„Die negative Stimmung kann auch wieder drehen“

Ein Kommentar von Christopher Teschmacher, Multi-Asset Fondsmanager bei Legal & General Investment Management (LGIM).

(27.09.) „Am vergangenen Freitag erlebten wir die drittschlechteste Tagesperformance des Pfund Sterling gegenüber dem US-Dollar seit dem Schwarzen Mittwoch 1992. Die Reaktion mit höheren Renditen und einer schwächeren Währung ist für ein Industrieland ziemlich einmalig. So überrascht es nicht, dass viele argumentieren, das Vereinigte Königreich werde immer mehr zu einem Schwellenland. Vergleiche mit der Krise von 1992 sind leicht zu ziehen.

Die überraschenden Aspekte des Haushaltsplans sind jedoch in Wirklichkeit nicht so schwer zu finanzieren. Außerdem unterscheidet sich die Staatsverschuldung des Vereinigten Königreichs nicht allzu sehr von der in anderen Industrieländern, so dass sich die Reaktion der Devisenmärkte eher auf die Glaubwürdigkeit der Bank of England (BoE) bei der Inflationsbekämpfung und der längerfristigen Haushaltskontrolle bezieht.

Die Währungen der europäischen Länder, einschließlich des Pfunds, haben das ganze Jahr über gegenüber dem Dollar an Wert verloren, obwohl in diesem Jahr mehr Zinserhöhungen eingepreist wurden als in den USA. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem, was eingepreist ist, und dem, was tatsächlich passiert ist. Die US-Notenbank Fed hat die Zinsen aggressiv angehoben, während die europäischen Zentralbanken im Kielwasser der Fed zögerten, was die Währungen schwächte und wiederum die britischen und europäischen Zentralbanken schließlich zum Handeln zwang.

Wir erwarten, dass die BoE versuchen wird, gegen die Schwäche anzukämpfen. Obwohl die Erklärung vom Montag nicht überzeugend war, wird sie nicht zögern, die Zinsen so weit wie nötig anzuheben. In der Zwischenzeit wird die Regierung bei der Umsetzung ihres Wachstumsplans wohl vorsichtiger sein. Während die Dynamik des Pfunds eindeutig negativ ist, hat sich auch eine negative Stimmung aufgebaut, die unserer Meinung nach auch wieder drehen kann.

In Anbetracht dessen haben wir beschlossen, das britische Pfund gegenüber dem Euro in unseren taktischeren Portfolios moderat positiv zu bewerten. Aber der Umfang unserer Position ist nicht so groß, wie es der Bewertungsaspekt allein aufgrund der höheren politischen Unsicherheit nahelegen würde. Bei einem weiteren Rückgang des Pfunds würden wir die Position wahrscheinlich mittelfristig aufstocken, da sich die Bewertung noch weiter verbessern könnte. Wir glauben, dass eine Unterstützung durch die Regierung oder die BoE dadurch nur noch wahrscheinlicher wird.

Die positive Korrelation zwischen Aktien und Anleihen war in diesem Jahr eine Herausforderung für Multi-Asset-Fonds, da die übliche gegenläufige Performance, die wir in den letzten 20 Jahren gesehen haben, 2022 nicht mehr existierte. Die Schwäche des Pfund Sterling hat unseren Fonds geholfen, einige Verluste abzufedern, da unser global diversifizierter Ansatz zu Beständen in Überseewährungen führt, die an Wert gewonnen haben, insbesondere den US-Dollar. Fonds mit höherem Risiko und typischerweise höherem Fremdwährungsengagement haben stärker profitiert als Fonds mit geringerem Risiko.“

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100 und mehr Chancen für Wien

Wichtige Player optimistisch gestimmt, Selbstzufriedenheit wird aber vermieden.

Rudolf Preyer. Die Güte des Börsenplatzes beweise sich untern anderem auch aufgrund seiner Diskretion, sagte Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, auf die Frage nach der Attraktivität. Immerhin datieren die letzten IPOs (mit Addiko, Frequentis und Marinomed) aufs Jahr 2019 zurück. Im Rahmen der Jubiläums-Podiumsdiskussion „100 Jahre Börsen-Kurier“ wurde Boschan von Herausgeber Marius Perger auf mögliche Börsengänge in näherer Zukunft angesprochen. Hausherr Boschan orakelte, dass sich diese Frage „in einem halben Jahr wohl so nicht mehr stellen“ werde.

In Präsenz oder lieber virtuell?
Florian Beckermann
, Geschäftsführender Vorstand des IVA (Interessenverband für Anleger), lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auf die wohl drängendste aktuelle Frage: „Wir würden gerne zur Präsenz-Hauptversammlung zurückkehren, wie viele normale Kleinaktionäre auch.“ Der Streubesitzer sei schließlich „der beste Aktionär, den jedes Unternehmen haben kann“. Dies aufgrund oft jahrelanger Verbundenheit mit der AG. Leider sei der Kleinaktionär in den vergangenen Jahren in Österreich politisch nicht gefördert worden, so Beckermann, der jedoch einem Richtungswechsel optimistisch entgegensieht.

Thomas Arnoldner, CEO der A1 Telekom Austria Group, wiederum sprach sich für „Wahlfreiheit“ aus – „dass man also digital auch Aktionäre erreichen kann, für die eine Präsenzteilnahme schwieriger ist“. Der Vollständigkeit halber: Die HV der A1 Telekom fand heuer wieder physisch, also mit Anwesenheit der Aktionäre statt.

Bunter Themenstrauß
Aber auch Financial Literacy war ein Thema. „Wegen meiner Kinder kenne ich die Lehrpläne gut, da ist Finanzbildung quasi inexistent“, erklärte Michael Oplustil, der für die Interessensgemeinschaft CIRA – Cercle Investor Relations Austria sprach. Arnoldner ergänzte, dass das Unterstufenfach „Geografie“ nun um den Zusatz „und wirtschaftliche Bildung“ ergänzt werden soll. Leider werden darin aber die Aspekte Marktfunktionen sowie Preis- und Ressourcenbildung sträflich vernachlässigt.

Punkto Steuererleichterungen meinte Beckermann, dass dazu erst eine umfängliche Rechtssicherheit hergestellt werden müsste – und erinnerte in diesem Zusammenhang an den Bank-Austria-Squeeze-Out, der das Rechtssystem seit 14 Jahren beschäftigt. Ein Wort in Richtung Regierung: Die KESt-Befreiung und die Behaltefrist sind im Programm – „dann hätten wir sie auch mal gerne umgesetzt“.

Die Zukunft des Kapitalmarktes
Arnoldner sieht den Tech-Sektor am heimischen Börsenparkett in zehn Jahren „wachgeküsst“ und Oplustil vermutet einen deutlich längeren Kurszettel. Beckermann wiederum ortet künftig eine breite Range an Marktteilnehmern – vom Sparbuchanleger bis hin zum Zocker à la „Gamestop“. Der heimische Marktplatz habe in Europa gute Chancen auf Spitzenrankings – gerade auch, was die ESG-Thematik betrifft.

Boschans Resümee lautet: „Ein mittelgroßer Börsenplatz wie Wien hat seine Daseinsberechtigung dann, wenn er seine USPs kennt und weiterentwickelt.“ Die Börsen von Frankfurt, Dublin und Luxembourg habe man zum Beispiel bei der Anzahl von Anleihenlistings bereits „überholt“. Wenn es anderswo Rückgänge gebe, sei es umso erstaunlicher, dass die Wiener Börse heuer wieder nahezu ein Rekordergebnis anvisiere.

Diskutierten in der Wiener Börse über den heimischen Kapitalmarkt (v.l.): Florian Beckermann vom IVA, CEO Thomas Arnolder von der A1 Telekom Austria Group, Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger, Börse-Chef Christoph Boschan und CIRA-Vorstand Michael Oplustil

Die Langversion lesen Sie im Jubiläumsmagazin zu 100 Jahre Börsen-Kurier am 3. November.

Foto: Börsen-Kurier/Richard Tanzer

 

 

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Schnäppchen am britischen Aktienmarkt?

Trotz der schwierigen Ausgangslage sehen Experten Chancen an der Börse.

Patrick Baldia. Zugegeben: das Umfeld war schon einmal besser für britische Aktien. Die Wirtschaft schwächelt seit geraumer Zeit, die Inflation ist so hoch wie zuletzt vor 40 Jahren, die Stimmung unter den Unternehmen alles andere als berauschend, und in der vergangenen Woche hat die Bank of England (BoE) im Zuge der Zinserhöhung um 0,5 %-Punkte auf 2,25 % erklärt, das Land befinde sich in einer Rezession.

Um das Ganze noch zu unterstreichen hat das britische Pfund am Montag mit 1,035 US-Dollar ein Rekordtief erreicht. Gerade in den vergangenen Tagen hatte sich der Abwärtstrend extrem beschleunigt.

Experten sehen hinter dem Verfall des britischen Pfund in erster Linie die geplanten Steuersenkungen und Entlastungen der Regierung unter der neuen Premierministerin Liz Truss. Ende der vergangenen Woche hat Finanzminister Kwasi Kwarteng ein umfangreiches Paket mit Maßnahmen zur Abfederung der hohen Energiepreise und Steuersenkungen angekündigt und als mittelfristiges Ziel ein BIP-Wachstum von 2,5 % genannt. Das dürfte wohl eher Sorgen um einen Anstieg der Staatsverschuldung befeuert als für Sicherheit gesorgt haben.

Der FTSE 100 stand heuer lange Zeit als einer der wenigen Indizes im Plus und hatte von den Outperformern Fossile Energieträger, Minen, Tabak und Verteidigung profitiert. Noch im August lag die Performance bei rund +2 %. Mittler-weile hat sich das Blatt aber gewendet und seit Jahresbeginn steht ein Minus von fast 5 % zu Buche. Über die vergangenen zwölf Monate hat der FTSE 100 um knapp 9 % verloren. Und schaut man sich die Zehnjahresbilanz britischer Aktien an, so haben sich nur die Emerging Markets schlechter entwickelt.

Energiesektor-Exposure
Der schwierigen Ausgangslage zum Trotz sehen Experten dennoch Chancen am britischen Aktienmarkt. Im aktuellen Finanzmarkt-Barometer von Pictet wird etwa auf die defensiven Charakteristiken des Marktes sowie das Exposure zum Energiesektor verwiesen. Und das schwache britische Pfund sollte die Überseegewinne befeuern. Ein kleines Detail am Rand: Die FTSE-100-Unternehmen fahren drei Viertel ihrer Erträge im Ausland ein. Bei AXA Investment Managers führt man zudem die im Vergleich zu anderen entwickelten Aktienmärkten niedrigen Bewertungen britischer Aktien ins Treffen.

Profitiert hat der Markt lange von Unternehmen, denen die Zinswende aber auch hohen Energiepreisen zugutekamen. Am stärksten gewichtet sind im FTSE 100 mit fast 30 % der Energie- und Rohstoffsektor, gefolgt von Finanzen (17,9 %), Nahrung- und Genussmittel (12,74 %), Handel und Konsum (10,92 %) sowie Chemie, Pharma, Bio- und Medizintechnik (8,68 %). Zur Veranschaulichung: Technologiewerte haben einen Anteil von gerade einmal 3,80 % im FTSE 100.

Wo sind Gelegenheiten?
„Die interessantesten Aktien sind nicht in den Top 100 zu finden, sondern in den Small- und Mid-Cap-Bereichen, in denen weiterhin Fusionen und Übernahmen getätigt werden“, meint Chris Iggo, CIO Core Investments AXA Investment Managers, um hinzuzufügen: „Wenn das Wachstum durch fiskalische Anreize der Regierung angekurbelt werden kann, sind möglicherweise weitere Schnäppchen zu machen.“

Aktuell haben Experten unter anderem Barclays, Legal & General, Shell und AstraZeneca auf der Rechnung. Für all jene, die lieber breit gestreut auf das Thema britische Aktien setzen möchten, könnte ein Fonds wie der „BNY Mellon UK Opportunities“ (ISIN: GB0031189888) oder der „Blackrock United Kingdom“ (LU0011847091) interessant sein.

Zu den ETF-Ideen gehören wiederum der „HSBC FTSE 100 UCITS ETF GBP“ (IE00B42TW061), „Xtrackers FTSE 100 UCITS ETF 1C“ (LU0838780707) sowie der „iShares Core FTSE 100 UCITS ETF (Dist)“ (IE0005042456).

Foto: Pixabay / RGY23

 

 

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Was die Zinswende Bondanlegern bringt

Vor allem kurz laufende Anleihen könnten derzeit interessant sein.

Raja Korinek. Die jüngste Sitzung der US-Notenbank sorgte einmal mehr für Schlagzeilen. Denn da wurden die Zinsen erneut um 0,75 %-Punkte angehoben, womit der US-Leitsatz in einer Spanne von

3 bis 3,5 % liegt. Dabei stellte Fed-Chef Jerome Powell klar, dass weitere Anhebungen notwendig sein würden, um die Inflation zu bekämpfen. Zugleich wurden auch noch die Wirtschaftsprognosen für das laufende Jahr auf ein mageres Plus von 0,2 % gesenkt.

Doch wie könnte es mit den Zinsen heuer weitergehen? Dazu liefert Peter Lechner, Fondsmanager bei der DJE Kapital AG, eine Einschätzung: Auf der nächsten Sitzung könnten die Zinsen noch-mals um 0,75 %-Punkte angehoben werden, danach um rund 0,4 %-Punkte, „je nach Konjunkturentwicklung“.

Löhne als Inflationstreiber
Lechner verweist gegenüber dem Börsen-Kurier auch auf die unterschiedlichen Inflationstreiber zwischen den USA und der Eurozone. „Sie wird in den USA von den starken Lohnzuwächsen kräftig angetrieben.“ Auch die steigenden Kosten für das Wohnen spielen eine gewichtige Rolle. Der Einfluss der Energiekosten sei demgegen-über geringer, da die USA reichlich Öl- und Gasvorkommen haben. Lechner verweist aber noch auf einen weiteren Auslöser. So sei die US-Sparquote stark gesunken. Während der Pandemie war sie auf rund 20 % gestiegen, da Konsumenten kaum Möglichkeiten hatten, ihr Geld auszugeben. Die Quote ist nun auf 5 % gesunken, ein Umstand, der den Konsum – und damit die Inflation – ankurbelt.

„Die Teuerung in Europa wird demgegenüber von steigenden Energiepreise stark angeheizt“, betont Lechner. Er meint auch, die EZB hinke mit den Zinsanhebungen noch deutlich hinten nach. Derzeit liegt der Leitzins erst bei 1,25 %, und das bei einer Inflation von 9,1 % im August im Jahresvergleich. Sein Fazit fällt deutlich aus: „Die EZB muss handeln.“

US-Dollar im Vorteil
Der große Zinsunterschied zwischen den USA und der Eurozone ist im Übrigen der Grund, weshalb Lechner – er ist auch Co-Fondsmanager des „DJE Short Term Bond Fund“ (ISIN: LU0159549814) – derzeit eher Anleihen aus den USA für das Portfolio bevorzugt. Oben-drein liegt der Fokus des Fonds auf Anleihen mit kürzeren Laufzeiten. Das hat folgenden Vorteil: Solche Papiere schwanken meist weniger als länger laufende Anleihen. Schließlich werden sie früher fällig, das Geld kann dann umso rascher in neue, höher verzinste Papiere investiert werden.

Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Ergeben sich kurzfristige Kaufchancen auch bei länger laufenden Bonds, werden diese ebenso genutzt, betont Lechner. Solche Gelegenheiten wurden etwa bei einer US-Staatsanleihe mit einer Restlaufzeit von rund acht Jahren sowie einem italienischen Staatsbond mit einer Restlaufzeit von rund zehn Jahren genutzt, nachdem die Kurse solcher Papiere zuletzt stark gesunken waren.

Die durchschnittliche Restlaufzeit liegt im Fonds jedoch bei nicht einmal einem Jahr. Denn ein Teil des Vermögens wird auch in Kasse gehalten. Knapp 52 % des Fonds sind zudem in öffentliche Emissionen investiert, rund 45 % in Unternehmensanleihen.

Auf den US-Zinssatz setzen
Anleger, die etwa rein auf die Entwicklung des US-Leitsatzes setzen wollen, können dies mit dem „Xtrackers Fed Funds Effective Rate Swap UCITS ETF“ (LU0321465469) tun. Der ETF profitiert von Zinsanhebungen jenseits des Atlantiks. Obendrein kommt Anlegern aus dem Euroraum der steigende US-Dollar zugute.

Dieser Aspekt kann jedoch ins Negative drehen, wenn der Euro wieder steigen sollte.

Foto: AdobeStock / Dmitry

 

 

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Ein Leitzins so hoch wie das Inflationsniveau?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE.

(20.09.) Die am 13. September veröffentlichte US-Inflationsrate lag mit 8,3 % im August leicht über den erwarteten 8,1 %. Angesichts der geringen Differenz zwischen den Erwartungen und der tatsächlichen Zahl hätte sie harmlos wirken können. Dennoch war sie ein Schock für die Märkte. Die amerikanischen Aktienindizes verloren mehr als 4 % und hatten damit ihren schlechtesten Tag seit Juni 2020. Ein Anzeichen für die Nachhaltigkeit dieses Schocks ist die Tatsache, dass sich der Markt seither nicht erholt hat – anders als es sonst nach einer derartigen Baisse üblich ist. Er rutschte sogar noch weiter ab. Die langfristig schwerwiegendsten Folgen sind wenig offensichtlich. Wie konnte es dazu kommen bei einer doch eigentlich harmlosen Differenz?

Um dies zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Erwartungen des Marktes in Sachen Leitzinserhöhungen. Mitte August rechneten die Marktteilnehmer noch mit Leitzinsen in Höhe von 3,5 % bis zum Jahresende.* Die Reden der Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der USA hatten allerdings zur Folge, dass der Markt seine Erwartungen nach oben korrigierte. So schnellten sie im Laufe eines einzigen Tages, nämlich dem der Veröffentlichung, auf 4,25 %. Das sind 75 Basispunkte mehr als im Monat davor, was im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte bereits hoch war. Diese Differenz ist nun allerdings alles andere als harmlos.

US-Wohnungsmarkt lässt nachhaltige Inflation erahnen
Für die Marktteilnehmer stellt nicht einmal das bereits erwartete globale Inflationsniveau das Hauptproblem dar. Sie fürchten vielmehr ein noch tiefer liegendes Problem, nämlich die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Allen Erwartungen zum Trotz schießen die Mieten weiter in die Höhe. Da die Darlehenszinsen ebenfalls weiter steigen, muss man sich auf hartnäckige Forderungen nach Lohnerhöhungen einstellen. Diese lassen sich angesichts des nach wie vor sehr robusten US-Arbeitsmarkts wohl kaum zurückweisen. Dies deutet auf eine eher nachhaltige Inflation hin. Somit dürften auch die Zentralbanken langfristig bei ihrer kämpferischen Haltung bleiben und einen Dämpfer für das Wachstum in Kauf nehmen – zumindest solange der Arbeitsmarkt nicht einbricht.

Auf die Anleger kommt also eine Phase zu, die nur wenige von ihnen schon einmal erlebt haben und die sehr stark an die 1970er-Jahre erinnert. Wenn wir sie trotz aller offensichtlichen Unterschiede – insbesondere bei der Demografie und dem Niveau der Staatsverschuldung – noch einmal durchmachen müssen. Welches sind nun aber die Lehren, die es angesichts der scheinbaren Dauerhaftigkeit der US-Inflation zu berücksichtigen gilt?

Lehren aus der Inflation der 1970er-Jahre
Erstens: Die Inflation in der westlichen Welt kann lang anhaltende Höchststände erreichen. Ende 1974 gipfelte sie in den USA bei 12 %. Nach einer leichten Verschnaufpause (immerhin um die 5 % Ende 1976) stieg sie Anfang 1980 auf nahezu 15 %. Das sind Größenordnungen, die mit der aktuellen Episode noch nichts zu tun haben, die aber mehrere Länder der Eurozone bereits erreicht oder sogar überschritten haben, vor allem im Osten.

Zweitens: Auch die Leitzinsen können Spitzenwerte erreichen: 1974 waren es 13 % und 1980 sogar 20 %. Dagegen sind die zurzeit erwarteten 4 bis 5 % gar nichts. Auch wenn man den damaligen Durchschnitt heranzieht, erkennt man die Extreme dieser Niveaus. Denn zwischen 1971 und 1990 lag das durchschnittliche Niveau bei 8,25 %.

Drittens: Die 10-jährigen Zinsen lagen zuweilen deutlich unter den Leitzinsen, sind ihnen aber dennoch immer gefolgt, in der Regel mit einer gewissen Verzögerung. So überstiegen sie 1981 die 15 % und ihr Durchschnitt lag zwischen 1970 und 1990 bei 9 %, also dicht an den Leitzinsen. Die Entkopplung dieser beiden Zinssätze ist meist nicht von Dauer.

Viertens: Schließlich sind die Leitzinsen – und das ist die vielleicht besorgniserregendste Lektion – nur selten stark von den globalen Inflationsniveaus abgekoppelt. Die US-Notenbank hatte sich seinerzeit nicht gescheut, die geldpolitischen Bedingungen drastisch zu straffen, sobald die Inflation stieg, und beließ die Leitzinsen in den gesamten 1980er-Jahren sogar deutlich über dem Inflationsniveau.

Investoren sollten Lehren aus der Vergangenheit ziehen
Nichts wird sich genauso abspielen wie zu der Zeit der Banker mit Schlaghosen. Doch die Geschichte lehrt uns, dass der Bereich des Möglichen bei Zinsen und Inflation immer noch größer ist als das, was wir in 30 Jahren erlebt haben. Um für den Ernstfall vorbereitet zu sein, ist es ratsam, für die Zukunft Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen – und die Portfolios anzupassen.**

*Die Konsenszahlen stammen von Bloomberg

**Die in diesem Dokument ausgedrückten Meinungen entsprechen den Markteinschätzungen von LFDE zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Sie können sich entsprechend den Marktbedingungen ändern und LFDE übernimmt keine Haftung dafür.

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Wer und was ist ESG-perfekt?

Dass die Wirtschaft nachhaltig werden muss, scheint klar, der Weg zum Ziel weniger.

Emanuel Lampert. Umwelt, Soziales, Unternehmensführung – wie sieht ein „ESG-perfektes“ Unternehmen aus? Im Detail lasse sich das nicht festmachen, weil sich das Verständnis von Nachhaltigkeit laufend wandle, sagt Thomas Wondrak, Experte für betriebliche Altersvorsorge, bei einer Diskussionsrunde des Börsen-Kurier. „Perfekt“ handle, wer das Thema ernst nimmt und nicht nur zum Marketing nutzt.

Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE, ist der Ansicht, dass die ESG-Kriterien zurzeit noch zu ungenau sind, um klar zu sagen, wer und wie man tatsachlich ESG-konform ist.

Nachhaltigkeit ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern „Marktvoraussetzung“, sagt Michael Meidlinger, CFO des auf den Immo-Bereich spezialisierten Instituts für Anlageberatung (IFA). Energieeffiziente Häuser seien vor einem Jahr „noch nicht so im Fokus“ der Privatanleger gestanden.

Problem Green Washing
Was tun mit „Green Washing“? Andreas Bayerle, Vorstandsmitglied der Helvetia Österreich, hält „spezialisierte Player“, ähnlich Creditrating-Agenturen, für die einzig sinnvolle Lösung. „Es ist völlig undenkbar, dass weltweit jeder institutionelle Anleger jedes Unternehmen der Welt prüft.“

Frühwald betont die Wichtigkeit valider, überprüfter Daten. Bei börsegelisteten Unternehmen könne man zur Umsetzung von Nachhaltigkeitskriterien mittels Steward-ship und Abstimmungspolitik bei Hauptversammlungen Einfluss nehmen.

Das gehe umso besser, je größer man ist, sagt Nachhaltigkeitsfachmann Andreas Dolezal. Kleine Akteure seien aber auf zugeliefertes Datenmaterial angewiesen, „und das gibt‘s einfach momentan nicht“. Alle an sich nötigen Zahlen werde man wohl auch nie zur Verfügung haben.

Nachhaltiges Kundeninteresse?
Seit etwa zwei Monaten sind in der Beratung Nachhaltigkeitspräferenzen abzufragen. Dolezal sieht eine Diskrepanz zwischen Regulierung und „gelebter“ Nachhaltigkeit; der Detailgrad überfordere den Kunden. „Der sagt dann lieber: Ich bin nachhaltigkeitsneutral.“

„Es ist sehr schwer, Begeisterung für einen Versicherungsvertrag zu erzeugen, einfach, weil das ein extrem abstraktes Produkt ist“, sagt Bayerle. Nachhaltigkeit aber interessiere die Leute. Auch Wondrak hat den Eindruck, dass das Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Kunden zwar da ist. „Aber ich glaube, da fehlt noch viel an Finanz- und Nachhaltigkeitswissen.“

Wie misst man Soziales?
Kann man „soziale“ Kriterien in Zahlen fassen? Dolezal sieht das spätestens dann kritisch, wenn es um längere, verästelte Lieferketten geht. Bezüglich der Messbarkeit ist er „gespannt, was sich die EU da einfallen lässt“.

Wirken sich soziale Risiken auf die Unternehmensperformance aus? Ja, meint Frühwald und nennt als Beispiel Minen und Arbeitssicherheit: „Wenn da etwas passiert, das ist ein weltweiter Aufschrei.“ Die Folge: Reputations- und Umsatzverlust.

Wie viel Verantwortung?
Wie weit kann die Verantwortung eines Unternehmens gehen? Sie „kann und muss so weit gehen, wie man es selbst gestalten kann“, samt Einkaufskriterien und Vor-gaben für Sublieferanten, meint Meidlinger.

Nachhaltigkeitsmanagement im Beschaffungswesen sei üblich, wirft Dolezal ein. Was sich aber an Regulierung abzeichne, gehe in die Richtung, „bis auf die andere Seite des Erdballs“ zu kontrollieren, was dort in puncto ESG geschieht. „Das wird die Herausforderung werden.“

Foto: Tanzerfotografie/Rudolph

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie Anfang November im kostenlosen Magazin zum Jubiläum „100 Jahre Börsen-Kurier“.

Es diskutierten vergangenen Freitag unter der Leitung von Herausgeber Marius Perger in der Wiener Börse: Andreas Bayerle (Helvetia), Andreas Dolezal, Anita Frühwald (BNP Paribas AM), Michael Meidlinger (IFA) und Thomas Wondrak

 

 

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Die Geldpolitik der EZB auf dem Prüfstand

Trotz Rekordinflation keine Wiederholung historischer Inflationsbekämpfungsszenarien.

Michael Kordovsky. Von August 1979 bis zum Hoch im März 1980 stieg in den USA die Inflationsrate von 11,8 auf 14,8 %. In diesem Zeitraum erhöhte die Fed unter der Führung von Paul Volcker ihre Fed Fund Rate von knapp mehr als 10,5 auf 20 %. Die Leitzinsen überschritten die meiste Zeit die Inflationsrate, am Inflationspeak sogar um mehr als 5 %-Punkte. Bis Dezember 1982 war die Inflationsrate auf 3,8 % rückläufig und die Leitzinsen auf 8,5 %. In Deutschland lag 1980 und 1981 die Inflationsrate bei jeweils 5,4 bzw. 6,3 % und der Diskontsatz der Deutschen Bundesbank bewegte sich in diesen beiden Jahren von anfänglich 6 %, und ab 29. Feber 1980 bei 7 % ab 2. Mai 1980 durchgehend bei 7,5 %. Auch hier gab es positive reale Leitzinsen.

Kurzfristig noch kräftige Leitzinsanhebungen
Heuer waren bereits die bisherigen Zinsschritte eine „Sensation“. Die Fed hat von Mitte März bis 27. Juli ihre Fed Fund Rate von 0,00 bis 0,25 auf 2,25 bis 2,50 % angehoben, und der Futures-Markt preist für die Fed-Sitzung am 21. September bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % eine weitere Leitzinsanhebung um 75 Basispunkte auf 3,00 bis 3,25 % ein. Das wären dann schon 3 %-Punkte Leitzinsanstieg im laufenden Jahr. (In den USA ist die Inflation von Jänner bis August von 7,5 auf 8,3 % gestiegen.) Doch die Fed hat spät auf die Inflationsentwicklung im Vorjahr reagiert. Denn von Jänner bis Dezember 2021 war es bereits ein Anstieg von 1,4 auf 7,0 %!

In der Eurozone ist die Inflation heuer von Jänner bis August von 5,1 auf 9,1 % gestiegen, während die EZB alle drei Leitzinsen in zwei Schritten um jeweils insgesamt 1,25 %-Punkte anhob. Am 8. September vollzog die EZB mit einer Leitzinsanhebung um je 0,75 %-Punkte die stärkste Anhebung seit 22 Jahren. Weitere Erhöhungen sind zu erwarten, zumal die EZB zuletzt von Juni auf September ihre Inflationsprognosen nach oben revidierte. Für heuer erwartet sie anstatt 6,8 bereits 8,1 % und für 2023 5,5 statt 3,5 %. Eine Annäherung an das Inflationsziel von 2,0 % ist erst 2024 wieder zu erwarten. Nimmt man den Zwei-Jahres EUR-Swapsatz, so liegt dieser per 16. September bei 2,57 %, was bis September 2024 Leitzinserhöhungen auf bis zu 2,5 % impliziert. Heuer sind durchaus noch Leit-zinsanhebungen bis zu 2,0 % denkbar. Danach sollte eine gemächlichere Gangart folgen. Eine Rezession ist dabei kein Hindernis. Auch in den frühen 1980er-Jahren stiegen trotz Rezession die Leitzinssätze.

Damoklesschwert: Zu hohe Staatsverschuldung
Der Unterschied zu den frühen 1980er-Jahren liegt weder in angespannter Geopolitik noch im Wirtschaftsabschwung in Kombination mit hohen Inflationsraten. Was die heutige Zeit von der damaligen Epoche entscheidend abhebt, ist die höchste Staatsschuldenquote in den OECD-Ländern, die es je in Friedenszeiten gegeben hat.

Beispiel USA: 1980 (im 1. Quartal) lag dort die Staatsverschuldung bei 30,9 % des BIP, im zweiten Quartal 2022 bei 122,8 %. Da die relative Staatsverschuldung viermal höher ist als im ersten Quartal 1980, sind in den USA unter dem Aspekt der proportionalen Belastungsbetrachtung Leitzinsen von 5 % eine denkbare Obergrenze. In Europa kann ein Blick auf die Leitwirtschaft Deutschland geworfen werden, deren Staatsschuldenquote im ersten Quartal 2022 bei 68,2 % liegt, verglichen mit

36,5 % des BIP im Jahr 1982. Doch es sind Länder wie Frankreich, Italien, Portugal, Spanien und Griechenland, die beunruhigen, denn deren Staatsschuldenquoten bewegen sich im ersten Quartal 2022 zwischen 114,4 % (Frankreich) und 189,3 % (Griechenland). Italiens Staatsschuldenquote liegt bei 155,6 % des BIP. Ein Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank von 3,0 % wäre bereits der höchste Stand seit 2008 und aktuell eine mögliche Schmerzgrenze bezüglich drohender Schuldenkrisen in Europa.

Foto: AdobeStock / mekcar

 

 

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Wartestellung für Hydrogen-Aktien

Internationale Wasserstoff-Aktien im Vergleich.

Roman Steinbauer. Der Wasserstoffantrieb hat im Pkw-Segment gegenüber dem batterie-getriebenen E-Auto eindeutig das Nachsehen. Und doch treten für den Transport schwerer Lasten Vorteile dieser Technologie hervor. Allerdings formierte sich Skepsis zur energieintensiven Logistik und zu mit Erdgas gewonnenem Wasserstoff. Somit reift der nächste Anlauf mit „grünem“ Wasserstoff (der Strom für die Elektrolyse kommt aus Biomasse, Wind- oder Sonnenenergie) heran.

Luxemburgs Transportminister François Bausch prognostizierte anlässlich der Errichtung der ersten „grünen“ Wasserstofftankstelle im Lande gegenüber dem Luxemburger Tageblatt: „Diese Technologie wird sich durchsetzen, soweit sie von der öffentlichen Hand unterstützt wird. Das war auch mit der Elektromobilität so.“ Sowohl im Busverkehr als auch im Gütertransport gebe es Firmen, die darauf warten. Ebenso mahnte bereits im Vorjahr der Direktor der International Energy Agency (IEA), Fatih Birol, die Politik, die Barrieren zur Wasserstoff-Nutzung zu senken.

Zukunftsmarkt Lkw und Bahn
Anhand der H2 Mobility Deutschland GmbH ist die Bündelung der Kräfte zur Schaffung der Infrastruktur in unserem Nachbarland ersichtlich. Die Gesellschaft, zuständig für die Errichtung der Wasserstoffstationen, wendet sich an Betriebe, Logistiker und Flottenbetreiber. Hinter der Initiative zum Lückenschluss zu den Kfz-Herstellern stehen namhafte Gaslieferanten und Autoproduzenten wie Air Liquide (ISIN: FR0000120073), Linde (IE00BZ12WP82), Daimler Truck (DE000DTR0CK8), Hyundai (KR7005380001), Shell (GB00BP6MXD84), Total Energies (US89151E1091) oder auch die OMV. Zudem verkündete der größte Kfz-Zulieferer, die Robert Bosch Gmbh, durch erkannte Vorteile neu gekaufte Transporter auf Wasserstoff umzurüsten. Auch auf der Schiene werden die Perspektiven vielversprechender. So testet die Deutsche Bahn derzeit den ersten, gemeinsam mit Siemens entwickelten, Wasserstoffzug-Triebwagen, um die Diesel-Lok auszurangieren.

Vorläufige Delle für Trendaktien
Aktien jener Gesellschaften, die in den Hydrogen-Sektor involviert sind, kamen heuer ebenso mit bis zu 25 % im Vergleich zu den Spitzenwerten des Vorjahres unter Druck. Dies betrifft den US-Anbieter Air Products and Chemicals (US0091581068) ebenso wie die französische Air Liquide. Hervorragend hielten sich hingegen die Papiere des weiteren Industriegas-Giganten Linde plc (10 % unter dem Top). Nach dem Höhenflug und der folgenden Erosion der Aktien im Jahr 2015 dürsten die Valoren der FuelCell Energy (US35952H6018) mit leichter Aufwärtstendenz vorerst weiter. Der Einbruch der Umsätze fand allerdings ein Ende.

Foto: AdobeStock / m.mphoto

 

 

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Wie schlimm wird Europas Energiekrise?

Die Politik greift zunehmend in den Energiemarkt ein. Das sollten Anleger im Auge behalten.

Raja Korinek. Die Energiekrise zieht in Europa immer weitere Kreise. Russland liefert kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1, eine Entscheidung, die mit technischen Problemen aufgrund der Sanktionen begründet wird. Die Entwicklungen lassen auch den Gaspreis in Europa verrücktspielen. Ende August schnellte der Preis zwischenzeitlich auf mehr als 330 Euro pro Megawattstunde.

Im Rahmen eines Vortrages zu „Europas Energiekrise: Was sind die Alternativen“ von J.P. Morgan Asset Management, gingen Experten auf aktuelle Entwicklungen ein. Der Börsen-Kurier war dabei.

Russische Gasimporte sinken
US-Aktienanalyst David Maccarrone verwies auf die rückläufigen Importe von russischem Gas nach Europa auf nur mehr 17 % aller Gaslieferungen. Im Vorjahr waren es noch 35 %. Angesichts der jüngsten Preissprünge lohne sich inzwischen der Kauf von Flüssiggas (LNG oder Liquified Natural Gas) als Alternative. Bestrebungen gibt es reichlich, etwa in Deutschland, wo die Industrie jede Menge Gas benötigt. So hat die deutsche Bundesregierung fünf LNG-Importterminals gemietet.

Maccarrone mahnt aber auch vor dem steigenden Wettbewerb um LNG. „Derzeit werden rund 70 % am Weltmarkt nach Asien verkauft.“ Es werde ein Buhlen um LNG geben. Er sieht deshalb auch die Einsparungen beim Gasverbrauch in Europas Industrien positiv. Und hofft, dass sich private Haushalte dem anschließen. Denn die aktuellen Füllstände böten kaum ausreichenden Puffer im Falle eines sehr kalten Winters. In Österreich lag der Füllstand der Erdgasspeicher per Anfang September bei knapp 70 % der möglichen Gesamtkapazität.

Öl als Alternative wiederentdeckt
Obendrein wird in Europa teils auch von Gas auf Öl umgestiegen. „Solch ein Schritt ist nicht besonders nachhaltig, hilft aber, im kommenden Winter menschliches Leid möglichst zu lindern.“ Zugleich werde der Ausbau erneuerbarer Energien stärker forciert werden. Doch solche Projekte brauchen mehrere Jahre Vorlaufzeit, da behördliche Genehmigungen dauern, ergänzt der Analyst.

Fred Barasi, er ist ebenfalls Analyst bei J.P. Morgan Asset Management, verweist zudem auf die stark gestiegenen Strompreise. Das rufe die Politik zunehmend auf den Plan, wenn auch viele Versorger nicht in vollem Ausmaß von den hohen Preisen profitieren. „In der Regel sichern sich Stromkonzerne die Preise für ihre Produktion auf rund zwei Jahre ab“, mahnt Barasi vor übereilten Handlungen.

Politische Eingriffe nehmen zu
Nichtsdestoweniger geht es Schlag auf Schlag: In Österreich wurde vorige Woche der Strompreisdeckel für Privathaushalte vorgestellt. Für einen Verbrauch von bis zu 2.900 Kilowattstunden (kWh) müssen nur 10 Cent pro kWh bezahlt werden. Die Europäische Kommission plant zudem eine Obergrenze für die Gewinnmargen von Unternehmen, die Strom günstig produzieren. Einzelne Mitgliedsländer haben sie bereits eingeführt.

Gemeint sind etwa Produzenten erneuerbarer Energien, die Strom zu günstigeren Preisen herstellen als jene Energiekonzerne, die teures Gas für die Verstromung brauchen.

Dennoch lukrieren die günstigen Produzenten den teuersten Strompreis, das soll sich ändern. Für Öl- und Gasunternehmen will die EU zudem einen Solidaritätsbeitrag vorschlagen, da sie gerade kräftige Gewinne einfahren.

Für Energie- und Versorgerkonzerne könnte das Umfeld angesichts von Preisdeckeln und Abgaben rauer werden. Anleger werden auch die wachsenden politischen Einflüsse berücksichtigen müssen.

Foto: Pixabay / ColiN00B

 

 

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Porsche legt den Börsenturbo ein

Anleger können ab nächster Woche die Aktien des Sportwagenkonzerns zeichnen.

Stefan Riedel, München. Ende September, spätes-tens aber Anfang Oktober, oder nach den Worten von Finanzvorstand Lutz Meschke „je früher desto besser“ will die Porsche AG an die Börse rasen. Die rechtliche Grundlage dafür haben Vorstand und Aufsichtsrat des Eigentümers Volkswagen mit ihrer Zustimmung gelegt. Für den Börsengang wurde das Porsche-Grundkapital jeweils zur Hälfte in stimmrechtslose Vorzugsaktien und in stimmberechtigte Stammaktien aufgespalten. Der mit VW bestehende Beherrschungsvertrag sowie der Gewinn- und Verlustabführungsvertrag sollen Ende dieses Jahres beendet werden.

Aus dem von VW und der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE (PSE) umstrukturierten Grundkapital wird ein Viertel der Vorzugaktien zur Zeichnung angeboten. Damit sollen etwa 12,5 % des Grundkapitals im Frankfurter Börsensegment Prime Standard gelistet werden. Gleichzeitig bekommt die Porsche SE 25 % plus eine Aktie der Stammpapiere. Mit diesem Schritt soll sie über eine Sperrminorität Einfluss auf zentrale AG-Entscheidungen behalten.

Bei Vorzugsaktien handelt es sich um Aktien, bei denen die Aktionäre zwar kein Stimmrecht besitzen. Im Gegenzug erhalten sie aber eine Dividendengarantie auf eine bevorzugte und in der Regel auch höhere Dividende als bei der klassischen Stammaktie.

Veröffentlicht wird der Wertpapierprospekt der Porsche AG mit der Preisspanne und der Anzahl der angebotenen Aktien Anfang nächster Woche. Anleger können dann im Onlinesystem ihrer Depotbank die Anzahl der Aktien, die sie zeichnen wollen, und den Preis, den sie dafür zahlen wollen, angeben. Zeichnen können Privatanleger aus Deutschland und fünf anderen Ländern, darunter auch Österreich, indem sie ihre Bank online oder telefonisch kontaktieren. Orders über die Institute, die Teil des Bankenkonsortiums sind, erhalten eine Vorzugsbehandlung. UniCredit agiert als Joint Bookrunner zusammen mit fünf anderen internationalen Geldhäusern. Joint Global Coordinators und Joint Global Bookrunners sind BofA Securities, Citigroup, Goldman Sachs und J.P. Morgan.

Profitabelster Autobauer
Porsche strebt einen Emissionserlös von 7,5 bis 10 Mrd Euro an. Damit könnte der Autokonzern mit 60 bis 80 Mrd Euro bewertet werden. Das entspricht einer mehr als doppelt so hohen Marktkapitalisierung wie beim italienischen Konkurrenten Ferrari (ISIN: NL0011585146), dessen Aktienkurs sich in den vergangenen sechs Jahren verfünffacht hat. Der Noch- Mutterkonzern Volkswagen kommt übrigens auf einen Börsenwert von mehr als 80 Mrd Euro.

Vom Volumen wäre das Porsche-IPO damit einer der größten Börsengänge in Europa in den letzten zehn Jahren. Angesichts des aktuellen Marktumfelds könnten Anleger zu einem niedrigeren Preis zum Zug kommen als zu Haussezeiten. Porsche zählt zu den profitabelsten Autobauern überhaupt. 2021 kam das Unternehmen auf eine operative Umsatzrendite von 16 %. Langfristig peilt der Konzern mehr als 20 % an. Der VW-Gesamtkonzern schaffte zuletzt ganze 8 %. Mehr als 15 Mrd Euro will Porsche bis 2025 investieren, einen größeren Teil davon aus den Emissionserlösen.

Foto: wikimedia / Alexander Migl

 

 

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Sanfte Landung für die US-Wirtschaft?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim französischen Assetmanager LFDE.

(06.09.) „Auch wenn die Wirtschaft in eine Rezession gerät – wir müssen die Inflation senken.“ Deutlicher als mit diesem Statement von Loretta Mester, der Präsidentin der Notenbank von Cleveland, kann man es wohl kaum sagen. Doch nichts anderes hatte auch Jerome Powell, Präsident der US Federal Reserve (Fed), auf dem Symposium der Zentralbanken in Jackson Hole Ende August gesagt – wenn auch etwas diplomatischer ausgedrückt. Eine Warnung, die den Märkten nach der übertriebenen Euphorie im Sommer eine unerfreuliche Wahrheit in Erinnerung gerufen hat, nämlich dass die Zentralbanken keine Unterstützung mehr leisten werden – und das für lange Zeit.

Dieser neue Stand der Dinge hat schwerwiegende Konsequenzen, denn die Anleger haben sich in mehr als zehn Jahren allzu sehr daran gewöhnt, dass die Schatzmeister der Welt ihnen beim geringsten Schwächeanfall zu Hilfe eilen. Dabei ist die Geldpolitik bei all ihrem Einfluss nicht der alles entscheidende Faktor für die Märkte. Auch die Wirtschaftsdynamik ist ein Faktor, den man nicht außer Acht lassen sollte. An dieser Front sind die Aussichten gar nicht so düster, vor allem nicht in den USA.

Inflationsdruck nimmt ab
Schauen wir uns zunächst die Inflation an. Blickt man über die Monatszahlen hinaus, lässt sich feststellen, dass Vieles auf ein allmähliches Nachlassen des Inflationsdrucks hindeutet. Im Automobilsektor, der im Frühjahr 2021 einen hohen Beitrag zur Inflation geleistet hat, ist ein anhaltender Rückgang der Gebrauchtwagenpreise sowie eine Wiederaufstockung der Neuwagenbestände zu beobachten, was eine Stabilisierung der Preise zur Folge haben dürfte. Ganz allgemein dürfte die allmähliche Entspannung bei den globalen Lieferketten, die in den vergangenen Quartalen durch Engpässe beeinträchtigt waren, zu einer Verringerung des Preisdrucks auf Konsumgüter beitragen. Auch bei Immobilien, die bei der Teuerung in den vergangenen Monaten ebenfalls eine bedeutende Rolle spielten, zeichnet sich eine Mäßigung ab. Die Nachfrage bricht sowohl bei den Transaktionen als auch bei Finanzierunganträgen ein, während die Bestände wieder zunehmen. Dies wird unweigerlich zu einem Rückgang der Immobilieninflation in den nächsten Monaten führen. Schließlich dürfte auch die starke Aufwertung des Dollars gegenüber den meisten anderen Währungen zu einer Disinflation bei Importprodukten führen.

US-Wirtschaft mit mehreren Sicherheitsnetzen
Diese Aussichten auf eine Verringerung der Inflation sind gute Nachrichten für die Wirtschaftsakteure. Mit ihnen gehen aber auch weniger positive Entwicklungen einher, insbesondere ein stockender Konsum, die Gefahr des Aufbaus von Überbeständen und ein negativer Wohlstandseffekt durch den bevorstehenden Rückgang der Immobilienpreise. Die US-Wirtschaft verfügt allerdings über mehrere Sicherheitsnetze. Zunächst einmal beginnen die Privathaushalte gerade erst damit, aus den erheblichen Sparreserven zu schöpfen, die sie während der Coronakrise aufgebaut haben. Hinzu kommt, dass weder Privathaushalte noch Unternehmen insgesamt übermäßig verschuldet sind und dass sich die Rentabilität der Unternehmen auf hohem Niveau halten konnte. Schließlich befindet sich auch der Arbeitsmarkt weiterhin in sehr guter Verfassung. Die Anträge auf Arbeitslosenunterstützung steigen nur sehr moderat und Neuanträge gehen seit einigen Wochen sogar zurück. Die Anzahl offener Stellen ist im Vergleich zur Zahl der Arbeitsuchenden weiterhin hoch und es werden in solidem Umfang neue Arbeitsplätze geschaffen, mit über 300.000 neuen Stellen allein im August.

Ideales Umfeld für die Aktienmärkte
Auch wenn es eine Gratwanderung bleibt, lassen die Wirtschaftsdaten im Moment die Hoffnung auf eine „sanfte Landung“ zu. Ein Szenario, in dem die Fed ihre geldpolitische Straffung bis zum Ende weiterverfolgen würde, ohne dass es hierdurch zu einer Konjunkturschwäche käme, die ausgeprägter wäre als die der vergangenen Monate. Das wäre ein ideales Umfeld, in dem die Aktienmärkte auf der Grundlage solider Fundamentaldaten wieder Fahrt aufnehmen könnten.

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Sachwerte als Inflationsschutz

Was schützt wirklich vor Inflation? Der Börsen-Kurier zeigt Zahlen, Daten und Fakten.

Michael Kordovsky. Bei Inflationsschutz fällt den meisten auf Anhieb physisches Gold ein. Aber den Goldpreis prägen langjährige unberechenbare Kursbewegungen und auch jahrzehntelange Durststrecken. Bis das Preishoch aus dem Jahr 1980 (umgerechnet 850 Euro) wieder erreicht wurde, dauerte es bis 2008. Seit dem Jahresende 2008 stieg der Goldpreis per Ende August 2022 um 5,2 % p.a. Das deckt zwar die Inflation ab, ist allerdings eher mäßig für die enormen langfristigen Schwankungsbreiten. Doch wenn es wirklich kritisch wird, ist auf Gold Verlass. In Deutschland zeigte Gold in den Jahren 1913 bis zum Höhepunkt der Hyperinflation von 1923 solide Inflationsschutzeigenschaften. In diesen zehn Jahren stieg der Lebenshaltungskostenindex des Statistischen Reichamtes explosionsartig an, während sich der Preis für eine Feinunze Gold mehr oder minder real hielt.

Immobilien nur mäßiger Schutz
Ebenfalls häufig als Inflationsschutz erworben werden Wohnungen, da deren Mieterträge an den Verbraucherpreisindex gekoppelt sind. Doch Immobilien konkurrieren als Geldanlage auch mit Anleihen um Investoren, somit sind steigende Zinsen schlecht und fallende gut für den Preis. Letzteres ist aber mehr in Zeiten sinkender Inflationsraten der Fall.

Wie sieht es dann langfristig aus? Die Corona-Krise und die Eigendynamik des boomenden Marktes führten dazu, dass bundesweit in Österreich die Wohnimmobilienpreise seit dem vierten Quartal 2020 kontinuierlich auf Jahresbasis zweistellig steigen (10 bis 13,1 %). Doch auf derartige Phasen folgten dann wieder Durststrecken. So führten beispielsweise die Ostöffnungseuphorie und die EU-Beitrittsspekulation in Österreich Anfang der 1990er-Jahre Beitritt dazu, dass in den Jahren 1988 bis 1992 in Wien die Wohnimmobilienpreise jeweils um 11,5, 18,2, 26,1, 20,6 bzw. 16,0 % anstiegen. Von 1993 bis 2004 hingegen lag die Bandbreite bei -4,9 bis +1,8 %.

Eine Untersuchung von Rothschild & Co auf Basis von Daten der FRED-Datenbank der St. Louis Fed und von Bloomberg bescheinigte Häusern im Zeitraum von 1991 bis 2021 eine Realrendite von 2,3 % p.a., verglichen mit 3,2 bei Gold und 9,4 % bei Aktien.

Einen hervorragenden Inflationsschutz bietet laut einer Untersuchung von HQ Trust im Zeitraum Dezember 2000 bis September 2021 aber Private Equity (PE). PE-Fonds (Buyout, Expansionskapital und Venture Capital) werfen langfristig Renditen in zweistelliger Größenordnung ab. Laut HQ Trust liegt die PE-Performance in Quartalen mit einer US-Inflation von unter 1,5 % (25 % der Quartale) bei 10 % p.a. Im Falle einer Inflation in der etwaigen Größenordnung von 1,5 bis 2,5 % sind es 11 % und bei über 2,5 % (35 % der US-Quartale) Inflation steigt die Performance auf 17,3 %. Die Durchschnittsperformance lag bei 12,9 % p.a.

Schöner anlegen
Seltene Farbedelsteine sind in den vergangenen 27 Jahren um 4 bis 8 % p.a. gestiegen, Rubine im Schnitt um 8 % p.a., blaue Saphire und Smaragde je nach Qualität um 4 bis 6 % p.a. Allerdings sollten Edelsteine nur mit Zertifikaten unabhängiger gemmologischer Labore gekauft werden. Die erforderlichen Mindestinvestments liegen bei rund 3.000 E pro Edelstein.

Auch Oldtimer können sich lohnen und höhere Wertzuwächse als die Inflation erzielen. Der vom VDA veröffentlichte Oldtimer-Index stieg von 1999 bis 2021 geometrisch (CAGR) um 4,7 % p.a. Die Fahrzeugwerte ermittelt der Bewertungsspezialist Classic-analytics. Doch Vorsicht: Der Erhalt eines Oldtimers kostet Geld. So fallen beispielsweise Stellkosten und Betriebskosten an. Damit der Inflationsschutz greift, sollte deshalb in rare und teurere Fahrzeuge investiert werden.

Foto: Adobe Stock / Sergey Kohl

 

 

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Best in Class: Ist weniger schmutzig schon nachhaltig?

Auch bei der Vorsorge mittels nachhaltiger Produkte gilt es, genau hinzusehen.

Andreas Dolezal. Nachhaltiges Investieren ist in aller Munde, bei klassischen Geldanlagen ebenso wie bei langfristiger Vorsorge. Die EU-Kommission gießt ihre Ziele und Kriterien für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten gerade in wortreiche Verordnungen. Auf deren Basis wählen Assetmanager die Zielinvestments, also Aktien und Anleihen, für nachhaltige Finanzprodukte aus. Mit oft überraschendem Ergebnis.

Richtige Richtung
Nachhaltig investieren und vorsorgen ist grundsätzlich eine gute Sache. Assetmanager und Anleger stützen sich dabei meist auf die ESG-Kriterien: Umwelt, Soziales bzw. Gesellschaftliches und gute Unternehmensführung. Noch etwas eingeschränkt sind die vorhandenen EU-Kriterien, die bis dato nur Umweltziele kennen und darauf abstellen, ob eine wirtschaftliche Tätigkeit dem Erreichen eines oder mehrerer Umweltziele dient.

Vorsorge- und Anlageprodukte, die diese Kriterien bei der Auswahl von Zielinvestments für Deckungsstock oder Fondsvermögen berücksichtigen, nennen sich nachhaltige Finanzprodukte. Sie schmücken sich oft mit einem Gütesiegel wie dem österreichischen Umweltzeichen, oder tragen im Sinne der EU-Regularien das Attribut „Artikel 8“ oder „Artikel 9“. Trotzdem finden sich in den Portfolios auch Aktien und Anleihen von Unternehmen wieder, die wir nicht unbedingt als klima- und umweltfreundlich, gesellschaftlich engagiert oder fair wirtschaftend kennen.

Unterschiedliche Ansätze
Des Rätsels Lösung lautet vielfach Best-In-Class-Ansatz. Bei diesem Managementansatz erstreckt sich das Anlageuniversum auf jene Unternehmen, die innerhalb ihrer Region, Branche oder Klasse die besten Leistungen – in unserem konkreten Fall bezüglich Nachhaltigkeit – erbringen. So selektieren Assetmanager zum Beispiel Unternehmen einer Branche, die (erneuerbare) Energie besonders effizient nutzen, Abfall möglichst vermeiden, Weiterbildungen für Mitarbeiter anbieten oder soziale Projekte unterstützen. Jene Unternehmen, die im Branchenvergleich am besten abschneiden, sind dann „Best in Class“.

Der Best-in-Class-Selektionsprozess lässt sich auf alle Branchen und Wirtschaftstätigkeiten anwenden, nicht nur auf jene, die allgemein als „grün“ und nachhaltig gelten, sondern auch auf „schmutzige“ Branchen wie fossile Energieerzeugung, Glückspiel und Waffenproduktion. Auch unter den Öl- und Gasförderern, deren Produkte ja eher als klimaschädlich gelten, gibt es beispiels-weise jene, die weniger Umweltschäden verursachen, ihren Mitarbeitern mehr freiwillige Sozialleistungen bieten und mehr für CO2-Kompensation ausgeben als Mitbewerber. Diese Öl- und Gasproduzenten gelten dann als nachhaltig(er) im Sinne von Best in Class. Manche Assetmanager vermeiden solche offensichtlichen Diskrepanzen durch zusätzliche Ausschlusskriterien.

Argumentiert wird auch damit, dass grundsätzlich jedes Unternehmen, etwa durch das Schaffen von Arbeitsplätzen und das Bezahlen von Steuern und Abgaben, einen Beitrag zur Gesellschaft leistet. Der Best-In-Class-Ansatz soll Unternehmen und Branchen, deren Produkte als klima- und umweltschädlich gelten, auch dazu motivieren, ihre Geschäftstätigkeiten nachhaltiger zu gestalten.

Probleme einfach auslagern?
Zu beobachten ist allerdings, dass Konzerne ihre „schmutzigen“ Geschäftsbereiche verkaufen oder in separate Gesellschaften ausgliedern und sich nur die „grünen“ Tätigkeitfelder behalten. Diese „grünen“ Teilbereiche gelten dann zwar als nachhaltig, der echten Nachhaltigkeit ist jedoch nicht gedient, wenn „schmutzige“ Geschäftsfelder einfach unter anderem Namen mit anderen Eigentümern weiterbetrieben werden.

Nachhaltig orientierte Anleger müssen sich im Klaren sein, dass es weder zu 100 % nachhaltige Unternehmen noch zu 100 % nicht-nachhaltige gibt. Die Realität liegt immer irgendwo in der Mitte sowie im Auge des Betrachters.

Foto: Adobe Stock / Roman

 

 

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Kennt Luxus keine Krise?

Luxusaktien: langfristiges Wachstum jenseits von Marktturbulenzen.

Lea Schweinegger. Gehen am Luxusmarkt und am Markt für „schöne Dinge“, die wir an dieser Stelle immer wieder präsentieren, alle Krisen dieser Welt spurlos vorbei? Kurzfristig nicht immer, aber in der Langfristperspektive sehr wohl, so die Antwort.

So brach der Markt beim Ausbruch von Covid und bei den Schließungen lokaler Shops und den Lockdowns zwar vorübergehend kräftig ein, doch schon bald erlebte er wieder eine Erholung. Das Geld war und ist ja weiter vorhanden, auch wenn zuletzt im ersten Halbjahr 2022 durch den Ukraine-Krieg die russische Käuferschicht teilweise ausgefallen ist. Nichtsdestoweniger bleiben die Umsätze hoch und die Luxusgüter selber behalten über lange Zeiträume hinweg zumindest ihren Wert, da sie für viele auch einen sicheren Hafen darstellen.

Hohe Steigerungsraten
Und so soll der Umsatz im Markt Luxusgüter, wie wir bereits in der Vorwoche berichtet hatten, von 2022 mit rund 300 Mrd Euro bis zum Jahr 2027 auf ein Marktvolumen von knapp 350 Mrd Euro steigen. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von mehr als 4 %. „Trotz eines schwierigen ersten Halbjahres 2022 hat der Luxussektor das Potenzial für ein starkes zukünftiges Wachstum, das durch die anhaltende Nachfrage nach Luxusartikeln in den USA, eine Erholung in China und die überlegene Preissetzungsmacht des Sektors gestützt wird“, analysiert die Assetmanagerin Swetha Ramachandran in diesem Zusammenhang.

Sorgen im ersten Halbjahr 2022
Die erste Jahreshälfte war für die Märkte eine Herausforderung, da sie weiterhin zwischen der Sorge um die Entwicklung der Zinssätze und einer möglichen Rezession infolge der Straffung der Geldpolitik schwankten, meint die Expertin für Luxusgüter von GAM Investments in einem Kommentar. Aber: Der Luxussektor hat ihr zufolge schon viele Stürme überstanden. Bei jedem Rückschlag habe sich der Sektor stärker erholt, wobei sich die Zeitspanne zwischen Ausverkauf und Erholung jedes Mal verkürzte, da der Markt den strukturellen Rückenwind des Sektors zu schätzen wusste – nämlich die weltweit wachsende aufstrebende Mittelschicht und deren überdurchschnittlich hohe Bereitschaft, Geld für Luxusmarken auszugeben, so Ramachandran.

US-Amerikaner treiben Nachfrage
Die US-Konsumenten sind laut der Fachfrau derzeit der größte Treiber für Luxusausgaben. Die größte Sorge bestehe darin, dass der Inflationsdruck zu einem starken Rückgang der Luxusausgaben in einem bisher dynamischen Markt für Luxusmarken führen könnte. Verbraucher aus der Mittelschicht und darüber geben jedoch nur etwa 20 bis 30 % ihres verfügbaren Einkommens für notwendige Dinge wie Lebensmittel, Gas, Unterkunft, Versorgungsleistungen aus, während es bei den Verbrauchern der unteren Einkommensschichten 94 % sind.

„Während wir also eher eine allmähliche Normalisierung der hohen US-Wachstumsraten für die Branche insgesamt erwarten, scheinen Luxusaktien einen drastischen Rückgang der US-Nachfrage einzupreisen, was wir angesichts der strukturellen Triebkräfte für die Ausweitung der US-Konsumentenbasis – jünger, vielfältiger, mehr Männer, mehr Verbraucher, die sich für langlebige Artikel statt für Fast Fashion interessieren – für unwahrscheinlich halten“, geht die Aktienexpertin ins Detail.

Asien bleibt eine bedeutende Region
Sie verweist aber auch auf China: Trotz der weltweiten Besorgnis über die Schließung der Covid-Märkte sei die Erholung in Shanghai seit der Wiederöffnung als solide zu bezeichnen. Darüber hinaus habe die chinesische Regierung in Form von Steuerrückerstattungen und Gutscheinen Anreize für den Konsum erprobt. Für Ramachandran mit ein Grund, dass sich der Handel in China verbessert, Luxusmarken eher en vogue sind, als dass sich der Markt verschlechtert, was jedoch das Risiko für die Gewinne aus dieser wichtigen Nachfragequelle mindert.

Junge Verbraucher dominieren
Außerhalb Chinas werden ihrer Ansicht nach die Märkte in Südostasien, die von jungen Verbrauchern der Mittelschicht dominiert werden, in Zukunft zu bedeutenden Wachstumstreibern für den globalen Luxusmarkt werden. Der vorherrschende Wirtschaftstrend in Südostasien sei, wie auch anderswo, die Vergrößerung der Mittelschicht. Mit einem Gesamt-BIP von 2,976 MrdUSD sollte Südostasien bis 2030 der viertgrößte Wirtschaftsraum sein.

Preissetzungsmacht und robuste Gewinnmargen
Zum Ausblick meint die GAM-Fachfrau: „Unser positiver Ausblick auf den Sektor wird durch die nach unserer Einschätzung überlegene Preissetzungsmacht und die begrenzte Nachfrageelastizität vor einem inflationären Hintergrund untermauert. Der Ausgangspunkt für die starke Preissetzungsmacht des Sektors sind seine hohen Bruttomargen, die nicht nur stabil sind, sondern bei einigen Unternehmen sogar steigen – trotz steigender Inflation.“ Die Ergebnisse des zweiten Quartals seien ein hinreichendes Anzeichen dafür, dass der Handel robust bleibt und sich die Gewinnmargen als äußerst widerstandsfähig erweisen. Und so ist GAM Investments der Ansicht, dass die Aussichten für den Luxussektor trotz der gegenwärtigen schwierigen Marktbedingungen weiterhin gut sind.

Foto: Pixabay / antonytrivet

 

 

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Wir sind noch nicht über den Berg

Ein Kommentar von Ariel Bezalel, Head of Strategy Fixed Income, und Harry Richards, Fondsmanager im Fixed Income-Team bei Jupiter Asset Management

(29.08.) Im Juli traten die Märkte in eine neue Phase ein: Nach der Volatilität im ersten Quartal, die durch die hawkische Politik der Fed und den Krieg ausgelöst wurde und die sich im zweiten Quartal aufgrund zunehmender Rezessionsängste, insbesondere im Juni, weiter verschlechterte, erlebten wir in diesem Sommer eine Erholung der Aktien- und Unternehmensanleihemärkte. Warum? Der Optimismus, dass die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten die Zentralbanken dazu veranlassen würden, von ihren Plänen einer strafferen Geldpolitik abzulassen, wurde durch eine sehr pessimistische Positionierung der Anleger noch verstärkt – ein klassischer „Short Squeeze“ in einem Bärenmarkt.

Wir sind der Meinung, dass die Aktienbewegungen nicht die Realität widerspiegeln. Erstens glauben wir nicht, dass die Fed eine Pause einlegen wird. Jerome Powell wird wahrscheinlich die Konferenz in Jackson Hole und die Fed-Sitzung im September nutzen, um die Pläne für eine weitere Zinserhöhung und das Tapering zu bekräftigen. Die vorwärtsgerichteten Indikatoren deuten zwar auf ein langsameres Wachstum hin, aber die Politik der Fed wird im Wesentlichen durch rückwärtsgerichtete Indikatoren für Inflation und Beschäftigung bestimmt. Die Inflation mag ihren Höhepunkt erreicht haben, ist aber immer noch viel zu hoch, als dass sich die Fed sicher sein könnte, dass sie zu ihrem Ziel zurückkehren wird. Die Zahl der neuen US-Arbeitsplätze im Juli lag mit 525.000 weit über den Erwartungen. Darüber hinaus ist der politische Druck auf die Fed, die Inflation vor den Zwischenwahlen zu drosseln, enorm.

Es wird noch viel schlimmer
Zweitens ist die Rezession zwar von einer entfernten Möglichkeit zu einem Konsens geworden, aber wir glauben nicht, dass die Anleger das Ausmaß der bevorstehenden Wachstumsverlangsamung begriffen haben. Der Druck auf die Verbraucher ist seit Beginn des Krieges bekannt, da die Lebensmittel- und Energiepreise in die Höhe schießen. Aber es wird noch viel schlimmer werden. Bislang haben die Verbraucher in diesem Jahr ihre Ersparnisse aufgebraucht und sich verschuldet, um den Konsum zu finanzieren. Dieser Spielraum wird immer geringer. Im Winter werden die Kraftstoffpreise die Brieftaschen hart treffen. Zwar sinken die Öl- und Rohstoffpreise, aber das ist nicht genug.

Die Entwicklung des US-Immobilienmarktes wirkt sich auch auf die Weltwirtschaft aus. Die finanzielle Tragfähigkeit von Wohnraum in den USA ist aufgrund steigender Hypothekenzinsen, höherer Hauspreise und sinkender Realeinkommen auf ein Niveau zusammengebrochen, das wir seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben. Die Daten zum Wohnungsmarkt überschlagen sich: Hausverkäufe gehen schnell zurück. Das gilt nicht nur für die USA. Auch in Kanada, Australien, dem Vereinigten Königreich, Schweden, Südkorea und anderen Ländern verschlechtert sich die Wohnsituation. Viele dieser Volkswirtschaften haben stark fremdfinanzierte Wohnungsmärkte, die anfällig für höhere Zinsen sind. Die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt brauchen Zeit, bis sie sich bemerkbar machen und werden sich stark auf das BIP auswirken. Der Wohnungsmarkt macht 20 % des US-BIP aus.

China wird dem Westen nicht aus der Rezession helfen
Dass sich das Wachstum in China abschwächen wird, ist den Anlegern ebenfalls klar, aber auch hier sind die Auswirkungen noch nicht vollständig eingepreist. Die Auflösung der Immobilienblase in China wird noch Jahre dauern, die Nullzinsen bremsen das Wachstum, das Verbrauchervertrauen ist gering, und ein starker Rückgang der Ausgaben für langlebige Güter in den Industrieländern wird die chinesische Industrie treffen. Die Regierung ist gefangen zwischen hohen Wachstumszielen, die zunehmend unerreichbar erscheinen und ihrer mangelnden Bereitschaft, zu den schuldenfinanzierten Infrastrukturausgaben der Vergangenheit zurückzukehren, was Anreize schwierig macht. China wird dem Westen dieses Mal nicht aus der Rezession helfen, sondern sie eher verschlimmern. Es gibt sogar Grund zu der Annahme, dass China in einer Liquiditätsfalle stecken könnte, da die Banken vor Liquidität strotzen, die Verbraucher jedoch zögern, Kredite aufzunehmen. Eine bilanzielle Rezession in China ist durchaus möglich. Dies könnte durchaus zu einer längeren Phase der säkularen Stagnation führen.

Vor diesem Hintergrund haben sich viele Investoren der Hoffnung hingegeben, dass die Fed einlenkt, aber wir glauben nicht, dass das passiert. Die Fed wird ihre Straffung fortsetzen, was den Abschwung noch verstärken wird. Der Liquiditätsverlust durch das Tapering hat sich in der Vergangenheit immer dann auf die Märkte ausgewirkt, wenn er eintrat. Er wird in der Regel nicht im Voraus eingepreist. Und weitere Zinserhöhungen der Fed sind im September und darüber hinaus wahrscheinlich.

Je länger die Zentralbanken das Ende der Inflation auf Kosten aller anderen Faktoren verfolgen, desto tiefer und schädlicher werden die Auswirkungen auf das Wachstum und damit die Rezession. Dieser Ansatz spannt die Feder der Staatsanleihen bis zum Äußersten und wird dafür sorgen, dass die Renditen besonders heftig zurückschnellen, wenn der Wendepunkt erreicht ist.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste
Kurzfristig bleiben wir daher vorsichtig positioniert. Die Inflation verlangsamt sich zwar, aber noch nicht rasch genug, um der Fed eine Lockerung der Politik zu ermöglichen. Die Anleihemärkte spiegeln unseres Erachtens die Realität besser wider, da sie kurzfristig mit Zinserhöhungen der Fed rechnen und auf längere Sicht mit sinkendem Wachstum und niedrigeren Zinsen. Die Differenz zwischen den 2- und 10-jährigen Zinssätzen in den USA ist heute so negativ wie seit 2000 nicht mehr. Wir glauben, dass sich diese Kurveninversion vertieft und dass die Anleiherenditen noch viel weiter fallen müssen, wenn die Rezessionsängste an die Märkte zurückkehren.

Wir halten daher weiterhin an der Duration fest, insbesondere in den USA. Wir bevorzugen auch Australien und Südkorea, die durch die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft gefährdet sind und einen sehr fremdfinanzierten Immobiliensektor haben, der unter den höheren Zinsen leidet. Bei den Krediten setzen wir auf Unternehmen in rezessionsresistenten Sektoren und auf Sondersituationen, die härtere Zeiten überstehen können.

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten für Anleger: Wir glauben, dass sich die Inflation weiter verlangsamen wird, denn das wirksamste Mittel gegen Inflation bleibt die Rezession. Die Rohstoffpreise tragen bereits dazu bei. Im weiteren Jahresverlauf wird die Disinflation bei Gütern deutlich zunehmen, da die Nachfrage vor dem Hintergrund überschüssiger Lagerbestände nachlässt. Zum Jahreswechsel hin wird sich die stärkste Inflationskomponente, nämlich der Wohnungsmarkt, rasch abschwächen, da sich die Wohnsituation verschlechtert.

Es wird eine holprige Fahrt werden, denn das Wachstum verschlechtert sich. Letztlich werden die Zentralbanken aber angesichts der sich verlangsamenden Inflation unweigerlich zu einer viel lockereren Politik übergehen. Dies wird eine Rückkehr zu “niedrigeren Zinsen für längere Zeit” mit sich bringen. Für Anleger in festverzinslichen Wertpapieren stellt dies eine gute Ausgangsbasis dar, da die Renditen sinken, die Kreditmärkte gestützt werden und die Duration die Risikoanlagen wieder diversifiziert. Es handelt sich also um eine einmalige Gelegenheit, in Anleihemärkte einzusteigen. Gleichzeitig ist Vorsicht geboten, denn man muss wissen, was man besitzt, um eine Rezession zu überstehen.

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Novo Nordisk & Eli Lilly versus Adipositas

Ein spannender und wachsender Health-Care-Markt, meinen die Experten von der DJE Kapital AG.

Rudolf Preyer. Adipositas (Fettleibigkeit) ist weltweit auf dem Vormarsch und wortwörtlich eine Last nicht nur für Betroffene. Auch die Gesundheitssysteme von Volkswirtschaften belastet diese Erkrankung. Mehrere vielversprechende neue Medikamente sind aktuell in Studien oder bereits zugelassen und könnten teure Magenverkleinerungen obsolet machen.

Unternehmen hinter diesen möglichen Blockbustern von morgen sind einen genaueren Blick wert, ebenso wie Covid-19-Impfstoffhersteller, da das Virus Adipositas-Erkrankte deutlich stärker gefährdet.

Zur Begriffsklärung
Aktuell gibt es weltweit über 764 Mio adipöse Menschen, definiert mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30. Der BMI errechnet sich aus dem Gewicht einer Person geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Bis 2030 sollen weltweit mehr als eine Milliarde Menschen an Adipositas leiden.

Adipositas führt bei den Betroffenen zu einem erheblichen subjektiven Leidensdruck, ist aber vor allem auch mit multiplen Folgeerkrankungen verbunden. Dennoch werden aktuell nur rund 2 % aller Betroffenen weltweit medizinisch behandelt. Demnach ist der Bereich Adipositas bislang kaum erschlossen und ein ausgesprochener Wachstumsmarkt.

Operative Magenverkleinerungen zur Behandlung von Adipositas sind zwar erfolgreich und zunehmend etabliert, stellen aber einen invasiven Eingriff dar, der nicht-reversibel ist und lebenslange Kontrollen nach sich zieht. Aus diesem Grunde suchte man schon früh nach medikamentösen Behandlungsstrategien. Durchgesetzt haben sich bislang allein Medikamente aus der Diabetologie, sogenannte „GLP-1-Rezeptor-Agonisten“.

Erfolgreiche Anwendungen
Als Weiterentwicklung des bewährten, aber nur mäßig effektiven Wirkstoffs Liraglutid gibt es nun hochdosiertes Semaglutid (unter dem Produktnamen Wegovy) von Novo Nordisk (ISIN: DK0060534915). Semaglutid ist in niedrigerer Dosis unter dem Produktnamen Ozempic weltweit seit Jahren in der Diabetologie bewährt und anwendungssicher. Wegovy hat in großen Studien Gewichtsreduktionen von mehr als 15 % nachweisen können und ist bereits in den USA als reines Abnehm-Medikament offiziell zugelassen. Eine europaweite Zulassung erfolgte Anfang 2022. Die Nachfrage nach Wegovy ist so hoch, dass Novo Nordisk mit der Produktion nicht nachkommt. Infolgedessen wird hier teilweise das niedriger dosierte in der Adipositas-Behandlung angewendet.

Ein neues vielversprechendes Medikament mit Blockbuster-Potenzial stammt von Eli Lilly (US5324571083): Die Wirksubstanz Tirzepatid ist als sogenanntes Twinkretin zunächst einmal eine Weiterentwicklung in der Diabetologie, da sie zusätzlich zu GLP-1- auch GIP-Rezeptoren adressiert. Und auch die Gewichtsreduktionen waren eindrucksvoll: Mit bis zu 22,5 % Gewichtsabnahme übertrifft diese Substanz nicht nur alle bislang bekannten Medikamente, sondern nähert sich als Medikament erstmals einer Schallmauer, die bislang nur von der Magenverkleinerung bekannt war.

In Europa erwartet Eli Lilly bis Jahresende eine Zulassung, ab 2023 könnte die Spritze mit dem Wirkstoff Tirzepatid unter dem Produktnamen Mounjaro auch hierzulande auf ärztliche Verordnung gegen Diabetes (Typ 2) verfügbar sein. In den USA ist das Medikament bereits seit einigen Monaten auf dem Markt.

Fazit
Bei einer medikamentösen Behandlung von nur 10 % der weltweit mehr als 750 Mio adipösen Menschen mit jährlichen Kosten von 1.000 USD pro Jahr für Wegovy oder Mounjaro wäre der Markt mehr als 70 MrdUSD groß (konservative Schätzung): ein Markt mit genügend Platz für zwei große Pharmaunternehmen.

Foto: Pixabay / Joenomias

 

 

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Das schwierige Werben um Talente

Die Dynamik am Arbeitsmarkt und Generation Z erfordern neue Wege im HR-Bereich.

Christian Sec. „Österreichs Unternehmen inserieren um 40 % mehr Jobausschreibungen als in der Vergangenheit, weil durch den enormen Digitalisierungsschub neue Kompetenzen und Skillsets benötigt werden“, erklärt Christian Dorfinger, Talentescout der Erste Bank, gegenüber dem Börsen-Kurier. Während die Konzerne händeringend nach Talenten vor allem in den MINT-Fächern (Mathematik, Naturwissenschaft, IT, Technik) suchen, treten die potenziellen Arbeitnehmer zunehmend selbstbewusster auf. „Das Unternehmen stellt sich heute genauso beim Bewerber vor, wie der Bewerber beim Unternehmen“, so Ulrike Baumgartner-Foisner, Senior Vice President im Human-Resources (HR) von Wienerberger, zum Börsen-Kurier. „Haben Unternehmen früher noch Anzeigen geschaltet und auf geeignete Bewerber gewartet, muss Recruiting heute direkt an potenzielle Bewerber herantreten und ähnlich einem Headhunter agieren“, sagt Baumgartner-Foisner. „Auf der anderen Seite sitzt eine neue Generation, die oft einen viel flexibleren Zugang zum Thema Arbeit hat als ihre Vorgänger“, meint Dorfinger. Dabei geht es um die Möglichkeit zum Remote-Working oder um Teilzeitmodelle und um Workation, also die Verschmelzung von Urlaub und Arbeit; und schluss-endlich soll die Arbeit auch als sinnstiftend wahrgenommen werden. Genau dieses Delta zwischen großem Arbeitskraftbedarf und den Vorstellungen der neuen Generation bringe enorme Dynamik in den Arbeitsmarkt, so Dorfinger. In Zeiten wie diesen, wo die Kandidaten auf Augenhöhe mit den Unternehmen sind, sei daher die positive Wahrnehmung einer Arbeitgebermarke von großer Bedeutung, erklärt der Erste-Bank-Mann.

Auf allen Kanälen aktiv
„Der größte Wettbewerb um Talente findet im Bereich der IT statt, da branchenübergreifend sehr ähnliche Kompetenzen gesucht werden“, erklärt uns René Knapp, HR-Vorstand der Uniqa. Gerade in diesem kompetitiven Umfeld sei es daher für Unternehmen umso wichtiger, dass die „Employer Brand“ am Markt als attraktiv wahrgenommen wird. So entscheiden sich viele Studenten schon während des Studiums für eine Karriere in einem bestimmten Unternehmen, das am stärksten ihre Wertewelt vertritt. Daher investieren die meisten großen Unternehmen viel in die Kooperation mit Universitäten und Fachhochschulen mit z. B. Karrieremessen an Hochschulen.

Auch soziale Medien werden immer stärker von Kandidaten zur Jobsuche genutzt. Eine Studie von Randstad Employer Brand Research aus 2022 zeigt, dass sich die Nutzung sozialer Medien wie Facebook, Twitter, LinkedIn und Xing bei der Jobsuche allein seit 2021 zumindest in Deutschland mehr als verdoppelt hat, und zwar von zehn auf 21 %. Bewerber suchen also verstärkt ihre Stellen dort, wo sie sich in der Freizeit auf-halten, analysiert die Studie. Dies haben mittlerweile auch die Unternehmen erkannt. Stelleninserate werden in den sozialen Medien geteilt. Immer mehr Unternehmen nutzen Social Media auch für die gezielte und direkte Ansprache von Kandidaten (Active Sourcing). So wie z. B. die VIG, die verstärkt auf Active Sourcing über LinkedIn und Xing setzt.

Kampf gegen Fluktuation
Die guten Mitarbeiter der Generation Z (junge Menschen, die zwischen den Jahren 1995 und 2010 geboren sind, Anm.) zu halten ist jedoch nicht allein mit flexiblen Dienstplänen und Arbeitszeiten oder der gesellschaftlichen Auswirkung der Arbeit zu erreichen. Schlussendlich ist die neue Generation wechselwilliger als ihre Vorgänger. Viele Studien zeigen diesbezüglich, dass gute Mitarbeiter weder den Job noch das Unternehmen verlassen, sondern die eigene Führungskraft. „Will man Fluktuation verringern, gilt es also die Führungskraft zu stärken. Das geschieht am effektivsten durch sehr sorgsame Auswahl von Führungskräften und gute HR-Begleitung“, so Baumgartner-Foisner abschließend.

Foto: Adobe Stock / madedee

 

 

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Der Schweizer Franken in neuen Sphären

Die Aktien an der Börse Zürich präsentieren sich zunehmend attraktiver.

Roman Steinbauer. Weiterhin strömt die Liquidität sowohl in den US-Dollar als auch in den Schweizer Franken. Seit der Einführung der Gemeinschaftswährung notierte die eidgenössische Währung zum Euro nicht so stark wie derzeit. Bloß 96 Rappen haben aktuell helvetische Nachbarn für einen Euro aufzubringen. Über lange Zeiträume legte der Franken zur US-Devise selbst bereits seit 1990 bis zum Jahr 2010 um 30 % zu. Seitdem dominieren Pendelbewegungen mit einer seitwärts gerichteten Tendenz.

Die Folgen der Aufwertung schlagen auf börsennotierte Schweizer Konzerne nachteilig durch, doch wurden die Gewinne der Unternehmen rückblickend nie nachhaltig beeinträchtigt. Schweizer Gesellschaften bewiesen stets eine beeindruckende Fähigkeit, den Nachteil starker Schübe an Aufwertungen der Heimatwährung zu egalisieren bzw. durch Optimierungen auszugleichen.

Der Swiss Performance Index (SPI) an der Börse Zürich liegt seit Jahreswechsel 14 % im Minus. Dieser breite und meistbeachtete Index, in dem 219 Werte gelistet sind, ist als „Total Return Index“ konzipiert (Dividendenzahlungen werden also bei der Indexentwicklung mit eingerechnet). Er wurde heuer bisher geringer in Mitleidenschaft gezogen als der Dax (-19 %) und der FTSE MIB-Index in Mailand (-20 %), jedoch etwas mehr als der französische CAC 40 in Paris mit -13 %.

Niedrige Inflation, aber vorsichtige Konsumenten
Die Auswirkungen des starken Franken hinterlassen in der Handelsbilanz Spuren. So verringerte sich laut dem Berner Statistikamt im Juli der Überschuss in Kombination mit den teureren Energieimporten auf umgerechnet 3,75 Mrd Euro im Vergleich zu 5,51 Mrd Euro des Vergleichsmonats 2021 drastisch. Die Arbeitslosigkeit wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) mit 2,2 % beziffert und ist somit kaum vorhanden. Letzte Daten zu Preissteigerungen nehmen sich im internationalen Vergleich schmeichelhaft aus: So lag die Inflation im Juli mit +3,4 % bei den Nachbarn so hoch wie seit Oktober 1980 nicht mehr, aber erneut unter den Erwartungen. Die Produzentenpreise tendierten mit 6,3 % deutlicher nach oben, doch ist auch dieser Wert im internationalen Vergleich bescheiden.

Wenig konform mit westlichen Industriestaaten zeigt sich zudem die Schweizerische Nationalbank (SNB). Diese hob zwar den Leitzins erstmals seit Jahren um 50 Basispunkte auf -0,25 % an. Die Target Range liegt damit aber immer noch im negativen Bereich. Wie in den EU-Staaten erfuhr die Stimmung der Verbraucher eine Eintrübung. Der „SECO Consumer Climate Index“ tauchte zuletzt mit -28 Punkten beinahe so drastisch ab, wie dies im Feber 2021 (-30) und im Mai 2020 (-39) der Fall war. Dass die 8,3 Mio Konsumenten den Gürtel auch in unserem Nachbarland enger schnallen, weisen die Einzelhandelsumsätze aus. Im Juni bekamen diese mit +1,2 % erstmals (nach drei negativen Ausweisen) wieder Oberluft.

Teils unbeeinträchtigte Konzerne
Legt sich die krisenbedingte Bunkermentalität in die Schweizer Währung, könnte dies besonders für eine Stimulation jener Schweizer Aktien sorgen, deren Konzerne international agieren. Die Perspektive sich erholender Auslandsdevisen und damit ankurbelnder Franken-Erlöse würde rasch wieder in den Vordergrund treten. Zu diesem Aspekt verkündeten die Investmentprofis der Bank Julius Bär in einem Strategiepapier, Schweizer Aktien noch stärker in den Portfolios zu gewichten. Denn selbst der ungünstige Gegenwind des harten Frankens könne der Widerstandskraft der Gewinnmargen der Konzerne wenig anhaben. Favorisiert werden dabei Valoren wie jene der Swiss Life (ISIN: CH0014852781), Roche (CH0012032113), Lonza (CH0013841017) oder der ABB (CH0012221716). Die Situation des globalen Lebensmittel-Multi Nestlé (CH0038863350) spiegelt die robuste Lage vieler eidgenössischen Vertreter. Im 1. Halbjahr wurde ein organisches Wachstum von 8,1 % generiert, wobei die Durchsetzungskraft an Preiserhöhungen von 6,5 % für sich sprach. (Pikant: das Premium-Tierfutter Purina trug in der Krise am meisten zum Wachstum bei).

Vor allem aber Papiere der Sanitärtechnik-Gruppe Geberit (CH0030170408; Währungseffekte herausgerechnet stieg der Nettoumsatz im 1. Halbjahr um 11,3 %, die Ebitda-Marge betrug 28 %), des Software-Spezialisten Temenos (CH0012453913) oder jene von Schindler (CH0024638212) sind aktuell bei mehr als 30 % unter der Notiz vor zwölf Monaten zu bekommen.

Anmerkung: Seit 1. Juli 2019 ist für EU-Bürger der Erwerb Schweizer Aktien durch die nicht mehr anerkannte Börsenäquivalenz Brüssels nur über die Börse Zürich oder über den OTC-Markt (Direkthandel über Brokerhäuser) möglich.

Foto: Pixabay / Werni

 

 

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Was ist mit der Volksrepublik los?

China fällt als Wachstumslokomotive aus. Lockdowns, Hitzewelle und Dürre belasten.

Michael Kordovsky. Infolge der Corona-Lockdowns in Shanghai und Peking verlangsamte sich vom ersten auf das zweite Quartal das BIP-Wachstum Chinas von 4,8 auf 0,4 %. Das verschärfte die globalen Lieferkettenunterbrechungen. Konkret musste Shanghai als wichtigste Wirtschaftsmetropole des Landes im April und Mai 2022 erneut zwei Monate in einen harten Lockdown gehen. Auch der Hafen war gesperrt. Noch immer steckt dies den Chinesen als Schock in den Knochen.

Die Angst vor spontanen Abriegelungen von Einkaufszentren, Restaurants und Kinos durch die Regierung hält die Bevölkerung vom Ausgehen und Shoppen ab – mit entsprechender Auswirkung auf die Umsätze des Einzelhandels, die im Juli gegenüber dem Vorjahr nur noch um 2,7 % wuchsen, nach 3,1 % im Juni. Einbrüche gab es in den Handelssparten Bekleidung, Möbel und Baumaterialien. In den ersten sieben Monaten 2022 waren die Einzelhandelsumsätze gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,2 % rückläufig.

Industrieaktivitäten nahe der Kontraktionsgrenze
Lieferkettenprobleme durch Absperrungen und natürlich auch der schwache Privatkonsum sowie nicht ausgeführte Exportorders bremsten die Dynamik der chinesischen Industrieproduktion, die im Vorjahresvergleich in den Monaten Juni und Juli nur noch um jeweils 3,9 bzw. 3,8 % wuchs.

Auch die Stimmung der Führungskräfte der Industrie hält sich in Grenzen. Als Aktivitätsindex zeigt der Caixin-Index der Einkaufsmanager für private Industriebetriebe, der zwar im Juni noch ein 13-Monatshoch bei 51,7 Punkten markierte, bereits im Juli eine Talfahrt auf 50,4 Punkte. Damit liegt er nur noch hauchdünn über der Kontraktionsgrenze von 50 Punkten. Betriebe stellen weniger Personal ein. Die Teilkomponente für Beschäftigung war nämlich bereits vier Monate in Folge rückläufig, was auf den stärksten Beschäftigungseinbruch seit April 2020 hindeutet.

Hinzukommen strukturelle Probleme, die sich zunehmend als Wachstumshürden zeigen (werden). Dazu zählen sozialistische verkrustete Wirtschaftsstrukturen genauso wie die demographischen Folgen der Ein-Kind-Politik. Zahlreiche unrentable Betriebe werden aufgrund der Beschäftigung von Mitarbeitern am Leben erhalten. Der Anteil der Über-65-Jährigen wächst von 12,6 % im Jahr 2020 bis 2030 auf 18,2 % und bis 2050 voraussichtlich auf 30,1 %. Dann liegt der Anteil der 0-14-Jährigen nur noch bei 11,4 % verglichen mit 18 % im Jahr 2020. Dies schmälert dann wegen erhöhter Sozialausgaben des Staates die Spielräume für zukünftige Konjunkturprogramme.

Klimawandel gefährdet Stromversorgung
Die Nebenwirkungen des Wirtschaftswunders (extrem hoher CO2-Ausstoss) machten sich bereits in der schlimmsten Hitzewelle bemerkbar, die es in China seit den Temperaturaufzeichnungen gab. Nicht nur die Weizenernte in der Provinz Hanan steht auf dem Spiel. Regenmangel und Hitze lassen die Wasserpegel von Flüssen und Seen sinken. In der Folge kann aus Wasserkraft viel weniger Strom gewonnen werden. Gleichzeitig verbrauchen Klimaanlagen viel Strom. In den ersten Städten ist bereits der Strom für Fabriken rationiert worden. Weitere Lieferkettenunterbrechungen zeichnen sich ab.

Der IWF rechnet für heuer in China nur mit 3,3 % Wirtschaftswachstum. Die von der Regierung angepeilten 5,5 % sind in weite Ferne gerückt. Wie stark das Wachstum ausfallen wird, hängt vom Ausmaß staatlicher Konjunkturprogramme in Kombination mit geldpolitischer Unterstützung der Notenbank ab. Zusätzlich eine Rolle spielen Witterung und die globale Handelspolitik.

Foto: Pixabay / kuloser

 

 

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Europas Konzerne in robuster Verfassung

Aber: Trotz übertroffener Gewinnprognosen werden Erwartungen reduziert.

Roman Steinbauer. Angesichts eines krisengeschüttelten Europas überrascht die Resistenz der Vorzeigeunternehmen am Kontinent. In der Industriehochburg Deutschland präsentierten 60 % der Dax-Gesellschaften bereits für das 2. Quartal die Ergebnisse. In diesem Geschäftsabschnitt, in dem immer-hin die kriegerische Entwicklung in der Ukraine erstmals voll durchschlug, übertrafen mehr als 70 % der Konzerne die (seit Feber drastisch gekürzten) Gewinnerwartungen. Ungeachtet dessen trüben sich die Perspektiven weiter ein. So veröffentlichte das Handelsblatt in der Vorwoche eine Auswertung, wonach die Analysten-Zunft seit dem 1. Juni von 160 ins Auge gefassten Unternehmen aller Dax-Kategorien bei 118 Gesellschaften die Gewinnprognosen auf Sicht von einem Jahr erneut kürzten. Nur zu 27 Titeln hievten die Finanzprofis die Erwartungen bis Sommer 2023 nach oben.

Dollar-Stärke führt zu Kurzfrist-Verzerrung
Einige Großunternehmen legten ein weit besseres Geschäft vor als bislang erwartet. Sehr positiv überraschten die Chemie- bzw. Pharmafirmen Henkel (ISIN: DE0006048408) und Merck (DE0006599905), die Mercedes Benz Group (DE0007100000) sowie die Deutsche Bank (DE0005140008). Eine nachhaltige Abschwächung der Nachfrage ist nicht in Sicht. Alle Dax-Vertreter erwirtschafteten von April bis Juni einen Gesamtumsatz von 450 Mrd Euro, die zweithöchsten Erlöse in dieser Geschäftsperiode. Berücksichtigt sei aber, dass der oft beträchtliche Ergebnisanteil des US-Marktes durch den starken US-Dollar angeschoben wurde.

Teils überzeugende Finanz- und Chemietitel
Auch die Zurich Insurance (CH0011075394), die ING (NL0011821202), Münchner Rück (DE0008430026) und die Swiss Life (CH0014852781) sowie die AXA (FR0000120628) übertrafen die Gewinnschätzungen. Abgeschwächt trifft dies auf Unipol (IT0004810054) und Aegon (NL0000303709) zu, während die Allianz (DE0008404005) enttäuschte. Im Bankensegment zeigten die Credit Agricole (FR0000045072) und die Commerzbank (DE000CBK100) starke Zahlen. Eine Sondersituation gibt es hingegen bei der Société Générale (FR0000130809): Der Ausstieg aus dem Russland-Geschäft führte zu einem Rutsch in die Verlustzone.

Bei den konjunktursensiblen Kfz-Zulieferern überzeugte nur die Muttergesellschaft der deutschen Hella Gruppe, Faurecia (FR0000121147). Schwach hingegen Continental (DE0005439004) und der Spezialist für Bordnetzsysteme, Leoni (trennt sich derzeit von der Kabeldivision; DE0005408884), die das schwierige Umfeld bestätigten. Konträr die Situation beim Autoverleiher Sixt (DE0007231326), der ein historisches Rekordergebnis hinlegte.

Verblüffend solide Zahlen bei der Deutschen Telekom (DE0005557508), deren Aktie sich seit zwei Jahrzehnten auf ein Spitzenniveau hob. In der Chemie- und Pharma-Kategorie erfreuten Bayer (DE000BAY0017) und BASF (DE000BASF111) die Aktionäre, DSM (NL0000009827) und die dänische Novo Nordisk (DK0060534915) erfüllten das Soll. Im Reich des Maschinenbaus verfehlten der Gigant Siemens (DE0007236101) und Wacker Neuson (DE000WACK012) die Ziele. Herausragend hingegen die Entwicklung bei Krones (DE0006335003), Dürr (DE0005565204) und Jungheinrich (DE0006219934).

Lukrativer Stahl, Logistik – und Biermarkt
Spitzenprofite winken derzeit aber den Königen der Logistikbranche wie Hapag Lloyd (DE000HLAG475) und Moller Maersk (DK0010244425).

Im Stahluniversum feierte Salzgitter (DE0006202005) ein Rekordhalbjahr, zudem ließ Thyssenkrupp (DE0007500001) die Anteilhaber aufatmen.

Unbeeindruckt zeigen sich Bierkonsumenten: Die Erträge von Carlsberg (DK0010181676) und Heineken (NL0000009165) beschleunigen sich substanziell.

Foto: Carlsberg

 

 

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Die Zinswende ist angekommen

Fixed Income gewinnt an Attraktivität, so die Erste Asset Management.

Harald Kolerus. Die Konsumenten spüren es jeden Tag in der Geldbörse: Der Krieg gegen die Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen lassen die Energiepreise kräftig in die Höhe schießen, als Folgeeffekt wird das gesamte Leben teurer.

Inflation schlägt zu
„Die Inflation ist in der Breite angekommen, denn natürlich leiden z. B. auch der Bäcker, Restaurants und Hotellerie unter den höheren Energiekosten; Produkte und Serviceleistung verteuern sich“, fasst Wolfgang Zemanek, Head of Fixed Income bei der Erste Asset Management (EAM), in einer exklusiven Informations-Veranstaltung zusammen. Der Börsen-Kurier war dabei.

So ist zum Beispiel alleine der Bereich Lebensmittel in Europa im Juli verglichen zum Vorjahr um satte 10,4 % gestiegen. Um die gefährliche Inflations-Entwicklung einzudämmen, steuern die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks entgegen: „Sie stehen nach der sehr expansiven Geldpolitik der letzten Jahre, unter anderem aufgrund der der Covid-Pandemie, auf der Bremse und nehmen über die Zinspolitik Liquidität aus dem Finanzkreislauf“, so Zemanek. Wobei die Emerging Markets bereits vor rund eineinhalb Jahren damit begonnen haben, die Zinssätze in die Höhe zu schrauben, es folgte zum vergangenen Jahreswechsel die Fed, die EZB hat gerade erst mit entsprechenden Schritten begonnen.

Zinsen gehen weiter rauf
Der EAM-Experte kommentiert: „Nach meinem Geschmack hat die EZB etwas zu zurückhaltend agiert, jetzt handelt sie aber. Ich halte einen weiteren Zinsschritt im September für durchaus wahrscheinlich, auch um 50 Basispunkte.“ Die Zinswende ist jedenfalls gekommen, um zu bleiben, auch wenn sich die Dynamik in den Schwellenländern verlangsamen wird, immerhin sind sie auch als erste gestartet. Die Fed wird mit Zinsschritten nach oben fortfahren, auch wenn das die Arbeitslosenzahlen erhöht. Das ist sogar ein gewünschter Effekt, den der Jobmarkt ist in Übersee bereits überhitzt. In den USA ist bis Jahresende ein Leitzins von 3,75 % eingepreist, in der Eurozone liegen die Markterwartungen bei 1,25 bis 1,5 %.

Das Ganze gleicht natürlich einem Balance-Akt, denn wichtige Indikatoren wie das Konsumentenvertrauen deuten auf eine abgeschwächte Wirtschaftsdynamik hin. Das Rezessions-Gespenst schwebt wieder einmal im Raum. Zu hohe Zinssätze könnten die Konjunktur weiter beschädigen, wobei Zemanek es für unwahrscheinlich hält, dass das neue Zinsregime zur Rezession führen wird: „Viel entscheidender wird die Entwicklung der Energiepreise sein.“

Neue Investmentchancen
Die Zinswende sorgt jedenfalls auch für geänderte Rahmenbedingungen an den Kapitalmärkten: Während die höheren Geldmarktzinsen für einige Asset-Klassen (wie Aktien) für Gegenwind sorgen, könnte es am Anleihenmarkt wieder interessante Chancen geben.

Zemanek: „Anleihen sind im Vergleich zu anderen Assets heute deutlich attraktiver als vor einem Jahr.“ Das gelte sowohl für ausgewählte Staatsanleihen als auch für Corporate Bonds. So haben Unternehmensanleihen mit Investment-Grade rein nominell, also vor Betrachtung der Inflation, relativ hohe Rendite-Niveaus von 2 bis 3 %

erreicht. Bei hoch rentierenden High-Yields liegen die Rendite-Niveaus sogar zwischen 6 und 8 %.

Sparbuch? Bitte warten
Der Börsen-Kurier wollte von dem Experten auch wissen, wann es am Sparbuch wieder attraktive Zinsen geben wird? Zemanek: „Das hängt davon ab, wie man attraktiv definiert. Wenn die Notenbanken weiter erhöhen, werden auch die Zinsen am Sparbuch steigen.“ Wann und auf welches Niveau kann der Experte allerdings nicht seriös vorhersagen.

Foto: AdobeStock / Sport Moments

 

 

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Warum ich nicht mehr in China investiere

Ein Kommentar von Jason Pidcock, Investment Manager, Asian Equity Income bei Jupiter Asset Management

(17.08.) Im Juli habe ich unsere letzten verbleibenden Aktien des chinesischen Festlands sowie die Aktien eines Unternehmens aus Macau verkauft. Zuvor war der Jupiter Asian Income Fund bereits seit einiger Zeit in China untergewichtet, da ich die Rentabilität der Unternehmen im Vergleich zum Rest der Region gering einschätzte und der Meinung war, dass die Bewertungen in China angesichts einer langen Periode von regulatorischen Einschränkungen und Reisebeschränkungen eine Abwertung verdienen. In jüngster Zeit bin ich zunehmend unzufrieden mit der innenpolitischen Entwicklung in China und den schlechter werdenden Beziehungen zu anderen Ländern, insbesondere zu den USA. Daher bewerte ich die Aussichten für die chinesische Wirtschaft weiterhin negativ.

Weitere Investitionsbeschränkungen in Sicht
Die Geheimdienste der USA und des Vereinigten Königreichs haben zunehmend vor der Bedrohung gewarnt, die China für den Westen darstellt und die bevorstehenden Kongresswahlen in den USA im November werden wahrscheinlich als Katalysator für eine noch chinafeindlichere Politik wirken. Es gibt bereits eine Liste von Aktien, in die US-Investoren nicht investieren dürfen und für die US-Banken den Handel nicht ermöglichen. Diese Liste umfasst die meisten Telekommunikationsunternehmen in China sowie eine Reihe von Technologieunternehmen. Nach den Wahlen besteht unserer Meinung nach eine gute Chance, dass die Zahl der Unternehmen auf dieser Liste zunehmen wird.

Starke Eingriffe werden sich auf die Wirtschaft auswirken
Es gibt zahlreiche Berichte über Hypothekengläubiger, die Zahlungen für unfertige Häuser boykottieren. Zudem ist der Immobiliensektor sehr hoch verschuldet. Eine Reihe von Bauträgern ist bereits mit ihren Krediten in Verzug geraten. Um die Situation zu entschärfen, hat die Regierung die Kreditvergabe der Banken mit harter Hand gelenkt – etwas, das wir in gut funktionierenden Volkswirtschaften nicht erwarten. Die anhaltende Null-Covid-Politik Chinas belastet die Wirtschaft weiter, und das BIP-Wachstum wird in diesem und im nächsten Jahr wahrscheinlich gering sein. Es ist sogar möglich, dass im kommenden Jahr eine deflationäre Phase beginnt, wenn Chinas Banken einen höheren Anteil fauler Kredite in ihren Büchern anerkennen.

Darüber hinaus hat sich China mit seinem Säbelrasseln gegenüber Taiwan sehr unsensibel verhalten. Ich gehe davon aus, dass jeder militärische Angriff auf Taiwan die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale führen würde. Ausländische Direktinvestitionen und Portfolio-Investitionen würden wahrscheinlich ausbleiben und, wenn möglich, rückgängig gemacht werden. Die Art und Weise, in der Russland geächtet wurde, könnte als Vorbild dafür dienen, was passieren könnte, wenn es zu einem militärischen Angriff auf Taiwan käme.

Indirektes Engagement über andere Länder
Der Jupiter Asian Income Fund ist nach wie vor in gewissem Maße in der chinesischen Wirtschaft engagiert. Wir bevorzugen es jedoch, dieses Engagement indirekt über Unternehmen in Nachbarländern zu halten, die erfolgreich Waren oder Dienstleistungen nach China verkaufen. Es gibt viele Unternehmen in Australien, Indien, Singapur, Südkorea und Taiwan, in die wir weiterhin gerne investieren.

Die Entscheidung, unsere Allokation in Festlandchina auf null zu setzen, ist vielleicht keine dauerhafte Haltung. Wir gehen aber davon aus, dass dies zumindest für den Rest der Regierungszeit von Präsident Xi Jinping der Fall sein wird.

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Inflationsschutz mit Dividenden

Solide Ausschüttungen können vor realem Wertverlust schützen.

Raja Korinek. Die Inflation ist kaum zu bremsen, wenn auch die jüngsten US-Daten auf ein Abebben hindeuten: Der CPI stieg im Juli auf Jahresbasis um 8,5 %. Im Juni lag das Plus noch bei 9,1 %. In der Eurozone stieg die Inflation um 8,9 %, erreichte damit ein Rekordniveau.

Verständlich, dass ein Inflationsschutz gefragt ist, den etwa solide „Dividendenkaiser“ bieten könnten. Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, meint: „Dividendenwachstumstitel im Rahmen eines breit angelegten Portfolios können Anlegern helfen, das aktuell schwierige Umfeld zu meistern.“ Braun verweist auf die Kombination aus Dividendeneinnahmen und dem Wertsteigerungspotenzial des Aktienkurses.

Zudem seien die Bewertungen vieler solcher Titel derzeit angemessen, im Vergleich zur langen Hausse bei Wachstumswerten. Letztere Titel geraten angesichts der höheren Inflation und damit steigender Zinsen zunehmend unter Druck. Denn Anleger würden hier in der Regel auf künftige Gewinne setzen, die sich im aktuellen Umfeld schmälern.

Demgegenüber werden Unternehmen, die regelmäßig solide Dividenden zahlen, meist der Welt der Substanzaktien zugeordnet. Unternehmen aus diesem Bereich erzielen in der Regel bereits Gewinne, verfügen damit über echte Substanz – gerieten aber während des Booms bei Wachstumstiteln teils ins Hintertreffen. „Auch wenn 2022 einiges an der Bewertungsdiskrepanz aufgeholt wurde, sind Dividendenaktien immer noch relativ günstig“, konstatiert Jakob Tanzmeister, Investmentspezialist bei JP Morgan AM, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Der Blick auf solche Titel könnte sich lohnen, auch, da Dividendenaktien in einem Umfeld höherer Inflation und langsameren Wachstums zumindest historisch eine Outperformance erzielt haben, so Tanzmeister.

Der Marktexperte verweist auf weitere unterstützende Faktoren: „Die Gewinnausschüttungsquote ist historisch niedrig und liegt rund 20 % unter dem langjährigen Schnitt, sodass auch bei schrumpfenden Gewinnen die Dividendenzahlungen stabil bleiben könnten.“ Konkret liegt die Ausschüttungsquote der Unternehmen im MSCI-Weltindex derzeit im Schnitt bei knapp 40 %. Und die durchschnittliche Dividendenrendite bei Unternehmen mit dem Fokus auf Ausschüttungen bei rund 3,8 %.

Doch wie geht das Fondsmanagement des „JPMorgan Investment Funds – Global Dividend Fund“ (ISIN: LU0329203144) vor, der sich laut Morningstar gut behaupten kann? Allein die Wertentwicklung auf zehn Jahre liegt bei rund 12 % p.a. Hierin kommen sowohl Unternehmen in Frage, die noch keine hohen Ausschüttungen leisten, aber das Potenzial haben, genauso wie Titel, die ihre Dividendenzahlungen regelmäßig steigern. Besonders hoch gewichtet sind Pharma- und Bankaktien, so etwa Bristol-Myers Squibb (US1101221083). Auch etablierte Technologieaktien wie Microsoft (US5949181045) und Texas Instruments (US8825081040) zählen zu den größten Positionen.

Foto: Adobe Stock / svetazi

 

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Heilsam günstige Investments

Vor allem Biotech- und Pharmawerte bieten langfristige Einstiegschancen.

Michael Kordovsky. Die Pharmaindustrie entwickelt sich weiter. In den Jahren 2018 bis 2021 hat die FDA im Schnitt 52,5 neue Medikamente zugelassen, verglichen mit 35,5 im Durchschnitt der vorangegangenen vier Jahre. Seit 2014 sind 27 % aller neu zugelassenen Medikamente Biotech-Präparate. Von 2001 bis 2021 sind die globalen Pharmaumsätze um 6,7 % p.a. von umgerechnet 382,5 auf 1.395,6 Mrd Euro gestiegen. Noch dynamischer ist der Biotech-Markt, dessen Größe von 836,2 Mrd Euro im Jahr 2020 bis 2030 um 17,83 % p.a. auf 3,37 Bio Euro wachsen sollte. Key Player dieses Bereichs sind derzeit auffallend günstig bewertet. Generell sind derzeit die Bereiche Pharma, Biotech, Medizintechnik und Lifesciences relativ günstig, was ein Blick auf den „MSCI World Pharmaceuticals, Biotechnology and Life Sciences Index“ (USD) zeigt. Per 29. Juli 2022 stand ein Forward-KGV in diesem Index von 15,8 einem Wert von 15,7 im MSCI World gegenüber, und dies trotz starker Gewinnwachstumsdynamik und langjähriger Outperformance; denn: In den vergangenen zehn Jahren brachte es der genannte Index auf 11,72 % p.a. verglichen mit 10,80 % im MSCI World. Die größten Werte des 75 Positionen enthaltenden Index sind Johnson & Johnson (Gewichtung: 9,9 %), Pfizer (6,1 %), Eli Lilly (5,8 %) und AbbVie (5,5 %).

Einzeltitelselektion
Auf jeden Fall günstig bewertet ist die Roche Holding (CH0012032113), deren Gewinn/Aktie von 2015 bis 2021 um 7,9 % p.a. wuchs und laut Analystenschätzungskonsens von FactSet (Quelle: finanzen.net) von 2022 bis 2025 weiter um 6,7 % p.a. wachsen sollte. Das für das Jahr 2023 geschätzte KGV liegt bei günstigen 14,6.

Wesentlich günstiger bewertet ist Gilead Sicences (US3755581036), die in den Bereichen HIV, Hepatitis B, Hepatitis C und Influenza aktiv ist. Deren Medikament Veklury (Wirkstoff: Remdesivier) zeigte Erfolge bei der Corona-Variante Omikron. Die Palette des Unternehmens ist reifer und Wachstum erfordert gezielte Akquisitionen. Eine zwischenzeitlich leicht rückläufige Entwicklung bei Umsatz und Erträgen führte zu einem Bewertungsabschlag. Per 11. August liegt das für 2023 geschätzte KGV laut Konsens von Zacks Investment Research bei 9,9.

Als Wachstumsunternehmen interessant erscheinen Vertex Pharmaceuticals (US92532F1003), die vor allem mit Medikamenten gegen Mukoviszidose punktet, und Regeneron Pharmaceuticals (US75886F1075). Deren Flaggschiff-Produkt Eylea, ein Medikament zur Behandlung diverser Augenerkrankungen, zeigte allein in den USA von 2012 bis 2021 Umsatzanstiege von 0,78 auf 4,71 Mrd Euro. In den vergangenen vier Quartalen konnte das Unternehmen im Schnitt um 30,5 % höhere Quartalsgewinne/Aktie melden als von Analysten erwartet wurden. Laut Schätzungskonsens von Zacks liegt das für 2023 erwartete KGV per 11. August bei günstigen 14,7. Im Laborbereich sollte indessen ein Blick auf Thermo Fischer Scientific (US8835561023) und den Laborautomaten-Hersteller Becton Dickinson (US0758871091) geworfen werden.

Interessante Zertifikate
Mit Zertifikaten lassen sich einzelne Nischen und Segmente gezielt abdecken. Ein Beispiel dafür sind Impfstoffaktien, die über das Tracker-(Long-)Zertifikat auf den „Pharma Impfstoff Aktien Index“ (DE000DA0AB48) abgedeckt werden können. Breit gestreut an europäische Biotech-Chancen können Anleger über das von der UniCredit emittierte HVB-Open-End-Zertifikat auf den „European Biotech Index“ (DE000HX28ET5) partizipieren. Eine solide Alternative wäre noch das von BNP Paribas Issuance B.V. emittierte Open-End-Zertifikat auf den Nasdaq Biotech (NL0000194397).

Foto: AdobeStock / ipopba

 

 

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Knalleffekt: EIOPA unterbricht Konsultation

Erstmals gesteht eine europäische Institution ein, dass beim Grünen Deal nicht alles nach Plan läuft.

Andreas Dolezal. Bekanntlich müssen seit 2. August 2022 gemäß MiFID II und IDD die Nachhaltigkeitspräferenzen von bestehenden und neuen Kunden abgefragt werden. Dazu hat die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen EIOPA am 12. April 2022 einen Entwurf von Leitlinien veröffentlicht, in dem sie sich mit vielen Details dieser Abfrage beschäftigt. Am 20. Juli 2022 hat die EIOPA den Konsultationsprozess jedoch unterbrochen. Mit bemerkenswerten Erkenntnissen.

Die Ausführungen der EIOPA im Leitlinien-Entwurf sollen Versicherungen und Versicherungsvermittlern dabei helfen, die neuerdings verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen korrekt umzusetzen. Nachdem der knappe Gesetzeswortlaut im Kern nur 133 Wörter umfasst, soll der Leitfaden sowohl Marktteilnehmern als auch nationalen Aufsichtsbehörden als Richtschnur dienen.

Während der Leitlinien-Entwurf der europäischen Markt- und Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA weiterhin diskutiert wird, hat die EIOPA am 20. Juli 2022 mitgeteilt, dass sie die öffentliche Konsultation unterbrochen hat, weil mehrere Marktteilnehmer die Notwendigkeit eines einfacheren und benutzerfreundlicheren Dokuments betont hätten.

Aufhorchen lässt die EIOPA mit einleitenden Erkenntnissen, wie den Folgenden (unverbindliche Übersetzung ins Deutsche): Wichtige Regulierungsinitiativen zur Ermittlung und ordnungsgemäßen Offenlegung von Investitionen in nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten, auch im Rahmen der EU-Taxonomie, sind noch nicht abgeschlossen. Diese Angaben sind für Versicherer und Versicherungsvermittler von entscheidender Bedeutung, um zu beurteilen, ob die angebotenen Produkte den Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden entsprechen.

Einige der Vorschriften sind noch nicht fertiggestellt, und die Umsetzung dieser Initiativen erfolgt nicht zu denselben Zeitpunkten, insbesondere liegt das Datum für die Anwendung der neuen Rechtsvorschriften im Rahmen der IDD vor den Fristen für die Meldung von Unternehmensdaten (…).

Die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen gesteht also ganz offiziell ein, was Finanzdienstleister – die sich seit Monaten unter Einsatz von viel Zeit und Geld auf die Umsetzung der Abfrage vorbereiten – bereits seit langer Zeit wissen: Das Ziel der Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen ist unerreichbar, weil die Regelwerke der EU ebenso unvollständig sind, wie sie in der vollkommen falschen Reihenfolge in Kraft treten.

Diese Erkenntnisse dringen spät, um nicht zu sagen zu spät, auf europäische Ebene durch. Bemerkenswert sind sie dennoch. Gesteht doch erstmals eine hohe europäische Institution ein, dass mit dem Grünen Deal und den großspurigen Plänen für ein nachhaltiges Finanzwesen etwas falsch läuft. Ersonnen und postuliert sind grüne politische Ziele schnell, das Schaffen der gesetzlichen Rahmenbedingungen ist augenscheinlich eine viel schwierigere Aufgabe. Ganz zu schweigen vom Umsetzen in die Realität.

Die EIOPA hält fest, dass Versicherer und Versicherungsvermittler auf Basis der derzeit verfügbaren Daten verantwortungsbewusste Angaben zur Nachhaltigkeit machen und sich nach besten Kräften um eine gute Datenqualität bemühen müssen. Darüber hinaus sind die EIOPA Leitlinien aber nicht verbindlich.

Es bleibt abzuwarten, ob die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA für den Wertpapierbereich zu ähnlich ehrlichen Erkenntnissen gelangt. Noch wird deren Leitlinien-Entwurf konsultiert.

Foto: AdoeStock / bluedesign

 

 

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Erneuerbarer Energie-Sektor wird durch Joe Bidens Klimapaket angetrieben

Ein Kommentar von Christian Rom, Portfoliomanager des DNB Fund Renewable Energy bei DNB Asset Management.

(08.08.) Die weitere Erholung des Sektors wurde durch die Veröffentlichung der neuesten Version des Vermittlungsgesetzes („Inflation Reduction Act of 2022“) durch die Demokraten im US-Senat am 27. Juli angeheizt. Der Gesetzentwurf war eine positive Überraschung, nachdem die jüngsten Nachrichten über die Unterstützung von US-Senator Manchin die Runde machten. Die 369 MrdUSD an zweckgebundenen Klima- und Energiesicherheitsausgaben über einen Zeitraum von 10 Jahren wären die größte Klimainvestition in der Geschichte der USA.

Der neue Gesetzentwurf ist zwar kleiner als Bidens ursprüngliches 555-Milliarden-USD-Gesetz „Build Back Better“, behält aber den größten Teil des Rahmens bei, der in den BBB-Entwürfen der Vergangenheit vorgeschlagen wurde. Wir sehen diesen Gesetzentwurf als sehr ermutigend für den Sektor an, und er wird in der Tat das Potenzial haben, die notwendigen Emissionsreduzierungen in den USA zu beschleunigen, wenn die Demokraten in der Lage sind, ihn als Gesetz zu unterzeichnen. Die drei wichtigsten positiven Aspekte des Gesetzentwurfs für den Bereich der Erneuerbaren Energie sind: Die Verlängerung der ITC („Investment Tax Credit“) und PTC („Production Tax Credit“) für erneuerbare Technologien bis 2023 auf höchstem Niveau; die Steuergutschrift für die Produktion von grünem Wasserstoff in Höhe von 3 USD/kg und die Unterstützung für die inländische Herstellung sauberer Energietechnologien.

Wir befinden uns noch in der Anfangsphase der Energiewende, und angesichts der jüngsten ermutigenden Anzeichen für eine Unterstützung der erneuerbaren Energien in den USA sind wir nach wie vor der Ansicht, dass sich die relativen Aussichten für den Sektor in den letzten Jahren grundlegend verbessert haben. Die Strategie des DNB Fund Renewable Energy erzielte im Juli eine starke absolute Rendite (+18,34 % – nach Gebühren, Retail, A EUR). Den größten Beitrag leistete Sunrun, da das Unternehmen stark auf die potenzielle Unterstützung durch die US-Politik ausgerichtet ist. Am stärksten beeinträchtigt wurde der Fonds durch Enel, dessen höheres Risiko für italienische Staatsanleihen auf das gestiegene Risiko einer Rezession und die vorgezogenen Neuwahlen nach dem Rücktritt von Draghi zurückzuführen ist.

