing“ versteht, startete seine Laufbahn bei McKinsey und wechselte 1989 in das Bankhaus Metzler.

Das Vorstandsmitglied der Steiermärkischen Sparkasse, Oliver Kröpfl, sowie der Leiter des Private Banking Graz, Karl Freidl, verwiesen einleitend in wenigen Sätzen auf Lebers Stellung am Finanzmarkt. Mit dem Fonds-Produktportfolio der Acatis (Anlagevolumen von insgesamt mehr als 12 Milliarden Euro) offeriert Leber (mit akademischem Bildungsweg in St. Gallen und den USA) Anlegern eine „unabhängige Fondsboutique“, deren Schwerpunkt auf ein Langfrist-Value-Investing ausgerichtet ist.

Langfristig kompromisslos für Aktien
Zu Beginn holte der Gast philosophisch aus um darauf hinzuweisen, die Zukunft nicht als unvorhersehbares Vorkommnis zu sehen: „Zukunft ist nur die fortgeschriebene Gegenwart.“ Danach verwies er auf mathematische Fakten und betonte den bei Anlegern nach wie vor unterschätzten Zinseszinseffekt mit den Worten: „Das ist eine gewaltige Kraft.“ Um sich für Aktienengagements zu entscheiden, gebe der anvisierte Zeithorizont eine eindeutige Antwort. Leber: „Für die Haltedauer von einem Jahr empfehle ich nie Aktien, für zehn Jahre immer!“

Die Themen des Referats bezogen sich vorwiegend auf künftige, chancenreiche Entwicklungen in den Sektoren Erneuerbare Energien, Biotechnologie oder Künstliche Intelligenz (KI). Grundsätzlich sieht Leber zwei Vorgangsweisen, um für Acatis Investitionen anzubahnen, entweder mittels der handwerklichen Arbeit oder der Nutzung vorprogrammierter KI. Er ergänzte: „Wir haben kein Problem, die Arbeit an KI abzugeben und agieren seit Jahren damit. Wir sind Systematiker, es ist ein Training des Computers für das Portfolio.“ Ausschlaggebend sei es, ausgefeilte qualitative und quantitative Techniken zu implementieren.

Zeit und Beständigkeit als Stütze
Im Schwerpunkt sollten Anleger Unternehmen Aufmerksamkeit schenken, die die vielfältigen Kundenbedürfnisse befriedigen, selbst wenn sich diese mit der Zeit änderten. Sich einzugestehen, Fehler zu machen, sollten alle Profis auch tun.

Selbst stelle das Management fest, manchmal zu früh mit Investitionen dran zu sein, obwohl die Auswahl stimme. Generell sei Lebers Motto: gute Firmen würden Zeit brauchen. Auf Dauer verstärke sich oft in der Folge das Wachstum. Deshalb sei Beständigkeit neben der Zuverlässigkeit einer der wichtigsten Faktoren. Elementar für eine stabile Geldanlage seien zudem sogenannte „Mammut“-Dauerläufer. In diesem Zusammenhang erwähnte der geschäftsführende Gesellschafter der Acatis Firmen wie Berkshire Hathaway (ISIN: US0846707026), die Münchner Rück (DE0008430026), Microsoft (US5949181045) oder Novo Nordisk (DK0062498333). Dabei rechne sich die „Halten-und-liegen-lassen“-Strategie. Dennoch seien zumeist Titel der zweiten Reihe spannender. Die Zusammenstellung der Auswahl erfolge aber durch die Filterung der zukunftsträchtigsten Unternehmen der wesentlichsten Branchen.

Ein Feind von ETFs
Die Nachfrage des Börsen-Kurier, ob im Zuge überkaufter Märkte eine Cash-Quote aufgebaut werde, verneinte Leber: „Wir sind immer investiert.“ In den diversen Fonds-Depots befänden sich Aktien von insgesamt 50 Gesellschaften. Kein gutes Haar ließ dieser an ETF-Produkten. „Die gehören zu meinen Feinden. Denn sie machen unsere Arbeit der Selektion einfach nach.“

Ein aktueller Blick auf den thesaurierenden „Acatis Aktien Global Euro-Fonds A“ (DE0009781740) zeigt auf: Der Ausgabeaufschlag beträgt 5 %, die jährliche Gebühr 1,5 %. Während der vergangenen zwölf Monate stieg der Fonds um 16 %, im Dreijahresvergleich konnte er um 23 % zulegen.

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ESG in Indien: Die Erfolgsgeschichte des Landes birgt Risiken und Chancen

Ein Kommentar von Olivia Lankester, Director, Responsible Investing & Sustainability, Federated Hermes Limited.

(09.10.) Das Bruttoinlandsprodukt Indiens dürfte in den kommenden sieben Jahren um 3,3 Billionen US-Dollar steigen – ein Wachstumssprung, für den das Land zuvor 31 Jahre benötigte. Voraussichtlich wird Indien damit Japan, Deutschland und das Vereinigte Königreich überholen und bis 2030 die Position als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt erreichen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Indien ist sowohl die fünftgrößte Volkswirtschaft als auch das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt. Eine wichtige Stellung des Subkontinentes war abzusehen, und derzeit sind die Vorzeichen aus dreierlei Gründen günstig.

Zunächst einmal hat eine stabile Regierung in den letzten Jahren Reformen und strukturelle Veränderungen eingeleitet, um den Weg für zahlreiche Investitionen und neue Arbeitsplätze im formellen Sektor zu ebnen. Zu den wichtigsten Reformen gehören politische Maßnahmen zur finanziellen Inklusion, gezielten Subventionen sowie zur Elekfrizierung des Landes. Weitreichende Wirtschaftsreformen umfassten die Einführung einer landesweiten Umsatzsteuer (Goods and Services Tax), um einen einheitlichen nationalen Markt zu schaffen sowie das neue Immobiliengesetz (Real Estate Regulation and Development Act). Zudem wurden marktfreundliche Finanzprogramme wie das PLI-System (Production-Linked Incentives Scheme) ins Leben gerufen, um Anreize in 15 wichtigen Sektoren (darunter auch grüner Wasserstoff, Elektrobatterien und Elektrofahrzeuge) zu setzen.

Die Investitionen in Straßen, den Bahnsektor, Flughäfen und Häfen bewegen sich auf einem Rekordniveau. Im Unterschied zu anderen Ländern, in denen private digitale Netze dominieren, hat die indische Regierung eine öffentliche digitale Infrastruktur aufgebaut, in die sie auch weiterhin investiert. Das United Payments Interface (UPI) ist zurzeit das größte Echtzeit-Zahlungssystem weltweit mit einem Transaktionsvolumen von insgesamt einer Billion US-Dollar im vergangenen Jahr.

In den kommenden Jahren sind weitere Reformen unter Premierminister Narendra Modi zu erwarten. Aufgrund der hohen Zustimmungswerte ist es sehr wahrscheinlich, dass er bei den anstehenden Wahlen 2024 wiedergewählt wird.

Zusätzlich ist das Land durch eine demografische Entwicklung gekennzeichnet, auf die Industrieländer nur voller Neid blicken können: eine wachsende Bevölkerung mit jährlich zehn Millionen neuen einheimischen Arbeitskräften und damit einem sinkenden Abhängigkeitsquotienten. Jedoch ist das reine Bevölkerungswachstum nicht der einzige Faktor. Dank seiner Dynamik hat der indische Talentpool eine florierende und zukunftsträchtige Start-up-Szene mit zuletzt mehr als 100 Unicorns hervorgebracht.

Schließlich gibt es eine geopolitische Verschiebung, die auf die „China Plus One“- Strategie zurückzuführen ist: Bei dieser Geschäftsstrategie diversifizieren Unternehmen ihre Lieferketten, um ihre Abhängigkeit von China zu verringern. Dies hat für Indien positive Auswirkungen aufgrund der Spannungen zwischen den USA und China. Indien erscheint vielen Unternehmen aufgrund der günstigen, qualifizierten Arbeitskräfte und des großen nationalen Marktes attraktiver als beispielsweise Vietnam, Mexiko oder Malaysia.

ESG-Herausforderungen eröffnen zugleich auch Chancen
Im Zuge des rasanten Wachstums steigt auch der Energiebedarf. Diesen zu decken, hat zweifelsfrei seinen Preis, insbesondere im Zusammenhang mit ESG-Themen. Aktuell ist Indien stark von fossilen Treibstoffen abhängig und global gesehen der drittgrößte Importeur von Rohöl. Doch in den nächsten sieben Jahren wird das Land im Einklang mit den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung eine Energiewende vollziehen. Das Erreichen der ehrgeizigen Ziele, die Hälfte der Stromversorgung aus nicht fossilen Quellen zu beziehen und kurzfristig in Solarenergie und die Produktion von grünem Wasserstoff zu investieren, wird für Indien langfristig eine größere Energieunabhängigkeit bedeuten.

Doch neben zielgerichteten Umweltschutzmaßnahmen eröffnen sich auch zahlreiche Chancen für eine soziale Inklusion, beispielsweise mit einem besseren Krankenversicherungsschutz für Indiens wachsende Mittelschicht oder Programmen für Menschen ohne Zugang zu Finanzinstituten, die Hilfe bei der Überwindung sozioökonomischer Barrieren benötigen.

ESG-Anlagen
Ein steigendes Pro-Kopf-Einkommen (aktuell 2.500 US-Dollar), die Urbanisierung und die Abwanderung aus der Landwirtschaft in besser bezahlte Berufe sind ein vielversprechender Indikator für diskretionäre Verbraucherausgaben und die Marktdurchdringung von Waren und Dienstleistungen. Die Zahl inländischer Investitionen an den Finanzmärkten steigt und deutet auf eine Ausweitung der Marktbasis hin. Doch bislang sind nur fünf Prozent des Haushaltsvermögens in Aktien investiert. Hier gibt es noch viel Potenzial zu erschließen.

Es ist davon auszugehen, dass die indische Börsenaufsichtsbehörde (Securities and Exchange Board of India) die ESG-Berichterstattung weiter voranbringen wird. Mit dem beschleunigten Wachstum Indiens steigt das Risiko disruptiver Veränderungen in den Bilanzen von Unternehmen, die eine Dekarbonisierung anstreben. Darüber hinaus ergibt sich aus der Sensibilisierung für Menschenrechte, die Auswirkungen im Niedriglohnsektor nach sich ziehen wird, ein Produktionsrisiko. Laut der aktuellen ESG India Preparedness Survey von Deloitte rechnen 88 Prozent der befragten Unternehmen damit, dass ESG-Vorschriften Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit haben werden. Dementsprechend können sich Investoren in indischen ESG-Aktien, die sowohl auf eine robuste Stewardship als auch auf die Minderung von Unternehmensrisiken achten, eine gute Ausgangsposition verschaffen, um in den kommenden zehn Jahren von einem Wirtschaftsboom zu profitieren.

Die Ernüchterung nach vielen Jahren des Aufwinds

Die Expo Real 2023, Europas größte Immobilienmesse, stand ganz im Zeichen der laufenden Krise.

Patrick Baldia. Langsam, aber sicher scheint sich in der Immobilienbranche das Bewusstsein durchzusetzen, dass die aktuelle Krise doch nicht – wie erhofft – ein kurzfristiges Intermezzo sein wird und die Zentralbanken bald wieder die Zinsen senken werden. Dieser Eindruck hat sich den Besuchern der Branchenfachmesse, die von 4. bis 6. Oktober in München stattfand, erschlossen. Von so manchem Branchenplayer war zu vernehmen, dass durchaus noch einige Jahre vergehen könnten, bis die Investitionstätigkeit wieder ein normales bzw. substanzielleres Niveau erreichen wird, Bauvorhaben wie gewohnt umgesetzt werden und sich das Inflationsgespenst verflüchtigt.

Was sagen die österreichischen Messeteilnehmer? „Derzeit weiß niemand so recht, wie hoch der Zinsgipfel sein wird oder ob er vielleicht sogar bereits erreicht ist“, so Franz Pöltl, geschäftsführender Gesellschafter der heimischen EHL Investment Consulting, zum Börsen-Kurier. Solange diese Unsicherheit bestehe, würden Preisvorstellungen von Käufern und Verkäufern weiterhin auseinanderklaffen und dementsprechend nur wenige Transaktionen abgeschlossen werden. Nachsatz des Experten: „Wer aktuell verkaufen muss, ist daher mit sehr herausfordernden Rahmenbedingungen konfrontiert.“

Investiert wird auch derzeit
Positiv ist für Pöltl, dass die Banken bei bestehenden Engagements durchwegs sehr kooperativ wären und mit ihren Kunden Wege suchen würden, um diese durch die aktuell sehr schwierige Zeit zu begleiten und Finanzierungen zu restrukturieren. Der EHL-Experte legt Wert auf die Feststellung, dass weiterhin investiert werde, auch wenn die Schlagzahl geringer sei. In die gleiche Kerbe schlägt man auch bei Arnold Immobilien, einem weiteren Top-Investmentmakler aus Österreich. Bei der Expo Real geführte Gespräche würden Anlass zu vorsichtigem Optimismus geben und man hoffe auf eine ähnliche Entwicklung wie nach der MIPIM (jährlich in Cannes stattfindende Immobilienmesse, Anm.) im vergangenen März, so CEO und Alleineigentümer Markus Arnold. An der Côte d‘Azur habe man einige vielversprechende Deals anbahnen können, die mittlerweile abgeschlossen werden können. „Entgegen der aktuellen Marktsituation verzeichnen wir mit einem Transaktionsvolumen von rund 200 Millionen Euro das erfolgreichste dritte Quartal seit Gründung“, hält er fest.

Wie schaut es mit den börsennotierten österreichischen Immobiliengesellschaften aus? Während die Immofinanz durch Abwesenheit glänzte, war zumindest die S Immo aus dem Reich der CPI Property Group vor Ort vertreten. Anwesend waren darüber hinaus auch die CA Immo, UBM und Warimpex. Dass die Österreicher in München insgesamt – zumindest nach außen – etwas angespannter wirkten als ihre deutschen Kollegen, sei jedenfalls darauf zurückzuführen, dass sich gewisse Entwicklungen erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in Österreich einstellen, so ein Insider zum Börsen-Kurier. Tatsächlich wurde die deutsche Immobilienbranche in den letzten Wochen und Monaten von einer Vielzahl an Insolvenzen erschüttert. Nur ein paar Namen: Project Immobilien, Centrum, Development Partners, Euroboden und Gerchgroup.

Mehr Besucher
Zumindest ist mit mehr als 40.000 (2022: 39.000) die Besucherzahl nicht zurückgegangen, wenngleich sich auch etwas weniger Unternehmensvertreter bei der größten europäischen Messe für Immobilien und Investitionen blicken ließen. Beim Veranstalter Messe München führt man das auf den großen Diskussionsbedarf zurück. „Steigende Zinsen, stagnierende Bauvorhaben, Inflation – die Problemstellungen sind vielfältig“, sagt CEO Stefan Rummel. Das gleiche trifft auf das Konferenzprogramm zu, in dem Themen wie Wohnungsbau oder Finanzierung bzw. Refinanzierung den Ton angaben und zum Teil kritisch diskutiert wurden.

Der Blick wird aber auch nach vorne gerichtet, wie weitere Schwerpunktthemen, wie ESG, Digitalisierung, Stadtentwicklung und demographischer Wandel vor Augen führten. Zumindest, die Erkenntnis, dass sich die Immobilienbranche dieser Herausforderungen bewusst ist und bereit ist, sich diesen zu stellen, ist für nicht wenige Messebesucher ein Anlass für vorsichtigen Optimismus.

Foto: Messe München GmbH

 

 

IR besteht längst aus mehr als Bilanzkennzahlen

CIRA-Vorstandsvorsitzender Harald Hagenauer im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Tibor Pásztory. Harald Hagenauer, Leiter Investor Relations, Konzernrevision und Compliance der Österreichischen Post AG, fungiert ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzender des Circle Investor Relations Austria (CIRA). Anlässlich deren Jahreskonferenz skizziert er im Gespräch mit dem Börsen-Kurier Aufgaben und Einfluss der Interessensgemeinschaft in einem sich im Umbruch befindlichen Kapitalmarkt.

Börsen-Kurier: Auf welche Weise kann die CIRA als Vertreterin des IR-Gedankens den heimischen Kapitalmarkt stärken?
Harald Hagenauer: Die Anforderungen an eine professionelle Marktkommunikation gehen heute weit über klassische Investor Relations hinaus. Sie umfasst auch die Themen ESG, Compliance, Governance und sogar Vergütungsreporting. Aus diesem Grund sprechen wir nicht nur mit klassischen IR-Leuten, sondern auch mit Stimmrechtsvertretern, Investoren, Bankern, Service Providern, Fondsmanagern und Juristen. Es gibt hier längst internationale Spielregeln einzuhalten, und das Ziel lautet, hier gemeinsam zu agieren.

Börsen-Kurier: In welcher Form agiert die CIRA?
Hagenauer: Neben der alljährlichen Herbstkonferenz fand diesen Mai beispielsweise eine ESG-Konferenz statt, die sich mit den Auswirkungen der ESG-Anforderungen auf den Kapitalmarkt auseinandergesetzt hat. Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Thema „HV neu“, das Vor- und Nachteile virtueller Hauptversammlungen recherchiert. Auch bietet die CIRA zahlreiche Seminare an.

Börsen-Kurier: Wie kann der Kapitalmarkt für Privatanleger niederschwelliger betreten werden? Gibt es in Österreich zu wenig Privataktionäre?
Hagenauer: Tatsächlich ist die Zahl der Direktaktionäre in Österreich nicht extrem hoch. Aber man darf diejenigen Anleger, die in Fonds investieren, nicht vergessen dazuzuzählen, dann sieht die Situation schon anders aus. Aber wir bemühen uns um Anhebung der gesellschaftlichen Akzeptanz des Kapitalmarktes, etwa in unserer Kooperation mit der Wiener Börse bei Schulungen zum Finanzwissen.

Börsen-Kurier: Die Zahl der Börsengänge in Wien ist auch nicht berauschend …
Hagenauer: In den Jahren nach der Finanzkrise erhielt man für die Unternehmensfinanzierung Kredite zum Nulltarif, weswegen Finanzierungen mit Fremdkapital meist bevorzugt wurden. Nun aber, angesichts der Zinserhöhungen, sollten sich Börsengänge viel eher rentieren und Eigenkapital höher bewertet werden. Auch Anleihen werden wichtiger. Die CIRA unterstützt dabei Banken bei einschlägigen Informationsveranstaltungen.

Börsen-Kurier: Ist ESG nun ein Aktionärsthema?
Hagenauer: Durchaus! ESG ist weit komplexer als klassische IR, aber auch treibende Kraft. So haben sich sämtliche Ratingagenturen durch Zukäufe bei ESG-Wissen gestärkt, und längst wird das Thema auch in Indexfonds abgebildet. Und bei vielen Ratings (MSCI, etc.) müssen Daten ausgefüllt werden. Dies führt nicht nur in eine ideologisch andere Welt, sie führt auch zu einer neuen Art der Veranlagung. Was hier zählt, sind die entsprechenden KPIs (Key Performance Indicators).

Börsen-Kurier: Das klingt nach einer schönen neuen Welt …
Hagenauer: Naja, manches wird auch übertrieben, wie etwa in der Ausgestaltung der Taxonomie-Verordnung. In Europa wollen wir immer alles gleichzeitig und können dabei auch blauäugig sein. Ich würde mir mehr Wesentlichkeit und Pragmatismus wünschen. Auswüchse werden von der CIRA auch durchaus angesprochen.

Börsen-Kurier: Bei derzeit sieben ATX-Unternehmen verfügt der Aufsichtsrat über eigene Nachhaltigkeitsausschüsse. Ist das notwendig? Und soll sich ESG auf die Vorstandsvergütung auswirken?
Hagenauer: Bei beiden Fragen gibt es keine Einheitslösung. Wenn sich nur einzelne Mitglieder mit ESG beschäftigen, können sich die anderen Aufsichtsräte nicht mit dem Thema auseinandersetzen. ESG als strategische Gesamtverantwortung macht also Sinn. Und Vorstandsvergütungen müssen sich maßgeschneidert nach ihren jeweiligen KPIs, also Indikatoren, richten.

Börsen-Kurier: Wir danken für das Gespräch!

Foto: Österreichische Post AG / Andreas Jakwerth

 

 

Hohe Handelsumsätze ohne Impulse

Börsenbetreiber: Enorme Verbindlichkeiten bringen Europas Mitbewerber unter Druck.

Roman Steinbauer. Die gegenwärtig hohen Handelserlöse nähren das Geschäft der Börseneigner. Anlage-Umschichtungen institutioneller Investoren, die gestiegene Nervosität der Kleinanleger sowie neuerliche Eskalationen politischer Konflikte ebben vorerst nicht ab. Dennoch zeigen sich die Aktiennotizen der Handelsplatz-Dienstleister nur zum Teil stimuliert. Denn die Bewertungen wirken bereits recht ambitioniert. Zum anderen beschleunigten sich die Kursanstiege in der Vergangenheit seit 2018 bis 2023 in einem Tempo, wie es abgesehen von der Technologiebranche kaum zu beobachten war. Im Lichte weit gestiegener Finanzierungskosten schlagen hohe Verbindlichkeiten einiger Sektorvertreter negativ auf die Aktienentwicklung durch.

Offensive unter Kritik
Langatmig zeigt sich das Geschehen um die Wertpapierumschlags-Häuser keineswegs. Themen zur Deutschen Börse (ISIN: DE0005810055), deren Aktien sich exakt auf dem Stand von 1. Jänner befinden, reißen nicht ab. Nachdem CEO Theodor Weimar seinen Ende 2024 auslaufenden Vertrag nicht verlängert, wurde die Suche nach einem Nachfolger begonnen. An vorderster Front nahm aber die Kritik an der Übernahme des dänischen Softwarehauses SimCorp (DK0060495240; die Deutschen halten bereits 91,5 % der Aktien) um 4 Milliarden Euro zu. Neben möglichen Risiken zur Integration beklagen Kritiker eine drohende Verwässerung der Ebit-Marge. Die durch Darlehen finanzierte Übernahme (die Fremdkapitalquote beträgt bereits 96 %, das KGV 20) führte zu einer Bonitätsabstufung durch die Ratingagentur S&P auf AA-. Am 18. Oktober werden die Ergebnisse zum 3. Quartal veröffentlicht. Im Median erwarten Analysten einen Gewinn von 2,36 Euro pro Aktie. Dies würde einer Steigerung von 10 % zum Vergleichszeitraum des Vorjahres bedeuten. Die Erlöse sollen um 8,6 % auf 1,18 Milliarden Euro anziehen.

Lediglich zwei Kursgewinner
Am stärksten zeigten sich heuer die Valoren der London Stock Exchange (GB00B0SWJX34) mit einer Performance seit 1. Jänner von +17 %. Mit +7 % befinden sich zudem Anteilseigner der kanadischen TMX Group (CA87262K 1057) auf gewinnträchtigem Terrain, obwohl die Profite für das 2. Quartal mit 0,38 CAD (0,27 Euro) per Aktie gerade jenem des Vorjahres gleichkamen. Allerdings zeigte die Handelsaktivität mit Erlösen von umgerechnet 214 Millionen Euro (+6 %) auch in Übersee klar nach oben. Aktionäre der Euronext (NL0006294274; die Eigenkapital-Quote steht bloß bei 2 %, das KGV bei 17) sehen Kurse, die unterdessen um 5 % unter den Stand zum Jahreswechsel abbröckelten.

Besonders enttäuschend ist der Kursverlauf der Nasdaq Inc. (US6311031081). Seit Jahresbeginn schrumpfte die Notiz um 20 % auf aktuell 46 USD (43,3 Euro).

Foto: Pixabay / PIX1861

 

 

Arbeitsmärkte zeigen noch wenig Anzeichen einer Verschlechterung

Eine Einschätzung von Guy Wagner von Banque de Luxembourg Investments.

(03.10.) Obwohl sich die Weltwirtschaft weiter verlangsamt, zeigen die Arbeitsmärkte noch wenig Anzeichen einer Verschlechterung, schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.

„In den USA ging die deutliche Verlangsamung der Schaffung neuer Stellen im dritten Quartal nicht mit einem Anstieg der Anträge auf Arbeitslosenhilfe einher, was darauf hindeutet, dass die Unternehmen zwar weniger einstellen, aber noch nicht mit Entlassungen begonnen haben“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. „Im Euroraum hält der Abwärtstrend der Arbeitslosenquote trotz des Rückgangs der Aktivität im verarbeitenden Gewerbe im Jahresvergleich seit März weiter an.“

Der weiterhin schwache Immobiliensektor belastet Chinas Wirtschaftswachstum
In China belastete die anhaltende Schwäche der Immobilieninvestitionen, die über 30 Prozent der Gesamtinvestitionen ausmachen, die gesamte Wirtschaftstätigkeit und wirkte sich auch negativ auf den Arbeitsmarkt aus. In Japan dürfte sich die allgemein schwache Auslandsnachfrage immer stärker auf das Niveau der Industrieproduktion auswirken. „Insgesamt könnte eine wahrscheinliche Verlangsamung des Dienstleistungssektors nach der bereits eingetretenen Schwäche des verarbeitenden Gewerbes eine deutlichere Verschlechterung auf den Arbeitsmärkten in den kommenden Monaten auslösen“, glaubt der luxemburgische Ökonom.

Gestiegene Ölpreise könnten bestehenden disinflationären Trend bald abbremsen
Obwohl sich der Anstieg der meisten Preisindikatoren weiterhin verlangsamt, könnten die jüngst gestiegenen Ölpreise den seit Anfang des Jahres bestehenden disinflationären Trend bald abbremsen. So erhöhte sich die Gesamtinflationsrate in den USA von 3,2 Prozent im Juli auf 3,7 Prozent im August. In der Eurozone ging die Gesamtinflationsrate von 5,2 Prozent im August auf 4,3 Prozent im September zurück.

EZB erhöht Leitzins zum zehnten Mal in Folge
Wie erwartet beließ die US-Notenbank auf ihrer Septembersitzung das Zielband für die Federal Funds Rate unverändert bei 5,25 Prozent bis 5,50 Prozent. Während Präsident Jerome Powell eine weitere Straffung der monetären Bedingungen nicht ausschloss, bestand seine Hauptbotschaft darin, die Aussicht auf dauerhaft höhere Zinssätze anzudeuten, was die Hoffnungen auf eine deutliche Lockerung der Geldpolitik im kommenden Jahr dämpfte. In der Eurozone erhöhte die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen zum zehnten Mal in Folge und hob den Refinanzierungssatz von 4,25 Prozent auf 4,5 Prozent an. Präsidentin Christine Lagarde deutete an, dass die Zinssätze nun ein ausreichend hohes Niveau erreicht hätten, das, wenn es lange genug aufrechterhalten wird, eine Rückkehr der Inflation in Richtung des Ziels von zwei Prozent ermöglichen sollte.

Aktienmärkte schwächeln im September
Insgesamt gingen die meisten Aktienkurse im September zurück, da sie durch den Anstieg der langfristigen Zinsen infolge der restriktiveren Guidance der US-Notenbank für 2024 unter Druck gerieten. „Auf Sektorenebene verzeichnete der Energiesektor, der von der Erholung der Ölpreise profitierte, die mit Abstand beste Monatsperformance. Neben dem Energiesektor war der Finanzsektor der Einzige, der eine positive Entwicklung verzeichnete, während Technologie, Immobilien und diskretionärer Konsum die größten Rückschläge hinnehmen mussten“, sagt Guy Wagner abschließend.

Ohne Infrastruktur keine Künstliche Intelligenz

Investitionen in Halbleiter, Daten und Cloud-Lösungen als „Safe Bet“.

Barbara Ottawa. Künstliche Intelligenz (KI) findet schon in vielen Branchen Anwendung. Es gibt noch immer keine einheitliche Definition für das Konzept. Bei Pictet sieht man die Entwicklungen als Fortsetzung eines Trends, der in den 1960er-Jahren begonnen hat und seither unter anderem das Internet, Smartphones oder Cloud-Lösungen hervorgebracht hat. Und genau diese Branchen bzw. die dafür benötigten Komponenten sind auch weiterhin das „Rückgrat“ für die Weiterentwicklung und das Fortbestehen von Künstlicher Intelligenz. So formulierte es Anjali Bastianpillai, Senior Client Portfolio Manager bei Pictet Asset Management, bei einer Veranstaltung in Wien.

Ein weiterer Schritt in der KI-Evolution werde die Verbreitung von „Generativer KI“ sein. Also von Künstlicher Intelligenz, die neue, noch nie zuvor dagewesene Inhalte generieren kann, sei es z. B. in Form von Text oder Bildern. Für all das brauche es aber weiterhin Halbleiter, (öffentliche) Cloud-Lösungen und vor allem Daten. Weil nach wie vor ein Mangel an Computer-Chips herrscht, haben einige Cloud-Anbieter wie Google, Facebook, Amazon oder Microsoft sogar begonnen, ihre eigenen Chips zu entwickeln, um von großen Anbietern wie Intel, AMD oder Nvidia und deren Lieferketten unabhängig zu sein. Davon profitieren Firmen wie die Arm Holdings, die Chips produziert, die individuell angepasst werden. Vor Kurzem wurde das britische Unternehmen vom Japanischen Tech-Konzern SoftBank gekauft und an der New Yorker Börse gelistet.

Wo ist der Verkaufswert?
Für Investoren sei vor allem auch wichtig zu beobachten, wer aus neuen KI-Produkten schneller Profit generieren kann. Das gab John Gladwyn, Senior Investment Manager bei Pictet, zu bedenken. „Chat GDP macht noch keinen Gewinn und es braucht die Microsoft-Cloud, um zu laufen.“ Aber der einfache Zugang zu diesem Texterstellungsprogramm hat mehr Menschen näher an die Technologie herangebracht.

Auf Nachfrage des Börsen-Kurier stimmte Bastianpillai zu, dass hierzu auch die Corona-Pandemie und der damit verbundene Online-Boom beigetragen hat: „Covid hat die Online-Nutzung zementiert – und vor allem auch bei älteren Generationen.“ Diese seien auch mehr bereit, Geld für gute Anwendungen auszugeben.

Deshalb ist Pictet überzeugt, dass etwa große, bereits eingeführte Namen wie Adobe mit ihren KI-Programmen eher Menschen überzeugen können, dafür zu zahlen. „Die Ertragsprognosen eines Unternehmens hängen davon ab, wie wertvoll ihr KI für ihre Kunden ist, wie gut sie es monetarisieren können und vor allem wie rasch“, so Gladwyn. Er betonte auch, dass „einige der Firmen, die am meisten von der KI profitieren werden, die Cloud-Anbieter sind“. Durch die steigenden Datenmengen verlagert sich immer mehr auf Internet-basierte Speicher.

Das KI-Eisenbahnnetz
„Im Moment bauen wir noch die Infrastruktur für KI, ähnlich wie damals das Eisenbahnnetz“, sagte Gladwyn. Dabei bleibe zu beobachten, „wie abhängig man von gewissen Infrastrukturanbietern wie Nvidia sei“. Der kalifornische Tech-Konzern ist der größte Anbieter von Spezialchips für Künstliche Intelligenz, die eine höhere Rechenleistung als praktisch alle anderen Online-Anwendungen benötigt.

Interessant sei, so Bastianpillai, dass Apple am wenigsten über KI spricht. „Sie positionieren sich ganz offensichtlich weg vom Trend und versuchen, KI auf ihren Geräten einzubauen – aber das wird noch Zeit brauchen.“ Generell glaubt Pictet, dass es in der KI-Sphäre zu Konsolidierungen hin zu großen Unternehmen geben wird. „Man braucht viel Geld, Daten und technisches Know-How“, so Gladwyn.

Foto: AdobeStock / Coloures Pic

 

 

Defensive Aktien mit Potenzial

Unternehmen mit stabilen Umsätzen und Erträgen sorgen für Sicherheit im Portfolio.

Patrick Baldia. Allzu viel sollte sich in den kommenden Wochen an den Börsen nicht tun, so der Grundtenor unter Experten. Erwartet wird eine moderate, niedrig positive Entwicklung. Auf der Rechnung haben sie eher Wachstumswerte, die auch im ATX traditionellerweise den Ton angeben. Es finden sich aber an der Wiener Börse durchaus auch defensivere Titel, die aufgrund ihrer Geschäftsmodelle mit stabilen Umsätzen und Erträgen weniger abhängig von Konjunkturzyklen sind. Dazu zählen Unternehmen aus den Sektoren Versorger, Telekommunikation, Basiskonsum sowie ausgewählte Financials, die obendrein Kurspotenzial aufweisen.

Auf der Liste der aktuellen Kursempfehlungen der Erste Group findet sich etwa die EVN. Der integrierte Energieversorger ist im aktuellen Geschäftsjahr stark unter-wegs und hat bereits in den ersten neun Monaten sein Jahresziel leicht übertroffen. Die Erste-Group-Analysten halten die bestätigte Guidance für „eher konservativ“, sie sollte möglicherweise zu übertreffen sein. Was die Kursentwicklung betrifft, sehen sie ebenfalls noch Potenzial nach oben, was das Kursziel von 30,50 Euro beim aktuellen Kurs von rund 25 Euro nahelegt.

Beim Verbund, an dem die EVN einen Anteil von 12,63 % hält und sich dementsprechend über saftige Dividendenzahlung freuen kann, lautet die Empfehlung hingegen „nur“ Akkumulieren. „Die Aktie notiert aktuell bei einem KGV von 12x und damit zu günstig in unseren Augen“, meint Analyst Petr Bartek von der Erste Group.

Kaufempfehlung: Telekom Austria
Auch die Telekom Austria wird weiterhin zum Kauf empfohlen, bei einem Kursziel von 8,50 Euro (aktueller Kurs: 6,60 Euro). Das Papier ist bereits seit Jahresbeginn stark unterwegs und hat insgesamt ein Plus von 36 Euro zu Buche stehen. Auch die Abspaltung des Funkmasten-Geschäfts wird von den Experten weiterhin positiv gesehen. Aktionäre würden von den deutlich höheren Bewertungen der Funkturmgesellschaften mit ihrem stabilen, gut prognostizierten Geschäftsprofil profitieren.

Nicht so viel Kurspotenzial wird aktuell hingegen klassischen defensiven Werten wie Agrana (Empfehlung: Halten) oder Mayr-Melnhof (Halten) zugesprochen.

Trotzdem empfiehlt es sich vorsichtig zu bleiben
Thomas Grüner
, Gründer und Vice Chairman von Grüner Fischer Investments, warnt allerdings davor, defensive Geldanlagen automatisch als „sicher“ anzusehen. „Wann immer Sie eine als ‚sicher‘ bezeichnete Anlage sehen, sollten Sie sich informieren, Fragen stellen und Nachforschungen anstellen“, sagt er. Denn „sicher“ gäbe es nicht. Man dürfe nicht vergessen, dass etwa auch Versorgungsunternehmen geschäftlichen Risiken ausgesetzt seien. Und der Besitz vieler defensiver Aktien in einem Bullenmarkt enorme Opportunitätskosten mit sich bringen könne. „Das ist ein sehr reales Risiko, das viele außer Acht lassen“, so der Experte.

Auch vor einem zu starken Fokus auf Dividendenaktien rät Grüner ab. Diese würden seit den Höchstständen im Jänner 2022 immer leicht vorne liegen. Er zeigt sich aufgrund der Sektor- und Stilzusammensetzung des dividendenstarken Aktienuniversums skeptisch, ob diese Kategorie zum großen Gewinner des Bullenmarkts werde. In der Regel wären Dividendenaktien nämlich in Value-orientierten Bereichen angesiedelt, zum Beispiel bei Versorgern, Finanztiteln, Basiskonsumgütern und im Gesundheitswesen.

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Provisionen: „Werden Lösung finden“

In der Debatte suchen Standesvertreter Wege, „den Makler neu zu denken“.

Emanuel Lampert. Er hat über den Sommer einigen Staub aufgewirbelt: Der Entwurf der EU-Kommission für die Kleinanlegerstrategie („Retail Investment Strategy“, RIS) sieht, anders als erwartet, doch teilweise Provisionsverbote vor – der Börsen-Kurier berichtete. Das Thema nahm folglich im September breiten Raum beim diesjährigen „Expertentreffen“ des Fachverbands der Versicherungsmakler in Rust am See ein. Schließlich würde ein Provisionsverbot bei der Vermittlung von Versicherungsanlageprodukten greifen, wenn der Vermittler dem Kunden „mitteilt“, dass er ihn „unabhängig“ bzw. „ungebunden“ berät (der deutsche Text kennt beide Begriffe).

Die RIS würde freilich unionsweit gelten. Fachverbandsgeschäftsführer Erwin Gisch betonte aber: Nicht überall in der EU ist Makler gleich Makler. Das österreichische Maklerrecht zähle zu den strengeren und könne einem „Wahlrecht“ – unabhängige oder nicht unabhängige Beratung – entgegenstehen. Daher werde überlegt, wie man beide Regelungsbereiche so in Einklang bringen kann, dass heimische Makler gegebenenfalls trotzdem bei der Provision bleiben können.

„Wir suchen gerade Wege, den Makler neu zu denken“, sagte Fachverbandsobmann Christoph Berghammer und merkte an, dass das Maklergesetz nicht von Unabhängigkeit spreche. Nun gelte es, Begriffe zu klären und zu eruieren, was allenfalls zu ändern ist. Er wandte sich gegen „falsch verstandenen“ Konsumentenschutz, der am Ende der Wirtschaft schade, dem Konsumenten aber nichts bringe. Man sei aber „guter Dinge“, so Berghammer, „wir werden eine Lösung finden“.

Paul Carty, Vorsitzender des EU-Ausschusses der europäischen Versicherungsvermittler-Vereinigung Bipar, schnitt ebenfalls die Verschiedenheit der Märkte an. Wenn ein Staat ein Provisionsverbot wolle, könne er dies ohnehin auch jetzt schon einführen. Ein Marktversagen, das ein unionsweites Verbot rechtfertigen würde, ist für Carty nicht erkennbar. Die Vergütung per Provision sei bereits stark reguliert und transparent, die vorgeschlagenen Regeln so streng und komplex, dass sie zur Aufgabe des Provisionssystems führen könnten.

Ein Gutachten, das Univ.-Prof. Thomas Jaeger und Cornelia Lanser, Associate bei Haslinger/Nagele Rechtsanwälte, im Auftrag des Fachverbandes erstellt haben, bringt deutliche Zweifel an der Zulässigkeit eines Provisionsverbots zum Ausdruck. So ist etwa davon die Rede, dass „mangels eindeutiger Formulierung“ unklar sei, welche Vermittler vom Verbot erfasst wären. Das führe zu Rechtsunsicherheit und nähre Bedenken im Hinblick auf das Transparenz- und Bestimmtheitsgebot. Weiters wird darin der Standpunkt vertreten, „dass das partielle Provisionsverbot mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als unzulässiger Eingriff in die grenzüberschreitende Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit zu qualifizieren ist“. Mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ sei auch davon auszugehen, dass es „unverhältnismäßig“ ist.

Die Beratungen im EU-Ministerrat und im EU-Parlament sind bereits angelaufen und werden einige Zeit dauern. Sollte heuer keine finale Position des Rates zustande kommen, wäre auch eine längere Verzögerung denkbar. Denn im Juni 2024 finden nicht nur im dann amtierenden EU-Ratsvorsitzland Belgien Parlamentswahlen statt, sondern auch auf Unionsebene, und in den Monaten danach wird eine neue EU-Kommission zusammengestellt. Das könnte nicht nur den Zeitplan für die RIS beeinflussen, sondern auch deren Inhalt.

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Wertpapieranlagen werden ernster genommen

Die Rolle Sozialer Medien bei Investments sollte vor allem bei jungen Menschen nicht unterschätzt werden.

Raja Korinek. Die Produktgruppe ist verhältnismäßig jung. Dennoch haben auch Zertifikate inzwischen einen festen Platz unter Anlegern, betont Frank Weingarts, Vorstandsvorsitzender des Zertifikate Forums Austria (ZFA) und Head of Private Investor Products Austria im Team onemarkets der UniCredit, auf dem diesjährigen ZFA-Kongress. Der Börsen-Kurier war dabei.

Zertifikatevolumen steigt

So stieg in Österreich das investierte Volumen im Juli um 1,6 % im Vergleich zu Juni auf 14,5 Milliarden Euro an. Der größte Anteil daran entfiel auf Produkte mit einem 100 %igen Kapitalschutz, eine Entwicklung, die nachvollziehbar ist: Schließlich sind die Zinsen gestiegen, damit können bessere Konditionen bei den Garantien weitergegeben werden.

Weingarts verweist weiters auf den jüngsten Schritt des ZFA. Das Forum trat der Initiative Kapitalmarkt Österreich bei.

Sie wurde vor rund einem Jahr unter anderem von der Wirtschaftskammer Österreich, der Wiener Börse sowie der Vereinigung Österreichischer Investmentgesellschaften gegründet, um das Bewusstsein für den heimischen Kapitalmarkt zu schärfen.

Vermögensvermehrung im Fokus

Doch wie sieht es mit Gründen und Motiven zum Thema Veranlagungen hierzulande aus? Das hat das Marktforschungsinstitut Marketmind im Auftrag von ZFA-Mitglied Raiffeisen Zertifikate abgefragt. Dazu wurden (vom 27.7. bis 8.8.2023) insgesamt 309 Anleger und 243 Berater anvisiert. Auf die Frage etwa, weshalb sie in Wertpapiere veranlagen, nannten 62 % der Anleger und 86 % aller Berater die Vermehrung von Vermögen als Grund. Dieses zu erhalten war der zweithäufigste Grund, wobei die steigenden Inflation die Notwendigkeit zu solch einem Schritt verdeutlicht. Philipp Arnold, Leiter Zertifikate Sales & Marketing bei Raiffeisen Zertifikate, meint, dass vor allem Zertifikate im aktuellen Umfeld punkten könnten. Sie bieten die Möglichkeit, auf unterschiedliche Marktentwicklungen zu setzen.

Jedoch gibt es auch immer noch genügend Skepsis. Auf die Frage etwa, was gegen eine Veranlagung in Wertpapiere spreche, antworteten 45 % aller Anleger und 46 % aller Berater, dass sie das Risiko von Wertverlusten abschrecke. Dennoch, unter dem Strich sehe man, dass eine Wertpapierveranlagung bei einer immer breiteren Masse ankomme, konstatiert Arnold. Er verweist auch auf die derzeit vorherrschenden Themen, zu denen nicht nur ein Investment in etablierte Märkte zählt. Auch Themen wie die Künstliche Intelligenz bzw. Nachhaltigkeit stehen im Fokus.

Internet-Infos für junge Anleger

Monika Kovarova-Simecek, Studiengangsleiterin Digital Business Communications an der Fachhochschule St. Pölten, unterstreicht in ihrer Studie zum Veranlagungsverhalten der sogenannten „Gen Z“ (Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden), dass diese einen großen Einfluss darauf hätten, wie Marktinformationen künftig ausgetauscht werden. Immer-hin nutzten mehr als 90 % dieser Bevölkerungsgruppe Soziale Medien. „Was nicht auf solchen Plattformen steht, existiert für die Gen Z praktisch nicht“, sagt Kovarova-Simecek etwas überspitzt.

 

Sie meint auch, dass sich diese Gruppe für den Kapitalmarkt durchwegs interessiere, dieser Aspekt sollte nicht unterschätzt werden. Entsprechend informiert wird freilich über zahlreiche virtuelle Kanäle. Die größten Nutzerzahlen gibt es dabei via Instagram, hält die Expertin weiters fest. Danach folgen Youtube und Tiktok. Am wenigsten wird X (vormals Twitter) zum Einholen von Anlegertipps unter den „Gen Z“ verwendet.

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Zeit für defensive Schritte

Höhere Zinsen machen defensive Veranlagungen wieder attraktiv.

Michael Kordovsky. Die Geldanlage und Pensionsvorsorge auf Basis von Aktien oder Aktienfonds hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Per 15. September liegen S&P 500 und NASDAQ 100 auf Dreijahres-Sicht jeweils 31,2 bzw. 35,2 % im Plus. ATX und CAC 40 stiegen sogar um 40,9 bzw. 45,4 %. Anleihen-Kurse brachen hingegen ein, woraus das aktuell hohe Renditeniveau resultiert. Mittlerweile droht weltweit großen Unternehmen ein Gewinneinbruch infolge eines globalen Konjunkturabschwungs. Da schadet es nicht, die bisher erreichte Performance mal abzusichern und leiser zu treten, denn die nächste größere Korrektur an den Aktienmärkten kommt bestimmt. In diesem Zusammenhang gibt es gute Nachrichten für Anleger: Es gibt wieder Alternativen zu Aktien und Immobilien. Sparprodukte werden zunehmend attraktiver und kurzfristig 3,0 % und mehr sind durchaus üblich, während manche Bausparverträge mit 3,5 % Fixzinsen auf das erste Jahr und der anschließenden Zinsbindung an den 12-Monats-Euribor durchaus attraktiv erscheinen. Und auch Anleihen sind wieder ein Thema: Die Renditen hochwertiger Staats- und Unternehmensanleihen liegen mittlerweile wieder zwischen 3,50 und 5,00 %. Die Renditen einjähriger US-Treasuries und österreichischer Bundesanleihen lagen am 15. September 2023 bei jeweils 5,44 bzw. 3,69 %. Zehnjährige italienische Staatsanleihen rentieren mittlerweile bei 4,46 % und einjährige französische Papiere bei 3,77 %.

Risikoreduktionsmöglichkeiten für ausgewogene Anleger
Ausgewogene Anleger der Altersgruppe 35 bis 50 Jahre, die beispielsweise mit erhöhten Aktien(fonds)quoten von 50 bis 60 %, AI-Fonds-Investment-Quoten von 15 bis 20 % und Immobilienfondsquoten von 20 % und mehr in den Negativzinsjahren 2015 bis 2022 versuchten, möglichst hohe Erträge zu erwirtschaften, könnten wie folgt – bei durchaus noch lukrativen Renditen – Risiken aus dem Portfolio nehmen:

Risikoreduktion

• Generell: Aktienquote auf 40 bis 50 % reduzieren, offene Immobilienfondsquote auf 5 % reduzieren, bei AI-Fonds an zwischenzeitliche Gewinnmitnahmen denken.

• Gewinnmitnahmen bei Technologie-Aktienfonds und bei einzelnen Technologiewerten.

• Reduktion zyklischer Aktien und Aktieninvestments in Japan und den Schwellenländern.

• Aktien: Umschichtung in Dividenden-Fonds, sofern diese in vergangenen Drawdowns tatsächlich eine hohe relative Stärke zeigten.

• Aktien: Umschichtung in defensive Branchenfonds mit Schwerpunkten Nahrungsmittel oder Biotech/Pharma.

• Offene Immo-Fonds in geldmarktnahe Euro-Anleihen-Fonds, Investment-Grade-Corporate-Bond-Fonds und lukrative Sparprodukte umschichten.

Risikoreduktion für die Anlegergeneration 50 plus

Hier lautet vor allem bei hohen Ersparnissen das Motto: „Keine Experimente“. Vermögenserhalt hat Priorität: Im aktuellen Umfeld sollte das Portfolio so gestaltet sein, dass es laufende Erträge aus Zinsen und Dividenden gibt, wobei sich die Aktienquote mit 20 bis 25 % im überschaubaren Bereich halten sollte. Stattdessen können Anleger mit einem unbelasteten Finanzvermögen von mindestens 250.000 Euro an eine Beimischung von bis zu 10 % Private-Equity-Dachfonds denken, woraus beispielsweise für einen Anlagebetrag von über 250.000 Euro folgende Asset-Allocation resultieren könnte:

Musterportfolio Generation 50 plus ab 250.000 Euro

25 % Sparprodukte

20 % Aktien(fonds) mit Schwerpunkt solider Dividendenzahler und defensiver Branchen

15 % Geldmarktnahe Fonds/ETFs mit Schwerpunkt Eurozone

10 % Inflationsgeschützte Anleihen (via Fonds und/oder ETFs)

10 % Investment Grade Corporate Bond Fonds

10 % Private Equity-Dachfonds (langfristige Vorsorgekomponente)

10 % Gold (Bullion-Gold, physisch in Münzen und Barren)

Erbschaften besonders defensiv veranlagen

Besondere Vorsicht sollten Anleger bei Erbschaften von mehr als 100.000 Euro walten lassen. Die einfachste Lösung wären hier lukrative Sparprodukte einzelner Banken, wobei die Beträge pro Institut unter der staatlichen Einlagensicherungsgrenze von 100.000 Euro liegen sollten. Wer noch das sehr langfristige Risiko von Papiergeldsystemen absichern möchte, kann beispielsweise als „Feuerversicherung“ des Portfolios 8 bis 12 % in physischem Gold (Barren oder Münzen wie Krügerrand oder Philharmoniker) anlegen. Hinzu kommen noch weitere defensive Alternativen.

Bei Neuveranlagungen werden klassische Lebensversicherungen infolge des höheren Zinsniveaus wieder zunehmend interessanter. Wer im Todesfalle Angehörige finanziell absichern möchte, könnte sich zukünftig hier durchaus an Renditen von 2 bis 3 % p.a. erfreuen. Alternativ mehren sich lukrative Garantieprodukte, die von Großbanken emittiert werden. Interessant sind beispielsweise Produkte, deren Rückzahlungsbetrag von bestimmten Indexständen zu Beobachtungstagen abhängt. Hier sind u.a. ESG-orientierte Aktienindizes als Basiswert im Vormarsch.

Aus diesen Möglichkeiten resultiert folgender Vorschlag zur Absicherung von Erbschaften oder Erlösen aus Immobilienverkäufen in Höhe von beispielsweise 300.000 Euro:

40 % Sparprodukte, gesplittet auf zwei Banken

20 % Garantieprodukte auf Basis interessanter Aktienindizes

20 % Klassische Lebensversicherung

10 % Geldmarktnahe Fonds/ETFs mit Schwerpunkt Eurozone

10 % physisches Gold

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Vor entscheidender Phase für Edelmetalle

Zertifikate als Werkzeug, um an einem Trendwechsel zu partizipieren.

Roman Steinbauer. Seit drei Jahren ist die Goldnotiz in einer Spanne zwischen 1.700 und 2.000 USD/Unze (oz) gefangen. Nach hohen Erwartungen droht nun eine Eintrübung der Stimmung. Ein verändertes Zinsumfeld beeinflusst den gesamten Komplex des Metallbergbaus. Teurere Investitionen könnten auch die Anlage-Nachfrage nach Edelmetallen reduzieren, da diese physisch weder Zinsen noch Dividenden abwerfen. Zu-dem ist mit Überraschungen bei den Preisrelationen zueinander zu rechnen. Denn die Vertreter der Platingruppe bzw. Weißmetalle (Platin, Palladium) weisen historisch hohe Abschläge zur Gold- und Silbernotiz auf. Da sich neue Trends in der Welt des begehrten korrosionsfreien Anlageguts über mehrere Jahre etablieren, lohnt es sich, eine entscheidende Wende frühzeitig zu erkennen.

