Sinkende Energiepreise, steigende Einkommen

Ein Kommentar von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management.

(24.01.) So wie der scharfe Anstieg der Energiepreise im vergangenen Jahr zu einem Rückgang der real verfügbaren Einkommen und damit zur Stagnation der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage geführt hatte, vermindert der jüngste Rückgang der börsennotierten Strom- und Gaspreise die Belastung der Haushaltseinkommen und hilft damit der Konjunktur wieder auf die Sprünge. Der Prozess ist erst wenige Monate alt, wird aber einige Quartale anhalten, mit der Folge, dass die Inflationsprognosen nach unten, die Wachstumsprognosen dagegen von nun an nach oben revidiert werden dürften.

Wie sehen die Zahlen aus? Seit dem Höhepunkt im August 2022, als die Gaspreise um 428 Prozent höher waren als ein Jahr zuvor, sind sie um 72 Prozent gefallen und damit niedriger als vor dem Ukrainekrieg. Beim Strom ist aus einem Anstieg um 463 Prozent seit August 2022 ein Rückgang um 77 Prozent geworden – damit übertrifft der Strompreis sein durchschnittliches Preisniveau der fünf Jahre bis 2021 immer noch um etwa 120 Prozent. Beim Gaspreis sind es 200 Prozent. Nebenbei bemerkt sind das natürlich gute Zahlen für das Klima.

Der Effekt der rückläufigen Energiepreise auf die verschiedenen Stufen der Wertschöpfung ist dramatisch, wurde in der Öffentlichkeit aber bisher kaum wahrgenommen, weil die Inflationsraten im Vorjahresvergleich immer noch sehr hoch sind. Am aktuellen Rand spielt die Musik: Im Dreimonatszeitraum bis November 2022 sind die deutschen Einfuhrpreise mit einer annualisierten Rate von 23,3 Prozent gesunken (+14,6 % zum Vorjahr), die Ausfuhrpreise mit einer von 10,7 Prozent (+11,6 %). Auf der Stufe der gewerblichen Erzeugerpreise hat sich das unmittelbar ausgewirkt – annualisiert auf 3-Monatsbasis sind sie bis Dezember um 28,9 Prozent gesunken (+21,6 % zum Vorjahr). Bei den Verbraucherpreisen geht es nicht so rasch, weil dort die Dienstleistungen eine größere Rolle spielen. Aber immerhin: In der nationalen Definition sind sie von September bis Dezember lediglich mit einer annualisierten Rate von 0,3 Prozent gestiegen (+8,5 % zum Vorjahr).

Mit anderen Worten, wenn diese Trends anhalten, kann die Inflationsrate der deutschen Verbraucherpreise im Herbst weniger als 2 Prozent erreichen.

Dafür spricht, dass Nachfrage und Output 2023 sowohl global als auch im Euroland deutlich langsamer zunehmen werden als 2022 – was weiterhin Druck auf die Energiepreise ausübt, wir es in diesem Bereich also mit Deflation zu tun haben. In Deutschland kommt hinzu, dass von der Lohnseite bisher keine Inflationsrisiken drohen: Die Stundenlöhne lagen zuletzt nur um 1,9 Prozent über ihrem Vorjahresniveau.

Während die Marktteilnehmer diese sehr optimistische Prognose teilen und sich bei zehnjährigen Bundesanleihen daher mit einer Rendite von nur 2,15 Prozent zufriedengeben, bleibt die EZB bei ihrer vergleichsweise restriktiven Politik. Klaas Knot, der Gouverneur der niederländischen Zentralbank, hat gerade unmissverständlich klargemacht, dass die Leitzinsen im Februar und März um jeweils 50 Basispunkte angehoben werden, gefolgt von weiteren Schritten im Sommer. Von März an folgt zudem eine Politik des „quantitative tightening“, also der Reduktion des europäischen Zentralbankgelds. Durch diese Normalisierung gewinnt die EZB dringend benötigten Handlungsspielraum und muss sich nicht mehr (oder nicht mehr so sehr) vorwerfen lassen, dass sie durch real stark negative Leitzinsen und Gelddrucken einerseits Blasen auf den Assetmärkten begünstige und andererseits staatliche Schulden durch Gelddrucken finanziere.

Da die europäische Geldpolitik weiter bremst, die Fed dagegen angesichts günstiger Inflationszahlen vor einer Lockerung steht, kann damit gerechnet werden, dass sich der Euro weiter aufwertet und damit zusätzlich zum Rückgang der Inflationsraten beiträgt. Seit Oktober 2022 hat der Euro von 0,98 Dollar auf fast 1,10 Dollar zugelegt.

Insgesamt haben wir es in Europa im Verlauf des Jahres wegen der sinkenden Inflationsraten mit steigenden Realeinkommen zu tun. Stimmung und Lage verbessern sich zusehends – wenn nur nicht dieser mörderische Krieg im Osten weiter eskaliert!

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„Das Rezessionsgerede ist zu negativ“

Alois Wögerbauer (li.), Fondsmanager und Geschäftsführer der 3 Banken Generali KAG, im Exklusivinterview.

Marius Perger. „Zu negativ“ sei derzeit der Konjunkturkonsens. Das sagt Alois Wögerbauer, Fondsmanager und Geschäftsführer der 3 Banken Generali KAG, im Gespräch mit Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger. Er rechnet damit, dass die Rezession in Europa „mild bis sehr mild“ verlaufen werde, das Wirtschaftswachstum also zwischen null und -0,5 % liegen werde. In den USA werde es bei „plus/minus null“ liegen, weltweit sei keine Rezession zu erwarten.

Positiv sei auch, dass der Zinsgipfel in Sicht sei. Dies sei für die Anleihen- und Aktienmärkte emotional extrem wichtig, um eine Verunsicherung zu vermeiden. Den Zinshöhepunkt erwartet Wögerbauer in den USA bei 5 %, im Euroraum bei 3,5 %.

Besonders achten müsse man als Anleger im heurigen Jahr darauf, was die Notenbanken sagen. „Zu Recht geprügelt“ sei die EZB worden, weil sie „zu spät zu wenig“ getan habe. Nun habe er die Sorge, dass ins Gegenteil überzogen werde: Es stelle sich die Frage, ob das System einen Zinssatz von 4 % aushalten würde, so Wögerbauer.

Die weitere geopolitische Entwicklung einzuschätzen, sei sehr schwierig. Eine Eskalation des Konflikts zwischen China und Taiwan wäre sehr negativ, für Wögerbauer ist sie aber „nicht sehr wahrscheinlich“. Ökonomisch weniger Auswirkungen habe der Ukrainekrieg, ein positiver Ausgang hätte aber einen großen positiven Effekt: Ein Friede in der Ukraine werde vom Markt derzeit nicht gepreist.

Anleihen wieder Alternative
Die „spannendste Assetklasse“ seien derzeit Anleihen, so Wögerbauer. Es sei allerdings schwer, das in die Köpfe hineinzubekommen, „weil wir es einfach verlernt haben“. Immerhin gab es seit 2015 Nullzinsen, seit 2017 sogar Negativzinsen: „Die Assetklasse war verloren, jetzt gibt es wieder eine Chance“. Wer heute starte, erhalte für Anleihen bester Bonität mit fünf Jahren Laufzeit Renditen von bis zu 4,5 % – nach vorne gerechnet decke dies zumindest die Inflationsrate ab.

Solche Renditen habe es zuletzt zur Zeit der Finanzkrise 2012 gegeben – heute für Corporate Bonds dieselbe Rendite zu erhalten sei schon deswegen attraktiv, weil die Unternehmensbilanzen wesentlich besser seien als damals. Wer bereit sei, ein Aktien-ähnliches Risiko in Kauf zu nehmen, also Hochzinsanleihen oder Hybridanleihen zu kaufen, könne sogar Renditen von 6 % lukrieren.

Wögerbauers Fazit: „Die Assetklasse ist zurück, es gibt wieder eine Alternative.“

Aktienmärkte unter Druck
Was Aktien betrifft, zeigt sich Wögerbauer weniger optimistisch. Diese würden nämlich für höhere Kurse einen Treiber benötigen – entweder steigende Gewinne oder niedrige Zinsen. Heuer sei aber nur ein geringes Gewinnwachstum zu erwarten, in Europa sogar ein leichter Gewinnrückgang. Dieser Treiber fehle also bis auf Weiteres, auch wenn die Situation bereits 2024 anders sein könnte. Was den zweiten möglichen Treiber betrifft, die Zinslandschaft, sieht Wögerbauer Aktien für das aktuelle Zinsumfeld „fair bewertet“, kurzfristig seien Bonds daher attraktiver. Positiv sei allerdings, dass es bei Aktien derzeit keine Übertreibungen mehr gebe.

Im Auge behalten müsse man auch die Inflationsrate. Historisch zeige sich, dass der US-Aktienmarkt immer dann schlecht laufe, wenn die Inflation unter 1 % (Deflationsgefahr) oder über 5 % (Zinsdruck, Margenprobleme) liege. „Best case“ für Aktien sei eine Inflation von 3 bis 4 %.

Noch zu früh sei es für Wachstumsaktien. Erst wenn die Zinsen sinken, würden die Tech-Riesen wieder stärker in den Vordergrund treten – bis dahin werden sie leiden, glaubt Wögerbauer. „Viele schöne Investments“ gebe es derzeit aber im Bereich „Value“: Banken würden von der Zinswende profitieren, Rohstoffwerte von der Energiewende.

Auf Schwellenländer werde es sich positiv auswirken, dass der Zinsgipfel heuer vermutlich ereicht wird und der US-Dollar etwas schwächer werden dürfte. Zuerst sollte man dabei aber auf Anleihen schauen: Emerging Market Bonds seien mit Renditen von rund sieben Prozent wieder interessanter.

Unter den sogenannten „BRIC-Staaten“ müsse man Russland „abhaken“, Brasilien sei aus Investorensicht nicht sehr interessant, und China sei „unberechenbar“. Einzig Indien laufe derzeit gut.

Was Mittel- und Osteuropa betrifft, gebe es nicht viele liquide, interessante Aktien. Wögerbauer: „Wenn ich für Tschechien optimistisch bin, dann kaufe ich Erste Bank.“

Österreich: 100 % zyklisch
Der Wiener Aktienmarkt zähle immer entweder zu den am besten oder den am schlechtesten performenden Märkten. Das liege daran, dass er „zu 100 % zyklisch“ ist, die allermeisten Unternehmen, seien von der Konjunktur abhängig.

Heimische Aktien seien derzeit günstig bewertet und bieten eine hohe Dividendenrendite. Größtes Risiko sei eine Eskalation in der Ukraine. Käme es wider Erwarten doch zu einer Rezession, so würde Wien zu den am stärksten betroffenen Finanzplätzen zählen. Im Fall einer Entspannung würde man aber stark profitieren, auch weil dann das Auslandskapital wieder zurückkäme: Immerhin stammen

75 % der Investoren der Wiener Börse aus dem Ausland. Entwickle sich die Konjunktur besser als erwartet, besitze Wien den „größten Hebel nach oben“.

Foto: Börsen-Kurier

 

 

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Provisionssystem unter Druck

Die Debatte um „Anreize“ für Finanzberater gewinnt wieder an Fahrt.

Emanuel Lampert. Die Frage ist nicht neu, und sie kehrt regelmäßig wieder: Wie sollen Versicherungsvermittler und Vermögensberater entlohnt werden? In Österreich herrscht das Provisionssystem vor. Speziell Konsumentenschützern stößt dieses aber immer wieder sauer auf, Stichwort: Interessenkonflikt.

Noch Mitte des letzten Jahres schien die politisch heiße Kartoffel etwas abgekühlt zu sein, auch aus offiziellen Brüsseler Kreisen kamen zurückhaltende Töne. Nun ist aber gerade der für März erwartete Entwurf für die EU-Kleinanleger-Strategie im Werden – und im Zuge dessen auch die Debatte wieder aufgeflammt: Es gebe „seit Ende 2022 (wieder) hitzige Diskussionen“, ließ der Fachverband der Versicherungsmakler jüngst wissen: „Leider dürften sich gewichtige Stimmen für – wie auch immer geartete – Verbote bei Versicherungsanlageprodukten aussprechen.“

Gemeint sind Verbote von „Anreizen“. Eine Verordnung der EU-Kommission zum Vertrieb solcher Produkte versteht darunter etwas sperrig „alle Arten von Gebühren, Provisionen oder nichtmonetären Vorteilen, die einem Vermittler oder Unternehmen von einem Dritten – mit Ausnahme des am Geschäft beteiligten Kunden oder einer im Namen des Kunden handelnden Person – oder die einem solchen Dritten vom Vermittler oder Unternehmen“ gezahlt bzw. gewährt werden.

Zugang zu Beratung gefährdet
Insurance Europe, ein Dachverband der Versicherungswirtschaft, ist jedenfalls vor wenigen Wochen ausgerückt, um sich gegen ein Verbot auszusprechen. Bestehende Regulierungen böten bereits eine gute Grundlage. Das Provisionssystem dominiere in Europa und ermögliche den Konsumenten einen niederschwelligen Zugang zur Finanzberatung; ein Verbot würde diesen Zugang einschränken – und so auch noch die Ziele der Kleinanleger-Strategie unterminieren.

Stattdessen plädiert der Verband für einen Maßnahmenmix aus Transparenz, Preis-Leistungs-Prinzipien im Produktdesign und Finanzbildung der Verbraucher, die über ein „grundlegendes Verständnis“ von Finanzdienstleistungen und Märkten verfügen sollen. Dies würde „den Konsumenten greifbarere Vorteile liefern“, so die Argumentation.

Warnung vor „Beratungslücke“
Nahezu zeitgleich haben sieben europäische Interessenverbände des Finanzsektors – unter ihnen Insurance Europe, die European Banking Federation (EBF) und die European Fund and Asset Management Association (EFAMA) – ein gemeinsames Schreiben an die EU-Kommission geschickt. Succus des Papiers: Ein Provisionsverbot wäre den Zielen der Kapitalmarktunion und den Interessen von Kleinanlagern abträglich.

Auch hier wird argumentiert: Zahlreiche Konsumenten würden wohl keine professionelle Beratung mehr in Anspruch nehmen, der Vertrieb nachhaltiger Produkte würde leiden. Viele Anleger seien nicht bereit, für Beratung direkt zu bezahlen. Die Autoren warnen denn auch vor negativen Konsequenzen für die Altersvorsorge, wenn es Beratung nur noch gegen Honorar gäbe.

Im Übrigen hänge die Beratungsqualität nicht von der Art der Vergütung ab, zumal mit der Versicherungsvertriebs- (IDD) und der Finanzmarkt-Richtlinie (MiFID) „starke und umfassende Sicherheitsvorkehrungen auf allen Ebenen eines Produktlebenszyklus“ existierten.