Die aggregierten Gewinnrevisionen für den Fonds legten im Juli zu, aber die Gewinnmultiplikatoren stiegen angesichts des Inflation Reduction Act für einen erheblichen Teil des Portfolios. Die Bewertung des Fonds ist höher als die des MSCI World, aber wir haben auch bessere Wachstumsaussichten.

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Langfristig sicher gehen: global gestreut anlegen

Diversifizieren je nach Beitrag der Staaten zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt.

Julia Kistner. Irgendwann fängt der Aufschwung am Kapitalmarkt irgendwo auf dem Globus gerade wieder an. „Das ist die Idee hinter einem global breit gestreuten Langfristportfolio“, erklärt Jan Altmann, ETF-Analyst der Vergleichsplattform justETF.com, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. „Ich orientiere mich da wenig an Prognosen. Ich nehme die existierende Aufteilung des Bruttoinlandsprodukts. So steuern die USA zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt aller 47 Länder, die im ACWI (MSCI All Country World Index, Red.) vertreten sind, etwa

28 % bei, Europa 24 %, Japan 6 %. Auf Asien-Pazifik-Staaten wie Australien und Neuseeland entfallen 3 %. Rund 39 % wird von den Emerging Markets erwirtschaftet, davon übrigens nur 3 % von Russland.“ Beim chinesischen Kapitalmarkt müsse man sich allerdings vor Augen halten, „dass es für ausländische Investoren nur beschränkt möglich ist, in lokale Unternehmensgrößen zu investieren. Deshalb hat auch der MSCI-Emerging-Markets-Index, an dem sich viele Schwellenstaaten-Fonds und ETFs orientieren, den chinesischen Kapitalmarkt nur mit 20 % seines tatsächlichen Wertes aufgenommen“, erklärt Altmann. China habe jedoch großes Interesse, hier künftig mehr ausländisches Kapital zuzulassen.

Chancen im Riesenreich
Momentan sieht Tilmann Galler, Chefstratege bei Goldmann Sachs Asset Management, jedenfalls viel Gewinnpotenzial in China: „Denn der chinesische Kapitalmarkt befindet sich auch durch die nach wie vor expansive Geldpolitik noch im Aufwärtszyklus. Generell hat Asien einen ganz anderen Inflations- und Zinszyklus als wir, das heißt Aktien und Anleihen verhalten sich ganz anders als auf den amerikanischen und europäischen Märkten. Deshalb sind Südostasien und China schon aus Diversifikationsgründen sehr interessant. Gerade die Asean-Region ist durch Covid und den Einbruch des Tourismus sehr zurückgeworfen worden und könnte aufholen.“

Politische Risikoprämie einkalkulieren
Bei aller Euphorie für die Emerging Markets, die man bei einem Welt-BIP-Anteil von knapp 40 % als Anleger wohl nicht mehr ausklammern kann, sollte man die politischen Gefahren entsprechend mit Risiko-Prämien berücksichtigen, empfiehlt Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege von Flossbach und Storch: „Sie müssen global anlegen, aber Sie müssen sich immer überlegen, welche Risikoprämie brauche ich, damit politische Unsicherheiten abgedeckt sind.“ Gemeint ist zum Beispiel, dass aufgrund der höheren politischen Gefahren in China etwa ein chinesischer Chiphersteller deutlich mehr Rendite abwerfen muss als ein amerikanischer, um gleich attraktiv zu sein. So war die einzufordernde Risikoprämie für die Unsicherheit im Staatengebilde Russland und bei der Rechtsunsicherheit für Auslandsinvestoren für Flossbach und Storch immer viel zu groß, sodass die vermeintlich günstige Gazprom immer viel zu teuer gewesen sei, um investierbar zu sein, erklärt Vorndran: „Das muss ich mich immer und überall auf der Welt fragen, ob ich als Aktionär überhaupt die Chance habe, meine Aktionärsrechte durchzusetzen oder ob es auch sein kann, dass der Cashflow des Unternehmens, in das ich investiert bin, auf den Staat alloziert wird.“ So könnte, wenn die Spannung zwischen China und einerseits Taiwan sowie andererseits den USA zunehmen, auch hier wieder ausländisches Kapital in chinesisches Unternehmen beschnitten werden. Durch neue Machtblöcke könnten schnell wichtige Absatzmärkte für chinesische, aber auch europäische Unternehmen wegfallen.

„Wenn sich neue geopolitische Machtblöcke entwickeln, dann entstehen Bewegungen an ganz anderen Fronten. Üblicherweise entsteht in solchen Situationen viel Unsicherheit und genau dann bewährt sich die geopolitische Diversifikation, weil ich ja gar nicht weiß, was letztendlich passiert“, unterstreicht Altmann die Sinnhaftigkeit, überall auf der Welt investiert zu sein. Nur so ließe sich ein halbwegs wetterfestes Depot zusammenstellen.

Börsen bilden nicht das wahre BIP ab
Einen Schönheitsfehler hat die Strategie allerdings schon, sein Kapital auf die Weltbörsen so zu verteilen, wie die jeweiligen Staaten zum internationalen BIP beitragen: Die Marktkapitalisierung an den Börsen spiegelt nicht immer die Wirtschaftsleistung eines Landes richtig wieder. Man denke nur an Österreich. Viele der erfolgreichen Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe, die rein im Familienbesitz und nicht börsennotiert sind.

Ob das Weltbruttoinlandsprodukt jetzt zu 100 % richtig abgebildet ist oder nicht, sei jedoch gar nicht so wichtig, kontert Altmann. Wichtig sei, grundsätzlich eine breite Risikostreuung über den Globus zu haben, aber nicht nur das. Altermann streue persönlich nicht nur nach Regionen, sondern auch nach Assetklassen. „Rohstoffe sind jedoch sehr spekulativ, die würde ich meinem ETF-Portfolio maximal fünf bis zehn Prozent beimischen. Ich bin kein Freund von Sektor-Wetten, etwa auf Öl oder Gas. Die sind für Privatanleger schwer kalkulierbar.“

Altmann hat immer auch Anleihen im Portfolio. Bei Anleihen gehen die Meinungen jedoch ausein-ander. Mit den typischen supersoliden zehnjährigen Bundesstaatsanleihen etwa von Deutschland oder Österreich kann man bei der aktuellen realen Negativverzinsung immer noch keinen Blumentopf verdienen. Zehnjährige US-Treasuries rentieren zwar derzeit mit rund 2,6 %. Aber auch damit schlägt man trotz allem noch nicht die aktuelle Inflation.

Cash ist keine Lösung
Viel Kaufkraft verliert man aber vor allem, wenn man seine Ersparnisse auf dem Konto oder Sparbuch verkümmern lässt. Der Realzins, der die Inflation berücksichtigt, lag im März 2022 bei minus 6,2 %. Sollte das Inflations- und Zinsumfeld so bleiben, dürften nach Schätzungen des Think Tanks Agenda

Austria die Österreicher von den 92,8 Mrd€ auf ihren Sparbüchern rund 6,2 Mrd€ an Kaufkraft pro Jahr verlieren. Auf den täglich fälligen Konten belaufen sich die Einlagen derzeit auf 202,1 Mrd€. Hier verlieren Österreichs Sparer 13,6 Mrd€ im Jahr.

Foto: Adobe Stock / Who is Danny

 

 

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Indien rückt beim Marktvolumen weiter auf

Der steigende Mittelstand weckt auch an der Börse Fantasien.

Roman Steinbauer. Ende Juli ließen die Vereinten Nationen mit einem Hinweis aufhorchen: Nach der jüngsten Revision zur Weltbevölkerungsentwicklung werde die Anzahl der Einwohner Indiens jene Chinas bereits im kommenden Jahr übertreffen. Werden dem Subkontinent aktuell 1,406 Mrd Menschen zugerechnet, liegen die 1,412 Mrd Einwohner Chinas noch voran. Bereits im Jahr 2050 soll Indiens Bevölkerungsgröße aber an 1,7 Mrd herankommen. In dieser Zeitspanne dürfte sich Chinas Population bereits auf bis zu 1,31 Mrd Menschen reduziert haben.

Die Rupie legt kräftig zu
Die Mittelschicht und deren Kaufkraft wachsen. Indiens ältestem Wirtschaftsinstitut, NCAER, zufolge, stieg in den vergangenen drei Jahren der zur Mittelschicht zurechenbare Anteil auf mehr als 700 Mio Menschen. Die Arbeitslosenrate konnte laut dem Centre for Monitoring Indian Economy (CMIE) mit 6,8 % bisher aber nicht weiter gesenkt werden. Die Gesamtkapazität an Posten ging im Juni sogar um 13 Mio auf nunmehr 390 Mio zurück. Der günstigen demographischen Entwicklung steht der Bremsklotz einer nicht ausgebauten Gesundheitsvorsorge und eines niedrigen breiten Bildungsniveaus entgegen. Positiv fällt die mäßige Inflationsrate von 7,01 % für Juli auf. Das Statistik-Ministerium Indiens konnte somit eine tiefere Teuerung als der Euroraum (8,6 % im Juni) präsentieren. Durch die teuren Energieimporte weist das Handelsministerium mit -26,2 MrdINR (323 MioE) für Juni ein Rekorddefizit der Import-Export-Balance auf. Stark ist die Industrieproduktion unterwegs. Der Mai brachte auf Jahresbasis eine Expansion um beeindruckende 19,6 %. Das BIP-Wachstum blieb mit 4,1 % für das 1. Quartal auf Jahresbasis moderat (der Wert für das 2. Quartal ist noch nicht veröffentlicht). Der Umfang der Währungsreserven stieg bis Jahresende 2021 kontinuierlich auf 636 MrdUSD (624 MrdE). Steil im Wachstum befinden sich die Konsumentenkredite, die nach Angaben der Reserve Bank of India seit Mai im Zwei-Wochen-Takt um 12 bis 14,4 % anzogen. Am Devisenmarkt drehten sich die Relationen seit 16 Monaten deutlich. Erodierte die Rupie seit der Jahrtausendwende um insgesamt 50 % zum Euro, stieg die Währung unterdessen seit April 2021 gegenüber unserer Handelseinheit um 10 % auf 81 INR pro Euro deutlich an.

Gesuchte Bankwerte
Der indische Sensex Index (ISIN: QT0009982759) zeigt im Verhältnis zu westlichen Börsen indes eine relative Stärke. Dieser steht im-merhin mit mehr als 58.300 Punkten gerade einmal 5 % unter seinem Rekordhoch von 62.000 Zählern im Oktober 2021. Zuletzt stachen vor allem Banktitel wie die IDFC First Bank (NE092T01019), Bank of Baroda (INE028A01039), South India Bank (INE683A01023) oder die Bank of India (INE084A01016) hervor. Genannte Werte stiegen während der letzten Wochen um bis zu 30 %. Fulminant ist zudem der Aufschwung der Papiere des Agro- und Bio-Energie-Unternehmens Shree Renuka Sugar (INE087H01022), die heuer bereits um mehr als 60 % marschierten, oder jene des Konsumartikelherstellers ITC, die um 40 % zulegten.

Schwach tendierten seit 1. Jänner hingegen Vertreter der Technologiesparte wie Zomato (INE758T01015; -55 %), Suzlon Energy (NE040H01021; -40 %), Jaiprakash Power (INE351F01018; -20 %) oder Orient Green Power (INE999K01014; -55 %), nachdem 2021 ein steiler Anstieg voran ging.

In der Autobranche zeigt Tata Motors (INE155A01022) seitwärts, während Bajaj-Titel (INE917I01010) nach oben streben. Valoren des Stahlherstellers Steel Authority of India (INE114A01011) beginnen sich nach einem monatelangen Abdriften hingegen zu fangen.

Foto: AdobeStock / Gamut Stock Images

 

 

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Das Vermögen schrittweise aufbauen

Zertifikatesparpläne: Mit kleinen Summen auf verschiedene Strategien setzen

Raja Korinek. Die Finanzmärkte werden von einer Vielzahl an Meldungen auf Trab gehalten und verzeichneten in den vergangenen Monaten teils kräftige Verluste. Doch solch ein Umfeld kann auch Chancen bieten: Mit einem Wertpapiersparplan zahlen Anleger einen fixen Betrag regelmäßig auf viele Jahre ein und profitieren davon umso mehr in Zeiten, in denen die Kurse korrigieren. So erhält man einen günstigeren Durchschnittskurs, wenn man davon ausgeht, dass die Börsen langfristig steigen. Im Fachjargon ist vom Cost-Averaging-Effekt die Rede.

Zertifikatesparplan als Langfristinvestment
Die RCB bietet seit 2019 einen Zertifikatesparplan mit Bonuszertifikaten an. „Die Palette wurde heuer um nachhaltige Produkte erweitert“, sagt Philipp Arnold (Foto), RCB-Zertifikate-Experte, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Bei Bonuszertifikaten wird zum Laufzeitende eine fixe Bonuszahlung in Höhe eines vorab festgelegten Indexstandes – dem Bonuslevel – in Aussicht gestellt. Je weiter das Zertifikat darunter notiert, desto höher ist die Bonusrendite, die zu Laufzeitende winkt. Doch Vorsicht: Allzu tief darf der Kurs des zugrunde liegenden Basiswerts während der Laufzeit nicht sinken. Wird nach unten hin die Barriere berührt oder unterschritten, verfällt die Bonuszahlung zum Laufzeitende. Zudem richtet sich dann der weitere Kursverlauf des Zertifikats während der Laufzeit 1:1 an jenen des Basiswerts.

Schrittweiser Vermögensaufbau
Einsteigen können Anleger ab 100 € monatlich. Dabei gibt es beim Zertifikate-Sparen kein fixes Laufzeitende. Stattdessen wird das angesparte Kapital alle fünf Jahre automatisch reinvestiert. Anleger können dabei aus sechs Bonuszertifikaten wählen. „Der Klassiker ist das Produkt auf den Euro Stoxx 50“, sagt Arnold. Genauer gesagt handelt es sich um das „Bonus-Zertifikat Europa Unlimited“ (ISIN: ATSPARPLAN16). Arnold verweist aber auch auf die neuen nachhaltigen Produkte, zu denen das „MSCI World Climate Change Bonus Unlimited“-Zertifikat (AT SPARPLAN57) zählt.

Der zugrundeliegende Index ist hierbei der „MSCI World Top ESG Select 4.5% Decrement Index“, in dem jene Unternehmen aus den Industrieländern enthalten sind, die sehr nachhaltig agieren. Die Nettodividende der Unternehmen wird in die Indexberechnung reinvestiert, im Gegenzug wird eine „fixe Dividende“ von 4,5 % p.a. bei der Indexberechnung abgezogen (täglich aliquot). Die Dividendenunsicherheit wird damit eliminiert, stattdessen werden bei Emission automatisch die 4,5 % p.a. in Form eines Auszahlungsprofils an Anleger weitergeben.

Rund ein Drittel des Indexes entfällt auf die IT-Branche mit Titeln wie Nvidia (US67066G1040), ASML (NL0010273215) oder Cisco Systems (US17275R1023). Auch Finanz- und Konsumtitel haben eine relativ hohe Gewichtung im Index.

Wahlweise Indexinvestments
Die Erste Bank bietet ihren Zertifikate-Sparplan ab 50 € monatlich auf ausgewählte Indexzertifikate an. Zu den Basiswerten zählen zum Beispiel ebenfalls ein nachhaltig ausgerichteter Index, aber auch das „Erste Group Index Zertifikat Austria Top 10 Open End“ (AT0000A2TWN3). Der Index setzt auf die zehn größten heimischen Börsenkonzerne, wobei die Marktkapitalisierung, gemessen am Streubesitz, im Fokus steht.

Anleger haben zudem die Möglichkeit, auf mehrere Anlageklassen mit dem „Erste Group Index Zertifikat Smart Invest Open End“ (AT0000A2TWJ1) zu streuen. Der zugrundeliegende Index investiert mit ETFs vorwiegend in Anlageklassen wie Anleihen, Aktien, Rohstoffe und Gold.

Foto: Raiffeisen Centro Bank

 

 

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Für die US-Wirtschaft ziehen dunkle Wolken auf

Ein Kommentar von Erik Weidmann, Chief Economist und Portfoliomanager, und Benoit Anne, Director, Investment Solutions Group bei MFS.

(25.07.) Wird die US-Wirtschaft einer harten Landung entgehen? Wir halten eine Rezession jetzt für sehr viel wahrscheinlicher, weil die Fed ihre Geldpolitik vielleicht zu stark strafft. Die Abbildung (siehe Anhang) zeigt, dass man am Terminmarkt mit einer Federal Funds Rate deutlich über dem neutralen Niveau rechnet. Die Notenbank hat ein doppeltes Mandat – aber ihr Vorsitzender Jerome Powell lässt keinen Zweifel daran, dass ihm Preisstabilität wichtiger ist als Wirtschaftswachstum. Die Fed hat signalisiert, dass sie als Kollateralschaden auch eine Rezession in Kauf nimmt, um die Inflation einzudämmen. Kommt es zu einer harten Landung, dürfte sie aber zum Rückzug blasen und die Geldpolitik erneut lockern – allerdings nur, wenn die Inflation bis dahin wirklich gefallen ist. Alles in allem drohen der US-Wirtschaft aber Volatilität und Unsicherheit. Vieles ist möglich.

Eine weiche Landung bleibt möglich, wird aber immer unwahrscheinlicher
Wenn die USA der Rezession entgehen, dann wohl vor allem wegen des hohen Konsums und der zumindest etwas nachlassenden Lieferengpässe. Das richtige Maß ist aber noch immer nicht leicht zu finden. Bleibt der Konsum stabil, wird die Fed die Zinsen wohl weiter anheben und damit eine Rezession auslösen. Allerdings hat die immer höhere Teuerung dem Konsumklima massiv geschadet. Vielleicht werden die Verbraucher sehr viel weniger Geld ausgeben und als Wachstumsmotor ausfallen. Ob eine weiche Landung gelingt, wird ganz wesentlich von der kurzfristigen Inflationsentwicklung abhängen. Bis jetzt spricht nur wenig für eine niedrigere Teuerung, aber die Fed wird wohl erst dann zu einem neutralen Leitzins zurückkehren, wenn die Kerninflation einige Zeit fällt. Außerdem fürchtet sie höhere langfristige Inflationserwartungen. Die Lage könnte sich aber bessern, wenn die Lieferengpässe noch weiter nachlassen, es also zu einem positiven Angebotsschock kommt, und sich auch die bisweilen übertriebene Nachfrage normalisiert.

Was bedeutet das für Anleihen?
Wenn eine Rezession wahrscheinlicher wird, spricht weniger für eine sehr kurze Duration. Steigende Langfristrenditen halten wir jetzt für unwahrscheinlicher. Die Kurzfristzinsen könnten aber weiterhin zulegen – wenn die Inflation hoch bleibt, Arbeitskräfte auch in Zukunft knapp sind und die Fed die Leitzinsen weiter erhöht und damit die Geldpolitik strafft. Wenn sich die Konjunkturdaten weiter verschlechtern und es zur Rezession kommt, rechnen wir mit weiteren Spreads. Bei Credits kommt es dann mehr denn je auf genaue Analysen und eine sorgfältige Einzelwertauswahl an.

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„Die Inflation ist weltweit gekommen, um zu bleiben“

Vorerst keine nachhaltige Besserung in Sicht.

Christian Euler, Frankfurt. Es sind nicht mehr nur der Blick auf die Anzeigen an den Zapfsäulen und die sprunghaft gestiegenen Energiekosten, die schmerzen. Auch die Ziffern auf den Kassenbons im Supermarkt und die deutlich teureren Backwaren sorgen zunehmend für Verdruss.

Der Preisauftrieb ist längst zum globalen Problem geworden. In den USA etwa ist die Verbraucherpreisinflation mit 9,1 % gerade auf den höchsten Stand seit November 1981 geklettert. Diesseits des Atlantiks teilte das europäische Statistikamt Eurostat am Dienstag vergangener Woche mit, dass die Inflation im Juni auf 8,6 % gestiegen sei. Im Mai hatte die Teuerungsrate noch bei 8,1 % gelegen.

In mehreren Euroländern ist sie bereits auf oder gar über die Marke von 20 % gestiegen, beispiels-weise in Estland mit 22 % oder Litauen mit 20 %. In Deutschland hat die Inflationsrate im Juni mit 7,6 % den höchsten Stand seit fast einem halben Jahrhundert erreicht. Im europäischen Vergleich liegt dies noch im Mittelfeld. Frankreich und Malta haben mit 6,5 und 6,1 % deutlich niedrigere Raten. Und die Schweiz ist mit 3,4 % geradezu eine Insel der Glückseligen.

Für das laufende Jahr liegt die erwartete weltweite Inflationsrate bei durchschnittlich 7,7 % – genau 5 %-Punkte mehr als die von der Weltbank für das vergangene Jahrzehnt ausgewiesenen 2,7 %. Dies zeigt der neue Economic Experts Survey, eine globale vierteljährliche Umfrage des Ifo-Instituts und des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik. Die Ökonomen haben Volkswirte in 113 Ländern zu ihren Inflationserwartungen befragt und 663 Antworten erhalten.

Selbst 2026 könnte die Inflation noch bei 4,5 % liegen
Geht es nach den Experten, wird sich daran vorerst wenig ändern. „Die Inflation ist weltweit gekommen, um zu bleiben“, bilanziert Niklas Potrafke, Leiter des Ifo-Zentrums für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie in München. Für 2023 erwarten die weltweit befragten Wirtschaftswissenschaftler mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 6,2 % nur einen leichten Rückgang im Vergleich zu 2022. Selbst für das Jahr 2026 rechnen sie noch immer mit einer stark erhöhten Inflationsrate von 4,5 %.

Nord- und Mittelamerika sowie weite Teile Europa schlagen sich gemessen am Rest der Welt noch vergleichsweise tapfer. Hier sind die Inflationserwartungen nach Angaben der Forscher mit weniger als 10 % im weltweiten Vergleich niedrig. Zumindest mit Blick auf die erwartete Rate für 2026 dürfen die Einwohner der westeuropäischen Länder aufatmen. Mit 2,4 % wird für diese Region der weltweit niedrigste Wert erwartet. Für Nordamerika lauten die Prognosen für 2026 auf erträgliche 2,6 %.

„Darfs ein bisserl mehr sein?“
Ganz anders präsentiert sich die Lage in Südamerika, Nord- und Ostafrika sowie West- und Zentralasien, wo die für heuer erwarteten Raten mit mehr als 20 % besonders hoch sind. Auffallend sind die teils starken regionalen Unterschiede innerhalb der Kontinente. So erwarten die befragten Volkswirte in diesem Jahr für Ost-europa mit 15,8 % eine deutlich höhere Teuerung als in West-, Nord- und Südeuropa. Auch in Afrika ist dieses Phänomen erkennbar: Während für Nord- und Ostafrika hohe Inflationsraten erwartet werden, liegen die Prognosen für West-, Mittel- und das südliche Afrika deutlich niedriger.

Firmen versuchen zu helfen
Deutsche Unternehmen zeigen derweil, wie sich der Preisfrust der Verbraucher zumindest ein wenig abbauen lässt. Laut der jüngsten Personalleiterbefragung durch das Ifo-Institut und den Personaldienstleister Randstad unterstützt ein knappes Drittel der Firmen ihre Angestellten mit Tankgutscheinen.

Foto: AdobeStock / freshidea

 

 

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Von der globalen Zinswende profitieren

Die Notenbanken reagieren auf die Inflation. Wie aber können Anleger die Entwicklung nutzen?

Raja Korinek. Die Zeiten niedriger Inflationsraten gepaart mit einem ansehnlichen globalen Wirtschaftswachstum dürften endgültig vorbei sein. Selbst die EZB hat im Juli das erste Mal nach elf Jahren die Zinsen um gleich 0,5 %-Punkte angehoben. Denn die Inflation legt auch in der Eurozone kräftig zu und lag im Juni bei 8,6 % auf Jahresbasis.

Das Thema Inflation steht allmählich im Anlegerfokus
Die steigende Inflation hinterlässt auch an den globalen Finanzmärkten deutliche Spuren. „Immer mehr Anleger realisieren, dass die aktuelle Entwicklung nicht nur vorübergehend ist“, konstatiert Peter Bösenberg, Zertifikate-Experte bei der Société Générale, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Er meint, allmählich steigt deshalb auch die Nachfrage nach einem entsprechenden Schutz.

Diesen können etwa jene Unternehmen bieten, die es schaffen, steigende Kosten verhältnismäßig gut an die Kunden weiterzugeben und gut aufgestellt sind.

Bei der Société Générale wurde jüngst etwa das Unlimited Index-Zertifikat auf den „SGI Inflation Proxy Index“ (ISIN: DE000SN2F892) aufgelegt. Der Index investiert in 100 Unternehmen, die sich in einem inflationären Umfeld behaupten dürften, wozu Titel aus der Rohstoffbranche genauso zählen wie jene aus dem Konsum-, Technologie- und Industriesektor. Konkret zählen dazu Cenovus Energy (CA15135U1093) aus Kanada und Valero Energy (US91913Y1001) aus den USA. Die deutsche Continental (DE0005439004) ist ebenso Teil des Indexes wie die britische Burberry Group (GB0031743007).

Zinswende hilft der Zertifikate-Branche
Doch damit ist längst noch nicht Schluss. Auch die Zinswende birgt Chancen. Der Zertifikate-Welt kommt die Trendwende zugute, betont Bösenberg. Er sagt: „Damit werden beispielsweise Garantieprodukte wieder interessant, die angesichts der aktuellen Marktturbulenzen derzeit gefragt sind.“

Dazu lohnt ein Blick auf die Funktionsweise. Der Großteil des Anlegergeldes wird in eine Nullkuponanleihe investiert, erläutert der Société-Générale-Experte. Anleger erhalten dabei keine Zinszahlungen. Stattdessen liegt der Wert der Nullkuponanleihe bei Emission unter 100 % – dem Tilgungskurs zu Laufzeitende. Es winkt damit dann ein Kursgewinn, der quasi eine interne Verzinsung ist. Diese steigt mit dem allgemein höheren Zinsniveau an. Zugleich wird mit der Nullkuponanleihe die Kapitalgarantie zum Laufzeitende des Produkts dargestellt. Mit einem kleinen Rest des Geldes wird mittels Optionen auf steigende Aktien gesetzt.

Weitere Anbieter
Auch bei anderen Emittenten gibt es Garantieprodukte, wobei die Ausstattung abweichen kann. Die Erste Group bietet die „2 % Erste Future Invest Garant 22-30“ (AT0000A2YDC6) an. Zum Laufzeitende am 2.8.2030 partizipieren Anleger an der positiven Wertentwicklung des „Solactive Erste Future Invest Index VC“. Im Index wird der Veranlagungsgrad zwischen dem Aktienportfolio und einer Geldmarkt-Veranlagung gesteuert – ja nach Volatilität. Die Aktienseite wird mittels ETFs von iShares, die auf sogenannte „Zukunftsthemen“ wie Demografie und Wasser setzen, abgedeckt. Auch bei diesem Garantiezertifikat liegt der Mindestrückzahlungskurs bei 100 % des Nennbetrags (1.000 €) zum Laufzeitende. Zusätzlich wird ein Kupon von 2 % p.a. ausbezahlt. Denn bei diesem Produkt wurde keine Nullkuponanleihe begeben, sondern ein „normaler“ Bond, jedoch ebenfalls unter dem Tilgungskurs von 100 %.

Vor Kurzem wurde zudem die „HVB Garant Anleihe“ auf den „Ethik Evolution Strategy Index“ von der UniCredit (DE000HVB6N 77) lanciert. Der Index setzt zum Teil auf den „Amundi Ethik Fonds Evolution“ (AT0000A2L443) und zum Teil auf den 3-Monatsgeldmarkt. Je höher die Schwankungen sind, desto mehr wird auch hier in Letzteres umgeschichtet. Liegt zum Laufzeitende der Schlusskurs des Indexes über dem Basispreis des Indexes von 893,84 Punkten, profitieren Anleger vom Gewinn. Liegt der Schlusskurs hingegen darunter, wird das Nominale von 1.000 € je Anteilsschein zurückbezahlt. Letzter Handelstag ist der 15. September 2028.

Foto: AdobeStock / nmann77

 

 

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Neue Regeln für Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen

Die „CSRD“ weitet die Pflichten zur nicht-finanziellen Berichterstattung aus.

Andreas Dolezal. Am 21. Juni haben sich der Rat und das EU-Parlament vorläufig über die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen geeinigt. Der Vorschlag einer Richtlinie soll vorhandene Lücken in den geltenden Vorschriften schließen. Diese Lücken beeinträchtigen laut EU-Rat den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Mit der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) wird die vorhandene Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen aus 2014 geändert, die in Österreich im Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz NaDiVeG umgesetzt ist. Die Berichtspflichten werden detaillierter, indem große Unternehmen dazu verpflichtet werden, Informationen zu Nachhaltigkeitsfragen wie Umweltrechten, sozialen Rechten, Menschenrechten und Aspekten der guten Unternehmensführung zu veröffentlichen.

Weiters will die CSRD eine Zertifizierungspflicht für Nachhaltigkeitsberichte einführen und einen besseren Zugang zu nachhaltigkeitsbezogenen Informationen ermöglichen. Nachdem es bis heute keinen einheitlichen europäischen Berichtsstandard gibt, soll die Europäische Beratergruppe diesen für Rechnungslegung EFRAG erarbeiten.

Greenwashing soll Geschichte sein
Der mit der Materie beschäftigte französische Minister für Wirtschaft, Finanzen und industrielle und digitale Souveränität, Bruno Le Maire, gibt sich in diesem Zusammenhang optimistisch: „Diese Einigung ist eine hervorragende Nachricht für alle europäischen Konsumierenden. Sie werden nun besser über die Auswirkungen von Unternehmen auf Menschenrechte und Umwelt informiert werden. (…) Unternehmen müssen ihrer Rolle in der Gesellschaft in vollem Umfang gerecht werden. Greenwashing ist Geschichte.“

Gelten sollen die neuen Vorschriften für alle großen sowie alle an geregelten Märkten notierten Unternehmen. Auch börsennotierte KMU werden umfasst sein, wobei diese während eines Übergangzeitraumes eine Ausnahmeregelung in Anspruch nehmen können, sodass sie die Pflichten erst 2028 erfüllen müssen. Nach dem Umsetzen der Richtlinie auf nationalstaatlicher Ebene werden ihr rund 11.700 europäische Unternehmen unterworfen sein.

Auch für nicht-europäische Unternehmen soll die Pflicht zur Vorlage eines Nachhaltigkeitsberichts gelten, und zwar dann, wenn sie in der EU einen Netto-Umsatz von mehr als 150 Mio€ erzielen und mindestens eine Tochtergesellschaft oder Zweigniederlassung in der EU haben.

Die Details
Der Nachhaltigkeitsbericht muss von einem akkreditierten unabhängigen (Wirtschafts-)Prüfer zertifiziert werden. Die Prüfung soll sicherstellen, dass die Berichterstattungsvorschriften eingehalten werden und den von der Europäischen Union festgelegten Zertifizierungsstandards entsprechen. Auch die Berichte nicht-europäischer Unternehmen müssen zertifiziert werden.

Geplant ist das Anwenden der Richtlinie, die zuvor in nationales Recht gegossen werden muss, in drei Stufen:

• am 1. Jänner 2024 für Unternehmen, die bereits der vorhandenen Richtlinie bzw. dem NaDiVeG unterliegen,
• am 1. Jänner 2025 für große Unternehmen, die derzeit nicht der Richtlinie bzw. dem NaDiVeG unterliegen,
• am 1. Jänner 2026 für börsennotierte KMU sowie für kleine und nicht komplexe Kreditinstitute und firmeneigene Versicherungsunternehmen.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Zwischen Volumenerholung und potenzieller Rezession: Automobilsektor als selektives Investment

Ein Kommentar von Philipp Stumpfegger, Portfolio Manager & Sektoranalyst Automotive und Industrials, DJE Kapital AG.

(18.07.) Die globale Automobilproduktion wächst normalerweise auf ähnlichem Niveau wie das globale BIP – allerdings sehen wir seit 2019 eine Abkopplung dieses langfristigen Trends. Die Wachstumsaussichten des globalen Automobilsektors haben sich jedoch nicht strukturell verändert, sie sind vielmehr durch eine Verkettung unterschiedlicher Umstände unter Druck geraten.

Weltweite Pkw-Produktion
Nehmen wir den Corona-Ausbruch 2020 als Startpunkt – hier wurde nach dem scharfen Einbruch die schnelle Erholung von der Industrie zunächst massiv unterschätzt und Bestellungen von Zuliefererteilen, unter anderem Halbleitern, deutlich gekürzt. Die Halbleiterindustrie vergab die freien Kapazitäten an andere, vor allem durch den Homeoffice-Trend boomende Industrien, wie beispielsweise die PC- und Elektronikbranche. Somit war der „Perfekte Sturm“ für die Automobillieferketten programmiert, und der Zugriff auf die benötigten Kapazitäten ging verloren. Dieses Thema zieht sich seit 2021 wie ein roter Faden durch die Automobilindustrie und ist der Hauptgrund für die diversen Produktionskürzungen in den letzten 18 Monaten. Bis heute befindet sich die Branche in einem Zustand mit künstlich verknappten Produktionsvolumina, auch wenn sich die Situation nun nach und nach verbessert.

Die Lieferkettenproblematik hat der Automobilindustrie eine noch nie dagewesene Preisdisziplin (keine Rabatte!) ermöglicht, welche sich unter anderem in massiv gestiegenen Gebraucht- und Neuwagenpreisen spiegelt. Vielen Automobilherstellern haben das eingeschränkte Angebot und die boomende Nachfrage zu Rekordmargen verholfen – Mercedes beispielsweise fühlte sich aufgrund der starken Nachfrage und langen Lieferzeiten im Februar sogar gezwungen, einen Bestellstopp für die E-Klasse auszurufen – ein absolutes Novum.

Die Informationslage zu Halbleiterlieferketten, basierend sowohl auf persönlichen Gesprächen mit Branchenvertretern als auch auf Lagerbestandsdaten, deutet zuletzt auf eine deutliche Entspannung am Markt hin. Die Produktionseinschränkungen hängen derzeit an einer relativ geringen Anzahl von Bauteilen, wie beispielsweise Microcontrollern, während in vielen anderen Bereichen mittlerweile wieder signifikante Lagerbestände vorhanden sind. Die Lieferkettenengpässe sollten sich somit im Laufe des zweiten Halbjahres und 2023 deutlich verbessern.

Bei einer potenziell anstehenden Volumenerholung drängen sich jedoch diverse Fragen auf: Hat die Branche aus vergangenen Fehlern gelernt und ist die aktuelle Preisdisziplin nachhaltig? Inwiefern stützen hier Aufholeffekte aus ausgefallener Produktion der letzten Jahre die Nachfrage? Welche Rolle spielt eine zunehmend wahrscheinlicher werdende Rezession in diesem Szenario?

Die Margen werden unter Druck geraten
Entgegen diverser Beteuerungen der Automobilindustrie gehen wir davon aus, dass in einem Szenario, in dem das Angebot nicht mehr limitiert ist, auch die Preisdisziplin wieder abrupt schwinden wird und die Margen der Automobilhersteller deutlich unter Druck kommen werden. Insbesondere bei den Volumenherstellern wird dies der Fall sein. In der Vergangenheit hatten Luxusmarken oder auch die Oberklasse-Modelle der Premiumhersteller jedoch weniger Probleme, ihre Margenniveaus zu halten.

Das derzeit relativ geringe Produktionsniveau, der Nachfragestau der letzten Jahre sowie das ansteigende Durchschnittsalter der Pkw-Flotten in den USA und Europa sollten unterstützend wirken. Zudem sollte auch der operative Hebel bei höheren Produktionsmengen und Effizienzgewinnen nach dem Lieferkettenchaos helfen.

Das zunehmend realistisch erscheinende Rezessionsszenario in Europa und potenziell auch in Amerika wirkt perspektivisch deutlich dämpfend auf die Volumenerholung. Automobilnachfrage ist traditionell hoch zyklisch – ein klassisches „diskretionäres Konsumgut“, welches zudem ein absolut gesehen hohes Preisschild trägt. Daher besteht schnell das Risiko, dass solche Ausgaben aufgeschoben werden.

Auch wenn die Auftragsbücher der Automobilkonzerne aktuell noch sehr gut gefüllt sind, werden erste Signale eines potenziellen Abschwungs sichtbar. Volkswagen beispielsweise sieht erste Anzeichen einer sich abschwächenden Nachfrage in Europa. Auch klassische Indikatoren für Konsumgüter, wie beispielsweise das Verbrauchervertrauen, sehen aktuell denkbar ungünstig für den Sektor aus.

Gasversorgung in der deutschen Autoindustrie
Für Automobilproduzenten in Deutschland, in die sich mittlerweile auch Tesla einreiht, gibt es ein zusätzliches Thema, das für Verwerfungen sorgen könnte – die Gasversorgung der Industrie, welche bei einem anhaltenden russischen Lieferstopp staatlich rationiert werden könnte.

Die direkte Abhängigkeit der deutschen Automobilindustrie von Gas ist auf den ersten Blick mit Sicht auf Verbrauchsdaten und Kosten relativ überschaubar. Volkswagen beispielsweise ist mit eigenen erneuerbaren Energien und einem eigenen Kohlekraftwerk in Wolfsburg energieautark, jedoch liegt der Teufel im Detail. Bei erheblichen Einschränkungen in der Gasversorgung ist anzunehmen, dass manche betroffenen Zulieferer, wie die Chemieindustrie, Probleme bekommen und somit auch die Hersteller wieder mit Lieferkettenproblemen zu kämpfen haben.

E-Mobilität schreitet weiter voran
Abseits von der aktuell brisanten Rezessions- und Gasversorgungsthematik schreiten auch die langfristigen Dekarbonisierungspläne der Europäischen Union weiter voran. Ende Juni wurde im Rahmen des „Fit for 55“-Programms das faktische Verbrenner-Aus für Neufahrzeuge ab 2035 beschlossen und somit der ohnehin schon eingeschlagene Weg in Richtung Elektrifizierung der Flotten weiter gestärkt. Potenzielle Ausnahmen könnten hier noch die Verwendung von E-Fuels bieten, welche explizit offengelassen wurden.

Automobilaktien eher selektiv als in der Breite interessant
Die Automobilaktien beziehungsweise der europäische Automobilsektor sind seit dem Jahreshoch im Januar mittlerweile um ca. 30 % gefallen. Mit Hinblick auf eine mögliche Rezession in Europa ist der Kursverfall historisch betrachtet (gemessen an Rezessionen seit 1990) bisher noch moderat ausgefallen. Im Durchschnitt liegt der Kursverfall vom Vorrezessionshoch auf Rezessionstiefs im Automobilsektor bei nahezu 53 % – somit sind historisch betrachtet die technischen Tiefststände noch nicht erreicht.

Generell ist in einem rezessiven Szenario in zyklischen Sektoren Vorsicht geboten, vor allem, da sich im Automobilsektor die Analystenschätzungen für nächstes Jahr durchaus als zu optimistisch entpuppen könnten. Somit sind selektive Investitionen in den Sektor ratsamer als in der Breite.

Automobilhersteller versus Zulieferer
Automobilzuliefereraktien weisen relativ zu den Automobilherstelleraktien aufgrund der fehlenden Preissetzungsmacht über die letzten 24 Monate eine deutlich schlechtere Performance auf und bieten somit vermeintliches Aufholpotenzial. Wir glauben allerdings, dass es aufgrund der vermutlich anstehenden Rezession hierfür noch zu früh ist, auch wenn die Entspannung der Lieferketten bei Halbleitern isoliert für eine Volumenerholung spricht.

Bei zinssensitiven Firmen mit Start-up Charakter, also mit hohen Bewertungen und ohne nennenswerte Gewinne, bleibt Skepsis auch nach signifikanten Kursabschlägen im aktuellen Marktumfeld weiter angebracht. Starke Bilanzen, über die die meisten deutschen Automobilkonzerne verfügen, sind in unruhigen Zeiten von großem Vorteil, da diese auch für Aktienrückkäufe genutzt werden können (siehe z.B. BMW).

Werte mit unternehmensspezifischen Sondersituationen können sich oft anders entwickeln als der Gesamtmarkt. Ein Beispiel hierfür ist die Porsche Holding AG – die Holdinggesellschaft der Familien Porsche und Piëch, welche mit einem Abschlag von 31% zu ihrem inneren Wert (Net-Asset-Value) handelt. Dieser Wert setzt sich in erster Linie aus nahezu 32% der Volkswagenaktien und einer Netto-Cash-Position zusammen. Der anstehende Börsengang der Porsche AG, also des operativen Porsche-Automobilgeschäfts, kann diesen Abschlag zum inneren Wert transparenter machen.

Wichtig in einem inflationären Umfeld ist – wie in allen Branchen – eine starke Preissetzungsmacht. Das findet man weniger bei Volumenherstellern, dafür aber bei Luxusherstellern.

 

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Was passiert, wenn Russland Europa das Gas abdreht?

Der Börsen-Kurier befragte dazu einen Experten, der bezüglich der Folgen Klartext spricht.

Michael Kordovsky. Alternative Erdgaslieferungen zu Russland können nur in kleineren Mengen aus anderen Ländern kommen. Russland exportierte nämlich im Jahr 2020 232,5 Mrd m3 Erdgas, die beiden nächstgrößten Exporteure sind die USA und Katar mit jeweils 149,5 bzw. 143,7 Mrd m3, gefolgt von Norwegen und Australien. 43,5 % der EU-Erdgasimporte oder 155 Mrd m3 stammen aus Russland, gefolgt von Norwegen (23,6 %), Algerien (12,6 %) und den USA (6,6 %). Die Gasspeicher-Reserven der EU-Länder reichen bestenfalls dafür aus, 25 bis 30% des Winterbedarfs zu decken und selbst schnelle Sparmaßnahmen wären nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Eine Zwischenlösung ist dabei teures Flüssiggas, das beispielsweile auf dem Seeweg aus den USA, Katar oder Australien angeliefert wird, sofern genügend Terminals vorhanden sind.

Hohe Erdgas-Exposure
Mit 21,5 % des Primärenergiebedarfs zählt Erdgas in der EU zu den wichtigsten Energieträgern. 32,1 % der Energie für private Haushalte stammt aus Erdgas und rund 40 % der privaten Haushalte haben einen Erdgasanschluss. Private Haushalte waren 2020 für 28 % des Gesamtenergieverbrauchs verantwortlich, Transport und Industrie für jeweils 28,4 bzw. 26,1 %. Während Österreich noch relativ gut mit Wasserkraft versorgt ist, noch kleinere Spielräume bei einem alten Kohlekraftwerk hat und somit unter Heranziehung der strategischen Erdgasreserven zumindest noch genügend Erdgas zur Verfügung steht, damit die privaten Haushalte geheizt durch den Winter kommen, könnte es im Falle fehlender russischer Erdgas-Lieferungen in einzelnen EU-Ländern bereits Rationierungen der Erdgaszufuhr für private Haushalte geben. Industrie und Verkehr hätten in diesem Szenario nur noch minimale Erdgasversorgung und ein Wirtschaftszusammenbruch schlimmer als in den USA der frühen 30er-Jahre wäre die Folge. Dass es aber so weit kommt ist zwar theoretisch möglich, praktisch aber eher unwahrscheinlich.

Völliger Lieferboykott bei Erdgas möglich
Dazu Gerhard Massenbauer, Chefanalyst bei Hedge Go, der den historischen Kontext erläutert: „Europa ist zu einem hohen Maß in der Versorgung mit Gas von Russland abhängig. Das erschien lange Zeit als geringes Risiko, weil Russland hierbei auch am Höhepunkt des Kalten Krieges als zuverlässiger Energielieferant aufgetreten ist. Freilich gab es damals für Russland keine solventen Kundenalternativen. Indien und China, heute wichtige Abnehmer von russischen Energielieferungen, hatten damals nicht nur einen sehr viel geringeren Bedarf, sondern vor allem keine ausreichenden Mittel wie die Westmächte, um der UdSSR als Alternative für Einnahmen zu dienen.“ Doch die Zeiten ändern sich. „Heute ist das anders – Russland kann es sich theoretisch leisten, Europa komplett von der Energieversorgung abzuschneiden, ohne daran selbst zu Grunde zu gehen. Russland müsste sich wohl auch beschneiden, wäre aber nicht existenziell bedroht“, erklärt Massenbauer gegenüber dem Börsen-Kurier.

Doch es gibt Wirtschaftsinteressen, die dagegensprechen, da die Auswirkungen auf Europa und die Weltwirtschaft verheerend wären. „Ich gehe davon aus, dass Russland einen solchen Schritt nicht ohne Rücksprache mit China gehen und dass China dagegen ein Veto einlegen würde“, so Massenbauer.

Auswirkung eines Endes russischer Erdgaslieferungen
„Es gibt eine Reihe von Industrien, die von einer Gasunterversorgung massiv betroffen wären. Dass Russland mit einem Anteil von mehr als 40 % an der europäischen Gasversorgung nicht von heute auf morgen ersetzt werden kann, sollte auch dem Dümmsten einleuchten. Es dauert Jahre, bis ein solcher Anteil in der Versorgung ersetzt werden kann. Es fehlen Leitungen/Transportkapazitäten ebenso wie Anlagen, diese Mengen aufzunehmen“, so Massenbauer, der folgende Branchen als besonders betroffen erachtet:

• Stahlindustrie (in der Folge auch Autofirmen, Autozulieferer, Bauindustrie)
• Chemie (in der Folge auch Kunststoffindustrie, Lebensmittelindustrie, Autofirmen, Autozulieferer)
• Glasindustrie (in der Folge auch Verpackungsindustrie, Lebensmittelindustrie, Bauindustrie, Autofirmen)

„Es ist zum Teil möglich, dass etwa die Glasindustrie auf Öl umsteigt, doch setzt das voraus, dass die Anlagen nicht allzu neu und nicht sehr stark nach ESG-Kriterien ausgerichtet sind, die ‚sauberes Gas‘ gegenüber schmutzigen Ölbrennern bevorzugen. Nicht alle Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Hitzezubereitung von Gas auf Öl umzurüsten. Dies führt vor allem bei Stahl- und Glas dazu, dass Produktionsanlagen erkalten und damit endgültig unbrauchbar werden, also abgebaut und neu gebaut werden müssen. Dafür braucht es dann aber wiederum zumindest Stahlunternehmen, die die hitzebeständigen Kessel bauen können, was dann auch nicht möglich wäre, weil deren Produktionsanlagen wohl auch betroffen wären“, erklärt Massenbauer und ergänzt: „Es ist also denkbar, dass Europas Produktionskapazitäten in einer Weise betroffen sein könnten, die einen vollständigen Zusammenbruch der Wirtschaft bedeuten würde. Erfolgt das, würde die Welt in eine Depression stürzen. Denn was wir in den vergangenen beiden Jahren als Lieferkettenproblematik erfuhren, wäre ein lächerliches Vorspiel gegenüber dem Drama, das aus einem Zusammenbruch der europäischen Wirtschaft folgen könnte. Dies ist auch der Grund, warum ich denke, dass China kein Interesse daran haben kann, weil es selbst auch stark davon betroffen wäre.“

Es gibt Lichtblicke gegenüber dem Worst Case, die Massenbauer wie folgt skizziert: „Ich gehe davon aus, dass diese Probleme nur dann vermieden werden können, wenn Russland sich doch wieder an seine Lieferverpflichtungen halten wird, rechne aber damit, dass Russland dies nicht umsonst anbieten wird. Zumindest wird Putin den Druck hochhalten und nur ein Minimum bereitstellen, dass für sich genommen schon für eine starke Rezession ausreicht.“

Foto: Pixabay / viarami

 

 

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Rekordjahr ohne Besucherrekord

Vorbildlich: Die Voestalpine hielt wieder eine Präsenz-HV ab.

Wie immer pilgerten die Anteilseigner des Stahlherstellers ins Linzer Design Center zum „Hochamt des Aktionariats“, wie es Rupert-Heinrich Staller in seiner Wortmeldung später ausdrückte. Auffallend war, dass im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten nur wenige Aktionäre erschienen waren, es stellte sich heraus, dass allein IVA-Chef Florian Beckermann von den „präsenten“ 2.221 Aktionären rund 1.500 vertrat, sodass man von einer tatsächlichen Präsenz von 600 bis 700 ausgehen kann. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass noch 2018 und 2019 das Design Center praktisch voll war.

In seiner Eröffnungsrede bedankte sich der neue Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Eder bei seinem Vorgänger Joachim Lemppenau für dessen langjährige Tätigkeit, wonach CEO Herbert Eibensteiner sein Resümee über das abgelaufene Geschäftsjahr zog. „Es war durchaus herausfordernd, aber wir konnten ein All-time-high bei Umsatz, Ergebnis und Eigenkapital erzielen“, zeigte er sich zufrieden. Schon im August hätten sich die ersten Lieferprobleme bei der Autoindustrie ergeben, im Herbst begannen dann auch die Preise anzuziehen. In den USA sei das Umfeld durch die hohe Inflation getrübt, in Europa hat der Ukraine-Krieg die Erholung gestoppt.

„Lieferstopp wäre fatal“
Apropos Ukraine: „Wir sind zutiefst betroffen von den Ereignissen“, betonte Eibensteiner. „Wir versuchen vor Ort zu helfen.“ Die Mitarbeiter habe man in Sicherheit gebracht, viele waren es aber ohnehin nicht. Der Umsatzanteil sei mit insgesamt 0,4 % nicht relevant, die Kohle wird jetzt aus anderen Quellen als aus Russland bezogen. Ein Gaslieferstopp wäre für das Unternehmen fatal, „aber wir speichern selbst Gas und haben genügend für drei Monate Vollbetrieb“, so Eibensteiner.

Die Entwicklung der einzelnen Divisionen war gut, vor allem bei Stahl sind sowohl die Nachfrage als auch die Preise gestiegen. In Texas hat man 80 % der HBI-Produktion („Hot Briquetted Iron“, Eisenbarren, Anm.) an ArcelorMittal verkauft, mit den restlichen 20 % sieht sich Eibensteiner gut für die Zukunft versorgt. Bei der „High Performance Metals“-Division war die Marktentwicklung gut, lediglich in China kam es im vierten Quartal zu einer Abschwächung. Das Edelstahlwerk in Kapfenberg ist fertig und wird diesen Sommer in Betrieb genommen. „Hier werden 205.000 Tonnen Spezialstähle pro Jahr hergestellt und wir sichern damit 3.000 Arbeitsplätze“, erklärte der CEO.

Bei „Metal Engineering“ ist ebenfalls eine positive Entwicklung zu vermerken, besonders im Bereich Schweißtechnik hat man sich als Gesamtanbieter etabliert. In Donawitz wurden Pilotanlagen zur Herstellung von CO2-neutralem Stahl („greentec steel“) in Betrieb genommen. Die Division „Metal Forming“ konnte einen Rekord bei allen Kennzahlen aufstellen, weil die Nachfrage in fast allen Bereichen ausgezeichnet war. Hier schwächelte nur die Automobilindustrie aufgrund der bekannten Lieferproblematik.

Ein Plädoyer für die Präsenz-HV
Die Generaldebatte wurde von Staller eröffnet, der ein leidenschaftliches Plädoyer für die Präsenz-HV hielt und nicht mit Kritik an verschiedenen Institutionen sparte, die für die Beibehaltung der virtuellen HV lobbyieren. „Es gibt etliche, die gar nicht wollen, dass wir hier sind“, wetterte er. „Das wäre der Missbrauch einer Notlösung als Dauerlösung!“ Er wollte wissen, wie die Voestalpine dazu steht und warum man nicht gleich einen Beschluss pro Präsenz-HV anstrebe. Eibensteiner erklärte, man habe die vergangenen zwei Jahre nach den Maßgaben des Gesetzes gehandelt und wolle dies auch weiterhin tun.

Staller bedankte sich auch bei Lemppenau, den er „vermissen wird“ und wollte wissen, ob man nicht andenke, die AR-Besetzung und -Wahl anders zu gestalten. „Die Blockwahl von acht Kapitalvertretern ist unerträglich“, meinte er. Eder stimmte grundsätzlich zu, bat aber um Geduld, er sei erst drei Monate im Amt – „und da kann ich noch nicht viel machen!“

Für Heiterkeit im Publikum sorgte die Antwort auf Stallers Frage, wann es endlich eine langfristige Strategie gebe: „Wenn wir endlich etwas Konkretes von der EU und der Regierung haben“, so Eibensteiner trocken.

IVA-Mann Beckermann brach ebenfalls eine Lanze für die persönliche Anwesenheit bei Hauptversammlungen und wollte wissen, was man von den Diskussionen um die Abschöpfung von Zufallsgewinnen halte. Diese schade massiv dem Kapitalmarkt und stehe im Gegensatz zum Regierungsprogramm, so Eibensteiner. „Das ist ein Tiefschlag für den österreichischen Kapitalmarkt“, ergänzte Eder. „Die gesetzlichen Bestimmungen sollten ausreichen, sonst wird die Gefahr von politischer Willkür viel zu groß.“

Publikumsschwund
Nach diesen beiden Rednern begann das Publikum abzuschmelzen, immer mehr Aktionäre verließen den Saal und eilten ans Buffet. Dass die meisten nicht wiederkommen sollten, war ungewöhnlich – anscheinend hat die zweijährige HV-Pause dem Sitzfleisch der Anteilseigner geschadet.

So waren bei den Abstimmungen nur mehr rund 300 Aktionäre zugegen, was der hohen Stimmenanzahl aber keinen Abbruch tat. Die Abstimmungen verliefen mit großen Mehrheiten, lediglich mit dem Vergütungsbericht zeigten sich 12 % nicht einverstanden.

Foto: Voestalpine AG

 

 

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Ordentliche Angst-Ansage der Bevölkerung

Unterstützungsmüdigkeit für die Ukraine; Herausforderungen einer multipolaren Welt.

Rudolf Preyer. Die Paul Lazarsfeld Gesellschaft für Sozialforschung (PLG) verstehe sich als „Pulsuhr der Gesellschaft“, erklärte Präsident Werner Beutelmeyer eingangs einer Konferenz Anfang Juli mit den aktuellen Schwerpunkten „Ukraine“ und „Inflation“. Im Presseclub Concordia konnte dabei eine aktuelle Umfrage zur Stimmungslage in der österreichischen Bevölkerung präsentiert werden, die von renommierten Experten kommentiert wurde.

Weil im wöchentlichen Rhythmus tausend Personen befragt werden, genießt die „Lazarsfeld-Umfrage“ in Fachkreisen den Ruf eines Seismographen, der Veränderungen in der Gesellschaft zeitnah wahrnimmt.

Die Umfrage
Die Ergebnisse der Umfrage im Folgenden im Ticker-Format: Wir haben die „Optimismuselastiziät“ verloren, nur mehr jeder vierte Österreicher blickt optimistisch in die Zukunft. Ad Inflation: Für drei Viertel ist die Teuerung (sehr) spürbar. Folglich beabsichtigen zwei von drei Österreichern, den Gürtel enger zu schnallen. Die große Mehrheit (57 %) glaubt, dass sich der russische Vormarsch durch die breite Allianz des Westens sowie durch die militärische Unterstützung der Ukraine nicht stoppen lassen. Die Befragten tendieren mehrheitlich in Richtung eines geringeren Engagements der EU in der Unterstützung der Ukraine. Dito die Meinung zur Ukraine als EU-Beitrittskandidat („wenig gute Maßnahme“). Zwei Drittel halten einen totalen Gaslieferstopp durch Russland für „wahrscheinlich“. Und für genauso viele hätte dieser „dramatische Auswirkungen“. Vorrangig sollten diesfalls dann private Haushalte bevorzugt beliefert werden anstatt der Industrie. Kurzum: Die Befürchtung einer schweren Wirtschaftskrise im Vergleich zum Kriegsbeginn hat stark zugenommen.

Die Reaktionen
Ewald Nowotny
, Nationalbank-Gouverneur a.D., wunderte sich, dass die doch hoffnungsvollen Prognosen heimischer Institute den möglichen Stopp russischer Gaslieferungen nicht berücksichtigt haben. Die negative Erwartungshaltung der Österreicher, so befürchtete der Ökonom, könne zu einer „selbstverstärkenden Inflations-Spirale“ führen. Nowotny sprach sich für einen „inflationssinkenden vorübergehenden Erlass der Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel“ aus.

Wolfgang Petritsch, OECD-Botschafter a.D., erwartet eine „neue Migrationswelle aus dem Süden“. Um einer „Unterstützungsmüdigkeit im Westen“ vorzubeugen, könnte es unter Umständen angebracht sein, den Krieg mit einer Gebietsabtretung seitens der Ukraine zu beenden. Was das „Vorzimmer der EU“ betrifft, sprach sich Petritsch dafür aus, die Ukraine und Moldawien nicht in einen Topf mit den Beitrittskandidaten vom Westbalkan zu werfen. Die energiepolitische Abhängigkeit Europas von Russland sei „mindestens so groß“ wie die „Abhängigkeit von China“, so der Diplomat, der sich für eine „aktive Neutralitätspolitik Österreichs“ aussprach.

Alles in allem lasse sich ein „Gap“ beobachten – zwischen dem, „was die Bevölkerung meint“, und dem, „was die Mehrzahl der Medien berichtet“, so PLG-Direktor Patrick Horvath.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Seidenstraße: Irrweg oder Ausweg?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO bei der französischen Fondsgesellschaft LFDE.

(05.07.) Weltweit sind die Zentralbanken gezwungen, die finanziellen Bedingungen im Kampf gegen die Inflation massiv zu verschärfen, wodurch sie die Volkswirtschaften an den Rand des Abgrunds bringen. Alle Zentralbanken? Nein. Eine macht genau das Gegenteil: die Chinesische Volksbank (People’s Bank of China). Sie lockert ihre monetären Bedingungen, um die Wirtschaft zu stützen, denn die chinesische Inflation liegt gerade einmal bei 2,1 %, die Inflation ohne Energie und Lebensmittel sogar nur bei 0,9 %. Der Auftrieb bei den Erzeugerpreisen, deren Anstieg von über 13 % im Oktober die wirtschaftliche Stabilität bedrohte, hat sich deutlich abgeschwächt. Dadurch beläuft sich das jährliche Plus nun auf 6,4 %. Westliche Notenbanker können davon nur träumen.

Chinas Wirtschaft hat in den vergangenen Monaten stark gelitten
Glücklicherweise kann die chinesische Zentralbank die Wirtschaft des Landes stützen, denn diese hat dies bitter nötig. China hat in den letzten Monaten stärker gelitten als im Frühling 2020 unter der Corona-Krise, wenngleich diese dort ihren Anfang nahm. Der Wohnimmobilienmarkt erlebte 2021 einen steilen Abschwung. In dessen Verlauf rutschte Evergrande, einer der größten Immobilienentwickler des Landes, beinahe in die Insolvenz. Dank staatlicher Unterstützung konnte ein Zusammenbruch verhindert werden.

Der Höhepunkt jener Krise scheint überwunden, doch im Frühling 2022 gab es bereits die nächste: Die Infektionszahlen schnellten insbesondere in Shanghai und Peking in die Höhe. XI Jinpings strikte Null-Covid-Politik führte zu einem brutalen Lockdown, von dem Millionen Menschen betroffen waren. Die Ergebnisse aus den Konjunkturumfragen gingen daraufhin stark zurück: Der Composite-Einkaufsmanagerindex fiel von 51,2 im Februar auf 42,7 im April und signalisierte damit eine Beinahe-Rezession für das zweite Quartal 2022.

Aufschwung und Profit infolge der westlichen Geopolitik
Doch die Pläne der Regierung zur Ankurbelung der Kreditvergabe, zur Lockerung der Finanzierungsbedingungen sowie zur Deregulierung des digitalen Sektors haben bereits Früchte getragen. So stieg der Einkaufsmanagerindex im Juni auf 54,1. Auch wenn man den chinesischen Daten mit einer gewissen Skepsis begegnen sollte, enthalten sie wahrscheinlich ein Körnchen Wahrheit. Schließlich reagierten chinesische Aktien (MSCI China in USD) im zweiten Quartal mit einem leichten Anstieg auf die Stimmungsverbesserung, während globale Aktien zeitgleich um mehr als 15 % nach unten gingen.

China kommt also aus dem Tief. Gleichzeitig steigt im Rest der Welt die Angst vor einer Rezession. Das Pendel schlägt zu beiden Seiten gleich stark aus. Sofern es zu einer globalen Rezession kommt, dürfte sie den Westen allerdings härter treffen als China, denn aufgrund der hohen Inflation können die westlichen Zentralbanken ihre Wirtschaft nicht stützen. Der Krieg in der Ukraine kommt noch hinzu. Von beiden Faktoren ist das Reich der Mitte bisher nicht betroffen und das dürfte auch so bleiben, sofern es Taiwan nicht direkt angreift.

In gewissem Maße kommt China sogar der Krieg in der Ukraine zugute. Zum einen will der Westen verhindern, dass China Russland umfassend unterstützt. Um dies zu erreichen, sind die G7 zweifellos zu wirtschaftlichen oder politischen Zugeständnissen bereit. Zum anderen profitiert das Land, ebenso wie Indien, bereits davon, dass die russischen Energieexporte, die in Europa nicht mehr abgenommen werden, in den Osten umgelenkt werden. Dieses unverhoffte Angebot an billiger Energie in Kombination mit einer entschlossenen Atompolitik erhöhen die Chancen für einen Aufschwung. Und die EPR-Reaktoren in China funktionieren.

Westliche Wirtschaft: ohne China geht es nicht
Auch wenn China die USA mit seiner wirtschaftlichen und geopolitischen Stärke in Angst und Schrecken versetzt, wird es für die westliche Wirtschaft zunehmend unentbehrlich. Diese braucht das Land sowohl als Produktionsstandort als auch als Absatzmarkt. Sie braucht es, um die Preise von Importgütern zu dämpfen und Abnehmer für ihre Waren zu finden, während die westlichen Konsumenten unter der hohen Inflation leiden. Wie bei jeder Krise seit 2008 kommt China dem Westen unfreiwillig zu Hilfe, der seinerseits gerne auf diese Unterstützung verzichten würde, hierzu aber immer weniger in der Lage ist. Ähnliches gilt für Russland, das immer stärker von seinem riesigen Rivalen im Osten abhängig ist.

Für den Westen stellt die Seidenstraße somit gleichermaßen einen politischen Irrweg dar, während sie für die Wirtschaft zunehmend als einziger Ausweg erscheint.

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Von der Inflation zur Deflation

Wohin gehen die Preise? Und warum auch die Deflation ein Szenario sein kann.

Michael Kordovsky. Noch herrscht Jammern und Wehklagen über eine Teuerung auf breiter Front. Im Mai stieg in den USA die Inflationsrate von 8,3 auf 8,6 % und markierte den höchsten Stand seit Dezember 1981. Ein Jahr davor lag die Inflation bei 5 % und im Jänner 2021 sogar noch bei 1,4 %.

Im Vergleich dazu stieg im Euroraum die Inflationsrate von 2,2 % im Juli 2021 auf 8,1 % im Mai 2022, ehe sich die Teuerung im Juni auf einen neuen Inflationsrekordwert von 8,6% beschleunigte. Dazu ein Blick auf die genaue Schnellschätzung für Juni 2022: Die Jahres-Teuerung der im HVPI mit 10,93 % gewichteten Energiepreiskomponente beschleunigte sich von Mai auf Juni von 39,1 auf 41,9 %, was primär eine Folge der Ukraine-Krise (Erdgasknappheit) ist. Im Vergleich dazu lag im Juni 2021 deren Preissteigerung erst bei 12,6 % was damals auf eine Erholung von den Lockdowns zurückzuführen war.

Noch vor einem Jahr (im Juni 2021) waren die Preise für unverarbeitete Lebensmittel um 0,3 % rückläufig. Heuer: Von Mai auf Juni beschleunigte sich der Preisauftrieb von 9 auf 11,1 %. Hingegen gemäßigt entwickelten sich im Juni 2022 die Preissteigerungen bei Dienstleistungen (3,4 %) und Industriegüter ohne Energie (4,3 %). Rechnet man Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak aus dem HVPI heraus, so läge diese Art der „Kerninflation“ nur bei 3,7 %.

Es zeigt sich somit primär eine energiepreisgetriebene Inflation, von der die einstigen „verlängerten Werkbänke“ in Osteuropa am stärksten betroffen sind. Die höchsten Inflationsraten wiesen im Juni Estland (22 %), Litauen (20,5 %), Lettland (19,0 %) und die Slowakei (12,5 %) auf.

Indessen am niedrigsten war die Inflation auf Malta (6,1 %), in Frankreich (6,5 %) und in Finnland (8,1 %). In Österreich sprang sie von 7,7 auf 8,7 %.

Konjunktursensible Rohstoffpreise fallen
Mittlerweile setzen die Regierungen der EU- und NATO-Länder wegen des Ukraine-Kriegs auf Energiesparen und Alternativen zu russischem Erdgas. Gleichzeitig kühlt die Konjunktur immer stärker ab und die von Experten bezifferte Wahrscheinlichkeit einer Rezession wird von Woche zu Woche höher. Während WTI-Rohöl auf 3-Monats-Basis noch 11,7 % im Plus liegt (Monatsbasis -8,1 %), verteuerte sich UK-Erdgas binnen eines Monats um 29 %, was auf die jüngsten Drosselungen russischer Erdgaslieferungen in die EU zurückzuführen ist.

Die Preisentwicklung der konjunktursensiblen Industriemetalle Kupfer, Nickel und Primäraluminium spricht hingegen eine klare Sprache: Deren Preise liegen auf 3-Monats-Basis je 21,6 %, 35,9 % bzw. 28,2 % im Minus. Im gleichen Zeitraum verlor Zinn bereits knapp 41 %. Auch die Preise für Agrarrohstoffe bröckeln wieder ab: Mais und Weizen verloren binnen eines Monat 9,9 bzw. 10,3 %. Aktualisierte Anbaudaten aus den Vereinigten Staaten und die Ende Mai vorhandenen Getreidebestände waren die Auslöser.

Mit der Produktionsausweitung der Opec+-Länder und ersten Anzeichen diplomatischer Verhandlungen im Ukraine-Krieg könnte ebenfalls jederzeit ein massiver Ölpreisverfall einsetzen, zumal die Konjunktur und damit einhergehend die Erdölnachfrage sich tendenziell rückläufig entwickeln.

Ausblick mit vielen Fragezeichen
Die Volkswirte der EZB gehen davon aus, dass sich die Inflationsrate des Eurosystems von 6,8 % in 2022 bis 2023 und 2024 jeweils auf 3,5 bzw. 2,1 % mäßigen wird. Die Kerninflation (also Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel) sollte von 3,3 % im Jahr 2022 bis 2023 und 2024 auf jeweils 2,8 bzw. 2,3 % sinken. Und es könnte 2023/24 im Falle einer Rezession das Pendel bereits in die andere Richtung schlagen. Starke Basiseffekte beim Rohöl (im Falle eines Öl-Crashs) könnten sogar zu einzelnen Monaten mit negativen Inflationsraten führen.

Sollten dann wegen höherer Leit- und Wohnkreditzinsen auch noch die Immobilienpreise fallen, wäre ab der zweiten Jahreshälfte 2023 selbst ein klassisches Deflationsszenario denkbar.

Foto: AdobeStock / photoschmidt

 

 

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„Das wird ein Kraftakt“

Eine Klimarettung kann es nur mit der Finanzindustrie geben.

Emanuel Lampert. Alleine werde die Finanzindustrie das Klima nicht retten können, „aber ohne Finanzindustrie wird es sicher nicht gehen“, sagte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler am Montag in Wien bei einer Enquete des Fachverbandes der Pensions- und Vorsorgekassen, des Versicherungsverbandes und der Vereinigung Österreichischer Investmentgesellschaften.

Die „Zeitenwende“ gebe einen Auftrag zu „mehr Tempo“ in der Transformation der Wirtschaft. Der Finanzsektor sei hier ein unabdingbarer Treiber. „Auch Sie müssen aufs Tempo drücken.“ Die Transformation brauche Infrastrukturinvestitionen. „Das wird ein Kraftakt“, biete aber gerade auch der Finanzindustrie eine große Chance, so Gewessler.

Bislang seien Wirtschaftswachstum und Klimaschädigung Hand in Hand gegangen, Finanzprodukte „mit dem Wachstum verheiratet“ gewesen, sagte der Umweltwissenschaftler und Ehrenpräsident des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker. Umweltziele sollten aber die Basis des Wirtschaftens und Wachstum von Klimaschädigung entkoppelt sein, denn „wenn der ökologische Sockel wegbricht, gibt es auch keinen Wohlstand mehr“. Das Geschäftsmodell, das zur Wegwerfgesellschaft führte, müsse sich ändern, eine „Klimaaußenpolitik“ Klimaschutz ökonomisch rentabel machen.

Bio-Regal oder Bioladen?
Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb sieht die EU-Taxonomie-Verordnung als etwas, das zur Auseinandersetzung mit dem Thema zwingt. „Oje, schon wieder neue Bestimmungen“, hält sie dabei für die falsche Einstellung. Statt zu versuchen, beim Wirtschaften auch grün zu sein, solle die Finanzwirtschaft umgekehrt an die Sache herangehen: sich vor Augen halten, aus welchem Gedanken heraus sie entstanden ist – ein „gutes Leben für alle innerhalb der Grenzen des Planeten“ zu ermöglichen -, und entsprechend investieren. Das beuge nicht zuletzt Greenwashing vor.

Viel Mühe werde darauf verwendet, Ethikfonds zu definieren. Man könne aber auch überlegen: Will man ein Supermarkt mit gesondertem Bio-Regal sein oder ein Bioladen? Nicht die „guten“ Angebote sollten extra ausgewiesen werden, sondern umgekehrt, meint Kromp-Kolb.

Laut Klaus Neusser, Direktor des Instituts für Höhere Studien, ist der „Green Finance“-Markt noch relativ klein, wächst aber. Es gebe viele ESG-Label, es sei aber nicht immer ganz klar, was genau sie aussagen. „Das ist ein Hindernis, um im großen Stil vorwärtszukommen.“

Langfristige Gemeinsamkeiten
Martin Graf
, der Vorstandsdirektor der Energie Steiermark, ortet Gemeinsamkeiten seiner und der Finanzbranche: „Die Langfristigkeit in unserem Geschäft verbindet uns mit der Versicherungswirtschaft.“ Jetzt sei die Zeit, in der „der größte Investitionsschub seit den 70er-Jahren auf uns zukommt“. Dies erfordere eine sehr langfristige Zusammenarbeit mit den Versicherern und den Vorsorgeinstituten.

Gewessler habe von Tempo gesprochen – nötig sei auch „Tempo bei Genehmigungen“, um das Geld der Anleger investieren zu können: „Vom Reden hin zum Tun“, stimmte Graf zu. „Und zum Tun-Dürfen.“

Foto: Adobe Stock/Nico El Nino

 

 

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„Den Mut haben, im Holzbau tätig zu sein“

UBM-CEO Thomas Winkler über das neue Geschäftsmodell, Kompetenzen und aktuelle Herausforderungen.

Marius Perger. 2019 war die UBM Development AG noch der führende Hotel-Developer in Europa. Dann kam Corona. Und damit änderte sich alles – auch für den börsenotierten Immobilienentwickler. Knapp drei Jahre später ist UBM auf dem Weg, führender Holzbau-Developer in Europa zu werden. Wie es zu dieser doch eher radikalen Änderung des Geschäftsmodells kam, wie man in so kurzer Zeit die benötigten Kompetenzen aufbauen konnte und wie sich die aktuelle geopolitische Situation auf das Geschäft auswirkt, darüber hat der Börsen-Kurier mit CEO Thomas Winkler ausführlich gesprochen.

„Holzbau lag schon in der Luft“, sagt Winkler und verweist darauf, dass UBM bereits 2019 im 22. Wiener Gemeindebezirk mit der Errichtung von sieben Wohnhäusern begonnen hat – eines davon aus Holz, „um einen direkten Vergleich mit den umliegenden Massivbauten zu haben“, wie es auf der Homepage von UBM heißt. Dazu komme, dass der Vorstand des Konzerns eine starke Affinität zu Holz besitze. Und nach dem 16. März 2020, dem Beginn des ersten Lockdowns „wollte niemand mehr freiwillig größter Hotel-Developer sein“. Doch was dann? Einfach nur von Hotel auf Büro umzusteigen wäre etwas banal gewesen. Also fiel der Entschluss: „Wir sollten den Mut haben, im Holzbau tätig zu sein.“

Heute errichtet UBM im Frankfurter Europaviertel mit dem „Timber Pioneer“ das erste Bürogebäude der Stadt in Holz-Hybrid-Bauweise, die Fertigstellung ist für Anfang 2023 geplant. Und in Wien soll in Kürze direkt am Donaukanal mit der Errichtung des „Leopoldquartiers“ begonnen werden, das nicht nur Europas erstes Stadtquartier in Holzbauweise sein wird, sondern durch die konsequente Nutzung von Erdwärme, Erdkälte und Photovoltaik im Betrieb auch CO2-neutral.

„Green“, für UBM gleichbedeutend mit Holzbau, genüge aber nicht, so Winkler. Auch die „Smartifizierung“ von Immobilien werde künftig nötig sein, und auch das sei noch nicht alles. Es gehe bei Gebäuden auch um Ästhetik, um das Erzählen von Geschichten und um vieles mehr. Und damit sei die neue Strategie des Konzerns geboren gewesen: „green. smart. and more“.

War also die Pandemie der „Gamechanger“? Das Denken sei schon vor der Pandemie vorhanden gewesen, sagt Winkler: „Das Spiel hat es schon gegeben. Aber es wäre nicht in diesem Tempo passiert.“

Neue und alte Kompetenzen
Um im Holzbau reüssieren zu können, müsse man schnell Kompetenzen aufbauen, der Erste sein. Winkler: „Wir haben das sehr früh erkannt.“ Man habe fünf Holzbauexperten gefunden, dazu einige Praktiker. Heute wäre es nicht mehr möglich, solche „Koryphäen“ zu engagieren. Dazu komme, dass es auch nur eine überschaubare Zahl von Planern gebe, „die Holzbau können“. Und man habe eine Struktur mit zentralen Kompetenzen geschaffen, „auf die wir sehr stolz sind“.

Was aber passiert mit jenen Kompetenzen, die brachliegen? „Wer Hotel-Development kann, kann auch Büro-Development“, so Winkler. Und auch auf den Wohnbau ließen sich die Kompetenzen übertragen: „Konventionelle Development Skills sind auch in anderen Assetklassen einsetzbar“. Überhaupt wolle er die Kompetenzen für Hotel im Haus behalten und alles tun, um diese nicht zu verlieren. Denn: „Hotel wird wiederkommen.“

Mit Holzbau Geld verdienen
„Für uns ist Nachhaltigkeit eine Haltung, aber auch etwas, womit wir glauben, den bestmöglichen ökonomischen Erfolg für die UBM erzielen zu können“, betont Winkler. Die höchsten Margen habe man zwar im Hotelsektor verdient, und trotzdem sei 2021 – in dem dieser wegen Covid-19 ja darniederlag – das zweitbeste in der Geschichte der UBM gewesen.

Die derzeit entstehenden Holzgebäude würden zwar in der Errichtung teurer kommen als konventionelle, das sollte aber durch höhere Verkaufspreise kompensiert werden. Allerdings würden zu den Margen im Holzbau noch die Erfahrungswerte fehlen, Frankfurt sei deshalb so etwas wie ein „Lackmustest“. Doch Winkler geht davon aus, dass beim Verkauf ein höheres Multiple als für ein konventionelles Bürohaus erzielbar sein wird. Unterstützt werde diese Erwartung von einer Studie der Universität Darmstadt, wonach ESG-fähige Objekte am Markt höhere Preise erzielen können. Am Ende müsse Holzbau aber auch billiger werden, derzeit gebe es noch Ineffizienzen.

Immobilienbranche im Wandel
„Aktuell“ sei UBM kaum von den Preisturbulenzen betroffen, sagt Winkler. Viele Projekte würden gerade fertig gestellt, und man verfüge über langlaufende Verträge. Von daher sei es kein Problem, wenn die Preise steigen.

Es gebe aber eine Reihe von Projekten, „die wir in Umsetzung bringen könnten. Aufgrund der aktuellen Situation machen wir es aber derzeit nicht“. Die Verfügbarkeit von Materialien sei auch für sein Unternehmen ein „Riesen-Thema“: „Das macht uns Sorgen.“ Dazu kämen noch Lohnpreissteigerungen und fehlende Arbeitskräfte. Derzeit sei es jedenfalls unmöglich, Entscheidungen für einen Baubeginn zu treffen.

Überhaupt sieht Winkler die Immobilienbranche am Anfang einer Abwärtsbewegung. Aber: „Ich glaube, dass ein reinigendes Gewitter, wie wir es jetzt sehen, in un-serer Branche mehr als überfällig war.“ Und es gebe keinen Zweifel, dass Menschen danach Büros und Wohnungen wieder wie davor brauchen werden, bleibt Winkler auch in der aktuellen Situation optimistisch.

Foto: UBM

 

 

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Putin tut was für unser Klima

Ein Kommentar von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management.

(28.06.) Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der explosionsartige Anstieg der Preise für Strom, Benzin, Heizöl und Gas nicht zu einem starken Rückgang des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen führen würde – und damit zu einem ähnlich starken Rückgang der CO2-Emissionen. Putin erledigt gewissermaßen den Job unserer Klimapolitiker, ohne dass diese groß kämpfen und ihren Kopf für die unpopuläre Inflation der Energiepreise hinhalten müssen. Wer ein besseres Klima will, muss die Preise der Energieträger möglichst kräftig und möglichst rasch erhöhen. Das ist der Konsens unter Ökonomen. Voilà! Putin sei Dank, wer hätte das gedacht?

Seit dem letzten Tiefpunkt im April 2020 bis heute hat sich der Preis für Rohöl, gemessen in Euro, um 445 % erhöht, der deutsche Benzinpreis um etwa 40 % und der Gaspreis für Haushalte um etwa 300 %. Zusammen mit der Inflation bei den übrigen fossilen Brennstoffen hat sich das jährlich für andere Zwecke verfügbare Einkommen um schätzungsweise 100 Mrd. Euro oder 4,5 % vermindert. Im Euroraum insgesamt war es nicht anders, nur dass die genannten Zahlen um einen Faktor von 3 bis 4 höher sein dürften.

Nach Abzug der verteuerten Ausgaben für Energie ist das Einkommen von Haushalten und Unternehmen also viel geringer als vorher, was nichts anderes heißt, als dass sich das Risiko einer Rezession deutlich erhöht hat.

In einem Aufsatz im Wirtschaftsdienst (2022/13) zeigen Sebastian Dullien und Ulrike Stein, dass die neuen Klimaziele Deutschlands und der EU sehr hohe Preise für alle Energieträger erfordern. Auf Beschluss des Bundestages soll die Emission von Treibhausgasen hierzulande bis 2030 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 um 65 Prozent zurückgehen, und Klimaneutralität soll bereits 2045 erreicht sein. Die Ziele unserer europäischen Nachbarn sind kaum weniger ehrgeizig.

Wenn die Politik allein auf das Instrument „CO2-Preis“ setzen würde, müsste dieser auf 200 Euro pro Tonne steigen – oder mehr -, abhängig von den übrigen Annahmen in der Simulationsrechnung. An der europäischen Börse wird CO2 zurzeit mit etwa 82 Euro pro Tonne gehandelt, was zwar dreizehnmal mehr ist als im Jahr 2017, dem Jahr, als der rapide Preisanstieg der Emissionsrechte begann, aber immer noch viel zu niedrig ist. Bei einem CO2-Preis von 200 Euro würde sich beispielsweise der Endpreis von Heizöl um 60 Cent pro Liter, der von Superbenzin um 56 Cent erhöhen (im Vergleich zu Jänner 2022).

Durch den russischen Überfall auf die Ukraine haben sich die Marktpreise in die richtige Richtung bewegt. Es muss nun aus klimapolitischen Gründen verhindert werden, dass sie wieder auf ihr Vorkrisenniveau sinken, wenn sich die politische Lage eines Tages wieder entspannt. Wie erfahrene Europapolitiker wissen, sollte eine gute Krise nie ungenutzt bleiben. Mit anderen Worten muss in einem solchen Fall die Anzahl der zu versteigernden Emissionsrechte kräftig vermindert werden (was ihre Preise hochhält). Alternativ dazu müssten die diversen Steuern und Abgaben auf Kohle, Erdöl, Strom und Gas Zug um Zug steigen, mit dem Ziel, dass der Verbrauch CO2-intensiver Energie nicht wieder steigt. Am besten wäre natürlich, wenn er weiter zurückginge.

Solche Maßnahmen hätten den Effekt, dass die CO2-Abgaben der Nutzer fossiler Brennstoffe großenteils im Lande bleiben, nämlich beim Staat. Heute übertragen wir einen großen Teil unseres Einkommens in Form von hohen Einfuhrpreisen an ausländische Produzenten fossiler Energie – sprich an Russland und Arabien. Da die teure Energie äußerst regressiv auf die Einkommensverteilung wirkt, ärmere Haushalte also relativ viel stärker belastet als reichere, kann der Staat seine Einnahmen aus Emissionsrechten, Abgaben und Steuern auf Energie für soziale Gegenmaßnahmen verwenden und so nicht nur seinen Klimazielen näherkommen, sondern gleichzeitig gefährliche und ungerechte soziale Schieflagen abmildern. Außerdem erleichtern diese Einnahmen die Finanzierung des grünen Strukturwandels.

Die Energiepreise dürfen nicht mehr sinken!! Oder erst, wenn der Umstieg auf Erneuerbare komplett gelungen ist.

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Im Kreislauf gegen Krisen

Innovative Kreislaufwirtschaft macht Unternehmen resilienter gegen Lieferkettenengpässe.

Christian Sec. Vor dem Hintergrund zunehmender Verknappung endlicher Ressourcen und steigender Rohstoffpreise ist es besonders wichtig, die Kreislaufwirtschaft noch stärker zu fördern und gleichzeitig die Abhängigkeit von Rohstoffen zu verringern. So hat ein BMW-Joint-Venture in China erstmals einen geschlossenen Kreislauf zur Wiederverwendung der Rohstoffe Nickel, Lithium und Kobalt aus Hochvoltbatterien etabliert. Auch der innerdeutsche Konkurrent Mercedes-Benz plant demnächst eine Recyclingfabrik für Autobatterien. Wurde der Nutzen einer Kreislaufwirtschaft für die Umwelt bereits zuvor gesehen, so tragen die Krisen der vergangenen Jahre dazu bei, dass die Werterhaltung von Ressourcen auch zu einer ökonomischen Notwendigkeit wird. „Wir müssen das lineare System Schritt für Schritt ändern, bis es ersetzbar wird“, erklärte Karin Huber-Heim, Executive Director bei der Netzwerkorganisation Circular Economy Forum Austria, in einem Gespräch mit der Wirtschaftskammer.

Kreislauf als Mittel gegen Engpässe
Auch in den österreichischen Unternehmen schreitet die Kreislaufwirtschaft voran. Rund zwei Drittel des Abfalls beim Anlagenbauer Andritz wird bereits recycelt. Dies gilt für das Metall als Hauptbestandteil der Anlagen, aber auch für ausgewählte Materialfelder wie z. B. IT-Komponenten oder in der mechanischen Fertigung, wo Waren durch Reparatur bzw. Sanierung oder Produktbestandteile durch Recycling im Kreislaufprozess gehalten werden. Ziel des Unternehmens ist es, im Bereich der Zellstofffabriken keinen Abfall mehr zu produzieren. Nebenströme werden direkt in der Anlage wiederverwendet oder zu wertschöpfenden Produkten weiterverarbeitet. Der Geschäftsbereich Pulp & Paper bietet außerdem Second-Hand-Anlagen an, um Ressourcen zu schonen. „Durch das Refurbishing können so Lieferengpässe ausgeglichen werden“, erklärt dazu Michael Buchbauer, Head of Group Finance und Sprecher von Andritz, gegenüber dem Börsen-Kurier.

Auch das Lichttechnik-Unternehmen Zumtobel sieht in der Kreislaufwirtschaft eine Möglichkeit, Lieferengpässen entgegenzuwirken. Dabei hat sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt, das Thema Kreislaufwirtschaft allumfassend zu fördern. So werden gemeinsam mit Lieferanten eingesetzte Materialien auf kritische Inhaltstoffe überprüft, der Anteil von Recyclingmaterial erfasst und die Recyclebarkeit systematisch erhoben. Produkte werden von Zumtobel dabei so gestaltet, dass einzelne Komponenten und Materialien voneinander getrennt werden können.

Der Ziegelhersteller Wienerberger verfolgt das Ziel, dass bis spätestens 2023 alle neuen Produkte zu 100 % wiederverwendbar oder recyclebar sind. Eine wichtige Forderung von Experten zur Verbesserung der Kreislaufwirtschaft stellt das Urban Mining dar. Dabei dienen Städte als Rohstoffquelle. In ihnen haben sich große Mengen an Stoffen angesammelt, die es im Wertkreislauf zu halten gilt. Wienerberger setzt diese Forderung bei einem Dachziegelprojekt in Deutschland um. Ziegeln werden aus Abbruchgebäuden produziert. Mit solchen Maßnahmen steigert das Unternehmen laut eigenen Angaben den Anteil an Sekundärrohstoffen bzw. Recyclingstoffen in der Produktion.

Foto: Wienerberger

 

 

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Die richtige Balance

Aktien und Anleihen für ein breites ESG-Portfolio.

Harald Kolerus. Es gibt verschiedene Wege, sich nachhaltigen Investments anzunähern: Etwa mit Spezialprodukten, die sich auf einzelne Themen konzentrieren, wie z. B. Wasserkraft, Energieeffizienz, Klimawandel etc. Oder man setzt auf den breiten Markt, wählt dabei aber jene Unternehmen aus, die in Sachen Nachhaltigkeit die bessere Bilanz aufweisen. Der „Franklin ESG-Focused Balanced Fund“ (ISIN: LU2319533704) hat sich für die zuletzt genannte Alternative entschieden.

Kern-Investment
Marzena Hofrichter
, Fondsmanagerin bei Franklin Templeton Investment Solutions, erklärt im Interview mit dem Börsen-Kurier die grundsätzliche Konzeption des Produkts: „Wir sind bewusst in die Breite gegangen, der Fonds soll somit für Anleger ein Kern-Investment im ESG-Bereich darstellen, anstatt auf einzelne Themen zu setzen. Solche Themenfonds können gut gehen oder auch abfallen, der Investor ist hier von nur einem Bereich abhängig. Wir wählen hingegen Titel aus vielen Industriezweigen aus, die einen besseren ESG-Score aufweisen als ihre Mitbewerber.“ Aber natürlich darf nicht überall veranlagt werden: Ausschlusskriterien betreffen z.B. Verstöße gegen die Menschenrechte, kontroverse und nukleare Waffen, Fracking oder die Tabakindustrie.

Atomkraft, nein Danke
Allerdings, wo zieht man die Grenzen? Stichwort Nuklearenergie: Sie wurde bekanntlich von der EU als nachhaltig „geadelt“, in Frankreich ist sie ohnedies En Vogue, in Deutschland wird eine Verlängerungsphase der Atommeiler gerade heftig diskutiert. Und scheinbar hat die „schmutzige“ Kohlekraft auch noch nicht ausgedient, wie Überlegungen z. B. in Österreich zeigen. Hofrichter positioniert sich in diesem Zusammenhang klar: „Im Fonds haben Unternehmen, die einen Anteil von 10 % bei der Stromerzeugung aus Kohle oder 5 % bei AKWs überschreiten, keinen Platz. Daran wird sich erstmals nichts ändern, auch wenn die Situation aufgrund des Ukraine-Kriegs und der Energiekrise natürlich sehr ernst ist. Es gilt aber mehr denn je: Wir müssen möglichst schnell grüne Energien forcieren.“

Gegen Greenwashing
Der Börsen-Kurier wollte von der Expertin auch wissen, wie sich Anleger vor Greenwashing schützen können. Immerhin schießen an allen Ecken und Enden (vermeintlich?) grüne Fonds aus dem Boden, die Lage sei unübersichtlich. Hofrichter dazu: „Ich hoffe, dass es hier mit zunehmender Transparenz und Regulierungsmaßnahmen zu Verbesserungen kommen wird. Wir haben einen großen internen Pool an ESG-Spezialisten, holen uns aber gleichzeitig unabhängige Partner mit ins Boot. So ist es z. B. bei diesem Fonds das Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG), das den hohen ESG-Standard verifiziert. Dessen sehr strenge Kriterien gelten für uns als Messlatte, der Franklin ESG-Focused Balanced wurde auch bereits mit zwei von drei möglichen Sternen ausgezeichnet, die vom FNG vergeben werden.“

Neutral gewichtet
Wobei der Fonds ein Multi-Asset-Produkt ist, soll heißen: Um die richtige Balance zu finden, investiert er in Aktien aus entwickelten Ländern rund um den Globus. Im Anleihen- und im Corporates-Segment ist er hauptsächlich auf Emissionen von Europäischen Ländern ausgerichtet. Wie geht nun das Fondsmanagement mit der derzeit extrem schwierigen Lage an den Finanzmärkten (geopolitische Spannungen, hohe Inflation, Zinswende, steigende Rezessionsgefahr) um? Hofrichter: „Unser Risikoappetit hält sich derzeit in Grenzen. Wir sind neutral positioniert, das heißt die Aktien-Anleihen-Quote liegt bei fifty-fifty. Derzeit sind Prognosen besonders schwierig, es gilt am Ball zu bleiben, tägliches Monitoring ist Pflicht.“

Foto: Zastrzezone / Jurek Murawski

 

 

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China: Positive Überraschungen?

BNP Paribas hält Aktien aus dem Reich der Mitte für attraktiv bewertet.

Harald Kolerus. Es waren nicht immer die besten Meldungen, die uns in jüngerer Vergangenheit aus China erreichten: Das Wirtschaftswachstum läuft nicht mehr so rund wie früher; Covid macht nach wie vor zu schaffen; der Staat greift in den Aktienmarkt ein; Skandale im Immobilienbereich. All das bereitet Kopfzerbrechen.

Risken beachten
Aktien-Expertin Jessica Tea erklärt gegenüber dem Börsen-Kurier, warum sie dennoch mit Optimismus in die Zukunft blickt. Sie ist Investment-Spezialistin für Asien und China bei BNP Paribas Asset Management. In Hongkong beheimatet, hat sie hautnahen Kontakt zum Marktgeschehen und gab in Wien ihr Wissen weiter: „Natürlich dürfen wir mit Blick nach China die Risiken nicht übersehen. Hierbei handelt es sich vor allem um die Covid-Lockdowns, die gesamte geopolitische Situation, Druck am Immobilienmarkt und Regulationsbestrebungen Pekings.“ Die gute Nachricht lautet dabei: „Was Immobilien und Regulatorien betrifft, scheinen wir das Schlimmste hinter uns zu haben, auch wenn man diese Themen nicht ganz vergessen darf.“

Qualität statt Quantität
Bezüglich Corona bleibt Peking hart, wechselt aber von einer Null-Toleranz zu einer „dynamischen“ Politik. Das heißt, es wird auf Massentests (Erreichbarkeit von Teststationen in Zentren innerhalb von 15 Minuten) und schnelle lokale Eindämmung gesetzt, bevor sich das Virus großflächig verbreiten kann. Auch Impfkampagnen werden forciert – hier hat China in der Altersgruppe über 80 Jahren noch Nachholbedarf. In Bezug auf die Gesamtwirtschaft steht statt quantitativem qualitatives Wachstum im Vordergrund: „Denn oberstes Ziel der Regierung ist es, für Stabilität zu sorgen und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Unterstützt werden die traditionelle Infrastruktur aber auch neuere Bereiche, wie der Aufbau einer kohlenstoffarmen Wirtschaft sowie die Modernisierung der IT- und Logistikbranche“, erklärt Tea.

Günstig bewertet
Was die Expertin positiv ins Treffen führt, sind die „sehr attraktiven Bewertungsniveaus chinesischer Aktien“. Diese finden sich bei einem KGV von 11, was für Luft nach oben sorgt und auf positive Überraschungen hoffen lässt. Deshalb ist der Aktienfonds „BNP Paribas China Equity“ (ISIN: LU0823425839) von einer zuvor defensiveren Ausrichtung jetzt aggressiver unterwegs. Wobei Stock-Picking, aktives Management, aber auch ein holistischer, also ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden. Auf Nachhaltigkeit wird dabei nicht vergessen: ESG-Faktoren spielen beim Investmentprozess eine gewichtige Rolle, zum Beispiel sollen kontroversielle Waffen, Kinderarbeit oder der Kohlebereich vermieden werden. „Die Liste der Ausschlusskriterien ist lang. Der Umgang mit ESG hilft uns dabei, den langfristigen Wert eines Unternehmens besser einschätzen zu können“, so Tea.

Spannende Aktien
Welche Titel landen nun aber im Portfolio? Hier einige Beispiele: Die drei größten Positionen bilden derzeit Netease, Tencent (beide aus der Kommunikationsbranche) und Meituan (Konsum). Eine Aktie, die für „grüne Innovation“ steht, ist wiederum Hongfa Technology. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Forschung und Entwicklung, Herstellung und Verkauf von Relais-Produkten. Hongfa profitiert von der steigenden Nachfrage nach Relais und dem Wachstum bei Elektrofahrzeugen.

Bemerkenswert: Etwa 28 % des Fondsportfolios ist im Bereich „grüner Innovationen“ investiert, also in Unternehmen, die mit der Verringerung des Kohlenstoff-Fußabdrucks oder Verbesserungen der Energieeffizienz in Zusammenhang stehen.

Foto: Pixabay / jplenio

 

 

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Die Welt hat sich in den letzten Tagen strukturell verändert

Ukraine-Krieg befeuert weiter Inflation, Fragmentierung der Eurozone und Kreditpreise im Extrembereich.

(20.06.) Die Welt hat sich in der letzten Woche strukturell verändert. Die Federal Reserve (Fed) hat die Zinssätze um 75 Basispunkte angehoben; eine Anhebung, die seit 28 Jahren nicht mehr geschehen ist. Bis zu einem gewissen Grad hatte der Markt einen solchen Schritt bereits eingepreist, denn 2-jährige US-Staatsanleihen sind 300 Basispunkte billiger als im Oktober letzten Jahres, und 2-jährige Anleihen rentieren jetzt mit 3,375 %. Dies zeigt, inwieweit die Märkte weitere Maßnahmen der Fed, die die Zinsen voraussichtlich weiter anheben werden (Fed Funds Range 1,5-1,75 %), bereits abgewertet haben.

Die Spannungen begannen am vergangenen Freitag, als der Verbraucherpreisindex in den USA, der angeblich seinen Höchststand erreicht hatte, statt 8,3 % nur 8,6 % anzeigte. Hinzu kam, dass die Umfrage der University of Michigan zu den langfristigen Inflationserwartungen um 0,3 % auf 3,3 % stieg. Einfach ausgedrückt: Die Inflation und die Inflationserwartungen gehen in die falsche Richtung, und die Fed hat dies mit einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte anerkannt und damit bewiesen, dass sie es ernst meint, wenn es um die Inflationsbekämpfung geht.

Die Bank of England hob daraufhin die Zinssätze um 25 Basispunkte an, um zu zeigen, dass sie sich um die Inflation kümmert, doch angesichts der negativen Wachstumszahlen für April beginnt das Vereinigte Königreich, sich mit der potenziell toxischen Mischung aus höheren Zinsen und einer schrumpfenden Wirtschaft auseinanderzusetzen.

Die außerplanmäßige EZB-Sitzung gab den italienischen und anderen südeuropäischen Anleihemärkten Auftrieb, wo man sich erneut Sorgen über die absoluten Kosten der Verschuldung (über 4 % für Italien) und die relativen Kosten der Verschuldung (+2,4 % gegenüber Deutschland) macht. Beide Zahlen sind nicht gut, und die EZB spricht von einer Fragmentierung der Eurozone, während sie nervös über ihren ersten offiziellen Zinsschritt im Juli nachdenkt.

Gewinnprognosen der Unternehmen halten sich trotz Inflationsdruck
Der weltweite Inflationsdruck ist größtenteils auf die höheren Energiepreise nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine zurückzuführen, insbesondere in Europa, das sich schnell von dem inzwischen sehr teuren russischen Gas lösen will. Inflationsdruck besteht auch bei anderen wichtigen russischen und ukrainischen Exporten wie Getreide, Düngemitteln und anderen Rohstoffen.

Die höheren Energie- und Lebensmittelpreise wirken wie eine Steuer auf den Verbrauch. Die Verbraucherstimmung in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist in jüngster Zeit auf ein Niveau gesunken, das auf dem Höhepunkt der weltweiten Pandemie im Jahr 2020 erreicht wurde. Außerdem sinkt das Vertrauen der Unternehmensleiter, was wahrscheinlich zu einer Drosselung der Investitionsausgaben führen wird.

Trotz dieses düsteren Bildes haben sich die Gewinnprognosen der Unternehmen insgesamt bisher bemerkenswert gut gehalten. Vielen Unternehmen ist es gelungen, die höheren Input- und Arbeitskosten weiterzugeben. Allerdings mehren sich die Anzeichen für überschüssige Lagerbestände in einigen Branchen, z. B. im Einzelhandel, in der Elektronikbranche und in der Halbleiterindustrie.

In einer Welt, in der das Angebot an Verbrauchsgütern zugenommen hat – und die Ausgaben dafür durch höhere Energie- und Lebensmittelpreise eingeschränkt werden -, werden die Gewinnspannen der Unternehmen wahrscheinlich unter Druck geraten. Es gibt Spielraum für weitere Schwäche bei Risikoanlagen.

Die unmittelbare Auswirkung der US-Leitzinserhöhung auf die Aktien war kontraintuitiv – US-Aktien zogen stark an, wobei Wachstums- und Technologiewerte am stärksten zulegten. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass der Markt den Schritt erfolgreich eingepreist hat, nachdem die Erwartungen einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte am Vorabend der Sitzung von ca. 4 % in der Vorwoche auf ca. 89 % deutlich angestiegen waren.

Die Aktienmärkte haben sich seit mehr als sechs Monaten auf die Aussicht auf höhere Zinsen und ein schwächeres Wachstum eingestellt, wobei sich die negativen Auswirkungen auf Wachstumswerte am deutlichsten zeigten. Das 12-Monats-Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI World Index ist inzwischen von 19 (Herbst 2021) auf etwa 14,5x gefallen. Außerhalb des GFC und der anschließenden Krise in der Eurozone wurden Aktien in diesem Jahrhundert noch nie dauerhaft unter dem 14-fachen gehandelt.

Wachstums- und Mid/Small-Cap-Aktien überverkauft
Trotz der „Erleichterungsrallye“ am Mittwoch ist es noch zu früh, um zu sagen, dass diese Anpassung abgeschlossen ist – die rasche Neubewertung der Absichten der Fed in der letzten Woche könnte noch eine weitere Kapitulation nach sich ziehen. Wahllose Verkäufe haben jedoch einige Aktienkurse in den Bereich des “Überschießens” gebracht.

Aus unserer Sicht sind die Marktbedingungen in vielerlei Hinsicht überverkauft (insbesondere im Hinblick auf Wachstums- und Mid-/Small-Cap-Aktien). Angesichts der schwierigeren Aussichten werden einige die Inflationswelle besser bewältigen als andere, und vor einem solchen Hintergrund ist eine Bottom-up-Aktienauswahl von entscheidender Bedeutung.

Keine dieser Unsicherheiten hinsichtlich der strukturellen Bewertung von Anleihen hat den Kreditmärkten geholfen, deren Preise sich jetzt in einem Extrembereich befinden, wie er zuletzt 2011 oder in der Liquiditätslücke zu Beginn der Covid-Krise zu beobachten war. Die Kosten für Schulden steigen, und unser Standard-Anleihefonds mit Investment-Grade-Rating rentiert inzwischen mit fast 5 %. Der „Wert“ war eine der wichtigsten Triebfedern für das Investitionsdenken, und „Wert“ gibt es derzeit reichlich, aber das wird auch weiterhin eine fieberhafte Einschätzung bleiben, bis es mehr Klarheit bei den Geldkosten gibt.

Was unser gesamtes Portfolio betrifft, so sind wir weiterhin von den Fundamentaldaten der Unternehmen, in die wir investieren, überzeugt. Die Volatilität eröffnet große Chancen für längerfristige Renditen bei den Aktien, in die unsere nachhaltigen und Wachstumsfonds investieren. Unsere Einkommensstrategien erweisen sich mit ihrem bewährten Fokus auf Finanzkraft und Dividendenfähigkeit einmal mehr als relativ defensive Strategie.

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Wiener Börse Preis: AT&S erstmals Sieger im ATX

Finanzminister Brunner mit Börse-Chef Boschan und Peter Schneider (li.) vom ATX-Sieger AT&S.

Red. Zwölf Unternehmen wurden am Dienstag der Vorwoche beim „Wiener Börse Preis“ im Palais Niederösterreich in feierlichem Ambiente mit Awards geehrt. Nach zwei Jahren in kleinem Kreis wurde die wichtigste Auszeichnung des österreichischen Kapitalmarktes wieder vor hochrangigem Publikum im Rahmen einer Festveranstaltung überreicht. Unabhängige Fachjurys bestehend aus Analysten der ÖVFA (für die ATX-, Mid Cap- und Corporate-Bond-Preise), Finanzjournalisten koordiniert durch APA-Finance (Journalisten-Preis) sowie dem Vönix-Beirat (Nachhaltigkeitspreis) kürten die Preisträger. Vorstandsmitglieder der börsennotierten Unternehmen nahmen die Auszeichnungen in fünf Kategorien entgegen.

„Es ist großartig, wieder die breite Finanzmarkt-Community im Publikum zu begrüßen und das Scheinwerferlicht auf die Leistungen der Unternehmen des österreichischen Kapitalmarkts zu werfen. Die börsennotierten Unternehmen sind Österreichs Aushängeschilder im globalen Wettbewerb und der Wiener Börse Preis würdigt die herausragenden Entwicklungen,“ so Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse.

„AT&S überzeugte mit laufender Berichterstattung, umfassender IR-Tätigkeit, erfahrenem Management sowie maximaler Punktezahl bei quantitativen Faktoren wie Kursentwicklung und Liquidität“, erklärte Friedrich Mostböck, Präsident der ÖVFA, zu Platz 1 in der Bewertung. AT&S Austria Technologie & Systemtechnik AG siegte damit erstmals in der Königsdisziplin ATX-Preis, nachdem das steirische Unternehmen bereits vergangenes Jahr den dritten Platz in dieser Kategorie erreichte. Die weiteren beiden Plätze des ATX-Preises gingen an die OMV und Wienerberger, die ebenfalls durch ihre Strategie, Berichterstattung und Investor Relations-Tätigkeiten überzeugten.

Peter Schneider, CSO von AT&S, freute sich über die Auszeichnung: „AT&S hat sich in den vergangenen Jahren als globaler Technologieführer für Leiterplatten und Substrate etabliert. Neben unseren hervorragenden Mitarbeitern sehen wir vor allem die Börsennotierung als Grundstein für unser gesundes Unternehmenswachstum. Marktpräsenz ist für unseren weiteren Erfolg entscheidend und deshalb bedanken wir uns herzlich bei der österreichischen Kapitalmarkt-Community. Auszeichnungen wie der Wiener Börse Preis ermutigen uns, unseren Weg fortzusetzen.“

Foto: Wiener Börse

 

 

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Cyberversicherung wächst „unter Schmerzen“

Cybercrime wird komplexer. Der Versicherungsbedarf steigt. Der Kostenpunkt allerdings auch.

Emanuel Lampert. Das „Millionen-Erbe“ aus Südafrika, die „Bank“, die Kundendaten bestätigt haben will: Sind solche Mails schon Cybercrime? Ohne es versicherungstechnisch zu werten: Im Grunde sind all das Betrugsversuche, und es ist nicht mehr nur ein Trend, sagt Natascha Jäger, CEO Austria für die Cogitanda Dataprotect AG, Niederlassung Österreich, in einem Expertengespräch des Börsen-Kurier. Es gebe inzwischen viele Tools, die selbst Kleinkriminelle einsetzen können.

Und in welchem Rahmen bewegt sich der Schutz einer Cyberversicherung? „Wenn man es terminologisch herunterbrechen will, geht es um die Verletzung von Vertraulichkeit, Verfügbarkeit oder Integrität von Computersystemen“, skizziert Stephan Eberlein, Group Practice Leader Financial Lines vom Versicherungsmakler Greco. Viele Fälle der eingangs geschilderten Art dürften ihm zufolge nach den klassischen Musterbedingungen im Markt deshalb keine Cyberversicherungsfälle sein.

Grenzen der Cyberversicherung
Angenommen, eine App fürs Auto wird gehackt und selbiges gekapert, oder jemand bricht digital ins Smart Home ein: Wo ist die Grenze zwischen dem, was ohnehin zum Beispiel eine Kasko deckt, und der Cyberversicherung? Peter Loisel, er ist Country Head Austria bei Finlex, sieht im Gespräch Überlappungen zwischen einzelnen Sparten schwinden: In der Sach- und Haftpflichtversicherung gebe es immer mehr Cyberausschlüsse, „sodass die Cyberversicherung immer wichtiger wird“.

In der traditionellen Sachversicherung gebe es für die Betriebsunterbrechungsversicherung einen materiellen Auslöser wie Feuer oder Flut, sagt Johannes Gschossmann, Line Manager Financial Lines, Eastern Region, beim Versicherer Chubb. Der zusätzliche Wert der Cyberversicherung sei, dass sie einen „immateriellen Auslöser“, das Hacking, das die Firma zum Stillstand bringt, einbeziehe.

Martin Beste, Geschäftsführer der R+V in Österreich, sieht die Grenzen einer Cyberversicherung etwa bei Ereignissen wie Krieg, Rebellion oder staatlich veranlassten Handlungen wie Spionage oder Cyberkrieg. Ob und wie ein Unternehmen cyberversichert werden kann, hänge auch von Faktoren wie der Betriebsart oder der möglichen Versicherungssumme ab.

Schadenpotenzial ermitteln
Homeoffice, Privatgeräte im Unternehmens-einsatz: Eberlein sieht hier die Unternehmen in der Pflicht. Für sie gehe es um Krisenmanagement und Abgeltung eines finanziellen Verlusts. Auch wenn „noch immer viel zu tun ist“, sagt Jäger, das Risikobewusstsein habe sich seit den Lockdowns deutlich gebessert. Für sie ist Gerätewartung ebenso Unternehmenssache wie die Ausstattung der Mitarbeiter mit sicheren Arbeitsmitteln. Es gehe schließlich auch um schützenswerte Unternehmensdaten.

Wichtig ist, dass sich Unternehmen bewusstwerden, „was in Gefahr ist“, was der Schadenfall kosten würde und wie ihr Sicherheitskonzept aussieht, betont Gschossmann. Für die Absicherung gegen individuelle Attacken könne und sollte man „möglichst breit“ Versicherungsschutz kaufen, „denn die Wahrscheinlichkeit, attackiert zu werden, ist in den vergangenen zwei Jahren doch sehr stark gestiegen“.

Cyberkriminalität habe sich zu einer „gewinnorientierten“ Industrie entwickelt, warnt Beste. Nicht mehr das „Ob“ eines Vorfalls, sondern das „Wann“ sei die Frage. Die R+V empfehle daher für jedes Unternehmen eine Cyberversicherung.

Pricing „höllisch schwierig“
Loisel verweist auf Prognosen, wonach der Cyberversicherungsmarkt in den nächsten 20 Jahren um 25 % pro Jahr wachse. Es sei aber „ein Wachstum mit Schmerzen“, denn „dummerweise steigen auch die Kosten“. Das Pricing in der Cyberversicherung sei „höllisch schwierig“, andererseits sei unverständlich, wenn man Preise ungeachtet des bisherigen Schadenverlaufs anhebe.

Gschossmann argumentiert, das Schadengeschehen habe sich vor zwei bis drei Jahren deutlich verschärft, bedingt durch verstärkte Ransomware-Angriffe und komplexer gewordene Attacken. „Die Angreifer lernen. Sie waren auch in der Lage, sehr große Unternehmen über lange vorbereitete Attacken stillzulegen.“ Selbst, wenn man noch nicht attackiert wurde, steige die Wahrscheinlichkeit dafür. Auch das systemische Risiko sei zu berücksichtigen: „Was ist, wenn eine Attacke abertausende Polizzen ‚abräumt‘?“

Die beobachteten Preissteigerungen seien „teilweise wirklich eklatant“ gewesen, sagt Jäger. Gemessen an den möglichen Kosten eines Schadens sei eine Cyberversicherung aber nach wie vor „absolut zu empfehlen“. Sie plädiert für „neue Denkmodelle“ in der Tarifkalkulation und eine dynamische Bewertung des Schadengeschehens. Eberlein meint: Cyber sei ein sehr junges Produkt, die Prämie müsse sich erst finden.

Ist Cybercrime mehr ein „menschliches“ als ein technisches Risiko? Mangelnde Schulung der Mitarbeiter, etwa in puncto Phishing, sei oft die Schwachstelle, die Angreifer nutzen, sagt Gschossmann. „Risiko Mensch ja, aber auch Chance Mensch“, meint Jäger: „Wenn man die Mitarbeiter ins Boot holt, sind sie die erste und beste Verteidigungslinie im Unternehmen.“

Foto: AdobeStock / Nicolas Herrbach

 

 

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25 Jahre im Einsatz für die Kinder dieser Welt

Seit 1997 hilft Jugend Eine Welt jungen Menschen mit Bildung in eine bessere Zukunft.

Red. Millionen von Kindern weltweit kämpfen mit kleinen Gelegenheitsjobs auf der Straße tagtäglich um ihr Überleben, schuften als billige Kinderarbeiter in Haushalten, in Minen oder in landwirtschaftlichen Betrieben. Sie erleben Gewalt und Ausbeutung. Eine Schule zu besuchen oder gar eine Berufsausbildung zu absolvieren ist ihnen meist verwehrt und ihre Chancen auf ein späteres Leben in Würde sind damit gering.

Solche Schicksale zum Positiven zu verändern, genau dafür engagiert sich seit nunmehr 25 Jahren die in Österreich ansässige Hilfsorganisation „Jugend Eine Welt – Don Bosco Entwicklungszusammenarbeit“.

Bildung überwindet Armut
Nachdem er sich fünf Jahre lang als Mitarbeiter des Österreichischen Entwicklungsdienstes im südamerikanischen Ecuador in einem Zentrum der Salesianer Don Boscos um Straßenkinder gekümmert hatte, gründete der Tiroler Reinhard Heiserer (siehe Foto) gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter im Juni 1997 in Wien den Verein Jugend Eine Welt. Mit dem Ziel, sich weltweit für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einzusetzen, sie aus Risikosituationen zu befreien, ihnen etwa ein neues Zuhause und die Chance auf schulische Bildung und berufliche Ausbildung zu geben.

25 Jahre später ist Jugend Eine Welt zu einer der wichtigsten Hilfsorganisationen im Bereich der nachhaltigen und langfristigen Entwicklungszusammenarbeit in Österreich geworden. Unter dem Leitsatz „Bildung überwindet Armut“ haben in dieser Zeit viele engagierte Menschen dazu beigetragen, die Lebenssituation junger Menschen und deren Familien insbesondere in Ländern des Globalen Südens zu verbessern. Über 3.000 unterschiedliche Projekte und Programme in zahlreichen Ländern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas, dem Nahen Osten und Osteuropa wurden in diesem Vierteljahrhundert umgesetzt, unterstützt, mitgetragen oder weiterentwickelt. Wie Schulen, Universitäten, Berufsausbildungseinrichtungen, Sozialzentren, Heime für Straßenkinder, Förderprogramme für Mädchen und Frauen sowie Programme zur nachhaltigen Armutsbekämpfung und Umweltinitiativen. Jugend Eine Welt arbeitet bei all diesen Projekten nach dem Assistenzprinzip – mit verlässlichen und bewährten Projektpartnern vor Ort, zumeist aus dem weltumspannenden Don Bosco-Netzwerk.

Zudem erreichen Jugend Eine Welt nach Naturkatastrophen, bei Hungersnöten und kriegerischen Konflikten immer wieder Hilferufe aus aller Welt. So wurde in den vergangenen Dekaden Humanitäre Nothilfe etwa bei den großen Erdbebenkatastrophen in Pakistan, Haiti, Nepal, Ecuador, bei Hungerkrisen im Südsudan und Äthiopien, während der Corona-Pandemie oder jetzt aktuell in der Ukraine geleistet.

Freiwilligeneinsätze und alternative Finanzierungsmodelle
Eine weitere wichtige Säule der Arbeit von Jugend Eine Welt sind die Volontariats- und Freiwilligeneinsätze für junge Erwachsene sowie Erwachsene mit Berufserfahrung in einem der weltweiten Bildungs- und Sozialprojekte. An die 800 Volontäre waren in den vergangenen 25 Jahren bereits im Einsatz.

Auch im Finanzsektor, konkret bei der Suche nach alternativen Finanzierungsmodellen, hat Jugend Eine Welt wiederholt neue und innovative Wege beschritten. Ob mit zinsenlosen Darlehen, Krediten oder Social Impact Investments – Privatpersonen wie Firmen und Institutionen werden verschiedene Varianten geboten, Geld auf sinnvolle Weise nachhaltig zu investieren. So wurde etwa mit der Don Bosco Bildungsanleihe in der nun schon dritten Auflage eine sozial nachhaltige Anleihe erfolgreich am Kapitalmarkt platziert. Mit dem Erlös daraus wurde der Ausbau der Salesianer-Universität in Ecuador ermöglicht.

Ein Leben in Würde für alle Menschen
„Die Arbeit wird uns leider auch in Zukunft nicht so schnell ausgehen“, sagt Gründer und Geschäftsführer Reinhard Heiserer. Aber um Kindern und Jugendlichen zu helfen, sucht Jugend Eine Welt im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit ständig neue Ideen, neue Förderer und neue Wege der Finanzierung. „Eine gerechtere Welt, in der alle Menschen in Würde leben, ist möglich“, ist Reinhard Heiserer auch nach 25 Jahren Einsatz überzeugt.

Foto: Jugend Eine Welt

 

 

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Growth-Aktien: Langer Atem zahlt sich aus

Ein Kommentar von Arnaud Cosserat, CEO von Comgest.