Setzen Goldinvestoren auf das falsche Pferd?
Medial dominierten Gold-Optimisten lange das Geschehen. Zwischen Juni 2020 und Mai 2023 übersprang die Notiz dreimal die Marke von 2.000 USD/oz. Trotz multipler Krisen hielt das Niveau nicht länger als 14 Tage, um dann zu scheitern. Minengesellschaften könnten sich nun veranlasst sehen, die Förderungen preislich abzusichern, ein Vorgang, der weitere Kursavancen bremsen würde. Eine Kapitulation der „Bullen“ scheint durchaus möglich. Der etablierte, kanadische Edelmetallhändler Kitco zitierte in der Vorwoche in einer Analyse zwar die Aussagen Ole Hansens, Rohstoffstratege der Saxo Bank, wonach die wirtschaftliche Unsicherheit weiterhin Gold eine Funktion als „sicherer Hafen“ zugestehe. Konträr wurde auf die Ansicht des Metall-Analysten der Commerzbank Carsten Fritsch verwiesen: „Die anziehenden Anleihe-Renditen bringen gold-basierte ETFs weiter unter Druck, die in der Vorwoche zu einen Netto-Verkaufsüberhang von 16 Tonnen führten. Das sollte als Weckruf gelten. Es sind Liquidationen zu beobachten.“ Labil präsentiert sich seit dem Zwischenhoch von 29 USD/Unze im August 2020 der Silberpreis, der aktuell 18 % tiefer liegt.

Nachzügler-Bewertung des Platins

Ein anderes Bild liefern die Weißmetalle. Dabei sticht die tiefe Bewertung des Platins und der Palladium-Notiz im Verhältnis zu Gold hervor. Wurde Platin zur Jahrtausendwende noch um 50 % höher als Gold gehandelt, besteht heute bei 924 USD/oz zum gelben Edelmetall ein Abschlag von 52 %. Kitco veröffentlichte den jüngsten Report des World Platinum Investment Council (WPIC).

 

Demnach werde die Nachfrage der Autoindustrie (das Material wird in Katalysatoren inklusive in Hybrid-Fahrzeugen angewandt) in 2023 mit +13 % auf 3.28 Mio oz

den höchsten Stand seit 2017 erreichen. Für heuer zeichne sich ein Angebotsdefizit von mehr als 1 Mio oz ab. Die Substitution von Palladium (die Eigenschaften der Metalle sind ähnlich), schreite in der Industrie dabei voran. Nach einer Spitzenbildung bei 3.000 USD/oz vor 18 Monaten ist der Einbruch des Preises für Palladium selbst auf nunmehr 1.254 USD unterdessen als spektakulär zu bezeichnen.

Die Profitabilität diverser Bergbaugesellschaften des Segments hängt von Faktoren wie Förderkosten, Streiks oder Umweltauflagen ab. Deren Aktien erfordern daher eine individuelle Analyse. Zertifikate, denen der Basispreis der Edelmetalle zugrunde liegt, offerieren Anlegern eine Möglichkeit, ohne oder mit Hebelwirkung auf eine Preisrichtung zu spekulieren.

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Zinserhöhungen beflügeln Gewinnentwicklung

Gewinne der europäischen Großbanken steigen deutlich stärker als der US-Banken.

(18.09.). Die kumulierten Nettogewinne der zehn nach Bilanzsumme größten europäischen Banken haben im ersten Halbjahr mit 75 Mrd. Euro einen deutlichen Zuwachs von 80 Prozent erzielt – und liegen damit fast gleichauf mit den kumulierten Nettogewinnen der nach Bilanzsumme zehn größten US-Pendants. Dieser deutliche Anstieg ist vor allem auf den Gewinnsprung bei der Schweizer Bank UBS nach deren Übernahme der Credit Suisse zurückzuführen mit einem Konzernergebnis von 27,4 Mrd. Euro per 30.6.2023. Die zehn größten US-Kreditinstitute konnten im ersten Halbjahr ebenfalls gestiegene Nettogewinne bilanzieren, sie wuchsen um sieben Prozent auf rund 82 Mrd. Euro.

Bei der Profitabilität ist erstmals seit zehn Jahren eine Veränderung zu beobachten: Der Return on Equity (RoE) der europäischen Banken lag per 30.06.2023 bei 15,5 Prozent, ein Plus von 5,9 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt – was allerdings in erster Linie auf das stark verbesserte Ergebnis der UBS aufgrund der Übernahme und erstmaligen Konsolidierung der Credit Suisse zurückzuführen ist (ohne CS-Berücksichtigung liegt der UBS-Nettogewinn im HJ 1/2023 bei knapp zwei Mrd. Euro).

Damit ist dieser Wert der mit Abstand höchste der vergangenen zehn Jahre. Die amerikanischen Banken wiesen zum 30.06.2023 einen RoE von 12,6 Prozent auf – und damit erstmals in den vergangenen zehn Jahren einen niedrigeren Wert als die europäischen Top 10.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer EY-Analyse der Bilanzen der jeweils nach Bilanzsumme zehn größten Banken in den Vereinigten Staaten und Europa.

Bestverdiener unter allen zwanzig analysierten Banken war im ersten Halbjahr 2023 die UBS mit einem Nettogewinn von 27,4 Mrd. Euro, gefolgt von der US-Bank JPMorgan Chase mit 24,8 Mrd. Euro.

Steigende Börsenwerte in Europa, eher sinkende in den USA
Auch die Marktkapitalisierung der Top Banken dies- und jenseits des Atlantiks spiegelt die insgesamt gute Entwicklung der europäischen Banken wider: Seit Jahresbeginn bis Ende Juni 2023 verzeichneten die europäischen Institute insgesamt einen Anstieg um 14 Prozent auf 522,5 Mrd. Euro. Der kumulierte Börsenwert der US-Banken sank im gleichen Zeitraum hingegen um sechs Prozent auf 1,15 Billionen Euro.

Herausforderungen bleiben – weitere Zinsentwicklung maßgeblich
„Die großen Banken in Europa haben von den jüngsten Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank erheblich profitiert, genauso wie ihre amerikanischen Pendants. Diese Maßnahme hat negative Auswirkungen wie den Ukraine-Konflikt, Inflation und das langsame Wirtschaftswachstum in Europa mehr als ausgeglichen“, so Armin Schmitt, Leiter Banking bei EY Österreich.

Gunther Reimoser, Leiter Financial Services bei EY Österreich, dazu: „Obwohl höhere Zinsen die US-Banken begünstigt haben, haben andere Faktoren ihre Erträge beeinträchtigt. Insbesondere Probleme wie der Bankrott der Silicon Valley Bank, Unruhen im Technologiesektor und eine schwache Performance im Bereich Börsengänge und Fusionen & Übernahmen hatten einen negativen Einfluss, wie die Eigenkapitalrenditen belegen.“

Ausblick: politische und makroökonomische Unsicherheiten bleiben
„Die Zukunft des Bankensektors ist unsicher und wird maßgeblich von der Zinspolitik in den USA und der EU sowie von der wirtschaftlichen Lage in beiden Regionen beeinflusst. Während die Wirtschaft in den USA weiterhin stark wächst, stehen europäische Zentralbanken vor der Herausforderung, mit stagnierender Wirtschaft und gleichzeitig hoher Inflation umzugehen. Diese unterschiedlichen Entwicklungen haben direkte Auswirkungen auf europäische Banken, vor allem wenn es an wirtschaftlichen Wachstumsanreizen fehlt“, analysiert Schmitt.

Reimoser ergänzt: „Für Banken in den USA und der EU wird effizientes Kosten- und Risikomanagement entscheidend sein. Viele Banken, einschließlich einiger großer Institute in den USA, haben bereits Schritte unternommen, um ihre Kosten zu senken und ihre Gewinne zu steigern. Es ist zudem zu erwarten, dass Banken weiterhin bestrebt sein werden, ihre Eigenkapitalquoten zu verbessern.“

Schwieriges Umfeld für Immobilienfonds

Anleger waren im ersten Halbjahr 2023 zurückhaltender bei offenen Produkten.

Patrick Baldia. Die starke Zinserhöhung seit Sommer 2022, Inflation und die Angst vor zurückgehenden Immobilienpreisen hält weiterhin den Investmentmarkt in Atem. In Zahlen: Im ersten Halbjahr 2023 wurden laut der EHL Investment Consulting 1,2 Mrd. Euro in heimische Gewerbeimmobilien investiert. Das entspricht einem Rückgang von 45 % gegenüber dem Vorjahr. Auch Kleinanleger zeigen sich angesichts des schwierigen Umfelds vorsichtiger. Laut dem FMA-Bericht „Asset Management im 2. Quartal 2023“ haben offene Immobilienfonds seit Jahresbeginn einen Rückgang von 3 % verzeichnet. Das Fondsvermögen beläuft sich bei 10,6 Mrd. Euro.

Der größte heimische Immobilienfonds, der „Real Invest Austria“ (ISIN: AT0000634365), der ausschließlich in Österreich investiert ist, hat in den vergangenen zwölf Monaten eine Performance von 3 % erzielt. Der „Erste Immobilienfonds“ (AT0000A08SG7), die heimische Nummer zwei, hat ein Plus von 2,12 % vorzuweisen. Der von Peter Karl, CEO der Erste Immobilien KAG, gemanagte Fonds setzt seit jeher einen Fokus auf Wohnimmobilien (Portfolioanteil: 66 %). Büro- und Gewerbeobjekte kommen auf 28 bzw. 6 %. Den widrigen Marktgegebenheiten zum Trotz, haben sich die beiden Assetklassen im Vorjahr durchaus positiv entwickelt. So konnten vor allem in den Ballungszentren Wien, Graz und Hamburg 8.200 Quadratmeter an Büro- und Gewerbeflächen vermietet werden.

„Immobiliengeschäft läuft“
„Das Immobiliengeschäft läuft – und zwar besser als erwartet. So ist es uns gelungen, Inflationsanpassungen durchzusetzen und die Auslastungen sowie Neuvermietungen unserer Immobilien auf einem hohen Niveau zu halten“, zieht Karl eine positive Bilanz. Als Gründe dafür, nennt der Experte den Fokus auf besonders hochwertige und nachhaltige Immobilien im Portfolio, erfolgreiche Modernisierungsmaßnahmen sowie das große Engagement und die Ausdauer in den Vertragsverhandlungen.

Auf Einjahressicht hat der „Erste Immobilienfonds“ um 2,12 % zugelegt. Etwas besser unterwegs ist in den vergangenen zwölf Monaten mit einem Plus von 3 % der „Immofonds 1“ (AT0000A0S392). Der Fonds von Union Investment ist etwas breiter aufgestellt und neben der Assetklasse Büro (47 %) auch in Einzelhandel (17,58 %), Wohnen (14,53 %), Hotel (14,02 %) und Logistik (5,93 %) investiert. Auch hier gibt es auf der Vermietungsseite Positives zu berichten. Erst kürzlich konnte beispielsweise der Mietvertrag mit einem Bestandsmieter im Düsseldorfer Bürogebäude Global Gate III, das zum Bestand des „Immofonds 1“ zählt, vorzeitig um fünf Jahre verlängert werden. „Ich mache bei den meisten Akteuren am Investmentmarkt, auch beim Mitbewerb, weiterhin große Zurückhaltung aus“, sagt Jenni Wenkel, CIO bei Union Investment Real Estate Austria, gegenüber dem Börsen-Kurier. Dabei würde es aktuell durchaus Sinn machen, antizyklisch zu investieren. „Als Käufer ist man derzeit sicher im Vorteil.“

Auf der Käuferseite
Keineswegs zurückhaltend ist dagegen das Management der in Österreich zugelassenen Immobilienfonds von Corum. Im Vorjahr wurden für den „Corum Origin“ (FR0013398039) und den „Corum XL“ (FR0013397692) nicht weniger als 45 Immobilien für 1,2 Mrd. Euro gekauft. Und auch heuer ist man groß auf der Käuferseite unterwegs. Und zwar weitgehend ohne Fremdfinanzierung, was im aktuellen Zinsumfeld natürlich ein deutlicher Wettbewerbsvorsteil ist. Gute Gelegenheiten würden sich grundsätzlich in allen Assetklassen in ganz Europa finden, mit Ausnahme von Österreich, wo man keine Immobilien besitze, wie Corum-Gründer Frédéric Puzin dem Börsen-Kurier verrät. Schließlich würden immer mehr Eigentümer unter Druck stehen, was zu den besten Opportunitäten führe. Dass die Strategie nicht ganz falsch sein kann, zeigt die Performance der Fonds: Während die heimischen offenen Immobilienfonds 2022 eine durchschnittliche Wertentwicklung von 2,4 % aufgewiesen haben, haben „Corum Origin“ und „Corum XL“ ein Plus von rund 11 bzw. 9 % erzielt.

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Kommt nun der Crash?

Es mehren sich die Anzeichen für Korrektur an den Aktienmärkten.

Raja Korinek. Die globalen Aktienmärkte haben jüngst ein gutes Stück zugelegt. Dies trifft vor allem auf die USA zu. Die Zinswende in vielen Regionen scheinen Anleger vorerst noch zu ignorieren, ein Umstand, den Stefan Riße, Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment, vorsichtig stimmt. Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier meint Riße, dass er solch einen Kursanstieg angesichts der restriktiveren Geldpolitik nicht erwartet hätte.

Seine Vorsicht begründet Riße mit Parallelen zu 1987. Damals, am 19. Oktober, kollabierten die Börsen, der Tag ging als „Schwarzer Montag“ in die Geschichtsbücher ein. Allein der Dow Jones fiel im Tagesverlauf um fast 23 %. Doch was war geschehen? Auch damals stiegen die kurzfristigen Zinsen – der Federal Funds Rate – kräftig an, sagt Riße. Im Jänner 1987 notierte der Satz bei 7 % und lag wenige Monate später über 10 %.

Höhere Zinsen bremsen
Riße ist überzeugt, dass auch heute die höheren Zinsen spürbare Folgen auf Unternehmen haben werden. Er nennt zudem weitere wirtschaftliche Faktoren, die ihn vorsichtig stimmen und verweist etwa auf die rückläufige Entwicklung des „J.P.Morgan Global Manufacturing PMI“. Der Konjunkturindikator legt den Fokus auf das verarbeitende Gewerbe weltweit und war zuletzt nach unten gedreht. Dies deutet auf eine Kontraktion der Wirtschaft hin.

Auch die rückläufige Entwicklung beim Einkaufsmanagerindex in der Eurozone – er misst die Lage in der Industrie und im Dienstleistungssektor – kündigt Riße zufolge eine Rezession an. Der Index war im Monat August auf 46,7 Punkte noch weiter unter die wichtige Marke von 50 Punkten gerutscht, ein deutliches Zeichen einer Kontraktion.

Rezessionssignale mehren sich
Auch jenseits des Atlantiks geben jüngste Entwicklungen dem Kapitalmarktstrategen wenig Grund zu Optimismus. Dort sei nämlich der Conference-Board-Index im Minus. „In der Vergangenheit deutete dies immer wieder auf eine Rezession. Doch auch am US-Arbeitsmarkt gibt es erste Anzeichen einer Abschwächung.“ So kündigten inzwischen weniger Menschen ihre Jobs, in der Angst, keine neue Stelle zu finden.

Riße meint jedoch auch, dass die Notenbanker in eine veritable Zwickmühle geraten könnten, wenn im aktuellen Umfeld auch noch die Ölpreise weiter ansteigen, die Teuerung somit erneut anheizen. Denn dann müssten sie ihre straffere Geldpolitik womöglich länger durchziehen, anstatt die Zinsen zu senken, um den konjunkturellen Einbruch abzufedern. „Dies könnte die Aktienmärkte belasten.“

Bilanzabbau der Notenbanken
Der Acatis-Experte mahnt oben-drein, den Fokus nicht nur auf die Zinsentscheidung zu legen. Schließlich schrumpfen die Fed sowie die EZB ihre Bilanzen. Sie haben in den vergangenen Jahren große Summen in den Kauf von Anleihen investiert, das Volumina wird nun abgebaut. Damit fallen wichtige Bondkäufer vom Markt weg, weshalb auch die Anleiherenditen vom aktuellen Niveau noch steigen könnten. Zuletzt lag etwa die 10-Jahres-Rendite deutscher Bundesanleihen bei rund 2,7 %.

Angesichts höherer Renditen verteuern sich damit die Refinanzierungskosten für Unternehmen, beispielsweise dann, wenn sie neue Anleihen begeben. Riße verweist aber auch auf gestiegene Kosten etwa für Kreditkartenschulden oder Darlehen für den Kauf von Autos jenseits des Atlantiks. „Schon jetzt erzielen rund 43 % aller US-Unternehmen keinen positiven freien Cashflow.“ Riße mahnt Anleger daher zu Vorsicht an der Börse, eine Korrektur könnte bald drohen.

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Wie Private Banker auf höhere Zinsen reagieren

Der Börsen-Kurier befragte fünf Institute zu den Anpassungen bei deren Anlagestrategien.

Michael Kordovsky. Anfang 2022 lag der Drei-Monats-Euribor noch bei minus 0,57 %. Bis 13. September 2023 folgte ein Anstieg auf 3,85 %. Und bei Staatsanleihen entwickelter Länder sind 4 bis 5 % Rendite keine Seltenheit mehr. Mittlerweile werfen Staatsanleihen der Emerging-Markets und High Yield Corporate Bonds Renditen von 7,3 bis 8,0 % ab. Diese neuen Rahmenbedingungen verändern Beratungsprozesse und Anlagestrategien der Private-Banker.

Kurze und mittlere Laufzeiten
Dazu Harald Holzer, Chief Investment Officer der Kathrein Privatbank, gegenüber dem Börsen-Kurier: „Das aktuelle Zinsumfeld hat zweifellos einen erheblichen Einfluss auf unseren Beratungsprozess und unsere Produktgestaltung in der Kapitalanlage. Im Vergleich zu 2020 erleben wir derzeit deutlich höhere Zinsen, wobei in den Kernländern Europas und den USA eine inverse Zinskurve zu beobachten ist. Diese Entwicklung hat mehrere Auswirkungen: Aufgrund der inversen Zinskurve sind kurzfristige Anlagen und Geldmarktveranlagungen derzeit be-sonders attraktiv. Hier können Anleger von den höheren Zinssätzen profitieren und gleichzeitig ihre Liquidität bewahren. Dies hat dazu geführt, dass wir vermehrt in kurzfristige Anlageprodukte beraten.“ Gleichzeitig ergeben sich auch Sonderchancen im mittleren Laufzeitspektrum: „Insbesondere bei schlechteren Bonitäten und Unternehmensanleihen ist die Inversion der Zinskurve nicht so stark ausgeprägt. Daher sind Anlagen mit mittleren Laufzeiten in diesem Segment besonders interessant, da sie attraktive Renditen bieten können, ohne die Volatilität längerfristiger Anlagen einzugehen“, so Holzer, der die Bond-Strategie der Kathrein Privatbank wie folgt skizziert: „Unsere Strategie beruht auf einem gut diversifizierten Anleihenportfolio, das es uns ermöglicht, deutlich höhere Renditen bei gleichzeitig geringerem und besser diversifiziertem Zinsänderungsrisiko zu erzielen.“ Eine Renditechance von bis zu deutlich mehr als 7 % bieten Emerging-Market- und High-Yield-Bonds, insbesondere EM-Bonds in Lokalwährung, bei denen auch Währungsgewinnchancen bestehen. „Diese Strategie erfordert jedoch eine genaue Analyse der Währungsrisiken“, so Holzer.

Attraktive Erträge bei geringem Risiko
Auf den Punkt bringt es Wolfgang Ules, Chief Investment Officer der Schellhammer Capital Bank AG: „In den vergangenen Jahren waren Aktien für ausgewogene Anleger alternativlos. Frei nach dem Motto: TINA (There is no alternative) spielten Aktien eine zentrale Rolle in den Portfolios ausgewogener Anleger. Nach den Renditeanstiegen des vergangenen Jahres haben Anleihen wieder deutlich an Attraktivität gewonnen“, und er verweist auf attraktive Renditen bei geringem Risiko: „Schon bei geringem Risiko lassen sich in Unternehmensanleihen guter und bester Bonität attraktive Renditen erzielen. Außerdem lohnt sich der Blick über den Tellerrand. US-Staatsanleihen gelten noch immer als sicherer Hafen, bieten aber weitaus höhere Renditen als Euro-Staatsanleihen mit vergleichbarer Bonität. Auch inflationsgeschützte Anleihen sollten nicht fehlen. Mit ihnen lässt sich der hohen Inflation weiterhin ein Schnippchen schlagen.“ Im Beratungsprozess ist die „TINA-Ära“ mit einst sehr hohen Aktienquoten vorbei. Jetzt werden die Kunden aktiv darauf angesprochen, ob sie nicht die Anleihequote wieder erhöhen wollen. Kunden mit Cash am Konto werden aktiv auf Angebote am Zinsmarkt hingewiesen und wegen drohender Abwertung durch fallende Immobilienpreise werden Kunden Alternativen zu offenen Immo-Fonds angeboten. Darüber hinaus kommt für langfristig orientierte Anleger mit unternehmerischem Hintergrund zur Portfolio-Optimierung noch Private Equity ins Spiel.

Unternehmensanleihen mit guter Bonität
Den Portfolio-Anteil an soliden Anlageprodukten, wie Anleihen- und Geldmarktprodukten, und liquiden Mitteln haben die Experten der Oberbank von 30 bis 40 % in der Niedrigzinsphase seit einigen Monate wieder sukzessive erhöht. Anleihen und liquide Mittel sind aktuell rund 44 % gewichtet. „Gleichzeitig sind wir der Meinung, dass auch die Anlageprodukte mit höherer Schwankung (insbesondere Aktien) vor allem längerfristig betrachtet weiterhin interessant sind, weshalb dieser Anteil mit etwa 56 % weiterhin höher als Anleihen und liquide Mittel gewichtet ist“, so ein Statement der Oberbank. Obwohl nach Kursverlusten aufgrund des Zinserhöhungszyklus Anleihen grundsätzlich ein besseres Chancen-Risiko-Verhältnis aufweisen, muss genau selektiert werden: „Die Bewertung von europäischen Unternehmensanleihen ist im Vergleich zu den letzten zehn Jahren weiter günstig. D.h., die Renditeabstände (Credit Spreads) befinden sich zwischen europäischen Unternehmensanleihen und deutschen Staatsanleihen weiter auf historisch hohem Niveau. Das Renditeniveau bzw. die Ertragserwartung pro Jahr liegt bei Unternehmensanleihen mit guter Bonität im Euroraum mittlerweile bei deutlich über 4 % – ein Niveau, das wir seit zehn Jahren kaum gesehen haben. Vorsichtig sind wir bei Hochzinsanleihen, da das globale konjunkturelle Wachstumsbild gemischte Signale sendet. Neben Unternehmensanleihen haben auch Staatsanleihen mit guter Bonität und Geldmarktprodukte an Bedeutung gewonnen“, erklärt die Oberbank, die verstärkt auf Nachhaltigkeit achtet.

Renditepuffer für mögliche Börsenkorrekturen
Die Mischung von Anleihen mit Aktien ergibt auf jeden Fall Sinn, was Schoellerbank-Vorstandsvorsitzender Helmut Siegler wie folgt skizziert: Im gemischten Portfolio können Anleihen nun wieder ihre stabilisierende Rolle als Gegengewicht zu Aktienanlagen erfüllen. Sollten die Aktienmärkte aufgrund sich abschwächender Konjunkturdaten stärker unter Druck geraten, werden ausgewogene Portfolien durch die Anleihen teilweise entschädigt.“ Die Bondveranlagungen im Private Banking der Schoellerbank skizziert Siegler: „Neben Staatsanleihen investieren wir in inflationsindexierte Anleihen und Unternehmensanleihen. Als kleinere Beimischungen bieten Fremdwährungen (G10-Staaten) und Schwellenländeranleihen mit guter Bonität interessante Möglichkeiten. In einem konservativ strukturierten Rentenportfolio sorgt allein die laufende Verzinsung derzeit für einen Ertrag von drei bis vier Prozent. Dies ist auch ein Renditepuffer für mögliche Börsenkorrekturen im Portfoliokontext. Sollte der Zinsdruck in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich wieder nachlassen, sind bei Anleihen Kursgewinne möglich.“

In Bezug auf Aktien wurden die Experten der Schoellerbank heuer etwas defensiver: „Die Wachstumsaussichten haben sich aufgrund höherer Zinsen eingetrübt und wir haben die Aktienquote deshalb in den letzten Monaten reduziert. Wir konzentrieren uns auf solide Unternehmen mit angemessenen Bewertungen. Auch eine steigende Dividende ist attraktiv. Mittelfristig sind wir für den Aktienmarkt nicht pessimistisch. Kurskorrekturen bieten Einstiegsmöglichkeiten“, so Siegler.

Anleihen als Konkurrenz zu Alternativen Investments
Im Private Banking der UniCredit Bank Austria signalisiert Oliver Prinz, Leiter Investment Strategy, die gestiegene Bedeutung von Anleihen wie folgt: „Der deutliche Anstieg der Zinsen hat natürlich auch Einfluss auf die Finanzmärkte. In unserer Asset Allocation haben Anleihen daher an Attraktivität sowohl absolut, was die Rendite betrifft, als auch relativ in Bezug zu Aktien gewonnen. Anleihen werden in Zukunft zum Portfolioertrag wieder einen attraktiven Beitrag leisten und können auch eine Absicherung bei fallenden Aktienkursen bieten. Gute Bonitäten bei Anleihen sind bei uns daher im Fokus. Der Inflationsschutz bleibt zwar weiterhin attraktiv, aber nicht in dem Ausmaß wie vor einem Jahr. Wir haben mittlerweile auch die Duration, also im Wesentlichen die Bindungsdauer, bei Anleihen verlängert.“ In den vergangenen Monaten wurde der Aktienanteil reduziert und bezüglich alternativer Veranlagungen gibt Prinz folgendes Statement: „In Bezug auf alternative Veranlagungen haben wir im Niedrigzinsumfeld in der Vermögensverwaltung vor allem Absolute- bzw. Total-Return-Fonds übergewichtet. Diese Fonds dienten hauptsächlich als Ersatz für die Anleihen, die damals sogar negative Renditen brachten. Aktuell sind die Alternativen Investments durch die höheren Renditen bei Anleihen wieder weniger attraktiv geworden.“

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Spagat zwischen Konjunktur und Inflation

Notenbanker lassen sich nicht in die Karten schauen

(08.09.) Die Ungewissheit über die weitere Zinsentwicklung und die Konjunktur drückt beiderseits des Atlantiks auf die Stimmung der Anlegerinnen und Anleger. Obwohl der deutsche Aktienindex Dax sowie der US-Index S&P 500 heuer bereits 14 bzw. 18 Prozent zulegen konnten, herrscht zu Beginn der Herbstsaison weitgehend Unsicherheit und Volatilität an den Finanzmärkten, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar. Noch dazu zähle der September – historisch gesehen – zu den schwächsten Börsenmonaten. Untermauert wird all dies durch die vagen Aussagen der führenden Notenbanker, unter anderem bei ihrem jüngsten Jahrestreffen in Jackson Hole im US-Bundesstaates Wyoming. Die erhofften Signale zur weitere Zins-Strategie blieben aus.

Inflation rückläufig, aber zu hoch
In den USA zeigen die rasanten Zinsschritte auf aktuell 5,25 bis 5,5 % Wirkung in der Inflationsbekämpfung. Die Inflation in den USA ist von ihrem Höchststand im Vorjahr von rund 9 auf 3,2 % (Juli) zurückgegangen. Die europäische Zentralbank EZB hat einen ähnlichen Weg eingeschlagen und die Leitzinsen auf aktuell 4,25 % angehoben. Die Inflation ist im Euroraum von ihrem jüngsten Maximum von rund 10,6 Prozent (Oktober 2022) auf rund 5,3 % (Juli) gesunken und liegt also deutlich über der US-Inflation. Die bisherigen Aktivitäten der Notenbanken scheinen somit einigermaßen erfolgreich. Dennoch liegen die Inflationszahlen noch immer über dem geldpolitischen Ziel von 2 %.

Ein schwieriger Spagat
Der Kampf gegen die Inflation sei noch nicht gewonnen, sagten die Notenbanker in Jackson Hole. Allerdings wird die weitere Strategie immer schwieriger, je weiter die Inflationsbekämpfung voranschreitet, da die Signale aus der Wirtschaft uneinheitlich sind. Trotz Zinserhöhungen sind die Daten aus der US-Wirtschaft recht robust. Die Wirtschaft ist zuletzt gewachsen und der Arbeitsmarkt ist stabil. In Europa scheint der Wirtschaftsmotor etwas ins Stottern geraten zu sein. Insbesondere in Deutschland zeigen sich bei einer vergleichsweise hohen Inflation Rezessionstendenzen. Nun soll die Teuerung zwar eingedämmt werden, gleichzeitig aber eine schwere Rezession vermieden werden – ein schwieriger Spagat, zumal sich Zinserhöhungen in der Regel erst mit einer Verzögerung von vielen Monaten vollständig in der Wirtschaftsleistung und am Arbeitsmarkt niederschlagen.

Inflationsbekämpfung bleibt im Fokus
Die wirtschaftliche Entwicklung und auch die Inflation werden von vielen Faktoren beeinflusst, die Zusammenhänge sind äußerst komplex. Die Notenbanken möchten sich die Flexibilität erhalten, kurzfristig auf unterschiedliche Entwicklungen reagieren zu können. In ihrer Kommunikation über die zu erwartenden Zinsschritte schlagen die Zentralbanken deshalb nun einen neuen Weg ein. War in den letzten Monaten aus diversen Andeutungen immer recht klar erkennbar, dass Zinserhöhungen bevorstanden, so wollen die Banker nun auf die jeweils aktuelle Datenlage mit kurzfristigen Änderungen in der Geldpolitik reagieren. Weder die US-Notenbank Fed noch die EZB lassen sich aktuell in die Karten schauen, ob für September eine weitere Erhöhung geplant oder eine Pause denkbar ist. Doch auch nach einer Pause, so EZB-Präsidentin Christine Lagarde, seien weitere Schritte im Zinserhöhungszyklus möglich.

Signal für ein Ende des Zinszyklus?
Die Märkte können sich also im Vorfeld weniger auf die weitere Vorgehensweise der Notenbanken einstellen. Dies dürfte die Volatilität erhöhen. Die angekündigte vorsichtigere Vorgehensweise könnte ein Signal dafür sein, dass die Zinserhöhungszyklen bereits weit fortgeschritten sind. Dennoch ist nicht vorherzusehen, wann der Zinshöhepunkt erreicht sein wird und wie lange die Zinsen auf dem hohen Niveau bleiben werden, bis wieder Zinssenkungen vorgenommen werden. Eine robuste Wirtschaft würde längerfristig höhere Zinsen bedeuten. Schlittert die Wirtschaft jedoch wider Erwarten in eine stärkere Rezession, sind sogar baldige Zinssenkungen möglich, insbesondere wenn die Inflation gleichzeitig sinkt und nicht durch andere Faktoren befeuert wird. Sollte die Inflation trotz Wirtschaftswachstum weiter sinken und sich nachhaltig dem 2-%-Ziel annähern, wäre ein Soft Landing gelungen und es sind ebenfalls Zinssenkungen denkbar. Gibt es anhaltend widersprüchliche Daten, dann wird es spannend, welchen Daten die Notenbanken Gewicht beimessen werden, um ihre weitere Strategie festzulegen.

Nachhaltige Finanzprodukte sofort erkennen

ESG-Informationen sind öffentlich verfügbar, plus: Finanzdienstleister haben Auskunftspflicht.

Rudolf Preyer. Für private Investoren gilt die Faustregel: „Vor Vertragsabschluss muss ich darüber informiert werden, wie Nachhaltigkeitsrisiken vom jeweiligen Unternehmen berücksichtigt werden.“

Bekanntermaßen gelten bei Finanzprodukten, bei denen die Aspekte Umwelt (E), Soziales (S) und gute Unternehmensführung (G) eine zentrale Rolle spielen, für Fondsgesellschaften, Banken, Wertpapierunternehmen, Versicherungen und andere Finanzdienstleister ganz bestimmte Informationspflichten.

Der Investor muss in regelmäßigen Berichten Bescheid erhalten, welche Auswirkungen Nachhaltigkeitsfaktoren auf die Rendite haben – und vor allem: wie die Nachhaltigkeitsziele überhaupt erreicht werden sollen, und nicht zuletzt: wie sich diese auf die Anlagestrategie auswirken.

Hell- oder Dunkelgrün?
Sogenannte „hellgrüne Finanzprodukte“ berücksichtigen ökologische oder soziale Merkmale, der ESG-Fokus muss aber nicht zwingend gegeben sein. „Dunkelgrüne Finanzprodukte“ hingegen leisten bewusst einen positiven Beitrag zur Erreichung eines ökologischen oder sozialen Zieles. Wo aber finde ich die für mich relevanten Informationen?

Diese sind auf den Webseiten der Finanzmarktteilnehmer sowie in Jahresberichten, Kundeninformationsdokumenten, Kapitalmarktprospekten, Fondsbestimmungen usw. nachzulesen.

Eine weitere Faustregel: „Finanzdienstleister müssen in der Anlageberatung sicherstellen, dass das empfohlene Produkt meinen Anlagezielen, meiner Risikobereitschaft und meinen Nachhaltigkeitspräferenzen entspricht.“

Umweltzeichen für nachhaltige Finanzprodukte
In Österreich gibt es ein freiwilliges Label zur Zertifizierung von nachhaltigen Finanzprodukten. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat im Auftrag des Umweltministeriums (BMK) Richtlinien für die Vergabe dieses Umweltzeichens für nachhaltige Investments erarbeitet.

Welche Finanzprodukte mit diesem Umweltzeichen „geadelt“ worden sind, erfährt man auf der Webseite des Umweltzeichens (www.umweltzeichen.at) bzw. beim persönlichen Finanzdienstleister.

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Engpassfaktor Wasser

Aktien und Fonds aus dem Zukunftsthema Wasser-Verfügbarkeit.

Michael Kordovsky. Der Unesco-Weltwasserbericht zieht eine verheerende Zwischenbilanz: zwei Milliarden Menschen haben weiter keinen Zugang zu sicherer Trinkwasserversorgung und 3,6 Milliarden keinen Zugang zu einer sicheren Abwasserentsorgung. Die Kombination von häufigeren extremen Dürren, Bevölkerungswachstum und sozio-ökonomischen Veränderungen verschärft die globale Wasserknappheit, da der Wasserverbrauch pro Jahr um ein weiteres Prozent steigt. Während in einkommensschwachen Ländern die Wasserqualität durch mangelnde Abwasseraufbereitung leidet, gefährdet in Industriestaaten die Landwirtschaft das Grundwasser.

Reine „Wasseraktien“ sind knapp
Angesichts dieser Tatsachen lösen all jene Firmen, die zum Aufbau der Wasserinfrastruktur beitragen, Ausrüstung zur Wasserbohrung zur Verfügung stellen, zu einem sparsameren Umgang mit Wasser beitragen oder sich sogar der Wasseraufbereitung widmen, eines der größten globalen Probleme. Dabei sind jedoch Wasserversorger, trotz ihres Beitrags zur Abwasserentsorgung, Wasseraufbereitung und Trinkwasserversorgung, teils umstritten, da sie das lebensnotwendige Wasser als privates Gut handeln.

Die Herausforderung von Themenfonds mit Wasserschwerpunkt liegt darin, dass es nur sehr wenige reine Wasser-Aktien gibt und diese dann Aktien von Konzernen mit „Wasserabteilung“ ins Portfolio legen oder gar diverse Industrieprodukthersteller, die häufig nur im weiteren Sinne Wasser-Bezug haben. Nimmt man den Wasserinvestment-Pionier „Pictet-Water R“ (ISIN: LU0104885248), der auf zehn Jahre 129 % im Plus liegt, so enthalten die Top-10-Positionen per 31. August unter anderem Ferguson Plc (Baumaterialien, Klempnerei- und Heizungsbedarf), Thermo Fisher Scientific, Danaher Corp, Xylem, Republic Services und Veolia Environnement. Letztere erzielt beispielsweise im ersten Halbjahr 2023 nur knapp 39 % des Halbjahresumsatzes von 22,8 MrdE rund ums Wasser und 9,6 % mit dem Bereich Wassertechnologie, der beispielsweise eine Halbleiter-Fabrik von Samsung in Texas in der Wasseraufbereitung durch biologische Behandlung, Ultrafitration, Ozonierung und Verdampfung giftigen Abwassers unterstützt.

Veolia hat noch Standbeine in der Abfallentsorgung und den Bereichen Stromversorgung und Fernwärme. Die Aktie von Veolia überzeugt auf Basis eines Kurses von 28,65 E mit einem für 2024 geschätzten KGV von 13,1 und soliden Wachstumsaussichten. Thermo Fisher Scientific ist hingegen primär ein riesiger Laborausstatter, während Republic Services ein wachstumsstarker Abfallentsorger ist.

Einzelne Aktien mit mehr Wasserbezug
Ein faktisch reiner US-Wasserversorger bzw. Abwasserentsorger ist die 1886 gegründete American Water Works (US0304201033), deren Management von 2023 bis 2027 neben einem Gewinnwachstum von 7 bis 9 % p.a. noch ein Dividendenwachstum in gleicher Größenordnung anstrebt. Ein für 2024 geschätztes KGV von 26,9 ist angesichts des Seltenheitswertes reiner Wasseraktien gerechtfertigt. Mehr Wasserbezug haben auch Xylem und die jüngste Danaher-Abspaltung Veralto (US92338C1036), die 2022 rund 60 % der Umsätze im Bereich Wasser-Analytik und Aufbereitung erzielte und in der Lage war, von 2002 bis 2022 das um Sonderposten bereinigte Betriebsergebnis um 11 % p.a. zu steigern.

Ein Klassiker für „Wasserinvestoren“ ist indessen Xylem (US98419M1009), die 2011 aus der Abspaltung der Division ITT Fluid von der ITT Corporation hervorging und weltweit Marktführer für mobile Pumpenlösungen ist. Weitere Produkte sind Inspektionswerkzeuge zum Aufspüren von Lecks und Gaseinschlüssen in Rohrleitungen sowie Systeme und Lösungen zur Aufbereitung von Wasser und Abwasser.

Aufgrund der starken Aufwärtsrevisionsdynamik bei den Gewinnprognosen der Analysten hat die Aktie mit einem für 2024 geschätzten KGV von rund 24 sogar noch Luft nach oben, zumal sich die Übernahme des bedeutenden Wasseraufbereitungsunternehmens Evoqua langfristig zusätzlich positiv auf die Ertragslage auswirken sollte.

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Grüner Wasserstoff noch Nischenthema

Die Anlagen zur Wasserstofferzeugung werden immer leistungsstärker.

Christian Sec. Euphorie oder ein großes Bedürfnis, über das Thema Wasserstoff zu kommunizieren, war nicht festzustellen, als der Börsen-Kurier heimische AGs um Auskunft nach ihrem Engagement in diesem Bereich bat. Die Freude, neue Projekte in diesem Bereich anzukündigen, wich offenbar einer gewissen Ernüchterung. Auch ein Blick auf die Preischarts als Stimmungsbarometer zeigt deutlich, dass die Blase der Euphorie geplatzt ist. Auf der London Stock Exchange handelt Wasserstoff derzeit rund 50 % niedriger als noch vor zwei Jahren. Die Wasserstoff-ETFs traf es in ähnlichem Ausmaß.

Grün statt grau
Noch wirkt die industrielle Erzeugung von grünem Wasserstoff ein wenig wie eine Feigenblattstrategie, nicht zuletzt, um von den institutionellen Investoren für Artikel-8- und Artikel-9-Fonds nicht ignoriert zu werden. Fast 95 % des heute genutzten Wasserstoffs weltweit stammen noch immer aus fossilen Energieträgern (grauem Wasserstoff), auch weil die Gestehungskosten im Vergleich zum grünen Wasserstoff deutlich geringer sind. Mehr als 80 % der Nachfrage an Wasserstoff entfallen auf die Raffinerie- und Chemieindustrie.

Die OMV will den grauen Wasserstoff durch grünen Wasserstoff in Zukunft zumindest teilweise substituieren. Aktuell sind die Baustellenaktivitäten betreffend der größten Elektrolyseanlage Österreichs in der OMV-Raffinerieanlage in Schwechat bereits sehr weit fortgeschritten, wie der Konzern gegenüber dem Börsen-Kurier erklärt. Vor zwei Jahren, als die OMV das rund 25-MioE-Projekt ankündigte, wurde jedenfalls das zweite Halbjahr 2023 als Start für die Elektrolyseanlage kommuniziert. Die jährliche Leistung soll bis zu 1.500 Tonnen an grünem Wasserstoff betragen. Eingesetzt wird der grüne Wasserstoff in der Raffinerie zur Hydrierung von biobasierten und fossilen Kraftstoffen. „Dabei schuf der Gesetzgeber in der letztgültigen Kraftstoffverordnung einen Anreiz, nachdem der Einsatz von grünem Wasserstoff zur Produktion von Kraftstoffen anerkannt wird“, so die OMV.

Immer stärker
Schon 2919 hat die Voestalpine auf ihrem Werksgelände gemeinsam mit Partnern wie Siemens und Verbund eine Elektrolyseanlage zur Testung der Erzeugung von grünem Wasserstoff in Betrieb genommen. Das 18-Millionen-Euro-Projekt wurde zu zwei Drittel von der Europäischen Union gefördert. Für die gesamte Stahlherstellung würde der Konzern die 400fache Kapazität von „H2Future“ benötigen, wird die Voestalpine von verschiedenen Medien zitiert.

Der Verbund, Partner des Stahlkonzerns beim „H2Future“-Projekt, hat bereits andere Pläne, was die Erzeugung von grünem Wasserstoff angeht. Gemeinsam mit der Burgenland Energie hat der Energieversorger die Absicht, eine Elektrolyseanlage mit Strom aus Wind und Photovoltaik zu errichten. Die Anlage soll ab dem Jahr 2026 rund 9.000 Tonnen grünen Wasserstoff jährlich produzieren und im Vollausbau ab 2030 sogar bis zu 40.000 Tonnen. Die Leistungsfähigkeit der Elektrolyseanlagen wird dabei immer größer. Die Elektrolyseanlage des „H2Future“-Projekts, die 2019 startete, leistet 6 Megawatt (MW), die OMV-Anlage mit geplantem Start 2023 wird bereits 10 MW leisten, und die Anlage des Verbunds gemeinsam mit Burgenland Energie soll 2026 in der ersten Ausbaustufe dann schon 60 MW leisten und schlussendlich sogar 300 MW.

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Kurzfristige markttechnische Erholung möglich

Ein Kommentar Ein Beitrag vom Strategie-Team der DJE Kapital AG

(05.09.) Verschiedene Gründe sprechen für eine kurzfristige markttechnische Erholung im September. Mittelfristig jedoch bleiben wir weiterhin vorsichtig, da nicht zuletzt in Europa die Konjunkturrisiken steigen. Potenzial sehen wir u.a. in Japan und bei Unternehmen, die vom „Inflation Reduction Act“ der USA profitieren können.

Im September halten wir Vorsicht weiterhin für angebracht, auch wenn kurzfristig eine (markttechnische) Erholung möglich ist. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Saisonal gesehen ist der September oft ein eher schwieriger Monat. Monetär ist die Situation unverändert als negativ einzustufen. Zwar hält sich die Konjunktur in den USA gut, aber in Europa nehmen die Konjunkturrisiken weiter zu. Markttechnische Indikatoren haben sich in den letzten Wochen klar verbessert und offerieren ein gewisses kurzfristiges Erholungspotenzial. Mittelfristig bleibt der allgemeine Marktausblick aber schwierig. Mit einem Fokus auf Sondersituationen (siehe Chancen) sollte sich diese Phase gut überstehen lassen.

Chancen
• Japan bietet Potenzial
• Energiesektor mit verbessertem Umfeld
• US Inflation Reduction Act
• Versorgersektor und Private Equity Segment

Japan bietet dank der kaum veränderten expansiven Leitzinspolitik ein relativ gutes Geldmengenwachstum. Außerdem profitiert es aktuell vom „Nearshoring“, d.h. vom Auslagern von Produktionen aus anderen Ländern der Region nach Japan. Und schließlich ist der japanische Aktienmarkt in globalen Fonds nicht übergewichtet und analytisch nicht teuer.

Tendenziell sollte sich das fundamentale Umfeld des Energiesektors verbessern. Unter anderem ist die Bohraktivität in den USA rückläufig, und es besteht Streikrisiko bei Flüssiggas-(LNG)-Produktionsstätten in Australien, was zu steigenden Energiepreisen führen dürfte. Zudem ist der Sektor in globalen Fonds nicht übergewichtet.

Unternehmen aus den USA und solche, die ihre Produktion ganz oder teilweise dorthin verlagern, können vom „Inflation Reduction Act“ profitieren und damit eine fiskalpolitische Sonderkonjunktur erfahren.

Chancen sehen wir auch bei ausgewählten Unternehmen aus dem Versorgersektor und dem Private Equity-Segment.

Risiken
• Rückläufige Geldmenge in den USA und Europa
• Rezession in Deutschland und Europa
• Sektoren Automobilindustrie und Chemie

In den USA und Europa sind die Geldmengenaggregate M1 deutlich rückläufig. Die Geldmenge M1 setzt sich aus den Sichteinlagen der Nichtbanken und dem Bargeldumlauf im Euro-Raum zusammen. Mit Sichteinlagen sind die Bankguthaben gemeint, für die es keine bestimmte Laufzeit oder Kündigungsfrist gibt. Nach unserem hausinternen FMM-Modell hat sich das Anlageumfeld zuletzt weiter verschlechtert.

In Deutschland hat die Rezession mit zwei aufeinanderfolgenden negativen Quartalen bereits eingesetzt, in Europa wird sie kommen: eine tiefe und länger anhaltende Rezession. Wir meiden Aktien, die stark vom deutschen bzw. europäischen Binnenkonsum abhängen.

Den deutschen Schlüsselbranchen Automobil und Chemie dürften schwierige Zeiten bevorstehen, da ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit aus verschiedenen Gründen (E-Mobilität drückt auf Verbrenner-Marge und starke E-Auto-Konkurrenz aus den USA und China bzw. hohe Energiekosten) abnehmen dürfte.

Fundamental
• USA: Rezession oder „Soft landing“?
• Japan mit guter Entwicklung
• China als „Wachstumsbremse“
• Deutschland und Europa in Rezession

Die Kernfrage ist, ob es in den USA zu einer Rezession kommt oder nicht. Aktuell entwickeln sich die US-Unternehmensgewinne noch überwiegend gut. Ein „Hard landing“ ist von den meisten Marktteilnehmern nicht eingepreist, aber negative Konjunkturüberraschungen können wir nicht ausschließen. Zum Beispiel könnte der Binnenkonsum in den USA sinken, und die Sparquote könnte wieder stärker steigen – inzwischen ist sie von acht Prozent auf vier Prozent gefallen. Eine wichtige Unterstützung für die Konjunktur und den US-Industriesektor bleibt der Inflation Reduction Act. Japan bietet dank der kaum veränderten expansiven Leitzinspolitik weltweit mit das beste Geldmengenwachstum. Außerdem profitiert es aktuell vom „Nearshoring“, d.h. vom Auslagern von Produktionen aus anderen Ländern der Region nach Japan. Die japanischen Einkaufsmanagerindizes für den verarbeitenden Sektor und den Dienstleistungssektor liegen beide im expansiven Bereich und signalisieren damit künftiges Wirtschaftswachstum.

China kommt dagegen nicht in Gang und ist derzeit eher „Wachstumsbremse“ als „Wachstumslokomotive“ der Weltwirtschaft. Es ist keine größere fiskalpolitische Stimulierung in Sicht. Der Immobilienmarkt ist schwer belastet, und es ist ein Vertrauensverlust in Wealth-Management-Produkte wahrnehmbar. Chinesische Aktien erscheinen aktuell sehr günstig. Dennoch sprechen die Rahmenbedingungen, auch politisch, aus unserer Sicht gegenwärtig eher für den Aktienmarkt der USA.

In Deutschland hat die Rezession mit zwei aufeinanderfolgenden negativen Quartalen bereits eingesetzt, in Europa wird sie kommen: eine tiefe und länger anhaltende Rezession. Die Konjunkturrisiken nehmen weiter zu. So ist zum Beispiel der Einkaufsmanagerindex für die Industrie im Euroraum tief im rezessiven Bereich, und der Index für den Dienstleistungssektor ist in den rezessiven Bereich gerutscht.

Monetär
• US-Leitzinsen werden bremsen
• US-Inflation kurzfristig im Zielkorridor
• EZB hat Ziel verfehlt

In den USA liegen die Zinsen im Vergleich zum Wachstum aus unserer Sicht auf einem (zu) hohen Niveau. Die hohen Zinsen müssten über kurz oder lang zu einem Bremseffekt führen.

Kurzfristig betrachtet liegt die Gesamtinflation in den USA bereits im Zielkorridor der US-Notenbank. Ausgeschlossen ist eine weitere Erhöhung des Leitzinses im September oder November nicht, obwohl sich diese auch als politischer Fehler herausstellen könnte.

Die US-Notenbank hat es geschafft, die Kerninflationsrate zurückzudrängen. Hier treiben im Prinzip nur noch die Wohnkosten die Inflation nach oben. Die EZB hingegen hat praktisch nichts erreicht: Die Inflation ist noch hoch, und die Konjunktur stottert. Aufgrund der noch hohen Inflation ist der Spielraum der EZB, die Zinsen zu senken, um die Konjunktur im Euroraum wieder zu beleben, relativ gering. Außerdem ist der Euroraum, anders als die USA, von Energie-Importen abhängig. Steigt der Energiepreis im vierten Quartal saisonbedingt wieder an, kann auch die Gesamtinflation wieder steigen.

Markttechnik
• Positiv: Sentiment eingebrochen
• Negativ: Fallende Advance-Decline-Linie

Kurzfristig ist der große Optimismus an den Märkten verschwunden bzw. das Sentiment ist eingebrochen. Deutlich wird dies beim Anstieg des Put-Call-Ratios, d.h., es werden mehr Puts als Calls gekauft, und der „Fear & Greed Index“ tendiert in Richtung Furcht (fear) und nicht in Richtung Gier (greed). Außerdem verzeichnete der NAAIM-Index (National Association of Active Investment Managers = Nationaler Verband aktiver Investment-Manager) einen deutlichen Rückgang. Dieser Indikator gibt an, wie stark die Mitglieder dieses Verbandes (u.a. Vermögensverwalter und Fondsmanager) derzeit in Aktien investiert sind. Diese Anzeichen zusammengenommen sprechen antizyklisch für eine kurzfristige Erholung des Marktes.