Für Gespräche über allfällige spezifische „Verbesserungen“ des regulatorischen Rahmens zeigen sich die Unterzeichner zwar offen. Sie betonen aber auch: Die Ko-existenz honorar- und provisionsbasierter Beratung „ist eine der Säulen einer erfolgreichen Kleinanlegerstrategie“.

Foto: AdobeStock / sebra

 

 

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Feiern die Schwellenländer ein Comeback?

Experten haben sowohl Aktien als auch Anleihen auf der Rechnung.

Patrick Baldia. Es gibt sicher Assetklassen, die Anlegern in den vergangenen Jahren mehr Freude bereiteten als Emerging-Markets-Aktien. Allein 2022 verlor etwa der MSCI Emerging Markets Index 20 % (in USD, Anm.). Zum Vergleich: Der MSCI World ging „nur“ um rund 12 % zurück. Hinter der Underperformance der Schwellenländer steht eine Reihe von „Vätern“: Die an Fahrt verlierende Weltwirtschaft, eskalierende geopolitische Konflikte, die Null-Covid-Politik in China und nicht zuletzt die schnellste Zinsanhebung der vergangenen 30 Jahre.

Nicht wenige Experten sind jedenfalls der Meinung, dass sich das Blatt für die Emerging Markets heuer wenden könnte – und zwar sowohl für Aktien als auch Anleihen. „Wir sind der Meinung, dass die Schwellenländer vor einem Wendepunkt stehen, vor allem, weil sie bei der Anpassung ihrer Geldpolitik den Industrieländern voraus sind“, sagt etwa Nick Eisinger, er ist Portfoliomanager und Emerging-Markets-Spezialist bei Vanguard, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Attraktive Aktienbewertungen
„Aufgrund des starken Kursverfalls sanken die Aktienbewertungen auf breiter Front. Nun sehen gerade die Schwellenländeraktien zunehmend attraktiv aus“, meint Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management. Damit sich der Bewertungsabschlag schließt, sind seiner Einschätzung nach drei Katalysatoren entscheidend: Eine Pause der Fed, das tatsächliche Ende von Null-Covid in China sowie nachlassende politische Risken.

Etwas vorsichtiger gibt man sich bei Pimco. „Die Bewertungen in den Schwellenländern sind im Allgemeinen historisch günstig, aber vieles hängt von der Fähigkeit der Fed ab, die Inflation zu zähmen, und von der Fähigkeit Chinas, die Wirtschaftstätigkeit zu reaktivieren“, sagt Andrew Balls, globaler Chief Investment Officer für Anleihen, um im selben Atemzug hinzuzufügen: „Die Schwellenländer scheinen bereit zu sein, sich gut zu entwickeln, aber wir bleiben vorsichtig, bis die geldpolitischen Aussichten klarer werden.“

Bei J.P. Morgan glaubt man, dass vor allem Dividendenaktien eine gute Möglichkeit sind, von den Chancen in den Schwellenländern zu profitieren. „Die Gesamtmarktbewegungen erscheinen im Verhältnis zu historischen Niveaus niedrig. Das erwartete KGV der Aktien im Fonds beträgt gerade mal 10, und die Dividendenrendite auf Fondsebene liegt bei knapp unter 5 %“, hält Omar Negyal, Manager des „JPMorgan Funds – Emerging Markets Dividend Fund“ (ISIN: LU0862449773), fest.

Anlageidee: ETFs auf Einzelländer
Die Experten von Franklin Templeton haben wiederum ETFs auf einzelne Emerging Markets auf der Rechnung. „Jedoch bieten nicht alle Schwellenländer das gleiche Aufwärtspotenzial“, warnt Jason Xavier, Head of EMEA ETF Capital Markets. Den „Weg ebnen“ könnte eine Auswahl an Ländern, die als „US-freundlich“ gelten und von innovationsführenden Sektoren wie Technologie und Gesundheitswesen profitieren können. Konkret bevorzugt er Südkorea, Taiwan und Indien gegenüber einer breiten Allokation in Schwellenländern.

Vanguard-Portfoliomanager Eisinger hält wiederum Anleihen von Ländern wie Nigeria, Ägypten, Mexiko, Südafrika, Polen, Tschechien und Ungarn für besonders interessant. „Vor allem Lokalwährungsanleihen sollten vom schwächeren US-Dollar profitieren“, sagt er.

Im Falle eines „Soft Landings“ der US-Wirtschaft könnten Emerging Markets Bonds 2023 durch-aus eine Performance von 15 % erzielen. „Für Schwellenländeranleihen spricht, dass sich die Zinsschritte der Fed dem Ende zuneigen. Positiv wirke sich auch die geringe Emissionstätigkeit aus“, so der Manager des „Vanguard Emerging Market Bond Fund“ (IE00BKLWXP06) Eisinger.

Insgesamt dürfe man vor allem eines nicht vergessen: „Die langfristige Aufhol-Story der Schwellenländer bleibt weiterhin intakt.“

Foto: AdobeStock / alexskopje

 

 

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Absatzniveau sinkt 2022 auf Rekordtief

EU-Neuwagenmarkt im Gesamtjahr 2022 immer noch deutlich (minus 29 %) unter Vorkrisenniveau.

(18.01.). Trotz des kräftigen Wachstums im Dezember, in dem die Zahl der Neuzulassungen EU-weit um 13 Prozent stiegen, sank der Neuwagenabsatz 2022 auf einen neuen Rekord-Tiefstand: Im Vergleich zum bereits sehr schwachen Vorjahr gingen die Neuzulassungen nochmals um fünf Prozent zurück, im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 ging der Absatz sogar um 29 Prozent zurück.

In Österreich schrumpfte der Neuwagenabsatz im Dezember um 0,3 Prozent, im Gesamtjahr sogar deutlich über dem EU-Schnitt um zehn Prozent.

„Das Jahr 2022 war am Automarkt historisch schwach“, sagt Axel Preiss, Leiter Advanced Manufacturing & Mobility bei EY. Vorrangig begründet der Experte die Entwicklungen mit den Lieferengpässen bei Halbleitern und anderen Vorprodukten: „Die lange andauernde Unterversorgung mit Chips hat zu Produktionsverzögerungen und -ausfällen geführt. Langsam erholt sich die Branche aber davon.“

Gerade im kritischen Punkt der Versorgung habe sich die Situation etwas entspannt. Preiss geht davon aus, dass sich die Lieferfähigkeit der Automobilindustrie im Jahresverlauf weiter verbessern werde – zumindest mit der Verfügbarkeit von Neuwagen soll es in den kommenden Monaten bergauf gehen und auch mit sinkenden Lieferzeiten sei zu rechnen. „Fraglich ist aber, wie groß die Nachfrage von Unternehmen und Privatleuten dann noch ist. Die Konjunktur schwächelt und auch wenn die befürchtete Rezession ausbleiben sollte, werden sowohl Unternehmen als auch Konsument:innen bei Neuwagenbestellungen aktuell eher vorsichtig sein.“ Das derzeitige wirtschaftliche Umfeld könnte dazu führen, dass auch im neuen Jahr die Nachfrage nach Neuwagen deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau liegen werde, so Preiss.

Jahresendspurt bei Elektroautos – vor allem in Deutschland
Im Dezember legten die Neuzulassungen reiner Elektroautos in den größten fünf Märkten Westeuropas (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien) insgesamt um 65 Prozent zu. Der Marktanteil reiner Elektroautos in den Top-5-Märkten stieg im Vergleich zu Dezember 2021 von 16,3 auf 23,0 Prozent – ein neuer Rekordwert.

Der Grund für diese starken Wachstumszahlen ist allerdings in erster Linie die Sondersituation in Deutschland, wo die Reduzierung der Förderung ab Januar 2023 zu einem Last-Minute-Ansturm auf Elektroautos führte. So stiegen die Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland um 115 Prozent, der Marktanteil schnellte auf 33,2 Prozent hoch.

Außerhalb Deutschlands war die Entwicklung deutlich verhaltener: Während in Großbritannien immerhin noch ein Plus von 53 Prozent verzeichnet wurde, kletterte der Absatz von Elektroautos in Österreich nur um 16 Prozent und in Frankreich um acht Prozent. In Italien und Spanien war der Absatz im Dezember sogar rückläufig.

„Vor allem staatliche Subventionen steuern aktuell noch die Dynamik bei der E-Mobilität“, sagt Preiss. „Auch in Österreich gibt es seit 1. Jänner einige Änderungen bei der Förderung von E-Autos, speziell bei betrieblich genutzten Fahrzeugen.“

Ähnlich dynamisch wie die Neuzulassungen von Elektroautos entwickelte sich im Dezember der Absatz von Plug-in-Hybriden – ebenfalls angetrieben von einem 113-prozentigen Wachstum in Deutschland. Die Neuzulassungen dieser Antriebsart stiegen in den Top-5-Märkten im Dezember um 53 Prozent, der Marktanteil im Vergleich zum Vorjahresmonat in den Top-5-Märkten von 10,0 auf 13,2 Prozent. In Spanien, Italien und Frankreich sanken allerdings die Neuzulassungen von Plug-in-Hybriden. In Österreich wurde immerhin noch ein Plus von 23 Prozent verzeichnet.

„Plug-in-Hybride werden eine Nische bleiben – Wachstum wird in dem Segment schwierig werden“, sagt Preiss. „Das liegt auch an den immer strenger werdenden Förderrichtlinien.“

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Probegalopp für EU-Lieferkettengesetz

Deutsches Lieferkettengesetz ist organisatorische Herausforderung für österreichische Zulieferer.

Christian Sec. Viele österreichische Unternehmen sind seit diesem Jahr stärker mit Forderungen zur Einhaltung von Menschen- und Umweltrechten konfrontiert. Das deutsche Lieferkettengesetz, das ab Jänner in Kraft getreten ist, verpflichtet deutsche Großunternehmen zu Risikoanalysen und Überprüfung ihrer unmittelbaren Zulieferer in diesen Bereichen. Nachdem den berichtspflichtigen deutschen Unternehmen ab einer Mitarbeiteranzahl von 3.000 (ab 2024: 1.000 Mitarbeiter) bei Verstößen deutliche Bußgelder bis zu 2 % vom Umsatz drohen, ist zu erwarten, dass diese Unternehmen das Risiko an die unmittelbaren Lieferanten weitergeben, z. B. mit Pönalen aus möglichen Strafen für die Kunden, schreibt das österreichische Beratungsunternehmen Supply Chain Partners.

Organisatorische Herausforderung
Das deutsche Lieferkettengesetz wurde bereits 2021 beschlossen und gab auch den österreichischen Unternehmen genügend Zeit sich auf die neue Situation vorzubereiten, wie der Börsen-Kurier bei seiner Umfrage von den Unternehmen erfuhr. Das Lichttechnikunternehmen Zumtobel hat in den vergangenen Monaten „entsprechend seine Prozesse ausgerichtet“, hieß es aus dem Unternehmen. In Vorbereitung auf diese Regelungen wurden die Unterlagen beim Eingliederungsprozess von Lieferanten adaptiert. So wurde der Fragebogen für Lieferanten erweitert und der Verhaltenskodex für Geschäftspartner angepasst. „Da die Erfüllung der neuen Anforderungen verifiziert werden muss, ergeben sich neue Herausforderungen zur Erfüllung der neu entstehenden Verpflichtungen rund um die ökologische und soziale Verantwortung in der Wertschöpfungskette, z. B. durch die Diversität und Vielzahl der Lieferanten“, so Maresa Hoffmann, Sprecherin von Zumtobel.

Auch der Holzfaserproduzent Lenzing erklärt, dass die Abdeckung von „tausenden“ von Lieferanten, also auch von C-Lieferanten, mit einem vertretbaren Aufwand eine organisatorische Herausforderung darstellt. Um dem deutschen Lieferkettengesetz zu genügen, hat sich Lenzing schon lange im Vorfeld auf die Anforderungen vorbereitet. So hat das Unternehmen das nachhaltige Lieferkettenmanagement organisatorisch und prozessual in den letzten Jahren in die Beschaffung eingearbeitet, erklärt Daniel Winkelmeier, Sprecher des Unternehmens.

Tauziehen
Deutschland greift mit seinem Lieferkettengesetz der EU vor, die selbst eine Lieferkettenrichtlinie vorbereitet, die in diesem Jahr verabschiedet werden soll. Dabei könnte es zu einem regelrechten Tauziehen kommen, zwischen dem Rat, der Kommission und dem Europäischen Parlament. Nachdem die Kommission die Richtlinie auf Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern und 150 Mio Euro Jahresumsatz beschränken will, hat der Rechtsausschuss des EU-Parlamentes einen Berichtsentwurf vorgelegt, der deutliche Verschärfungen der Richtlinie vorschlägt. So sollte demnach die Grenze bei 250 Mitarbeitern und 40 Mio Euro Umsatz liegen. Der Rat der EU wiederum hat seine Verhandlungsposition für den bevorstehenden Trilog mit dem Parlament und der Kommission festgelegt mit 1.000 Beschäftigten und einem weltweiten Umsatz von 300 Mio Euro.

Wie auch immer die Richtlinie aussehen wird: Das deutsche Lieferkettengesetz gilt für die österreichischen Unternehmen als willkommener Probegalopp. So sieht Pierer Mobility es als kleinen Vorteil für den Standort Österreich, dass das Lieferkettengesetz schon zuvor in Deutschland in Kraft tritt. Ähnlich positiv bewertet auch Kapsch die deutsche Vorreiterrolle für Österreich.

Foto: Pixabay / knollzw

 

 

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Agrana-CFO: „In der Wertschöpfung weiter gehen“

Der Konzern erwartet deutlich höhere Ergebnisse und will in Russland bleiben.

Marius Perger. Am Donnerstag der Vorwoche präsentierte Agrana Zahlen zum dritten Quartal (per 30. November 2022) und bestätigte den optimistischen Ausblick. Der Umsatz legte in den ersten drei Quartalen um 26,4 % auf mehr als 2,7 Mrd Euro zu, das operative Ergebnis (ohne Sondereffekte und ohne at equity konsolidierte Beteiligungen) stieg sogar um 77 % auf knapp 122 Mio Euro. Das Konzern-Ebit reduzierte sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum allerdings um 33,9 % auf etwas mehr als 50 Mio Euro. Hauptgrund dafür waren außerordentliche Abschreibungen im Segment Frucht aufgrund des Ukraine-Krieges in Höhe von 91,2 Mio Euro, die im zweiten Quartal vorgenommen wurden.

Dennoch erwartet Finanzvorstand Stephan Büttner (Foto) im laufenden Geschäftsjahr einen Anstieg des Ebit um mehr als 50 %, wie er im Exklusivinterview mit dem Börsen-Kurier betonte. Denn im vorigen Geschäftsjahr, das mit 28. Feber 2022 abgeschlossen wurde, waren noch im vierten Quartal Sonderabschreibungen von 75 Mio Euro vorgenommen worden, was das Ebit auf 24,7 Mio Euro gedrückt hatte. Und das Ebit-Ziel von 37 Mio Euro werde man heuer jedenfalls deutlich übertreffen, betont Büttner, zumal das operative Ergebnis „deutlich über dem Vorjahr“ liegen werde.