(14.06.) Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sorgte zuletzt für deutliche Preissteigerungen bei Rohstoffen und im Energie-Bereich, was die ohnehin schon hohe Inflation weiter anheizte. Besonders Growth-Aktien sind von der Erwartung steigender Zinsen und der damit einhergehenden Gefahr einer Rezession betroffen, wobei Unternehmen und Anleger gleichermaßen vor Herausforderungen gestellt sind. Arnaud Cosserat, CEO der internationalen Fondsboutique Comgest, gibt eine Einschätzung zur aktuellen Situation:

Im Euroraum hat sich die Inflation im Mai auf einem Rekordhoch von 8,1 Prozent eingependelt. Dies ist der höchste Wert seit November 1984 – in den USA sowie vielen Schwellenländern liegt sie sogar noch höher. Die Kombination aus hoher Inflation und nachlassendem Verbrauchervertrauen führte in den letzten Wochen bei vielen Investoren dazu, dass sie sich eilig von hoch bewerteten Wachstumsaktien trennten. Deutlich sichtbar wird das unter anderem am MSCI Growth Index, der seit Jahresbeginn seinem Value-Pendant mit großem Abstand hinterherhinkt. Diese Entwicklungen gehen auch an unseren Hauptstrategien – Europa, Global, Japan, Schwellenländer, USA – nicht spurlos vorbei. So war die schwächere Performance im ersten Quartal größtenteils auf die geringe Präferenz für Growth-Aktien und starke Kursgewinne in den Segmenten Rohstoffe, Zykliker und Energie zurückzuführen, Sektoren, in denen wir aufgrund mangelnder Vorhersehbarkeit kaum investiert sind.

Gewinnwachstum als langfristiger Treiber
Die Historie hat immer wieder gezeigt, dass die Angst vor steigenden Zinsen Abschläge bei Growth-Titeln mit sich brachte. Anschließend folgte aber eine Erholung bei jenen Qualitätsunternehmen, die in der Lage sind, überdurchschnittliches Wachstum des Gewinns je Aktie über einen längeren Zeitraum zu generieren. Generell haben Märkte die Tendenz, Unternehmen mit starkem, nachhaltigem Wettbewerbsvorteil und anhaltend überdurchschnittlichem Gewinnwachstum nicht angemessen zu bewerten. Nachhaltiges Wachstum des Gewinns je Aktie führt allerdings zu überdurchschnittlichem Renditepotenzial bei unterdurchschnittlichem Risiko. Diese Titel heben sich in ihrer Branche durch konjunkturunabhängige Wachstumsstärke hervor, was nicht viele Unternehmen bieten können.

Strukturelles Risikomanagement
Angesichts der Vielzahl an Unsicherheiten, die die Marktteilnehmer derzeit in ihren Entscheidungen maßgeblich beeinflussen, erweist sich ein sorgfältiges Bottom-up-Research und eine umsichtige Titelauswahl als erfolgsentscheidendes Kriterium. So gewährleistet ein intensives Research und Teamentscheidungsprozesse unter anderem eine umfassende Risikobewertung. Risikomanager widmen sich unabhängig davon insbesondere dem Monitoring der Liquidität von Aktien und Portfolios. ESG-Integration ermöglicht es zudem, ein tiefgreifendes Verständnis der Unternehmen zu erlangen, womit ihre Qualität noch besser einzuschätzen ist. Dies ist mitunter auch ein Grund, wieso unser hauseigenes ESG-Team mittlerweile auf sechs Experten angewachsen ist.

Mit Blick auf die Einzeltitelebene haben beispielsweise ASML, Novo Nordisk und Straumann gute Aussichten auf nachhaltiges Wachstum – das auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Schließlich können sie ökonomische Burggräben vorweisen, die mit hoher Preissetzungsmacht und hohen Bruttomargen einhergehen. Preissetzungsmacht ermöglicht es Unternehmen, steigende Kosten weiterzugeben und weiterhin in ihre Wettbewerbsfähigkeit zu investieren. Sogar Investment-Legende Warren Buffett pflegte einst zu sagen: „Wenn man die Macht hat, die Preise zu erhöhen, ohne Geschäft an die Konkurrenz zu verlieren, hat man ein sehr gutes Unternehmen.“

ASML: Der Wert des Wachstums
Der niederländische Halbleiterspezialist und Marktführer bei Lithografie-Geräten ASML ist eine unserer größten Positionen. Als wir im Jahr 2017 unsere Position in ASML eröffneten, wurde die Aktie mit einem KGV von 32x bewertet. Bezugnehmend auf die Gewinne aus dem Jahr 2020 entspricht unser Einstiegspreis von damals heute einem KGV von 19x. Angesichts unserer Prognosen für 2025, sinkt es sogar auf 7x. Langfristig wird die Nachfrage nach Halbleitern dynamisch wachsen und damit steigt auch die Nachfrage nach Lithografie-Geräten. Diese Geräte sind hochkomplex und die Entwicklung der jüngsten Generation von Geräten dauert mehr als ein Jahrzehnt. ASML investiert stark in Forschung und Entwicklung, sodass neue Innovationen auf den Markt gebracht werden können. Aktuell wird ein neuartiges Gerät entwickelt, das rund 350 Millionen Euro kosten wird – das heißt, das Zweifache der heutigen Geräte. In einem neuen 10-Jahres-Plan erwartet ASML ein zweistelliges Umsatzwachstum, das durch weitere Digitalinvestitionen und technologische Erneuerungen unterstützt wird.

Novo Nordisk: Wachstum durch Innovation
Das dänische Pharmaunternehmen Novo Nordisk verzeichnete im Jahr 2021 einen Umsatzanstieg von 14 Prozent, angeführt von der GLP-1-Produktreihe zur Behandlung von Diabetes und den Verkäufen von Medikamenten gegen Fettleibigkeit. Im Juni 2021 erhielt das Unternehmen in den USA zudem die Zulassung für sein neues Medikament Wegovy, das für die Behandlung von Fettleibigkeit eingesetzt wird und innerhalb von wenigen Wochen öfter verschrieben wurde als sein Vorgänger in fünf Jahren. Mit über 100 Millionen Erwachsenen, die allein in den USA an klinischer Adipositas leiden, ist die Nachfrage hier enorm.

Straumann: Strategische Akquisitionen
Das Schweizer Unternehmen konnte sich in den letzten Jahren auf dem Markt als spezialisierter Anbieter für hochwertige Premium-Zahnimplantate positionieren. Diese Nische weitete Straumann durch gezielte Akquisitionen aus – etwa durch den Zukauf eines brasilianischen Unternehmens, das auf Discount-Implantate spezialisiert ist. Ebenso dürfte die Übernahme von ClearCorrect, Hersteller von Aligners bzw. transparenten Zahnspangen, einer der wichtigsten Wachstumstreiber in den nächsten Jahren sein. Die Umsätze im ersten Quartal 2022 stiegen über alle Regionen hinweg um 27 Prozent und lagen damit 15 Prozent über den Erwartungen.

Die Märkte sind aktuell mit einer erhöhten Volatilität konfrontiert und Anleger befassen sich teilweise mit kurzfristigen Ereignissen und Erwartungen. Stilrotationen wie jene zugunsten von Value-Aktien sind Ausdruck dieser Spekulationen. Wir sind allerdings nach wie vor davon überzeugt, dass sich die Kurse langfristig hauptsächlich wieder an der Gewinnentwicklung der Unternehmen orientieren sollten.

Stand der Daten: 31. Mai 2022

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Kosten „grüne“ Investments Performance?

Bezahlen nachhaltig orientierte Anleger ihr „grünes“ Investment mit weniger Rendite?

Andreas Dolezal. „Grün“ zu investieren liegt seit Jahren im Trend. Die Mittelzuflüsse in nachhaltige Finanzprodukte zeigen, dass beim Geldanlegen das grüne Gewissen immer wichtiger wird. Studien sollen belegen, dass mit ESG-orientierten Investments sogar mehr Rendite erzielt wurde als mit nicht-nachhaltigen. Auch die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA kommt (am 5. April 2022) zum Schluss: „ESG-Fonds brachten Anlegern im Jahr 2020 bessere Renditen.“

Anleger kennen den obligaten Warnhinweis auf Finanzprodukten: „Wertentwicklungen der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen zu.“ Das gilt auch für Studien zur historischen Performance. Der Krieg in der Ukraine, hohe Inflationsraten, steigende Energiekosten, Chinas No-Covid-Strategie und Lieferkettenprobleme rund um den Erdball verändern die Situation an den Kapitalmärkten massiv – und machen solche Studien zur Makulatur.

Verluste des Tech-Sektors
Während nachhaltig orientierte Anleger, die beispielsweise in bahnbrechende Technologien und damit in den transitorischen Wandel investiert haben, derzeit Verluste erleiden, erzielen jene, die auf fossile Energiequellen wie Erdöl und Gas gesetzt haben, Gewinne. Einem zweistelligen Minus steht ein zweistelliges Plus gegenüber (MSCI Disruptive Technology Index vs. MSCI World Energy Index, 3M & 1Y).

Oftmals übersehen Anleger die Tatsache, dass klimafreundliche Aktienfonds und ETFs verstärkt im Wachstums- und Tech-Sektor investiert sind. Unternehmen wie Apple, Visa, Microsoft, Amazon und Alphabet sind unter nachhaltigen Gesichtspunkten besonders gefragt, weil sie im Vergleich zur „schmutzigen“ Old Economy weniger schädliche Treibhausgase emittieren. Mit ihrem geringeren CO2-Fußabdruck punkten sie beim Klimathema. Als Growth-Titel liefern sie in guten Marktphasen das größere Plus (daher auch Gewinner der Studien), verlieren aber in Korrekturphasen mehr. Wie gewonnen, so zerronnen.

Ob und wie schnell sich dieser Umstand ändert, wenn sich die Finanzmärkte wieder beruhigen und im Hinblick auf das Erreichen der engagierten EU-Klima- und Umweltziele weitere Billionen Euro in nachhaltige Investitionen fließen, wird die Zukunft zeigen. Momentan läuft „schmutzig“ besser als „grün“.

Kritischer Mindestanteil
Einen weiteren Tiefschlag versetzen „grünen“ Veranlagungen die strengen EU-Kriterien für nachhaltige Finanzprodukte. Finanzprodukte, die sich gemäß den EU-Kriterien als (ökologisch) nachhaltig bezeichnen dürfen, beinhalten einen Mindestanteil an nachhaltigen Investitionen. Dieser Mindestanteil muss – unabhängig von der Marktsituation – immer investiert sein. Cash-Bestände oder Absichern mittels Hedging gelten gemäß den EU-Kriterien nämlich nicht als nachhaltige Investments.

Der Handlungsspielraum von Assetmanagern, der gerade in schwierigen Marktphasen unverzichtbar ist, wird durch die EU-Regularien spürbar beschnitten, weil festgelegte Mindestanteile niemals unterschritten werden dürfen. Das Begrenzen von Verlusten durch Umschichten in Cash ist in EU-konformen nachhaltigen Finanzprodukten nur eingeschränkt möglich. Auch das kann zu Verlusten führen.

„Grün“ investiert zu sein, kann in der aktuellen Marktsituation sowie im Vergleich zu traditionellen Geldanlagen durchaus erheblich an Performance kosten. Gleichzeitig kann sich durch den beschnittenen Handlungsspielraum von Assetmanagern das Anlage- bzw. Verlustrisiko weiter erhöhen. Ob dieser Preis das beruhigte „grüne“ Gewissen aufwiegt, muss jeder nachhaltig orientierte Anleger für sich selbst entscheiden.

Foto: AdoeStock / fotopoly

 

 

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Ab Herbst 2023: Goldbarren made in Austria

Edelmetallhändler Philoro investiert 60 Mio Euro und errichtet „Goldwerk“ vor den Toren Wiens.

Red./ks. Als Händler von Gold und anderen Edelmetallen hat sich das österreichische Unternehmen Philoro im gesamten deutschsprachigen Raum etabliert. 15 Filialen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein sowie ein Onlineshop stehen den Kunden mittlerweile zur Verfügung. Im vergangenen Jahr konnte Philoro erstmals knapp 2 Mrd Euro Umsatz erwirtschaften.

Jetzt wurde ein ganz neues spannendes Kapitel eröffnet: Bereits im Oktober 2020 hat das Unternehmen ein 35.000 Quadratmeter großes Areal im Businesspark Korneuburg erworben, jetzt wurden die Pläne für die Errichtung des „Philoro Goldwerk“ präsentiert. Der Name steht für eine Scheideanstalt modernsten Zuschnitts, wie Geschäftsführer Rudolf Brenner vergangene Woche im Palais Niederösterreich in der Wiener Herrengasse ausführte: „Das ist nicht nur für uns, sondern für den gesamten heimischen Goldmarkt ein wichtiger Schritt. Wir bauen mit modernsten Materialien, setzen ein ganzes Bündel an Maßnahmen zur Nachhaltigkeit um und werden allein für die erste Ausbaustufe 60 Mio Euro investieren.“

Eckpunkte
Die Produktionskapazität soll nach Fertigstellung bis zu 120 Tonnen im Jahr betragen. Das entspricht etwa 2,5 % der gesamten Weltproduktion. Für das erste Jahr 2024 sind 60 bis 70 Tonnen geplant. Ziel sei es weiters, in Zukunft 100 % der Produktion aus recyceltem Gold zu fertigen. Sehr wichtig dafür ist laut Philoro auch die Erreichung höchster Qualitätsstandards. Hier ist die Zertifizierung durch die „London Bullion Market Association“ (LBMA) das Maß der Dinge. Philoro verkauft bereits heute ausschließlich Produkte, die diesem Top Level entsprechen, und will auch die eigene Scheideanstalt zertifizieren lassen.

100 neue Arbeitsplätze in „Fort Knox“
Geschäftsführer René Brückler, der für das Projekt die Hauptverantwortung trägt, verweist auch auf einen wichtigen wirtschaftlichen Aspekt: „Wir werden damit letztlich einen wichtigen Teil der Wertschöpfungskette nach Österreich holen und können mit der Inbetriebnahme auch Goldbarren ‚made in Austria‘ herstellen, mit unserer eigenen Prägung, aber natürlich auch gerne für andere Unternehmen.“

Und: „Es wird ein beeindruckendes Gebäude mit modernsten Anlagen und Materialien und großflächiger Photovoltaik. Das Goldwerk selbst wird 100 neue Arbeitsplätze schaffen, wir werden zudem aber auch unsere Zentrale und das Logistikteam hier ansiedeln und damit insgesamt 300 Mitarbeiter am Standort Korneuburg beschäftigen“, so Brückler.

Glücklich über diese Riesen-Investition und die vielen neuen Arbeitsplätze zeigt sich natürlich auch Niederösterreichs Wirtschaftslandesrat Jochen Danninger: „Das Gold, das in der neuen Scheideanstalt gewonnen wird, wird einerseits zu Goldbarren, Münzen oder auch Halbfertigerzeugnissen für Juweliere verarbeitet, aber es entstehen in Zukunft auch Komponenten für die Industrie, und angesichts der fragilen internationalen Lieferketten ist jede Produktion, die wir bei uns in Niederösterreich haben, von großer Bedeutung und ein enormer Gewinn.“

Korneuburgs Bürgermeister Christian Gepp ist hoch erfreut über die Neuansiedlung in seiner Gemeinde: „Wir sind stolz, ein Unternehmen wie Philoro bei uns willkommen heißen zu dürfen. Und natürlich ist es auch spannend zu wissen, welch komplexe Prozesse hier ablaufen und dass wir künftig ein kleines ‚Fort Knox‘ in Form des Hochsicherheitslagers bekommen werden.“

Die Umsetzung des Projektes wird die Position des Unternehmens jedenfalls deutlich stärken, und damit auch die Attraktivität als Partner, zeigt sich Rudolf Brenner optimistisch: „Wir sind innerhalb der Branche ohnehin in stetigem Austausch, das Goldwerk ist derzeit zweifellos ein Highlight und zahlreiche Interessenten haben schon einmal vorgefühlt, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte.“

Foto: Philoro

 

 

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Mikrofinanz zeigt sich krisenresistent

Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit blickt auf ein respektables Ergebnis zurück.

Lea Schweinegger. Trotz der Pandemie bleibt die Nachfrage für faire Kleinstkredite und Finanzierungen von landwirtschaftlichen Genossenschaften im globalen Süden stabil. Wie es scheint, sind die so-genannten „Dorfökonomien“ resilienter gegen Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten als die Indizes der großen Börsenplätze. Oikocredit ist einer der weltweit größten „Social-Impact“-Investoren mit einem Schwerpunkt auf nachhaltige soziale Entwicklung mittels Mikrokrediten. Mehr als 55.000 Investoren stellen dafür mehr als 1 Mrd Euro zur Verfügung.

Sie erhalten neben einer „Sozial-Rendite“ (Gutes tun, Anm.) auch eine Finanz-Rendite, die sich in den 45 Vor-Pandemie-Jahren in einer Dividende von zumeist 2 % zeigte. Derzeit beträgt die Dividende 0,5 %.

Ein Gutteil der Arbeit der im Jahr 1975 gegründeten Genossenschaft wird vom ehrenamtlichen Engagement getragen. Im Börsen-Kurier nimmt der Vorsitzende des österreichischen Förderkreises Oikocredit sowie Gründer von Mindful Finance, Friedhelm Boschert (Foto), zu aktuellen Fragen Stellung.

Börsen-Kurier: Pandemie, Krieg, Klimawandel – wir leben in bedrückenden Zeiten. Wie hat diese Gemengelage die Situation der Partner, die Kreditnehmer in aller Welt, verändert? Friedhelm Boschert: Schon vor zwei Jahren hatten sich die weltweiten Lockdowns auch in einem temporären Stillstand der Kleinstunternehmer-Aktivitäten niedergeschlagen. Die Bauern schafften es häufig nicht mehr, die Produkte auf die Märkte zu bringen. Doch die Flexibilität in den Ländern des globalen Südens führte zu einer deutlich schnelleren Anpassung an die geänderte Situation. Heute sieht man mit Sorge auf die hohen Nahrungsmittelpreise, die in erster Linie die Ärmsten der Armen besonders treffen. Hier kann der Staat nur begrenzt einspringen und die Partner der Oikocredit sind in besonderem Maße gefordert, Belastungen abzumildern, z. B. durch Stundung von Kreditraten, aber auch dadurch, neue Einkommensquellen durch Anbau von Nahrungsmitteln zu erschließen.

Börsen-Kurier: Wie schwer ist es aktuell, Projekte und Finanzierungen durchzuführen?
Boschert: Nachdem viele Jahre lang die Zielgruppe der Oikocredit, die Armen mit einem Einkommen von weniger als 2 USD pro Tag, erfreulicherweise geschrumpft ist, beobachten wir seit einiger Zeit, beschleunigt durch die Pandemie, wieder ein deutliches Ansteigen der Armut im globalen Süden. Der Bedarf für Projekte und Finanzierungen ist also nach wie vor sehr hoch und steigt. Allerdings muss die Oikocredit als Verantwortlicher Investor auch die Risikoseite im Auge haben. Und hier sind die Risiken – allen voran die Risiken aus dem Klimawandel – weltweit klar gestiegen, sodass eine besondere Sorgfalt bei der Auswahl der Projekte und Partner gefordert ist.

Börsen-Kurier: Wo liegen die geographischen Schwerpunkte? Und können Sie sich vorstellen, auch in einer Nachkriegs-Ukraine verstärkt aktiv zu sein?
Boschert: Die geographischen Schwerpunkte liegen nach wie vor in Südamerika (46 % aller Finanzierungen, gefolgt von Asien (32 % aller Finanzierungen) und Afrika (19 %). Aus Zentral- und Osteuropa hat sich die Oikocredit schon vor Jahren zurückgezogen, um sich besser auf die Armutsbekämpfung im globalen Süden konzentrieren zu können. Im Sinne einer Arbeitsteilung werden andere Partner wie die Weltbank oder Entwicklungshilfe-Agenturen den Wiederaufbau in der Ukraine begleiten.

Börsen-Kurier: Auf der anderen Seite stehen die Anleger. Welches Feedback gibt es von dieser Seite? Bei einem Investment in Oikocredit steht der reine Blick auf die Rendite ja nicht im Vordergrund.
Boschert: Doch, der Blick auf die Rendite bleibt zunächst mal der Gleiche. Jedoch verstehen wir und unsere Anleger die Rendite als aus zwei Teilen bestehend. Die Finanzrendite, die sich in der Dividende niederschlägt. Die betrug die längste Zeit der Oikocredit-Aktivitäten 2 %, wird jedoch aufgrund der Risikovorsorge derzeit bei 0,5 % gehalten. Auf der anderen Seite steht die Sozial-Rendite, die nicht in einer einzigen Zahl beziffert werden kann. Dafür veröffentlicht die Oikocredit jährlich ihren „Wirkungs-Report“, in dem die Wirkungen ihrer Finanzierungen und Projekte sehr genau erfasst und beschrieben werden. Damit für den Investor klar ist, wie sein Geld wirkt.

Börsen-Kurier: Sie haben auch die Organisation Mindful Finance gegründet, inwieweit dämpfen die äußeren Umstände wie Krieg, Inflation usw. die Ambition der Menschen, in Sachen Geldanlagen Nachhaltigkeit walten zu lassen? Oder anders gefragt: Tendieren Menschen in unsicheren Zeiten nicht eher dazu, in Finanzangelegenheiten zurückhaltend zu reagieren bzw. Altbewährtes (Gold oder Immobilien) und Sicherheit Versprechendes vorzuziehen?
Boschert: Mindful Finance bedeuted zunächst, bei Finanzentscheidungen „achtsam“ zu sein. Das ist überhaupt nicht das Gleiche wie „vorsichtig“. Sondern soll heißen, dass wir immer stärker nach der letztendlichen Wirkung unserer Geldentscheidungen fragen müssen: Was bewirkt meine Geldentscheidung letzten Endes? Kinderarbeit oder Bildung? Waldvernichtung oder Klimaschutz? Wir müssen lernen, von der Wirkung her zu denken. Und alle Studien zeigen, dass wirklich nachhaltige Investments auch in finanzieller Hinsicht die bessere Rendite haben. Eben weil die Unternehmen und Projekte besser gemanagt werden und zumeist in Zukunftsbereichen investiert wird.

Börsen-Kurier: Und abschließend: Was haben Oikocredit-Investoren angesichts der hohen Inflation einerseits und wieder steigender Zinsen andererseits in der näheren Zukunft zu erwarten?
Boschert: Die Rahmenbedingungen an den Finanzmärkten verändern sich gerade fundamental. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist das durchaus zu begrüßen, wenn durch die Zinssteigerungen etwa der Immobilien-Wahnsinn und die damit verbundene Naturzerstörung ihr Ende finden. Auf der anderen Seite forciert die Politik mit Nachdruck, dass Finanzmittel in nachhaltige Projekte fließen sollen. „Sustainable Finance“ ist der Oberbegriff dafür und das, was wir in der Oikocredit leisten, fällt bereits seit Langem in diese Kategorie: Geld für die nachhaltige Entwicklung von Menschen und Planeten einzusetzen.

Foto: Katharina Schiffl

 

 

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Zwischen Wettbewerbsnachteil und großer Chance

ESG-Vorreiterrolle Europas wird innerhalb der Industrie sehr kontrovers diskutiert.

Christian Sec. Die Vorreiterrolle Europas im Bereich der Nachhaltigkeit erreicht mit dem geplanten EU-Lieferkettengesetz einen neuen Höhepunkt. Der Entwurf verpflichtet EU-Firmen dazu, ihre Zulieferer entlang der gesamten globalen Lieferketten zu überprüfen, inklusive aller direkter und indirekter Geschäftsbeziehungen. Die offensive ESG-Strategie Europas stößt dabei nicht nur auf Zustimmung, wie ein Interview von Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, mit der APA zeigt. Laut Knill riskiere Europa mit seiner Vorreiterrolle einen groben Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Ländern. Gleichzeitig könnten die Klimaziele nicht erreicht werden, wenn die anderen großen Player der Welt noch nicht so weit seien. Entspannter sehen die Großunternehmen in Österreich das Vorpreschen der EU. So erklärt uns Milena Ioveva, Chief Sustainability Officer, beim Bauunternehmen Porr: „Kritiker an der Vorgangsweise Europas haben Recht, dass wir nur gemeinsam die Kehrtwende schaffen können. Aber auch wenn Europa in puncto ESG-Regulierungen wesentlich schärfere Vorgaben trifft, sehen wir die Chance, Europa als zukunftsfähigen Standort mit Vorbildwirkung zu etablieren.“ Ioveva sieht dabei die Rolle Europas als First-Mover im Bereich ESG am Weltmarkt als Vorteil, weil früher oder später die anderen Länder mitziehen müssen und dieser Wandel für die Unternehmen eine große Herausforderung darstellen wird.

Der Gummi-Konzern Semperit schlägt in dieselbe Kerbe. „Auf Dauer wird es sich wohl kein großes Land leisten können, den Zug zu verpassen“, so Kristian Brok, COO von Semperit, gegenüber dem Börsen-Kurier. Er fügt hinzu: „Das Thema Nachhaltigkeit beschleunigt Innovationen, die an-dernfalls in dieser Geschwindigkeit vielleicht nicht zu erwarten gewesen wären.“ Innovationskraft, die wohl dringend benötigt wird für ein Europa in der Technologieklemme zwischen Asien und USA.

Aufwand erhöht sich
Für die Unternehmen ergibt sich durch das Reporting von Nachhaltigkeit, Taxonomie und künftig auch Due Diligence ein hoher Aufwand, wie der Lichttechnikproduzent Zumtobel nach Anfrage des Börsen-Kurier erklärt, wobei das Unternehmen meint: „Unsere Netzwerkpartner sind der Gesetzgebung mit ihren Fragen und Anliegen mitunter schon voraus.“ Nichtsdestoweniger erwartet das Vorarlberger Unternehmen von der Politik, dass nicht die ganze Verantwortung auf die Unternehmen abgewälzt wird. „Es bedarf einer Schaffung von politischen Rahmenbedingungen, die die Anstrengungen zu ESG-Themen auch beispielsweise durch Kriterien im Rahmen der öffentlichen Beschaffung unterstützen.“

Auch der Kartonhersteller Mayr-Melnhof verstärkt bereits im Vorfeld möglicher verstärkter Due-Diligence-Pflichten die Prüfung der Lieferanten, im Bestreben, diese und deren Produktionsschritte eingehender zu erfassen und zu verstehen. „Die Risikobewertung von Lieferanten wird in den kommenden Geschäftsjahren auf Gruppen-Ebene daher fokussiert, um dieses Ziel umzusetzen. Chancen und Risiken sollen aufgedeckt und angemessen eingeordnet, bearbeitet oder beseitigt werden“, so der Konzern in seinem nichtfinanziellen Jahresbericht.

Foto: Adobe Stock / thodonal

 

 

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„Wetten Sie nicht auf eine weiche Landung!“

Unser Star-Gastautor Nouriel Roubini ist bekannt für seine pessimistische Sicht der Dinge.

Red. 2021 konzentrierte sich die große Debatte über die weltwirtschaftlichen Aussichten darauf, ob die steigende Inflation in den USA und anderen hochentwickelten Volkswirtschaften vorübergehender oder langfristiger Art sei. Wichtige Notenbanken und die meisten Wall-Street-Researcher waren überzeugt, sie wäre vorübergehender Art. Sie führten das Problem auf Basiseffekte und vorübergehende Angebotsengpässe zurück und implizierten damit, dass die hohe Inflation rasch wieder in den Zielkorridor der Notenbanken von 2 % fallen würde.

Derweil argumentierten diejenigen, die meinten, sie wäre langfristiger Art (angeführt von Lawrence H. Summers von der Universität Harvard, Mohamed A. El-Erian vom Queens’ College der Universität Cambridge und weiteren Ökonomen), dass die Inflation hoch bleiben würde, weil die Konjunktur aufgrund einer exzessiven Gesamtnachfrage dabei sei, zu überhitzen. Diese Nachfrage würde von drei Faktoren angetrieben: einer anhaltend lockeren Geldpolitik, übertriebenen Konjunkturimpulsen durch die Fiskalpolitik und einer raschen Anhäufung von Ersparnissen auf Seiten der privaten Haushalte während der Pandemie, die nach der neuerlichen wirtschaftlichen Öffnung zu einem Nachfrageschub führte.

Auch ich gehörte jener zweiten Gruppe an. Aber ich argumentierte, dass zusätzlich zu der überhöhten Gesamtnachfrage mehrere negative Gesamtnachfrageschocks zu der steigenden Inflation – und tatsächlich zu einer Stagflation (verringertem Wachstum bei gleichzeitig erhöhter Inflation) – beitrügen. Die ursprüngliche Reaktion auf Covid-19 hatte zu Lockdowns geführt, die deutliche Verwerfungen in den globalen Lieferketten verursachten und das Angebot an Arbeitskräften verringerten (was in den USA einen sehr angespannten Arbeitsmarkt zur Folge hatte). Dann kamen in diesem Jahr zwei zusätzliche Angebotsschocks dazu: Russlands brutale Invasion in der Ukraine, die die Rohstoffpreise (für Energie, Industriemetalle, Nahrungsmittel und Dünger) in die Höhe trieb, und Chinas „Null-Covid-Reaktion“ auf die Omikron-Variante, die zu einer weiteren Runde von Engpässen in den Lieferketten führte.

Ein „Sieg“, bei dem alle verlieren
Wir wissen jetzt, dass jene zweite Gruppe die Inflationsdebatte des Jahres 2021 „gewonnen“ hat. Angesichts einer steil auf beinahe zweistellige Werte gestiegenen Inflation haben die US Federal Reserve und andere Notenbanken eingestanden, dass das Problem nicht vorübergehender Art ist und man ihm dringend durch Straffung der Geldpolitik begegnen muss.

Dies hat eine weitere große Debatte ausgelöst: ob die Wirtschaftspolitik eine „weiche Landung“ für die Weltwirtschaft herbeiführen kann. Die Fed und andere Notenbanken behaupten, dass es ihnen gelingen wird, ihre Leitzinsen gerade stark genug anzuheben, um die Inflationsrate auf ihren Zielwert von 2 % hinunterzuziehen, ohne dabei eine Rezession zu verursachen. Aber viele andere Ökonomen und ich bezweifeln, dass dieses „Goldlöckchen-Szenario“ – eine Konjunktur, die weder zu stark erhitzt noch zu sehr abkühlt – erreichbar ist. Das erforderliche Maß an geldpolitischer Straffung wird unweigerlich eine harte Landung in Gestalt einer Rezession und höherer Arbeitslosigkeit hervorrufen.

„Ein Wunschdenken“
Weil stagflationäre Schocks sowohl das Wachstum verringern als auch die Inflation in die Höhe treiben, stellen sie die Notenbanken vor ein Dilemma. Wenn ihre höchste Priorität darin besteht, die Inflation zu bekämpfen und eine gefährliche Entankerung der Inflationserwartungen (das heißt eine Lohn-Preis-Spirale) zu verhindern, müssen sie ihre unkonventionelle expansionistische Geldpolitik auslaufen lassen und die Leitzinsen in einem Tempo erhöhen, das vermutlich eine harte Landung nach sich ziehen wird. Doch wenn ihre Spitzenpriorität darin besteht, Wachstum und Beschäftigung aufrechtzuerhalten, müssen sie ihre Politik langsamer normalisieren und das Risiko einer Entankerung der Inflationserwartungen eingehen, und so den Boden für eine über dem Zielwert liegende Inflation bereiten.

Das Szenario einer weichen Landung nimmt sich daher wie Wunschdenken aus. Inzwischen hat sich der Anstieg der Inflation derart verstetigt, dass nur eine starke Straffung der Geldpolitik sie wieder in den Zielkorridor zurückbringen kann. Unter Rückgriff auf frühere Episoden hoher Inflation gehe ich davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit einer harten Landung innerhalb von zwei Jahren bei mehr als 60 % liegt.

Verschuldung könnte Zinserhöhungen bremsen
Doch gibt es noch ein drittes mögliches Szenario. Die Geldpolitiker äußern sich derzeit, was die Inflationsbekämpfung angeht, gern aggressiv, um zu verhindern, dass diese außer Kontrolle gerät. Aber das heißt nicht, dass sie nicht letztlich klein beigeben und einen Anstieg der Inflationsrate über den Zielwert zulassen werden. Da ein Erreichen dieses Zielwerts eine harte Landung erfordern dürfte, könnten sie letztlich die Zinsen erhöhen und dann kalte Füße bekommen, sobald dieses Szenario wahrscheinlicher wird. Zudem könnten Zinserhöhungen, weil derart viele private und öffentliche Schulden im System stecken (global 348 % vom BIP), einen neuerlichen Kurssturz an den Renten-, Aktien- und Kreditmärkten auslösen, was den Notenbanken einen weiteren Grund für einen Rückzieher verschafft.

Vereinfacht gesagt: Die Bemühungen zur Inflationsbekämpfung könnten ohne Weiteres zu einem Absturz der Konjunktur, der Märkte oder beider führen. Schon jetzt hat die bescheidene Straffung der Geldpolitik durch die Notenbanken die Finanzmärkte erschüttert, wichtige Aktienindizes nähern sich Bärenterritorium (einem Rückgang von 20 % gegenüber den jün-gsten Höchstständen), und die Anleiherenditen und die Risikoaufschläge für Kredite steigen. Doch wenn die Notenbanken jetzt einen Rückzieher machen, wird das Ergebnis den stagflationären 1970er- Jahren ähneln, als eine Rezession mit hoher Inflation und einer Entankerung der Inflationserwartungen einherging.

Rezession wird immer wahrscheinlicher
Welches Szenario ist am wahrscheinlichsten? Das hängt völlig von einer Kombination unsicherer Faktoren ab, darunter der Hartnäckigkeit der Lohn-Preis-Spirale, dem Grad, zu dem die Leitzinsen zur Zügelung der Inflation (durch Schaffung eines Überangebots auf den Waren- und Arbeitsmärkten) steigen müssen, und der Bereitschaft der Notenbanken, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen, um ihre Inflationsziele zu erreichen. Darüber hinaus bleibt abzuwarten, welchen Verlauf der Krieg in der Ukraine nehmen und was für Auswirkungen er auf die Rohstoffpreise haben wird. Gleiches gilt für Chinas Null-Covid-Politik mit ihren Auswirkungen auf die Lieferketten und für die aktuelle Korrektur an den Finanzmärkten.

Die Geschichte zeigt, dass eine weiche Landung höchst unwahrscheinlich ist. Damit bleiben die Möglichkeiten einer harten Landung mit einer Rückkehr zu niedrigerer Inflation oder ein Stagflationsszenario. So oder so ist eine Rezession in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich.

Aus dem Englischen von Jan Doolan, © Project Syndicate 1995 bis 2022

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Automobilindustrie: Rekordgewinne trotz rückläufigem Pkw-Absatz

Automotive Bilanzen Q1-2022 – eine Analyse von EY.

(26.05.) Die Autokonzerne trotzen der Chipkrise, Lieferketten-Unterbrechungen und dem Krieg in der Ukraine und weisen von Quartal zu Quartal höhere Gewinne aus: So haben die 16 größten Autokonzerne der Welt im ersten Quartal einen operativen Gewinn von insgesamt 34,1 Milliarden Euro eingefahren – 19 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste je in einem ersten Quartal erwirtschaftete Gewinn.

Trotz eines kräftigen Absatzrückgangs um elf Prozent kletterte der Umsatz um sieben Prozent. Die stärksten Absatzeinbußen verzeichneten die Unternehmen in China, wo die Verkäufe um 17 Prozent einbrachen. In den USA ging es um 16 Prozent nach unten, in Westeuropa um zwölf Prozent. Spitzenreiter beim Umsatz war Volkswagen mit einem Umsatz von 62,7 Milliarden Euro, dicht gefolgt von Toyota mit 62,2 Milliarden Euro.

Die höchsten Gewinne verzeichneten Volkswagen (8,3 Milliarden Euro), Mercedes-Benz (5,2 Milliarden Euro) und Toyota (3,6 Milliarden Euro). Bei den Gewinnmargen hatte hingegen erneut Tesla die Nase vorn: Der kalifornische Elektroautobauer erzielte eine Marge von 19,2 Prozent und lag damit vor Mercedes-Benz (15,0 %), Volkswagen (13,3 %) und BMW (10,9 %).

Das sind Ergebnisse einer Analyse der Finanzkennzahlen der 16 größten Autokonzerne der Welt, die die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY quartalsweise erstellt.

„Die hervorragenden Zahlen im ersten Quartal sollten nicht von der extrem angespannten Lage in der Autoindustrie ablenken“, erklärt Axel Preiss, Leiter Advanced Manufacturing & Mobility bei EY. „Tatsächlich sind die Lieferketten zurzeit eine große Bedrohung für die Branche. Die gute Umsatz- und Gewinnentwicklung ist vor allem auf die hohe Nachfrage zurückzuführen, wegen der die Hersteller zurzeit kaum noch Preisnachlässe gewähren müssen.“ Von dieser Ausnahmesituation profitieren vor allem Anbieter im Premiumsegment, so Preiss: „Hochpreisige Neuwagen verkaufen sich bestens, Premium-Anbieter fahren derzeit Traummargen ein.“

Nicht alle Hersteller verzeichnen allerdings eine gestiegene Profitabilität: So schrumpfte die Marge von Toyota im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 9,0 auf 5,7 Prozent, Ford verzeichnete einen Rückgang von 8,5 auf 5,2 Prozent. Etliche Konzerne kämpfen nach wie vor mit einer niedrigen Marge: Die Hälfte der untersuchten Unternehmen meldet für das erste Quartal eine Marge von unter sechs Prozent. Preiss dazu: „Insgesamt haben die Autokonzerne im ersten Quartal mehr Gewinn gemacht als je zuvor. Die Hälfte des Gesamtgewinns geht aber auf die Top-3-Verdiener zurück – es gibt einige Hersteller, an denen der Gewinn-Boom vollständig vorbei ging.“

China bereitet zunehmend Sorgen
Die große Unbekannte ist derzeit die weitere Entwicklung auf dem wichtigen chinesischen Markt, der im ersten Quartal immerhin für 39 Prozent des Absatzes der deutschen Autokonzerne stand. Preiss betrachtet die Entwicklung dort mit Sorge: „Die strengen Lockdown-Maßnahmen in China setzen den Neuwagenabsatz massiv unter Druck. Zurzeit sind auch keine Lockerungen in Sicht, deswegen drohen am chinesischen Markt auch in den kommenden Monaten weitere Absatzrückgänge. Problematisch auch für europäische Betriebe ist die eingeschränkte Produktion vor Ort – die hat nämlich auch Folgen.“ Die Einschränkungen in China dürften daher weltweit zu spüren sein, schätzt Preiss die Situation ein.

Ausblick: Hoffen auf mehr Halbleiter
Die Hoffnungen der Hersteller ruhen derzeit vor allem auf einer besseren Versorgung mit Halbleitern. „Sobald sich die Situation bei den Chips verbessert, werden auch die Pkw-Absätze wieder steigen. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt“, sagt Preiss. Allerdings werden sich laut Ansicht von Preiss auch die massiv gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten auf die Bilanzen der Konzerne auswirken. Ein weiteres Gewinnwachstum sei daher unwahrscheinlich – auch angesichts der schwierigen Lage in China.

Am Fokus auf Premiumfahrzeuge dürfte sich vorerst wenig ändern, erwartet Preiss, wobei sich die Ressourcenallokation weiter von Verbrennern auf elektrifizierte Fahrzeuge verlagert: „Elektroautos werden zunehmend profitabel und gerade in gehobenen Preisklassen kommen viele neue, attraktive Elektroautos auf den Markt. Die Nachfrage und Preisbereitschaft sind hoch.“ Das Premiumsegment dürfte zudem am wenigsten unter der erwarteten weiteren Konjunkturabschwächung leiden, erwartet Preiss: „Die Konjunkturprognosen sind derzeit alles andere als rosig. Steigt die Inflation, sinkt die Kaufkraft. Auch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung etwa bei der Energieversorgung ist groß. Die Autohersteller sollten sich daher auf stürmische Zeiten vorbereiten.“

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Wohin die Welt steuert

Zweifel, Drama, aber auch Gelassenheit beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Roman Steinbauer. Nach der Zwangspause fand vom 22. bis 26. Mai das Weltwirtschaftsforum (WEF) in gewohnter Form wieder im Kongresszentrum Davos statt. Im Ambiente der imposanten Schweizer Bergwelt gelegen, trafen sich mehr als 2.400 renommierte Ökonomen, Wissenschafter, Politiker sowie Medienvertreter, um über die aktuellen Fragen der Welt zu diskutieren. Die Veranstaltung unter dem Titel „Die Geschichte am Wendepunkt“ wurde durch die Schwerpunkte Wirtschaftserholung nach der Pandemie, Osteuropa-Konflikt sowie Klimaschutz dominiert. Den Finanzmarkt betreffend, filterte der Börsen-Kurier Aussagen diverser Ökonomen und Vorstände global agierender Unternehmen.

Der Vize-CEO von S&P Global, Dan Yergin, umriss die gegenwärtige Entwicklung des Weltgeschehens auf seine Weise: „Wir sind auf dem Weg in eine fragmentierte, nicht globalisierte Welt.“ Anne Richards, CEO bei Fidelity International, erwartet weitere zwei Quartale erhöhter Volatilität und gab zu bedenken: „Erst dann sehen wir letztendlich die weitere Marktrichtung. Das Risiko einer Rezession hat sich aber unterdessen erhöht.“ Optimismus für den chinesischen Markt sah Jakob Stausholm (CEO des Rohstoff-Riesen Rio Tinto) und forderte im Sinne der Rohstoff-Konglomerate: „Die Staaten sollen Geld in die Hand nehmen und die Infrastruktur ausbauen, denn das tut allen gut.“

Die Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds, Gita Gopinath, mahnte die rasche Eindämmung der Inflation durch die US-Notenbank ein. Konträr und warnend dazu der prominente Wirtschaftswissenschafter der Columbia Universität, Joseph Stiglitz: „Die reflexartige Gegensteuerung mit Anhebung der Leitzinsen wird diesmal gegen die Inflation nicht wirken.“ Damit fördere die Fed nur eine Rezession und Finanzkrise. Stiglitz erkennt generell eine Bedrohung für das Weltwirtschaftssystem und die Demokratie. EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die keine Rezession in Europa erwartet, stellte sich Behauptungen entgegen, die EZB laufe der Inflation hinterher und legte klar: „Wir sind in keinem Panik-Modus.“ Von einer Rezession und einem diesbezüglichen Handlungsbedarf werde nicht ausgegangen.

Quer zu denken empfahl Investmentbanker und Ex-CEO bei JPMorgan Chase, Jamie Dimon: „Die Gewitterwolken über der Weltwirtschaft könnten unerwartet rasch abziehen.“ UBS-CEO Ralph Hamers sieht wiederum die Welt nach dem Pandemie- und Kriegs- nun in einen Übergangsschock hineinlaufen. Mit einer gegenläufigen Sicht zur US-Devise ließ Rebecca Patterson, CIO bei Bridgewater Associates, aufhorchen: „Der Dollar ist nun verwundbar, sowohl in der Betrachtung des bisherigen Verlaufs als auch strukturell.“ Nach Bob Prince, Co-CIO dieses Hedgefonds, habe der Einzug einer Stagflation bereits begonnen.

David Livingstone, CEO von Citibank Europa, machte sich um die hohe Abhängigkeit der EU von den Bankbilanzen Sorgen. Zuversicht zeigten der Präsident der US-Börse NYSE, Lynn Martin, der kein Abebben des Zustroms an Börsengängen erkennt, sowie der Marriott-Vorstandsvorsitzende Tony Capuano, der im Hotelsegment „derzeit eine starke Macht zur Preissetzung“ registriert. Morgan Stanleys Chef-Aktienstratege Mike Wilson stellt fest, dass wir uns längst in einem Bärenmarkt befinden. Moderna-Vorstand Stephane Bancel fürchtet wiederum um den Platz in vorderster Reihe: „Es gibt so viele Krisen in der Welt, dass die Gesundheit an Gewicht verlieren wird.“

Foto: Pixabay / marcelkessler

 

 

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Hausgemachte Inflation kostet Kaufkraft

„Zwangssparen statt Bausparen“ könnte das Motto der aktuellen Inflationsperiode lauten.

Michael Kordovsky. Seit dem Ende der Finanzkrise 2008/09 bis ins Jahr 2020 hinein herrschte eine Langzeitperiode niedriger Inflationsraten, während sich die wachsende Geldmenge in Asset-Inflation in Form steigender Immobilienpreise, Aktien- und Anleihen-Kurse niederschlug. Die Consumer-Inflation blieb indessen niedrig, denn es herrschte ein Überangebot, zumal sogenannte „Zombiefirmen“, die eine Periode mit höheren Zinsen nicht überstanden hätten, infolge der niedrigen Anleihen-Renditen und Kreditzinsen gut überleben konnten.

Künstliche Warenverknappung
Erst Verordnungen zur Corona-Bekämpfung führten durch unterbrochene Lieferketten infolge geschlossener Betriebe und Häfen zu Lieferverzögerungen und Knappheiten. Kaum war dies bekannt, setzte am Markt der Mechanismus der Self-Fulfilling-Prophecy ein: Handel und Industrie begannen größere Lagerbestände kritischer Waren und Rohstoffe zu horten und bestimmte Produkte waren schnell ausverkauft – eine Entwicklung, die der Ukraine-Krieg noch verstärkte. Und so schlug plötzlich die expandierende Geldmenge in der Consumer-Inflation durch. Die höchsten Inflationsraten seit den frühen 1980er-Jahren waren die Folge. Die US-Inflationsrate erreichte im März mit 8,5 % den höchsten Stand seit Dezember 1981 und lag im April mit 8,3 % nur knapp darunter. Um 30,3 % be-sonders stark stieg die Energiepreiskomponente. Gebrauchte Autos und Trucks verteuerten sich um 22,7 % und Flugtarife um ein Drittel. Die Stundenlöhne im Privatsektor stiegen indessen nur um 5,5 %, weshalb die Lohn-Preis-Spirale noch nicht in Gang gesetzt wurde.

In Europa gestiegen sind primär die Energiepreise, die im HVPI mit 10,93 % gewichtet sind. Einem Plus von 44,3 % im März steht ein Plus von 37,5 % im April gegenüber. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 9,2 % und Tabak um 7,6 %. Die Kerninflation ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak läge nur bei 3,5 %. Der Inflationsbeitrag von Energie liegt bei 3,7 %-Punkten im Vergleich zu den Dienstleistungen mit 1,38 %-Punkten. Quer durch die EU weisen neun von 26 Mitgliedsstaaten Inflationsraten in zweistelliger Größenordnung auf. Die höchsten Inflationsraten weisen im April folgende Länder auf: Estland (19,1 %), Litauen (16,6 %), Tschechien (13,2 %), Lettland (13,1 %), Bulgarien (12,1 %), Rumänien (11,7 %), Polen (11,4 %), Niederlande (11,2 %) und Slowakei (10,9 %). Am niedrigsten sind die Inflationsraten noch in Malta und Frankreich (je 5,4 %) und Finnland mit 5,8 %.

Konsumrestriktion
Quer durch Europa wird dadurch Kaufkraft beschnitten, denn noch zu Jahresbeginn lagen in 13 EU-Staaten die Mindestlöhne unter 1.000 Euro und nur in sechs über 1.500 Euro, nämlich Frankreich, Deutschland, Belgien, Niederlande, Irland und Luxemburg. Somit ist auch nicht verwunderlich, dass sich das Absatzvolumen im Einzelhandel quer durch die EU von einem Plus von 5,6 % im Feber auf Plus 1,7 % im März reduzierte. Gleichzeitig brach das Absatzvolumen des Versand- und Internet-Einzelhandels im März auf Jahresbasis um 10,5 % ein, und selbst der Konsum von Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren war um 2,1 % rückläufig. Der letzte Zuwachs wurde hier im November 2021 (+0,7 %) verzeichnet. Es sieht also ganz so aus, als würde sich der Konsum auf das Allernotwendigste fokussieren. In den USA hingegen wuchsen im April die Einzelhandelsumsätze noch um 8,2 % (ex Autos sogar um 10,9 %), was auf einen im Vergleich zu Europa robusteren Arbeitsmarkt zurückzuführen ist.

Mit einer stärkeren Konjunkturabschwächung in Europa kann von dort ausgehend eine Preisdämpfung einsetzen. Voraussichtlich wird dies frühestens gegen Jahresende 2022 erkennbar.

Foto: Pixabay / Chronomarchie

 

 

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Zweite Säule: Einigkeit der Sozialpartner wichtig

Minister Martin Kocher über demografische Entwicklung, Arbeitsmarkt und Altersvorsorge.

Marius Perger. Im Sommer 2020 hatte Martin Kocher, damals als Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), in einem „Policy Brief“ auf die geringen Anteile der zweiten und dritten Säule des Pensionssystems in Österreich im Vergleich zu anderen OECD-Staaten hingewiesen.

Als nunmehriger Bundesminister für Arbeit und zukünftig auch für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort zuständig, betonte er bei der „9. Konferenz Betriebliche Altersvorsorge“ in einem Impulsvortrag erneut die zunehmende Bedeutung der Vorsorge.

Die Konferenz, die vom Unternehmensberater und Vorsorgeexperten Thomas Wondrak veranstaltet wurde, fand am 19. Mai in Wien wieder mit physischer Anwesenheit der Teilnehmer statt.

Vorsorgethema auch für Arbeitsmarkt wichtig
Aufgrund der demografischen Entwicklung werde die Aufmerksamkeit für Altersvorsorge in den nächsten Jahren zunehmen, so Kocher: „Wenn nichts passiert“ werde es in zehn Jahren in Österreich 150.000 bis 200.000 Arbeitskräfte weniger geben.

Kocher spricht in diesem Zusammenhang von einem „Paradigmenwechsel am Arbeitsmarkt“, weil der geburtenstärkste Jahrgang 1963 spätestens in fünf bis zehn Jahren in Pension gehen werde.

Die nachfolgenden, „kleineren“ Jahrgänge würden für ihre Absicherung im Alter dann höhere Pensionsbeiträge zahlen müssen und könnten in 40 Jahren weniger Leistungen erwarten. Das bedeute einen „großen Wandel am Arbeitsmarkt, auch was die Vorsorge betrifft“.

Demografie wird große Herausforderung bleiben
Trotz Pandemie und Ukraine-Krieg gebe es in Österreich derzeit einen Arbeitskräftemangel wie seit den 70er-Jahren nicht mehr, die Zahl der offenen Stellen übertreffe die Zahl der Arbeitslosen. Viele Stellen seien nicht besetzbar, auch aufgrund eines „Mismatch“, also fehlender Übereinstimmung.

Auch wenn die aktuellen Ereignisse zu einigen Jahren mit schwächerer wirtschaftlicher Entwicklung führen sollten, werde die Demografie eine große Herausforderung bleiben und es weiterhin schwierig sein, Fachkräfte zu bekommen.

Wichtig sei es deshalb, dass Menschen länger arbeiten; Kocher sieht hier großes Potenzial im Vergleich zu Skandinavien oder den Benelux-Staaten. Vor allem müssten Anreizstrukturen geschaffen werden: Es gebe derzeit nur sehr geringe Anreize, länger als bis 65 zu arbeiten.

Darüber hinaus gebe es auch immer weniger Menschen, die im Alter nicht mehr arbeiten können. Vor allem die technische Entwicklung führe dazu, dass die Menschen immer weniger schwer arbeiten müssen.

Politisch schwierig
Einen „anderen Stellenwert“ werde die betriebliche Altersvorsorge erhalten, wenn die „Baby-Boomer“ aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, erwartet Kocher. Das staatliche Pensionssystem könnte „möglicherweise“ unter Druck geraten, private Vorsorge sei daher wichtig.

Das sei allerdings in Österreich politisch schwieriger zu realisieren als beispielsweise in Dänemark, weil es hierzu-lande keine Einigkeit der Sozialpartner gebe, was die betriebliche Altersvorsorge betrifft: Hier sei „Überzeugungsarbeit nötig“.

Zum wiederholten Male kritisierte Kocher auch die Komplexität der Systeme, die es mittlerweile in ganz Europa gebe. Man müsse darauf schauen, dass es nicht zu viele Hürden gibt, insbesondere bei der Übertragung von einem Land in ein anderes.

Herausforderungen für Mitarbeitervorsorgekassen
Neue, immer flexiblere Modelle des Arbeitens, beispielsweise im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder mit unterschiedlichen Lebensphasen, müssten auch in den Mitarbeitervorsorgekassen abgebildet werden, betont Kocher.

So gebe es derzeit wenige Möglichkeiten, über Jahre hinweg Zeitguthaben zu erhalten, wenn ein Arbeitnehmer nicht beim gleichen Arbeitgeber bleibt. Hier sei eine überbetriebliche Lösung anzustreben.

Man müsse sich Gedanken machen, wie flexibles Arbeiten besser unterstützt werden kann, der Wunsch sei jedenfalls vorhanden. Allerdings müsse auch sichergestellt sein, dass dabei Menschen nicht ausgenutzt werden.

Foto: Florian Schrötter

 

 

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M&G: Der Aktienmarkt bekommt ein anderes Gesicht

Von Richard Halle, Manager des M&G (Lux) European Strategic Value Fund.

(24.05.) Ist die aktuelle Value-Rallye eine Momentaufnahme oder startet jetzt das lange erwartete Comeback? Die ehrliche Antwort: „Wir wissen es nicht“, sagt Richard Halle, Manager des M&G (Lux) European Strategic Value Fund. „Anders als unsere Kollegen aus dem Growth-Bereich ist ein echter Value-Investor immer vorsichtig, wenn es um Fragen zu künftigen Entwicklungen geht.“ Halle sieht mehrere gute Gründe für das Scheitern eines Value-Comebacks in den letzten zehn Jahren – und findet, dass diese inzwischen an Gewicht verloren haben. Das sind die wichtigsten Unterschiede:

1. Umkehr des Wachstumstrends
Die Marktteilnehmer sind lange einem tief verwurzelten und sich selbst verstärkenden Trend zu Wachstums- und Qualitätsaktien gefolgt. Je länger solch ein Trend anhält, desto mehr Energie ist für eine Umkehr erforderlich. Bisherige Anläufe zu einem Value-Comeback waren allerdings nur kurzlebig und nicht sehr umfassend. In den letzten zehn Jahren galt vielmehr eher: Jede Value-Rallye war eine hervorragende Gelegenheit, auf Wachstum zu setzen.

Nun ist die Rotation hin zu Value jedoch sowohl stark als auch andauernd, wachstumsorientierte Investoren mussten erhebliche Verluste hinnehmen – und zwar nicht nur diejenigen, die spät eingestiegen sind, sondern häufig auch jene, die noch vor Beginn der Corona-Pandemie in Growth investierten.

2. Extreme Streuung bei den Bewertungen
Fakt ist: Der Trend hin zu Value folgte auf eine unglaubliche Rallye der Wachstums- und Qualitätstitel nach Ausbruch der Corona-Krise. Aus unserer Sicht war dies eine Phase des „Dampfablassens“ beziehungsweise der Kapitulation, was am Ende langfristiger Trends durchaus üblich ist. In der Folge waren die Bewertungen so breit gestreut wie selten zuvor am Aktienmarkt. Und nun spricht schon die Mathematik dafür, dass sich die Rotation aufgrund der extremen Ausgangslage weiter fortsetzen könnte.

3. Die Welt verändert sich
Aktuell erleben wir das Ende mehrerer starker und langfristiger Trends, die bisher Gegenwind für Value bedeutet haben. Mehr noch, diese Trends werden sich mit ziemlicher Sicherheit umkehren. Zunehmende Globalisierung, immer weiter sinkende Zinsen, Dominanz der Zentralbanken, groß angelegte Kreditschöpfung, unglaubliche Gelddruckerei und Deflation: All dies hat das letzte Jahrzehnt geprägt. Unserer Meinung nach haben diese Faktoren allerdings auch stark zu der extremen Bewertungsstreuung und – wir wagen es auszusprechen – zu Spekulationsexzessen beigetragen. In den nächsten zehn Jahren wird die Welt – und damit auch der Aktienmarkt – wohl ein anderes Gesicht bekommen.

Ein Aspekt wird dabei unserer Meinung nach häufig übersehen: Die meisten Menschen halten Value- und Growth-Titel für zwei unterschiedliche, aber klar voneinander abgegrenzte Gruppen von Aktien. In Wirklichkeit sind sie das jedoch nicht. In Zeiten des Wandels können einstige Value-Titel durchaus zu neuen „Lieblingen“ unter den Wachstumswerten werden – wie zum Beispiel die „langweiligen“ Basiskonsumgüteraktien während des TMT-Booms (Technologie, Medien und Telekommunikation). Genau diese wurden dann Mitte bis Ende der 2010er Jahre gefeiert, als die Anleger „Anleihe-ähnliche“ Titel liebten.

Das gilt ebenso umgekehrt: Auch Wachstumstitel können zu Value-Aktien werden. Ein Beispiel dafür sind die Telekommunikationsaktien vor und nach der TMT-Blase oder Banktitel vor und nach der Finanzkrise. Wir sind überzeugt, dass es auch jetzt zu solchen Fällen kommen wird.

4. Wachstumsinvestitionen weiterhin dominant
Aktuell setzen die Märkte immer noch sehr stark auf Wachstumstitel und sind bei Value-Aktien „short“. Eine Kurzanalyse verschiedener Datenbanken zeigt, dass (noch) fast kein Investmentfonds nennenswerte Gelder in Value-Titel investiert. Und bei Privatanlegern dürfte es ähnlich aussehen. Das Potenzial für Value bei einer Umstellung der Anleger ist somit gegeben.

Eine andere oft gestellte Frage lautet: Ist die Zeit reif, um bei günstigen Wachstumsaktien einzusteigen? Das könnte das Thema eines längeren Beitrags sein. Die kurze Antwort ist jedoch eindeutig: unserer Meinung nicht einmal annähernd.“

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Die Nahrung der Zukunft im Fokus

Die Lebensmittelpreise steigen stark, nachhaltige Lösungen sind dringend gefordert.

Raja Korinek. Mit der anhaltenden Ukraine-Krise rückt der Agrarsektor, etwa über den Weizenmarkt, zunehmend in den Fokus. „Die Ukraine und Russland repräsentieren rund 28 % der globalen Weizenexporte“, betont Jörg Dehning, Fondsmanager des „DJE Agrar & Ernährung“ (ISIN: LU0350835707), gegenüber dem Börsen-Kurier. Nun drohen Exportausfälle. Obendrein hatte Indien, der weltweit zweitgrößte Weizenproduzent, einen Exportstopp auf Weizen verhängt, der zuletzt zumindest ein wenig gelockert wurde. Die Folgen sind deutlich zu sehen: Der Preis erreichte neue Rekordhochs.

Überhaupt haben die Notierungen für Nahrungsmittel in den vergangenen Monaten neue Höchststände erreicht. Allein im April notierte der „Food Price Index“ der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) bei 158,5 Punkten und lag damit nur leicht unter dem Rekordhoch vom März. Der Index misst die Preisentwicklung von fünf Subgruppen, zu denen etwa Zucker und Fleisch zählen.

Die Weltbevölkerung wächst
Freilich, alle solchen kurzfristigen Entwicklungen verschärfen bloß die Folgen längerfristiger Trends, zu denen die wachsende Weltbevölkerung zählt. „Damit steigt der Bedarf an Nahrungsmitteln. Und das stellt die globale Agrarwirtschaft vor Herausforderungen“, konstatiert Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE. Tatsächlich dürfte die Weltbevölkerung laut Vereinten Nationen bis 2050 auf 9,7 Mrd Menschen anschwellen.

Doch das sind nicht die einzigen Herausforderungen. DJE-Kapital-Experte Dehning meint, dass bis 2050 zugleich die verfügbare Ackerfläche pro Kopf schrumpfen würde. 2010 waren es im Schnitt 2.100 Meter. In knapp mehr als einem Vierteljahrhundert könnten es lediglich 1.800 Meter sein.

„Das positive Preisumfeld im Agrarsektor dürfte den Unternehmen aus dem Bereich teils erheblichen Rückenwind verleihen. So wird die Verschiebung der Handelsströme bei Agrargütern vor allem den international tätigen Agrarhändlern ein gewisses Zusatzgeschäft bescheren“, meint Dehning. Generell würden breit aufgestellte Branchenkonzerne von der aktuellen Entwicklung profitieren, so etwa Archer Daniels Midland (US0394831020).

Günstiges Gas für Düngemittel
Im Düngemittelsegment profitiere etwa der nordamerikanische Produzent Nutrien (CA67077M1086) von einer vergleichsweise günstigeren Gasversorgung, fügt der Marktexperte hinzu. Beide Aktien zählen zu den größten Positionen im „DJE – Agrar & Ernährung“, wie auch der mexikanische Getränkehersteller Becle SAB (MX01CU01 0003).

Im „BNP Paribas Smart Food“-Fonds (LU1165137149) zählt hingegen der australische Logistikkonzern Brambles zu den größten Positionen, der unter anderem auf die Wiederverwendung von Paletten setzt. Graphic Packaging (US3886 891015) – der US-Konzern produziert nachhaltige Verpackungen – zählt ebenso dazu wie die deutsche GEA (DE0006602006). Sie verkauft unter anderem Maschinen zur Lebensmittelverarbeitung.

Neue Technologien für Nahrung
Rahul Bhushan
, er ist Mitbegründer von Rize ETF, Emittent des „Rize Sustainable Future of Food ETF“ (IE00BLRPQH31), verweist zudem auf technologische Fortschritte, die zu mehr Effizienz etwa bei der Aussaat und beim Düngen führen. Bhushan hebt in diesem Zusammenhang Deere & Co (US2441991054) hervor: „Bis zum Jahr 2026 will das US-Unternehmen 100 % seiner neuen, kleinen Landmaschinen digital vernetzen, einen vollständig autonomen, batteriebetriebenen Elektrotraktor für die Landwirtschaft herstellen und damit 500 Mio Hektar bewirtschaften.“

Foto: Pixabay / VugarAhmadov

 

 

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Daten: Das neue Öl

Digitale Infrastruktur als Portfolio-Baustein.

Harald Kolerus. Zu Zeiten des großen Goldrauschs sind die Schürfer nicht immer reich geworden, gute Geschäfte machten aber auf jeden Fall die Verkäufer von Schaufeln und anderem notwendigen Equipment. Ähnlich verhält es sich in der Öl-Industrie, wo man als Ausrüster an den hohen Preisen „mitnascht“.

„Daten-Pipelines“
Nun sind „Daten das neue Öl des 21. Jahrhunderts“, wie ein wahres Wort sagt. Je mehr Daten verarbeitet werden, umso mehr gewinnt auch sogenannte „digitale Infrastruktur“ an Bedeutung. Denn gleichgültig, welche Unternehmen oder Technologien sich letztendlich im harten globalen Wettbewerb durchsetzen werden, auf Daten basieren sie alle. Das ist der Grundgedanke des „Open-End Partizipationszertifikat auf den Solactive Digital & Renewable Infrastructure Index“ (ISIN: DE000VV1HD38) von Vontobel.

„Ganz verknappt könnte man sagen: Hier investiert man in die Infrastruktur, die dafür sorgt, dass das Smartphone funktioniert. Aber natürlich steckt noch viel mehr dahinter: Digitalisierung beschränkt sich schon lange nicht mehr auf Internet-Surfen oder E-Mails verschicken. Ganze Logistik-Ketten, Smart-Cities, autonomes Fahren, Cloud Computing etc. sind auf digitale Infrastruktur angewiesen. Sie ist für Daten das, was die Pipelines für Öl sind“, erklärt Heiko Geiger, Zertifikate-Spezialist bei Vontobel, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Enormes Wachstum
Wobei wir uns erst am Anfang einer rasanten Entwicklung befinden: 2022 werden es laut der IDC- „Digital Universe“-Studie voraussichtlich 1,8 Zettabyte sein, die an Daten durch die Welt rauschen (ein Zettabyte entspricht einer Milliarde Terabytes). Diese Zahl soll sich zudem alle zwei Jahre verdoppeln.

Ein weiteres anschauliches Beispiel: Laut einem Bericht der GSMA Intelligence werden bis 2025 rund 80 % der Weltbevölkerung mit ihrem Smartphone am digitalen Leben teilnehmen.

Zu diesem langfristigen und nicht zu stoppenden Trend kommt die aktuelle Situation hinzu. Geiger führt weiter aus: „Die hohe Inflation hat dazu geführt, dass klassische Infrastruktur-Unternehmen bei Investoren sehr gefragt sind, also z. B. Mautstraßen- oder Pipeline-Betreiber. Diese sorgen für stabile Cash-Flows und verfügen über Preissetzungsmacht. Ähnlich verhält es sich bei Unternehmen aus dem Bereich digitaler Infrastruktur, die sich somit als relativ konjunktur-resistent zeigen. Das verspricht einen gewissen Schutz in der aktuellen Gemengelage, die von Krisen und Inflation bestimmt wird.“

Risken beachten
Wobei der Experte ergänzt: „Veranlagt wird zwar in eher konservative Titel aus dem Digitalisierungs-Universum, aber es handelt sich noch immer um ein Technologie-Portfolio, und Technologie-Titel wurden zuletzt an der Börse abgestraft. Der Anleger muss sich also auch des Marktrisikos bewusst sein.“

Strenge Auswahl
Das Indexzertifikat investiert nun in sieben Bereiche: erneuerbare Energien, intelligente Netzbetreiber, Elektro-Ladeinfrastruktur, digitale Infrastrukturausrüstung, Betreiber von Mobilfunkmasten und Rechenzentren sowie digitale Breitbandanwendungen. Im Portfolio landen 20 Aktien führender Unternehmen aus den genannten Sektoren, die anhand von stabilen Finanzkennzahlen ausgesiebt werden. Einige Beispiele sind: National Grid (ISIN: GB00BDR05C01), Red Electrica (ES0173093024) oder Itron (US4657411066). Also Namen, die vielleicht nicht jedem Investor auf den ersten Blick geläufig erscheinen. Selektion und Neugewichtung erfolgen halbjährlich; das Produkt ist seit Anfang Mai an der Börse handelbar.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Die „Befeuerung“ der Energie-Fonds hält an

Das Rückschlagpotential des Segments nimmt aber laufend zu.

Roman Steinbauer. In der Vorwoche erwiesen sich Energie-Aktien erneut als lukrativstes Anlagesegment. Es profitierten vor allem jene Fonds, deren Management es möglich ist, Aktien jener Unternehmen stark zu gewichten, die in der Exploration, Förderung oder dem Handel von Kraftstoffen aller Art involviert sind.

Potenzielle Neu-Einsteiger beschäftigt, wie weit der massive Liquiditätsfluss im Segment noch anhalten kann. Spricht das politische Geschehen auch noch für einen fortlaufenden und ausgedehnten Trend, sind die Prognosen der International Energy Agency (IEA) für den Investor schon kaum mehr hilfreich. So skizzierte die Agentur beim jährlichen „World Energy Outlook“ im Herbst für das Jahr 2030 eine Ölnachfrage, die (je nach Szenario) einen Tagesbedarf zwischen 103 und 72 Mio Fass pro Tag (mb/d) voraussieht. Die Spannweiten, denen stets mehrere Szenarien zugrunde liegen, weiten sich immer weiter aus.

Das stärkste Aufwärts-Momentum liegt bei Energieaktien aber wohl hinter uns. Zudem könnte ein deutlicher als zurzeit vermutet ausfallender globaler Konjunktureinbruch die Nachfrage schwächen – mit Auswirkungen, die aktuell nicht eingepreist sind.

Zyklen und eine hohe Schwankungsbreite
Die Entwicklung der Energie- bzw. Rohstoff-Fonds lässt indes weitere Kategorien verblassen. So legte der „Schroder ISF Global Energy C EUR T“ (ISIN: LU0374901725) seit August um 70 % auf 17,68 Euro zu. Auch der in US-Dollar aufgelegte „BlackRock World Energy Fund A2“ (LU0171301533) drückt das rasante Geschehen in diesem Sektor klar aus. Mit einem Wertpapierbestand von 3,03 Mrd USD (2,88 Mrd Euro) ergab sich für den thesaurierenden, in Luxemburg domizilierten Fonds alleine für die letzten drei Monate eine Wertsteigerung um 20 %. Auf Jahressicht protzen die Anteile mit einem Zugewinn von 53 %.

Dass es aber auch rasant in die Gegenrichtung laufen kann, bekamen Anteilhaber im Zeitfenster von Mai 2017 bis Mai 2020 zu spüren, als Einbußen von bis zu 60 % hinzunehmen waren. Durch die bittere Pille eines einmaligen Ausgabeaufschlages von 5 % (Mindestanlagesumme 5.000 USD) wird deutlich, dass Anlagen in diese Kategorie mit einem langen Horizont zu betrachten sind. Die jährlichen Gebühren (TER-Ratio) betragen 2 %.

Abweichende Ertragsentwicklung „Grüner“ Energiefonds
Andere Auswahlkriterien – differenzierte Erfolgserlebnisse für den Anleger. Diese simple Erkenntnis bestätigt vergleichsweise der Blick auf Energie-Fondsprodukte, die zusätzlich als ESG(Environmental-Social-Governance)-tauglich bzw. als „Grün“ definiert sind. Herangezogen sei der von BlackRock herausgegeben „BGF Sustainable Energy Fund“ (LU0124384867), der aktuell weltweit zu 70 % in Aktien nachhaltig agierender Energieunternehmen investiert ist.

Für das Depot werden Gesellschaften berücksichtigt, die entweder selbst alternative Energien anbieten oder in der Herstellung oder Forschung zu Techniken für die alternative Energiegewinnung aktiv sind. Bei der Auswahl werden die Risiken und Chancen im ESG-Bereich bewertet. Ausgewählt werden Emittenten aus allen relevanten Wirtschaftszweigen – mit Ausschluss des Erdöl-, Gas- und Kohlesektors. Der Ausschluss betrifft sowohl die Exploration als auch die Förderung, darüber hinaus den Sektor für Verbrauchsmaterialien.

Insgesamt sind 90 % der einbezogenen Titel Emittenten zuzuordnen, die über ein ESG-Rating verfügen.

In Luxemburg domiziliert, verwaltet der Fonds derzeit 6,67 Mrd USD (6,37 Mrd Euro). Rückblickend auf zwölf Monate wies er zwar eine negative Rendite von 10 % auf, in Hinsicht dreier Jahre stiegen die Anteile hingegen um ins-gesamt 16 %.

Foto: Pixabay / sakulich

 

 

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Der Krieg in der Ukraine – ein Beschleuniger der Deglobalisierung?

Von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE

(17.05.) Die unmittelbaren Folgen des Kriegs in der Ukraine, vor allem auf humanitärer Ebene, sind offensichtlich. Längerfristige Konsequenzen lassen sich dagegen deutlich schwerer fassen. Dennoch könnten sie sich für die wirtschaftliche und geopolitische Organisation der Welt in den kommenden Jahrzehnten als sehr weitreichend erweisen.

Vor allem dürften sich die Verhältnisse, die sich aus dem Bretton-Woods-Abkommen nach dem Zweiten Weltkrieg ergaben, grundlegend ändern. Dieses Abkommen hatte zur Gründung des IWF geführt und zu dem, was später die Weltbank werden sollte. Die Hauptziele waren internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie ein weltweiter Währungsraum auf Basis des US-Dollars. Das war auch der Tenor einer Rede, die die US-Finanzministerin und ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen jüngst vor dem Atlantic Council hielt, einer auf internationale Beziehungen spezialisierten Denkfabrik.

Ereigniswelle fördert Umkehr der Weltwirtschaft
Tatsächlich hat der Krieg in der Ukraine alles, um zum Sargnagel der Globalisierung zu werden. Vorangegangen war der Handelskrieg zwischen den USA und China sowie die Entschlossenheit Chinas, in Asien einen an den Yuan angelehnten unabhängigen Währungsraum zu schaffen. Beschleunigt wurde diese Tendenz durch die Corona-Krise, die die Abhängigkeit der westlichen Länder von den Produktionsketten der Schwellenländer ans Licht gebracht hat. Damit hat die Pandemie die Notwendigkeit gezeigt, zumindest bestimmte strategisch wichtige Produktionsprozesse zurückzuholen.

Die Invasion der Ukraine durch Russland könnte sich nun als ausschlaggebend für die Umkehr der Weltwirtschaft von der Globalisierung in Richtung Regionalisierung erweisen. Die Herausforderung liegt dabei auf der Hand. Wie der französische Philosoph Raymond Aron einst sagte: Die Geschichte ist tragisch. Genau das wird der Welt gerade wieder bewusst. Angesichts dessen steht der Ausbau des liberalen Handels nicht mehr länger im Fokus. Stattdessen geht es darum, für stabile Handelsbeziehungen zwischen Staaten zu sorgen, die dieselbe politische Vision teilen.

Mithilfe einiger Zahlen zu verschiedenen Rohstoffen – den Schlüsselelementen der geopolitischen Schlacht rund um den Russland-Ukraine-Konflikt – lässt sich die enorme strategische Dimension dieses Paradigmenwechsels veranschaulichen. In China sind beispielsweise fast 60 % der weltweiten Produktion und ein Drittel der Vorkommen von seltenen Erden konzentriert. Während allein auf Australien, Chile und Argentinien 80 % der Lithium-Vorkommen entfallen, verfügt China über knapp 70 % der Kapazitäten für die Raffination von Lithium. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Das Sichern der Versorgung mit und der Verarbeitung von Rohstoffen, aber auch der Produktionsketten für grundlegende Komponenten, die dabei entstehen (angefangen bei Halbleitern), wird zweifellos eine der großen Herausforderungen der Welt von morgen sein.

Ausrichtung des Handels auf „befreundete“ Länder
Mit Blick auf diese Herausforderungen sind beispielsweise die USA gut gewappnet. Sie besitzen große Vorräte an Schieferöl und -gas und verfügen mit den Great Plains zudem über riesige Anbauflächen. Darüber hinaus haben sie Abkommen mit Australien, Kanada und einigen lateinamerikanischen Ländern, die ihnen bevorzugten Zugang zu vielen Erzen bieten. Das erklärt den Willen der USA zum „Friend-Shoring“ – der alleinigen Ausrichtung des Handels auf „befreundete“ Länder.

Für Westeuropa ist die Lage komplizierter. Abgesehen von Kohle, Agrarrohstoffen und in geringerem Maße Uran verfügt es über keine bedeutenden Vorkommen strategischer Ressourcen. Einige dieser Defizite kann es dank seiner engen Beziehungen zu Afrika ausgleichen; allerdings sind diese zunehmend durch chinesische und auch russische Interessen auf dem afrikanischen Kontinent gefährdet. Und sofern es nicht zu einer bedeutenden diplomatischen Wende kommt, kann die Europäische Union Russland wohl kaum noch zu ihren Verbündeten zählen. Wir stehen vor einer neuen Situation, deren Konsequenzen sich bislang nicht in vollem Umfang ermessen lassen, während die Zersplitterung der Welt zum Paradigma der kommenden Jahrzehnte zu werden scheint.

 

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Rosinenpicken in Europa

Dem Wirtschaftsabschwung mit selektiver Aktienauswahl begegnen.

Raja Korinek. An den globalen Aktienmärkten kommen der Inflationsanstieg sowie die allmähliche Zinswende nicht gut an. Hinzu belastet der Ukraine-Krieg insbesondere Europa, betont Zehrid Osmani, Senior Portfolio Manager des „European Unconstrained Fund“ (ISIN: IE00BGNBWQ13) von Martin Currie – ein Teil von Franklin Templeton. Damit verteuern sich die Kosten für Energie und weiterer Rohstoffe. Zuletzt klagten etwa europäische Hersteller von Windrädern über hohe Preise für Industriemetalle. Solche Produkte benötigen unter anderem jede Menge Kupfer und Nickel, wovon ein großer Teil bislang aus Russland geliefert wurde.

Obendrein lasten die Lockdowns in China auf den Lieferketten. Auch diesen Umstand bekommen zahlreiche Unternehmen in Europa zu spüren, etwa aus der Industrie. So klagen deutsche Automobilbauer über den mangelnden Nachschub an Halbleitern aus dem Reich der Mitte. Zudem zeigte jüngst eine Umfrage der Europäischen Handelskammer in China, dass die Lockdowns, die inzwischen 45 Städte umfassen, die Geschäfte zahlreicher europäischer Unternehmen vor Ort massiv einbrechen lassen.

Beim Bankhaus Spängler gibt man sich derzeit jedenfalls noch vorsichtig. Asset-Manager Markus Dürnberger verweist auf die aktuell grundsätzliche Untergewichtung von Aktien, „wobei regional der Fokus auf den etablierten Märkten liegt und die USA gegenüber Europa übergewichtet werden“. In letzterer Region dürfte das Gewinnwachstum der Unternehmen heuer sogar auf null sinken, befürchtet Martin-Currie-Experte Osmani.

Die aktuelle Ausgangslage ist für Europa damit denkbar schwierig, jedoch nicht aussichtslos. Ankit Gheedia, Leiter für Derivate und Aktienstrategien in Europa bei der BNP Paribas, meint, dass das negative Sentiment gegenüber europäischen Aktien allmählich zumindest den Boden gefunden haben könnte. Immerhin liegt das KGV für Aktien aus der Eurozone auf die kommenden zwölf Monate mit rund 13 unter jenem des MSCI All Country World Index, wo es zuletzt „nur“ auf rund 16 sank.

Chancen sollten Anleger in Europa dennoch selektiv nutzen, mahnt Osmani. Er achtet bei seiner Selektion etwa auf die regionalen Einnahmen eines Unternehmens sowie in diesem Zusammenhang auf das Exposure in Russland. Und auf die Preissetzungsmacht eines Unternehmens im aktuell inflationären Umfeld. Solch eine Eigenschaft treffe laut Osmani etwa auf die Kingspan Group (IE0004927939), einen irischen Dämmstoffhersteller, zu. Das Unternehmen habe steigende Materialkosten an Kunden gut weitergeben können. Grund sind freilich die weltweiten Bestrebungen, CO2-Ausstoße zu reduzieren, zu denen unter anderem entsprechend auch Gebäudesanierungen zählen.

Osmani zufolge habe auch die schwedische Assa Abloy (SE0007100581) eine gute Preissetzungsmacht, wobei der Marktexperte weitere Preisumwälzungen auf Kunden erwartet. Der Konzern stellt unter anderem Schließsysteme und Sicherheitstüren her.

Ebenso im Fondsfokus steht die niederländische ASML (NL0010273215), größter Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie. Der Titel gefällt auch Alexander Farman-Farmaian, Partner bei Edgewood Management. ASML sei nach dem extremen Abverkauf wieder interessant, zumal jüngst große Chiphersteller den Bau neuer Produktionsfabriken angekündigt haben. Und dafür die Produkte von ASML benötigen, sagt er.

Foto: AdobeStock / Frenta

 

 

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Steigendes Interesse an Aktien unterstützen!

Nach einem erfolgreichen Jahr 2021 erneuert die Wiener Börse ihre Forderungen an die Politik.

Red. Die Wiener Börse hat in der Vorwoche bei ihrer Jahres-Pressekonferenz Bilanz über das Geschäftsjahr 2021 gezogen (Im Bild: Aufsichtsratsmitglied Angelika Sommer-Hemetsberger und Börsechef Christoph Boschan bei der Präsentation der Jahresergebnisse 2022). In einem dynamischen Marktumfeld habe die strategisch breite Aufstellung im 250. Jubiläumsjahr der österreichischen Nationalbörse das Wachstum unterstützt. Nach wie vor erwirtschaften Handel und Listings den Hauptteil der Erträge, aber auch das Verwahrgeschäft, Marktdaten und Indizes sowie IT-Services trugen 2021 zum Gewinnwachstum bei.

„Der Blick auf das vergangene Jahr, aber auch die derzeitigen Entwicklungen zeigen, dass der Kapitalmarkt immer in Bewegung ist. Als Infrastrukturunternehmen ist es unsere Aufgabe, in jeder Marktsituation stabilen Handel zu gewährleisten“, erklärte CEO Christoph Boschan. Das Wachstum bekräftige die solide Wettbewerbsposition des Unternehmens und mache die Wiener Börse in der europäischen Börsenlandschaft sichtbar. Auch würden die strategischen Initiativen bereits Früchte tragen.

Für die Herausforderungen, die der Klimawandel, die alternde Gesellschaft und die derzeitigen geopolitischen Entwicklungen bringen, werden Kapitalflüsse in Innovationen und neue Ideen notwendig, heißt es in einer Aussendung der Börse. Eine Umsetzung der im Regierungsprogramm enthaltenen Bausteine – wie etwa die Behaltefrist für langfristigen Wertpapierbesitz – könne privates Kapital aktivieren und die Transformation in die Wirtschaft der Zukunft stärken.

„Das Interesse der Österreicherinnen und Österreicher für Aktien und Investmentfonds steigt, besonders bei jungen Menschen. Diese Entwicklung sollte politisch unterstützt werden, um den Wohlstand zu wahren und die private Altersvorsorge zu stärken“, ergänzt Angelika Sommer-Hemetsberger, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Börse und Vorstandsmitglied der Oesterreichischen Kontrollbank.

Nachhaltige Anleihen im Fokus
Mit dem Vienna-ESG-Segment bietet die Wiener Börse zusätzlich zu bereits bestehenden Initiativen eine neue höchsttransparente Plattform für Emittenten von ESG-Anleihen. Bereits in dieser Woche tritt ein neues Regelwerk für nachhaltige Anleihen, basierend auf international etablierten Standards (ICMA Principles), in Kraft. Durch das verpflichtende Einholen einer Second Party Opinion, also der Bewertung einer unabhängigen Partei, sowie verstärkten Folgepflichten soll die Transparenz weiter gesteigert und Greenwashing verhindert werden. Neu sind auch eine visuelle Kennzeichnung sowie eine Filtermöglichkeit für ESG-Bonds auf der Website der Wiener Börse.

„2021 verdoppelte die Wiener Börse mit mehr als 7.000 Anleihen die Zahl der Neulistings und zählt zu den führenden Anleihen-Listingplätzen Europas. Ein Aufwärtstrend zeigt sich auch bei ESG-Bonds sowohl auf Angebots- als auch Nachfrageseite. Mit dem neuen Vienna ESG Segment schaffen wir Transparenz und einen klaren Rahmen mit Kriterien nach internationalen Standards“, so Boschan.

Stabiles Wachstum
Der Konzernumsatz der Wiener Börse stieg 2021 dank anhaltend hoher Handelserlöse um 6,7 % auf 79,3 Mio Euro. Das Ergebnis vor Steuern (EGT) stieg auf 47,58 Mio Euro (+15,3 %), der Jahresüberschuss belief sich auf 36,5 Mio Euro. Das Eigenkapital betrug per 31. Dezember des Vorjahres 157,28 Mio Euro.

Das Handelsvolumen mit Wertpapieren am Wiener Markt konnte um 7 % auf 73 Mrd Euro gesteigert werden. Einmal mehr hätten sich Effekte der zyklischen Zusammensetzung des ATX gezeigt, der im Jahresverlauf eine Performance von +38,87 % (inklusive Dividenden +43,59 %) erreicht hat. In Prag stieg das Handelsvolumen mit Wertpapieren sogar um 19 % auf 12 Mrd Euro.

Foto: Wiener Börse / Alex Felten

 

 

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Mit Edelmetallen die eigene Zukunft absichern

Gold und Silber als defensive Bestandteile eines Vorsorgemix.

Michael Kordovsky. Gold ist als solide Beimischung zur Altersvorsorge, bzw. korrekter ausgedrückt als „Generationenabsicherung“ geeignet. Es behielt über langjährige Zeiträume seinen Wert, wurde aber immer wieder zum „Politikum“, in der Folge von Besitzverboten oder langen Perioden festgelegter Umtauschverhältnisse zum US-Dollar.

Gold ist aber eine Art Feuerversicherung für Situationen wie einst die Hyperinflation im Jahr 1923. Von 1913 bis 1923 konnte die Teuerung durch den Anstieg des Preises pro Feinunze Gold in „Papiermark“ zum überwiegenden Teil ausgeglichen werden. Das macht Gold zu einem Wertspeicher über Generationen.

Ein Blick in die Geschichte
Laut Wolfgang Reuters, Autor des Buches „Deutschland im Sturzflug“, erhielt man im alten Rom für eine Feinunze Gold eine sehr gute Toga, einen Gürtel und ein Paar Schuhe. Heute geht sich das mit 1.741 Euro (der Betrag für eine Feinunze Gold am 14. Mai 2022, Anm.) für einen individuell zugeschnittenen Anzug, ein paar Schuhe und einen Gürtel ebenso aus. Seit der Römerzeit gab es also einen beeindruckenden Werterhalt.

Entfesselt wurde die Kraft des Goldpreises nach dem Zerfall des Bretton-Woods-Systems, das von 1944 bis 1973 (ab 1971 starke Goldpreisanstiege) bestand und eine fixe Bindung des US-Dollar an den Goldpreis vorsah. Der Dollar war die Ankerwährung eines Währungssystems, das nur geringe Schwankungen zuließ. Der Goldpreis war offiziell auf 35 US-Dollar pro Feinunze festgesetzt, ein Wert, der bereits im Zuge des Gold Reserve Act vom 21. Jänner 1934 festgelegt wurde. Erst als US-Präsident Richard Nixon am 15. August 1971 in einer Rundfunk- und Fernsehansprache die Verpflichtung der USA, Dollar in Gold zu tauschen, einseitig kündigte, war der heutige Goldmarkt geboren. Von 12. August 1971 bis 12. April 2022 stieg der Goldpreis von 43,2 auf 1.960,8 US-Dollar pro Feinunze, was einem geometrischen Anstieg (CAGR) von 7,82 % p.a. entspricht, bzw. bezogen auf den CPI-U mit Basisjahr 1982 einer realen Wertsteigerung von 3,73 % p.a.

Umsetzung der Vorsorge
15 % des liquiden Nettovermögens sollten in physischen Edelmetallen veranlagt werden. Die Positionen sollten dabei in mehreren Etappen breit gestreut aufgebaut werden.

Da Russland mit einer Goldbindung des Rubels begonnen hat und dieses Beispiel eines Tages auch in anderen Ländern wieder Schule machen könnte, sollte auf zwei Drittel Gold und ein Drittel Silber gesplittet werden. Silber war in früheren Jahrhunderten ein normales Zahlungsmittel und über 1.000 Jahre bis ins späte 19. Jahrhundert wiesen Gold- und Silberpreis eine übliche Relation von 12 bis 20 auf.

Heute ist Silber ein Industrierohstoff mit einer stark schwankenden Bullion-Nachfrage. Seit die New Yorker Terminbörse Comex am 5. Juli 1933 den ersten Silber-Future einführte, lag die Preissteigerung (Zeitraum Juni 1933 bis Dezember 2021) bei real 1,26 %. Silber hat den Vorteil, dass es viel weniger stark gesetzlich reguliert wird als Gold.

Allerdings sollte Silber aufgrund der dort vorherrschenden Umsatzsteuerfreiheit zum erheblichen Teil über ein Zollfreilager in der Schweiz erworben werden und dort eingelagert bleiben, denn bei Auslagerung und Lieferung nach Österreich sind 20 % USt fällig. In Österreich etwas günstiger erwerbbar sind differenzbesteuerte Angebote von Silbermünzen wie Maple Leaf und Krugerrand, was aus Diversifikationsgründen auch ratsam ist. Gold hingegen kann in Österreich beispielsweise in Form von Bullion-Münzen wie Philharmoniker (1 Unze), Maple Leaf oder Krugerrand umsatzsteuerfrei erworben werden. Bei größeren Beträgen kommt zusätzlich der Kauf von Barren im Schweizer Zollfreilager ins Spiel. Hier bietet beispielsweise das Edelmetallhaus Philoro bereits ab Investments von 5.000 CHF die Einlagerung von Gold, Silber, Platin und Palladium an. Die Lagergebühren betragen 0,95 % p.a. für Silber und 0,65 % p.a. für Gold, Platin und Palladium. Notare und Wirtschaftsprüfer zählen mindestens einmal jährlich den Bestand der Kunden und attestieren die Vollständigkeit der Ware.

Foto: AdobeStock / NathalieVanBergen

 

 

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Nach Aktiencrash in China: Warum die Erholung kurz bevorstehen könnte

Kommentar von Marcus Weyerer, Senior ETF Strategist EMEA, Franklin Templeton

(12.05.) Chinesische Aktien erleben derzeit sicherlich harte Zeiten. Seit Jahresbeginn hat der FTSE China 30/18 Capped Net Index, ein breit gestreuter Aktienindex, fast ein Viertel seines Wertes verloren. Außerdem liegt er mehr als 40 % unter seinem Allzeithoch von vor weniger als eineinhalb Jahren.

Für Anleger, die in der Lage sind, eine langfristige Perspektive einzunehmen, lohnt es sich unserer Meinung nach jedoch, die Situation in einen gewissen Kontext zu stellen.

Einer der größten Rückgänge seit mehr als 20 Jahren
Wir alle wissen, dass die Vergangenheit die Zukunft nicht vorhersagen kann, aber das muss uns nicht davon abhalten, die Vergangenheit zu konsultieren, um einige Erkenntnisse über die Zukunft zu gewinnen. Der aktuelle Rückgang ist analytisch interessant. Wir haben uns vergangene Fälle von Marktkorrekturen von 10 % oder mehr vom vorherigen Höchststand aus angesehen. Zwischen 2002 und 2021 gab es insgesamt neun Fälle von Rückgängen von mehr als 10 %.

Vier dieser Fälle überstiegen Verluste von 20 %, und in drei Fällen kam es zu Marktverlusten von mehr als 30 %.

Mit Ausnahme des Crashs während der globalen Finanzkrise erleben wir derzeit den stärksten Rückgang seit über zwanzig Jahren. Die Verluste übertreffen das Platzen der großen Spekulationsblase in den Jahren 2015/16 (-40,8 %), und die Erschütterungen durch den Handelskrieg von Trump im Jahr 2018 (-30,4 %).

Gleichzeitig gilt zu bedenken, dass angesichts der aktuellen Volatilität ein um 10 % höherer oder niedrigerer Indexwert für langfristige Anleger fast bedeutungslos ist.

Ein typisches Beispiel:
Von Mitte März 2022 bis Anfang April stieg der Index um fast 25 %, gefolgt von einem Rückgang von 16 % bis Ende April. Nur eine Woche später stand der Markt wieder 10 % höher.

Das sind beeindruckende Zahlen, und eine Erholung von nur weiteren etwa 10 % gegenüber heute würde den Markt wieder in den „normalen“ historischen Rückgangsbereich bringen.

Eine Erholung ist aufgrund des bisherigen Marktverhaltens überfällig
Interessanter als die Tiefe des Tals ist vielleicht die Frage nach der Zeit zwischen Höchststand und Tiefststand, oder anders gesagt ausgedrückt: Wann werden die Dinge normalerweise besser? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass die gegenwärtige Misere bereits länger anhält als alle anderen Fälle in der Vergangenheit. Die gute Nachricht ist, dass – nach derselben Logik, die sich an der Vergangenheit orientiert eine deutliche Erholung überfällig ist. In den oben genannten neun Fällen trat der Tiefpunkt des Zyklus im Durchschnitt nach etwa 22 Wochen ein. Es überrascht nicht, dass je tiefer der Verlust war, desto länger es in der Regel dauerte, bis der Markt den Tiefpunkt erreicht hat. Doch selbst während der Finanzkrise, als die Verluste die heutigen deutlich übertrafen, dauerte es etwa 53 Wochen – etwa ein Jahr – bevor die Aktienmärkte ihre Trendwende einleiteten. In diesem jüngsten Zyklus wurde der vorläufige Tiefpunkt erst nach 62 Wochen erreicht. Dies könnte darauf hindeuten, dass wir auf dem Weg zurück nach oben sind.

Jeder neue Tiefststand ab diesem Zeitpunkt könnte die aktuelle Episode zu einem Ausreißer machen (wenn auch aufgrund der geringen Stichprobengröße statistisch gesehen unbedeutend).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die derzeitige Situation zwar sicherlich einen der schwersten Bärenmärkte für chinesischen Aktien in den vergangenen 20 Jahren darstellt, so ist sie auch nicht gerade einmalig.

Da wir seit 2020 mindestens zwei Ereignisse von weltveränderndem Ausmaß erlebt haben, nämlich die Covid-19-Pandemie und den russisch-ukrainischen Krieg, sowie die hausgemachten Probleme in China, könnte man vielleicht argumentieren, dass der Markt eine relative Widerstandsfähigkeit gezeigt hat. Dies wird den Anlegern, die auf hohen Verlusten sitzen, wenig Trost spenden. Für diejenigen, die in der Lage und gewillt sind, über die kurzfristige Volatilität hinwegzusehen, und die an die langfristigen, fundamentalen Argumente für chinesische Aktien glauben, kann dies jedoch die aktuelle Situation relativieren.

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Das Eigenleben der Aktien des Diamanten-Sektors

Die Preise der funkelnden Steine ziehen an, die geringe Transparenz bleibt.

Roman Steinbauer. Die Jahresanalyse des Antwerp World Diamond Centers (AWDC) und des Beratungsunternehmens Bain & Company stellt fest: Die Lage am Diamantenmarkt bessert sich seit 2020 deutlich. Der Sektor kam gut aus der Covid-Schockstarre heraus. Unerwartet profitiert auch dieses Geschäftssegment zunehmend vom Online-Handel. Die Nachfrage im Einzelhandel zog an, die Margen kletterten auf das höchste Niveau seit einem Jahrzehnt. Bestätigt wird der Aufwärtstrend der teuren Steine aus Kohlenstoff durch den Diamond-IX-Index für Anlagediamanten. So zog die Messlatte, die vorrangig lupenreine Steine diverser Farbnuancen bester Qualität von 1,01 bis 1,03 Karat/0,20 g berücksichtigt, seit Oktober um mehr als 30 % auf 12.440 Punkte an. Als verlässliches Muster und goldene Regel kann Krisenresistenz (wie bei Edelmetallen) hingegen nicht bestätigt werden.

Der Diamant, bekanntlich durch die legendären Bewertungskriterien der vier „C“ (Cut, Carat, Clarity und Color) definiert, wird in erster Linie an den Börsen Antwerpen, Tel Aviv, New York und Mumbai gehandelt. Kleinanleger treten diesem edlen Mineral aufgrund der relativen Intransparenz oft nicht näher. Die Einschätzung zum globalen Fördervolumen, die Nachfrage- und Angebotssituation und vor allem die Höhe der Lagerbestände dominierender Marktteilnehmer ist für den Normalverbraucher kaum zu durchblicken.

Abgekoppelt von Einflüssen des Gesamtmarktes
Im Gegensatz zu den breiten Aktienindizes weisen Aktien des Diamanten-Segments teils gegenläufige Kurstendenzen und ein Eigenleben auf. Zwei britische Vertreter dieser Gattung sind an der Londoner Börse gelistet.

Gem Diamonds (ISIN: VGG379591065) besitzt 70 % der Letseng-Mine in Lesotho sowie die Ghaghoo-Mine an der südöstlichen Grenze der Kalahari. Petra Diamonds (BMG702782084) agiert wiederum zusätzlich als Händler von Rohsteinen aus Minen in Südafrika und Tansania. Die Papiere beider Gesellschaften gaben jahrelang nach, ehe seit Juli 2020 ein Aufwärtstrend einsetzte. Zur Schwäche neigten zuletzt hingegen Anteilscheine der chinesischen Juwelierketten Luk Fook Holdings (BMG5695X1258) und Emperor Watch & Jewellery (HK0000047982) mit Sitz in Hong Kong. Weit diversifizierter ist die Schweizer Nobelmarke Richemont (CH021 0483332) – als Juwelier und Uhren-Spezialist auch in Diamanten involviert. Nach einer Verdoppelung des Wertes im Vorjahr lockt Investoren nun eine Korrektur um 25 %. Spekulativ orientierte Anleger erkennen derzeit einen Aufwärtstrend bei Aktien der kanadischen Grizzly Discoveries (CA3986921037) aus Edmonton. Grizzly ist vorwiegend in der Exploration tätig, hält aber auch Anteile an ausbaufähigen Diamantminen im Bundesstaat Alberta und Edelmetallminen in British Columbia. Noch werden keine Umsätze generiert. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei überschaubaren 12,4 CAD (11,66 Mio Euro).

Die volksnahe Alternative
Als Alternativ-Anlage zum Reich der Diamanten bietet sich der US-Schmucksteinvermarkter Charles & Colvard (US1597651066) an. Das Unternehmen fertigt und vertreibt Edelsteine aus Moissanit. Dieses Mineral ist nach dem Diamanten die härteste natürlich vorkommende Substanz und weist (ebenso gleich dem Diamanten) optische Transparenz auf. Im Gegensatz zum elitären Stein ist der Moissanit im Lichtbündel aber doppelbrechend. C & C meldete für das abgelaufene Quartal mit 9,8 MioUSD (9,3 Mio Euro) einen 4 % unter den Erwartungen liegenden Umsatz. Die Notiz glitt seit Jahresbeginn um 50 % ab, womit sich ein laufendes KGV von nur 4 ergibt. Zudem wurde ein Rückkaufprogramm von bis zu 5 Mio Aktien bis 2025 beschlossen.

Foto: Pixabay / studiopratisaad0

 

 

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Schieflage bei der Adler Group

Das SDax-Unternehmen befindet sich nach falschen Immobilienbewertungen in Turbulenzen.

Stefan Riedel, München. Kein Testat der Wirtschaftsprüfer, Milliardenverluste und ein Kurseinbruch um mehr als 50 % – beim Immobilienkonzern Adler Group (ISIN: LU1250154413) brennt die Hütte. Hintergrund ist die Weigerung des Wirtschaftsprüfers KPMG, nach Abschluss der Sonderuntersuchung das Testat für den Geschäftsbericht 2021 zu erteilen. Grund dafür war der Widerstand des Adler-Managements, den E-Mail-Verkehr und andere Informationen herauszugeben, aus denen beurteilt werden könne, inwieweit Adler Geschäftsvorfälle mit nahestehenden Personen getätigt habe.

Den Fall ausgelöst hatten im Oktober 2021 die Betrugsvorwürfe der britischen Investmentfirma Viceroy, die Bilanz durch eine übertriebene Bewertung von Immobilienprojekten künstlich aufgebläht zu haben. Hinter Viceroy steht der Leerverkäufer Fraser Perring, der mit Veröffentlichungen auch den Fall Wirecard mit ins Rollen gebracht hatte. Erste Finanzexperten sehen bereits Parallelen zum Betrugsskandal des Zahlungsabwicklers Wirecard vor zwei Jahren. Wie bei Wirecard stehen die Wirtschaftsprüfer in der Kritik. Und wie bei Wirecard ist Transparenz auch für die Verantwortlichen bei Adler ein Fremdwort. Allerdings geht es hier bislang vor allem um zu optimistische Immobilienbewertungen und nicht um fingierte Umsätze.

Was bedeutet das für Anleger?
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) kritisiert die fehlerhafte Kommunikation des Unternehmens mit dem Kapitalmarkt zu den Wertanpassungen des Immobilienportfolios. „Anleger sollten die Aktie nicht behalten, um künftige Schadensersatzansprüche geltend zu machen“, empfiehlt der DSW-Pressesprecher gegenüber dem Börsen-Kurier. Unabhängig davon, ob sich nach den Untersuchungen durch die Bafin der Vorwurf der Bilanzmanipulation bestätige, sollten jetzt Buchverluste realisiert werden. „Für mögliche Klagen sollten Anleger die Depotauszüge aufheben, die den Zeitpunkt Wertpapierverkauf dokumentieren.“

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) wirft dem inzwischen zurückgetretenen Verwaltungsrat vor, die Vorfälle mit dem Verweis auf den Wert der Bestandsimmobilien herunterzuspielen. Um mögliche Schadensersatzansprüche prüfen zu lassen hat die SdK eine rechtliche Prüfung in Auftrag gegeben. Alle interessierten Anleger können sich unter www.sdk.org/adler in einen kostenlosen Newsletter über den aktuellen Verlauf des Verfahrens informieren.

Auch die jüngste charttechnische Gegenbewegung, hervorgerufen durch spekulative Käufe, täuscht nicht darüber hinweg, dass Adler vor stürmischen Zeiten steht. Dementsprechend groß ist die Gefahr, dass die Aktie ihren Sturzflug fortsetzt. Wie überhaupt Immobilienaktien seit Jahresanfang unter Druck stehen. Trotz dem weiterhin knappen Wohnangebot bei ungebrochen hoher Nachfrage stellt sich die Frage, inwieweit die hohen Bewertungen bei den sich verteuernden Baufinanzierungen noch gerechtfertigt sind.

Symbolbild: AdobeStock / seen

 

 

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Der Profit als schöner Nebeneffekt

Kunstwerke gelten als sichere Geldanlage. Wir zeigen den Weg zur eigenen Sammlung.

Lea Schweinegger. Warum investieren Menschen in Kunst und schöne Dinge? Das deutsche Online-Portal Statista untersuchte die Gründe für einen Kunstkauf (für das Jahr 2019, Anm.). Zu diesem Zeitpunkt gaben 65 % der Befragten an, dass sie Kunst in erster Linie aus Sammlerzwecken, allerdings auch mit einer Investitionsperspektive erstehen. Dazu befragte Kunstexperten gaben an, dass für mehr als 80 % ihrer Kunden diese Motive entscheidend sind.

Trotzdem betonen Kunstexperten, Galeristen und Auktionatoren immer wieder, dass Kunst – abseits monetärer Vorteile – auch allein der Kunst wegen gekauft werden sollte. Der Idealzustand ist es natürlich, wenn beides Hand in Hand geht. Man verliebt sich in ein Werk, genießt den Anblick und profitiert zusätzlich von einer künftigen Wertsteigerung. Denn man tut sich ja Gutes, wenn man in Kunst, die auch gefällt, investiert. Oder wie es Pablo Picasso pathetisch einmal sagte: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ Und der Zeitgenosse Damien Hirst nimmt sich überhaupt kein Blatt vor den Mund: „Die Kunst dreht sich ums Leben, der Kunstmarkt ums Geld!“

Der Weg zur eigenen Sammlung
Wir weisen immer wieder darauf hin, dass beim Kauf eines Kunstwerkes Vorwissen notwendig und nützlich ist, damit man nicht „dumm“ dasteht, oder noch schlimmer, „für blöd verkauft wird“ (lesen Sie dazu auch unseren Bericht über Kunstfälschungen in BK16 vom 21. April). Das heißt, bevor man die richtigen – oder gar vermeintlichen – Experten anspricht, sollte man auf alle dienlichen Informationen zurückgegriffen haben und im Thema auch selbst ein wenig sattelfest sein.

Verschiedene Märkte für Kunst
Für den US-amerikanischen Investor und Kunsthändler Adam Lindemann gibt es in diesem Zusammenhang vier Arten von Kunstkauf. Lindemann gründete 2012 die Galerie „Venus Over Manhattan“ in New York City und widmet sich vornehmlich Ausstellungen, die das Thema Ikonoklasmus (steht auch für Bildersturm; darunter versteht man die Zerstörung heiliger Bilder oder Denkmäler, die von religiöser, kultureller oder politischer Relevanz sind; Anm.) zum Inhalt haben sowie Werken historischer und zeitgenössischer Künstler. Der Experte verweist in seinem Buch auf unterschiedliche Möglichkeiten, Kunst zu erstehen: Erstens, gleich auf dem sogenannten „Primary Market“ zuschlagen. Das ist der Erstkauf eines Kunstwerkes, entweder über eine Galerie oder direkt aus dem Atelier des hoffentlich noch relativ unbekannten Künstlers. Zweitens, auf dem „Secondary Market“ kaufen.

Sobald das Kunstwerk auf dem Primärmarkt gekauft wurde, gelangt es auf den Sekundärmarkt. Der Sekundärmarkt bezieht sich also auf Kunst, die bereits mindestens einmal verkauft wurde. Einfacher ausgedrückt befasst sich der Sekundärmarkt mit dem Wiederverkauf.

Drittens: Man kann Werke auch später im Rahmen einer Auktion, oder (viertens) auf einer Kunstmesse erstehen. Die letztgenannten Orte sind überhaupt sehr interessant, vor allem auch für Einsteiger in das Thema, da man sehr ungezwungen Information und Wissen aufsaugen kann und meist auch einen internationalen Überblick über die Szene bekommt.

Zu bedenken gibt es: Ist das begehrte Objekt auf keinem der beiden sehr interessanten ersten Märkte mehr erhältlich, dann folgt – wie beschrieben – das Auktionshaus. Dort jedoch hat der Meistbietende den Vorrang. Und: Bei einer Auktion zahlen Käufer ein Aufgeld von meist 20 % wie bei Sotheby‘s, Christie‘s oder Philipps.

Kunst ist zur sicheren Geldanlage geworden
Auch wenn Kunst schon für sich allein einen Wert darstellt, sind ausgewiesene Werke mittlerweile auch zu einer anerkannten alternativen Geldanlage geworden. Wie eben eine Aktie, die man in sein Depot „legen kann“. Doch apropos Aktie: Einerseits hat sie sich vor allem in den vergangenen zinslosen Zeiten wieder einmal als attraktivste Anlageform und bestes Mittel im Kampf gegen die Geldentwertung erwiesen. Doch spätestens der schreckliche Ukraine-Krieg hat andererseits gezeigt, dass es auch an den Börsen nicht immer nur nach oben gehen kann.

Warum also nicht gerade jetzt beginnen, sich mit dem Thema Kunst als sichere Geldanlage und Portfolioergänzung zu beschäftigen?

Foto: AdobeStock / kustvideo

 

 

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GAFAM – das perfekte Abbild der weltweiten Wirtschaftslage

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE.

(03.05.) Während die Berichtssaison für das erste Quartal 2022 in vollem Gange ist, stehen die Ergebnis-Veröffentlichungen der amerikanischen IT-Giganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft (GAFAM) sinnbildlich für die Schwierigkeiten, in denen die Weltwirtschaft steckt. Der Krieg in der Ukraine, Lohnsteigerungen, Beschaffungsprobleme, stärkere Regulierung, der Anstieg der Energiepreise – jede dieser Hürden hat unmittelbar ein oder mehrere Unternehmen dieses bedeutenden Quintetts beeinträchtigt.

Die Leiden der fünf Tech-Giganten
Google, der Riese der Online-Werbung, hat durch die Aussetzung seiner Werbedienste in Russland direkt unter dem Ukraine-Konflikt gelitten. Doch auch der europäische Markt insgesamt belastet seine Werbeeinnahmen. Denn in Zeiten von Unsicherheit sind die Budgets für Marketing und Werbung stets die erste Variable, die zur Senkung der Kosten angepasst wird.

Apple, das Unternehmen aus Cupertino, übertraf mit seinem Umsatz die Erwartungen, korrigierte aber auch seine Ziele für das zweite Quartal nach unten, was zwei Hauptgründe hat. Der erste hängt mit dem Reich der Mitte zusammen, das zurzeit mit einer Infektionswelle konfrontiert ist, die die „Null-Covid“-Politik an ihre Grenzen bringt. So lassen die Abriegelung der Städte Shenzhen – das chinesische Silicon Valley – und Shanghai, welche mit einem Chaos im Schiffsverkehr zu kämpfen hat, für die kommenden Monate nichts Gutes bei Produktion und Transport erahnen. Auch für Apple bringt die Entscheidung der Abkopplung vom russischen Markt einen wirtschaftlichen Nachteil, der auch künftig bleiben wird.

Facebook, jüngst umbenannt in Meta, gelang es zwar, wieder an das Wachstum seiner Nutzerzahlen anzuknüpfen, enttäuschte jedoch mit seinen Ergebnissen. Ein weiterer Akteur, der unter der Schwächung des europäischen Werbemarktes leidet. In diesem Quartal hat Meta in erster Linie mit den neuen Regeln von Apple zum Schutz der Daten seiner Benutzer zu kämpfen, da die Werbung hierdurch weniger zielgerichtet und damit weniger effizient wird. Für das Jahr 2022 rechnet das Unternehmen damit, dass ihm dadurch die geringe Summe von 10 Milliarden US-Dollar an Einnahmen fehlen wird. Wenngleich diese neuen Bestimmungen nicht von einer staatlichen Instanz stammen, erkennen wir das Risiko, das sie für Unternehmen dieser Größe darstellen.

Amazon befindet sich im Würgegriff von Lohnsteigerungen und dem Anstieg der Transportkosten. Für das erste Quartal hat das Unternehmen folglich Verluste ausgewiesen. Diese hängen zwar weitestgehend mit einer Fehlinvestition in Rivian, dem „Tesla der Lieferwagen“, zusammen, aber auch die Vertriebstätigkeit bei Amazon steht unter Druck und zwingt das Unternehmen, seine Prognosen für 2022 nach unten zu korrigieren.

Microsoft, der letzte Buchstabe in der Abkürzung GAFAM, aber zweifellos auf Platz eins bei der Qualität seiner Ergebnisse im ersten Quartal, profitiert weiter von dem für seine Cloud-Plattform Azure vorteilhaften Trend der Digitalisierung. LinkedIn verbucht dank eines angespannten Arbeitsmarktes ein Umsatzplus von 34 Prozent. Zudem verzeichnet Surface, die Sparte für IT-Hardware, ein Wachstum von 11 Prozent.

Makroökonomisches Umfeld als weiterer Krisenherd
Nicht nur auf der mikroökonomischen Ebene haben die fünf Marktteilnehmer bereits Schwierigkeiten. Auch das makroökonomische Umfeld gestaltet sich in diesen bewegten Zeiten nicht zu ihren Gunsten. Der Aufwärtstrend der Zinsen übt automatisch Druck auf die Attraktivität ihrer Bewertungen aus. Der Kursrückgang dieser Unternehmen seit Jahresbeginn entspricht etwa dem Doppelten des Rückgangs des S&P 500. Doch ihr Erfolg beruht auf Innovation und Wachstum, und Bereiche wie Cloud, Metaverse und innovative Hardware bieten zahlreiche Möglichkeiten, um die Tech-Giganten wieder auf Kurs zu bringen. Werden sie sich also im Einklang mit der Weltwirtschaft erholen?

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Der Kampf um die besten Köpfe

Die demografische Entwicklung wird den Mangel an Fachkräften weiter verstärken.

Christian Sec. Die Regierung hat Erleichterungen für ausländische Fachkräfte aus Staaten außerhalb der EU bzw. für heimische Firmen präsentiert, die teils händeringend Experten suchen. Der Fachkräftemangel wird damit aber nicht gelöst werden, sondern höchstens gelindert, warnt ÖVP-Arbeitsminister Martin Kocher vor zu viel Optimismus. Derzeit weist das Arbeitsmarktservice rund 124.000 offene Stellen auf.

Mittlerweile habe sich der Fachkräftemangel zu einem generellen Arbeitskräftemangel entwickelt, erklärt auch Ulrike Baumgartner-Foisner, Senior Vice President im HR von Wienerberger. Dies habe vor allem demografische Gründe, wie geburtenschwache Jahrgänge und Pensionierungen, wie Baumgartner-Foisner gegenüber dem Börsen-Kurier erklärt. In Österreich gäbe es derzeit bei Wienerberger 70 offene Stellen bei rund 1.200 Mitarbeitern.

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, setzt der Ziegelhersteller auf Digitalisierung und Automatisierung, vor allem in der Produktion, um so auch die Qualität der vorhandenen Arbeitsplätze entsprechend zu heben und diese attraktiv zu gestalten.

War of Talents
Qualifizierte Arbeitskräfte sind ein seltenes Gut, was zu einem erbitterten Kampf um die besten Köpfe führt. Das gilt vor allem für Spitzenkräfte im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). „Wir haben uns zum Ziel gesetzt der beste Arbeitgeber in der Industrie zu werden, denn wir wollen schließlich die besten Köpfe und Hände für unser Unternehmen gewinnen und halten“, so Baumgartner-Foisner. Dafür wird in die Entwicklung der Arbeitsumgebung, Aufgabenvielfalt, Führungskompetenz und die Weiterentwicklungsmöglichkeiten investiert.

Auch die OMV gibt an, dass es einen Wettbewerb um Fachkräfte im Bereich IT gibt. „Wir müssen uns von unseren Mitbewerbern abheben und sicherstellen, dass wir attraktive Karrieremöglichkeiten bieten, einschließlich eines wettbewerbsfähigen Vergütungspakets“, so ein Sprecher der OMV gegenüber dem Börsen-Kurier.

Die Voestalpine spürt, dass allgemein die Nachfrage nach Mitarbeitern in bestimmten Bereichen steigt, etwa in der IT. Der internationale Stahlkonzern investiert im „War of Talents“ in betriebliche Gesundheitsförderung und Beteiligung von Mitarbeitern, deren Aktionärsstimmrechte in einer Privatstiftung gebündelt werden. Diese ist mittlerweile mit der größte Einzelaktionär des Unternehmens, mit einem Anteil von 14,8 %. Einen Schwerpunkt des Stahlkonzerns im Talentscouting bilden Kooperationen mit Bildungseinrichtungen z.B. bei der Zusammenarbeit bei wissenschaftlichen Arbeiten, wie Diplom- und Masterarbeiten. Zahlreiche Ausbildungskooperationen bestehen auch mit der Montanuniversität Leoben. Dabei versucht man mit Sponsoringmaßnahmen Jugendliche für ein Technikstudium zu begeistern.

Lehrlinge verzweifelt gesucht
Gleichzeitig bildet die Voestalpine derzeit rund 1.000 Lehrlinge aus. Mehr als 90.000 Euro investiert der Konzern in die Ausbildung jedes Lehrlings. Das Angebot an Lehrlingskräften geht jedoch insgesamt zurück.

„Noch immer ist zu wenig bekannt, welche Aufstiegs- und Verdienstchancen die Arbeitsplätze in der Industrie bieten“, klagt Christian Helmensteiner, Chefökonom der Industriellenvereinigung. Die zentrale Erkenntnis einer Studie des Economica Instituts zeigt laut Helmensteiner, dass Industrielehrberufe ein höheres oder gleich hohes Lebenseinkommen wie so mancher Beruf mit Universitätsausbildung aufweisen. So übersteigt das kumulierte Lebenseinkommen eines Systemtechnikers mit Lehrabschluss bis zum 45. Lebensjahr das kumulierte Lebenseinkommen eines Informatikers mit Studienabschluss.

Foto: Pixabay / PCB-Tech

 

 

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Gibt es erste Rezessionssignale?

Wie die Signale vom Bond-Markt einzuordnen sind.

Michael Kordovsky. In den USA kam vor wenigen Wochen ein Rezessionssignal vom Bond-Markt. Durch die Medien ging Anfang April eine negative Differenz zwischen zehnjährigen und zweijährigen US-Staatsanleihenrenditen. In einer normalen Rendite-Kurve herrscht ein steilerer Verlauf. Die „Zinsen“ (Renditen) sind umso höher, je länger die Laufzeit ist. Da es aber im Falle eines erwarteten Wirtschaftsabschwungs zu rückläufigen Renditen und, wenn Spielraum vorhanden, auch zu Leitzinssenkungen kommt, verflacht sich schon allein durch Abschwungserwartungen die Zinskurve – manchmal sogar so lange, bis sie invers ist, also kürzere Laufzeiten höhere Renditen aufweisen als längere. Das Schema ist klar, doch der Teufel liegt im Detail: Die Renditedifferenz zehn zu zwei Jahre ist zwar ein zuverlässiges Rezessionssignal, jedoch nicht unbedingt das beste. Beispielsweise gab es im Juni 1998 verfrüht ein falsches Signal, da die Rezession erst im Jahr 2001 begann. Zuletzt schlug es gegen Ende August 2019 richtig an.