Auf der anderen Seite ist die sogenannte Advance-Decline-Linie gefallen. Diese AD-Linie ist ein Indikator der Charttechnik für die Ermittlung des Trends in einem Gesamtmarkt. Zu seiner Berechnung werden alle Aktien eines Marktes mit Tagesverlust von den Aktien mit Tagesgewinn abgezogen. In der Vergangenheit waren fallende bzw. schlechte AD-Linien ein Vorläufer von Aktienbaissen.

Neue Stabilität in Mexikos Wirtschaft

Der Aktienmarkt und die Währung zeigen sich in führender Position.

Roman Steinbauer. Viele Gesetzmäßigkeiten verloren zuletzt an den Finanzmärkten ihre Gültigkeit. Vor allem jenes Muster, wonach im Zuge steigender Leitzinsen im US-Dollar-Raum lateinamerikanische Volkswirtschaften zwingend ins Straucheln geraten. Zwar nahm (wie in der Türkei) die Instabilität des argentinischen Finanzplatzes durch das straffe Finanzierungsumfeld zu, doch gedeihen die Ökonomien Mexikos und Brasiliens unbeeindruckt und verblüffen Investoren weitgehend.

Hervorragend präsentiert sich vor allem Mexikos Börse und die Stärke der Landesdevise. Seit nunmehr drei Jahren zieht der mexikanische Peso (MXN) gegenüber den bedeutendsten Weltwährungen markant an. Waren im Juli noch 26 Peso für einen Euro zu berappen, sind unterdessen noch 18,4 MXN per Euro aufzubringen. Zum US-Dollar beträgt die Stärkung der Valuta während dieses Zeitraums 20 %, zum Yen 41 %.

Anhaltende Rekordlaune
Der umfassende IPC Mexiko Index markierte am 28. Mai mit 56.600 Punkten vorerst einen Höchststand, ehe er eine Seitwärtsbewegung einschlug und aktuell 2 %-Punkte darunter liegt. Die Aktien des prominentesten gelisteten Unternehmens des industriellen Sektors an Mexiko Citys Börse, Cemex (ISIN: MXP225611567; über ADRs in Frankfurt gelistet), verweisen derzeit auf die starke Konjunktur des Landes. Aktuell sehen Anleger, die auf den Zementriesen setzten, auf Euro-Basis eine Rekordnotiz von 7,40 Euro – eine Performance von 110 % seit zwölf Monaten.

Dieser Entwicklung folgten ebenso Papiere von Fomento Económico Mexicano (MXP320321310), einer Holding aus Monterrey. Das Unternehmen füllt unter Lizenz namhafte Getränke ab, übernimmt den Vertrieb und führt auch landesweit Einzelhandelsgeschäfte. Eine überaus dynamische Entwicklung weisen zudem die Anteile des internationalen Restaurantbetreibers Alsea (Frankfurt, MXP001391012) auf, dessen Papiere seit Jahresbeginn um 52 % stiegen. Mit -17 % auf 2,66 Euro ermäßigten sich zuletzt die Valoren des Strom- und Gasversorgers Infraestructura Energetica Nova (MX01IE060002), dessen Titel in Deutschland außerbörslich über das TradeCenter des Finanzdienstleisters Lang & Schwarz gehandelt werden.

Beeindruckende Wirtschaftsdaten
Das mit 127 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste spanisch sprechende Land der Welt ist hinter Brasilien die zweitgrößte Wirtschaftsnation Lateinamerikas. Innerhalb des NAFTA-Wirtschaftsverbundes profitiert der Staat insbesondere durch Auslagerungen kostenintensiver Produktionssparten aus den USA und Kanada. Allerdings stellt zugleich die Exportabhängigkeit zum nördlichen Wirtschaftskoloss eine hohe Abhängigkeit dar. Laut dem Datenportal Statista wurden im Jahr 2022 78 % der Ausfuhren in die Vereinigten Staaten getätigt. Erst danach folgen weitere Länder des Kontinents mit insgesamt nur 3,7 % und Kanada mit lediglich 2,7 %. China nimmt mit 1,9 % nahezu eine marginale Rolle ein.

Nach Angaben der mexikanischen Nationalen Statistikbehörde INEGI belief sich das BIP-Wachstum für das zweite Quartal im Jahresvergleich auf beachtlichen 3,6 %. Dies, obwohl der von 8,8 % (August 2022) auf nunmehr 4,8 % gedrückten Inflationsrate seitens der Zentralbank von Mexiko, der Banxico, seit März mit einem Leitzinssatz von 11,25 % der Kampf angesagt wird. Die Arbeitslosenrate (inkl. der Selbständigen) befand sich im Juli mit 2,9 % auf dem niedrigsten Stand seit der Jahrtausendwende. Nicht nur der Einzelhandel zeigte sich im Juni (letzte Daten) mit einem annualisierten Wachstum von 5,9 % weiterhin stark, auch die Industrieproduktion prolongierte mit +3,7 % erneut einen Aufschwung.

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Lohnt sich der Blick auf Ausschüttungen?

Die Inflation steigt ebenso wie die Dividendenzahlungen. Das eröffnet interessante Anlagechancen.

Raja Korinek. Der rückläufige Trend bei der Inflationsentwicklung hat sich zuletzt anscheinend eingebremst. Das sorgt für mehr Volatilität an den Börsen. Einzig, bei den Dividendenzahlungen zeigt der Trend ungebrochen nach oben. Laut dem Janus Henderson Global Dividend Index stiegen die Ausschüttungen weltweit im zweiten Quartal auf einen neuen Rekordstand von 568,1 Milliarden US-Dollar. Die Ausschüttungen in Europa stiegen im Jahresvergleich um 9,7 % auf 184,5 Milliarden US-Dollar, damit zugleich am stärksten von allen Regionen.

Deutlich höhere Ausschüttungen von Banken waren wichtigster Motor des europäischen Dividendenwachstums, gefolgt von Automobilherstellern. Insbesondere die Schweiz, Frankreich und Deutschland verzeichneten dabei neue Spitzen, so die weiteren Fakten.

Bond- oder Dividendenrendite?
Zuletzt sind allerdings auch die Renditen solider Staatsanleihen gestiegen. So rentieren 10jährige US-Staatsanleihen bei rund 4,20 %, und jene aus Deutschland bei gut 2,54 %. Für manch einen Marktteilnehmer könnte dies die interessantere Alternative im Vergleich zu Aktien mit Dividendenzahlungen werden.

Sam Witherow, Fondsmanager des „JPMorgan Global Dividend Fund“ (ISIN: LU0329201957), meint jedoch, dass Anleger mit einem soliden Aktieninvestment langfristig die Chance auf steigende Kurse und steigende Dividendenzahlungen hätten – vorausgesetzt, es gelingt, solche Unternehmen auszuwählen. Die Inflation steigt ebenso wie die Dividendenzahlungen. Das eröffnet interessante Anlagechancen.

Auf die Selektion kommt es an
Witherow zufolge komme es deshalb auf die Selektion an. Sein Fonds, bei dem derzeit die durchschnittliche Dividendenrendite bei 3,1 % liegt, selektiert aus drei verschiedenen Bereichen: Jene Unternehmen, die hohe Dividendenrenditen bieten, jene Konzerne, die eine hohe Steigerung bei der Ausschüttungsquote aufweisen. Und jene Unternehmen, die mit ihren Aktionärsmaßnahmen zwischen diese zwei Welten liegen.

Fündig wird Witherow sowohl in der „old“ als auch in der „new“ economy, wie er sagt. Denn selbst Technologiekonzerne zahlen inzwischen teils lukrative Dividenden. Überhaupt hat der Fondsmanager derzeit besonderes Augenmerk auf den Technologiesektor geworfen. Ein Beispiel ist der Chiphersteller Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (US8740391003), der vom Boom in der Künstlichen Intelligenz profitiert. Weiteres Beispiel ist Relx aus Großbritannien (GB00B2B0DG97). Das Unternehmen bietet unter anderem Online-Datenbanken und digitale Analysewerkzeuge an.

Auch der US-Börsenbetreiber CME (US12572Q1058) ist Teil des Fondsvermögens. Witherow gefällt, dass der Konzern praktisch eine Monopolstellung auf eigene Produkte hat. „CME-Derivate können nur auf diesem Handelsplatz gehandelt werden.“

Chancen mit Zertifikaten
Anleger können auch mit Hilfe von Zertifikaten auf Aktien auf höheren Dividendenzahlungen setzen, so etwa mit dem „Globale Dividenden Stars Indexzertifikat“ von Alphabeta Access Products (DE000DA0ABY2). Die Kriterien für die Indexaufnahme sind vielfältig, so etwa, dass nur Titel mit dem langfristig stärksten Dividendenwachstum berücksichtigt werden. Zudem müssen die Firmen in den vergangenen zehn Jahren lückenlos und in den vergangenen fünf Jahren die Dividenden zumindest gleichbleibend ausgeschüttet haben, jedoch nicht aus der Firmensubstanz. Regional sind die USA am höchsten gewichtet, gefolgt von Kanada und der Schweiz. Zu den größten Positionen zählen Procter & Gamble (US7427181091) sowie Canadian Natural Resources (CA1363851017).

 

 

Die Bank der Welt am Tor zum Osten

Seit 75 Jahren ist Österreich Mitglied der sogenannten „Weltbank“.

Barbara Ottawa. In der Praterstraße 31 in Wien (Foto), im eckigen Hochhaus mit dem runden Kopf, sitzt die Weltbank bzw. einige jener Institutionen, die der sogenannten „World Bank Group“ angehören. Präsent war die 1944 im US-amerikanischen Bretton Woods als Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung gegründete Hilfsvereinigung hierzulande schon kurz nach Kriegsende.

Vor genau 75 Jahren trat Österreich dann als 47. Mitgliedsstaat bei. Ab der Mitte der 1950er flossen die ersten Kreditgelder – und zwar nicht nur bildlich gesprochen: Es wurden Stauseen angelegt, Kraftwerke gebaut und Stromverbindungen errichtet. So entstanden damals etwa die heute zum Verbund gehörenden Kraftwerksgruppen Reißeck/Kreuzeck in der Steiermark und Ybbs-Persenbeug in Niederösterreich.

Ein weiterer Fokus wurde auf diverse Industriezweige gelegt, vor allem Papier. Einige der damals unterstützten Betriebe sind heute noch tätig, wie etwa die Mayr-Melnhof Karton AG, die Bunzl & Biach AG oder die Mondi Frantschach GmbH. Andere Sparten, die für die Wiederaufbauhilfe unterstützenswert schienen, waren etwa Plastik (z. B. Semperit), Textilien (unter anderem Triumph) oder etwa die Leipnik-Lundenburger Zuckerfabriken AG.

Zuerst nehmen, dann (zurück)geben
Bald konnte sich Österreich vom Nehmer- zum Geberland in der Weltbankgruppe entwickeln, von denen die Bank für Wiederaufbau und Entwicklung nur eine von vielen Unterorganisationen geworden ist.

Tatsächlich hat vor allem das Finanzministerium seit den 2000er-Jahren an der Weiterentwicklung neuer Projekte mitgewirkt. 2007 wurde ein Büro der internationalen Organisation in Wien eröffnet, das heute etwa 250 Mitarbeiter beherbergt. Gemeinsam mit österreichischen Ministerien wurde nach der Finanzkrise 2008 ein Programm zur Vereinheitlichung von Finanzstandards weiterentwickelt. Es wird von Wien aus, im Büro des Financial Sector Advisory Center (FinSAC) der Weltbankgruppe, koordiniert. Gleiches gilt für das länderübergreifende Donau-Investitionsprojekt „Danube Water Program“ (DWP). Seit dem Jahr 2013 ist die Weltbank-Länderdirektion für Südosteuropa (Westbalkan) von der Praterstraße aus operativ tätig.

Mittelfristig sei das Ziel, „dass noch mehr Aktivitäten von Wien aus umgesetzt werden“, so das Ministerium gegenüber dem Börsen-Kurier.

Tor zum Osten
Für internationale Organisationen hat sich Wien schon früh als „Tor zum Osten“ etabliert. Es wurde das Potenzial heimischer Unternehmen gesehen, Zentral- und Osteuropa an westliche Wirtschaftsstandards heranzuführen. Die Weltbankgruppe half dabei über ihre Unterorganisation, die „Multilaterale Investitions-Garantie Agentur“ (MIGA). So erhielten etwa 2014 einige Netzwerkbanken der Raiffeisenbank International (RBI) am Balkan Garantien in der Höhe von 457 Millionen Euro. Damit konnten Risiken abgefedert und das lokale Kreditvolumen gesichert werden. Ein ähnlicher Schritt erfolgte Anfang 2023 für die Raiffeisen-Tochter RBUA in der Ukraine, die knapp mehr als 100 Millionen Euro an Sicherheiten auf ein Jahr Laufzeit erhielt. Solche Kreditzusagen erfolgen üblicherweise zu Marktkonditionen.

Aber das Tor öffnet sich in beide Richtungen: Mit der russischen Invasion in der Ukraine wurden rund 60 Mitarbeiter der Weltbankgruppe aus dem Büro in Kyjiw nach Wien gebracht. 2022 gewährte die Weltbank der Ukraine diverse Kredite, an denen sich Österreich mit 30 Millionen Euro beteiligte.

Kritik an der Weltbank kommt oft von jenen, die darin eine Fortsetzung alter Wirtschaftssysteme und internationaler Machtstrukturen sehen. Fraglich ist, ob die gleichen Ansätze, die Europas Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht haben, zur heutigen Weltordnung passen.

Foto: wikimapia.org

 

 

Wenige Kinder – viele Folgen

Niedrige Geburtenrate ist langfristig eine Bremse für das Wachstum.

(25.08.) Der Weg zu neuem Wachstum in China ist holprig: Zum kriselnden Immobilienmarkt und den schwächelnden Exporten vermeldete China zuletzt eine Rekord-Jugendarbeitslosigkeit, die Fragen aufwirft. Mindestens jeder fünfte junge chinesische Städter hat keinen Job. Gleichzeitig leidet das Land an einem alarmierenden Bevölkerungsrückgang, was eine Bedrohung für das künftige Wachstum nicht nur in China, sondern auch in anderen Volkwirtschaften bedeutet, schreiben die Experten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.

Der Fluch der Ein-Kind-Politik
Die Parallelität von hoher Jugendarbeitslosigkeit und niedriger Geburtenrate in China erscheint zunächst paradox, da zu wenige Geburten oft zu einem Mangel an jungen Arbeitskräften in der Zukunft führen und China bis 2015 mehrere Jahrzehnte eine strikte Ein-Kind-Politik verfolgt hatte. Die Arbeitslosigkeit der jungen Chinesen ist aber vorwiegend ein strukturelles Problem. Die Staatsführung ermunterte ab 2018, als sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt hatte, junge Menschen gezielt dazu zu studieren. Damit sollte der Arbeitsmarkt vorübergehend entlastet werden. Nun stellt sich aber heraus, dass die jungen Uni-Absolventen in der immer noch stark industriell geprägten chinesischen Wirtschaft keine adäquaten Jobs finden. Hinzu kommt, dass der Staat in der Tech-Branche, bei privaten Bildungseinrichtungen sowie in der Finanz- und Immobilienwirtschaft regulativ eingegriffen hat, wodurch deren Wachstum litt und somit nun Jobs für Höherqualifizierte fehlen.

2,1 Kinder pro Frau wären nötig
All das ist aber nur eine aktuelle Erscheinung eines viel tiefgreifenderen Problems, das sich in Folge eines zu geringen Bevölkerungswachstums abzeichnet. Und China ist nicht allein. Weltweit steigt die Zahl der – vor allem industrialisierten – Länder mit einer niedrigen Geburtenrate. Laut deutschem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) leben rund 5,4 Milliarden Menschen in Ländern, in denen Frauen weniger als 2,1 Kinder bekommen. Das entspreche bereits rund 68 Prozent der Weltbevölkerung, hieß es dazu in einer Auswertung von UN-Daten. Damit die Kinder-Generation die der Eltern zahlenmäßig ersetzt, ist aber eine Geburtenziffer von 2,1 Kindern pro Frau nötig. Dieser Wert wird als Bestandserhaltungsniveau bezeichnet. In Deutschland liegt der Wert ähnlich wie in Österreich derzeit bei rund 1,4 Kindern. In einigen Ländern, etwa in Japan (1,3), ist das Niveau noch niedriger, was langfristig zu vielen Herausforderungen führt.

Geburten und Wachstum: Ein komplexes Wechselspiel
Eine zu niedrige Geburtenrate kann zu einer Bevölkerungskrise führen und erhebliche Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung und das Wachstum eines Landes haben. Wie stark diese ausfallen, hängt von politischen Entscheidungen, Bildungsniveau, Arbeitsmarktflexibilität und Sozialpolitik ab. In diesem komplexen Wechselspiel zwischen Geburtenrate und wirtschaftlicher Entwicklung lassen sich aber für hochentwickelte Volkswirtschaften einige Faktoren festmachen:

Arbeitsmarkt: Zu wenig Nachwuchs kann einen Engpass auf dem Arbeitsmarkt auslösen, wie wir es derzeit in Österreich beobachten. Unternehmen haben Schwierigkeiten, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, was unmittelbare Effekte auf ihr Wachstum hat.

Pensionssystem: In Ländern mit starken Sozialversicherungssystemen (wie Renten- und Krankenversicherungen) führt eine niedrige Geburtenrate dazu, dass immer weniger Beitragszahler vorhanden sind, um das System zu erhalten und die ältere Bevölkerung zu unterstützen. Hier werden künftig Wege nötig sein, um das Umlagesystem verstärkt zu einem Kapitaldeckungsverfahren umzubauen, also die Kapitalmärkte für die Altersvorsorge mehr zu aktivieren.

Konsum: Eine höhere Geburtenrate kurbelt die Nachfrage und den Konsum, eine der wichtigen Säulen moderner Volkswirtschaften, an. Familien mit Kindern benötigen in der Regel mehr Konsumgüter.

Innovation und technologischer Fortschritt: Eine junge Bevölkerung kann Innovation und technologischen Fortschritt begünstigen, da jüngere Menschen tendenziell offener für neue Ideen sind. Eine alternde Bevölkerung hingegen hat in der Regel eher konservative Tendenzen.

Steuerbasis: Zu wenige Kinder führen langfristig zu einer schrumpfenden Steuerbasis, da weniger Menschen in die Arbeitswelt eintreten. Dies kann die Fähigkeit eines Landes beeinträchtigen, öffentliche Dienstleistungen oder etwa die Infrastruktur zu finanzieren.

Aufwertungswährung Schweizer Franken

Eine niedrigere Inflation als im Euroraum führt zu kontinuierlicher Aufwertung.

Michael Kordovsky. Wer Geld in Schweizer-Franken-Anleihen anlegt, erhält zwar weniger Zinsen als im Euroraum, gleicht langfristig dieses Manko aber durch eine kontinuierliche Aufwertung aus. In den vergangenen drei Jahren wertete der Franken zum Euro um 12,55 % auf, in den vergangenen fünf Jahren waren es 19,82 %, und in den vergangenen zehn Jahren 28,67 %. Noch länger zurück bis zur Euro-Einführung Anfang Jänner 1999 liegt die Aufwertung sogar bei 70,7 % (per 26.8.2023). Vereinfacht ausgedrückt: Die jährliche Frankenaufwertung bewegt sich zwischen 2,8 und 3,1 % p.a. – gut für diejenigen, die sich ihr Geld in Franken verdienen (und in Österreich wohnen) oder dort veranlagt sind, aber schlecht für Frankenschuldner, die mittlerweile auf einen SARON (Referenzzinssatz) von 1,70 % noch einen Aufschlag von bspw. 1,50 %-Punkte zahlen. Zwar ist seit Verhängung des Neuvergabe-Stopps 2008 und den begleitendenden Maßnahmen zur Begrenzung des Risikos in Österreich bis Ende 2022 das aushaftende FX-Kreditvolumen um 85 % auf 8,6 Mrd. Euro gesunken. Doch 97,9 % des FX-Kreditvolumens sind Frankenkredite, die vorsichtige Kreditnehmer besser in Euro-Kredite mit langjähriger Fixzinsbindung konvertieren sollten.

Auf Zwölf-Monats-Sicht bestehen dabei zwischenzeitlich noch durchaus gute Ausstiegschancen, denn aufgrund eines gelungenen Abbaus der Devisenreserven der SNB (Schweizerische Nationalbank) könnte es nach jüngstem Aufwertungsschub noch eine weitere Verschnaufpause für einen noch einigermaßen erträglichen Ausstieg geben.

Tauwetter
Hintergrund: In den Corona-Jahren 2020 und 2021 hat die SNB zur Eindämmung der Frankenaufwertung jeweils 110 bzw. 21,1 Mrd. CHF (115,15 bzw. 22,09 Mrd. E) zur Intervention am Devisenmarkt aufgewandt. Bis zum zweiten Quartal 2022 sind seit 2015 rund 350 Mrd. CHF (366,37 Mrd. Euro) an Devisenkäufen zusammengekommen. Die Folge waren 2022 hohe Bilanzverluste von 132 Mrd. CHF (138,17 Mrd. Euro) und ein Entfall der Dividendenausschüttungen an die Kantone. Doch seit dem zweiten Quartal 2022 verkauft die SNB wieder Devisen. Wechselkursverluste und Abbau von Devisenreserven führten zuletzt wieder zu schrumpfenden Volumina: Die Devisenanlagen der SNB sind von Jänner 2020 bis 2022 von 783 Mrd. CHF (819,62 Mrd. Euro) auf einen Peak von 977 Mrd. CHF (1.022,69 Mrd. Euro, Jänner 2022) gestiegen, ehe bis Juni 2023 wieder ein Rückgang auf 741,6 Mrd. CHF (748,02 Mrd. Euro) bzw. 104 % des BIP im Jahr 2022 folgte. Infolge einer Beruhigung der Bond- und Aktienmärkte wies die SNB im ersten Halbjahr wieder einen Gewinn von 13,7 Mrd. CHF (14,34 Mrd. Euro) aus. Diese Entspannungsphase könnte sogar in einen zwischenzeitlich schwächeren Franken übergehen, sollte der Ukrainekrieg enden und sich auch die Situation China/Taiwan entspannen. Selbst eine längere Periode steigender Aktienmärkte könnte einer Frankenaufwertung entgegenwirken. Doch Vorsicht: Die Inflationsdifferenzen bleiben.

Inflationsdifferenzen
Würde die Wechselkursparität EUR/CHF immer gleich sein, dann würden sich Euroraum-Waren für die Schweizer Importeure im Laufe der Zeit dermaßen verteuern, dass sich ein Import nicht mehr lohnt. Zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit ist eine Abwertung des stärker inflationären Euros erforderlich. Besonders eklatant waren die Inflationsdifferenzen zwischen Euroraum und der Schweiz während des jüngsten Inflationsschocks ehe mittlerweile wieder Normalisierungstendenzen zu beobachten sind. In den Monaten Juni und Juli 2023 standen je 1,7 bzw. 1,6 % in der Schweiz je 5,5 bzw. 5,3 % im Euroraum (Quelle: EuroStat) gegenüber. Das ist im Juni eine Inflationsdifferenz von 3,7 %-Punkten. Am Höhepunkt der Inflation im Oktober 2022 standen 10,6 % an Teuerung im Euroraum nur 3 % in der Schweiz gegenüber – eine Differenz von 7,6 %-Punkte. Doch langfristig rückblickend auf die Jahre 2001 bis 2022 stand eine durchschnittliche Inflationsrate von 0,5 % in der Schweiz einem Durchschnittswert von 2 % im Euroraum gegenüber. In diese Periode fielen auch faktische Nullinflationsphasen. Heute ist die Situation anders: Wird die Ukraine wirklich den Transit russischen Erdgases untersagen, dann könnten weitere Jahre mit höheren Inflationsdifferenzen und somit langfristig gesehen (ab 2025) erneute Aufwertungswellen im Franken bevorstehen.

Foto: AdobeStock / Stockphotos-MG

 

 

Do & Co überzeugt mit Wachstumsdynamik

Die Fundamentals stimmen, der Aktienkurs fällt aber. Wie es weitergehen könnte.

Michael Kordovsky. Do & Co hat reihenweise positive Nachrichten zu bieten, doch der Aktienkurs ist möglicherweise der fundamentalen Entwicklung etwas vorausgeeilt, denn: Nach einem Anstieg von 30,50 Euro am 6.11.2020 bis zu seinem Hoch am 22.6.2023 auf 138 Euro folgte bis zum 25.8.2023 wieder ein Rückschlag auf 107,40 Euro. Kann dem die fundamentale Entwicklung wieder entgegenwirken?

Die vergangenen Jahre waren wie ein Wechselbad zwischen heiß und kalt.

Erholung auf breiter Front
Die Kombination aus Airline Catering, Event Catering sowie Restaurants, Lounges und Hotels war während der Pandemie fatal. Umso stärker ist jetzt das Kontrastbild der dynamischen Erholung im Zug von Nachholeffekten im Tourismus. Gleichzeitig konnten in der Airline-Catering-Division mehrere bedeutende Neukunden an unterschiedlichen Standorten gewonnen werden, nämlich unter anderem Air Premia (ex LA), All Nippon Airways (ex München), KLM (ex JFK, Chicago, LA), Oman Air (ex London Heathrow) und Qatar Airways (ex London Heathrow).

Im Event-Catering profitierte Do & Co unter anderem von der Formel 1, dem FIFA World Cup und dem Tennisturnier ATP Masters in Madrid aus der Masters-1.000-Serie, bei dem mit 34.000 Gästen über einen Zeitraum von zehn Tagen mehr Gäste denn je verköstigt wurden. Das klingt perfekt. Nichtsdestoweniger befragte der Börsen-Kurier das Unternehmen zu den Auswirkungen des jüngsten globalen Konjunkturabschwungs. Ein Sprecher: „Wir sehen im Bereich Airline Catering weiterhin Wachstum, da der Flugverkehr, auch laut IATA-Studie, noch immer unter Prä-Corona-Niveau liegt. Wir merken weiterhin eine stark steigende Nachfrage, sowohl im Bereich der Auslastungen als auch der Flüge, zusätzlich gewinnen wir Neukunden und nehmen fortlaufend an großen Ausschreibungen teil, um weitere Marktanteile zu gewinnen.“ Und auf größere Projekte, die in absehbarer Zeit weitere Wachstumsschübe erwarten lassen, angesprochen: „Größere Projekte in absehbarer Zeit sind die Eröffnung unserer sechsten Gourmet-Küche in den USA in Miami mit dem ersten Kunden Delta, den wir bereits in Detroit und Boston servicieren. Hinzukommt der Formel-1-Grand-Prix in Las Vegas, nach Miami ebenso ein GP, den wir dieses Jahr das erste Mal kulinarisch betreuen.“

Die Zahlen stimmen
Der Konzernumsatz stieg im Geschäftsjahr 2022/23 um 101,3 % auf einen Rekordwert von 1.419 Mio. Euro. Mit einem Anstieg von 96 auf 143 Mio. Euro ebenfalls auf einen Rekordwert stieg das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda), während das Ergebnis je Aktie von 1,13 auf 3,44 Euro gesteigert werden konnte. Auch der freie Cashflow verbesserte sich von 53 auf 82 Mio. Euro. Und diese Entwicklungen wirken bereits bilanzstärkend, denn das Verhältnis von Nettoverschuldung zu Ebitda konnte innerhalb des Geschäftsjahres bis 31.3.2023 von 3,31 auf 1,92 reduziert werden, und die bilanzielle Eigenkapitalquote verbesserte sich von 15,6 auf 19,6 %.

Im ersten Quartal 2023/24 setzt sich der jüngste Wachstumstrend mit einer Umsatzsteigerung um 39 % auf 401 Mio. Euro weiter fort und das Konzernergebnis stieg von 3,35 auf 15,45 Mio. Euro. Analysten rechnen bis 2026 mit starken Gewinnanstiegen. Auf Basis eines Kurses von 107,40 Euro liegt das für 2024/25 geschätzte KGV bei günstigen 13.

Fazit
Do & Co ist ein funktionierendes, krisenresistentes Unternehmen, dem es bald noch besser gehen sollte. Doch diese Story scheint bereits weitgehend im Kurs eingepreist zu sein. Deshalb sollte für einen Neueinstieg eine Bodenbildung im Kurs abgewartet werden. Auf jeden Fall arbeitet die Zeit für Do & Co. Die Aktie hat nach einer zwischenzeitlichen Konsolidierung weiter Luft nach oben.

Symbolbild: Pixabay / Didgeman

 

 

Die nachhaltige Wende steht erst am Beginn

Meldungen zu Ukraine-Krieg und Inflation dominieren zwar, die Entwicklung geht aber unaufhaltsam weiter.

Raja Korinek. An negativen Schlagzeilen mangelt es derzeit nicht. So dominieren vor allem die Meldungen zum Ukraine-Krieg sowie den Entwicklungen zur Inflation. „Man könnte beinahe glauben, dass die Nachhaltigkeit ein wenig ins Hintertreffen geraten wäre“, konstatiert Gerold Permoser (Foto), Chief Investment Officer bei der Erste Asset Management (EAM), gegenüber dem Börsen-Kurier. Dabei ortet Permoser gute Gründe, weshalb die nachhaltige Wende erst am Beginn eines langfristigen Trends steht.

Er verweist in diesem Zusammenhang auf fünf zentrale Themen, so etwa auf die Veränderung der politischen Ökonomie: Es stünde vieles der bisherigen Wirtschaftsordnung inzwischen am Prüfstand. Die nachhaltige Wende werde weltweit immer stärker gefördert, ein Umstand, der auch zu einer neuen Wirtschaftsordnung führt. In den Vereinigten Staaten wurde etwa vor einem Jahr der „Inflation Reduction Act“ verabschiedet, der vor allem die grüne Wende vorantreiben soll – auch wenn die Wende nicht in allen Bundesstaaten von den jeweiligen Politikern akzeptiert werde: „In den USA ist ein regelrechter Kulturkampf rund um die Nachhaltigkeit entbrannt.“

Die grüne Wende kostet
In der EU wurde der „Green Deal“ verabschiedet. Dabei möchte die EU bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden. Freilich, die Wende benötigt dabei weltweit jede Menge Geld. Der EAM-Experte verweist auf Berechnungen des Internationalen Währungsfonds, denen zufolge die Transformation rund 0,25 % an globalem Wirtschaftswachstum kosten wird. „Doch nichts zu tun, wird noch teurer.“

Ein weiteres Thema ist Permoser zufolge die Globalisierung. So gelte es etwa auf Fairness bei den Lieferketten zu achten. Schließlich sind auch soziale Aspekte wichtige Teile der Nachhaltigkeitswelt. In der EU steht man kurz vor Verabschiedung des EU-Lieferkettengesetzes, das unter anderem große Unternehmen in der Region zur Einhaltung von Menschenrechten entlang der Lieferketten verpflichten wird.

Der soziale Aspekt steht aber auch beim Wandel am Arbeitsmarkt im Fokus. „Allein in den USA etwa sind viele Menschen nach dem Ende der Pandemie nicht mehr in die Arbeitswelt zurückgekehrt“, blickt Permoser zurück. Ein Teil der Menschen, denen es möglich war, ist stattdessen in die Pension gegangen. Der Umstand führte vor allem im Dienstleistungssektor zu einem Engpass bei Arbeitskräften, eine Entwicklung, die auch die US-Notenbank beobachtet. Schließlich heizt die niedrige Arbeitslosenrate die Löhne – und damit die Kerninflation – an.

Soziales Arbeitsumfeld ist gefragt
Aufgrund des Arbeitskräftemangels habe zugleich ein Wettlauf um Arbeitskräfte begonnen sowie ein Umdenken seitens vieler Arbeitgeber. So würden beispielsweise öfters Kinderbetreuungsplätze angeboten oder Homeoffice ermöglicht werden.

Doch damit ist nicht Schluss. Permoser verweist auf den Klimawandel und damit verbunden die technologische Revolution als weitere Nachhaltigkeitsaspekte. „Aktuelle Naturkatastrophen zeigen, dass der Klimawandel weltweit mitten in der Gesellschaft angekommen ist und unser tägliches Zusammenleben stark beeinflusst.“ Die Innovationen, um Lösungen zu finden, seien vielfältig, wie etwa die jüngste Generation an Batterien. So dürfte künftig die Natrium-Ionen-Batterie die Lithium-Ionen-Batterie ablösen. Letztere seien teurer und hätten eine längere Ladezeit.

Vieles spreche somit für eine langfristig andauernde Nachhaltigkeitswende. Zahleiche der entsprechenden Unternehmen an der Börse sind teils jedoch noch sehr jung, deren Aktienkurse können somit stärker schwanken.

Foto: www.erste-am.hr / Martin Hörmandinger

 

 

Umfrage von J.P. Morgan Asset Management: Inflation bedroht Ersparnisse

Aktuelle Befragung zeigt, dass die höheren Sparzinsen die Investmentkultur in Österreich nicht untergraben. Aber Unzufriedenheit, dass die Zinswende noch nicht in Sparprodukten angekommen ist

(21.08.) Angesichts des bisher schnellsten Zinserhöhungszyklus der EZB seit gut einem Jahr sollten die Einlagenzinsen für Sparer inzwischen wieder attraktiver sein. Doch scheinen die höheren Zinsen nicht überall anzukommen. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass der Anteil der Österreicherinnen und Österreicher, die auf Sparbuch und Tages- oder Festgeld setzen, im Vergleich zum Vorjahr sogar etwas zurückgegangen ist. Der Besitz von Anleihen und festverzinslichen Wertpapieren stieg dagegen sogar leicht. Diese bemerkenswerte Entwicklung zeigt das „Finanzbarometer Österreich 2023“, eine repräsentative Befragung von 1.000 Frauen und Männern in Österreich durch J.P. Morgan Asset Management.

„Da während der Pandemie viele Österreicherinnen und Österreicher erste Gehversuche rund um das Thema ‚Investment‘ gewagt hatten, war es nach dem sowohl für Aktien als auch für Anleihen sehr turbulenten Jahr 2022 sehr spannend zu sehen, ob sich die Investmentkultur bereits gefestigt hat“, sagt Markus Sevcik, Senior Client Advisor bei J.P. Morgan Asset Management. „Sehr erfreulich ist, dass viele der neuen Investorinnen und Investoren das Thema scheinbar langfristig angehen und sich nicht durch Marktschwankungen entmutigen ließen“, so Sevcik. Zwar sei der Anteil derjenigen, die direkt in Aktien investieren, von 28 auf 22 Prozent zurückgegangen, wie der Vergleich mit den Ergebnissen des Finanzbarometers Österreich von 2022 zeigt. Allerdings ist der Anteil der befragten Österreicherinnen und Österreicher, die in Fonds und/oder ETFs investieren, nur um vier Prozentpunkte auf ebenfalls 22 Prozent gesunken. Damit liegen sie fast gleichauf mit Tages- oder Festgeldern, die von 30 auf 24 Prozent fielen.

„Überraschend ist vor allem, dass die Zinswende nach mehr als einem Jahrzehnt der Null- und Niedrigzinsen die Sparleidenschaft der traditionell sehr sparfreudigen Österreicherinnen und Österreicher nicht erneut befeuert hat“, betont Sevcik. So haben die Sparbücher sogar einen Prozentpunkt auf 63 Prozent abgegeben und Lebens-/Rentenversicherungen sanken um fünf Prozentpunkte auf 35 Prozent. Nichtsdestotrotz belegen diese Sparanlagen zusammen mit den Festgeldern weiterhin die ersten drei Plätze im Anlageranking, erst auf Rang 4 und 5 folgen Fonds/ETFs sowie Aktien. „Die Umfrage offenbart, dass die befragten Österreicherinnen und Österreicher beim Thema Geldanlage weiterhin zuerst auf Sicherheit setzen. Aber sie scheinen auch immer mehr zu verinnerlichen, dass Kapitalmarktinvestments als potenzieller Renditebringer unerlässlich sind – und das trotz der Achterbahnfahrt an den Aktien- und Anleihenmärkten in den letzten Jahren“, freut sich Sevcik.

Trotz Zinswende lässt die Zufriedenheit mit Sparanlagen auf sich warten
Die aktuelle Unzufriedenheit der Sparer mag daran liegen, dass die Zinserhöhungen noch nicht bei ihnen angekommen sind. Aber auch, dass die Zinsen die Inflation noch nicht ausgleichen können und somit die vermeintlich sichere Spareinlage mit einem realen Wertverlust einhergeht, trägt zur Unzufriedenheit bei. Im Vergleich zur Befragung des Vorjahres zeigt sich allerdings ein leichter Rückgang der Unzufriedenheit. Waren es 2022 mit 48 Prozent knapp die Hälfte der Sparerinnen und Sparer in Österreich, die „sehr unzufrieden“ oder „unzufrieden“ mit ihren Sparprodukten waren, ist dieser Anteil aktuell auf 54 Prozent angestiegen. Vor allem der Anteil der „etwas Unzufriedenen“ ist um 11 Punkte auf 30 Prozent angewachsen. Parallel ist der Anteil derjenigen, die „zufrieden“ mit ihren Sparerträgen sind, ebenfalls um vier Prozentpunkte auf 15 Prozent gefallen, während der Anteil der „sehr zufriedenen“ Sparer bei mageren 7 Prozent gleichblieb. „Dieses doch recht geringe Zufriedenheitsniveau wird durch aktuelle Zahlen der Österreichischen Nationalbank bestätigt, die eine Verhaltensänderung der privaten Haushalte beobachtet: Seit Jahren wurden erstmals wieder Bestände an Sichteinlagen abgebaut und stattdessen in höher verzinste Termingelder mit Laufzeit umgeschichtet“, erläutert Markus Sevcik.

Ebenfalls zeigen die Antworten auf die Frage, ob und wie die Zinserhöhungen das Spar- und Anlageverhalten beeinflusst haben, nur einen verhaltenen Sparenthusiasmus. Mit 33 Prozent setzt jetzt zwar ein Drittel der Befragten wieder stärker auf Sparbuch und Tagesgeld statt auf Kapitalmarktinvestments. Mit 27 Prozent will dagegen mehr als ein Viertel der Befragten in Österreich Sparanlagen weiterhin meiden, da die Zinsen nach wie vor die Inflation nicht ausgleichen, und sie von daher weiterhin lieber in Aktien bzw. Fonds und ETFs investieren. Und mit 26 Prozent fühlt sich mehr als ein Viertel dank breit gestreuter Investments gut aufgestellt und sieht keine Notwendigkeit, die Verteilung anzupassen. 9 Prozent gaben an, sogar wieder mehr in Anleihen sowie Fonds und ETFs zu investieren. „Dass ein Drittel der Österreicher anstatt am Kapitalmarkt zu investieren wieder eher verzinstes Tagesgeld und Spareinlagen berücksichtigen möchte, ist wenig verwunderlich angesichts der häufig anzutreffenden Präferenz für einfache, zinstragende Anlagen“, sagt Markus Sevcik. „Dass die Mehrheit der Befragten bei immer noch negativem Realzins aber weiterhin Spareinlagen meidet und lieber im Wertpapierbereich aktiv bleiben möchte, spricht dafür, dass sich die Erfahrungen der Österreicher am Kapitalmarkt während der Pandemie in einer gefestigteren Investmentkultur auszuzahlen scheinen“, betont Sevcik.

Inflation bremst Ersparnisse aus
Allerdings scheinen die während der Pandemie aufgebauten „Zusatzersparnisse“ aufgrund der anhaltenden Inflation inzwischen aufgebraucht zu sein. Zumindest legen dies die Antworten auf die Frage der Auswirkung der Inflation auf das Spar- und Anlageverhalten nahe. So gab mit 27 Prozent mehr als ein Viertel der Befragten in Österreich an, aufgrund der nach wie vor erhöhten Inflation und der damit verbundenen höheren Preise weniger zu sparen oder anzulegen. Mit 19 Prozent stellte rund ein Fünftel fest, dass wegen der höheren Kosten aktuell kein Geld übrigbleibt, um zu sparen. Und weitere 14 Prozent müssen sogar an ihre Ersparnisse gehen, um aktuell die Kosten decken zu können. Lediglich 13 Prozent können es sich leisten, mehr zu sparen oder anzulegen, um die hohe Inflation auszugleichen, und 26 Prozent legen gleichbleibend viel Geld an. Im letzten Jahr war dies mit 36 Prozent noch mehr als ein Drittel der befragten Österreicherinnen und Österreicher. „Die hohe Inflation seit rund eineinhalb Jahren geht an den Ersparnissen nicht spurlos vorbei. So ist es nachvollziehbar, dass Sparbeiträge aktuell reduziert werden müssen, um gestiegene Lebenshaltungskosten zu kompensieren. Allerdings bieten ja gerade die regelmäßigen Sparpläne für Fonds und ETFs die Chance, hohe Inflationsraten durch Rendite auszugleichen. Ein kompletter Verzicht auf renditeorientierte Investments verhindert zudem die Chance, von den weiterhin günstigeren Bewertungen in Anlageklassen wie Dividendenaktien zu profitieren“, erklärt Sevcik.

Grundsätzlich sieht mit 55 Prozent mehr als die Hälfte der Befragten in Österreich die Inflation als größte Gefahr für ihre Ersparnisse an. Die Folgen einer Rezession fürchtet mit 31 Prozent rund ein Drittel und die sonst so gefürchteten Marktschwankungen sind nur für 15 Prozent der Befragten ein Grund zur Sorge. „Es ist schön zu sehen, dass viele Österreicherinnen und Österreicher wichtige Grundprinzipien des Investierens inzwischen verinnerlicht zu haben scheinen“, sagt Sevcik.

So bewertet er die Ergebnisse des Finanzbarometers 2023 Österreich insgesamt positiv: „Trotz der Zinswende haben sich renditeorientierte Anlagen wie Aktien, Fonds und ETFs bei den Privatanlegerinnen und Privatanlegern in Österreich etabliert. Dem konnte auch das für fast alle Anlageklassen schwierige Jahr 2022 nur wenig Abbruch tun. So scheint das Wissen, dass auch in Zeiten wieder steigender Zinsen mit einem Sparbuch keine reale Rendite erzielt werden kann, inzwischen verankert zu sein“, so das Fazit von Sevcik. Interessant dürfte mit Blick auf die Zukunft sein, wie lange das Investment-Momentum bei Menschen in Österreich anhält – oder ob bei weiter steigenden Zinsen der Sicherheitsfokus wieder stärker wird.

Die hier zitierten Ergebnisse stammen aus dem Finanzbarometer Österreich 2023 von J.P. Morgan Asset Management, einer repräsentativen Online-Befragung über die Plattform von Attest. In der Zeit vom 28. Juni bis 3. Juli 2023 wurden 1.000 Frauen und Männer ab 20 Jahren in Österreich zu ihrem Spar- und Anlageverhalten befragt. Neben den Gründen und Wegen zu sparen und zu investieren, wurden die Auswirkungen von Inflation und Zinsumfeld untersucht, und das Thema Finanzbildung betrachtet. Nicht zuletzt standen die aktuellen Sorgen und das Risikoempfinden im Fokus. Vergleichswerte stammen vom Finanzbarometer 2022.

Warren Buffett setzt unbeirrt auf den Häusermarkt

Trotz hoher Zinssätze investiert Berkshire Hathaway in den Eigenheim-Sektor der Vereinigten Staaten.

Roman Steinbauer. Den vielgepriesenen Investor aus Omaha, Warren Buffett, zu zitieren und dessen Engagements zu publizieren, wird oft überstrapaziert. Ein aktuell besonders antizyklischer Ansatz des unterdessen 92-jährigen, prominenten Fundamental-Investors und selbsternannten Philanthropen ist zurzeit dennoch augenfällig. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters von 14. August sei den jüngsten, regulatorischen US-Offenlegungspflichten per 30. Juni zu entnehmen: Der US-Star-Börsianer investierte über seine 1955 gegründete Holding-Gesellschaft, Berkshire Hathaway Inc. (ISIN der B-Aktie: US0846707026), zu deren Konglomerat mehr als 80 Unternehmen eingebunden sind, zuletzt massiv in die größten Wohnbau-Gesellschaften der USA. Zum einen handelt es sich bei Berkshires Zielen um die Lennar Corp. (US5260571048) aus Miami, die D.R. Horton Inc. (US23331A1097) aus Arlington sowie um die NVR Inc. (US62944T1051) aus Virginia. Nach Mitteilung Berkshires befanden sich mit Ende des zweiten Quartals 5,97 Millionen Aktien von D. R. Horton, 153.000 Anteile der Lennar und mehr als 11.100 Wertpapiere der NVR in eigenem Bestand. Allerdings sei daraus nicht ersichtlich, ob die Papiere von den Portfolio-Managern Todd Combs und Ted Weschler erworben wurden oder von Buffett persönlich.

Lukrativ in alle Prozesse eingebunden
Lennars Aktivitäten umfassen den Kauf von Wohnbauland sowie die Entwicklung, Konstruktion und Verkauf errichteter Einfamilienwohnungen und Häuser. Das Unternehmen ist in alle Planungsphasen, die Finanzierung und den Vertrieb der Liegenschaften eingebunden. Die Leistungen werden mit einem Hypotheken-Service und Versicherungen ergänzt. Über die Tochterfirma Rialto Investments wird darüber hinaus in notleidendes Grundbesitzkapital investiert. D.R. Horton baut und veräußert qualitativ hochwertige Ein- und Mehrfamilienhäuser am Land sowie Eigentumswohnungen in Städten. Über eigene Tochterfirmen samt Versicherungsagenten (wie DHI Mortgage) werden Käufern Finanzierungen, Eigentumsrecht-Dienstleistungen, Policen und Prüfungsleistungen offeriert. Das Geschäft der NVR wird vorwiegend durch die Errichtung von Eigenheimen getragen.

Gegen den Kollaps im Eigenheimsektor gewettet
Das Berkshire-Management setzt auf ein Ausbleiben des vielfach prognostizierten Einbruchs am Häusermarkt durch eine sich verknappende Liquiditätslage – und lag bisher richtig. Stehen doch steigende Zinssätze konträr zu Investitionen in den Immobiliensektor. Anhand der Tatsache, dass die Notizen von Lennar und Horton bereits seit Jahren sehr gut liefen, verblüfft das Engagement der 769 Milliarden USD (708 Mrd. Euro) schweren Berkshire Holding dennoch. Auch heuer zogen Valoren der Lennar bereits um 23 %, jene von D.R. Horton um 25 % nach oben. Erste Kursrückschläge traten erst nach der dritten Juli-Woche auf. Einige Eckdaten erscheinen für Anleger aber nach wie vor attraktiv. So wird Lennar an der NYSE bloß zum siebenfachen, Horton um das Achtfache des erzielten Gewinnes/Aktie gehandelt. Weniger reizvoll wirkt der Rückfluss an Dividenden, über den lediglich 1,28 bzw. 0,85 % des eingesetzten Kapitals zu erzielen sind. Doch beeindruckt die dynamische Geschäftsentwicklung der US-Marktführer nach wie vor. Die Erlöse des Jahres 2022 legten im Falle Lennars um 24 % auf 8,05 Milliarden USD (7,41 Mrd. Euro), jene Hortons mit 33,48 Milliarden USD (30,80 Mrd. Euro) um 20 % zu, nachdem diese bereits in der Periode davor um 36 % galoppierten. Die jüngste Entwicklung bestätigt bisher Buffetts Strategie. Denn im Juni-Quartal markierte Horton mit 9,72 Milliarden USD (8,94 Mrd. Euro) erneut einen neuen Rekordumsatz, ein Abebben der Nachfrage trat keineswegs ein.

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Booking Holdings vor Rekordquartal

Aktienkurs des Online-Reisekonzerns hebt ab.

Stefan Riedel, München. Bei Booking Holdings (ISIN: US09857L1089) sind die coronabedingten Umsatz- und Gewinneinbrüche von 2020 und 2021 längst Geschichte. Die neue Reiselust nach dem Ende der Pandemie beschert den Online-Buchungsportalen und Suchmaschinen des US-Konzerns einen neuen Run. Auf 614,1 Millionen User belief sich im Juni die Anzahl der monatlichen Visits auf den Seiten von Booking.com. Das Niveau von 2019 ist damit wieder erreicht.

Der Aktienkurs hat im August 2023 ein neues Allzeithoch erklommen. Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate beläuft sich der Kursgewinn auf mehr als 40 %. Konzernchef Glenn F. Fogel macht die Anleger heiß auf einen weiteren Sprung nach oben: „Wir bereiten uns derzeit auf eine Rekordsommersaison im dritten Quartal vor.“ Die eigenen Erwartungen hat Booking bereits im zweiten Quartal übertroffen. Der Umsatz kletterte um 27 % auf 5,5 Mrd. USD (5,06 Mrd. Euro). Das bereinigte Ebitda legte um 64 % auf 1,78 Mrd. USD (1,64 Mrd. Euro) zu und in derselben Größenordnung stieg der Gewinn je Aktie auf 34,89 USD (32,08 Euro). Der Aufschwung ist international breit gestreut: 90 % seiner Gewinne erzielt das Unternehmen außerhalb der USA.

Neue Konkurrenz zu AirBnB
Booking Holdings kommt dabei seine fortgeschrittene Marktdurchdringung zugute. 30 bis 50 % aller online gebuchten Zimmer kommen über die Vermittlung durch Booking.com. Die über die Jahre aufgebauten Kontakte zu allen großen und kleinen Hotelketten, aber auch Einzelhotels, sind der große Wettbewerbsvorteil, den sich das Unternehmen aufgebaut hat. Für jede Vermittlung springt von den jeweiligen Hotels, Airlines, Autovermietern und Restaurants eine Provision heraus.

Zugleich wappnet man sich gegenüber neuen Konkurrenten wie AirBnB. So können private Gast-geber jetzt auch auf Booking.com ihre eigenen privaten Zimmer einstellen. Darüber hinaus hat das Unternehmen angekündigt, einen eigenen mit Künstlicher Intelligenz gestützten Reiseassistenten in den beiden Unternehmensbereichen Priceline und Booking.com einzusetzen.

Analysten optimistisch
Beim Umsatz erwarten die Analystenschätzungen für die nächsten zwei Jahre einen Anstieg von im Schnitt 18 %. Der Gewinn je Aktie soll sich auf 163 USD (149,85 Euro) mehr als verdoppeln. Fundamental sind das also beste Aussichten, dass die Aktie ihren jüngsten Höhenflug fortsetzt. Günstig bewertet ist sie im Branchenvergleich mit einem 2024er-KGV von 18 allemal. Das zeigt sich vor allem beim Blick auf die Profitabilität. Die operative Marge lag 2022 bei 28,7 % – und übertraf damit den Rivalen Expedia (US30212P3038) mit seinen 10 % um fast das Dreifache.