Positiv wirke sich auch aus, dass Wertberichtigungen für Vorräte und Forderungen in der Ukraine in Höhe von 1,4 Mio Euro zum Teil wieder aufgelöst werden konnten: Der Geschäftsverlauf in der Ukraine und in Russland habe sich positiver dargestellt als ursprünglich erwartet, so Büttner.

Wichtige Märkte Ukraine und Russland
Im Geschäftsjahr 2021/22 hatte Agrana in der Ukraine mit 801 Mitarbeitern einen Umsatz von 40,5 Mio Euro und in Russland mit 289 Mitarbeitern 60 Mio Euro Umsatz erwirtschaftet.

In der Ukraine ist die Agrana dabei in zwei Geschäftsfeldern tätig. Im Bereich der Fruchtsaftkonzentrate sei die Verarbeitungskampagne, die von September bis November läuft, gut verlaufen, so Büttner; als die Energieversorgungsprobleme in der Ukraine durch russische Angriffe begannen, sei man bereits fertig gewesen. Auch die Verbringung der Konzentrate nach Europa habe ohne Probleme funktioniert. Der zweite Bereich, die Fruchtzubereitung, verlaufe in reduziertem Ausmaß, so Büttner. Und er betont, dass es auch im Land weiterhin einen Bedarf nach den Produkten gebe, Hauptabnehmer seien Molkereien. Insgesamt müsse man in der Ukraine zwar signifikante Umsatz- und Ertragseinbußen hinnehmen, das Jahr werde man aber positiv abschließen.

Was Russland betrifft, verstehe sich Agrana als Teil der dortigen kritischen Infrastruktur. Man versorge die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln, beliefere aber keine staatsnahen Institutionen und halte sich selbstverständlich an alle Sanktionen; das russische Tochterunternehmen sei “auf sich selbst gestellt“. Schließlich habe Agrana auch für die russischen Mitarbeiter Verantwortung. Es sei aber eine Grundsatzfrage, ob man mit so einem Land etwas zu tun haben will: „Wir können nicht sagen, das geht uns nichts an.“ Der Vorstand befinde sich hier in einem Spannungsfeld: Es sei nötig, die beste Entscheidung für das Unternehmen, auch für seine Aktionärinnen und Aktionäre, zu treffen und man dürfe nicht voreilig dem Mainstream nachlaufen. Gleichzeitig sei aber klar, dass man nicht alles akzeptieren kann. Grundsätzlich wolle Agrana in Russland bleiben, verfolge aber die Situation sehr genau.

Geopolitische Risiken
Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass man als global tätiges Unternehmen nahezu immer betroffen sei, sagt Büttner. Im Wesentlichen sei man „aber immer negativ betroffen“, denn wenn etwas „super läuft“, so wie derzeit in Mexiko, werde dies als gegeben wahrgenommen. Dabei werde vergessen, dass eine globale Aufstellung auch Vorteile hat: einen breiten Kundenzugang, eine geografische Diversifizierung ohne Klumpenrisiken und viele Opportunitäten, die man allerdings nutzen und managen müsse.

Als konkrete Risiken nennt Büttner die Energieversorgung in Europa, die Corona-Infektionen vor allem in China und Korea sowie den Arbeitsmarkt in den USA. Zwar gebe es augenblicklich eine gewisse Entspannung bei der Energie, es stehe aber die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf dem Spiel. Auch die Inflation spiele eine Rolle, seit dem dritten Quartal bemerke man erste Anzeichen für Absatzrückgänge. Von einer Rezession wäre Agrana wahrscheinlich positiv und negativ betroffen: „Essen tun die Leute immer – die Frage ist nur: was?“ Es würde vermutlich zu einer Verschiebung zu günstigeren Produkten kommen, manche Produkte des Konzerns seien aber konsumlastig und würden – wie zum Teil in der Zeit der Corona-Lockdowns – davon profitieren, wenn die Menschen weniger Restaurants besuchen. Und schließlich könnte ein Konflikt zwischen China und Taiwan negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.

Strategie mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit
Derzeit sei man noch in der Phase, das bestehende Geschäft zu optimieren, so Büttner. Dabei gehe es um Effizienz, Kundenorientierung und Organisationsstruktur. Wesentlicher Baustein der Strategie sei die Diversifizierung der Geschäftsbereiche, wichtig sei es auch, von den Volatilitäten des Commodity-Geschäfts wegzukommen. Dafür müsse man in der Wertschöpfung weiter gehen, bis hin zum „Lösungsanbieter“, beispielsweise mit integrierten, nicht so leicht austauschbaren Produkten.

Ein Schwerpunkt sei Nachhaltigkeit, betont Büttner. Derzeit betrage der „Fußabdruck“ des Konzerns 5 Mio Tonnen CO2, 80 % davon seien allerdings Scope 3 (Emissionen in der Lieferkette) zuzurechnen und würdenvor allem aus landwirtschaftlichen Rohstoffen stammen; nötig sei deshalb ein Zusammenwirken mit der Landwirtschaft für mehr Nachhaltigkeit. Auch für Scope 1 und Scope 2 (direkte und indirekte Emissionen des Unternehmens) gebe es eine „klare road map“: Geplant seien bis 2040 mehr als 400 Mio Euro Investitionen, um das Ziel „zero emission“ zu erreichen. Ein Treiber für die Nachhaltigkeitsbestrebungen sei auch die financial community, à la longue werde man ansonsten keine Finanzierungen mehr bekommen, ist Büttner überzeugt. Aller-dings handle es sich dabei durch-aus um einen Balanceakt, denn die Wettbewerbsfähigkeit leide und irgendwer müsse das alles auch bezahlen.

Foto: Agrana

 

 

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Starke Zugpferde im Chemiesektor

In jeder Ausgabe des Börsen-Kurier analysieren wir die Aktien einer Branche.

Roman Steinbauer. Eine mögliche Rezession und hohe Energiekosten gelten aktuell besonders für die Chemiebranche als Belastungsfaktoren. Dennoch profitierten bereits an den ersten Handelstagen Titel namhafter Vertreter des Sektors durch aufkeimende Fantasie.

Groß kapitalisierte Flaggschiffe voran
Nachdem am 9. Jänner durch die US-Investorengruppe Inclusive Capital der Erwerb von 0,8 % an der Bayer AG (ISIN: DE000BAY0017) bekannt wurde, meldete wenige Tage darauf die Nachrichtenagentur Bloomberg den Einstieg des britischen Hedgefonds Bluebell Capital (die Höhe der nun gehaltenen Anteile ist noch nicht bekannt) bei den Leverkusenern. Erhöhte Umsatzprognosen für die Pharmasparte sowie Gerüchte unter Investoren um eine Abspaltung des Agrarbereichs heizten die Kauflaune an. Für das Prostatakrebs-Medikament Nubeqa, die Kerendia-Arznei (Herz) sowie das Präparat Asundexian (gegen Schlaganfälle) wurden unterdessen die Gewinnperspektiven angehoben. Ende der Vorwoche stand die Bayer-Aktie beachtliche 14 % höher als zum Jahreswechsel. Analysten hoben die Kursperspektiven bis Ende des Jahres unterdessen auf bis zu 80 Euro (Barclays) an.

Mit einem Auftrieb der Anteile von +12 bzw. +11 % erfreuten sich Aktionäre des Branchenriesen BASF (DE000BASF111) und des Spezial-Chemie-Produzenten Evonik (DE000EVNK013), wie auch jene der belgischen Solvay (BE0003470755), die ihre Position um 10 % wachsen sahen.

Besonders sticht die Entwicklung der Papiere des Chemiedistributors Brenntag (DE000A1DAHH0) hervor. Seit 1. Jänner zog der Titel um 13 % auf 67 Euro an. Als strategische Holding fungierend, operiert Brenntag als Bindeglied zwischen Chemieproduzenten und der weiterverarbeitenden Industrie. Die Gesellschaft bezieht hohe Volumina und gibt diese dann zeitlich bedarfsgerecht in beanspruchten Größen an Kunden der Nahrungsmittel-, Mineralölindustrie, Pharma- oder Körperpflegefabrikanten weiter.

Einzelne träge Nachzügler
Die Performance des robusten Dividendenbringers Henkel (DE0006048408; die mediane Schätzung der Rendite der Ausschüttung liegt auf Basis des heurigen Geschäftsjahres bei 3,09 %) hält indes bisher nicht mit. Der Rückzug aus den Aktivitäten in Russland und Weißrussland ist entschieden, gestaltet sich dennoch holprig. Im neuen Jahr steht der Titel 2 % im Plus. Seit dem Jahr 2017 gab die Aktie bereits 45 % ab. Mit einem aktuellen KGV von 22 ist diese keineswegs günstig. Allerdings dürfte sich langfristig wieder der Wachstumskurs etablieren und die Eigenkapital-Quote von 57 % dient als starke Basis. Mit mageren +3 % hängen Valoren der Schweizer Clariant (CH0012142631) den deutschen Pendants hinterher.

Foto: Pixabay / analogicus

 

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Acht Wegweiser, die Anleger 2023 im Blick behalten sollten

Ein Kommentar von David Dowsett, Global Head of Investments bei GAM.

(10.01.2023). Für Anleger war 2022 ein äußerst brutales Jahr. Der Krieg in der Ukraine, auf den zunächst ein Zinsschock und dann ein Inflationsschock folgte, hat viele bisher bestehende Annahmen über die natürliche Investitionsordnung völlig auf den Kopf gestellt. Aufgrund der Tatsache, dass die Zentralbanken ihre Nullzinspolitik und quantitativen Lockerungsexperimente der letzten 15 Jahre hastig aufgegeben haben, erlitten praktisch alle Anlageklassen herbe Verluste.

Wir betrachten viele Veränderungen im Anlageumfeld als strukturell. Das Umfeld aus niedriger Inflation, niedrigen Zinsen und geringer Volatilität, das nach dem Jahr 2008 bestand, gehört nun endgültig der Vergangenheit an. Anstatt auf die frühere Orthodoxie, das Kapital und die Effizienz zu unterstützen, konzentriert sich die Regierungspolitik nun auf die Honorierung des inländischen Arbeitsmarkts und das Erzielen von Resilienz. Dies wird wahrscheinlich die vorherrschende Doktrin für den Rest des Jahrzehnts sein – eine Ära anhaltender globaler Unsicherheit.

Aber auch innerhalb dieser strukturellen Realität kann es zyklische Gelegenheiten geben. Nachfolgend heben wir acht Themen hervor, die unserer Ansicht nach als gute Wegweiser für die Entwicklungsrichtung der Märkte im Jahr 2023 dienen werden.

1. Könnte die Geldmenge tatsächlich schrumpfen?
Milton Friedman
sagte einst: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.“ Trotz der durch die Covid-Pandemie bedingten Versorgungsengpässe und explodierenden Energiepreise könnte sich diese Aussage auch im Jahr 2023 bewahrheiten. Das Wachstum der Geldmenge M2 ist im März 2021, als die USA ihre Covid-Lockdowns bereits beendeten, mehr als doppelt so schnell gewachsen als in jedem anderen Zeitraum in den vergangenen 60 Jahren. Der fiskalische Stimulus im März 2021 in Höhe von USD 1,9 Billionen erwies sich als äußerst inflationär. Der Konsens zu Beginn des Jahres 2023 lautet, dass sich die Inflation als hartnäckig erweisen wird. Die Angebotsengpässe auf den Energie- und Arbeitsmärkten bleiben bestehen. Wird Friedmans Diktum dennoch weiterhin zutreffen? Genauso, wie wir noch nie ein Wachstum der Geldmenge in einem solchen Tempo wie im Jahre 2021 erlebt haben, haben wir auch nie eine tatsächliche Schrumpfung der Geldmenge erlebt. Trotzdem scheint dies eine realistische Aussicht für den Beginn des Jahres 2023 zu sein.

2. Die Form der Renditekurve des US-Finanzministeriums gibt Aufschluss darüber, ob die USA in eine Rezession eintreten könnten.
Der Ökonom Paul Samuelson sagte einst scherzhaft: „Der US-Aktienmarkt hat neun der letzten fünf Rezessionen richtig vorhergesagt.“ Die Renditekurve des US-Finanzministeriums weist hier eine wesentlich bessere Prognosebilanz auf. Jedes Mal seit dem Jahr 1970, wenn die Renditen der zehnjährigen Anleihen unter das Niveau der Renditen der zweijährigen Anleihen fielen, folgte eine Rezession. Eine daraus resultierende erneut steiler werdende Renditekurve tritt tendenziell genau zu Beginn der Rezession auf, wenn das Federal Reserve Board Lockerungen einleitet. US-Aktien beginnen ihren nächsten Bullenmarkt historisch gesehen innerhalb von drei Monaten, nachdem die Renditen der zweijährigen Anleihen ihren jeweiligen Höchststand erreicht haben. Zu Beginn des Jahres 2023 herrscht Einigkeit über eine flache US-Rezession. Der IWF prognostiziert für 2023 ein globales Wachstum von 2,7 %. Dies wäre das schwächste Wachstum seit 2001, wenn man die globale Finanzkrise und die Covid-Pandemie außer Acht lässt. Da in Bezug auf diese Ergebnisse erhebliche Unsicherheiten bestehen, sind wir davon überzeugt, dass eine genaue Beobachtung der Form der Renditekurve des US-Finanzministeriums eine solide Orientierungshilfe geben wird.

3. Die Welt ist mit einem massiven Energiepreisschock konfrontiert
Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat frühere Orthodoxien in Bezug auf die europäische Sicherheit und das geopolitische Gleichgewicht erschüttert. Europa steht vor einer langen Phase der Neubewertung seiner Verteidigungsfähigkeit, seiner wirtschaftlichen Schwachstellen und seiner Sicherheitsstrukturen. Und nirgendwo tritt dies offensichtlicher zutage als im Energiebereich. Es handelt es sich dabei tatsächlich um ein globales Phänomen, für das Europa besonders anfällig ist. Die im Westen weitgehend selbstverständliche Energieversorgungssicherheit mit ihrer daraus resultierenden Unterinvestition wird nun zu einem Schwerpunkt der Regierungspolitik. Alle Versuche, den weiteren Verlauf dieses Krieges vorherzusagen, werden sich wahrscheinlich als ebenso unzutreffend erweisen wie die meisten früheren Versuche. Gleichzeitig dürfen wir die anhaltende Bedeutung dieses Konflikts für die Energie- und Nahrungsmittelversorgung der Welt nicht außer Acht lassen. Wichtig ist, dass eine verstärkte Hoffnung auf eine Beilegung des Konflikts unmittelbare Auswirkungen auf die Aussichten für das globale Wachstum hätte.