Das präzisere Signal ist aber die Rendite-Differenz zwischen zehnjährigen US-Staatsanleihen und jenen mit dreimonatiger Laufzeit. Sie hat seit den späten 1980er-Jahren kein Fehlsignal geliefert, und in den USA ging seit den 1970er-Jahren (auf sechs bis 17 Monate) jeder Rezession auf dieser Basis eine inverse Zinskurve voran, zuletzt im Mai 2019. Aktuell jedoch liegt die Differenz bei hohen 1,94 % -Punkten (per 26.4.). Das würde gegen eine Rezession sprechen. Wie zuverlässig dieser Indikator war, kann anhand untenstehender Historie illustriert werden.

Rezession noch nicht greifbar
Der Krieg in der Ukraine eskaliert zunehmend. Mit Polen und Bulgarien gibt es die ersten beiden Länder der EU, denen Moskau den Gashahn abgedreht hat. Gleichzeitig dehnte sich in China der Corona-Lockdown von Shanghai auf das größte Stadtviertel Pekings aus. Im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine haben bereits mehrere Stimmungsindikatoren weltweit negativ reagiert. Auf der anderen Seite haben die USA eine starke Konjunktur und eine Reihe von Schwellenländern profitieren von hohen Öl- und Rohstoffpreisen.

Stärke zeigt unter anderem die US-Industrie: Im März stand auf Jahresbasis einer Steigerung der Auftragseingänge für langlebige Güter von 12,6 % ein Plus bei den Auslieferungen um 11,2 % gegenüber, womit die Zeichen auf Expansion stehen. Allerdings steht bei Transportausrüstung eine verlangsamte Auslieferung von 8,5 % einem Auftragsschub um 17,8 % gegenüber. Rückläufige Auftrags-eingänge verzeichnet zuletzt der Rüstungsbereich, während Investitionsgüter außerhalb des Rüstungsbereichs boomen: Auftragseingänge von plus 23,5 % vs. Auslieferungen von 11,9 %. Das deckt sich auch mit den April-Daten des vorläufigen „S&P Global Flash US Composite PMI“, dessen „Flash US Manufacturing PMI“ auf ein Sieben-Monatshoch stieg. Obwohl sich die Dynamik im Dienstleistungssektor verlangsamt, sollte laut S&P Global das annualisierte US-BIP-Wachstum im April bei 3 % liegen.

Der IWF rechnet im jüngsten Ausblick zwar mit weniger Wachstum, aber für 2022 und 2023 noch immer global mit je 3,6 %, wobei sich von 2022 auf 2023 das BIP-Wachstum der USA von 3,7 auf 2,3 % verlangsamen sollte und jenes des Euroraums von 2,8 auf 2,3%. Andererseits sollten die Emerging-Markets mit einer Wachstumsbeschleunigung von 3,8 auf 4,4 % der globale Wachstumsträger sein. Ob sich mit den aktuellen Corona-Maßnahmen Chinas BIP-Wachstum von 4,4 auf 5,1 % (2022 auf 2023) wirklich verbessert, bleibt allerdings fraglich.

Fazit: Noch ist keine unmittelbare Rezession spürbar und bis die Drei-Monats-T-Bill-Zinsen die Renditen zehnjähriger US-Treasuries überschreiten, sind noch vier bis sechs Leitzinsanhebungen in den USA erforderlich.

Foto: Pixabay / 0fjd125gk87

 

 

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„Nehmen Sie Ihre Vorsorge selbst in die Hand!“

Die Vorstandsdirektorin der Wiener Städtischen, Sonja Steßl, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Rudolf Ernder. Sonja Steßl war lange genug in der Politik – unter anderem als Staatsekretärin im Bundeskanzleramt sowie für Finanzen in der Regierung Faymann – um die Nöte und Sorgen der Bevölkerung, vor allem auch der Frauen, zu kennen. Heute ist sie als Vorstandsdirektorin bei der Wiener Städtischen auch für die Bereiche Verkauf im Privat- und Gewerbekunden- bzw. Firmen und Großkundengeschäft verantwortlich.

Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier lässt sie tiefer in das Thema Frauen und Vorsorge blicken und richtet in diesem Zusammenhang auch einige Appelle an das weibliche Geschlecht.

Börsen-Kurier: Wie hat sich die Pandemie auf die Frauenvorsorge ausgewirkt?
Sonja Steßl: Die Corona-Krise und auch der Krieg in der Ukraine haben eine Zeit voller Umbrüche und Veränderungen mit sich gebracht und uns drastisch vor Augen geführt, wie schnell sich das Leben verändern kann. Speziell Frauen sind aufgrund häufig bestehender Mehrfachbelastungen in der Pandemie besonders gefordert. Das hat zur Folge, dass das Risikobewusstsein und das Sicherheitsbedürfnis deutlich zugenommen haben – bestimmt auch ein Grund dafür, dass wir in den letzten beiden Jahren keine Schwächung der privaten Vorsorge, sondern vielmehr eine weiterhin stabile Nachfrage gesehen haben. Wir verzeichnen in fast allen Sparten ein Prämienwachstum. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach optimaler Absicherung der eigenen Person und der Angehörigen, das ist aber nicht nur auf die Gesundheit beschränkt, sondern zeigt sich auch beim Schutz von Hab und Gut.

Börsen-Kurier: Nachhaltigkeit ist auch in der Vorsorge heute ein großes Thema geworden. Was bietet die Wiener Städtische Versicherung dazu ihren Kundinnen an?
Steßl: Das Thema Nachhaltigkeit steht seit längerem hoch im Kurs, ganz besonders bei jungen Menschen, und auffällig ist, dass Frauen größeren Wert auf das Thema legen als Männer. Besonders stark ist die Nachfrage nach unserer Fondspolizze „Eco Select Invest“, die als erste mit dem österreichischen Umweltzeichen auszeichnet wurde. Hier können Kunden zwei Megatrends miteinander verbinden: Die Suche nach Rendite bei historisch niedrigen Zinsen und das Bedürfnis, mit seinem Geld etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Fondspolizzen wie die genannte der Wiener Städtischen verbinden individuellen Versicherungsschutz mit Veranlagung in nachhaltige Investmentfonds, sind sehr flexibel und unkompliziert übertragbar. So lässt sich für das Alter und die Familie vorsorgen und man übernimmt Verantwortung für Umwelt, Gesellschaft und künftige Generationen. Bisher haben wir hier mehr als 3.300 Verträge im Gesamtvolumen von rund 23 Mio Euro abgeschlossen. Nahezu jeder zweite Prämieneuro in der Lebensversicherung ist bei der Wiener Städtischen im vergangenen Jahr in nachhaltige Geldanlagen geflossen – Tendenz steigend!

Börsen-Kurier: Welche sind die wesentlichsten Notwendigkeiten für Frauen in der Pensionsvorsorge?
Steßl: Frauen haben aufgrund verschiedenster Rahmenbedingungen oftmals einen noch größeren Vorsorgebedarf abzudecken als Männer. Eine lange Lebenserwartung und unterschiedliche Berufsbiografien von Frauen haben weitreichende Folgen, auch bezüglich ihrer finanziellen Situation im Alter. So erzielen Frauen in Österreich nach wie vor im Durchschnitt deutlich geringere Erwerbseinkommen und damit liegt auch die durchschnittliche Alterspension von Frauen mit 1.110 Euro brutto im Monat deutlich unter jenen der Männer mit 1.799 Euro. Vor diesem Hintergrund ist das Risiko von Altersarmut für Frauen deutlich höher als für Männer. Aber: egal ob Frau oder Mann – je früher man mit einer finanziellen Vorsorge beginnt, desto ertragreicher! Gerade die Altersvorsorge ist ein Bereich, der über viele Jahre und Jahrzehnte laufen sollte, um sich ein finanzielles Polster für den Lebensabend aufzubauen. Mein Tipp an alle Frauen ist daher recht simpel: Interessieren Sie sich für das Thema Vorsorge, nehmen Sie das selbst in die Hand und starten Sie möglichst in jungen Jahren mit Ihrer privaten Pensionsvorsorge!

Börsen-Kurier: Ab welchem Betrag ist Vorsorge Ihres Erachtens sinnvoll? Was wäre das empfohlene Minimum?
Steßl: Hier einen Pauschal-Betrag zu nennen wäre nicht seriös. Vielmehr stellt sich die Frage, wie hoch das monatliche frei verfügbare Einkommen ist, das ich für Vorsorge verwenden möchte.

Vorsorge ist bereits mit kleinen Beträgen sinnvoll, zum Beispiel bekommt man als Einsteiger eine vernünftige Gesundheitsvorsorge bereits um rund 20 Euro im Monat oder eine Prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge als ergänzende Altersvorsorge ab 25 E im Monat. Wichtig ist, frühzeitig zu beginnen, durchzuhalten und, wenn das Einkommen steigt, auch die Vorsorgeprämien immer wieder mal anzupassen. Sinnvoll sind in diesem Zusammenhang auch regelmäßige Beratungsgespräche mit dem Versicherungsberater meines Vertrauens!

Börsen-Kurier: Wie geht die Wiener Städtische mit dem Thema Frauenvorsorge um?
Steßl: Wir sehen seit vielen Jahren, dass sich speziell Frauen mit der eigenen Vorsorge zu wenig intensiv auseinandersetzen. Wir haben daher das Jahr 2022 zum Vorsorgejahr der Frau unter dem Motto #frausorgtvor ausgerufen. Ziel ist es, neben einer verstärkten Bewusstseinsbildung auch konkrete Lösungsansätze – ganz nach den Bedürfnissen der Frauen – anzubieten. Dafür steht die Dachmarke „Women‘s Selection“. Wir bieten Frauen in jeder Lebenslage attraktive und individuelle Lösungen, um den Vorsorgebedarf für Gesundheit und Alterspension bestmöglich abzudecken. Das reicht von der Basisabsicherung mit einer prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge für jüngere Frauen über flexible Vorsorgelösungen mit erfolgreichen Fonds bis hin zu umfassenden Zusatzpaketen, etwa der Prämienübernahme durch die Wiener Städtische bei Geburt, Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit. Bei der Gesundheitsvorsorge stehen Wahlarzt- und Sonderklasse-Lösungen im Mittelpunkt: Die Wünsche und Bedürfnisse der Österreicherinnen gehen dabei über das Angebot des staatlichen Gesundheitssystems hinaus. Immer mehr Frauen setzen auf private Vorsorge sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.

Börsen-Kurier: Und was sollten Frauen in diesem Zusammenhang bei der Gesundheitsvorsorge besonders beachten?
Steßl: Frauen haben in Gesundheitsfragen eigene Bedürfnisse, sind gesundheitsbewusst und legen viel Wert auf Prävention und Vorsorge. Das zeigen auch unsere Zahlen: Rund 650.000 Kunden zählt die Wiener Städtische in der Gesundheitsvorsorge – mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Daher ist es uns ein besonderes Anliegen, unser Serviceportfolio an den Bedürfnissen von Frauen auszurichten und laufend zu erweitern. Neben innovativen Produkten gibt es auch spezielle Services für Frauen mit Familie: Ein Beispiel, wie insbesondere digitale Lösungen einen Mehrwert für Kundinnen bringen, ist der Online-Geburtsvorbereitungskurs in Zusammenarbeit mit deine-geburt.com: Neben ausführlichen Materialien steht werdenden Eltern das umfangreiche Wissen einer Frauenärztin und einer Hebamme, die beide zudem Mütter sind, zur Verfügung. Eine Online-Kreißsaalbesichtigung, Ernährungstipps, Yoga-Einheiten und ein zusätzlich wählbares „Starterkit ins Mamasein“ für das körperliche und seelische Wohl der Mutter runden das Kursangebot ab.

Foto: Marlene Fröhlich_luxundlumen

 

 

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Versorger – Fels in der Brandung oder Opfer der Energiekrise?

Von Hagen Ernst, stellvertretender Leiter Research & Portfoliomanagement bei der DJE Kapital AG.

(26.04.) Im aktuell schwierigen Marktumfeld müssten sich Versorger als eigentlich defensiver Sektor überdurchschnittlich gut entwickeln. Jedoch war auch der Stoxx 600-Versorgerindex seit Jahresanfang leicht rückläufig. Lediglich regulierte Versorger ohne größere Risiken haben sich gut entwickeln können. Es scheint, dass die Märkte zu sehr die Risiken im Blick haben und zu wenig auch die Chancen sehen.

Primäres politisches Ziel ist es, sich möglichst schnell unabhängig von russischen Energien wie Öl, Gas oder Kohle zu machen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss dementsprechend beschleunigt werden. Deutschland beispielsweise hat im Rahmen des sogenannten Osterpakets eine Reihe von Maßnahmen wie mehr neue Flächen für Photovoltaik und Wind sowie die Verschlankung von Planungs- und Genehmigungsverfahren beschlossen. Bis 2030 sollen mindestens 80 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus „Erneuerbaren“ bezogen werden. Von einem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien sollten neben Windturbinenherstellern wie Vestas oder Siemens Gamesa Anbieter von Erneuerbaren Energien wie Acciona Energias, EdP Renovaveis, Neoen oder Orsted profitieren. Orsted ist mit aktuell 12,7 GW Kapazität einer der größten Betreiber und gut positioniert bei größeren Windparks auf See (Offshore). Bis 2030 planen die Dänen den Ausbau der Kapazitäten auf 50 GW.

RWE zwischen Chancen durch Erneuerbare und Risiken durch Kohleembargo

Interessant ist auch RWE, die sich perspektivisch nach dem Ausstieg aus der Kohle (eventuell ist eine Abspaltung in den nächsten Jahren möglich) und Kernkraft zu einem reinen Anbieter von Erneuerbaren Energien entwickeln. Dementsprechend sollte sich der Bewertungsabschlag zu anderen Anbietern von Erneuerbaren Energien reduzieren. Zudem ist das Unternehmen mit einem Netto-Cashbestand von 360 Mio Euro per Ende 2021 finanziell gut aufgestellt. Bereits für dieses Jahr prognostiziert RWE einen EBITDA-Beitrag von 70 % aus Erneuerbaren Energien. Aktuell besitzt RWE 9,5 GW Kapazitäten an Erneuerbaren Energien und will diese wie Orsted bis 2030 auf 50 GW ausbauen. Ferner profitiert RWE teilweise von gestiegenen Strompreisen. Generell sichern die Essener nur 80 bis 90 % ihrer Stromerzeugung ab. Zudem ist ein Teil der Produktion aus „Erneuerbaren“ nicht langfristig kontrahiert und kann somit zu hohen Preisen auf dem Spotmarkt verkauft werden. Im ersten Quartal lag der Strompreis im Durchschnitt bei 185 Euro/MWh. Angesichts derartig hoher Strompreise sowie einer eher konservativen Guidance für Supply & Trading könnte der Ausblick im Laufe des Jahres nochmals nach oben angepasst werden. Risiken könnten sich hingegen aus dem Kohleembargo ergeben. RWE bezieht langfristig zwölf Mio. Tonnen bzw. bis März 2023 zwei Mio. Tonnen von einem russischen Lieferanten. Unklar ist, ob hier Force Majeure greift. Sollte es sich tatsächlich um „höhere Gewalt“ handeln (schließlich ist das Embargo ja politisch gewollt, und RWE kann aufgrund dessen nicht die Kohle aus Russland beziehen), müsste RWE seiner Lieferverpflichtung nicht nachkommen. Ansonsten müsste man die Kohle anderweitig einkaufen, was sehr kostspielig sein dürfte bei einem aktuellen Kohlepreis von knapp 300 USD pro Tonne.

Auch integrierte Versorger investieren massiv in den Ausbau Erneuerbarer Energien. Die Bewertungen sind mit einem KGV für 2022 von acht für Engie, elf für Enel bzw. 16 für Iberdrola vergleichsweise moderat und die Dividendenrendite deutlich höher. Mit knapp 50 % hat Iberdrola den größten Gewinnanteil aus Erneuerbaren Energien. Allein im letzten Jahr nahmen die Spanier 3,5 GW an neuen Kapazitäten in Betrieb. Weitere 7,8 GW an Kapazitäten befinden sich im Bau, davon 2,6 GW im am stärksten wachsenden Offshore-Windsegment. 46 % des EBITDAs kommen zudem aus dem regulierten Netzwerkgeschäft.

Ausbau der Erneuerbaren Energien wird deutlich kostspieliger
Angesichts höherer Materialkosten unter anderem für Stahl sowie steigender Zinsen wird der Ausbau der Erneuerbaren Energien deutlich kostspieliger. Die Unabhängigkeit vom günstigen russischen Gas hat somit einen hohen Preis und sollte vor allem für energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Glas langfristig Standortnachteile, besonders gegenüber den USA (günstiges Öl und Gas aus Fracking) und China (zukünftiger Abnehmer des günstigen russischen Gases), mit sich bringen. Damit Strom einigermaßen bezahlbar bleibt, wird man daher nur schwer auf Atomkraft als Brückentechnologie verzichten können. Einige Länder wie Belgien oder Finnland reagieren bereits mit Verlängerung der Laufzeiten von Atomreaktoren. Damit verschafft man sich Zeit für die Energiewende. Es bleibt abzuwarten, inwiefern Deutschland folgt. Noch scheint hier kein Umdenken in Sicht bzw. zumindest tun sich die Regierungspartner in der Ampelkoalition teilweise schwer mit einem solchen Umdenken. Jedenfalls wäre die Laufzeitverlängerung der drei noch laufenden AKWs Isar I, Emsland und Neckarwestheim sowohl ökonomisch (günstige Grundlasterzeugung) als auch ökologisch (kein CO2-Ausstoß) sinnvoll. Angesichts der ohnehin schon knappen Kapazitäten und der hohen Strom- und Gaskosten wäre ein Weiterbetrieb der Reaktoren für einen beschränkten Zeitraum von z.B. fünf Jahren sinnvoll. Ansonsten müsste man die Jahresproduktion von 30 bis 35 Terawattstunden TWh (ca. fünf Prozent des deutschen Stromverbrauchs) in einem ohnehin schon sehr angespannten Markt zusätzlich ersetzen, was weiter steigende Strompreise zur Folge hätte. Theoretisch wäre auch eine Reaktivierung der bereits im letzten Jahr stillgelegten Reaktoren möglich. Dies wäre jedoch aufwändig. Die Reaktoren befinden sich bereits in der Abklingphase, so dass umfangreiche Wartungsarbeiten nötig wären. Zudem wäre eine neue Betriebserlaubnis erforderlich. Andererseits kämen zusätzlich Kapazitäten in den Markt. Diese entsprächen weiteren fünf Prozent der gesamten Stromproduktion. Dies würde sich entlastend auf den Strompreis auswirken.

Dezentraler Ausbau der Stromnetze ist entscheidend

Parallel zum Ausbau der Erneuerbaren Energien müssen auch die Stromnetze ausgebaut werden. Neben großen Stromtrassen ist ein dezentraler Ausbau der Distributionsnetze entscheidend. Hiervon sollte z.B. E.ON profitieren. Das prognostizierte nachhaltige Gewinnwachstum von drei bis fünf Prozent p.a. dürfte sich dementsprechend erhöhen. Allerdings bildet die relativ hohe Verschuldung in Höhe des fünffachen EBITDA ein gewisses Hindernis. Die Aktie ist aufgrund ihres Russlandrisikos deutlich unter Druck geraten. Die Werthaltigkeit des im Pensionsfonds liegenden Anteils an Nordstream I ist zu hinterfragen. Jedoch entspricht der Buchwert von 1,2 Mrd Euro lediglich vier Prozent der Marktkapitalisierung. E.ON selbst bezieht zwar nicht direkt Gas von Gazprom, hat jedoch mit 380 TWh an Lieferverpflichtungen gegenüber Endkunden wie privaten Haushalten oder großen Unternehmen in Europa das größte Exposure. Da Deutschland mehr als 50 % des Gasbedarfs aus Russland bezieht, ist es wahrscheinlich, dass die E.ON-Lieferanten größtenteils ausfallen würden. Sollte kein russisches Gas mehr fließen, wäre dies daher existenzgefährdend. Allerdings ist der Regierung bewusst, dass ein Gasembargo unkalkulierbare wirtschaftliche Folgen hätte und Deutschland in eine noch nie dagewesene Rezession mit schweren Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt und der dauerhaften Abwanderung ganzer, vor allem energieintensiver Industrien, zur Folge hätte.

Es bleibt die Gefahr, dass Gazprom selbst die Lieferungen einstellt. Dies ist jedoch eher unwahrscheinlich, da Russland auf die Devisen angewiesen ist. Zudem kann im Gegensatz zu Kohle oder Öl kein Gas ohne vorhandene Pipelines an andere Abnehmer wie China oder Indien abgesetzt werden. Zwar ist man dabei, nach Fertigstellung der „Power of Siberia I“-Pipeline mit einer Transportkapazität von ca. 61 Mrdm³ nach China nun eine neue Pipeline „Power of Siberia II“ mit einer zusätzlichen Kapazität von 50 Mrdm³ zu bauen, jedoch ist der Bau kostspielig und langwierig (die Bauzeit der ersten Gaspipeline betrug fünf Jahre).

Falls doch kein Gas mehr aus Russland fließen würde, müsste man in Deutschland zu einer Zwangsbewirtschaftung mit Rationierung des Gasbezugs für Industrieunternehmen und private Haushalte übergehen. In diesem Fall dürfte Force Majeure gelten, was dazu führen würde, dass Unternehmen wie E.ON von ihren Lieferverpflichtungen entbunden wären. Auch wäre es gar nicht möglich, sich mit derartig großen Gasvolumina einzudecken, um das russische Gas zu ersetzen.

Übertriebene Kursrückgänge

Ebenfalls übertrieben scheint der Kursrutsch bei Fortum und Uniper. Beide Unternehmen weisen zwar europaweit das größte Russlandrisiko auf. Im Gegensatz zu anderen europäischen Versorgern besitzt man Mehrheitsbeteiligungen an russischen Tochterunternehmen, die rund ein Viertel des Gewinns ausmachen. Ferner ist die Beteiligung von Uniper an „Nordstream II“ im Wert von einer Mrd Euro mit dem Stopp komplett abzuschreiben. Zudem bezieht Uniper rund 160 Mrdm³ an Gas von Gazprom, was im schlimmsten Fall existenzgefährdend wäre. Hier gilt aber das gleiche wie bei E.ON. Zum einem ist es sehr unwahrscheinlich, dass es zu einem Gasembargo oder Lieferstopp seitens Russlands kommt. Zum anderen dürfte in diesem Fall Force Majeure gelten. Der Kursrückgang seit Jahresanfang von fast 50 % bei beiden Versorgern erscheint daher übertrieben. Zumal beide mit ihrem hohen Anteil von Stromerzeugung aus Wasser und Kernkraft in Skandinavien von dauerhaft hohen Strompreisen profitieren dürften. Bei Uniper sollte zudem ein Aufkauf der Minderheiten seitens Fortum, die bereits mehr als 75 % der Anteile besitzen, eine echte Option sein. Als Mehrheitsaktionär haftet man ohnehin für mögliche Risiken eines russischen Gaslieferstopps, könnte jedoch das aktuell günstige Niveau nutzen, um endgültig die volle Kontrolle zu gewinnen und einen Beherrschungsvertrag abzuschließen.

Fokus liegt zu stark auf den Risiken

Festzuhalten bleibt, dass der Markt sich aktuell noch vornehmend auf die Risiken fokussiert. Vor allem ein Gasembargo hätte schwere Folgen für einen Großteil der Versorger, allen voran E.ON und Uniper. Ein Lieferstopp ist jedoch wie beschrieben aufgrund der Folgen unwahrscheinlich und müsste im Falle des Falles als Force Majeure gelten. Aktuell beschränkt man sich auf ein Kohleembargo. Dabei handelt es sich mehr um Symbolpolitik, die Russland nicht wirklich schadet. Im Gegenteil: Kohle ist gut lagerfähig, und Russland kann die nicht abgenommene Kohle zum aktuellen Marktpreis von 300 USD/Tonne zum Beispiel an China oder Indien verschiffen, während der Kontraktpreis mit den deutschen Abnehmern bei geschätzt 40 bis 50 USD/Tonne liegt. Denkbar wäre als nächster Schritt das häufig geforderte Ölembargo. Hauptprofiteure wären hier Ölkonzerne wie Total oder Royal Dutch sowie große US-Konzerne wie Chevron, Exxon, Occidential Petroleum oder Conoco Philipps. Das russische Öl würde trotz allem in China oder Indien Abnehmer finden. Immerhin hätte ein Ölembargo für Versorger keinerlei negative Auswirkungen.

Neben Embargos werden staatliche Interventionen gefürchtet. Größere Eingriffe wie eine Deckelung des Strom- oder Gaspreises scheinen jedoch nicht zu kommen. Man beschränkt sich auf kleinere nationale Eingriffe wie in Italien oder Spanien ohne größere Auswirkung für dort ansässige Versorger wie Enel oder Iberdrola. Im Fokus steht eher eine staatliche Unterstützung einkommensschwacher Haushalte, die besonders betroffen sind vom Anstieg der Strom- und Gaspreise.

So dürften sich Einstiegsgelegenheiten bieten bei Anbietern von Erneuerbaren Energien, die von einem beschleunigten Ausbau profitieren sowie bei Unternehmen, die aufgrund ihres Russlandrisikos zu stark unter Druck geraten sind. Die politisch gewollte zunehmende Unabhängigkeit von Russlands günstigen fossilen Energieträgern wird zu einem dauerhaft hohen Strompreis führen, wovon wiederum Versorger mit von fossilen Brennstoffen unabhängiger Stromerzeugung wie Wasser- oder Kernkraft profitieren sollten.

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Brillantes Umfeld an der Schweizer Börse

Ein Blick nach Zürich lässt Spuren diverser Weltkrisen vermissen.

Roman Steinbauer. Mit 12.300 Punkten liegt der Swiss Market Index (SMI) um gelinde 4,6 % unter dem Allzeit-Top vom 28. Dezember. Der Zürcher Aktienmarkt weist aktuell damit nicht nur eine Zwölf-Monats-Performance von +10 % auf, sondern stieg darüber hinaus um 11 % über den Stand vor Ausbruch der Covid-Krise im Feber 2020. Stark verhielten sich zuletzt erneut Schwergewichte wie Nestle (ISIN: CH0038863350), Novartis (CH0012005267), Zurich Ins. (CH0011075394) und der Vertreter für Augenheilkunde Alcon (CH0432492467). Deutlicher abgestuft wurden indes Papiere des Zahntechnik-Spezialisten Straumann (CH0012280076) und jene von Geberit (CH0030170408). Nach Rückschlägen um bis zu 35 % seit Dezember scheinen hier Bodenbildungen möglich.

Fehlende Börsenäquivalenz
Durch das Scheitern eines erneuten Rahmenabkommens zwischen Bern und der EU erfuhr der Erwerb von Schweizer Valoren durch EU-Bürger seit 1. Juli 2019 deutliche Einschränkungen. Die von der EU-Kommission als „gleichwertig“ gewährte Börsenregulierung (Börsenäquivalenz) unserer Nachbarn lief mit diesem Datum ersatzlos aus. Im Gegenzug entzog Bern seinerseits den EU-Handelsplätzen die Anerkennung, womit Eidgenössische Aktien dort ebenso nicht mehr handelbar sind. Abwicklungen bleiben aber weiterhin über die Börse Zürich oder über den OTC-Markt (Direkthandel über Brokerhäuser) möglich.

Fonds auf unterschiedliche Gewichtsklassen
Ebenso sind auf Schweizer Aktien ausgerichtete Fondsanteile nicht von Beschränkungen betroffen. Um auf führende Dividendentitel zu setzen, bieten sich Produkte wie der „Schroder International Selection Swiss Equity IZ“ (LU2016220936) an. Derzeit hält das Management in dem auf Franken lautenden Anlagepool vorrangig die Roche Holding (CH0012032113) mit 9,7 %, Novartis und Nestle mit jeweils 9,6 %, Richemont (4,7 %; CH0210483332), Zurich Ins. (4,5 %), ABB (3,7 %; CH0012221716) und Givaudan (CH0010645932) mit 3,2 %. Die Gesamtkostenquote (TER Ratio) beträgt 0,81 %.

Um auf geringer kapitalisierte Gesellschaften abzuzielen, ist Mirabaud Asset Management mit dem auf Euro lautenden und ebenfalls thesaurierenden „Equities Swiss Small & Mid I“-Fonds (LU1115429026) präsent. Die TER-Ratio liegt hier bei 1 %. Favorisiert wird hier Sonova (CH0012549785) mit 6,2 % vor Schindler (6,0 %; CH0024638212), Lindt & Sprüngli (5,6 %; CH1110085060), Temenos (5,4 %; CH0012453913) und Vifor Pharma (5,3 %; CH0364749348).

Sehr gute Wirtschaftsdaten
Überraschend: Die Inflation stieg laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik im März auf Jahresbasis um beeindruckend niedrige 2,4 % (Euro Raum 7,4 %). Teils ist dies dem starken Franken geschuldet, der die steigenden Energie-Importpreise bremst. Der Kapitalstrom in die Valuta, die derzeit mit 1,03 CHF pro Euro nahe dem Rekordstand von Jänner 2015 steht, hielt zuletzt an, obwohl die SNB am 24. März den negativen Leitzinssatz von -0,75 % bestätigte. Starke Anzeichen kommen von der Binnennachfrage. Die Einzelhandelsumsätze zogen im Feber um 12,8 % an. Wie erfolgreich exportorientierte Unternehmen unter-wegs sind, zeigt auch der Handelsbilanzüberschuss im Feber. Wie bereits im Dezember wurde mit 5,95 MrdCHF (5,77 Mrd Euro) ein historischer Rekordüberhang der Ausfuhren registriert.

Das Eidgenössische Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) meldete zudem für März eine Arbeitslosenrate (aktiv Beschäftigung suchender Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung) von 2,2 %. Dies markiert den tiefsten Stand seit dem Jahr 2002 und kommt einer Vollbeschäftigung gleich.

Foto: Pixabay / anncapictures

 

 

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Höhepunkt der Immobilienblase

Die Alarmsignale an den (Wohn-)Immobilienmärkten mehren sich.

Michael Kordovsky. Weltweit waren im Zuge der Geldflut und niedriger Zinsen während der Pandemie die Wohnimmobilienpreise im Aufwind. Der 20 US-Metropolen umfassende „S&P/Case-Shiller 20-City Composite Home Price Index“ stieg in den zwei Jahren bis Jänner 2022 um insgesamt 32,4 bzw. um 15,1 % p.a. In der EU beschleunigte sich der Anstieg des Hauspreisindex (HPI) von 5,0 % im vierten Quartal 2019 bis zum vierten Quartal 2021 auf 10,0 % (in der Eurozone von 4,5 auf 9,4 %). Im vierten Quartal 2020 lag der Preisauftrieb noch bei 5,8 %. Mittlerweile ist mit +9,4 % im Euroraum der höchste jährliche Anstieg seit Erhebung der Daten im Jahr 2005 erreicht.

Bis zu knapp 26 % Anstieg in einem Jahr
Der Hauspreisindex (HPI) misst die Preisentwicklungen aller von Haushalten erworbenen Wohnimmobilien (Wohnungen, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser usw.), sowohl Neu- als auch Altbauten, unabhängig von ihrer endgültigen Verwendung und ihren bisherigen Eigentümern. Die HPIs der Mitgliedstaaten werden von den nationalen Statistikämtern erstellt, die Aggregate der HPIs für den Euroraum und die EU von EuroStat. Auf dieser Basis die stärksten Hauspreisanstiege verzeichneten im vierten Quartal 2021 quer durch die EU: Tschechien (+25,8 %), Estland (+20,4 %), Litauen (+19,8 %), Ungarn (19,5 %) und die Niederlande (+18,7 %). Deutschland und Österreich verzeichneten ein Plus von jeweils 12,2 bzw. 14,9 %, während Zypern mit -5,3 % als einziges Land rückläufige Preise registriert.

Überbewertung von Wohnimmobilien bei uns
Klare Fakten liefert die Deutsche Bundesbank im „Monatsbericht Februar 2022“: „Gemäß aktuellen Schätzergebnissen lagen die Immobilienpreise in den Städten im Jahr 2021 zwischen 15 und 40 % über dem Preis, der durch sozio-demografische und wirtschaftliche Fundamentalfaktoren angezeigt ist. Das Kaufpreis-Jahresmiete-Verhältnis bei Wohnungen in Städten lag im Berichtsjahr gut 30 % und in den sieben Großstädten rund 40 % über seinem längerfristigen Mittelwert.“ Weitere „Alarmsignale“ im O-Ton: „Sowohl dem Kaufpreis-Einkommen-Verhältnis zufolge als auch gemäß Schätzergebnissen für die Langfristbeziehung von Immobilienpreisen, Einkommen und Zinsen lagen die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland um 20 bis 35 % über dem Referenzwert.“

Die Aufsicht hat bereits reagiert: Laut BaFin müssen deutsche Banken seit April Wohnimmobilien-Kredite anstatt mit 0,75 % Eigenkapital nun mit 2 % absichern. Mittlerweile steht auch eine Obergrenze für die LTV(Loan-To-Value)-Quote bei Baukrediten zur Diskussion. Ähnlich ist auch die Situation in Österreich, wo der OeNB-Fundamentalpreisindikator für Wohnimmobilien den stärksten Anstieg seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1989 erreichte. Im vierten Quartal 2021 erreichte er mit 29,8 % einen Wert von 7,6 %-Punkten über dem Vorquartal. In Wien lag die Abweichung von den Fundamentalfaktoren sogar bei 35,6 %. Voraussichtlich ab 1. Juli sind seitens der Regulierungsbehörden strengere Mindeststandards in der Vergabe von Wohnkrediten geplant.

Steigende Zinsen
Die Regulierungsbehörden werden strenger und gleichzeitig steigen die Zinsen. Kredite werden schlichtweg teurer und immer weniger Käufer können sich das teure Wohneigentum noch leisten. Mit der Zinswende kehren früher oder später auch in Europa die Sparzinsen wieder zurück. Dann würde auch der Immobilienveranlagungsbedarf defensiver Anleger sinken. Auf jeden Fall sind am langen Ende die EUR-Swapsätze zuletzt kräftig angestiegen. Eine Kostprobe: Vom 31.12.2021 bis 22.4.2022 stieg der 15-Jahres-EUR-Swapsatz von 0,49 auf 1,78 %. Das bedeutet drastisch höhere 15jährige Fixzinsen beim Neuabschluss. Im gleichen Zeitraum stieg auch der Drei-Jahres-EUR-Swapsatz von -0,15 auf 1,22 %, was binnen drei Jahren mehrere Leitzinsanhebungen der EZB impliziert. Eine Anhebungsreihe im Hauptrefinanzierungssatz auf bis zu 1,5 % ist nicht mehr auszuschließen. Dann würden bei einem Aufschlag von 1,25 %-Punkten auf den Drei-Monats-Euribor die variablen Zinsen von 0,75 auf rund 2,75 % steigen. Hingegen könnten 20jährige Fixzinsbindungen dann bereits mehr als 4 % p.a. kosten (in Österreich). Angenommen ein Gebäude ist zur Gänze fremdfinanziert, dann würden auf 20 Jahre gesehen 2 % p.a. an höheren Zinsen bereits einen Mehraufwand ausmachen, der äquivalent zu 40 % des Kaufpreises wäre. Fundamental würde dies – einfach gerechnet – in so einem Fall zum „Ausgleich“ einen Preisnachlass um 40 % erfordern. Da in der Regel entsprechend Eigenmittel im Spiel sind, wären die Folgen so eines Zinsanstiegs eher im Bereich von -20 bis -30 % angesiedelt. Das wäre aber schon ausreichend für eine Welle an Notverkäufen, vor allem bei Frankenschuldnern, die ohnehin mit einer kontinuierlichen Aufwertung des Schweizer Frankens konfrontiert sind.

Kritische (geo-)politische Konstellation
Carsharing, öffentliche Verkehrsmittel und E-Autos sind im Vormarsch und der Autofahrer als effektive „Melkkuh der Nation“ war gestern, zumal nun sogar eine Reduktion der Steuern auf Treibstoffe zur Diskussion steht. Hingegen haben sich gebrauchte Eigentumswohnungen in Wien seit dem Jahr 2000 im Wert mehr als verdreifacht (+208,3 % bis Q4 21; Quelle: OeNB-Wohnimmobilienpreisindex). Welches Ausmaß der Wohnungshype mittlerweile angenommen hat, zeigte bereits der Querschnitt durch Europa. Somit stehen nun die Immobilienbesitzer klar im Visier des Fiskus. Sie sind die neuen „Melkkühe“ des Budgets. Die Immo-ESt in Österreich ist erst der Anfang.

Neue Melkkühe
Leerstandsabgaben oder Zwangsvermietung leerstehender Wohnungen gegen minimale Mietzahlungen des Staates wären weitere Möglichkeiten, genauso wie allgemeine Vermögenssteuern für sogenannte „Reiche“ mit mehr als 1 Mio Euro Nettovermögen. Als gröbere Einschränkungen und Auflagen hinzukommen könnten Mietzinsobergrenzen inklusive fugendichter Umgehungsverbote sowie bei älteren Gebäuden Verpflichtungen zum Umbau auf Niedrigenergieverbrauch (thermische Sanierung etc.). Ein erster Schritt ist bereits die Verpflichtung zum Austausch von Ölheizungen und Ersatz durch ökologischere Alternativen.

Doch am schlimmsten wäre – und das wird in Deutschland bereits diskutiert – ein Gesetz über den Corona-Lastenausgleich ähnlich wie jenes vom 14. August 1952 (Lastenausgleichsgesetz). Damals finanzierte man damit Kriegsentschädigungen. Die Höhe der damit in Verbindung stehenden Abgabe wurde nach der Höhe des Vermögens mit Stand vom 21. Juni 1948 berechnet. Sie belief sich auf 50 % des berechneten Vermögenswertes und konnte in bis zu 120 vierteljährlichen Raten, also verteilt auf 30 Jahre, in einen Ausgleichsfonds eingezahlt werden. So ein Szenario deckt sich auch mit der 2013 vom IWF vorgeschlagenen einmaligen Vermögensabgabe von 10 %. Beispielsweise könnte diese als Zwangshypothek auf Immobilien dann auf zehn bis 30 Jahre abbezahlt werden.

Ein weiteres kritisches Szenario, das sich bereits abzeichnet, wäre ein Rückzug russischer Oligarchen und reicher Investoren diverser anderer Schwellenländer aus der EU und somit auch aus Österreich. Vor allem reiche Russen fürchten um ihr Immobilieneigentum. Beginnen diese und auch andere Gruppen ausländischer Immobilienbesitzer binnen kürzester Zeit mit einem Abverkauf, könnte dies einen Crash bei Luxusimmobilien und in gehobenen Segmenten auslösen.

Foto: AdobeStock / anankkml

 

 

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Langfristanlage mit Investmentfonds

An den erfolgreichen Strategien der Universitätsstiftungen von Harvard und Yale orientieren.

Michael Kordovsky. Die einzelnen Investmentfonds sind Bausteine des Vermögensaufbaus und jeder Investor ist Architekt dieses Aufbaus. Doch immer noch lassen sich Anleger häufig auf gefährliche Markttiming-Debatten ein, bei denen statt des großen Ganzen nur einzelne Werte im Vordergrund stehen. Fakt ist, dass die richtige Mischung und vor allem Kontinuität für langfristige Anlageerfolge relevant ist. Daher gelten nachstehende Regeln.

Markttiming ist tabu
Die meisten eigenen Markttiming-Versuche sind nicht von Erfolg gekrönt. Ausnahme sind allerdings trendfolgende Futures-Fonds, deren professionelle quantitative Handelssysteme Signale aus 100 bis zu mehr als 300 Futures der Bereiche Aktienindizes, Zinsen/Anleihen, Währungen und Rohstoffe verarbeiten. Doch auch diese erleiden zwischenzeitlich längere Durststrecken.

Warum ist Markttiming so gefährlich?
Wer zögert und immer auf den optimalen Handelszeitpunkt wartet, versäumt die besten Börsentage. Beispielsweise brachte es der Dax von 1998 bis 2017 auf 5,6 % p.a. Ohne die besten zehn Tage im Jahr schrumpfte die Performance auf 1,3 % p.a., und wer die besten 20 Tage verpasst hat, verlor jährlich 1,5 %. Auf jeden Fall belegen diverse Studien über längere Zeiträume die Unterlegenheit des Markttimings.

Sparpläne perfekt für volatile Phasen
Wer hingegen in volatilen Märkten monatlich anspart, profitiert vom Cost-Average-Effekt, weshalb Ansparportfolios zumindest anfänglich etwas dynamischer gestaltet werden können. Doch es gibt Grenzen des Cost-Average-Effektes: Er wirkt nicht bei konstant steigenden und konstant fallenden Kursen. Ist Letzteres der Fall, bekommt der Anleger zwar immer mehr Anteile, aber seine Rendite nicht mehr zurück. Im Aufwärtstrend hingegen gibt es für den gleichen Betrag zunehmend weniger Anteile. In der Praxis steigen aber die Aktienmärkte im Einklang mit dem BIP-Wachstum. Doch wer Vermögen aufbaut, investiert besser regelmäßig kleine Beträge in Aktien als gar keine, weshalb Sparpläne trotzdem ihre Berechtigung haben.

Ansparung in FLVs unter bestimmten Bedingungen lukrativ
Unter den Aspekten des Ablebensschutzes und der KESt-Freiheit stellen Fondsgebundene Lebensversicherungen mit breiter Fondsauswahl durchaus eine Anlagealternative dar. Allerdings sollte bei möglichst langer Laufzeit die Möglichkeit monatlicher Auszahlung über langjährige Zeiträume bestehen, da es auch hier zu Glättungseffekten bei den Kursen kommt. Ebenso sollte im Interesse des Kunden ein Blick auf die Kosten geworfen werden.

Diversifikation ist Trumpf
Meister der Asset-Allocation sind die Stiftungsportfolio-Manager der US-Universitäten Harvard und Yale. Die Harvard-Stiftung erzielte in den kritischen Fiskaljahren 2020 und 2021 (enden per 30. Juni) jeweils 7,3 bzw. 33,6 % und seit 1974 rund 11 % p.a. Im ebenfalls per 30. Juni 2021 endenden Fiskaljahr brachte es die Yale-Stiftung sogar auf ein Plus von 40,2 %. In den vergangenen zehn Jahren waren es 12,4 % p.a. und über 36 Jahre unter David Swensen (verstorben 5. Mai 2021) als Chief Investment Officer 13,4 % p.a.

Diese Vermögensaufteilungen sollen zu einem innovativeren Standard-Konzept für ausgewogene bis dynamische Anleger inspirieren, wobei man zwischen Beträgen ab und unter 500.000 Euro differenzieren sollte. Sehr flexibel kann man erfahrungsgemäß ab 500.000 Euro agieren, zumal es in Österreich einen Anbieter Private-Equity-Dachfonds gibt, der bereits ab einem unbelasteten liquiden Finanzvermögen von 250.000 Euro den Zugang zu renditestarken Produkten bietet.

Da festverzinsliche Papiere von staatlichen Emittenten kaum erwähnenswerte Renditen aufweisen, ist eine langfristige Sachwerte-orientierte Mischung erforderlich, um überhaupt noch spürbare Erträge erzielen zu können. Bei Privatanlegern mit weniger Anlagevermögen kann ein etwas defensiverer aber noch immer Sachwert-orientierter Standard-Ansatz verfolgt werden.

Achtung: Diese Standardansätze dienen lediglich als Orientierungshilfen und müssen gemäß den persönlichen Präferenzen individuell angepasst werden.

Foto: AdobeStock / vege

 

 

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Paradigmenwechsel in der Aktienbewertung

Von Stefan Breintner, Leiter Research & Portfoliomanagement und Co-Fondsmanager des DJE – Dividende & Substanz und des DJE – Zins & Dividende bei der DJE Kapital AG.

(21.04.) Steigende Inflationsraten, steigende Zinsen und anhaltende geopolitische Spannungen zwingen Anleger zum Umdenken. In der Bewertung von Aktien findet ein Paradigmenwechsel statt: Faktoren wie Profitabilität und Marktposition werden wichtiger als Umsatzwachstum. Das spielt Dividendenwerten in die Karten.

Seit Mitte März haben sich die wichtigsten Börsen kräftig erholt, und zwar trotz fortdauernder geopolitischer Belastungen und damit verbundener hoher Unsicherheit sowie anhaltendem monetären Gegenwind in den USA. Der weltweite Aktienindex MSCI erzielte in Euro gerechnet im März insgesamt ein Plus von knapp 3,5 Prozent. Mit unserer Dividendenstrategie konnten wir im vergangenen Monat die Benchmark sogar übertreffen. Historisch gesehen ist der April ein guter Monat sowohl für Aktien als auch für Anleihen. Kurzfristige Prognosen bleiben aber schwierig. Dennoch blicken wir konstruktiv auf die kommenden Wochen und bleiben vor allem mittel- und längerfristig positiv gestimmt für Aktien. Bei den aktuellen, sehr tiefen Realzinsen (z.B. Deutschland ca. minus sieben Prozent, siehe Schaubild) und den anhaltend hohen Inflationsraten bleiben Sachwerte wie Aktien die beste Anlagealternative. Unser Fokus liegt dabei auf Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht und damit stabilen oder im Idealfall steigenden Margen.

Aktien oder Anleihen – was steht im Fokus?
Im laufenden Jahr haben sich Mischfonds mit hohen Aktienquoten meist besser geschlagen als solche mit hohen Anleihequoten. Aus unserer Sicht ist es auch weiterhin angebracht, stärker auf Aktien zu setzen. Eines der Kernargumente für Investitionen in Aktien bleibt das sehr tiefe Realzinsniveau (siehe Schaubild). Wir halten einen Fokus auf defensive Aktien für sinnvoll. Das Umfeld für Anleihen bleibt aufgrund der stark steigenden Inflation und der erwarteten Zinsanhebungen, v.a. in den USA, mittelfristig schwierig. Wir sind vor allem bei Unternehmensanleihen mit längerer Laufzeit vorsichtig.

Auf welche Regionen setzen Sie?
USA konjunkturell und börsentechnisch besser als Europa Die USA dürften sich weiterhin konjunkturell und börsentechnisch besser entwickeln als Europa. Der Krieg betrifft die USA weit weniger als Europa, und viele US-Unternehmen profitieren sogar davon. 2022 dürfte es in den USA nicht zu einer Rezession kommen, mit Blick auf 2023 besteht aber auch dort – besonders für den Fall einer zu restriktiven Notenbankpolitik – ein gewisses Rezessionsrisiko.

Ukraine-Krieg belastet Europa, v.a. Deutschland und Europa dagegen werden durch den Krieg in der Ukraine voraussichtlich stark belastet. Zudem wird der deutsche Export Richtung China durch die schwächere Wirtschaftsentwicklung in China beeinträchtigt. Die Abhängigkeit vom russischen Gas ist für Europa ein großer Wettbewerbsnachteil. Hier könnte die Konjunktur durch die hohen Energiepreise und die zunehmende Unsicherheit unter Druck kommen – mit Deutschland als einem der Hauptleidtragenden. Aber aus dem monetären und markttechnischen Blickwinkel bleibt Europa besser unterstützt: Im Falle eines Wahlsiegs von Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich dürfte die EZB auch in den kommenden Monaten weniger restriktiv agieren als die US-Notenbank. Zudem gab es bereits massive Verkäufe europäischer Aktien im ersten Quartal. Dadurch eröffnet sich aus markttechnischer Sicht wieder Raum für Optimismus – der Markt ist überverkauft. Innerhalb Europas dürfte die Region Skandinavien, nicht zuletzt wegen der geringeren Energiepreisabhängigkeit, mit das beste Chance-Risiko-Verhältnis haben.

China bleibt schwierig einzuschätzen und risikoreich China dagegen bleibt weiter schwierig einzuschätzen: Einerseits wird die Immobilienkrise nicht so schnell überwunden sein – auch wenn staatseigene Firmen vermehrt fertiggestellte Wohnungen kaufen. Andererseits hemmt auch der strikte Null-Covid-Ansatz die wirtschaftliche Erholung. Wir bevorzugen daher die USA vor Europa und halten innerhalb Europas Skandinavien für attraktiv. Dagegen lassen wir gegenüber der chinesischen Anlageregion weiterhin Vorsicht walten.

Welche Sektoren sind erfolgversprechend?
Wir sind der Ansicht, dass es derzeit mehr auf die Länder- als auf die Sektorengewichtung ankommt. Im aktuellen Umfeld bleibt das Gesundheitswesen sowohl fundamental als auch markttechnisch eine attraktive Branche. Im Technologiesektor haben wir weiter sowohl relativ zum Weltindex als auch zu Mitbewerbern ein größeres Untergewicht. Die Gewinnentwicklung im Erdöl- und Gas- bzw. Energiesektor sollte im laufenden Jahr sehr gut ausfallen. US-Ölunternehmen könnten zukünftig deutlich mehr investieren.

Seit über 10 Jahren haben Growth-Werte besser abgeschnitten als Value-Werte. Ändert sich das jetzt?
Wir sehen einen Paradigmenwechsel. In den vergangenen Jahren standen vor allem Kriterien wie das Umsatzwachstum im Fokus der Investoren. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Kriterien wie die Preissetzungsmacht von Unternehmen und eine starke Marktposition bzw. die Fähigkeit, die Margen halten zu können, werden aus unserer Sicht wichtiger werden. Die Aktien jener Unternehmen, deren Profitabilität sich nicht verschlechtert, dürften künftig relativ gut laufen bzw. sich überdurchschnittlich entwickeln. Auch Kriterien wie Bewertung und Dividende dürften weiterhin eine größere Bedeutung haben als in den vergangenen Jahren.

Wie viel schütten die deutschen Konzerne dieses Jahr an Dividenden (fürs Geschäftsjahr 2021) aus und warum?
Die Gesamtausschüttungssumme der DAX 40 Konzerne dürfte im Jahr 2022 bei ca. 48 Mrd. EUR liegen. Hintergrund für die Steigerung ist vor allem, dass sich die Gewinnsituation 2021 gegenüber 2020 verbessert hat. Viele Konzerne schütten ja gemäß definierter Ausschüttungsquoten/Ausschüttungskorridore aus. Auch die Entwicklung des freien Cashflows war 2021 bei vielen Unternehmen des DAX 40 sehr gut, was die Dividendenzahlungen im laufenden Jahr für das Geschäftsjahr 2021 fundamental untermauert.

Wie schätzen Sie die Dividendenausschüttungen der deutschen Konzerne im Jahr 2023 ein?
Nimmt man die aktuellen Konsensus-Erwartungen als Grundlage, dann erwartet der Markt eine leichte Steigerung für 2023. Ich persönlich halte das für etwas zu optimistisch. Aufgrund des Krieges in der Ukraine sind beispielsweise viele Lieferketten unterbrochen. Die Folge sind hohe Logistikkosten, und die Energiekosten vor allem für europäische Unternehmen sind deutlich höher als erwartet. Demzufolge könnten sich die Gewinne vieler deutscher Konzerne 2022 schwächer als erwartet entwickeln, was dann wiederum zur Folge haben könnte, dass 2023 etwas weniger an Dividende für das Geschäftsjahr 2022 bezahlt wird.

Worauf sollten Anleger beim Investieren in Dividendenaktien achten?
Vor allem darauf, dass die Dividende auch wirklich verdient wird. Für uns ist ausschlaggebend, dass die freie Cashflow-Rendite über der Dividendenrendite liegt. Vorsicht ist angebracht bei Unternehmen, die etwa 80-100 Prozent ihres Gewinns ausschütten: Solche Unternehmen müssen dann in schwierigen Jahren oft die Dividende kürzen oder ganz streichen, was in der Regel zu stärkeren Kursverlusten bei der Aktie des betreffenden Unternehmens führt. Wir bevorzugen daher generell Unternehmen mit einer Ausschüttungsquote von 40-60 Prozent. Außerdem ist uns wichtig, dass unsere Portfoliounternehmen die Dividende mindestens konstant halten bzw. im Idealfall natürlich jedes Jahr anheben.

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Heilsbringer Wasserstoff

Die Industrie investiert immer mehr in die Entwicklung der neuen Technologie.

Christian Sec. Die OMV plant die Inbetriebnahme einer Elektrolyseanlage ab dem zweiten Halbjahr 2023. Sie soll Wasserstoff durch Spaltung von Wasser herstellen. Die Zehn-Megawatt-Anlage wird jährlich bis zu 1.500 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren. Die daraus resultierenden Einsparungen sollen laut Angaben der OMV bis zu 15.000 Tonnen CO2-Emissionen betragen. Die Investitionssumme liegt bei rund 25 Mio Euro und wird zur Hälfte von der OMV und der Kommunalkredit getragen. Zunächst ist geplant, den grünen Wasserstoff in der Raffinerie Schwechat zur Hydrierung von Pflanzenöl und fossilen Brennstoffen zu verwenden. In einem zweiten Schritt soll der grüne Wasserstoff für die Dekarbonisierung von schwer zu elektrifizierenden Transportsegmenten wie Bussen und LKW verwendet werden.

Schon 2019 hat die Voestalpine auf ihrem Werksgelände gemeinsam mit Partnern wie Siemens und Verbund eine Elektrolyseanlage zur Testung der Erzeugung von grünem Wasserstoff in Betrieb genommen. Die EU hat mit 12 Mio Euro den Löwenanteil des 18-Mio-Euro-Projekts „H2Future“ gestemmt. Im Laufe des zweijährigen Projekts „H2Future“ wurden mehr als 500 Tonnen grüner Wasserstoff durch die Sechs-Megawatt-Anlage erzeugt. Um jedoch die gesamte Stahlherstellung der Voestalpine auf Wasserstoff umzustellen, würde der Konzern die 400-fache Kapazität von „H2Future“ benötigen, wird der Konzern von verschiedenen Medien zitiert. Wie das Prestigeprojekt nach dem Ende der Projektdauer mit Ende 2021 weiter finanziert wird, ist noch unklar. Klar ist nur, dass der Stahlkonzern die Anlage für Forschungszwecke weiterbetreiben möchte.

Verbund als europäischer Player
Gemeinsam mit Voestalpine forscht der Verbund im Rahmen von „H2Future“. Eines der drei wichtigen Strategieziele des Energiekonzerns ist die Positionierung des Unternehmens in der Entwicklung der europäischen Wasserstoffwirtschaft. Ziel dabei ist es, die Wertschöpfungskette zu erweitern – von der Erzeugung über den Transport und die Speicherung bis zum Vertrieb von grünem Wasserstoff. Mit der Verbund-Tochter Gas Connect Austria soll das Gasnetz fit für die Zukunft und den zukünftigen Transport von grünem Wasserstoff gemacht werden.

Auch der Aluminiumhersteller Amag hat im Zuge seiner Dekarbonisierungsstrategie dem Wasserstoff eine wichtige Rolle bei der Substitution fossiler Brennstoffe zugeteilt. Aber die Umstellung wird nicht ohne Schwierigkeiten erfolgen. Für den Wasserstoff brauche man Anlagen, die es nach aktuellem Stand der Technik zum Teil noch gar nicht gibt, erklärte Amag-Chef Gerald Mayr im vergangenen Herbst. Nun habe man mit ersten Grundlagenforschungen zu alternativen Energieträgern gemeinsam mit Partnern im universitären Bereich begonnen, so ein Amag-Sprecher. Hierbei geht es vorrangig darum, den Einfluss alternativer Energieträger auf die Qualität des erzeugten Aluminiums zu verstehen, vor allem auch, weil Wasserstoff mit Aluminium reagiere und Poren und Einschlüsse entstehen. Davon abgeleitet werden in weiterer Folge die erforderlichen Anpassungen in den Produktionsanlagen sowie in der Infrastruktur. So brauche man etwa die dreifache Menge an Wasserstoff, um die gleiche Menge an Energie zu bekommen wie aus Erdgas. Es brauche daher entsprechende Rohre und auch Platz, auch für Transformatoren.

Foto: OMV

 

 

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Die Macht des Stimmrechts

Aktionäre verschaffen sich auf HVs zunehmend Gehör für ihre Anliegen.

Raja Korinek. Das historisch niedrige Zinsumfeld geht allmählich zu Ende. Grund ist freilich die anziehende Inflation. Bondinvestments werden damit zunehmend knifflig. Für viele Anleger liegt die Antwort in einem langfristigen Aktieninvestment, vor allem in jene Unternehmen, die über eine hohe Preissetzungsmacht verfügen.

Doch ein Aktieninvestment umfasst noch weitaus mehr, ein Umstand, der von manch einem Privatanleger teils übersehen wird. Schließlich hat man als Aktionär auch ein Stimmrecht, von dem man auf der Hauptversammlung Gebrauch machen kann, etwa, um einzelnen Punkten zuzustimmen. Oder aber auch, um seinen Unmut zu äußern.

Abstimmung als wichtiger Einflussfaktor
Jedenfalls nutzen immer mehr Fondsgesellschaften weltweit ihre Stimmrechte, so etwa auch die Experten bei der BNP Paribas AM. Michael Herskovich, Global Head of Stewardship, sagt: „Mit unserem Verhalten bei den Abstimmungen können wir immerhin so einiges bewirken.“ Das Unternehmen stimmte allein im vergangenen Jahr auf mehr als 2.000 Hauptversammlungen ab – und stimmte dabei gegen insgesamt 33 % der Resolutionen der Vorstände diverser Unternehmen, in die Fonds der BNP Paribas AM investiert sind.

Ein guter Teil der Einsprüche richtete sich gegen die Ernennung von Vorstandsmitgliedern, etwa dann, wenn dabei das Thema Diversität nicht ausreichend abgedeckt wurde. Orsolya Gal, Senior Stewardship Analyst bei der BNP Paribas Asset Management, präzisiert: „Bereits 2019 beschlossen wir, gegen Vorschläge sämtlicher männlicher Vorstandsmitglieder zu stimmen, wenn im Vorstand keine einzige Frau sitzt.“ Die Anforderungen habe man seither ausgebaut. Seit 2020 müssen mindestens 30 % des Vorstandes weiblich besetzt sein, und zwar in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland.

Im Vorjahr wurde auch Südafrikas Börsenkonzernen eine derartige Grenze auferlegt, für die restliche Welt liegt sie derzeit bei 15 %.

Diversität im Fokus
Auch andere Vermögensverwalter setzen ähnliche Schritte. Ab März 2022 erwartet Goldman Sachs Asset Management, dass in allen börsennotierten Unternehmen global mindestens zwei Frauen im Vorstand sitzen müssen – sofern dieser nicht aus weniger als zehn Mitgliedern besteht oder die lokalen Anforderungen ohnedies über der Mindestzahl liegen. Außerdem wird von Unternehmen des S&P 500 und FTSE 100 erwartet, dass sie mindestens ein Board-Mitglied aus einer unterrepräsentierten Gruppe einer ethnischen Minderheit aufweisen.

Doch auch rund um den Klimawandel wird auf die Macht der Stimme gesetzt. 2021 brachte BNP Paribas auf den Hauptversammlungen bei Exxon und Delta Airlines Resolutionen zur Offenlegung ihrer Lobby-Aktivitäten ein. Schließlich wollte man wissen, wie diese im Einklang mit den Pariser Klimazielen stehen. Denn die Transformation in Richtung Nachhaltig steht bei der BNP Paribas AM hoch im Kurs.

Ein weiteres Kriterium
Ähnlich ist der Zugang bei Aberdeen. „Da Klimawandel und Beschäftigungspraktiken immer stärker in den Vordergrund rücken, stehen zunehmend umwelt- und gesellschaftsbezogene Beschlüsse auf den Tagesordnungen der Hauptversammlungen. 2021 haben wir über rund 280 dieser Beschlüsse abgestimmt, dabei 49 % befürwortet und 50 % abgelehnt“, zeigt Andrew Mason, Stewardship Director bei Aberdeen, auf. Und bei einem Prozent habe man sich enthalten. Mason sagt, man unterstütze Beschlüsse zugunsten von Klima, Diversität und Inklusion grundsätzlich.

Foto: AdobeStock / MQ Illustrations

 

 

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Emerging Markets: Weshalb vor allem Asien lockt

Die Wachstumsaussichten sind intakt, die Anlegerbasis wird zunehmend stabiler.

Raja Korinek. Die Ukraine-Krise hat die Welt der Schwellenländer aufgerüttelt. Russische Aktien sind für heimische Anleger derzeit nicht handelbar. Auch die Indexanbieter haben reagiert. Am 4. April verkündete etwa die Wiener Börse, dass die 17 russischen Depository Receipts (ADRs, GDRs) seit Verhängung der Sanktionen bis auf weiteres vom Handel ausgesetzt sind. Auch einige der Indizes, die den russischen Aktienmarkt abbilden, sind bis zur Aufhebung der Sanktionen gegen russische Aktien vom Handel ausgesetzt.

Doch auch Nachrichten aus China haben viele Anleger verunsichert. Zuletzt wurden erneut harte Lockdowns in Shanghai verhängt. Strenge Regularien schränken seit dem Vorjahr obendrein die Geschäftsmöglichkeiten von Internetriesen wie Tencent (ISIN: KYG75721634) ein. Auch die kräftige Zinswende belastet die Märkte in den Schwellenländern teilweise. In Brasilien haben die Leitzinsen bereits 10,75 % erreicht, in Mexiko 6,5 %.

Auch an der Börse besteht Aufholbedarf
Die Folgen spiegeln sich auch in der Wertentwicklung auf den Börsen aus den Regionen wider. Auf ein Jahr liegt das Minus beim MSCI Emerging Markets Index bei rund 11,4 %. Demgegenüber verzeichnete der MSCI Weltindex – der auf Aktien aus den Industrienationen setzt – ein Plus von 10,12 %. Die Daten sind per Ende März.

Michael Altintzoglou, Fondsmanager des „FvS Global Emerging Markets Equities“ (LU1012015118) beim deutschen Vermögensverwalter Flossbach von Storch, will die jüngsten Entwicklungen jedoch nicht überbewerten. Er räumt den Regionen noch reichliche Wachstumschancen ein, die jedoch selektiv genutzt werden sollten. Russland etwa habe man länger beobachtet und sich bereits vor Ausbruch des Konflikts gegen ein Aktieninvestment entschieden.

Altintzoglou bemängelt etwa die fehlende Rechtssicherheit und die relativ einseitige Wirtschaftsstruktur, wie er sagt: „Das Land ist sehr abhängig von Rohstoffen. Das ist kein tragfähiges Wachstumsmodell, zumal solche Branchenunternehmen keine Preissetzungsmacht haben, sondern sich nach den Marktpreisen richten müssen.“

Steigende Compliance-Kosten
In China sieht der Marktprofi rund um die regulatorischen Verschärfungen das Schlimmste ausgestanden. Immerhin habe Chinas Führung betont, den Konzernen mit solchen Maßnahmen nicht schaden zu wollen. Vielmehr stünde laut Peking die gesellschaftliche Gerechtigkeit im Mittelpunkt. „Die betroffenen Konzerne müssen jetzt zwar mehr Geld für Compliance aufwenden. Dafür sind deren Bewertungen an der Börse nun aber günstiger“, wiegelt Altintzoglou ab. Im „FvS“ zählt beispielsweise Tencent zu den größten Positionen. Doch auch im Finanzbereich werden Chancen genutzt, etwa mit dem Versicherungsriesen AIA Group (HK0000069689). Die zahlungskräftige Mittelschicht in der Region wächst, der Bedarf an entsprechenden Produkten ebenso.

Regional nimmt Indien die zweitgrößte Gewichtung ein. Der hohe Ölpreis belaste zwar die Leistungsbilanz, „dennoch steht das Land grundsätzlich auf soliden Beinen“. Aus Sicht eines Anlegers stimmt ihn der Umstand positiv, dass immer mehr Menschen aus dem Inland ihr Geld am indischen Aktienmarkt investieren, die Anlegerbasis damit stabiler wird.

Altintzoglou nutzt aber auch Chancen in den Industrienationen, was die Gewichtung von US-Titeln mit rund 13,5 % im Fonds erklärt: „Wichtig ist, dass es sich um solide Wachstumskonzerne handelt, die einen guten Teil ihres Umsatzes in den Emerging Markets erzielen.“

Foto: Pixelio / Martina Marten

 

 

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Bessere Risikostreuung mit Investmentfonds

Ein Kommentar von Mag. Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien Steiermärkische Sparkasse.

(08.04.) Am 19. April 2022 begeht die österreichische Fondsbranche zum zehnten Mal den Weltfondstag – Grund genug für einen Faktencheck. Seit die Finanzmarktaufsicht im Jahr 2014 begann, das Fondsvermögen zu erfassen, stieg es kontinuierlich an. Im Vorjahr betrugen die Zuwächse netto fast sieben Prozent, mit Kursgewinnen ergibt sich sogar ein Plus von fast 14 Prozent. Mit einem global ausgerichteten Investmentfonds wahrt man auf lange Sicht Chancen auf Gewinne, so die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking, wenngleich die Märkte krisenbedingt kurzfristig angespannt bleiben.

Der „Vater des Fondsgedankens“
Warum feiert die Branche am 19. April? An jenem Tag des Jahres 1744 wurde der Vater des Fondsgedankens, der Niederländer Abraham van Ketwich geboren. Er stellte fest, dass mit Hilfe eines Investment-Fonds die Risiko-Streuung deutlich besser gelingt und die Kosten für jeden einzelnen Anteilsinhaber sinken, wenn Gelder gebündelt werden. Damit wurde der Grundstein für die moderne und weltumspannende Investmentfonds-Industrie gelegt.

Heute sind Investmentfonds in allen Ausprägungen aus der Finanzwelt nicht mehr wegzudenken. Global orientierte Fondsmanager haben stets alle Märkte im Blick und gestalten aktiv die taktische Ausrichtung der Anlagestrategie – immer mit dem Fokus auf jene Regionen, Bereiche und Konzerne, die mittel- und langfristig die höchste Chance bieten, von den globalen Markt-Opportunitäten partizipieren zu können.

Der Ukraine-Krieg
Der Ukraine-Krieg überschattet derzeit alles, vor allem das menschliche Leid übertrifft alle Vorstellungen. Daher mag es zynisch klingen, doch die Finanzmärkte können in der Regel regionale Konflikte recht gut verkraften – zumindest zeigen das die Daten der Vergangenheit. In breit aufgestellten, global orientierten Investment-Fonds-Portfolios gibt es daher keine Tendenz und Notwendigkeit, die Ausrichtung der Veranlagung zu verändern. Die Welt der Geldanlage ist nämlich viel größer als Europa. Investoren, die bisher einen deutlichen Anlage-Schwerpunkt in Europa haben, sollten ihre Strategie überdenken: Dauerhaft birgt eine globale Veranlagung – idealerweise mit einem breit aufgestellten globalen Investmentfonds-Portfolio – solide Chancen.

Dominanz der USA
Die US-amerikanische Wirtschaft bleibt von ungünstigen Auswirkungen des Angriffskrieges auf die Ukraine weitgehend verschont. Von der angespannten Situation am Energiemarkt könnten die USA sogar profitieren, da sie eigenes Flüssiggas produzieren und davon bereits größere Mengen als vor der Krise exportieren. Somit behalten die Vereinigten Staaten ihre dominante Position, wenn es um Aktien, Anleihen & Co geht. Auch eine weitere Stärkung des US-Dollar gegenüber dem Euro ist vorstellbar. An Bedeutung gewinnen werden die asiatischen Wirtschaftslokomotiven China und Indien. Beide Volkswirtschaften werden Vorteile aus günstigen Energiepreisen lukrieren, denn sie beziehen russisches Öl mit einem Abschlag von minus 25% auf den Marktpreis. Damit einhergehen wird dort eine stärkere Fokussierung auf die Binnenwirtschaft und ein größeres Gewicht der eigenen Währungen.

Neue Wettbewerbsvorteile
Die Gefahr, dass Konzerne der USA und Asiens in Hinkunft die neuen Wettbewerbsvorteile gegenüber Europa nutzen, steigt rapide an. Auch wenn die generellen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der europäischen Industrie mit Russland und der Ukraine überschaubar sind, ist die derzeit so heftig diskutierte und enge Energieverflechtung mit Russland ein Damoklesschwert. Die stark von Energie und Export abhängigen europäischen Industrien, etwa der Maschinenbau oder die Autoproduktion, kommen ins Wanken. Die Wachstumsaussichten gewichtiger Branchen müssen revidiert, deren strategische Ausrichtung muss überarbeitet werden. Gleichzeitig können sich daraus für Europa aber auch Chancen ergeben – nämlich die eigenen kreativen und innovativen Potenziale wieder zu nutzen und neue Wege zu gehen. Etwa in der Energieeffizienz, der Innovationsführerschaft oder der Stärkung des Dienstleistungssektors.

Inflation und Negativzinsen
Kein europäisches Phänomen, doch deshalb nicht weniger brisant ist die Inflation, die voraussichtlich beharrlicher ist als zu Jahresbeginn noch angenommen. Die temporären Effekte aus der Rohstoff-, Energie-, Agrar- und Lieferkettenpreisentwicklung werden durch die kommenden Zweitrundeneffekte bei Konsumentenpreisen und Lohnerhöhungen durchschlagen und möglicherweise länger und höher ausfallen als derzeit vorstellbar. Dennoch: Die Notenbanken werden nach derzeitigem Stand die Zinsen nicht in dem Maße wie in den 1970er und 1980er Jahren anheben. Der absolute Zinssatz wird zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten 18 Monaten in die Höhe klettern, doch werden die Zinsen real (abzüglich Inflation) negativ bleiben. Die Europäische Zentralbank (EZB) muss insbesondere darauf achten, die hohe Staatsverschuldung für die Euro-Staaten verdaulich zu halten. Zweifellos kommt den Notenbanken die Aufgabe zu, eine Rezession zu vermeiden und sie werden es mit aller Macht versuchen. Eine globale Rezession wird in den aktuellen Analysen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank derzeit nicht als Hauptszenario gesehen. Eine Stagflation – also ein stagnierendes Wachstum bei gleichzeitiger Inflation – ist aber nicht auszuschließen.

Günstig für Schuldner
Unternehmen, die sich finanzieren müssen, sowie Schuldner werden also weiterhin ein für sie günstiges Umfeld vorfinden. Anleger, die Renditen über der Inflation erzielen wollen, müssen ein gewisses Risiko und Volatilität in Kauf nehmen. Ein Investmentfonds, bei dem Profis am Werk sind, schützt zwar nicht vor Verlusten, federt aber – wenn er breit und global investiert – viele Risiken ab.

Foto: Steiermärkische Sparkasse

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Auf nach Nordamerika

Ein zweites Standbein in Übersee ist gerade in Krisenzeiten gut.

Christian Sec. Gerade der Russland-Ukraine-Konflikt zeigt, dass die Konzentration auf einen Markt erhebliche Risiken für Unternehmen birgt. Der Krieg könnte mittelfristig Europa viel stärker treffen als Nordamerika. Die Unternehmen, die sich ein starkes Standbein in Nordamerika aufgebaut haben, könnten daher die Krise auch besser absorbieren. Für viele österreichische Unternehmen ist Nordamerika zusammen mit Europa eine Kernregion.

2021 übernahm der Ziegelhersteller Wienerberger das US-Unternehmen Meridian Brick um 250 Mio Euro. Das in Georgia beheimatete Unternehmen ist kapazitätsmäßig der größte Produzent von Fassadenlösungen in den USA und verfügt auch über eine starke Marktposition in Kanada. Mit mehr als 1.000 Mitarbeitern in 20 Werken in den USA und Kanada erwirtschaftete Meridian Brick im Geschäftsjahr zum 30.6.2020 Umsätze von mehr als 400 Mio USD. Wienerberger ist durch die Übernahme, laut eigenen Angaben, Marktführer für nachhaltige Fassadenlösungen auf dem nordamerikanischen Markt geworden. Im vierten Quartal 2021 lag der Umsatzanteil des Konzerns in Nordamerika bei rund 20 %, der Anteil des Ebitda gar bei 22,7 %.

Wie wichtig eigene Produktionsstätten gerade in den USA sind, erzählt der Sprecher von Palfinger Hannes Roither. Über viele Jahre habe man recht erfolglos versucht, auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Erst durch die Akquirierung von fünf Produktionsstandorten zu Beginn der 2000er-Jahre begann man Erfolge zu erzielen. „Der US-Markt verlangt nach Produkten ,Made in USA‘“, so Roither zum Börsen-Kurier. Heute erwirtschaftet das Unternehmen rund 20 % seines Umsatzes in der Region Nordamerika, wobei der Geschäftsanteil wächst. In den nächsten Jahren will man den Anteil auf 25 % ausbauen, so Roither.

Der Anlagenbauer Andritz erzielt von seinen etwa 6,5 Mrd Euro Gesamtumsatz rund 20 % in Nordamerika, im Vergleich dazu kommt Andritz in Europa auf einen Umsatzanteil von 33 % im vergangenen Jahr. 15 % der weltweiten Fertigungskapazitäten des Anlagebauers befinden sich in Nordamerika.

Mitarbeiterfluktuation und Einfuhrzölle
Nicht immer läuft aber alles nach Plan beim Aufbau neuer Betriebsstätten in Nordamerika, wie die Voestalpine bei der Errichtung des Roheisenwerkes in Corpus Christi in Texas schmerzhaft erfuhr. Zuerst stiegen die Errichtungskosten vor allem aufgrund von Preisanstiegen bei Baumaterialien um rund ein Drittel über den budgetierten Wert, dann wurden aufgrund der Rücknahme von Ertragserwartungen hohe Abschreibungen auf die Anlage fällig, die in den letzten beiden Geschäftsjahren rund 370 Mio Euro betrugen. Das war aber noch nicht alles. So hatte der Standort mit hoher Mitarbeiterfluktuation zu kämpfen. Insgesamt erwirtschaftet die Voestalpine rund 13 % ihrer globalen Umsätze in Nordamerika, fast zwei Drittel dagegen in Europa.

Die Unternehmensrisiken gehen bei einem Nordamerika-Engagement weit über das Währungsrisiko hinaus. So nennt der Cellulosefaser-Hersteller Lenzing, der rund 4,5 % seiner gesamten Produktionskapazität in einem Lyocell-Werk in Mobile betreibt, die höheren Haftungsrisiken im US-Recht.

Auch der Aluminiumhersteller Amag machte schlechte Erfahrung, als der ehemalige US-Präsident Donald Trump Einfuhrzölle für Stahl- und Aluminiumimporte für die EU-Länder verhängte. So hatte der Konzern 2018 mit einem 10 %igen US-Einfuhrzoll auf Alu zu kämpfen, der die Margen schmälerte. Immerhin werden 30 % des Amag-Konzernumsatzes in Nordamerika verdient.

Foto: AdobeStock / Lazy Bear

 

 

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Was tun gegen die steigende Teuerung?

Rohstoffpreise heizen Inflation an – Zertifikate bieten Chance, sich zu wappnen.

Raja Korinek. Die jüngsten Zahlen zur Inflation in der Eurozone bestätigen den Aufwärtstrend. Die Teuerung erreichte im März im Jahresvergleich 7,5 %. Auch in den USA schnellt die Inflation nach oben, „und erreichte zuletzt den höchsten Stand seit den 1980er- Jahren“, konstatiert Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management bei seiner Präsentation „Investieren in Zeiten hoher Inflation“. Der Börsen-Kurier war dabei.

Aufgrund der Entwicklung rechnet Galler in den USA mit zügigen Zinsanhebungen seitens der FED, auch da es jenseits des Atlantiks zu hohen Lohnsteigerungen kommt. Der Grund liegt für Galler auf der Hand: Derzeit gebe es 11 Mio offene Stellen versus 6 Mio Arbeitslose. „So eine Diskrepanz hat es selten gegeben.“

Ein wenig eingetrübter ist das Bild in Europa. Hier treiben steigende Rohstoffpreise – etwa aufgrund Lieferengpässe vieler Commodities aus Russland – die Inflation stärker an. Damit steckt die EZB in einer Zwickmühle, da steigende Rohstoffpreise mit Zinsanhebungen kaum bekämpft werden können. Allzu aggressive Zinsschritte könnten der Konjunkturentwicklung einen weiteren Dämpfer verpassen. „Letztendlich droht das Wachstum auf realer Basis zu erodieren“, sagt Galler.

Europa im Bann des Ukraine-Konflikts
Dabei könnte sich die Lage verschärfen, nachdem ein möglicher Lieferstopp von russischem Erdgas im Raum steht – genauso wie ein mögliches EU-Embargo für russische Energieträger. „Auch die jüngsten Preisanstiege bei Agrargütern sollten nicht unterschätzt werden.“

Galler verweist aber auch auf wichtige Gegengewichte und meint, die Konsumausgaben für Energie und Lebensmittel seien in den vergangenen Jahrzehnten in den USA stetig gesunken. Sie machen inzwischen nur noch rund 12 % des PCE-Indexes (Personal Consumption Expenditures) aus, der die Konsumausgaben in den USA misst. In Europa verweist Galler auf den EU-Wiederaufbaufonds als wichtige Konjunkturstütze.

Chancen auf fixe Zinsen
Doch selbst ein inflationäres Umfeld kann Anlegern Chancen bieten, etwa mit Zertifikaten. Die RCB bietet das Bonus-Zertifikat „Europa Inflations Bonus&Sicherheit 4“ an (ISIN: AT0000A2VBB8). Mit diesem Zertifikat erhalten Anleger jährlich einen Zinssatz, der sich aus zwei Komponenten zusammensetzt: 0,4 % jährlicher Fixzinssatz plus der Inflationsrate der Eurozone. Die Rückzahlung des Nominalbetrags zum Laufzeitende erfolgt zu 100 %, wenn der Euro Stoxx 50 Index während der Laufzeit immer über der Barriere von 1.717,59 Euro notiert.

Wird hingegen die Barriere berührt oder unterschritten, bewegt sich der Kurs des Zertifikats 1:1 mit dem Basiswert. Verluste sind dann möglich. Und etwaige Kursgewinne auf den Startwert von 3.505,29 Euro begrenzt.

Rohstoffe als Inflationsschutz
Einen anderen Ansatz hat man beim „Vontobel Inflation Influenced Index“-Zertifikat (DE000VX3DCQ5) gewählt. Ein guter Teil des Indexes investiert in Unternehmen, die innerhalb ihres Segments einen hohen Marktanteil und eine solide Preissetzungsmacht haben. Sie können steigende Kosten an Konsumenten gut weitergeben. Zu den „Auserwählten“ zählen die Schweizer Pharmariesen Roche und Novartis, aber auch der US-Ölkonzern Chevron.

Ein weiterer Teil des Indexes wird in Rohstoff-ETFs investiert, die auf die künftige Preisentwicklung von Commodities setzen. In Zeiten, in denen die Inflation ausgerechnet von steigenden Notierungen angetrieben wird, kann ein Rohstoffinvestment einen guten Schutz bieten.

Foto: AdobeStock / Andrey Popov

 

 

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Profiteure der Energie-Diskussionen

Ausbau der Energieinfrastruktur könnte bestimmte Aktien beflügeln.

Michael Kordovsky. Durch die erhöhte Volatilität infolge der verstärkten Einspeisung von Solar- und Windstrom in die europäischen Netze steigt die Gefahr eines Blackouts. Ein weiterer Punkt ist die Sicherheit vor feindlichen Hackern. Ohne Erneuerung werden laut einer Studie von Monitor Deloitte in Europa im Jahr 2030 40 bis 55 % der Niederspannungsleitungen mehr als 40 Jahre alt sein. Die im Jänner 2021 publizierte Studie auf Basis von zehn europäischen Ländern geht im Hinblick auf die Energiewende bis 2030 in Europa von einem Investitionsbedarf von 375 bis 425 Mrd Euro aus. Mit der

richtigen Energieinfrastruktur könnte die EU langfristig jährlich 175 Mrd Euro an fossilen Treibstoffimporten und 28 bis 37 Mrd Euro an Stromkosten einsparen. Besonders viele Schwachstellen haben die veralteten Stromnetze in den USA. Staatliche Infrastrukturprogramme können hier ansetzen.

Aufbau der Strominfrastruktur und Netzbetreiber
Auf jeden Fall ist Siemens (ISIN: DE0007236101) potenzieller Profiteur durch die Kombination von Engineering, Energieeffizienz, Smart Grid und Cybersicherheit. Auf Basis eines Kurses von 126 ist die Aktie mit einem für 2023 erwarteten KGV von 13,5 bewertet. Ein weiterer Lieferant von Strominfrastruktur ist ABB (CH0012221716), während General Electric (US3696043013) vor allem in den USA punkten könnte. Letztere überzeugte mit permanent positiven Gewinnüberraschungen in den vergangenen vier Quartalen. Im Schnitt lagen die Quartalsergebnisse laut Zacks Investment Research um 41,6 % über den Analystenschätzungen. Indessen eine Gewinnverdopplung im Jahr 2023 erwartet der Schätzungskonsens von Zacks bei Itron (US4657411066), deren KGV dann bei attraktiven 17,3 liegen würde.

Itron (US4657411066) ist Anbieter von Gas-, Wasser-, Energiezählern und weltweit führend bei intelligenter Straßenbeleuchtung. Als Strom- und Gasnetzbetreiber in Großbritannien interessant erscheint National Grid (GB00BDR05C01), deren Erträge in den kommenden Jahren wieder kontinuierlich wachsen sollten.

Gaspipeline-Betreiber und erneuerbare Energien
Eine gesicherte Erdgasversorgung ist wichtiger denn je. Die italienische Snam (IT0003153415) betreibt in Europa ein Erdgas-Pipeline-Netz von 41.000 Kilometer Länge (Italien, Österreich, Frankreich, Großbritannien und Griechenland). Nur 1,5 % der transportierten Volumina stammen von russischen Gesellschaften und Snam hat keine Direktinvestments in Russland und der Ukraine. Von 2013 bis 2020 konnte das Unternehmen den Gewinn/Aktie von 0,28 auf 0,36 Euro steigern. Die Ertragslage ist stabil und auf Basis eines Kurses von 5,18 ist eine Dividendenrendite von 4,8 % zu erwarten. Das Unternehmen setzt sich intensiv mit Wasserstoff-Wirtschaft auseinander.

Noch ein enormer Investitionsbedarf liegt in den Bereichen Windkraft und Wasserstoffinfrastruktur. Vestas Wind Systems (DK0061539921) gilt als einer der weltweit größten Anbieter von Windkraftanlagen und wurde im Jänner 2022 im 18. jährlichen Global 100 Ranking von Corporate Knights zum weltweit nachhaltigsten Unternehmen gekürt. Somit ist die Aktie unabhängig von Bewertungsdaten auf jeden Fall ein Standardinvestment nachhaltiger Fonds. Doch auch die Wachstumsdynamik stimmt. 2021 erreichte der Auftragsbestand einen neuen Rekordwert und der freie Cashflow stieg von 2019 bis 2021 von 94 auf 183 Mio Euro.

Ein Basisinvestment für die Wasserstoffwirtschaft ist die Linde plc (IE00BZ12WP82), die be-reits vor mehr als einem Jahr ankündigte, in Leuna den größten PEM-Wasserstoff-Elektrolyseur der Welt mit 24 Megawatt Leistung zu errichten. Ab Mitte 2022 sollen dort jährlich bis zu 3.200 Tonnen Wasserstoff mit zertifiziertem Ökostrom hergestellt werden.

Foto: Pixabay / distelAAPArath

 

 

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Unterschätzte Biotech-Newcomer

Klein- und mittelkapitalisierte Unternehmen finden wenig Beachtung. Ein Kommentar von Dr. Daniel Koller, Head Investment Team BB Biotech bei Bellevue Asset Management.

Für viele Investoren ist Biotech zurzeit nicht besonders attraktiv. Der Nasdaq Biotechnology Index, der wichtigste Börsenindex des Sektors, hat in den letzten zwölf Monaten fast 20 % an Wert verloren. Während Branchenschwergewichte wie Moderna oder Regeneron vereinzelt kräftige Kursgewinne verzeichneten, verloren die meisten klein- und mittelkapitalisierten Biotechs überdurchschnittlich. Diesen Trend reflektieren die Verluste von 40 % beim „S-Network Medical Breakthrough Index“ (PMBI) und beim „S-Network Healthcare Innovation Index“ (PHIX). Beide Indizes bilden niedrig kapitalisierte Biotechs und Pharmaunternehmen ab. Schwerpunktmäßig handelt es sich dabei um Firmen mit Produkten in der klinischen Phase II oder III. Ausschlaggebend für den aktuellen Abwärtstrend ist jedoch aufgrund der steigenden Inflation vor allem die Sektorrotation, weg von Growth hin zu Value. Dies hat den Biotechsektor undifferenziert getroffen. Biotechfirmen, die noch ohne Umsätze mit einem zugelassenen Produkt ihre Entwicklungspipeline finanzieren müssen, werden besonders abgestraft. Angesichts der steigenden Zinsen werden künftige Gewinne wegen der mit den steigenden Zinsen einhergehenden höheren Diskontierungssätzen von Analysten weniger hoch bewertet. Die gesamte Biotechbranche wird dabei von Anlegern undifferenziert abgestraft. Zahlreiche Small und Mid Caps sind jedoch mittel- bis langfristig gut durchfinanziert und finanziell weitaus besser ausgestattet als in der Vergangenheit.

In fundamentaler Hinsicht könnten kleine und mittelgroße Biotechs von einer Markterholung bei Biotechaktien überproportional profitieren. 65 % aller Wirkstoffe, die sich 2021 weltweit in der klinischen Entwicklung befanden, wurden nach einer Studie des IQVIA Institute für Human Data Science von Biotechfirmen durchgeführt, die weniger als 500 MioUSD Jahresumsatz hatten und jährlich weniger als 200 MioUSD in ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben investierten. Noch 2016 lag der Anteil dieser von IQVIA als Emerging Pharma Companies klassifizierten Unternehmen bei unter 50 %. Wie deutlich diese Biotechs gereift sind, zeigt eine andere Zahl der Studie: für 76 % ihrer entwickelten Produkte stellten die Unternehmen 2021 eigene Zulassungsanträge. Das ist ein klares Indiz für die gestiegene finanzielle Unabhängigkeit, welche die Unternehmen in eine vorteilhafte Lage versetzt, ihre Produkte ohne Partner in Eigenregie zu vermarkten und damit über ein höheres Gewinnpotenzial zu verfügen.

Pipeline ist gefüllt
Die Small und Mid Caps unter den Biotechs können das Kommerzialisierungspotenzial immer besser abschöpfen, weil sie bei Therapien der neuesten Generation häufig zu den Pionieren zählen. An erster Stelle zu nennen sind hier die Zell- und Gentherapien, das Gene Editing und die mRNA-Technologie, die mit den Impfstoffen gegen Covid-19 von Moderna und BioNTech den großen Durchbruch geschafft haben. Rund 800 klinische Wirkstoffe sind aktuell solchen neuartigen Ansätzen zuzuordnen. In fundamentaler Hinsicht sind kleine und mittelgroße Biotechs folglich sehr gut aufgestellt. Der entsprechende kurstreibende Nachrichtenfluss ist vorhanden, denn in diesem Jahr wird vor allem in der Krebsmedizin, der Neurologie und den seltenen genetisch bedingten Erkrankungen eine Vielzahl von klinischen Studienergebnisse und Zulassungsentscheidungen erwartet.

Das Beteiligungsportfolio von BB Biotech sollte davon überproportional profitieren. Auf Sicht der nächsten drei Jahre schätzen wir, dass sich der Jahresumsatz der Beteiligungsfirmen mehr als verdoppelt. Ein Großteil der Produktzulassungen entfällt auf die Indikationen Krebs, Stoffwechsel -und Nervenerkrankungen (ð Grafiken). Bei den Portfoliofirmen Alnylam und Ionis erwarten wir für 2022 die Entscheidung zur Zulassung für jeweils eine Therapie zur Verringerung der Symptome bei TTR-Amyloidose. Bislang gibt es keine adäquaten Behandlungsoptionen für diese erblich bedingten krankhaften Eiweißablagerungen, die zu schweren Organschäden führen. Dementsprechend hoch ist die Preissetzungsmacht.

In der Krebsmedizin steht Arvinas vor dem Durchbruch mit seiner neuartigen Technologieplattform für Moleküle, die krankheitsauslösende Proteine abbauen und dabei vor allem bei Zielmolekülen ansetzen, die mit herkömmlichen Therapieansätzen als nicht behandelbar gelten. In diesem Jahr soll die zulassungsrelevante klinische Studie für das am weitesten fortgeschrittene Produkt ARV-110 zur Behandlung von Prostatakarzinomen starten, für den Arvinas bei der US-Behörde ein beschleunigtes Zulassungsverfahren erreichen will.

Zwei weitere klinische Phase-III-Studien beginnt Arvinas mit Partner Pfizer für den Wirkstoff ARV-471 bei metastasierendem Brustkrebs, bei dem vorherige Therapien nicht mehr anschlagen. Relay Therapeutics ist ein anderer Vorreiter in unserem Beteiligungsportfolio. Das Unternehmen bedient sich der künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen, um die vielversprechendsten klinischen Kandidaten zu identifizieren. Dabei modelliert und analysiert Relay am Bildschirm in frühen klinischen Studien Proteinbewegungen, um über die Interaktionen von Wirkstoff und pharmakologischem Ziel die Moleküle mit dem besten Wirkprofil zu identifizieren.

Sentiment verbessert sich
Mit der wachsenden Zahl an Erfolgsmeldungen sollten wieder mehr Investoren dem Sektor Aufmerksamkeit schenken. Das Stimmungsbild dreht sich langsam bereits wieder zugunsten des Biotechsektors als Ganzes. Der jüngsten Umfrage von RBC Capital Markets zufolge erwarten 66 % der befragten Investoren eine Biotech-Outperformance in diesem Jahr. Waren es in der zweiten Jahreshälfte 2021 noch 49 %, die Biotechs als unterbewertet einschätzten, sind es jetzt 64 %. Zugleich beabsichtigen 58 % der Befragten ihr Exposure in Biotech zu erhöhen.

Foto: Bellevue Asset Mangement

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Die Sanktionen und ihre Folgen für Osteuropa

Eine Analyse der wirtschaftlichen Konsequenzen der Ukraine-Krise auf die CEE-Region.

Raja Korinek. Der Krieg in der Ukraine dauert an, die Sanktionen werden härter. Die USA haben ein Importembargo auf russisches Öl verhängt. Auch die EU hat eine Reihe an Sanktionen erlassen, wobei Mitte März das vierte Paket beschlossen. Es umfasst etwa Einfuhrbeschränkungen für ausgewählte Produkte der russischen Eisen- und Stahlindustrie sowie ein umfassendes Verbot neuer Investitionen in den russischen Energiesektor. Bereits zuvor wurde der Export von Technologiegütern und Technologien für den Ölsektor verboten. Obendrein ziehen sich immer mehr europäische Unternehmen aus Russland zurück.

Freilich, die wirtschaftlichen Folgen sind auf beiden Seiten der Fronten zu spüren. Grzegorz Sielewicz, Ökonom für die Region Zentral- und Osteuropa (CEE) beim Kreditversicherer Coface, geht in seiner jüngsten Arbeit auf eben diese ein. Der Börsen-Kurier war bei der Präsentation dabei.

Hohe Rohstoffabhängigkeit
Sielewicz verweist zunächst auf die hohe Abhängigkeit der EU von Russlands Rohstoffen. Mehr als 40 % der Gasimporte kommen aus der Region. Ebenso wenig sollten die großen Mengen an Weizen- und Kaliexporte unterschätzt werden, wobei auch Belarus jede Menge nach Europa geliefert hatte – bis diese Anfang März aufgrund westlicher Sanktionen gestoppt wurden. „Nun, da die Düngemittelpreise weltweit steigen, belastet solch ein Embargo umso mehr“, konstatiert der Coface-Experte.

Auch der zunehmend schleppende Import zahlreicher Industriemetalle aus Russland – dazu zählen Palladium, Nickel und Platin – bekommt Europas Industrie zunehmend zu spüren. Dies verschärft die ohnedies angespannte Lage etwa in der Chip- und Automobilindustrie.

Auch bei Russlands Konjunktur werde der Handelskrieg tiefe Spuren hinterlassen. Sie dürfte Coface-Schätzungen zufolge heuer deshalb um rund 7,5 % schrumpfen. „Weitere Abwärtsrevisionen können nicht ausgeschlossen werden.“ Noch vor Ausbruch der Ukraine-Krise lag die Prognose bei +2,6 %.

Wirtschaftswachstum schrumpft
Doch auch für die CEE-Region wurden die Prognosen für heuer nach unten revidiert. Ein besonderes geringes Wirtschaftswachstum räumt Coface Estland mit 1,5 % ein, gefolgt von Litauen mit 1,6 % ein. Die Regionen hatten bislang sehr enge wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland. Litauen liefert etwa jede Menge Maschinen nach Russland. Aus Estland sind es vor allem Computer. Demgegenüber werden Ungarn (3,9 %) und Polen (3,5 %) die höchsten Wachstumsraten in der Region eingeräumt. Für Österreich wird die BIP-Prognose auf 3,4 % gesenkt.

In Polen hebt Sielewicz auch die besonders hohe Anzahl an ukrainischen Flüchtlingen hervor: „Dieser Umstand könnte kurzfristig den Binnenkonsum ankurbeln.“ Er verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf eine höhere Nachfrage im Bereich der Beherbergungen und des Konsums.

Inflation steigt kräftig an
Einzig, auch die Inflation steigt in der CEE-Region, nicht zuletzt aufgrund höherer Rohstoffpreise, die sich im Osten kräftig niederschlagen. Dort liegt der Inflations-Schnitt über jenem der EU, der im Feber 6,2 % erreichte. In Litauen lag die Teuerung bei 14 %, in Estland bei 11,6 %. In Rumänien erreichte sie 7,9 %. Zumindest aber würden einzelne Staaten gegensteuern, zeigt Sielewicz auf. In Ländern wie Tschechien, Ungarn und Polen wurden die Leitzinsen angehoben. Obendrein sind letztere zwei Länder um eine Entlastung beim Spritpreis bemüht.

Foto: Adobe Stock / kryscina

 

 

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Wann endet die Teuerungswelle?

Die hausgemachte Inflationskrise hat ein Ablaufdatum.

Michael Kordovsky. Zuerst Corona-Maßnahmen, die weltweit Lieferketten unterbrechen, dann ein Krieg, der in der Ukraine zu enormen Ernteausfällen führt, während Russland voraussichtlich bis 30. Juni keinen Weizen, Roggen und Gerste exportiert – das sind Faktoren künstlicher Verknappung. Hinzu kommen ein Mangel an Lkw-Fahrern, an Schiffscontainern im asiatischen Raum, Chipknappheit und erneute kriegsbedingte Lieferkettenunterbrechungen. Fakt ist, dass mittlerweile die Inflation hartnäckiger ist, als die Volkswirte der Notenbanken ursprünglich erwartet haben. Kaum sah es danach aus, als gäbe es beim „Corona-Spuk“ Licht am Ende des Tunnels, kam am 24. Feber der Krieg in der Ukraine dazwischen. Blickt man aktuell auf vier Wochen Krieg zurück, dann haben sich alleine in diesem Zeitraum Rohstoffe wie folgt verteuert: Erdöl (Brent) um 24 %, Erdgas um 19 %, Diesel um 39 %, Mais um 14 %, Hafer um 15 %, Zucker um 9 %, Sojabohnen um 7 %, Weizen um 26 %, Aluminium um 14 % und Nickel um 54 %. Auf Jahressicht die stärksten Preissteigerungen verzeichneten Nickel mit +130 %, Diesel mit +120 %, Erdöl (WTI) mit +99 %, Weizen mit +77 % und Baumwolle mit +70 %.

Bereits im Feber überschlugen sich die Inflationsrekorde: Im Euroraum kletterte die Inflationsrate von 5,1 % (Jänner) auf ein absolutes Rekordhoch von 5,9 %. In den USA war es mit 7,9 % der höchste Stand seit Jänner 1982.

Betroffene Verbraucherpreiskomponenten
Die Kerninflationsrate (der Verbraucherpreisindex ohne die volatilen Komponenten Nahrungsmittel und Energie) stieg in den USA im Feber um 6,4 % und somit so stark wie seit August 1982 nicht mehr. Während der Energieindex um 25,6 % explodierte, stieg der Nahrungsmittelindex erst um 7,9 %. Das war der stärkste Anstieg seit Juli 1981, aber der jüngste Ukraine-Schock kommt noch. Auslieferungsverzögerungen in der Automobilindustrie führten bei Neuwägen zu einem Preisanstieg um 12,3 % und infolge des verstärkten Ausweichens auf Gebrauchtwägen dort sogar zu einem Preisanstieg um 41,2 %. Außerhalb des Agrarsektors stiegen die Stundenlöhne in den USA bereits um 5,1 % und die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung gingen in der am 19. März endenden Abrechnungswoche um 28.000 auf 187.000 und somit den niedrigsten Stand seit September 1969 zurück – und dies bei einer Arbeitslosenquote von nur noch 3,8 % im Feber. Der Arbeitsmarkt ist völlig leergefegt und die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich zu drehen. Unter Betrachtung dieser Tatsachen sind spätestens bis Juli zweistellige Inflationsraten in den USA möglich.

Während in den USA die hohe Inflation bereits auf breiter Basis spürbar ist, ist es im Euroraum noch immer eine primäre Verzerrung des Preisgefüges durch die Energiepreiskomponente, die mittlerweile im HVPI mit 10,93 % gewichtet ist. Ihr Anstieg beschleunigte sich von Jänner auf Feber von 28,8 auf 32 %! Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 6,2 %, aber Dienstleistungen und Industriegüter – je 41,67 bzw. 26,52 % gewichtet – nur um jeweils 2,5 bzw. 3,1 %. Der HVPI ex Energie verteuerte sich nur um 3,1 % und ohne Energie Lebensmittel, Alkohol und Tabak gar nur um 2,7 %.

Die Macht der Marktzyklen
Im Falle eines schnellen Kriegsendes und konstruktiver Handelslösungen könnte der Ölpreis wieder in den Bereich 80 bis 90 USD/Barrel zurückfallen. Im Euroraum wäre dann wahrscheinlich bis Sommer der Inflationshöhepunkt überschritten, zumal schon ein bewussterer Nahrungsmittelkonsum zu einer Entspannung an der Agrarpreis-Front führen kann. Würde ein großer Teil der Lebensmittel, die im Müll landen, nicht gekauft werden, würde dies starke Preisrückgänge bedeuten, denn:

Laut einer Studie der Welternährungsorganisation der UNO (FAO) werden weltweit jährlich rund 1,3 Mrd Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen. Berücksichtigt ist die Entsorgung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Anbau über die Produktion und Vertrieb bis hin zum Konsum. Diese Menge entspricht einem Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel und teilt sich zu gleichen Teilen auf Industrienationen und Entwicklungsländer auf.

Ebenfalls noch erhebliche Einsparpotenziale gibt es im Energiebereich, die durch thermische Sanierung von Häusern und Fahrzeuge mit geringerem Treibstoffverbrauch sowie E-Autos zunehmend ausgeschöpft werden. Hinzukommt die Forcierung erneuerbarer Energien, sodass – unabhängig vom Kriegsverlauf – innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre wieder von einer deutlichen Entspannung an der Preisfront ausgegangen werden kann.

Auf der Industrie- und Rohstoffseite sollten noch die berühmten Marktzyklen beachtet werden. Je höher die Preise für Erdöl, Erdgas und Industriemetalle sind, desto mehr lohnt es sich, für Unternehmen die Förderkapazitäten zu erhöhen. Nach einer mit Knappheit verbundenen Hochpreisphase normalisiert sich das Angebot. Allerdings können im Minenbereich mehrere Jahre vergehen, bis dies deutlich spürbar wird. Auch in der Ölförderung werden über Jahre die Kapazitäten erweitert, während Saudi-Arabien meist mit schneller Förderausweitung „Soforthilfe“ leistet und über Aramco das hohe Preisniveau gut nützt. Irgendwann ist dann in den Märkten der Punkt der Überproduktion erreicht. Doch die Kapazitäten sind gerade hochgefahren worden und der Mitbewerb wird härter, da mit zunehmendem Überangebot die Preise umso stärker zurückgehen. Je nach Leidenstoleranz der einzelnen Produzenten geht es so noch eine Weile weiter, ehe vereinzelt Kapazitäten heruntergefahren werden. Zunehmend mehr Unternehmen folgen, solange bis wieder eine längere Zeit ein Angebotsdefizit vorherrscht und das gestiegene Preisniveau erneut zum Hochfahren der Produktion bzw. Ausbau der Kapazitäten ermutigt. Der Rohstoffmangel von heute könnte sich spätestens binnen fünf Jahren, teils auch schon früher in einen Überschuss verwandeln. Es sollte dabei niemand vergessen, in welch schnelllebiger Zeit wir leben und dass manche Szenarien noch viel schneller eintreffen als ursprünglich erwartet.

Fazit
Binnen drei Jahren sollte eine deutliche Entspannung an der Preisfront spürbar werden und unter optimalen Bedingungen könnte zumindest in Europa noch heuer (eventuell sogar bis Sommer) der Inflationshöhepunkt überschritten sein.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

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Die Lehren aus der Ukraine-Krise

Trotz Turbulenzen und Krieg führt laut Comgest kein Weg an Aktien vorbei.

Raja Korinek. Die Ukraine-Krise hinterlässt tiefe Spuren an den Märkten. Umso mehr sollten An-leger ein langfristiges Ziel vor Augen behalten, mahnt Dieter Wimmer (Foto), Leiter Sales bei der internationalen Fondsboutique Comgest, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Er sagt: „Aktien sind dabei immer noch das beste Instrument für den langfristigen Vermögensaufbau.“

Wichtig sei dazu eine sorgfältige Titelselektion. Wimmer verweist auf den Ansatz in seinem Haus: Dort wird in Unternehmen investiert, die mit besonderen Innovationen punkten, aber auch über eine hohe Preissetzungsmacht bzw. über eine besonders starke Marke verfügen.

Luxus lebt immer
Wimmer nennt auch Beispiele, so etwa den französischen Luxus-konzern LVMH (ISIN: FR0000121014). „2009 kostete etwa ein bestimmtes Modell einer Lederhandtasche rund 400 Euro. Der Preis wurde inzwischen auf gut 1.600 Euro angehoben.“ Und zwar, ohne dass sich an dem Accessoire etwas geändert hätte, verweist Wimmer auf die Preissetzungsmacht des Konzerns. Er nennt als weitere Beispiele den Schweizer Baukonzern Sika (CH0418792922) sowie den irischen Dämmstoffhersteller Kingspan (IE0004927939).

Allein letzterer Konzern profitiere etwa vom steigenden Bedarf an energieeffizienten Maßnahmen, zu denen die Gebäudedämmung zählt. Und konnte deshalb gestiegene Input-Kosten gut weitergeben. Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk (DK0060534915) konnte wiederum mit einem Arzneimittel gegen Fettleibigkeit in den USA punkten. Es sei jenseits des Atlantiks auch in geopolitisch turbulenten Zeiten gefragt, verweist Wimmer auf die – krisenunabhängige – Nachfrage.

Wimmer spricht ebenso offen über Investments, die von der Ukraine-Krise betroffen sind, so etwa die Zara-Mutter Inditex (ES0148396007), die genauso Teil des „Comgest Growth Europe Fund“ (IE0004766675) ist, wie die oben genannten Titel. „Inditex betreibt Filialen in Russland, die nunmehr mit reichlich Gegenwind rechnen müssen. Die laufenden Kosten müssen zugleich bezahlt werden.“

Panik als schlechter Ratgeber
Ob nun Titel mit größeren Russland-Exposure verkauft werden? Bei Comgest hält man nichts von Schnellschüssen. „Die Entwicklungen werden zunächst genau beobachtet.“ Schließlich habe der erfahrene Finanzexperte schon so manch eine Krise erlebt, bei der kurzfristige Entscheidungen sich langfristig kaum gelohnt haben. Wimmer verweist als Beispiel auf die 1970er-Jahre, eine Zeit extrem steigender Inflationsraten aufgrund der kräftigen Ölpreishausse. „Gold wurde deshalb stark nachgefragt, ein Umstand, den ich aufgrund meiner damaligen Mitarbeit in einer Bank hautnah erlebte.“ Der Hausse wurde aber Anfang der 1980er-Jahre ein jähes Ende gesetzt, als der US-Notenbanker Paul Volker die Zinsschraube derart kräftig nach oben drehte, dass ein zinsloses Investment in das gelbe Edelmetall kaum noch Interessenten fand.

Wimmer verweist auch auf die aktuelle Zinswende angesichts der steigenden Inflationsrate. Und kann dieser durchaus Positives abgewinnen: „Allmählich können jene Anleger, die mit fix verzinsten Investments ein Sicherheitspolster aufbauen wollen, wieder einen Blick auf Anleihen werfen.“ Denn mit der allmählich steigenden Verzinsung rentieren selbst solide Staatsanleihen, etwa aus Regionen wie Österreich, Deutschland oder den Niederlanden, nach Jahren der Tiefzinsphase wieder ein wenig höher. Alles in Allem sollten Anleger auf eine solide Streuung achten – und diese mit ihrer Risikobereitschaft abstimmen.

Foto: Comgest

 

 

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Gute Argumente für Small Caps aus den USA

Kleine Konzerne könnten von der Deglobalisierung und vom Wachstum im Land profitieren.

Raja Korinek. Krieg, Sanktionen, Lieferengpässe – und eine hinaufschnellende Inflation: Die jüngsten Entwicklungen hinterlassen Spuren in der weltweiten Wirtschaft, zu denen auch die allmähliche Deglobalisierung zählt. Immer mehr Konzerne denken deshalb auch wieder an den Aufbau größerer Lager vor Ort nach, um nicht von Lieferausfällen erwischt zu werden.

Die Stärkung der heimischen Produktion steht ebenso im Fokus. Ein Beispiel ist Europas jüngste Chipoffensive mit dem „European Chips Act“. Mit mehr als 40 Mrd Euro soll die regionale Halbleiterindustrie gefördert werden. Die Anlageexperten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking ziehen angesichts all dieser Entwicklungen jedenfalls ein klares Fazit: Viele Signale deuteten auf ein Überschreiten des Globalisierungs-Zenits.

Kleine Unternehmen mit großem Potential
Umso mehr könnten kleinere Unternehmen – Small Caps – in den Mittelpunkt rücken. Sie haben oftmals einen starken Fokus auf den Binnenmarkt und sind in Nischen etabliert. Vor allem der Blick über den Atlantik kann sich lohnen, da die Konjunkturentwicklung in den USA weiter fortgeschritten als in Europa und weniger von der Ukraine-Krise betroffen ist.

Jason Kotik, er ist Fondsmanager des „Aberdeen Standard SICAV I – North American Smaller Companies Fund“ (ISIN: LU0566484027), sieht aber auch im Zusammenhang mit der steigenden Inflation Chancen bei solchen Titeln. „In den vergangenen Jahren standen vor allem viele Wachstumstitel, etwa an der Nasdaq, im Fokus. Hier werden große Hoffnungen auf deren künftige Gewinne gesetzt.“ Doch solche Aussichten trüben sich angesichts der steigenden Inflation ein. Demgegenüber erzielen gut aufgestellte Small Caps bereits jetzt solide Gewinne.

US-Finanzwerte und Techwerte im Fokus
Kotik verweist insbesondere auf Chancen bei nordamerikanischen Finanztiteln. Solche Unternehmen seien oftmals regional fokussiert. Dazu zählt beispielsweise die First Interstate BancSystem (US32055Y2019). Das Finanzhaus hat sich auf die klassischen Dienstleistungen wie etwa die Kreditvergabe und dem Einlagen- sowie dem Versicherungsgeschäft spezialisiert. Die kanadische CI Financial (CA1254911003) – ebenfalls Teil des Fonds – hat sich auf die Vermögensverwaltung spezialisiert, ist zudem in den USA und in Australien tätig.

Auch Technologieaktien stehen bei Kotik im Fokus. „Anleger assoziieren mit dieser Branche oftmals die bekannten Großkonzerne. Doch es gibt auch jede Menge kleine Firmen.“ Er verweist mit Onto Innovation (US6833441057) auf ein Beispiel. Das Unternehmen stellt spezielle Messtechniken und Prüfsysteme her, die für die Halbleiter-Produktion benötigt werden. Doch damit ist nicht Schluss. Schließlich gibt es weitere Herausforderungen für die Wirtschaft, etwa die wachsenden Müllberge.

Wachsende Müllberge brauchen eine Lösung
Entsprechend räumt der Aberdeen-Experte Casella Waste Systems (US1474481041), einem US-Entsorgungsunternehmen, gute Chancen ein, notwendige Lösungen zu liefern. Das Unternehmen verfüge über eine hohe Preissetzungsmacht bei seinen Mülldeponien, eine Eigenschaft, die vor allem in einem inflationären Umfeld gefragt ist.

Auch insgesamt findet Kotik ein Argument für Small Caps aus den USA: Deren geschätztes KGV auf die kommenden zwölf Monate sei im Vergleich zu jenem für großkapitalisierte Titel so günstig wie seit rund 40 Jahren nicht mehr, auch wenn freilich die Vergangenheit kein Garant für künftige Entwicklungen ist.

Foto: AdobeStock / kaktuzoid

 

 

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BIP-Trends und Stimmungsindikatoren

Bei der Frage nach einer Rezession scheiden sich die Geister.

Michael Kordovsky. Sowohl die Verbraucherstimmung als auch die sogenannten „Einkaufsmanager-Indizes“ haben eine Gemeinsamkeit: Sie beruhen auf Umfragen und fangen die aktuelle Marktstimmung ein. Das ist wichtig, denn die Stimmungsindikatoren von heute beeinflussen die Wirtschaftsdaten von morgen.

Bis Jahresende hielt Dynamik an, aber …
Während sich Chinas BIP-Wachstum bei einem Jahreswachstum von 8,1 % im Jahr 2021 bis zum 4. Quartal auf 4 % abschwächte (3. Quartal 2021: 4,9 %) kam es im Euroraum im 4. Quartal 2021 sogar zu einer Wachstumsbeschleunigung von 4,0 (im 3. Quartal) auf 4,6 %. In den USA beschleunigte sich das BIP-Wachstum von 4,9 auf 5,6 %, und betrachtet man den US-Arbeitsmarkt, so beginnt sich dort bereits aufgrund von Personalmangel die Lohn-Preis-Spirale zu drehen. Binnen eines Jahres war nämlich in den USA die Arbeitslosenquote von 6,2 auf 3,8 % rückläufig.

… neue Herausforderungen sind nun das Thema
Doch kaum scheint sich die Wirtschaft langsam vom disruptiven Ereignis der Corona-Pandemie zu erholen, werden durch den vom Ukraine-Krieg ausgelösten Öl-Schock die Konsumenten und Unternehmen erneut in Panik versetzt. In sehr energieintensiven Bereichen gab es wegen hoher Erdgaspreise bereits vorübergehende Betriebsschließungen. Der Russland-Exodus namhafter Firmen und ein wegfallender Absatzmarkt sowie erneute Lieferkettenunterbrechungen sind das Thema und kaum flaut die Kriegsthematik in den Nachrichten ab, hat China zur Corona-Bekämpfung gleich ganze Stadtteile in Shanghai abgeriegelt.

Umso spannender ist ein Blick auf Stimmungsindikatoren deren zugrundeliegende Befragungen nach dem 24. Feber endeten. USA: Der vorläufige Verbraucher-Sentiment-Index der Universität Michigan fiel Anfang März gegenüber dem Vormonat von 62,8 auf 59,7 Punkte und somit auf den niedrigsten Stand seit 2011. Im Zusammenhang mit dem Konjunkturausblick erwähnten 24 % der Befragten die Ukraine-Krise. Auch in Südafrika drückt dies bereits auf die Verbraucherstimmung.

Die US-Industrie hat indessen quer durch den Feber von der Ukraine-Krise noch wenig gespürt und zeigte laut ISM-Report noch eine leichte Expansionssteigerung auf hohem Niveau.

In der Eurozone hat sich bis Ende der Umfrage, einen Tag vor dem Kriegsausbruch, wieder eine starke Erholung im Vergleich zum Jänner gezeigt. Der Aktivitätsindikator für die Privatwirtschaft stieg gegenüber dem 11-Monatstief von Jänner um 3,2 auf 55,5 Punkte und somit auf den höchsten Wert seit September 2021.

Allerdings verhinderten Lieferengpässe und Personalknappheit das Erreichen der Rekordwerte der ersten Jahreshälfte 2021. Gleichzeitig beflügelten Corona-Lockerungen den Service-Sektor. Aller-dings ist davon auszugehen, dass die hohe Inflation, die mit 5,9 % einen Rekordwert im Euroraum erreichte, sehr viel an realem BIP-Wachstum kostet.

Weltweit zeigte sich im Feber im „JPMorgan Global Manufacturing PMI“ eine Erholung von der Corona-Krise durch einen Anstieg von einem 15-Monats-Tief (53,2) auf einen Wert von 53,6 Punkte. Lieferengpässe, Personalmangel und Teuerung waren kritische Punkte und der Konflikt mit Russland hat bereits vor dem Kriegsausbruch die Stimmung unter den Führungskräften getrübt.

Fazit
Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs werden sich erst so richtig in den Einkaufsmanager-Indizes für März entfalten. Vorboten lassen neue Stimmungstiefs erwarten. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) hat beispielsweise seine Prognose für das deutsche BIP-Wachstum im Jahr 2022 von 4 auf 2,1 % fast halbiert.

Foto: Pixabay / 955169

 

 

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Back in the U.S.S.R

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE. (15.03.)

(15.03.) Mit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar dieses Jahres ist für die Opfer, die Verletzten und die Geflüchteten eine düstere Zeit angebrochen. Aus der Ferne betrachtet erinnert dieser Einmarsch an finstere Episoden wie die Invasion der UdSSR in Afghanistan 1979 oder die des Iraks in Kuwait 1990. In beiden Fällen musste sich übrigens der vermeintlich besser bewaffnete Angreifer zurückziehen…

Zudem scheinen die wehmütigen Reden des heutigen russischen Präsidenten von einem Sowjetreich und sein vorwurfsvoller Tonfall gegenüber der NATO ein Umfeld zu schaffen, das durchaus mit dem Kalten Krieg vergleichbar ist. Sind wir „Back in the U.S.S.R.“, wie es im Song der Beatles aus dem Jahr 1968 heißt – übrigens nur kurze Zeit nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Sowjets?