Einstiegschance
Der aktuelle Kursrücksetzer bietet eine gute Einstiegschance. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich das Management in naher Zukunft für einen Aktiensplit entscheidet, damit das Papier auch für Privatanleger in größerer Stückzahl handelbar wird.

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Die grüne US-Revolution

Mit dem US-Inflation Reduction Act wird seit einem Jahr der Klimawandel intensiv bekämpft.

Raja Korinek. Die US-Inflation ist seit dem Höhenflug im Vorjahr wieder ein gutes Stück gesunken, wenn gleich die Teuerung im Juli leicht zulegte. So erreichte die Inflation 3,2 % im Jahresvergleich. Freilich, um der Entwicklung jenseits des Atlantiks zu kontern, wurde vor gut einem Jahr, am 16. August, der US Inflation Reduction Act (IRA) unterzeichnet, wobei ein Teil der Gelder in den Kampf gegen den Klimawandel fließen. Das Gesetz stellt dafür gut 369 Milliarden USD (rund 340 Mrd. Euro) zur Verfügung. Mit dem Vorhaben soll die Wirtschaft langfristig neue Impulse erhalten, die zunehmend leistbarer werden, je ausgereifter die Technologien sind.

Maurice Hewins, Multi-Asset Strategist bei Schroders, zieht ein Zwölf-Monats-Fazit und verweist etwa auf die boomende Elektromobilität in den USA. „Die Verkäufe von Elektrofahrzeugen stiegen im ersten Quartal 2023 um 54 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.“

Batterien „Made in USA“
Immerhin winkt eine Steuergutschrift von 7.500 USD (6.895 Euro) für die Anschaffung neuer Elektrofahrzeuge, wenn die Endmontage in den USA und eine Verwendung von US-Batterierohstoffen erfolgt. Verständlich, dass auch die Batterieproduktion anzieht. Hewins sagt: „Seit Verabschiedung des IRA haben die US-Batterieproduktionskapazitäten höhere Wachstumsraten als in Europa und China verzeichnet. Die Anreize durch den IRA waren so stark, dass Unternehmen ihre Investitionen von Europa in die USA verlagert haben.“

Beispiele gibt es reichlich. Erst im Juli verkündeten der Autobauer Stellantis (ISIN: NL00150001Q9), mit Sitz in den Niederlanden, und die südkoreanische Samsung SDI (US7960542030) ihre Absichtserklärung zur Errichtung einer zweiten Batteriefabrik in den USA. Das erste Werk wird im US-Bundesstaat Indiana errichtet und soll Anfang 2025 in Betrieb gehen.

Solarmodule boomen
Damit ist aber nicht Schluss. Der Schroders-Experte verweist auf weitere Entwicklungen. „In der Solarbranche haben Konzerne mit Produktionsstätten in den Vereinigten Staaten einen großen Nachfrageanstieg erlebt, da der IRA einen inländischen Produktionsanteil vorschreibt.“ Hewins verweist auf First Solar (US3364331070) als Beispiel. Das US-Unternehmen stellt Solarmodule her.

„Mit dem Einsatz eines First-Solar-Moduls in einem Solarpark für Versorgungsunternehmen erhält der Entwickler sofortigen Zugang zu Steuervergünstigungen. Dies hat sich als starker Nachfragetreiber erwiesen, so dass First Solar bis 2026 vollständig ausgelastet ist und Verträge für 2026 bis 2030 abschließt.“

Anleger können etwa mit den „First Trust Nasdaq Clean Edge Green Energy UCITS ETF“ (IE00BDBRT036) auf die weitere Entwicklung bei erneuerbaren Energien setzen. Der ETF investiert knapp 90 % des Vermögens in US-Titel aus dem Bereich, so etwa in Tesla (US88160R1014), ON Semiconductor (US6821891057) und Enphase Energy (US29355A1079). Der Rest des ETFs teilt sich global auf.

Auch Europa mischt mit
Chancen diesseits des Atlantiks nutzt der „HAN-ETF European Green Deal UCITS ETF“ (IE0007WMHDE3). Mit dem Green Deal, der 2019 von der europäischen Kommission ins Leben gerufen wurde, sind Investitionen im Wert von mehr als einer Billion Euro geplant, damit die Region bis 2050 klimaneutral wird. Investiert wird unter anderem in den irischen Dämmstoffhersteller Kingspan (IE0004927939), den deutschen Windturbinenhersteller Nordex (DE000A0D6554) und Soitec (FR0013227113). Der französische Industriekonzern beliefert die Halbleiterindustrie.

Bei beiden Produkten sind jedoch auch größere Verluste möglich.

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Wasserstoff: Potenzial und viele offene Fragen

Ein Marktkommentar der Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking.

(11.08.) Im Rahmen der großen Veränderungen bei der Energieversorgung rückt zunehmend Wasserstoff in den Blickpunkt, auch als Investmentthema. Viele Energie- und Industrieunternehmen arbeiten mit Hochdruck daran, das enorme Potenzial dieses emissionsfreien Kraftstoffs als Alternative zu Erdgas, Öl und Kohle zu nutzen, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.

Eine klimaneutrale Welt
Wasserstoff ist ein Energieträger, der bei der Verbrennung keine Treibhausgase freisetzt. Das einzige Abfallprodukt ist Wasserdampf. Daher gilt Wasserstoff als einer der vielversprechendsten alternativen Kraftstoffe und könnte dazu beitragen, die Schwerindustrie zu dekarbonisieren, Erdgas zu ersetzen und erneuerbare Energien zu speichern, was den Weg für eine klimaneutrale Welt ebnet.

Die Energiegewinnung aus Wasserstoff erfolgt durch verschiedene Verfahren. Wasserstoff-Brennstoffzellen werden bereits in verschiedenen Bereichen wie der Transportwirtschaft, stationärer Stromerzeugung und in tragbaren elektronischen Geräten eingesetzt. In einer Brennstoffzelle reagieren Wasserstoff und Sauerstoff in einem kontrollierten Prozess und es entsteht direkt elektrische Energie. Die Vorteile der Brennstoffzellentechnologie liegen in ihrer Effizienz und der Möglichkeit, sie als saubere und nachhaltige Energiequelle zu nutzen, wenn der Wasserstoff aus erneuerbaren Energiequellen wie Solarenergie oder Windkraft hergestellt wird (grüner Wasserstoff).

Herstellung noch (zu) teuer
Noch ist allerdings die Herstellung von Wasserstoff sehr kostspielig, insbesondere wenn diese tatsächlich klimaneutral sein soll. Die Kosten für „grünen“ Wasserstoff, der den Einsatz erneuerbaren Energiequellen erfordert, müssen weiter gesenkt werden, um seine breite Nutzung als Energieträger wirtschaftlich rentabel zu machen. Kommerziell tragfähig wird Wasserstoff erst dann werden, wenn es der Branche gelingt, zu skalieren und die Kosten zu senken, um mit fossilen Brennstoffen und anderen neuen Technologien wettbewerbsfähig zu werden. Förderprogramme, Subventionen und politische Anreize könnten die Einführung und Nutzung von Wasserstoff beschleunigen. Die Förderung der Wasserstofftechnologie sollte aber nicht auf Kosten anderer etablierter und effizienter erneuerbarer Energiequellen wie Solar- und Windenergie gehen. Stattdessen sollten Wasserstoff und erneuerbare Energien als komplementäre Lösungen betrachtet werden, um den Energiebedarf nachhaltig zu decken.

Wie wird Wasserstoff gewonnen?
Wasserstoff kann auf mehrere Arten erzeugt werden. Obwohl das Gas farblos ist, wird es – je nach seiner Herstellung – nach Farben klassifiziert.

Grüner Wasserstoff wird aus der Elektrolyse von Wasser mit dem Beiprodukt Sauerstoff unter Verwendung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen und ist komplett klimaneutral. Nicht zu 100% frei von schädlichen Emissionen sind hingegen türkiser und blauer Wasserstoff, die aus Erdgas durch die Spaltung von Methan gewonnen werden. Das als Beiprodukt entstandene Kohlenstoffdioxid muss unterirdisch gelagert werden und kann durch Leckagen zu Umweltschäden führen. Zudem sind die Langzeiteffekte der Lagerung noch ungewiss. Grauer Wasserstoff wird durch die Spaltung fossiler Brennstoffe und Strom aus fossilen Energien gewonnen und ist daher nicht klimafreundlich.

Offene Fragen und Risiken
Neben den Fragen der CO2-Lagerung und der Erzeugungskosten ist die Speicherung von Wasserstoff mit seiner geringen Energiedichte im Vergleich zu fossilen Brennstoffen wie Erdöl und Erdgas eine technische Herausforderung. Man braucht riesige Tanks und es müssen effiziente Lösungen für den Transport gefunden werden. Außerdem ist Wasserstoff ein hochentzündliches Gas und erfordert daher besondere Sicherheitsvorkehrungen bei der Handhabung, dem Transport und der Lagerung. Die Einführung von Wasserstoff als Energiequelle erfordert auch eine erhebliche Anpassung der bestehenden Infrastruktur, einschließlich Tankstellen, Pipelines und Brennstoffzellen-Technologien. Die Umstellung wird voraussichtlich recht langsam und kostspielig sein.

Chancen und Risiken
Die Wasserstofftechnologie hat das Potenzial, in verschiedenen Sektoren wie Transport, Industrie und Energie eine wichtige Rolle zu spielen, insbesondere wenn erneuerbare Quellen die Grundlage bieten. Investoren sollten den Sektor eine Weile beobachten, um abzuschätzen, welche Unternehmen gute Chancen haben, mit neuen Technologien zu reüssieren. Wasserstoff als Investition kann Chancen bieten, birgt jedoch auch Risiken, die sorgfältig abgewogen werden sollten.

Wandelanleihen im Fokus

Die Aktienmärkte werden turbulenter, ein Investment mit Puffer ist umso interessanter.

Raja Korinek. Der große Aufschwung der vergangenen Monate auf den Aktienmärkten scheint zumindest derzeit an Fahrt zu verlieren. Gründe gibt es dafür einige, so etwa die jüngsten US-Inflationsdaten. Im Juli stieg die Teuerung um 3,2 % im Vergleich zum Vorjahreswert, somit erstmals seit Monaten wieder etwas stärker an. Dennoch rechnet die Mehrheit der Marktteilnehmer zumindest im September mit einer Pause bei den Zinsanhebungen seitens der Fed. Vor kurzem sorgte die US-Ratingagentur Fitch zudem für Unruhe auf den Märkten. Sie senkte das Rating der USA auf AA+.

Womit Wandelanleihen punkten
Angesichts der jüngsten Entwicklungen könnte der Blick auf Wandelanleihen umso interessanter sein: Solche Bonds sind mit einer Kaufoption auf die zugrundeliegende Aktie ausgestattet. Das heißt, je weiter die Aktie an der Börse steigt, desto wertvoller wird die Kaufoption, somit auch die Wandelanleihe insgesamt, wenn-gleich nicht in vollem Ausmaß wie die Aktie selbst. Steigt der Kurs der Kaufoption besonders kräftig während der Laufzeit an, lohnt der Wandel der Wandelanleihe in die zugrundeliegende Aktien.

Zudem gibt es einen Puffer nach unten. Sollte die Aktie allzu kräftig sinken, lukrieren Anleger zumindest die jährlichen Kupons, die allerdings geringer sind als bei normalen Anleihen. Das ist eben der Preis dafür, dass die Wandelanleihe mit einer Kaufoption ausgestattet ist. Zu Laufzeitende erhalten Anleger das Nominale zurück, sofern nicht gewandelt wird.

Kleinere Wachstumsunternehmen als Treiber
Arnaud Brillois
, Portfoliomanager, Leiter des globalen Wandelanleihe-Teams bei Lazard Asset Management, hebt gegenüber dem Börsen-Kurier insbesondere einen Aspekt hervor, der ihn zuversichtlich stimmt: „Für eine positive Performance von Wandelanleihen in den nächsten Quartalen spricht der Sektormix, der dieser Assetklasse zugrunde liegt.“ So würden Wandelanleihen oftmals von kleinen bis mittelgroßen Wachstumsunternehmen begeben. Gerade besonders zinssensible Wachstumssegmente könnten Brillois zufolge davon profitieren, dass sich der Zinserhöhungszyklus voraussichtlich dem Ende nähere.

Auch würden viele Emittenten von Wandelanleihen vom Aufschwung nach der Corona-Pandemie profitieren. „Diese Recovery-Titel haben die Markterwartungen im zweiten Quartal erneut übertroffen. Ein Grund dafür sind die anhaltenden Engpässe zwischen Angebot und Nachfrage. Diese hätten der finanziellen Leistung und Rentabilität erneut Rückenwind gegeben.“

Wenige Finanztitel
Und dann gibt es dem Lazard-Experten zufolge noch einen Aspekt: Wandelanleihen seien als Anlageklasse im Vergleich zu breit angelegten Aktien- und Unternehmensanleihenindizes kaum in Banken, Gewerbeimmobilien und anderen Finanzwerten engagiert. „Sollte der Finanzsektor mittelfristig weiterhin mit erhöhten Risiken zu kämpfen haben, dürfte sich diese Untergewichtung als Vorteil erweisen“, so Brillois.

Der „Lazard Convertible Global Fund“ (ISIN: FR0000098683), der zu den langjährigen Top-Performern im Segment „Globale Wandelanleihen“ laut Morningstar zählt, investiert derzeit regional zu knapp 60 % in den USA, gefolgt von der Eurozone. Der zyklische Konsum ist am höchsten gewichtet, gefolgt vom IT-Sektor. Im „Franklin Global Convertible Securities Fund“ (LU0727122425) sind die USA sogar mit mehr als 70 % gewichtet, ebenfalls gefolgt von der Eurozone. Sektormäßig ist auch darin der zyklische Konsum am höchsten gewichtet, gefolgt von der Gesundheitsbranche.

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Comeback für Infrastrukturinvestitionen

Der Megatrend für die nächste Dekade und welche Unternehmen davon profitieren. Ein Gastkommentar.

Birgitte Olsen, Bellevue Asset Management. Die letzten Jahrzehnte waren durch einen stetigen Abwärtstrend von Kapitalinvestitionen gekennzeichnet, besonders in Europa und den USA. Wuchsen die Investitionsausgaben der US-Industrie in den Jahren 1980 bis 2001 noch mehr als 5 % p.a., fielen sie in den darauffolgenden zwei Dekaden auf unter 3 % zurück. Wir hatten es nach der globalen Finanzkrise von 2007/08 in vielen Sektoren sogar mit einer extremen Phase der Unterinvestition zu tun. Diese Tendenz erfährt nun eine Kehrtwende. Für die Jahre 2019 bis 2024 wird mit einer überdurchschnittlichen Steigerung der Kapitalinvestitionen in Höhe von 8,7 % p.a. gerechnet.

Ein neuer Megatrend
Aufgrund der massiven US-Investitionsprogramme kann man mitt-lerweile von einem neuen Megatrend sprechen. Dazu trägt insbesondere der im August 2022 verabschiedete Inflation Reduction Act (IRA) bei. Darüber sollen in den USA in den nächsten zehn Jahren etwa 300 Mrd. USD in den Defizitabbau und 369 Mrd. USD in Energiesicherheits- und Klimaschutzprogramme investiert werden. Hinzu kommt der CHIPS and Science Act im Umfang von mehr als 50 Mrd. USD sowie zusätzliche, bei-nahe ebenso hohe private Investitionen für die Forschung, Entwicklung und Herstellung von Halbleitern. Demnach dürfte der aktuelle Investitionszyklus noch am Anfang stehen. Der Marktstratege und Historiker Russell Napier spricht von einem zu erwartenden Boom bei den Kapitalinvestitionen und der Reindustrialisierung der westlichen Volkswirtschaften.

Zeitenwende auch in Europa
Auch in der EU werden massive Investitionsprogramme auf den Weg gebracht. Hier sind vor allem der Europäische Green Deal und das Europäische Chip-Gesetz zu nennen. Allein der umfassende Green Deal beinhaltet dabei den Zugriff auf 600 Mrd. USD, mit denen der Übergang zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft angestrebt wird. Das europäische Chip-Gesetz im Umfang von mehr als 43 Mrd. USD soll dagegen die Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz hinsichtlich Halbleitertechnologien und -anwendungen forcieren und dabei der starken Abhängigkeit von Asien und China entgegenwirken. Langfristig werden zusätzliche private Investitionen in ähnlicher Höhe erwartet. Mit ebenfalls milliardenschweren Investitionen wird für die neuen Gigafactories im Batteriebereich gerechnet. Hier ist gemäß einer Analyse von McKinsey bis 2025 mit einer Verdoppelung des Investitionsvolumens zu rechnen. Denn schon im Jahr 2030 wird einer PwC-Studie zufolge fast jedes zweite verkaufte Auto ein batteriebetriebenes bzw. elektrisches Fahrzeug sein.

Investitionsopportunitäten
Die Dynamik und Ausmaß dieser Entwicklungen bieten aus Anlegersicht vielfältige Investitionschancen, auch für schweizerische und europäische Unternehmen. Für uns als fundamental orientierte Stockpicker spielt die globale Infrastruktur-Transformation eine wesentliche Rolle in der Positionierung unserer Bellevue Entrepreneur Fonds. Im Bellevue Entrepreneur Swiss Small & Mid Fonds sind bis zu 30 % der Zielunternehmen direkte oder indirekte Nutznießer dieses langfristigen Trends. Dazu zählen VAT, Inficon, Belimo, LEM, Gurit und Huber + Suhner um einige zu nennen. Nachstehend drei ausgewählte und spannende Beispiele:

IoT als Schlüsseltechnologie
Nach Jahrzehnten der Globalisierung wollen Unternehmen wieder die Kontrolle über ihrer Liefer- und Wertschöpfungsketten zurückgewinnen und die Resilienz ihres Geschäfts steigern. Dazu tragen auch neue geopolitische Risiken sowie strategische und nationale Interessen, ein erhöhter Nachhaltigkeitsgedanke sowie die Folgen der Covidkrise bei. Insbesondere der Anstieg der Digitalisierung und die wachsende Automatisierung erlaubt die Verlagerung der Fertigung in Regionen mit höherem Kostenniveau (Near- und Reshoring). Dem Internet der Dinge (IoT) kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Es erlaubt Unternehmen, ihre Produktionsanlagen und -systeme miteinander zu vernetzen, um eine nahtlose Kommunikation und eine effiziente Steuerung zu ermöglichen. Die IoT-Dichte nimmt dabei mit den stetig wachsenden Anwendungen kontinuierlich zu. Zugleich werden die Lösungen immer ausgereifter. Als führender IoT-Anbieter ist das Schweizer Unternehmen u-blox sehr gut positioniert, um von dieser Entwicklung zu profitieren. Das Wachstums- und Profitabilitätspotenzial des Unternehmens wird noch unterschätzt, somit hat die Aktie aus Bewertungssicht großes Upside-Potenzial.

Energiewandel schafft neue Gewinner
Ein weiterer entscheidender Bereich ist die Energieversorgung. Die Welt braucht mehr Energie, unmittelbar für mehr Sicherheit und Unabhängigkeit in der Versorgung und perspektivisch für eine nachhaltige Zukunft. Für die Endmärkte Erdgas, Solar-Photovoltaik und Wasserstoff ist die Technologie von Burckhardt Compression im Bereich Kompressor-Lösungen unverzichtbar. Um die Energiewende voranzutreiben, werden weltweit gigantische Investitionen getätigt. Mit einem weltweiten Marktanteil von ca. 40 bis 50 % überrascht es nicht, dass Burckhardt im letzten Fiskaljahr einen Rekordauftragseingang von 1,3 Mrd. CHF (rund 1,35 Mrd. Euro) verzeichnete. Dabei bietet insbesondere der wachsende Bereich Wasserstoff interessante Möglichkeiten. Die steigende Nachfrage nach Wasserstoff als saubere Energiequelle und die Notwendigkeit der Verflüssigung mittels Kompressoren für Transport und Lagerung eröffnen Wachstumschancen. Es wird erwartet, dass die Produktionskapazitäten für Wasserstoff bis 2030 um das 10-fache steigen werden.

An Logistikanbietern führt kein Weg vorbei
In allen Ländern, wo im Zuge des Re- und Nearshorings die Bauausgaben für neue Produktionsanlagen steigen, bedarf es neuer Intralogistikkapazitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Diese Verlagerungen von Kapazitäten und Materialflüsse erfordern fortschrittliche Lösungen, bei denen führende Intralogistikanbieter wie Interroll und Kardex profitieren. Diese Nischenanbieter helfen bei der Automation von Lager-, Bereitstellungs- und Materialflusssystemen, die zunehmend eine entscheidende Kosten- und Effizienzkomponente darstellen. Die gesteigerte Nachfrage ist dabei auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, darunter staatliche Subventionen für die Produktion strategisch relevanter Technologien sowie die Notwendigkeit einer sicheren und effizienten Logistik.

Fazit
Wir erleben im Westen einen neuen strategisch und politisch motivierten Capex-Boom. Dieser globale Infrastruktur-Investitionszyklus ist einen Megatrend, der uns mindestens für die nächste Dekade begleiten wird. Dabei werden Unternehmen besonders profitieren, die in diesem neuen „Goldrausch“ Schaufeln verkaufen im Sinne von innovativen Technologien, unverzichtbaren Dienstleistungen und allgemeinen Lösungen – darunter auch Logistikanbieter, Energieinfrastrukturspezialisten und IoT Lösungsentwickler.

Foto: Bellevue Asset Management

 

 

Pensionspolster Girokonto?

Für die Altersvorsorge dürften oftmals nicht die geeignetsten Vehikel im Einsatz sein.

Emanuel Lampert. Wie wichtig ist den Österreichern finanzielle Absicherung, „um ein lebenswertes Leben führen zu können“? Wenn es nach der neuen „Lebenswert“-Umfrage der HDI-Lebensversicherung geht, wird ihr mit in Summe 8,65 Punkten auf einer Zehnerskala ein hoher Stellenwert beigemessen; 8,47 Punkte sind es bei den Männern, etwas höhere 8,84 bei den Frauen.

Das Marktforschungsinstitut Wissma, das die Umfrage für den Versicherer im April unter Personen ab 18 Jahren durchgeführt hat, hat auch erhoben, wie diese die Sicherheit der gesetzlichen Pension einschätzen. Ergebnis: überwiegend negativ. Nur 12 % von 831 Teilnehmern glauben, dass sie ausreichen wird, „um im Ruhestand ein lebenswertes Leben führen zu können“; 68 % glauben es nicht.

Zugleich sagen aber nur 33 % von sich, über die Höhe ihrer künftigen gesetzlichen Pension Bescheid zu wissen. Die übrigen zwei Drittel haben diesbezüglich keine Vorstellung.

Viele nutzen Giro-/Sparkonto
Instrument Nummer eins für die Altersvorsorge neben der ersten Säule ist die Lebensversicherung: 36 % sagen, dass sie sich damit auf den Ruhestand vorbereiten. 30 % verwenden zu diesem Zweck ein Giro-/Sparkonto, 27 % ein Sparbuch/Festgeld.

25 % setzen auf den Bausparvertrag, 20 % auf Fonds. Betriebliche Altersvorsorge und Immobilien/Liegenschaften kommen auf jeweils 19 %. Von Bargeldreserven und Aktien erhoffen sich 16 bzw. 15 % zusätzliche Liquidität im Alter, 13 % von Gold. 7 % versprechen sich von sogenannten Kryptowährungen ein Zubrot. Gar keine Altersvorsorge außer der gesetzlichen haben 16 %.

Was das Sparverhalten betrifft, so hat sich dieses bei 41 % nicht gegenüber 2021 verändert: Sie sparen nach eigenen Angaben „gleich viel“ wie vor zwei Jahren. 21 % sparen hingegen mehr, bei 37 % ist das Sparvolumen indes zurückgegangen.

Den monatlichen Betrag für die eigene private Altersvorsorge beziffert die Hälfte der Vorsorgenden mit bis zu 99 Euro. 300 Euro oder mehr investiert rund ein Zehntel. Im Schnitt werden 160 Euro zur Seite gelegt.

Hälfte sorgt für Kinder vor
Und wird die gesetzliche Pension der Kinder für „ein lebenswertes Leben“ ausreichen? 63 % von hier 562 Befragten meinen: Nein. Nur 7 % sind gegenteiliger Ansicht. Die übrigen 30 % wollen dazu kein Urteil abgeben. Rund die Hälfte (54 %) in dieser Gruppe sorgt denn auch für die Zukunft ihrer Kinder finanziell vor, im Schnitt mit 75 Euro monatlich.

„Früh mit Vorsorge auseinandersetzen“
„Die aktuelle Teuerung führt dazu, dass viele Menschen glauben, sich eine adäquate Altersvorsorge nicht mehr leisten zu können. Allerdings stimmt das in den meisten Fällen nur bedingt“, meint Michael Miskarik, Niederlassungsleiter der HDI-Leben in Österreich.

„Wer sich früh genug mit seiner Altersvorsorge auseinandersetzt, benötigt keine großen Sparbeiträge für eine ausreichende finanzielle Basis im Alter“, sagt Miskarik. „Gerade in Krisenzeiten ist eine vorrausschauende Planung existenziell.“

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Schwellenländer auf dem Weg zur industriellen Revolution 5.0

Ein Kommentar von Robert Mumford, Portfolio Manager Emerging Market Equities bei GAM Investments.

(08.08.) Die Begeisterung über generative KI ist berechtigt, auch wenn sie nur ein Aspekt von „Digital 4.0“ auf dem Weg zur industriellen Revolution 5.0 ist. Die nächste Phase der Digitalisierung wird von neuen Anwendungen angetrieben, die Cloud, KI, Edge-Technologie und ein ausgereiftes Metaversum umfassen. Das Problem besteht darin, dass neue digitalisierte Produkte und Dienstleistungen Daten mit exponentiell steigender Geschwindigkeit generieren, die sich daraus speisen und eine immer stärkere Rechenleistung zur Ausführung, Interpretation und Aktualisierung erfordern.

Welche Rolle spielen hier die Schwellenländer?
Der Technologiesektor der Schwellenländer (EM) ist der zweitgrößte Sektor im MSCI Emerging Market Index (mit 21,2 % nur knapp hinter dem Finanzsektor mit 21,9 %), und wir gehen davon aus, dass neue und bestehende Komponenten angesichts der dominierenden Rolle der Schwellenländer in einer Reihe von Bereichen eine Schlüsselrolle spielen werden.

Ähnlich wie der US-Aktienmarkt hat sich auch der EM-Informationstechnologie-Sektor (MSCI) deutlich besser entwickelt als der Index. Er ist seit Jahresbeginn um +19 % gestiegen, während der Index um +3 % zugelegt hat (Stand: 2. Juli 2023). Dies ist jedoch nicht ganz so extrem wie beim US-Tech-Sektor (S&P Information Technology), der um +42 % gestiegen ist, während der Index um +16 % zugelegt hat. TSMC hat beispielsweise einen Anteil von etwa 60 % am Foundry-Markt, was zusammen mit dem Anteil von Samsung Electronics (etwa 7 %) die asiatische Dominanz in diesem Segment auf über zwei Drittel erhöht. Vereinfacht gesagt, nimmt ein Foundry-Unternehmen die Halbleiterentwürfe von Unternehmen wie Nvidia entgegen und stellt den Entwurf auf einem Wafer her, um den integrierten Schaltkreis oder Halbleiter zu fertigen, der für den Fortschritt und die aktuellen Möglichkeiten so wichtig ist.

Der technologische Fortschritt wirkt sich von oben nach unten positiv aus. PwC schätzt, dass allein die KI die BIP-Prognosen bis 2030 in China um 26,1 % und in Nordamerika um 14,5 % anheben wird, wobei auf diese beiden Länder etwa 70 % der weltweiten Auswirkungen entfallen. Nordamerika mit seiner fortschrittlichen Technologie, seinen umfangreichen Datenbeständen und seiner schnellen Akzeptanz kann unserer Ansicht nach eine überdurchschnittlich positive Auswirkung unterstützen. Bei den Schwellenländern werden in China etwaige Einschränkungen bei der Verfügbarkeit hochentwickelter Chips durch den großen Datensatz, den beträchtlichen Talentpool, die umfangreichen Anwendungsmöglichkeiten und die von der Politik vorangetriebene Anpassung ausgeglichen, was das Potenzial für einen überdurchschnittlichen BIP-Nutzen erhöht.

KI eröffnet neue Bereiche
Die nach oben korrigierte Prognose von Nvidia (am 25. Mai) war ein wichtiger Weckruf für den globalen Technologiesektor. Sie zeigte, wie säkulare Fortschritte in der Technologie einen sehr bedeutenden Einfluss haben, nicht nur durch KI-Anwendungen der nächsten Generation, sondern auch durch eine Reihe anderer neuer Bereiche. Dies ist für große Teile des EM-Technologiesektors besonders relevant.

Allein für Chat-GPT werden knapp 300.000 Prozessoren benötigt und Gartner geht davon aus, dass der globale KI-Halbleitermarkt von 2023 bis 2027 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 21 % wachsen wird. Diese Prozessoren agieren nicht isoliert. Ein wichtiger Punkt ist, dass es einen enormen Bedarf an einem Technologie-Stack gibt, der nicht nur diese Anwendung unterstützt, sondern auch die fortschrittlichen Technologien und Dienste von Digital 4.0 und darüber hinaus.

Elektrofahrzeuge und autonomes Fahren mit KI als integraler Bestandteil geben einen weiteren Einblick in die erwartete künftig hohe Nachfrage nach Chips, Datenverarbeitung und Infrastruktur. Ein modernes Elektroauto hat bis zu 3.000 Halbleiter, fast doppelt so viele wie herkömmliche Autos. Für das autonome Fahren ist die KI von entscheidender Bedeutung, damit selbstfahrende Autos auf der Grundlage der von Sensoren gesammelten Daten erkennen, wahrnehmen, navigieren und Entscheidungen in Echtzeit treffen können. Aus einem Bericht von Intel geht hervor, dass ein vernetztes autonomes Fahrzeug die gleiche Datenmenge wie 3.000 Internetnutzer erzeugen wird, während zwei miteinander kommunizierende Autos das Äquivalent von bis zu 9.000 Internetnutzern erzeugen werden.

Fortschritte bei Arbeitsspeicher und Servern
Das Wachstum und das wachsende Angebot an Waren und Dienstleistungen hat positive Auswirkungen auf Unternehmen im gesamten Technologiespektrum, einschließlich Halbleiter, Halbleiterausrüstung, Speicher, Trägermaterial, Motherboard-Verpackung und Montage. Unternehmen aus den Schwellenländern und Asien sind in diesen Bereichen stark vertreten.

Hochentwickelte Speicherchips, die Daten speichern und/oder verarbeiten, sind für die KI von entscheidender Bedeutung, da eine schnellere Rechenleistung (bei geringerem Stromverbrauch) gegenüber reinen Speicherkapazitäten erforderlich ist. Der Speichersektor hat sich zu einem Markt mit drei Akteuren konsolidiert, wobei zwei der drei koreanischen Unternehmen (SK Hynix und Samsung Electronics) einen Marktanteil von etwa 60 % haben. Bei den Speicherchips findet ein Übergang von DDR4 zu leistungsfähigeren Chips wie DDR5 und HBM statt, die für KI-Server entscheidend sind. SK Hynix hat einen technologischen Vorsprung bei HBM-Chips, der voraussichtlich noch einige Jahre anhalten wird. Die jüngsten Ergebnisse von Samsung Electronics für das zweite Quartal gaben uns ebenfalls einen Einblick in den aktuellen Nachfrageschub, da das Unternehmen sein niedrigstes Ergebnis seit dem ersten Quartal 2009 erzielte. Dies spiegelt die aktuellen zyklischen Herausforderungen gut wider. Das Unternehmen übertraf jedoch die Prognosen aufgrund der Nachfrage nach seinen hochwertigen KI-Produkten (DDR5 und HBM) und deutet darauf hin, dass das Schlimmste des Abschwungs hinter uns liegen könnte.

KI-Server sind in der Lieferkette der asiatischen Originalhersteller (ODM), die aufgrund einer langen Geschichte in der Forschung und Entwicklung und der Interaktion mit den Kunden einen Marktanteil von etwa 90 % in diesem Bereich haben, stark im Kommen. Während die Fortschritte bei den Prozessoren und der zugehörigen Technologie die Foundrys zu einem fortschrittlichen Packaging geführt haben, wird der Marktanteil bei einem breiteren Packaging und Testing immer noch von asiatischen Anbietern mit einem Marktanteil von knapp über 50 % dominiert.

In den meisten Bereichen der Lieferkette sorgen die KI-Fortschritte nicht nur für eine positive Entwicklung des Volumens, sondern auch des Verkaufspreises (ASP) und der Gewinnspanne. Angesichts dieses doppelten Nutzens prognostizieren Analysten wie die Bank of America, dass KI-Server bis 2025 etwa 20 bis 30 % des Gesamtumsatzes von ODM-Servern ausmachen werden.

Software als Chance
Im MSCI EM Index sind die wichtigsten aktuellen Gewichtungen innerhalb des EM-Informationstechnologiesektors Halbleiter und Halbleiterausrüstung mit ca. 10 % des Index. Technologiehardware und -ausrüstung liegen mit ca. 9 % knapp darunter, während Software nur 2,3 % ausmacht. Die Gewichtung von Software stellt eine große Chance dar, da sich Technologien und Anwendungen für den Heimgebrauch immer mehr durchsetzen.

Abgesehen von den indischen Beratern, die in diesem Softwaresegment des MSCI EM Index ca. 1,9 % der 2,3 % Gewichtung in Software ausmachen, sind Software und Dienstleistungen aus China derzeit nur mit 0,3 % im Index gewichtet. China macht damit nur einen kleinen Teil des Sektors aus, aber die nationale Förderung und das Bestreben, die Eigenständigkeit bei Schlüsseltechnologien zu erhöhen, wird wahrscheinlich zu einem starken Wachstum führen. So bietet China eine Reihe interessanter Möglichkeiten in verschiedenen vertikalen Bereichen wie Home Growth Office, Enterprise Resource Planning (ERP) und Cybersicherheit.

Vorsicht mit Blick auf aktuelle Bewertungen
Wir sind der Meinung, dass die Anleger angesichts der bisherigen starken Entwicklung, der aktuellen Bewertungen, des zyklischen Hintergrunds der Technologie und der Tatsache, dass einige KI-bezogene Produkte nur einen kleinen Prozentsatz der aktuellen Geschäftsprodukte der Unternehmen ausmachen, vorsichtig sein sollten.

TSMC zum Beispiel erwartet, dass der Erfolg von Nvidia dazu führen wird, dass das Unternehmen laut den Analysten von Credit Suisse von 6 bis 7 % auf 10 % seiner Kunden wächst. Das Unternehmen geht davon aus, dass KI speziell in seinem Kundenstamm einen Umsatz im mittleren einstelligen Bereich generieren wird. Während die KI-bezogenen Aktivitäten gut laufen, bleibt die Nachfrage nach breiterer Technologie-Hardware schwach. Bei PCs und Mobiltelefonen im Besonderen geht die Nachfrage in der Branche laut jüngste Prognose von Lenovo zurück (bis 2023 um 6 %). Für die Hersteller von Speicherchips ist das derzeitige Umfeld trotz der Möglichkeiten, die sich durch fortschrittliche Angebote ergeben, äußerst schwierig.

Andererseits haben sich die Lagerbestände in den meisten Bereichen der Kette wieder auf ein vernünftiges Niveau normalisiert, und es wird ein deutlich besseres zweites Halbjahr erwartet. Für TSMC prognostizieren die Analysten ein besseres Jahr 2024, da die fortgeschrittenen Knoten (auf N3) hochgefahren werden und eine bessere Performance aus alten Knoten aufgrund der saisonalen Spitzen und des Bestandsaufbaus erwartet wird. Micron schlägt in eine ähnliche Kerbe mit der Aussage, dass die Talsohle bei den Umsätzen (für Speicher) hinter uns liegt und zugleich auf ein besseres kommendes zyklisches Umfeld hinweist.

Wir sind in den KI-bezogenen Bereichen Foundry, Speicher, Sensoren, Equipment, Package und Testing, Motherboards sowie Stromversorgung tätig. Bei jeder Schwäche und/oder im Laufe des Jahres werden wir wahrscheinlich unser Engagement in einem Sektor mit sich verbessernden zyklischen Aussichten in Verbindung mit einem anhaltend stark positiven säkularen Thema erhöhen, das sich für den breiteren EM-Index für einige Zeit als unterstützend erweisen könnte.

In nachhaltige Nahrung investieren

Wetterextreme und geopolitische Spannungen setzen der Agrarwirtschaft zu, Lösungen sind gefragt.

Raja Korinek. Die Entwicklungen in der globalen Landwirtschaft sorgen für Schlagzeilen. So lief etwa am 17. Juli das Getreideabkommen zwischen der Ukraine und Russland aus. Das Abkommen wurde vor rund einem Jahr unter Vermittlung der UNO sowie der Türkei ausgehandelt und war im Mai für zwei weitere Monate verlängert worden. Einer weiteren Verlängerung stimmte Russland vorerst nicht zu, sondern fordert zunächst Erleichterungen bei den Sanktionen für seine Dünge- und Lebensmittelexporte.

Weniger Getreide am Weltmarkt?
Weil Russland und die Ukraine zu den weltweit größten Exportländern für Getreide zählen, wächst die Sorge, dass die Getreidepreise erneut stark ansteigen könnten, wie etwa in jenem Zeitraum kurz vor Abschluss des Getreideabkommens.

Doch das sind nicht die einzigen Entwicklungen, die den Markt für Nahrungsmittel beeinflussen. Die Wetterextreme hinterlassen eben-falls Spuren. „Mit der Hitze kommt bekanntlich die Trockenheit, was insbesondere der Landwirtschaft enorme Probleme bereitet“, so Heiko Geiger, Zertifikateexperte bei der Bank Vontobel, gegenüber dem Börsen-Kurier. Die Folgen sind allein in Europa sichtbar: „Immer mehr Seen und Flüsse trocknen aus. Auch der Grundwasserspiegel, der für die Landwirtschaft von großer Bedeutung ist, sinkt. Dies lässt europäische Landwirte um ihre Ernten bangen und bereits jetzt sind erste Meldungen von Ernteausfällen bekannt geworden“, zeigt Geiger auf.

Neue Technologien als Chance
Der Lösungsansatz liegt für Geiger auf der Hand: „Um künftig den Wasserverbrauch zu senken und Pflanzen resistenter gegen Hitze zu machen, sind Landwirte auf die Nutzung neuer Technologien angewiesen.“ Ein Bereich, der von diesem Trend profitieren könnte, sei das „Smart Farming“. Es geht um die Digitalisierung in der Landwirtschaft – insbesondere die Automatisierung von Arbeitsabläufen, aber auch um den Einsatz künstlicher Intelligenz und maschinellen Lernens. Damit könne etwa erkannt werden, welche Pflanzen gedüngt und bewässert werden müssen, um einen effizienten Einsatz von Ressourcen zu ermöglichen.

Eine Möglichkeit, darauf zu setzen, bietet das „Vontobel Open End Smart Farming Index-Zertifikat“ (ISIN: DE000VA8HXD6). Der zugrundeliegende Index umfasst 34 Titel, wobei regional knapp mehr als die Hälfte auf Unternehmen aus den USA entfällt, gefolgt von Irland. Archer Daniels Midlands (US0394831020) aus den USA etwa transportiert, lagert und verarbeitet Agrargüter. Corteva (US22052L1044) – ebenfalls aus den USA – verkauft unter anderem Saatgut und Pflanzenschutzmittel. Smurfit Kappa Group (IE00B1RR8406) aus Irland produziert Verpackungsmaterial aus Karton. Schließlich ist die Haltbarkeit von Lebensmitteln ein ebenso wichtiger Aspekt.

Zusatzstoffe und Recycling als Schwerpunkte
Auch die Fondswelt bietet Anlegern Chancen, so etwa der „BNP Paribas Funds Smart Food Fund“ (LU1165137149). Auch darin nehmen die zwei genannten Regionen die höchsten Gewichtungen ein. Zu den größten Positionen zählt die Kerry Group (IE0004906560) aus Irland. Der Konzern stellt Nahrungsmitteln und Nahrungsmittelzusatzstoffen her. Darling Ingredients (US2372661015) recycelt Schlachtungsabfälle und verarbeitet sie unter anderem zu Fetten. Die deutsche Gea Group (DE0006602006) bietet Spezialmaschinen zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln an.

Trotz der langfristig Wachstumsaussichten sollten Anleger jedoch beachten, dass auch bei solchen Investments Verluste möglich sind.

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Schutz der Arten im Aufwind

Der Erhalt der Biodiversität rückt zunehmend in den Fokus – auch bei Anlegern.

Raja Korinek. Am 2. August war es wieder so weit: Da wurde der „Earth Overshoot Day“ für das Jahr 2023 erreicht. „An diesem Tag hat die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die das Ökosystem Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann“, erklärt DWS-Fondsmanager Paul Buchwitz gegenüber dem Börsen-Kurier.

„Dass die Menschheit derart viele ökologische Ressourcen verbraucht, als würde sie auf 1,75 Erden leben, ist dem steigenden globalen Verbrauch an natürlichen Ressourcen geschuldet, der sich seit 1970 mehr als verdreifacht hat“, sagt Buchwitz und verweist auf die Berechnungen der gemeinnützigen Organisation „Global Footprint Network“ aus den USA.

Die Organisation hebt auch die negativen Folgen für die Biodiversität hervor: So stirbt die Artenvielfalt allmählich aus. Denn ganze Waldflächen verschwinden aufgrund von Rodungen, die zunehmende Umweltverschmutzung setzt vielen Pflanzenarten zu. Und der Lebensraum für Tiere schrumpft.

Biodiversität: Ein Trend steht am Beginn
Verständlich, dass angesichts all solcher Entwicklungen die Biodiversität allmählich in den Fokus der nachhaltigen Investmentwelt in den Fokus rückt, wenngleich das Thema erst am Beginn eines langfristigen Trends stehen dürfte. „Das Thema Biodiversität rangiert bei vielen Anlegern noch weit unten auf deren Agenda. Das könnte sich jedoch bald ändern“, betont Joseph Sun, Senior Research Analyst bei AllianceBernstein. Schließlich ist der Erhalt aus ökologischer Sicht von immenser Bedeutung. Der Fokus auf die Artenvielfalt bietet Sun zufolge aber auch ein enormes wirtschaftliches Potenzial.

Der AllianceBernstein-Experte meint deshalb auch, dass für Anleger nun der richtige Zeitpunkt sei, sich mit Anlagechancen rund um das Thema Biodiversität zu befassen. „Die Finanzierungslücke und das Marktpotenzial sind beträchtlich.“ Schätzungen des Paulson Institutes zufolge braucht es jährlich zusätzlich mehr als 800 Mrd. USD (umgerechnet 726,38 Mrd. Euro), um den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten. „Bis 2030 könnten sich diese Summen auf rund 8 Bio. USD (7,26 Bio. Euro) belaufen“, so Sun.

Ein wichtiger Impuls dürfte seitens der Politik kommen, zeigt Walter Hatak, Head of Responsible Investments Erste Asset Management, auf: So werden neue gesetzliche Rahmenwerke wie das EU-Renaturierungsgesetz, die EU-Taxonomie oder die CSRD-Offenlegungspflicht, bei der es um die Veröffentlichung von Nachhaltigkeitsberichten geht, dazu beitragen, Investitionen in Produkte und Dienstleistungen zu unterstützen, die weniger Risiken für die Natur beinhalten.

Junge Anlageklasse
Auch Anleger können ihr Vermögen beisteuern, etwa mit einem Investment in entsprechende Fonds, die jedoch noch sehr neu sind. Der „HSBC World ESG Biodiversity Screened Equity UCITS ETF“ (ISIN: IE0002UTLE51) bildet etwa den „Euronext ESG Biodiversity Screened World Index“ ab. Regional sind die USA mit knapp 70 % am höchsten gewichtet, gefolgt von Japan und Großbritannien. Der Technologiesektor spielt dabei die gewichtigste Rolle, wie aber auch der Industriesektor und der zyklische Konsum. Größte Einzelpositionen sind Nvidia (US67066G1040), United Health (US91324P1021) und Visa (US92826C8394).

Im „UBAM – Biodiversity Restoration Fonds“ (LU2351037960) sind die USA ebenfalls am höchsten gewichtet, gefolgt von Frankreich und Kanada. Zudem entfällt rund die Hälfte des Vermögens auf Industriewerte, gefolgt vom Rohstoffsektor sowie dem Basiskonsum. Größte Einzeltitelgewichtungen sind Clean Harbors (US1844961078), Stantec (CA85472N1096) und Tetra Tech (US88162G1031).

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Das Pfand in der Hand

Covered Bonds werden von vielen Anlegern übersehen.

Harald Kolerus. Bei dem Begriff „Covered Bonds“ wird der eine oder andere Investor wohl passen müssen. Bekannter sind diese Instrumente unter dem hierzulande geläufigen Begriff „Pfandbriefe“. Allerdings: In sehr vielen Portfolios privater Anleger sind sie nicht zu finden. Bei institutionellen Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen sind sie hingegen viel präsenter, werden sie doch gerne an Stelle bzw. als Ergänzung von Staatsanleihen eingesetzt. Das passiert natürlich nicht ohne Grund, denn Covered Bonds gelten als besonders sicher.

Doppelter Schutz
Hintergrund: Ein Pfandbrief ist ein von einem Hypothekeninstitut oder einer Bank begebenes Schuldinstrument. Wer in europäische Pfandbriefe investiert, profitiert von einer doppelten Schutzvorrichtung. Erstens besteht umfassender Rechtsanspruch auf die Vermögenswerte des Emittenten, sollte dieser finanziell ins Wanken geraten. Das heißt: Wird der Emittent im schlimmsten Fall zahlungsunfähig, haben Inhaber von Pfandbriefen Gläubigerrechte am Vermögen. Der zweite Schutz umfasst einen bevorzugten Zugriff auf den Deckungsstock.

„Somit eignen sich Covered Bonds für institutionelle, aber auch konservative private Investoren“, weiß Henrik Stille, Anleihen-Fondsmanager und Spezialist für Pfandbriefe bei Nordea. Bei einem Kurzbesuch in Wien traf er den Börsen-Kurier zum Gespräch: „Sehr gut passen Covered Bonds in ein Multi-Asset-Portfolio, denn sie verhalten sich in ihrer Korrelation zu Aktien ähnlich wie Staatsanleihen, sind aber gleichzeitig für höhere Renditen gut. Dennoch ist dieses Instrument nicht überall sehr gut bekannt“, plauderte er aus der Schule.

Alter Däne
Dabei können Pfandbriefe auf eine sehr lange Historie verweisen. Die ersten stammen aus Dänemark und erblickten vor immerhin rund 200 Jahre das Licht der Anlage-Welt. In Deutschland, Frankreich und Spanien kamen sie zu Beginn der 1990er Jahre so richtig in Mode, der Markt florierte in Westeuropa bis zu Beginn der Finanzkrise 2008. Die damit verbundenen Erschütterungen führten zu einer Reihe neuer Regularien – von denen Pfandbriefe durch die Einführung der erwähnten besonderen Schutzmechanismen bis heute profitieren.

Experte Stille fügt hinzu: „Mit Blick auf die nächsten fünf Jahre sehe ich außerhalb Westeuropas das stärkste Wachstum des Marktes für Pfandbriefe. So ist man etwa in Ungarn oder Rumänien erst vor kurzem damit gestartet. Signifikantes Wachstum ist auch auf der anderen Seite der Welt zu erwarten, in Kanada, Neuseeland, Australien oder Japan.“

Aktive Fondslösungen
Aber wie kann man in Pfandbriefe im Rahmen eines breit gestreuten Portfolios investieren, sollte man an dem Instrument Gefallen finden?

Nordea bietet hier drei Publikums-Fondslösungen mit unterschiedlicher Durationsgestaltung an: Den „European Covered Bond Fund“ (ISIN: LU0076315455), den „Low Duration European Covered Bond Fund“ (LU1694212348) und den „European Covered Bond Opportunities Fund“ (LU1915690595). Erstgenannter ist der älteste im Bunde und besteht seit 2012, die Gesamtperformance beträgt seither in etwa 32 %.

Abschließend sagt Stille, dass man auch mittels ETFs in Pfandbriefe investieren kann, er empfiehlt diese passive Variante allerdings nicht: „Der Markt für Pfandbriefe ist in mehrfacher Hinsicht ineffizient: So zahlen Neuemittenten oft attraktive Prämien, um Anleger anzulocken, und Rating-Methoden werden den Geschäftsmodellen einzelner Emittenten nicht gerecht. Nur durch aktives Management kann man alle Möglichkeiten nutzen und die Performance steigern.“

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Potenzial im Fernen Osten

Aktien der Asien-Pazifik-Region mit Wachstumspotenzial dank Nachholbedarf und Lifestyle-Aufwertung.

(25.07.) Die Asien-Pazifik-Region erlebte in den vergangenen Monaten eine starke Dynamik. Vor allem die Wiedereröffnung in China war nach den langjährigen Zero-Covid-Maßnahmen ein wichtiger Treiber für die ganze Region. Aisa Ogoshi, Portfolio-Managerin des JPMorgan Funds – Pacific Equity Fund bei J.P. Morgan Asset Management, beobachtet allerdings, dass die Erholung zwar auf Kurs ist, aber etwas hinter den hohen Erwartungen hinterherhinkt: „Trotz des Nachholbedarfs im Konsum und einem starken Dienstleistungssektor zeigt sich vor allem das verarbeitende Gewerbe immer noch schwächer als erwartet“, so die Fondsmanagerin.

Als wichtigsten Indikator, den es zu beobachten gilt, sieht Ogoshi das Verbrauchervertrauen in China an, das sich noch immer von den langwierigen Lockdownphasen gebeutelt zeigt. Positive Signale senden aber beispielsweise die Inlandsreisen, die deutlich zugenommen haben und ebenso wie die Hotelbuchungen bereits über dem Niveau vor der Pandemie liegen. Die während der Lockdowns angewachsenen Ersparnisse der privaten Haushalte gepaart mit einem niedrigen Niveau neuer Haushaltskredite könnten auch zu einer schrittweisen neuen Aktivität im Wohnungssektor führen. „Viele mögen angesichts der kleinen Schritte enttäuscht sein, aber wir gehen davon aus, dass es sich hierbei um eine langwierige Erholung des Vertrauens handelt, die sich in den nächsten zwölf bis 24 Monaten entwickeln sollte. Auch sollte die Lockerung der Fiskalpolitik, die in China anders als im Rest der Welt bereits begonnen hat, das Wachstum weiter unterstützen, wobei die Unternehmensinvestitionen und der Immobiliensektor einen stärkeren Beitrag leisten sollten“, betont Aisa Ogoshi.