4. Durch seine Wahrnehmung als „sicherer Hafen“ gewann der US-Dollar zunehmend an Stärke.
Auf lange Sicht lassen sich überzeugende Argumente für eine Schwäche des US-Dollars ausmachen, die sich auf Zwillingsdefizite und wachsende Bedenken hinsichtlich nichtdiskretionärer Haushaltsausgaben zurückführen lässt. Der jüngste Einsatz des US-Dollars als Waffe im Rahmen von finanziellen Sanktionen wird auch andere Länder dazu ermutigen, ihre finanzielle Anfälligkeit zu verringern. Kurzfristig wurde die jüngste Stärke des US-Dollars dadurch angetrieben, dass er sowohl als sicherer Hafen als auch als eine Währung mit hoher Belastungsfähigkeit wahrgenommen wurde. Wenn sich diese Wahrnehmung im Jahr 2023 jedoch zumindest etwas umkehrt, wird sich dies erheblich auf die Wertentwicklung von Vermögenswerten außerhalb der USA auswirken. Ebenso würde eine stärkere Wertentwicklung der Lokalwährungen die inländischen Befürchtungen über das Durchbrechen der Inflation und das Risiko der Rückzahlung von Hartwährungen mindern – zwei Faktoren, die die Wertentwicklung der Schwellenmärkte (EM) und der asiatischen Vermögenswerte im Jahr 2022 erheblich belastet haben. Eine Welt, die weniger Angst vor einer anhaltenden Stärke des US-Dollars hat, ist finanziell weniger bedrohlich.

5. Die Kreditqualität verschlechtert sich, wobei der Anteil der stark fremdfinanzierten Transaktionen seit dem Höhepunkt der Pandemie zugenommen hat.
Unabhängig davon, welche Entwicklungen uns im Jahr 2023 erwarten, können wir jedoch sicher sein, dass es keine Rückkehr zur Nullzinspolitik geben wird. Dieses Kapitel der Finanzmarktgeschichte ist endgültig abgeschlossen. Aufgrund der Tatsache, dass die globale Liquiditätsflut zurückgeht, sollten wir wachsam bleiben und auf weitere Anlagebeispiele achten, deren bisheriger Erfolg nicht aus vermeintlich cleveren Strategien, sondern allein aus dem Bullenmarkt herrührt. Im Jahr 2022 waren die Kernschmelze der Kryptowährungen, die LDI-Implosion und der SPAC-Crash drei Beispiele für eine Fehlbewertung der Vermögenspreise, die auf der Erwartung ewig niedriger Zinssätze beruhten. Obwohl sich diese „Liquiditäts-Landminen“ nur schwer im Voraus erkennen lassen, möchten wir dennoch hervorheben, dass die meisten finanziellen Probleme im letzten Jahr nur im öffentlichen Marktsegment aufgetreten sind. Obwohl die Übertragung von Vermögenswerten an private Märkte aus strategischer und betriebswirtschaftlicher Sicht durchaus sinnvoll sein kann, muss die preisliche Inkongruenz zwischen diesen beiden Perspektiven letztlich gelöst werden. Die Neubewertung der globalen Zinssätze deutet, wie oben gezeigt, zusammen mit der sich verschlechternden Qualität der fremdkapitallastigen Kreditvergabe auf eine bevorstehende Korrektur hin. Privatmarktfirmen haben prognostiziert, dass sie weiterhin eine beträchtliche Menge an hochliquiden marktgängigen Wertpapieren („trockenes Pulver“) einsetzen müssen. Letztlich führt jedoch kein Weg daran vorbei, die Validierung von Geschäften durch einen Ausstieg zu Marktpreisen zu erreichen. Die Folgefrage lautet natürlich, ob unvorhersehbare Marktereignisse schnell zu systemischen Risiken führen. Angesichts der starken Vorsorge der Banken und des relativ lockeren Rückzahlungsplans für Hochzinsanleihen im Jahr 2023 scheinen die Chancen dafür relativ gering zu sein. Obwohl die Liquiditätsereignisse in diesem Jahr – wie schon im vergangenen Jahr – für diejenigen, die direkt exponiert sind, äußerst schmerzhaft sein werden, sollte der daraus resultierende Schaden lokal begrenzt bleiben.

6. Was geschieht mit China?
Natürlich sind Liquiditätsereignisse nicht dasselbe wie Liquiditätsrisiken. Da die Zentralbanken ihre Bilanzen weiterhin verkleinern, können sie möglicherweise die Volatilität auf den Kernmärkten für Staatsanleihen und damit auch auf allen anderen riskanteren Anlageklassen erhöhen. Diese Verringerung der Liquiditätsbereitstellung durch die Zentralbank erfolgt, während sich die Märkte noch an die Verringerung der Market-Making-Fähigkeiten der Investmentbanken anpassen, die sich aus regulatorischen Änderungen sowie dem Wachstum sowohl der traditionellen Käuferseite als auch der Schattenbanken ergeben. Dies wird wahrscheinlich zu anhaltenden Spannungen im Zusammenhang mit der Risikoübertragung und der daraus resultierenden Marktpreisbildung führen. Achten Sie im Jahr 2023 auf entsprechende Wiederholungen.

Und während es bei den Aussichten für das Jahr 2023 schon in den entwickelten Märkten viele Unsicherheiten gibt, verblassen diese aber möglicherweise im Vergleich zu den Unsicherheiten, die mit China in Verbindung gebracht werden.

Wird die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt endlich aus ihrem Covid-Winterschlaf erwachen? Kann sich dies positiv auf das globale Wachstum auswirken und tatsächlich als Gegengewicht zum westlichen Rezessionsrisiko dienen? Kann die neuerliche Exportleistung aus China den Druck auf die Lieferkette mildern, der insbesondere in den USA als Inflationstreiber gewirkt hat? Diese Fragen unterliegen immer noch einem erheblichen politischen Risiko. Zudem bekommen wir erst jetzt eine erste Vorstellung davon, wie Xi seine innenpolitischen Prioritäten ordnen wird, nachdem er die unangefochtene Macht erlangt hat. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Art und Weise, wie China mit seiner Immobilienblase fertig wird, der entscheidende Faktor für das Binnenwachstum sein wird.

7) Der Wohnungsmarkt ist eine wichtige wirtschaftliche Variable, die es in China zu beobachten gilt.
China hat sich dafür entschieden, die Preise aufrechtzuerhalten und den Neubau von Häusern zu stoppen. Obwohl diese Entscheidung vor kurzfristigen finanziellen Ausstrahlungseffekten schützt, wird sich das Fehlen eines Marktreinigungsmechanismus jedoch sicherlich nachteilig auf das Verbrauchervertrauen und den Konsum auswirken und die Investitionen dämpfen. Die chinesischen Behörden glauben, dass die Urbanisierung den überschüssigen Wohnungsbestand letztlich abbauen wird. Dies ist jedoch ein langfristiger Prozess. Die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt könnten in China im Jahr 2023 immer noch die wichtigste wirtschaftliche Variable sein, die es zu beobachten gilt.

Aus politischer Sicht war die Erkenntnis, dass China und die USA nun in eine Phase des strategischen Wettbewerbs eingetreten sind, der wichtigste Faktor, um das Ende der Ära der Globalisierung zu beschleunigen. Es ist bemerkenswert, dass sich der grundlegende Wandel der Einstellungen am dramatischsten im Westen vollzog. Die folgende Grafik 5 zeigt die Anzahl der Gesetzentwürfe im US-Kongress, die sich alle mit der Rivalität mit China befassen.

8. Das Klima der Beziehungen zwischen den USA und China

Es gibt eine dramatische Abkehr von der Haltung des konstruktiven Engagements aller US-Präsidenten in der Zeit von Nixon bis Obama. Das schwankende Klima in den Beziehungen zwischen den USA und China wird der wichtigste geopolitische Wegweiser für 2023 bleiben. Obwohl zwischen Washington und Peking beim strategischen Denken über Taiwan und die Einflusssphären im südchinesischen Meer nach wie vor eine große Kluft herrscht, stehen beide Länder immer noch vor vielen Herausforderungen, die einen gemeinsamen Ansatz erfordern. Der Klimawandel sowie die Ernährungs- und Gesundheitssicherheit erfordern auch in einer stärker regionalisierten und lokalisierten Welt globale Lösungen. Da der persönliche Dialog zwischen den weltweiten Staats- und Regierungschefs wieder aufgenommen wird und Präsident Xi erneut zu Auslandsreisen aufbricht, besteht Hoffnung auf eine Verbesserung der Beziehungen. Dies vermag diejenigen überraschen, die sich gerade für einen neuen Kalten Krieg positionieren.

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Der verhinderte Aufschwung

Hausgemachte Krisen stören den Erholungsmodus.

Michael Kordovsky. Eine inverse Zinskurve in den USA signalisiert „Rezession voraus“. Was sagen diverse Früh- und Stimmungsindikatoren und was macht die globale Leitwirtschaft China? Es gibt drei sehr einfache Konjunkturindikatoren, die gewisse Anhaltspunkte liefern: die Preise für Kupfer und Erdöl in Kombination mit dem Baltic-Dry-Index, der die Seefrachtraten für Trockengüter anzeigt. Letzterer hat sich nach einer (fast) Verfünffachung im Jahr 2021 wieder beruhigt und fiel auf sein Ausgangsniveau zurück.

Der Ölpreis (WTI), der kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine auf umgerechnet mehr als 120 Euro anstieg, ist mittlerweile auf 75 Euro rückläufig. Auf Drei-Monats-Sicht liegt das Minus bei 11,5 %, während der Kupferpreis auf Jahressicht bereits 14,9 % im Minus liegt.

In der Halbleiterbranche wuchs 2022 der Weltmarkt hingegen voraussichtlich noch um rund 7 % auf umgerechnet 603 Mrd Euro. Die Digitalisierung wäre weiterhin ein positiver Konjunkturfaktor, genauso wie (Konsum-)Nachholeffekte nach den zahlreichen Lockdowns.

Hausgemachter Abschwung und mögliche Corona-„Neuauflage“
Nicht die klassischen herkömmlichen Konjunkturzyklen sind diesmal das Problem, sondern eine Mischung aus Krieg in Europa, hoher Inflation infolge von Energieknappheit und unterbrochener Lieferketten sowie das starke Wiederaufkeimen von Corona in China. Dieses führt dazu, dass der Wirtschaftsriese als Nachfragefaktor ausfällt, was vor allem auf die Rohstoffpreise drückt und in den USA und Europa die Exportpotenziale einschränkt.

Überraschend stark (um 10,6 %) brachen Chinas Importe im November 2022 ein, während die Exporte um 8,7 % schrumpften. Letzteres war die schlechteste Entwicklung seit Feber 2020. Bereits im Oktober waren die Exporte um 0,3 % rückläufig. Einerseits wirkten sich die strengen Corona-Maßnahmen Chinas negativ aus, ander-erseits schwächte sich die globale Nachfrage ab. Nach dem Ende der Corona-Maßnahmen explodierte die Durchseuchung Chinas. Im Dezember war von rund 248 Mio Fälle die Rede.

Der auf der Befragung von 430 privaten chinesischen Industrieunternehmen basierende „Caixin China General Manufacturing PMI™“ entwickelt sich bis Dezember bereits fünf Monate in Folge rückläufig und erreichte im Dezember den niedrigsten Stand seit September. Allerdings war damals noch das Sentiment auf einem Zehn-Monatshoch, da nach den umstrittenen Eindämmungsmaßnahmen der Regierung in Peking eine weitgehende Öffnung der Wirtschaft erwartet wurde. Das könnte sich mit der raschen Ausbreitung von Corona nun ändern. Abwassermonitoring in Flugzeugen und Testpflicht für Einreisende aus China in EU-Länder könnte somit erst der Anfang sein. Sollten im Abwasser neue Corona-Mutationen entdeckt werden, sind selbst erneute Lockdowns außerhalb Chinas nicht mehr auszuschließen.

Durchwachsen: „Einkaufsmanager-Befragungen“
In Europa schwächt sich zwar die Talfahrt der Privatwirtschaft (Produktion und Dienstleistung) ab und der finale „Eurozone Composite PMI®“ von S&P Global stieg im Dezember auf ein Fünf-Monatshoch, was rohstoffseitig auf einen nachlassenden Preisdruck zurückzuführen ist. Doch der wichtige Frühindikator „Auftragseingänge“ ist auf Talfahrt. Aufgrund der generellen Nachfrageflaute in der Privatwirtschaft wies der Auftragseingang im Dezember bereits sechs Monate in Folge ein Minus aus. Besonders hart trifft es die Industrie infolge von Lagerabbau und Stornierungen.

Die Daten des „S&P Global Flash US Composite PMI®“ deuten im Dezember hingegen auf einen stärkeren Abschwung hin. Der „Flash US Manufacturing PMI“, der Auftragseingänge, Output, Beschäftigung, Lieferzeiten der Lieferanten und Lagerbestände kombiniert, fiel im Dezember auf ein 31-Monats-Tief.

Ein guter Konjunkturindikator ist auch die Verfassung der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie, deren Auslandsaufträge in den ersten drei Quartalen 2022 noch um 26 % wuchsen, da Betriebe derzeit modernisieren und auch in Kapazitätserweiterungen investieren.

Stimmungsverbesserung
Gleichzeitig erholt sich im Euroraum, ausgehend von einem niedrigen Niveau bis Dezember 2022, das Konsumentenvertrauen. Positiv ist, dass sich laut Ifo Institut die Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Dezember merklich aufhellte. Erstmals nach sechs Rückgängen in Folge ist der Lage-Indikator wieder gestiegen. Konkret bedeutet dies, dass Unternehmen ihre aktuelle Lage wieder optimistischer beurteilen und auch die Zukunftserwartungen haben sich verbessert.

In den USA verbesserte sich im Dezember, laut The Conference Board, das Verbrauchervertrauen. Auch die Erwartungen für die kommenden sechs Monate betreffend Einkommen, Geschäftsentwicklung und Arbeitsmarktsituation haben sich von November auf Dezember deutlich verbessert, wenn auch ausgehend von einem „Rezessionsniveau“.

Fazit
Angebotsverknappung durch Corona-Maßnahmen und Ukrainekrieg sind die Inflationstreiber und somit „hausgemacht“. Doch als Reaktion darauf versucht die Fed mit allen Mitteln in einer Erholungsphase von der Pandemie die Konjunktur abzuwürgen, um die Inflation auf diese Weise in den Griff zu bekommen.

Nun droht sich – ausgehend von China, die Corona-Krise in einer gewissen Form zu wiederholen. Diese Konstellation deutet auf einen hausgemachten globalen Abschwung hin.

Foto: Pixabay / MaoNo

 

 

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Was tun bei deutschen Bundesanleihen?

Nach den historisch einmaligen Kursverlusten sehen Experten Kaufchancen.

Raja Korinek. Das vergangene Börsenjahr war von einem seltenen Ereignis geprägt: So sanken die Kurse von Aktien und von Anleihen kräftig. Letztere Anlageklasse bot Anlegern in einem breit gestreuten Portfolio damit praktisch keinen sicheren Hafen mehr.