Dies ist durchaus zutreffend, was die „antiimperialistischen“ Parolen betrifft, wenngleich von kommunistischer Rhetorik nichts mehr zu hören ist. Es stimmt auch im Hinblick auf den autokratischen Charakter des Regimes und die verschärfte Zensur in Russland.

Lokaler Konflikt mit harten globalen Folgen
Was die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen für den Rest der Welt anbelangt, stimmt es hingegen nicht. Denn auf wirtschaftlicher Ebene sind die unmittelbaren globalen Konsequenzen dieses lokalen Konflikts weitreichender als zahlreiche sowjetische Konflikte in der Vergangenheit (abgesehen vom zweiten Weltkrieg, versteht sich). Dieser Konflikt hat die Inflation auf Rekordniveaus getrieben, indem er für eine Preisexplosion bei den meisten Rohstoffen gesorgt hat. Natürlich hatten auch einige Konflikte zur Zeit des Kalten Krieges bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen. Der Vietnamkrieg hatte beispielsweise die Kassen der USA geleert und das Ende des Goldstandards zugunsten des Dollars beschleunigt. Die Rohstoffversorgung blieb davon jedoch weitgehend unberührt. Ein Beispiel aus der Geschichte, das der derzeitigen Lage eher ähnelt, ist die Ölpreiskrise Ende 1973, die nicht unmittelbar mit dem Kalten Krieg verknüpft ist. Seinerzeit hatte sich der Ölpreis in nur wenigen Monaten vervierfacht. Beim zweiten Preisschock im Jahr 1979 hatte er sich fast verdreifacht.

Zurzeit ist das Ausmaß gewiss geringer. Doch zum einen ist der Konflikt noch nicht beendet, und zum anderen wirkt er sich auch auf andere Rohstoffe aus, insbesondere auf einige für die Energiewende wichtige Metalle (Palladium, Nickel, Cobalt usw.) und auf essenzielle Agrarrohstoffe (Weizen, Mais, Soja usw.). Der derzeitige Preisschock bei den Rohstoffen ist in diesem Stadium also vielleicht weniger stark, dafür aber weitreichender. Außerdem verschärft er die bereits kritische Lage für bestimmte Güter (Autos, Halbleiter) und Sektoren (insbesondere amerikanische Immobilien).

Wenn Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät …
Die beiden Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre hatten verheerende wirtschaftliche Konsequenzen und setzten den „dreißig glorreichen Jahren“ ein Ende. Da die vergangenen dreißig Jahre dieses Mal nicht so „glorreich“ waren, wird die aktuelle Inflation auch keiner florierenden Wirtschaft ein Ende setzen. Sie könnte hingegen etwas anderem ein Ende setzen, nämlich der – trotz einiger Phasen schrittweiser Leitzinserhöhungen – insgesamt akkommodierenden Politik der Zentralbanken und den tendenziell sinkenden Nominalzinsen.

Denn wenn sich die Inflation erst einmal im Wirtschaftssystem festgesetzt hat, lässt sie sich nicht mehr schmerzfrei bekämpfen. Dies gilt insbesondere dann, wenn eine hohe Nachfrage auf ein rückläufiges Angebot trifft, was zurzeit der Fall ist. Ihr ein Ende zu machen, kann drastische Anhebungen der Leitzinsen erfordern, wovor die Zentralbanken zurzeit zurückschrecken, weil sie damit die Konjunktur abwürgen würden. Natürlich bewegen sie sich im Moment in diese Richtung, aber mit augenfälliger Verspätung und einem Höchstmaß an Zurückhaltung. Daher liegt der US-Leitzins immer noch nahe null, während sich die Inflation bereits der 8-%-Marke nähert. In Europa belässt die EZB die Leitzinsen im negativen Bereich, obwohl sie für 2022 mit einer Teuerung von fast 5 % rechnet! Wenn die Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät, müsste man viel energischer handeln und die gesamte Wirtschaft ausbremsen.

Neue wirtschaftliche Konstellation entsteht
Die Verbraucher auf der ganzen Welt werden also die Auswirkungen des Konflikts zu spüren bekommen, ebenso wie die Produzenten, die von Rohstoffen abhängen, und sogar Dienstleistungsunternehmen, die durch eine mögliche Verschlechterung der Stimmung der Privathaushalte, weniger wirtschaftliche Transparenz und schlechterer Finanzierungsbedingungen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Doch aus dieser Flaute ergibt sich auch eine neue wirtschaftliche Konstellation, die Chancen birgt. Zu den ersten Gewinnern werden Unternehmen gehören, die in den Bereichen lokale oder erneuerbare Energien oder Energieeffizienz tätig sind. Auch Unternehmen mit Bezug zu den Bereichen Rüstung und Sicherheit werden gestärkt, da sie insbesondere von den Aufrüstungsmaßnahmen Deutschlands profitieren, durch die der über 70 Jahre niedrig gehaltene Verteidigungsetat nun umfassend erhöht wird. Erzeuger von Energie aus traditionellen Quellen können wiederum ihre Gewinnüberschüsse zur Finanzierung ihrer Energiewende nutzen. Ganz allgemein dürfte jedes Unternehmen, das zur Optimierung von Ressourcen oder zur Unabhängigkeit Europas von strategischen Waren, Dienstleistungen und Materialien beiträgt, von einem gewissen Aufwind profitieren. So wie der in die UdSSR zurückkehrende Reisende im Song der Beatles: „You don’t know how lucky you are, boy“.

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Wo Experten jetzt Chancen sehen

Die steigende Inflation wird von der Energiekrise angeheizt – ein schwieriges Umfeld.

Raja Korinek. Es sind erst wenige Wochen her, da knackte der Ölpreis erstmals seit Längerem wieder die Marke von 100 USD. Grund ist für die rasante Entwicklung ist freilich der Ukraine-Konflikt, der sich weiter zuspitzt. Eine schnelle Entspannung ist deshalb ebenso wenig bei den Energiepreisen wie auch bei der steigenden Inflation in Sicht.

Die Inflation schnellt hinauf
Stefan Riße
, Kapitalmarktstratege beim deutschen Vermögensverwalter Acatis Investment, meint „selbst wenn Ölpreis nicht weiter steigt, wird einige Zeit vergehen, bis sich allein der Basiseffekt daraus relativiert“. Auf solche und weitere Entwicklungen ging der Marktexperte im Rahmen seines Vortrages zu der Ukraine-Krise und einer möglichen Neuordnung der Finanzmärkte ein. Der Börsen-Kurier war dabei.

Freilich, die steigende Inflation ist bereits deutlich sichtbar. Sie erreichte in der Eurozone im Feber 5,8 % im Jahresvergleich. In den USA lag der Zuwachs bei 7,9 %. Aus diesem Grund verkündete die EZB in ihrer jüngsten Sitzung, das Anleihekaufprogramm voraussichtlich noch heuer zu beenden. Selbst eine erste Zinsanhebung ist denkbar.

Auch der Handelskrieg tobt
Inzwischen hat der Westen zahlreiche Sanktionen gegen Russland verhängt, immer mehr Unternehmen ziehen sich zudem aus der Region zurück. Riße meint, während Russlands Wirtschaft deshalb besonders hart getroffen werden dürfte, werde auch Europas Wirtschaftswachstum ein gutes Stück schrumpfen. Die Ansicht teilt man auch in anderen Häusern. Bei Carmignac wurden die Prognosen zuletzt nach unten revidiert. Für die Eurozone wurde das Wachstum heuer auf 2,3 % herabgesetzt, für die USA auf 3 %.

Riße verweist auch auf die volatilen Aktienmärkte in diesem Zusammenhang: „Vor kurzem rechneten Marktteilnehmer mit einem raschen Einmarsch in die Ukraine, somit einem schnellen Ende des Krieges, wie es auch bei der Krim der Fall war.“ Nun zeige sich, dass sich der Konflikt länger als erwartet hinauszögere, ein Umstand, der Börsenteilnehmer verunsichert.

Russland-Exposure nicht vergessen
Umso mehr steht Riße zufolge ein selektiver Investmentzugang im Fokus. Der habe sich bislang bewährt, etwa weil man deshalb nicht in Bankaktien investiert war. „Wir versäumten damit deren Kurshausse, müssen die jüngsten Rücksetzer dafür ebenso wenig verbuchen.“ Der Acatis-Experte verweist auf das hohe Russland-Exposure einiger Europahäuser, etwa der Raiffeisen Bank International, UniCredit (ISIN: IT0005239360) und von Société Générale (FR0000130809).

Chancen mit Tech-Aktien?
Riße rät nunmehr antizyklische Chancen zu nutzen und findet, dass beispielsweise Technologieaktien – nach den jüngsten Rücksetzern – einen interessanten Einstieg böten. Denn Großkonzerne wie Alphabet (US02079K3059), Facebook (US30303M1027) und Microsoft (US5949181045) dürften vom Krieg kaum betroffen sein, das Russlandgeschäft solcher Unternehmen sei zudem überschaubar. Überhaupt deuten die hohen Short-Positionen an der Nasdaq – mit solchen Wetten spekulieren Investoren auf fallende Kurse – auf einen überverkauften Markt. Und damit auf eine mögliche Wende, meint Riße.

Auch im Gesundheitsbereich sieht man bei Acatis gute Chancen, etwa mit der Aktie von Ensign (US29358P1012) aus den USA. Das Unternehmen betreibt Rehazentren, Alten- und Pflegeeinrichtungen. Das Geschäftsmodell sei krisensicher, die Mietverträge beinhalten zudem eine Inflationsanpassung. Solch eine Eigenschaft dürfte zunehmend gefragt sein.

Foto: AdobeStock / tong4130

 

 

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Nachhaltigkeit wird zur Pflicht bei der Geldanlage

Ab 2. August 2022 ändern sich die Spielregeln beim Investieren.

Andreas Dolezal. Mit dem Grünen Deal verfolgt die Europäische Kommission bekanntlich das Ziel, Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent der Erde zu machen. Bis zum Jahr 2050 möchte die EU Netto-Treibhausgasemissionen von null erreichen. Dieser epochale Transformationsprozess wird Billionen von Euros kosten, die nicht nur die Politik zur Verfügung stellen soll, sondern auch Privatanleger. Das Ziel eines Europas mit Netto-Nullemissionen „erfordert auch klare Signale an die Anleger in Bezug auf ihre Investitionen, um verlorene Vermögenswerte zu vermeiden und nachhaltige Finanzmittel zu mobilisieren“, formuliert die EU-Kommission.

Die nächste Stufe dieser Mobilisierung zündet am 2. August 2022. Ab diesem Dienstag müssen Finanzberater (von Banken, Versicherungen und Wertpapierunternehmen) ihre Kunden verpflichtend nach deren „Nachhaltigkeitspräferenzen“ bei der Geldanlage befragen. Denn an diesem Tag treten die Änderungen der zugehörigen EU-Verordnungen für Wertpapier- (MiFID II) und Versicherungsberatung (IDD) in Kraft.

Eignungsbeurteilung
Schon heute müssen Sie als Anleger zahlreiche Fragen zu Ihren Anlagepräferenzen beantworten, bevor ein Finanzberater für Sie geeignete Anlageprodukte wie Investmentfonds oder Lebensversicherungen empfehlen darf. Erfahrungen und Kenntnisse im Anlagebereich, regelmäßiges Einkommen und Vermögensverhältnisse, Risikotoleranz, Anlagehorizont usw. sind nur ein paar Beispiele von Anlagepräferenzen, nach denen Sie bereits gefragt werden (müssen). Zu diesen Fragen kommen ab 2. August 2022 noch ein paar weitere hinzu. Der Fachbegriff für diese Abfrage und die daraus resultierenden Anlageempfehlungen lautet „Eignungsbeurteilung“.

Bevor Sie jetzt zu Grübeln beginnen, weil Sie sich mit Ihren persönlichen Nachhaltigkeitspräferenzen bis dato noch gar nicht beschäftigt haben: Die EU legt in den neuen Bestimmungen nicht nur fest, dass Sie als Anleger nach Ihren Nachhaltigkeitspräferenzen gefragt werden müssen, sondern auch wie, wonach und in welcher Reihenfolge. Sie brauchen sich also keine Gedanken darüber zu machen, welche Kriterien für Sie persönlich nachhaltiges Investment auszeichnen. Das macht vorsorglich die EU für Sie.

Nachhaltigkeitspräferenzen
Die EU definiert als „Nachhaltigkeitspräferenz“ die Entscheidung eines (potenziellen) Kunden da-rüber, ob und – wenn ja – mit welchem Mindestanteil in ein Finanzprodukt investiert werden soll, das im Sinne der Taxonomie oder der Offenlegungsverordnung anlegt. Ebenso müssen Sie gefragt werden, ob in ein Produkt investiert werden soll, „bei dem die wichtigsten nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigt werden“. Dabei bestimmen Sie die „qualitativen oder quantitativen Elemente“.

Sie wissen nicht, was ein Finanzprodukt im Sinne der Taxonomie oder der Offenlegungsverordnung ist? Sie haben noch nie von nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren gehört? Und Sie wissen nicht, was mit qualitativen und quantitativen Elementen gemeint ist? Keine Sorge, Ihnen wird geholfen werden.

Der europäische Gesetzgeber weiß augenscheinlich, dass Anleger mit Fragestellungen im Wortlaut spröder Gesetzestexte wenig anfangen können. Daher verlangen die Bestimmungen auch, dass Finanzberater erklären können, was nachhaltige Finanzprodukte gemäß Taxonomie und Offenlegungsverordnung sind, und wie sich solche Finanzprodukte von anderen Finanzprodukten unterscheiden, die diese Merkmale nicht aufweisen. „Damit die Kunden oder potenziellen Kunden diese verschiedenen Nachhaltigkeitsgrade verstehen und mit Blick auf die Nachhaltigkeit fundierte Anlageentscheidungen treffen können“, schreibt die EU-Kommission. Finanzberater werden also entsprechend geschult sein, um ihre Kunden aufklären zu können.

Compliance- und Rechtsabteilungen von Banken, Versicherungen und Wertpapierunternehmen zerbrechen sich seit Monaten die Köpfe darüber, wie die Erklärung der verschiedenen Finanzprodukte aussehen könnte bzw. der sperrige Gesetzeswortlaut in verständliche Fragen übersetzt werden kann. Das klingt viel einfacher als es tatsächlich ist. Der Teufel steckt im Detail. Als Leiter einer diesbezüglichen Arbeitsgruppe des Fachverbandes Finanzdienstleister in der Wirtschaftskammer kann ich ein Lied davon singen.

Sie können, aber Sie müssen nicht
Zur Klarstellung: Banken, Versicherungen und Wertpapierdienstleister müssen neue (potenzielle) und bestehende Kunden spätestens ab 2. August nach den Nachhaltigkeitspräferenzen fragen. Sie dürfen Ihre nachhaltigen Anlagewünsche äußern, oder antworten, dass Ihnen die EU-Kriterien für nachhaltige Investitionen bei der Geldanlage nicht wichtig sind. Die Bestimmungen erlauben es Ihnen weiterhin, in Finanzprodukte zu investieren, die keine nachhaltigen Merkmale aufweisen bzw. keine nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigen.

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA schreibt dazu in ihrem Leitlinienentwurf zur Eignungsbeurteilung: „Wenn ein Kunde die Frage, ob er Nachhaltigkeitspräferenzen hat, nicht beantwortet oder mit ‚nein‘ antwortet, kann die Firma diesen Kunden als ‚nachhaltigkeitsneutral‘ betrachten und Produkte sowohl mit als auch ohne nachhaltigkeitsbezogene Merkmale empfehlen.“ Ganz entmündigt werden wir Anleger also doch (noch) nicht.

Foto: AdobeStock / IckeT

 

 

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Ukraine-Krise beschleunigt Energiewende

Grüne Energiequellen machen Europa unabhängiger von russischem Erdgas.

Michael Kordovsky. Die Erdgaslagerbestände sind relativ niedrig und noch immer bezieht die EU rund 40 % des Erdgases aus Russland, Österreich sogar 80 %. Doch was passiert bei plötzlichen Ausfällen? Dazu Christian Kimmich, Senior Researcher und Sprecher für Klima- und Umweltpolitik beim IHS, gegenüber dem Börsen-Kurier: „Unmittelbarer Ersatz für Ausfälle ist wohl nur durch andere Quellen möglich, insbesondere durch das preislich, aber eben auch energetisch deutlich teurere Flüssiggas. Umso wichtiger ist es, die Energie- und Wärmewende jetzt zu beschleunigen.“ Ein Entwurf für das Erneuerbare Wärmegesetz soll schon im Mai vorliegen. „Parallel sollte der Umstieg auf Wärmepumpen oder teilweise auch andere Wärmelösungen und Investitionen in Dämmung und thermische Isolationen und entsprechende PV-Anlagen so einfach wie möglich gemacht werden. Insbesondere die Haushalte sind hier gefragt, weil die Substitution in der Industrie nicht so leicht ist“, so Kimmich. Damit können wir auch nichtnachhaltige Sofortmaßnahmen, wie beispielsweise Kraftwerksverlängerungen, zumindest teilweise ersetzen. „Entscheidend wird also sein, wie der Umstieg der Haushalte finanziell, aber auch beratend und administrativ so einfach und schnell wie möglich gelingen kann. Die unabhängige Energieberatung könnte hier eine entscheidende Rolle spielen“, erklärt Kimmich.

Ukraine-Krise als Beschleunigungsfaktor
Die Krise ist auf jeden Fall eine Chance für die Energiewende, vor allem für die Wärmewende. „In österreichischen Haushalten sind noch circa 900.000 Gasthermen aktiv. Ein Großteil sollte relativ bald durch Wärmepumpen ersetzt werden, thermische Isolierung ist aber in vielen Fällen zusätzlich nötig. Photovoltaik auf dem Dach ist die ideale Ergänzung. Die Krise wird hier mit Sicherheit beschleunigend wirken, der Förderrahmen durch Bund und Länder zum Ausstieg ist gegeben“, zeigt Kimmich Zuversicht.

Kritischer wird auf der Ebene der Stromversorgung die Überbrückung der Phasen ohne Wind und Sonne im Winter, also die Entwicklung saisonaler Speicherlösungen. Gas ist bei der Energiewende bisher eben noch komplementär zu den Erneuerbaren: „Pumpspeicherkraftwerke, Smart Grids, oder auch Elektroautos als Regelkraftwerke werden aber attraktiver.“

„Wenn jetzt eine erhöhte Investitionsbereitschaft für erneuerbare Energieträger besteht, müssen neben den Spitzenlastkraftwerken aber auch andere Engpässe berücksichtigt werden, beispiels-weise Vorlaufzeiten für Inbetriebnahme, Lieferengpässe, aber auch der Arbeits- und vor allem Fachkräftebedarf beim Ausbau der Erneuerbaren Energien“, so Kimmich uns gegenüber.

Am 8. März 2022 hat die EU mit „REPowerEU“, einem gemeinsamen europäischen Vorgehen für erschwinglichere, sichere und nachhaltige Energie auf die Ukraine-Krise reagiert. Ziel: Europa soll deutlich vor 2030 von fossilen Brennstoffen aus Russland, zu-nächst von Erdgas, unabhängig werden. Durch „REPowerEU“ soll die Gasversorgung diversifiziert und die Einführung von Gas aus erneuerbaren Quellen für Heizung und Stromerzeugung beschleunigt werden. Dadurch kann die Nachfrage der EU nach russischem Gas vor Ende des Jahres um zwei Drittel verringert werden. Bereits am 14. Juli 2021 hat die Europäische Kommission das „Fit for 55“-Paket präsentiert und zwölf Vorschläge angenommen, um die Politik der EU in den Bereichen Klima, Energie, Landnutzung, Verkehr und Steuern so zu gestalten, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % gegenüber dem Stand von 1990 gesenkt werden. In Bezug auf Russland-Abhängigkeit verkündete die Europäische Kommission: „Durch eine vollständige Umsetzung der Vorschläge der Kommission im Rahmen des Pakets ‚Fit für 55‘ würde unser jährlicher Verbrauch an fossilem Gas bis 2030 bereits um 30 % oder 100 Mrd Kubikmeter reduziert. Mit den Maßnahmen im Rahmen des Plans „REPowerEU“ könnten wir schrittweise mindes-tens 155 Mrd Kubikmeter fossiles Gas einsparen; dies entspricht der Menge, die 2021 aus Russland eingeführt wurde. Nahezu zwei Drittel dieser Verringerung könnten binnen eines Jahres erreicht werden, womit die übermäßige Abhängigkeit der EU von einem einzelnen Lieferanten beendet wäre.“

Höhere Gasreserven und grüner Energieboom
Bis April will die Kommission einen Gesetzgebungsvorschlag vorlegen, nach dem die unterirdischen Gasspeicher in der gesamten EU bis zum 1. Oktober eines Jahres zu mindestens 90 % ihres Fassungsvermögens gefüllt sein müssen. Der Vorschlag würde die Überwachung und Durchsetzung der Füllstände nach sich ziehen und die Möglichkeit von Solidaritätsvereinbarungen zwischen Mitgliedstaaten vorsehen.

„Durch die Sektorkopplung hat der Ersatz von fossilem Gas Auswirkungen auf die Attraktivität fast aller Technologien. Insbesondere der Ersatz für Gas in der Spitzenlastabdeckung bei der Stromversorgung wird entscheidend sein. Es geht hier also nicht um die Grundlast, wie sie durch Atomkraft oder Kohle bereitgestellt wird. Da bringt auch eine Verlängerung nichts. Vielmehr spielen hier Power-to-Gas, Wasserstoff und Biomethan auf der Versorgungsseite, aber auch SmartMeter und dezentrale Speicherlösungen auf der Nachfrageseite eine zentrale Rolle“, erklärt Kimmich gegenüber dem Börsen-Kurier, und ergänzt: „Natürlich wird auch die Wasserstoff-Forschung und -Entwicklung beschleunigt werden, grüne F&E Projekte sollten hier profitieren, entsprechende Fördermaßnahmen getroffen werden. Der mittel- und langfristig zu erwartende Preis von fossilem Gas, vor allem Flüssiggas, ist wohl der unmittelbare Gradmesser für die Konkurrenzfähigkeit von grünem Wasserstoff. Entsprechend attraktiv werden Investitionen in die Erzeugungskapazitäten, aber auch in der Wasserstoffnutzung.“

Rohstoffbeschaffung entscheidend
Durch neue Energien und grüne Mobilität entstehen neue Wertschöpfungsketten mit anderen Engpässen als heute. Umso wichtiger ist der Zugang zu den benötigten Grundstoffen. Dazu Kimmich: „Wir haben im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz auch ein Szenario untersucht, in dem größere Investitionen in Wertschöpfungsketten in Österreich getätigt werden. Damit könnten Unterbrechungen von globalen Wertschöpfungsketten zumindest teilweise abgefedert werden. Die Rohstoffbeschaffung ist aber natürlich ein entscheidender Teil für das europäische Potenzial, beispielsweise der PV-Branche in Österreich, der hier limitierend wirkt.“

Technologische Souveränität in Europa hängt eben auch von den Ressourcen ab. Entscheidend für die Produktion werden also zunehmend auch die benötigten Ressourcen für erneuerbare Energien werden – und deren Herkunftsländer.

„Für den Ersatz von fossilem Gas spielt natürlich auch Biomethan eine Rolle. Die Einspeisung und Verstromung soll im Rahmen des EAG von 0,15 TWh auf 5TWh pro Jahr erhöht werden. Dabei wird nachhaltig erzeugte Biomasse entscheidend sein“, so Kimmich abschließend.

Foto: Pixabay / Piro4D

 

 

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Europa setzt auf Wasserstoffenergie

Von Pascal Menges, Head of Equity Investment Process and Research, Lombard Odier Investment Managers

(07.03.) Der Krieg in der Ukraine, steigende Gaspreise, Pleite gegangene Energieversorger und horrende Energierechnungen für die Verbraucher – die Energiekrise in Europa ist unerbittlich. Im Moment spricht alles für eine Beschleunigung der Energiewende.

So haben beispielsweise Iberdrola und BP vor kurzem Investitionen in neue Kraftwerke zur Erzeugung von grünem Wasserstoff auf der iberischen Halbinsel bzw. in Großbritannien angekündigt. BP, einer der größten Öl- und Gaskonzerne der Welt, erwägt ebenfalls die Produktion von grünem Wasserstoff in Raffinerien in Deutschland, Spanien und den Niederlanden und will bis 2030 10 % des Marktes für kohlenstoffarmen Wasserstoff erobern.

Europa bleibt das Zentrum der Wasserstoffentwicklung. Mehr als die Hälfte der angekündigten Projekte und geschätzte Investitionen in Höhe von 130 MrdUSD entfallen auf Europa. Dennoch haben alle anderen Regionen mit einem Anstieg der Projektankündigungen um über 75 % proportional mehr zugelegt.

(Foto: LOIM)

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Ist die nächste Rezession im Anmarsch?

Ein Komplett-Abbruch geschäftlicher Beziehungen mit Russland ist gefährlich.

Michael Kordovsky. Noch im Jänner rechnete der IWF für 2022 und 2023 mit je 4,4 bzw. 3,8 % Weltwirtschaftswachstum. Doch Inflationsschock und Ukraine-Krieg machen einen Strich durch die Rechnung. Firmen, die im Laufe von Jahrzehnten in Russland Niederlassungen und Zweigwerke errichteten oder Joint Ventures eingingen, ziehen sich über Nacht aus Russland zurück. Exporteure stellen Warenlieferungen ein und Importeure brechen die Geschäftsbeziehungen zu Russland ab. Sanktionen beschränken den Warenverkehr. Im Energiebereich gibt es Exportsperren für bestimmte Güter, genauso für Flugzeugteile und Mikrochips. Gleichzeitig sind mehrere russische Banken vom Zahlungsverkehr im Swift-System ausgeschlossen und die Kreditkartenanbieter Mastercard und Visa setzen Sanktionen gegen Russland um. In der Folge kommt der Handel immer mehr zum Erliegen und die Karawane des Rückzugs wird zunehmend prominenter und länger.

Namhafte Beispiele des internationalen Boykotts
Apple stellt vorerst Verkäufe von Smartphones, Tablets und anderen Produkten ein und schränkt den Bezahldienst Apple Pay und andere Dienste ein. Siemens streicht das Neugeschäft und stoppt internationale Lieferungen. Aldi stellt den Verkauf von russischem Wodka ein und H&M verkauft bis auf weiteres überhaupt nichts mehr in Russland.

BMW wiederum schließt vorerst seine Produktionsstätten im russischen Kaliningrad und stellt Exporte ein. Nike sperrt Online-Verkäufe, Boeing setzt das Russland-Geschäft aus, Ford zieht sich komplett zurück, Volvo stoppt die Produktion und den Verkauf in Russland und der weltgrößte Lkw-Hersteller Daimler Truck friert seine Kooperation mit dem russischen Produzenten Kamaz ein. Gleichzeitig mustern westliche Supermärkte reihenweise russische Produkte aus und sogar Speditionen stellen Sendungen nach Russland vorerst ein. Es sieht so aus, als gehöre Russland-Boykott bereits im Rahmen ESG-orientierter Unternehmensführung zum guten Ton mit gewisser PR-Wirkung.

Globale Wachstumsdelle durch Sanktionen, aber …
Doch sollten die gesamten volkswirtschaftlichen Verluste durch Wegfall des Russland-Geschäftes und der Rubelabwertung, die unter Umständen sogar zur Hyperinflation in Russland führen könnte, nicht unterschätzt werden. Eine Halbierung von Russlands Wirtschaftsleistung wäre nicht verwunderlich. Russlands Anteil am Welt-BIP liegt aber bei 3,1 %. Gleichzeitig kommen Russlands Importe vollständig zum Erliegen.

Nehmen wir 2019 als letztes Jahr vor Corona: Die Importe Russlands machten damals laut Michigan State University 247,16 Mrd-USD aus. Wichtigster Partner war China, das 2019 Waren im Wert von rund 54 MrdUSD nach Russland exportierte, gefolgt von Deutschland (25 MrdUSD), Belarus (14 MrdUSD) und den USA (13 Mrd-USD). Die Importe Russlands wären also in vernachlässigbarer Größenordnung und können schnell durch höhere Rüstungsausgaben weltweit überkompensiert werden. Allein der deutsche Kanzler Olaf Scholz kündigte zum Upgrade der Bundeswehr 100 MrdE an Sonderbudget an. Es geht bei den Exporten nach Russland primär um technische Produkte, nämlich industrielle Maschinen (43 MrdUSD), elektrische Maschinen (30 MrdUSD) und Fahrzeuge samt Ersatzteilen (24 MrdUSD). Mit aller Multiplikator-Wirkung würde aufgrund der schwindenden Wirtschaftskraft Russlands und des Wegfalls der Exporte dorthin die globale Konjunktur vielleicht zwischenzeitlich auf einen Wachstumslevel von 2,4 % abkühlen.

Rezessionspotenzial durch Angebotsschock
Wesentlich gefährlicher sind der Angebotsschock und der daraus resultierende Inflationsschub. Russlands Exportvolumen 2019 sieht mit 427 MrdUSD global gesehen noch einigermaßen überschaubar aus, doch die Exportwaren sind von Bedeutung. Es geht nämlich um wichtige Grundstoffe. Alleine die EU deckt 40 % ihres Erdgasbedarfs mit Russland-Importen, Österreich sogar 80 %, und wenn diese hierzulande wegfallen, bedeutet dies Rationierung und Produktionsstopp für zahlreiche Industriebetriebe.

Und es kommt noch schlimmer, bis hin zur drohenden globalen Hungersnot im Worst Case: In der Ukraine überschatten die kriegerischen Auseinandersetzungen die Frühjahresaussaat von Weizen. Allerdings kommen ca. 30 % der weltweiten Weizen-Exporte aus Russland und der Ukraine und laut International Grain Council (IGC) werden die Reserven der wichtigen Weizen-Exporteure EU, Russland, USA, Kanada, Ukraine, Argentinien, Australien und Kasachstan in der aktuellen Erntesaison 2021/22 auf ein Neun-Jahres-Tief von 57 Mio. Tonnen fallen. Rechnet man russische und ukrainische Lagerbestände heraus, liegt die Versorgungssicherheit bei weniger als drei Wochen.

Der Märzkontrakt für Weizen ist allein vergangene Woche um 42 % gestiegen, im laufenden Jahr um 56 %. Ägypten mit mehr als 100 Mio Einwohnern importiert einen großen Teil des Weizens aus Russland und der Ukraine, gleiches gilt für Tunesien, während die Türkei 2020 rund 65 % ihres Weizens aus Russland bezog. Hier könnten steigende Weizenpreise die Inflation nochmals befeuern und sogar zu einem politischen Umsturz führen. Ebenso sozialer Sprengstoff wären explodierende Brotpreise in Ägypten und Tunesien.

Aufgrund eines Mangels an Düngemitteln (zeichnete sich schon vor dem Ukraine-Krieg ab) könnte es bald weltweit zu rückläufigen Ernten kommen und die Witterung tut ihr Übriges, denn: Russland ist weltweit einer der wichtigsten Lieferanten von Düngemitteln und verwandten Rohstoffen. Im Vorjahr war Russland größter Exporteur von Harnstoff, NPK-Mehrnährstoff-Düngern (Stickstoff, Phosphor und Kalium), Ammoniak, HAN-Düngern und Ammoniumnitrat. Auch ist Russland drittgrößter Kaliexporteur und bei Phosphaten und Schwefel auf Rang vier. Russland und Weißrussland liefern circa 40 % der weltweiten Kali-Exporte, zu deren Hauptabnehmern China, Brasilien und Indien gehören.

Weitere Schwierigkeiten wird der Westen noch durch Nickel- und Palladiummangel bekommen, denn: Russlands Förderanteil an Palladium liegt bei 43 %. Es wird für Auto- und Industriekatalysatoren benötigt. Der weltgrößte Palladium- und raffinierte Nickelproduzent der Welt ist Norilsk Nickel. Als Batteriemetall in E-Autos und wichtiges Legierungsmetall könnte auch Nickel knapp werden. Das Hauptopfer dieser Entwicklungen ist die Automobilindustrie – nicht zuletzt auch durch Ausfälle ukrainischer Hersteller von Kabelbäumen. Wegen fehlender Kabelbäume drosseln bereits Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen, Porsche, Audi und der Lkw-Hersteller MAN ihre Produktion.

Fazit
Zu den coronabedingten Lieferausfällen gesellen sich nun die Kriegsfolgen, während der Öl- und Inflationsschock seinen Verlauf nimmt. Fakt ist, dass bereits seit 1973 vier Ölschocks zumindest Co-Faktoren einer Rezession waren und auch die Getreideknappheit aktuell ein Thema ist. Die nächste Rezession könnte somit im Anmarsch sein.

Foto: Pixabay / NeonLightsQuito

 

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Sichere Netznutzung ist zunehmend gefragt

Angriffe im Internet nehmen zu, der Bedarf an Schutz ebenso. Die Anlagechancen sind vielfältig.

Raja Korinek. Der Ukraine-Kon­flikt hat auch die virtuelle Welt eingeholt. Inzwischen gibt es zahlreiche Meldungen zu Hackerangriffen sowohl im Westen als auch in Russland. Aus diesem Grund hat die EU das „Cyber Rapid Response Team“ (CRRT) nun aktiviert. „Das Team besteht aus zehn Cybersicherheitsbeauftragten aus sechs europäischen Ländern – Kroatien, Estland, Litauen, den Niederlanden, Polen und Rumänien – die jenen Ländern, die von Cyberangriffen betroffen sind, Hilfe leisten“, sagt Rahul Bhushan, Mitgründer des UK-Finanzhauses Rize ETF. In erster Linie soll das Team nun die Ukraine unterstützen.

Cybersecurity-Lösungen sind gefragt
Doch schon vor Ausbruch des Krieges hat die Zahl der virtuellen Attacken weltweit zugenommen. Grund ist die voranschreitende Digitalisierung, die von der Corona-Pandemie noch weiter beschleunigt wurde.

Ein Blick auf die Zahlen von Statista offenbart dabei Interessantes: 2020 lagen die globalen Ausgaben für IT-Sicherheit bei rund 133,8 MrdUSD. Sie erreichten im Vorjahr rund 150 MrdUSD. Und dürften noch weiter steigen.

Verständlich, dass auch in Österreich das Thema zunehmend in den Fokus rückt, eine Entwicklung, die in der „Global Digital Trust Insights Survey 2022“-Studie vom Unternehmensberater PwC bestätigt wird. Dieser zufolge planen sieben von zehn heimischen Unternehmen heuer einen wesentlichen Anstieg ihrer Investitionen in die Cybersecurity. Die Hälfte der Firmen kalkuliert dabei sogar eine Erhöhung der Budgets von mehr als 10 % zum Vorjahr ein und liegt damit weit über dem globalen Durchschnitt (26 %), zieht Georg Beham, Cybersecurity & Privacy Leader bei PwC Österreich, ein klares Fazit.

Zertifikate mit interessanten Lösungen
Interessierte Anleger könnten beispielsweise mittels Zertifikaten auf den wachsenden Trend breit gestreut investieren. Eine solche Möglichkeit bietet etwa das Cybersecurity-Indexzertifikat von Alphabeta Access Products (ISIN: DE000DA0AB89). Der Index umfasst insgesamt zehn Unternehmen, die auf den langfristigen Megatrend der Datensicherheit setzen. Regional entfallen rund 70 % auf die USA, gefolgt von Israel und Deutschland.

Größte Gewichtung entfällt derzeit auf Verisign (US92343E1029). Das US-Unternehmen vertreibt einerseits Domains, bietet andererseits Cybersecurity für das Internet an. Rapid7 (US7534221046) zählt ebenfalls zu den größten Positionen. Und hat sich ebenso auf die Sicherheit in der virtuellen Welt spezialisiert. Aus Deutschland ist etwa Secunet Security Networks (DE0007276503) im Index enthalten. Auch dieser Konzern bietet Lösungen rund um die IT-Sicherheit an.

Endverbraucher ebenso im Fokus
Die Bank Vontobel bietet hingegen das Cyber-Security-Indexzertifikat (DE000VS5ZCS6) an. Darin sind 15 Titel aus der Branche enthalten. Größte Gewichtung entfällt auf Check Point Software Technologies (IL0010824113), ebenfalls ein Anbieter von Cybersecurity. Norton Life Lock (US6687711084) hat sich mit seiner Sicherheitssoftware auf Endverbraucher spezialisiert. Cloudflare (US18915M1071) ist ebenso Teil des Indexes, wie auch bei Alphabeta Access Products (DE000DA0AAS6). Der Konzern betreibt ein Netzwerk an Servern, die Websites beschleunigen und vor böswilligen Angriffen schützen soll.

Trotz der langfristig positiven Aussichten müssen Anleger kurzfristig auch in diesem Bereich mit größeren Schwankungen rechnen. Zudem besteht für Anleger aus der Eurozone ein Währungsrisiko.

Foto: AdobeStock / Brian Jackson

 

 

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Insourcing Gebot der Stunde

AT&S erweitert Kapazitäten in der Heimat statt in Fernost.

Roman Steinbauer. Zur Grundsteinlegung des Baus eines neuen Forschungs-Centers (Grafik) für Substrat- und Packaging-Lösungen der AT&S Austria Technologie & Systemtechnik AG reisten knapp 100 Gäste nach Leoben-Hinterberg an. Auf dem direkt an den Geschäftssitz angrenzenden Areal von 18.000 m2 werden nach Fertigstellung 2023 ein Drittel der Fläche der Forschung, zwei Drittel einer angeschlossenen Kleinserien- und Prototypen-Produktion zur Verfügung stehen. Die Steirer gehen davon aus, dass der Nachfrage-Boom im Mikroelektroniksektor nicht so schnell abebben wird. Zudem würden die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit elektronischer Systeme weiter zunehmen, der Fokus auf F&E müsse daher verstärkt werden. Inklusive aller Ausbaustufen werden bis zum Jahr 2025 rund 500 Mio Euro in das Projekt investiert und damit 700 neue Arbeitsplätze in der Region geschaffen.

Geortetes Potential
Neben CEO Andreas Gerstenmayer und dem AR-Vorsitzenden Hannes Androsch lobten die Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort Margarete Schramböck, der steirische LH-Stv. Anton Lang sowie der Leobner Bürgermeister Kurt Wallner das Zustandekommen des Projekts. Das Management selbst zeigte sich insbesondere über den jüngst von der Europäischen Union beschlossenen „European Chips Act“ erfreut. Mit dieser Initiative sollen nicht nur für die Halbleiterproduktion starke Impulse ausgehen, vielmehr werde die Kontrolle über die Stationen und Elemente der gesamten kritischen Wertschöpfungskette angestrebt. AT&S (die Sparten Substrate und „advanced packages“ abdeckend) wolle durch innovative Lösungen diese Europa-Kompetenz wirtschaftlich realisieren und somit zur digitalen Souveränität des Kontinents einen Beitrag leisten. Als entscheidenden Faktor, in Österreich zu investieren, führte er zudem die Rechtssicherheit an.

Den Anschluss wahren
Androsch skizzierte in der zweistündigen Veranstaltung die 30-jährige Geschichte des Unternehmens, stellte aber auch einen Bezug zur Gegenwart her: „Wir rüsten uns selbst in diesen dunklen Zeiten für die Zukunft. Das Herz, Hirn und Nervenzentrum unserer Firma wird dabei in Leoben-Hinterberg bleiben!“ Er stellte aber auch Relationen her, in dem er Europas nachhinkende Rolle im Verhältnis zu den asiatischen Marktführern erwähnte, die in dieser Branche im selbigen Zeitraum 360 Mrd Euro investieren würden. Schließlich prognostizierte Androsch für AT&S ein starkes Wachstum. 2025 sieht dieser Umsätze von 3,5 Mrd Euro, die Belegschaft werde sich auf Konzernebene auf 25.000 Mitarbeiter ausweiten.

Illustration: AT&S

 

 

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Geheizte Räume auf dem Spiel?

Europas Energieversorgung ist viel zu stark von Russland abhängig.

Michael Kordovsky. Als am vergangenen Donnerstag russische Truppen die Ukraine angriffen, explodierte der Preis für UK-Erdgas (GWM April 2022) von knapp unter 220 auf mehr als 340 GBPence, ehe tags darauf wieder ein Rückgang um 22 % folgte. Die Kriegsunsicherheit trieb den Preis in exorbitante Höhen, ehe schon die Aussichten auf erneute Verhandlungen den Preis wieder um 22 % nach unten drückten. Diese Volatilität ist Zeichen der Unsicherheit. Niemand weiß wirklich, was Wladimir Putin mit seinem Angriffskrieg erreichen will. Weiterer Unsicherheitsfaktor bleibt das Verhalten Chinas. Aktuell verhält es sich neutral, weil Europa und die USA ja auch die wesentlich größeren Handelspartner sind, aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Volksrepublik die Ukraine-Krise nützt, um Taiwan zu annektieren.

Wie auch immer, saftige Sanktionen der EU gegen Russland folgen und die weiteren Reaktionen Moskaus bleiben abzuwarten. Die Befürchtung – vor allem im Zuge des Swift-Ausschlusses Russlands am Wochenende – vieler: Moskau stellt die Gaslieferungen ein und wir müssen uns dann, im wahrsten Sinne des Wortes, warm anziehen.

Laut der heimischen Energieagentur (Austrian Energy Agency) stammt das in Österreich eingesetzt Erdgas zu rund 80 % aus Russland, EU-weit sind es rund 40 %. Als Gas-Transitland spielt dabei die Ukraine eine wichtige Rolle: Im Westen des Landes laufen drei große Trassen für russisches Gas zusammen: Aus dem Norden Sibiriens kommen zwei, vom Gasfeld Urengoi die Trasse „Bruderschaft“ (Bratstvo) und von der Jamal-Halbinsel kommt ein Abzweiger der Trasse Yamal über Belarus. Eine weitere Trasse mit dem Namen „Einheit“ (Soyuz), kommt aus dem südlichen, zentralasiatischen Teil Russlands.

Österreich besonders abhängig, aber …
Laut den von Statista unter Berufung auf die „European Union Agency for the Cooperation of Energy Regulators“ für 2020 veröffentlichten Daten beziehen Nordmazedonien, Bosnien und Herzegowina und Moldawien 100 % ihres Erdgases aus Russland. Finnland, Lettland und Bulgarien importieren jeweils 94, 93 bzw. 77 %. Hingegen sind Frankreich und die Niederlande nur zu 24 bzw. 11 % von russischem Erdgas abhängig. Die Ukraine bezieht seit 2015 ihr Gas aus der EU und auch Irland ist vollständig unabhängig von Russland. Indessen hängen Italien und Deutschland jeweils mit 46 bzw. 49 % von Putin ab.

Franz Angerer, er ist Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, meint in diesem Zusammenhang zum Börsen-Kurier: „80 % des Erdgases in Österreich kommen aus Russland – damit ist die Abhängigkeit hoch. Österreich verfügt zwar über relativ große Speicherkapazitäten, diese sind aber auf einem historisch niedrigen Stand: Derzeit sind etwa 17 TWh in den österreichischen Speichern gelagert, rund ein Fünftel der Gesamtkapazität. Ein völliger Stopp der Gaslieferungen durch die Ukraine kann aus heutiger Sicht nicht vollständig kompensiert werden und würde die Mechanismen der Energielenkung auslösen. Dieser Mechanismus sieht vor, große industrielle Gasverbraucher sukzessive vom Netz zu nehmen. Ziel dieser Maßnahmen ist ein geordnetes Vorgehen und eine möglichst lange Weiterversorgung der Haushalte und Kraftwerke.“

Erfrieren wird voraussichtlich niemand in den eigenen vier Wänden, denn: „Die heimischen Haushalte benötigen aktuell rund 2 bis 3 TWh pro Monat. Für das Heizen der Haushalte ist auf jeden Fall genug Erdgas vorhanden“, so Angerer, der noch einen weiteren Lichtblick aufzeigt: „Die EU-Diplomatie ist aktuell bemüht, möglichst große Mengen an Flüssiggas aus möglichst vielen Lieferländern verfügbar zu machen. Wir sehen bereits jetzt eine deutliche Steigerung der Flüssiggasimporte in Europa. Eine sofortige Vollversorgung Europas mit europäischem Erdgas und mit Flüssiggas ist auf Grund fehlender Infrastrukturen aber noch nicht vorstellbar.“

Allerdings könnten laut Meinung des Börsen-Kurier die USA ihre Erdgasförderung deutlich ausweiten. Der Engpass sind nämlich nicht die Vorkommen, sondern die Flüssiggas-Terminals, die das über Pipelines angelieferte Erdgas für den Transport auf Spezialschiffen verflüssigen. Da kaum mehr Schiffe beladen werden können, werden in einer Art „Bieterstreit“ mit Asien gegen entsprechende Bezahlung immer häufiger Frachtschiffe nach Europa umgeleitet. Mittlerweile geht bereits die Hälfte des Flüssiggases nach Europa. Doch es gibt langfristige Lieferverträge amerikanischer Lieferanten mit China, sodass diese „Sonderkonstellation“ kein Dauerzustand ist.

Langfristige Alternativen
Aber wie sollen Europa und auch Österreich zukünftig von russischem Erdgas unabhängiger werden? „In erster Linie gewinnen natürlich die heimischen europäischen Produktionen an Bedeutung, wobei jedoch mit keinen langfristigen Zuwächsen zu rechnen ist. Nordafrika, vor allem Algerien, wird ebenfalls wichtiger werden. Kurzfristig kann aber nur Flüssiggas Erdgas aus Russland in bedeutenden Mengen ersetzen. LNG kommt in großen Mengen aus den USA, große Produzenten sind auch Katar oder Australien. Der Import in Europa hat sich im Jänner 2022 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Waren es im Jahr 2021 im Schnitt 18 %, stieg der Wert im Jänner 2022 auf teilweise über 35 %. LNG deckt damit bereits ein Drittel des in Europa verwendeten Gases“, erklärt Angerer gegenüber dem Börsen-Kurier, und er zeigt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: „Mittelfristig muss die Unabhängigkeit von fossilem Erdgas das Ziel sein – und ist in Österreich mit der Klimaneutralität bis 2040 und in Europa bis 2050 auch festgeschrieben. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen erneuerbare Energien und auch die Netze massiv ausgebaut werden. Jedes Windrad mehr verringert die Abhängigkeit von Gasimporten und erzeugt Energie zu niedrigen Preisen. Denn für Wind oder Sonne müssen wir im Gegensatz zu Erdgas nichts zahlen.“

Foto: AdobeStock / ArtmannWitte

 

 

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Taxonomie: Die EU formuliert soziale Ziele

Umweltziele hat die Kommission bereits definiert. Eine Sozial-Taxonomie wird folgen.

Andreas Dolezal. Nachhaltige Investitionen stehen im Fokus des Grünen Deals der Europäischen Union und des Aktionsplanes für nachhaltiges Wachstum. Mit dem Lenken von Anlagegeldern in nachhaltige Investitionen soll die Finanzbranche einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen der europäischen Klima- und Umweltziele leisten. Die Basis dafür bildet die oft zitierte Taxonomie, also jene Verordnung der EU-Kommission, die bereits seit 12. Juli 2020 in Kraft ist und einen „Rahmen zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen“ einrichtet.

Nachhaltige Investitionen im europäischen Sinne orientieren sich an den bekannten ESG-Kriterien: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Um einen einheitlichen Rechtsrahmen zu schaffen und die Beiträge, die eine Investition zu einem der ESG-Kriterien leistet, bewerten zu können, hat die EU-Kommission bereits sechs Umweltziele definiert.

Umweltziele gemäß Artikel 9 der Taxonomie-Verordnung

• Klimaschutz
• Anpassung an den Klimawandel
• Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
• Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
• Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
• Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

Für Soziales und Unternehmensführung gibt es bis dato keine festgelegten Ziele. Das soll sich ändern. Die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen, ein Beratungsgremium der EU-Kommission, hat im Juli des vergangenen Jahres erste Gedanken zum Ausgestalten von sozialen Zielen vorgelegt, die als Basis für eine Sozial-Taxonomie dienen sollen.

In diesem Entwurfsbericht ist zu lesen, dass Vieles darauf hindeutet, dass Anleger soziale Investitionen als Chance sehen, ebenso wie sie erkennen, dass es riskant ist, soziale Faktoren beim Investieren nicht zu berücksichtigen. Daher sei es von entscheidender Bedeutung, zu präzisieren, was eine soziale Investition ausmacht, wie diese zu bewerten ist und nicht zu Lasten anderer Ziele und Beiträge geht.

Eine Sozial-Taxonomie soll dazu dienen, Kapitalströme in jene Unternehmen und Wirtschaftstätigkeiten zu lenken, die die Menschenrechte respektieren, und gleichzeitig Investitionen fördern, die die Lebensbedingungen, insbesondere für benachteiligte Menschen, verbessern. Auf diese Weise würde eine Sozial-Taxonomie den Anlegern ein dringend benötigtes Instrument zur Unterstützung ihrer Investitionsentscheidungen an die Hand geben, meint die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen. Dabei soll die vorhandene Umwelt-Taxonomie als Vorbild dienen. Wobei erkannt wird, dass es schwierig sein wird, quantifizierbare Kriterien für eine Sozial-Taxonomie zu entwickeln.

Die vorgeschlagene Struktur einer Sozial-Taxonomie hat eine horizontale und eine vertikale Dimension. Horizontal werden Risiken bzw. negative Auswirkungen für Mensch (Mitarbeiter, Stakeholder, Gesellschaft) und Umwelt betrachtet, vertikal Produkte, Dienstleistungen und Investitionen, die zusätzlich nützliche Beiträge zur Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) leisten. Auch die Merkmale nachhaltiger Unternehmensführung sollen einfließen. Diesbezüglich liegt der Schwerpunkt auf Themen wie Bestechung, Besteuerung und Lobbying.

Die vertikale Dimension umfasst hinsichtlich Nachhaltigkeitsrisiken unter anderem Diversity Management, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Gewerkschaftsrechte sowie Verantwortung in der Lieferkette. Ein angemessener Lebensstandard soll gefördert werden, der Produkte und Dienstleistungen zur Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse (wohnen, Nahrung und sauberes Wasser, Bildung, Internet, saubere Elektrizität usw.) zugänglich macht.

Die horizontale Dimension beschäftigt sich mit den Auswirkungen der wirtschaftlichen Aktivitäten, also Produkten und Dienstleistungen, auf die Menschen. Positive Auswirkungen sollen gefördert, negative vermieden und bewältigt werden. Als Ziele genannt werden das Sicherstellen menschenwürdiger Arbeit, das Fördern von Verbraucherinteressen und die Ermöglichung integrativer und nachhaltiger Gemeinschaften. Sämtliche Ziele sollen sich auf die gesamte Wertschöpfungskette beziehen.

Als Beispiele, die beide Dimensionen betreffen können, werden das Einkaufen bei regionalen Anbietern zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbildungsdienstleistungen zur (Wieder-)Eingliederung in den Arbeitsmarkt und das Minimieren des Wasserverbrauchs genannt. Ziele einer Sozial-Taxonomie sollen auch das Vermeiden von Zwangsarbeit und das Bekämpfen von Kinderarbeit sein.

Nicht nur mit diesen letztgenannten Zielen schlägt das Expertengremium die Brücke zur guten und nachhaltigen Unternehmensführung. Auch die Vielfalt des höchsten Leitungsorgans und oberen Managements (Geschlecht, Fähigkeiten, Erfahrung, Hintergrund) soll berücksichtigt werden, ebenso wie die Bekämpfung von Bestechung und Korruption, verantwortungsvolle Rechnungsprüfung sowie verantwortungsvolles Lobbying und politisches Engagement.

Fazit
Das Formulieren von sozialen Zielen ist recht einfach (insbesondere dann, wenn man sie nur formulieren, und nicht als Unternehmen be- und verfolgen muss). Es gibt eine Fülle an vorhandenen Standards, an denen sich die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen – und letztendlich die EU-Kommission – orientieren kann. Zur Herausforderung wird das weitreichende Umsetzen von zielgerichteten Maßnahmen in den Unternehmen selbst werden, insbesondere etwa in den globalen Lieferketten. Zu großen Problemen werden die messbaren Bewertungskriterien. Wie misst man das Erreichen von sozialen Zielen?

Einen Eindruck davon, wie überbordend bürokratisch messbare Bewertungskriterien sein können, liefern uns jene für die ersten zwei (sic!) der sechs definierten Umweltziele. Die betreffende EU-Verordnung, die seit 1. Jänner 2022 in Kraft ist, erstreckt sich für nur rund 100 Wirtschaftstätigkeiten auf stolze 349 Seiten. Bewertungskriterien für alle sechs Umweltziele könnten sich also, einfach hochgerechnet, auf mehr als 1.000 Seiten ausdehnen. Der Katalog an messbaren Bewertungskriterien für soziale Aktivitäten wird wohl nicht kompakter werden. Und dann fehlen uns immer noch Ziele sowie Bewertungskriterien für das nachhaltige Unternehmertum.

Der Journalist Josef Urschitz betitelte seinem Beitrag für die Tageszeitung Die Presse vom 22. Dezember 2021 zum Thema „Green Financing“ mit der Überschrift „Wie die EU eine gute Idee zu Tode reguliert“, und spricht darin von „Strangulieren anstatt Regulieren“. Dem kann der Börsen-Kurier leider nur zustimmen.

Foto: Adobe Stock / doganmesut

 

 

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Russland-Ukraine-Krieg: Preisschocks der Rohstoffmärkte werden keine Krise auslösen

Von Pascal Menges, Head of Equity Investment Process and Research, Lombard Odier Investment Managers

(01.03.) Was können frühere geopolitische Negativereignisse über die potenziellen Auswirkungen auf Aktien aussagen, und wie könnte eine Störung der russischen Öl- und Gasexporte den Inflationsdruck verstärken?

• Der Russland-Ukraine-Konflikt stellt ein rohstoffbedingtes Risiko für die Aktienmärkte dar. Die Unterbrechung der russischen Exporte fossiler Brennstoffe wird sich auf die weltweiten Ölpreise auswirken.

• Geopolitische Ereignisse wirken sich in der Regel kurzfristig negativ auf die Aktienmärkte aus. Wenn jedoch Ansteckungseffekte bei den Energiepreisen die Inflation in die Höhe treiben und zu höheren Zinsen führen, könnte eine Rezession folgen.

Der arabisch-israelische Jom-Kippur-Krieg von 1973 ist für den aktuellen Konflikt von besonderer Bedeutung. Als Vergeltungsmaßnahme verhängten die arabischen Länder ein Ölembargo, welches zu einer Vervierfachung des Ölpreises auf 12 USD pro Barrel führte. Dies löste einen massiven kostentreibenden Inflationsdruck aus, was die erste Ölpreiskrise zur Folge hatte, die in einer Rezession mündete. Im gleichen Zeitraum stieg die Rendite der 10-jährigen US-Schatzanweisungen von 9 % auf 12 % und erreichte Ende 1975 einen Höchststand von 14 %. Bis Anfang 1976 führte dies zu einem schwierigen Umfeld für Aktien, als die 10-jährige US-Rendite auf 8 % zurückging.

Russland kontrolliert die Ölmärkte nicht in demselben Maße wie die arabischen Länder 1973, aber es ist ein sehr einflussreiches Land im Rohstoffbereich. Dieser Einfluss erstreckt sich daher auch auf die rohstoffbedingte Inflation. Russland exportiert jährlich etwa 7,5 bis 8,5 mbbld Öl und etwa 240 bis 260 bcm Gas. Die russischen Ölexporte machen derzeit 8 % des weltweiten Angebots aus. Jede Unterbrechung der russischen Ölströme wird angesichts der Fungibilität des globalen Ölmarktes und des Mangels an freien Produktionskapazitäten auf globaler Ebene globale Auswirkungen haben.

Eine Unterbrechung der russischen Gasexporte würde sich unverhältnismäßig stark auf Europa auswirken, da etwa 70 % der russischen Gasexporte hierher gelangen und der Kontinent nur über begrenzte Alternativen verfügt. Je näher die Länder an Russlands Grenzen liegen – vor allem diejenigen, die nicht von Bergen gesäumt sind – desto größer ist die Abhängigkeit von russischem Gas. Darüber hinaus könnte der Krieg die russischen Exporte anderer Rohstoffe, von Palladium bis Platin, beeinträchtigen, da das Land Palladium liefert:

• 44 % des Palladiums (hauptsächlich für Katalysatoren für Dieselfahrzeuge und Elektrolyseure)
• 30 % der Rohdiamanten
• 25 % der Nickelproduktion (vor allem für die Herstellung von rostfreiem Stahl)
• 15 % des Platins (vor allem für Katalysatoren in Dieselfahrzeugen und Schmuck)
• 14% des Kobaltes
• 12 % des Rhodiums
• 7 % der Tonerde (für die Aluminiumproduktion)

Russland und die Ukraine sind auch wichtige Erzeuger von Agrarprodukten wie Weizen, Mais und Saatölen. Sie exportieren hauptsächlich in die Türkei, nach Ägypten, Indien, China, Nigeria, Bangladesch und Jemen. Die entwickelten Volkswirtschaften sind weniger direkt betroffen. Sie würden aber dennoch einen gewissen Preisauftrieb erleiden, wenn es während der Aussaat- oder Erntesaison zu Störungen käme.

Rohstoffe könnten künftig auch in Renminbi gehandelt werden
Eine Reihe russischer Banken wurde im Rahmen der westlichen Sanktionen als Reaktion auf die Invasion vom internationalen Zahlungssystem Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) ausgeschlossen. Es ist noch nicht bestätigt, welchen russischen Banken der Zugang zum Nachrichtensystem verweigert wird und welche es weiterhin nutzen dürfen. Es scheint wahrscheinlich, dass die russischen Banken, die am aktivsten im Rohstoffhandel tätig sind, dieses System unter bestimmten Bedingungen weiter nutzen können.

In den letzten Jahren hat Russland jedoch sein eigenes Nachrichtensystem entwickelt – das System for the Transfer of Financial Messages (SPFS) – und die Behörden streben auch eine Verbindung mit dem chinesischen Gegenstück, dem Chinese International Payment System (CIPS), an, um unabhängig von SWIFT zu operieren. Keines dieser Systeme hat die Bedeutung von SWIFT, aber es wird wichtig sein, zu beobachten, ob China unter den derzeitigen Umständen Fortschritte bei der Anbindung von SPFS und CIPS macht. Dies würde auch bedeuten, dass einige wichtige Rohstoffe dann in Renminbi gehandelt werden könnten, was auf lange Sicht eine Herausforderung für den US-Dollar darstellen könnte.

Fazit
Die Ereignisse der Vergangenheit lassen vermuten, dass geopolitische Ereignisse – sofern es keine Ansteckungseffekte gibt, die die makroökonomischen Bedingungen stark beeinflussen, wie z. B. die Kombination aus steigenden Energiepreisen, Inflation oder Zinssätzen – eher Episoden mit spezifischem Risiko sind.

Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Märkte sind nach wie vor existent und werden von uns genau beobachtet. Die Schlüsselfrage ist, ob sich der durch die Unterbrechung der Rohstoffexporte verursachte Inflationsdruck so weit verstärkt, dass er von Dauer ist, und ob dies zu höheren Nominal- und Realzinsen führt. Dies ist derzeit nicht unser Basisszenario.

Ein langfristiger Bärenmarkt wird normalerweise nicht durch geopolitische Unruhen ausgelöst. Daher ist es unserer Meinung nach wahrscheinlich, dass diese Korrektur nur vorübergehend ist.

Foto: LOIM

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Aufgewacht in einer anderen Welt

Ost-Exposure: Österreich bankenseitig Nummer drei in Europa.

Rudolf Preyer. Ausgerechnet am historischen Datum 24. Feber 2022 – dem Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine (womit natürlich kein Gastgeber rechnen konnte) – organisierte der heimische Bankenverband einen ökonomischen Ausblick. Stefan Schneider, Chief German Economist der Deutschen Bank, wies eingangs auf die Abhängigkeit der europäischen Staaten von russischen Energielieferungen hin – im Durchschnitt kommen 40 % des auf dem Kontinent benötigten Gases aus Russland.

Stand 24.2. konnte man über einen (nun tatsächlich erfolgten) Ausschluss der Russischen Föderation aus dem Swift-Zahlungssystem nur mutmaßen. Zwar haben die Russen bereits versucht, ein alternatives Zahlungssystem aufzubauen – auch mit Blick auf die Wirtschaftsbeziehung zu China -, das dort und da auch schon in Verwendung sei. Im nunmehrigen Kappen des russischen Zugangs zu Swift müsse man freilich auch mitbedenken, dass dies nicht nur Russland treffe – sondern eben auch den Westen finanziell koste, so Schneider. Die Möglichkeit zum Dialog müsse unbedingt bestehen bleiben, ergänzte Bankenverband-Generalsekretär Gerald Resch. Österreich habe in Europa die drittgrößten Investoren auf Bankenseite. Über die Auswirkungen der Sanktionen auf die Austro-Banken wollte er keine Spekulationen anstellen.

Dass umfassende Sanktionen eben auch hohe Kosten für den Westen zeitigen, betonte auch Stefan Bruckbauer, Chief Economist der UniCredit Bank Austria. Beim Exposure wiederum beruhigte er – man müsse im Kopf behalten, dass „sämtliche der seitens der lokalen Banken-Töchter an die Wirtschaft und die Bevölkerung vergebenen Kredite durch lokale Einlagen refinanziert werden“.

Keine Rückkehr zum Davor
„Wir kriegen keine Rückkehr zum Status quo ante“, wies Schneider darauf hin, dass wir neben geopolitischen Verwerfungen auch weitere Herausforderungen zu vergegenwärtigen haben. Covid werde in unseren Ökonomien nachhaltig Strukturen verändern, etwa auch bezüglich der Lieferketten.

Engpässe in Letzteren und Rohstoff- sowie Energiepreisanstiege werden die Inflation nach oben treiben, prognostizierte Bruckbauer: „Wir dürfen auch im nächsten Jahr nicht mit Inflationsraten von unter 2 % rechnen.“ Höhere Inflationsraten werden sich wohl verstetigen.

Schneider und Resch sehen die Spitze zumindest der Pandemie erreicht. Selbst, wenn es im Herbst wieder eine Welle gebe, seien wir medizinisch weiter, auch habe die aktuelle Welle wirtschaftlich nicht so tiefe Spuren hinterlassen, wie noch vor einem Jahr. Hinzu kommen regierungsseitige Fiskalimpulse und Unterstützungspakete sowie robuste europäische Arbeitsmärkte auf dem Niveau vor der Pandemie. Auch der mit 750 Mrd Euro gut dotierte „Next Generation Recovery Fund“ der EU stütze die Konjunktur.

Der Konsum sollte in Österreich heuer real um 6 % wachsen, aber erst gegen Ende des Jahres das Niveau von 2019 toppen. Die Investitionen haben bereits wieder Vorkrisen-Niveau erreicht, die Kreditnachfrage steige schon „sehr rasch“, und der Wohnbau bleibe weiter stark.

Zuletzt sieht Schneider neben einer Entspannung bei den Einkaufspreisen eine „Zinswende“ auf uns zukommen: Die Fed werde ab März ihre Zinsen in diesem Jahr sechsmal anheben. Die EZB dürfte im September und Dezember

den Einlagenzins um jeweils 25 Basispunkte erhöhen. Damit gewinnen makroökonomische Faktoren wieder an Bedeutung für den Bondmarkt.

Fazit: Es kündigt sich eine Erholung der Weltwirtschaft an, aufgrund des Russland-Einmarsches in die Ukraine werden aber die Karten neu gemischt.

Foto: Pixabay / NeonLightsQuito

 

 

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Russlands aggressiven Bären als Nachbarn

An Finnlands Börse ergeben sich erhöhte Risiken, aber auch Chancen.

Roman Steinbauer. Der OMX-Helsinki-25-Index hält sich überraschend stark. Mit 5.140 Punkten steht der Leitindex nur 10 % unter dem Top von Mitte August 2021. Die Verflechtung der finnischen Volkswirtschaft mit der Russischen Föderation ist groß. Historisch weist dieser Aktienmarkt daher überproportionale Ausschläge auf. Die nordeuropäische Börse ließ seit dem globalen Dämpfer im März 2020 andere Börsen des Kontinents hinter sich.

Nach einer langen Durststrecke glänzten im Vorjahr vor allem Finanztitel wie die Nordea Bank (ISIN: FI4000297767). Atypisch sieht für derartige Institute die Aktionärsstruktur aus, hält doch Stellantis (NL00150001Q9) 14 % der Aktien. Weiters gehören die Rohstoffkonzerne Rio Tinto (14 %, GB0007188757), die BHP Group mit 10 % (AU000000BHP4), die russische Evraz mit 13 % (GB00B71N6K86) sowie die Intesa San Paolo mit 11 % (IT0000072618) zu den Kernaktionären. Auf Basis letzter Ausschüttungen winkt hier eine Dividenden-Rendite von 6,6 %.

Auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr drifteten Papiere des Güterdienstleisters Cargotec (FI0009013429) ab. Es reizt ein KGV von 11, die (stabile) Dividende führt zu einer Rendite von 2,54 %. Als großer Dividendenlieferant ist der Energieversorger Fortum (FI0009007132) zu bezeichnen, dessen Rendite 4,9 % beträgt. Intakt scheinen weiterhin die Chancen der Stora-Enso-Valoren (FI0009005961). Stets eine Betrachtung wert ist zudem der Spezialist für Hebesysteme Konecranes (FI0009005870). Hier Schwächen zu nutzen, rentierte sich wiederholt.

Hohes Vertrauen, aber expandierende Schuldenquote
Konträr zum Nicht-EU-Staat Norwegen gab es in Helsinki keine Ambitionen, dem NATO-Pakt beizutreten. Das 5,6-Mio-Einwohner-Land, das von lediglich 18 Personen pro Quadratkilometer besiedelt ist, kann auf Rohstoffvorkommen wie Kupfer, Eisenerz, Gold, Silber, Blei, Zink, Nickel oder Kalkstein verweisen. Laut Germany Trade & Invest (GTAI) hat das jährliche BIP 2021 um 3,5 % auf 44.800 Euro pro Kopf angezogen und somit jenes Österreichs um rund 5 % übertroffen.

Die Leistungsbilanz ist mit +1,2 % positiv, die Neuverschuldung betrug vergangenes Jahr 3,8 %. Seit 2019 baute sich aber die Schuldenquote von 59 auf 71 % des BIP auf. Im Transparency International Korruptionsindex (CPI) befindet sich Finnland hinter Dänemark und Neuseeland auf dem hervorragenden Rang drei.

Russland als bedeutendes Abnehmerland
Nach Angaben von Statistics Finland zeigte sich im Dezember vor allem der Anstieg der Industriefertigung (inklusive Rohstoffminen und Energie) mit 11,5 % dynamisch. Das zweite Mal in Folge fiel aber im Jänner das Konsumentenvertrauen (-1,7 Punkte). Eine Prosperität weist der Außenhandel auf. Zu Jahresschluss kletterten die Ausfuhren im Vergleich zu 2020 um 22 %, die Einfuhren um 25 %. Der Maschinenbau führt die Ausfuhrstatistik mit 17 % an, vor Papier bzw. Pappe (je 10 %) und Rohstoffen (9 %). Die Importe sind durch chemische Erzeugnisse und Maschinen mit jeweils 11 %, vor Kfz- bzw. Kfz-Teilen (9 %) und Elektronik (7 %) geprägt.

Die Russische Föderation (zu der eine 1.300 km lange Grenze besteht) ist mit 10 % drittwichtigster Kunde finnischer Exporte – hinter Deutschland (15 %) und Schweden (11 %). Bei den Einfuhren steht der große Nachbar gemeinsam mit China jeweils mit 5 % an fünfter Stelle. Die seit der Wirtschaftskrise 2009 ins negative Terrain gerutschte Handelsbilanz bestätigte sich im Dezember erneut mit -350 Mio Euro. Bei den Direktinvestition ist Schweden mit 27 % vor den Niederlanden (17 %) und Luxemburg (15 %) federführend. Seit dem Höhepunkt der Gesundheitskrise ging die Arbeitslosenrate von 8,7 auf 6,7 % zurück.

Foto: Pixabay / Hietaparta

 

 

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Die Schattenseiten der ETFs

Die strikte Nachbildung von Indizes entpuppt sich als nachteiliges Anlagekorsett.

Roman Steinbauer. Das Risiko in Vermögenskategorien, in denen Blasenbildungen vermutetet werden, steigt. Anleger wissen aus Erfahrung: Klar erkennbar sind zurückliegende Spekulationsballons leider erst, wenn die Luft entwichen ist. Monetäre Straffungen durch Notenbanken in einem inflationären Umfeld schlagen bereits im Universum riskanterer Anlageformen durch. Aktien jener Gesellschaften, die keine starken operativen Gewinne lukrieren, keinen Substanz- oder Ertragswert aufweisen, kommen (selbst in Erwartung eines Wachstums) unter Druck. Unternehmen im Technologiesegment, deren Wertpapiere noch vor kurzem Momentum-getrieben waren, erfahren nun rasch eine tiefere „Neubewertung“. Sogenannte „Meme“-Titel (diese gewannen vorwiegend über Social-Media-Kanäle an Popularität) sind von einem Exodus ihrer Anleger bedroht.

Selbsterfüllende Prophezeiung
Im Zuge des Paradigmenwechsels unter Investoren und der hohen Gewichtung dieser Aktien in führenden Indizes werden börsengehandelte Fonds (ETFs) massiv in Mitleidenschaft gezogen. Dies führt bereits zu bösen Überraschungen. Gegenüber der Marktanalyse-Plattform Seeking Alpha sieht der Stratege von Infrastructure Capital, Jay Hatfield, die Schwäche des Technologie- und Krypto-Sektors als „Doppelschlag“ im ETF-Universum. Hatfield führt beispielsweise den „Global X Fintech ETF“ (zu 79 % in Softwarefirmen investiert; ISIN: IE00BLCHJZ35) an, der binnen der vergangenen drei Monate einen Abschlag von 30 % zu verkraften hatte. Für Todd Rosenbluth, ETF-Leiter bei der Investment-Research-Firma CFRA, ist der Trend schlüssig: „Die Bereitschaft zu Risiko reduziert sich. Investoren suchen jetzt Stabilität.“

Die kostengünstige Nachbildung als Bumerang?
Technologieaktien sind heute verstärkt in führenden Hauptindizes wie dem Dax, dem Euro Stoxx 50 oder dem S&P 500 gewichtig vertreten. Unzählige ETFs bilden diese Anlagebarometer nach. Durch Positionsliquidierungen mit hohem Volumen droht diesen (trotz der hohen Marktbreite) ein Klumpenrisiko. Offensive Branchen-ETFs traf es jüngst noch empfindlicher: So wird unterdessen der prominente „ARK Innovation ETF“ (NYSEARCA) von Cathie Wood immer weiter in die Knie gezwungen. Wurde doch mittels diesem Anlageprodukt immerhin an vorderster Front auf prominente Titel wie Tesla (US88160R1014), Teladoc (US87918A1051), Zoom (US98980L1017), Unity Software (US91332U1016) oder Spotify (LU1778762911) gesetzt. Noch im April 2021 um 156 USD gehandelt, erodierte der „ARK Innovation“ bereits auf 65 USD. Ab November kam der „Invesco Solar Energy ETF“ (IE00BM8QRZ79) mit -25 % unter die Räder. Auch werden die Zeiten für die Spekulation in das Biotechnologiesegment rau. ETFs, die den Nasdaq Biotechnology Index (XC0006170267) nachbilden, hatten im selbigen Zeitraum mit einer Median-Dezimierung von 22 % zu kämpfen.

Konservativer ETF-Sektor als Alternative
Dem jüngsten Finanzservice-Report von Thomson Reuters Lipper zufolge flossen in der Woche bis zum 2. Feber aus konventionellen Fonds und ETFs insgesamt 34,6 MrdUSD (30,45 Mrd Euro) ab. Alleine aus den US-Large-Cap-ETFs holten Investoren die gewaltige Summe von netto 9,4 MrdUSD (8,28 Mrd Euro) zurück. Binnen sieben Tagen wurden alleine im ETF-Segment der Small Caps 1,5 MrdUSD (1,32 Mrd Euro) und im Technologiebereich 995 MioUSD (876 Mrd Euro) eliminiert.

Angesichts dieser Umstände hielten sich Value ETFs wie der „iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS“ (IEOOBP3QZB59) oder der Xtrackers „MSCI World Value Factor UCITS“ (IE00BL25JM42) bisher mit Abschlägen von 3 % zur Spitze wacker und zeigten Resistenz.

Foto: AdobeStock / lassedesign

 

 

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Wohlstand für alle

Die Politik des sozialen Ausgleichs in China öffnet Anlagechancen.

Harald Kolerus. Ein kurzer Rückblick: 2021 legten Aktien aus Industrieländern weiter deutlich zu und erreichten mitunter neue Rekorde. Hingegen entwickelte sich die Performance in den Emerging Markets bescheiden. Ein Hauptverantwortlicher dafür: Das Reich der Mitte.

Scharfer Gegenwind
„China zog die Schwellenländer nach einer sektorübergreifenden Verschärfung der Kreditvergabe und der aufsichtsrechtlichen Bestimmungen im Zusammenhang mit der ‚Common prosperity‘-Politik (dazu später mehr, Anm.) nach unten“, analysieren Fredrik Bjelland und Cathrine Gether vom norwegischen Assetmanager Skagen in einem aktuellen Kommentar. Für 2022 erwarten die Experten aber ein etwas günstigeres Umfeld: „Der Kreditzyklus könnte nach einem Jahr der Straffung an einem Wendepunkt angelangt sein, und wir hoffen, dass nun der Höhepunkt des regulatorischen Drucks überschritten ist.“

Covid belastet
Wobei allerdings nicht vergessen werden darf, dass Corona zu einem deutlichen Schuldenanstieg bei Staat und Unternehmen in China geführt hat. Hinzu kommt, dass Lockdowns im Zuge der strengen „Null-Covid-Politik“ zu Jahresbeginn die Wirtschaft belastet haben. Solche und andere Faktoren belasten, so wie beispielsweise auch die über viele Jahrzehnte restriktive Geburtenkontrolle, die in den kommenden Jahren zu einem Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung führen wird. Die DekaBank glaubt daher an ein geringeres Wirtschaftswachstum in der näheren Zukunft: „Wir gehen aber davon aus, dass die Regierung BIP-Wachstumsraten von deutlich unter 5 % in den Jahren 2022 und 2023 verhindern will, da ihre Beschäftigungsziele sonst in Gefahr gerieten“, heißt es in der Trendanalyse.

Alles in allem liest sich das jetzt nicht wie eine Vorzeigestory aus dem Investment-Lehrbuch. Was spricht also für China? Das wurde in einem Webinar des Assetmanagers Abrdn (ehemals Standard Life Aberdeen plc), an dem der Börsen-Kurier teilgenommen hat, ausführlich besprochen.

Sozialer Ausgleich im Fokus
Donald Amstad, Global Head of Client Growth, legte die politische und makroökonomische Perspektive dar: „Für Peking steht soziale Stabilität im Mittelpunkt. Die Regierung fürchtet Destabilisierung und alles, was sie verursachen könnte. Zwar kann die Kommunistische Partei natürlich nicht abgewählt werden, aber gerade deshalb kann sie sich auch nicht ,verstecken‘, sie ist sozusagen für alle Vorgänge im Land verantwortlich.“ So wäre steigende soziale Ungleichheit im Land fatal, ein demokratisches politisches Ventil gibt es nicht, das Konfliktpotenzial würde steigen. Deshalb rückt Peking sozialen Ausgleich und eben „Common prosperity“ in den Fokus, also Wohlstand für alle. „Die Regierung versucht wirklich, das Leben der Bürger besser und erschwinglicher zu machen. Das betrifft die wesentlichen Bereiche Wohnen, Gesundheit und Erziehung“, so Amstad.

Fonds und Aktien
Das ist natürlich mit einer anvisierten Steigerung der Kaufkraft verbunden, was Anlagechancen im Binnenmarkt öffnet. Der „Aberdeen China A Share Equity Fund“ (ISIN: LU1130125799) hat sich dabei auf fünf Sektoren konzentriert: Digitalisierung, Gesundheit, „Grüne Investments“, „Wealth“ (steigender Wohlstand unterstützt die Finanz- und Versicherungsindustrie) sowie „Aspiration“ (stärkere Konsum-Nachfrage).

Ben Sheehan, Senior Investment Specialist Asia bei Abrdn, erklärte: „Rund ein Drittel des Portfolios ist im Konsumbereich investiert. Eine sozial ausbalancierte Gesellschaft und die rasant wachsende Mittelschicht versprechen hier Wachstum.“ Die drei größten Titel im Fonds sind „China Tourism Group Duty Free“, „Kweichow Moutai“ (Spirituosen-Hersteller) und „China Merchants Bank“. Unwahrscheinlich, dass man hierzu-lande von diesen Aktien schon etwa gehört hat. Die richtige Auswahl ist gerade in China etwas für professionelle Fondsmanager.

Foto: Pixabay / MaoNo

 

 

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Die Berufsunfähigkeitsversicherung als erklärungsbedürftigen Bedarf betrachten

In einer gemeinsam mit dem Linzer Market-Institut durchgeführten Studie hat die Nürnberger Versicherung erhoben, was die Österreicher über das Thema Berufsunfähigkeitsabsicherung wissen und wie hoch die Bereitschaft ist, privat vorzusorgen.

(17.07.) Die Umfrage zeigt, dass es den meisten Menschen sehr wohl bewusst ist, dass die staatlichen Pensionsleistungen im Invaliditätsfall zur Sicherung des Lebensstandards kaum ausreichen werden. Dennoch sorgen die wenigsten privat für diesen Fall vor. Als Hauptgründe, warum man derzeit noch keine private Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) besitzt, werden fehlende Informationen sowie „keine Aufmerksamkeit für das Thema“ genannt. Rund ein Viertel der Befragten verdrängt das Thema und geht davon aus, nicht berufsunfähig zu werden.

Potenzieller Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung
Bei der Frage, inwieweit man sich grundsätzlich vorstellen kann, zukünftig eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, zeigt sich eine gewisse Ambivalenz. 45 % der Befragten, die noch keine private BU-Absicherung haben, sprechen sich grundsätzlich dafür aus – die andere Hälfte zeigt kein Interesse oder hat keine Meinung dazu. Bei Menschen bis 45 Jahren liegt das potenzielle Interesse an einer Berufsunfähigkeitsversicherung bei deutlich mehr als 50 %.

„Dieses Ergebnis macht klar, dass jeder Zweite grundsätzlich offen für die private BU-Versicherung ist. Die wenigsten werden aber von sich aus auf ihren Berater zugehen, um dieses Risiko aktiv anzusprechen“, meint dazu Mag. Erwin Mollnhuber (Foto), Mitglied des Vorstands der Nürnberger Versicherung.

Erster Ansprechpartner
Im Falle des konkreten Abschlusses einer BU-Versicherung wäre der Berater der eigenen Versicherung für 46 % der erste Ansprechpartner – 21 % würden einen unabhängigen Versicherungsmakler konsultieren. Dass man eine BU-Versicherung bei einem unabhängigen Versicherungsmakler abschließen kann, hält ein Drittel der Befragten für wichtig bzw. sehr wichtig.

„Was für die meisten Versicherungsprodukte gilt, zeigt sich bei der Berufsunfähigkeitsversicherung besonders deutlich: Der Bedarf ist dem Kunden in der Regel nicht bewusst. Er hat zwar eine vage Vorstellung davon, wie es im Fall der Fälle sein könnte. Es bleibt aber die Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Die private BU-Absicherung sollte daher aus unserer Sicht vom Versicherungsmakler im Kundengespräch regelmäßig angesprochen werden“, so Mollnhuber.

„Um dem Kunden den konkreten Bedarf aufzuzeigen, bietet die Nürnberger im Internet unter www.vorsorge-app.at ein eigenes Berechnungsprogramm an. Damit kann der Berater dem Kunden aufzeigen, wie groß seine Wahrscheinlichkeit ist, berufsunfähig zu werden, wie hoch die finanzielle Lücke in einem solchem Fall wäre und was es kosten würde, diese Lücke durch eine private BU-Absicherung zu schließen“, erläutert Mollnhuber abschließend.

Studiendesign:

Zielgruppe: Berufstätige (bzw. Arbeitssuchende und Personen in Karenz) 16-59 Jahre in Österreich. Befragungsart: Online-Interviews im MARKET Panel. Befragungszeitraum: März 2021. Auswertungsbasis: Berufstätige insgesamt: n=500 maximale statistische Schwankungsbreite +/- 4,48.

Foto: Richard Schabetsberger

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Das Starterdepot für die Langfristvorsorge

Fürs Alter in die weltweite Wirtschaftsleistung investieren.

Julia Kistner. Selten ist das Börsenjahr mit derartigen Achterbahnfahrten der Aktienkurse gestartet. Ist das unbedingt der richtige Zeitpunkt, mit der Vorsorge zu beginnen? Ja, denn es gibt keinen falschen Zeitpunkt! Timing ist eine Kunst, die niemand beherrscht, und je länger der Anlagehorizont ist, desto weniger fällt ein günstiger Kaufzeitpunkt bei soliden Investments ins Gewicht. Zur Sicherheit spricht auch nichts dagegen, nicht alles an einem Tag zu investieren, sondern über einem bestimmten Zeitraum in mehreren Tranchen zu veranlagen. Hier sollte man sich nur über die Mindestgebühren erkundigen, damit nicht die Spesenfalle bei zu kleinen Ordern zuschlägt.

Wer keinen größeren Einmalbetrag zur Verfügung hat, sondern von seinem Einkommen kontinuierlich etwas veranlagen möchte, hat das Timing-Problem ohnedies nicht. Man investiert eine stets gleich hohe Summe in dieselben Finanzprodukte. So erwirbt man in schlechten Börsenzeiten mehr, in Boom-Phasen weniger Aktien oder Fondsanteile und profitiert so von durchschnittlich günstigeren Preisen, vom sogenannten „Cost-Average“-Effekt. Der wirkt umso mehr, je mehr das gewählte Anlageprodukt schwankt. Wichtig ist nur, dass man seinem konkreten Investmentplan treu bleibt und sich nicht von irgendwelchen Börsen-Geheimtipps davon abbringen lässt, und dass man sein Verlustrisiko möglichst breit streut.

Risikostreuung über den Globus
Wer keine konkrete Anlageidee hat, ist mit einem Starter-Depot gut bedient, das möglichst getreu die Weltwirtschaftsleistung abdeckt. „Man investiert entsprechend der Verteilung des weltweiten Bruttoinlandsprodukts“, empfiehlt Jan Altmann, Analyst bei justETF-.com, der sich dabei an den Statistiken des IWF orientiert: „Man teilt sein Portfolio mit Länder-ETFs ein in 28 % USA, 24 % Europa, 6 % Japan. Weiters investiert man rund 3 % in die Region Asian Pacific ohne Japan und 39 % in die übrigen Schwellenländer inklusive China.“ Zur Risikostreuung hat Jan Altmann persönlich auch noch Anleihen-ETFs und Gold im Portfolio.

Florian Ielpo von der deutschen Fondsgesellschaft Lombard Odier Investment Managers LOIM sieht für die nächsten Jahren mehr Potential in Europa und in den Emerging Markets, weniger in den USA: „Langfristig würde ich Europa, die USA und die Emerging Markets jedenfalls gleich gewichten.“ Dies kann man mit spezialisierten spesengünstigen ETFs oder klassischen gemanagten Fonds machen. Interessant ist, dass selbst so ein traditionelles Investmentfondshaus wie Franklin Templeton auch nicht mehr ausschließlich auf das Know-How ihrer Manager setzt, sondern vermehrt auch auf eine Mischung aus Indexfonds und aktivem Fondsmanagement. „Active ETFs sind ein sehr stark wachsendes Segment“, ist Caroline Baron, Head of ETF Business Development, Emea bei Franklin Templeton überzeugt, womit man etwas komplexere Assetklassen gut abdecken könne, wie es momentan die Anleihen seien oder auch fernere Wachstumsmärkte wie Indien. Der Sinneswandel der klassischen Fondsgesellschaften kommt vom massiven Konkurrenzdruck durch spesengünstige ETFs, aber auch, weil börsengehandelte Indexfonds in den derzeit turbulenten Börsenzeiten gut und günstig handelbar sind. Was noch für Indexfonds spricht: laut Analyse des Ratinghaus Scope konnte von 2.000 Fonds im Vorjahr nicht einmal jeder dritte Fondsmanager (29,1 %) den Vergleichsindex outperformen. Im Jahr 2020 waren es immer-hin noch 46 % der Fondsmanager.

Foto: AdobeStock / spotmatikphoto

 

 

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Moskau, ein Markt für Hasardeure

Trotz massiver Kursverluste: Eine politische Entspannung könnte rasch einen Stimmungswechsel einleiten.

Roman Steinbauer. In der Weltpolitik ist die Russische Föderation gegenwärtig präsent wie kaum ein anderer Staat. Der vergangene Montag zeigte erneut auf, wie massiv der Moskauer Finanzplatz von Unsicherheiten geprägt ist. Unternehmen zaudern mit Investitionen, Investoren verkauften während der vergangenen Monate in großem Umfang russische Wertpapiere. Zu groß sind Bedenken, eine politische Eskalation könnte Sanktionen nach sich ziehen, die für so gut wie alle börsennotierten Gesellschaften im größten Land der Erde folgenreich wären.

Der „Kauf bei Kanonendonner“ als Spekulation
Über drei Monate war der Aktienindex RTS (ISIN: RU000A0JPEB3) von einem Abgabedruck gezeichnet, der diesen bis am Montag auf 1.420 Punkte drückte. Obwohl anziehende Rohöl-, Gas- und Basismetallpreise vielen Energieunternehmen (diese vertreten mehr als 50 % der Kapitalisierung im Index) eigentlich hervorragend ins Geschäftskonzept passen, waren auch deren Notizen nicht vor Einbrüchen gefeit. Aber wie die letzte Jänner-Woche kurzfristig signalisierte, fallen Gegenbewegungen rasch und kräftig aus. Galt und gilt Panik generell am Aktienmarkt als schlechter Ratgeber, bestätigte sich diese Weisheit auch kurz nach der Russland-Krise 1998. In diesem Fall kamen waghalsige Anleger auf ihre Rechnung.

Währungsumrechnungen bleiben Investoren bei Papieren des RTS-Index erspart. Der nach Marktkapitalisierung gewichtete Kursindex (ausgeschüttete Dividenden werden dem Punktestand nicht hinzugezählt) konvertiert die Notizen auf Dollar-Basis.

Chancen abseits der Energiegiganten
Die Bedeutung namhafter russischer Gas- und Ölversorger wie Gazprom (US3682872078), Lukoil (US69343P1057), Rosneft (US67812M2070), Tatneft (US8766292051), Novatek (US6698881090) und Rohstoffriesen wie Nornickel (RU0007288411) ist Anlegern geläufig. Den Blick weiter zu schwenken könnte sich aber lohnen. Denn neben Metallurgie-Größen wie Novolipetsk Steel (US67011E2046), Severstal (US8181503025) oder dem Goldförderer Polyus (US73181M1172) notieren im RTS auch Vertreter anderer Branchen mit Perspektiven. Im Lebensmittel- und Einzelhandel etwa von X5 Retail Group (US98387E2054) über Magnit (US55953Q2021) bis zum Düngemittelkonzern PhosAgro (US71922G2093). Diese starken Konzerne sind zudem durchwegs an deutschen oder US-Börsen gelistet.

Die Inflation und Kriegsgefahr überschatten
Einerseits stellt die hohe Abhängigkeit vom Rohstoffhandel chronisch einen ökonomischen Makel für die Russische Föderation dar, andererseits sieht die derzeitige Datenlage des Landes keineswegs besorgniserregend aus.

Die Abwertung des Rubels blieb im Verhältnis zum Euro mit 16 % im Verlauf der vergangenen drei Jahre überschaubar. Um der stark steigenden Inflationsrate von 8,7 % (Jänner zum Vergleichsmonat des Vorjahres) entgegenzuwirken, hob die Notenbank den Leitzins in der Vorwoche das achte Mal in Folge auf nun 9,5 % an.

Der Handelsbilanzüberschuss schwoll im Zuge der hohen Energiepreise nach Angaben des staatlichen Statistikamtes im Dezember (letzte Daten) auf den historischen Rekordwert von 27 MrdRUB (310 Mio Euro) an. Für diesen Vergleichszeitraum konnte das Wirtschaftsministerium in Moskau mit +4,3 % neun Perioden in Folge ein BIP-Wachstum melden.

Stabil zeigt sich ebenso der Einzelhandel, der mit +5,4 % sogar überraschte. Ebenso sind die hohen Rohstoffnotizen für den Rekordstand an Währungsreserven verantwortlich, die nach Angeben der Notenbank auf 649 MrdUSD (571 Mrd Euro) kletterten.

Und auch die Arbeitslosenrate (das sind die Beschäftigung suchenden Arbeitsfähigen aller Altersstufen) liegt mit 4,3 % auf dem tiefsten Niveau seit den Aufzeichnungen nach dem Zerfall der UdSSR.

Foto: AdobeStock / World Images

 

 

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KESt-Befreiung hätte auch volkswirtschaftlich Vorteile

Vieles spricht für die Steuerbefreiung von längerfristigen Gewinnen.

Michael Kordovsky. Aktien, die ab dem 1. Jänner 2011 angeschafft wurden und ab dem 1. April 2012 veräußert werden, unterliegen in Österreich generell der KESt, die 2016 auf 27,5 % angehoben wurde. Zuvor galt bei Aktien eine Spekulationsfrist von einem Jahr. Behielt man die Aktien länger als ein Jahr, waren die realisierten Kursgewinne danach steuerfrei, innerhalb der Frist unterlagen sie dem individuellen Einkommenssteuertarif.

Angenommen ein Anleger erzielt binnen drei Jahren 70 % Kursgewinn mit einer Aktie, bleiben nach 27,5 % KEST-Abzug (die von inländischen Banken einbehalten und abgeführt werden) davon nur noch 50,75 % übrig und die Transaktionsspesen fallen stärker ins Gewicht. Das dämpft die Freude an Aktieninvestments, was die Wiener Börse gegenüber dem Börsen-Kurier wie folgt quantifiziert: „Die durchschnittlichen Monatsumsätze beliefen sich 2011 auf 5,03 Mrd Euro und gingen 2012 auf 3,01 Mrd Euro zurück, obwohl der ATX 2012 deutlich positiv performte.“ Gleichzeitig begleiteten unmittelbar sinkende Zugriffszahlen auf der Wiener-Börse-Webseite diese Entwicklung im Jahr 2012 – ein wahrscheinliches Indiz für eine abnehmende Aktivität der Privatanleger.

Im Niedrigzinsumfeld Sparbuchalternativen fördern
Die Wiener Börse nennt explizit folgende Gründe, die für eine Wiedereinführung der Behaltefrist sprechen, nämlich:

• Das wäre ein wichtiger Schritt zur Bildung einer breiteren Aktionärsbasis in Österreich.

• Langfristige Orientierung und Investition in die heimische Realwirtschaft sollte im Gegensatz zu kurzfristiger Spekulation belohnt werden.

• Gerade im derzeitigen Niedrigzinsumfeld müsste der Zugang zum Investieren erleichtert werden.

• Personen mit langfristigem Anlagehorizont sollten ihr bereits versteuertes Arbeitseinkommen steuerfrei veranlagen können.

Das wichtigste Argument skizzierte die Wiener Börse uns gegenüber wie folgt: „Aktien sind mit der richtigen Strategie (langfristig, breit gestreut, Stück für Stück, niedrige Gebühren) ein wichtiges Instrument für den Vermögensaufbau. Die Österreicherinnen und Österreicher suchen aktiv nach Veranlagungsmöglichkeiten. Bis dato hat ein Großteil das – früher auch akzeptabel verzinste – Sparbuch genützt. Aktien als Teil der Realwirtschaft sollten hier gefördert werden. Diese Maßnahme unterstützt den breiten Mittelstand, der aus bereits versteuertem Arbeitseinkommen veranlagt und dessen Kaufkraft jährlich dahinschmilzt. Der Zugang über die Kapitalmärkte ist geregelt und transparent.“

Volkswirtschaftlich auf den Punkt bringt es Christoph Boschan, der CEO der Wiener Börse: „Die Wiedereinführung der Behaltefrist regt zum Investieren an, nicht zum Spekulieren. Diese Mittel werden wir für die Transition in die CO2-freie Zukunft, den demografischen Wandel und die Innovationssicherung brauchen. Diese richtige Maßnahme kommt außerdem zum richtigen Zeitpunkt für den breiten Mittelstand, der nach Veranlagungsalternativen zum Sparbuch sucht.“

Hinzukommt bei stärkerer Aktiennachfrage ein höheres Eigenkapital-Finanzierungspotenzial für Unternehmen, zumal es vor allem für mittelständische Unternehmen tendenziell schwieriger wurde, an Bankkredite heranzukommen. Auf Umwegen einer höheren Investitionstätigkeit würden durch steuerliche Förderung von Aktien auch neue Arbeitsplätze entstehen.

Regierungsprogramm rasch umsetzen
Auf die Frage des Börsen-Kurier bezüglich gewünschter weiterer Reformen, die den Finanzplatz Wien betreffen, antwortete die Wiener Börse: „Die rasche Umsetzung des vorliegenden Regierungsprogrammes. Es beinhaltet wichtige Bausteine, um privates Kapital zu aktivieren und Unternehmertum in Österreich zu stärken. Außerdem eine Stärkung von Finanz- und Wirtschaftsbildung – hier wurde mit der ‚Nationalen Finanzbildungsstrategie‘ bereits eine Initiative auf den Weg gebracht, bei der die Wiener Börse sich einbringt. Zusätzlich sollte regulatorisches ‚Gold Plating‘ abgebaut werden sowie Entbürokratisierungen und eine Stärkung der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge erfolgen.“

Foto: Pixabay / Geralt

 

 

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Das bedeutet eine straffere Geldpolitik für die Aktienmärkte

(08.02.) Die letzten Monate markierten eine Trendwende in der Geldpolitik: Neben der Bank of England zog auch die Fed ihre Zügel an. Einige Marktteilnehmer gehen davon aus, dass selbst die EZB noch in diesem Jahr mit einer Straffung beginnen könnte. Die größte Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer gilt jedoch den USA, sagt Ivan Domjanic, Capital Market Strategist bei M&G Investments – nachstehend sein Kommentar.

„In den USA preist der Markt in diesem Jahr bereits fünf Zinsschritte ein. Sogar mit einem baldigen Beginn des sogenannten ,Quantitative Tightening‘, also dem Entzug von Liquidität aus dem Finanzsystem, wird gerechnet. Die entsprechenden Ankündigungen haben sich bereits auf die Anleihemärkte ausgewirkt. Insbesondere die kurzlaufenden US-Anleiherenditen stiegen zuletzt rasant, doch auch die Renditen langlaufender Treasuries gingen signifikant nach oben.

Welche Auswirkungen steigende Anleiherenditen auf die Entwicklung innerhalb des Aktienmarktes haben, konnte im Januar eindrucksvoll beobachtet werden. Während Value-Aktien einigermaßen gut mit den steigenden Renditen zurechtkamen, haben Wachstumstitel teilweise deutlich Federn lassen müssen. Dies ist rein bewertungstechnisch auf den Effekt zurückzuführen, dass ein steigender Diskontierungssatz besonders den heutigen Wert solcher Cashflows negativ beeinträchtigt, die weit in der Zukunft liegen, was üblicherweise bei Wachstumstiteln der Fall ist.

Growth ist nicht gleich Growth
Während einige Wachstumstitel, wie die häufig genannten Big-Tech-Werte aus den USA, überwiegend sehr starke Cashflows generieren und hochprofitabel sind, erscheinen vor allem die kleineren, oftmals unprofitablen Growth-Werte, auch als ,Concept-Stocks‘ bekannt, am anfälligsten. Tatsächlich befinden sich viele dieser Titel nicht erst seit Anfang des Jahres, sondern bereits seit dem zweiten Quartal 2021 in einem klaren Abwärtstrend. Auch in diesem Jahr sind viele etliche davon regelrecht eingebrochen. Qualitätsunternehmen mit hochprofitablem Wachstum sind zwar ebenfalls unter Druck geraten, sollten jedoch mittelfristig deutlich besser mit steigenden Anleiherenditen zurechtkommen.

Reflationäres Umfeld bringt Value-Aktien in den Vordergrund
Value-Titel sind weniger stark von den steigenden Anleiherenditen getroffen, weil ihre erwarteten Cashflows nicht so sehr in die Zukunft verlagert sind, wie es bei Wachstumstiteln der Fall ist. Zum anderen sind sie oftmals zyklischer und profitieren damit stärker von einem zyklischen Aufschwung. Doch auch hier muss man differenzieren, denn nicht alle Value-Titel sind unterbewertet, nur weil sie günstig sind. Die Kunst hierbei ist es, die sogenannten ,Value-Traps‘ zu erkennen und auszuschließen. Das sind Aktien, die zurecht so niedrig bewertet sind, da ihre Geschäftsmodelle in Zukunft vor großen Herausforderungen stehen.

Doch was ist mit der Inflation?
Die Inflation und die damit einhergehenden steigenden Anleiherenditen könnten übergeordnet für Value-Aktien sprechen. Allerdings könnte besonders die hohe Produzentenpreisinflation, die sich derzeit deutlich oberhalb der Konsumentenpreisinflation befindet, bei einigen Value-Unternehmen ohne Preissetzungsmacht die Margen unter Druck bringen. Hier wären wiederum die weniger kapitalintensiven Qualitätsunternehmen mit Preissetzungsmacht klar im Vorteil. In diesem reflationären Umfeld bietet es sich daher an, über eine Mischung aus Value- und Qualitätsaktien mit Wachstumspotential nachzudenken, wobei in beiden Segmenten eine aktive Titelselektion entscheidend sein wird.“

Foto: M&G

 

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Neuer Zinsschub: Was haben die Notenbanken vor?

Der März wird ein geldpolitisch entscheidender Monat mit viel Überraschungspotenzial.

Michael Kordovsky. Die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten kletterte von März 2020 bis Dezember 2021 von 1,5 auf 7,0 % (das ist der höchste Wert seit Juni 1982), und in der Eurozone von 0,75 auf 5,0 %, um im Jänner 2022 mit 5,1 % den alten Rekordwert nochmals zu übertreffen.

Dabei wuchs in den USA die Wirtschaft im Jahr 2021 annualisiert um 5,7 % (höchster Wert seit 1984) und im vierten Quartal sogar um 6,9 % versus den erwarteten 5,5 %. In den Monaten Dezember 2021 und Jänner 2022 entstanden außerhalb der Landwirtschaft jeweils 510.000 bzw. 467.000 Stellen. Die Jahres-Steigerung der US-Stundenlöhne beschleunigte sich von Dezember auf Jänner von 4,7 auf 5,7 %.

Die Iden des März
Die Fed wird ohne größere Zwischenfälle bereits in ihrer Sitzung am 16. März eine erste Leitzinsanhebung seit Dezember 2018 durchführen, zumal bis dahin die monatlichen Anleihenkäufe von ursprünglich 120 MrdUSD bereits auf null heruntergefahren sind. Das CME FedWatch-Tool auf Futures-Basis preist diese Zinsanhebung zu 100 % ein. Die Frage ist dabei, ob es bei nur 0,25 %-Punkten bleiben wird. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 36,6 % wäre es sogar eine stärkere Anhebung um 0,50 %-Punkte von 0 bis 0,25 % auf 0,50 bis 0,75 %.

Die hohe Inflation erfordert härteres Durchgreifen und die Markterwartungen haben sich geändert: Der von der Universität Michigan entwickelte Maßstab zur Messung von Inflationserwartungen zeigt, dass die Fünf-Jahres-Inflationserwartung im Jänner mit 3,1 % den höchsten Stand seit 2009 erreichte. Noch im März 2020 lag der Wert bei 2,3 %.

Ende März 2022 enden im Euroraum die Pandemie-Ankäufe. Der EZB-Rat beabsichtigt, die Tilgungsbeträge der im Rahmen des PEPP erworbenen Wertpapiere mindestens bis Ende 2024 weiter-hin bei Fälligkeit wieder anzulegen. Das zukünftige Auslaufen des PEPP-Portfolios wird in jedem Fall so gesteuert, dass eine Beeinträchtigung des angemessenen geldpolitischen Kurses vermieden wird. Konkret impliziert dies Sorgen um hochverschuldete Länder wie Griechenland, Spanien und Italien, bei denen Anleihen-Renditeanstiege bei Wegfall der künstlichen Nachfrage durch EZB-Ankäufe besonders ins Gewicht fallen. Um dem vorzubeugen, reinvestiert die EZB ausgelaufene Papiere des PEPP-Portfolios noch bis Ende 2024. Indessen sollte das längerfristige Anleihen-Kaufprogramm APP noch weiter laufen. Erst nach dessen Ende sind Leitzinsanhebungen ein Thema. Dennoch hat sich etwas geändert: EZB-Präsidentin Christine Lagarde ließ in der Pressekonferenz nach der EZB-Sitzung am 3. Feber die Äußerung fallen, eine Leitzinsanhebung 2022 sei sehr unwahrscheinlich. Dafür hielt sie sich mehrere Optionen offen. Entscheidend wird somit die kommende Sitzung am 10. März, in der sich der EZB-Rat auf Basis aktualisierter Datenlage genauer der weiteren Geldpolitik widmen möchte. Derzeit werden fleißig Daten gesammelt.

Inflationsgefahr ursprünglich unterschätzt
So befragt die EZB viermal im Jahr Volkswirte zu deren Wachstums- und Inflationsprognosen für die Eurozone und die jüngsten Inflationseinschätzungen sind kritisch: Für das Jahr 2022 wird ein Anstieg der Verbraucherpreise um 3,0 % erwartet, verglichen mit erwarteten 1,9 % in der Herbstumfrage 2021. Für 2023 wurde die Prognose von 1,7 auf 1,8 % nach oben revidiert und 2024 sollte bereits wieder ein Rückgang auf 1,9 % folgen. Offensichtlich haben die Experten die Nachhaltigkeit der Inflation unterschätzt.

Umso spannender wird deshalb die nächste EZB-Ratssitzung. In diesem Zusammenhang und im Konnex mit der jüngsten EZB-Entscheidung meint Expertin Sandra Holdsworth vom internationalen Assetmanager Aegon: „Die EZB hat (heute) ihre Geldpolitik nicht verändert. Präsidentin Lagarde hat jedoch sehr stark angedeutet, dass sie auf ihrer Sitzung im März ihren derzeitigen Kurs neu bewerten wird. Die EZB hat auch einen Satz in der begleitenden Erklärung gestrichen, der besagte, dass Anpassungen der Geldpolitik in beide Richtungen möglich seien. Es wird daher davon ausgegangen, dass eine Änderung der Geldpolitik zu einer strafferen Haltung führen wird. Dies wird auf den Anleihemärkten abgewartet, aber es ist unklar, in welchem Umfang, zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Instrument dies geschehen wird. Die Sitzung im März wird Aufschluss geben, aber in der Zwischenzeit werden die Spekulationen weitergehen.“

Fakt ist, dass am Freitag, 4. Feber, der Drei-Jahres-EUR-Swapsatz mit 11 Basispunkten auf 0,3510 % am stärksten angestiegen ist. Doch bereits der Zwei-Jahres-EUR-Swapsatz stieg um 10 Basispunkte auf 0,139 %, verglichen mit einem Anstieg des 30-Jahres-EUR-Swapsatzes um nur fünf Basispunkte auf 0,5680 %. Allerdings erreicht die Zinskurve im 15-Jahres-Bereich ihren Peak bei 0,7290 % und verläuft dann invers. Die Renditen zehnjähriger deutscher Bundesanleihen, die bereits auf Monatsbasis um 33 Basispunkte anstiegen, sprangen am Freitag um sieben Basispunkt auf 0,20 %. Die Anhebung der Bank Rate in Großbritannien um 0,25 %-Punkte auf 0,50 % war hingegen weitgehend eingepreist, während die Renditen zehnjähriger US-Treasuries auf aktuelle Arbeitsmarktdaten um neun Basispunkte auf 1,92 % sprangen.

Fazit
Die Inflation diktiert den Notenbanken immer mehr das Gesetz des Handelns, und so lange es zu keiner größeren Konjunkturdelle kommt, setzt sich weltweit im möglichen Handlungsrahmen eine tendenziell restriktivere Geldpolitik durch.

Foto: wikimedia / AgnosticPreachersKid

 

 

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Kernkraft und Gas sind jetzt „grüne“ Energiequellen

Die EU-Kommission bleibt dabei: Kernenergie und Gas werden als nachhaltig eingestuft.

Andreas Dolezal. Erst in der vergangenen Silvesternacht, kurz vor Mitternacht, hat die EU-Kommission den Entscheidungs- bzw. Konsultationsprozess darüber eingeleitet, ob Kernenergie und Gas als nachhaltig und grün eingestuft werden. Sollte die EU-Kommission gehofft haben, mit diesem bemerkenswerten Timing kontroversen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, hat sie sich getäuscht.

Der Konsultationsprozess war nicht öffentlich. Der Entwurf einer ergänzenden Taxonomie-Verordnung (Anm.: die Taxonomie ist ein Klassifikationsschema und stammt aus dem Altgriechischen für Ordnung und Gesetz) ging an die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen und die Sachverständigengruppe der Mitgliedstaaten für nachhaltiges Finanzwesen. Die beiden Gremien hatten gerade einmal bis Mitte Jänner Zeit, um ihre Beiträge vorzulegen.

Klage gegen Kommissionspläne
Österreichs Klimaschutzministerin Leonore Gewessler und sämtliche Umweltschutz-Organisationen liefen von der ersten Sekunde an Sturm gegen den Plan, Atomstrom und den fossilen Brennstoff Gas als „grün“ einzustufen. Österreich ist fest entschlossen Klage einzureichen, wenn sich die Pläne der EU-Kommission durchsetzen. Und genau danach sieht es nach der Pressekonferenz von EU- Kommissarin Mairead McGuinness am 2. Feber aus.

„Wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, um Klimaneutralität zu erreichen“, sagt Kommissarin McGuinness. Und weiter: „Heute legen wir dar, wie Gas und Kernenergie einen Beitrag zum schwierigen Übergang zur Klimaneutralität leisten können.“

Die einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden weiterhin in vollem Umfang über ihren eigenen Energiemix entscheiden, die Taxonomie bleibt ein freiwilliges Instrument, bekräftigt sie. Auch Investoren können weiterhin frei entscheiden, ob sie in Kernkraft oder Erdgas investieren wollen.

Kernenergie und Gas werden nur unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig gelten. Bei Kernenergie sind das Verbesserungen und fortschrittliche Technologien bei den Sicherheitsstandards und der Abfallbewirtschaftung (Stichwort Atommüll). Für Gaskraftwerke gelten strenge Auflagen, einschließlich Emissionsgrenzwerten, und es wird verlangt, dass die Anlagen emissionsintensive Anlagen ersetzen. Dazu kommen „im Interesse der Transparenz“ Vorschriften für die Offenlegung.

Viele Kernenergie-Befürworter
Nachdem die EU-Kommission den delegierten Rechtsakt angenommen hat, liegt der Ball beim Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten. Sie haben vier Monate (falls erforderlich auch sechs Monate) Zeit, den Text zu prüfen. Zu verhindern ist das geplante Inkrafttreten am 1. Jänner 2023 nur noch dann, wenn 20 der 27 EU-Mitgliedstaaten, die mindestens 65 % der EU-Gesamtbevölkerung repräsentieren, oder eine absolute Mehrheit im EU-Parlament dagegen stimmen. Danach sieht es aber ganz und gar nicht aus. Es gibt zu viele Befürworter der Kernenergie unter den EU-Staaten.

Wenig Aussicht auf Erfolg
Österreich erwägt dennoch, dagegen zu klagen. Abgesehen davon, dass die meisten Juristen so einer Klage wenig Aussicht auf Erfolg geben, übersieht die Umweltministerin aber augenscheinlich, dass auch Österreich, insbesondere in den Wintermonaten, wenn unsere Wasserkraftwerke angesichts niedriger Wasserstände zu wenig Strom erzeugen, seinen Strombedarf mit importiertem Atomstrom deckt bzw. decken muss. Das Erzeugen von Atomstrom abzulehnen, ihn aber wohlwollend zu importieren, erfordert schon eine ziemlich breite Grätsche. Zumal auch Bundeskanzler Karl Nehammer bereits ebenso zutreffend wie martialisch prophezeit hat: „Wahrscheinlich verlieren wir diesen Krieg.“ Die Diskussion darüber, ob Kernenergie und Gas nachhaltige und „grüne“ Energiequellen sind, wird jedenfalls auch in den kommenden Monaten weitergehen.

„Der heutige Tag ist nicht das Ende – aber er ist ein Mittel zum Zweck. Wir müssen so schnell wie möglich aus den kohlenstoffreichsten Energiequellen wie Kohle aussteigen. Während dieses Übergangs kann das bedeuten, unvollkommene Lösungen zu akzeptieren“, hält Kommissarin McGuinness am Ende der Pressekonferenz fest. „Das Ziel ist eine kohlenstoffarme Zukunft, die mit erneuerbaren Energien betrieben wird. Dazu sind wir noch nicht in der Lage.“

So viel Realitätssinn in den Worten einer EU-Kommissarin macht beinahe schon wieder optimistisch, dass wir die Energiewende tatsächlich schaffen.

Foto: Pixabay / Burghard

 

 

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Mehr als Sonne und Wind

Experten von BNP Paribas und Nordea erklären ihre ESG-Strategie.

Harald Kolerus. Der sogenannte „Mega-Trend“ Nachhaltigkeit hat mitunter auch mit „Störfeuer“ zu kämpfen. So ist z. B. die Entscheidung der EU-Kommission, Kernenergie als „grün“ zu deklarieren, vielen Investoren sauer aufgestoßen. Wir haben Johannes Rogy, Head of Fund Distribution CEE bei Nordea, dazu und zu anderen Themen befragt.

Hoher „Diskussionsbedarf“
Zunächst hält der Experte fest, dass bei den Nachhaltigkeits-Fonds von Nordea Nuklearwaffen dezidiert ausgeschlossen sind. Aber auch in die friedliche Nutzung von Atomenergie wird nicht investiert.

Allerdings sorgt nicht nur Kernkraft für hitzige Diskussionen: Stößt überhaupt die gesamte Energiewende nicht auf große Umsetzungsschwierigkeiten (Stichwörter CO2-Bepreisung, Versorgung einer in Zukunft riesigen Flotte an Elektro-Autos mit erneuerbaren Energien etc.)?

Rogy holt weiter aus und bringt dabei brennende gesellschaftliche Aspekte ins Treffen: „Ja, ich denke, die aktuelle Impfpflicht-Diskussion ist nur ein Vorbote zu den Realisierungsproblemen, die uns die Energiewende bringen wird. Sollten die Pläne zu dieser Wende tatsächlich in konkreten Gesetzen und Verordnungen bei den Bürgern ankommen, werden wir Widerstände und enormen Diskussionsbedarf erleben. Nicht nur die technische Umsetzung sondern auch die Akzeptanz durch die Menschen wird noch viel ,Energie‘ bedürfen.“

„S“ wird immer wichtiger
Es sind also nicht nur die hinlänglich bekannten Themen wie Umweltschutz, Sonnenenergie, Windkraft oder Energieeffizienz, die von ESG-Managern beachtet werden müssen. Ein laut Johannes Rogy aktuell im Fokus stehendes Thema von Nachhaltigkeits-Investments ist der soziale Aspekt, also das „S“ in ESG. Hierzu möchte er ein konkretes Produkt hervorheben: Den „Nordea 1 – Global Social Empowerment Fund“ (ISIN: LU2257592944), der von dem ESG-Beratungs-Unternehmen MainStreet Partners heuer als bester sozialer Themenfonds ausgezeichnet worden ist. Die Konzentration des Produkts liegt hier eben auf dem „S“, wobei Qualitätsunternehmen, die soziale Lösungen anbieten und nachhaltigen Shareholder Value generieren, im Mittelpunkt stehen. Der Fonds orientiert sich dabei an den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung.

Eine Investmentthema für mehrere Jahrzehnte
Der Börsen-Kurier sprach über die Thematik auch mit Anita Frühwald, Country Head Austria & CEE von BNP Paribas Asset Management (BNP AM). Die Expertin erklärte im Interview: „Die Energiewende wird das dominierende Investmentthema in den kommenden Jahrzehnten werden. Die Welt muss an einem Strang ziehen und Energieproduktion aus Kohle und aus fossilen Energieträgern reduzieren. IRENA – die International Renewable Energy Agency – hat errechnet, dass bis 2050 Investitionen von 115 BioUSD notwendig sein werden, um bis zu diesem Zeitpunkt CO2-neutral zu sein, das Paris-Agreement umzusetzen und bis zum Ende des Jahrhunderts die Erderwärmung unter 2 Grad zu senken. Wobei man möglichst nahe an das Ziel von 1,5 Grad herankommen will.“

Das bedeutet Investitionen in die Entwicklung und Effizienzsteigerung von CO2-armen alternativen Energieformen, auch Digitalisierung muss genutzt und die Situation bei Lagerung und Transport verbessert werden.

In diesem Zusammenhang möchte Frühwald den Fonds „BNP Paribas Energy Transition“ (LU0823414809) vorstellen. Er investiert in drei wesentliche Bereiche der Klimawende: Produktion erneuerbarer Energien, Energie-Effizienz und technologischen Fortschritt, sowie Energie-Infrastruktur und Transport.

ESG besteht eben aus mehr als Windrädern und Solarpanelen.

Foto: AdobeStock / pogonici

 

 

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China: Wachstum wird verhaltener ausfallen

Chinesisches Neujahr – Wirtschaftswachstum wird verhaltener ausfallen

(31.01.) „China steht ein Jahr mit weiteren Schließungen bevor, da die Wirtschaft des Landes durch die strenge Null-Covid-Politik gefangen gehalten wird, erklärt Sarvjeev S. Sidhu, Head of Emerging Market Strategy bei Aegon Asset Management. Sidhu ist der Ansicht, dass die von der chinesischen Regierung beschlossene Null-Covid-Politik das Wirtschaftswachstum im Vergleich zu 2021 verhaltener ausfallen lassen wird. Dies wurde bereits durch die jüngste Zinssenkung der People‘s Bank of China signalisiert.

Die langfristigen Wirtschaftsaussichten für China und die Schwellenländer hängen davon ab, wie schnell die negativen Auswirkungen der hochgradig übertragbaren Omicron-Variante mit einem Null-Covid-19-Ansatz bewältigt werden können. Wir gehen davon aus, dass China seine Null-Covid-Eindämmungspolitik beibehält, mit weitreichenden Abriegelungen, um die Ausbrüche der Delta- und Omicron-Variante zu unterdrücken. Eine rasche Verlangsamung des privaten Konsums und eine starke Schwäche des Immobilienmarktes könnten die People‘s Bank of China (PBoC) zu weiteren Lockerungen veranlassen. Die PBoC sendet ein starkes politisches Signal für ihr Engagement bei der geldpolitischen Lockerung. Nachdem der Ausbruch der Deltawelle in 21 Provinzen im Oktober weitgehend unter Kontrolle gebracht werden konnte, hat eine weitere Welle, die im November begann, in etwa einem Dutzend Provinzen Fuß gefasst. Die lokalen Behörden haben Reisebeschränkungen verhängt und die Einwohner aufgefordert, wegen des bevorstehenden chinesischen Neujahrsfestes (1. Februar) und der Olympischen Winterspiele in Peking (4. bis 20. Februar) zu Hause zu bleiben.