Japan vor dem Comeback
Da sie in ihrem Pacific Equity Fund die gesamte Asien-Pazifik-Region mit ihren aufstrebenden Volkswirtschaften und etablierten Industrienationen abdeckt, ist für die Fondsmanagerin auch Japan ein wichtiger Markt. „In Japan zeigt sich der post-pandemische Erholungseffekt ebenfalls erst langsam, aber wir erwarten im weiteren Jahresverlauf 2023 eine überdurchschnittliche Entwicklung“, führt Ogoshi aus. Damit können sie im Falle einer globalen Abkühlung ein gewisses Polster bieten. „Und während der US-Dollar gegenüber nahezu allen wichtigen Währungen weiterhin teuer ist, ist der Yen eine der billigsten Industrieländerwährungen, basierend auf einer Berechnung des realen effektiven Wechselkurses“, analysiert Ogoshi. Nicht zuletzt sei im Vergleich zu den restlichen Industrieländern die Inflation in Japan bislang kein großes Problem. Es sei vielmehr positiv zu werten, dass sich in den letzten 18 Monaten nach rund drei Jahrzehnten Deflation wieder Inflation zeige. Insgesamt böten japanische Aktien einen sehr guten Diversifikationseffekt zum restlichen Asien und ein Portfolio, das Japan beimischt, bessere risikobereinigte Ertragschancen.

China: Regulatorischer Überhang beseitigt
Größtes Untergewicht im Portfolio des Pacific Equity Fund ist aktuell China: „Wir haben aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahre unsere Investments in China hinterfragt und neu bewertet. Einige Positionen sind dabei reduziert worden – vor allem in solche Unternehmen, in denen weitere staatliche Eingriffe zu erwarten sind“, führt Aisa Ogoshi aus. Doch haben diese regulatorischen Eingriffe im Reich der Mitte laut der Fondsmanagerin auch einen positiven Effekt. „Es wurden viele regulatorische Überhänge beseitigt und die neue Regierung hat angekündigt, sich zukünftig auf wirtschaftliche Stabilität und Wachstum zu konzentrieren. Nicht zuletzt sind viele Unternehmen durch den regulatorischen Druck in den letzten drei Jahren kosteneffizienter und aktionärsfreundlicher geworden“, freut sich Aisa Ogoshi

Aufholpotenzial bei Tech-Unternehmen
Die Fondsmanagerin sieht vor allem bei Technologie-Investments trotz zuletzt stärkerer Einbußen Chancen: „Aufgrund der Stilrotation 2022 gab es bei vielen Aktien im IT-Sektor deutliche Kursverluste, allerdings unabhängig von den Fundamentaldaten der Unternehmen. Davon waren auch Qualitätsaktien etablierter Unternehmen mit starker Erfolgsbilanz und robusten Geschäftsergebnissen betroffen. Die Aktienkurse gingen allein aufgrund von Gewinnmitnahmen und dem veränderten Marktfokus zurück“, erklärt Ogoshi. „Wir glauben weiterhin, dass hochwertige Unternehmen mit führenden Marktpositionen und starken Bilanzen in der Lage sind, mit allen wirtschaftlichen Bedingungen fertig zu werden. Insbesondere bei hoher Inflation verfügen diese Unternehmen über eine gewisse Preissetzungsmacht, weshalb sie für dieses Umfeld besser gerüstet sind als andere Marktteilnehmer“, sagt Marktexpertin Ogoshi. Gleichwohl seien einige Sektoren aktuell aufgrund der Tech-Rally und der Euphorie rund um die künstliche Intelligenz überbewertet, sodass es sinnvoll sein kann, die Positionen anzupassen.

Langfristige Trends weiterhin intakt
Nach Einschätzung von Aisa Ogoshi haben die langfristigen strukturellen Trends in der Region weiterhin eine starke Dynamik. Von Themen wie Aufwertung des Lifestyles mit hochwertigeren Konsumgütern oder eine alternde Gesellschaft und damit ein höherer Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen profitieren zahlreiche lokal agierende Unternehmen. Der demographische Wandel und damit einhergehende Arbeitskräftemangel in den entwickelteren Märkten führt zudem zu neuen Entwicklungen im Segment der Robotics und Automatisierung. Unabhängig vom wirtschaftlichen Hintergrund werden auch Themen wie Digitalisierung und CO2-Reduktion vorangetrieben, die Investitionen in künstliche Intelligenz und Automatisierung und einen höheren Verbrauch von Halbleitern erfordern. „Viele der von uns gehaltenen Aktien aus dem IT-Sektor profitieren von diesen Trends. Wir sind uns der Zyklizität der Branche bewusst, sind aber auch von der Wirtschaftlichkeit und dem Fortbestand der Geschäftsmodelle überzeugt“, erklärt Ogoshi.

Untergewichtet im Portfolio bleiben Sektoren, die aufgrund zyklischer Schwankungen Rückschläge erzielen könnten, etwa Grundstoffe oder Energie. Der Gesundheitssektor steht dagegen weiterhin im Fokus, auch hat Aisa Ogoshi Finanztitel leicht übergewichtet. „Wir investieren sehr selektiv innerhalb der Sektoren, so in Banken in Ländern, die gute Wachstumsmöglichkeiten bieten, etwa in Indien und Indonesien. Die junge Bevölkerung lässt sich gut mit digitalen Bankingangeboten erreichen. Auch der Versicherungsbereich profitiert von steigendem Wohlstand in der Region, in der bislang häufig kaum soziale Absicherung vorhanden ist.

Bei unseren taktischen Neubewertungen fokussieren wir uns mehr denn je auf Qualität und haben neben der Wachstumsqualität der Unternehmen auch die Erfolgsbilanz der Unternehmensführung angesichts des komplexen Makroumfelds im Fokus“, führt die Portfolio-Managerin aus. Erfahrungsgemäß erzielen Unternehmen mit einer überdurchschnittlich guten Governance auch überdurchschnittliche Ergebnisse – auch die anderen beiden ESG-Faktoren werden bereits seit 2013 in der Unternehmensanalyse berücksichtigt.

Die Bewertung der asiatischen Märkte ist nach Analyse von Aisa Ogoshi nicht mehr ganz so zwingend wie noch vor einigen Monaten, aber im Vergleich zur eigenen Historie und vor allem im Vergleich zu anderen Investmentregionen der Welt immer noch günstig. So sei es weiterhin eine gute Einstiegsmöglichkeit für langfristige Investoren.

Der KI-Boom hat erst begonnen

Maschinelles Lernen wird zunehmend eingesetzt und sorgt für hohes Wachstum.

Raja Korinek. Die künstliche Intelligenz (KI) ist aus kaum noch einem Bereich wegzudenken. Für reichlich Schlagzeilen hatte etwa der Start des Chatbot ChatGPT gesorgt. Dies sei ein Beispiel dafür, dass die KI auch die Mitte der Gesellschaft erobere, konstatiert Bernhard Spittaler, Leiter Aktienfonds & Dachfonds bei der Schoellerbank Invest. Entwickelt wurde der Chatbot von der US-Stiftung Open AI, an der sich auch Microsoft (ISIN: US5949181045) beteiligt hat. ChatGPT kann dabei vielfältig eingesetzt werden, so etwa für die Erstellung von Texten.

Doch was ist die KI? Es geht um maschinelles Lernen anhand der Auswertung großer Datenmengen. Dabei soll die KI auch eigenständige Entscheidungen treffen und Prozesse unterstützen. So wird die KI in der Medizin eingesetzt, um anhand großer Datensätze Diagnosen rasch und präzise zu erstellen. „Der Einsatz generativer KI zur Entwicklung personalisierter Immuntherapien, von Proteinen und neuen Behandlungsmethoden für Krebs oder Alzheimer steht erst am Anfang“, ergänzt der CIO bei La Financière de l‘Echiquier, Olivier de Berranger.

Personalisierte Antworten
Auch bei Suchmaschinen kommt die KI zum Einsatz, um Ergebnisse und Werbeinhalte zu liefern. In der Cybersecurity soll sie etwa Muster schadhafter Software erkennen. Im digitalen Marketing könne wiederum die Werbung anhand von Nutzerverhalten genauer gestaltet werden, fügt Dave Egan, leitender Aktienanalyst bei Columbia Threadneedle, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier hinzu.

Das Potenzial durch die Anwendung von KI ist jedenfalls groß und könnte zu einem globalen BIP-Wachstum von jährlich gut 1 % über die kommenden zehn Jahre beitragen, so Egan. Zu solch einem Aufschwung tragen nicht nur Unternehmen bei, die KI integrieren. Weil damit der Bedarf an großen Rechenleistungen steigt, profitiert etwa auch der Halbleiterproduzent Nvidia (US67066G1040). Die Nachfrage nach Grafikprozessoren – wie sie Nvidia herstellt – ist hoch.

KI-Produkte: Breit investieren
Immerhin nimmt die Aktie auch die größte Position im „Xtrackers Artificial Intelligence & Big Data UCITS ETF“ (IE00BGV5VN51) ein. Überhaupt entfallen rund 85 % des Volumens auf die USA. So wird auch in große US-Tech-Konzerne investiert; aber auch in Südkorea: etwa in Samsung Electronics (KR7005930003) – wie auch in europäische Titel. „Insgesamt sind die für die KI-Welt relevantesten Unternehmen vor allem in zwei Bereichen angesiedelt: IT und Kommunikationsdienstleistungen, aus denen sich auch der zugrundeliegende Index zum Großteil zusammensetzt“, betont Frederike Bauer, Produktspezialistin bei DWS Xtrackers. Dieser ist der „Nasdaq Yewno Global Artificial Intelligence and Big Data Total Net Return Index“.

Neu ist das „Vontobel Artificial Intelligence Opportunity Indexzertifikat“ (DE000VU7H067). Es bildet den „Solactive Artificial Intelligence Performance-Index“ ab, der 40 Titel vor allem aus den USA umfasst. Dazu zählen Apple (US0378331005), Airbnb (US0090661010) und Crowdstrike (US22788C1053), das auf Cybersicherheit spezialisiert ist. Regional wird etwa auch in Japan sowie in China investiert, etwa mit Keyence (JP3236200006), das auf Automatisierungstechnik spezialisiert ist. Europäische Titel sind ebenfalls enthalten.

Anleger sollten aber nicht nur das Kurs- und Währungsrisiko beachten. Auch der Ruf nach einer Regulierung wächst. Dies könnte künftig Chancen einschränken.

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US-Aktienmarkt gut gewappnet für unruhigere Zeiten

S&P500 könnte von der Breite des Marktes und der Stärke der US-Konsumenten profitieren.

Patrick Baldia. 2023 war bislang ein sehr erfreuliches Jahr für die großen und breiten US-Benchmarks. So ist der S&P 500 seit Jahresbeginn um 18 % gestiegen, der techlastige Nasdaq sogar um 41 %. Die Inflation ist über diesen Zeitraum spürbar zurückgegangen. „Das sollte sich weiter fortsetzen, was auch ein absehbares Ende des US-Zinsanhebungszyklus bedeutet“, sagt Christian Hinterwallner, Head of Equity Research bei der Raiffeisen Bank International (RBI), im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Positiv sei, dass die Wirtschaft in den USA zwar abkühlen werde, eine Rezession aber allenfalls milde ausfallen sollte.

Anders als viele große Brokerhäuser, die aktuell pessimistisch für die Aktienmärkte eingestellt sind, bleiben die Analysten der RBI optimistisch. Hinterwallner begründet das neben dem erwarteten „Soft Landing“ der US-Wirtschaft und dem absehbaren Erreichen der Zinsspitze auch mit den Unternehmensgewinnen. Diese würden sich halten. Nach dem Rekordniveau in 2022 sollten sie heuer stagnieren, um 2024 wieder um rund 11 % zuzulegen. „Das zeigt, dass die Unternehmen die inflationsbedingten Kostenzuwächse an die Endkunden weitergeben können“, hält Hinterwallner fest.

„Knackige“ Bewertungen
Nachdem US-Growth-Aktien im Vorjahr wegen den Zinsanstiegen über Gebühr verloren haben, sind sie heuer sehr gut gelaufen. Allein die Top-5-Nasdaq-Titel, Amazon (ISIN: US0231351067), Apple (US 0378331005), Alphabet (A-Aktie: US02079K3059), Microsoft (US5949181045) und Nvidia (US67066G1040) haben Year-to-date im Mittelwert um mehr als 70 % zugelegt. „Auch der KI-Boom hat geholfen“, so Hinterwallner, um im selben Atemzug hinzuzufügen: „Die Bewertungen von US-Aktien kann man nach den jüngsten Kursanstiegen durchaus als ‚knackig‘ bezeichnen.“

Auch bei J.P. Morgan Asset Management sieht man den US-Aktienmarkt für unruhigere Zeiten „gut gewappnet“. Die Breite des Marktes und die Stärke der US-Konsumenten könnten den S&P 500 im Vergleich zu Europa etwas robuster dastehen lassen, meint Kapitalmarkstratege Tilmann Galler und verweist ebenfalls auf die wieder steigenden Gewinnerwartungen für die USA – auch bei „Big Tech“. Gleichzeitig warnt er allerdings auch vor zu optimistischen Gewinnerwartungen für die nächsten zwölf Monate.

Zwischenzeitliche Konsolidierung
Im Vorteil sieht man bei J.P. Morgan vor allem Qualitätsaktien. „Die Dividendenausschüttungen sollten stabil bleiben, da die Ausschüttungsquoten weiterhin auf einem relativ tiefen Niveau liegen“, so Galler. Günstig bewertete Unternehmen sieht er in den USA vor allem noch im Gesundheitswesen, aber auch bei Versicherungen oder einigen Finanzdienstleistern wie Kreditkartenunternehmen. Den Analysten der RBI gefallen in den USA aktuell unter anderem Amazon, Bank of America (US0605051046) und Walt Disney (US2546871060).

Auch wenn man sich bei der RBI optimistisch für die Aktienmärkte gibt, wurden die großen Aktienmärkte von „Kaufen“ auf „Halten“ herabgestuft. „Wir können uns im zweiten Halbjahr auch eine zwischenzeitliche Phase der Konsolidierung vorstellen“, so Hinterwallner, nur um darauf hinzuweisen, dass das ein guter Einstiegszeitpunkt sein könnte. Für den ATX lautet die Empfehlung im zweiten Halbjahr 2023 „Kaufen“. Der Hintergrund: Der hohe Bewertungs-Discount gegenüber den großen Indizes. Zwei interessante ATX-Titel sind laut Hinterwallner die OMV und die Erste Group.

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Ungewisses Aktienleben nach der Börse

Was passiert bei der Vererbung eines Wertpapiers eines nicht mehr börsennotierten Unternehmens?

Barbara Ottawa. Wenn ein Unternehmen nicht mehr an einer Börse notiert ist, kann es trotzdem sein, dass noch zuvor ausgegebene Wertpapiere in Umlauf sind. Ihr Wert hängt dann nicht mehr vom aktiven Handel an einer Börse ab. Was passiert, wenn solche Aktien vererbt werden? Der Börsen-Kurier hat nachgefragt.

Zunächst erläutert ein Sprecher der Wiener Börse, warum ein solcher Fall eher selten vorkommt: „Bei einem freiwilligen Rückzug von der Börse sieht das Börsegesetz ein Pflichtangebot der Hauptaktionäre vor. Bei einem Squeeze Out (also einem ‚Hinausdrängen‘, Anm.) bekommen die Aktionäre eine Abfindung, die vom Unternehmen festgelegt wird (siehe Gesellschafterausschlussgesetz), und deren Höhe in weiterer Folge gerichtlich überprüft werden kann.“ Sollten danach noch Aktien in Umlauf sein, besteht – so der Sprecher der Börse – „für das Unternehmen keine Verpflichtung, Aktien nach einem Delisting zurückzukaufen“.

Das gilt auch für Wertpapiere der Österreichischen Staatsdruckerei (ð HV-Bericht in dieser Ausgabe auf S. 13), die bis Mitte März 2020 an der Wiener Börse notiert war, dann aber an der Mindestgrenze von 2 % Streubesitz gescheitert ist. „Wir führen keinen Rückkauf durch“, bestätigte Thomas Pascher, Leiter Marketing und Kommunikationsmanagement der Staatsdruckerei GmbH. „Wir bieten in seltenen Fällen an, den Kontakt zu anderen interessierten Stellen herzustellen.“

Im Fall einer Vererbung ihrer Wertpapiere werde die Staatsdruckerei „üblicherweise vom rechtlich zuständigen Nachlassverwalter über die Vererbung einer solchen Aktie und über den neuen Eigentümer informiert“. Zur Bewertung könne er keine Auskunft geben, da dieser Sachverhalt „nicht in unseren Zuständigkeitsbereich als Unternehmen“ falle, so Pascher.

Versteckte Wertigkeit
Dass Fälle, in denen Aktien von nicht mehr börsennotierten Unternehmen vererbt werden, nur selten vorkommen, bestätigte gegenüber dem Börsen-Kurier auch Notar Stephan Verweijen. Er selbst hatte so einen Fall „bis dato einmal“. Aber ganz ausgeschlossen ist eine solche Konstellation eben nicht.

Verweijen beschreibt zwei Szenarien: Einerseits jenes der „unbedingten Erbantrittserklärung“, wo die Erben die volle Haftung übernehmen. Dabei müssen diese „selbst den Wert der Aktien angeben“. Dieser werde dann „(ungeprüft) in die Vermögenserklärung gemäß § 170 Außerstreitgesetz (AußStrG) aufgenommen“.

Wenn das Erbe nur bedingt angetreten wird, „wäre der Wert der Aktien gemäß § 167 Abs 1 AußStrG durch einen Sachverständigen zu ermitteln, sofern es keinen Börsenkurs gibt“.

Bei Unternehmen wie der C-Quadrat Investment AG, die bis Herbst 2018 an der Börse notiert war, kann ein Vererbungsfall nicht eintreten. Sprecherin Marie-Christine Fellner erläuterte dazu: „Sämtliche Anteile an C-Quadrat werden von juristischen Personen gehalten.“ Wo es Handlungs- bzw. Regelungsbedarf geben könnte, wäre, wenn „es bei einem Change of Control auf Aktionärsebene (aufgrund eines Todesfalls) zu einer Put-Option kommen würde“. Allerdings sei das bei C-Quadrat aufgrund der Gesellschafterstruktur „derzeit zumindest nicht bekannt“. Es kann also keine Verkaufsoption dadurch ausgelöst werden, dass sich in einer der Aktionärsstrukturen die Stimmrechtsausübung durch einen Todesfall ändert.

Wer also eine Aktie im Schrank der verstorbenen Großmutter findet, muss sich gut informieren, was diese wert ist bzw. wer sie kaufen möchte. Ähnliches gilt übrigens auch für Mitarbeiter von ehemals börsennotierten Firmen, die Aktien als Gehaltsteile oder Boni erhalten haben. Hier ist in Ermangelung eines Börsenkurses ebenfalls oft unklar, welchen aktuellen Wert die Papiere haben.

Scan: cmp

 

 

Pro Kunde deutlich höherer Verdienst

Österreichs Privatkundenbanken setzen Aufschwung fort

(17.07.) Europas Privatkundenbanken setzen ihren bereits 2021 eingeschlagenen Erholungskurs fort. Auch im vergangenen Jahr konnten sie ihren Umsatz deutlich steigern. Das zeigt der „Retail Banking Monitor 2023“ von Strategy&, der Strategieberatung von PwC. Sowohl das Einlagen- als auch das Kreditvolumen der europäischen Privatkundenbanken wuchsen demnach um durchschnittlich 4 Prozent, der Umsatz legte sogar um 8 Prozent zu. Begünstigt durch moderate Betriebskosten, die lediglich um 2 Prozent stiegen, verzeichneten die europäischen Privatkundenbanken so im Betriebsgewinn ein Plus von 18 Prozent. Wesentliche Treiber der positiven Zahlen sind insbesondere die steigenden Zinsen und dadurch steigende Margen sowie Effizienzgewinne durch Einsparprogramme und Digitalisierungsprojekte. Auch im internationalen Vergleich schneiden die europäischen Geldhäuser gut ab und setzen sich von ihren Wettbewerbern am US-amerikanischen (6 % Ertragswachstum) und australischen Markt (7 % Ertragsrückgang) ab.

Zweiteilung der Bankenlandschaft
Bei genauerer Betrachtung des europäischen Marktes zeigt sich: Vier von fünf Privatkundenbanken konnten ihre Gewinne in den vergangenen sechs Jahren durch die Umgestaltung ihrer Geschäfts- und Betriebsmodelle steigern. Höhere Gebühren und Provisionen sowie die Zinserhöhungen erwiesen sich dabei als maßgebliche Ertragstreiber. Zugleich befindet sich ein Fünftel der Privatkundenbanken in einer schlechteren Position als noch vor sechs Jahren. Gründe dafür sind vor allem spät gestartete (IT-)Transformationen sowie gestiegene Personalkosten.

„Die Rahmenbedingungen für die europäischen Privatkundenbanken sind so günstig wie lange nicht mehr. Die Institute sollten das aktuelle Zeitfenster der Zinserholung für die erforderliche Transformation im Vertrieb und im Angebotsportfolio nutzen“, sagt Hendrik Bremer, Partner bei Strategy& Österreich. „Die Pandemie hat den Wandel des Nutzerverhaltens dabei noch einmal deutlich beschleunigt, sodass Kundinnen und Kunden heute von ihren Banken eine reibungslose User Experience über alle Kanäle hinweg erwarten, so wie sie es etwa von Online-Shops gewohnt sind. Für Privatkundenbanken gilt es daher, viel aktiver mit ihrer Kundenbasis zu interagieren – über alle Kanäle hinweg und passend für alle Kundinnen und Kunden. Das bedeutet auch, dass Produkte verständlicher, einfacher und zugänglicher gestaltet werden müssen, weil der Kundenkontakt heute oft schon rein digital erfolgt.“

Der Kostendruck bleibt hoch
Während die Zinserhöhungen zunächst ein Margenwachstum ermöglichten, spüren Banken die Inflationseffekte mittlerweile in ihren eigenen Kosten wie auch im Wettbewerb um Einlagen und im rückläufigen Baufinanzierungsgeschäft. Bei einigen Instituten stagnieren erste Einsparprogramme. Andere Häuser setzen ihre Sparkurse erfolgreich fort, etwa indem sie ihr Filialnetz weiter reduzieren. Im europäischen Durchschnitt haben die Banken seit 2021 etwa 15 Prozent ihrer Filialen geschlossen, wobei die Einschnitte in den Niederlanden mit 40 Prozent am drastischsten sind. Österreich liegt mit einer Abnahme von knapp 10 Prozent im hinteren Feld. Getrieben wird dieser Trend auch vom Verhalten der Kund:innen, die immer öfter Online-Banking nutzen.

Durch die verschiedenen Einsparmaßnahmen konnten im vergangenen Jahr vier von zehn Privatkundenbanken ihre durchschnittlichen Kosten pro Kunde senken. Auf Ländersicht wirkt sich das unter anderem auf den durchschnittlichen Gewinn pro Kunde aus. Schweizer Institute liegen weiterhin mit 426 Euro Gewinn an der Spitze. Österreichische Privatkundenbanken können sich im Rang leicht verbessern und erzielen einen Gewinn von 292 Euro verglichen mit 229 Euro im Vorjahr – das entspricht einem Zuwachs von fast einem Drittel (28 %) – rutschen im Ländervergleich aber um eine Position ab.

„Für einen Großteil der Privatkundenbanken geht es aktuell beständig nach oben. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich zugleich viele neue Anbieter in Stellung bringen, etwa aus dem Big-Tech-Bereich oder der FinTech-Szene. Kurzfristig mögen deren Angebote und Services zu spitz erscheinen, um den traditionellen Banken gefährlich zu werden. Mittelfristig werden viele jedoch ihre Chance nutzen wollen, um ihren Marktanteil durch neue Services, Innovationen und Preiswettbewerb zu steigern“, ergänzt Andreas Pratz, Studienautor und Partner bei Strategy & Deutschland. „Um sich dafür zu wappnen, kann sich für Banken derzeit auch der Blick über den eigenen Tellerrand in Richtung FinTech-Kooperationen und strategischen M&A-Optionen lohnen. Wer die Chancen des aktuellen Umfelds klug und strategisch nutzt, kann sich einen zukünftigen Wettbewerbsvorteil schaffen.“

Die vollständigen Ergebnisse des „Retail Banking Monitor 2023“ erhalten Sie auf Anfrage oder unter: https://www.strategyand.pwc.com/de/en/industries/financial-services/retail-banking-monitor.html

Schwacher Einzelhandel weltweit

Egal ob Teuerung oder Abschwung als Ursache: Es wird weniger gekauft.

Michael Kordovsky. China ist bereits am Rande einer deflationären Kontraktionsspirale. Die Konsumenten halten sich aus Sorge vor der Zukunft vor größeren Ausgaben zurück. Die Produzentenpreise fielen in der Volksrepublik im Juni mit -5,4 % (Vorjahresvergleich) zum neunten Mal in Folge und die Jugendarbeitslosigkeit erreichte im Mai mit 20,8 % den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2018. Die Inflationsrate, die im Jänner 2023 noch bei 2,1 % lag, ist bis Juni auf 0 % zurückgegangen. Das ist der niedrigste Stand seit zwei Jahren. Aufgrund einer schwachen Nachfrage senkten chinesische Firmen ihre Preise im Juni so stark wie seit siebeneinhalb Jahren nicht mehr.

Obwohl eine Erholung von den einst strengen Covid-19-Lockdowns ein stärkeres Wachstum im chinesischen Einzelhandel zulassen würde, verlangsamte sich dort das Umsatzwachstum von April auf Mai von 18,4 auf 12,7 %. Je stärker die Preise im Einzelhandel fallen, desto größer ist die Zurückhaltung der Konsumenten, die ihr Geld nur noch für das Allernotwendigste ausgeben. Eine deflationäre Kontraktionsspirale ist dann eben die Folge.

Kontraktion im europäischen Einzelhandel
Wenn schon in der Leitwirtschaft China in puncto privatem Konsum einiges im Argen liegt, wie sieht es dann erst in Europa aus? Vom zweiten Quartal 2022 bis zum ersten Quartal 2023 hat sich das Wachstum der privaten Konsumausgaben in der Eurozone von 5,8 auf 0,8 % verlangsamt. Entsprechend sieht auch die Entwicklung der Absatzvolumina des Einzelhandels aus: Von Mai 2022 bis Mai 2023 sank der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex im Euroraum um 2,9 % (EU: -3,0 %). Bis dato verzeichnete das Absatzvolumen im Einzelhandel 2023 in jedem Monat im Vorjahresvergleich sowohl in der EU als auch im Euroraum einen Rückgang. Die hohe Inflation führt dazu, dass sich der Konsum nur noch auf das Wesentliche konzentriert. Nicht-Nahrungsmitteln (ohne Motorenkraftstoffe) waren im Euroraum in den Monaten April und Mai um 1,2 bzw. 2,1 % rückläufig, verglichen mit im Schnitt -0,8 % in den Monaten des ersten Quartals 2023.

Der während der Pandemie starke Versand- und Interneteinzelhandel erlebt noch gewisse Basiseffekte ausgehend von einem hohen Niveau und war in den Monaten März bis Mai 2023 im Vorjahresvergleich um jeweils 4,7 bzw. je 4,4 % (April und Mai) rückläufig. Etwas verlangsamt hat sich mittlerweile im Euroraum der Rückgang des Absatzvolumens bei Nahrungsmittel, Getränken und Tabakwaren – und zwar von -6,3 % im März auf -3,5 % im Mai 2023.

Mäßiger Konsum auch in den USA
Der reine Einzelhandel in den USA verzeichnete in den Monaten März bis Mai 2023 gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur noch ein Wachstum von 0,6 %. Die Konzentration auf die wesentlichen Ausgaben zeigt sich darin, dass im besagten Zeitraum der Umsatz von Möbelgeschäften und Elektronikgeschäften um jeweils 6,6 bzw. 6,4 % zurückging. Der Zuwachs im Hobby-, Musik-, Buch- und Freizeitbereich hält sich mit 1,1 % in Grenzen, während Modegeschäfte einen Umsatzrückgang um 1,4 % verzeichneten. Nahrungsmittel- und Getränkegeschäfte erzielten hingegen noch ein Umsatzplus von 3,8 %, und im Gesundheitsbereich waren es sogar 7,7 %. Per Saldo wuchsen in den USA die privaten realen Konsumausgaben in den Monaten April und Mai noch immer um je 2,2 bzw. 2,1 %.

Mit weiteren Leitzinsanhebungen trifft es einen sehr wichtigen Wirtschaftszweig in den USA. Autokredite werden noch teurer und die Anschaffung neuer Autos wird gedrosselt. In den Monaten März bis Mai ist der Bereich Motorfahrzeuge plus Ersatzteile noch um 1,5 % gewachsen (Vorjahresvergleich). Doch bald droht auch hier ein Rückgang.

Fazit
China befindet sich in einer Abwärtsspirale und in den USA und dem Euroraum beginnen die hohen Zinsen immer mehr zu wirken. Eine weitere Abschwächung des globalen Einzelhandels droht. Selbst eine hartnäckige Rezessionsphase ist nicht mehr ausgeschlossen.

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Die digitale Finanzindustrie im Tauchgang

Für FinTechs gestaltet sich die Investorensuche schwierig.

Roman Steinbauer. Konsolidieren statt Wachsen lautet das jüngste Dogma der Financial-Technology-Unternehmen. In der Disziplin der Kapital-Innovationen hinterließen das höhere Zinsniveau, die Inflation, Entlassungen, Abwertungen, aber auch Skandale ihre Spuren. Anbieter im Bereich der Krypto-Währungen stehen teilweise auch unter Druck. Eine Krise deutete sich seit geraumer Zeit an. Eine Marktanalyse der KPMG im Frühjahr ergab, dass die weltweiten Investitionen in FinTech-Gesellschaften im Jahr 2022 um mehr als 30 % von umgerechnet 213 auf 146 Milliarden Euro schrumpften. Der Abschwung beschleunigte sich besonders in der zweiten Jahreshälfte, in der nur noch 39 Milliarden Euro an Finanzierungen zur Verfügung standen. Für den deutschen Markt ermittelte der Unternehmensberater EY 2021 einen Zugang von 3,7 Milliarden Euro an Risikokapital, während im Vorjahr nur noch 1,3 Milliarden Euro generiert wurden.

Rationelle Erwartungshaltung ersetzt Euphorie
Die angeschlagene Marktlage führte bei Investoren zu einem Umdenken. Finanzierungsrunden mit extrem hohen Bewertungen gehören der Vergangenheit an. Im Kosmos der Fintechs haben sich (nicht börsennotierte) Vertreter wie die Online-Banken Solaris, Revolut, Nuri.com, Kontist, N26, der Neo-Broker Trade Republic, Robin Hood Financial oder Zahlungsanbieter wie SumUp oder Klarna (um einen Börsengang wurde es still, Anm.) vorerst etabliert.

Die Perspektiven für in den Startlöchern stehende Kandidaten verdunkeln sich hingegen. Geldgeber achten bei Start Ups nun sensibler auf eine nicht ausufernde Kostenseite. Wachstum genügt nicht, eine erkennbare Profitabilität rückt in den Vordergrund. Eugene Simuni, Fintech-Analyst des Marktforschers MoffettNathanson, äußerte im Juni gegenüber dem Finanzsender CNBC die Ansicht, wonach die Unternehmen bereits in die schwierigste Phase eingetreten seien. Der zyklische Gegenwind bleibe aber weiterhin bestehen. Simuni: „In der bitteren Zeit werden sich aber Langfristig-Gewinner herausbilden. Dabei kommt es spezifisch auf das Profil jedes Mitbewerbers, niedrige Kosten und auf eine stabile Finanzstruktur an.“ Viele kleinere Anbieter mit einem singulären Produktangebot würden aber nicht unabhängig überleben.

Gegenwind durch Aufsichtsbehörden
Eine zunehmende Skepsis von staatlicher Seite gegenüber der Branche war für die jüngste Entwicklung ebenso nicht förderlich. So publizierte bereits im September 2022 die Nachrichtenagentur Reuters eine Warnung des US-Bankenprüfers für Währungsgeschäfte, Michael Hsu, wonach das ausweitende Fintech-Geschäft systemische Risiken erhöhe. Die Komplexität und der destabilisierende Einfluss auf das Bankensystem steigen derart, dass Langfrist-Krisen ausgelöst werden könnten. Expandiere dieser Markt unreflektiert weiter, würden Störungen im Finanzsystem die Fehler offenlegen, die vorwiegend in der IT-Sicherheit lauern würden. Die Kundenstruktur und wo Bankgeschäfte enden und Technologe-Dienstleistungen beginnen würden, werde für Behörden dazu immer uneinsichtiger. Hsu prognostizierte als Folge Konzentrationsprozesse zwischen etablierten Finanzinstituten und digitalen Plattform-Anbietern: „Mit den fallenden Bewertungen und steigenden Finanzierungskosten werden die Partnerschaften zwischen Banken und Fintechs mehr werden.“

Nur eine Atempause
Vielgepriesene Vorteile der Produktangebote der FinTechs (einfacher, mobiler und nutzerfreundlicher Zugang) bleiben indes bestehen. Zudem ist die tägliche Nutzung der jeweiligen Plattformen im Alltag bereits vielen Millionen Anwendern geläufig. Die derzeitige Krise der Angreifer dürfte traditionellen Finanzdienstleistern wie Börsenbetreibern, Banken und Versicherungen daher bloß eine Atempause gönnen.

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Gebührenerhöhung um bis zu 82 % geplant

Auszüge aus dem WiEReG-Register der wirtschaftlichen Eigentümer sollen massiv teurer werden.

Andreas Dolezal. Laut Schnellschätzung der Statistik Austria beträgt die Inflationsrate für Juni 2023 voraussichtlich 8,0 %. Nach 9,0 % im Mai haben sich die hohen Preissteigerungen leicht abgeschwächt. Für den entgegengesetzten Trend sorgt aktuell das Finanzministerium mit einer geplanten Gebührenerhöhung um bis zu 82 %.

Im Rahmen der Geldwäsche-Prävention, also den Maßnahmen zur Verhinderung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, müssen zahlreiche Berufsgruppen die wirtschaftlichen Eigentümer ihrer Firmenkunden feststellen und überprüfen. Dazu verpflichtet sind Finanzdienstleister wie Banken, Versicherungen und Wertpapierfirmen, Anbieter von Krypto-Dienstleistungen, Freiberufler wie Rechtsanwälte, Notare und Steuerberater sowie Bilanzbuchhalter, Vermittler von Lebensversicherungen, Immobilienmakler und Händler bei Bartransaktionen von 10.000 Euro und mehr.

Die jeweilige gesetzliche Grundlage sieht dazu unter anderem vor, dass ein Auszug aus dem Register der wirtschaftlichen Eigentümer, kurz WiEReG-Register, einzuholen ist. Beim Begründen der Geschäftsbeziehung mit Rechtsträgern wie einer GmbH., OG, AG, einem Verein oder Privatstiftung ist ein erweiterter Auszug oder ein Compliance Package aus diesem Register einzuholen.

Während ein WiEReG-Auszug bei kleinen GmbHs, deren wirtschaftliche Eigentümer bereits im Firmenbuch ersichtlich sind, eine rein formelle Pflicht ist, stellt so ein Auszug bei komplexen Firmenkonstruktionen, börsennotierten Aktiengesellschaften und Privatstiftungen eine deutliche Erleichterung dar.

Zumal das österreichische WiEReG-Register hinsichtlich Vollständigkeit und Datenqualität europaweit führend ist. Verlassen dürfen sich Verpflichtete auf die enthaltenen Angaben (gemäß § 11 WiEReG) übrigens trotzdem nicht.

Große Kostensprünge
Aktuell betragen die Gebühren für einen erweiterten Auszug bei Einzelabfrage 3,60 Euro. Im Entwurf zur neuen WiEReG-Nutzungsentgelte-Verordnung sind dafür 5 Euro vorgesehen, eine Preiserhöhung um

39 %. Die meisten Verpflichteten buchen jedoch Kontingente von 50 bis 2.500 Abfragen, um die Kosten zu senken. Kosten 750 Abfragen derzeit noch 1.650 Euro, sollen dafür zukünftig 3.000 Euro bezahlt werden, was einer Gebührenerhöhung um satte 82 % entspricht.

In den Erläuterungen zum Verordnungsentwurf wird die massive Preissteigerung mit den erheblichen Funktionserweiterungen und Weiterentwicklungen des Registers begründet, die wiederum den Verpflichteten zugutekommen. Zu den Innovationen zählt unter anderem das Europäische System zur Vernetzung der Register der EU-Mitgliedsländer namens BORIS.

Dieses befindet sich allerdings erst im Aufbau, ist also unvollständig und derzeit nur von eingeschränktem Nutzen.

Wenig Nutzen
Von den Möglichkeiten zur steigenden Digitalisierung des Registers können Banken profitieren, kleine Wertpapierfirmen, Freiberufler und Gewerbetreibende jedoch kaum. Sie bezahlen diesen Aufwand, ohne davon etwas zu haben.

Bislang wurde der Ansatz verfolgt, dass die mit den zusätzlichen Services verbundene erhöhte Nutzung des Registers auch die damit verbundenen Kostensteigerungen ausgleicht. Dieser Effekt hat sich in der Praxis, trotz immer strengerer Pflichten zur Geldwäsche-Prävention und Kontrollen der Aufsichtsbehörden, nicht eingestellt. Daher sollen Verpflichtete künftig bis zu 82 % mehr für WiEReG-Auszüge bezahlen.

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Passiv Vermögen aufbauen

Börsengehandelte Indexfonds bieten inzwischen auch eine Vielfalt an Chancen.

Raja Korinek. Noch macht der Bereich einen relativ kleinen Teil der globalen Vermögensverwaltung aus: Doch die Welt der ETFs (Exchange Traded Funds) wächst. Bei solchen Produkten handelt es sich um börsengehandelte Fonds, die grundsätzlich einen Index abbilden, ohne dass ein Fondsmanager aktive Entscheidungen trifft. Das hat Vor-, aber natürlich auch Nachteile. Der passive Ansatz spiegelt sich jedenfalls in den Spesen wider. Die Gebühren sind bei ETFs meist günstiger als bei aktiv verwalteten Fonds.

Wie aber sieht die aktuelle Entwicklung tatsächlich aus? Allein im vergangenen Jahr erreichte das globale Volumen in ETFs knapp mehr als 9 Billionen USD (rund 8,2 Billionen Euro). Dies geht aus Zahlen des Branchendienstes ETFGI.com hervor. Im ersten Quartal 2023 legte das Volumen weiter zu. Noch im Jahr 2012 erreichte das Volumen lediglich 1,8 Billionen USD.

Der wachsende Trend trifft frei-lich auch auf Europa zu. Im Vorjahr waren gut 1,33 Billionen USD in jener Region in ETFs veranlagt, weit mehr als noch vor rund zehn Jahren. Den leichten Rückgang gegenüber dem Jahr 2021 führt Claus Hecher, Leiter ETF-Geschäft im deutschsprachigen Raum bei der BNP Paribas Asset Management, auf die gesunkenen Börsenkurse zurück. „Das Interesse an solchen Produkten ist hingegen anhaltend hoch“, sagt er zum Börsen-Kurier.

Ein breites Angebot
Den Strategien sind dabei keine Grenzen gesetzt. Begonnen habe es mit Aktien-ETFs, so Hecher. Inzwischen decken die Paletten auch Bondsmärkte ab. Selbst auf Alternative Investment-Strategien kann gesetzt werden. Dabei punkten ETFs vor allem bei Investments in jene Indizes, die sehr liquid sind und von Analysten besonders durchleuchtet werden. Damit sinken die Chancen für aktive Fondsmanager, auf unentdeckte „Perlen“ zu stoßen, um sich dadurch einen Mehrwert zu verschaffen. Anleger, die auf US-Aktien setzen wollen, können dies zum Beispiel mit dem „iShares MSCI ACWI UCITS ETF“ (ISIN: IE 00B6R52259). Die jährlichen Kosten liegen bei 0,2 %. Hinzu kommen – wie bei allen ETF-Käufen – die Handelsspesen an der Börse. Dafür aber gibt es keinen Ausgabeaufschlag, wie bei Investmentfonds.

Angesichts der weiteren relativ geringen Bondrenditen spielen ETFs auch bei Anleihen Stärken aus. Aufgrund der niedrigeren jährlichen Verwaltungskosten bleibt Anlegern unter dem Strich mehr übrig. Doch wo sehen Experten derzeit Chancen? Beim französischen Vermögensverwalter Amundi bevorzugt man nach wie vor eine Übergewichtung von Investment Grade-Unternehmensanleihen aus dem Euroraum, wie es heißt. Die Risiken für die europäische Wirtschaft seien begrenzt, die Fundamentaldaten der Unternehmen robust. Obendrein verweist man auf die steigenden Umsätze der Unternehmen sowie auf deren Kostenkontrolle. Eine Möglichkeit darauf zu setzen, bietet etwa der „UBS ETF (LU) Bloomberg MSCI Euro Area Liquid Corporates Sustainable UCITS ETF“ (LU1484799843).

KI als Nische
Auch auf zahlreiche Themen-ETFs kann längst gesetzt werden, so etwa aus der Welt der Nachhaltigkeit. Andere Themen, wie zum Beispiel die künstliche Intelligenz (KI), werden ebenfalls abgedeckt. Der zugrundeliegende Index des „Amundi MSCI Robotics & AI ESG Screened UCITS ETF“ (LU1861132840) setzt auf 147 Unternehmen unter anderem aus den Bereichen IT, Chipproduktion und Kommunikation. Größte Einzelgewichtung entfällt auf Nvida (US67066G1040), gefolgt von AMD (US0079031078) und Service Now (US81762P1021).

Anleger müssen jedoch beachten, dass bei all solchen Produkten Verluste möglich sind.

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Gewagte Suche nach höheren Anleihe-Renditen

Risikominderung durch die Wahl eines offensiven Investmentfonds.

Roman Steinbauer. Der stärkste Einbruch der Notizen im Universum der Anleihen dürfte hinter uns liegen. Dies signalisiert derzeit die Kurs-Graphik des maßgeblichen Euro-Bund-Future. Dieser Terminkontrakt, der sich auf eine fiktive, langfristige Anleihe der Bundesrepublik Deutschland mit einem Zinskupon von 6 % und einer Laufzeit von zehn Jahren bezieht, erfuhr binnen 18 Monaten eine Wert-Minderung, wie sie im neuen Jahrtausend noch nicht beobachtet wurde.

Durch die jüngste Serie an Zinsanhebungen der EZB büßte dieser (für den Rentenmarkt Europas relevante Parameter) während dieses Zeitraums (von 172 Punkten ausgehend) 22 % auf 133 Punkte ein. Seit März ließ der Abgabedruck weitgehend nach, da die Bondmärkte die angekündigte Liquiditätsstraffung vorwegnahmen. Un-terdessen erwarten Marktanalysten im Euro-Raum noch einige Zinsschritte, die aber absehbar ein geringeres Abwärtspotenzial in sich bergen.

Gefragte Resistenz
Staatsanleihen hoher Bonität wie jene Deutschlands mit einer Laufzeit von zehn Jahren werfen derzeit geradewegs 2,39 % p.a. an Rendite ab. Jene der Republik Österreich oder Frankreichs 2,97 %, die Vereinigten Staaten liefern 3,84 %, Italien 4,10 % ab – angesichts einer Inflation von aktuell 8 % bei uns ist das eine unbefriedigende Situation für Anleger. Dazu ist unter Marktbeobachtern fraglich, ob ein idealer Einstiegszeitpunkt für Investoren bereits gekommen ist. Wenn die Teuerungsraten auch derzeit zurückgehen, ist nicht absehbar, ob nicht noch eine zweite inflationäre Welle folgt – somit die Spitze des Aktionismus führender Notenbanken erreicht ist.

Abgesehen von Schuldscheinen von Staaten mit geringer Bonität bietet sich Anlegern des Weiteren die Möglichkeit, im Segment der Unternehmensanleihen (Corporate Bonds) zuzugreifen. Erkannte Wertpapiere mit verlockend hohen Renditen fallen aber oft in die Kategorie „Ramschanleihen“ oder „Junk Bonds“ – die Bezeichnung für Papiere jener Unternehmen, die sich in ernsten Liquiditätsschwierigkeiten befinden. Abseits davon lauern auch bei Zinsrenditen, die sich im hohen einstelligen Bereich bewegen, zumeist im Hintergrund (noch nicht offen liegende) Rest-Risiken.

Streuung durch Fonds
Nach Angaben der Federal Reserve Economic Data (FRED) verringerte sich die Spanne der Renditen (Credit Spreads) zwischen US-Unternehmensanleihen mit einer Mindestbonität von Baa (Moody‘s) zu 10-jährigern US-Staatsanleihen zuletzt auf 192 Punkte.

Dennoch ist damit mit Corporate Bonds mit einem höheren Rückfluss von nahezu 2 % pro Jahr über einen längeren Zeitraum ein beträchtlicher Mehrwert zu erzielen. Mit entsprechenden Fonds ist eine Partizipation daran möglich und zugleich eine Streuung des Risikos gegeben.

Als Beispiel sei der ausschüttende „Uninstitutional German Corporate Bonds Fonds“ (ISIN: LU0847345435) der Union Investment Luxembourg genannt. 75 % des Kapitals sind aktuell in deutsche, knapp 24 % in Unternehmen weiterer europäischer Staaten investiert. Als konservative Variante bietet als Emittent BlackRock den „iShares iBoxx $ Investment Grade Corporate Bond-ETF“ (US4642872422) an, der wiederum US-Unternehmensanleihen auf Investment-Grade-Niveau berücksichtigt. Der Investmentfonds ist derzeit in Papiere von 2.632 Gesellschaften investiert. Als offensive Stufe, auf Junk Bonds abzielend, offeriert BlachRock darüber hinaus den „iShares iBoxx $ High Yield Corporate Bond ETF“ (US 4642885135), der weltweit 85 % der Liquidität eingesetzt hat und derzeit einen Cash-Bestand von 15 % aufweist.

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Anzeichen einer wirtschaftlichen Schwäche

Guy Wagner von Banque de Luxembourg Investments über die Lage in China und in Europa.

(04.07.) Während die Konjunktur in den USA weiterhin robust erscheint, mehren sich die Anzeichen für eine Schwäche in Europa und China. Dies schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.

In den USA profitiert die Wirtschaft von einem weiterhin robusten Inlandsverbrauch, der den Dienstleistungssektor auf Wachstumskurs hält. Sogar die Aufträge für Investitionsgüter haben sich in letzter Zeit verbessert, obwohl die meisten Indikatoren betreffend der Aktivität des verarbeitenden Gewerbes einen Abwärtstrend aufweisen. „In der Eurozone scheint sich die Schwäche jedoch auszubreiten, da sich der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex im Juni der 50er-Marke näherte, die zwischen Expansion und Kontraktion unterscheidet, was auf einen größeren Schwächeanfall im Dienstleistungssektor zurückzuführen ist“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. In China verliert die Aufholdynamik, die mit der Wiedereröffnung der Wirtschaft zu Beginn des Jahres einherging, an Schwung, was den Premierminister bereits dazu veranlasst hat, die Erreichung des jährlichen BIP-Wachstumsziels von fünf Prozent zu bekräftigen. „Insgesamt setzte sich die Verlangsamung der Weltkonjunktur fort, angetrieben durch die Straffung der monetären Bedingungen durch die Zentralbanken.“

EZB wird Leitzinsen im Juli vermutlich um weitere 25 Basispunkte anheben
Wie bereits angekündigt, legte die US-Notenbank im Juni eine Pause in ihrem geldpolitischen Straffungszyklus ein. In der zweiten Monatshälfte deutete der Vorsitzende Jerome Powell jedoch eine baldige Wiederaufnahme der Straffung an und wollte die Möglichkeit aufeinanderfolgender Zinserhöhungen bei den kommenden Sitzungen nicht ausschließen. In Europa hob die Europäische Zentralbank ihre wichtigsten Leitzinsen im Juni um 25 Basispunkte an, womit der Refinanzierungssatz auf vier Prozent anstieg. Die Vorsitzende Christine Lagarde äußerte sich sehr deutlich über die kommende Sitzung im Juli, wobei eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte bereits so gut wie beschlossene Sache zu sein scheint.

Endfälligkeitsrenditen von Staatsanleihen erhöhten sich leicht
Die Endfälligkeitsrenditen von Staatsanleihen erhöhten sich leicht, da die Zentralbanken eine weitere Straffung der Geldpolitik in Aussicht stellten. So stieg der der zehnjährige Referenzzinssatz in den USA, Deutschland, Frankreich und Spanien leicht an, während er in Italien nahezu gleichblieb.

Nasdaq-Index verzeichnet beste erste Jahreshälfte seit 40 Jahren
„Getragen vom Technologiesektor im Besonderen und von Wachstumswerten im Allgemeinen beendeten die globalen Börsen das erste Halbjahr 2023 sehr positiv“, unterstreicht der luxemburgische Ökonom. „Der Nasdaq-Index stieg seit Anfang Januar um 29,7 Prozent und verzeichnete damit die beste erste Jahreshälfte seit 1983.“ Im Juni bescherten die Einigung zwischen Republikanern und Demokraten über die Anhebung der Schuldenobergrenze in den USA, die Begeisterung für das Thema künstliche Intelligenz und die Widerstandsfähigkeit der US-Verbraucher, die die Rezessionserwartungen zurückdrängte, den meisten Aktienindizes solide Gewinne. „Auf Sektorenebene legten der zyklische Konsum, die Industrie und die Grundstoffe am stärksten zu, während Versorger, Kommunikationsdienste, Gesundheit und Basiskonsum kaum an den steigenden Märkten beteiligt waren“, sagt Guy Wagner abschließend.

„Regierung beschließt digitale Diskriminierung“

Der Interessenverband für Anleger kritisiert die Beschneidung der Aktionärsrechte massiv.