Wie kräftig die Rücksetzer erfolgten, lässt sich beispielsweise anhand des „Euro Bund-Future“ nachvollziehen. Dabei handelt es sich um ein Derivat, das die künftige Kursentwicklung einer fiktiven 10jährigen deutschen Staatsanleihe mit einem Kupon von 6 % abbildet. Noch 2019 erreichte der „Euro Bund-Future“ ein Rekordhoch von knapp 180 Punkten und notierte danach in einem breiten Seitwärtstrend. Grund für den extremen Kursanstieg waren freilich sinkende Zinsen und das umfangreiche Anleihekaufprogramm der EZB. Die damit erzeugte Nachfrage verteuerte die Bondkurse weiter.

Hohe Kursverluste
Doch mit der steigenden Inflation und der damit eingeläuteten Zinswende drehte sich das Blatt schlagartig. Notierte der „Euro Bund-Future“ zu Jahresbeginn 2022 noch bei rund 174 Punkten, sind es inzwischen nur noch gut 137 Punkte.

Demgegenüber stiegen die Renditen kräftig an. 10Jährige deutsche Bundesanleihen etwa rentieren derzeit bei rund 2,2 %. Zum Vergleich: Im Jänner 2022 lag die Rendite bei knapp 0,014 %. „Eine Aufwärtsbewegung in diesem Ausmaß ist in den vergangenen 30 Jahre beispiellos. Mithin hat 2022 selbst den Crash von 1994 in den Schatten gestellt“, konstatiert Elmar Völker, leitender Zinsanalyst bei der LBBW.

Sinkende Inflation als Trendwende
Dennoch gab es zuletzt anscheinend erste Lichtblicke. Denn das Tempo, in dem die Inflationsrate in den vergangenen Monaten zulegte, nahm ein wenig ab. Dies zeigte sich etwa im Monat Dezember. Aufgrund gesunkener Energiepreise hat sich der Inflationsanstieg in der Eurozone merklich verlangsamt, unterstreicht Ulrike Kastens, Europa-Volkswirtin bei der DWS. Sie meint, „insgesamt kletterten die Preise nur noch um 9,2 % im Jahresvergleich nach oben, nach 10,1 % im November.“ Auch in Deutschland sank die Jahresrate auf 8,6 %.

Die Folgen all solcher Entwicklungen waren in der Kursentwicklung deutscher Bundesanleihen zu sehen, deren Kurse gewannen zuletzt ein wenig an Wert. LBBW-Experte Völker stimmt dies positiv. „Der rentenfreundliche Start könnte ein gutes Omen für 2023 bilden. Die Dezember-Inflationsdaten lassen die Wahrscheinlichkeit erheblich steigen, dass der Inflationsgipfel im Euroraum überschritten wurde.“

Chancen gehebelt nutzen
Er meint auch, dass heuer ein sinkender Preisdruck zu einem der bestimmenden Themen wird und den Weg zum Auslaufen der geldpolitischen Straffung ebnen könnte. „Somit sinkt die Gefahr, dass der Euro-Staatsanleihemarkt am Beginn eines dritten Negativjahres in Folge steht.“

Anleger, die sich das Risiko zutrauen, können mittels Turbo-Longzertifikate gehebelt auf einen möglichen Kursanstieg des „Euro Bund-Futures“ setzen. Ein solches Produkt bietet etwa die BNP Paribas an (ISIN: NL0000807071). Der aktuelle Hebel liegt bei rund 2,1. Um diesen verändert sich der Kurs des Zertifikats im Verhältnis zu jenem des Basiswerts. Berührt oder unterschreitet der Kurs des Basiswerts jedoch die Marke von 73,30 Punkten, verfällt das Zertifikat.

Etwas mehr Chancen bietet das Turbo-Long-Zertifikat der Société Générale (DE000SQ38FE4). Hier liegt der aktuelle Hebel bei rund 5. Doch damit ist auch das Risiko größer. Wird die Marke von 110 Punkten berührt oder unterschritten, verfällt das Produkt.

Foto: AdobeStock / Dmitry

 

 

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Zirkular statt linear

Die Industrie entwickelt immer neue Systeme zur Erhöhung der Recyclingrate.

Christian Sec. Die europäische Wirtschaft ist noch stark linear geprägt. Nur 12 % der verwendeten Roh- und Sekundärstoffe kommen wieder in den Wirtschaftskreislauf. Nun will aber die Industrie ihre Schlagzahl im Bereich der Kreislaufwirtschaft erhöhen. Die Lenzing Gruppe und Renewcell, ein Textil-Recycling-Pionier aus Schweden, haben im Dezember eine mehrjährige Liefervereinbarung unterzeichnet. Die Vereinbarung beinhaltet den Verkauf von 80.000 bis 100.000 Tonnen des zu 100 % recyceltem Circulose-Textilzellstoffs an Lenzing in den nächsten fünf Jahren. Der recycelte Zellstoff wird in der Produktion von Lenzing Cellulosefasern für Bekleidung und andere textile Anwendungen verwendet. „Wir wissen, dass der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft von entscheidender Bedeutung ist, um das Problem der enormen Mengen an Textilabfällen zu bewältigen“, so Christian Skilich, Chief Pulp Officer der Lenzing Gruppe.

Innovation beim Recycling
Der Erdölkonzern OMV hat mit ReOil eine Technologie entwickelt, der den Kreislaufgedanken in vier unterschiedlichen Dimensionen denkt. Dabei spielt neben der klassischen Wiederverwendung, das mechanische und chemische Recycling von Kunststoff-Abfällen eine zentrale Rolle. Hierfür baut die OMV in der Raffinerie Schwechat gerade eine Anlage mit einer Kapazität von 16.000 Tonnen pro Jahr. Die Anlage soll dieses Jahr in Betrieb gehen. Bis Ende 2026 soll die Verarbeitungskapazität auf bis zu 200.000 Tonnen pro Jahr ausgebaut werden. Die OMV nutzt auch das durch Pflanzen gespeicherte CO2, z. B. in Form von gebrauchtem Speiseöl als nachhaltigen Treibstoff und als Rohstoff für die chemische Industrie. So produziert der Konzern seit März dieses Jahres nachhaltigen Flugzeugtreibstoff. Der größte Kreislauf, den die OMV etablieren will, der jedoch erst in der Entwicklungsphase ist, ist die direkte Nutzung von emittiertem CO2, das bei industriellen Produktionsprozessen freigesetzt wird.

Gemeinsam mit einem niederländischen Urban-Mining-Spezialisten hat der Ziegelhersteller Wienerberger den kreislauforientierten Vormauerziegel im Vorjahr auf den Markt gebracht. Für die Produktion greift Wienerberger auf Ton zurück und verarbeitet dabei 20 % keramische Restmaterialien, die aus Abbruchhäusern gewonnen werden, diese werden gemahlen und dem Basisrohstoff Ton beigemischt.

Beim Anlagenbauer Andritz werden bereits rund zwei Drittel des Abfalls recycelt. Ziel des Unternehmens ist es, im Bereich der Zellstofffabriken keinen Abfall mehr zu produzieren. Der Geschäftsbereich Pulp & Paper bietet Second-Hand-Anlagen an, um Ressourcen zu schonen. „Durch das Refurbishing können so Lieferengpässe ausgeglichen werden“, erklärt Michael Buchbinder, Head of Group Finance, Sprecher von Andritz.

Reparatur statt Ersatzteile
Die Versicherungsindustrie gilt als Hebel zur Förderung der Kreislaufwirtschaft. Vor allem im Kfz-Bereich werden Anstrengungen gesetzt, um die Reparaturquote bei versicherten Schäden zu erhöhen. „Würde man in Deutschland die Reparaturquote nur um 2 %-Punkte erhöhen, ließen sich rund 5.000 Tonnen CO2 einsparen, das entspricht dem jährlichen Energieverbrauch von 860 Haushalten“, sagte Christoph Lauterwasser, Geschäftsführer vom Allianz Zentrum für Technik, während des Allianz-Autotages. Das Problem sei jedoch: Während die Reparatur bei einigen Autoteilen erlaubt ist, wird die Instandsetzung bei anderen Teilen von den Autoherstellern nicht zugelassen, was den Kunden finanziell belastet und die Umwelt schädigt, so Lauterwasser.

Foto: Pixabay / stux

 

 

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Kater nach dem Höhenflug

EY-Start-up-Barometer 2022: Finanzierungen brechen nach Rekordstart im zweiten Halbjahr stark ein.

(30.12.) Nachdem 2021 weltweit alle Rekorde in Hinblick auf Start-up-Finanzierungen geknackt wurden, haben steigende Zinsen, wirtschaftliche Unsicherheiten, Inflation und eine drohende Rezession das Marktumfeld stark eingetrübt. Die Kombination dieser Faktoren und die wirtschaftliche Lage veranlassen Risikokapital-Finanzierer weltweit zu mehr Zurückhaltung und sorgen für ein deutliches Abbremsen am Finanzierungsmarkt für Start-ups und Scale-ups.

Besonders betroffen sind börsennotierte Tech-Unternehmen sowie hoch bewertete Scale-ups oder Unicorns mit Fokus auf ein starkes, schnelles Wachstum. Aufgrund des schwierigen Marktumfelds zögern Venture Capitalists weltweit trotz geschätzt rund 500 Milliarden Dollar in der Kasse mit weiteren Finanzierungsrunden und richten den Fokus stärker auf das Management ihres eigenen Portfolios. Aufgrund der deutlich nach unten korrigierten Wachstumsprognosen gab es in den vergangenen Monaten bereits größere Entlassungswellen bei Scale-up-Unternehmen. Auch Österreichs Start-ups und Scale-ups stellen sich aktuell auf längere Phasen bis zur nächsten Finanzierungsrunde, geringere Bewertungen und Volumina sowie weniger ambitionierte Wachstumsziele ein.

In den Zahlen für 2022 lässt sich diese deutliche Eintrübung des Finanzierungsmarkts für österreichische Start-ups eindeutig im zweiten Halbjahr ablesen. Nach einem sehr starken ersten Halbjahr mit insgesamt 881 Millionen Euro Investments – einer neuen Rekordmarke – ist der Markt im zweiten Halbjahr 2022 deutlich eingebrochen: In den vergangenen sechs Monaten wurden nur noch 125 Millionen Euro investiert – das sind um 83 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Damit liegt das Volumen auf dem Niveau der beiden 2020er-Halbjahre, nachdem es zuvor drei Halbjahre in Folge gestiegen war und – insbesondere aufgrund von Mega-Deals – Werte jenseits der 500-Millionen-Euro-Marke erreicht hatte. Die Zahl der registrierten Abschlüsse übertraf hingegen im siebten Halbjahr in Folge die Marke von 50. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2022, das mit 79 Finanzierungsrunden das anzahlmäßig abschlussstärkste Halbjahr im Untersuchungszeitraum war, ging die Zahl der Deals im zweiten Halbjahr allerdings deutlich zurück – um 17 Deals auf 62.

Das sind Ergebnisse des Start-up-Barometers Österreich der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Berücksichtigt wurden Unternehmen mit Hauptsitz in Österreich, deren Gründung höchstens zehn Jahre zurückliegt.

Zurückhaltung am Finanzierungsmarkt – Fokus auf Profitabilität und Anreize für Investitionen wichtig
„Weltweit ist die Goldgräberstimmung des Boom-Jahres 2021 der Ernüchterung gewichen. Viele Geldgeber sind nervös, die Risikobereitschaft sinkt, ebenso wie die Bereitschaft zu investieren. Viele Scale-ups und Unicorns haben von Hypergrowth auf Überlebensmodus geschaltet, in vielen stark gefundeten Wachstumsunternehmen gibt es aktuell Entlassungen. Das Stimmungsbild hat sich innerhalb weniger Monate komplett gedreht – allerdings ist auch das eine Momentaufnahme. Wie nachhaltig der Krisenmodus ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, insbesondere der Zinspolitik, der Höhe der Inflation und dem Ausmaß der drohenden Rezession“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich.

In Österreich gab es 2022 einen Rückgang der Finanzierungssumme um 18 Prozent von 1,23 auf 1,0 Milliarden Euro. Das ist immer noch das zweithöchste Investmentvolumen, das je innerhalb eines Jahres in österreichische Start-ups investiert wurde. Allerdings vereinigten die zwei großen Finanzierungsrunden von GoStudent mit 300 Millionen Euro sowie TTTech Auto mit 250 Millionen Euro rund 55 Prozent des gesamten Investitionskapitals auf sich. Auch die weiteren Top-Investments des Jahres fanden im ersten Halbjahr statt: Die Top-5 nach Volumen komplettieren Waterdrop und PlanRadar mit je 60 Millionen Euro sowie der Logistik-Spezialist byrd mit 53 Millionen Euro.

„In Österreich hat der Start-up-Höhenflug des Vorjahres im stürmischen Umfeld insbesondere im zweiten Halbjahr deutlich abgebremst. Die bereits seit einigen Monaten weltweit zu beobachtende starke Zurückhaltung der Investoren in Hinblick auf Wachstumsfinanzierungen und Kapitalspritzen außerhalb des eigenen Portfolios lässt sich mit leichter Verzögerung auch an den Zahlen ablesen. Nachdem es im ersten Halbjahr noch dank einiger Millionenrunden, die noch 2021 verhandelt wurden, einen neuen Finanzierungsrekord gab, ist der Markt im zweiten Halbjahr deutlich ruhiger geworden. Gerade bei der Wachstumsfinanzierung, die in Österreich fast ausschließlich durch internationale Investorengruppen getätigt wird, wird sich die bereits in der zweiten Jahreshälfte zu beobachtende starke Zurückhaltung von Risikokapitalgebern auch in den nächsten Monaten niederschlagen“, so Haas.

Für Start-ups sei es jetzt besonders wichtig, sich auf die herausfordernden Monate vorzubereiten: „Start-ups und Scale-ups, die nicht durch glückliches Timing in den letzten zwölf Monaten eine Finanzierungsrunde gemacht haben, müssen sich darauf einstellen, länger als geplant mit ihren finanziellen Mitteln auskommen zu müssen und aufgrund sinkender Bewertungen weniger Geld als geplant einzunehmen. Nach dem Boom-Jahr 2021 ist wieder deutlich mehr Realismus bei den Bewertungen eingekehrt, was zu einer gewissen Marktkonsolidierung führen wird und den Fokus verstärkt auf Start-ups mit funktionierenden Geschäftsmodellen und erfolgreichen Marktaktivitäten lenkt. Investorengruppen verlagern ihren Fokus daher auch von Potenzial auf Profitabilität. Anstelle eines möglichst ambitionierten Wachstumsziels rücken für Investoren Themen wie Effizienz und Performance ganz nach oben auf die Checkliste bei der Due Diligence. Für Start-up ist es daher umso wichtiger nachzuweisen, dass ihr Geschäftsmodell einen Markt und zahlende Kundinnen und Kunden hat“, so Haas.