Die lokalen Regierungen haben schnell strenge Abriegelungsmaßnahmen ergriffen, Fabriken geschlossen, den öffentlichen Verkehr eingestellt und Häfen geschlossen. Dies wird die Erholung des Dienstleistungssektors und des Konsums weiterhin beeinträchtigen. Wir glauben, dass Chinas Null-Covid-Politik mindestens bis zum Kongress der Kommunistischen Partei Chinas im Herbst 2022 beibehalten wird. Sidhu warnt auch davor, dass der Abschwung im Immobiliensektor die Gesamtwirtschaft weiter belasten wird und ein Wendepunkt noch nicht erreicht ist. Die Maßnahmen zur Förderung der Kreditvergabe seien jedoch ein positives Zeichen dafür, dass Maßnahmen ergriffen werden, um eine schlimmere Spirale zu verhindern. Die Spillover-Effekte des Abschwungs im chinesischen Immobiliensektor haben weiterhin wirtschaftliche Auswirkungen. Die restriktiven Maßnahmen für den Immobiliensektor haben die Bauträger stark unter Druck gesetzt. Ein Wendepunkt ist noch nicht erreicht, aber die Erleichterung der Nutzung von Treuhandfonds durch die Bauträger und die Ermutigung der Banken, Kredite für den Erwerb von Immobilienprojekten zu gewähren und Fusionen und Übernahmen zu erleichtern, sind ermutigend. Die Kreditaufnahme des Immobiliensektors macht etwa 30 % der Bilanz des Bankensystems aus, und viele Millionen Menschen arbeiten im Baugewerbe. Das Risiko eines Zahlungsausfalls von Evergrande und anderen hoch verschuldeten chinesischen Immobilienemittenten bleibt ein Überhang. Die Regierung wird wahrscheinlich den Kauf ihrer Vermögenswerte durch Käufer beschleunigen, zu denen auch andere Bauträger und lokale Regierungen gehören könnten.

Sidhu geht davon aus, dass die chinesische Regierung für 2022 ein Wachstum von 5 bis 5,5 % anstrebt, nachdem es im vergangenen Jahr besser als erwartet ausgefallen war. Zudem rechnet er mit einer stärkeren Hinwendung zu einer nachhaltigen Politik. Breit angelegte Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen sollten die Märkte auf eine stärkere Lockerung hinweisen und dazu beitragen, den Abwärtsdruck auf das Wachstum auszugleichen. Wir gehen davon aus, dass China seine BIP-Wachstumsrate bis 2022 auf 5-5,5 % anheben wird. Zum Vergleich: 2021 wuchs die chinesische Wirtschaft um 8,1 % gegenüber dem Vorjahr und lag damit deutlich über dem Ziel von 6 % gegenüber dem Vorjahr.

Mit Blick auf die Zukunft sehen wir eine schnellere Dekarbonisierungspolitik, einschließlich der Einführung grüner Technologien wie Elektrofahrzeuge, energieeffiziente Gebäude und die Stromerzeugung durch erneuerbare Energiequellen. In der Zwischenzeit wird Chinas langfristige Wachstumsumstellung fortgesetzt, mit einer gezielten und unterstützenden Kreditpolitik, einschließlich der Ausgabe von Sonderanleihen durch lokale Regierungen. Die beschleunigte Emission von Kommunalanleihen wird das Wachstum der Infrastrukturinvestitionen unterstützen. Dies steht im Einklang mit der allmählichen Verlagerung der Wachstumsmotoren auf produktive Investitionen und der Ankurbelung des Konsums der privaten Haushalte in den kommenden Jahren.“

Foto: Aegon AM

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„Investieren ist weder Spiel noch Spekulation“

Christoph Boschan im Exklusivinterview über fünf erfolgreiche Jahre und die Zukunft der Wiener Börse.

Marius Perger. Seit etwas mehr als fünf Jahren ist Christoph Boschan Vorstandsvorsitzender der Wiener Börse. Bereits im November 2020 wurde die Funktionsperiode des 43-jährigen gebürtigen Berliners, der davor unter anderem Vorstand der Börse Stuttgart und der Euwax war, vorzeitig um fünf Jahre verlängert.

Im Exklusivinterview mit dem Börsen-Kurier sprach Boschan darüber, wie die Wiener Börse auf die Herausforderungen der vergangenen Jahre reagiert hat und wie es mit dem Kapitalmarkt in Österreich weitergehen kann.

Herausforderungen gemeistert
Zu den größten Herausforderungen für eine traditionelle Börse zählte in den letzten Jahren das Erstarken außerbörslicher Handelsplattformen. Boschan betont, dass es gelungen sei, den börslich regulierten Handelsanteil bei 75 bis 85 % „außerordentlich stabil“ zu halten. Gleichwohl habe sich aber die Ausprägung des Handels verändert, vom fortlaufenden Handel hin zur Auktion, die volumenausgleichend sei und ein konkurrenzloses Angebot der Börsen darstelle.

Auf der technischen Seite zählte die 2017 erfolgte Umstellung auf die Handelsarchitektur Xetra T7 zu den Highlights seiner ersten Amtsperiode. Mit Kooperationspartnern zusammenzuarbeiten sei eine „fundamentale Grundsatzentscheidung, die man immer aufs Neue treffen muss“. Für die Wiener Börse als relativ kleines Haus sei das ein „Überlebenselixier“, wenn es auf Skaleneffekte ankommt: „Unsere Aufgabe ist es, österreichischen Unternehmen den gleichen Standard zu bieten, den Emittenten auf anderen großen Märkten erhalten“, so Boschan.

Viel hat sich in den vergangenen Jahren getan an der Wiener Börse: Die technische Infrastruktur sei komplett modernisiert worden, es wurden neue Services auf den Markt gebracht und es wurde weiter internationalisiert. Alle diese Maßnahmen seien wichtig gewesen und würden ineinandergreifen.

Natürlich seien manche Vorhaben auch schiefgegangen. Strategieprozesse würden davon leben, dass sie mehrheitlich funktionieren – alles andere wäre eine „Start-up-Strategie“. Entscheidend sei, dass unterm Strich mehr herauskomme, schließlich sei auch die Wiener Börse ein Unternehmen. Das sei gut gelungen, es wurde in den letzten Jahren starkes Wachstum erzielt. Und auch für 2021 werde man ein Top-Ergebnis vorlegen können, kündigt der Börse-Chef an.

Investieren ist nicht spekulieren
Wichtig sei es, Wetten, Spekulation und Investments auseinanderzuhalten. Die Unterscheidung sei nicht immer einfach, und alle drei seien legitim. Es gehe nicht darum zu werten, sondern darum, den Unterschied zu verstehen. Gambling, wozu Boschan beispielsweise Bitcoin zählt, oder Spekulationen wie jene um Gamestop im vergangenen Jahr seien keineswegs mit Investments in den ATX zu vergleichen. Nur beim Investieren hat der Anleger ein langfristiges Konzept vor Augen.

Gerade die Corona-Pandemie habe dazu geführt, dass Erträge für Anleger wieder wichtiger geworden sind und fundamentale Fakten wieder mehr beachtet werden. Klassische Unternehmen, wie sie für Österreich typisch sind, bieten sich da besonders für Investments an.

Im Bereich der Privatanleger sieht Boschan zwei gegenläufige Trends: Einerseits gebe es eine Vielzahl junger Anleger, eine selbstbewusste junge Generation, die unternehmerisch denkt. Zwar seien diese Menschen noch nicht vermögensstark, entscheidend für den Kapitalmarkt sei aber, dass ihnen die Transition vom Spielerischen zum Investieren gelinge.

Es gebe aber auch einen zweiten, mindestens ebenso starken Trend: Die staatliche Umverteilung nehme zu, statt als mündige Bürger selbst Verantwortung zu übernehmen, würden sich viele auf den Sozialstaat verlassen. Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen oder Helikoptergeld würden zeigen, dass wir es zunehmend mit einem „Versorgungsstaat“ zu tun haben. Der Kapitalmarkt brauche aber individuelles Engagement.

Dazu komme, dass es in Österreich teilweise eine hohe Risikoneigung gibt – Beispiele dafür sind Crowdinvesting oder die Fremdwährungskredite. Je geringer die Finanzbildung, desto fehlerhafter sei die Risikoeinschätzung, umso spekulativer das Verhalten. Typischerweise beginne die „Anlegerreise“ zwar auf der Gambling- oder spekulativen Seite, wer als Investor die Reise aber nicht bis zum Ende macht, sei verloren.

Zu denken gibt Boschan die mangelnde Zukunftsorientierung in Österreich. Während international ein Trend hin zur Kapitaldeckung der Pensionssysteme bestehe, beharre man hierzulande auf dem Umlageverfahren: „Ich habe Sorge, dass Österreich diesen Trend verschläft“, so Christoph Boschan. Längerfristig stelle dies ein Risiko für den Wohlstand in Österreich dar. Dass Österreich am Kapitalmarkt unter seinen Möglichkeiten bleibe, schmerze ihn – insbesondere, weil der Kapitalmarkt auch ein Wohlstands- und Verteilungsmotor sein kann.

Weiteres Wachstum
„Unerfreulich wenig“ habe sich zuletzt in Bezug auf neue Börsengänge im „prime market“ getan; die Pipeline sei aber „einigermaßen voll“, so Boschan. Und er zeigt sich „zuversichtlich, heuer Bewegung zu sehen“. Es habe zuletzt zwar einige Kandidaten gegeben, diese seien aber im Bereich Private Equity versorgt worden. Gerade in der für österreichische Unternehmen typischen Größenordnung einer Marktkapitalisierung von 1 bis 2 MrdE sei Private Equity besonders aktiv. Negativ wirke sich auch aus, dass es am österreichischen Markt mehr Übernahmeziele gebe als Unternehmen, die selbst akquirieren. Positiv hervorzuheben sei aber beispielsweise, dass Pierer Mobility ab 1. März im „prime market“ notieren werde, sowie das Einstiegssegment, das regen Zulauf erfährt.

Und die Kapitalmärkte würden in Zukunft noch wichtiger werden: Innovation sei nötig, gigantische Investitionen in die Umwelt stehen an – all das sei nur mit Eigenkapital möglich: „Egal, um welches Megathema es geht – der Kapitalmarkt ist immer ein Teil der Antwort.“ Für die Wiener Börse selbst laute die Strategie für die nächsten Jahre: „Weiter wachsen, österreichische Emittenten in alle Welt tragen und die Welt nach Österreich bringen.“

Foto: WBAG

 

 

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Harter Kern für‘s Portfolio?

Neue Produkte wollen von der möglichen Renaissance der Atomkraft profitieren.

Harald Kolerus. Derzeit läuft die Diskussion rund um Kernenergie wieder auf Hochtouren. Eingeheizt wurde sie von der Initiative, dass die EU-Kommission Atomenergie als nachhaltig deklarieren soll; wobei es sehr wahrscheinlich ist, dass dieser Vorschlag realisiert wird. Davon kann man nun halten, was man will: Mündige Bürger und Anleger müssen selbst entscheiden, ob sie AKWs als „grün“ ansehen oder nicht. Investmentchancen gibt es jedenfalls, was auch zwei neue Produkte unter Beweis stellen.

Nuklear-Zertifikat
Eine Möglichkeit, in Aktien rund um das Thema Atomenergie zu veranlagen, stellt der „Vontobel Nuclear Energy Index“ dar. Für die Aufnahme kommen sowohl Unternehmen aus Industriestaaten als auch aus Schwellenländern in Frage. Voraussetzung: Sie müssen sich entweder mit der Förderung von Uran oder der Produktion von Atomenergie beschäftigen. Der Nuklear-Index setzt sich aus den

25 Branchenvertretern mit der höchsten Marktkapitalisierung zusammen. Sollten sich keine 25 passenden Titel nach den oben genannten Kriterien finden, werden weiters Unternehmen aufgenommen, die nuklear-nahe Technologien oder Dienstleistungen anbieten (zum Beispiel rund um den Bau von Kernreaktoren).

Keine Atomwaffen
Wobei auch Nachhaltigkeits-Komponenten in das neue Produkt eingebaut sind. Heiko Geiger, Zertifikate-Experte bei Vontobel, erklärt im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Ausgeschlossen sind Unternehmen, die in Verbindung mit Atomwaffen stehen. Weiters werden Governance und politische Risken beachtet. Ein praktisches Beispiel: Kazatomprom aus Kasachstan wurde aufgrund der Krise in diesem Land nicht in den Index aufgenommen. Sollten sich die Probleme verflüchtigen, kann dieser Wert aber wieder investierbar werden.“

Einige bekannte Namen im Portfolio sind Harmony Gold Mining, NextGen oder Paladin Energy, die alle im Uranabbau tätig sind. Societatea Nationala Nuclearelectrica ist wiederum, um ein weiteres Beispiel zu nennen, im europäischen Energie-Handel aktiv.

Geiger fasst zusammen: „Wir wollen mit dem ‚Nuclear Energy Index‘ die gesamte Wertschöpfungskette des Atomenergiebereichs abdecken.“ Investierbar wird die Atom-Story durch das „Open-End Strategie-Zertifikat auf den Vontobel Nuclear Energy Index“ (ISIN: DE000VX 5TNQ3). Das Zertifikat ist mit 4.2. an der Börse handelbar.

Uran im Fokus
Ein weiteres neues Produkt im Feld der Atomkraft ist der „Index-Zertifikate auf den Solactive Uranium Mining Index“ (DE000SH02Q84) der Société Générale. Er wird von der Solactive AG zusammengestellt und umfasst 15 Unternehmen, die im Bereich der Urangewinnung und -verarbeitung tätig sind. Für die Auswahl sind die Höhe der Marktkapitalisierung sowie das tägliche Handelsvolumen entscheidend.

Seitens der Société Générale heißt es zum Umfeld des Produkts: „Während Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen hat, entstehen in vielen Ländern weltweit neue Kernkraftwerke. Denn Atomkraft ist eine kohlenstoffarme Energiequelle und spielt neben der Smog-Reduzierung für viele Länder daher auch zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen und somit zur Erreichung von Klimazielen eine wichtige Rolle.“ Zitiert wird auch eine Analyse der UNECE (United Nations Economic Commission for Europe), demnach seien die internationalen Klimaziele nur erreichbar, wenn Atomkraft weiterhin zur Stromversorgung beiträgt.

Das sind also einige Argumente für den (wachsenden) Atommarkt, die Gegenmeinung darf als bekannt vorausgesetzt werden (Gefahr von Super-GAUs, Endlagerung etc.). Ob Kernkraft ins Portfolio gehört, bleibt eine individuelle Entscheidung.

Foto: Pixabay / Burghard

 

 

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Wird Gold wieder glänzen?

Die Inflationssorgen haben den Goldpreis zuletzt kaum beflügelt. Worauf Anleger achten müssen.

Raja Korinek. Für manch einen Investor mag die jüngste Entwicklung des Goldpreises ein wenig paradox wirken. Schließlich steigt die Inflation zügig an. In den USA erreichte sie im Dezember bereits

7 %. In der Eurozone waren es immerhin 5 %. Und dennoch: Seit der Goldpreis ein historisches Hoch von rund 2.000 USD (rund 1.800 Euro) im August 2020 erreichte, pendelt die Notierung in einem Seitwärtstrend. Dabei wird das gelbe Edelmetall doch oftmals als klassischer Inflationsschutz gehandelt.

Der Grund für die jüngst verhaltene Entwicklung des Goldpreises liegt in dem allmählichen Anstieg der Renditen länger laufender Staatsanleihen. Damit werden solche Papiere im Vergleich zu einem zinslosen Goldinvestment wieder zunehmend interessant. Das heißt: Gold ist vor allem dann ein begehrter Inflationsschutz, wenn Anleger nicht damit rechnen, eine steigende Teuerung anhand eines Bondinvestments künftig ausgleichen zu können. Scheinbar wiegen Anleger derzeit aber ab, ob die Bondrenditen demnächst noch weiter ansteigen, sodass die Inflation mit solch einem Investment endlich wieder abgedeckt wäre.

Die Renditen steigen an
Immerhin: In den USA erreichten die Renditen 10jähriger US-Treasuries zuletzt rund 1,8 %. Die Renditen deutscher Pendants lagen hingegen bei mageren minus 0,045 %. Auch bei den Leitzinsen wird es heuer in den USA erste Anhebungen geben. Aaron Alber, Analyst bei Raiffeisen Research, meint zudem, „die Verringerung des geldpolitischen Stimulus bleibt auch 2022 ein bestimmendes Thema, wobei die Akzente der Fed ausgeprägter sein werden als bei der EZB“.

Dennoch dürfte die Erwartung einer restriktiveren Geldpolitik auf dem aktuellen Niveau des Goldpreises weitgehend eingepreist sein, so Alber. Zudem dürften sich die Zinsanhebungen in Grenzen halten, ergänzt Benjamin Louvet, Fondsmanager OFI Financial Investment Precious Metals. Ein allzu rasches Ende der lockeren Geldpolitik könnte das Wirtschaftswachstum dämpfen. „Hinzu kommt, dass die derzeit hohe Inflation mit Problemen in den Lieferketten verbunden ist, wogegen Zinserhöhungen kontraproduktiv wären.“

Interessierte Anleger können auf unterschiedliche Szenarien bei der weiteren Goldpreisentwicklung setzen. Optimisten können etwa auf einen weiteren Anstieg mit einem Investment in Goldminenaktien hoffen. Diese profitieren überproportional von einer höheren Goldnotierung, verlieren allerdings in Baisse-Zeiten kräftiger. So gibt es etwa das „Best of Gold Miners Indexzertifikat“ von Alphabeta Acces Products (ISIN: DE000DA0AAY4). Darin sind elf Aktien enthalten, zu denen Kirkland Lake Gold (CA49741E1007), Endeavour Mining (GB00BL6K5J42) und Barrick Gold (CA0679011084) zählen.

Lukrativer Seitwärtstrend
Anleger, die in nächster Zeit hingegen mit einer zügigen Korrektur des Goldpreises rechnen, können auf dieses Szenario mit einem Faktor-Short-Zertifikat setzen. Als Berechnungsgrundlage wird bei diesen Produkten stets der Schlusskurs des Basiswertes vom Vortag herangezogen und die – in diesem Fall negative – prozentuelle Kursveränderung zum Vortag mit dem Faktor multipliziert. Allerdings können auch größere Verluste entstehen, wenn der Basiswert prozentuell stärker seitwärts tendiert oder steigt.

Ein entsprechendes Produkt bietet beispielsweise die Société Générale (DE000SF5DDL6) mit einem Faktor von 2 an. Weil Gold aber in US-Dollar notiert, dürfen Anleger das Währungsrisiko nicht außer Acht lassen.

Foto: AdobeStock / Subbotina Anna

 

 

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Die Überwindung der „Flaschenhals-Rezession“

Ein Kommentar von Thomas Funk, Investment Director bei GAM Investments.

(24.01.) Lieferengpässe bei Industriegütern werden zu einem immer größeren Problem und entwickeln sich zu einem vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung als „Flaschenhals-Rezession“ bezeichneten Phänomen. Die Lage verschärfte sich im Oktober, als industrielle Halbfabrikate auf vielen Ebenen knapp wurden. Dafür gibt es mehrere Gründe, darunter nicht zuletzt die durch die Weihnachtszeit beschränkten Transportkapazitäten. Zudem funktionieren die Logistikketten, insbesondere im internationalen Handel, noch immer nicht effizient. Beispielsweise stauen sich große Containerschiffe außerhalb der Häfen und dringend benötigte Güter können nicht entladen werden. Da einige Lagerbestände erschöpft sind, führt dies zunehmend zu Produktionsunterbrechungen. In zwei Bereichen ist dies am deutlichsten erkennbar: in der Automobilproduktion und der Herstellung von Elektroartikeln. Die Prognosen zur Automobilproduktion für 2021 wurden ständig nach unten korrigiert. In einigen Werken wurde die Produktion mangels elektronischer Bauteile kurzfristig gestoppt. Auch Apple musste die Fertigung von Mobiltelefonen der neuesten Generation drosseln.

Landis+Gyr, ein Schweizer Hersteller von Stromzählern und Software für Versorger, veröffentlichte kürzlich eine bemerkenswerte Liste mit derzeit knappen elektronischen Produkten. Vor allem Produkte auf Halbleiterbasis sind erwartungsgemäß knapp, was zu einem Boom beim Bau neuer Halbleiterfabriken führt. Auf der Liste von Landis+Gyr stehen jedoch überraschenderweise auch einfache elektronische Bauteile wie Dioden und Transistoren. Es ist schwer vorstellbar, dass solche Komponenten während der Covid-19-Pandemie plötzlich knapp wurden. Viel wahrscheinlicher ist es aus unserer Sicht, dass diese irgendwo in der Logistikkette steckengeblieben sind, sich daraus nicht abgerufene Bestände bildeten, deshalb vorübergehend aus der Wertschöpfungskette genommen wurden und nun fehlen. Infolge dieser Engpässe sehen sich einige produzierende Unternehmen für die kommenden Monate mit geringeren Umsätzen konfrontiert. Bei der Gewinnentwicklung rechnen wir daher bei verschiedenen Herstellern mit einer Abschwächung der Gewinndynamik – mit anderen Worten mit einer „Flaschenhals-Rezession“.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Endnachfrage nach den Produkten intakt bleibt. Die Haushalte haben während der durch Covid-19 bedingten Lockdowns gespart, was bedeutet, dass erhebliche Mittel für den Konsum vorhanden sind, und dies hat sich in den Verkaufszahlen niedergeschlagen. Seit Mitte 2020 befinden sich die meisten Unternehmen auf einem Erholungskurs, da sie die während der Pandemie verzeichneten Umsatzeinbußen wieder aufgeholt haben. Wir gehen nun davon aus, dass sich die Spanne für die Gewinnentwicklung insbesondere aufgrund der Verknappung industrieller Halbfabrikate vergrößern wird. Die durch die Flaschenhals-Rezession bedingten Ertragsausfälle werden allerdings voraussichtlich zu einem Nachfragestau führen, der nach und nach aufgelöst werden kann, sobald die fehlenden Halbfabrikate wieder verfügbar sind. Es ist wichtig, sich nicht nur auf die Probleme zu konzentrieren, sondern auch Investitionen zu tätigen, um das Geschäft mittel- und längerfristig anzukurbeln. Es gibt mehrere starke Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung sowie in neue Produkte und den Kapazitätsausbau investieren, um sich besser zu positionieren und neue Einnahmequellen für die Zukunft zu erschließen.

Foto: GAM

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Nouriel Roubini sieht trübe Aussichten für 2022

Wenig optimistisch zeigt sich der bekannte US-Nationalökonom in seiner Exklusiv-Analyse.

Trotz wirtschaftlicher Rückschläge und Diskontinuitäten aufgrund neuer Covid-19-Varianten erwies sich 2021 für Volkswirtschaften und Märkte in den meisten Teilen der Welt als relativ positives Jahr. Nach der schweren Rezession im Jahr 2020 stieg das Wachstum über Potenzial, und die Finanzmärkte erholten sich kräftig. Das traf insbesondere auf die Vereinigten Staaten zu, wo die Aktienmärkte neue Höchststände erreichten. Teilweise war das auf die ultralockere Geldpolitik der US-Notenbank zurückzuführen (obwohl auch die Zentralbanken in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ihre eigene, radikal akkommodierende Geldpolitik verfolgten).

Noch ist nicht alles ausgestanden
Das Jahr 2022 könnte allerdings schwieriger werden. Die Pandemie ist nicht vorbei. Omikron mag zwar für weniger heftige Krankheitsverläufe sorgen als frühere Virusvarianten – insbesondere in fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit hoher Durchimpfungsrate -, aber die Variante ist um einiges ansteckender und das heißt, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Todesfälle hoch bleiben wird. Die daraus resultierende Unsicherheit und Risikoaversion wird die Nachfrage dämpfen und Engpässe in den Lieferketten verschärfen.

Schuldenstände können ein großes Problem werden
In Kombination mit Ersparnisüberschüssen, Nachfragestaus und einer lockeren Geld- und Finanzpolitik haben diese Engpässe im Jahr 2021 die Inflation angeheizt. Viele der Zentralbanker, die zunächst darauf beharrten, dass der Inflationsschub nur vorübergehender Natur sei, haben nun eingeräumt, dass es sich wohl um ein anhaltendes Phänomen handelt. In unterschiedlichen Dringlichkeitsabstufungen wird der Ausstieg aus unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen wie der quantitativen Lockerung geplant, um mit der Normalisierung der Zinssätze beginnen zu können.

Die Entschlossenheit der Zentralbanken wird auf die Probe gestellt werden, falls die Leitzinserhöhungen zu Schocks auf den Anleihe-, Kredit- und Aktienmärkten führen. Angesichts einer derart massiven Anhäufung privater und öffentlicher Schulden sind die Märkte möglicherweise nicht in der Lage, höhere Kreditkosten zu verkraften. Sollte es zu tumultartigen Entwicklungen kommen, würden die Zentralbanken in eine Schuldenfalle geraten und womöglich ihren Kurs ändern. Dies würde eine Verschiebung der Inflationserwartungen nach oben wahrscheinlich machen, wobei die Inflation endemisch werden würde.

Geopolitisch bleibt es problematisch
Das nächste Jahr wird auch zunehmende geopolitische und systemische Risiken mit sich bringen. An der geopolitischen Front gilt es, drei wesentliche Bedrohungen im Auge zu behalten.

Erstens bereitet Russland eine Invasion in der Ukraine vor, und es bleibt abzuwarten, ob die Verhandlungen über ein neues regionales Sicherheitsregime eine Eskalation dieser Entwicklung verhindern können. US-Präsident Joe Biden hat zwar mehr Militärhilfe für die Ukraine versprochen und schärfere Sanktionen gegen Russland angedroht, aber auch deutlich gemacht, dass die USA nicht direkt eingreifen werden, um der Ukraine im Falle eines Angriffs beizustehen. Allerdings präsentiert sich die russische Wirtschaft inzwischen widerstandsfähiger gegen Sanktionen als in der Vergangenheit, so dass der russische Präsident Wladimir Putin sich von solchen Drohungen möglicherweise nicht abschrecken lässt. Schließlich könnten manche Sanktionen des Westens – wie etwa eine Blockade der Nord-Stream 2-Gaspipeline – Europas eigene Energieknappheit noch verschärfen.

Zweitens wird der kalte Krieg zwischen China und Amerika noch kälter. China erhöht den militärischen Druck auf Taiwan und im Südchinesischen Meer (wo es zahlreiche Territorialstreitigkeiten gibt) und die allgemeinere Entkopplung zwischen der chinesischen und der US-amerikanischen Wirtschaft beschleunigt sich. Diese Entwicklung wird im Lauf der Zeit stagflationäre Folgen zeitigen.

Drittens befindet sich der Iran mittlerweile an der Schwelle zum Atomstaat. Dem Land gelang es in Windeseile, Uran auf fast waffenfähiges Niveau anzureichern und die Verhandlungen über ein neues oder überarbeitetes Atomabkommen blieben ergebnislos. Infolgedessen erwägt Israel offen Schläge gegen iranische Atomanlagen. Sollte das tatsächlich eintreten, wären die stagflationären Folgen wohl schlimmer als die ölbedingten geopolitischen Schocks der Jahre 1973 und 1979.

Ein beherrschendes Thema
Überdies bringt das neue Jahr auch mehrere systemische Herausforderungen mit sich. Im Jahr 2021 traten die realen Auswirkungen des Klimawandels in Form von Hitzewellen, Waldbränden, Dürren, Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Taifunen und anderen Katastrophen deutlich zutage. Auf dem Klimagipfel COP26 in Glasgow gab es vorwiegend Lippenbekenntnisse zu hören, weswegen sich die Welt nun auf direktem Weg befindet, noch in diesem Jahrhundert eine Erwärmung um katastrophale 3 Grad zu erleiden. Dürreperioden treiben die Lebensmittelpreise bereits in gefährliche Höhen und die Auswirkungen des Klimawandels werden sich weiter verschärfen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der aggressive Vorstoß zur Dekarbonisierung der Wirtschaft dazu führt, dass zu wenig in Kapazitäten für fossile Brennstoffe investiert wird, bevor ein ausreichendes Angebot an erneuerbaren Energien vorhanden ist. Diese Dynamik wird im Laufe der Zeit zu deutlich höheren Energiepreisen führen. Außerdem wird es zu einem Anstieg der Flüchtlingsströme in Richtung USA, Europa und anderer Industrieländer kommen, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, da diese Länder ihre Grenzen schließen.

USA: Ein gespaltenes Land
Vor diesem Hintergrund nimmt auch die politische Dysfunktion sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern zu. Die Zwischenwahlen in den USA werden möglicherweise einen Vorgeschmack auf jene ausgewachsene Verfassungskrise – wenn nicht gar unverhohlene politische Gewalt – bieten, die den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024 folgen könnten. Die USA erleben ein nahezu beispielloses Ausmaß an parteipolitischer Polarisierung, Stillstand und Radikalisierung, wobei diese Entwicklungen allesamt ein gravierendes Systemrisiko darstellen.

Populistische Parteien (sowohl der extremen Rechten als auch der extremen Linken) gewinnen weltweit immer mehr an Zuspruch und das sogar in Regionen wie Lateinamerika, wo der Populismus auf eine katastrophale Geschichte zurückblickt. In Peru und Chile kamen 2021 radikal linke Präsidenten an die Macht, in Brasilien und Kolumbien könnte 2022 Ähnliches eintreten und Argentinien sowie auch Venezuela werden weiter auf ihrem Weg in Richtung finanzieller Ruin bleiben. Die Normalisierung der Zinssätze durch die US-Notenbank Fed und andere große Zentralbanken könnte in diesen und anderen gefährdeten Schwellenländern wie der Türkei und dem Libanon zu Finanzschocks führen, ganz zu schweigen von den zahlreichen Entwicklungsländern, deren Verschuldungsgrad schon jetzt nicht mehr tragbar ist.

Börsen bereits zu „aufgebläht“?
Zu Jahresende 2021 präsentieren sich die Finanzmärkte überschäumend, wenn es nicht gar schon in Richtung Blasenbildung geht. Sowohl öffentliches als auch privates Beteiligungskapital ist teuer (mit überdurchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnissen); die Immobilienpreise (sowohl für Eigentum als auch für Mieten) sind in den USA und vielen anderen Volkswirtschaften hoch; und es besteht ein fortgesetzter Hype um Meme-Aktien, Krypto-Assets und SPACs (Special Purpose Acquisition Companies). Die Renditen auf Staatsanleihen bleiben extrem niedrig und die Kreditspreads – sowohl für hochverzinsliche als auch erstklassige Anleihen – präsentieren sich aufgrund der indirekten Unterstützung der Zentralbanken eng.

Solange die Zentralbanken ihre unkonventionelle Geldpolitik verfolgten, konnte die Party weitergehen. Doch den Vermögenspreis- und Kreditblasen könnte 2022 mit dem Beginn der Normalisierung der Zinspolitik die Luft ausgehen. Außerdem wäre es möglich, dass Inflation, langsameres Wachstum sowie geopolitische und systemische Risiken die Voraussetzungen für eine Marktkorrektur im Jahr 2022 schaffen. Was auch immer kommen mag, fest steht, dass die Anleger wohl den größten Teil des Jahres in Atem gehalten werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, © Project Syndicate 1995 – 2022

Foto: AdobeStock / Sergey Nivens

 

 

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Die unauffällige Frankenaufwertung

In aller Stille wertet in jüngster Zeit der Schweizer Franken wieder stärker auf. Was steckt dahinter?

Michael Kordovsky. Ein Nebenschauplatz der Märkte geriet zuletzt weitgehend in Vergessenheit. Dabei sind noch immer zahlreiche Haushalte in Franken verschuldet. Laut FMA-Erhebung zu Fremdwährungskrediten im 2. Quartal hafteten zum 30. Juni 2021 noch immer 9,95 Mrd Euro in fremder Währung aus, davon 96,6 % in Schweizer Franken (CHF). Infolge wachsender Inflationsdifferenzen zwischen der Schweiz und dem Euroraum sowie zunehmender

geopolitischer Spannungen zwischen Russland und Ukraine aber auch zwischen China und Taiwan nimmt der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken wieder zu: Binnen der vergangenen drei Monate hat der Franken zum Euro um 3,1 % aufgewertet, auf Jahressicht sind es sogar 4,2 % und auf Drei-Jahressicht 9,5 %. Der Wechselkurs EUR/CHF nähert sich nach einer kurzen Gegenreaktion mit Riesenschritten der Parität. Der letzte Stand des Währungspaares EUR/CHF (Spot) am 21. Jänner um 22 Uhr war 1,03454.

Noch im Jänner 2021 standen -0,5 % Inflationsrate in der Schweiz 0,9 % im Euroraum gegenüber. Im Dezember waren es 1,5 % in der Schweiz zu 5,0 % im Euroraum, also satte 3,5 %-Punkte Unterschied verglichen mit 1,4 %-Punkten am Jahresbeginn 2021! Die Inflationsdifferenz stieg innerhalb eines Jahres um 2,1 %-Punkte und dies in einem fragilen geopolitischen Umfeld.

Aufwertungsdruck
Bereits im ersten Corona-Krisenjahr 2020 war der Aufwertungsdruck auf den Franken so stark, dass Medienberichten zufolge die Schweizerische Nationalbank in Summe knapp 110 MrdCHF (rund 106,30 MrdE) zur Intervention an den Devisenmärkten einsetzte. 2021 nahm zwischenzeitlich der

Interventionsdruck ab, und eine schrittweise Frankenaufwertung scheint toleriert zu werden. Dies hängt auch mit den hohen Verlustpotenzialen für die Kantone zusammen, die an der SNB zu 59,16 % beteiligt sind (per Ende des Jahres 2020).

Indiz dafür: Von Ende Dezember 2019 bis Ende Dezember 2020 stiegen die Devisenanlagen der Schweizerischen Nationalbank von 794 auf 910 Mrd CHF (767,29 bis 879,38 Mrd Euro) und bis Ende November 2021 weiter auf 950,1 Mrd CHF (918,14 Mrd Euro) bzw. 134,5 % des Schweizer BIP im Jahr 2020.

Die Gefahr, dass mit Annäherung an die Parität die Franken-Aufwertung an Eigendynamik gewinnt, ist nicht zu unterschätzen, weshalb vorsichtige Frankenschuldner darüber nachdenken sollten, in günstige Fixzinsbindungen in Euro umzuschulden. Diesbezüglich einen Überblick haben zum Beispiel ungebundene Wohnbau-Finanzexperten.

Für Anleger hingegen bieten sich Chancen in Franken-Konten, Franken-Anleihen großer Firmen oder in soliden Schweizer Aktien wie z. B. Roche (ISIN: CH0012032048) oder Nestlé (CH0038863350).

Foto: AdobeStock / StockfotosMG

 

 

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Wo steht die zweite Säule?

Die betriebliche Altersvorsorge ist „klein“ – ist das ein großes Problem? Und wie wird sie attraktiver?

Emanuel Lampert. Den Löwenanteil der Pensionsversorgung trägt in Österreich die erste Säule, die gesetzliche Pensionsversicherung. Der Anteil der betrieblichen („zweite Säule“) und privaten („dritte Säule“) Vorsorge ist gering. Ist das ein Nachteil? Und ist eine Diversifikation des Pensionssystems schon ein Wert für sich? In einem Expertengespräch unter der Leitung von Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger wurde diesen Fragen nachgegangen.

„Diversifikation ist immer ein Wert für sich“, damit nicht alles auf eine Karte gesetzt werden muss, meint Tatjana Schrefl, Senior Manager Tax bei KPMG Österreich. So lasse sich auch der Kapitalmarkt für die Pensionsvorsorge nutzen. Das bestehende Pensionssystem könne man freilich nur mit einem langfristigen Ansatz und entsprechendem politischen Willen ändern.

Sind stärker kapitalmarktfinanzierte Systeme wie in Dänemark, den Niederlanden oder der Schweiz „besser“ als unseres? Besser in dem Sinn, dass sie wesentlich diversifizierter sind, sagt Peter Kaltenböck, Senior-Experte Betriebliche Vorsorge bei der Uniqa. Das kapitalgedeckte Verfahren könne eine „gegenläufige positive Wirkung“ entfalten, wenn die Märkte gut laufen, während das Umlageverfahren der ersten Säule „ein sehr gutes Abfederungsinstrument“ in schwierigen wirtschaftlichen Situationen sei.

Die Einführung eines Systems wie in den angeführten Ländern sei eine extreme Herausforderung, ergänzt Christian Schuster, Leiter Betriebliche Altersvorsorge bei der Wiener Städtischen, – wenn nämlich Beitragszahler parallel zum laufenden Umlagesystem auch noch den Aufbau der eigenen Pension im kapitalgedeckten Weg finanzieren müssen. Man könne aber auf eine Verbreiterung hinwirken, indem man auf Folgen bereits erfolgter Pensionsreformen hinweise: künftig sinkende Pensionen.

Moderator Perger zitierte aus einem IHS-Bericht vom Juli 2020, an dem der heutige Arbeitsminister Martin Kocher, damals noch IHS-Direktor, mitgeschrieben hat: „Aus verhaltensökonomischer Sicht sind es wahrscheinlich gerade die Komplexität der Produkte in diesen Säulen und vor allem die Komplexität von steuerlicher Behandlung bzw. Förderung, die sie in Österreich teilweise wenig attraktiv machen.“

Thomas Wondrak, Sachverständiger für betriebliche Vorsorge und Unternehmensberater, entgegnet: Bei einer Wohnungsversicherung habe auch niemand das Gefühl, etwas Komplexes vor sich zu haben, obwohl eigentlich auch diese nicht ganz so einfach sei. Im Grunde sei das Modell in der Vorsorge einfach: „Wir zahlen Geld ein, das Geld wird am Kapitalmarkt veranlagt, und wir zahlen Geld aus.“ Komplex werde die betriebliche Altersvorsorge (BAV) erst, wenn es um steuerliche, arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Fragen geht.

Wie die BAV attraktiver machen?
Schuster hielt fest, aktuell seien nur wenige Beschäftigte in der BAV erfasst. Wenn der Arbeitgeber nicht mitmacht, könne auch der Arbeitnehmer nicht mitmachen. Zuerst müsse man deshalb die Zugangshürden beseitigen.

Was die Eigenfinanzierung der Arbeitnehmer betrifft, wurde Schrefls Meinung nach bisher „viel zu wenig“ für eine Attraktivierung der zweiten Säule versucht. Sie hält eine Grundsatzentscheidung für nötig: Soll die zweite Säule gestärkt, das kapitalgedeckte Verfahren eventuell zum Teil auch in der ersten Säule eingebunden werden? „Dann wird es wahrscheinlich anders als mit einem Obligatorium nicht funktionieren“, zumal in Österreich der Gedanke an die langfristige Pensionsvorsorge weniger präsent sei als jener an ein aktuell möglichst frei verfügbares Vermögen. Ihrer Wahrnehmung nach steigt die Bereitschaft zum Handeln, wenn es steuerliche Vorteile gibt. Sie könnte sich etwa auch einen Beitragszuschuss in der Sozialversicherung vorstellen, wenn in betriebliche Vorsorge investiert wird.

Wondrak formuliert drei BAV-politische Ansatzpunkte: Steigerung der Attraktivität für KMUs und Einzelunternehmen, Förderung für Kleinverdiener und Handeln im Bereich der Frauenversorgung, weil Frauen „am meisten von der Pensionsreform betroffen sein werden“. Kaltenböck sieht die BAV im breiten KMU-Bereich noch nicht angekommen. Er schlägt den Ausbau der „Zukunftssicherung“ mit ihrer Möglichkeit der Gehaltsumwandlung vor; die derzeit geltenden 300 Euro seien bloß „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Am liebsten wäre ihm eine „Gesamtreform“ inklusive erster Säule. Die hält er zwar nicht für in absehbarer Zeit realistisch, auf den Tisch gehörten aber mehrere Themen: Versicherungssteuerfreiheit, Absetzbarkeit von Arbeitnehmerbeiträgen, Stärkung der Entgeltumwandlungssysteme.

Für Versicherer interessant
Meist wird die zweite Säule mit Pensionskassen und „Abfertigung neu“ assoziiert. Wo sind hier die Versicherer zu verorten? Schuster ist von der Rolle der Versicherung in der BAV überzeugt und nennt zwei Argumente: versicherungsmathematisches Know-how und die Möglichkeit, Garantien zu bieten – nicht zwangsläufig etwa eine Mindestverzinsungs-, wohl aber eine Rententafelgarantie.

Die BAV sei mit ihren Durchführungswegen der betrieblichen Kollektivversicherung, der direkten Leistungszusage und der Zukunftssicherung sowie damit zusammenhängenden biometrischen Themen natürlich ein interessantes Feld, stellt Kaltenböck fest. Die Uniqa wickle zirka ein Viertel des gesamten Lebensversicherungsgeschäfts im Rahmen der betrieblichen Vorsorge ab.

Welches Potenzial haben BAV-Versicherungslösungen? Schrefl sieht Versicherungen als alternatives Modell zu Pensionskassen: Versicherungen könnten als Vorteil ausweisen, „Garantien, Stabilität und Planbarkeit“ zu bieten – aber eben um den Preis, potenziell weniger ertragreich zu sein, weil Garantien etwas kosten.

Wondrak sieht ein Problem darin, „dass man sich nicht darüber verständigt, für welche Zielgruppe man welches Produkt braucht“. Er ortet ein Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit, dieses müsse man erfüllen. Kaltenböck plädiert für ein wechselseitiges Ergänzen: Nicht nur ein Mix der Säulen, auch ein Mix innerhalb der Säulen sei möglich. So ließen sich Durchführungswege der BAV kombinieren, „dieser Produktmix macht die eingangs angesprochene Diversifikation aus“.

Kein Entweder-oder
Pensionskassen richten an die Politik ein ganzes Bündel an Forderungen, stellte Perger fest: Schaffung von Generalpensionskassenverträgen, Prämienmodelle für kleine Einkommen, steuerliche Änderungen. Würden die Versicherer unter derlei leiden? Oder sollten sie mitziehen?

Ein Generalkollektivvertrag würde de facto für den Großteil der Beschäftigten ein Obligatorium bedeuten, meint Schrefl. Aber den einen Durchführungsweg nehmen zu müssen, das „muss jetzt auch nicht unbedingt sein“, denn die Bedürfnisse seien verschieden. Sie ist gegen ein Entweder-oder: Pensionskassen und Versicherungen seien Alternativen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Fähigkeiten. Daraus einander stark ähnelnde „Mischprodukte“ zu formen, hielte sie bloß für doppelten Aufwand. Von zu vielen individuellen Wahlmöglichkeiten in der BAV rät sie aber ab, das würde die Beratung aufwendiger machen und die Betroffenen womöglich überfordern. Individualisierung sei in der dritten Säule besser aufgehoben. Gut fände sie es deshalb, BAV-Durchführungswege zu kombinieren.

Schuster hat mit dem Begriff „Generalpensionskassenvertrag“ keine rechte Freude. Er zöge sozu-sagen einen „General-betriebliche-Vorsorge-Vertrag“ vor – bei dem

die Mitarbeiter auch Eigenbeiträge leisten. Eine Sozialversicherungsbefreiung betrachtet er kritisch, denn letztlich heiße das: „Ich wandle um und kürze meine staatliche Pension.“ Das gehe am Sinn vorbei, hier sei der Gesetzgeber gefordert, die Umwandlung attraktiv zu gestalten.

Wondrak vermisst in Österreich eine ideologiefreie Analyse, wie erste, zweite und dritte Säule im Zusammenspiel funktionieren. Wenn es die gebe, könne man entscheiden, was wie gefördert wird. In anderen Ländern werde diese „große gesellschaftliche Diskussion“ permanent geführt. „Das, glaube ich, ist ein Schritt, den wir schaffen müssen, dass wir überhaupt einmal wissen: Was wollen wir als Gesellschaft in Österreich?“

Foto: AdobeStock / detailblick

 

 

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Ein Jahr mit Gegenwind

Geopolitische Spannungen vom Markt noch nicht eingepreist – ein Kommentar von Zehrid Osmani, Leiter für globale und langfristige Aktienstrategien bei Martin Currie, Teil von Franklin Templeton.

(17.01.) „Der Aufschwung in 2021 fiel letztendlich stärker aus als erwartet. Kurz- bis mittelfristig dürfte also die wirtschaftliche Dynamik auch weiter anhalten. Dies liegt vor allem an den unterstützenden politischen Initiativen, insbesondere die großen Infrastrukturprogrammen, die weltweit gestartet sind. Da diese Programme zudem langfristig angelegt sind, sollte ein länger anhaltender Wirtschaftsaufschwung bevorstehen, der die Aktienmärkte weiterhin unterstützen sollte. Angesichts hoher Aktienbewertungen und eines starken Jahres 2021 für Aktien sollten Anleger mit niedrigeren Renditen und höherer Volatilität rechnen.

Ein elementares Gesprächsthema bleibt die Inflation. Das Bullen-Bären-Tauziehen könnte bis zum Sommer andauern, wenn der Inflationsdruck unserer Meinung nach nachlassen wird. Die Lohninflation spielt dabei nach wie vor die wichtigste Rolle. Diese Messgröße gilt es zu beobachten. Denn sie hat das Potenzial, sich längerfristig auszuwirken. Wir halten eine Stagflation angesichts des günstigen wirtschaftlichen Umfelds für wenig wahrscheinlich, wenn auch die Omikron-Variante dieses Risiko erhöhen könnte.

Nach der starken Erholung im Jahr 2021 ist 2022 ein geringeres Gewinnwachstum zu erwarten. Die steigende Inflation könnte den Margendruck erhöhen. Für Anleger bedeutet dies, sich auf Unternehmen mit konsistenten Wachstumsprofilen zu konzentrieren: Sie verfügen über eine höhere Preissetzungsmacht und sehen sich daher einem geringeren Margenrisiko gegenüber.

Es gibt noch weitere Risiken, die Anleger berücksichtigen sollte. Eine nachlassende Dynamik bei den Infrastrukturausgaben stellt ein beträchtliches Risiko dar, da diese Ausgaben eng mit dem Wirtschaftswachstum zusammenhängen. Ein weiteres Risiko sind geldpolitische Fehlentscheidungen, die die Anleger verunsichern und zu mehr Volatilität führen können, sofern sich Renditekurven verschieben und sich die bisherige Balance zwischen Growth- und Value-Aktien ändert. Weitere Faktoren, die sich auswirken können, sind mögliche steigende Unternehmenssteuersätze, welche die Gewinne unter Druck setzen würden. Und schließlich geopolitische Risiken, darunter die Spannungen zwischen China und dem Rest der Welt, die sich verschärfen könnten. Aktuelles Beispiel sind die Gebietsansprüche Chinas im Südchinesischen Meer, die zunehmend in den Mittelpunkt rücken. In der zweiten Jahreshälfte liegt der Fokus auf der voraussichtlichen dritten Amtszeit von Chinas Präsident Xi Jinping, die ihm den Weg zu einer noch längeren Amtszeit ebnen könnte. Dies könnte ein ausgeprägteres territoriales Streben um Taiwan auslösen, was wiederum zu einem Aufflammen der grenzüberschreitenden Spannungen und einer Zunahme der geopolitischen Risiken führen könnte. All dies preist der Markt bisher nicht ein.“

Foto: Martin Currie

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Hilfe zur Vorsorge oder „Geschenk an Superreiche“?

Die Pläne von Finanzminister Magnus Brunner sorgen nach der Ankündigung in der Vorwoche für reichlich Diskussionsstoff.

Emanuel Lampert. Die Wirtschaftskammer, die Sparte Bank und Versicherung und der Fachverband der Pensionskassen und die Industriellenvereinigung haben die Ankündigung einer KESt-Befreiung mit Behaltefrist begrüßt. Dies würde Kapitalmarkt und Vorsorge fördern. Für die AK Oberösterreich handelt es sich dagegen um ein „ökonomisch unsinniges Steuergeschenk an die reichsten zehn Prozent der Haushalte und die Finanzindustrie“. Sie will stattdessen eine Senkung der Abgaben auf Arbeit und „eine echte Steuerstrukturreform mit höheren Beiträgen der Reichsten“.

WKÖ-Kopf: Wäre wesentlicher Beitrag für Altersvorsorge
Seitens der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) begrüßte Generalsekretär Karlheinz Kopf den Vorstoß: „Das schafft eine Win-Win-Situation für einen wettbewerbsfähigen Kapitalmarkt und die Eigenvorsorge-Landschaft in Österreich.“

„Die längerfristige Risikoübernahme am Kapitalmarkt wird durch Freistellung von der Kapitalertragsteuer attraktiv gemacht“, so Kopf. Zugleich verlieh er der Forderung nach einer Steuerbegünstigung auch für langfristig gehaltene Unternehmensbeteiligungen Nachdruck.

„Anreize wie diese“, so Kopf, „können für die Bürgerinnen und Bürger einen wesentlichen Beitrag leisten, die eigene Altersvorsorge auf solide und nachhaltige Beine zu stellen.“

Sparte Bank und Versicherung: „Wichtige Incentives“
Die WKÖ-Bundessparte Bank und Versicherung führte in dem Zusammenhang auch den Klimaaspekt ins Treffen: Die „Klimatransformation“ berge „gewaltiges Potential“, brauche aber einen leistungsfähigen Kapitalmarkt.

Mit dem Instrument der Behaltefrist „können Milliarden für diese Transformation in eine grüne Zukunft mobilisiert werden“, argumentiert Spartengeschäftsführer Franz Rudorfer.

Ergänzt um eine Steuerbefreiung nachhaltiger Lebensversicherungs- und Pensionskassenprodukte, könne ein „gewaltiger Schub in ein nachhaltiges Österreich“ gelingen, wie es in der Aussendung weiter heißt. So würden „wichtige Incentives, Vorsorge und Altersvorsorge nachhaltig zu ergänzen“, geschaffen.

Pensionskassen: „Gutes Signal“ des Finanzministers
„Eine steuerliche Entlastung für Investitionen in die eigene Vorsorge mit einer Behaltefrist für Wertpapiere, um reiner Spekulation vorzubeugen, ist ein Schritt in die richtige Richtung“, bekundete auch Andreas Zakostelsky, der Obmann des Fachverbandes der Pensionskassen, Unterstützung.

Denn neben der staatlichen und der betrieblichen sei die private Altersvorsorge ein wichtiger Baustein der Pensionsvorsorge. „Als nächster Schritt muss ein Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge angegangen werden“, so Zakostelsky.

AKOÖ: Steuergeschenk an Reiche und Finanzindustrie
Ablehnend reagierte die Arbeiterkammer Oberösterreich: Sie bezeichnet die Behaltefrist in einer Aussendung als „Spekulationsfrist“, die ihrer Ansicht nach „ein bis zu 300 Mio Euro teures und ökonomisch unsinniges Steuergeschenk an die reichsten 10 % der Haushalte und die Finanzindustrie“ wäre.

Die Pandemie habe sich ökonomisch unterschiedlich ausgewirkt, Personen mit höheren Ersparnissen und höherem Vermögen seien weniger betroffen als jene, die von ihren monatlichen Arbeitseinkommen abhängig sind, so die AKOÖ.

„Dass man ersteren jetzt auch noch zusätzlich die Steuer auf Kursgewinne schenken will, ist ein Schlag ins Gesicht für den Großteil der Bevölkerung, der über keine wesentlichen Kapitalanlagen verfügt“, meint Andreas Stangl und fordert stattdessen „eine echte Steuerstrukturreform mit höheren Beiträgen der Reichsten“.

An Stelle der nun angekündigten Maßnahme hielte es die AKOÖ für sinnvoller, „die Abgaben auf Arbeit zu senken und einen nachhaltigen und echten Ausgleich der ‚kalten Progression‘ durchzuführen“.

IV: Unterstützung für Altersvorsorge
Für die Industriellenvereinigung (IV) rückte am Samstag Generalsekretär Christoph Neumayer aus: Anreize für langfristigen Vermögensaufbau und Veranlagung in Wertpapiere seien „ein Gebot der Stunde“.

„Es geht darum, Menschen zu unterstützen, die bereit sind, langfristig, gerade auch in ihre Altersvorsorge, zu investieren“, so Neumayer. „Genau das ermöglicht die Behaltefrist, die jene unterstützt, die dies aus bereits versteuertem Arbeitseinkommen tun.“

Die Industrie plädiert außerdem dafür, „auch langfristig gehaltene Unternehmensbeteiligungen zu stärken“. In der Mitarbeiterbeteiligung, sagt Neumayer, „liegt ein weiterer Schlüssel, der das Mindset der Menschen ändern kann und hervorragend funktioniert“.

Foto: Wiener Börse AG

 

 

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Kleine Unternehmen haben großen Aufholbedarf

Aber 57 % der Firmen wollen sich als nachhaltig positionieren.

Andreas Dolezal. Wenn sich die Art und Weise, wie wir Ressourcen verbrauchen, nicht ändert, bräuchten wir bis 2050 drei Erden, um unseren Bedarf zu decken. So schreibt es das Europäische Parlament auf seiner Internetseite. Tatsache ist, dass wir uns von einer Wegwerf-Gesellschaft zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft entwickeln müssen, wenn wir der Ressourcenknappheit und dem Klimawandel wirksam begegnen wollen. Das „Circular Economy Barometer“ der Altstoff Recycling Austria AG, kurz ARA, beleuchtet den Transformationsprozess von Österreichs Unternehmen.

Das neue ARA-Barometer zeigt hinsichtlich Kreislaufwirtschaft von und in Unternehmen ein gemischtes Bild. Aktives Trennen von Müll, Recycling und Investitionen in die Kreislaufwirtschaft sind zurückgegangen. Im Jahr 2019 wies der „Circular Economy Index“ noch einen Wert von 55,9 aus (auf einer Skala von 0 bis 100), 2020 stand der Index bei 51,7 und fiel heuer auf 50,0. Trotzdem sehen die befragten Unternehmen die Kreislaufwirtschaft als Chance.

Basis des „Circular Economy Barometers“ ist die Studie „Wie Circular-Economy-fit ist Österreichs Wirtschaft“, die das Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag der ARA durchgeführt hat. Befragt wurden im Zeitraum August bis September 2021 in telefonischen Interviews 150 Unternehmen, davon dreißig mit bis zu neun Mitarbeitern und jeweils sechzig mit 10 bis 49 sowie 50 oder mehr Mitarbeitern. Auskunftspersonen waren jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für Entscheidungen rund um das Thema Kreislaufwirtschaft verantwortlich sind.

Mehr Ressourceneffizienz
Um die Ziele des EU-Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft zu erreichen, ist eine Transformation zu mehr Ressourceneffizienz erforderlich. Österreichs Unternehmen sind darauf bereits gut vorbereitet, aber es gibt, wie das ARA-„Circular-Economy-Barometer“ zeigt, noch Luft nach oben – besonders bei kleinen Unternehmen. Auf die Frage „Nutzen Sie dieses Konzept der Kreislaufwirtschaft bereits oder planen Sie es?“ antworteten 54 % der ganz kleinen Unternehmen mit „Ja“ (47 %) oder „Nein, noch nicht, plane es aber zu nutzen“ (7 %). In Unternehmen mit 50 oder mehr Mitarbeitern liegt dieser Prozentsatz bereits bei 90 %.

Als die häufigsten Aktivitäten im Rahmen der Kreislaufwirtschaft werden die Reduktion von Abfällen (90 %), die Forcierung von Wiederverwendung (85 %) und das Recycling von Gütern und Verpackungen (84 %) genannt. Am unteren Ende finden sich Aktivitäten wie das Nutzen von Digitalisierung für die Kreislaufwirtschaft

(47 %) und die Gestaltung von Produkten bzw. Verpackungen, die sich leicht recyceln lassen (39 %).

Hindernisse bremsen Investitionen
Zwar investieren 56 % der befragten Unternehmen bereits in das Thema „Circular Economy“, aber der Anteil an den gesamten Investitionen der jeweiligen Unternehmen fiel von durchschnittlich 16 % im Jahr 2019 auf nunmehr 9 %. Sowohl hier als auch bei den Investitionen in die Kreislaufwirtschaft, die in den kommenden drei Jahren geplant sind, hinken kleine Unternehmen den großen deutlich nach.

Als größte Hindernisse bei der Umsetzung der Kreislaufwirtschaft nennen die befragten Unternehmen die zu komplexe Gesetzgebung (32 %), hohe Kosten (23 %) und fehlende Unterstützung durch öffentliche Stellen (19 %). Fehlende finanzielle Mittel (9 %) und fehlende Informationen (0 %) spielen hingegen kaum eine bzw. gar keine Rolle.

„Während große Unternehmen immer stärker als Zugpferde der Kreislaufwirtschaft fungieren, werden fehlende Investitions-, Planungs- und Rechtssicherheit vor allem von KMU als größtes Hindernis gesehen. Das bedeutet eine große Herausforderung für das KMU-Land Österreich“, wird Harald Hauke, Vorstand der ARA, in einer Pressemitteilung dazu zitiert.

Mehr Chancen als Risiken
Im Zusammenhang mit der künftigen Entwicklung beim Thema Kreislaufwirtschaft weist das „Circular Economy Barometer“ einen Wert von 60,1 aus. Kleine wie große Unternehmen sehen also mehr Chancen als Risiken. Bekräftigt wird dieses Ergebnis durch die überdurchschnittlich hohe Zustimmung zur Aussage: „Es ist für unser Geschäft wichtig, dass wir uns als ein nachhaltiges Unternehmen positionieren.“

57 % der Unternehmen stimmen dieser Aussage (voll und ganz bzw. eher) zu. Bei den kleinen Unternehmen liegt die Zustimmung bei 53 %, bei den großen (mit 50 und mehr Mitarbeitern) sogar bei 85 %. Nur 7 % der befragten Unternehmen betrachten Kreislaufwirtschaft als unwichtig und stimmen der Aussage überhaupt nicht zu (10 % der kleinen und 2 % der großen Unternehmen).

Foto: AdobeStock / Ben Chams

 

 

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ESG-Kriterien in der Vorsorge

Diversifikation und Langfristigkeit sind von großer Bedeutung.

Harald Kolerus. Der starke Trend zu mehr Nachhaltigkeit ist natürlich auch in der Versicherungsbranche ein bestimmendes Thema. Allerdings ist die Umsetzung mit den bisher am Markt vorhandenen Produkten nicht ganz einfach. Wie müsste also der optimale ESG-Fonds (ESG steht für Environment, Social und Governance, Anm.) für die Altersvorsorge aussehen? Der Börsen-Kurier sprach dazu mit Christian Nuschele, Vertriebsleiter von Standard Life, und Martin Stenger, Vertriebsdirektor bei Franklin Templeton. Gemeinsam haben die beiden Gesellschaften ein neues Produkt kreiert. Der „Franklin ESG-Focused Balanced Fund“ ist als Direktinvestment (ISIN: LU2319533704), aber auch in allen Fondspolizzen der Standard Life erhältlich.

Kaum passende Produkte
Nuschele erklärt zur Entstehungsgeschichte: „Wir als Versicherer haben bei der Suche nach ESG-Investments als Vorsorgelösung festgestellt, dass es am Markt zwar sehr viele Nachhaltigkeitsfonds gibt, aber etwas fehlt: nämlich ESG-Multi-Asset-Produkte, die sich als Core-Investment für unseren Zweck eignen.“ Nuschele hat deshalb gemeinsam mit Stenger von Franklin Templeton erörtert, welches Investment im Rahmen einer Fondspolizze ideal ist. Das Resultat ist eben der maßgeschneiderte „Franklin ESG-Focused Balanced Fund“. Stenger kommentiert: „Unsere Gesellschaft ist als langfristig denkender Asset Manager bekannt, im Zusammenhang mit Vorsorge bewegt man sich allerdings in einem noch weiter gesteckten Rahmen. Diversifikation und Langfristigkeit sind hier von entscheidender Bedeutung. Der Fonds konzentriert sich nicht auf Nachhaltigkeits-Nischenthemen oder auf ESG-Trends wie z.B. Neue Energien. Wir haben ein breites Basisinvestment geschaffen, das sich im Sinne des Vorsorgegedankens eignet.“

Ausgewogenes Portfolio
Sozusagen als „Improver“ soll der Mischfonds Unternehmen dazu animieren, ihr Geschäftsmodell noch weiter in Richtung ESG zu steuern. Er setzt dabei auf ein ausgewogenes Portfolio von Aktien jeglicher Größe aus Industrieländern sowie Anleihen von Unternehmen und staatlichen Emittenten weltweit, wobei im Bonds-Bereich vorwiegend in Europa bzw. in auf Euro lautende Schuldtitel investiert wird. Der Einsatz von Derivativen ist wiederum nur zur Risikosteuerung und nicht zur Performance-Generierung erlaubt, denn das würde in einen Bereich führen, der in Sachen Nachhaltigkeit nicht gerade das beste Image genießt.

Die breite Streuung spiegelt sich in der Branchen-Allokation wider: Sie reicht von IT über Industriewerte, Finanzwesen, Gesundheit und den Konsumsektor bis hin zu Kommunikationsdiensten und Immobilien. Nuschele: „Das ausgewogene Multi-Asset-Konzept passt sehr gut zu einer großen Zahl unserer Kunden und zu den Beratungsprozessen unserer Partner.“

Gegen Greenwashing
Wobei, wie erwähnt, das Thema ESG immer wichtiger wird. Stenger: „Wir sehen vor allem in Europa einen ausgeprägten politischen Willen und Regulatorien, um Nachhaltigkeit zu fördern. In den USA agiert im Vergleich dazu die privatwirtschaftliche Initiative stärker als Treiber.“

ESG liegt also im Trend, aber hat damit nicht auch die Gefahr des Greenwashing zugenommen? Wie können sich Anleger dagegen wappnen? Stenger dazu: „Wichtig ist, dass ESG im Mittelpunkt steht und nicht nur als Feigenblatt in Form irgendeiner Kennziffer fungiert. Wir haben für den Fonds ein eigenes ESG-Score entwickelt und ihn nahe der Regulatorik aufgebaut.“ Nuschele fügt hinzu: „Ein Zeichen der Verlässlichkeit für Investoren ist nicht zuletzt das FNG-Siegel. Unser neuer Fonds wurde nach den strengen Kriterien des Forums Nachhaltige Geldanlage mit diesem Standard ausgezeichnet.“

Foto: AdobeStock / Köpenicker

 

 

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Japan 2022: Rekordjahr ohne Inflationsängste

Die wirtschaftliche Erholung Japans blieb im Jahr 2021 hinter der von anderen entwickelten Volkswirtschaften zurück. Auch wenn die Krise uns wohl noch eine ganze Weile beschäftigen dürfte, ist davon auszugehen, dass sich die gesamtwirtschaftliche Situation des Landes im kommenden Jahr zum Besseren entwickeln sollte. Was für einen unmittelbar bevorstehenden Aufschwung in Japan spricht und welche Sektoren bzw. Unternehmen hiervon besonders profitieren dürften, erklärt Richard Kaye, Portfoliomanager des Comgest Growth Japan:

(11.01.) Trotz der großen Unsicherheit, die die Omikron-Variante des Coronavirus aktuell schürt, halten wir es für wahrscheinlich, dass 2022 ein starkes Jahr für das Gewinnwachstum japanischer Unternehmen wird. Die meisten COVID-19-Einschränkungen in Japan wurden aufgehoben, sodass sich eine Erholung abzeichnet. Das betrifft insbesondere Unternehmen, die in den kommenden Monaten von Nachholeffekten in den Konsumausgaben sowie von der Rückkehr der Touristen profitieren können. Neue Infektionswellen oder andere unerwartete Entwicklungen lassen sich leider weiterhin nicht völlig ausschließen.

Aufschwung in Sicht
Zu den Unternehmen, bei denen mit einem erheblichen Gewinnwachstum zu rechnen ist, zählen Japan Airport Terminal, das den internationalen Flughafen Haneda in Tokio betreibt, und das Disneyland Tokio Resort, das von der Oriental Land Corporation betrieben wird. Beide Unternehmen sollten gleichermaßen von den steigenden Touristenzahlen profitieren. Der Flugverkehr im Inland hat sich in Vergleich zum Stand von vor der Pandemie bereits wieder um 78 % erholt, während der internationale Flugverkehr, der am 7. November dereguliert wurde, aufgrund der Omikron-Mutation erneut für 30 Tage ausgesetzt wurde. Wir gehen aber davon aus, dass der Auslands-Reiseverkehr zeitnah wiederaufgenommen wird, da die mächtige „Keidanren“-Industrielobby – einer der einflussreichsten Wirtschaftsverbände des Landes – ausländische Arbeitskräfte benötigt, um dem Fachkräftemangel in Japan entgegenzuwirken. Doch auch die Gastronomie wird im neuen Jahr ein Comeback erleben. Hiervon sollte u.a. Sushiro, Japans größte Sushi-Restaurantkette, besonders profitieren. Sushiro eröffnet laufend neue Restaurants, unter anderem in Großstädten und expandiert nach Übersee, was sich positiv auf die Erträge auswirken dürfte.

Zusätzlich hat der Staat bereits verschiedene Konjunkturmaßnahmen in die Wege geleitet. Die von Premierminister Fumio Kishida angekündigten Konjunktur-Schecks in Höhe von 878 US-Dollar dürften Discountern wie Don Quijote von Pan Pacific und Kobe Bussan zugutekommen. Auch für die Inlandsreisekampagne „Go To“ wurde ein großes Budget bereitgestellt, wovon erneut die beiden Player Japan Airport Terminal und Disneyland Tokio Resort sowie Orix, der Betreiber einer Hotelkette, profitieren sollten.

Japan als sicherer Hafen vor der Inflation
2022 könnte das Jahr sein, in dem die Inflation weltweit steigt. Wenn dem so ist, könnte sich Japan als sicherer Hafen erweisen. Trotz der gigantischen Liquiditätsprogramme der Zentralbank gibt es seit den 1990er Jahren aufgrund der alternden Bevölkerung und der abnehmenden Konsumneigung im Land keine Inflation. Für globale Anleger, denen bei anhaltender Inflation die Kluft zwischen ausgewiesenen und realen Erträgen Sorge bereitet, kann Japan daher einen Zufluchtsort bieten.

Die Abe-Ära setzt sich fort
In der Politik hat Japan zwar den Kapitän gewechselt, aber das Schiff fährt immer noch denselben Kurs. Shinzō Abe und sein ehemaliger Stellvertreter Taro Aso bleiben als Anführer der größten Fraktionen in der regierenden Liberaldemokratischen Partei die wesentlichen Entscheider im Land. Das bedeutet, dass sie weiterhin auf Wachstum, Deregulierung und saubere Unternehmensführung setzen, auch wenn Premierminister Fumio Kishida nun an der Spitze der Regierung steht.

Der Begriff, den die Presse in westlichen Ländern gerne verwendet hat und der auch von Fumio Kishida während seines Wahlkampfs eingesetzt wurde, lautet „Umverteilung“. Diese soll, sofern die Pläne überhaupt umgesetzt werden, zu Steueranreizen für Unternehmen führen, um die Löhne zu erhöhen. Die Reichen zu besteuern, um die Armen zu entlohnen, ist in Japan kein übliches Wahlprogramm oder eine populäre Idee, obwohl die Steuern in Japan aufgrund des Verständnisses eines gemeinsamen sozialen Zwecks bereits hoch sind.

Japan bedient asiatische Konsumschicht und Industrie
Der japanische Aktienmarkt ist aufgrund der geographischen, historischen und kulturellen Nähe Japans nach wie vor eine sehr gute Plattform, um von den Bedürfnissen der aufstrebenden asiatischen Konsumschicht und der Industrie zu profitieren. Indem wir uns auf Wachstumstrends konzentrieren, die auf unternehmensspezifischen Stärken und Fähigkeiten aufbauen, reduzieren wir die Abhängigkeit von den Marktbedingungen in Asien, die teils von regulatorischen Veränderungen, Liquidität, einer kürzeren Börsenhistorie und Herausforderungen im Bereich der Unternehmensführung geprägt sind. Beispiele für Unternehmen, die wir halten, sind Pigeon und Kosé. Während Pigeon, ein japanisches Unternehmen und Chinas größter Anbieter von Babyflaschen, von der wachsenden Zahl chinesischer Mütter, die Milchpulver verwenden, profitiert, kommt Kosé die zunehmende Beliebtheit von Hautpflege zugute.

Foto: Comgest

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Spannende Börsendebüts 2022

Vor allem im Technologiesektor wird heuer eine rege IPO-Tätigkeit erwartet.

Patrick Baldia. Auch wenn die Corona-Pandemie in den ersten Tagen 2022 die Schlagzeilen dominiert und für reichlich Verunsicherung sorgt – Stichwort Omikron -, so scheint sie zumindest bereits im Vorjahr für den IPO-Markt deutlich an Schrecken verloren zu haben. „Noch nie gingen so viele Unternehmen an die Börse wie 2021, und auch das dabei eingesammelte Kapital war noch nie höher“, hält Andrey Wolfsbein von Freedom Finance im Gespräch mit dem Börsen-Kurier fest. Konkret wurden laut dem „Global IPO Update“ von Ernst & Young (EY) fast 2.400 Börsendebüts gezählt, was einem Plus von 64 % gegenüber 2020 entspricht. Das globale Emissionsvolumen stieg sogar um 67 % auf mehr als 450 MrdUSD.

Mit einer Bewertung von 100 MrdUSD am ersten Handelstag legte der US-Elektroautohersteller Rivian (ISIN: US76954A1034) den größten Börsengang des Jahres hin. Damit ist das Unternehmen der zweitwertvollste US-Automobilhersteller hinter Tesla – und zwar noch vor renommierten Playern wie Ford oder General Motors. Die größte Rendite konnten Anleger mit einem Technologieunternehmen erzielen: der Aktienpreis des Fintechs Affirm (US00827B1061) stieg im Vergleich zum Emissionspreis um fast 210 %.

Insgesamt drängte es 2021 vor allem Unternehmen aus dem Technologiesektor an die Börse – konkret mehr als 400. Auch heuer werden einige interessante IPOs aus dem Bereich erwartet. Für Wolfsbein zählt dazu die digitale Zahlungsplattform Stripe, die bereits in mehr als 120 Ländern genutzt wird. „Dadurch, dass das Unternehmen zuletzt bereits mit 100 Mrd Euro bewertet wurde, könnte dieser IPO eines der größten Angebote überhaupt werden“, meint der Experte. Vor seinem Börsenstart steht mit der mobilen Bankplattform Chime, die einschlägige Dienstleistungen anbietet, ohne dabei über physische Standorte zu verfügen, ein weiteres Fintech. Beobachter rechnen mit einem Emissionserlös zwischen 35 und 45 MrdUSD.

Eine interessante Möglichkeit für Anleger könnte auch der IPO von Databrics darstellen. Das Unternehmen, das Software zur schnellen Verarbeitung großer Datenmengen und deren Aufbereitung für Analysten entwickelt, habe bereits einen Stamm von mehr als 5.000 Kunden und zähle unter anderem Microsoft und Amazon zu seinen Klienten, so Wolfsbein. Laut Medienberichten könnte die Bewertung beim IPO zwischen 35 und 50 MrdUSD ausmachen. Eine Überlegung wert könnte auch Instacart sein. Der Online-Lebensmittellieferdienst ist allein in den USA für 85 % der Haushalte verfügbar und wurde zuletzt mit 39 MrdUSD bewertet.

„Die digitale Transformation der Wirtschaft hat durch die Pandemie einen enormen Schub bekommen. Zudem ist die Bereitschaft stark gestiegen, etablierte Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen und auch radikale Maßnahmen einzuleiten, um die Zukunftsfähigkeit und Agilität von Unternehmen zu sichern“, erklärt Gerhard Schwartz, Partner und Leiter des Assurance-Bereichs bei EY Österreich, den steten Zustrom von Börsenneulingen aus dem Tech-Bereich. Nur zwei Beispiele für zwei weitere für 2022 erwartete IPOs: Uhde Chlorine Engineers, die Wasserstofftochter von Thyssenkrupp, oder Eni R&R, die Erneuerbare-Energien- und Retail-Tochter des italienischen Ölkonzerns Eni.

An der Wiener Börse wagten übrigens im Vorjahr acht Unternehmen den Sprung aufs Börsenparkett – und zwar allesamt in Einstiegssegmenten Direct Market und Direct Marktet Plus. Einige weitere könnten heuer folgen.

Foto: Pixabay / kalhh

 

 

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Wohin steuert die Ölpreisrallye?

Der Energiebedarf steigt weltweit, die Förderanhebung der OPEC fiel zuletzt bescheiden aus.

Raja Korinek. Noch vor wenigen Wochen sorgte der Omikron-Ausbruch für Schreckensmomente am Ölmarkt. Die Sorge vor einem Nachfrageeinbruch war groß, die Preise knickten ein. Allein die Notierung der europäischen Nordseemarke Brent notierte Ende November bei rund 82 USD je Fass, sank dann auf knapp unter 70 USD. Seither hat sich die Notierung erholt, ebenso wie jene in den USA, wo die WTI-Sorte gehandelt wird.

Bei der BNP Paribas führt man die Erholung unter anderem auf die – bislang bekannten – Eigenschaften von Omikron zurück. Die Experten verweisen auf die tendenziell milderen Verläufe. Somit werden weniger harte Lockdowns befürchtet, womit auch der Transportsektor weniger stark betroffen wäre. Auf diesen Bereich entfällt der Großteil der globalen Nachfrage, die trotz Bemühungen einer Energiewende mit 100 Mio Fass pro Tag ein Rekordhoch erreicht.

Kasachstan-Unruhen wecken Sorgen
Auch auf der Angebotsseite gibt es jede Menge preistreibende Ereignisse. Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch verweist auf die Unruhen in Kasachstan und sagt, „sie haben Befürchtungen geschürt, die dortige Ölproduktion könnte beeinträchtigt sein“. Tatsächlich wurde Meldungen zufolge die Produktion im größten Ölfeld des Landes angepasst. „Über das Ausmaß gab es keine Angaben. Kasachstan produziert aber knapp 1,7 Mio Fass Öl pro Tag und gehört zu den größeren Produzentenländern innerhalb der OPEC+“, so Fritsch.

Doch damit ist noch nicht Schluss. Der Marktprofi meint, auch in einem weiteren Land des erweiterten Produktionskartells gebe es Probleme: „In Libyen ist die Ölproduktion laut der staatlichen Ölgesellschaft NOC zuletzt auf 729.000 Fass pro Tag gesunken. Zuvor lag die Fördermenge bei rund 1,1 Mio. Fass pro Tag.“ Begründet wurde die Entwicklung mit Wartungsarbeiten, sie sollen inzwischen abgeschlossen sein.

Geringere OPEC-Förderung
Hinzu kommt, dass allein die OPEC im Dezember 2021 die Ölproduktion deutlich weniger als vereinbart gesteigert hatte, und zwar um nur 150.000 Fass pro Tag gegenüber dem Vormonat. Möglich wäre eine Steigerung um 250.000 Fass pro Tag. Insgesamt lag die Produktionsmenge mit 650.000 Fass pro Tag unter dem vereinbarten Niveau.

Von der Ölpreiserholung seit dem schweren Sturz 2020 haben zahlreiche Ölkonzerne kräftig profitiert. Sie haben zugleich aber Investitionen in neue Projekte aufgrund der Energiewende reduziert und legen den Fokus verstärkt auf erneuerbare Energien. Mit dem „Vontobel Oil-Strategy Index“ (ISIN: DE000VN6SG00) wird versucht, sowohl Chancen mit Branchenaktien zu nutzen, als auch von der Preisentwicklung der WTI-Notierung zu profitieren. Je nachdem, wo sich eine vorteilhaftere Entwicklung abzeichnet, wird das Vermögen entweder in Derivate investiert, die auf die künftige Entwicklung von WTI setzen, oder in einen Korb von zehn Ölaktien aus den USA und Kanada veranlagt. Dazu zählen beispielsweise Exxon (US30231G1022), Chevron (US1667641005) und Suncor Energy (CA8672241079).

Turbo-Chancen mit Risiko
Anleger, die sich ein höheres Risiko zutrauen, können gehebelt mit einem Turbo-Long-Zertifikat auf die Brent-Entwicklung setzen. Ein solches Produkt bietet etwa die BNP Paribas an (DE000PF6RQM7). Der aktuelle Hebel (per 7. Jänner) liegt bei 2,89. Um diesen verändert sich der Kurs des Zertifikats im Verhältnis zum Basiswert. Berührt oder unterschreitet allerdings der Basiswert die Marke von 53,86 USD, verfällt das Zertifikat. Bei beiden Zertifikaten müssen Anleger zudem das Währungsrisiko beachten.

Foto: AdobeStock / Trifonenko Ivan

 

 

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Die Zinswende mahnt aber zur Vorsicht.

Die Zinswende mahnt aber zur Vorsicht.

Roman Steinbauer. Während der MSCI Emerging Market Index (ISIN: CH0007292201) im Vorjahr um herbe 7 % sank, legte der MSCI World Index (CH0001693230) um deutliche 18 % zu. Um sogar 26 % stieg der führende Barometer der westlichen Welt, der S&P 500 (US78378X107). Grund genug, um aufgrund günstigerer Bewertungen Aktien aufstrebender Staaten wieder in Investment-Überlegungen einzubeziehen?

Gegen diese Strategie spricht die eingeleitete Zinswende, die den US-Dollar an Attraktivität gewinnen lässt. Tendenziell stellt dies für Gesellschaften aufstrebender Volkswirtschaften (durch vorwiegend in US-Dollar laufende Verbindlichkeiten) eine Belastung dar. Zudem wurden historisch betrachtet die für Schwellenländer wichtigsten, in US-Dollar gehandelten Rohstoffe von Preiskorrekturen mitgetroffen. Bloomberg Research spekuliert sogar über eine heraufziehende Deflation der Rohwaren. Portfolio Manager Luis Lemus, Continous Capital Partners, hingegen, der heute 26 Staaten unter „Emerging Markets“ einreiht, erkennt in einer Analyse große Chancen: „Die Bewertungen sind depressiv, die Fundamentaldaten attraktiv. Der Abschlag zu US-Titeln ist auf einem Allzeithoch, es fehlt bloß der Start des Kurs-Momentums, dann läuft es.“ Die Auswahl werde vorrangig auf die Filterung von steigenden Dividendenbringern hin, nicht nach Ländern getroffen.

Betrachtung des Verpackungsinhalts ist notwendig
Als Schwellenländer definierte Staaten sind heute nicht mehr umfassend Volkswirtschaften mit außergewöhnlichem Wachstum, wofür die involvierten Länder einst standen. Weder Südkorea, noch Taiwan, die VAE oder Russland, und schon keineswegs China, Thailand oder Polen können heute zu Entwicklungsstaaten mit Eintritt in den globalen Handel gezählt werden. Noch in diese Zuordnung passen hingegen Indien, Malaysia, Pakistan, Indonesien, Vorderasien, die Philippinen und die afrikanischen Beispiele. Bei einer Fonds-Auswahl für Schwellenländer lohnt es sich, neben den Kosten der Gebühren auch einen Blick auf die Engagements des jeweiligen Managements bzw. der Top Holdings zu werfen.

Als Beispiel dient der in zwölf Ländern investierende „Barings Global Emerging Markets Umbrella Fund Class A Fonds“ (IE0004850503). Chinesische Titel sind derzeit mit 36 % vertreten, taiwanesische mit 16 %, südkoreanische mit 14 %. Erst danach folgen Unternehmen aus Indien (11 %), Brasilien und Indonesien (jeweils 3 %). Es handelt sich hauptsächlich um einen Tech-Fonds: Das Management favorisiert Aktien wie Taiwan Semiconductor mit 9 % (US8740391003), Samsung Electronics mit 8 % (KR7005930003) oder die Tencent Holdings mit 6 % (KYG875721634).

Foto: AdobeStock / photon_photo

 

 

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Schwellenländerausblick: Aus Gegenwind wird Rückenwind

Von Nick Payne, Head of Strategy, Global Emerging Markets Focus bei Jupiter AM.

(03.01.) Das Jahr 2022 könnte als das Jahr der Wiederbelebung des Handels in den Schwellenländern in Erinnerung bleiben – wenn sich ihre Volkswirtschaften von den Covid-bedingten Einschränkungen stark erholen. Während die meisten Industrieländer ihre Bevölkerung rasch gegen Covid geimpft und ihre Wirtschaft wieder geöffnet haben, hinken die Schwellenländer noch hinterher. Wenn die Impfprogramme der Schwellenländer aufholen, werden sich ihre Volkswirtschaften schnell wieder öffnen, was ihre Aktienmärkte stark unterstützen könnte.

Südostasien erholt sich langsam
Die südostasiatischen Länder schneiden in der Covid-Resilienz-Rangliste von Bloomberg am schlechtesten ab. Indonesien, Malaysia, Thailand, Vietnam und die Philippinen liegen seit mehreren Monaten im unteren Drittel. Ihre Exporte wurden durch Covid stark beeinträchtigt, und ihre Einnahmen aus dem Tourismus haben sich verflüchtigt. Aber sie beginnen sich wieder zu erholen. Die Einkaufszentren in Indonesien haben sich wieder gefüllt. Thailand, dessen Wirtschaft in normalen Zeiten zu 18 Prozent vom Tourismus abhängt, hat Anfang November nach 18-monatigen Beschränkungen wieder für Touristen geöffnet. Vietnam öffnete seine größte Insel Ende November wieder für Touristen, nachdem die Grenzen fast zwei Jahre lang geschlossen waren und ein umfangreiches Impfprogramm durchgeführt wurde.

Wenn die Impfungen in den Schwellenländern schneller voranschreiten, werden sich die lokalen Volkswirtschaften erholen und die Investitionsstimmung dürfte sich verbessern – und die Lücke in der Aktienmarktentwicklung wird sich unserer Ansicht nach verringern. Im Jahr 2021 haben die Aktienmärkte der Schwellenländer im Vergleich zu denen der Industrieländer insgesamt schlechter abgeschnitten, was vor allem auf China zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu hat Indien, das wir seit langem bevorzugen, in diesem Jahr im Durchschnitt besser abgeschnitten als die entwickelten Märkte. Indien verfolgte einen weniger restriktiven Ansatz als China und machte die Wiederöffnung seiner Wirtschaft zur Priorität. Das indische BIP-Wachstum im Jahr 2021 war wesentlich stärker als das chinesische, und dies wird sich wahrscheinlich auch 2022 fortsetzen.

Gegenwind in China wird sich umkehren
China litt 2021 unter drei Hauptproblemen, die sich unserer Meinung nach 2022 abschwächen könnten: eine sich verlangsamende Wirtschaft, Probleme im Immobiliensektor und eine strengere Regulierung. China hat eines der weltweit schärfsten Maßnahmenpakete gegen Covid ergriffen, was das Wirtschaftswachstum verlangsamt hat. Im dritten Quartal lag das BIP-Wachstum bei 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – Anfang 2021 rechneten Experten noch mit über 8 Prozent. Wir sind der Meinung, dass immer mehr hochrangige chinesische Politiker über die Konjunkturabschwächung besorgt sind und dass China 2022 die Geldpolitik lockern könnte, während die Industrieländer angesichts der Inflation wahrscheinlich eine Straffung vornehmen werden.

Die Schwellenländer haben im Allgemeinen nicht in dem Maße wie Europa und die USA “Helikopter”-Geld (erhöhte Staatsausgaben und Konjunkturprogramme) eingesetzt und werden daher unserer Ansicht nach 2022 nicht in demselben Maße unter einer Lockerung der Geldpolitik oder einer fiskalischen Belastung leiden wie die Industrieländer. Der Gegenwind könnte sich in Rückenwind verwandeln.

Allerdings müssen wir anerkennen, dass sich das Wachstumsmodell in China dauerhaft verändert hat. Wir sollten von China keine BIP-Wachstumszahlen von 8 Prozent mehr erwarten. Ein BIP-Wachstum zwischen 4 und 5 Prozent wäre für eine so große Volkswirtschaft – die zweitgrößte der Welt – immer noch hervorragend. Das künftige Wachstum in China dürfte solider ausfallen. Es wird höchstwahrscheinlich mit weniger Schulden einhergehen, weniger von Immobilieninvestitionen abhängen und stärker auf den Verbraucher ausgerichtet sein.

Der Schritt Chinas hin zu einer strengeren Regulierung im Jahr 2021 ist vielfach missverstanden worden. Es wäre übertrieben, darin einen Rückzug in eine Art maoistische Dystopie zu sehen. Wir verstehen ihn als Teil von Chinas Streben nach “allgemeinem Wohlstand”. Die chinesische Regierung will weg vom Wachstum um jeden Preis, hin zu einem qualitativ besseren Wachstum und einer stärkeren Einbeziehung aller Teile der Gesellschaft. Dies kommt verbraucherorientierten Unternehmen sehr zugute.

Die makroökonomische Analyse kann bei Investitionen in Schwellenländern nur bedingt weiterhelfen. Unser Ansatz besteht darin, in den Schwellenländern nach den allerbesten Qualitätsunternehmen zu suchen, die sich durch ein beständiges Franchise und anhaltende Gewinne auszeichnen – gestützt durch starke Wettbewerbsvorteile. Qualitätsunternehmen sind widerstandsfähig und weniger abhängig von der allgemeinen Wirtschaftslage. Wir betrachten Aktien als Geschäftsmodelle und halten sie langfristig. Wie der berühmte Investor Howard Marks sagte: “Die Performance hängt nicht davon ab, was wir kaufen oder verkaufen, sondern davon, was wir halten. Unsere Haupttätigkeit ist das Halten”. Wir sind der Meinung, dass der große Vorteil von Qualitätsunternehmen in den Schwellenländern darin besteht, dass sie über eine lange Startbahn für starkes Wachstum verfügen, während diese Startbahn in den Industrieländern in vielen Fällen schon so gut wie zu Ende ist.

Foto: Jupiter Asset Management

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Ausblick 2022: Gute Chancen für Value Werte

Ein Kommentar der Anlage-Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking.

Wachstum hoch, Inflation bleibt

• Nachlassende Unterstützung durch Notenbanken

(23.12.) Die Finanzmärkte werden im kommenden Jahr 2022 aus derzeitiger Sicht ein volatiles Bild bieten, schreiben die Anlage-Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar (im Bild Alexander Eberan, der Leiter Private Banking Wien Steiermärkische Sparkasse). Das anhaltende Wirtschaftswachstum mit steigenden Unternehmensgewinnen sowie ein bisweilen herausforderndes geopolitisches Umfeld und die zumindest zu Jahresbeginn anhaltende Pandemie werden von moderat steigenden Zinsen begleitet sein. Diese sollten an den Märkten Vorteile für Value-Werte bringen, während das Umfeld für Growth-Werte schwieriger wird, so die Einschätzung. Gleichzeitig rechnen die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking mit leicht steigenden Anleiherenditen. Die negativen Realzinsen werden aber bleiben.

Unternehmensgewinne weiter robust
Die gute Konjunktur und das vorsichtige Vorgehen der Notenbanken bei der Reduktion der langjährigen Unterstützungsmaßnahmen und bei etwaigen Zinsanhebungen erlauben eine Prognose für weiterhin robuste Unternehmensgewinne. Gestiegene Rohstoff- und Energiepreise, aber auch höhere Lohnkosten aufgrund von Arbeits- bzw. Fachkräftemangel werden allerdings die Kosten erhöhen. Unternehmen, die die Marktmacht haben, diese Kosten an ihre Kunden weiterzugeben, dürften im kommenden Jahr profitieren. Ebenso sollten sich jene gut entwickeln, die vom Emissionsausstieg profitieren. Value Werte, die insbesondere in der Finanz- und Energie-Branche und teilweise auch im Industriebereich zu finden sind, könnten Aufholpotenzial haben. Growth Werte werden es hingegen schwerer haben, da ihr Unternehmenswert stark von künftigen Cashflows abhängig ist und dieser bei steigenden Zinsen geschmälert wird.

Anleihen mit Risikoaufschlägen
Am Anleihenmarkt erwarten die Experten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking leicht steigende Renditen bei negativen Realzinsen. Letztere sind der anhaltenden Inflation in den Industrieländern geschuldet. Mit zunehmender Volatilität an den Aktienmärkten könnten auch die Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen wieder etwas steigen. Gleiches gilt für Staatsanleihen der höher verschuldeten Euro-Länder, die durch das reduzierte Anleihekaufvolumen der EZB und der Aussicht auf steigende Zinsen in nicht allzu ferner Zukunft mit steigenden Risikoaufschlägen konfrontiert werden könnten. Eine attraktivere Rendite bieten Anleihen von Schwellenländern, wobei auch bei ihnen höhere Schwankungen wahrscheinlich sind. Zunehmende Bedeutung werden nachhaltige Anleihen wie Green Bonds, Social- oder Sustainability- oder Sustainability Linked Bonds bekommen.

Gute Voraussetzungen für Konjunktur …
Ungeachtet der anhaltenden Corona-Pandemie erwartet die Steiermärkische Sparkasse

Private Banking, dass sich das Wirtschaftswachstum 2022 auf hohem Niveau fortsetzen wird, wenngleich mit etwas moderaterem Tempo. Neue Impfstoffe und Medikamente werden dazu beitragen, dass sich die Pandemie zunehmend zu einer Endemie zurückentwickeln wird – also von einer weltweit verbreiteten Seuche zu einer regional begrenzten. Die aktuell für viele Industriezweige bestimmenden Engpässe bei Lieferketten werden sich im kommenden Jahr zwar einpendeln, aber dies wird voraussichtlich etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen als ursprünglich erwartet. Im Konsum werden die Aufholeffekte langsam nachlassen, doch hohe Sparquoten begünstigen weiterhin eine hohe Nachfrage nach Konsumgütern. Bei den Investitionen ist mit einer deutlichen Zunahme zu rechnen, da erstens viele Regierungen mehrjährige Konjunkturprogramme verabschiedet haben oder verabschieden werden und Unternehmen wieder investitionsfreudiger sind. Zweitens wird sich nicht nur im kommenden Jahr, sondern auch weit darüber hinaus die Selbstverpflichtung vieler Länder zu einer deutlichen Reduktion der CO2-Emissionen und damit einhergehend auch der Reduktion fossiler Brennstoffe ebenso in einer höheren Investitionstätigkeit niederschlagen.

Auch aus China kamen zuletzt sehr positive Nachrichten, die das dortige Wachstum wieder beflügeln sollten. Nach den regulatorischen Eingriffen, die den chinesischen Aktienmarkt im Jahr 2021 stark belasteten, hat das Politbüro wieder eine Rückkehr zu seinem alten Kurs signalisiert. Wachstumspolitik und Binnennachfrage stehen wieder im Vordergrund und die chinesische Notenbank nimmt wieder einen expansiveren Kurs auf.

… aber auch Gegenwind
Bei all den begünstigenden Faktoren wird die Konjunktur im kommenden Jahr aber auch Gegenwind spüren. Die Steiermärkische Sparkasse Private Banking geht deshalb davon aus, dass das globale Wachstum im kommenden Jahr etwas geringer als 2021 (aktuelle Schätzung IWF 2021: global 5,9 %) ausfallen wird. Einer der wichtigsten Faktoren ist in diesem Kontext die sachte Rückkehr zu einer „normalen“ Geldpolitik: Die US-Notenbank Federal Reserve hat in ihrer jüngsten Sitzung als Reaktion auf die hohen Inflationszahlen eine Beschleunigung des Taperings (Reduktion der umfangreichen Anleihekäufe) beschlossen, was schrittweise Zinsanhebungen ab dem zweiten Quartal wahrscheinlich macht. Die britische Notenbank hat diesen Schritt als erste der großen Notenbanken bereits gewagt und die Zinsen erhöht. Im kommenden Jahr dürfte zumindest eine weitere Anhebung folgen. Die Europäische Zentralbank verhält sich noch vorsichtiger, da sie weiterhin davon ausgeht, dass sich die Inflation abschwächen wird. Sie hat somit für 2022 keine Zinserhöhungen in Aussicht gestellt, wird aber ihre Anleihekäufe ebenfalls reduzieren. Die Notenbanken wollen keinesfalls Marktverwerfungen riskieren. Sie werden daher ihre Maßnahmen mit großer Wahrscheinlichkeit genau abwägen und auf die konjunkturelle Entwicklung abstimmen, um die Erholung der Wirtschaft nicht zu gefährden.

Auch geopolitische Aspekte werden unter Umständen 2022 Auswirkungen auf die Märkte haben, etwa der Russland-Ukraine-Konflikt, die Spannungen im Südchinesischen Meer oder im Mittleren Osten. Die Wahlen in Italien und Frankreich und die Zwischenwahlen in den USA dürften sich nur mäßig auf die Konjunkturentwicklung auswirken. Ebenfalls weiterhin nicht ganz außer Acht zu lassen ist die Corona-Pandemie und mögliche Einschränkungen infolge von Eindämmungsversuchen, insbesondere zu Jahresbeginn aufgrund der Ausbreitung der Omikron Variante.

Inflation bleibt
Die Inflation wird wie bereits heuer auch im nächsten Jahr eines der bestimmenden Marktthemen sein und ihre Ausprägung wird maßgeblich die weiteren Entscheidungen der

Notenbanken beeinflussen. Zu Jahresbeginn dürfte die Inflation noch hoch bleiben, aber im Verlauf des Jahres zurückgehen. Die Gründe dafür: Die Aufholeffekte werden nachlassen, die Lieferkettenengpässe sollten geringer werden und die Energie- und Rohstoffpreise werden voraussichtlich nicht mehr so rasant steigen. Bereits im November hat der Ölpreis sein vorläufiges Hoch hinter sich gelassen und auch bei anderen Rohstoffen hat man einen Preisrückgang bzw. eine gewisse Stabilisierung erkennen können. Langfristig werden höhere Energie- und Rohstoffpreise aber wegen des Übergangs hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft unumgänglich sein. Die Inflation werde sich auf einem höheren Niveau als vor Corona und auch über dem Inflationsziel von 2 % einpendeln und sie werde in den USA höher als in Europa sein, so die Einschätzung der Experten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking.

(Foto: Steiermärkische Sparkasse)

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Produkte mit konservativen Aktien sind gefragt

Volatilere Märkte erfordern Defensive mit günstigem Chancen-Risiko-Verhältnis.

Michael Kordovsky. Seit November ist die Volatilität wieder verstärkt in den Aktienmärkten. Unberechenbar verhalten sich Commodities und die Renditen am langen Ende. In so einem Umfeld sind historisch schwankungsarme Investmentfonds, Fonds mit Qualitätsaktien bzw. mit Value-Werten Trumpf.

Die Kombination von „Low Vola“ mit einer gewissen relativen Stärke zum Gesamtmarkt ist die eine Seite. Fundamental sind bei der Aktienauswahl folgende Faktoren wichtig: Zu einem hohen Maß an Wachstums-Kontinuität in Form stabiler bzw. kontinuierlich wachsender Nettogewinne und Free-Cashflows sollten sich noch Qualitätskriterien wie eine marktführende Position, hohe Cashflow-Margen und eine möglichst hohe Gesamtkapital-Rentabilität (ROA) hinzugesellen.

Beim Value-Ansatz geht es um richtige Diskontierung zukünftiger Erträge. KGVs und Kurs-Buchwert-Verhältnisse sind hingegen oft mit Vorsicht zu genießen. Ist eine Aktie zu günstig bewertet, kann es sich hierbei auch um eine Bewertungsfalle (Vorwegnahme von Gewinneinbrüchen durch die Aktienkurse) handeln. Deshalb sollte auch ein Blick auf die Gewinnüberraschungen und Revisionen der Gewinnschätzungen durch Analysten geworfen werden.

Interessante solide Fonds
Eine gute Adresse für solide Fonds ist Flossbach von Storch, dessen „Global Quality“ (ISIN: LU0366178969) auf Qualitätsaktien mit günstigem Chancen-Risiko-Verhältnis setzt und heuer per 17.12. mit einer Performance seit Jahresanfang von 25,2 % überzeugt. Auf zehn Jahre betrachtet liegt die Sharpe-Ratio (Maß für Chancen-Risiko-Verhältnis) bei 0,92, die Volatilität bei 12,8 % und die Performance bei insgesamt knapp 190 %. Zu den Top-Werten zählen Constellation Software, Alphabet, Microsoft und Berkshire Hathaway.

Eine weitere Spezialität des Hauses ist der „Flossbach von Storch Multiple Opportunities II RT EUR“ (LU1038809395), der es in den vergangenen fünf Jahren (per 17.12.) bei 38,4 % Performance und 7,8 % Volatilität auf eine Sharpe-Ratio von 0,94 brachte. Der Löwenanteil ist in soliden Aktien wie Alphabet, Nestlé, Berkshire Hathaway, 3M und Unilever veranlagt, während die 10 % Goldanteil als eine Art „Feuerversicherung“ gegen unerwünschte Szenarien dienen.

Bekannt für ihre Langzeit-Faktor-Studien und eine Kombination von Low-Vola mit kurzfristigem Momentum sind indessen die Experten von Robeco. Der „Robeco QI Global Conservative Equities“ (LU0705782398) bietet als aktiv verwalteter Aktienfonds ein Portfolio mit geringer Volatilität aus Industrie- und Schwellenländern, mit hohen Dividendenrenditen, attraktiven Bewertungen, starkem Kurs-Momentum und positiven Gewinnrevisionen der Analysten. Der Erfolg: In den vergangenen zehn Jahren lag die Sharpe Ratio bei 0,90. Einer 10-Jahres-Performance von 166,4 % steht eine Volatilität von 12,2 % gegenüber.

Indessen als erfahrener Stockpicker mit soliden fundamentalen Ansätzen ist Jens Erhardt erfolgreich. Ein Fonds, der hohe Dividendenausschüttungen und starke Substanz kombiniert, ist der „DJE Dividende & Substanz“ (LU015 9550150), der auf zehn Jahre (per 17.12.) knapp 151 % im Plus liegt und bei 11,5 % Volatilität eine Sharpe Ratio von 0,89 aufweist. Zu den Top-Werten des Fonds zählen BlackRock, Novo Nordisk, Pfizer, Amazon.com, Hannover Rueck und Roche.

Wie diese Top-Picks bereits erkennen lassen, weisen diverse Pharmawerte durchaus günstige Chancen-Risiko-Verhältnisse auf. Noch besser ist das Verhältnis im Medizintechnik-Bereich, weshalb der „Bellevue Medtech & Services“ (LU0415391514) interessant erscheint, der es laut fondsweb in den vergangenen zehn Jahren bei einer Sharpe Ratio von 1,34 auf eine Performance von 18,3 % pro Jahr brachte! Zu den Top-Positionen zählen Abbott Laboratories, Danaher Corp., Intuitive Surgical und Boston Scientific.

Foto: AdobeStock / Eisenhans

 

 

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Totgesagte steigen länger

Grünem Wasserstoff wird unverändert großes Potenzial eingeräumt.

Raja Korinek. Anleger von Aktien aus der Wasserstoffbranche mussten gleich zu Jahresbeginn herbe Kursrücksetzer wegstecken – entgegen dem allgemeinen Markttrend. Beispiele gibt es zahlreiche, darunter etwa die norwegische Nel ASA (ISIN: NO0010081235), diese liefert Lösungen für die Herstellung grünen Wasserstoffs. Dessen Aktienkurs verlor auf ein Jahr – auf Eurobasis – rund 35 %.

Der Grund für die schweren Kursverluste bei vielen „Pure Playern“ liegt in den aufkeimenden Sorgen einer Zinswende aufgrund des anziehenden Wirtschaftsaufschwungs. Höhere Zinsen verteuern die Finanzierungskosten insbesondere von jungen Wachstumsfirmen, die meist hohe Schulden haben, zumindest aber noch keine Gewinne schreiben.

Langfristige Chancen noch immer intakt
Doch die langfristigen Aussichten für die Wasserstoffbranche sind intakt, sind sich Experten sicher. Schließlich wird grüner Wasserstoff als Teil der Klimawende gehandelt und mittels Elektrolyse hergestellt. Bei diesem Verfahren wird Wasser mit dem Einsatz von grünem Strom in seine Bestandteile – Wasserstoff und Sauerstoff – zerlegt, zeigt Benjamin Kelly, Senior Analyst bei Columbia Threadneedle auf.

„Es ist eine Technologie, die enorme Wachstumsmöglichkeiten bietet. Der Markt ist allerdings noch nicht in der Form gereift, dass alle Anwendungen umgesetzt werden können“, konstatiert KPMG-Partner Victor Purtscher den derzeitigen Marktreifegrad der Wasserstoffindustrie. Die Innovationen reichen derzeit jedenfalls vom Einsatz im Transport (mittels Brennstoffzellen), bis hin zur Wärmeerzeugung und der Herstellung von Stickstoffdüngemittel.

Auch wenn Vieles noch in den Kinderschuhen steckt, haben Staaten und Unternehmen das Potential längst entdeckt. Sämtliche großen Wirtschaftsnationen der Welt haben eigene Wasserstoffstrategien entwickelt, wobei ein globaler Wettkampf um die Führungsrolle zwischen der EU, den USA sowie China erkennbar ist, heißt es weiters bei KPMG.

Transaktionen schnellen hinauf
Auch das Transaktionsvolumen am Markt ist stark nach oben geschnellt, wobei die Deals vor allem von etablierten Unternehmen angetrieben werden, die ihre Geschäftsmodelle mit dem Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft diversifizieren wollen. So kaufte heuer beispielsweise der französische Industriegase-Hersteller Air Liquide (FR0000120073) die H2VNormandy SAS, einen Betreiber von Elektrolyseanlagen. Insgesamt lag laut S&P Capital IQ im ersten Halbjahr 2021 das Transaktionsvolumen bei 4 Mrd Euro weltweit, nach 3,3 Mrd Euro im Jahr 2020. Tendenz weiter steigend.

Air Liquide ist im Übrigen Teil des „VanEck Vectors Hydrogen Economy UCITS ETF“ (IE00BMDH1538), genauso wie der Konkurrent Linde (IE00BZ12WP82). Doch die größte ETF-Gewichtung entfällt derzeit mit rund 15 % auf den US-amerikanischen Brennstoffzellenhersteller Plug Power (US72919P2020). Überhaupt nehmen die USA in dem ETF, in dem insgesamt 25 Titel enthalten sind, die größte regionale Gewichtung ein.

Weniger USA, mehr Europa
Sie fällt im „L&G Hydrogen Economy UCITS ETF“ (IE00BMYDM794) mit rund 24 % weitaus geringer aus, gefolgt von Großbritannien und Deutschland. Auch hier entfällt die größte Einzelgewichtung der insgesamt 32 Titel auf Plug Power. Andere Beispiele sind etwa Bloom Energy (US0937121079), das mittels Brennstoffzellen Energie zur Verfügung stellt, sowie Toyota Motors (US8923313071). Der japanische Automobilkonzern verkauft unter anderem Brennstoffzellenboliden.

Foto: AdobeStock / m.mphoto

 

 

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Umdenken in CEE notwendig

Ein neues Wachstumsmodell soll den Lebensstandard in der Region erhöhen.

Ulrich Schneider. Viele Länder der CEE-Region haben seit Mitte der 1990er Jahre beeindruckende Fortschritte beim wirtschaftlichen Aufholprozess gegenüber Westeuropa gemacht. Jedoch stößt das bisher erfolgreiche Modell, arbeitsintensive Produktionsschritte zu übernehmen und als „verlängerte Werkbank“ westlicher Unternehmen tätig zu sein, an seine Grenzen, schreibt das Internetportal Emerging Europe.

Die Kollegen verweisen dabei auf eine neue Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschafsvergleiche (kurz wiiw) mit dem Titel „Fallen vermeiden und Megatrends aufgreifen: Vorschläge für ein neues Wachstumsmodell in EU-MOE“.

Ausgehend vom Beispiel der Automobilindustrie in Tschechien wird dabei die große Abhängigkeit zentral- und osteuropäischer Staaten von arbeitsintensiven Exportindustrien aufgezeigt. Und eben diese Exportindustrien werden in den kommenden Jahren einem enormen Strukturwandel unterliegen. Der Co-Autor der Studie und stellvertretender Direktor des wiiw, Richard Grieveson, nennt dazu als Stichworte E-Mobilität, Klimawandel und Digitalisierung. In Verbindung mit großen strukturellen Veränderungen wie Dekarbonisierung und Digitalisierung macht dies für CEE die Entwicklung eines neuen, innovationsbasierten Wirtschaftsmodells unabdingbar, lautet das Fazit der Studie. „Nur dann werden diese Staaten bei Produktivität und Lebensstandard zu Westeuropa aufschließen können“, meint Grieveson.

Problematisch für die Staaten ist, dass die zentralen technologischen Kompetenzen und die Produktionsteile mit der höchsten Wertschöpfung in den „Hauptquartieren“ Westeuropas angesiedelt sind. Daher sind die in der Studie beleuchteten EU-Mitgliedsstaaten der Region, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Rumänien, Bulgarien sowie die drei baltischen Staaten, immer noch stark auf arbeitsintensive Produktion spezialisiert. Sie sind erheblich auf niedrigere Arbeitskosten angewiesen, was ihre Aussichten, wirtschaftlich zu Westeuropa aufzuschließen, einschränkt. Grieveson warnt aber auch, dass „der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor (…) viele Arbeitsplätze kosten (wird). Die Kosten des Übergangs, sowohl sozial als auch wirtschaftlich, könnten in der EU-MOE recht hoch sein“.

Fit für die Zukunft machen heißt grüner, digitaler zu werden und mehr lokale Wertschöpfung zu schaffen. Dekarbonisierung, Digitalisierung und eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung erforderten massive Anstrengungen. Zur Bewältigung des Übergangs seien enorme finanzielle Mittel notwendig, so Grieveson. Zugleich erläutert er, „die Transformation (hatte) in den 1990er-Jahren (…) zerstörerische soziale Folgen. Diesen Fehler sollten wir nicht noch einmal machen.“ Es wird auf den Corona-Wiederaufbaufonds „NextGenerationEU“ als ein Wendepunkt hingewiesen, wobei es nicht ohne mehr Flexibilität innerhalb des Stabilitäts- und Wachstumspakts der EU gehen wird, um mehr kreditfinanzierte Investitionen der öffentlichen Hand zu ermöglichen.

Auch sei eine strategisch ausgerichtete Industriepolitik unabdingbar. Wie es heißt, sollte es Ziel sein, ein nationales Innovationssystem zu schaffen, in dem der private Sektor, Universitäten, wichtige Ministerien und Sozialpartner vereint sind. Die CEE-Staaten könnten so in lukrative Bereiche der Wertschöpfungskette vorstoßen. Dabei sollten digitale Technologien flächendeckend eingeführt werden.

Zu den Aufgaben der jeweiligen Regierungen in der Region gehört es in diesem Zusammenhang, eine gute Infrastruktur bereitzustellen. Ebenso sollten die Regierungen die digitale Revolution vollständig annehmen und nutzen. Sie müssen alle verfügbaren Ressourcen maximieren, um auch vom grünen Übergang zu profitieren.

Der erfolgreiche Übergang Mittelosteuropas hin zu einem innovationsgetriebenen Wachstumsmodell ist auch für Deutschland und Österreich von größter Bedeutung, so die Autoren. Mehr EU-Konjunkturmittel für die Region im Rahmen von „NextGenerationEU“ brächten zwangsläufig auch positive Spillover-Effekte, prognostiziert die wiiw-Studie. Wenn die grüne und digitale Transformation also gelingt, dürfte die Bedeutung der Region für die beiden westlichen Länder weiter steigen.

Foto: Adobe Stock / Harvepino

 

 

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Klimawandel, soziale Ungleichheit und Biodiversitätsverlust – die großen Herausforderungen für eine nachhaltige Wirtschaft

von Abbie Llewellyn-Waters, Head of Sustainable Investing, Freddie Woolfe, Equities Analyst, Sustainable Investing, und Jenna Zegleman, Investment Director Sustainable Investing bei Jupiter Asset Management

(16.12.) „Wir müssen uns den größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte – mit Blick auf den Planeten, auf dem wir leben, und die Menschen, mit denen wir zusammenleben – bereits jetzt stellen. Im Jahr 2021 wurden die Finanzmärkte weitgehend von kurzfristigen Erwägungen bestimmt. Für den langfristigen wirtschaftlichen Wohlstand ist jedoch wichtig, dass wir längerfristig denken und grundlegende Themen ansprechen. Aus diesem Grund legen wir den Fokus auf Unternehmen, die den Weg in eine nachhaltigere Zukunft ebnen. Das erfordert einen Ausblick, der genauso langfristig ist wie die erforderlichen Lösungen für kritische Herausforderungen wie den Klimawandel, die soziale Ungleichheit und den Verlust an biologischer Vielfalt. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Investieren ist heute wichtiger denn je.

COP26, der Klimagipfel, der im November 2021 in Glasgow stattfand, war ein Meilenstein für die Beschleunigung des politischen Wandels, der nötig ist, um die globalen Klimaziele zu erreichen und den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen oder sogar umzukehren. Die Ergebnisse der Konferenz gehen zwar noch nicht weit genug, aber die Richtung ist klar. Wir halten eine globale Zusammenarbeit bei der CO2-Bepreisung seit Langem für notwendig und COP26 hat diesbezüglich eine positive Dynamik in Gang gesetzt. Die Regierungen haben sich dazu verpflichtet, ihre Klimaziele für 2030 zu überprüfen und zu stärken, um sie mit dem Ziel des Pariser Abkommens in Einklang zu bringen, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Wir sind optimistisch, dass die dafür notwendigen Schritte jetzt eingeleitet werden. Nachdem die USA und China ihr gemeinsames Engagement für den Klimaschutz bekräftigt haben, erwarten wir eine engere globale Zusammenarbeit und eine schnelle, aber gerechte Umstellung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft.

Als Investoren erwarten wir von den Unternehmen eine konsequente und unumkehrbare Dekarbonisierung ihrer Prozesse. Unternehmen, die in der Lage sind, ihre CO2-Emissionen nennenswert zu reduzieren und nicht nur zu kompensieren, werden besser aufgestellt sein, um nachhaltige Renditen zu erzielen. Im Jahr 2022 dürften weitere politische Maßnahmen eingeleitet werden, um die derzeitige Fehlbepreisung natürlicher Ressourcen zu adressieren. Sowohl unter Resilienz- als auch Renditeaspekten ist entscheidend, dass die Unternehmen die planetaren Grenzen nicht weiter verletzen und die negativen Umweltauswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit mindern. Das gilt natürlich auch für unser Unternehmen. Jupiter gehört zu den Unterzeichnern der Net Zero Asset Managers Initiative und hat sich dazu verpflichtet, die Treibhausgasemissionen seiner betrieblichen Tätigkeit und Anlageportfolios bis spätestens 2050 auf netto Null zu reduzieren.

Ein gerechter Übergang in eine kohlenstoffarme Zukunft, der dem Klimawandel genauso wie der sozialen Gerechtigkeit Rechnung trägt, ist wichtig. Auf der COP26 war der gerechte Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zum ersten Mal ein zentraler Bestandteil des Abkommens. Damit wird anerkannt, wie wichtig es ist, dass die Lasten der Bekämpfung des Klimawandels gerecht verteilt werden. Erste Gespräche über eine Entschädigung besonders krisenanfälliger Länder für Verluste und Schäden durch den Klimawandel ebnen den Weg für Finanzierungsverpflichtungen der reicheren Länder gegenüber Ländern mit geringerem Einkommen. Die Industrieländer blicken auf mehr als hundert Jahre eines beispiellosen Wirtschaftswachstums zurück, das zu großen Teilen auf Kosten der Umwelt gegangen ist. Damit die weltweiten Klimaschutzmaßnahmen Erfolg haben, muss eine vergleichbare Umweltkrise in den Entwicklungs- und Schwellenländern vermieden werden.

Corona verschärft soziale Ungleichheit
Neben Unternehmen, die Wegbereiter einer nachhaltigeren Zukunft sind, investieren wir auch in Firmen, die einen Beitrag zu einer sozial gerechteren Welt leisten. Corona hat soziale Ungleichheiten verschärft und schonungslos offengelegt. Der wirtschaftliche Schock, der durch die pandemiebedingten Beschränkungen verursacht wurde, hat die schwächsten Bevölkerungsgruppen unverhältnismäßig stark getroffen. In den USA schnellte die Arbeitslosenquote mit Ausbruch der Pandemie in die Höhe, wobei die Jobverluste vor allem Amerikaner ohne High-School-Abschluss trafen. Mit den pandemiebedingten Schulschließungen und der Umstellung auf Homeschooling hingen die Lernerfolge und Bildungsperspektiven von Millionen von Kindern plötzlich vom Zugang zu Technologie ab, was wiederum insbesondere sozial schwächere Familien hart traf.

Gleichzeitig hat Corona unverhältnismäßige Auswirkungen auf Frauen, vor allem in Bezug auf ihre finanzielle Unabhängigkeit, und hat dazu geführt, dass viele Frauen ganz aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind. Weltweit ist die Erwerbstätigkeit von Frauen rapide zurückgegangen. Dies hat weitreichende soziale Auswirkungen, da es einen Zusammenhang zwischen der Unterbeschäftigung von Frauen und in Armut lebenden Kindern gibt. Wir achten daher auf eine verbesserte Lohntransparenz und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen als Indikator für qualitativ hochwertige Unternehmen.

Schutz der Biodiversität: Berichterstattung über naturbezogene Risiken entscheidend
Auf der politischen Agenda rückt die Bekämpfung des Verlusts der biologischen Vielfalt immer weiter nach oben. Die Hälfte des globalen BIP hängt von der Biodiversität ab. Trotzdem verbrauchen wir die natürlichen Ressourcen weiterhin in alarmierendem Tempo. COP15, die Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversität, begann im Oktober 2021 im chinesischen Kunming und soll dort im April 2022 fortgesetzt werden. Wir hoffen, dass die aus dem Klimawandel gezogenen Lehren helfen werden, die dringend notwendigen politischen Weichenstellungen zu tätigen, um den Verlust der biologischen Vielfalt umzukehren. Wie beim Kohlenstoff werden die Auswirkungen der Unternehmen auf die Natur zunehmend als Kosten neu bewertet werden.