IVA. Mit dem Virtuellen Gesellschafterversammlungen Gesetz (kurz: VirtGesG) können Börsengesellschaften ihre Aktionärstreffen nur noch virtuell abhalten. Dagegen wehrt sich der IVA – Interessenverband für Anleger unverdrossen. „Mit vorgeblicher Modernität schafft man ein für Missbrauch anfälliges Recht fern jeglicher Praxis,“ kritisiert IVA-Vorstand Florian Beckermann, „ältere Menschen sollen zwangsdigitalisiert werden oder andernfalls ihre Eigentumsrechte nicht mehr vertreten können: Aktiensparer, Pech gehabt! Das rein virtuelle Format hat ausschließlich negative Effekte auf Transparenz und die lebendige, gewachsene Kultur des jährlichen Aktionärstreffens.“

Die virtuelle Hauptversammlung sollte einer pandemischen Ausnahme-Situation vorbehalten sein, was durch das bestehende hybride Format rechtlich möglich ist.

Gegen die Stimmen und Argumente der Opposition hatte das umstrittene Gesetz letzten Mittwoch den Justizausschuss passiert und kommt diese Woche in den Nationalrat.

Das VirtGesG soll ohne Rücksicht durchgepeitscht werden. Die Zeche zahlt der österreichische Kleinanleger, kritische Fragen von Kleinaktionären sind ab sofort politisch unerwünscht.

Dabei stößt insbesondere die Beliebigkeit von Schwarz-Grün auf Kritik: Während der Staatssekretär für Digitalisierung Florian Tursky die „Inklusion“ im Austrian Digital Act betont, geschieht beim VirtGesG mit dem Segen seiner Partei genau das Gegenteil. Die Interessen der heimischen Aktiensparer, viele gehören einer älteren und weniger IT-affinen Generation an, werden schlicht missachtet. Die verantwortliche Justizministerin Alma Zadic setzt sich bei jeder Gelegenheit für Minderheitenrechte ein, geht es aber um Aktionärsminderheiten, stellt sie sich taub und beugt sich lieber den Wünschen der Industrie und deren Machtinteressen.

Der bis zuletzt diskutierte „Minderheitenschutz“ beim neuen Gesetz geht völlig an der Realität vorbei. Beispiel: Es bräuchte bei der Erste Group Bank AG ein Kapital von rund 700 Millionen Euro samt gerichtlicher Hinterlegungsnotwendigkeit, um für das Folgejahr eine Präsenzhauptversammlung zu beantragen – absurd, unrealistisch und im Ergebnis eine Verhöhnung der österreichischen Aktiensparer.

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Alle Straßen führen zum Ziel

Lombard Odier spricht sich für flexibles Investieren aus.

Harald Kolerus. „Ich weiß nicht, wo ich hinwill. Dafür bin ich aber schneller dort!“, so heißt es in einem Klassiker der österreichische Liedkultur. Anleger haben hingegen immer ein klares Ziel: Eine hohe und wenn möglich stabile Rendite. Wie man dorthin kommt, darüber gibt es wiederum verschiedene Ansichten. Für Alain Forclaz, Portfoliomanager der „All Roads-Strategie“ von Lombard Odier Investment Managers (kurz LOIM), ist der Weg aber klar: er führt über ein Maximum an Flexibilität.

Sicherer Fahrstil
Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier greift er zu einem einprägsamen Vergleich: „Fonds mit einer fixen gemischten Portfolioaufteilung von z.B. 60 % Aktien und 40 % Anleihen fahren immer mit 100 km/h. ‚All Roads‘ bedeutet hingegen den Stil an die jeweiligen Verhältnisse anzupassen, auf kurvigen Straßen oder bei Schlechtwetter etwa 30 km/h und auf Autobahnen 100 km fahren zu können.“ Ans Ziel würde wohl jede der beiden Strategien führen, mit dem „All Roads“ gestalte sich die Reise aber bequemer, kontrollierter und sicherer. „Letztlich wollen wir natürlich auch, dass unsere Rendite besser ausfällt, dass wir in diesem Sinne schneller unterwegs sind“, so der Experte.

Konkret handelt es sich bei „All Roads“ also um eine sehr flexible Multi-Asset-Strategie, die „Long Only“ investiert und vier Fonds unterschiedlicher Risikoabstimmung (z. B. den „LO Funds – All Roads (EUR)“; ISIN: LU0718509606) mit einem Volumen von insgesamt 4,5 Milliarden Euro umfasst. Weiters handelt es sich um Artikel-8-Produkte, es gibt Ausschlüsse von Tabak, Waffen etc.; ESG-Unternehmen sind übergewichtet.

Schwierige Piste
Wobei Forclaz zum Hintergrund erklärt, dass die Ausgangslage für Investoren in nicht ferner Vergangenheit recht einfach war, Inflation spielte keine Rolle, die Aktienbörsen kannten praktisch nur eine Richtung: nach oben. Das waren gute Zeiten für passive Investmentformen (z. B. ETFs) oder auch unflexible Portfolios. Jetzt haben sich die „Straßenverhältnisse“ allerdings stark verändert, die Piste ist härter geworden. Der Investmentprofi sagt: „Starre Multi-Asset-Aufteilungen wie etwa 60/40 haben bereits 2022 versagt. Und in Zukunft wird die Situation nicht einfacher, die kommenden zehn Jahre könnten sich deutlich von den vergangenen zehn Jahren unterscheiden. Die Märkte sind von hoher Volatilität und steigender Unsicherheit geprägt. Man fragt sich: Gibt es ein Soft- oder Hard-Landing der Wirtschaft, wie geht es mit der Inflation weiter etc.?“ Flexibilität, Diversifikation und aktives Management seien somit also angesagt. All das erreicht „All Road“ hauptsächlich mit Investments in große Indizes, denn Liquidität ist eine Bedingung für das Aufgehen einer Strategie, deren Portfoliozusammensetzung sich an die aktuellen Marktbedingungen schnell (es erfolgt tägliches Rebalancing) anpasst. Z. B. kann Volatilität als eigene Asset-Klasse angesehen werden. Eine Anlagemöglichkeit bietet hier der VIX (Vola-Index auf Basis des S&P500). Eine große Position bildet der „iTraxx European Crossover Credit Index“, der rund 200 europäische Unternehmensemittenten umfasst.

Stetige Performance
Ein Beispiel für die weiten Möglichkeiten des Portfoliomanagements bietet ein Blick auf das vergangene Jahr: Der „All Roads-Fonds“ mittlerer Risikoklasse war zu 75 % in Cash investiert, keine schlechte Entscheidung als Aktien crashten. Denn erklärtes Ziel ist es, Drawdowns (also Marktabschwünge) tunlichst zu vermeiden. Stattdessen wird eine stetige Performance mit einer Rendite angestrebt, die bei 3 bis 5 % über dem Geldmarkt liegt – unabhängig von Marktzyklen.

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Bargeldland Österreich auf den Barrikaden

EU-Kommission und EZB sprechen sich für „digitalen Euro“ aus.

Rudolf Preyer. In Europa und anderen Teilen der Welt werde „immer seltener bar bezahlt“, schrieben Vizekommissionspräsident Valdis Dombrovskis und EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta Mitte vergangener Woche in Gastbeiträgen in mehreren europäischen Zeitungen. Ergo: „Auf dem Weg zu einer wahrhaft digitalen Wirtschaft ist die Anpassung des Bargelds an das digitale Zeitalter der nächste logische Schritt.“ Die EU-Kommission und die EZB propagieren jetzt also einen „digitalen Euro“, der schon in wenigen Jahren eine Zahlungsmöglichkeit neben Bargeld sein soll.

Konkret: Sollten die EU-Staaten und das Europaparlament den Plänen zustimmen – Änderungen zur aktuellen Vorlage sind jedenfalls zu erwarten -, könnte die digitale Gemeinschaftswährung im Euro-Raum voraussichtlich ab 2027 verfügbar sein – 25 Jahre nach Einführung des Euro-Bargelds.

„Vereinfachung für den Konsumenten“
Der digitale Euro soll dort zum Einsatz kommen, wo Bargeld nicht verwendet werden kann und andere Zahlungsmittel zu kompliziert bzw. zu teuer sind, hebt Petia Niederländer, Direktorin der Österreichischen Nationalbank (OeNB), hervor. Der digitale Euro könne auf einem elektronischen Wallet, etwa einem Smartphone, oder auf einer Karte gespeichert sein. Laut Martin Summer, Leiter des Referats Forschung der OeNB, werde die Nutzung des digitalen Geldes für Konsumenten kostenlos sein. Oberstes Ziel: Einkäufe sollen einfacher abgewickelt werden können. Damit habe man ein Konkurrenzprodukt zu Kreditkarten und Zahlungssystemen wie Paypal und Klarna – allerdings soll das digitale Geld „noch sicherer“ (und eben: günstiger) sein. Das System werde nur im Euroraum funktionieren und es werde für die Konsumenten eine Obergrenze für das Geld geben, das in der Wallet gespeichert werden kann, so die OeNB.

Wichtig sei, dass der digitale Euro sowohl online als auch offline genutzt werden könne. Zahlungen sollen somit auch von Gerät zu Gerät, ohne Internetverbindung, möglich sein.

Bei Offlinezahlungen würden Nutzer weniger persönliche Daten preisgeben als sie es heute etwa bei Kartenzahlungen tun. „Niemand wäre in der Lage, zu sehen, wofür die Menschen bezahlen, wenn sie den digitalen Euro offline verwenden“, so wiederum die Kommission.

Hitzige Debatte
Die Bargeldzahlung in Frage zu stellen, kommt hierzulande praktisch einem Sakrileg gleich. Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) versicherte daher umgehend: „Das Bargeld muss bleiben und wird auch bleiben.“ Ob Cash verfassungsmäßig geschützt werden solle – wie vielerorts gefordert? „Das sollen sich Verfassungsexperten anschauen“, so Brunner. Das Volksbegehren „Für uneingeschränkte Bargeldzahlung“ haben zuletzt mehr als 530.000 Österreicher unterschrieben.

WKO-Obmann Bank und Versicherung Willi Cernko zeigte sich „grundsätzlich aufgeschlossen“, für ihn seien aber „noch viele Fragen offen“. Die Sicherheit sowie der Schutz der Privatsphäre seien die zentralen Anforderungen an das Projekt. Der EZB-Rat wird im Oktober beschließen, ob das Projekt überhaupt umgesetzt wird.

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Gute Stimmung nach starkem Jahr

Live aus der HV der Oekostrom AG: Starke Verbundenheit und großes Aktionärsinteresse.

Unter den heimischen Aktiengesellschaften zählt die Oekostrom AG zu den „Ausnahmeerscheinungen“: nicht börsenotiert, großer Streubesitz. Als „Bürgerbeteiligungsgesellschaft“ versteht sich die Oekostrom denn auch, und das war bei der jüngsten Hauptversammlung deutlich zu spüren. Mehr als hundert persönlich erschienene Aktionäre, unter ihnen auch viele Mitarbeiter des Unternehmens, zeugten von einem Interesse, das auch wesentlich größeren Gesellschaften gut zu Gesicht stehen würde. Dass dennoch nur rund 23 % des Grundkapitals im Wiener „Tech Gate“ vertreten waren, liegt wohl daran, dass es eben keine Großaktionäre und damit auch niemanden gibt, der die alleinige Kontrolle über die AG besitzt.

Als Hauptversammlungsbesucher bekommt man hier das Gefühl, dass sich die Aktionäre mehr als in anderen AGs mit dem Unternehmen verbunden fühlen. Mit dazu beitragen dürften auch die Begeisterung und das Engagement, die vom Vorstandsteam Hildegard Aichberger und Ulrich Streibl durchaus glaubwürdig hinübergebracht werden. Vielleicht ein paar Mal zu oft sagte Streibl „es geht uns gut“ oder „die Oekostrom steht super da“, auch wenn das vergangene Jahr tatsächlich sehr gut verlief und mehrere Höhepunkte aufwies. Und vielleicht waren manche Antworten auf Aktionärsfragen ein bisschen zu schwammig. Der guten Stimmung tat das aber keinen Abbruch, die weitgehende Zufriedenheit der Anwesenden setzte sich auch in der Generaldebatte und bei den Beschlussfassungen fort.

Ein Jahr mit vielen Highlights
Mit mehr als 10 Millionen Euro konnte die Oekostrom im vergangenen Jahr ihr Konzernergebnis vervielfachen, nachdem bereits 2021 ein neuer Rekord erzielt worden war. Und das, obwohl 2022 „energiewirtschaftlich wohl das herausforderndste Jahr seit der Energiekrise der 1970er-Jahre“ gewesen ist, wie der Vorstand im Vorwort zum Geschäftsbericht schreibt. Aber, so Streibl: „Wir haben mehr richtig gemacht als falsch.“ Nebeneffekt des guten Ergebnisses: die alten Verlustvorträge aus der Zeit vor 2010 sind nun aufgebraucht, die Steuerquote wird in den nächsten Jahren steigen.

Vor allem hatte das Vorjahr aber eine Vielzahl von Höhepunkten für die Oekostrom zu bieten. Mit der Akquisition der „MeinAlpenStrom GmbH“ stieg die Kundenzahl um rund 14.000 auf nunmehr fast 100.000. Das erst vor kurzem fertiggestellte Repowering-Projekt des Windparks Parndorf oder die Übernahme von drei Photovoltaik-Projekten in der Slowakei haben zum weiteren Anstieg der Produktionskapazität geführt. Und die Kapitalerhöhung im Sommer des Vorjahres hat innerhalb von zehn Tagen 12,6 Millionen Euro in die Firmenkasse gespült. Genug Geld, um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen: Noch vor 2030 will Oekostrom eine Kapazität von 100 MW erreichen – derzeit sind es 78 MW. Aber nicht nur finanziell spiele man nun in einer anderen Liga, wie Aufsichtsratsvorsitzende Astrid Kiener betonte. Denn bei der Kapitalerhöhung konnten auch 860 neue Aktionäre gewonnen werden.

40 Cent Dividende
Aktionärsfragen drehten sich unter anderem um den großen Cashbestand (Streibl: „Wir veranlagen sehr konservativ“), den geplanten Relaunch der Aktien-Handelsplattform (Aichberger: „Das wird ein toller Auftritt“) oder eine Abschreibung von Finanzanlagen, die laut Streibl auf die MeinAlpenStrom zurückzuführen war, die im ersten Jahr ein erwartet schwaches Ergebnis geliefert habe.

Zur Frage eines Anteilsinhabers, welche Pläne die Oekostrom bei der Stromspeicherung verfolgt, versprach Aichberger, „im nächsten Jahr“ eine Antwort geben zu können. Und zur Anlagenwartung war zu erfahren, dass diese hauptsächlich durch Spezialfirmen oder die Hersteller der Anlagen erfolgt. Bei E-Mobilität und bidirektionalem Laden werde man „in nächster Zeit entscheiden, wie wir in diesem Bereich tätig werden“, so Aichberger. Und was das 45-Jahr-Jubiläum der Zwentendorf-Abstimmung (Ablehnung der Atomkraft für Österreich) betrifft, betonte Aichberger das gesellschaftspolitische Engagement des Unternehmens: „Wir werden präsent sein.“

Zu den Tagesordnungspunkten zählten die Umfirmierung auf „oekostrom AG energy group“, die Streichung der Ausstellung von Sammelurkunden für Namensaktien (geplant sei eine Digitalisierung des Unternehmens auch in diesem Bereich), die Wiederwahl der Aufsichtsrätinnen Astrid Kiener und Barbara Liebich-Steiner sowie die Ausschüttung einer Dividende von 40 Cent je Aktie in Form einer KESt-freien Einlagenrückzahlung, wobei die Zustimmung fast durchwegs mehr als 99 % betrug.

Foto: Thomas Kirschner

 

 

Nicht ohne meine Tochter

Die Töchterkonzerne sorgen für Resilienz und Zukunftsperspektiven.

Christian Sec. Ohne Nachwuchs keine Zukunft. Das gilt für Familien sowie für Konzerne gleichermaßen. Und weil dies so existenziell ist, ist es auch nicht verwunderlich, dass die Unternehmen gerne Töchter in die Familie integrieren, egal ob aus eigener Brut oder durch Adoption bzw. Zukauf. So lag beispielsweise 2020 die Anzahl von Auslandstöchter inländischer Unternehmen bei 6.731 und damit um fast 12 % höher als noch ein Jahr zuvor. Allein die Voestalpine zählt rund 500 Konzerngesellschaften. Bei Wienerberger sind es rund 170 Gesellschaften, die im Konzernabschluss des Mutterunternehmens 2022 einbezogen wurden. Von 136 auf 123 hat sich 2022 die Zahl der konsolidierten Unternehmen bei der OMV verringert – davon waren 88 Gesellschaften mit Sitz und Betrieb im Ausland. Voraussetzung für ein Unternehmen, um den Status einer Tochter zu erhalten ist, dass ein Mutterunternehmen beherrschenden Einfluss auf das Tochterunternehmen ausüben kann, was meist mit einer Eigentumsmehrheit verbunden ist.

Neue Wege
Neben anderen Gründen sorgen Töchter einerseits dafür, dass sie neue zukunftsträchtige Geschäftszweige für das Unternehmen eröffnen, und andererseits dafür, das traditionelle Geschäftsmodell auf andere Regionen auszuweiten.

Dies zeigt das Beispiel der OMV: Durch die Energiewende verlieren Treibstoffe an Bedeutung, daher stockte der Konzern vor drei Jahren seine Anteile am Chemiekonzern Borealis von 36 auf 75 % auf. Neben einer Tochter, die die Neuorientierung des Konzerns symbolisiert, besitzt der Ölkonzern seit 2004 mit 51 % die Mehrheit am rumänischen Öl- und Gasversorger Petrom (mittlerweile OMV Petrom), dem größten Energieunternehmen Südosteuropas.

Kürzlich erklärte die rumänische OMV-Tochter, dass sie in einer 50-zu-50-Partnerschaft mit dem staatlichen Erdölunternehmen Romgaz in ein bis zu 4-Milliarden-Euro-Gasexplorationsprojekt im Schwarzen Meer investieren wird. Das Potenzial des Gasfeldes schätzt OMV Petrom auf insgesamt 100 Mrd Kubikmeter. Das erste Gas soll dabei 2027 fließen und damit die Position der OMV-Gruppe in der Schwarzmeer-Region und in Südosteuropa stärken.

Die Mayr-Melnhof Gruppe (MM) bringt es laut Konzernbericht 2022 auf 110 konsolidierte Unternehmen, wobei 60 der verbundenen Unternehmen in der Eurozone liegen. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen den britischen Verpackungsspezialisten Essentra mitsamt seinen Produktionsstandorten in Europa und dem US-Festland und Puerto Rico um rund 410 Millionen Euro gekauft. Mit dieser Tochter will MM neue Pfade beschreiten, sich als globalen Player im Bereich Pharma-Sekundärverpackungen positionieren und gleichzeitig seine Position in den USA stärken.

Marktführer durch Töchter
Wienerberger konnte mit einer neuen US-Tochter sein USA-Geschäft verdoppeln. Mit dem Kauf von Meridian Bricks aus Georgia vor zwei Jahren wurde der Wiener Ziegelhersteller laut eigenen Angaben zum führenden Anbieter von Fassadenlösungen in Nordamerika.

Die Vienna Insurance Group hat Versicherungsgesellschaften in 30 Staaten – hauptsächlich in den CEE-Ländern und Osteuropa. Mit ihren Gesellschaften belegt die VIG nach Marktanteilen in Nordmazedonien, Slowakei, Bulgarien, im Baltikum und in Ungarn den ersten Platz. In Ungarn konnte die Marktführerschaft durch den Kauf des Geschäfts der niederländischen Aegon in Ungarn im letzten Jahr fixiert werden. Mit ihren Österreich-Töchtern Wiener Städtische und Donau-Versicherung ist die VIG mit mehr als 21 % Marktanteil auch knapp vor der Uniqa (20,8 %) Marktführer in Österreich.

Foto: OMV/Petrom

 

 

Warum uns die Amerikaner beneiden

EU-weite Konzession für Crypto-Asset-Anbieter ohne Drittstaaten-Bevorzugung.

Barbara Ottawa. Besser hätte das Timing nicht sein können. Als der Seminaranbieter IMH den „Spezialtag MiCAR“ plante, konnte noch niemand ahnen, dass die europäische Regulierung für den Crypto-Asset-Markt wenige Tage zuvor, am 9. Juni, im Amtsblatt der EU veröffentlicht wurde. Noch nicht einmal die deutsche Übersetzung der „Markets in Crypto Asset Regulation“ (MiCAR) war offiziell fertig. Die EU hat damit das allererste Regelwerk für Crypto-Asset-Märkte herausgebracht. Die USA und einige asiatische Länder haben befürchtet, dass ein solches Regelwerk Innovationen bremsen könnte.

„Jetzt wird Europa von US-Firmen ‚gehyped‘“, berichtete Martin Hanzl, Head of New Technologies bei EY Law – Pelzmann Gall Größ Rechtsanwälte. „Jeder will in den sicheren Hafen, weil es große Unsicherheiten im US-Markt gibt.“ Unternehmen aus dem Finanztechnikbereich seien gerade dabei, sich anzusehen, welches EU-Land als Firmensitz interessant sein könnte. Österreich werde hier definitiv wegen „seiner guten Reputation“ im Finanzbereich ins Spiel gebracht, so Hanzl.

Dass die EU im Crypto-Asset Bereich nicht den gleichen Fehler machen wollte wie bei der Geldwäsche oder im Wertpapierhandel, darüber waren sich die Konferenzteilnehmer einig: Anders als die AMLD oder die MiFID ist die MiCAR eine Verordnung, die den Mitgliedstaaten nur wenig Auslegungsspielraum lässt.

Die Angst vor Facebook
Der Anlassfall für die EU, die MiCAR voranzutreiben, waren die Versuche der Meta-Gruppe rund um Facebook, eine Krypto-Währung oder „stable coin“ einzuführen. Dieser Begriff kommt jetzt in der Verordnung nicht vor. „Man wollte nicht den Eindruck von Stabilität im Bereich dieser Krypto-Währungen vermitteln“, berichtete jemand, der bei den Verhandlungen dabei war, aber nicht zitiert werden will.

Definiert werden Crypto Assets in der MiCAR als digitale Abbildung eines Rechts oder eines Wertes, die über DLT (Distributed Ledger Technology) oder ähnliches übertragbar ist. Hier habe man sich „nicht auf Blockchain festnageln“ wollen, um zukünftige technologische Entwicklungen mit einzubeziehen. Insgesamt seien viele Begriffe im Gesetzestext anders zu jenen, die in der Krypto-Welt verwendet werden. So wurde die „stable coin“ zu einem „Asset-referenced token“ (ART) und das „Payment token“ zum „Electronic money token“ (EMT). Der Redner bestätigte auch, dass in Österreich an der technischen Umsetzung „mit Hochdruck“ gearbeitet werde. Bis nächsten Sommer müssen alle Mitgliedstaaten eine zuständige Behörde nennen. „Das geht nur mit einer stabilen Regierung“, sagte er mit einem kleinen Seitenhieb.

Grüne Bombe
„Beinahe zerschossen“ hätte die MiCAR die Diskussion um die Nachhaltigkeit der Krypto-Branche. Dazu berichtete Max Tertinegg, Geschäftsführer von Coinfinity, dass „Bitcoin-Mining mittler-weile einer der grünsten Bereiche ist“. Vor allem deshalb, weil erneuerbare Energien den günstigsten Strom liefern. Außerdem könne die Branche überschüssige Spitzen aus solchen Energiequellen abschöpfen. Auf europäischer Ebene wurde der Kompromiss gefunden, dass Energieverbrauch und CO2-Fußabdruck von Anbietern offengelegt werden müssen.

Unter die MiCAR fallen auch Dienstleistungen in Bezug auf Crypto-Assets, so wie etwa Beratung. Für die Ausgabe vom ART und EMT muss – außer von Banken – um eine Konzession angesucht werden, die dann EU-weit gilt. Alle Anbieter müssen einen Sitz innerhalb der EU haben, auch wenn sie hier nur werben wollen.

Noch habe sich in Österreich niemand für die Lizenz um einen Crypto-Asset-Service Provider (CASP) gemeldet, bestätigte Angelika Ploner von der FMA. „Aber einige heimische Player stehen schon in den Startlöchern und wir haben die ersten Rechtsfragen zu Auslegungen erhalten.“

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Stoische Gelassenheit der Märkte

Eine Analyse von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE.

20.06. Seit einem Jahr schätzen es die Märkte umso mehr, wenn die Zentralbanken die geldpolitischen Daumenschrauben anziehen. Den Beweis hierfür gab es vor wenigen Tagen: Die US-Notenbank (Fed) und im Anschluss auch die Europäische Zentralbank (EZB) gingen zuletzt deutlich restriktiver vor als vielfach erwartet. Aber die Aktienmärkte ließen sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Auch die Zinsmärkte befinden sich in einer untypischen Lage. Hier nimmt die Invertierung der Zinskurven zwischen den kurzen Laufzeiten mit den höchsten Zinsen und den mittleren Laufzeiten, bei denen die Zinsen anders als üblich am niedrigsten sind, extreme Ausmaße an. Dieses Phänomen wird oftmals als Vorzeichen einer Rezession interpretiert. Doch die Volatilität bleibt niedrig. Wie lässt sich dies erklären?

Neue Zins- und Wirtschaftsprognosen
Man könnte die Hypothese aufstellen, dass die Zentralbanken im Vorfeld ihrer Sitzungen derart gut kommuniziert haben, dass sie keinerlei Überraschungen bereithalten und der Markt entsprechend gelassen reagiert. Das ist aber nur zum Teil richtig. Die Fed hat zwar eine Pause eingelegt, indem sie ihre Zinsen am 14. Juni unverändert bei 5 bis 5,25 % belassen hat, und die EZB hat ihre Zinsen nur um 25 Basispunkte auf 3,5 % angehoben sowie die geplante Einstellung aller Wiederanlagen im Rahmen ihres historischen Anleihenkaufprogramms bekräftigt. Das mit diesem Programm bei seiner Auflegung im Jahr 2014 ursprünglich verfolgte Ziel war übrigens die „Ankurbelung der Inflation“ …

Doch gab es auf beiden Sitzungen dennoch Überraschungen. Zunächst in Form der neuen Zinsprognose der Gouverneure des amerikanischen Währungssystems. Sie gehen nunmehr von Leitzinsen in einer Bandbreite von 5,50 bis 5,75 % zum Jahresende aus. Damit liegen sie um 25 Basispunkte über den jüngsten Prognosen und könnten möglicherweise für längere Zeit dort verharren. Denn der Präsident der Fed wies in seiner Pressekonferenz darauf hin, dass das Risiko bei der Inflation in Aufwärtsrichtung asymmetrisch sei und es bis zu einer Senkung der Leitzinsen noch „mehrere Jahre“ dauern könne, während der Markt schon für Anfang 2024 mit einer Zinssenkung rechnet.

Warum reagieren Märkte so gelassen?
Auch mit ihren Wirtschaftsprognosen sorgte die EZB für überraschte Gesichter. Die Kerninflationsrate für 2024 und 2025 wurde von 2,5 auf 3 % deutlich nach oben korrigiert. Das langfristige Ziel von etwa 2 % scheint immer noch nicht in greifbarer Nähe zu sein. Da kann man sich übrigens die Frage stellen, warum die EZB die Zinsen vor diesem Hintergrund nicht stärker anhebt. Der Markt könnte dies begrüßen, da er die geldpolitische Straffung mühelos verkraftet. Der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers stellte genau diese Frage. Er zeigte sich verwundert, dass die US-Notenbank ihre Zinsen unverändert gelassen hat, obwohl sie ja im Grunde davon überzeugt ist, dass sie sie auf den nächsten Sitzungen deutlich anheben muss.

Wenn diese Welle neuer umgesetzter oder implizit angekündigter Straffungsmaßnahmen den Markt nicht verschreckt, sollte das dann vielleicht daran liegen, dass die Wachstumsprognosen nach oben korrigiert werden? Eigentlich nicht. Die Fed hat zwar ihre Prognosen für 2023 nach oben korrigiert, aber die EZB hat sie gesenkt.

Starker Arbeitsmarkt hilft
Andererseits beinhalten die Äußerungen sowohl dieser beiden Zentralbanken als auch anderer, allen voran der Bank of England, auch gute Nachrichten. Sie unterstreichen alle die überraschende Robustheit des Arbeitsmarktes, der praktisch keine Anzeichen einer Verschlechterung erkennen lässt, insbesondere nicht im Dienstleistungssektor. Auch wenn sich die Situation ganz schnell ändern kann, insbesondere in den USA, wo der Arbeitsmarkt flexibler ist, versetzt sie die privaten Haushalte in die Lage, dem Druck durch die Verteuerung von Krediten vorerst standzuhalten. Dies ist allerdings mit dem Risiko verbunden, dass die Beschäftigungsdynamik der Inflation über die Löhne Auftrieb verleiht. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass eine gute Beschäftigungslage nicht zwangsläufig eine hohe Inflation nach sich zieht, was Japan jahrzehntelang unter Beweis gestellt hat oder auch die USA vor der Coronakrise. Ein solches Szenario ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber durchaus realistisch.

Die erstaunliche Gelassenheit der Märkte könnte sich also durch das Zusammenwirken von zwei Faktoren erklären lassen. Da ist zum einen die massive geldpolitische Straffung zur Bekämpfung der Inflation in Verbindung mit ersten Anzeichen für den Erfolg dieser Bemühungen. Zum anderen ist die Arbeitsmarktdynamik weiterhin stark, was es der Fed ermöglicht, ihr doppeltes Mandat zu erfüllen, nämlich den Erhalt von Preisstabilität und Beschäftigung. Trotz des durchwachsenen Erfolgs der Zentralbanken bei der Ankurbelung und dann bei der Eindämmung der Inflation in den vergangenen Jahren scheint der der Markt ihnen dieses Mal Vertrauen zu schenken und akzeptiert schwierige finanzielle Bedingungen im Gegenzug für den dauerhaften Rückgang der Inflation. Etwas Schlechtes für etwas Gutes. Kann ein solches Spiel lange gutgehen?

Maßnahmen zur Stärkung des Kapitalmarktes

Club 20: „Intellectual Property“ gehört ins europäische Bewusstsein gerückt.

Rudolf Preyer. „Die Säulenhalle der Wiener Börse AG war selten so voll“, bemerkte der Hausherr, CEO Christoph Boschan, eingangs einer Gesprächsrunde zum Thema „Der Kapitalmarkt als Wachstumsmotor“. Auf Einladung von Michael Tojner, Unternehmer und Initiator des „Club 20“, wurden am 13. Juni die Rahmenbedingungen für einen dynamischen heimischen Kapitalmarkt erörtert. Börsen-Kurier-Leser konnten daran kostenlos teilnehmen.

Die Grundvoraussetzungen lassen sich so skizzieren: Im Gegensatz zu den USA wird Venture Capital und Private Equity (VC/PE) zur Unternehmensfinanzierung in Europa und insbesondere in Österreich nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Während die Amerikaner durchschnittlich 490 Euro im Jahr investieren, liegt das Investment in Österreich gerade einmal bei 15 Euro pro Kopf.

Weiters: Die größten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt – Apple, Microsoft, Google, Tesla oder Amazon – wären ohne Beteiligungskapital und einen dynamischen Kapitalmarkt nie zu Global Playern geworden.

Was braucht also der Börseplatz Österreich, um die volkswirtschaftliche Dynamik der Kapitalmärkte besser nutzen zu können? Und wie lässt sich ein breites positives Bewusstsein für Venture Capital und Private Equity schaffen?

Innovativen Ideen aufgeschlossener Minister
Andreas Treichl
, heute Chairman der Erste Stiftung, sprach von einer „langfristigen Vernichtung der europäischen Mittelschicht“: Aufgrund der negativen Realzinsen verlieren die rund 200 Millionen europäischen Haushalte, die insgesamt in etwa 8 Billionen Euro an Einlagen aufbringen, rund „100 bis 500 Milliarden Euro jährlich“. Es müsse uns am gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa gelegen sein. Das Verheerende sei aber: „Kein österreichischer Politiker“ – ganz gleich, welcher Couleur – spreche sich (immer auf die nächste Wahl schielend) klar für den Kapitalmarkt aus.

Die Runde einigte sich hierauf aber rasch: der jetzige ÖVP-Finanzminister Magnus Brunner wäre gegenüber solchen Themen wie Steuernachlässe, Mitarbeiterbeteiligungen und KESt-Befreiung „prinzipiell aufgeschlossen“, auch ließe sich mit ihm das Thema Behaltefrist „gut diskutieren“. Viel-leicht werde sich Letztere nicht unbedingt auf ein Jahr hinunterkürzen lassen – aber deutlich weniger als zehn Jahre dürfen es dann schon sein.

Nach dem Ende des industriellen Kapitalismus vor gut 40 Jahren habe unter dem Begriff „Intellectual Property“ (sprich: Eigentumsrechte an Schöpfungen des menschlichen Intellekts) eine neue Art des Wirtschaftens die globale Führungsrolle angetreten. Leider aber, so Treichl, haben sich hier in den europäischen Ländern keine Weltmarktführer etablieren können. „Intellectual Property“ eigne sich eben nicht besonders für Bankenfinanzierungen. Die Wirtschaft in Europa sei zu 75 % von Banken finanziert, der „Rest“ stamme vom Kapitalmarkt – in den USA verhalte es sich genau umgekehrt.

Etliche Elemente harren noch der politischen Umsetzung
Tojner machte (Stichwort Risiko-aversion) „Mut zum Scheitern“ – mutige Unternehmer in unseren Breitengraden brauchen folglich „Risikokapital von außen sowie durch die Börse“. Stichwort Finanzbildung: Treichl wünschte sich, dass „bereits Kinder zu 80 %“ am Kapitalmarkt finanziert seien, aktuell seien es „gerade 4 %“. Überdies weise das österreichische Pensionssystem zu nur 12 % eine Kapitaldeckung auf. Und Boschan mahnte abschließend in Richtung Regierung die politische Umsetzung ein: „Wir fordern an Maßnahmen zur Stärkung des heimischen Kapitalmarktes vor allem das ein, was ohnedies schon im Regierungsprogramm steht.“

Foto: Club 20 / Niklas Schnaubelt

 

 

Kein Ende der Globalisierung

China kann nicht einfach von der westlichen Welt entkoppelt werden.

Harald Kolerus. Die Covid-19-Pandemie, gestörte Lieferketten, der Nachhaltigkeits-Gedanke und letztlich der Ukraine-Krieg: All das sind Argumente dafür, um Produktionsstätten, Schlüsselindustrien und Energieversorgung wieder in die „eigenen Hände“ von Nationalstaaten zu legen. Hat somit das vielbeschworene „Global Village“ sein Ablaufdatum bereits überschritten?

Richard Pan, er ist Head of Global Capital Investment bei China AMC, will das nicht so recht glauben. (ChinaAMC verfügt über Assets under Management von 259 MrdUSD, beschäftigt mehr als 250 Anlageexperten und führt jährlich mehr als 3.000 Unternehmensbesuche durch). Pan war auf Einladung der Partnergesellschaft J. Safra Sarasin in Wien zu Gast, der Börsen-Kurier folgte der Präsentation vor Ort.

Enge Verknüpfung
„Die Globalisierung bleibt weiterhin ein großes Thema und wird die chinesische Wirtschaft unterstützen. De-Globalisierung halte ich nicht für wahrscheinlich, weil die internationalen ökonomische Verflechtungen sehr eng sind. China kann nicht von der Welt entkoppelt werden“, sagte Pan. Übrigens nach seinen Worten auch nicht von den USA, er rechnet sogar damit, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt in den nächsten ein bis zwei Jahren noch zunehmen wird. Eine Ursache dafür sei der „Inflation Reduction Act“ (IRA) der Vereinigten Staaten. Das klingt zunächst einmal kontra-intuitiv, denn eines der erklärten Ziele des IRA ist es ja, wichtige Industriezweige in den USA zu halten bzw. wieder dorthin zurückzuführen. Allerdings ist für den Plan außerdem von wesentlicher Bedeutung, dass dem Klimawandel entgegengewirkt und die „grüne“ Wirtschaft forciert wird.

Hier kommt das Reich der Mitte ins Spiel. Denn es ist ein Großproduzent von Batterien, PV-Panels, LEDs usw., ohne die die Energiewende nicht funktionieren wird. Auch nicht in den USA. Als Beispiel für die „Green Corporation“ nannte Pan die Zusammenarbeit des Auto-Riesen Ford mit CATL, einem chinesischen Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien. Gemeinsam errichtet man eine Fabrik für E-Auto-Batterien im Bundesstaat Michigan, das geplante Investmentvolumen umfasst die stolze Summe von 3,5 MrdUSD.

Als weitere Triebfeder für die chinesische Ökonomie bezeichnete der Experte neben der Globalisierung die hohe Innovationskraft des Landes: „Gemessen am BIP pro Einwohner investiert China mehr in Research and Development (Forschung und Entwicklung) als so manche hochentwickelte Volkswirtschaft.“

Wo die Sonne scheint
Die Dynamik im Reich der Mitte zeige sich nicht zuletzt auch in den heute so wichtigen ESG-Branchen: „Chinesische Photovoltaik-Unternehmen verfügen über niedrigere Bewertungen an der Börse als etwa ihre US-Mitbewerber. Gleichzeitig fällt das Gewinnwachstum pro Aktie höher aus.“ Prinzipiell bezeichnete der Experte chinesische Aktien als attraktiv bewertet.

Wer nun an die China-Story glaubt, könnte den Fonds „JSS Equity – All China“ (ISIN: LU1965 940437) ins Auge fassen. Er setzt auf tiefgehende Fundamentalanalyse und Stock-Picking. Unter den größten Positionen finden sich nur wenige Aktien, die dem durchschnittlichen westlichen Investor wohl ein stehender Begriff sind, so die Technologie-Giganten Tencent und Alibaba. Schwieriger wird es bei Namen wie Lepu Medical (Bereich Healthcare; ein quasi unerschöpflicher Markt in China) oder Wuliangye, der Hersteller des gleichnamigen Spirituosenklassikers in China. Während der Alkoholkonsum in der Volksrepublik generell zuletzt drastisch zurückgegangen ist, gönnt man sich dafür gerne diesen hochqualitativen und gleichzeitig hochpreisigen Drink. In diesem Sinne: Zum Wohle.

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Lücken im Cyberschutz

Nur wenige KMU sind cyberversichert. Ein veritables Manko, meinen Experten.

Emanuel Lampert. Die Welt wird immer „digitaler“. Können Klein- und Mittelunternehmen in Sachen Sicherheit da mithalten? Viele meinten immer noch, für Angreifer zu uninteressant zu sein, stellt Natascha Jäger, CEO Austria der Cogitanda Dataprotect AG, gegenüber dem Börsen-Kurier fest. „Dies äußert sich dann in einem manchmal schon fast fahrlässigen Umgang mit Datensicherungen, vernachlässigter Einspielung von Sicherheitsupdates und wenigen bis gar keinen Vorgaben im Umgang mit Passwörtern.“

Gerade kleinere Unternehmen wiegen sich oft in vermeintlicher Sicherheit, meint Joe Kaltschmid, er ist Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Infinco. Getreu dem Motto: Bei uns gibt es nicht viel zu holen, deshalb trifft es uns nicht. „Die Angreifer schauen jedoch meist bei der Auswahl ihrer Targets nur, wo sie mit wenig Widerstand in ein Unternehmen eindringen können.“

Nach Kaltschmids Dafürhalten sind es organisatorische, aber auch IT-sicherheitstechnische Defizite, die die größten Lücken in die Sicherheit reißen – etwa durch Ausführung von Malware über manipulierte E-Mail-Anhänge. Risikomanagementexperte Helmut Tenschert ortet die größte Sicherheitslücke im Menschen selbst. „Die besten Vorkehrungen nützen gar nichts, wenn die handelnden Personen sorglos mit eingehenden Informationen umgehen.“

Sehr oft sei es allerdings gar nicht möglich, dem Cyberrisiko die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, meint Rene Besenbäck, Head of Sales beim Insurtech Wefox Österreich. Als Gründe identifiziert er fehlende Ressourcen, „horrenden Kosten“ für Prävention und häufig fehlende Aufklärung über Schadenszenarien.

Wie vorbeugen?
Wie können KMUs vorbeugen? Jäger empfiehlt „ein standardisiertes Audit, um festzustellen, welche Risikofelder im eigenen Unternehmen besonders kritisch sind und welche Möglichkeiten es zur Risikoreduzierung gibt“. Für die Mitarbeiter als „die letzte ‚Verteidigungslinie‘ gegen Cyberangriffe“ rät sie zu regelmäßigen IT-Sicherheitsschulungen.

Datensicherungen müssen vor Angriffen geschützt sein, „Backups und Originaldaten sollten nicht durch dieselbe Ursache unbrauchbar gemacht werden können“, betont Benjamin Schilling vom Underwriting Cyberrisk der R+V Allgemeine Versicherung AG. Als „grundlegende Absicherung“ sieht er Firewalls, Antivirensoftware und die Regelung, wer wie auf die IT-Systeme zugreifen darf. „Kostenintensiver, aber besser, sind sogenannte EDR-Lösungen, die alle Prozessaktivitäten eines Endpoints erfassen und im laufenden Betrieb analysieren.“

Kaltschmid legt Klein- und Mittelunternehmen ans Herz, sicherheitskritische Updates schnellstmöglich einzuspielen, komplexe Passwörter zu verwenden und darüber hinaus einen IT-Security-Experten mit einem „Penetration Test“ zu beauftragen, um Sicherheitslücken aufspüren zu können.

Hohes Schadenpotenzial
Wie stellt sich die Schadensituation bei KMU dar? „Einen echten Überblick darüber gibt es eigentlich nicht“, sagt Risikomanagementexperte und Bildungsanbieter Tenschert, „zu hoch sind die Dunkelziffern an Attacken, die erfolgreich sind, aber gar nicht bekannt werden“. Die Schadenhöhe erreiche oft rasch sechsstellige Beträge, gibt Jäger zu bedenken, „denn der unverzügliche Ein-satz von Experten aus den Bereichen IT, Daten und Recht ist kostspielig, aber notwendig, um noch größeren Schaden abzuwenden“.

„Wir haben eine enorme Zunahme an Schäden insgesamt am österreichischen Markt verzeichnet“, sagt Besenbäck und beziffert ihn mit 32 % gegenüber 2021. „Allerdings ist durchschnittlich die Schadenshöhe mit etwa 17.500 Euro seit gut eineinhalb Jahren stabil.“ Natascha Jäger verweist auf Schätzungen, wonach Cybervorfälle bereits jetzt welt-weit jährlich mehr als 6 Billionen Euro Schaden verursachten.

Wie versichern?
Zur Absicherung ist im Wesentlichen „die ‚Maßschneiderung‘ des Produkts auf das jeweilige Unternehmen die beste Lösung“, sagt Tenschert. Cyberversicherung bedeute eine Kombination an sich bekannter Versicherungssparten, wie etwa Betriebsunterbrechung oder Haftpflicht mit spezifischer Ausrichtung.

Kaltschmid: „Die meisten Anbieter bieten ein Bausteinsystem an Deckungskomponenten, das stets aus einer Eigen- und Drittschadenkomponente und einer Dienstleisterkomponente besteht, die je nach Versicherungslösung First Response Services, Datenforensiker und Rechtsdienstleister zur Verfügung stellt.“

Grundsätzlich sei „für jedes Unternehmen etwas dabei“, beschreibt Besenbäck das Marktangebot. „So gibt es Anbieter, die mit geringen Versicherungssummen und attraktiven Prämien vor allem kostensensible Unternehmen ansprechen wollen. Manche bieten über sogenannte Antragsmodelle durch Beantwortung weniger Risikofragen einen erleichterten Zugang zum Versicherungsmarkt.“ Dann gebe es „Cyberdeckungen über Nischenproduktanbieter in anderen Produkten“ wie etwa der Vertrauensschadenversicherung. Die auf Cyber spezialisierten Versicherer „bieten sehr weite Deckungen, fordern jedoch intensive Risikodialoge“.

Selten cyberversichert
Wie steht es bei KMU derzeit um die Marktdurchdringung? „Die flippige Marktdurchdringung von bis zu 30 %, die von einigen Marktteilnehmern kolportiert wird, sehen wir nicht“, sagt Kaltschmid und siedelt sie eher bei etwas über 10 % an. Dabei gelte: größere Unternehmen – größere Durchdringung.

Das Bewusstsein für das eigene Risiko, so Schilling, müsste ebenso gestärkt werden wie jenes für die Pflichten der Leitungsorgane: „Diese sind gesellschaftsrechtlich verpflichtet, ein angemessenes Risikomanagement zu installieren, einen Teil davon stellt die Cyber Security dar.“

Die meisten Cyberversicherer tarifieren KMU unterschiedlich, diagnostiziert Kaltschmid. Produktionsunternehmen würden meist höher bepreist als Dienstleistungsunternehmen. Aber: „Die Prämien für KMU sind durchwegs gut leistbar.“ Dies gelte auch für die Zukunft, „so die Unternehmen bereit sind, auch künftig in organisatorische und technische Security-Maßnahmen zu investieren“. Tenschert meint zum Börsen-Kurier allerdings auch: „Mit zunehmender Zahl an Schadenfällen wird mit einem Prämienanstieg zu rechnen sein, das liegt in der Natur der Sache.“

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Gründe für weiterhin höhere Inflation

Drei Gründe, die für eine längerfristig höhere Inflation sprechen.

(13.06.) An den Finanzmärkten herrscht die Überzeugung vor, dass die Gesamtinflationsraten in den nächsten zwei Jahren deutlich in Richtung der Zielvorgaben der Zentralbanken sinken werden und die Inflationserwartungen mittel- bis längerfristig stabil bleiben. Dabei könnte es sich jedoch um eine Fehleinschätzung handeln, so Robert Lind, Ökonom bei Capital Group. Drei Gründe sprechen aus seiner Sicht für eine längerfristig höhere Inflation, die auch von den Zentralbanken zugelassen werden wird.

„Viele Ökonomen und Anleger scheinen nach wie vor davon überzeugt zu sein, dass sich die Inflationsraten wieder auf die Ziele der Zentralbanken zubewegen. Fünfjährige Forward Inflation Swaps zum Beispiel preisen eine Verbraucherpreisindex-Inflation von rund 2,5 % sowohl in den USA als auch in der Eurozone ein“, sagt Lind. „Dabei unterschätzen die Märkte jedoch, dass wir uns im Übergang zu einer Phase längerfristig höherer Inflation befinden könnten. Drei Faktoren dürften die Inflation langfristig auf hohem Niveau halten und die Zentralbanken zwingen, höhere Inflationsraten zu akzeptieren.“

Grund Nr. 1: Strukturell lockerere Finanzpolitik
Angesichts der Pandemie und des damit verbundenen plötzlichen Einbruchs der Wirtschaftstätigkeit hätten Regierungen massive fiskalische Stützungspakete geschnürt. „Diese Flut staatlicher Gelder verhinderte einen Zusammenbruch der Wirtschaftstätigkeit und förderte einen kräftigen Aufschwung“, erklärt Lind. Auch der Krieg in der Ukraine und der daraus resultierende Energieschock hätten in der Europäischen Union (EU) eine erhebliche zusätzliche steuerliche Unterstützung nötig gemacht, vor allem auf nationaler Ebene.

„Nun scheinen sich die Regierungen zwar darauf vorzubereiten, die Nothilfemaßnahmen, die Verbraucher und Unternehmen vor dem Energieschock bewahrt haben, auslaufen zu lassen, was zum Abbau der Haushaltsdefizite beitragen würde“, so Lind. „In den europäischen Volkswirtschaften besteht jedoch weiterhin Druck, die öffentlichen Ausgaben für die Energieinfrastruktur und andere Bereiche wie Verteidigung, Gesundheit und Bildung deutlich zu erhöhen.“ Auch in Deutschland, Italien und Großbritannien bestehe die Notwendigkeit, die öffentlichen Investitionen nach einem Jahrzehnt starker Kürzungen zu erhöhen. „Das politische Umfeld in diesen Ländern wird es den Regierungen jedoch schwer machen, die Steuern zu erhöhen, um höhere öffentliche Ausgaben zu finanzieren“, führt Lind aus. „Da die Finanzpolitik mittelfristig lockerer bleibt, werden die Regierungen unvermeidlich strukturell größere Haushaltsdefizite aufweisen und höhere Schuldenquoten tolerieren.“

Grund Nr. 2: Größere Verhandlungsmacht für Arbeitnehmer
Dass Arbeitnehmer und Unternehmen bei der Festlegung der relativen Preise und Löhne in Konflikt geraten könnten, dürfte ebenfalls zu einer anhaltend höheren Inflation beitragen. „In den letzten drei Jahren haben Arbeitnehmer erhebliche Reallohnverluste hinnehmen müssen, da der Nominallohnanstieg nicht mit der Veränderung des Verbraucherpreisindexes Schritt gehalten hat“, sagt Lind. Im Gegensatz dazu hätten viele Unternehmen ihre Preise erfolgreich erhöht, um ihre Gewinnspannen angesichts des Kostenschocks zu verteidigen. Dies habe die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger auf sich gezogen, die befürchten, dass die Unternehmen die Last des Reallohndrucks auf die Arbeitnehmer abwälzen könnten. Es gebe jedoch weiterhin Anzeichen dafür (z. B. die Zahl der offenen Stellen im Verhältnis zur Arbeitslosenquote), dass die Arbeitsmärkte extrem angespannt seien. „Arbeitnehmer werden nun höhere Löhne fordern, um die Reallohneinbußen auszugleichen, und in einigen großen europäischen Volkswirtschaften kommt es zu Arbeitskampfmaßnahmen. Dieser Versuch, die Reallöhne nach dem Inflationsschock wieder zu erhöhen, dürfte die nächste Phase des ,Konflikts‘ zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen sein und einen erheblichen Aufwärtsdruck auf Löhne/Arbeitskosten, Gewinnspannen und die Inflation ausüben“, erklärt Lind.

Grund Nr. 3: Fragmentierung des Handels (Deglobalisierung)
Der Prozess der Fragmentierung des Handels ist aus Sicht des Experten eine weitere Quelle potenziellen Inflationsdrucks. Die zunehmende Fragmentierung des Handels und Veränderungen in den Lieferketten könnten zu einem unelastischeren Angebot führen, was die Häufigkeit negativer Angebotsschocks erhöhen würde. Dies wiederum dürfte die Preise in die Höhe treiben und damit die Inflation anheizen.