„Gerade für Start-ups und Scale-ups, die sich erfolgreich auf dem Markt etabliert haben und jetzt den nächsten Wachstumsschritt gehen wollen, ist die Zurückhaltung von Investorinnen und Investoren ein großes Risiko. Eine liquiditätsbedingte Vollbremsung von zukünftigen ‚Global Champions made in Austria‘ hätte auch für den Wirtschaftsstandort und das österreichische Start-up-Ökosystem sehr negative Folgen. Es braucht dringend staatlich gesteuerte Anreize, um Investitionen in Start-ups für institutionelle und private Geldgebern attraktiver zu machen, beispielsweise durch einen Dach-Fonds oder steuerliche Anreize wie einen Beteiligungsfreibetrag. Damit könnte die Lücke durch fehlende VC-Fond-Investitionen gefüllt und gleichzeitig in Zeiten hoher Inflation eine attraktive Asset-Klasse gestärkt werden. Die Reife und Professionalität des Start-up-Ökosystems in Österreich ist auch durch die aktuelle Krise nicht revidierbar“, sagt Haas.

Anzahl großer Runden für Österreichs Start-ups gestiegen
Die Anzahl der Finanzierungsrunden für österreichische Start-ups ist 2022 um rund 16 Prozent von 122 auf 141 gestiegen. Das durchschnittliche Volumen der Deals, bei denen eine Summe veröffentlicht wurde, ist aufgrund der gestiegenen Anzahl an Deals und dem Rückgang beim Volumen deutlich um rund 25 Prozent von rund zwölf Millionen Euro auf 8,92 Millionen Euro gesunken. 2020 wurden durchschnittlich pro Finanzierungsrunde nur 4,5 Millionen Euro investiert – rund die Hälfte von 2022.

Der Trend zu größeren Finanzierungsrunden in Österreich hielt auch 2022 an, allerdings mit einem leichten Rückgang im Vergleich zum Rekordjahr 2021: Die Anzahl an großen Deals mit Volumina von mehr als 10 Millionen Euro ging von 16 auf zehn zurück. Die Deals mit mehr als einer Million Euro Volumen blieben mit jeweils 45 in 2022 und 2021 gleich. Bei den Finanzierungsrunden unter einer Million Euro gab es einen Anstieg von 61 auf 80.

„Aufgrund des Einbruchs von Tech-Aktien an den Börsen stehen insbesondere Scale-ups und Unicorns knapp vor einem Börsengang enorm unter Druck und brauchen Finanzierungsspritzen, die sie im aktuellen Umfeld oft nur deutlich unter der Unternehmensbewertung der letzten Finanzierungsrunde bekommen. Dementsprechend ist die Krisenstimmung auf dem globalen Risikokapitalmarkt vor allem in einem deutlichen Rückgang von Megarunden mit mehr als 100 Millionen Euro sichtbar. Diese Runden sind in Österreich nach wie vor die Ausnahme und die starken potenziellen heimischen Unicorns haben fast alle in den letzten 18 Monaten eine Finanzierungsrunde abgeschlossen. Natürlich wird sich das eingetrübte Marktumfeld in allen Phasen zeigen, speziell in der Frühphase und bei der ersten Wachstumsfinanzierung werden die Auswirkungen zumindest kurzfristig weniger spürbar sein“, so Haas.

Software- und Technologiebranche verzeichnet die meisten Deals
Die meisten Finanzierungsrunden wurden 2022 im Softwarebereich abgeschlossen. Mit SaaS, Artificial Intelligence, Virtual Reality, Blockchain, Cloud, Cyber Security sowie Data Analytics umfasst dieser Bereich Start-ups mit neuen Technologien. Hier wurden mit 39 Finanzierungsrunden sogar acht mehr gezählt als im Vorjahr. Die Bereiche E-Commerce, Health und Mobility verzeichneten mit 19 bzw. 15 bzw. zwölf Finanzierungsrunden jeweils die gleiche Anzahl an Deals wie im Vorjahr. Nachdem 2021 aufgrund der Corona-Pandemie der Gesundheitsbereich deutlich zulegte, rangieren wieder eindeutig Tech-Unternehmen ganz oben in der Gunst der Investorengruppen.

Gleich fünf Branchen verzeichneten Zuströme an Risikokapital in Höhe von jeweils mehr als 50 Millionen Euro. Das meiste Kapital erhielten Start-ups aus dem Bereich Mobility: In zwölf Finanzierungsrunden konnten sie 333 Millionen Euro einwerben, darunter auch der zweitgrößte Deal des Jahres (TTTech Auto, 250 Mio. Euro).

Der Bereich Education brachte es in drei Finanzierungsrunden auf 302 Millionen Euro; allein 300 Mio. Euro entfielen dabei allerdings auf den Top-Deal des Jahres (GoStudent).

Auf den Rängen drei und vier folgen die Sektoren Software & Analytics und E-Commerce, deren Start-ups es auf 136 bzw. 74 Millionen Euro brachten.

Den größten absoluten Zuwachs gegenüber dem Vorjahr verzeichnete der Bereich Mobility (plus 311 Mio. Euro), das größte Minus der Bereich FinTech / InsurTech (minus 372 Mio. Euro).

Wien bleibt Start-up-Hotspot
Erneut gab es in Wien besonders viele Investitionen, die Hauptstadt konnte ihren Vorsprung als Start-up-Hotspot gegenüber den anderen Bundesländern wieder klar behaupten: Mit 81 Finanzierungsrunden (2021: 73) vereinigten die Hauptstadt-Jungfirmen 57 Prozent der hierzulande gezählten Finanzierungsrunden auf sich (2021: 60 %). Auf Rang zwei folgt Oberösterreich, wo 21 Finanzierungsrunden gezählt wurden (2021: 18), vor der Steiermark, deren Start-ups es auf 15 Finanzierungsrunden (2021: 14) brachten.

Fünf Bundesländer verzeichneten 2022 mehr Finanzierungsrunden als im Vorjahr; nur in Vorarlberg wurde mit einem Deal ein Abschluss weniger als im Vorjahr gezählt. In Salzburg blieb die Zahl der Finanzierungsrunden konstant. In Kärnten und dem Burgenland gab es wie schon im Vorjahr keine Finanzierungsrunde.

Das mit weitem Abstand meiste Kapital konnten erneut Wiener Start-ups einwerben: Mehr als drei von vier hierzulande in Start-ups investierte Euro wurden 2022 in Wiener Jungunternehmen investiert. Sieben der zehn größten Finanzierungsrunden betrafen Start-ups, die in Wien ansässig sind. Der Standort Steiermark belegt mit einem Marktanteil von rund neun Prozent Rang zwei vor Oberösterreich, das es 2022 auf einen Marktanteil von rund sechs Prozent bringt.

Nachhaltigkeit rückt stärker in den Fokus
Für Investorengruppen liegt der Fokus bei Investments in Start-ups eindeutig auf den Themen Digitalisierung und neue Technologien. Als zweiter wesentlicher Bereich hat Nachhaltigkeit in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.

2022 wurden 17 Finanzierungsrunden verzeichnet, die einen Sustainability-Bezug aufweisen. Damit hatte rund jede achte Finanzierungsrunde einen Bezug zum Querschnittsthema Sustainability. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 31 Millionen Euro in österreichische Start-ups mit Sustainability-Fokus investiert, das entspricht einem Anteil von rund drei Prozent an der insgesamt investierten Summe von 1,0 Milliarden Euro.

„Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind die bestimmenden Themen der nächsten Jahre für alle Unternehmen. Start-ups können hier als Innovationstreiber eine essenzielle Funktion einnehmen. In Österreich will nach eigenen Angaben knapp ein Drittel der Start-ups Lösungen für die ökologische Transformation, den Kampf gegen den Klimawandel, für die Dekarbonisierung oder für die Kreislaufwirtschaft bieten. Der Nährboden in Österreich für Green-Innovation-Start-ups ist sehr gut. Investorengruppen werden in diesem Bereich in den nächsten Jahren deutlich öfter und mehr investieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es das erste österreichische Green Unicorn gibt“, so Haas.

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2023 – zwischen Resilienz und Rezession

Die Kapitalmarktausblick: Selten zuvor gab es so viele Risikofaktoren.

Rudolf Preyer. Alle Jahre wieder blicken Kapitalgesellschaften und deren Expertinnen und Experten in di Zukunft. Wir haben wir einige Prognosen zusammengefasst.

In medias res: Marc Schattenberg, Volkswirt bei Deutsche Bank Research, blickt in seinem Kapitalmarktausblick 2023 „verhalten optimistisch“ auf das kommende Jahr: Die zu erwartende Rezession in den USA und Europa dürfte moderat ausfallen. Die Inflation werde zwar unter anderem aufgrund der Energiepreise voraussichtlich zunächst hoch bleiben; die Leitzinsen sollten jedoch im Sommer ihren Höchststand erreichen. Anleiherenditen in den USA dürften bereits im ersten Halbjahr ihren maximalen Wert erzielen. Die Deutsche Bank erwartet, dass der Renditeanstieg in der Eurozone in der zweiten Jahreshälfte ausläuft. „Aktien bleiben aufgrund niedriger Bewertungen bei stabilen Unternehmensgewinnen eine interessante Anlageoption“, so Schattenberg.

Die Gretchenfrage Aktien
Was Aktien betrifft, empfiehlt Benjamin Melman, Global CIO bei Edmond de Rothschild Asset Management, den Healthcare-Bereich, „da der attraktiv bewertete Sektor vom strukturellen Wachstum profitiert“. Weiterhin „hervorragende Chancen“ bieten auch Unternehmen, die die Big-Data-Revolution vorantreiben.

Konkret wird auch Marcus Poppe, Portfolio Manager Global Equities bei DWS: Die Energiekrise biete „langfristig Rückenwind“ für Energie-Effizienz-Ermöglicher. Im Hause setze man auf den „Ausgleich zwischen kurzfristigen Chancen und strukturellen Trends“. Europa sei punkto Aktien die „taktisch präferierte Region“.

François Rimeu, Senior Strategist bei La Française AM, hingegen geht davon aus, dass Investment-Grade-Securities 2023 „relativ attraktive Renditen“ bieten könnten. Bei Aktien sei man vorsichtig, ebenso gegenüber dem risikoreicheren Teil des High-Yield-Marktes. Die Inflation sei „schwer abzuschätzen“, so frage sich etwa: Wird sich China wieder öffnen und seine Null-Covid-Politik beenden?

Rückschlaggefahren bei Rezession
Laut Erste Asset Management-Chef Heinz Bednar könnte die globale Konjunktur einer erwarteten Rezession entkommen. Nach den Marktkorrekturen sieht er im Jahr 2023 „Potenzial für Fonds“, die Inflation könnte ihren Wendepunkt erreichen, und Anleihen-Renditen – insbesondere die von Unternehmensanleihen – seien „so attraktiv wie schon lange nicht mehr“. Angesichts der „Rückschlaggefahren bei einer Rezession“ seien Investitionen über Fondssparpläne, „wo man sich den Einstiegskurs glättet, eine gute Variante“. Bezahlt machen könnte sich auch eine Anlage in Mischfonds. Wenn der Dollar an Gewinn abgebe, könnte 2023 Gold glänzen.

Clemens Lengauer, Vermögensverwalter Private Banking der Volksbank Vorarlberg, rät bei Aktiengeschäften „in Tranchen“ einzusteigen, weil: „Den perfekten Zeitpunkt erwischt man ohnedies nicht.“ Er beobachte, dass Kunden immer öfter die „Kombination von Dividendenaristokraten und nachhaltiger Veranlagung“ nachfragen.

Milde Rezession in Österreich
Abschließend seien die wichtigsten Erkenntnisse der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) referiert, die noch im alten Jahr die „Gesamtwirtschaftliche Prognose“ für Österreich 2022 bis 2025 präsentierte. „Wenn die deutsche Wirtschaft einen Husten hat, hat die österreichische eine Verkühlung“ – gelte schon lange nicht mehr, so der Leiter des Konjunkturreferats, Gerhard Fenz, in der Pressekonferenz. Der Abschwung werde hierzulande schwächer ausfallen als bei unserem nördlichen Nachbarn, zumal dieser viel stärker vom Wohl und Wehe der chinesischen Wirtschaftsmacht abhängig sei.

Für Österreich erwartet Gouverneur Robert Holzmann einen robusten Arbeitsmarkt und sinkende Strompreise (freilich befeuert durch staatliche Zuschüsse), die Weltwirtschaft werde sich wohl ab übernächstem Jahr wieder erholen.

Konkrete Zahlen: Das heimische Wirtschaftswachstum werde 2023 mit 0,6 % nur schwach positiv ausfallen. An Negativa seien zu vermelden: Im Wohnbau gehe ein langer, ausgeprägter Zyklus mit zuletzt hohen Zuwachsraten zu Ende, und das Wachstum der Wohnbauinvestitionen drehe ins Minus.

Foto: Pixabay / sweetlouise

 

 

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Ausblick 2023: Die wichtigsten Trends für die Aktienmärkte

(22.12.) Eine Auswahl an GAM-Fondsmanagern gibt eine aktuelle Einschätzung zum Ausblick für 2023 für ihre jeweiligen Anlageklassen.

Europäische Aktien: Neues Umfeld hat begonnen von Niall Gallagher, Investment Director, European Equities

2022 war ein turbulentes Jahr, in dem die Energiepreise in Europa nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine ein noch nie dagewesenes Niveau erreichten und in dem die Inflation nach einer längeren Pause zurückkehrte. Auch wenn diese zwei Faktoren noch nicht vollständig überwunden sind, sind wir der Ansicht, dass sich die Aktienmärkte bereits weitgehend angepasst haben. Europa wird mittlerweile mit dem 11-fachen der zukünftigen Gewinne bewertet, gegenüber einem langfristigen Durchschnitt von 14. Diese drastische Herabstufung des Marktes in Verbindung mit dem bereits deutlichen Anstieg der Anleiherenditen und den Währungsanpassungen deuten darauf hin, dass ein Großteil der erforderlichen Anpassungen bereits erfolgt sein könnte.

Unseres Erachtens sind die Märkte in ein neues Umfeld eingetreten, in dem sowohl der Inflationsdruck – und damit die Zinsen – als auch die Energiepreise, insbesondere in Europa, weiterhin auf hohem Niveau verharren werden. Allerdings wurde die Widerstandsfähigkeit der Gewinne europäischer Unternehmen in der Berichterstattung des Jahres 2022 deutlich. Und obwohl wir für 2023 einige Schwachpunkte erwarten, betrachten wir diese Widerstandsfähigkeit insgesamt weiterhin als gegeben, was überwiegend auf den Erfolg europäischer Unternehmen auf den internationalen Märkten zurückzuführen ist. Mehr als 50 % der Erträge werden außerhalb Europas erzielt. Der Finanzsektor bleibt für uns ein Schlüsselsektor, da sich höhere Zinsen in einer verbesserten Rentabilität niederschlagen. Eine Mischung aus gut kapitalisierten Bilanzen, die von der Regulierung nach der globalen Finanzkrise profitieren, und geringer verschuldeten Verbrauchern bedeutet zudem, dass wir insgesamt nur mit einem geringen Abschmelzen der Kreditbestände rechnen. Der Energiesektor bleibt ebenfalls ein Schwerpunkt, da wir von mittelfristig höheren Energiepreisen ausgehen und die Unternehmen, die sich von fossilen Brennstoffen auf alternative Energiequellen umstellen, als Schlüsselfaktoren für die weitere Entwicklung der Energiewirtschaft betrachten.