Und wie beim Kohlenstoff wird die Internalisierung externer Kosten im Zusammenhang mit der Biodiversität sowohl Chancen als auch Risiken mit sich bringen. Während Unternehmen schon seit Langem Daten zum CO2-Ausstoß vorlegen, steht die Messung ihrer Auswirkungen auf die Natur noch ganz am Anfang. In den nächsten Jahren werden Rahmenwerke für eine einheitlichere Offenlegung dieser Informationen wie das der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) in Kraft treten. Diese sind ein Schritt in die richtige Richtung, der jedoch von entschlossenen, wirkungsstarken und unumkehrbaren Maßnahmen auf Unternehmensebene begleitet werden muss. Diese Herausforderungen müssen jetzt adressiert werden – sowohl im Interesse der Gesellschaft als auch im Interesse langfristiger Wertsteigerungen für Investoren. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Investieren ist heute wichtiger denn je.

Foto: Jupiter Asset Management

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Rendite von mehr als 400 % in zwei Jahren

Versicherungen und Banken verstärken Investitionen und Kooperationen mit Startups.

Christian Sec. Anfang Dezember wurde bekannt, dass die internationale Ratingagentur Moody‘s den österreichischen Firmendatenanbieter 360Kompany zu 100 % übernehmen wird. Vor etwas mehr als zwei Jahren sind auch Uniqa Ventures und Elevator Ventures (Raiffeisen Bank International) als Investoren in das Wiener Startup eingestiegen. Für beide hat sich die Investition jedenfalls ausgezahlt. Uniqa Ventures gibt an, dass die Rendite etwas über dem Vierfachen des eingesetzten Kapitals liegt, also bei rund 450 % für die kurze Zeit der Beteiligung.

Uniqa verdoppelt Investitionen
Uniqa Ventures, der Direktinvestment-Arm von Uniqa erweist sich offenbar auch insgesamt als Gewinnbringer. Die 35 Investments, die das Vehikel seit 2016 getätigt hat, brachten laut Unternehmensangaben eine Rendite von mehr 20 % per anno. In diesem Jahr konnte durch Exits die Gesamtperformance des Portfolios weiter gesteigert werden. Nicht zuletzt deshalb hat die Uniqa im September beschlossen, ihr Investitionsvolumen für Startups von 75 auf 150 Mio Euro zu erhöhen. Neben 360Kompany wurden in den vergangenen drei Monaten weitere Exits bekanntgegeben: Das Zahngesundheits-Startup Playbrush, welches um 20 MioUSD an den Schweizer-Japanischen Sunstar- Konzern verkauft wurde. Twisto Payments, ein Anbieter von Buy-Now-Pay-Later-Lösungen, wurde an den australischen Konzern Zip Money verkauft. Investitionsschwerpunkt bilden bei Uniqa Ventures europäische Startups in der frühen Wachstumsphase (Serie A-, B- und C-Finanzierungen). Dabei ergeben sich oft über die finanzielle Rendite hinaus im Rahmen von Kooperationen und Zusammenarbeitsprojekten zusätzliche Mehrwerte, erklärt der Uniqa-Ventures-CEO Andreas Nemeth. Vor allem in den Bereichen Digitalisierung im Kerngeschäft oder in der Erweiterung der Serviceangebote im Gesundheitsbereich gibt es Kooperationen, so Nemeth. So z. B. Omnius, ein Spezialist für KI-basierte Automatisierung von Schadensprozessen aus Berlin, Telemedico, ein Anbieter von telemedizinischen Leistungen mit Uniqa Polen oder Insly, ein Cloud IT-Dienstleister für Makler- und Versicherungsunternehmen aus Estland.

Unterschiedliche Strategien
Die Raiffeisen Bank International hat mit dem 360Kompany-Exit nicht nur eine hohe finanzielle Rendite erzielt, sondern kooperierte mit dem Startup schon lange, bevor man in das Unternehmen finanziell eingestiegen ist. „Das Datenservice von Kompany hat das Onboarding von Unternehmenskunden der RBI stark vereinfacht“, heißt es von Seiten Raiffeisen Bank International (RBI). Regelmäßig werden von Seiten der RBI die besten Fintech-Startups eingeladen, in Pilotprojekten an strategischen Partnerschaften mit RBI zu arbeiten. Elevator Ventures, dem Venture-Capital-Arm der RBI, steht über die nächsten Jahre ein kommittiertes Kapital von 50 Mio Euro zur Verfügung. Investiert wird hauptsächlich in Österreich und im CEE-Raum.

Auch bei der Erste Group wird der steigenden Bedeutung von Private Equity als Asset-Klasse Rechnung getragen, so wurde vor kurzem mit der Erste Private Capital eine neue Tochtergesellschaft gegründet.

Bei der Bank Austria geht man einen anderen Weg: Kooperation ja, Beteiligung nein, heißt die Devise. So arbeitet das Institut mit vielen verschiedenen jungen Unternehmen zusammen, wie z. B. Authentic Vision. Das Startup bietet mittels holografischen Fingerabdrucks auf der Debit MasterCard ein nicht manipulierbares Sicherheitsfeature, wie die Bank Austria erklärt.

Foto: AdobeStock / Anthony Leopold

 

 

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Ein Drittel der Europäer ohne private Vorsorge

Menschen in Europa sind finanziell nur unzureichend auf ihre Pension vorbereitet.

Marius Perger. Ein gut funktionierendes, leistbares und nachhaltiges Pensionssystem ist einer der Eckpunkte einer modernen Gesellschaft, betont der Interessenverband der europäischen Versicherungen, Insurance Europe, in seiner jüngsten paneuropäischen Pensionserhebung. Die Pensionssysteme in Europa stehen aber vor großen Herausforderungen. Denn das Verhältnis zwischen den Über-65-Jährigen und jenen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 64 Jahren werde sich von 2019 bis 2080 verdoppeln, wie aus dem „2021 Ageing Report“ der Europäischen Kommission hervorgeht. Die Menschen seien zunehmend gefordert, selbst Verantwortung für ihr Einkommen im Alter zu übernehmen.

Versicherungen, die zu den wichtigsten Anbietern von Pensionsprodukten zählen, würde eine bedeutende Rolle dabei zukommen, die Pensionslücke zu schließen. Insurance Europe hat deshalb erhoben, wie sich die Europäer finanziell auf ihren Ruhestand vorbereiten und was sie tatsächlich von ihren Pensionen erwarten. In 16 europäischen Ländern wurden dafür knapp 17.000 Menschen zwischen 18 und 70 Jahren befragt, darunter 1.050 in Österreich. Das Ergebnis dieser repräsentativen Studie wurde Anfang Dezember präsentiert. Die Ergebnisse beziehen sich auf alle untersuchten Länder, Detailergebnisse für Österreich liegen nicht vor.

Pensionslücke bleibt
Mehr als ein Drittel der Befragten (38 %) gab an, überhaupt nicht zusätzlich für die Pension anzusparen. Zwar zu erwarten, aber dennoch auffällig ist, dass dieser Anteil bei Frauen (42 %), Alleinstehenden und Geschiedenen (43 bzw. 44 %) sowie Arbeitslosen (67 %) deutlich höher ist als der Durchschnitt. Auch Menschen mit niedrigerer und mittlerer Bildung legen seltener etwas für den Ruhestand zur Seite als jene mit einem hohen Bildungsniveau.

Von jenen, die nicht für den Ruhestand vorsorgen, geben 30 % als Grund an, dass sie es sich nicht leisten können. Dies hat sich durch die Corona-Pandemie noch verstärkt. So sagen 17 % der Studienteilnehmer, dass sie wegen Covid-19 ihre Beiträge reduziert, Einzahlungen verzögert oder ihre Pläne komplett aufgegeben hätten.

Ein weiterer Grund, nicht vorzusorgen, ist der Mangel an Informationen – jeder Siebente, der nicht vorsorgt, begründet dies damit.

11 % planen allerdings, mit einer zusätzlichen Vorsorge zu beginnen, während ein Viertel der Befragten nicht an einer privaten Vorsorge interessiert ist und immerhin 8 % keinen Bedarf sehen.

Was bei der privaten Vorsorge wichtig ist
Insurance Europe hat auch erhoben, welche Prioritäten die Europäer bei ihrer privaten Vorsorge haben – hier konnten bis zu drei Antworten gegeben werden. Dabei steht Sicherheit ganz oben: Ziemlich genau die Hälfte der Befragten bezeichnet sie als wichtig. Für rund ein Drittel ist die Stabilität des Anbieters von Bedeutung, jeweils knapp ein Viertel wünscht sich flexible Einzahlungsmöglichkeiten, steuerliche Erleichterungen und leistbare Beiträge. Weniger von Bedeutung sind die Nachhaltigkeit der Investments (für 10 % wichtig) und die Performance (für 14 % wichtig). Befragt, was wichtiger ist – Performance oder Sicherheit -, entscheiden sich 83 % der Europäer für die Sicherheit, unter Frauen sogar 88 %. Dabei gibt es in Europa allerdings große Unterschiede. Sicherheitsbewusster als Österreich – hier bevorzugen 86 % die Sicherheit – sind Griechen (89 %) sowie Italiener und Niederländer (je 88 %), während Schweden mit 27 % noch am stärksten der Perfomance den Vorzug geben.

Um die richtigen Entscheidungen treffen zu können, seien qualitativ hochwertige, passende Informationen wichtig, so Insurance Europe. Laut Studie stehen Kosten, Garantien, Deckungsumfang und Performance sowohl vor Vertragsabschluss als auch während der Vertragslaufzeit ganz oben auf der Wunschliste. Aber auch Kenntnisse über Risiken, Besteuerung und Auszahlungsvarianten sind von Bedeutung.

Schlussfolgerungen des Branchenverbandes
Die Versicherungen seien als wichtige Anbieter von Pensionsprodukten daran interessiert, mit den politischen Entscheidungsträgern zusammenzuarbeiten, um die bestehende Pensionslücke in der EU zu schließen, so Insurance Europe. Da die Covid-19-Pandemie diese Lücke noch weiter vergrößert hat, sei es von entscheidender Bedeutung, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es notwendig ist, für den Ruhestand zu sparen. Auch sei es wichtig, das Niveau der finanziellen Bildung zu verbessern, damit der Einzelne die für seine eigenen Umstände am besten geeigneten Entscheidungen treffen kann.

Politische Entscheidungsträger müssten daher Schritte unternehmen, um den Bürgern eine Erhöhung ihrer Rentenersparnisse zu ermöglichen, und gleichzeitig sicherstellen, dass der Rechtsrahmen es den Versicherern ermöglicht, ihre Rolle als Anbieter langfristiger Pensionen zu erfüllen, erklärt dazu Nicolas Jeanmart, Head of Personal and General Insurance bei Insurance Europe.

Foto: Pixabay / Alexas Fotos

 

 

 

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August Zillmer und seine Formel

Ein Name in zwei Begriffen: Deckungsrückstellung und Abschlusskosten.

Rudolf Erdner. August Zillmer war deutscher Versicherungsmathematiker im 19. Jahrhundert. Er stellte das nach ihm benannte Zillmer-Verfahren 1863 vor. Es ist laut Wikipedia „eine mathematische Formel zur Berechnung des wirtschaftlichen Wertes einer Verpflichtung, den ein Versicherer aus einem Lebensversicherungsvertrag hat“. Dies klingt durchaus vernünftig, sowohl für Versicherer als auch Versicherten, über den Versicherungswert Bescheid zu wissen. Was aber verbirgt sich dahinter? Gablers Wirtschaftslexikon wird schon etwas genauer. Es definiert den Begriff „Zillmern“ als „Verfahren zur Beitragsberechnung, zur Berechnung der Deckungsrückstellung und zur Verrechnung (und damit auch zur Finanzierung) der Abschlusskosten in der Lebensversicherung“. Die Zillmerung bedeutet also unter anderem, Abschlusskosten zu verrechnen. Aber was ist daran so besonders? Ermöglicht wird durch die Zillmerung, Abschlusskosten einmalig oder auf eine kleine Anzahl von Perioden verteilt, im Voraus zu verrechnen. Ungezillmerte Verträge teilen Abschlusskosten über die gesamte Laufzeit auf. Was ist vernünftiger, speziell für den Versicherten? Verbraucherschützer haben eine eindeutige Meinung dazu. Doch wie sehen es Versicherer? Wir sprachen mit Christian Nuschele von Standard Life, wo er als Head of Sales & Marketing für Österreich und Deutschland verantwortlich ist.

Börsen-Kurier: Herr Nuschele, Verbraucherschützer raten zum Abschluss von ungezillmerten Verträgen. Wie sehen Sie das, raten Sie das auch?
Nuschele: Ich kann das nur unterstützen, ungezillmerte Tarife haben erhebliche Vorteile. Es kommt aber sehr stark auf die individuelle Kundensituation an. Grundsätzlich würde ich den Konsumentinnen und Konsumenten raten, einen unabhängigen Berater hinzuzuziehen. Der Berater kann die individuelle Vorsorgesituation analysieren und aus dem breiten Markt die passende Lösung für den Kunden wählen. Ich bin mir sicher, dass dies in vielen Fällen ein ungezillmerter Tarif sein wird.

Börsen-Kurier: Welche Vorteile haben die Kunden generell von ungezillmerten Verträgen?
Nuschele: Bei ungezillmerten Tarifen werden die Kosten laufend von jedem Einzahlungsbeitrag entnommen. Sie verteilen sich also auf die gesamte Laufzeit. Dadurch wird von jedem Investment von Anfang an ein sehr hoher Anteil in den Versicherungsvertrag angelegt, weil keine vordiskontierten Abschlusscourtagen zur Verrechnung gelangen. Das hat den Effekt, dass die Rückkaufswerte von Vertragsbeginn an deutlich höher sind als bei gezillmerten Tarifen. Es fördert auch den Vermögensaufbau, weil ab der ersten Prämienzahlung ein größerer Anteil investiert wird und die Vorteile des Zinseszinseffektes noch deutlicher spürbar werden. Damit eignen sich diese Tarife für Versicherte, die einerseits langfristig anlegen, andererseits aber auch flexibel bleiben möchten. Das erlaubt ihnen, trotz eventueller steuerlicher Nachteile bereits während der Vertragslaufzeit über das ganze oder über Teile ihres angesparten Vermögens zu verfügen. Auch gezillmerte Tarife können Vorteile haben, denn alles, was bereits am Anfang bezahlt worden ist, macht die zweite Hälfte eines Tarifes möglicher-weise etwas kostengünstiger. Daran sieht man deutlich, wie wichtig eine kompetente, am besten unabhängige Beratung ist, die möglichst umfassend auf die individuelle Kundensituation eingeht.

Börsen-Kurier: In welchen Produktkategorien wirken sich diese Vorteile besonders aus?
Nuschele: Da geht es ganz eindeutig um die Fondspolizze und zwar unabhängig davon, ob sie als Rentenversicherung oder als Lebensversicherung mit Verrentungsoption ausgestaltet ist. Die Tarife am österreichischen Markt sind in der Regel so aufgebaut, dass bei ratierlichen Versicherungsverträgen eine vierprozentige Versicherungssteuer fällig ist und damit alle Steuern abgegolten sind. Erträge wie Dividenden und Kursgewinne müssen später nicht mehr extra besteuert werden. Dieses österreichische Modell ist sehr fortschrittlich. Es erlaubt auch Zuzahlungen bis zur Höhe der Beitragssumme, die ebenfalls nur der vierprozentigen Versicherungssteuer unterliegen. Ein Beispiel: Bei einer jährlichen Prämienzahlung von 3.000 Euro und einer Laufzeit von 30 Jahren wäre entsprechend einer maximalen Zuzahlung eine Gesamtsumme von 90.000 Euro möglich. Dieser breite Gestaltungsspielraum bringt insbesondere gegenüber dem normalen Anlegen in Investmentfonds auf einem Depot sehr große Vorteile.

Börsen-Kurier: Gibt es für die Versicherungsunternehmen ebenfalls Vorteile durch den Vertrieb ungezillmerter Verträge?
Nuschele: Das lässt sich gar nicht so schwarz-weiß beantworten. Das hängt von der grundsätzlichen Kalkulation eines Versicherungsunternehmens ab. Wir als Standard Life machen beides. In manchen Bereichen liefert das gezillmerte Geschäft höhere Erträge für den Kunden ab. Für das ungezillmerte Geschäft haben wir exklusiv für den österreichischen Markt einen ganz speziellen Tarif entwickelt, der in bestimmten Kundensituationen unschlagbar ist, das oben beschriebene bestehende System optimal zu nutzen. Vorteile können sich für Versicherungsunternehmen ergeben, weil sie keine Courtage vorfinanzieren müssen und kein Courtageausfallsrisiko haben.

Börsen-Kurier: Wann wird der Zeitpunkt kommen, zu dem es auf dem Markt nur mehr ungezillmerte Verträge geben wird?
Nuschele: Ich glaube nicht, dass dieser Zeitpunkt kommen wird. Ich fürchte, dass in einigen Jahren die Regulatorik so weit sein wird, dass womöglich gar keine Courtagen mehr bezahlt werden dürfen, egal ob gezillmert oder ungezillmert. Bei der europäischen Regulierung geht es in Richtung Honorarberatung. Da ist die EU aber auf dem falschen Weg. Die Art und Weise der Vergütung der Finanzdienstleistung hat nichts mit der Qualität der Beratung zu tun. Aus meiner Sicht sollte der Konsument auch weiterhin die Wahl zwischen einer Provisions- und Honorarberatung haben.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Kein Trend mehr, sondern das „New Normal“

Ein Boom nachhaltiger Vermögensverwaltung zieht vor allem Junge in ihren Bann.

Rudolf Preyer. „Glauben wir an eine bessere Welt?“, fragt Johannes Rogy, Head of Fund Distribution bei Nordea Asset Management, um gleich die Antwort nachzuschießen: „Wir können diese Frage eindeutig mit JA beantworten!“ Sein Standpunkt ist klar: „Die nachhaltigen und verantwortungsvollen Investmentprodukte stellen sicher, dass wir die Kriterien erfüllen, die zu einer ressourcenschonenden und nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft führen.“

„Schon 30 % unserer heurigen Zuflüsse sind den Impact-Fonds nach dem – strengsten – Artikel 9 der EU-Taxonomie zuzurechnen“, sagt Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. „Das waren insgesamt 23 Mrd Euro neues Geld in unserer Sustainable plus fund range.“

Frühwald weist auf eine rigide Änderung im MiFID-II-Beratungsprotokoll nächsten Jahres hin: Der Berater muss dann explizit fragen, ob der Kunde nachhaltig investieren möchte (andernfalls verstieße er gegen das Protokoll).

Impactfonds unterliegen dann künftig noch strengeren Reporting-Richtlinien, unter anderem müssen genaue Angaben zum CO2-Ausstoß, Wasserverbrauch, zu Müllvermeidung und Energieverbrauch gemacht werden.

„New Normal“
Ethische Anlageprodukte seien heute kein Trend mehr, sondern das „New Normal“, sagt Christian Petter, Head of Austria and CEE von J. Safra Sarasin Fund Management, „ESG-Kriterien sind einfach ein Game Changer, wer sie nicht erfüllt, wird schon mittelfristig am Kapitalmarkt nicht mehr dabei sein“.

Am Veranlagungsmarkt zeigen Ethische Anlageprodukte einen eindeutig verbesserten Risikoertragszusammenhang, so Petter, was man deutlich beim MSCI sehe, wo für den USA-Index die entsprechende SRI-Komponente einen um fast 1 % höheren Ertrag zeigt. Im Fall des MSCI Europe beträgt diese Differenz bereits deutlich mehr als 2 %, und selbst bei Emerging Markets liegt sie bei knapp 2 %. Vereinfacht gesagt bedeute dies, dass bei einem ethischen Investment trotz geringerem Gesamtrisiko ein höherer Ertrag erzielt werden könne.

Sarasin Asset Management zählt zu den Pionieren dieser Entwicklung, ethische Anlageprodukte werden bereits seit 1986 angeboten und seit 1989 werden ethische Fonds emittiert.

Petter abschließend: „Bei Safra Sarasin ist es so, dass heute ausschließlich nachhaltige Bankprodukte angeboten werden. Wir glauben, dass bereits 2025 die Hälfte aller Investmentfonds in Europa aus dem nachhaltigen Bereich kommen werden.“

Wechselbereitschaft bei jungen Kunden
Das österreichische Beratungsunternehmen BearingPoint hat bei Verbrauchern nachgefragt, wie wichtig ihnen Nachhaltigkeit bei Geldanlagen ist. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass gerade bei den 18- bis 24-Jährigen das Interesse am Ethischen Investment deutlich angestiegen ist. Bei dieser Alterskohorte ist das Thema inzwischen schon das wichtigste Entscheidungskriterium bei der Geldanlage – noch vor Sicherheit, Rendite und Kosten.

Dies bestätigt auch Rogy: „Wir bemerken, dass junge Leute eine höhere Bereitschaft mitbringen, bei Veranlagungen auf Umwelt- und Nachhaltigkeit zu achten.“ Daher stellt Nordea den Kunden digitale Informations- und Ausbildungstools zu Verfügung, „mit denen sie sich einen guten Überblick über die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet machen können“.

Folgerichtig zeigt sich in dieser Altersgruppe auch eine größere Bereitschaft, für mehr Nachhaltigkeit auch höhere Kosten bei Bankprodukten wie z.B. Investmentprodukten in Kauf zu nehmen.

„Banken sind gut beraten, sich bei der Entwicklung nachhaltiger Finanzprodukte für den Markt nicht nur auf klassische Firmenkunden zu konzentrieren“, betont Andreas Unger, Partner bei BearingPoint, „denn die Zukunft der Banken ist aufgrund des immer stärker werdenden Wettbewerbs eng mit der Gunst der jungen Privatkunden verknüpft“.

Auch die Bereitschaft, zu einer anderen Bank mit einem breiteren Portfolio an ökologisch nachhaltigen Produkten zu wechseln, ist laut BearingPoint-Studie bei jüngeren Kunden ausgeprägter.

Ein Viertel nachhaltig
Von den insgesamt rund 218 Mrd Euro in österreichischen Fonds verwaltetem Vermögen sind laut der Finanzmarktaufsicht (FMA) bereits 53 Mrd Euro unter Nachhaltigkeitskriterien veranlagt – also etwa ein Viertel: 347 der insgesamt 1.974 Fonds sind so einzustufen.

Dazu erklärt der FMA-Vorstand Helmut Ettl: „Die neuen EU-Offenlegungspflichten zur Nachhaltigkeit von Finanzprodukten sind für alle Marktteilnehmer von großer Bedeutung, insbesondere aber für unerfahrene und Kleinanleger.“

Besonders erfolgreich unter den österreichischen Nachhaltigkeitsfonds sind jene nach dem „Österreichischen Umweltzeichen für nachhaltige Finanzprodukte“ UZ49. So waren zum 30.9.2021 bereits 103 Fonds mit einem verwalteten Vermögen von 23,6 Mrd Euro nach dem UZ49 veranlagt, ein Zufluss von 10,1 Mrd Euro bzw. 74,8 % innerhalb eines Jahres. Zusätzlich werden zwei Immobilienfonds mit dem Volumen von 609 Mio Euro nach dem UZ49 gemanagt.

Abschließend der Tenor der Experten: ESG-Investments bedeuten den größten Wandel der Investmentlandschaft seit der Einführung von ETFs.

Foto: AdobeStock / Olivier Le Moal

 

 

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„Wiener Berichtsaison war beeindruckend gut“

Experte Alois Wögerbauer wagt im Börsen-Kurier-Interview den Ausblick auf 2022.

Patrick Baldia, Börsen-Kurier: Trotz des erneuten Lockdowns und des Auftauchens der neuen Virus-Mutation Omikron hat der ATX zuletzt keine großen Verluste verzeichnet. Sind die Anleger zu gelassen bzw. verkennen sie gar die Situation?

Alois Wögerbauer: Der Markt verkennt die Situation nicht. Dass er bis-lang relativ gelassen geblieben ist, hat zwei Gründe: Erstens haben die Unternehmen so wie wir alle mittlerweile gelernt, mit Lockdowns umzugehen. Dass beispielsweise bei uns 75 % der Mitarbeiter im Homeoffice und nur 25 % vor Ort im Büro sind, ist heute für alle völlig normal. Zweitens, und das ist auch der Hauptgrund: An der Wiener Börse notieren nur Unternehmen, die ihre Absatzmärkte auf globaler Ebene haben. Der wirtschaftliche Impact des Lockdowns in Österreich sollte also überschaubar bleiben. Die leichte Korrektur der letzten Tage könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Anleger zum Jahreswechsel viel geneigter sind, Gewinne mitzunehmen.

Börsen-Kurier: Könnte ein möglicher Lockdown in Deutschland das Sentiment beeinflussen?
Wögerbauer: Ich glaube, dass ein möglicher Lockdown in Deutschland niemand überraschen würde. Dass der Dax seit Mitte November an Boden verloren hat, liegt auch am Regierungswechsel. Lange Zeit, bzw. bis zur Unterzeichnung des Koalitionsvertrags, war nicht klar, wohin die Reise gehen wird.

Börsen-Kurier: Was stimmt Sie für den Wiener Marktplatz positiv?
Wögerbauer: Die Berichtsaison war in Wien wirklich beeindruckend gut. Ich hätte nicht geglaubt, dass so viele Unternehmen ihre Guidance bestätigen und etliche sogar erhöhen würden. Aber nicht nur die Finanzaktien haben geliefert, sondern grundsätzlich alle. Zumindest kurzfristig erschließt sich mir daher keine Logik, dass das abreißen sollte. Dafür spricht auch die extrem gute Auftragslage der Industrie.

Und selbst wenn der Lockdown bis Jänner dauern sollte, wird halt das erste Quartal etwas schwächer ausfallen, das zweite dafür wieder wesentlich stärker sein. Das kommende Jahr wird insgesamt sicher schwankungsintensiver als 2021. Am Ende des Tages sollte es aber positiv enden.

Börsen-Kurier: Welche Risiken sehen Sie im kommenden Jahr?
Wögerbauer: Das meiste, was uns in den kommenden Monaten beschäftigen wird, hat nichts mit Österreich zu tun und wird von außen reinschwappen. Dazu gehört die US-Notenbankpolitik. Damit meine ich aber nicht etwaige Zinserhöhungen, sondern das Tapering, also die Reduzierung der Anleihekäufe. Falls das schneller vonstattengeht – wenn sich etwa herausstellt, dass die Inflation doch nicht so temporär ist -, könnte das die Märkte beunruhigen. Eine große Wende an der Börse sollte das aber nicht einleiten. Weiters sehe ich auch geopolitische Risiken, wie etwa eine Verschärfung des Konflikts zwischen China und Taiwan oder des Streits zwischen der Volksrepublik und den USA.

Börsen-Kurier: Welche Wiener Aktien haben Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude bereitet?
Wögerbauer: Viele. Da gehört sicher die Wienerberger dazu. Das Unternehmen ist grundsolide unterwegs, wächst Schritt für Schritt – auch durch Zukäufe – und hat ein gut diversifiziertes Produktsortiment. Wienerberger heute als Ziegelproduzenten zu bezeichnen, ist fast schon ein Affront.

Auch die AT&S hat ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Dass der Leiterplattenhersteller in den kommenden Jahren etwa Milliarden Euro investiert, um in der Top-Liga anzukommen, ist für Österreich und auch Europa gut. Positiv überrascht haben mich Erste Group und RBI. Keiner hätte gedacht, dass beide heuer so gut performen. Grundsätzlich haben mich nur wenige Werte enttäuscht.

Börsen-Kurier: Darf man abschließend noch fragen, welche Sie enttäuscht haben?
Wögerbauer: Von Marinomed hätte ich mir mehr erwartet. Das ist zwar ein kleiner Titel, aber für Innovationen bekannt und in der richtigen Branche unterwegs. Dass die Aktie heuer Kursverluste von rund 25 % verzeichnet hat, ist für mich die Enttäuschung des Jahres. Auch die Porr hat mich enttäuscht. Seit Jahren erfüllt das Unternehmen nicht die dem Markt kommunizierten Erwartungen. Semperit hat zwar zuletzt eine schöne Entwicklung hingelegt, die Ausrichtung, vor allem was den Verkauf der Medizinsparte betrifft, bleibt aber unklar.

Foto: 3 Banken

 

 

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Immobilienmärkte außer Rand und Band

Die Immo-Hausse beschleunigt sich. Doch wann dreht der Markt?

Michael Kordovsky. Nicht nur in Österreich zeigen sich partielle Blasentendenzen am Immobilienmarkt. Im Einklang mit einer explodierenden Geldmenge sind in den größten Städten der USA die Immobilienpreise so stark gestiegen wie nie zuvor: Der „S&P/Case-Shiller 20-City Composite Home Price Index“ stieg von September 2019 bis September 2021 um 27,1 % auf 276,5 Punkte und auf Jahresbasis beschleunigte sich der Anstieg auf +19 %. Zweistellige Preisanstiege herrschen auch in China vor und in den acht Großstädten Australiens stiegen im zweiten Quartal 2021 die Wohnimmobilienpreise gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwischen 12,8 % (Darwin) und 19,3 % (Sydney).

Notenbanken und Superreiche sorgen für „Mondpreise“
In Europa stiegen die Hauspreise im zweiten Quartal, gemessen am Hauspreisindex (HPI) auf Jahresbasis im Euroraum um 6,8 % und in der EU um 7,3 %. Dies ist die höchste jährliche Zunahme im Euroraum seit dem vierten Quartal 2006 und in der EU seit dem dritten Quartal 2007. Noch im dritten Quartal 2020 stiegen die Preise im Euroraum und der EU um je 5,0 bzw. 5,3 %. Im zweiten Quartal 2021 die auf Jahresbasis höchsten Preissteigerungen verzeichneten Wohnimmobilien in Estland (16,1 %), Dänemark (15,6 %) und Tschechien (+14,5 %), während die Preise einzig in Zypern (-4,9 %) fielen.

Drei Faktoren sind hier die treibenden Kräfte, wovon zwei geldpolitischer Natur sind, nämlich die historisch niedrigen Zinsen und die stark expandierende Geldmenge, die sich bis dato primär in Asset-Inflation manifestierte. So stieg im Euroraum in den drei Jahren bis Juli 2021 die Geldmenge M3 um 7,4 % p.a. auf mehr als 15 Bio Euro. Noch wilder war zuletzt die Geldmengenexpansion der Fed, nämlich um 12,8 % auf Jahresbasis bis September 2021. Ein weiterer Faktor ist die schiefe Vermögensverteilung und die Flucht der Superreichen in Betongold. Bereits Daten aus dem Jahr 2012 zeigten, dass weltweit weniger als 100.000 Personen, also 0,001 % der Weltbevölkerung, mehr als 30 % des weltweiten Finanzvermögens kontrollieren. Heute ist die Relation vermutlich noch wesentlich krasser. Während die Bar-Immobilienkäufe der Superreichen die Preise weiter nach oben treiben, kann sich in zahlreichen Städten eine durchschnittliche Familie keine 100-m2-Wohnung mehr leisten. Sogar in Innsbruck kosten neue Wohnungen mittlerweile bis zu 14.000 Euro pro m2 und in Wien sind Preise jenseits der 7.000 Euro pro m2 normal. Schon seit mehr als zehn Jahren hoffen deshalb viele Mieter insgeheim auf einen „Immobiliencrash“, um eines Tages doch noch zum Wohneigentum zu kommen. Bis dato blieb es nur Wunschvorstellung.

Wann droht dieser Immobiliencrash?
Wenn sich die monetären Rahmenbedingungen ändern, die Notenbanken weltweit ihre Anleihenkäufe einstellen und beginnen, die Leitzinsen anzuheben, wird es ab einem gewissen Zinsniveau kritisch für Immobilienspekulanten. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Wesentlich schneller könnte es jedoch in Deutschland Vermögenssteuern geben. Mietobergrenzen und Leerstandsabgaben wären weitere mögliche Szenarien. Auch Ökoauflagen für alte Häuser wie z. B. verpflichtende Vornahmen thermischer Sanierungen wären denkbar. All dies kann genau-so belasten wie etwaige Zwangshypotheken zur Finanzierung der Folgen der Corona-Krise. In Österreich könnten Banken verpflichtet werden, für Immobilienkredite mehr Eigenmittel zu verlangen.

Wie stark im Ernstfall die Wohnimmobilienpreise fallen können, zeigt ein Überblick über vergangene Immobilien- und Bankenkrisen in den Länder Norwegen (1987 bis 1993: -42 %), Schweden (1991: -26 %), Japan (1991 bis 2002: -65 %), Finnland (1991 bis 1994: -49 %) und USA (2007 bis 2009: -3 2 %).

Die aktuell massive Abweichung der Immobilienpreise vom langjährigen Trendverlauf wird voraussichtlich kein Dauerzustand sein. Zu viele kritische Faktoren brauen sich bereits für die kommenden Jahre zusammen, insbesondere von politischer Seite. Somit ist es nicht auszuschließen, dass auch hierzulande bis 2030 die eine oder andere heute fast unbezahlbare Wohnung wieder zum halben Preis erhältlich sein wird.

Foto: AdobeStock / Redpixel

 

 

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Gold bei über 2.000 USD bis Ende 2022?

Der Goldpreis befindet sich aktuell im Abwärtstrend – so auch vergangene Woche, nachdem Fed-Chef Jerome Powell eine beschleunigte Straffung der Geldpolitik in Aussicht gestellt hatte. Trotzdem ist Gold nach wie vor attraktiv, sagt Benjamin Louvet, Fondsmanager bei OFI Asset Management.

„Falls sich die Pandemie wieder stark ausweitet, hätten die Zentralbanken keine andere Wahl, als zu einer lockeren Geldpolitik zurückzukehren, vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Einige Branchen, wie Fluggesellschaften, Restaurants, Veranstalter etc., haben die erste Welle nur schwer überstanden.

Sollte sich die Wirtschaft jedoch weiter erholen, bin ich davon überzeugt, dass die Inflation und ihre Dauer derzeit allgemein unterschätzt werden. Die Folge dürften dann sinkende Realzinsen sein. Denn angesichts der massiven Verschuldung der großen Volkswirtschaften werden die Zentralbanken die Nominalzinsen nur in einem Tempo anheben können, das unter dem der Inflation liegt.

Der Markt rechnet jedoch bereits weitgehend mit wachstumsbedingten Zinserhöhungen. Das Risiko besteht unserer Meinung also eher darin, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden und die Märkte dann stark korrigieren. Der Markt unterschätzt meiner Meinung nach, dass die US-amerikanische Notenbank allmählich anerkennt, dass es sich nicht um eine vorübergehende Preissteigerung handelt. Dies veranlasst uns, das Preisziel für Gold im Jahr 2022 hoch anzusetzen, und zwar auf über 2.000 USD pro Unze.“

Foto: OFI Asset Management

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Rückkehr zur Normalität

Die Konjunktur dürfte 2022 anziehen, die Inflationsrate wieder sinken.

Raja Korinek. Das Jahr 2021 hat sich erfreulich entwickelt: Die Konjunktur konnte sich nach dem Ende der harten Lockdowns weltweit kräftig erholen. Die Frage bleibt, wie es 2022 weitergeht. Unter dem Motto „Das Beste kommt noch“ wagte Kornelius Purps, Rentenmarktstratege der UniCredit Bank, beim 2. virtuellen Stammtisch des Zertifikate Forums Austria – noch vor dem Auftauchen der neuen Corona-Mutation – einen Ausblick auf die Konjunktur- und Finanzmarktentwicklungen. Der Börsen-Kurier war dabei.

Freilich, die Themen sind vielfältig. Vor allem die zuletzt stark gestiegene Inflation sorgt aber für reichlich Aufmerksamkeit. In den USA legte sie im Oktober um 6,2 % im Jahresvergleich zu, in der Eurozone um 4,1 %. Auch die Lieferengpässe dauern an und fachen die Preissteigerungen weiter an. Purps glaubt aber nicht, dass der Auftrieb anhalten wird. Er sagt, „der starke Anstieg der Inflation und die pandemiebedingten Lieferengpässe haben vorübergehend verunsichert. Beide Entwicklungen sollten sich im kommenden Jahr aber abschwächen und für Entspannung auf den Märkten sorgen.“

Deutschland mit Sonderfaktoren
Purps ging in diesem Zusammenhang insbesondere auf die Entwicklungen in Deutschland ein. „Die Region ist eine besonders industriegeprägte sowie exportorientierte Wirtschaft. Sie wurde von den Lieferengpässen besonders hart getroffen“, konstatierte der erfahrene Marktexperte. Doch das Umfeld dürfte sich schon bald aufhellen. Der Konjunkturausblick fällt umso optimistischer aus. Und das aus gutem Grund. Purps meint, „unter der Annahme, dass sich die Engpässe im kommenden Jahr tatsächlich zurückbilden werden, sollte die Wirtschaft in Deutschland eine besonders erfreuliche Dynamik entwickeln.“

Doch wie sehen die Prognosen insgesamt aus? Für das laufende Jahr rechnet die UniCredit Bank AG mit einem Wirtschaftswachstum von rund 5 % sowohl in den USA als auch in der Eurozone. Im kommenden Jahr dürfte sich die Konjunktur dann ein wenig abschwächen, das prognostizierte Plus im Durchschnitt bei nur noch 4 bis 4,5 % liegen.

Sinkt die Inflationsrate wieder?
Auch auf die weitere Inflationsdynamik ging Purps bei seiner Präsentation näher ein. Der kräftige – pandemiebedingte – Anstieg bei der Teuerung sollte sich im kommenden Jahr jedenfalls zurückbilden. Eine derartige Aufwärtsdynamik, wie es in den vergangenen Monaten der Fall war, gab es Purps zufolge zuletzt in den 1970er Jahren. Doch der starke Ausbruch nach oben sei angesichts der jüngsten Entwicklungen nachvollziehbar. Schließlich befinde sich die Weltwirtschaft in einer einzigartigen Lage aufgrund der Corona-Pandemie.

Die Inflationsrate dürfte sich Ende 2022 wieder bei rund 1,5 % einpendeln. „Allerdings, und das ist ein Risikofaktor, der sich noch nicht eindeutig abschätzen lässt, könnte mittelfristig eine ‚Greenflation‘ hinzukommen und die Inflationsrate um etwa einen Prozentpunkt erhöhen“, mahnt Purps.

CO2-Steuer verteuert den Energieverbrauch
So soll zum Beispiel der Ausstoß von CO2-Emissionen teurer werden. Allein in Deutschland wurde zu Jahresbeginn eine CO2-Steuer auf Benzin, Diesel, Heizöl und Gas eingeführt. Seither wird eine Tonne CO2 zunächst mit 25 € besteuert. Bis 2025 soll der Preis auf bis zu 55 € steigen. Hierzulande wird die CO2-Steuer ab Juli 2022 erhoben, zunächst von 30 € pro Tonne. Bis 2025 soll der Preis auf 55 € steigen. Weitere Maßnahmen können – weltweit – natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Foto: Adobe Stock / Elnur

 

 

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Von nachhaltigen Familienunternehmen profitieren

Richten sich eigentümergeführte Firmen nachhaltig aus, so bekommen Anleger das Beste aus zwei Welten.

Christian Euler, Frankfurt. Börsennotierte europäische Familienunternehmen sind besser durch die Corona-Krise gekommen als Firmen, die von wechselnden Managern geführt werden. Ihre Aktienkurse haben sich zwischen April 2020 und Juni dieses Jahres mit einem durchschnittlichen Plus von 61,8 % deutlich besser entwickelt als der gesamte Aktienmarkt, der gemessen am „FTSE Developed Europe All Cap Index“ auf 48,3 % kam. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Fondsgesellschaft Conren, die im Jahr 2005 als Vermögensverwaltung für eine Unternehmerfamilie gegründet wurde.

Auch langfristig lässt sich eine Outperformance belegen. Dafür nahm Conren von März 2009 bis März vergangenen Jahres 955 europäische Familienunternehmen mit einem Börsenwert von mehr als 200 Mio€ unter die Lupe. Das Fazit: Während das Familienunternehmen-Universum einen Renditezuwachs von 246 % erzielt, rückte der Stoxx Europe 600 im gleichen Zeitraum „nur“ um 155 % vor. Die Studienautoren führen dies darauf zurück, dass inhabergeführte Unternehmen nicht auf kurzfristige Quartalsergebnisse fixiert sind. Stattdessen, so die Experten, treiben sie Innovationen in kleinen, aber sehr zahlreichen Schritten voran, wodurch über die Zeit große Vorsprünge gegenüber Wettbewerbern entstehen können.

Anleger können über Fonds und Indizes an dieser Entwicklung teilhaben. Der „DAXplus Family Index“ (ISIN: DE000A0YKTL4) etwa umfasst die deutschen und internationalen Unternehmen aus dem Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse, bei denen die Gründerfamilie mindestens einen 25 %igen Stimmrechtsanteil hat oder in Vorstand oder Aufsichtsrat sitzt und mindestens einen Stimmrechtsanteil von 5 % hält. Der „Deka-UnternehmerStrategie Europa 50“-Fonds (LU1876154029) wiederum bündelt ausgewählte europäische Familienunternehmen.

Nachhaltigkeit zahlt sich aus
Die Schweizer Investmentboutique Bellevue Asset Management geht einen Schritt weiter und richtet den 2009 aufgelegten „BB Entrepreneur Europe“ (LU0631859229) künftig dezidiert auf Nachhaltigkeit aus. „Es ist nur logisch, dass Umweltaspekte und die Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftens immer deutlicher ins Zentrum des Interesses rückt“, unterstreicht Portfoliomanagerin Birgitte Olsen, die mit dem BB Entrepreneur Europe in den vergangenen zwölf Jahren ein jährliches Plus von 10,6 % erwirtschaftete.

Um den hohen Stellenwert der Nachhaltigkeit zu unterstreichen, firmiert der Anlagepool fortan als „Bellevue Sustainable Entrepreneur Europe“.

Auf Basis vertiefter ESG-Analysen über alle Phasen des Anlageprozesses hinweg integrieren Olsen und ihr Team Nachhaltigkeitskriterien in die fundamentale Bottom-Up-Analyse. Dabei liegt der Fokus neben Ausschlüssen aufgrund mangelnder ESG-Legitimation und Risiken auch auf den Chancen, die sich durch die Nachhaltigkeitsperspektive ergeben. „Wir wollen die potenziellen ESG-Stars von Morgen identifizieren, die vom breiten Markt noch weitgehend unentdeckt geblieben sind“, so Olsen zum Börsen-Kurier.

Als Beispiel nennt sie etwa das Schweizer Luxusunternehmen Richemont. „Als Mitglied des Responsible Jewelry Council führt die Schweizer Firma strenge Programme zur nachhaltigen Beschaffung von Mineralien“, so die Fondsmanagerin. Zudem sei Richemont mit seinem vertikal integrierten Geschäftsmodell bestens positioniert, um den CO2-Fussabdruck seiner Produkte zu kontrollieren.

Foto: Pixabay / YS-Park

 

 

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Tipps für eine ausgewogene Anlegerpsyche

Eine zielgerichtete Veranlagung des Vermögens erfordert unter anderem Wissen, Disziplin und Geduld.

Red. Finanzprofis unterscheiden zwischen dem Vermögensaufbau und der Vermögensveranlagung. „Beim Vermögensaufbau geht es darum, regelmäßig einen gewissen Betrag in die Finanzmärkte zu investieren und nicht in Abhängigkeit von Preisen um mehr oder weniger Geld zu kaufen“, erklärt Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich im Gespräch. Indem laufend in Wertpapiere investiert wird, wird der Durchschnittspreis (Cost-Averaging-Effekt) über einen langen Anlagehorizont hinweg geglättet. „Das ist eine recht einfache und auch sehr vernünftige Strategie des Ansparens, bei der man nicht zu sehr ins Grübeln gerät. Die Veranlagung eines bestehenden Vermögens verlangt jedoch nach einer komplexeren Vorbereitung, hier sind eine stabile und widerstandsfähige Strategie beziehungsweise eine langfristige Allokation essenziell“, so Nemeth.

Bei Kundenberatung ist in puncto Veranlagungen besonders in herausfordernden Marktphasen immer wieder auch psychologisches Geschick gefragt. Anleger sollten gerade dann ruhig und besonnen agieren. Nemeth gibt Anlegern Tipps an die Hand, mit denen das auch gelingt.

Vermögen nicht brach liegen lassen
Wenn Menschen plötzlich mit einem Vermögenszuwachs konfrontiert sind, zögern Sie die Entscheidung, was mit dem Geld getan werden soll, oft hinaus. In vielen Fällen liegt das Vermögen zu lange brach und die Anleger verpassen oft geraume Zeit lang, am Aktienmarkt investiert zu sein. Somit können sie nicht die Risikoprämie vereinnahmen, was der große Vorteil von Aktieninvestments ist. „Hier hilft es, sich diszipliniert vor Augen zu halten, dass das Geld in den meisten Fällen auch vorher, wenn auch in anderer Form, investiert war. Es kann aus einem Immobilien- oder Unternehmensverkauf stammen oder es wurde nach der Veranlagung durch den Vorbesitzer vererbt. Auf keinen Fall sollte das Geld zu lange in Form von Cash herumliegen, sondern schnell in den idealen Aggregatzustand – eine Veranlagung – versetzt werden“, so Nemeth.

Zuerst die richtige Strategie festlegen
„Die Qualität des Portfolios sollte so beschaffen sein, dass es gut nach Branchen und Regionen diversifiziert ist, die Anleger sicher durch Krisen trägt und vor allem wenig Handlungsbedarf besteht, ständig das Ruder herumzureißen“, definiert Nemeth die wesentlichen Erfolgsfaktoren aus seiner Sicht. Das schont das Nervenkostüm, wenn man sich nicht ständig um sein Vermögen sorgen muss. Die gewählte Strategie soll zur Person und deren Lebenssituation passen. Wurde gerade ein Unternehmen verkauft und möchte man künftig etwas defensiver unterwegs sein, dann kann das Risiko etwa durch Beimischung von Anleihen oder Immobilieninvestments reduziert und dennoch ein attraktiver Vermögenszuwachs erzielt werden. Auch ein vernünftig gewählter Anlagehorizont hilft dabei, Ruhe zu bewahren: Bei einem Anlagehorizont von mehr als zehn Jahren fallen beispielsweise börsenrelevante Einzelereignisse weniger ins Gewicht als in kürzeren Zeiträumen.

Die goldene „Drei mal Drei“-Regel beherzigen
Rein aus Finanzsicht ergibt es Sinn, den für die Veranlagung bestimmten Teil des Vermögens – den man nicht zum täglichen Leben benötigt – auf einmal zu investieren, damit man umfassend in den Aktienmarkt investiert ist. Je weiter man sich von diesem Grundsatz entfernt, desto eher lässt man Geld liegen. Allerdings bringen es nicht alle Anleger übers Herz, das gesamte Vermögen oder einen großen Teil davon auf einmal zu investieren. Das ist auch verständlich und zutiefst menschlich. Doch die Alternativen sind derzeit rar gesät, mit Sparbüchern wird man aufgrund der Vermögenspreisinflation ärmer und auch mit Anleihen verdient man nicht viel Geld. „Es ist daher sinnvoll, tranchenweise aber in kurzen Intervallen in den Aktienmarkt zu investieren. So kann man eventuell ein wenig besser schlafen, ist aber trotzdem binnen kurzer Zeit voll in den Markt investiert. Ich persönlich finde die ‚Drei mal Drei‘-Regel zweckmäßig, anhand derer unabhängig von Marktereignissen in drei aufeinanderfolgenden Monaten jeweils ein Drittel des Vermögens investiert wird“, meint Nemeth.

Nicht den „richtigen“ Zeitpunkt abwarten
Viele Anleger machen den Fehler, am Aktienmarkt das perfekte Market Timing an den Tag legen zu wollen. Sie warten auf gute Einstiegsmöglichkeiten und wollen nicht zu früh und daher zu teuer kaufen. „Plötzlich ist die Nachrichtenlage ungünstig, die Stimmung an den Börsen verschlechtert sich und viele Anleger trauen sich dann schon gar nicht, zu investieren“, schildert Nemeth. Auf diese Weise verheddern sie sich, warten zu lange und kaufen erst, wenn der Kurs wieder steigt. Nemeth: „Man sollte den Markteinstieg daher auf keinen Fall an Marktereignisse knüpfen.“

Foto: AdobeStock / verge

 

 

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Kurzfristig boostern, langfristig Zucker bekämpfen

Das Coronavirus hat die Welt bereits seit knapp zwei Jahren fest im Griff und hat zu einem vorher nicht für möglich gehaltenen Innovationsschub geführt, nicht zuletzt in der Medizin- und Pharmasparte. Langfristig werden aber Wohlstandskrankheiten wie Adipositas und Diabetes dem Virus im Healthcare-Sektor den Rang ablaufen.

(25.11.) Auf dem Gebiet der Biotechnologie brachte die Covid-19-Pandemie die rasante Weiterentwicklung der mRNA-Technologie bis hin zu einem probaten Impfstoff gegen das Virus hervor. Obwohl die technischen Grundlagen seit vielen Jahren bekannt waren, fehlten der Forschung bislang die nötigen Investitionen, die mRNA-Technologie zur Anwendungsreife zu bringen. Allen voran sind heute BioNTech/Pfizer und Moderna mit über drei Mrd. ausgelieferten Impfdosen in diesem Jahr führend bei den Kapazitäten. Und die aktuell rasch steigenden Inzidenzen und die hohe Auslastung der Intensivbetten machen deutlich, dass eine Booster-Impfung für alle bereits Geimpften notwendig ist, um den mit der Zeit abnehmenden Impfschutz zu erneuern.

Eine gute Strategie gegen Covid-19 braucht beides – Impfstoffe und Medikamente
Abseits von den Impfungen gegen das Virus sind in den letzten Wochen auch vielversprechende Studiendaten von den beiden US-Pharmakonzernen Merck & Co. sowie Pfizer zu oral einzunehmenden Covid-19-Medikamenten veröffentlicht worden. Aus den Pfizer-Studien geht hervor, dass das Medikament Paxlovid bei Covid-19-Patienten das Risiko für einen schweren Verlauf mit Hospitalisierung oder Tod um 89 Prozent gegenüber Placebo senkt. Voraussetzung war, dass die Patienten innerhalb von drei Tagen nach Einsetzen der Symptome behandelt wurden. Damit stellt der US-Pharmariese Pfizer die Konkurrenz Merck & Co. mit ihrem Medikament Molnupiravir – das in vergleichbaren Tests das Risiko nur halbieren konnte – in den Schatten. Die Pfizer-Tablette wird in Kombination mit Ritonavir, einem älteren antiviralen Mittel gegen HIV, verabreicht. Die Kombinationsbehandlung blockiert ein Enzym, welches das Coronavirus zu seiner Vermehrung benötigt. Die Merck-Pille Molnupiravir hat einen anderen Wirkmechanismus, der darauf abzielt, Fehler in den Gencode des Virus einzuschleusen. Heißt: Während der Replikation des Virenerbguts passieren so viele Fehler, dass daraus keine funktionsfähigen Viren mehr entstehen können.

Das Marktpotenzial beider Pillen ist enorm. So kann Merck & Co. bereits über 20 Mio. Dosen im Jahr 2022 und Pfizer über 50 Mio. Dosen herstellen. Der Preis einer oralen Therapie wird bei etwa 700 US-Dollar liegen. Somit könnten beide Unternehmen zusammen über 45 Mrd. US-Dollar Umsatz generieren. Aber diese Medikamente sind kurativ und wirken nicht präventiv wie eine Impfung. Somit ist die Entwicklung wirksamer Medikamente zwar ein wichtiger Baustein in der Bekämpfung der Pandemie, kann und wird aber die Covid-19-Impfung nicht ersetzen. Nichtsdestotrotz wird die Nachfrage nach Covid-19-Medikamenten sehr hoch sein, und viele Länder werden diese Medikamente sicherheitshalber bestellen, zumal der Preis dafür im Vergleich zur stationären bzw. intensivmedizinischen Behandlung von Covid-19-Patienten doch relativ gering erscheint.

Verlierer der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie belastete nicht nur Sektoren wie den Tourismus oder den stationären Einzelhandel, auch das Gesundheitswesen wurde in Mitleidenschaft gezogen – auch wenn das Bild in diesem Sektor gemischt ausfiel. Natürlich profitierten viele Unternehmen, die an der Forschung, Entwicklung und Herstellung der Covid-19-Impfstoffe beteiligt sind. Gleichzeitig konnten sich auch Diagnostikahersteller und diagnostische Labore einen zusätzlichen Absatzmarkt schaffen. Auf der anderen Seite mussten planbare Operationen erheblich verschoben werden. In Großbritannien zum Beispiel warten knapp fünf Mio. Menschen auf eine stationäre Behandlung. Aber auch klassische Pharmaunternehmen litten unter der Corona-Pandemie. Therapie-Neueinstellungen bzw. Medikamenten-Umstellungen fanden vor allem in den Lockdown-Phasen kaum statt. Dieser negative Effekt zeigte sich bereits in den letzten Quartalsberichten der Pharmaunternehmen.

Diabetes – ein langlebiger Wachstumsmarkt
Covid-19 hatte nur einen begrenzten Einfluss auf den Diabetesmarkt. Hier sind die langfristigen Treiber weiterhin intakt. Aktuell gibt es weltweit über 463 Mio. Diabetiker, viele sind nicht oder nicht optimal eingestellt, und die Zahl neuer Diabetiker wird weiter zunehmen. Was Diabetes für die staatlichen Gesundheitssysteme bedeutet, zeigt sich besonders an zwei Parametern: Zum einen sind etwa 70 Prozent aller Diabetespatienten im erwerbsfähigen Alter. Zum anderen entfielen über zwölf Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben in Höhe von über 730 Mrd. US-Dollar auf die Behandlung von Diabetes und deren Folgeerkrankungen wie Nierenschäden, Schlaganfälle, Herzinfarkte und Durchblutungsstörungen. Mehr und mehr rücken hierbei aber auch die weltweit zunehmende Adipositas als Ursache für zum Beispiel den Typ-2-Diabetes oder chronische Lebererkrankungen wie die nichtalkoholische Fettleber in den Vordergrund. Besonders beim Typ-2-Diabetes ist das Marktpotenzial noch enorm. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es mehr als 1,9 Mrd. Menschen mit Übergewicht, davon sind über 650 Mio. adipös und weisen demnach einen Body-Mass-Index von über 30 auf. Lifestyle-Maßnahmen wie z.B. Fitnessprogramme wirken, wenn überhaupt, nur temporär. Daher sind ergänzende Therapieoptionen notwendig. Aktuell werden nur zwei Prozent der Adipösen medikamentös behandelt, und dies mit zum Teil nur mäßigem Erfolg.

Neue Medikamenten-Generation
Die Ursachen, aber auch Folgeschäden von Diabetes einzudämmen, ist das Hauptziel der Entwicklung neuer Diabetes-Medikamente, deren Wirkung nicht auf die reine Senkung zu hoher Blutzuckerwerte abzielt. Denn: Studien haben gezeigt, dass eine rein glukozentrische Sichtweise in der Diabetes-Therapie keinen positiven Einfluss auf Morbidität und Mortalität hat. Ein Beispiel für neuartige Produkte sind die sogenannten GLP-1. Dies ist die Abkürzung für Glucagon-like Peptid 1. Der duopolistische Markt wird aktuell dominiert von dem dänischen Diabetesspeziallisten Novo Nordisk und dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen Eli Lilly. Bei GLP-1 handelt es sich um ein zu den Inkretinen zählendes Darmhormon, welches den Glukosestoffwechsel mitsteuert. Es fördert die Abgabe von Insulin, einem Hormon, das den Blutzuckerspiegel senkt. Es hat aber über weitere Mechanismen auch von Diabetes unabhängige Effekte. Der Markt wächst auch in Zeiten von Corona weiterhin deutlich zweistellig – auch bei dem gegenwärtig herrschenden Preisdruck in den USA. Selbst in der Covid-19-Pandemie konnte Novo Nordisk mit einem neuen oralen GLP-1 um mehr als 200 Prozent in den ersten drei Quartalen dieses Jahres wachsen. Aber auch im Hinblick auf mögliche Diabetes-Folgekrankheiten konnte Novo Nordisk jüngst ein neues Produkt auf den amerikanischen Markt bringen. Das neue Schlankheitsmittel Wegovy verspricht eine garantierte 15-prozentige Gewichtsreduktion binnen eines Jahres. Novo Nordisk wurde von der hohen Nachfrage in den USA anscheinend so überrascht, dass das Produkt in den USA oftmals bereits ausverkauft ist. Der Markt mit Schlankheitsmitteln ist nicht nur ein Massenmarkt, sondern auch ein starker Selbstzahler-Markt. Abseits von dem sehr lukrativen Margenpotenzial für Novo Nordisk bedeutet dies aber auch einen Mehrwert für die Gesundheitssysteme, denn die Folgeerkrankungen von Diabetikern verschlingen allein in den USA über 377 Mrd. US-Dollar.

Klassik versus Moderne
Das Diabetes-Management rund um die Diagnostik und die Glukoseüberwachung ist eines der am weitesten fortgeschrittenen Felder in der digitalen Medizin. Die Anwendungen können in Kombination mit künstlicher Intelligenz und Datenanalyse einen starken medizinischen Nutzen für die Patienten erreichen. Der weltweite Markt für Diabetesgeräte betrug 2020 etwa 26 Mrd. US-Dollar und die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate soll in den nächsten Jahren weiterhin mindestens hoch einstellig bleiben. Unter den großen Medizintechnik-Konzernen sind Medtronic und Abbott Laboratories die Vorreiter in der Diabetesbehandlung, aber die Entwicklung bleibt nicht stehen, es kommen immer wieder Innovationen auf den Markt. So hinkt etwa Roche mit seinem klassischen Blutzucker-Messgerät Accu-Check deutlich hinterher. Längst muss man nicht mehr für jede Messung eine kleine Menge Blut auf einen Teststreifen geben, um den Blutzuckerspiegel zu bestimmen. Neue Anwendungen, sei es von Abbott Laboratories oder auch von den kleineren Nischenanbietern Dexcom und Insulet, können den Blutzuckerhaushalt dank eines kleinen Patches am Arm jederzeit über die App im Handy kontrollieren (sog. kontinuierliches Glukosemonitoring).

Corona – gekommen, um zu bleiben
Die Corona-Pandemie wird uns alle weiterhin beschäftigen. Bei Anlageentscheidungen gewinnen die Spartenauswahl und die regionale Diversifikation aber mehr und mehr an Bedeutung. Kurzfristig könnten Firmen, die orale Covid-19-Medikamente oder Auffrischungsimpfungen herstellen, profitieren. Nach dem Ende der Pandemie wird Sars-CoV-2 nur noch endemisch auftreten, darüber ist sich die Wissenschaft inzwischen einig. Bedeutet: Das Virus wird weiterhin zirkulieren und saisonale und regionale Ausbrüche überall auf der Welt verursachen. Wir alle werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben – ebenso wie mit saisonalen Influenza-Wellen. Unabhängig davon bleibt Diabetes ein langfristiges, strukturelles Wachstumsfeld. Erfolgsversprechend dürften dabei vor allem Firmen sein, die mit ihrem Medikamenten-Portfolio die Risikofaktoren positiv beeinflussen bzw. mit Diabetes assoziierte Folgeerkrankungen eindämmen.

Foto: DJE Kapital AG

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Was für Europa-Aktien spricht

Günstige Bewertungen und erfolgreiche Weltmarken sprechen derzeit für den Alten Kontinent.

Raja Korinek. Das aktuelle Umfeld trübt sich weltweit wieder ein Stück ein, denn das Coronavirus breitet sich verstärkt aus. Neue Lockdowns werden in Teilen der Welt umgesetzt, während anhaltende Probleme, zu denen Lieferengpässe und ein Mangel an Halbleitern zählen, noch nicht gelöst sind. Umso mehr sollten Anleger auf Qualitätsaktien achten, die robuste Wachstumsperspektiven aufweisen. Ein Blick auf Europas Märkte könnte in diesem Zusammenhang besonders interessant sein. Die Region ist verhältnismäßig günstig bewertet, vor allem im Vergleich zu den US-Börsen, weshalb Experten Aufholpotenzial orten.

Laut JP Morgan Asset Management liegt am MSCI Europe die 12-Monats-Gewinnprognose je Aktie bei 110 € und damit beinahe wieder auf dem Rekordhoch aus den Jahren 2007 bis 2008 von rund 120 € je Aktie. Das KGV liegt zudem bei rund 15, und damit nur knapp über dem langfristigen Schnitt von 14,4.

IT: Teuer aber begehrt
Besonders teuer sind in Europa IT-Titel (mit einem KGV von 32) und Industrieaktien (mit einem KGV von 21) bewertet. Am unteren Ende des Spektrums sind Finanz- und Energiewerte angesiedelt.

Die relativ höhere Bewertung bei IT-Titeln hält Experten aber nicht von Investments in diesem Sektor ab. Giovanni Trombello, Portfoliomanager für europäische Wachstumsaktien bei der Allianz Global Investors (AllianzGI), verweist etwa auf ASML (ISIN: NL0010273215) aus den Niederlanden. Der Titel ist die größte Position im „Allianz Europe Equity Growth“ (LU0256839191).

Europas Chipmarkt im Fokus
ASML ist obendrein weltweit größter Anbieter von Lithographie-Systemen für die Halbleiterindustrie. „In manchen Geschäftsbereichen ist der Konzern praktisch Monopolist“, ergänzt Trombello. Er verweist mit dem Chipproduzenten Infineon (US45662N1037) auf ein weiteres Unternehmen aus dem Technologiesektor. Der Konzern produziere zu verhältnismäßig niedrigen Kosten und konnte zuletzt Marktanteile zugewinnen.

Auch das Geschäftsmodell des Softwareanbieters SAP (DE0007164600) gefällt Trombello, zumal die Bereitschaft zu einem Konkurrenten zu wechseln, wenn die Software einmal installiert ist, gering sei. Solch ein Umstand biete gute Visibilität für künftige Gewinnprognosen. Überhaupt entfällt auf den IT-Sektor gut ein Drittel des Fondsvermögens. Die Gewichtung ist damit praktisch doppelt so hoch wie im Vergleichsindex, dem „S&P Europe Large Mid Cap Growth Total Return Net Index“. Die zweitgrößte Branchengewichtung entfällt auf die Industrie, etwa mit Kingspan (IE0004927939), dem irischen Hersteller von Dämmmaterial.

Innovative Pharmawerte punkten
Und wie sieht es bei Mitwerbern aus? Auch im „JPMorgan Funds – Europe Strategic Growth Fund“ (LU0210531801) nimmt ASML die größte Gewichtung ein. Pharmatitel wie die Schweizer Roche und Novo Nordisk aus Dänemark zählen ebenfalls zu den Top-Positionen. Letzteres Unternehmen ist vor allem mit seinen Diabetesmedikamente weltweit gut aufgestellt. Roche verdient derzeit unter anderem an seinen Covid-19-Tests.

Im „Seilern Europa Fonds“ hat Fondsmanager Tassilo Seilern großes Augenmerk auf den französischen Softwarekonzern Dassault Systèmes (FR0014003TT8) sowie den Schweizer Chemiekonzern, die Lonza Group (CH0013841017) gelegt. Unter anderem produziert Lonza den mRNA-Impfstoff für Moderna (US60770K1079).

Alles in allem hat Europa erfolgreiche Weltkonzerne. Doch ein flächendeckender Lockdown würde auch die Region härter treffen.

Foto: Adobe Stock / Romolo Tavani

 

 

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Dax-Konzerne erwirtschaften Rekordgewinne

Deutsche Top-Firmen trotzen konjunkturellem Gegenwind, ein Einstieg könnte sich lohnen.

Christian Euler, Frankfurt. Nie zuvor haben die Dax-Unternehmen so viel Gewinn gemacht wie im dritten Quartal dieses Jahres. Insgesamt erwirtschafteten die wichtigsten börsennotierten Konzerne zwischen Juli und September einen operativen Gesamtgewinn von knapp 35,7 Mrd€ – ein Plus von 152 %. Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 entspricht dies einer Steigerung um 21 %. Dies zeigt eine aktuelle Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf der Basis der Geschäfts- bzw. Quartalsberichte der in Deutschlands Blue-Chip-Börsenbarometer gelisteten Unternehmen.

„Wir befinden uns im zweiten Jahr der Pandemie, und die Rahmenbedingungen sind nach wie vor sehr schwierig: Unterbrechungen der Lieferketten, stark steigende Logistik- und Materialkosten, Lieferprobleme bei Rohstoffen sowie Bauteilen und daraus resultierende Produktionsdrosselungen machen den Unternehmen zu schaffen. Dennoch hat es die große Mehrheit der deutschen Top-Konzerne im dritten Quartal geschafft, Kurs zu halten“, befindet Henrik Ahlers. Für den Vorsitzenden der Geschäftsführung bei EY ist dies bemerkenswert und ein „deutliches Zeichen der Stärke“. Was sich derzeit vor allem auszahle, sei die internationale Aufstellung vieler Unternehmen und der Fokus auf Hochtechnologie und auf Premium-Segmente.

26 der seit September auf 40 gestiegenen Dax-Unternehmen konnten ihren operativen Gewinn im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum steigern, bei zehn Konzernen ging der Gewinn zurück. Der Rest machte keine Angaben. Besonders profitabel zeigte sich die Deutsche Telekom (ISIN: DE0005557508), die einen operativen Gewinn von 3,5 Mrd€ erwirtschaftete, gefolgt vom Versicherungskonzern Allianz (DE0008404005) mit 3,2 Mrd€. Auf den Plätzen drei bis fünf folgen die Autohersteller – obwohl diese Branche die Auswirkungen der Chipkrise an vorderster Front zu spüren bekommt. Volkswagen (Vorzüge: DE0007664039), Daimler (DE0007100000) und BMW (DE0005190003) fuhren zusammen einen operativen Gewinn von 8,4 Mrd€ ein, nachdem dieses Trio im Vorjahreszeitraum noch ein Gesamt-Ebit von 7,6 Mrd€ meldete.

Erhöhte Wachstumsprognose
Trotz der herausragenden Zahlen ist nicht alles eitel Sonnenschein. „Die Pandemie hat die Weltwirtschaft noch immer fest im Griff, und solange so viele große Volkswirtschaften mit neuen Ausbrüchen kämpfen, werden wir weitere böse Überraschungen erleben“, warnt EY-Geschäftsführer Ahlers. Dennoch könnte es sich für Anleger lohnen, in das laufende Jahresende hinein in die deutschen Top-Konzerne zu investieren – zumal der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erst kürzlich seine Konjunkturprognose angehoben hat. Für das kommende Jahr rechnen die „Wirtschaftsweisen“ nun mit einem Wachstum von 4,6 %. Unterdessen erreichte der Dax, der die deutsche Wirtschaft in ihrer Breite abdeckt, mit zuletzt rund 16.300 Punkten ein Rekordhoch – das Sechste in Folge.

Einfach und kostengünstig sind börsennotierte Indexfonds, kurz ETFs, die das Auf und Ab eines Börsenbarometers 1:1 nachbilden. Sie werden wie Aktien an der Börse gehandelt und lassen sich jederzeit kaufen oder verkaufen. Bei DAX-ETFs liegt die Gesamtkostenquote zwischen 0,08 und 0,16 % per annum. Am unteren Kostenende liegt der knapp 1 MrdE schwere „Lyxor Core DAX ETF“ (LU0378438732). Eine Nachhaltigkeitsversion des wichtigsten deutschen Börsenbarometers bietet der im Mai aufgelegte „iShares DAX ESG ETF“ (DE000A0Q4R69). Er spiegelt den Dax wider, während er gleichzeitig dessen Wert für die Nachhaltigkeitsfaktoren Bereich Umwelt, Soziales und Governance (ESG) maximiert und seine Kohlenstoffintensität um mindestens 30 % reduziert.

Foto: AdobeStock / Pavel Ignatov

 

 

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Erholungsphase des Einzelhandels in Gefahr

Nach beschwingtem Herbst droht ein schwaches Weihnachtsgeschäft.

Michael Kordovsky. Hoffnungsvolle Impulse im Herbst zeigt der Einzelhandel in den USA und in Europa. Doch der Lockdown in Österreich verunsichert weltweit und drückte am vergangenen Freitag sogar die Wall Street ins Minus. Das ist einzigartig, denn ansonsten tangieren die Ereignisse im sogenannten „Zwergenland“ die Wall-Street-Größen nicht im Geringsten. Doch rückläufige Renditen am langen Ende trotz der höchsten Inflation seit 1990 könnten Vorboten einer globalen Welle an Lockdowns sein, die – sollten sie in anderen europäischen Ländern und Teilen der USA und Chinas noch umgesetzt werden – das Weihnachtsgeschäft des stationären Handels regelrecht verhageln könnten, während der Online-Handel erneut einen Umsatzschub erfahren würde.

Noch ein erfreulicher Herbstbeginn im Einzelhandel
In den USA war im Oktober die Welt noch einigermaßen in Ordnung, als sich das jährliche Umsatzwachstum des Einzelhandels plus Gastronomie von September auf Oktober von 14,3 auf 16,3 % beschleunigte, verglichen mit dem Plus des Dreimonatsschnitts August bis Oktober um 15,4 %. Ohne Treibstoffabsatz der Tankstellen und ohne Motorfahrzeuge und Autoersatzteile lag die Veränderung (August bis Oktober) noch immer bei 14,3 %. Nimmt man den reinen Einzelhandel, beschleunigte sich dessen Zuwachs von September auf Oktober von 12,5 auf 14,8 %. Ebenfalls noch eine kleine positive Überraschung brachten im Oktober die chinesischen Einzelhandelsumsätze, die mit 4,9 % Jahreswachstum über den Schätzungen der von Reuters befragten Experten lagen, die nur von 3,5 % ausgingen, während die Wachstumsrate im September bei 4,4 % lag. Nimmt man den Euroraum, dann erholten sich die Einzelhandelsabsätze im September mit plus 2,5 % etwas von der Schwäche im August (1,5 % Wachstum). Während die Absatzvolumina von Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren stagnieren (+0,5 % im September nach -1,3 % im August, Jahresbasis), zeigt der gesamte Einzelhandel infolge der starken Impulse des Versand- und Interneteinzelhandels noch ein Plus von 2,5 %. In den Monaten Juli bis September durchgehend zweistellige Zuwächse verzeichneten die Absatzvolumina im Einzelhandel der Länder Kroatien, Litauen und Malta, während folgende Länder im September sogar auf Jahresbasis rückläufige Absatzvolumina erlitten: Deutschland (-1,1 %), Österreich (-0,3 %) und Spanien (-0,1 %). Deutschland fällt hier schon mal als Konjunkturlokomotive aus und entwickelt sich gemeinsam mit Österreich immer mehr zum „Lockdown-Gebiet“.

Onlinehandel profitiert von Lockdowns
Mittlerweile macht das Coronavirus wieder einen Strich durch die Rechnung. Weltweit mehren sich die Lockdowns.

Die Gewinner sind die Online-Händler. Der Internetriese Amazon verzeichnete beispielsweise in den ersten drei Quartalen 2021 gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus von 27,6 %. Im Euroraum verzeichnete indessen der Versand und Internet-Einzelhandel in den Monaten August und September 2021 gegenüber den Vorjahresmonaten noch ein Plus von jeweils 7,2 bzw. 8,8 %.

Es ist zwar bereits eine Verlangsamung der einst zweistelligen Zuwächse, dennoch zeigt sich noch weiter der Trend zu einer Verlagerung der Umsätze vom stationären Einzelhandel in den Online-Handel, eine Entwicklung, die sich mit zunehmenden Lockdowns zum Weihnachtsgeschäft weltweit noch beschleunigen könnte.

Foto: Pixabay / justynafaliszek

 

 

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Das nachhaltige Rohstoff-Dilemma

Ein Kommentar von Dr. Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement bei Starcapital. (17.11.)

(17.11.) Das Klimaziel der EU sieht vor, bis 2050 CO2-neutral zu werden. Hierfür ist ein gewaltiger Ausbau der erneuerbaren Energien notwendig. Die erforderliche Produktion von Windrädern, Elektroautos und Solaranlagen wird die Nachfrage nach einer Vielzahl von Rohstoffen, insbesondere sog. „grünen“ Metallen, in den nächsten Jahren explodieren lassen. Diese Rohstoffe müssen verbunden mit enormen Kosten und Umweltschäden aus dem Boden geholt werden. Während der regulatorische Druck zu mehr ESG-Konformität hohe Geldsummen in den Ausbau der erneuerbaren Energien lenkt, stehen die Minenbetreiber dagegen unter dem Druck der Investoren, einen „nachhaltigen“ Abbau der Rohstoffe zu betreiben: Ein schier unlösbares Dilemma!

Mit Sicherheit kann man heute nur sagen, dass die Energiewende die Preise für Metalle wie Kupfer, Nickel, Kobalt, Lithium oder seltenen Erden unter heftigen Schwankungen, aber nachhaltig und langfristig steigen lassen wird.

Der Rohstoffbedarf von Elektroautos und Windrädern
Ein Elektroauto benötigt zwischen 150 und 250 Kilogramm der mineralischen Rohstoffe wie Kupfer, Nickel, Graphit, aber auch Mangan, Lithium und Kobalt. Die Menge an Kupfer, die in batteriebetriebenen E-Autos verbaut wird, ist siebenmal höher als die Menge, die für einen Verbrenner benötigt wird. Aktuell steht die Elektromobilität für weniger als 2 % der globalen Kupfernachfrage. Bis 2030 wird sich der Bedarf verdoppeln und der Anteil auf über 10 % ansteigen. Der Kupferabbau findet primär in ärmeren Regionen der Erde statt, insbesondere in Afrika und Lateinamerika. Hierfür sind enorme Mengen an Strom und Wasser erforderlich. Der Abbau von Kupfer hinterlässt bisher stets eine nachhaltig zerstörte Natur.

Windräder brauchen neben Kupfer noch Stahl, Zement, Zink und Aluminium. Eine einzige Windkraftanlage verschlingt fast 70 Tonnen Kupfer. Zur Gewinnung dieser Menge an Kupfer sind Erdbewegungen von rund 50.000 Tonnen notwendig. Ein Elektroauto wie der Tesla Modell S verbraucht so viel Lithium wie 10.000 Handys. Der Bedarf an dem Batteriemetall Lithium soll sich bis 2040 mit dem Faktor 42 vervielfachen.

Die Abhängigkeit von einigen Rohstoffländern
Rund die Hälfte des globalen Rohstoffbedarfs entfällt auf China. Bei einer Reihe von Metallen wie Lithium oder den seltenen Erden ist China das größte Förderland. Die meisten Rohstoffe muss es jedoch importieren. Hierzu hat China in den letzten Jahrzehnten systematisch Kreditverträge mit wichtigen Rohstoffländern in Afrika und Lateinamerika abgeschlossen und sich damit den Zugriff auf deren Rohstoffe gesichert, während der Westen Milliarden in sinnlosen Kriegen im Nahen und Fernen Osten verpulvert hat.

Deutschland könnte einen erheblichen Teil seines Metallbedarfs im eigenen Land decken: Undenkbar aber für den Großteil der „grünbewegten“ Bevölkerung! Schließlich haben wir schon genügend Windräder in der Landschaft herumstehen und wollen die Natur in Deutschland nicht noch weiter verschandeln. Ähnlich schizophren ist unser Verhältnis zur Stromproduktion. Die letzten Atomkraftwerke schalten wir in Kürze ab und auch unsere größten CO2-Schleudern, nämlich unsere Kohlekraftwerke, wollen wir aus guten Gründen zeitnah stilllegen. Wo soll dann der Strom herkommen? Der Ausbau der Erneuerbaren mit allen ihren beschriebenen negativen Umwelteffekten stockt und wir benötigen für die sonnen- und windarmen Zeiten mehr Erdgas wie jemals zuvor. Dies zwingt uns in eine noch größere Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. Zu allem Überfluss möchte ein Teil der künftigen Regierungskoalition aus moralischen Gründen „Nordstream 2“ nicht in Betrieb nehmen. Dummerweise sitzt nicht Putin, sondern wir selbst auf dem Ast, den manche Politikerinnen absägen wollen.

Das Dilemma der Minen- und Ölkonzerne
Nach der „Lockdown“-Phase der Pandemie steigt weltweit die Energienachfrage. In ihrer Verzweiflung muss die chinesische Führung nicht nur temporär immer wieder den Strom abstellen, sondern auch die Kohleförderung im eigenen Land massiv hochfahren und auf dem Weltmarkt fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle aufkaufen. Entsprechend sind die Preise für diese „schmutzigen“ Energieträger kräftig gestiegen. Während in den letzten Jahren die US-Fracking-Industrie bei steigenden Ölpreisen ihre Produktion massiv hochgefahren hat, fällt diese Reaktion heute deutlich schwächer aus. Die Fracking-Unternehmen stehen unter erheblichem Druck von Investoren und der Regierung, ihre unbestritten umweltschädliche Ölgewinnung zugunsten alternativer Energien zu drosseln. Gleichzeitig weiß die OPEC (+ Russland) ihre neu gewonnene Marktmacht durch größere Förderdisziplin zu nutzen. Folgerichtig steigt der Ölpreis.

In dem Dilemma zwischen steigender Nachfrage und dem Druck zur Angebotsverknappung befinden sich alle Energie- und Minenkonzerne. Sie können und wollen ihre Produktion nicht wie in der Vergangenheit bei steigenden Preisen schnell hochfahren („Schweinezyklus“). Stattdessen drosseln sie ihre Investitionen und leiten einen Teil davon in Projekte für erneuerbare Energien um. Ihren Cashflow schütten sie lieber in Form von Dividenden oder Rückkäufen an die Aktionäre aus.

Rohstoffpreise und Investitionen der Minenkonzerne
Dieses strukturelle Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage lässt die Preise für Energie und die grünen Metalle langfristig weiter steigen oder zumindest auf einem hohen Niveau verharren. In den letzten Monaten haben wir bei einigen Rohstoffen heftige Korrekturen gesehen. Verantwortlich hierfür waren teilweise spekulationsgetriebene Exzesse, andererseits die Erwartung sinkender Nachfrage aus China infolge der dort zu erwartenden weiteren konjunkturellen Abschwächung. Solche Nachfrageschwankungen werden auch in Zukunft zu entsprechender Volatilität bei den Rohstoffpreisen führen, ohne jedoch an dem strukturellen Angebotsdefizit etwas zu ändern.

Foto: Star Capital

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Die Fed sorgt für Klarheit

Die geldpolitische Wende der US-Notenbank ist besiegelt. Was kommt nun?

Michael Kordovsky. Die US-Notenbank Fed hat beschlossen, ihre derzeit monatlichen Anleihenkäufe in Höhe von 120 MrdUSD mit November um monatlich 15 MrdUSD zu drosseln. Sollte sie dieses Tempo beibehalten, dann enden im Juni 2022 die Anleihenkäufe. Dieser Schritt sei bereits monatelang im Vorfeld diskutiert worden und es gab triftige Gründe, denn: Der Arbeitsmarkt normalisiert sich. So wurden im Oktober in den USA außerhalb der Landwirtschaft 531.000 Stellen geschaffen und die Arbeitslosenquote erreichte mit 4,6 % den niedrigsten Stand seit März 2020. Das US-BIP hat das Vorkrisenniveau wieder überschritten und die Inflationsrate stieg von September auf Oktober von 5,4 % auf ein 31-Jahres-Hoch von 6,2 %. Sollte sich die Inflation weiter beschleunigen, ist sogar ein früheres Ende der Anleihenkäufe denkbar.

Selbst in der Eurozone hat mittlerweile (Oktober) die Inflationsrate 4,1 % erreicht. Das Ende des Pandemie-Anleihenkauf-Programms ist für März vorgesehen. Das verschafft im Markt Klarheit, weshalb die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen auf Monatsbasis kaum noch stiegen (+3 Basispunkte auf 1,56 %). In Großbritannien waren die Renditen im gleichen Zeitraum per 12.11. bereits um 18 Basispunkte auf 0,91 % rückläufig und bei zehnjährigen deutschen Bundesanleihen um 13 Basispunkte auf minus 0,26 %.

Erwartete Leitzinsanhebung der Fed
Quer durch Osteuropa, insbesondere Russland, aber auch in Australien und Neuseeland hat bereits ein neuer Zyklus steigender Leitzinsen begonnen. In den USA nähern wir uns mit Riesenschritten diesem Ereignis, weshalb die aktuellen Staatsanleihen-Renditen in den USA nach wie vor moderat sind. Sollte die US-Wirtschaft in der Lage sein, weiterhin ein überdurchschnittliches Wachstum aufrechtzuerhalten, dann wird die bereits vorhandene Personalknappheit am Arbeitsmarkt noch größer und das Inflationsziel von 2 % bleibt überschritten. Eine Lohn-Preis-Spirale wäre die Folge und 2022 wäre das Jahr der ersten Leitzinsanhebung.

Allerdings preisen die Terminmärkte für die kommenden drei Jahre nur Leitzinsanhebungen von 150 Basispunkten ein. Hier spielen noch die Pandemie-Unsicherheit und die rapide Konjunkturabkühlung in China mit hinein. Vor allem aus China könnte im Falle eines Zusammenbruchs des Immobilienmarktes und daraus resultierend einer Bankenkrise Ungemach kommen. Auch der geopolitische Konflikt um Taiwan ist nicht zu unterschätzen. Auf jeden Fall existiert eine Reihe konjunktureller Fragezeichen.

Unter den aktuellen Rahmenbedingungen war per 12.11. am Terminmarkt eine erste Leitzinsanhebung für die Fed-Sitzung am 15. Juni 2022 mit einer Wahrscheinlichkeit von 71,5 % eingepreist. Davon fallen 49,6 % Wahrscheinlichkeit auf eine Anhebung um 25 Basispunkte und 19,3 % um 0,5 Basispunkte, während noch vor einem Monat die Wahrscheinlichkeit unveränderter Leitzinsen zu diesem Termin mit 61,9 % beziffert wurde – so die aus Fed-Fund-Futures-Daten abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten des FedWatch-Tools der CME Group.

Weitere Schritte der EZB
Im Euroraum liegt indessen eine Leitzinsanhebung noch in weiter Ferne. Doch laut Medienberichten verwies OeNB-Gouverneur Robert Holzmann im Rahmen einer Veranstaltung in London darauf, dass das 2015 eingeführte Programm zum Ankauf von Vermögenswerten („Asset Purchase Program“, APP) darauf ausgelegt worden sei, den Anstieg der Verbraucherpreise wieder auf 2 % zu heben. „Der Wegfall der Bedingung und damit das Ende des Programms könne also – je nach Inflationsentwicklung – im September oder Ende des Jahres 2022 kommen“, so seine Einschätzung. Im Rahmen dieses regulären Anleihenkauf-Programms erwirbt die Europäische Zentralbank monatlich Wertpapiere (öffentliche Anleihen, Asset Backed Securities „ABS“, Unternehmensanleihen und besicherte Anleihen) in Höhe von 20 MrdEuro.

Erst wenn dieses Programm eingestellt ist, dann sind die Leitzinsen ein Thema. Aber bevor der Hauptrefinanzierungssatz von derzeit 0 % angehoben wird, erfolgt noch eine Korrektur des negativen Zinssatzes für die Einlagenfazilität von -0,50 %. Nach Einschätzung des Autors kommt es frühestens 2023 zu einer ersten Anhebung des Hauptrefinanzierungssatzes der EZB.

Foto: AdobeStock / V. Yakobchuk

 

 

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Hemmschuhe und Motoren für die Altersvorsorge

Eine Expertenrunde diskutierte auf Einladung des Börsen-Kurier über die Zukunft der Lebensversicherung.

Emanuel Lampert. 100 Euro des Jahres 2002 sind aktuell 141 Euro – „eine ganz schöne Geldentwertung“, leitete Moderator und Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger die Diskussion mit fünf Experten aus der Versicherungsbranche ein. Wie kann die Altersvorsorge auf eine künftig womöglich höhere Inflation reagieren?

Für Erwin Mollnhuber, Vorstandsmitglied der Nürnberger Versicherung, ist die aktuelle Inflationsentwicklung ein vorübergehender Effekt. Er erwartet, dass das Wirtschaftswachstum 2022 stärker greifen und die Inflation nicht allzu hoch werden wird. Dennoch: Mit Blick aufs Anlegen sei heute nicht mehr die Volatilität das Risiko, sondern die Geldentwertung. Auf Sparbüchern und Girokonten ruhe einiges an Kapital, „das man gewinnbringender anlegen kann“. Für die Altersvorsorge gebe es „keine Alternative zur fondsgebundenen Lebensversicherung“.

Michael Miskarik, Chef der HDI Lebensversicherung in Österreich, meint: Die Produktgestaltung hat „ein Umdenken“ nötig. Er plädiert dafür, aus Kostengründen möglichst keine „laufenden, wachsenden“ Garantien einzusetzen. Gerade bei steigender Inflation – Miskarik rechnet die nächsten Jahre mit 2,3 bis 2,6 % – „muss man schauen, dass man alle Showstopper aus den Produkten rausbringt“. Da Altersvorsorge auf langfristiges Ansparen angelegt sei – wobei er kritisierte, dass die durchschnittliche Vertragslaufzeit derzeit nur bei rund acht Jahren liege -, seien Garantien während der Laufzeit verzichtbar; „vernünftig“ wäre etwa eine endfällige Garantie.

Gerfried Karner, der Geschäftsführer der Continentale, erwartet keinen massiven, wohl aber einen konstanten Inflationsanstieg. Auch er ist kein Freund von Garantien. Die Versicherer seien gefordert, „den Kunden die Angst vor dem Kapitalmarkt zu nehmen“. Fonds und Aktien seien langfristig „eigentlich der Sachwertschutz schlechthin“. Inflationsschutz sei nicht nur ein Thema der Ansparphase, sondern gehöre auch in Bezug auf den Auszahlungszeitpunkt stärker in den Fokus gerückt. Zudem werde der Lebensstandard mit fortschreitendem Alter eher steigen als sinken. Man müsse in der Ansparphase mit Dynamisierungen, Indexanpassungen arbeiten und in der Pensionsauszahlungsphase „sehr flexibel und auch inflationsschutzorientiert“ agieren.

Indexierung ist auch für OVB-Geschäftsführer Markus Spellmeyer ein Gegenmittel zur Inflation, und das werde auch genutzt: „Die Verträge, die wir in der fondsgebundenen Lebensversicherung abschließen, haben eine Einschlussquote von 90 %.“

Standard Life hat 2015 aufgehört, Produkte mit Garantien zu verkaufen, stellte Christian Nuschele, Head of Sales & Marketing für Deutschland und Österreich, fest. „Das war in den ersten Jahren ein hartes Brot, mittlerweile funktioniert es ganz ausgezeichnet. Das Bewusstsein speziell beim Berater, beim Finanzdienstleister, dass die Garantien tatsächlich ein Hemmschuh für den Motor der Altersvorsorge sind, wächst.“

Ungezillmerte Verträge: ein Inflationsschutz?

Bieten ungezillmerte Verträge die Chance auf ein besseres Ergebnis und damit auf Inflationsschutz? „Sie sind auf jeden Fall ein gutes Instrument auf dem Weg dahin“, sagt Nuschele. Für die Geldanlage seien sie eine „sehr gute Alternative“, weil sie sowohl „steuerlich Sinn machen“ als auch große Flexibilität böten, die Rückkaufswerte seien schon sehr früh hoch. Für den reinen Altersvorsorgeaufbau mit dem Ziel, zum Pensionsantritt eine Zusatzrente, ein Zusatzkapital zu haben, „sind aber häufig die gezillmerten Varianten sogar günstiger, denn alles, was ich vorher an Kosten wegnehme, muss ich nicht über die komplette Vertragslaufzeit abzinsen“.

Welche Produkte eignen sich am besten für die Altersvorsorge in der dritten Säule? Welche Wünsche hat der Vertrieb an die Produktgeber? Spellmeyer stuft die klassische Kapitallebensversicherung aufgrund der derzeitigen Entwicklungen als „Auslaufmodell“ ein. Die OVB offeriere als Lösung die fondsgebundene Lebensversicherung und Sparpläne, wo in Aktien und Fonds investiert werden kann.

Der Trend in Europa sei, „dass die Leute mehr in Sachwerte gehen wollen“ und sich „ein bisschen gegenüber Aktien öffnen“.

Lebensstandardsicherung: möglich oder illusorisch?
Kann private Altersvorsorge den Lebensstandard sichern? „Selbstverständlich“, sagt Nuschele. „Wir sehen in unseren Beständen, dass unsere Verträge im Moment bei durchschnittlich 5,22 % ablaufen“, wobei die durchschnittliche Vertragslaufzeit deutlich über acht Jahre liege.

Karner meint, dass die Lebensstandardsicherung überhaupt nur mit einer Fondsgebundenen oder ähnlichen Produkten möglich ist. Er unterstrich: Für die Rentenphase könne man dynamische Renten vereinbaren, das müsse ins Bewusstsein gerückt werden.

Mollnhuber ist der Ansicht, dass die öffentliche Meinung über die Fondsgebundene „noch verbesserungswürdig ist“. Die von Nuschele genannten Werte beim Ablauf seien ein hilfreiches Argument gegen eine „Geldvernichtung“ in schlecht verzinsten Sparformen.

Spellmeyer zeigte sich überzeugt, dass private Vorsorge den Lebensstandard sichern kann. „Wir haben genügend Werkzeuge dafür.“ Er erwartet, dass mittel- und kurzfristig der Gedanke Fuß fassen wird, dass sie unterstützt werden muss. In Deutschland stehe auf den Pensionsauszügen der Hinweis, dass die gesetzliche Rentenversicherung nicht ausreiche und privat vorgesorgt werden müsse.

Ist Altersvorsorge schon nachhaltig genug?
Themenwechsel: 2020 seien laut „Forum Nachhaltige Geldanlage“ 38,9 Mrd Euro nachhaltig investiert worden, 30 % mehr als 2019, berichtete Perger. Nuschele betrachtet das mit Skepsis: Viele bereits bestehende Fonds seien per Jahreswechsel als nachhaltig gemäß den neuen rechtlichen Vorgaben klassifiziert worden. Dort gehe es also nicht um neue Zahlungsströme in nachhaltige Anlagen, sondern ums Etikett.

Sind Nachhaltigkeitsaspekte bereits ausreichend in Altersvorsorgeprodukten implementiert? Mollnhuber sieht den Ball nicht zuletzt bei den Fondsanbietern. Er attestiert ihnen, in letzter Zeit – Stichwort EU-Nachhaltigkeitsinitiativen – „durchaus kreativer geworden“ zu sein. Die Nürnberger selbst führe, schon seit mehreren Jahren, Prüfungen an Hand bestimmter Qualitätskriterien durch. Spellmeyer sagte, Nachfrage sei vorhanden, das Angebot aber noch sehr überschaubar. „Da muss deutlich mehr passieren, gerade auch bei den Fondsanbietern.“

Karner meint, dass in puncto Nachhaltigkeit „der erste Schritt getan“ ist. Von „Einzelaktionismus“, von bloßem Marketing mit einem „super Produkt“ hält er wenig. In Zukunft sollte Nachhaltigkeit als Prinzip verstanden werden, angebots- wie nachfrageseitig. Chancen sieht er langfristig dort, wo Nachhaltigkeit zum Qualitätsfaktor wird.

Miskarik sagte, Nachhaltigkeit werde nach und nach gefordert, tendenziell von der jungen Generation, „die offenbar wirklich anders denkt“. Das schlage sich „natürlich in den Underlyings unserer Fondsgebundenen“ nieder. Spellmeyer bestätigte: Schon bevor Nachhaltigkeit medial so präsent war, habe es Kundengruppen gegeben, die beispielsweise nicht in Fonds investieren wollten, die mit Kernkraft zu tun haben; in den Generationen Y und Z habe sich das Wertesystem verschoben.

Standard Life hat zusammen mit den Asset-Managern Franklin Templeton und Aberdeen ein Angebot mit „ESG-Commitment“ kreiert. Beide „unterstützen uns mit ausgewogenen Portfoliolösungen, die Ende des Jahres in unsere Polizzen aufgenommen werden“, so Nuschele. Für den Markt im Allgemeinen hofft Nuschele auf „klarere Kante“, damit nicht Produkte als grün vermarktet werden, die es nicht sind.

Drohen Lebensversicherern Gefahren?
Zu Beginn der dritten Runde zitierte Perger die Finanzmarktaufsicht: Zwei Drittel der österreichischen Versicherer haben einen Solvabilitätsgrad von mehr als 200 %, der Median beträgt 221 %. Anderer-seits warnen europäische Aufseher vor Risiken für den Finanzsektor, wie Staatsverschuldung oder Inflation. Wie kann die Altersvorsorgebrache damit umgehen? Hält sie die Niedrigzinsphase aus?

Miskarik erinnerte daran, dass sich die Lebensversicherungsbranche bereits die letzten zehn Jahre auf die Niedrigzinsphase eingestellt habe – etwa, indem Leistungen wie Überschussbeteiligungen sukzessive an das Zinsumfeld angepasst worden seien. „Das schlägt sich natürlich auch in der Produktkalkulation nieder.“ Wer das nicht getan habe, „würde heute kaum mehr den Markt bewirtschaften können“. HDI Leben habe eine Solvabilitätsquote von 235 % ohne Übergangsmaßnahmen. Ein Lebensversicherer werde „gut beraten“ sein, sich in dieser Größenordnung wiederzufinden.

Ein Szenario mit Inflation und wenig bis null Wirtschaftswachstum – sind die Lebensversicherer auf so etwas vorbereitet? „Wir müssen schon lange darauf vorbereitet sein“, antwortete Karner. Die Continentale habe sich bereits von Produkten mit hohen Zinsrisiken weg- und zu einem Mix aus Fondsgebundener, Biometrie und Sachversicherung hinbewegt. „Aber du musst natürlich weiter die Augen offenhalten.“

Welche Auswirkungen hätte ein Inflationsszenario auf die Ertragssituation der Versicherer? Für die Kapitalanlagen der Standard Life sieht Christian Nuschele aktuell aufgrund der seit 2015 verfolgten Garantiepolitik keine Auswirkungen. Bei With-Profit-Produkten werde bereits mit der ersten Prämie sichergestellt, „dass genügend Deckungsmittel da sind“. Das schaffe finanzielle Stabilität und Manövriermasse fürs Anlagemanagement. Ein Inflationsszenario sieht er ohnehin nicht, vielmehr werde der Niedrigzins noch länger bleiben. Für die Branche bedeute das Kostendruck.

Zuletzt war das chinesische Unternehmen Immobilienunternehmen Evergrande in den Schlagzeilen, in Deutschland wurde eine Debatte über die Verstaatlichung von Wohnungsunternehmen angestoßen – kann sich im Immobilienbereich ein Risiko für Versicherer auftun? „Aus unserer Sicht nicht“, sagt Mollnhuber. „Sachwerte und Immobilien sind und werden eine Ertragsquelle bleiben.“ Die Erträge könnten aufgrund dieser Entwicklungen allenfalls kurzfristig etwas zurückgehen, an einen dauerhaften Effekt glaubt er aber nicht.

Wie gut sind Versicherer für Unerwartetes gewappnet?
Wie gut sind Lebensversicherer auf Ereignisse – wie zuletzt die Corona-Pandemie – vorbereitet, mit denen man eigentlich nicht rechnet? Die Branche sei in den letzten Jahrzehnten wiederholt vor Herausforderungen gestanden, aber immer gut herausgekommen, sagt Spellmeyer. „Das sollte uns stolz machen.“ Die OVB-Gruppe verfolge eine „Premium-Select-Strategie“: ein Auswahlverfahren, in dem man Produktpartner und -angebote sorgfältig prüfe.

Nuschele sieht Unwägbarkeiten speziell in der Regulierung. Es könne sein, dass auf europäischer Ebene Eingriffe im Courtagebereich Gesprächsthema werden, „und das verwirft definitiv den Markt“. Das sei lösbar, aber „eines der Risiken, auf das wir uns einstellen müssen“.

„Das Thema der regulatorischen Rahmenbedingungen ist fast am schwersten einzuschätzen“, sagte Karner. Abseits dessen drohe bei einer anhaltenden Niedrigzinsphase, dass bei so manchem Marktteilnehmer „zu Tode gespart wird“, letztlich auf Kosten der Qualität.

Regulierung und Niedrigzins sind auch für Miskarik wesentliche Aspekte. Problematisch sei auch, dass die Fondsgebundene bei vielen Maklern einen zu geringen Stellenwert habe. Er appelliert an die Berater, das zu ändern; der jungen Generation von heute drohe sonst ein Versorgungsproblem.

Mollnhuber übte Kritik an „Regulierungshunger“ der Aufsicht, der Zeit und Geld koste. Wenig Verständnis bringt er auch dafür auf, wenn Konsumentenschützer wegen Kostenklauseln gerichtlich klagten, die vor 20 Jahren als Verbandsempfehlung in Verträgen gestanden seien. Ein weiteres Thema sei Digitalisierung. Der Onlineabschluss einer, insbesondere fondsgebundenen, Lebensversicherung sei nicht seine Philosophie und aus heutiger Sicht für ihn nicht vorstellbar. Womöglich komme das aber „schneller auf uns zu, als wir glauben“.

Foto: AdboeStock / Monster Ztudio

 

 

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Fifty Shades of „Vorsorgen“

Serienstart: Vorsorgen als Element der privaten Vermögensplanung.

Rudolf Erdner. Vorsorge ist ein sehr dehnbarer Begriff, der sich in sehr vielen Bereichen des menschlichen Lebens findet. Grundsätzlich kann er jede Überlegung, die sich mit zukünftigen Perioden, Situationen und Ereignissen beschäftigt, betreffen. Diese Überlegungen können zufällig passieren, beispielsweise wenn man aus der Zeitung von einem schweren Unfall erfährt und die Situation auf sich selbst projiziert. Das kann der Anlass zu Risikovorsorge beispielsweise in Form einer Unfallversicherung sein.

Planung
Professioneller ist es allerdings, bei der persönlichen Zukunftsplanung möglichst alle diese Perioden, Situationen und Ereignisse zu berücksichtigen und vor allem, laufend zu evaluieren. Als Beispiel sei an dieser Stelle der gutverdienende Manager genannt, der sicher weiß, dass sein Pensionseinkommen wesentlich geringer als sein Erwerbseinkommen sein wird und zeitgerecht beginnt, für diese Periode vorzusorgen. Er weiß aber auch, dass er eventuell nicht immer in der Position sein wird, aus welchen Gründen auch immer. Die Situation kann sich sowohl verbessern als auch verschlechtern. Im optimalen Fall werden ihm laufend Überschüsse aus seinem Erwerbseinkommen zur Verfügung stehen, die ebenso laufend vorsorglich abgesichert werden müssen. In weniger optimalen Zukunftsverläufen kann es bald und unvorhersehbar notwendig werden, auf die bislang eingesetzten Instrumente zur Vermögens- und Risikoabsicherung zuzugreifen, um den erreichten Lebensstandard zu sichern. Der Pfad kann also ganz schön breit sein, die Szenarien und Instrumente zum Vorsorgen sind daher entsprechend umfangreich.

Wissen ist Macht
Das klingt komplex und wird immer komplexer, je mehr auf dem Spiel steht, also je höher das Vermögen wird. Wie kann man dem begegnen? Grundsätzlich ist eine solide Finanzbildung immer von Vorteil, gepaart mit dem laufenden Beobachten des wirtschaftlichen Umfelds. Also einmal die Woche darf das schon sein. Zum Finden der richtigen Instrumente, der laufenden Anpassung und Überwachung des persönlichen Pfades in die Zukunft wird wohl von Beginn an die Konsultation eines Spezialisten von Vorteil sein. So spannend und brennend das Studieren der Erfolgsberichte der eigenen Vorsorgeprodukte auch sein mag, um ein Vorsorgeportfolio selbst zu managen, bedarf es profunder Kenntnisse in vielen verschiedenen Bereichen. Und letztlich ist es sehr häufig eine Frage der neben dem Berufs- und Familienleben zu Verfügung stehenden Zeit.

Je früher desto besser
Aber nicht nur die laufend zur Verfügung stehende Zeit, sich mit den eigenen Vorsorgeinstrumenten auseinander zu setzen, ist ein limitierender Faktor. Ebenso entscheidend ist der Zeitpunkt, ab wann man sich mit der Vorsorge für seine eigene Zukunft beschäftigt. Vor dem Eintritt ins Erwerbsleben sollte dies auf jeden Fall sein. Nicht jeder hat den Startvorteil, dass schon die Eltern für ihren Anvertrauten zum Vorsorgen begonnen haben, der Begünstigte also ein gutes Fundament übernehmen kann. Wenn das Haus aber schon einmal brennt, dann ist es sicher zu spät, es gegen Feuer zu versichern. Diese Artikel-Reihe findet ihre Fortsetzung im nächsten Vorsorge Spezial am 16. Dezember.

Foto: Pixabay / Pexels

 

 

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Glasgow: Ruf zu Zusammenarbeit

Der Klimawandel verlangt einen kompletten Umbau der Wirtschaft.

Harald Kolerus. Am Weltklimagipfel von Glasgow (COP26) gibt es wahrlich alle Hände voll zu tun, denn die Situation ist bedrohlich: Die Erderwärmung schreitet schnell voran und scheint verschiedenen Simulationen zufolge das 1,5-Grad-Celsius-Ziel der Konferenz von Paris deutlich zu verfehlen. Laut dem Weltklimarat IPCC könnte der Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter ein Plus von ca. 4,8 Grad Celsius erreichen. Dabei handelt es sich um das Worst-Case-Szenario, dem eine globale Wirtschaft zugrunde liegt, die den Energiebedarf nicht drosselt und vor allem mit fossilen Brennstoffen stillt.

Live aus Glasgow
Leider ist der Eintritt dieser Prognose alles andere als unwahrscheinlich, aber doch noch nicht ausgemachte Sache. Damit es nicht zum Schlimmsten kommt, treffen sich am COP26 Staatenlenker und Klimafachleute.

Der Börsen-Kurier hatte die Möglichkeit, an einer von Lombard Odier veranstalteten Diskussionsrunde live aus Glasgow (virtuell) teilzunehmen. Zu den hochkarätigen Teilnehmern zählte der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer. Er meinte: „Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Alle Staaten müssen kooperieren, um hier Lösungen zu finden. Aber auch Unternehmen sind gefragt; wenn sie keine Politik der Klimaneutralität verfolgen, werden sie in der Zukunft mit hohen Risiken konfrontiert sein.“

Diskussions-Moderator Patrick Odier, Senior Managing Partner Lombard Odier Group, warf die Frage auf, wie die Umleitung von Finanzströmen und Kapital in eine „grüne Wirtschaft“ möglich sei. Nicht zuletzt der Finanzindustrie falle laut Maurer hier eine wichtige Rolle zu, wobei es entscheidend sei, Transparenz für die Investoren zu schaffen. Was staatliche Eingriffe betrifft, zeigte sich der Finanzminister etwas vorsichtig, bei solchen Regulatorien sollte man zurückhaltend sein, um die Markteffizienz nicht zu gefährden.

Auf die Bedeutung des Finanzsektors wies auch Daniela Stoffel hin, Staatssekretärin für internationale Finanzen in der Eidgenössischen Regierung: „Wir stehen vor einer kompletten und fundamentalen Umstrukturierung der gesamten Weltwirtschaft. Damit das gelingt, stehen am Finanzmarkt Instrumente wie z. B. Public-private-Partnerships zur Entwicklung von neuen Technologien oder Green Bonds zum Sammeln und Lenken von Kapital zur Verfügung.“

Wo die Sonne scheint
Von Cameron Hepburn, Professor für Umwelt-Ökonomie an der Universität Oxford, erfuhr man, welche Staaten vom grünen Transformationsprozess profitieren könnten: „Dazu zählen Länder, die die Möglichkeit haben, günstig erneuerbare Energie herzustellen, wie etwa Saudi-Arabien aufgrund der starken Sonneneinstrahlung. Gute Karten haben wegen der günstigen klimatischen Bedingungen für Solarenergie auch Nord- und Südafrika oder Australien.“ Der Experte verwies darauf, dass Erneuerbare Energie rasant an Effizienz und Konkurrenzfähigkeit gewinnt: „Man sieht das etwa bei der Batterieproduktion, wo die Kosten signifikant gefallen sind. Auch ist Sonnenenergie in vielen Staaten bereits die günstigere Energiequelle als fossile Brennstoffe.“

Attacke des Homo Sapiens
Seinen Sinn für (schwarzen) britischen Humor bewies schließlich Sir Martin Smith, Gründer der „Smith School of Enterprise and the Environment“: „Stellen Sie sich vor, die Erde kommt auf ihrer Umlaufbahn mit einem anderen Planeten ins Gespräch und klagt: ‚Mir geht es nicht gut. Ich dürfte unter einem massiven Befall von Homo Sapiens leiden!‘ Darauf der andere Planet: ‚Keine Sorge, das dauert nicht mehr lange.‘“ Klingt amüsant, ist aber in Wirklichkeit todernst.

Foto: Pixabay / brigsteer

 

 

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Was Klimainvestments bewirken können

Lösungen für die Klimawende sind gefordert. Anleger können einen wichtigen Beitrag leisten.

Raja Korinek. Der Einsatz gegen den Klimawandel wurde einmal mehr am internationalen Weltklimagipfel im schottischen Glasgow eingefordert. Dabei sollen Lösungen gefunden werden, um den Anstieg der Erderwärmung im Vergleich zu den vorindustriellen Niveaus auf deutlich unter zwei Grad Celsius, idealerweise sogar auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, wie es die Pariser Klimaziele von 2015 vorsehen.

Doch was müsste getan werden, damit sich die aktuelle Entwicklung bremsen lässt? Dazu versuchten Andrea Johanides, Geschäftsführerin des WWF Österreich, und Thomas Kraus, Mitglied der Geschäftsführung der Erste Asset Management (EAM), auf der Pressekonferenz zum Thema „Weltklimakonferenz COP26: Hebel für Investments in den Klimaschutz?“ Antworten zu finden. Der Börsen-Kurier war dabei.

Wenige Grade für große Veränderungen
Johanides unterstrich einmal mehr die Dringlichkeit zu einem Umdenken. Und meint, „nur 0,5 Grad Unterschied können etwa bei der Eindämmung von Wetterextremen entscheidend sein“. Sie verweist aber auch auf dramatische Entwicklungen, etwa das Sterben vieler Korallenriffs. Sollte die Erderwärmung dabei nur auf zwei Grad begrenzt werden, werde es bis 2030 praktisch keine solcher Vorkommen mehr geben. Bei einer Senkung auf 1,5 Grad wären wenigstens „nur“ rund 70 % der Riffs verloren.

Der WWF-Expertin zufolge müssten endlich Taten den vielen Worten der Regierungen folgen, und zwar in sämtlichen Bereichen, angefangen vom Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bis hin zu Änderungen in der globalen Landwirtschaft und dem Vorantreiben der Mobilitätswende. Dafür würden öffentliche Mittel nicht ausreichen. „Auch der Finanzmarkt ist massiv gefordert. Schließlich kann man mit seinem Investment eine Veränderung bewirken“, betont Johanides. Dabei wären private Finanzmittel in Höhe von 1 Bio Euro nötig, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Ein Beirat als wichtiger Ratgeber
Eine solche Möglichkeit bietet etwa der „Erste WWF Stock Environment“ (ISIN: AT0000705678). Er wurde bereits 2006 aufgelegt, unterstreicht Kraus. Dabei initiierte der WWF Österreich einen Umweltbeirat, der das Fondsmanagement bei den Investitionsentscheidungen unterstützt. Das Ergebnis: Zu den aktuell größten Positionen zählen etwa Evoqua Water Technologies (US30057T1051), Kurita Water Industries (JP3270000007) und Schneider Electric (FR00001 21972).

Auf Nachhaltigkeit wird aber nicht nur bei entsprechenden Aktieninvestments geachtet. Zu-gleich spendet die EAM einen Teil der Verwaltungsgebühr des Fonds an diverse Initiativen. Beispiele gibt es zahlreiche.

Dazu zählt etwa die Entstehung von Europas größtem Flussschutzgebiet entlang der Flüsse Mur, Drau und Donau. Am 15. September wurde dieser weltweit erste Fünf-Länder-Biosphärenpark von der Unesco als Flussschutzgebiet anerkannt.

Nachhaltige Gelder wachsen weiter
Überhaupt wachse das Interesse an nachhaltig ausgerichteten Investments immer stärker, betont Kraus. Allein bei der Erste AM erreichte das Volumen seit Jahresbeginn gut 14 Mrd Euro. Zum Vergleich: 2016 lag das Volumen erst bei knapp mehr als 4 Mrd Euro.

Auch bei anderen heimischen Fondsgesellschaften wächst das Volumen, wie der Blick auf den Bericht des Forums Nachhaltige Geldanlagen für 2020 aufzeigt. Da erreichte das entsprechend investierte Volumen in Österreich mehr als 38 Mrd Euro. 2016 waren es 12,63 Mrd Euro. Tendenz weiter steigend, zieht Kraus ein deutliches Fazit.

Foto: Pixabay / nattanan23

 

 

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Hausse-Stimmung im Norden

Hausse-Stimmung an der nordischen Wertpapierbörse OMX 30

(04.11.) Spectrum Markets, ein paneuropäischer Handelsplatz für verbriefte Derivate, hat seine Stimmungsdaten für europäische Privatanleger für Oktober veröffentlicht: Demnach sind alle Indizes mit Ausnahme des schwedischen OMX 30 rückläufig.

Die positive Stimmung gegenüber dem schwedischen Index ist umso bemerkenswerter, als sich der entsprechende Wert zum ersten Mal in diesem Jahr in den positiven Bereich bewegte und im Oktober den Wert von 103 erreichte. Im Vergleich dazu bewegten sich die anderen europäischen Indizes zwischen 88 (IBEX 35) und 99 (FTSE 100) und die US-Indizes zwischen 93 (S&P 500) und 98 (DOW).

Insbesondere Italien stand an der Spitze des Stimmungsumschwungs, wobei der Wert für den italienischen Leitindex MIB 40 mit einem Rückgang von 105 im September auf 92 im Oktober die größte Veränderung unter den Indizes verzeichnete. Dies geschah, obwohl viele wichtige Wirtschaftsindikatoren darauf hindeuten, dass sich das Land gut von der Pandemie erholt.

„Wir konnten beobachten, dass sich die positive Stimmung für den OMX 30 im Laufe des Jahres stetig aufgebaut hat, ausgehend von einem Tiefstand von 90 im Januar. Es ist allerdings immer noch überraschend, dass er der einzige bullische Ausreißer über alle Indizes hinweg ist,“ erläutert Michael Hall, Head of Distribution bei Spectrum Markets.

„Der Oktober begann für Schweden nicht so erfreulich, da die zu Beginn des Monats veröffentlichten BIP-Daten zeigten, dass die schwedische Wirtschaft im August um 3,8 % geschrumpft war. Dies lag weit über den Erwartungen vieler Analysten. Insgesamt scheint sich das Land aber gut von der Pandemie zu erholen, und die vorläufigen Daten für das dritte Quartal, die letzte Woche veröffentlicht wurden, deuten auf ein über den Erwartungen liegendes Wachstum im Vergleich zum zweiten Quartal hin.“

Das schwedische Covid-Impfprogramm schneidet bisher besser ab als die übrigen europäischen Ländermit einer 80-prozentigen Durchimpfungsrate und einer Zahl von 55 neuen Fällen pro 100.000 Einwohner. Inzwischen werden allen über 65-Jährigen Auffrischungsimpfungen angeboten, und die Regierung konnte alle pandemiebedingten Beschränkungen aufheben. Musik- und Sportveranstaltungen können ohne Kontrollen, Masken oder Tests besucht werden.

„Es scheint sich eine Aufbruchstimmung für diesen Markt zu entwickeln, was sich darin widerspiegelt, dass der Wert zum ersten Mal in diesem Jahr nach oben gedreht hat. Allerdings werden die Anleger mit Blick auf die Zukunft genau auf Anzeichen achten, welche Maßnahmen die schwedische Zentralbank zur Eindämmung der steigenden Inflation im Lande ergreifen wird,“ fügte Hall hinzu.

Im Oktober wurde auf Spectrum eine Rekordzahl von 80 Millionen verbrieften Derivaten gehandelt, wobei 34,6 % der Trades außerhalb der traditionellen Handelszeiten (d.h. zwischen 17.30 und 9 Uhr MEZ) stattfanden. 87,3 % der gehandelten Derivate entfielen auf Indizes, 6,7 % auf Währungspaare, 4,9 % auf Rohstoffe und 1,1 % auf Aktien, wobei die drei meistgehandelten Basiswerte Dax 40 (21,8 %), NASDAQ 100 (20,6 %) und OMX 30 (20,4 %) waren.

Betrachtet man die Daten für die drei wichtigsten Basiswerte neben dem OMX 30, so hat sich der DAX 40 wieder leicht rückläufig entwickelt und ist im letzten Monat von 102 auf 98 gesunken, während der NASDAQ 100 etwas von der Aufwärtsdynamik eingebüßt hat, die er im Juni aufgebaut hatte, und von 102 auf 97 gefallen ist.

Foto: Spectrum Markets

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Die Konjunktur kühlt auch ab

Passend zum Wetter bei uns gewinnt leider auch der Abschwung an Kontur.

Michael Kordovsky. Im dritten Quartalabschnitt 2021 verlangsamte sich in den USA das aufs Jahr hochgerechnete Wachstum gegenüber dem Vorquartal auf 2,0 % und somit den niedrigsten Wert seit dem zweiten Quartal 2020, als pandemiebedingt das BIP um 31,2 % einbrach. Volkswirte rechneten noch mit 2,8 % Wachstum. Das Konsumwachstum verlangsamte sich von 12 % im zweiten Quartal auf 1,6 %. Ohne staatliche Hilfen beschränkt sich der Konsum nur noch auf das Allernotwendigste.

In Europa zeigte die vorläufige Schnellschätzung im Euroraum nach einem Zuwachs von 14,2 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum im zweiten Quartal 2021 nur noch ein Plus von 3,7 %, wobei das Wachstum der Leitwirtschaft Deutschland sogar von 9,9 auf 2,5 % abkühlte.

Die höchsten veröffentlichten Zuwachsraten verzeichneten im dritten Quartal indessen Litauen (6 %), Österreich (4,8 %), Lettland und Belgien (je 4,7 %).

Besorgniserregend ist vor allem die Abwärtsdynamik in China: Wegen Lieferkettenunterbrechungen und Stromversorgungsengpässen hat sich von August auf September das Wachstum der Industrieproduktion von 5,3 auf 3,1 % verlangsamt. In die gleiche Kerbe schlägt ein wichtiger Einkaufsmanagerindex für den Produktionsbereich (auf Umfragen des National Bureau of Statistics basierend), der von August auf September von 50,1 auf 49,6 Punkte und somit erstmals seit Beginn der Pandemie in den Kontraktionsbereich zurückfiel. Auch der Einzelhandel als binnenwirtschaftlicher Indikator ist im Kontext aktueller Rahmenbedingungen kritisch zu betrachten, denn: Eine Belebung von 2,5 auf 4,4 % bedeutet auch eine schnellere Leerung der Lagerbestände. Mittlerweile hat sich bis zum dritten Quartal das BIP-Wachstum Chinas auf 4,9 % verlangsamt, nach 7,9 % im Vorquartal. Reihenweise geraten Immobilienentwickler in Schieflage und die Regierung plant, regulierend einzugreifen. Dies könnte nochmals für Kapitalmarktturbulenzen sorgen.