Die Zentralbanken werden wahrscheinlich eine höhere Inflation zulassen

Lind ist der Ansicht, dass die Zentralbanken letztlich eine pragmatische Haltung gegenüber der längerfristig höheren Inflation entwickeln und sie zulassen könnten. Zum einen könnten die Zentralbanken gezwungen sein, die Notwendigkeit einer stärkeren Koordinierung der makroökonomischen Politik zu akzeptieren. „Angesichts des zunehmenden Drucks auf die Finanzpolitik halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Regierungen in der Lage sein werden, die Geldpolitik wie nach der Schuldenkrise zu straffen“, sagt Lind. „Wie bereits erwähnt, erfordern politische und wirtschaftliche Erwägungen mittelfristig eine strukturell lockerere Finanzpolitik.“

Zum anderen könnte auch die Möglichkeit häufigerer Angebotsschocks die Zentralbanken zwingen, bei ihren Inflationszielen pragmatischer und flexibler vorzugehen. „Angesichts des erwähnten Konflikts zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen sowie der Deglobalisierung, die die Kosten und Preise in die Höhe treibt, könnte es für die Zentralbanken gefährlich sein, zu versuchen, die Inflation schnell wieder auf das Zielniveau zu bringen. Denn dies wäre mit erheblichen Kosten für das reale Wirtschaftswachstum und die Realeinkommen verbunden“, so Lind.

Und schließlich dürften die Zentralbanken auch deshalb höhere Inflationsraten hinnehmen, weil sie sich der Gefahren finanzieller Instabilität bewusst seien. Wie sich im letzten Herbst in Großbritannien und zuletzt in den USA und Europa gezeigt habe, könne finanzielle Instabilität zu erheblicher Marktvolatilität führen. „Ich bin skeptisch gegenüber den Argumenten der Zentralbanker, dass sie der finanziellen Instabilität und der Inflation mit getrennten politischen Instrumenten begegnen können“, sagt Lind. Wenn der Zinssatz, der mit finanzieller Stabilität vereinbar sei, niedriger sei als der Zinssatz, der mit einer stabilen Zielinflation vereinbar sei, stünden die Zentralbanken vor einer schwierigen Entscheidung. „Ich bin überzeugt, dass die Zentralbanken der Finanzstabilität letztlich den Vorrang vor der Eindämmung der Inflation einräumen werden“, sagt Lind. „Dies gilt allerdings nur, wenn die Inflation strukturell höher ist und zugleich keine instabile Dynamik zu beobachten ist.“

Der Experte resümiert: „Aus meiner Sicht könnten wir eine Inflation von etwa 3 bis 7 Prozent erleben. Das wäre zwar keine Rückkehr zu den 1970er Jahren, aber dennoch eine deutliche Veränderung gegenüber der Situation in den letzten beiden Jahrzehnten.“

„Familien“-AGs unter der Lupe

Private Kernaktionäre im Vorstand oder Aufsichtsrat nicht immer ein Rendite-Turbo.

Michael Kordovsky. Obwohl Familienunternehmen oder eigentümergeführte Unternehmen laut diversen Studien gegenüber anderen Unternehmen outperformen, sollte insbesondere an der Wiener Börse ein kritischer Blick auf Firmen geworfen werden, in denen mindestens 25 % der Stimmen von der Gründerfamilie gehalten werden und/oder ein Mitglied der Gründerfirma im Vorstand oder Aufsichtsrat vertreten ist.

Kein Performance-Garant
Dass Führung durch die Eigentümerfamilien nicht immer ein Erfolgsgarant ist, zeigte sich zuletzt bei Kapsch TrafficCom, deren Aktienkurs auf Zehn-Jahres-Sicht knapp 70 % im Minus liegt. Die Aufkündigung des bestehenden Mautvertrags durch die Bundesrepublik Deutschland (2019), Lieferkettenschwierigkeiten durch Corona und der Ukrainekrieg führten zu einer längeren Durststrecke.

Polytec wiederum litt 2022 unter hohen Preisen für Material und Energie. Der Aktienkurs gab auf Zehn-Jahres-Sicht rund 22 % nach.

Starke zyklische Schwankungen und nur rund 12 % Kursgewinn in den vergangenen zehn Jahren (per 8.6.2023 um 15 Uhr) weist Palfinger als weltweit führender Produzent und Anbieter innovativer Kran- und Hebelösungen aus. Das Unternehmen litt 2022 unter den großflächigen Lockdowns in China und somit weltweit massiven Verzögerungen und Ausfällen bei der Auslieferung chinesischer Komponenten und war auch von einer Knapp-heit an Lkw-Chassis und Elektronikkomponenten betroffen. Für 2023 peilt Palfinger hingegen auf Basis des hohen Auftragsstands wieder einen signifikanten Umsatz- und Ebit-Rekord an.

Zuletzt erfolgreich
Der Klassiker für erfolgreiche eigentümergeführte Unternehmen ist die Pierer Mobility AG, die auf drei Jahre rund 75 % im Plus liegt und im Geschäftsjahr 2022 den Umsatz zum 12. Mal in Folge steigern konnte – und zwar um 19,4 % auf 2.437,2 Mio. Euro, während das

Ergebnis nach Minderheiten von 82,5 auf 169,9 Mio. Euro anstieg. Die Rentabilität des eingesetzten Kapitals hat sich von 2018 bis 2022 von 16,6 auf 19,2 % verbessert und infolge des Zweirad-Booms wuchsen der Konzernumsatz und der Gewinn/Aktie um jeweils 11,8 bzw. 13,9 % p.a.

Andritz zählt zu den weltweit führenden Anbietern von elektromechanischen Ausrüstungen für Wasserkraftwerke und ist auch in Segmenten der Zellstoff- und Papierindustrie, der Metallverarbeitung sowie in der Fest-Flüssig-Trennung unter den Technologie- und Marktführern. Direkt und indirekt rund 31,5 % der Aktien hält der aktuell stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Leitner, der von 1994 bis 2022 CEO des Unternehmens war. Das Unternehmen konnte von 2018 bis 2022 bei 5,7 % p.a. Umsatzwachstum das Konzernergebnis von 222 auf 409,6 Mio. Euro bzw. um 16,5 % p.a. steigern und Analysten rechnen bis 2025 mit kontinuierlichen Gewinnzuwächsen, weshalb bei einem Kurs von 53,50 Euro ein für 2024 geschätztes KGV von 10,2 günstig erscheint.

In den vergangenen drei Jahren knapp 63 % im Plus liegt Frequentis, die Kommunikations- und Informationslösungen für sicherheitskritische Bereiche, wie Flugsicherung, Polizei, Rettung, Feuerwehr, Eisenbahnen, öffentlichem Nahverkehr und Schiffsverkehr anbietet. Rund 68 % der Aktien hält Aufsichtsratsvorsitzender Johannes Bardach direkt und indirekt. Von 2018 bis 2022 wuchs das Ergebnis/Aktie um 10,7 % p.a. und in den kommenden Jahren sollte sich dieser Trend weiter fortsetzen.

Foto: KTM / Francesc Montero

 

 

Wasserstofftechnologie hängt stark von Politik ab

Ein Gastkommentar von Christian Rom, Portfoliomanager DNB Fund Renewable Energy.

Red./ks. Die Themen Energiesicherheit und Erneuerbare Energien stehen weltweit im Blickfeld vieler Investoren. Dabei hat sich die Kostenwettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Technologien in den vergangenen Jahren aufgrund ihrer Lernkurven stetig verbessert, was das Thema Elektrifizierung und die damit verbundene politische Unterstützung vorangetrieben hat. Die Turbulenzen an den Energiemärkten nach der Energiekrise haben ihre relative Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu fossilen Brennstoffen nur noch weiter verbessert.

Noch nicht absehbar, wer sich durchsetzen wird
Wasserstoff könnte bei der Dekarbonisierung schwieriger Sektoren wie der energieintensiven Industrie (etwa Zement oder auch Stahl), der Schifffahrt und dem Schwerlastverkehr eine große Rolle spielen. Allerdings ist die Effizienz der Technologie gering und befindet sich in einem frühen Stadium ihrer Entwicklungskurve und hängt daher von billiger erneuerbarer Energie und auch von politischer Unterstützung ab.

Der Wasserstoff- und Brennstoffzellensektor hat bereits Fehlstarts erlebt, aber der von der Emissionspolitik ausgehende Impuls sowie die angekündigten Pläne für Wasserstoff sollten stark genug sind, um einen „echten Start“ darzustellen. Allerdings ist es noch zu früh, um zu bestimmen, welche Unternehmen sich in diesem Sektor hervorheben werden und welche Art von Rendite sie bieten können.

Aktuelle Top-Positionen im Bereich Erneuerbarer Energien
IMCD (6,1 % des DNB Fund Renewable Energy) ist Vertreiber von Spezialchemikalien und Lebensmittelzutaten, die umweltfreundlichere Inputs und Produkte für seine Kunden und deren Kunden ermöglichen. Das Unternehmen verfügt über eine einzigartige Wettbewerbsposition, die es weiterhin nutzt, indem es seine geografische Reichweite und sein Angebot durch sowohl organische als auch anorganische Initiativen ausweitet. Dies spiegelt sich unserer Ansicht nach nicht vollständig in der Bewertung wider.

Vestas (5,4 % des Investmentfonds) mit Sitz im dänischen Aarhus ist als Weltmarktführer bei Onshore-Windturbinen stark positioniert, um vom Wachstum der Offshore-Windenergie zu profitieren. Das Unternehmen senkt nachweislich die Kosten durch technologische Innovation und Optimierung der Lieferkette. Konsolidierte Branche mit einem hohen Anteil an wiederkehrenden Serviceeinnahmen mit langfristig hohen Margen.

Sunrun (5,8 % des Investmentfonds) ist führender Anbieter von Solarenergie für Wohnhäuser und Batterien in den USA. Sunrun hat das Geschäftsmodell „Residential Solar as a Service“ erfunden, das es Haushalten ermöglicht, ohne Investitionen auf Solarenergie umzusteigen und ihre Stromkosten zu senken.

Darling Ingredients (4,9 % des Fonds) aus Irving im US-Bundesstaat Texas ist das größte börsennotierte Unternehmen im Segment der Umwandlung von Lebensmittelabfällen in nachhaltige Produkte und einer der führenden Hersteller von erneuerbarem Diesel. Angesichts der Entwicklung der Industrie für erneuerbare Kraftstoffe sind wir der Ansicht, dass Darling Ingredients gut positioniert ist, da das Unternehmen derzeit 10 bis 15 Prozent der Abfälle der globalen Fleischindustrie in Kraftstoffzutaten und andere Mehrwertprodukte wie Kollagen, Düngemittel und Futtermittelzutaten umwandelt.

Foto: AdobeStock / Studio East

 

 

Die Türkei als antizyklische Beimischung

Fallende Inflationsraten klaren die Sicht am Bosporus auf.

Roman Steinbauer. Der Finanzmarkt beurteilte das Ergebnis der Stichwahl um das Präsidentenamt in der Türkei wesentlich positiver als es die politische Berichterstattung vermuten ließ. Seit Ende des Wahlergebnisses zog der Istanbuler ISE 100-Index (ISIN: TRAIMKB00010) um 14 % auf 5.600 Punkte an.

Der Schub für türkische Aktien erscheint in einigen Aspekten schlüssig. Die in Dubai ansässige Tageszeitung Gulf News bestätigte in der Vorwoche, der neue türkische Außenminister, Hakan Fidan, strebe eine Verbesserung der Beziehungen zu vielen arabischen Ländern an. Da es sich unter anderem um gewichtige Länder wie Saudi-Arabien und den Iran handelt, eröffnen sich wirtschaftliche Perspektiven. Die EU selbst wiederum wird mit der Türkei als Handelsbrücke zwischen Europa und Asien (abseits einer fehlenden Beitrittsperspektive) über bilaterale Handelsabkommen weiterhin versuchen, Vorteile zu erzielen.

Positive Wende an Indikatoren ablesbar
Die Datenlage des Landes (das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt lediglich 31,5 Jahre) verbessert sich zusehends. So kletterten nach Angaben des Turkish Statistical Institute (TURKSTAT) die Konsumentenpreise im Mai zum Vorjahresmonat um 41 %, während für Feber noch 55 % ausgewiesen wurden. Auf Monatsbasis zog die Teuerung noch um 0,65 % an, womit ein Erreichen eines einstelligen Niveaus in 2024 in Reichweite erscheint. Ebenso ermäßigten sich die Erzeugerpreise auf 41 %. War der Preisauftrieb im Service-Sektor im April auf Jahresbasis mit +72 % noch enorm, zeigt die Monatsbasis mit +3,9 % eine deutlich abflauende Tendenz. Das Konsumentenvertrauen markierte bereits im Juli 2022 mit 63 Punkten seinen Tiefstand. Dieser kletterte im Vormonat mit 93 Zählern immer-hin auf den höchsten Stand seit Dezember 2012. Zudem stieg im April die Kapazitätsauslastung der Industrie mit 75 % den dritten Monat in Folge und übersprang somit das Durchschnittsniveau der vergangenen 15 Jahre. Im Branchenfilter sticht die Expansion der Fischproduktion hervor, die selbst im Krisenjahr 2022 die Absätze um 6,2 % auf 849.000 t ausweitete.

Schwach zeigt sich weiterhin die türkische Lira (TRY) die binnen eines Monats 17 % auf 25 TRY per Euro abgab. Dadurch ergaben sich (trotz der jüngsten Kursanstiege an der Istanbuler Börse) Verluste für Euro-Anleger. Dies betrifft die Kreditinstitute Akbank (TRAAKBNK91N6), die Vakif Bank (US90015N1037), aber auch Karsan Automotive (TRAKARSN91H7), den Mobilfunkbetreiber Turkcell (US9001112047), das Bauunternehmen Enka Insaat (TRETTRK00010) oder den Getränkehersteller Anadolu Efes (US0325232017). Die Valoren des Industrie-Konglomerats KOC Holding (US49989A1097; steht für 9,5 % des türkischen Exportvolumens) liegen heuer in harter Währung hingegen im Plus. Der arbeitsintensiven Exportindustrie verschafft die Lira-Schwäche auch am ehesten Kostenvorteile.

Kleine Auswahl für den Gesamtmarkt
Abseits der ADR-Notizen in den USA oder in Europa bietet sich der Erwerb einiger gemanagter Produkte auf den türkischen Aktienmarkt an. Unter anderem offeriert die RBI den „Türkei Value Basket“ (RCB000000336). Auffällig hierzu ist die mit Abstand höchste Gewichtung der Ford Otomotiv Sanaji mit 29 %. BlackRock Asset Management offeriert mit dem „iShares MSCI Turkey UCITS“ (IE00B1FZS574; Basiswährung ist der US-Dollar) einen in Irland domizilierten ETF. Die beinhaltenden Aktien bilden die Industrie zu 31 %, den Finanzsektor zu 21 %, Rohstoffe zu 19 % und Konsumgüter zu 15 % ab. 99,9 % des Fondsvolumens von 100 Mio€ sind derzeit investiert. Über die HSBC ist hingegen der „MSCI Turkey ETF“ (IE00B5BRQB73) zu erwerben, in dem der Banksektor mit 20 % dominiert.

Foto: Pixabay / Alpcem

 

 

Wasserstofftechnologie hängt noch zu stark von Politik und Energiepreisen ab

Ein Marktkommentar von Christian Rom, Portfoliomanager DNB Fund Renewable Energy bei DNB Asset Management.

(06.06.) Energiesicherheit und Erneuerbare Energie stehen im Blickfeld vieler Investoren. Dabei hat sich die Kostenwettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Technologien in den letzten Jahren aufgrund ihrer Lernkurven stetig verbessert, was das Thema Elektrifizierung und die damit verbundene politische Unterstützung vorangetrieben hat. Die Turbulenzen an den Energiemärkten nach der Energiekrise haben ihre relative Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu fossilen Brennstoffen nur noch weiter verbessert.

Wasserstoff könnte bei der Dekarbonisierung schwieriger Sektoren wie der energieintensiven Industrie (Zement und Stahl), der Schifffahrt und dem Schwerlastverkehr eine Rolle spielen. Allerdings ist die Effizienz der Technologie gering und befindet sich in einem frühen Stadium ihrer Entwicklungskurve und hängt daher von billiger erneuerbarer Energie und politischer Unterstützung ab. Der Wasserstoff- und Brennstoffzellensektor hat bereits Fehlstarts erlebt, aber der von der Emissionspolitik ausgehende Impuls sowie die angekündigten Pläne für Wasserstoff sollten stark genug sind, um einen “echten Start” darzustellen. Allerdings ist es noch zu früh, um zu bestimmen, welche Unternehmen sich in diesem Sektor hervorheben werden und welche Art von Rendite sie bieten können.

Aktuelle Top-Positionen im Bereich Erneuerbarer Energien
IMCD (6,1 % des Fonds) ist Vertreiber von Spezialchemikalien und Lebensmittelzutaten, die umweltfreundlichere Inputs und Produkte für seine Kunden und deren Kunden ermöglichen. Das Unternehmen verfügt über eine einzigartige Wettbewerbsposition, die es weiterhin nutzt, indem es seine geografische Reichweite und sein Angebot durch sowohl organische als auch anorganische Initiativen ausweitet. Dies spiegelt sich unserer Ansicht nach nicht vollständig in der Bewertung wider.

Vestas (5,4 % des Fonds) ist als Weltmarktführer bei Onshore-Windturbinen stark positioniert, um vom Wachstum der Offshore-Windenergie zu profitieren. Das Unternehmen senkt nachweislich die Kosten durch technologische Innovation und Optimierung der Lieferkette. Konsolidierte Branche mit einem hohen Anteil an wiederkehrenden Serviceeinnahmen mit langfristig hohen Margen.

Sunrun (5,8 % des Fonds) ist führender Anbieter von Solarenergie für Wohnhäuser und Batterien in den USA. Sunrun hat das Geschäftsmodell “Residential Solar as a Service” erfunden, das es Haushalten ermöglicht, ohne Investitionen auf Solarenergie umzusteigen und ihre Stromkosten zu senken.

Darling Ingredients (4,9 % des Fonds) ist das größte börsennotierte Unternehmen im Segment der Umwandlung von Lebensmittelabfällen in nachhaltige Produkte und einer der führenden Hersteller von erneuerbarem Diesel. Angesichts der Entwicklung der Industrie für erneuerbare Kraftstoffe sind wir der Ansicht, dass Darling gut positioniert ist, da das Unternehmen derzeit 10-15 % der Abfälle der globalen Fleischindustrie in Kraftstoffzutaten und andere Mehrwertprodukte wie Kollagen, Düngemittel und Futtermittelzutaten umwandelt.

Tech-Riesen als Anlagefalle?

Übertriebene Bewertungen erhöhen das Risiko für Investoren enorm.

Roman Steinbauer. Steigende Aktienindizes des US-Technologiesektors deuten erneut auf einen breiten Anstieg des offensiven Anlagesegments. Bei einer Betrachtung der Einzelwerte wird klar: Wenige, aber vor allem die prominentesten Tech-Aktien zogen zuletzt den Nasdaq 100, den Nasdaq Composite (beinhaltet 3.000 Einzelwerte) sowie den relativ technologielastigen S&P-500-Index teils bis auf 11 % an die Rekordstände des November 2021 heran. Obwohl hohe Zinsen dem Segment grundsätzlich zuwiderlaufen, feuerten starke Quartalszahlen oder vielversprechende Prognosen von Apple (ISIN: US0378331005), Alphabet (US02079K1079), Microsoft (US5949181045), Amazon (US0231351067), Meta (US30303M1027) oder Oracle (US68389X1054) die Kursanstiege an. Aber auch Veröffentlichungen über Entwicklungserfolge durch die gewichtigsten Gesellschaften bereiteten die Zutaten der jüngsten Aktienhausse. So spitzt sich der Wettlauf um die Vorstellung leistungsstarker Datenbrillen zwischen dem Meta- und dem Apple-Konzern zu.

Seit Jahresbeginn zogen die Kurse von Apple um 40 % auf das Allzeit-Hoch von 180 USD, jene von Microsoft um 42 % auf 332 USD empor. Einer Rekordbewertung strebten zudem die Notizen der Oracle mit +26 % entgegen, während Alphabet mit +24 % weit überdurchschnittlich kletterte. Zwar befinden sich Papiere von Amazon noch 30 % unter dem Top von 123 USD, dennoch machten sie seit Jahresbeginn 42 % an Terrain gut. Am spektakulärsten stiegen unter den Schwergewichten aber seit 1. Jänner die Wertpapiere der Nvidia Corp. (US67066G1040) mit +170 %. Damit verdrängte die Gesellschaft aus Santa Clara mit einer Marktkapitalisierung von derzeit 934 MrdUSD (869 Mrd. Euro) unter den gesuchtesten Anlagefavoriten der obersten Riege den Media-Streaming-Vorreiter Netflix (umgerechnet 167 Mrd. Euro Marktwert) aus dem führenden halben Dutzend. Innerhalb weniger Wochen wurde Nvidia als Entwickler von Grafikprozessoren unter Investoren als bevorzugter Auftragsgewinner von Investitionen in die KI-Technologie definiert. So bezog sich der Nachrichtendienst Reuters in der Vorwoche auf Daten des Investment-Research-Hauses Vanda, wonach im Mai Individual-Anleger 28 Millionen Stück Nvidia-Aktien handelten und das Unternehmen in dieser Hinsicht bereits an vierter Stelle liegt. Davon unbeeindruckt, legte die Bewertung von Netflix auch um ein Drittel zu. Der Großteil an Aktien untergeordneter Ränge im Tech-Universum konnte sich diesen rasanten Anstiegen keineswegs anschließen.

Wenn auch am Beispiel des jüngsten Börsenstars Nvidia seitens diverser Investmentbanken Kurszielwerte bis zu 500 USD pro Aktie genannt wurden (JP MorganChase, Barclays Capital), erinnern relevante Bewertungsparameter an Zeiten höchster Auswüchse. Selbst ein eintreffendes jährlich hohes zweistelliges Wachstum würde einen langen Bestand erfordern, um die Verhältnisse zu rechtfertigen: Preis/Umsatz: 36, Preis/Cashflow: 76, Preis/Buchwert: 38, KGV 206. Dan Suzuki, Investment-Chef bei Richard Bernstein Advisors, äußerte sich in der Vorwoche im US-Nachrichtenkanal CNBC so: „Die Übertreibungen der Bewertungen erhöhen das Risiko enorm.“ Amy Wu Silverman, Managing Director bei RBC Capital Markets, zeigte sich gegenüber Bloomberg ebenso skeptisch: „Wer noch kaum investiert ist, sollte vorsichtig sein, jetzt noch aufzuspringen.“ Die laufende Rallye im Dunstkreis von KI übertünche zudem ungezügelte, heftige Rotationsprozesse in den Anlageklassen.

Foto: AdobeStock / Flexmedia

 

 

Medikamente mit enormem Potenzial

Adipositas betrifft breite Bevölkerungsschichten. Lösungen sind in Sicht.

Red/ks. Präparate bzw. der Kampf gegen die Fettleibigkeit sind zuletzt in den Mittelpunkt gerückt. Adipositas ist ein Thema, das weltweit leider breite Bevölkerungsschichten betrifft, wo sich aber auf der Medikamenten-Seite Lösungen abzeichnen.

Experten gehen davon aus, dass in diesem Zusammenhang ein Milliardenmarkt im Entstehen ist. Der Börsen-Kurier sprach dazu mit Terence McManus, er ist Lead Portfoliomanager des „Bellevue Diversified Healthcare“ (ISIN: LU2441707499).

Börsen-Kurier: In den Medien wurde dem Adipositas-Medikament Wegovy viel Aufmerksamkeit zuteil. Welches Potenzial hat das Präparat?
Terence McManus: Wir rechnen damit, dass sich der Markt für Medikamente gegen Fettleibigkeit zu einem der bedeutendsten im medizinischen Bereich entwickeln wird. Vor zwei Jahren hatte er ein Volumen von nur ein oder zwei Milliarden US-Dollar, aber die Lancierung von Novo Nordisks GLP-1-Rezeptoragonisten Wegovy hat sich als entscheidender Impulsgeber erwiesen. Wegovy erfüllt in Sachen Wirksamkeit inzwischen die Erwartungen der Patienten und punktet durch geringe Nebenwirkungen. Der Konsens räumt dieser Wirkstoffklasse allein im Bereich Adipositas einen Spitzenumsatz von mindestens 30 MrdUSD ein.

Börsen-Kurier: Warum nimmt dieser Markt so plötzlich Fahrt auf?
McManus: In den USA haben die unterschiedlichen Akteure mittlerweile anerkannt, dass Adipositas eine ernst zu nehmende Krankheit darstellt und als solche behandelt werden muss. Daher findet der Markt inzwischen ideale Rahmenbedingungen vor: Die Kosten für Adipositas-Medikamente werden (teilweise) erstattet, Ärzte sprechen sich für diese Präparate aus, es herrscht Nachfrage auf Patientenseite und seit kurzem ist ein wirksames Mittel erhältlich. Die positiven Auswirkungen dieser Medikamente auf die langfristigen Kosten im Gesundheitswesen sind ausreichend bekannt, auch wenn noch umstritten ist, ab welchem Grad der Erkrankung ein positiver pharmaökonomischer Nutzen erzielt wird.

Börsen-Kurier: Welchen Patienten werden die Kosten für Adipositas-Medikamente erstattet?
McManus: In den USA wird ein großer Teil der privaten Krankenversicherungen die Kosten für die Behandlung mit Wegovy voraussichtlich übernehmen. In einigen Fällen sogar bereits ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 27, sofern eine Komorbidität vorliegt, wie beispielsweise die Erkrankung an Bluthochdruck. Dabei handelt es sich um einen sehr niedrigen Schwellenwert, denn per Definition gilt ein Patient mit einem solchen BMI nicht als fettleibig! In Europa zeigt sich ein uneinheitlicheres Bild. So erstattet derzeit nur etwa die Hälfte der größten europäischen Länder die Kosten, macht aber einen höheren BMI als in den USA geltend.

Börsen-Kurier: Wegovy ist ein GLP-1-Rezeptoragonist, eine Wirkstoffklasse zur Behandlung von Diabetes. Wie sehen Sie die Zukunft dieser Wirkstoffklasse?
McManus: Nach unserem Dafürhalten werden sich GLP-1-Rezept-oragonisten zu einer der bislang größten Wirkstoffklassen entwickeln angesichts der Vielzahl möglicher Krankheiten, deren Behandlung von einem Eingriff in den Stoffwechsel profitieren könnte. Beim Spitzenumsatz könnte die Wirkstoffklasse monoklonalen PD-1-Antikörpern bei Krebsleiden oder Anti-TNFs bei Autoimmunerkrankungen den Rang streitig machen. Zur Behandlung von Diabetes werden GLP-1-Rezeptoragonisten bereits seit geraumer Zeit eingesetzt, wobei der Behandlungsalgorithmus seitdem weiterentwickelt wurde. Es ist bekannt, dass GLP-1-Rezeptoragonisten bei Diabetikern zu Gewichtsverlust und zur Verringerung kardiovaskulärer Ereignisse beitragen. Wir erwarten weiteren medizinischen Nutzen wie etwa positive Wirkungen bei Nierenerkrankungen oder Fettleber.

Börsen-Kurier: Welcher wichtige Impulsgeber steht bei Adipositas-Mitteln als nächster an?
McManus: Als bedeutender Katalysator steht zur Jahresmitte die Veröffentlichung der Ergebnisse der klinischen Studie „SELECT“ zu Wegovy an, die den kardiovaskulären Nutzen des Medikaments für die adipöse Patientenpopulation ohne Diabetes untersucht. Fallen die Resultate positiv aus, spräche dies für eine Kostenerstattung des Präparats in den USA und Europa. Dies wiederum würde sich klar positiv auf die Bewertung von Novo Nordisk auswirken. Eli Lilly vertreibt bereits ein GLP-1-Medikament gegen Diabetes und lanciert das Präparat zum Jahresende auch für den Einsatz bei starkem Übergewicht, was den Adipositas-Markt weiter ankurbeln wird.

Börsen-Kurier: Gibt es neben Novo Nordisk und Eli Lilly andere nennenswerte Marktakteure?
McManus: Beide Unternehmen investieren intensiv in dieses Indikationsgebiet und arbeiten an der Entwicklung oraler Formulierungen und diverser Kombinationstherapien. Abgesehen von diesen beiden Platzhirschen hat Amgen vor Kurzem vielversprechende, frühe Studiendaten vorgelegt. Pfizer verfügt über zwei Wirkstoffe in der mittleren klinischen Entwicklung und Novartis forscht an der Entwicklung eines Mechanismus, der dem Fettabbau dient und den Verlust von Muskelmasse verhindern soll. Diese Konkurrenten hinken jedoch viele Jahre hinter Novo Nordisk und Eli Lilly hinterher.

Börsen-Kurier: Novo Nordisk oder Eli Lilly? Welche Aktie hat mehr Potenzial?
McManus: Uns gefallen beide Titel, aber wir setzen gegenwärtig stärker auf Novo Nordisk. Novo Nordisk ist die Nummer 1 bei Diabetes und Adipositas, während Eli Lilly deutlich breiter aufgestellt ist. Es stehen zudem Ergebnisse einer anderen Studie von Eli Lilly an, die mit großen kursrelevanten Unsicherheiten nach oben oder unten behaftet sind, also ein so genanntes „Binary-Event“. Da wir stärker an einem reinen Adipositas-Engagement interessiert sind, bevorzugen wir Novo Nordisk.

Foto: AdobeStock / New Africa

 

 

Kryptowährungen zeigen Resilienz

Die größte Digitalwährung, der Bitcoin, liegt seit Jahresbeginn mit rund 60 % im Plus.

Patrick Baldia. Das Jahr 2022 werden Krypto-Anleger vermutlich nicht in allzu guter Erinnerung haben, sofern sie es nicht bereits verdrängt haben. Allein der Wert des Bitcoins ist um rund 65 % zurückgegangen. Aber angesichts von Entwicklungen wie den Zinserhöhungen der US-Fed, dem Zusammenbruch des Blockchain-Projekts Terra-Luna oder des FTX-Skandals ist das auch nicht völlig überraschend. Adrian Fritz, Senior Research Associate beim Schweizer Krypto-Experten 21Shares, erinnert gegenüber dem Börsen-Kurier daran, dass 2022 auch für traditionelle, zu 60 % aus Aktien und zu 40 % aus Anleihen bestehende Portfolios eines der schlechtesten Jahre über-haupt gewesen sei.

„An der Entwicklung des aus Assets, Unternehmen und der zugrundeliegenden Technologie bestehenden Krypto-Marktes ist ersichtlich geworden: Die Resilienz gegenüber Bärenmärkten ist vorhanden“, meint Fritz und verweist auf das Kursplus des Bitcoins von etwas mehr als 60 % seit Jahresbeginn. Neben der Kursentwicklung seit Jahresbeginn sei das auch an anderen Kennzahlen ersichtlich, die das siebenköpfige Research-Team bei 21Shares für die Analyse nutze und die auf ein positives bzw. besseres Marktsentiment deuten würden. Bis zum kommenden Jahr sei jedenfalls mit einer Seitwärtsbewegung des Bitcoins – ohne Tief und neues Hoch – zu rechnen.

Wie lässt sich die Resilienz des breiten Krypto-Marktes vor allem im Krisenmonat März, für den ein Plus von 20 % zu Buche steht, erklären? „Das rasche Eingreifen staatlicher Instanzen war sicher hilfreich“, meint Manuel Schleifer, Finanzmarktstratege bei Raiffeisen Research. „Der Hauptfaktor ist aber, den wir zuletzt immer wieder betont haben: die hohe Korrelation zum US-Tech-Aktiensektor.“ Diese sei wiederum das Resultat der Zinssensitivität. Denn ähnlich wie an der Nasdaq sei auch der Höhenflug diverser Kryptos der jahrelangen Niedrigzinspolitik geschuldet gewesen.

Da der Bitcoin meist in US-Dollar notiert, ist für Schleifer auch eine Gemeinsamkeit nicht abzustreiten. So würden Daten einen inversen Verlauf der Kurse zeigen. „Während der US-Dollar im Herbst sein Hoch gegenüber dem Euro markierte, bildete der Bitcoin sein Tief aus“, sagt der Analyst, um hinzuzufügen: „Die Hoffnung auf baldige Leitzinssenkungen in den USA und das weitere beherzte Vorgehen der EZB setzte dem Dollarhöhenflug aber ein Ende – mit dementsprechenden Folgen für den Krypto-Markt.“

Ziel: Umtausch in Fiat-Geld
Wie sehr der Wert des Bitcoins von einer Fiat-Währung (Anm. Fiat-Geld ist ein Wirtschaftsobjekt ohne inneren Wert, das als Tauschmittel dient; Quelle: Wikipedia) bestimmt wird und damit vom etablierten Finanzsystem abhängig ist, ist für Schleifer an Ironie kaum zu überbieten. „Seien es die klassischen Finanzintermediäre, der Staat oder das Geldsystem selbst – die Einflüsse und Abhängigkeiten sind offensichtlich und allgegenwärtig“, hält Schleifer fest. Ein in sich geschlossener Kreislauf, in den beispiels-weise Bitcoin-Maximalisten untereinander agieren, Transaktionen tätigen, Güter und Dienstleistungen mit Bitcoin bezahlen, würde für eine weitgehende Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen wie der Geldpolitik sorgen, meint er weiter. Nachsatz: „In der Regel wird am Ende des Tages stets ein Umtausch von Kryptos in Fiatgeld angestrebt.“

Für all jene, die nicht auf dem „klassischen Weg“ in die Welt der Kryptoassets investieren möchten, könnten einschlägige ETPs (für „Exchange Traded Products“, Anm.) eine Option darstellen. Dabei handelt es sich um passiv gemanagte börsengehandelte Wertpapiere wie ETFs, ETCs (für „Exchange Traded Commodities“, Anm.) und ETNs (Exchange Traded Notes). „Anders als klassische börsengehandelte Schuldverschreibungen sind ETCs – die in der Schweiz paradoxerweise ETPs genannt werden – vollständig besichert und verfügen über ein stark reduziertes Gegenparteirisiko“, erklärt uns Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei 21Shares. Selbst im Falle eines Zahlungsausfalls hätten Anleger vorrangige Ansprüche auf das Vermögen in Krypto-ETPs.

Ein paar Beispiele für ETPs aus dem Haus 21Shares: Mit dem „21Shares Bitcoin ETP“ (ISIN: CH0454664001) können die Anlageergebnisse der größten Kryptowährung verfolgt werden. Als Inflationsschutz ist der „21Shares Bytetree BOLD ETP“ (CH1146882308) gedacht. Dieser bildet einen Index aus Bitcoin und Gold ab, der monatlich, entsprechend der inversen historischen Volatilität der einzelnen Vermögenswerte neu ausgerichtet wird. Der 21Shares Bitcoin Core ETP (CH1199067674) zielt wiederum darauf ab, ein Investment in Bitcoin zu ermöglichen.

Aufgrund der hohen Volatilität bei Kryptowährungen sollten Anleger das Risiko von Kursverlusten beachten.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

Warum der nächste Wirtschaftsaufschwung stärker ausfallen könnte als erwartet

Eine Einschätzung von USA-Experte Jared Franz von der Capital Group.

(31.05.) Seit Monaten beschäftigt die Anleger die Frage nach einer Rezession, wie stark diese ausfallen wird und was danach kommen könnte. Jared Franz, US-Wirtschafts-Experte bei Capital Group, ist der Meinung, dass es, trotz gewisser Risiken, viele Gründe für einen Aufschwung gibt, der stärker ausfallen könnte als in vorherigen Zyklen.

„Ich glaube, dass wir uns bereits am Rande einer Rezession befinden“, erläutert Franz. „Und da die Inflation immer noch über dem 2 %-Ziel der Fed liegt und die Arbeitsmärkte angespannt sind, hat die Zentralbank noch einiges zu tun. In Anbetracht der jüngsten Turbulenzen im Bankensektor dürfte die Fed derzeit ihre Zinserhöhungspläne zurückhalten, aber ich glaube, dass sie die Zinsen so lange anheben wird, bis sich die Inflation weiter verlangsamt.“

Franz erwartet einen Rückgang des US-Amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,0 %, was als „milde“ Rezession gelten würde. Das wäre wesentlich weniger als der Rückgang von 4,5 %, den die Anleger während der globalen Finanzkrise von 2007 bis 2009 erlebten, und käme einer herkömmlichen Rezession näher. Damit sollen die Auswirkungen der Rezession auf den Einzelnen nicht kleingeredet werden, betont der Experte: „Rezessionen, und seien sie noch so mild, können schmerzhaft sein.“

Ein weiterer Risikofaktor sei der schwächelnde US-Immobilienmarkt. Die Verkäufe seien im März zurückgegangen, was den zweiten Monat in Folge zu einem Rückgang der Immobilienpreise geführt habe. Franz rechnet jedoch damit, dass die Preise noch einmal um 10 % sinken und sich dann wieder erholen werden. Dies könne dazu beitragen, die Verschlechterung der Bilanzen der privaten Haushalte zu begrenzen, was das Vertrauen der Verbraucher stärken könnte.

Basis für starke Erholung gegeben
„Wenn wir einen solchen Aufschwung erleben sollten, gibt es meiner Meinung nach zwei Gründe, warum er stärker ausfallen wird als frühere Zyklen“, so Franz. Erstens bestehe möglicherweise kein Bedarf an einem groß angelegten Schuldenabbau wie bei der Finanzkrise. Da so viele Unternehmen mit einer Konjunkturschwäche gerechnet hätten, seien bereits Maßnahmen ergriffen und Aufträge aufgeschoben worden, um Überschüsse aus der Wirtschaft herauszuarbeiten. Zweitens sei der US-Verbrauchersektor im Vergleich zu früheren Zyklen stark. Gesunde Arbeitsmärkte, Lohnzuwächse und das Vermögen der privaten Haushalte dürften wichtige Katalysatoren für eine robustere Erholung sein.

„Ich rechne außerdem damit, dass eine moderatere Inflation die Stärke der Verbraucher weiter unterstützen wird“, so Franz. „Es wird zwar einige Zeit dauern, bis die Fed die Inflation auf ihr Ziel von 2,0 % gesenkt hat, aber ich glaube, dass sie sich in der Nähe von 3,0 % einpendeln wird.“ Akademische Studien hätten gezeigt, dass die Verbraucherausgaben von einer Inflation um die 3,0 % tendenziell nicht wesentlich beeinflusst würden. Eine eingedämmte Inflation würde wahrscheinlich das Vertrauen der Verbraucher stärken. Zudem erwartet Franz, dass sich die Inflation bis 2025 auf 2,0 % bis 2,5 % zubewegen wird.

„Ich gehe auch davon aus, dass wir nach der Rezession eine stärkere Wohnungsnachfrage erleben werden“, sagt der Experte. „Der demografische Wandel und die steigende Zahl der Haushaltsgründungen lassen eine Erholung der Wohnungsnachfrage erwarten. Die Beliebtheit der Telearbeit dürfte die Nachfrage nach Wohnraum in Vorstädten, in Gebieten außerhalb der Vorstädte und in Städten der zweiten Reihe ebenfalls ankurbeln.“

Was bedeutet das für die Anleger?
Solide Fundamentaldaten des Arbeitsmarktes, die Bilanzen der privaten Haushalte und eine nachlassende Inflation könnten zu einem Wachstum von 3,0 % im US-Verbrauchersektor führen. Dies sei wichtig, da die Verbraucher etwa 67 % der US-Wirtschaft ausmachen würden. „Es ist wichtig zu betonen, dass eine Rezession zu einem gewissen Rückgang auf dem Arbeitsmarkt führen wird, aber ich erwarte, dass sich der Arbeitsmarkt erholen wird“, resümiert Franz.

Starke Löhne und ein hohes Verbrauchervertrauen könnten außerdem die Verbraucherausgaben ankurbeln, was wiederum zu einem Aufschwung in einer Reihe von Branchen führen könne, auch im Reise- und Freizeitsektor. Darüber hinaus könne eine Erholung des Wohnungsmarktes nicht nur den Bauausgaben, sondern auch den Ausgaben für andere langlebige Güter wie Haushaltsgeräte Rückenwind verleihen.

In der Vergangenheit habe der Aktienmarkt dazu geneigt, Erholungen vorwegzunehmen und sich vor jeder Konjunkturwende zu erholen.

Ein goldenes Zeitalter

Das begehrte Edelmetall könnte auf 4.800 US-Dollar klettern.

Harald Kolerus. Er wird von „Rohstoff-Bullen“ heiß ersehnt, ist mehr als 400 Seiten stark, erscheint in Deutsch, Englisch, Spanisch und bald auch Chinesisch: Der „In Gold We Trust-Report“ vom liechtensteinischen Vermögensverwalter Incrementum AG. Jetzt wurde er wieder publiziert – mittlerweile zum 17. Mal. Die beiden Autoren und Incrementum-Fondsmanager Ronald-Peter Stöferle und Mark J. Valek präsentierten das schwergewichtige Paper. Es findet übrigens knapp 2 Mio Leser und steht kostenlos zum Download bereit (ingoldwetrust.report).

Inflation stützt Gold
Auf den Punkt gebracht, zeigen sich die Experten optimistisch für Gold, was vielfältige Gründe hat. Ein Argument ist die hohe Inflation, mit richtiger Entspannung wird an dieser Front nicht gerechnet. Auch wenn die Teuerungsraten in den USA und der Eurozone zuletzt gefallen sind, gehen die Autoren davon aus, dass eine weitere Inflationswelle folgen wird (wenn nicht sogar mehrere). Viele Faktoren seien dafür verantwortlich, z. B. demographische Entwicklungen, aber auch der verstärkte Fokus auf die Fiskalpolitik. Stöferle: „Die Geldpolitik tritt in den Hintergrund, zu Gunsten fiskalischer Maßnahmen. Regierungen gefallen sich in der Rolle, kräftig zu spendieren.“ Das treibt natürlich inflationäre Tendenzen an, recht beachtliche Lohnabschlüsse tragen eben-falls ihr Scherflein bei. Dann hätten wir noch das Phänomen der „Greenflation“, also der Tatsache, dass die grüne Energiewende und der Umstieg auf nachhaltiges Wirtschaften gut, aber eben auch teuer sind. Des Weiteren nimmt die De-Globalisierung zu, bzw. wird der Globalisierungsprozess zumindest gehemmt. Soll heißen: Nationaler Protektionismus wird forciert, Handelsbeschränkungen werden aufgebaut, produziert wird möglichst nahe, und nicht dort, wo es am billigsten ist. Zu schlechter Letzt kommen noch der Ukraine-Krieg und weltpolitische Spannungen ins Spiel. Im Report heißt es dazu: „De-Globalisierung und weltweite Aufrüstung sprechen für ein strukturell – und nicht bloß vorübergehend – inflationäres Umfeld mit hoher Volatilität der Teuerungsraten.“

Rezession: Wie das Amen im Gebet
Was den Verbraucher schmerzt, ist aber gut für Gold-Liebhaber, denn das Edelmetall gilt als klassischer Inflationsschutz und Krisenwährung. Apropos Krisen: Die Incrementum-Experten gehen von einem Abrutschen in die Rezession in den kommenden zwölf Monaten aus, das komme „so sicher wie das Amen im Gebet“, zeigte sich Stöferle vor allem mit Blick in Richtung USA überzeugt. Er wies in diesem Zusammenhang auf die hohe Verschuldungsrate in den Vereinigten Staaten hin, und zwar bei Konsumenten, Unternehmen und der öffentlichen Hand. Die harsche Zinssituation würde die „gehebelte Volkswirtschaft“ unter Druck setzen und in einem Wirtschaftsabschwung enden. Wobei Ökonomen zwischen einer harten und milden Rezession unterscheiden – der Börsen-Kurier wollte wissen, welche Form die wahrscheinlichere sei? Darauf antwortete Valek: „Es ist schwierig zu quantifizieren, ob es zu einem Hard- oder Soft-Landing kommen wird. Unsere Einschätzungen liegen aber im Bereich einer harten Landung.“ Stöferle bestätigte und hält einen stark spürbaren Wirtschaftsabschwung zumindest in den USA für sehr wahrscheinlich: „Natürlich wünscht sich jeder eine milde Rezession, und dass danach alles schnell wieder in die Höhe geht, so wird eine harte Landung auch von Analysten nicht eingepreist. Indikatoren wie die Arbeitsmarktdaten und der Leading Economic Index (LEI) sprechen allerdings für eine tiefe Rezession.“ Anmerkung: Der LEI wird vom unabhängigen Forschungsverband Conference Board erstellt und hat seit 1968 jede Rezession verlässlich vorhergesagt …

Der Profiteur
Geopolitische Spannungen, kein Teuerungsstopp und dann auch noch Rezession – kein behaglicher Ausblick. Aber auch schlechte Nachricht bergen oft Gutes: Gold erweist sich nämlich gerade in Zeiten wirtschaftlicher Abschwünge als Renditebringer. Stöferle und Valek haben sich intensiv mit der Performance unterschiedlicher Asset-Klassen während einer Rezession auseinandergesetzt, dafür erfolgte die Unterteilung in fünf Phasen. Die Auswertung für Gold, Silber, Aktien allgemein, Rohstoffe und Minenaktien zeigt, dass sich Gold mit einer durchschnittlichen Performance von 10,6 %, während dem gesamten Rezessionszeitraum am besten als Hedge eignet. Allerdings muss man differenzieren: Während in den Phasen 1 und 2 die Performance von Gold mit 10,9 und 5,7 % sehr positiv ist, fällt sie in den späteren Phasen mit Werten jeweils unter 3 % deutlich schwächer aus. Ergo: Der Zeitpunkt erscheint jetzt nicht als der Schlechteste, um Goldbestände aufzubauen. Obwohl das richtige Market-Timing kaum zu erwischen ist, sind regel-mäßige Zukäufe wohl die sinnvollere und zugleich weniger nervenaufreibende Vari-ante.

Glänzender Ausblick
Jedenfalls zeigen sich die Experten weiter optimistisch; Valek: „Wir bestätigen unser langfristiges Goldpreisziel, es liegt im Basisszenario am Ende der Dekade bei 4.800 USD. Das würde einer Rendite von 12,5 % pro Jahr entsprechen.“ Diese Vorgabe erscheine laut dem Fondsmanager „mehr als realistisch“, vor allem wenn man im Hinterkopf behalte, dass in den 2000er-Jahren die annualisierte Rendite bei knapp 14,5 % lag.

Aber auch kurzfristiger gesehen sollte Gold anziehen: Die Spezialisten gehen davon aus, dass das Edelmetall schon bald auch auf Dollar-Basis sein All-Time-High knacken könnte. „Jetzt schon wurde immer wieder mit den Höchstständen geflirtet“, so Stöferle. Die Prognose lautet: 2.180 USD Ende des heurigen dritten Quartals und 2.500 USD bis zum dritten Quartal 2024. Zur Verdeutlichung: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Gold-Reports hielt das Edelmetall bei 1.960 USD pro Feinunze. Gehen die Prognosen auf, könnte man sich aus heutiger Sicht also über einen Zugewinn von rund 11 bzw. 27 % freuen.

Interessant: Minenaktien
Im Report wurden aber auch andere Anlagemöglichkeiten durchgecheckt: Keine schlechten Karten hätten demnach langfristig Minengesellschaften, denn diese haben in den vergangenen zehn Jahren viel zu wenig investiert, es besteht Nachholbedarf. Und die Tatsache, dass die Branche über die höchsten Barmittelbestände seit Beginn der Aufzeichnungen verfügt, sowie Schulden abgebaut hat, schreit nahezu nach Fusionen und Übernahmen.

Fazit
Investments rund um Gold haben laut der sehr umfassenden Analyse einiges zu bieten, aber natürlich ist es nicht ratsam, alles auf eine Karte setzen. Eine „goldene Regel“ lautet: Das Edelmetall sollte in einem gut gestreuten Gesamtportfolio rund 10 % ausmachen.

Foto: AdobeStock / Subbotina Anna

 

 

Kunterbunte Schönfärberei bei ESG

Green, brown, blue, pink: Nachhaltigkeit kennt viele bunte Schattierungen.

Andreas Dolezal. Unternehmen schmücken ihre Waren und Dienstleistungen, darunter auch Finanzprodukte, gerne mit Attributen wie grün, klimafreundlich und nachhaltig. Sie geben sich damit in der Öffentlichkeit und gegenüber (potenziellen) Kunden ein „grünes Image“. Klar, Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz liegen im Trend. Konsumenten, Mitarbeiter und Lieferanten suchen und bevorzugen heutzutage Unternehmen, die ihrer nachhaltigen Verantwortung ehrlich gerecht werden.

Grünfärberei auf der Spur
Handelt es sich aber lediglich um einen grünen Anstrich (oder gar eine bewusste Täuschung), dem keine angemessenen und wahrheitsgemäßen Maßnahmen zu Grunde liegen, sprechen wir von Greenwashing. Dies stößt nicht nur der Öffentlichkeit sauer auf. Verbraucherschutzverbände, Juristen, investigative Recherche-Netzwerke und Medien entlarven Grünfärberei zunehmend. Zum Reputationsschaden gesellt sich dann eventuell auch ein Verstoß gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Auch die EU plant strengere Regeln und gezielter gegen Grünfärberei vorzugehen.

So vielschichtig sich Nachhaltigkeit in der Praxis gestaltet, so bunt sind mittlerweile auch die verschiedenen Facetten der Schönfärberei. Das Gegenteil von Greenwashing etwa heißt Brownwashing (auch Greenbleaching oder Grünbleiche).

Neu: Brownwashing
Brownwashing bezeichnet die Praxis von Unternehmen, zwar sehr wohl nachhaltig, klima- und umweltbewusst zu handeln, dies jedoch nicht zu kommunizieren, sondern für sich zu behalten. Dahinter steckt nicht immer falsche Bescheidenheit. Stake- bzw. Shareholder könnten Beiträge zum Klima- und Umweltschutz kritisieren, weil ihnen die Kosten dafür zu hoch erscheinen, oder die damit erzielten Vorteile zu gering. Finanzdienstleister umschiffen mit Brownwashing die überbordende Bürokratie, die mit nachhaltigen Finanzprodukten einher geht. Braun gefärbt sind also jene, die de facto grüner sind, als sie sich zeigen.

Beim Bluewashing werben Unternehmen mit sozialen und gesellschaftlichen Merkmalen, wie der Achtung der Menschenrechte und fairen Löhnen, denen aber keine oder nur oberflächliche Maßnahmen gegenüberstehen. Bluewashing lenkt davon ab, dass sich Unternehmen nicht ernsthaft um ihre soziale Verantwortung bemühen. Das Blau leitet sich von der Corporate-Farbe der Vereinten Nationen ab. Der UNO wird vorgeworfen, das freiwillige Einhalten der zehn Prinzipien des UN Global Compact nicht zu überprüfen. Unternehmen, die sich damit rühmen, aber tatsächlich nicht daran halten, betätigen sich als Bluewasher.