Der technologische Wandel setzt sich fort; wir suchen ständig nach Unternehmen, die von den strukturellen Verschiebungen profitieren. Dazu zählt der Wechsel von Offline zu Online, der sowohl für ausgewählte Einzelhändler, die diese schockartige Umstellung erfolgreich gemeistert haben, als auch für den Fintech-Sektor positiv ist. Digital 4.0 wird weiterhin das Wachstum in den Bereichen Cloud Computing, Internet der Dinge, 5G und digitale Produktion vorantreiben, und Halbleiter werden weiterhin im Mittelpunkt dieses Wachstums stehen, in dem europäische Unternehmen weltweit führend sind.

Und schließlich scheint Asien endlich die strengen Covid-«Lockdowns» hinter sich zu lassen, was erneut eine kontinuierliche Ausdehnung der Mittelschicht ermöglichen dürfte, die bis zum Jahr 2030 zwei Drittel der weltweiten Mittelschicht ausmachen wird. Wir gehen davon aus, dass dieser Trend am besten durch die erfolgreichsten Luxusunternehmen mit Hauptsitz in Europa abgebildet werden kann.

Disruptive Trends: Digital 4.0 und Cybersicherheit im Fokus Von Mark Hawtin, Investment Director, Disruptive Growth Equities

Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass Wachstumsaktien in Zeiten von Zinserhöhungen eine relativ gute Wertentwicklung zeigen, jedoch in Zeiten erhöhter Unsicherheit bezüglich der Zinsentwicklung und des geeigneten Ausstiegs aus dem Zinsmarkt tendenziell schlecht abschneiden. Dies hat sich für den überwiegenden Teil des Jahres 2022 bestätigt. In diesem Zeitraum konzentrierten wir uns darauf, Risiken zu mindern, indem wir das Muster der Marktaktivität analysierten und die Kapitalbindungszeit verkürzten. Die Anpassung des Marktes an das neue Zinsumfeld in Verbindung mit einer verbesserten Transparenz der Entwicklung und der Höhe der US-Zinssätze sollte es den Marktteilnehmern nun ermöglichen, sich wieder auf die Fundamentaldaten zu konzentrieren. Die Aussichten für disruptive Entwicklungen und die Ausbreitung einer immer stärker digitalisierten Welt bleiben äußerst positiv. Dies wird wie immer die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern verstärken und somit die Alpha-Generierung sowohl durch die Suche nach den Gewinnern als auch durch die Vermeidung von Verlierern mit unterdurchschnittlicher Performance erhöhen.

Auch im Jahr 2023 werden wir uns auf die vielversprechenden Chancen konzentrieren, die Technologiewerte bei der Herausforderung etablierter Unternehmen bieten, wie beispielsweise im Bereich Digital 4.0, der für uns ein Schlüsselthema bleibt. Im Teilsektor Konnektivität haben Bedenken über eine nachlassende Nachfrage in der Branche und ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu einer starken Abwärtsspirale bei hoher Volatilität in der Halbleiterindustrie geführt. Wir sehen jedoch erhebliches Aufwärtspotenzial für einige Titel, sobald sich dieses Ungleichgewicht stabilisiert.

Das Metaverse und seine Einführung wurde zu einem wichtigen Diskussionspunkt, da es sich noch in den Kinderschuhen befindet. Wir sehen die Einführung als längerfristiges Thema, gehen aber davon aus, dass die Cashflow-Generierung der Infrastrukturtechnologien des Metaverse, wie ARVR und Blockchain, ein kurzfristiger Vorteil sein wird, der unsere langfristige positive Haltung insgesamt untermauert, während wir kurzfristige Stimmungsschwankungen im Auge behalten. Darüber hinaus bleibt Cybersicherheit ein aktives Anlagethema, da die Verbraucherbedürfnisse nach Schutz ihrer Online-Privatsphäre, ihres Heimnetzwerks sowie ihrer Geräte das Wachstum vorantreiben. Wir suchen nach Unternehmen, die gut positioniert sind und über Cross-Selling-Möglichkeiten verfügen, um die Online-Vernetzung zu erhöhen.

China erlebte ein schwieriges Jahr, bleibt jedoch ein Anlageschwerpunkt. Wir haben in der Vergangenheit in China erhebliches Alpha generiert und stufen die aktuellen Makrotrends als unterstützend für die Aktienmärkte ein, deren Bewertungen unverändert weit unter den historischen Vergleichsniveaus liegen. Wir bevorzugen qualitativ hochwertige Internetunternehmen mit attraktiven Bewertungen und nachvollziehbarer Gewinnentwicklung, da die führenden E-Commerce-Anbieter ihre Marktdurchdringung ausbauen und die Rentabilität erneut in den Vordergrund stellen.

Schwellenländer: START-Aktien sollten FAANG übertreffen Von Tim Love, Investment Director, Emerging Markets Equities

Nach einem Kursrückgang um ein Drittel und einem 21 Monate andauernden unruhigen Abwärtstrend haben wir Anfang des dritten Quartals 2022 unser Engagement in Schwellenländern (EM) wieder erhöht. Sowohl qualitative als auch quantitative Gesichtspunkte haben stark darauf hingedeutet, dass EM-Aktien einen antizyklischen Kaufzeitpunkt erreicht hatten. Obwohl wir auf relativer Basis zu den Aktien der entwickelten Märkte (DM) richtig gelegen zu haben schienen, war erst Mitte November 2022 ersichtlich, dass sich ein absoluter Preisanstieg bei EM-Aktien einstellt.

Die Logik für die Realisierung eines erheblichen Aufwärtspotenzials bei den Bewertungen der Schwellenländeraktien liegt in einer Reihe von Schlüsselkatalysatoren, die der Anordnung in einer Spiralfeder gleichen. Die Katalysatoren: Ein Höchststand des US-Dollars sowie neue politische Unterstützung in China, insbesondere für Immobilien und Banken, in Kombination mit einer zumindest teilweisen Aufhebung der Covid-Beschränkungen in China nach dem Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas im November 2022 (NCCCP). Eines dieser Ereignisse würde unserer Meinung nach den Aufwärtstrend der EM-Aktien im Jahr 2023 erheblich vorantreiben, unterstützt durch robuste und reformierte EM-Aktiengewinne, die zu einem starken Gewinnwachstum pro Aktie (EPS) im Jahr 2023 führen würden, in Kombination mit einer massiven potenziellen Ausweitung der EM-Aktienbewertungen.

Das Ertragspotenzial: 15 Jahre unruhige Seitwärtsentwicklung sind vergleichbar mit dem Zusammendrücken einer gespannten Feder. Es herrschen mittlerweile eine Reihe positiver Risiko-/Ertragschancen (Marktabschwung, Covid, Ölpreisschock), die sich mit der Situation der Jahre 2003 bis 2008 (nach den Asienkrisen, SARS) decken. Relative und absolute Renditen ermutigen dazu, diesen vielversprechenden zyklischen und säkularen Einstiegspunkt erneut zu prüfen. Geringe Liquidität, geringe Positionierung und negative Stimmung könnten unserer Ansicht nach 2023 ein attraktives Risiko-/Ertragsverhältnis für EM-Aktien schaffen. Abschottung ist das Motto von gestern.

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Grüne Bausteine für die Zukunft

Infrastruktur und ESG passen gut zusammen, meint man bei Franklin Templeton.

Harald Kolerus. Wir leben in höchst unsicheren, schwierigen Zeiten – das muss nicht viel weiter ausgeführt werden. Ruhe ins Chaos können hingegen Infrastruktur-Investments bringen, die außerdem Nachhaltigkeits-Effekte ausspielen. Das meint Karl Banyai, Sales Director Franklin Templeton Austria. Der Börsen-Kurier hat den Experten zum Gespräch gebeten.

Der Stabilisator
Banyai sagt: „Geopolitische Unsicherheiten, hohe Inflation und die Energiekrise, bzw. Angst vor dem ersten Winter ohne russisches Gas bestimmen die Lage.“ Zwar scheinen die Gasspeicher in Österreich und Europa dem Vernehmen nach mittlerweile gut gefüllt, Hochstimmung will allerdings unter Investoren logischerweise nicht aufkommen. „Die Anleger sind ob Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen natürlich verunsichert“, so der Experte. Aktien erfreuen sich zwar immer wieder gewisser Zwischen-Spurts, ob das der erhoffte Aufwärtstrend ist, bleibt aber fraglich. Jedenfalls bestimmt Volatilität die Märkte, woran sich so schnell nichts ändern wird. Ban-yai sieht in diesem Umfeld Infrastruktur als stabilisierende und gleichzeitig nachhaltige Anlageklasse mit Potenzial: „Infrastruktur-Unternehmen können höhere Preise weitergeben und somit als Inflations-Hedge und außerdem der Diversifikation dienen.“

Breite Streuung
Diese Vorteile nützen kann man aus dem Hause Franklin Templeton mit dem „Legg Mason ClearBridge Infrastructure Value Fund“ (ISIN: IE00BDR6ZR32). Banyai stellt das Produkt vor: „Um Risken zu minimieren veranlagt der Fonds in keine Infrastruktur-Projekte, sondern in ausgesuchte börsennotierte Unternehmen rund um den Globus, was für breite Streuung sorgt. Ebenfalls der Diversifikation dienlich ist das Investment in unterschiedliche Sektoren wie Gas-, Strom- und Wasserversorger, Mautstraßen, Flughäfen, Eisenbahn, Erneuerbare Energien, 5G und Kommunikation. In der Regel finden sich 30 bis 60 Aktien im Portfolio.“ Der Fonds kann zu einem geringeren Anteil auch in Derivate investieren, um Risiko und Kosten zu verringern, oder um zusätzliches Wachstum bzw. Erträge zu erwirtschaften.

Im Portfolio finden sich also nicht nur klassische Branchen wie Straße oder Schiene, sondern sozusagen Vertreter der Next Generation im Infrastrukturbereich. Der Spezialist erklärt: „Energie-Transformation stellt einen unglaublichen Trend dar, von den Regierungen werden etwa in den USA und Europa milliardenschwere Investments in den Umbau des Energiesystems in Richtung Nachhaltigkeit beschlossen. Weitere Mega-Trends sind 5G und Digitalisierung, klar dass wir uns hier an führenden Unternehmen beteiligen.“

Spannende Aktien
Welche Titel landen nun im Portfolio? Die drei größten Positionen sind derzeit NextEra Energy, American Tower und Transurban Group. Banyai: „Man sieht, dass hier Unternehmen mit an Bord sind, die vielleicht nicht jeder Anleger so gut kennt, was aber nichts an deren Attraktivität einbüßt.“

NextEra aus den USA ist beispielsweise der weltweit größte Produzent von Wind- und Solarenergie. Zudem gehört der Konzern zu den Marktführern bei der Energiespeicherung – mit mehr Kapazitäten als jedes andere US-Unternehmen. So trägt es zu einer effizienteren Energienutzung bei. „Darüber hinaus ist NextEra ein ‚klassischer‘ Versorger – das bringt die Stabilität des regulierten Vertragsgeschäfts“, so der Experte.

Ein weiterer „Klassiker“ aus dem Portfolio ist Union Pacific, eine der größten US-Eisenbahngesellschaften mit mehr als 32.000 Meilen an Gleisen in 23 Bundesstaaten. In diesem Sinne könnte man sagen: Bei Infrastruktur-Investments läuft alles auf Schiene.

Foto: Pixabay / Shutterbug75

 

 

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Schweiz – Fels in der Brandung

Ein Kommentar von Birgitte Olsen, der Leiterin des Bellevue Entrepreneur Teams.

Red. Im Vergleich zur Eurozone ist die Lage in der Schweiz mit einem relativ moderaten Inflationsniveau von 3 % weitaus weniger problematisch. Ein rigoroses Entgegenwirken der SNB nach dem aktuellen Zinsschritt auf 1 % ist somit wahrscheinlich nicht erforderlich. Das Wirtschaftswachstum für 2023 wird sich von rund 2 % in 2022 erstmal abschwächen und sich in einer Spanne von 0,5 bis 0,8 % bewegen. Ein Rezessionsszenario dürfte vermieden werden.

Größte Treiber der eidgenössischen Wirtschaft ist der Dienstleistungssektor, und dieser verhält sich durchaus respektabel. So befindet sich der Dienstleister-Einkaufsmanagerindex in November mit einem Niveau von 53,5 immer noch im Expansionsmodus und weit über den 48,5 Punkten im Euroraum. Der Arbeitsmarkt bleibt stark und fast jedes dritte Unternehmen verzeichnet offene Stellen. Private Haushalte sollten nach der Post-Covid-Aufholjagd von 2022 im nächsten Jahr ihre Ausgaben etwas mäßigen, der Konsumtrend bleibt jedoch positiv. Der Lackmustest dazu erfolgt im 1. Quartal 2023, wenn die Haushalte ihre, wohl angekündigten, erhöhten Stromrechnungen zu Augen bekommen.

Nichtsdestoweniger sind die Schweizer Unternehmen als Europas „Werkbank“ der europäischen und insbesondere der deutschen Konjunktur ausgesetzt. Die externe Nachfrage wird 2023 schwächeln und der Industriesektor könnte dies zu spüren bekommen.

Auftragsbücher auf Rekord hohem Niveau
Eine Besonderheit bilden die extrem vollen Auftragsbücher der Industrieunternehmen. Störungen entlang der Logistik- und Lieferketten haben in den letzten zwei bis drei Jahren eine reibungslose Produktion verunmöglicht. Zuerst durch Covid und die Lockdowns, dann durch den Krieg in der Ukraine kam es zu einer zunehmenden Diskrepanz zwischen Angebot und der boomenden Nachfrage. Auch Schweizer Unternehmen berichten, wie die Organisation der Produktion zur täglichen Herausforderung geworden ist. In der Folge konnte seit mehreren Quartalen nicht das geliefert werden, was ursprünglich bestellt worden ist. Aktuell beträgt z.B. der Auftragsbestand im deutschen verarbeitenden Gewerbe laut IFO fast fünf Monate, dies verglichen mit ei-nem historischen Durchschnitt von 2,9. Das bedeutet, dass das Aktivitätsniveau hoch bleiben kann, auch wenn der kommende Bestelleingang sich normalisiert und einen gewissen Schutz vor der sich verlangsamenden Wirtschaft bietet.