Einkaufsmanagerindizes weisen auf Abkühlung hin
Die vorläufigen Umfragedaten von IHS Markit in der US-Privatwirtschaft zeigen ein gemischtes Bild. Die Vorab-Auswertung der zwischen 11. und 21. Oktober durchgeführten Befragung von Unternehmen der Produktion- und Dienstleistungswirtschaft ergab einen Anstieg des „Flash U.S. Composite Output Index“ von 55,0 Punkten im September auf vorläufig 57,3 Punkte und somit ein Drei-Monatshoch im Oktober. Hintergrund: Der „IHS Markit Flash U.S. Composite PMI Output Index“ ist ein gewichteter Durchschnitt aus dem „Manufacturing Output Index“ und dem „Services Business Activity Index“. Während sich der Dienstleistungssektor von der Corona-Delta-Welle erholt und das Hochfahren des Sektors nach Ende der Corona-Maßnahmen dazu führte, dass der „Flash US-Services Business Activity Index“ von 54,9 auf vorläufig 58,2 Punkte und somit ein Drei-Monatshoch anstieg, zeigte der Produktionsbereich Schwäche. Der U.S. Manufacturing PMI markierte ein Sieben-Monatstief und der „Flash Manufacturing Output Index“ ging gleich von 55,7 auf 52,3 Punkte und somit auf ein 15-Monatstief zurück. Die aktuellen „Standard-Probleme“ sind dabei unterbrochene Lieferketten und Personalmangel. Immer mehr werden Unternehmen des Technologiesektors von diesen Problemen getroffen, was mittlerweile zur Veröffentlichung von wichtigen Quartalszahlen die Marktstimmung trübt. Letzteres kann schon als kritischer vorauseilender Indikator betrachtet werden.

Ebenfalls enttäuschend ist die vorläufige Umfrageauswertung im Euroraum, wo der „Flash Eurozone Composite Index Produktion“, ein Aktivitätsindikator der Privatwirtschaft, einen vorläufigen Rückgang von 56,2 auf ein Sechs-Monatstief von 54,3 Punkten verzeichnet. Im Juli markierte dieser Index noch ein 15-Jahreshoch. Die stärkste Wirtschaftsabkühlung verzeichnete dabei Deutschland, was auch ins Bild des zuvor erwähnten schwachen BIP-Wachstums im dritten Quartal passt. Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Industriebereich: Der „Flash Eurozone Index Industrieproduktion“ ist sogar am 16-Monatstief angelangt. Der gesamte Auftragseingang verzeichnete die dritte Abschwächung in Folge und in der Industrie die schwächste Zunahme seit neun Monaten. Das bedeutet, dass mittlerweile Unternehmen ihre Investitionsbudgets einbremsen könnten, um den aktuellen Rahmenbedingungen gerecht zu werden.

Foto: Pixabay / Olichel

 

 

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Luxus ist sehr begehrt

Edle Marken sind vor allem bei jungen Menschen beliebt, Kooperationen erweitern die Reichweite.

Raja Korinek. Das weltweite Luxussegment profitiert der-zeit kräftig von der globalen Konjunkturerholung. Doch es gibt noch weitere unterstützende Entwicklungen. Immer mehr Branchenfirmen gehen inzwischen auch Kooperationen mit globalen Konzernen aus anderen Branchen ein, wie Swetha Ramachandran, Investmentmanagerin für Luxusaktien bei GAM Investments, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier konstatiert. Damit sollen neue Zielgruppen erreicht werden.

Dies scheint vor allem bei der Generation Z gut anzukommen. Zu dieser Gruppe zählen jene, die zwischen Ende der 1990er und Anfang der 2010er Jahre geboren wurden.

Junge Menschen lieben Luxus
„Jüngere Konsumenten im Allgemeinen und insbesondere die Generation Z tendieren verstärkt zum Kauf von ‚Collaboration‘-Kollektionen als ältere Konsumenten“, so Ramachandran. Einige solcher Kooperationen schaffen insbesondere ein gewisses Gefühl der Exklusivität und Knappheit bei den Kunden, betont die Marktkennerin. Sie meint, das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage erzeuge zugleich eine Begeisterung und Aufmerksamkeit für die Marke.

Beispiele gibt es freilich zahlreiche. Ein solches ist die Zusammenarbeit zwischen der französischen Dior (ISIN: FR0000130403), die etwa für Parfüms bekannt ist, und dem US-Sportartikelhersteller Nike (US6541061031) mit der limitierten Auflage der „Air Jordan 1“-Turnschuhe. Sie wurden erstmals im Vorjahr auf den Markt gebracht, mit einer streng limitierten Auflage. Die Preisspanne lag dabei zwischen 2.000 und 2.200 USD. Die Aktion war sichtlich ein Erfolg: „Fünf Millionen Menschen registrierten sich auf der Website, um an der Verlosung teilzunehmen und ein Paar zu erwerben“, blickt Ramachandran zurück.

Lukrative Lederwaren
Hagen Ernst, der stellvertretende Leiter Research und Portfoliomanagement bei der DJE Kapital AG, verweist auf eine weitere Entwicklung im Luxussegment und meint, „besonders gefragt sind seit Längerem Lederwaren“. Eine der angesehensten Marken in diesem Segment sei dabei Hermès International (FR0000052292). Das französische Familienunternehmen ist in den vergangenen zehn Jahren um im Durchschnitt 12,5 % beim Umsatz bzw. 15 % beim Gewinn gewachsen. „Beliebt ist Hermès International vor allem in Asien, wo mehr als die Hälfte des Umsatzes erzielt wird. Neben Lederwaren sind aber auch Accessoires sehr gefragt“, konstatiert Ernst.

Und auch beim französischen Luxusgüter-Konzern LVMH (FR0000121014) entwickelt sich Ernst zufolge das Lederwarensegment sehr gut. Das zum Konzern gehörige Unternehmen Louis Vuitton – vor allem bekannt für hochpreisige Gepäckserien, Handtaschen und Accessoires – werde weiterhin stark nachgefragt.

Mit Zertifikaten in die Branche investieren
Interessierte Anleger können auf die weitere Entwicklung des Sektors etwa mit einem Indexzertifikat setzen. Dazu gibt es das Open-End-Index-Zertifikat auf den „Vontobel Luxury Performance-Index“ (DE000VTA3LU9). Mehr als ein Drittel entfallen im Index auf Aktien aus der Eurozone, zu denen nebst Hermès International und LVMH auch Compagnie Financière Richemont SA und Estée Lauder zählen. Auch die britische Burberry Group ist enthalten. Risikobereite Anleger können gehebelt auf die weitere Kursentwicklung von LVMH setzen. Darauf bietet etwa die UniCredit ein Turbo-Long-Zertifikat an (DE000HR3DMX6). Der aktuelle Hebel (per 29.10.) liegt bei 2,8. Wird die Marke allerdings von 439,193 USD berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat.

Foto: nike.com

 

 

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Von steigenden Dividenden profitieren

Die Ausschüttungen dürften für 2021 angehoben werden. Das eröffnet interessante Chancen.

Raja Korinek. Angesichts des anhaltenden Zinstiefs vor allem bei sicheren Anleihen in den Industriestaaten griffen viele Anleger in den vergangenen Jahren bei lukrativen – aber soliden – dividendenzahlenden Unternehmen vermehrt zu. Umso herber war die Enttäuschung, als im Vorjahr aufgrund der schweren Corona-Pandemie viele Unternehmen ihre Ausschüttungen stutzten oder ganz aussetzten. Das Blatt wendet sich allerdings: Jetzt, da der Wirtschaftsaufschwung wieder an Fahrt gewinnt und Unternehmen teils ansehnliche Gewinnsprünge verzeichnen, dürften viele ihre Dividendenzahlungen wieder anheben. Jan Ehrhardt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DJE Kapital AG, meint im Gespräch mit dem Börsen-Kurier, die Entwicklung zeige auch, wie konstant Dividenden-Einnahmen letztendlich als Teil einer gesamten langfristigen Aktienanlage seien.

Dividenden dürften wieder anziehen
Allein die erwarteten Ausschüttungen am Dax 30 dürften mit 40,2 Mrd Euro das Vorkrisenniveau sogar übertreffen. Am – seit vergangenen September ausgeweiteten – Dax 40 dürften die Dividendenzahlungen für 2021 gut 43 Mrd Euro erreichen. Auch in den USA sind die Aussichten positiv. Christian Preussner, Leiter Investment Specialist für US-Aktien bei J.P. Morgan Asset Management, verweist auf einen derzeit einmaligen Umstand und sagt, US-amerikanische Unternehmen sitzen auf einer Rekordhöhe an Cashbeständen, die gut 35 % der Bilanzen ausmachen. „Die Konzerne werden dabei nicht ewig Liquidität horten. Ein Teil davon wird wohl für Dividenden oder für Aktienrückkäufe verwendet werden.“

Zuversichtlich stimmen Preussner auch die Schätzungen zu den US-Unternehmensgewinnen. Sie könnten in diesem Jahr ein neues Rekordhoch mit knapp mehr als 200 USD je Aktie im Schnitt aller am S&P 500 notierten Unternehmen erreichen.

Vorkrisenniveau beinahe erreicht
Wie weit die Ausschüttungen für das laufende Jahr tatsächlich angehoben werden dürften, das haben sich die Experten bei Janus Henderson in ihrer jährlichen „Global Dividend Index“-Studie näher angesehen. Darin hob der britische Vermögensverwalter angesichts der positiven Wirtschaftsentwicklung die globale Dividendenprognose für 2021 von 1,36 auf 1,39 Bio USD an, woraus sich übrigens ein Gesamtdividendenwachstum von 10,7 % ergibt. Die jüngsten Zahlen liegen damit außerdem nur 3 % unter dem Höchststand von vor der Pandemie. Damals erreichte das Niveau 1,43 Bio USD.

Für interessierte Anleger gibt es die Möglichkeit, mittels Zertifikate auf dividendenstarke Unternehmen zu setzen. In diesem Zusammenhang bietet die UniCredit ein Indexzertifikat auf den TraderFox-Dividenden-Champions-Defensive-Index (ISIN: DE000HU474Y5) an. Der Index umfasst 20 US-amerikanische Gesellschaften, die aufgrund hoher Dividendenzahlungen – aber auch mit Aktienrückkäufen – besonders hervorstechen. Dazu zählen Oracle (US68389X1054), 3M (US88579Y1010) sowie Intel (US4581401001). Zudem werden Dividenden in den Index reinvestiert.

Auch Europa punktet mit Dividenden
Eine weitere Möglichkeit bietet das Indexzertifikat der UBS auf den QIX-Dividenden-Europa-Index (DE000UBS2QX5). Darin enthalten sind 25 Titel. Gewählt werden jene Unternehmen, die deutlich höhere Dividenden als der Durchschnitt ausschütten. Dabei wird auf Aspekte wie etwa Dividendenkontinuität und -wachstum geachtet. Im Index enthalten sind Großkonzerne wie Nestlé (CH0038863350), Iberdrola (ES0144580Y14) und die Deutsche Post (DE0005552004).

Foto: Pixabay / Coloures-Pic

 

 

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Kollateralschäden für Normalverdiener

Die Wohnimmobilienpreise sind im Euroraum im zweiten Quartal um 6,8 % gestiegen.

Michael Kordovsky. Stiftungen und Superreiche flüchten nach wie vor in Betongold, während immer mehr Experten die galoppierende Inflation kommentieren, doch die wahre Geldentwertung findet nicht an der Supermarkt-Kasse statt sondern am Immobilienmarkt. Vom dritten Quartal 2020 bis zum zweiten Quartal 2021 beschleunigte sich im Euroraum der Preisauftrieb bei Wohnimmobilien von 5,0 auf 6,8 % und somit den höchsten Stand seit dem vierten Quartal 2006. In der EU wurde mit 7,3 % der stärkste Anstieg seit dem dritten Quartal 2007 erreicht.

Das sind die Messergebnisse der Hauspreis-Indizes (HPIs), deren Grundgesamtheit aus allen von Haushalten erworbenen Wohnimmobilien besteht, sowohl Neu- als auch Altbauten, unabhängig von ihrer endgültigen Verwendung und ihren bisherigen Eigentümern. Die HPIs der Mitgliedstaaten werden von den nationalen Statistikämtern erstellt, die Aggregate der HPIs für den Euroraum und die EU von EuroStat.

Mittlerweile weisen im zweiten Quartal 2021 elf EU-Mitgliedsstaaten zweistellige Preissteigerungen am Wohnimmobilienmarkt auf. Die Superlative sind Estland (+16,1 %), Dänemark (15,6 %), Tschechien (14,5 %) und Luxemburg (13,3 %). Um 4,9 % rückläufig entwickelten sich die Preise nur auf Zypern, während sie in Italien mit 0,4 % Plus stagnierten. Indessen 11,7 % Plus gab‘s in Österreich und 10,9 % in Deutschland.

Geldmengenexpansion führt zu Asset Inflation
Die Euribor-Sätze befinden sich im Bereich der historischen Tiefs und Fixzinskredite mit besonders langer Bindungsdauer werden zumindest im deutschsprachigen Raum immer beliebter. Doch den Rahmen des Geschehens gibt die Geldmengenentwicklung der vergangenen Jahre vor. Von August 2016 bis August 2021 wuchs im Euroraum die Geldmenge M3 um 6,2 % p.a. Dieses Wachstum beschleunigte sich ab August 2019 auf 8,3 % p.a.

In den USA lag im gleichen 2-Jahres-Zeitraum die Geldmengen-M3-Ausweitung bei 18 % p.a. Entsprechend war auch der Einfluss auf den Wohnimmobilienmarkt: Der „S&P CoreLogic Case-Shiller 20-City Home Price Index“ stieg im Juli 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um 19,9 % (Rekordwert). Die stärksten Preisanstiege verzeichneten die Metropolen Phoenix (32,4 %), San Diego (27,8 %) und Seattle (25,5 %).

Auf der Consumer-Inflation Seite standen zuletzt 3,4 % im Euroraum 5,4 % in den USA gegenüber, was primär eine Folge der explodierenden Energiepreiskomponenten war. Doch immer mehr Produktgruppen sind von Lieferkettenunterbrechungen und Ausfällen betroffen, was Preissteigerungen zur Folge hat. Gleichzeitig fordern die Gewerkschaften ihren Tribut und die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich gerade zu drehen.

Consumer Inflation nur die Spitze des Eisbergs
Im Vergleich zu den Asset-Bubbles, angefangen bei Negativrenditen für Staatsanleihen bis hin zu Aktien-KGVs von mehr als 50 bei Wachstumswerten des Technologiesektors und den explodierenden Immobilienpreisen, ist die Consumer-Inflation nur ein Nebenschauplatz. Wohnen, als elementarstes Grundbedürfnis, ist in den meisten Metropolen weltweit für den Durchschnittsverdiener bereits unerschwinglich – eine Folge des Immobilienbooms. Nun beginnen Preisexplosionen in den Speckgürteln sowie dem weiteren Umland teurer Städte.

Mit den überzogenen Anleihenkäufen, Null-/Niedrigst-Zinsen und der massiven Liquiditätsflutung des Bankensystems haben die weltweit bedeutendsten Notenbanken ein „Monster“ erschaffen, das nun völlig außer Kontrolle immer mehr an der Kaufkraft der Normalbevölkerung nagt.

Es ist die Asset-Inflation, die das Wohnen zum Luxus macht und dafür verantwortlich ist, dass immer mehr Gelder der privaten Haushalte in Form von Mieten, Anzahlungen und Kreditraten fürs Wohnen draufgehen. Da bleibt für andere Belange immer weniger Budget. Dies erklärt auch, warum sich die Erzeugerpreisinflation noch nicht vollständig den Weg zum Verbraucher bahnen konnte. Großhandel und Einzelhandel sowie diverse Dienstleister geben bisher erst einen Teil ihrer gestiegenen Input-Preise an die nächste Stufe bzw. den Endverbraucher weiter.

Dies machen sie, um nicht Marktanteile an günstigere Anbieter zu verlieren, denn sie wissen eines: Im aktuellen unsicheren Umfeld sparen die Verbraucher mehr denn je an ihren alltäglichen und besonderen Ausgaben.

Foto: AdobeStock / Aamon

 

 

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Zinserhöhungen: Von Spekulation zur Realität

Die britische Notenbank leitet den Zyklus der monetären Straffung in Kürze ein.

Roman Steinbauer. Die Bank of England (BoE) verstärkt die Signale zu einer baldigen Leitzinserhöhung (derzeit 0,1 %). Die Haushalte wurden vergangene Woche auf eine „wesentlich frühere“ Verteuerung des Geldes eingestellt als es bisher kommuniziert wurde. Der Vorsitzende der BoE, Andrew Bailey (er löste im Vorjahr Mark Carney ab), warnte vor schädlichen Auswirkungen einer einziehenden Inflation, sollte nicht schon in Kürze gehandelt werden. Unmittelbar darauf äußerte sich das Mitglied des monetären Komitees (MPC) Mark Saunders dahingehend, Investoren sollten sich „zu Recht“ auf bevorstehende Zinserhöhungen vorbereiten. Diese Aussagen deuten bei Ökonomen auf ein klares Signal, es werde bereits im November mit einer Verteuerung des Geldes begonnen.

Weshalb prescht die Notenbank Großbritanniens vor?
Der vielbeachtete U.K.-Einkaufsmanager-Index (PMI) wies in der Vorwoche mit 57,7 Punkten (erwartet waren 55,8 Punkte worden) auf eine hohe Zuversicht in der britischen Wirtschaft hin. Der Konsumentenpreisindex (CPI) für September zog dazu im Jahresvergleich um satte 3,1 % an.

Was beinahe aber noch schwerer wiegt ist der Druck, der sich auf der Lohnseite auftut: Die Arbeitskosten (inklusive Boni) kletterten im August um bedenkliche 7,2 % – ein Wert, der am europäischen Festland noch absurd wirken mag, aber womöglich auch hier bald zur Realität wird. In diesem Zusammenhang spielt im Vereinigten Königreich Großbritannien eine im September auf 4,5 % reduzierte Arbeitslosenrate mit, da sich diese nach der Rückkehr vieler EU-Gastarbeiter in deren Heimatland (vor allem Polen) rasch entspannte. In Teilen der Wirtschaft herrscht indes sogar ein Arbeitskräftemangel (Stichwort Lkw-Fahrer). Die eklatant steigende Preismacht einiger Berufsgruppen ist damit unschwer erkennbar.

Und doch schwächeln einige Parameter
Das britische Pfund zog nach den Aussagen der BoE weiter auf 0,843 GBP/Euro an und somit auf den höchsten Stand seit März 2020. Marktteilnehmer im Devisensegment (FOREX) gehen davon aus, hiermit nun eine Einpreisung einer Zinsanhebung um 25 Basispunkte bis zum Dezember-Meeting zu sehen. Für die Finanzmärkte kamen die Wortmeldungen überraschend. War doch ursprünglich eine Übergangsperiode einer verbalen Vorbereitung gegenüber der Presse vorgesehen. Bailey argumentierte (trotz skeptischer Meinungen) gegenüber der Yorkshire Post, es werde nach Beendigung der Covid-Hilfsprogramme zu keinem Anstieg der Arbeitslosenzahlen kommen. Insider erwarten dennoch, die britische Notenbank werde kommende Arbeitsmarktdaten ein letztes Mal einer Bewertung unterziehen.

Ein wesentlicher Aspekt passt den Währungshütern in London dennoch nicht ins Bild und treibt diese in einen Spagat des Agierens. So bereiteten in der Vorwoche Zahlen zum September-Konsum von Dover bis Belfast keineswegs den Nährboden für eine Straffung. Die Einzelhandelsumsätze kamen zum Vorjahresmonat mit -1,3 % deutlich stärker unter Druck als prognostiziert (-0,4 %). Ein Wert, der nach einer positiven Entwicklung zuvor (+1,9 bzw. -0,2 %) ernüchterte.

Foto: Pixabay / butti_s

 

 

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Österreicher haben Börsen-Chancen genützt

Das Interesse an Aktien hat deutlich zugenommen.

Marius Perger. Das Geldvermögen der Österreicher ist 2020 auf einen historischen Höchstwert gestiegen. Corona-Lockdowns und Reisebeschränkungen haben zu einem Zwangssparen geführt, wie die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) berichtet. Die Sparquote stieg von 8,5 % im Jahr 2019 auf 14,4 %. 28,5 Mrd Euro flossen im Vorjahr so in die Geldvermögensbildung, das Geldvermögen der privaten Haushalte stieg auf 778 Mrd Euro. Und es wächst weiter: Ende des ersten Halbjahres lag es bereits bei 799 Mrd Euro. Profitiert haben davon vor allem Anlagen in Aktien und Investmentfonds: Sie wurden 2020 im Ausmaß von 6,5 Mrd Euro gekauft, was einem Zuwachs um 88 % gegenüber 2019 entspricht. Deutlich gesunken ist dagegen das Volumen gebundener Einlagen.

Damit haben die Österreicher zuletzt auch eine Menge Geld verdient, wie aus den Zahlen der OeNB hervorgeht. Zwar mussten sie vom vierten Quartal 2019 bis zum ersten Quartal 2020 Kursverluste in Höhe von 14 Mrd Euro verkraften, konnten bis zum zweiten Quartal 2021 aber 25 Mrd Euro Kursgewinne lukrieren.

Interesse an Wertpapieren hoch
Das gestiegene Interesse an Wertpapieren spiegelt sich auch in einer Umfrage unter Bankkunden wider, die das Marktforschungsinstitut Marketagent.com im Auftrag der Bank Austria im August durch-geführt hat. Allerdings zeigt die nun veröffentlichte Studie „Spar- und Anlageverhalten 2021“ auch, dass zwischen Anlageverhalten und dem Interesse an bestimmten Anlagen nach wie vor eine große Lücke klafft.

Tatsächlich dominant ist nach wie vor das Sparen bei einer Bank: 59 % der Befragten nutzen diese Möglichkeit aktuell, 2019 waren es allerdings noch 63 %. Für besonders interessant halten aber nur noch 36 % das Sparbuch.

Ähnlich sieht es mit dem Bausparen aus: Nur ein Viertel der Befragten hält es für interessant, tatsächlich legen aber 39 % Geld auf diese Art und Weise an; auch hier gab es aber einen Rückgang gegenüber 2019, als noch 44 % sagten, dass sie Bausparen nutzen.

Als interessanteste Anlageform werden Immobilien gesehen: 39 % der Studienteilnehmer sind dieser Ansicht, aber nur 21 % investieren tatsächlich in Immobilien. Deutlich gestiegen ist das Interesse an Wertpapieren: von 26 % im Jahr 2019 auf nunmehr 33 %.

Aktien, Investmentfonds und andere Wertpapiere liegen damit bereits auf Rang drei in der Gunst der Österreicher. Tatsächlich besitzen diese aber laut Studie nur

21 %; gegenüber 2019 bedeutet das dennoch einen Anstieg um 2 %-Punkte.

Jüngere sind Wertpapier-affiner
Österreicher unter 30 Jahren haben nicht nur mehr Interesse an Wertpapieren, auch beim tatsächlichen Besitz liegen sie deutlich vor den Älteren. So sagen 47 % von ihnen, dass sie Wertpapiere für besonders interessant halten, 27 % besitzen auch welche.

Die Abweichung zwischen Interesse und Besitz ist bei den Jüngeren aller-dings noch höher als in der Gesamtbevölkerung: Der Unterschied zwischen tatsächlicher Investition und angegebenem Interesse liegt bei ihnen bei 20 %-Punkten, insgesamt aber „nur“ bei 12 %.

Allerdings liegen Wertpapiere damit bei den Unter-30-Jährigen an erster Stelle, wenn es um die Attraktivität einer Anlagemöglichkeit geht. Für Bankkunden über 40 Jahren sind dagegen Immobilien am interessantesten, Wertpapiere finden nur 28 % von ihnen besonders attraktiv.

Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich, dass Aktien unter den Wertpapieren die Favoriten der Österreicher sind: 23 % halten sie für interessant, 13 % besitzen sie. Für Investmentfonds interessieren sich dagegen nur 17 %, bei den tatsächlichen Investments kommen sie mit 12 % den Aktien aber nahe. Noch nicht ganz angekommen zu sein scheint das Thema Nachhaltigkeit. Laut Studie finden nur 13 % nachhaltige Veranlagungsprodukte für interessant, 7 % sind tatsächlich nachhaltig investiert; gegenüber 2019 bedeutet das aber eine starke Steigerung: damals lagen das Interesse bei 5 % und der Besitz bei 4 %.

Warum in Wertpapiere investiert wird
Wichtigster Grund für die Veranlagung in Wertpapiere ist die Hoffnung, langfristig höhere Erträge zu erzielen. 57 % jener Befragten, die tatsächlich Wertpapiere besitzen, geben das als Grund an, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. 48 % der Befragten sagen, dass sie mit Hilfe von Wertpapieren ihr Vermögen langfristig zumindest gleich hochhalten oder aufbauen wollen, für 39 % dienen Wertpapiere der Selbstvorsorge für das Alter.

Ihr Risiko aufteilen oder minimieren wollen 30 % der Wertpapierbesitzer. Und immerhin 20 % finden die Veranlagung in Wertpapiere aufregender als andere Spar- und Veranlagungsformen.

Foto: AdobeStock / Dan Race

 

 

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Wenn Maschinen zu Anlegern werden

Manche Fondsmanager vertrauen lieber auf die künstliche Intelligenz als auf ihr Bauchgefühl.

Raja Korinek. Die globale Finanzwelt steht vor einem großen und langjährigen Paradigmenwechsel. Das Zinstief dürfte allein in den USA bereits im kommenden Jahr zu Ende gehen. Andere Länder, wie Neuseeland und Norwegen, haben zuletzt ihren Leitzins bereits angehoben. Auch der langjährigen Hausse bei vielen Wachstumswerten wird gerade deshalb ein getrübter Ausblick von vielen Experten eingeräumt. Viele Anleger setzen bei einem Investment mit Growth-Aktien nämlich auf die künftige Gewinnentwicklung, die sich aus heutiger Sicht im Hinblick steigender Zinsen freilich schmälert.

Obendrein steigen die Inflationsraten sowie Lieferengpässe, und sorgen für Schwankungen an den Börsen. Schließlich ist die Unsicherheit groß, wie manch ein Unternehmen mit den steigenden Einkaufspreisen umgeht. Deshalb wird auch das Umfeld für Anleger zunehmend schwierig.

Maschinengesteuerte Investments
Martin Stürner
, er ist CEO der PEH Wertpapier AG, wählt mit dem Mischfonds „PEH Empire“ (ISIN: LU0086120648) eine ganz eigene Strategie, um Börsenschwankungen möglichst ruhig zu durchtauchen. Er lässt seit 2016 die künstliche Intelligenz (KI) Investmententscheidungen treffen – und nicht sein Bauchgefühl, wie er im Gespräch mit dem Börsen-Kurier sagt. Um dies zu ermöglichen, werden jede Menge Mikro- und Makrodaten gesammelt und von der KI ausgewertet. Dazu zählen betriebswirtschaftliche Kennzahlen von Unternehmen sowie Zinsdaten, aber auch weitere volkswirtschaftliche Kennzahlen. Obendrein werden quantitative Daten gesammelt, die eine Einschätzung zur aktuellen Marktstimmung widerspiegeln.

Freilich, angesichts des niedrigen Zinsumfelds, gepaart mit einem nahenden Ende der ultralockeren Geldpolitik investiert der Fonds derzeit nicht in Anleihen, womit auch der Makroaspekt kaum eine Rolle spielt. Eine umso größere Gewichtung erhalten derzeit Auswertungen letzterer zwei Bereiche.

Kein Platz für Anleihen
Das konkrete Ergebnis: Aktuell sind knapp weniger als 85 % in Aktien investiert, ein weiterer Teil in Cash. Umgesetzt wird die Aktienquote stets mit hochliquiden und groß kapitalisierten Titeln. Dazu zählen Microsoft (US5949181045), Apple (US0378331005) und Amazon (US0231351067). Und um ganz auf Nummer Sicher zu gehen werden auch besonders günstige Put-Optionen gekauft. Mit diesen Derivaten wird das Portfolio gegen Rücksetzer abgesichert.

Bislang habe sich der Lerneffekt der KI bewiesen, zieht Stürner ein klares Fazit und verweist auf ein konkretes Beispiel aus der Vergangenheit: Erst im November 2020 habe das System grünes Licht für den Aufbau der Aktienquote geben – eine Entscheidung, die sich rückblickend als richtig erwiesen hat. Damals wurden nämlich erstmals Erfolgsmeldungen bei einem Corona-Impfstoff vermeldet, ein Umstand, der eine neue Aktienrallye auslöste.

Soziale Netze im Fokus
PEH-Chef Stürner steht mit dem Einsatz der KI freilich nicht alleine da. Auch die deutsche Fondsboutique Acatis greift zum Beispiel teils auf maschinellen Einsatz zurück, etwa im Acatis AI Buzz US Equities“ (DE000A2JF683). Unter Einsatz von KI werden Online-Beiträge zu US-Aktien aus Quellen wie Social Media, Nachrichtenportalen und Blogs ausgewertet, zu denen unter anderem Twitter zählt. Aus einer Fülle an Meinungsäußerungen identifiziert die KI Aktien mit der höchsten positiven Investorenstimmung. Zu den größten Fondspositionen zählen Tesla (US88160R1014) und Plug Power (US72919P2020).

Foto: AdobeStock / fredmantel

 

 

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Von der steigender Inflation profitieren

Die Teuerung zieht weltweit weiter an. Das kommt einer speziellen Anleiheklasse zugute.

Raja Korinek. Die Teuerung ist derzeit nicht zu stoppen. Allein im September erreichte die Inflationsrate in den USA 5,4 % auf Jahressicht. In der Eurozone lag der Wert bei 3,4 %. Dabei ist der Anstieg nicht nur auf die Konjunkturerholung seit Jahresbeginn 2021 zurückzuführen. Zahlreiche Lieferengpässe führen ebenso zu höheren Preisen bei Rohstoffen und Waren. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Sollten die steigenden Rohstoffpreise auch noch das globale Wirtschaftswachstum zunehmend beeinträchtigen, könnte es unter Umständen zu einer Stagflation kommen, warnen erste Experte. Noch scheint das Szenario für die meisten Volkswirte aber unrealistisch.

Inflation bleibt hoch
Sehr wohl dürfte ihnen zufolge die Inflationsrate aber auf höherem Niveau verharren. „Infolge der gestiegenen Energiepreise sehen wir das Risiko, dass die Inflationswerte im vierten Quartal etwas höher ausfallen und sich vor dem Frühjahr 2022 kaum abschwächen werden“, sagt Mark Dowding, Chief Investment Officer bei Blue Bay Asset Management in Hinblick auf die USA. Ähnliche Auswirkungen dürften höhere Rohstoffpreise auf andere Regionen, etwa auf die Eurozone haben.

Einen interessanten Schutz gegen solch eine Entwicklung können inflationsgeschützte Anleihen bieten. Anleger erhalten hierbei einen fixen Kupon, der aber niedriger ist als bei vergleichbaren normalen Anleihen. Dafür werden Kupons und Rückzahlung an einen Verbraucherpreisindex gekoppelt, wobei Emittenten in Europa meist den harmonisierten Verbraucherpreisindex „HVPI ohne Tabak in der Eurozone“ heranziehen.

Inflationsschutz bleibt gefragt
Dabei reicht schon allein die Sorge vor einem Anstieg der Inflation aus, um mit diesen Bonds ein Geld zu verdienen. Dann werden solche Anleihen vermehrt nachgefragt, was wiederum deren Kurse antreibt. Die Aussichten sind jeden-falls gut. „Die Experten der Schoellerbank meinen, dass die Inflationserwartungen möglicherweise noch weiter steigen und inflationsgeschützte Anleihen von diesem Umstand weiterhin profitieren können“, so Jakob Frauenschuh, selbst Leiter Investment Management & Strategy bei der Schoellerbank.

Ein Fonds, der sich langjährig behaupten konnte, ist der „LLB Obligationen Inflation Linked ESG“ (ISIN: LI0028614878). Mit knapp mehr als 37 % entfällt die größte Gewichtung auf die USA. Tatsächlich ist die Region weltweit größter Emittent solcher Papiere. Doch gleich an zweiter Stelle mit knapp weniger als 30 % reihen sich im Fonds Inflationlinker aus Großbritannien ein. Tatsächlich stiegen dort die Inflationserwartungen zu-letzt recht zügig. Grund sind die steigenden Engpässe bei einer Vielzahl an Waren, ein Umstand, zu dem auch der Brexit beiträgt. Auf die vergangenen zehn Jahre erzielte der Fonds eine Wertentwicklung von jährlich rund 3,8 %.

USA im Fokus
Auch der „Fidelity Funds – Global Inflation-linked Bond Fund“ (LU0353648891) kann sich langfristig behaupten. Die jährliche 10-Jahresentwicklung lag zuletzt bei rund 2,60 %. Die Ländergewichtung fällt in diesem Portfolio jedoch ein wenig anders aus, als beim LLB-Produkt. Gut 63 % des Fondsvermögens werden in inflationsindexierte US-Staatspapiere veranlagt. Britische Papiere sind allerdings mit weniger als 8 % gewichtet, gefolgt von Wertpapieren aus Italien und Frankreich.

Trotz des unterstützenden Umfelds für ein Investment in einen Inflationsschutz müssen Anleger aber beachten, dass natürlich auch mit diesen Produkten Verluste möglich sind.

Foto: AdobeStock / peshkova

 

 

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Goldpreisschlappe ist vorübergehend

Nachfrage steigt und Realzinsen bleiben niedrig, meint Benjamin Louvet von der Fondsgesellschaft OFI.

(19.10.) Der Goldpreis dürfte allmählich wieder anziehen. Inzwischen ist klarer, dass die US-amerikanische Notenbank ihre lockere Geldpolitik nur schrittweise anziehen wird – das ist aus den letzten Fed-Sitzungen deutlich geworden, auch wenn die Zentralbanker nach wie vor geteilter Meinung sind, sagt Benjamin Louvet, Fondsmanager des OFI Financial Investment Precious Metals Fund bei OFI Asset Management (Foto anbei). Die Nachfrage nach Gold wächst wieder und die Realzinsen dürften auf absehbare Zeit niedrig bleiben.

Benjamin Louvet: „Anleger müssen verstehen, dass die Zentralbanken angesichts der Verschuldung der großen Industrieländer keine andere Wahl haben, als die nominalen Zinssätze nur dann anzuheben, wenn es eine Inflation gibt. Der Grund: Die realen Zinssätze müssen niedrig gehalten werden, damit die Verschuldung im Rahmen bleibt. Das wirkt sich positiv auf Goldinvestments aus.

In der Zwischenzeit gibt es viele Anzeichen für eine Inflation, die länger anhalten und damit die realen Zinssätze nach unten drücken dürfte. Falls es nur das kleinste Zeichnen für einen Wirtschaftsrückgang gäbe, wären die Zentralbanken allerdings wieder gezwungen, zu einer ultra-lockeren Geldpolitik zurückzukehren.

Trendwende am Goldmarkt
Auch wenn die Nachfrage von Anlegern noch nicht stark angezogen hat, hat sich der Trend am Gold-ETF-Markt inzwischen umgekehrt – vor allem durch den Kauf asiatischer Anleger. Die Bestände börsengehandelter Gold-Fonds sind im vierten Quartal 2020 und im ersten Quartal 2021 stark gefallen und stiegen im zweiten Quartal 2021 wieder leicht an.

Auch die Zentralbanken haben ihre Gold-Käufe seit Ende letzten Jahres wieder aufgenommen, nachdem sie ihre Kaufprogramme nach Beginn der Pandemie ausgesetzt hatten. Diese Entwicklung hat sich seither beschleunigt. Die Käufe der Zentralbanken in der ersten Jahreshälfte erreichten 330 Tonnen. Damit lagen sie 39 Prozent über dem Durchschnitt der ersten fünf vorangegangenen Halbjahre und auf einem Niveau mit den Rekordkäufen der Jahre 2018 und 2019 (als knapp über 650 Tonnen im Jahresverlauf gekauft wurden). Laut der jährlichen Umfrage des World Gold Council geben zudem 21 Prozent der Zentralbanken an, ihre Goldallokation erhöhen zu wollen. 2020 waren es 20 Prozent und 2019 waren es 8 Prozent.

Auch eine aktuell veröffentlichte Umfrage unter 150 europäischen Pensionsfonds mit einem Gesamtvermögen von über 210 Mrd. USD zeigt in dieselbe Richtung. 75 Prozent beabsichtigen, ihre Goldinvestitionen in den nächsten zwölf Monaten erhöhen zu wollen.

Aus diesen Gründen sind wir der Ansicht, dass der jüngste Rückgang des Goldpreises, der hauptsächlich auf zyklische Phänomene zurückzuführen ist, nur vorübergehend sein sollte. Wir sind daher der Meinung, dass es mehr denn je sinnvoll ist, Gold im Portfolio zu halten bzw. nachzukaufen. Nur eine drastische Änderung der Geldpolitik durch die Fed in den kommenden Monaten könnte unsere Meinung ändern.“

Foto: OFI AM

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Vom Boom der Abfallindustrie profitieren

Das stetig steigende Abfallaufkommen ist auch mit interessanten Anlagechancen für Anleger verbunden.

Patrick Baldia. Eigentlich sollte man es ja tunlichst vermeiden, Müll im Portfolio zu haben, so die wohl gängige Meinung unter Anlegern. Bei etwas näherer Betrachtung sollte man diese Einschätzung aber vielleicht doch relativieren und die Aktien von Unternehmen, die am Recycling- und Abfallwirtschaftsmarkt tätig sind, in Erwägung ziehen. Ausgewählte Branchenplayer, wie etwa Waste Management (ISIN: US94106L1098) oder Republic Services (US7607591002) haben nämlich den breiten Markt nunmehr seit mehr als fünf Jahren outperformt. Und eine Reihe von Studien geht für die kommenden Jahre von einem anhaltenden Boom der Abfallindustrie aus.

„Analyseunternehmen haben festgestellt, dass das Aufkommen neuer Industrien, die Globalisierung und der steigende Verbrauch der Bevölkerung die Haupttreiber für die Expansion des Recycling- und Abfallwirtschaftsmarktes sind“, sagt Andrey Wolfsbein, Österreich-Sprecher der Investmentgesellschaft Freedom Finance, gegenüber dem Börsen-Kurier. Tatsächlich sprechen die Experten von MarketsandMarkets von einem Anstieg der globalen Abfallwirtschaft von aktuell 425 auf mehr als 540 MrdUSD. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 5 %.

Zum Wachstum des Recycling- und Entsorgungsmarktes sollen vor allem immer strengere staatliche Vorschriften rund um die Themen Mülltrennung und Waste Management, technologischer Fortschritt sowie kürzere Lebenszyklen von elektronischen Produkten, was auch mehr E-Müll verursachen sollte, beitragen. Für Wolfsbein spielt in diesem Zusammenhang auch die Globalisierung eine Rolle. „Durch die Zunahme des internationalen Handels in den letzten Jahrzehnten hat sich die Armut in den Entwicklungsländern verringert, wodurch sich gleichzeitig der Lebensstandard und die Kaufkraft erhöht haben“, sagt er.

Die Ausgangslage ist jedenfalls – gelinde gesagt – herausfordernd. Laut der Weltbank soll das globale Abfallaufkommen bis 2050 um 70 % auf 3,4 Mrd Tonnen ansteigen. Die Nachfrage sollte also gegeben sein. Wolfsbein verweist darauf, dass es sich bei der Abfallentsorgung um ein Grundbedürfnis handelt. Der Vorteil eines Investments in den Abfallwirtschaftsmarkt sei die Sicherheit. Nachsatz: „Als beispielsweise während der Corona-Krise viele Unternehmen starke Verluste hinnehmen mussten, blieb der Bedarf nach Müllentsorgung bestehen.“

Aktien, mit denen man auf das Potenzial der Recycling- und Abfallwirtschaft setzen kann, gibt es einige. Ein Beispiel: Clean Harbors (US1844961078). Der US-Umwelt- und Entsorgungsdienstleister zählt zu den größten Branchenplayern und punktet mit sehr diversifizierten Einnahmequellen. Allein im zweiten Quartal 2021 stiegen die Einnahmen des Unternehmens gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30 % auf 926,5 MioUSD. Zudem expandiert es weiter und hat etwa erst kürzlich HydroChemPSC übernommen. Weitere Deals sollen laut Medienberichten demnächst folgen.

Am M&A-Markt aktiv ist auch Republic Services. Das US-Entsorgungsunternehmen hat dafür in den vergangenen drei Jahren nicht weniger als 1,3 MrdUSD aufgewendet. Der US-Branchenprimus, die Holding Waste Management, ist wiederum über Töchtergesellschaften in der Sammlung, dem Umschlag und der Entsorgung von Abfall sowie dem Recycling tätig und besitzt zudem Deponiegas-Anlagen. Breiter aufgestellt sind Anleger mit einschlägigen Fonds wie dem „Fidelity Sustainable Water und Waste Fund“ (LU1892829828) oder dem „Vontobel Fund – Clean Technology A EUR Fonds“ (LU0384405519).

Foto: Adobe Stock / tanisav

 

 

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Neue Glanzlichter für die Solarindustrie

Wie Anleger von der Schlüsselrolle des Sektors beim Wandel zur klimaneutralen Energiewirtschaft profitieren.

Stefan Riedel, München. Der Name ist Programm: 450 Aussteller und 26.000 vornehmlich europäische Besucher trafen sich in der Vorwoche in München auf der erstmals seit 2019 wieder als Präsenzveranstaltung durchgeführten „Intersolar/The smarter E Europe Restart 2021“, Europas größter Solarmesse.

Aber nicht nur die über Jahre gebeutelte europäische Solarindustrie ist wieder zurück. Weltweit wurden 2020 138 Gigawatt Solarleistung neu installiert. Dafür sind laut Bloomberg New Energy Finance 148,6 MrdUSD ausgegeben worden – ein Plus von 12 % gegenüber 2019. Im Jahr 2022 könnte die weltweite Photovoltaik-Leistung die Marke von einem Terawatt, also eine Million Megawatt, knacken.

Spekulative Beimischung
Um die klimaneutralen Zukunftsantriebe Elektromotor und Brennstoffzelle ins Laufen zu bringen, muss der Strom muss aus erneuerbaren Energien wie eben Solar kommen. Solaraktien sind deshalb eine hochspekulative und sehr volatile Depotbeimischung. Anleger sollten hier auf Firmen setzen, die in ihren Marktnischen führend sind, über solide Bilanzen und dicke Cashpolster verfügen und mit über mehrere Jahre konstant hohen Wachstumsraten überzeugen.

Die Aktie von Enphase Energy (ISIN: US293555A1079) etwa bietet nach der kräftigen Korrektur bei Umweltaktien wieder gute Einstiegskurse zu einer vernünftigen Bewertung. Das US-Unternehmen zählt zu den weltweit führenden Herstellern für Mikroinverter. Weil die Modultechnik der Enphase-Wechselrichter dezentral gesteuert wird, eignet sie sich vor allem für die Energiespeicherung bei Solaranlagen auf Wohnhäusern – ein Endmarkt, der noch seine beste Zeit vor sich hat. Für den Zeitraum 2020 bis 2023 erwarten die Konsensschätzungen der Analysten, dass Enphase Energy den Konzernumsatz auf fast 2,3 MrdUSD verdreifacht. Der operative Gewinn soll sich um 150 % auf 450 MioUSD verbessern.

SolarEdge Technologies (US83417M1045) aus Israel ist eine weitere Firma, die über eine technologische Top-Position Skaleneffekte ausspielt. SolarEdge ist führend in der Dünnfilm-Technologie bei der Beschichtung der Solarzellen. Diese erhöht den Wirkungsgrad der erzeugten Energie und senkt zugleich Kosten für die neue Produktionsanlage.

ETFs und Fonds als Depotbausteine
ETFs bieten dagegen eine kostengünstigere Option, um an der Performance von ausgewählten Branchenindizes zu Erneuerbaren Energien mitzuverdienen. Der „iShares Global Clean Energy UCITS ETF“ (IE00B1XNHC34) bildet beispielweise die 30 größten Unternehmen ab. Mit einem Volumen von rund 5,4 MrdUSD ist dieser börsegehandelter Fonds ein etabliertes Produkt in seinem Segment. Der „L&G Clean Energy UCITS ETF“ (IE00BK5BCH80) wurde dagegen erst im November 2020 aufgelegt und beinhaltet auch Zulieferer sowie Stromanbieter aus den Bereichen Solar, Wind, Wasser und Erdwärme. Ganz neu ist der erst im August aufgelegte „Invesco Solar Energy UCITS ETF“ (IE00BM8QRZ79). Dieser ETF enthält neben den Herstellern von Solarstromanlagen und Solarmodulen auch Spezialisten für solarbetriebene Ladesysteme.

Aus der Vielzahl der Aktienfonds mit dem Fokus Umwelt hebt sich auch der „RobecoSAM Smart Energy Equities“ (LU2145462052) mit seinem Fokus auf energiesparende Technologien und Produkte ab. In dem mit gut 60 Positionen recht konzentrierten Fondsportfolio sind die USA sind mit rund 50 % Länderanteil klar übergewichtet.

Der „Ökoworld Klima“ (LU0301152442) ist mit 80 Titeln etwas breiter gestreut und investierte in Unternehmen, die energie- und wassersparende Produkte entwickeln oder in der Herstellung von Regenerativer Energie unterwegs sind.

Foto: AdobeStock / FenrisWolf

 

 

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Ein Kommentar von Florian Eberhard, unabhängiger Marktanalyst

Überhitzung am Aktienmarkt: Rechtzeitig absichern

(07.10.) Ab März 2020 legte der DAX eine bemerkenswerte Aufholjagd von 8.441 Punkten bis zum Rekordhoch von zeitweise über 16.000 Punkten im August 20212 hin. Der Aktienboom hat viele neue Investoren angelockt und Anlegern attraktive Renditen bereitet. Wie der volatilere September als Vorbote gezeigt hat, sollten sich Investoren nun nicht mehr allzu sehr in Sicherheit wiegen. Der Börsenzyklus befindet sich bereits im fortgeschrittenen Stadium. Der nächste Rücksetzer kommt bestimmt und ist nur eine Frage der Zeit. Im September haben sich die Anzeichen einer Überhitzung verstärkt, der Druck steigt aus mehreren Richtungen. Daher ist der für das Brokerhaus GKFX tätige Marktanalyst Florian Eberhard der Meinung, dass es hilfreich sein könnte, etwas Risiko herauszunehmen und sich rechtzeitig gegen eine mögliche Korrektur abzusichern. Das ist beispielsweise durch CFDs (Contracts for Difference) möglich.

Der Höhepunkt des globalen Wirtschaftswachstums scheint vorüber. Damit fällt mittelfristig eine wichtige Säule für die Aktienmärkte weg. In den USA verdichten sich bereits die Anzeichen, dass die US-amerikanische Notenbank Fed Ende des Jahres das Anleihekaufprogramm zurückfährt. Damit wird eine weitere stützende Hand für die Börsenkurse fehlen. Mittelfristig wird Europa – wenn auch zu einem etwas späteren Zeitpunkt – nachziehen.

Auf der anderen Seite ist zuletzt auch die Unsicherheit durch regionale Einzelereignisse spürbar gestiegen. In China sorgt der hochverschuldete Immobilienentwickler Evergrande für Sorgenfalten, wenngleich globale Auswirkungen wie bei der Lehman-Pleite derzeit als unwahrscheinlich bewertet werden. In Deutschland haben die Bundestagswahlen die von den Börsen gefürchtete rot-rot-grüne Konstellation zwar verhindert, dennoch das klassische Parteiengefüge ins Wanken gebracht. Dementsprechend unsicher sind die Auswirkungen des Wahlausgangs, etwa auf den Energiesektor. Durch diese unterschiedlichen Faktoren ergibt sich eine deutlich unsicherere Gemengelage. Das sollten Anleger Eberhard zufolge unbedingt in ihre Überlegungen miteinbeziehen.

Rechtzeitig absichernde Schritte einleiten
Wer mit Aktien handelt, möchte Gewinne durch steigende Aktienkurse erzielen. Allerdings ist die Börse bekanntermaßen keine Einbahnstraße und wechselt in immer wiederkehrenden Zyklen zwischen Hausse und Baisse. Die Börse kennt seit Ende 2019 nur eine Richtung – den Norden. Doch es sollte jedem bewusst sein, dass diese Reise auch einmal enden muss. Der nächste Crash ist gewiss, nur der Zeitpunkt nicht. „Hier kommen CFDs ins Spiel. Bekannt für ihren spekulativen Charakter, können CFDs ein probates Mittel zur Absicherung von Aktien-Investments sein“, erklärt Eberhard. Bei CFD-Trades geht es darum, steigende oder fallende Kurse zu handeln, ohne die Aktien selbst zu besitzen. Die Kurse von CFDs leiten sich stets von einem Basiswert wie z.B. Aktien ab. Der Handel von CFDs erfolgt nicht über die Börse, sondern über Broker wie GKFX.

Kombination aus Aktienportfolio und CFDs
„In Zeiten prekärer Nachrichtenlage, in denen die Kurse extrem volatil sein können, ist es ratsam, die eigenen Investments mit Gegenpositionen gegen mögliche Verluste abzuhedgen“, führt Eberhard aus. „Eine Möglichkeit ist es, ein Produkt in der Hinterhand zu haben, das in solchen Situationen ermöglicht, auch an fallenden Kursen zu partizipieren und das bestehende Aktienportfolio gegen Rücksetzer abzusichern.“ Diese Vorgehensweise ist noch nicht mal besonders ungewöhnlich, denn genau dazu wurden CFDs ursprünglich entwickelt. Die Kombination aus Aktienportfolio und CFDs ist ohnehin sehr reizvoll. Gerade wenn das eigene Portfolio beispielsweise zur späteren Altersvorsorge betrieben wird, sollte man dieses generell möglichst nicht zur Spekulation verwenden, abgesehen von den üblichen Korrekturen, die eine Buy-and-hold-Strategie mit sich bringt. „Trotzdem hat ein Privatanleger ja immer die Kurse seiner Aktientitel im Blick. Es ergeben sich regelmäßig Chancen, besonders im kurzfristigen Bereich, die man dann ohne Schwierigkeit mit Aktien-CFDs wahrnehmen kann, ohne das eigene Portfolio anzurühren“, meint Eberhard.

Foto: Florian Eberhard

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Wie ernst ist der Inflationsanstieg?

Die Preise steigen weltweit an. Raiffeisen-Experte Peter Brezinschek liefert eine Analyse.

Raja Korinek. Kaum ein Thema sorgt derzeit für derart viel Aufsehen wie die steigende Inflation. Für Peter Brezinschek, Chefanalyst bei Raiffeisen Research, kommen die jüngsten Entwicklungen wenig überraschend, wie er bei seinem Vortrag „Delta, Tapering und Inflation – eine Gefahr für die Aktienmärkte?“ am 15. Kongress des Zertifikate Forums Austria festhielt. Brezinschek meint, grundsätzlich sei er ein Optimist. „Doch die Gefahren nehmen zu. Die Entwicklungen in den kommenden Monaten werden entscheidend sein.“

Gemeint sind die steigenden Preise rund um den Globus und deren Auswirkungen auf die Zinslandschaft. Denn nach den harten Lockdowns ist seit Jahresbeginn 2021 ein kräftiger wirtschaftlicher Aufholprozess in Gang. Schließ-lich können Konsumenten ihr Geld wieder ausgeben, „nach Monaten des Zwangssparens“. Auch gibt es jede Menge Investitionsrückstau. Obendrein seien Einkommen und die Entwicklung am Arbeitsmarkt zügig in eine Normalisierungsphase eingetreten, so Brezinschek. Dies hat zuletzt zu einer steigenden Inflation geführt.

Lieferengpässe als kurzfristige Preistreiber
Wenig hilfreich seien Brezinschek zufolge die Lieferengpässe, sie sorgen für weiteren Preisdruck nach oben. Mit ein Grund ist der Containermangel in Asien, der für einen Rückstau bei vielen Waren nach Europa und in die USA sorgt. Viele Unternehmen überdenken deshalb ihre Lagerhaltung, betont Brezinschek. Bislang wurde aufgrund der Globalisierung meist erst dann bestellt, wenn Waren gebraucht wurden. Auf Vorrat wurde möglichst wenig gehalten.

Die aktuellen Entwicklungen könnten nun dazu führen, dass Unternehmen wieder verstärkt auf Lagerhaltung setzen. „Das könnte ebenfalls zu weiter steigenden Preisen führen“, betont der erfahrene heimische Volkswirt. Und dann sind da freilich noch die steigenden Energiepreise, die ebenfalls die Teuerung anheizen.

Ob all dies zu einer dauerhaften Inflation führen wird oder nur temporär ist, das bleibe laut Brezinschek abzuwarten. Er meint jedenfalls, „Inflation ist ein Prozess ständig steigender Preise und Löhne, somit einer dauerhaften Entwertung des Geldes. In gut zwei Jahren wird man sehen, ob dies auch auf die jüngste Entwicklung zutrifft.“

Demografie und CO2-Steuern im Fokus
Brezinschek verweist in diesem Zusammenhang auch auf Aspekte abseits der Lieferengpässe, die auf längerfristige Sicht zu steigenden Preisen führen dürften. Er zählt dazu etwa die demografische Entwicklung weltweit. Mit einer zunehmend alternden Gesellschaft schrumpfe die Zahl an verfügbaren Arbeitskräften, während die Zahl der Pensionisten immer weiter steige. Ein schrumpfender Pool an Arbeitskräften könnte freilich allmählich zu einem Lohndruck nach oben führen. Oben-drein dürften die geplanten CO2-Steuern für einen weiteren Preisschub sorgen, so zum Beispiel beim Tanken und beim Heizen.

Die Notenbanken seien weltweit in Bezug auf die Inflationsentwicklung jedenfalls auf der Hut, betont Brezinschek. In den USA möchte die FED bereits zu Jahresende mit der Drosselung der Anleihekäufe beginnen. Sie hat zudem kürzlich klargestellt, dass eine erste Zinsanhebung im kommenden Jahr nunmehr durchaus realistisch ist. „Aus der Historie wissen wir, dass es bei einer Anhebung aber nicht bleibt.“ Demgegenüber zeige sich die EZB derzeit noch recht gelassen, betont Brezinschek. Fraglich bleibe allerdings, ob sie sich allzu lange gegen globale Tendenzen in Richtung einer allmählichen Normalisierung der Geldpolitik stemmen könne.

Foto: Pixabay / andreas160578

 

 

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Airbus fliegt aus der Krise

Der DAX-Neuling bringt für Investoren jede Menge Schubkraft bei der Rendite mit.

Stefan Riedel, München. Dass Airbus (ISIN: NL0000235190) derartig schnell aus den Turbulenzen des Corona-Jahres 2020 kommt, hätte sich Vorstandschef Guillaume Faury vor Jahresfrist kaum vorzustellen vermocht. Der französisch-deutsche Luftfahrtkonzern hat nach einem glänzenden ersten Halbjahr sein Gewinnziel für 2021 verdoppelt. Airbus erwartet jetzt ein bereinigtes EBIT von 4 Mrd Euro und damit mehr als das Doppelte der 1,7 Mrd Euro von 2020, als das Unternehmen infolge stornierter und verzögerter Aufträge von einem Umsatz- und Gewinneinbruch gebeutelt wurde.

Im zweiten Quartal hatte Airbus den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 70 % auf 14,2 Mrd Euro gesteigert. Der bereinigte operative Gewinn erreichte gut 2 Mrd Euro, nachdem hier ein Jahr zuvor ein Verlust von 1,2 Mrd Euro gestanden hatte. Richtig durchstarten will Airbus dann in den nächsten Jahren. Der Konzern will in vielerlei Hinsicht davon profitieren, dass die Fluggesellschaften ihre Flotten erneuern und die Antriebe ökologisch umrüsten müssen, um die ab 2028 gelten neuen Auflagen für den CO2-Ausstoß zu erfüllen.

Allein beim Passagierflugzeug A 320, seinem mit 80 % aller Auslieferungen meistverkauften Flieger, will Airbus bis zum zweiten Quartal 2023 die Produktion auf 64 Maschinen im Monat hochfahren. Das sind vier mehr als vor der Pandemie und 24 mehr als aktuell. Beim boomenden Frachtgeschäft will das Unternehmen 2025 mit einer Frachtversion des Passagierjets A 350 an den Start gehen.

Airbus sieht sich damit bestens gerüstet, um nach der Corona-Delle von 2020 wieder durchzustarten. Beim Konzerngewinn erwarten die Konsensschätzungen der Analysten nach zwei Jahren mit roten Zahlen für 2021 wieder einen Konzerngewinn in Höhe von 2,8 Mrd Euro. Dieser Wert soll sich dann bis 2023 auf 5 Mrd Euro fast verdoppeln. Bei der EBIT-Marge sollte Airbus 2022 wieder die 9,9 % von 2019 erreichen.

Reichlich Auftrieb gibt es auch für die Airbus-Aktie. Mit einem Börsenwert von 90 Mrd Euro zählt der DAX-Neuling gleich zu den Schwergewichten. Nach den alten Regelungen hatten die Handelsumsätze des seit Juli 2000 in Paris gelisteten Unternehmens nicht für den deutschen Leitindex gereicht. Den Absturz vom Frühjahr 2020 hat die Aktie mittlerweile um 75 % aufgeholt.

Noch Kurspotenzial
Und angesichts der sich wieder aufgehellten Perspektiven sehen die Analysten weiter Luft nach oben. 19 Experten, die Airbus covern, empfehlen den Titel zum Kauf, nur zwei sprechen sich für ein Halten aus. „Airbus steht vor einem wesentlich steileren Produktionsanstieg als vor der Corona-Krise und ist finanziell gegen einen moderaten Inflationsdruck geschützt“, meint Christophe Menard, Analyst bei der Deutschen Bank, und empfiehlt die Aktie mit einem Kursziel von 131 Euro zum Kauf. Das 2022er-KGV von 20 ist angesichts der Wachstumsaussichten keinesfalls übertrieben.

Foto: Airbus

 

 

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Abheben mit Weltraumaktien

Das Geschäft mit der Erkundung des Kosmos eröffnet auch lukrative Investmentperspektiven.

Raja Korinek. Die Erkundung des Weltalls ist beinahe zu Routine geworden, zumindest für einige Unternehmen, die im Geschäft mit Satelliten, Raketen und technischen Dienstleistungen mitmischen. Neuerdings sorgten zwei Milliardäre für besonders große Schlagzeilen. Im Sommer hob Richard Branson, Gründer der Virgin Galactic, mit fünf Astronauten in seiner „VSS Unity“ in den Kosmos ab. Wenige Tage später flog Jeff Bezos, Chef von Blue Orbit, mit drei Crewmitgliedern in seiner „New Shepard“-Kapsel los.

Möglich machen all diese Entwicklungen neue Technologien gepaart mit sinkenden Kosten, ein Umstand, der immer mehr private Unternehmen anlockt. Allein die Herstellungskosten für Satelliten dürften laut der US-Investmentbank Morgan Stanley bis 2040 von rund 500 MioUSD auf 500.000 USD sinken.

Klein und günstig
Auch die Größe schrumpft. Früher wurden gewichtige Satelliten um viel Geld in den fernab gelegenen „GEO“ (Geostationary Orbit) hinaufgeschossen. Neue Innovationen ermöglichen den Bau kleiner, leichtgewichtiger metallener Erdtrabanten, die im weitaus näher gelegenen „LEO“ (Low Earth Orbit) kostengünstiger platziert werden, und das meist in ganzen Gruppen, sogenannten Konstellationen. Allein im vergangenen Jahr wurde mit 1.200 Satellitenstarts ein Rekordwert erreicht. Inzwischen gibt es rund 4.300 Satelliten im All.

Verständlich, dass die Finanzwelt Chancen in diesem Bereich ortet. Heuer wurde der „LFDE Echiquier Space Fonds“ (ISIN: FR0014002VF5) lanciert, wobei Fondsmanager Rolando Grandi von der gesamten Wertschöpfungskette mit dem kosmischen Geschäft profitieren möchte. Es gibt aber Ausnahmen. Grandi investiert derzeit nicht in das Geschäft mit dem Weltraumtourismus. „Entsprechende Unternehmen verwenden noch immer Kerosin. Dabei gibt es längst umweltfreundlichere Varianten, wie etwa Methan.“ Solch ein Treibstoff wird beispielsweise bei SpaceX von Elon Musk eingesetzt, wobei der Konzern noch nicht an der Börse notiert ist.

Die Börse lockt
Vor wenigen Monaten ging hingegen Rocket Lab (US7731221062) an die Börse, wobei sich Grandi an dem IPO beteiligte. Rocket Lab baut unter anderem kleine Trägerraketen für Satelliten namens „Electron“. Spire Global (US8485601087) stellt hingegen Nanosatellitenkonstellationen her. Auch dieses Unternehmen ging im Sommer an die Börse – und ist seither ebenfalls Teil des Space-Fonds. Spire Global sammelt mit den Konstellationen große Datenmengen, die etwa für ökologische Zwecke oder zur Navigation und Ortung von Schiffen und Flugzeugen eingesetzt werden.

Auch die deutsche OHB SE (DE0005936124) sammelt mit ihren Satelliten Daten, um etwa den Klimawandel gut im Auge zu behalten. Die deutsche Bundeswehr zählt ebenfalls zu den Kunden, die mit den OHB-Daten etwa Gefahrenpotenziale ausfindig macht.

Traumtourismus und noch mehr
Eine weitere Möglichkeit bietet das „Vontobel Solactive Space Technology Indexzertifikat“ (DE000VQ7BWA1). Auch hier wird die gesamte Wertschöpfungskette der zivilen Raumfahrt abgedeckt, selbst aus dem Bereich des Weltraumtourismus. Zu den größten Indexpositionen zählen Virgin Galactic Holdings (US92766K1060), Boeing (US0970231058) und der US-Satellitenkommunikationsbetreiber Loral Space & Communications (US5438811060). Betreiber von Trägerraketen und Raumlaboren sind ebenfalls Teil des Index.

Einzig, viele der Geschäftsmodelle sind noch jung. Entsprechend schwankungsfreudig sind deren Aktien.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

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Ein langer Weg der Entschleunigung: Das Tapering der FED und die Inflation in den USA

Das Tapering der FED und die Inflation in den USA. (30.09.)

30.09. Die Federal Reserve (Fed) dürfte nach Einschätzungen von Experten der Capital Group Ende des Jahres damit beginnen die Stimulierungsmaßnahmen zurückzufahren. 2013 sorgte dies für Unruhe an den Märkten. Timothy Ng und Thomas Hollenberg, Portfoliomanager bei Capital Group, analysieren warum die Inflationsrate nicht unbedingt ausschlaggebend ist und warum sie eine erneute Panik für unwahrscheinlich halten.

„Das letzte Mal, als die Fed ihre Anleihekäufe reduzierte, löste dies das berüchtigte Taper Tantrum von 2013 aus“, so Ng. „Die Märkte wurden damals überrumpelt und die Anleiherenditen schnellten in die Höhe.“ Diesmal seien die Anleger besser auf die Straffung der Geldpolitik vorbereitet, weshalb Ng und Hollenberg keinen Aufruhr erwarten. Lediglich der genaue Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Zinswende sei noch unbekannt.

Baldige Zinsanpassung, aber keine Zinserhöhungen vor Ende 2022
„Wir gehen davon aus, dass die Fed ihre Absicht, das Programm zu reduzieren, bereits auf ihrer November-Sitzung bekannt geben wird,“ sagt Hollenberg. Voraussetzung dafür sei, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen bis dahin nicht deutlich verschlechtern. Demnach würde die US-Notenbank wahrscheinlich in den Wochen nach der Ankündigung mit der Reduzierung der Anleihenkäufe beginnen. „Auf der Grundlage früherer Äußerungen der Fed und ihres früheren Tapering-Programms gehen wir davon aus, dass dieser Prozess etwa sechs bis neun Monate dauern wird und höchstwahrscheinlich Mitte 2022 endet,“ analysiert Hollenberg.

Derzeit kaufe die Fed jeden Monat US-Staatsanleihen und Pfandbriefe im Wert von 120 Milliarden US-Dollar. Dieser Betrag würde dann allmählich zurückgeschraubt werden, bis die Fed keine weiteren Wertpapiere mehr aufkaufe. Nach dem Ende des Tapering-Prozesses werde die Fed dann nur noch Wertpapiere kaufen, die zur Aufrechterhaltung des Umfangs ihrer Bilanz ausreichen und alte, fällig werdende Papiere ersetzen.

„Wir glauben, dass die Fed frühestens Ende 2022 eine Zinserhöhung in Betracht ziehen wird,“ sagt Ng. Sobald die Fed die kurzfristigen Zinssätze ansteigen lässt, würde sie dies demnach schrittweise tun, so wie sie es von 2015 bis 2018 der Fall gewesen sei.

Die Fed tritt trotz steigender Inflation nicht auf die Bremse
„Wie den meisten Anlegern bekannt ist, hält die Inflationsrate die Fed nicht zurück,“ so Ng. In diesem Jahr sei diese über die von der Fed angestrebten zwei Prozent gestiegen. Im Juli habe der Wert noch bei 3,6 Prozent gelegen. Damit liege dieser weit über dem Zielwert – auf einem Niveau, das seit den frühen 1990er Jahren nicht mehr erreicht wurde.

Die heutige Inflationsrate sei jedoch nicht unbedingt ausschlaggebend, wenn es um Zinserhöhungen geht. „Die Fed wird diesen Schritt wahrscheinlich erst Ende nächsten Jahres in Erwägung ziehen,“ vermutet Hollenberg. Dabei bleibe abzuwarten, ob die derzeit hohe Inflationsrate bis dahin Bestand haben wird. Wenn das Preiswachstum unter das Ziel zurückgehe, müsse die Fed möglicherweise länger warten.

Warum ein Taper Tantrum 2.0 unwahrscheinlich ist
Beim ersten Taper Tantrum seien Rentenanleger in Panik geraten, als die Fed ihren letzten Zinsschritt ankündigte. Das sei diesmal nicht zu erwarten. „Erstens haben die Anleger schon einmal erlebt, dass die Fed solche Maßnahmen ergriffen hat,“ so Ng. „Sie haben die Auswirkungen gesehen und festgestellt, dass die breitere Normalisierung alles andere als katastrophal war.“ 2013 hätten die Anleger befürchtet, dass die Fed den Leitzins im Laufe der Zeit von null auf eine Spanne von vier bis fünf Prozent anheben würde. Das sei nicht eingetreten. Diesmal würden sie nicht damit rechnen, dass die Fed die Zinssätze wesentlich über zwei Prozent anheben wird.

„Zweitens dürfte der Markt nicht überrascht sein, sobald der Prozess beginnt,“ erläutert Hollenberg. „Die Fed hat ihre Pläne sehr transparent kommuniziert.“ Infolgedessen würde der Markt wahrscheinlich nicht so dramatisch reagieren.

Die Klarheit der Notenbank hätte dazu geführt, dass die aktuellen Anleiherenditen bereits die Annahme widerspiegeln, dass noch vor Ende des Jahres die Anleihenkäufe gedrosselt werden. Danach würden sich die Bedenken der Anleger darauf verlagern, wie schnell die Fed ihre Ankäufe von Vermögenswerten reduziert und wann sie mit der Anhebung der Zinssätze beginnen wird. „Wenn der Inflationsdruck anhält und der Arbeitsmarkt sich positiv entwickelt, könnten die Verzinsungen von US-Staatsanleihen über das gesamte Laufzeitenspektrum hinweg ansteigen,“ so Hollenberg.

Foto: Marriner S. Eccles Federal Reserve Board B

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Turbulenzen richtig nutzen

Von Evergrande bis FED: Sie sorgen für Unsicherheit – und eröffnen neue Chancen.

Raja Korinek. Viele Anleger erlebten am Montag, dem 20. September, eine böse Überraschung, als die Sorgen rund um den chinesischen Immobilienkonzern Evergrande kräftig auf den Börsen lasteten. Der Konzern ist mit rund 300 MrdUSD verschuldet. Doch wie schlimm ist die Lage? Jens Ehrhardt, Vorstandsvorsitzender der DJE Kapital AG, meint im Gespräch mit dem Börsen-Kurier, dass Anleger die Lage rund um Evergrande nicht unterschätzen sollten. „Dennoch sehen wir kein systemisches Risiko wie bei den Lehman Brothers.“ Deren Pleite löste 2008 die globale Finanzkrise aus.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Nervosität vieler Anleger aufgrund der Entwicklung weiter zugenommen hat. Bereits zuvor sorgte die Andeutung der Notenbanken auf beiden Seiten des Atlantiks, die Anleihekäufe zu drosseln, für Verunsicherung. Das aktuelle Umfeld eröffnet in der Welt der Zertifikate jeden-falls interessante Chancen, etwa auf ein Investment in die Volatilität, genauer gesagt auf den VIX-Index, der von der Chicago Board Options Exchange berechnet wird.

Auf Schwankungen „setzen“
Dieser drückt die erwartete Schwankungsbreite anhand von Optionspreisen auf den S&P 500 über 30 Tage in Prozentpunkten aus. Je unruhiger die Börsen werden, desto höher steigt der Index. Auf die künftige Preisentwicklung – anhand Futures auf den VIX-Index – können risikobereite Anleger mittels eines Turbo-Long-Zertifikats der Société Générale setzen (ISIN: DE000SF7TVD7). Das Produkt hat einem aktuellen Hebel von rund 2,88. Um diesen verändert sich der Kurs des Zertifikats im Verhältnis zum Basiswert. Wird die Barriere von 13,99 berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat.

Allerdings können Futures vom aktuellen Preis – in diesem Fall der VIX-Index – teils abweichen, nach oben und nach unten. Obendrein können sich Kursverluste rasch ergeben, wenn sich die Schwankungen an den Märkten beruhigen.

Fallen US-Staatsanleihen weiter?
Ebenso rasch könnten die Kurse von US-Staatsanleihen sinken, wenn die FED beginnt, die geldpolitischen Zügel ein wenig enger zu ziehen. Sollten die Anleihekäufe gedrosselt werden, fällt eine wichtige Marktstütze weg. Auf solch eine Entwicklung können Anleger mit einem Turbo-Short-Zertifikat auf die Kursentwicklung 10jähriger US-Treasuries setzen. Ein entsprechendes Produkt bietet beispielsweise Morgan Stanley an (DE000MA8PDC4). Hier liegt der aktuelle Hebel bei 3,856. Wird bei diesem Zertifikat allerdings die Marke von 164,64 USD berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat.

Auch ein Blick auf den Devisenmarkt kann sich im aktuellen Umfeld lohnen. Historisch gesehen hatte der US-Dollar in turbulenten Zeiten oftmals an Wert gewonnen. Er gilt immer noch als sicherer Hafen. Obendrein dürften steigende Renditen in der Region zunehmend internationales Kapital anlocken. Anleger, die auf einen Anstieg setzen wollen, können dies etwa mit einem Faktor-Short-Zertifikat auf den Euro zum US-Dollar tun. Als Berechnungsgrundlage bei Faktor-Zertifikaten wird stets der Schlusskurs des Basiswertes vom Vortag herangezogen und die prozentuelle Kursveränderung zum Vortag mit dem Faktor multipliziert. Aus diesem Grund können aber auch größere Verluste entstehen, wenn der Basiswert prozentuell stärker seitwärts schwankt oder fällt. Ein solches Produkt bietet etwa die Bank Vontobel mit einem Faktor von 2 an (DE000VP3NZA9). Bei allen drei Produkten müssen Anleger auch größere Verluste verkraften können.

Foto: AdobeStock / Nomad Soul

 

 

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Aktionsplan will Finanzbildung verbessern

Innerhalb von fünf Jahren sollen Kompetenz gestärkt und Bewusstsein für Themen geschaffen werden.

Marius Perger. Am Donnerstag der Vorwoche hat Finanzminister Gernot Blümel unter dem Titel „Mein Geld, mein Leben, meine Entscheidung – ich bin mir sicher“ den bereits seit längerem angekündigten nationalen Aktionsplan zur Finanzbildungsstrategie in Österreich vorgestellt. Die Strategie soll dazu beitragen, die Finanzkompetenz der Menschen in Österreich zu stärken und allgemein mehr Bewusstsein für die Themen Finanzen, Kapitalmarkt, Vermögensaufbau und nachhaltige Finanzplanung zu schaffen, heißt es in einer Pressemitteilung. Mit diesem Wissen sei eine verantwortungsvollere und selbstbestimmtere Teilnahme am wirtschaftlichen Leben möglich, betonte Blümel.

Für die gesamte Bevölkerung
Die Strategie sehe vor, dass in den kommenden fünf Jahren Schritte gesetzt werden, die der gesamten Bevölkerung zugutekommen sollen. Dabei sollen aber bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders erreicht und priorisiert werden. Zu diesen zählen Kinder und Jugendliche, junge Erwachsene, Frauen, berufstätige Erwachsene, Privatanleger und Kleinunternehmer. Darüber hinaus soll sich die Strategie auf acht Lebensphasen – Schule, Weiterbildung, erster Beruf, Arbeitsleben, erste große Anschaffung, Vorsorgen für die Zukunft, Familienleben und Ruhestand – konzentrieren.

Vier übergeordnete Ziele
Als übergeordnete Ziele der Finanzbildung wurden festgelegt:
• die frühzeitige Entwicklung von soliden Prozessen in der finanziellen Entscheidungsfindung und die Vermeidung von Überschuldung,
• die Förderung einer verantwortungsvollen Finanzplanung für ein langfristiges finanzielles Wohlergehen,
• die Sensibilisierung für die Bedeutung von Finanzbildung und Sicherstellung des Zugangs zu qualitativ hochwertiger Finanzbildung für alle Bürger und
• die Steigerung der Effektivität von Initiativen zur Förderung der Finanzkompetenz durch Dialog, Koordination und Evaluierung.

Diese Ziele sollen durch 41 konkrete Maßnahmen unterstützt werden, die in den verschiedensten Bereichen ansetzen und Finanzbildung sowie Finanzkompetenz stärken.

Erste Maßnahme: neues Finanzbildungsportal
Erste konkrete Maßnahme werde die Etablierung eines Finanzbildungsportals sein. Geplant sei, dass dieses als „One-Stop-Shop“ für Informationen rund um das Thema Finanzbildung fungiert. Es gebe in Österreich bereits zahlreiche gute Informationen und Initiativen zu diesem Thema, die nun mit dem neuen Finanzbildungsportal zusammengeführt werden sollen, so Blümel. Vorgesehen sei auch ein Finanzkompetenz-Check: Das Portal werde die Möglichkeit zur Absolvierung eines „nationalen Finanzführerscheins“ bieten.

Dieser soll zwar in erster Linie der persönlichen Orientierung dienen, könne aber auch Nachweis einer Zusatzqualifikation bei Bewerbungen sein.

Erste Evaluierung 2026
Um die nationale Finanzbildungsstrategie abzuwickeln und zu koordinieren wird ein „Koordinierungs- und Kooperationsgremium Finanzbildung“ gegründet werden. An dessen Spitze soll ein „Finanzbildungsrat“ stehen. Diesem werden Vertreter von Finanz-, Bildungs- und Konsumentenschutzministerium, der Oesterreichischen Nationalbank sowie Vertreter des privaten Sektors bzw. von NGOs angehören.

Eine erste Evaluierung der bis dahin erreichten Ziele ist 2026 geplant. Es sei aber klar, „dass uns dieses Thema auch über diesen Zeithorizont hinaus begleiten wird“, so Blümel.

Positive Reaktionen
Die Leiterin des OECD Berlin Centers Nicola Brandt erklärte, dass die Zusammenarbeit mit Österreich zur Erarbeitung der Finanzbildungsstrategie „wahre Pionierarbeit“ gewesen sei; ähnliche Projekte seien nun mit Griechenland, Polen und Portugal geplant.

Auch EU-Kommissarin Mairead McGuiness begrüßte die Initiative, die Teil der breiter angelegten Bemühungen auf EU-Ebene sei, die Finanzkompetenz zu erhöhen.

Begrüßt wurde die Strategie unter anderem von Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und Aktienforum. Dessen Präsident Robert Ottel betonte, dass Finanzbildung Basis für sozialen Wohlstand sei und dazu beitragen könne, zukünftigen Krisen vorzubeugen.

Wesentliches Anliegen sei die professionelle Überarbeitung von Unterrichtsmaterial und eine breite Verankerung in den Schullehrplänen, so Ottel. Eine „qualitative und quantitative Verbesserung von Unterrichtsmedien“ sowie eine verbindliche Verankerung in den Lehrplänen forderte auch die Industriellenvereinigung.

Foto: AdobeStock / eugenepartyzan

 

 

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Überholen die Chinesen Europa?

Deutsche Bank Wealth Management wagt den Globalausblick.

Rudolf Preyer. „Wir werden aus bekannten Gründen nicht zum ‚alten Normal‘ zurückkehren können“, eröffnete Markus Müller, Globaler Leiter Chefanlagestrategie bei Deutsche Bank Wealth Management, den exklusiven Marktausblick-Round-Table. Vom Börsen-Kurier auf den Themenkomplex ESG (Environmental, Social, Governance) angesprochen, meinte Müller, dass dieser Bereich „potenziell – sowohl auf Unternehmens-, als auch auf Volkswirtschaftsseite – wachstumsfördernd“ sein könne. Nachgefragt, ob strenge Restriktionen nicht wettbewerbsverzerrend bzw. gar nachteilig für den europäischen Markt seien, meinte der Chefstratege, dass Europa die Technologieführerschaft – etwa auch in der „grünen Technologie“ – anstreben müsse, dann würden auch weitere Märkte folgen. „Unser Kontinent kann etwa in puncto erneuerbarer Energien als Prozessindustrie bereits eine globale Vorreiterrolle einnehmen.“

Deutschland im Rückspiegel
Müller erinnerte aber auch an ein eher unrühmliches Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Unser nördlicher Nachbar war einst „sehr gut in der Solar-Technologie“, ist mittlerweile aber von den Chinesen überholt worden. Was zu tun sei, um nicht im Rückspiegel des Reichs der Mitte immer kleiner zu werden? „Bildung ist essenziell.“

Jedoch müssen die Schul- und vor allem Studienpläne entstaubt werden, denn diese seien noch „auf die Struktur der letzten Industrialisierung ausgerichtet – also 150 Jahre veraltet“. Auch überlegte er, ob man nicht das traditionelle 3-Sektor-Modell „Agrartechnologie, Industrie und Service“ um den Sektor „Digitalisierung“ ergänzen müsste.

Der Deutsche-Bank-Vordenker führte weiters aus, was sich für das verbleibende Jahr aus Finanzmarktsicht erwarten lässt.

Globalperspektiven
Die Produktivität bleibe in der Eurozone eine „große Problematik“ (die erste von Müllers „Zehn zentralen Thesen“). Aber: Das Wachstumsgefälle zwischen der Eurozone und den USA werde heuer seinen Höhepunkt erreichen, wobei die Eurozone diese Wachstumslücke im kommenden Jahr schließen dürfte. Infolgedessen werde sich der US-Dollar aufgrund der zunehmenden Wachstumsdynamik in Europa abschwächen.

Die Zentralbanken sollten allgemein eine Drosselung der Anleihekäufe Richtung 2022 erwägen, die Fed dürfte ab Dezember 2021 schrittweise mit der Reduzierung der Anleihekäufe beginnen. Apropos Tapering: Dieses sei bereits in den Aktienmärkten eingepreist, so Müller. Aber: „Aktien sollten weiterhin vom TINA(‚The-re Is No Alternative‘)-Argument profitieren.“

Die Inflationsraten werden in absehbarer Zeit nicht auf Vorkrisenniveau zurückkehren. Hier spiele die Umweltpolitik inzwi-schen eine Rolle: Der CO2-Ausstoss verteure sich generell (Stichwort Zertifikate), was einen Inflationsdruck auslöse (der sogenannte „Spill-Over-Effekt“).

Globaldrift
Das Chief Investment Office geht von einem Wachstum für 2022 von 4,7 % in den USA und 4,6 % in der Eurozone aus. Und China?

Die Volksrepublik investiert rund 750 MrdUSD in Häfen, Straßen und Bahnstraßen zwischen Asien und Europa sowie in Afrika. China konnte ein Wachstum von 2,27 % im Krisenjahr 2020 verzeichnen und wird dieses Jahr ein voraussichtliches Wachstum von 8,2 % verzeichnen. Nächstes Jahr sollen es dann „nur mehr“ 5,6 % sein – die offizielle Staatsdoktrin dazu lautet „Moderate Prosperity“.

Müller vom Deutsche Bank Wealth Management kam in seinem Marktbericht zuletzt auf den Bereich Relokalisierung und diversifizierte Lieferketten zu sprechen, denn „das ist bestimmt nicht die letzte Pandemie, die wir erleben werden“.

Foto: AdobeStock / Zerbor

 

 

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Emerging Markets: Selektiv investieren

Experten sind für Schwellenländer trotz China-Turbulenzen optimistisch.

Harald Kolerus. In den vergangenen Wochen dominierten keine positiven Schlagzeilen das Geschehen im Reich der Mitte. Strenge Regulierungen im Bildungsbereich sowie im Technologiesektor haben Investoren aufgeschreckt. Somit war die Entwicklung in China ein wichtiges Thema im jüngsten Webinar der Capital Group zu Emerging Markets. Es wurden aber auch Anlagemöglichkeiten von Brasilien bis Indien beleuchtet.

Kurze Zeitreise
Es referierten Victor Kohn, Portfolio Manager und Valeria Vine, Investment Specialist bei der Capital Group. Wobei beide keine Fonds allein managen, sondern Teil breiterer Teams sind. Interessant: Kohn ist bereits seit 1986 in den Emerging Markets auf der Suche nach Anlagechancen, seither hat sich einiges fundamental verändert: „Als ich damals etwa in Argentinien oder Brasilien Vorort recherchierte, hörte ich von den Unternehmen oft: ,Schön sie zusehen, aber warum sind Sie eigentlich hier?‘ Heute sieht die Situation anders aus. Es gibt viel mehr professionelle Informationen und ein deutlich breiteres Spektrum an Investmentmöglichkeiten. So war z. B. der chinesische Aktienmarkt damals gar nicht existent. Nicht zuletzt sind die Volkswirtschaften der Emerging Markets stark gewachsen.“

Keine Flucht aus China-Investments
Am deutlichsten demonstriert die wachsende ökonomische Bedeutung natürlich wiederum China: Es nimmt heute nach Kaufkraftparitäten gemessen an die 50 % des globalen BIP ein. Innerhalb der nächsten Dekade könnte China sogar zur größten Volkswirtschaft der Welt heranwachsen. Was nun die jüngste Regulierungswut im Reich der Mitte betrifft, kommentiert Kohn (der Portfolio-Manager für den „Capital Group World Growth and Income Fund“ sowie den „Capital Group Emerging Markets Growth Fund“ ist): „Peking will Bereiche wie Gesundheit, Bildung und Wohnen für die breite Bevölkerung besser zugänglich und finanziell leichter erschwinglich machen. Es ist zu erwarten, dass die Restriktionen auch noch auf andere Felder ausgedehnt werden könnten, z. B. die Gaming-Industrie.“ Laut dem Experten sollte man deshalb aber nicht auf chinesische Titel im Portfolio schlichtweg verzichten: „Wir sehen eine kontinuierliche Entwicklung sehr guter Unternehmen aus China, die sich international durchsetzen. Etwa im Bereich der Generika bzw. Biotechs, die von der Regierung stark unterstützt werden.“ Wobei der Experte darauf hinweist, dass eben in ausgesuchte Unternehmen investiert wird und nicht pauschal.

Viele Möglichkeiten
Vine, Emerging-Markets-Spezialistin für den „Capital Group New World Fund“ (ISIN: LU1481181599) und den „Capital Group Emerging Market Growth Fund“ (LU0100551489), fügt hinzu: „Anlagemöglichkeiten bieten ausgewählte Titel, die Innovationen in Schwellenländern vorantreiben, sowie Unternehmen, die unterversorgte Kundensegmente bedienen.“ Wobei wichtige Trends wie die Wiederbelebung der Reisenachfrage, das Wachstum digitaler Plattformen und die Beschleunigung der Mobiltechnologie die Perspektiven der Schwellenländer beflügeln. Trotz guter Aussichten empfiehlt sich aber immer selektives Vorgehen. So etwa in Brasilien, das politisch wie makroökonomisch herausfordernd sei. Dennoch finden sich hier z.B. im Bereich des „Digital Payments“ gute Unternehmen, die von der Ineffizienz traditioneller Banken profitieren.

Als spannend bezeichneten beide Experten auch Indien, eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Denn der Subkontinent befindet sich in einer viel früheren Entwicklungsphase als China und bietet somit enormes Aufholpotenzial. Hinzu kommt, dass sich die Zahl der Haushalte mit einem Einkommen von über 30.000 USD innerhalb von zehn Jahren verdoppeln wird. Der steigende Wohlstand sollte nicht zuletzt Branchen wie die Luxusgüterindustrie oder Reisen/Flugsektor unterstützen.

Foto: AdobeStock / reeel

 

 

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Trend-getriebener MSCI-World-Index

Die Kritik am technologielastigen Weltindex wird lauter.

Roman Steinbauer. In der Finanzwelt wird zunehmend ein Klumpenrisiko in der Konstruktion des globalen Leitindex MSCI World (ISIN: XC0009692739) befürchtet. Basieren doch einige bedeutende Anlageprodukte (ETFs, Fonds) und damit hohe Volumina auf diesem vielbeachteten Parameter des New Yorker Finanzdienstleisters für Investmentbanking, MSCI Inc. (ehemals zu Morgan Stanley Capital gehörend). Zwar wurden Small-Cap-Aktien in dem am 31. Dezember 1969 gestarteten und 1986 von Morgan Stanley lizenzierten MSCI World nie berücksichtigt. Doch nun löst bei Analysten die zunehmend geringe Rolle der Value-Werte und die einseitige Gewichtung von US-Technologie-Aktien Bedenken und Skepsis zu einem womöglich aufziehenden depressiven Börsenumfeld aus. Es werden zunehmend kritische Stimmen laut.

Auf der größten Investment-Community-Plattform, Seeking Alpha, drücken Marktinsider bereits ihr Unbehagen über die Zusammensetzung des Index aus. Seit dem Jahr 2009 befinden sich 96 % der MSCI-Anteile im gestreuten Eigentum diverser Finanzinstitutionen.

Ein Tech-Index der G7-Staaten?
Zum 31. August waren 1.557 Aktien aus 23 Industrieländern im World-Index einbezogen. Schwellenländer werden nicht berücksichtigt. Neben Nordamerika werden die Börsen aus Japan, Hongkong, Singapur und Israel sowie in der Pazifik-Region von Australien und Neuseeland berücksichtigt. Aus Europa sind Österreich und Finnland als östlichste Staaten repräsentiert. Es gilt, 85 % der weltweiten Marktkapitalisierung aus entwickelten Industrieländern durch den „Global Industry Classification Standard“ von MSCI und Standard & Poor‘s über elf Sektoren abzubilden.

Eine tragende Rolle spielt dabei die Kapitalisierung der Unternehmen. Das führte aber zu einer Gewichtung von 20 % durch die zehn bedeutendsten Einzelwerte alleine. Das Weltbörse-Barometer ist bloß durch die Kursentwicklung der US-Tech-Giganten wie Microsoft, Amazon, Alphabet oder Apple in Summe bereits zwischen 10 und

13 % geprägt. Entsprechend veränderte sich die Branchengewichtung: Das IT-Segment macht beachtliche 23 % im MSCI aus. Es folgen Finanzen (13 %), Gesundheit (13 %), Konsumgüter (12 %), Industrie (10 %) und (wiederum Tech-lastige) Kommunikationsdienstleister (9 %). Durch die hohe Kapitalisierung repräsentieren US-Gesellschaften 67 % des Index-Volumens. Exorbitant weit dahinter folgen Japan mit lediglich 7 %, Großbritannien (4 %) sowie Frankreich, Kanada und Deutschland mit jeweils 3 %. Wegen seiner starken Abhängigkeit vom US-Markt ist für den MSCI-Index die Handelszeit an den US-Börsen relevant und am aussagekräftigsten.

Die Kopie als reduzierte Zielvorgabe
Der MSCI World gilt in erster Linie Finanzinstitutionen als auch Privatanlegern als Messlatte (Benchmark). Ableitend darauf sind derzeit 16 ETFs (Kostenquote für Anleger zwischen 0,1 und 0,5 %) zur Auswahl am Markt implementiert. Laut dem ETF-Portfolio-Tool-Anbieter „just ETF“ liegt der „iShares Core MSCI World UCITS ETF USD“ (IE00B4L5Y983) mit einem Anlagevolumen von 36 Mrd USD (30,4 Mrd Euro) vorne. Dahinter folgt mit Abstand der „Xtrackers MSCI World UCITS ETF 1C“ (ISIN: IE00BJ0KDQ92) mit 7,8 Mrd USD (6,59 Mrd Euro). Die beste Performance weist auf 1-Jahresbasis der „Lyxor MSCI World UCITS ETF“ (FR0010315770) mit +32 % vor

dem „Amundi MSCI World UCITS ETF EUR C“ (+31 %, LU1681043599) auf. Der MSCI-World-Index zog während dieses Zeitraums um 31 % an. Allerdings bedeutet das auch, dass etliche Produkte unterhalb dieser Performance liegen. Wenigen auf dem Weltindex basierenden Fonds gelingt der Parallellauf. So hält der „Fidelity MSCI World Ind.Fd.P Acc EUR“ (IE00BYX5NX33) bei +32,4 %.

Foto: AdobeStock / monsitj

 

 

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„Enkeltauglich ist mir wichtig“

Der oberösterreichische Unternehmer Christian Neuwirth engagiert sich bei Oikocredit.

Red. Mit seiner Linzer Projektagentur für Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeitslösungen entwickelt Christian Neuwirth weltweit praktische Lösungen für Energieeffizienz und Klimaschutz. Ehrenamtlich setzt er sich für die Genossenschaft Oikocredit ein, zumal es eine Reihe an inhaltlichen Überschneidungen im Entwicklungsansatz für Menschen im Globalen Süden gibt. Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier erklärt Neuwirth warum.

Börsen-Kurier: Das Augenmerk Ihrer selbständigen wie auch der freiwilligen Tätigkeit ist auf das Thema Nachhaltigkeit gerichtet.
Christian Neuwirth: Das resultiert aus meiner bäuerlichen Prägung. Ich bin auf dem elterlichen Bauernhof im oberösterreichischen Wallern an der Trattnach aufgewachsen. Dort habe ich von klein auf das nachhaltige Prinzip der Forstwirtschaft kennengelernt und das lautet: Im Wald ist nur so viel Holz zu schlagen, wie permanent nachwächst. Diese „Enkeltauglichkeit“ ist mir sehr wichtig. Als Unternehmer widme ich mich praktischen Lösungen und manage Projekte im Bereich erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Klimaschutz. Ich biete resultatorientierte Energieaudits, beschäftige mich in diesem Zusammenhang mit Produktentwicklung und Produktmanagement im internationalen und nationalen Bereich und initiiere und betreue Projekte der Entwicklungszusammenarbeit wie derzeit in Gambia.

Börsen-Kurier: Wie sind Sie auf Oikocredit aufmerksam geworden und warum setzen Sie sich ehrenamtlich für die Genossenschaft ein?
Neuwirth: Das war im Jahr 2015 durch das Bildungsprojekt mit dem Namen „Know-how aus Österreich für Expertinnen und Experten aus Ostafrika“, welches von Oikocredit Austria ins Leben gerufen und vom Land Oberösterreich unterstützt wurde. Oikocredit ermöglichte damals einer Teilnehmergruppe aus Ostafrika ein Fortbildungsprogramm mit dem Ziel, Know-how aus Österreich für die Landwirtschaft und die Nutzung erneuerbarer Energien in Afrika mitzunehmen. Da habe ich mit meinem elterlichen Betrieb, den wir damals gerade energieautark gemacht haben, mitgewirkt. Das Ziel war, dass Expertinnen und Experten aus Afrika in Österreich Erfahrungen sammeln, die sie in ihren Heimatländern umsetzen können. Einer der Teilnehmer, Raphael Ndolo aus Kenia, war bei der Planung einer Photovoltaikanlage und bei der Montage einer Hackschnitzelheizung, die wir mit einer Solaranlage gekoppelt haben, als Praktikant dabei.

Börsen-Kurier: Diese interkulturelle Begegnung erwies sich als sehr fruchtbar für beide Seiten.
Neuwirth: Absolut! Raphael und andere Teilnehmer konnten zahlreiche Erkenntnisse aus der Zeit in Österreich mitnehmen und umsetzen. Wir sind während seines Aufenthalts in Oberösterreichs Freunde geworden. Ich habe ihm unsere Kultur nahegebracht und war mit ihm im Salzkammergut wandern.

Börsen-Kurier: Welche Erfahrungen aus Österreich konnte Herr Ndolo in seiner Heimat Kenia in die Tat umsetzen?
Neuwirth: Bei meinem selbst finanzierten Besuch 2016 bei Raphael und seiner fünfköpfigen Familie in Nairobi konnte ich mich selbst davon überzeugen. Im landwirtschaftlichen Betrieb der Familie außerhalb Nairobis hielt die erneuerbare Energie Einzug. Es war eine Freude zu sehen, dass er vieles von dem was er im Rahmen des Bildungsprojekts von Oikocredit in Österreich gelernt hatte, in die Praxis umsetzen konnte. Zum Beispiel bezieht er den Strom für die Beleuchtung aus einem Photovoltaik-Modul. Auch die Idee einer kleinstrukturierten Landwirtschaft mit mehreren Standbeinen, wie Kaninchenzucht und Bio-Gemüse, sowie den Vertrieb seiner Produkte an kleine Händler gehören zu den aus Österreich mitgenommen Repertoire.

Börsen-Kurier: Ideen, die sich einer Entwicklungszusammenarbeit verdanken, die nicht mit Spenden, sondern mithilfe breitgestreuter „Impact Investments“ finanziert wird. Glauben Sie, dass Anlageformen nachhaltiger und sozialer Geldanlage in Zukunft eine größere Rolle spielen werden?
Neuwirth: Meiner Meinung nach, dürfte es in Zukunft nur noch Anlageformen geben, die zugunsten einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung eingesetzt werden. Sogenanntes „Greenwashing“ diverser Organisationen lehne ich ab.

Weiter Informationen finden Sie unter www.oikocredit.at.

Foto: ib:neuwirth

 

 

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Stille Wasser sind tief – ruhiger Aktienmarkt mit drei Fragezeichen

Die Aktienkurse sind seit Monaten überraschend stabil und die Bullen behalten weiter die Oberhand. Dennoch sind unter der Oberfläche drei wesentliche Entwicklungen zu beachten, analysiert Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich AG, in seinem Marktkommentar. Allen voran das Weltwirtschaftswachstum, das nach der Erholung der letzten Monate nun einen Gang zurückschaltet.

(08.09.) An den Aktienmärkten ist es außerordentlich ruhig. Sowohl in den USA als auch in Europa bewegen sich die Volatilitätsindizes auf sehr niedrigem Niveau. Der S&P 500 Index hat beispielsweise in den letzten zehn Monaten keinen Rückgang verzeichnet, der auch nur fünf Prozent erreicht hat. Der Kurs bewegte sich entweder schnurgerade nach oben oder eher seitwärts, aber eine richtige Korrektur hat nie stattgefunden. Solche Perioden sind sehr selten. Der Status quo zeigt, dass nach wie vor viel Kraft und Momentum in dieser Bewegung stecken. Denn sobald die Kurse nur ein wenig nach unten gehen, besteht sofort wieder Interesse, nachzukaufen und Positionen zu erhöhen. Es gibt scheinbar immer noch genügend Investoren, die nicht voll investiert sind und an der Seitenlinie auf solche Gelegenheiten warten.

Höhepunkt des Wirtschaftswachstums

Auch wenn es an den Börsen ruhig ist, bewegt sich unter der Oberfläche einiges, das es zu beachten gilt. Zum ersten ist die Entwicklung des Wirtschaftswachstums maßgeblich. Wir sehen eine nachlassende Dynamik in den USA, aber auch in den Emerging Markets. In Europa wird wahrscheinlich im dritten Quartal der Zenit der Wirtschaftserholung erreicht. Das Beste liegt dann wohl hinter uns. Das ist nicht alarmierend, sondern signalisiert lediglich, dass der Höhepunkt der Erholung überschritten ist. Die gute Nachricht ist, dass das überdurchschnittliche Wachstum – wenn auch auf niedrigerem Niveau – bis Mitte 2022 anhält. Das ist für Aktieninvestoren beruhigend: Gröbere Aktienbaissen hat es in der Vergangenheit nur gegeben, wenn die Wirtschaft eine Rezession durchlaufen hat.

Der zweite wichtige Aspekt ist die Reaktion der Notenbanken auf die Wirtschaftsentwicklung. Der Blick ist vor allem auf die US-amerikanische Notenbank Fed gerichtet. Nachdem Anleihen in rauen Mengen gekauft wurden, stellt sich nun die Frage, wann die Anleihenkäufe zurückgefahren werden. Hier spielt auch das Thema Inflation mit. Wenn wir nur ungefähr auf dem prognostizierten Pfad bleiben, nähern sich die Inflationsraten auch bei einer mehrjährigen Durchschnittsbetrachtung der Zielmarke von zwei Prozent, die die amerikanische Notenbank festgelegt hat. Damit wäre eine wichtige Voraussetzung für eine weniger expansive Geldpolitik erfüllt. Nun ist entscheidend, wann die US-Notenbank glaubt, dass auch die wirtschaftliche Erholung kräftig genug ist, um wieder in Richtung Normalisierung zu gehen. Wie der Fed-Sitzung im Juli zu entnehmen war und wie Fed-Chef Jerome Powell beim virtuellen Zentralbanktreffen in Jackson Hole im August bekräftigte, ist eine erste Reduktion der Anleihenkäufe noch in diesem Jahr realistisch. Nach dieser Rechnung könnten die Käufe dann im dritten Quartal 2022 eingestellt werden und die Zinserhöhungen 2023 beginnen.

Zusammenhang zwischen Durchimpfungsrate und Restriktionen
Drittens ist die Ausbreitung der Delta-Variante weiterhin ein Risikofaktor, der beachtet werden muss. Sorgen über wirtschaftliche Einschränkungen bestehen weiterhin und die enormen Lieferengpässe bremsen die Produktion in der Industrie. Die Situation ist aber nicht überall gleich. In der EU, wo bereits 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft sind,[1] rechnen wir nicht mit harten Restriktionen, die die Erholung gefährden. Damit dürfte die Eurozone sich als widerstandsfähiger erweisen als andere Regionen. Auch in den USA ist die aktuelle konjunkturelle Verlangsamung nur zum Teil auf die hochansteckende Delta-Variante zurückzuführen. Versorgungsengpässe und steigenden Preise spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle.

Aktien: Fortgeschrittene Bewertungen, aber alternativlos

Im aktuellen Umfeld bleiben Aktien die bevorzugte Anlageklasse. Die Bewertungen sind recht hoch, was aber aufgrund der hohen Gewinnsteigerungsraten der Unternehmen auch berechtigt ist. Attraktive Alternativen sind kaum vorhanden. Während im Frühjahr die zyklische Erholung der globalen Wirtschaft für steigende Inflationserwartungen und damit höhere Anleiherenditen gesorgt hat, hat sich diese Bewegung zuletzt wieder umgekehrt – die Renditen in dieser Assetklasse sind mittelfristig zu tief. Daher bleibt die Zürcher Kantonalbank Österreich AG bei Aktien weiterhin übergewichtet und belässt den Fokus hierbei auf den Industrienationen. Emerging Markets und der pazifische Raum bleiben untergewichtet.

Foto: Zürcher Kantonalbank Österreich AG

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Aufflammender Nikkei-Index

Stimulus-Erwartungen und Auslandskäufe führen zu weiterem Aktienschub.

Roman Steinbauer. Seit Mitte August übertrumpft Japans führender Aktienindex erneut die entwickelten Märkte des asiatisch-pazifischen Raums. Diese Charakteristik des Nikkei 225 war bereits im Frühjahr zu beobachten. Zwischendurch wurde der Aufwärtstrend von einer Korrektur unterbrochen, die das 225 Titel umfassende Leitregister um 10 % abbröckeln ließ. Doch Nippons relevanteste Aktien-Messlatte legte jüngst binnen 14 Handelstagen um 10 % zu, um erneut die Spitzenmarke anzugreifen – ein seit 30 Jahren (Ende der japanischen Immobilienblase) nicht mehr gesehenes Niveau. Kauffantasie wurde in der Vorwoche vor allem durch die unerwartete Rücktrittsankündigung von Japans Premier Yoshihide Suga geschürt, dessen Umfragewerte zuletzt rapide abnahmen. Vom Nachfolger werden nun weitgehendere Stimulus-Maßnahmen erwartet. Einhergehend damit wurde der japanische Yen gegenüber dem Euro und dem US-Dollar um 2 % gedrückt – was stets gut für Titel von Exporteuren ist.

Dennoch hinken Japans prominenteste Aktien heuer dem US-Pendant S&P 500 (+21 %) hinter-her. Interessant dazu die Betrachtung der Höhe ausländischer Investments in japanische Valoren: Wie das Tokioter Finanzministerium veröffentlichte, ist eine klare Zunahme zu erkennen. So ist nach Schüben bis Mai wiederum ein wöchentlich ausgeprägter Kaufüberhang von zuletzt umgerechnet 3,24 Mrd Euro auszumachen. An vorderster Front profitierten Papiere wie Alps Alpine (ISIN: JP3126400005), Bridgestone (JP3830800003), Canon (JP3242800005) oder Denso (JP3551500006). Nach Angaben des Hongkonger Analyse- und Datenlieferanten CEIC Data steht das KGV des Nikkei aktuell bei 32. Die hohe Bewertung verschreckte Investoren historisch allerdings schon oft zu früh.

Ungetrübtes Vertrauen in die Rahmenbedingungen
In der Vorwoche dominierten positive Datensignale. Neben starken Einzelhandelszahlen für Juli, die mit 2,4 % über den Schätzungen (2,1 %) lagen, übertraf das BIP-Wachstum für das 2. Quartal mit +1,9 % zum Vorjahreszeitraum die Erwartungen klar (1,6 %). Enttäuschend blieben für den Berichtszeitraum bloß die Ausgaben der privaten Haushalte, die mit +0,7 % nicht an Fahrt gewannen wie erhofft. Auch der Indikator des Haushaltsvertrauens begann mit 36,7 Punkten nach dem starken Wert im Juli (37,5) etwas zu hängen. Einmal mehr beeindruckt aber der neu veröffentlichte Stand an Devisenreserven. Mit 1,42 Bio USD (1,21 Bio Euro) macht dieser monetäre Polster verständlich, weshalb der japanische Yen immer noch die Funktion einer Fluchtwährung in der Krise übernimmt. Passend zu diesem Umstand bekam das Inselreich kürzlich langlaufende, 30-jährige Anleihen um 0,66 % am Markt unter.

Zwar ist es Deutschland (0,12 %) und Österreich (0,34 %) möglich, sich durch stützende Bond-Ankäufe der EZB noch günstiger zu refinanzieren, doch gilt Japan davon abgesehen als geographisch und politisch weitgehend autark.

Ende der deflationären Gehaltsspirale
Auch in Fernost ziehen die Arbeitnehmerlöhne aber bereits an. Die vom Arbeitsministerium publizierten +1 % für Juli (gegenüber dem Vorjahr) erscheinen mager, zeigen für japanische Verhältnisse aber eine Trendwende auf. In den vergangenen zwei Jahren sanken diese teilweise um bis zu 3 %. Mit Ausbruch der Gesundheitskrise zog die Arbeitslosenrate in der Spitze auf 3,15 % (2,2 % noch im Jänner 2020) an. Für Europäer liest sich selbst das wie eine irreale Wunschquote. Doch ist zu bedenken, dass es in Japan kaum einen Gastarbeiteranteil gibt und Beschäftigungslose aller Arbeitsfähigen ermittelt werden.

Foto: AdobeStock / eyetronic

 

 

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Blackout jederzeit möglich

Wie sich Unternehmen darauf vorbereiten können und was Versicherungen leisten würden.

Marius Perger. Ein möglicher Blackout, die Vorbereitung darauf und die Rolle von Versicherungen bei solchen Ereignissen waren Thema des Vortrags von Johannes Vogl beim Risikotag des Versicherungsmaklers Greco International AG in der Vorwoche.

Vogl ist General Manager bei der Greco Risk Engineering GmbH, einer Gesellschaft, die Industrieunternehmen im Bereich operationeller Risiken berät.

Am 8. Jänner dieses Jahres hat es im europäischen Stromsystem einen schwerwiegenden Zwischenfall gegeben; eine Verkettung mehrerer Ereignisse hat zu einer Netzauftrennung und in der Folge zu einem Anstieg der Frequenz in Südosteuropa und einem Frequenzabfall im übrigen Europa geführt.

Dank der Aktivierung automatischer Schutzmechanismen und manueller Maßnahmen habe nach knapp einer Stunde wieder Normalbetrieb geherrscht. Ein Blackout konnte damit verhindert werden. Doch kleinere solche Ereignisse gebe es laufend, so Vogl.

Versorgung vielleicht Monate lang gestört
Unter Blackout sei ein plötzlicher, überregionaler und weite Teile Europas betreffender, länger dauernder Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall zu verstehen, bei dem keine Hilfe von außen möglich ist, erklärt Vogl.

Ursache für einen Blackout könne insbesondere eine unzureichende Netzstabilität sein; aber auch Cyberattacken, Terroranschläge, Naturkatastrophen oder menschliches Versagen könnten zu einem Blackout führen. Dabei käme es durch einen Stromausfall für mehrere Stunden zum totalen Stillstand. Mehrere Tage nach dem Stromausfall würde es keine Telekommunikation geben, das Wiederhochfahren der Infrastrukturen und die Wiederherstellung der Versorgung können „Wochen und Monate“ dauern.

Neben der Telekommunikation wären auch Wasser- und Treibstoffversorgung, Verkehrsleitsysteme, Heizungs- und Klimaanlagen oder Computersysteme für unbestimmte Zeit nicht verfügbar. Für Unternehmen seien signifikante wirtschaftliche Schäden durch Betriebsunterbrechungen zu erwarten.

Ein wahrscheinliches Ereignis
In seiner sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2021 hat das Österreichische Bundesheer einen Blackout als Gefährdung des Gesamtsystems und seinen Eintritt als „wahrscheinlich“ bezeichnet.

Damit handle es sich um ein „Extremereignis“, das zu einer Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit führen würde, die eine Überforderung der zivilen Organisationen und einen Assistenzeinsatz des Bundesheeres zur Folge haben könnte.

Vor allem die Energiewende mit ihrer Vielzahl kleinerer Kraftwerke, die weniger leicht gesteuert werden können als wenige große, mache einen Blackout wahrscheinlicher, sagt Vogl. Experten würden damit rechnen, dass es in den nächsten fünf Jahren zu einem solchen Ereignis kommen wird.

Risikomanagement
Weil es sich bei einem Blackout um ein Risiko handle, das von außen auf das Unternehmen einwirkt, sei es nur möglich, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und vorbereitet zu sein; entscheidend sei es, die eigene Risikoexponierung zu kennen.

Nötig sei es, kritische Prozesse und Ressourcen zu identifizieren, Absicherungsmaßnahmen für Anlagen zu definieren, die externe und interne Kommunikation sicherzustellen, auch wenn alles offline ist, sowie für Bewusstseinsbildung bei den Mitarbeitern zu sorgen. Und schließlich müsse es ein Wiederanlaufkonzept geben.

Als Risiko der höheren Gewalt sei ein Blackout zwar grundsätzlich nicht versicherbar. Möglich sei allerdings die Deckung von Folgeschäden eines Blackouts im Rahmen einer Flexa-Versicherung (Fire, Lithtning, Explosion, Air-craft), betont Vogl.

Er empfiehlt einen Check der aktuellen Versicherungsverträge, wobei besonders auf spezielle Ausschlüsse in den Verträgen geachtet werden sollte. Möglich sei es auch, mit dem Versicherer spezielle Einschlüsse zu verhandeln; viel hänge dabei von der Risikoqualität des Unternehmens ab.

Foto: Pixabay / Free-Photos

 

 

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(K)ein Land der Onlineversicherung?

Stimulus-Erwartungen und Auslandskäufe führen zu weiterem Aktienschub.

Emanuel Lampert. Wenn es um den Onlinevertrieb von Versicherungen geht, fällt einem gern als erstes Großbritannien ein. Dort hat sich das Internet als ein wesentlicher Verkaufskanal etabliert. Christopher Sandilands, sowohl Brite als auch Österreicher, ist Mitgründer von Oxbow Partners, einer auf Versicherungen spezialisierten Unternehmensberatung mit Sitz in London. Bei einem Experten zeichnete er nach, wie sich der englische Markt „massiv verändert“ hat.

1985 habe „Direct Line“ mit dem Verkauf via Callcenter den Auftakt gemacht. Zu Beginn der 2000er sei der Onlinevertrieb aufgekommen. Dessen Anteil am Neugeschäft in der Kfz-Versicherung sei von 2001 rund 10 % rasch auf 2005 rund 40 % gestiegen, danach aber wieder deutlich gesunken. Warum?

Siegeszug der Vergleichsportale
Sandilands Antwort: Preisvergleichsportale kamen auf und nahmen den Direktanbietern Marktanteile ab. Inzwischen nutzten 73 % der Versicherungsnehmer für Neuabschlüsse in der Kfz-Versicherung ein Portal, in der Haushaltsversicherung 59 %. Heute werde der englische Markt von vier großen Portalen dominiert.

Warum funktionieren Preisvergleichsplattformen in England so gut? Sandilands zeigte ein Diagramm, wonach knapp 40 % ihren jetzigen Kfz-Versicherungsanbieter wegen des „billigsten“, gut ein Viertel wegen des „billigeren“ Angebots gewählt haben, nur 15 % wegen der Konditionen.

England zeige, dass Disruption im Versicherungsmarkt stattfinden könne – und Österreich sei da kein Sonderfall, lautet seine Hypothese. Die Frage sei nicht, ob, sondern wie und wann Veränderung stattfindet. Dass die Kunden lieber das direkte Gespräch mit Beratern suchen, als online abzuschließen, glaubt Sandilands nicht. Er glaubt vielmehr: Sobald es ein entsprechend gutes Angebot gibt, werden es die Kunden nutzen. In anderen Industrien gebe es dafür viele Beispiele.

Kein Drang zum Onlinekauf
Derweil fristen Onlineversicherungsabschlüsse in Österreich allerdings ein Schattendasein. In bundesweiten Umfragen des Marktforschungsinstitutes Telemark Marketing, durchgeführt jeweils im ersten Quartal, gaben 2018 nur 7,1 % an, schon einmal online eine Versicherung abgeschlossen zu haben. 2019 waren es 7,8 % und 2020 7,9 %. Selbst in der Pandemie stieg der Anteil nur geringfügig auf 8,7 %.

Von den maklerversicherten Kunden können sich 19 % einen Onlineabschluss vorstellen, sagte Robert Sobotka, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts. Das Interesse hängt allerdings stark von der Sparte ab. Tendenziell bezieht es sich eher etwa auf Reise- oder Fahrradversicherungen, sehr viel weniger auf beratungsintensive Sparten wie Lebens-, Kranken- oder auch Eigenheimversicherung.

Sobotka betonte auch den Wert der persönlichen Beratung: „Es gibt schon einen Grund, warum man mit seinen Kunden mehr reden soll.“ Aus Untersuchungen zur Weiterempfehlungsbereitschaft gehe hervor, dass sie dort größer sei, wo Beratungsgespräche stattfinden.

Aus der Perspektive der Versicherungsmakler sagte Fachverbandsobmann Christoph Berghammer, gesetzliche Vorgaben wie der „Wunsch- und Bedürfnis-Test“ ließen sich wohl digital abbilden, „aber genau der letzte Punkt, der dann den Makler ausmacht, der geht digital nicht“. Der Makler sei nämlich zum „best advice“, zur Vermittlung des im Einzelfall bestmöglichen Versicherungsschutzes, verpflichtet. Für den Makler bedeute dies, mit dem Kunden das Gespräch zu führen.

Foto: Pixabay /Tumiso

 

 

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Neuer Höhepunkt des Übernahmefiebers

Günstige Finanzierungsbedingungen und die hohe Liquidität befeuern eine Welle an Aufkäufen.

Roman Steinbauer. Die weltweiten Übernahme- und Fusionsaktivitäten erreichten bereits bisher neue Rekordstände. Ein historisch niedriges Zinsniveau sowie weiter anziehende Aktienkurse beschleunigen diesen Trend weiter. Laut dem New Yorker Wirtschaftsdatendienst Refinitiv wurde soeben die Vorjahresmarke von 3,02 Bio Euro an verkündeten, ausstehenden und vollendeten Übernahmevereinbarungen überschritten. Die Anzahl der Deals zog 2021 bisher um 24 % auf über 3,06 Bio Euro an. Dabei stechen die Vereinigten Staaten mit einem Übernahmevolumen von umgerechnet 1,80 Bio Euro hervor. Europäische Unternehmen agierten mit bisher 552 Mrd Euro gemächlicher, ebenso hielten sich im Gegensatz dazu Gesellschaften aus der Asien-Pazifik-Region (520 Mrd Euro) zurück. Derzeit scheint kein Ende der Aufkäufe absehbar. Großunternehmen wie Beteiligungsgesellschaften sitzen auf einem hohen Bargeldbestand. Zusätzlich sind viele Firmen gefordert, nach den Lockdowns und dem veränderten Käufer- bzw. Nutzerverhalten ihre Geschäftsmodelle anzupassen oder neu auszurichten.

Was die Branchen im Einzelnen angeht: Im Umfeld der Erneuerbaren Energien ist eine Verdoppelung der Aktivitäten auf 15,12 Mrd Euro wahrzunehmen. Der Einzelhandel und die Touristik fallen hingegen dieses Jahr weiter in der M&A-Gewichtung gegenüber Technologie und Gesundheit zurück. Als Käufer treten zunehmend Blankoscheck-Gesellschaften (für Übernahmetätigkeiten gegründet) oder SPACs (Zweckunternehmen, Mantelgesellschaften) auf. Zielobjekte sind vor allem Akteure der digitalen Welt mit eigenen Plattformen.

Großfusion in der Medienbranche
Die größte Übernahme wurde heuer bisher im Mediensektor verkündet. Durch die Verschmelzung des Mediengeschäfts des US-Telekommunikationsriesen AT&T (Warner Media) mit dem Wettbewerber Discovery wurde ein Volumen von 101 Mrd Euro bewegt. Unter dem Dach von Warner Medi