Der Schein trügt manchmal
Pinkwashing betreiben Unternehmen, die in der Öffentlichkeit mit der Regenbogenfahne werben, sich also augenscheinlich mit der LGBTIQ-Community (Lesben, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle, Queere) solidarisieren, diese in der Praxis aber gar nicht unterstützen. Pinkwasher wollen damit modern, fortschrittlich und tolerant wirken. Das Pink stammt von den rosa Schleifen, die als Symbol für das Engagement gegen Brustkrebs gelten, und mit denen US-amerikanische Kosmetik- und Pharmafirmen in der Vergangenheit missbräuchlich warben.

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Mercosur spaltet das Land

Wenn es um das Handelsabkommen geht, gehen die Meinungen auseinander.

Christian Sec. Seit 2019 ist das Mercosur-Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Staaten Argentinien, Paraguay, Brasilien und Uruguay ausverhandelt. Das Abkommen würde 91 % aller Zölle zwischen den beiden Wirtschaftsräumen abschaffen. Trotzdem steht Österreich gemeinsam mit Staaten wie Frankreich und Irland auf der Ratifizierungsbremse. Im Jahr des Verhandlungsabschlusses hat der Österreichische Nationalrat einen bindenden Beschluss zur Ablehnung des EU-Mercosur-Abkommens in der bestehenden Form gefasst, dem alle Parteien bis auf die NEOS zugestimmt haben. Die Regierung bleibt bis heute ihrem „Nein“ treu. Landwirtschaftskammer und Arbeiterkammer unterstützen die Haltung der Regierung, während die Vertreter der Wirtschaft und Industrie einen Beitritt befürworten.

Kein faires Abkommen
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig bemängelte bei einem Vortrag in der Hagelversicherung in Wien im bestehenden Vertrag vor allem ein fehlendes Nachhaltigkeitskapitel. „Wenn wir in Europa in Bezug auf Klima- und Umweltschutz in Vorleistung gehen, dann kann es nicht egal sein, wie die Importe aussehen, und von wo sie kommen.“ Totschnig betont, dass dies keine kategorische Abwehrhaltung gegen Freihandelsabkommen sei. „Wir sind für Handelsabkommen, sofern sie fair sind.“ Darunter fallen für ihn z. B. Abkommen mit Neuseeland, Singapur oder auch CETA (EU-Kanada).

Der Zuckerhersteller Agrana sprach bereits in einer Aussendung von 2019 von einem politischen Fehler, falls die EU diesen Vertrag unterzeichnet. „Unsere Argumentation habe sich seither nicht wesentlich geändert“, erklärt Markus Sima, Sprecher von Agrana, gegenüber dem Börsen-Kurier. „Tatsache sei, dass die heimischen Rübenbauer und unsere Zuckerproduktion schon heute mit Wettbewerbsverzerrungen durch eine ungleiche Pflanzenschutzpolitik auf dem Weltmarkt konfrontiert ist“, so Sima. „Jede Harmonisierung von internationalen Regulierungen muss unter der Auflage stehen, dass auch die jeweiligen europäischen Qualitätsstandards eingehalten werden.“

Industrie für schnelle Ratifizierung
Profiteur eines Abkommens wäre jedenfalls die Industrie. Immerhin würde die neue Freihandelszone einen leichteren Zugang zu einem Absatzmarkt von 270 Millionen Menschen ermöglichen. Allein Brasilien mit seinen 215 Millionen potenziellen Konsumenten wäre ein reizvoller neuer Kundenmarkt für viele Unternehmen, der jedoch weiterhin seine international wenig konkurrenzfähige Industrie durch hohe Zölle schützt. Insgesamt gehe die EU nach vollständiger Umsetzung des Vertrags von einer Zollersparnis für europäische Exporteure in der Höhe von 4 Milliarden Euro aus. Darüber hinaus sollen Produktzertifizierungen vereinfacht werden und der öffentliche Beschaffungsmarkt für Mercosur-Länder für europäische Anbieter geöffnet werden, schreibt die Industriellenvereinigung. Diese verlangt von der Kommission ein aktives Drängen nach einem Abschluss. Man sollte in Europa die aktuelle Chance nicht verspielen und anderen globalen Playern, wie z. B. China, wertvolle Wirtschaftsbeziehungen überlassen, erklärt Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV) in einer Aussendung. „Die Mercosur-Region ist reich an Rohstoffen und seltenen Erden, die für die grüne Transformation immer mehr benötigt wird.“

WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf verweist darauf, dass die hohen europäischen Standards im Sozial-, Umwelt- und Lebensmittelbereich durch das Mercosur-Abkommen weiter sichergestellt sind.

Die von Börsen-Kurier befragten Industrieunternehmen fühlen sich anscheinend von der IV gut vertreten und wollten sich zu der Causa nicht weiter äußern.

 

 

In Zeitlupe auf Kollisionskurs

Nouriel Roubini über das angespannte Verhältnis zwischen den USA und China.

Nouriel Roubini. Vor kurzem nahm ich am China Development Forum (CDF) in Peking teil, einer alljährlichen Tagung ausländischer Wirtschaftslenker, Wissenschaftler, ehemaliger politischer Entscheidungsträger und von Mitgliedern der chinesischen Führung. Die diesjährige Tagung war die erste seit 2019, die vor Ort abgehalten wurde, und bot westlichen Beobachtern Gelegenheit, die neue chinesische Führungsspitze einschließlich des neuen Ministerpräsidenten Li Qiang zu treffen. Zugleich war die Veranstaltung die erste Gelegenheit für Li seit seinem Amtsantritt, selbst ausländische Vertreter zu treffen. Während viel davon die Rede war, dass der chinesische Präsident Xi Jinping enge Getreue auf Schlüsselpositionen innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) und der Regierung befördert habe, boten unsere Gespräche mit Li und anderen hochrangigen Vertretern der chinesischen Führung eine nuanciertere Sicht auf deren Politik und Führungsstil.

Pro „Reform und Öffnung“
Bevor er im März Ministerpräsident wurde, diente Li als Parteisekretär der KPCh in Shanghai. Als Wirtschaftsreformer und Verfechter privaten Unternehmertums spielte er eine wichtige Rolle dabei, Tesla zum Bau einer riesigen Fabrik in der Stadt zu bewegen. Während der Covid19-Pandemie setzte er Xis strenge Null-Covid-Politik durch und überwachte den zweimonatigen Lockdown Schanghais.

Zum Glück für Li wurde er für seine Loyalität belohnt und nicht zum Sündenbock für das Scheitern dieser Politik gemacht. Seine enge Beziehung zu Xi versetzte ihn zudem in die Lage, den Präsidenten zu überzeugen, die Null-Covid-Beschränkungen über Nacht aufzuheben, als sich diese als nicht durchhaltbar erwiesen. Während unseres Treffens wiederholte Li Chinas Bekenntnis zur „Reform und Öffnung“ – eine uns auch von anderen Mitgliedern der chinesischen Führung vermittelte Botschaft.

Erfrischend freundlich …
Lis bemerkenswerte Jovialität stand im starken Gegensatz zum reservierten Auftreten des früheren Ministerpräsidenten Li Keqiang, den wir in früheren Jahren während dessen Amtszeit getroffen hatten. Bei unserem Treffen brachte Li Apple-Chef Tim Cook lauthals zum Lachen, indem er seine fröhliche Stimmung auf ein virales Video zurückführte, in dem Cook beim Besuch eines Apple-Geschäfts in Peking von der Menge applaudiert wurde. Er machte sogar Witze über ein in derselben Woche viral verbreitetes Video, in dem US-Abgeordnete TikTok-Chef Shou Zi Chew in die Mangel nehmen. Anders als Cook, so merkte er an, habe der bedrängte TikTok-Boss während seiner Kongressanhörung nicht gelächelt. Lis Witzeleien beinhalteten die stillschweigende Warnung, dass US-Unternehmen in China zwar weiterhin willkommen seien, doch dass die chinesische Regierung mit harten Bandagen kämpfen könne, wenn Chinas Unternehmen und Interessen in den USA schlecht behandelt würden.

… aber harter Kurs gegen die USA
Lis verhüllte Drohung fängt die aktuelle chinesische Einstellung gegenüber den USA ein. Obwohl führende Wirtschaftspolitiker in China häufig über eine Öffnung des Landes reden, priorisiert die chinesische Politik Sicherheit und Kontrolle noch immer gegenüber Reformen. Chinas neuer Außenminister Qin Gang nahm in seiner Rede beim CDF eine falkenhafte Haltung ein. An die Adresse der USA gerichtet warnte er die Teilnehmer aus dem Westen, dass China zwar ein offenes Welthandelssystem aufrechtzuerhalten suche, doch kraftvoll auf alle Versuche reagieren würde, es in einen neuen Kalten Krieg hineinzuziehen.

Beschwichtigungsversuche der USA
US-Finanzministerin Janet Yellen hatte sich in einer jüngsten Rede bemüht, Chinas Sorge abzumildern, dass die USA seinen Aufstieg „einzudämmen“ und sich von Chinas Wirtschaft zu entkoppeln suchen. Jüngste den Handel mit China begrenzende Maßnahmen, so stellte sie klar, basierten auf Bedenken über die nationale Sicherheit und nicht auf dem Bemühen, das Wirtschaftswachstum des Landes zu behindern.

Doch China zu beschwichtigen wird schwierig, da die USA Berichten zufolge weitreichende Beschränkungen für chinesische Investitionen in den USA und für US-Investitionen in China planen. Die chinesische Führung hat sich bisher unempfänglich für die Bemühungen von Yellen und US-Außenminister Antony Blinken gezeigt, einen Dialog zum Ausbau der Zusammenarbeit, zur Minimierung von Konfrontationen und zur Steuerung der eskalierenden strategischen Konkurrenz und Rivalität zwischen beiden Mächten ins Leben zu rufen.

EU-Kommission wenig beachtet
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat kürzlich in einer ähnlich pragmatischen Rede argumentiert, Europa solle sich gegenüber China auf „Risikominderung statt Entkoppelung konzentrieren“. Zugleich jedoch verwies sie dabei auf die vielen Arten, auf die Chinas Politik Europa und den Westen bedroht. Das kam in Peking nicht gut an, und man zeigte ihr bei ihrem Besuch gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron in China im April faktisch die kalte Schulter, während für den entgegenkommenderen Macron der Rote Teppich ausgerollt wurde.

China versucht derzeit, einen Keil zwischen EU und USA zu treiben. Angesichts der Tatsache, dass EU-Unternehmen erhebliche Interessen in China haben, nahmen viele europäische CEOs am CDF teil, während die Präsenz amerikanischer Wirtschaftslenker begrenzt war. Dies und Macrons kontroverse Bemerkungen während des Besuchs im April – besonders seine Aussage, dass Europa kein „Vasall“ der USA werden dürfe -, legten nahe, dass diesen Bemühungen Erfolg beschieden war. Doch bekräftigte ein anschließendes G7-Kommuniqué die Haltung des Westens zu Taiwan und verurteilte Chinas aggressive Politik gegenüber der Insel, und Chinas stillschweigende Unterstützung für Russlands brutale Invasion der Ukraine dürfte Europa davon abhalten, einer chinesischen Charmeoffensive zu erliegen.

US-Wahlkampf treibt seltsame Blüten
Das Geschehen im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl wird zusammen mit Chinas Verdacht, dass die USA Chinas Wirtschaftswachstum einzudämmen suchen, Bemühungen zum Aufbau von Vertrauen und zum Abbau der Spannungen zwischen beiden Ländern behindern. Da Demokraten und Republikaner miteinander darum wetteifern, als möglichst hart gegenüber China angesehen zu werden, dürfte sich der chinesisch-amerikanische Kalte Krieg intensivieren, was das Risiko eines letztlichen heißen Krieges um Taiwan erhöht.

Trotz der Bemühungen von US-Regierungsvertretern, Leitlinien für einen strategischen Wettbewerb mit China festzulegen, und des Beharrens der Vertreter der chinesischen Führung, dass sie kein Interesse an einer wirtschaftlichen Abkoppelung hätten, erscheint die Aussicht auf eine Zusammenarbeit zunehmend abwegig. Fragmentierung und Entkoppelung entwickeln sich zur neuen Normalität; beide Länder bleiben auf Kollisionskurs, und eine gefährliche Vertiefung der derzeitigen „geopolitischen Depression“ ist praktisch unvermeidlich.

Übersetzung: Jan Doolan, © Project Syndicate 1995 – 2023

Foto: AdobeStock / icedmocha

 

 

Attraktive Büroimmobilien

Höhere Renditen bei Büros für die Immo-Gesellschaften.

Christian Sec. In den vergangenen zwölf Monaten verlor der „S&P Office Reits Index“, der den US-Büroimmobilienmarkt bewertet, mehr als 40 Prozent. Die Annahme des Marktes ist dabei, dass die hohe Inflation, die zu Zinserhöhungen führt, eine Abkühlung der Wirtschaft zur Folge hat, was wiederum dazu führt, dass Personal abgebaut wird und damit Büroflächen eingespart werden können oder müssen. Dies bedeutet für Immobilieninvestoren wiederum sinkende Mieteinnahmen bzw. Renditen, wie Alexander Sikora-Sickl vom Erste Asset Management gegenüber dem Börsen-Kurier erklärt.

Für Österreich prognostiziert der Immobilienmakler Remax einen Preisrückgang von rund 10 % bei Büroimmobilien für 2023. Das ist ein Knick in der Preisentwicklung, der bereits seit dem Jahr 2020 anhält, wie Remax in einer Aussendung schreibt. Auch wenn die Situation in Europa ähnlich ist, verfallen die Büroimmobiliengesellschaften aber nicht in Panik. „Zyklen sind in unserer Branche nichts Neues und nach Jahren der sehr attraktiven Rahmenbedingungen war ein Dämpfer zu erwarten“, so Herwig Teufelsdorfer, der Vorstand der S Immo. Daher sieht er die jetzige Marktphase nicht als nachhaltige Disruption des Marktes. „Ein klarer Fokus aufs Kerngeschäft und ein stabiles Geschäftsmodell machen sich jetzt sicherlich bezahlt“, so Teufelsdorfer.

Auch die französische Fondsgesellschaft Corum Asset Management, die hauptsächlich in europäische Büroimmobilien investiert, sieht die derzeitige Situation am Büroimmobilienmarkt als große Chance für weitere Akquisitionen und hat per Hauptversammlungsbeschluss die Möglichkeit geschaffen, ihren Fremdkapitalanteil bei Bedarf auf 40 % zu erhöhen, um am Markt einkaufen zu können. Dabei will sich die Fondsgesellschaft die sinkenden Immobilienpreise gepaart mit gleichbleibenden bzw. steigenden Mieteinnahmen zu Nutze machen.

Konzentration auf Büros
Auch die S Immo, die ein gemischtes Portfolio von Wohn- und Büroimmobilien (mit 25 % Wohnen und 55 % Büro) im Portfolio aufweist, hat bereits Mitte des vergangenen Jahres kommuniziert, sich von niederrentierlichen Wohnimmobilien – vor allem in Deutschland – zu trennen, und die Erlöse in Objekte mit höherer Rendite, das heißt Büroobjekte, zu reinvestieren. „Dieses Vorhaben verfolgen wir seitdem erfolgreich“, erklärt Teufelsdorfer. In Deutschland wurden laut dem Vorstand bis zum Ende des ersten Quartals Verkaufsverträge für 153 Objekte mit einem Gesamtvolumen von 570 MioE abgeschlossen. Im Gegenzug wurden im Herbst 2022 bereits 14 Büroimmobilien in Budapest angekauft. Im Feber 2023 hat die S Immo eine Absichtserklärung für einen großvolumigen Ankauf in Wien für bis zu sechs Bürogebäude am Wienerberg und im April den Kaufvertrag für drei Büroobjekte und ein Hotel in Tschechien unterzeichnet. „Diese Ankäufe steigern nachhaltig unsere Mieteinnahmen, Ertragskennzahlen und unseren Cashflow.“

Die Immofinanz, mit 50 % plus einer Stimme Mehrheitseigentümer der S Immo, bleibt ihrer Portfoliostrategie unverändert treu, wie sie auf Anfrage des Börsen-Kurier erklärt. Rund 52 % des Portfolios bestehen aus Büroimmobilien,

46 % aus Einzelhandelsimmobilien (Ende 2022). Dies bedeutet auch, dass die Immofinanz weiterhin an ihrer bisherigen Finanzpolitik festhält. Dabei soll die Verschuldung mittelfristig konservativ bleiben, wie die Immofinanz erklärt.

Last but not least will die CA Immo den Anteil in Österreich und Deutschland am Gesamtportfolio, das fast zur Gänze aus Büroimmobilien besteht, von aktuell knapp 70 auf mehr als 80 % steigern, um damit ihre Kernmärkte weiter zu stärken.

Foto: Pixabay / GAIMARD

 

 

Unter dem Radar

Wenig bekannten Unternehmen auf der Spur.

Harald Kolerus. Wer kennt sie nicht, die Börsenschwergewichte dieser Welt, ob sie nun z.B. Amazon, Microsoft, Alphabet, Apple oder Meta heißen? All diese klingenden Naben haben eines gemeinsam: Eben, dass sie praktisch jedem ein Begriff sind. Das führt dazu, dass solche Blue Chips im Mittelpunkt des Investoren- und Analysteninteresses stehen. Auch wenn die Performance stimmen mag, um „unentdeckte Perlen“ handelt es sich dabei also wahrlich nicht.

Klein aber oho
Solche Kandidaten kann man hingegen in der „zweiten oder dritten“ Reihe finden, am Rande oder sogar weit abseits der großen Indizes. Auf dieses Feld konzentriert sich die in Hannover ansässige Paladin Asset Management, die Fondsboutique hat sich auf Micro-, Small- und Mid Caps spezialisiert. Zwei Produkte stehen zur Auswahl: Der Paladin One (ihn gibt es seit zehn Jahren, ISIN: DE000A1W1PH8) und der im Herbst letzten Jahres gestartete Paladin Origins (DE000A3DQ772). Die Fonds eignen sich laut Anbieter für Investoren, die auf eine defensive Aktienstrategie setzen wollen. Der Börsen-Kurier traf Marcel Maschmeyer, Sprecher des Vorstands und Fondsmanager, und Michael Schnabl, Leiter Vertrieb des Unternehmens, zum Interview in Wien. Am Anfang stand die Frage, von welcher Größenordnung bei den kleineren AGs übe-haupt die Rede ist? Dazu Maschmeyer: „Im Paladin One finden sich Titel mit einer durchschnittlichen Marktkapitalisierung von rund 500 Mio. Euro, einzelne Unternehmen können aber darunter liegen oder mehrere Milliarden schwer sein. Im Origins liegt die Market Cap im Schnitt ein Drittel unter der des Paladin One. Es gibt also keine starre Grenze.“

Akribische Suche
Und welche Vorteile bieten kleinere AGs nun gegenüber Blue-Chips? Maschmeyer: „In Europa findet man ungefähr 7.000 börsennotierte Unternehmen, ca. 80 % davon liegen unter einer Marktkapitalisierung von 1 Mrd. Euro. Allgemein ist das Research bei Micro-, Small- und Midcaps sehr stark ausgetrocknet, wir sind aber hingegen mit akribischer Analyse auf der Suche nach spannenden Titeln. Das gibt uns die Chance, Hidden Champions und Spezialsituationen auszumachen.“ Attraktive Unternehmen finden die Experten vor allem in der DACH-Region, aber auch in den nordischen Staaten und in den Benelux-Ländern.

Schnabl führte weiter aus: „Wir setzen auf ein Konzept der ‚richtigen Diversifikation‘. Also auf Unternehmen und Geschäftsmodelle, die nicht zueinander korrelieren. Das heißt: Es ist für uns nicht genug, einfach breit zu streuen.“ Zum besseren Verständnis lohnt sich ein Blick auf zwei Titel: Die Medios AG und Ion Beam sind beide im medizinischen Bereich beheimatet, verfolgen aber völlig unterschiedliche Konzepte. Medios ist im komplexen Bereich der individuellen Arzneimittelversorgung in Deutschland tätig; Ion Beam wiederum baut riesige Bestrahlungsräume für die Krebstherapie und ist weltweit tätig, so etwa auch in China. Zwei Geschäftszweige, die also nicht miteinander verbunden sind.

Nachtanken in Österreich
Wobei es heimische Anleger interessieren wird, dass aktuell eine „rot-weiß-rote“ AG im Paladin Origins vertreten ist, nämlich Wolftank-Adisa. Ein Name, der auch den meisten österreichischen Investoren wohl kein stehender Begriff ist. Dabei handelt es sich ein weltweit agierendes Technologieunternehmen für Energie- und Umweltlösungen, das in den spannenden Bereichen Flüssiggas- und Wasserstofftankstellen einen schönen Umsatzanteil generiert. Ein gutes Beispiel für einen Titel der erfolgreich, aber von den meisten Investoren noch unentdeckt, unter dem Radar fliegt.

Foto: Wolftank Adisa

 

 

Hat die künstliche Intelligenz einen kommerziellen Wendepunkt erreicht?

(16.05.) ChatGPT hat neue Spekulationen über die Verheißungen und Gefahren künstlicher Intelligenz (KI) angeregt. Doch was ist dran am Hype um die sogenannte „generative KI“, also um Programme, die Inhalte generieren können? Hat die künstliche Intelligenz einen kommerziellen Wendepunkt erreicht und wird damit auch für Investoren interessant? Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, ist überzeugt: „KI steht kurz davor, umfassende Veränderungen in vielen Unternehmen und Branchen auszulösen. Für Investoren ist jedoch entscheidend, sich mit den Details zu beschäftigen, um Realität und Hype unterscheiden zu können.“

Spätestens seit dem Launch von ChatGPT im November letzten Jahres stehe KI im Mittelpunkt des Interesses. Dabei sei das Verständnis und der Einsatz von KI auf breiter Ebene noch immer relativ gering. „Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey aus dem Jahr 2022 zeigt zwar, dass sich der Einsatz von KI in den letzten fünf Jahren weltweit mehr als verdoppelt hat, doch der anfängliche Überschwang scheint ein vorübergehendes Plateau erreicht zu haben“, erklärt Braun. „Möglicherweise weil sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Einführung dieser Technologie organisatorische Veränderungen erfordert.“

Dennoch würden die KI-Kapazitäten rasch zunehmen. „Aus den Gesprächen mit Unternehmen haben wir den Eindruck gewonnen, dass wir tatsächlich kurz vor einem Wendepunkt stehen könnten“, sagt Braun. Im Kern gehe es bei KI um die Fähigkeit, Vorhersagen und Entscheidungen auf der Grundlage von Trainings-Daten zu treffen. Was sich in den letzten Jahren geändert habe, sei die Tatsache, dass technische Durchbrüche es ermöglichen, KI-Modelle auf immer größeren Datenmengen zu trainieren und damit neue Funktionsebenen zu erreichen. „Wenn sich KI-Systeme weiterentwickeln, könnten sie auf dem Weg sein, bei vielen Aufgaben weitaus effizienter zu werden als die besten Menschen. Möglicherweise erreichen sie sogar ein Stadium, in dem sie beginnen, Lösungen und Produkte zu entdecken, an die Menschen noch nie gedacht haben“, erklärt Braun.

Die KI-Systeme der frühen 2000er Jahre hätten maschinelles Lernen in erster Linie zur Verbesserung ihres analytischen Modells genutzt. Das Ad-Targeting von Google und Facebook sei ein Beispiel dafür. „Generative KI hingegen kann mithilfe der so genannten ‚Transformer-Architektur‘ neue und einzigartige Inhalte erstellen“, sagt Braun. Dies ermögliche es einer KI, die Beziehungen innerhalb eines Datensatzes, beispielsweise eines Textes oder Bildes, zu verstehen und das für kreative Aufgaben erforderliche Kontextbewusstsein zu entwickeln.

Aufgrund dieser Entwicklung hätten Experten ihre zeitlichen Prognosen zur KI-Entwicklung drastisch nach vorne korrigiert. „Noch vor wenigen Jahren reichten die Schätzungen darüber, wann KI-Systeme beispielsweise eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade gewinnen könnten, bis in die 2040er Jahre; heute gehen die mittleren Prognosen davon aus, dass dies noch in diesem Jahrzehnt geschehen könnte“, so Braun.

Er fasst die Entwicklung so zusammen: „Die letzten 10 Jahre sind in der Technologiebranche durch eine einzigartige Kombination aus mobilem Internet und Cloud gekennzeichnet gewesen. In beiden Bereichen haben wir eine Entwicklung von einer geringen Durchdringungsrate zur breiten Akzeptanz sehen können. KI beginnt nun den Staffelstab zu übernehmen.“

KI aus Investorenperspektive
Was bedeutet das für Investoren? Die Annahme, dass sich mit KI letztlich viel Geld verdienen lasse, zeige sich in den Aktienkursen der großen Unternehmen bislang kaum. Das private Unternehmen OpenAI, das ChatGPT entwickelt hat, werde Berichten zufolge aktuell mit 29 Milliarden US-Dollar bewertet. „Wenn die gemeldeten Zahlen korrekt sind, ist diese Bewertung allerdings mit viel Enthusiasmus verbunden“, sagt Braun. Denn obwohl das Unternehmen ehrgeizige Ziele habe, erwarte es in diesem Jahr nach eigenen Angaben nur rund 200 Millionen US-Dollar an Einnahmen.

Auch bei anderen Unternehmen, die potenziell ähnliche KI-Angebote bereitstellen könnten, spiegele sich der Enthusiasmus für KI noch nicht in ihren Bewertungen wider: „Google ist der Pionier bei Transformationsmodellen und wir sehen keine 29 Milliarden US-Dollar im Aktienkurs des Unternehmens, die seine KI-Fähigkeiten widerspiegeln“, führt Braun aus. „Meta kann ebenfalls eine starke Erfolgsbilanz bei KI-Modellen vorweisen und dennoch bleibt der Aktienkurs des Unternehmens gedrückt.“

Auswirkungen der KI auf andere Branchen
Interessant könnten für Investoren neben den Tech-Unternehmen auch andere Branchen sein, auf welche die Verbreitung von KI große Auswirkungen haben könnte. Denn neben den offensichtlichen Technologie- und Wissenssektoren gebe es weitere potenzielle Anwendungsbereiche für KI. Dazu zählt Braun Lieferkettenmanagement, Gesundheitswesen (Arzneimittelentwicklung und Scan-Analyse), Versicherungen, Öl und Gas (Auswertung von Satellitendaten), Versorgungsunternehmen (Netz- und Lastmanagement) und autonome Landwirtschaft. „Die KI-Strategie eines Unternehmens könnte deshalb zu einem immer wichtigeren Teil der Unternehmensanalyse werden“, so der Experte. „Unternehmen, die KI nutzen können, um ihr Produktangebot oder ihre Produktivität weiterzuentwickeln, könnten in den kommenden Jahren einen großen Vorteil haben.“

Auch auf die Halbleiternachfrage dürfte KI sich auswirken: „Der Halbleiteranteil in KI-Anwendungen ist sehr hoch. Es mag schwierig sein, jene Aktien zu identifizieren, die generative KI am besten nutzen, aber es gibt nur eine Handvoll Unternehmen, die die Halbleiter herstellen, auf denen diese Systeme laufen“, sagt Braun.

Fazit
Braun resümiert: „Aktuell ist KI eine faszinierende, aber etwas begrenzte Anlagegelegenheit. Mittelfristig steht die KI an der Schwelle zur Beschleunigung. Entsprechend beobachten wir die betroffenen Bereiche genau. Längerfristig wird diese Technologie die in sie gesetzten Erwartungen wahrscheinlich übertreffen. Wenn auch noch nicht klar ist, was das für die Welt bedeutet, glauben wir, dass der Schlüssel für Portfoliomanager darin liegt, mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, die am besten für die bevorstehenden Veränderungen positioniert sind.“

Aktionärsrechte in Gefahr

Der Gesetzesentwurf zur virtuellen HV ist da und sorgt für Diskussionsstoff.

Florian Beckermann, IVA. Die grüne Justizministerin Alma Zadic hat einen Ministerialentwurf zum virtuellen Gesellschafterversammlungsgesetz vorgelegt. Insbesondere an der Regelung für Börsengesellschaften entzündet sich Kritik. In der Covid19-Zeit hatte sich eine Virtualisierung der HV verbreitet, unter Pandemie-Gesichtspunkten war das vertretbar. Von einer „bewährten Praxis“ ist man jedoch weit entfernt: Extrem niedrige Teilnehmerzahlen, verkürzte Transparenz- und Kontrollmöglichkeiten, sowie mannigfaltige Missbrauchsmöglichkeiten schwächen Aktionärsrechte tiefgreifend. Manch einer ist gänzlich ausgeschlossen. Der Gesetzentwurf mit sieben Paragrafen stellt sich den Problemstellungen der Materie nur lückenhaft. Die Hauptpunkte:

Luftschloss: Schwellen unrealistisch
Die Virtualisierungs-Option soll über eine Satzungsmehrheit (75 %) auf fünf Jahre erfolgen. Die Form der Versammlung wird satzungsdispositiv. Der dem physischen HV-Format innewohnende Minderheitenschutz wird auf diesem Wege ausgehöhlt; er sollte aber gesetzlich gewährt bleiben. Die Satzungsschwelle ist für die meisten Kernaktionärsgruppen in Österreich eine Leichtigkeit, für eine Minderheit meist unerreichbar. Die Frist wird international bereits nicht goutiert.

Nahezu fiktional ist die Regelung der „Präsenz-Schutzschwelle“, in der 10 % des Grundkapitals eine physische, ordentliche HV verlangen können (§ 5 (7)). Der Entwurf weist damit eindeutig auf die hohe Gefährlichkeit der virtuellen HV hin, versäumt aber eine realistische Schwelle einzuführen. So wäre beispielsweise bei der Erste Group ein Kapital von 1,4 Milliarden Euro nötig, um diese Hürde zu nehmen. Administrative Hürden kommen hinzu. Ein Schutz-Luftschloss ist das Ergebnis. Unrealistische Schwellen führen grundsätzlich zu tiefen (Vertrauens-)Brüchen zwischen Gesellschaftsteilen.

Technische Unsicherheit – keine Beschlussberatung möglich
Erschwerend kommt die technische Umsetzung hinzu. Eine Echtzeitverbindung ist aufwendig, eine Videokommunikation höchst problematisch. Aktuelle Erfahrungen in Deutschland zeigen, dass Unterbrechungen (und HVs über zehn Stunden) Standard werden. Mit Teilnehmerzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich ist zu rechnen, trotz einer Kostenverdoppelung. Eine Rechtssicherheit ist hier nicht mehr gegeben. Auch können sich Aktionäre nicht mehr im Rahmen der HV miteinander beraten, um ihre Beschlüsse vorzubereiten. Dies trifft den Wesenskern der HV negativ.

Interessenkonflikt des Vorstands
Ein Interessenskonflikt entsteht, wenn das rechenschaftspflichtige Organ Vorstand die Form der Versammlung bestimmt. Man stelle sich vor, ein Parlament würde auf Wunsch virtuell tagen. Opposition zu gewissen unternehmerischen Entscheidungen wird massiv beschnitten. Ein Elfenbeinturm-Management wäre gefördert. Dass der Vorstand die Interessen der Aktionäre bei der Wahl des Formats angemessen zu berücksichtigen hat, wird sich wohl nur auf dem Klagswege prüfen lassen. Die verfassungsmäßige Überprüfung einer solchen Fragestellung ist bereits Gegenstand eines Verfahrens vor dem Gerichtshof.

Lichtblicke
Trotz der Kritik am Entwurf sind auch positive Elemente anzumerken: Interessant ist die Vorgabe eines offenen, hybriden Formats, das dem Aktionär individuell die Wahl der Beteiligungsform lässt. Auch die Regelung eines Stimmrechtsvertreters ist ein sinnvolles Novum. Für eine Vielzahl von nicht-börsennotierten Gesellschaften kann die vorstehende Kritik warnender Hinweis sein, der jedoch bei Einstimmigkeit der Gesellschafter seine Grenze findet.

Fazit: Die virtuelle HV-Option in dieser Form ins Dauerrecht zu übernehmen, ist weiterhin ein Irrweg. Praxisferne Schutzregeln scheitern an der Marktrealität und sind kein Schutz. Die positive HV-Kultur in Österreich wird ohne Not geschädigt. Der Entwurf verpasst einstweilen die Gelegenheit, einen einfachen Wettbewerbsvorteil zu generieren und eine tragfähige Lösung für die Zukunft zu präsentieren, die auch Minderheitsinteressen angemessen berücksichtigt. Bei einer Aktionärsquote von 25 % in Österreich trifft dies keinen kleinen Bevölkerungsanteil. Die rein virtuelle HV für Publikumsgesellschaften muss in dieser Form daher abgelehnt werden.

Den Stand der parlamentarischen Begutachtung und die Möglichkeit zur Stellungnahme finden Sie unter:

https://www.parlament.gv.at/gegenstand/XXVII/ME/271

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Sachlicher Inflationsschutz

Mit Infrastrukturinvestments will Nordea langfristig der Teuerung trotzen.

Raja Korinek. Die Inflationsentwicklung dürfte länger im Fokus der Anleger stehen. In den USA war sie im Monat April erneut leicht rückläufig und stieg im Jahresvergleich um 4,9 %. In der Eurozone legte sie hingegen wieder zu. Das Plus lag im Vergleich zum Vorjahreswert bei 7 %.

Ein Schutz gegen die Inflation rückt angesichts der Entwicklungen zunehmend in den Fokus, wie sie zum Beispiel ein langfristiges Investment in Sachwerte bieten kann. Davon ist Robert Stan, Senior Investment Specialist bei Nordea, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier überzeugt und verweist in diesem Zusammenhang auf den „Nordea 1 – Global Sustainable Listed Real Asset Fund“ (ISIN: LU2500361162). Der Fonds wird gemeinsam mit CBRE IM verwaltet. Letzterer Dienstleister ist auf das Management von Sachwerten spezialisiert.

Bürosektor sorgt für Schlagzeilen
Zuletzt haben allerdings negative Meldungen aus dem gewerblichen Immobiliensektor für Schlagzeilen gesorgt. Ob sich in solch einem Umfeld ein entsprechendes Investment lohnt? Stan will die Entwicklung nicht überbewerten.

Er sagt, „börsennotierte Immobilienunternehmen halten sich im aktuellen Umfeld gut. Viele der Meldungen haben mit dem US-Bürosektor zu tun, der weniger als 3 % der börsennotierten Immobilienindizes ausmacht, oder mit Immobilienvermögen, das aufgrund variabel verzinster Darlehen finanziert wird“. Insgesamt biete der Sektor breit gestreute Chancen, von Gewerbe- und Wohnimmobilien bis hin zum Gesundheitssektor und der Kommunikation.

Doch was reizt insbesondere im aktuellen Umfeld an Sachwertinvestments? „Die Vermögenswerte haben oft regulierte oder vertraglich vereinbarte Renditen, bei denen die Cashflows mit der Inflation steigen.“ Bei globalen Versorgern oder Mautstraßenbetreibern legen die Regulierungsbehörden etwa häufig fest, dass die Tarife direkt mit der Inflation steigen. Obendrein tendierten Sachwerte-Aktien teils aufgrund solcher Merkmale dazu, in einem inflationären Umfeld eine bessere Wertentwicklung an der Börse zu erzielen als der Gesamtmarkt, so Stan.

Zuverlässige Einkommensströme
Auch der Blick auf Dividenden kann sich bei Real-Asset-Unternehmen lohnen. „Sie bieten robuste Einkommensströme, die von Cashflows angetrieben werden.“ Stan verweist auf ein weiteres Detail: So beträgt das jährliche durchschnittliche Dividendenwachstum bei Real-Assets-Unternehmen 3,5 bis 4,5 %, wobei das Wachstum in einem inflationären Umfeld umso ausgeprägter sei. Im Fonds lag zuletzt im Übrigen die durchschnittliche Dividendenrendite bei 4,1 %.

Wie aber geht der Fonds vor? Zu den größten Positionen zählen Funkmastenbetreiber American Towers (US03027X1000) aus den USA sowie Cellnex Telecom (ES0105066007) aus Spanien. Zu den Versorger-Investments zählt WEC Energy Group (US92939U1060) aus dem US-amerikanischen mittleren Westen. Rund 70 % des WEC-Investitionsprogramms stehen im Zusammenhang mit der Energiewende, erneuerbaren Energien sowie der Steigerung der Netzzuverlässigkeit, zeigt Stan auf. Zugleich senkte der Konzern seine Emissionen in den vergangenen zwei Jahren kräftig.

Das französische Infrastrukturunternehmen Vinci agiert als Bauleiter und Betreiber von Konzessionen, so etwa von Mautstraßen und Flughäfen. Unter anderem bietet Vinci intelligente Mobilitätslösungen an, anhand derer Staus – somit auch Emissionen – verringert werden sollen. Tatsächlich steht nebst dem Inflationsschutz auch die Nachhaltigkeit im Fokus.

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Auf dauerhaft hohe Zinsen einstellen

Notenbanken-Dilemma: Wie sie‘s mit den Zinsen anstellen, machen sie‘s falsch.

Rudolf Preyer. „Vor einem Jahr hatten wir noch ein Pessimismus-Tief, jetzt haben wir ein Optimismus-Hoch“, eröffnete Gastgeber Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien, vergangenen Dienstag das Expertengespräch zum Thema „Das Dilemma der Notenbankpolitik“ im Foyer der Steiermärkischen Bank und Sparkassen AG. Auch ging es um eine Einordnung der europäischen Kapitalmärkte.

Vor dem Hintergrund der letzten Ereignisse im Bankensektor (Stichwort Krise der US-amerikanischen Regionalbanken) und einer weiterhin hohen Inflation befinden sich die Notenbanken derzeit in einem Dilemma: Erhöhen sie die Zinsen in unverändert hohem Tempo weiter, könnte sich die Vertrauenskrise bei Banken verschärfen – senken sie zu früh, bleibt die Inflation hoch.

Auch dem Anleger fällt es in diesem Umfeld schwer, eine ruhige Hand zu bewahren, so Eberan. Seine Gäste waren bereits vor einem Jahr in dieser Konstellation in der Johannesgasse angetreten.

Value-Aktien im Fokus
Monika Rosen
, langjährige Chefanalystin der UniCredit Bank Austria, ist überzeugt, dass sich die Kerninflation nicht so schnell unter die gewünschten 2 % drücken lässt, „wie sich die Notenbanken das vorstellen“. Wir stünden erst „am Beginn der Bekämpfung“. Als „momentan führenden Bereich“ verwies sie auf den Technologiesektor – im Nasdaq-500 machen aktuell acht Tech-Unternehmen 30 % des Indexvolumens aus, darunter die FANGG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google, die jetzt als Alphabet firmieren). Diese Tech-Giganten haben KGVs von 30 und höher, „das sind alles noch Wachstumswerte“. Aber: Wenn die Zinsen steigen, sollten die Kurse von Wachstumsaktien fallen. Für die nähere Zukunft sollten mit Rosen „eher Value- und günstigere Aktien das Rennen machen“.

Die Gefahr einer erneuten Finanzkrise sieht Monika Rosen nicht: Man hätte die Lehren aus der Krise 2008 gezogen, als man die Lehman Brothers pleitegehen hat lassen.

Asien als globaler Wachstumstreiber
Carsten Roemheld
, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International, erklärte: „Die defensiven Sektoren kommen jetzt!“ Auf Nachfrage dachte er etwa an den Bereich Healthcare. Auch lohne es sich jetzt wieder, in Anleihen zu investieren; etwaige Tiefs im Börsengeschehen im Oktober werden über den Ausgang des Jahresgeschäfts bestimmen. Dieses und nächstes Jahr werden gut 70 % des Weltwachstums aus Asien stammen. Sobald der Dollar seinen Zenit erreicht hat, sollten auch wieder Schwellenländeranleihen sowie Währungen anziehen. Wobei, so ergänzte Rosen, Schwellenländerinvestments durchaus einer gewissen Risikobereitschaft bedürfen.

Zurück zu Asien: China erwachse gerade mit Indien ein großer Konkurrent – nicht umsonst habe Apple-CEO Tim Cook zuletzt zwei riesige Stores in Delhi und Mumbai eröffnet. Allerdings haben die Chinesen in den vergangenen drei Jahren viel Geld gespart, wenig konsumiert, was jetzt der Wirtschaft zugutekommen sollte.

Abschließend bekräftigte Roemheld abermals, dass sich alle, die Geld allokieren, auf dauerhaft hohe Zinsen einstellen müssen.

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E-Auto-Boom nimmt wieder Fahrt auf

Gewerbekunden sind Treiber der Mobilitätswende in Österreich (08.05.)

(08.05.) Das weltweite Wachstum des Marktes für reinelektrische Fahrzeuge (Battery Electric Vehicle, BEV) verliert aufgrund geopolitischer Spannungen sowie erster Sättigungseffekte an Fahrt und bildet ein stabiles Plateau. Das zeigen die Ergebnisse des aktuellen „Electric Vehicle Sales Review“ von PwC Autofacts® und Strategy&, der Strategieberatung von PwC, in dem die Neuzulassungszahlen in weltweit 19 ausgewählten Märkten ausgewertet werden. Im ersten Quartal 2023 wurden demnach weltweit 24,3 % mehr BEVs zugelassen als im Vorjahreszeitraum.

Fuhrparks spielen bei österreichischer Mobilitätswende eine wesentliche Rolle
In Österreich hat sich der Absatz von E-Autos nach einer Jahresendrallye wieder entlang des langfristigen Aufwärtstrends eingependelt. Noch im Vorjahr 2022 verzeichnete Österreich mit insgesamt 34.165 verkauften reinelektrischen Fahrzeugen lediglich einen Zuwachs von 2,4 % im Vergleich zum Jahr 2021. Angesichts der deutlich spürbaren Erhöhung der Kaufprämien für BEVs wurden hierzulande allein im ersten Quartal 2023 um 56,8 % mehr reinelektrische Autos verkauft als im Vorjahresquartal – dies entspricht einer Neuzulassung von 11.235 BEVs.

In österreichischen Fuhrparks setzen sich reinelektrische Fahrzeuge zunehmend durch – die Zahl an gewerblich zugelassenen E-Autos ist besonders hoch: Mit rund 77,1 % zählen Gewerbekunden wie Firmen und Gebietskörperschaften zu den häufigsten Besitzern von vollelektrischen Fahrzeugen – lediglich 22,9 % entfallen auf Private.

„Allein im vergangenen Quartal wurde in Österreich mehr als drei Viertel aller E-Autos an Gewerbekunden verkauft. Flotten und Fuhrparks sind damit wesentliche Stellschrauben für die österreichische Mobilitätswende und ein elementarer Markt für die europäischen Autobauer. Umso wichtiger ist es, dass die OEMs dieses Segment mit attraktiven Modellen und Services optimal bedienen“, sagt Johannes Schneider, Partner bei Strategy& Österreich. „Aktuell sehen wir allerdings noch enorme Angebotslücken im Segment der Kombis, die sich im Job genauso gut nutzen lassen wie im Familienurlaub. Hier gibt es noch keinen adäquaten Elektro-Ersatz. Aus unserer Sicht sind Dienstwagen allerdings ein großer Hebel beim Wandel der bislang verbrennerdominierten Flotten hin zu BEVs. Wichtig sind weiterhin attraktive staatliche Förderungen sowie Vorgaben für grüne Flotten, aber auch angemessene Preise und kürzere Lieferzeiten, um den Anteil an BEVs in österreichischen Flotten noch weiter zu erhöhen.“

Globaler Markt für E-Mobilität fragmentiert sich
Weltweit zeichnet sich aufgrund protektionistischer Tendenzen eine immer stärkere Fragmentierung des Elektromobilitätsmarktes ab. Südkorea etwa stützt heimische Hersteller mit Kaufprämien, Indonesien fördert regionale Marken mit steuerlichen Anreizen und die USA stärken die heimische Automobilindustrie über den Inflation Reduction Act (IRA). China weitet seine marktbestimmende Position unterdessen immer mehr aus und manifestiert seine Unabhängigkeit von amerikanischen oder europäischen BEV-Herstellern. Während die deutschen Autobauer ihre BEV-Neuzulassungen in China im ersten Quartal 2023 um 25 % steigern konnten, blieben ihre Marktanteile im dortigen Markt mit 4 % konstant zum Vorjahreszeitraum. Zugleich drängen chinesische Hersteller immer stärker auf den europäischen Markt.

„Die deutschen Automobilhersteller haben lange darauf gesetzt, dass die Batterie wie eine Commodity behandelt wird, während für Wettbewerber aus Asien schon früh der strategische Wert von Batterie und Zelle im Mittelpunkt stand. Die deutschen Hersteller sind bei der Batteriezelltechnologie daher noch mitten in der Aufholjagd. Chinesische und amerikanische Wettbewerber haben sich dagegen durch die vertikale Integration der gesamten Zellfertigung abgesicherte Lieferketten geschaffen und strategische Vorteile gesichert. Diese können sie jetzt ausspielen und mit einer aggressiven Preispolitik den Wettbewerb unter Druck setzen“, sagt Günther Reiter, Automotive Leader bei PwC Österreich. „Für die deutschen Hersteller ist der Ausbau der Modellpalette insbesondere in den Segmenten Low-Cost und Premium sowie Langstrecke entscheidend, um sowohl bei den Privatfahrzeugen für eine breite Masse als auch bei den Geschäfts- und Premiumfahrzeugen den segmentspezifischen Kundenanforderungen gerecht zu werden und die Transformation zum elektrischen Fahren zu beschleunigen.“

Börsenakteure zum Reizthema HV-Formate

Die Diskussion „virtuell“ oder „in Präsenz“ hat sich noch keineswegs erledigt.

Rudolf Preyer. Wir haben uns weiter umgehört – und O-Töne zum Reizthema „Präsenz- versus Virtuell-Hauptversammlungen“ eingefangen. Für klärende Gespräche konnten wir jetzt zwei Privataktionäre sowie zwei CEOs gewinnen.

Christoph Boschan, Vorstandsvorsitzender der Wiener Börse AG, unterstreicht gegenüber dem Börsen-Kurier zum Thema Hauptversammlungen: „Die Ausübung der Aktionärsrechte muss gewährleistet sein. Das Um und Auf für die Wiener Börse ist die Orientierung an internationalen Standards.“

„Präsenz-HVs trotz Corona“
Friedrich Schopf ist CEO der Linz Textil Holding AG – er verspricht im Gespräch vorneweg, „auch in Zukunft Präsenz-HVs“ abzuhalten. Auf welchen Kurs hat sich diese AG eingeschworen? „Es ist das Anliegen der Aktionäre, persönlich Fragen stellen zu können – und auch vom Management in einem persönlichen Austausch über die Lage des Unternehmens informiert zu werden.“

Was man aus den „Corona-HVs“ gelernt habe? – laut Schopf die Tatsache, dass „trotz strengerer hygienischer Auflagen Präsenz-HVs“ möglich waren: „Es bedarf nur einer guten Organisation. Außerdem haben wir große Dankbarkeit unserer Aktionäre bemerkt, dass auch während Corona Präsenz-HVs abgehalten wurden.“

Wie denkt Schopf über „hybride“ Modelle? Antwort: Ein solches Format stelle die Organisation sowie auch die Moderation vor neue Herausforderungen.

Nach seiner Trendeinschätzung befragt, erklärt Schopf: „Bei den größeren börsennotierten Unternehmen wird sich sicher langfristig die virtuelle HV durchsetzen.“

Der Linz Textil-CEO bekräftigt abschließend: „Wir schätzen den persönlichen Austausch mit unseren Aktionären sehr.“

„Brauchbares Hybridmodell“ benötigt
Ludwig Klim ist ein langjähriger Abonnent des Börsen-Kurier und erfahrener Privatinvestor. Auf die Frage „Warum polarisiert die Frage ‚Präsenz- versus Virtuell-HV‘ Ihrer Meinung nach so stark?“ antwortet er pointiert, dass im virtuellen Fall die Rechte der Aktionäre eingeschränkt werden: „Ad-hoc-Fragen sind dann fast nicht mehr möglich. Auch ist der Meinungsaustausch unter den Aktionären bei virtuellen HVs nicht gut möglich.“

Er, Klim, glaube daran, dass Österreichs Privataktionäre „in der überwiegenden Mehrheit“ für Präsenz-HVs sind. Gleichzeitig spricht er sich aber auch für ein „brauchbares Hybridmodell“ aus: Eine „zusätzliche virtuelle HV parallel zur Präsenz-HV“ sei zu befürworten, „da auch Aktionäre, die geografisch an der Teilnahme eingeschränkt sind, so ihre Rechte ausüben können“.

„Konzentration & Kommunikation“
Alexander Kozlik ist ein bekannter Privataktionär, der als Akteur schon seit Jahrzehnten am heimischen Börsenparkett auftritt.

Er bemängelt etwa, dass es beim virtuellen Format „unnötig kompliziert“ sei, etwa auch Vollmachtsformulare auszufüllen. Er sagt: „Speziell für ältere Menschen ist es schwierig, die Konzentration und die Kommunikation zu halten.“ Wolle man etwa in der Virtuellvariante Nachfragen stellen, sei dies „überaus umständlich“.

Der Börsen-Kurier bleibt selbstverständlich an diesem Thema dran.

Foto: AdobeStock / Anton Gvozdikov

 

 

Handelsvolumen auf Rekordniveau

Zertifikate sind bei den heimischen Investoren fest verankert.

Rudolf Preyer. Der österreichische Zertifikatemarkt habe seine Stabilität unter Beweis gestellt, erklärt Frank Weingarts, Vorsitzender des Vorstandes des „Zertifikate Forums Austria“ (ZFA), im gerade erschienenen Jahresbericht zum Vorjahr.

Während an den Märkten sowohl Rentenpapiere als auch Aktien in signifikantem Ausmaß von durchschnittlich 20 % an Wert verloren, sei es bemerkenswert, dass der Open Interest lediglich um 7,8 % auf 13,7 Milliarden Euro zurückging und das Handelsvolumen mit 3,6 Milliarden Euro auf gleichem Niveau wie im Rekordjahr 2021 blieb: In den meisten Monaten des 2023er-Jahres konnten sogar Nettomittelzuflüsse in Anlagezertifikate verzeichnet werden – „wir nehmen das als Beweis für die Akzeptanz der Anlageklasse Zertifikat“.

So sieht die Struktur der heimischen Zertifikate-Landschaft aktuell aus: Insgesamt 65 % der Anlage-Zertifikate entfallen auf Kapitalschutz-Produkte, der überwiegende Großteil auf Zertifikate, die vollständigen Schutz anbieten. Bonus-Zertifikate stehen für 13 %, Aktienanleihen für 11 % und Express-Zertifikate für 8 % der Anlage-Zertifikate. Mehr als drei Viertel der Hebelprodukte sind sog. Knock-Out-Zertifikate. Hebelprodukte schließlich stellen rund 1 % des Open Interest des österreichischen Gesamtmarktes dar.

Ertrag und Risiko: Ke