Innovation schützt
Zum 12. Mal in Folge belegte die Schweiz den ersten Rang im Global Innovation Index, welcher jährlich von der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) veröffentlicht wird. Innovation, Agilität sowie eine stabile politische und wirtschaftliche Lage schaffen ein bestmögliches Umfeld für den nachhaltigen Erfolg von Schweizer Unternehmen. Um trotz der starken Währung und den höheren lokalen Kosten kompetitiv zu bleiben, haben Schweizer Unternehmen es verstanden, auf Innovation zu setzen, denn diese verleiht Preissetzungsmacht, mehr Wachstum und eine höhere Profitabilität. Insbesondere kleinkapitalisierte und eigentümergeführte Unternehmen stehen in ihrer Nische häufig an der Spitze des internationalen Wettbewerbs. Starke Bilanzen, ein hohes Kostenbewusstsein, langfristige Perspektive und effiziente Managementstrukturen zeichnen dieses Segment aus.

Stock Picking
Die diesjährige Marktkorrektur ist vorwiegend auf eine Anpassung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) nach unten aufgrund des höheren Zinsniveaus zurückzuführen. Dieser „Reset“ war durch-aus notwendig, da die Zinslandschaft der letzten zehn Jahre für stark expandierende KGVs gesorgt hatte. Die Inflation bzw. die langfristigen Zinsen scheinen sich auf aktuellem Level zu stabilisieren und werden in der nahen Zukunft nicht mehr als Treiber der Bewertung dienen. Einzig der Erfolg der unternehmerischen Strategien und die Gewinn- und Cashflow-Entwicklung wird zum Katalysator der Aktienperformance.

Zu unseren bevorzugten Megatrends zählt der globale Infrastruktur-Investitionszyklus. Die nächste Dekade bringt einen Umbruch mit sich. Nach Jahren der Globalisierung findet ein Umdenken statt. Die neuen Themen sind: Deglobalisierung, „Reshoring“, Vereinfachung der Lieferketten und mehr Kontrolle über die Wertschöpfung. Das alles bringt einen enormen Bedarf nach Digitalisierung und Automatisierung mit sich. Sehr spannend bleiben ebenfalls die Themen Energiewende und

-sicherheit sowie Elektrifizierung. Der Staat mischt auch kräftig mit und möchte die Energie (Selbst-) Versorgung zukünftig besser sicherstellen. Unternehmen, die dafür Lösungen sowie innovative Dienstleistungen und Technologien anbieten, werden auch in Form von höherer Preissetzungsmacht und weniger Anfälligkeit gegenüber Inflationsrisiken profitieren können. Zu den Schweizer Unternehmen, die in diesem Zusammenhang gut positioniert sind, zählen unter anderen Burckhardt Compression, Huber+Suhner, Gurit, LEM, Infineon, VAT und U-blox.

Peak Inflation und FED Pivot? Mittelfristig Investieren!
Wie steht es nun mit der Inflation? Frachtraten, Metallpreise und Energiekosten sind zwar von ihren Höchstwerten deutlich zurückgekommen, trotzdem braucht es noch Zeit, bis diese Entwicklung Unternehmen wie auch Konsumenten erreicht. Darüber hinaus bekommen die Unternehmen langsam die steigenden Lohnkosten zu spüren, dies jedoch ist viel weniger ein Problem für die Schweizer Wirtschaft, denn hier ist die Lohninflation strukturell tiefer.

Fakt ist, dass Inflation und Leitzinsen in den USA wie auch in Europa etwas weniger schnell steigen. Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank, hat sich zuletzt dahingehend geäußert, dass jetzt kleinere Zinsschritte adäquat sind, jedoch sei es verfrüht, an eine Kehrtwende zu glauben. Peak Inflation in den USA könnte somit hinter uns liegen. So bringt jede Krise sein neues Vokabular. 2022 lernen wir „Peak Inflation“ und „FED Pivot“. Das Beobachten und Interpretieren jeder Notenbank Aussage und monatlichen Inflationsdatenpunkten mutiert zur Obsession. Jede kleine Bewegung in die gewünschte Richtung wird von den Märkten gefeiert, jedoch sind das meistens nur kurzfristige technische Reaktionen. Es wird getradet nicht investiert. Angesichts der trüben Nachrichtenlage braucht es etwas Mut mittelfristig zu investieren, aber auf eine zweijahres Perspektive sind viele aktuelle Bewertungen sehr attraktiv für einen selektiven Neueinstieg – auch in der Schweiz.

Bellevue Entrepreneur Swiss Small & Mid
Aktien, die in unsere Fondsportfolios aufgenommen werden, müssen bei den Qualitätsfaktoren – solide Unternehmensfinanzierung, gutes Management und intakte Wachstumsperspektiven – Topwerte liefern. Unser Bellevue Entrepreneur Swiss Small & Mid Fonds positioniert sich klar in dieser Kategorie. Das Portfolio, welches rund 40 Positionen umfasst, zeigt folgende qualitative Eigenschaften: Tiefe Verschuldung (Net Debt/Ebitda 0.1x), hohe Ebitda-Marge von 21 % und attraktiver Return on Equity (ROE) von 21 %.

Foto: Bellevue

 

 

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Unternehmen und ihre soziale Ader

Konzerne sind längst nicht mehr nur profitorientiert.

Christian Sec. Für Unternehmen ist soziales Engagement und Spenden nicht mehr nur auf die Adventzeit beschränkt. Etwa für Firmen, die eine starke Präsenz in der Ukraine haben, besteht gerade in diesen Zeiten ein starker Fokus, in dieser Region zu helfen.

Wie beispielsweise die Vienna Insurance Group (VIG), die mit drei Gesellschaften und rund 1.400 Mitarbeitenden in der Ukraine vertreten ist. Bereits unmittelbar nach Kriegsausbruch haben die Gesellschaften der VIG Wohnungen für Mitarbeiter und deren Familienangehörige organisiert und ausgestattet. Mehr als 600 Menschen konnten so, laut Unternehmen, untergebracht werden. Auch ein Hilfsfonds, der „VIG Family Fund“, für die Ukraine mit einer Dotation von 5 Mio Euro wurde eingerichtet. Aufgrund von Einzahlungen durch Gesellschaften des Konzerns und Mitarbeitern ist das Fondsvolumen auf mittlerweile 7 Mio Euro angewachsen. Mit dem Geld wird betroffenen Familien der ukrainischen Gesellschaften beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Wohnungen und Häuser sowie bei kriegsbedingten persönlichen Härtefällen geholfen. So wurde eine Auszahlung für einen Mitarbeiter geleistet, der durch einen Bombenangriff schwer verletzt wurde und eine Hüftprothese benötigt.

Der Stahlkonzern Voestalpine hat wiederum für diverse Projekte im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg insgesamt 1,25 Mio Euro für Hilfsprojekte gespendet. Unter anderem half die Steel Division des Konzerns, die eine Geschäftsbeziehung mit der ukrainischen Gemeinde „Horischni Plawni“ verbindet, der betroffenen Region mit einer Spende von 250.000 E.

Auch die OMV hat im Zuge der Ukraine-Krise einen beträchtlichen Anteil gespendet. Dabei wurden laut Auskunft NGOs wie z.B. SOS Kinderdorf, Caritas und Rotes Kreuz unterstützt.

Nicht nur Ukraine
Insgesamt fokussiert sich das soziale Engagement der OMV aber auf langfristige Kooperationen wie „Cape 10“, einer Organisation, die Menschen unterstützt, die unverschuldet (z. B. krankheitsbedingt), in Not geraten sind. Ein anderes Projekt, das die OMV unterstützt, ist der Klimaforschungswald, ein Projekt aus Österreich, das sich der Aufforstung von Wäldern widmet. Insgesamt investierte der Ölkonzern im Jahr 2021 18,4 Mio Euro in Community- und Sozialprojekte.

Der Maschinenbauer Andritz organisiert seine sozialen Hilfen dezentral an den weltweiten Standorten mit individuellen Aktivitäten, die zum Teil lokal tätige, zum Teil aber auch global tätige Hilfsorganisationen unterstützen. Spendenbeträge will das Unternehmen jedoch keine nennen.

Für den Baustoffproduzenten Wienerberger ist bereits seit 2012 sicheres und leistbares Wohnen ein wichtiges Anliegen. Das Unternehmen unterstützt diesbezüglich zusammen mit der internationalen Hilfsorganisation „Habitat for Humanity“ Sozialprojekte in verschiedenen Ländern und hilft bei der Umsetzung beim Bau von neuen Wohnungen für in Not geratene Familien.

Bei der Uniqa sind besonders jene Projekte ein Anliegen, bei denen auch persönliche Unterstützung gefragt ist. So packen bei vielen Projekten die eigenen Mitarbeiter an und stellen ihre Zeit zur Verfügung.

Seit 2013 ermöglicht der Versicherer allen Mitarbeitern, den Uniqa-Sozialtag zu nutzen. An einem zusätzlichen freien Tag wechseln dabei die Mitarbeiter die Perspektive und helfen mit bei sozialen Initiativen ihrer Wahl. Unter dem Titel „Soziale Geburt“ unterstützt die Uniqa-Privatstiftung auch das St. Josef Krankenhaus in Wien dabei, sozial bedürftigen Frauen in der Schwangerschaft und bei der Geburt zu helfen. Und last but not least ist die Uniqa auch Hauptsponsor der Special Olympics Österreich.

Foto: Pixabay / Angeles Balaguer

 

 

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Talsohle bei Aktien abwarten

Die Markteinschätzung für 2023 von Sonja Laud, CIO von Legal & General Investment Management.

(12.12.) „Wir sehen das Jahr 2023 als ein Übergangsjahr – es herrscht viel Ungewissheit in Bezug auf den Konjunkturzyklus. Das könnte zu einem Wechsel von einer defensiveren Positionierung zu einem stärkeren Engagement in Risikoanlagen führen.

Wir bleiben bei Aktien und Unternehmensanleihen vorerst untergewichtet. Wir beobachten den Markt aber sehr genau, da wir davon überzeugt sind, dass es irgendwann im Jahr 2023, wenn in den Gewinnrevisionen genügend Negativität eingepreist ist, bessere Einstiegsmöglichkeiten in Aktien geben wird.

Wir glauben, dass die Gewinnrevisionen noch nicht weit genug an eine Rezession angepasst sind. In Anbetracht der Marktschwäche in diesem Jahr wäre es einfach anzunehmen, dass jetzt ein günstiger Zeitpunkt für ein Engagement in Aktien sei, doch dieser Zeitpunkt ist noch nicht gekommen. Wir sind der Meinung, dass die Aktienmärkte die Talsohle erreichen werden, bevor die Wirtschaft ihren Tiefpunkt erreicht, so dass man nicht auf den schwächsten Moment im Wirtschaftszyklus warten sollte, sondern auf den Zeitpunkt, an dem die Gewinnrevisionen nach am niedrigsten sind.

Wir gehen davon aus, dass sich die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen im Durchschnitt noch etwas ausweiten könnten, vor allem wenn es zu einem weiteren Ausverkauf an den Aktienmärkten kommt. Das Risiko so genannter „Fallen Angels“, also Unternehmensanleihen mit Investment Grade Status, die auf High Yield herabgestuft werden, ist unserer Ansicht nach jedoch begrenzt. Der einfache Grund: Die Unternehmen mussten sich bereits während der Corona-Pandemie an ein wirtschaftlich herausforderndes Umfeld anpassen. Das heißt, wir haben es heute mit weitaus widerstandsfähigeren Geschäftsmodellen zu tun, die weniger von Herabstufungen bedroht sind.

Die Inflation war das bestimmende Thema für die Märkte im Jahr 2022. Sie wird auch im Jahr 2023 ein sehr wichtiges Thema bleiben. Die Märkte wollen wissen, wann der höchste Stand der Inflation erreicht ist, um einen Maßstab zu haben, wohin sich die Märkte von da an entwickeln werden.

Wir erwarten eine Rezession in Europa und in den USA. Die Faktoren, die dazu führen, sind jedoch unterschiedlich. Wir denken, dass das Vereinigte Königreich und Kontinental-Europa weiterhin am stärksten unter der Energiekrise leiden werden, auch wenn dies teilweise durch fiskalische Unterstützung seitens der Regierungen ausgeglichen werden wird.“

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Droht eine weitere Teuerungswelle?

Nach rückläufigen Inflationsraten könnte es schlagartig mit der Entspannung wieder vorbei sein.

Michael Kordovsky. Dass vergangene Hochinflationsphasen durch- aus über mehrere Jahre anhalten können, hat die Geschichte gezeigt. Derzeit herrscht in der Einschätzung der weiteren Inflationsentwicklung ein Streit zwischen empirischen Betrachtern und Analysten, die im Kontext des aktuellen Wirtschaftsabschwungs von niedrigeren Inflationsraten und in der Folge von einem baldigen Ende der Leitzinsanhebungen der US-Notenbank (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgehen. Was erscheint realistisch?

Zumindest kurzfristige Entspannung
Diesbezüglich geben aktuelle Inflationsdaten Auskunft: Fakt ist beispielsweise, dass die Inflationsrate in den USA im Juni mit 9,1 % ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat und bis Oktober wieder kontinuierlich bis auf 7,7 % zurückgegangen ist. Das war die niedrigste Jahresteuerung seit Jänner des heurigen Jahres. Die Kerninflationsrate ohne die volatilen Komponenten Nahrungsmittel und Energie ging von September auf Oktober von 6,6 auf 6,3 % zurück, nachdem sie im September ein 40-Jahres-Hoch erreicht hatte.

Energie- und Nahrungsmittelpreise waren vor wenigen Monaten noch besonders stark im Aufwind. Erdöl- und Erdgas-Preise waren zuletzt allerdings wieder rückläufig, was eine Entspannung der Headline-Inflation bewirkt, und zwar sowohl in den USA als auch in Europa.

Laut Schnellschätzung von Eurostat ging nämlich im November im Euroraum die Jahresteuerung von 10,6 auf 10 % zurück. Das ist der erste Rückgang seit Juni 2021 (damals von 2,0 auf 1,9 %). Am höchsten ist die Teuerung noch im Baltikum: Lettland verzeichnete 21,7 %, Estland und Litauen je 21,4 %. Höhere Energie- und Lebensmittelpreise belasten.

Hingegen weisen Spanien und Frankreich mit 6,6 bzw. 7,1 % die niedrigsten Inflationsraten im Euroraum auf. Vor allem in Frankreich herrschen bereits jetzt soziale Spannungen. Nun könnte sich die Situation zumindest zwischenzeitlich entspannen. Der Preisauftrieb der bisherigen Preistreiber Energie und unverarbeitete Lebensmittel hat sich gemäßigt. Der Anstieg der im HVPI der Eurozone mit 10,93 % gewichteten Energiepreiskomponente ging von 41,5 % im Oktober auf 34,9 % im November zurück und der Preisanstieg bei unverarbeiteten Lebensmitteln ermäßigte sich von 15,5 auf 13,8 %.

Hingegen verharrte die Kerninflation (HVPI ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak) auf einem Hochpunkt von 5 % (November 21: 2,6 %), zumal zu-letzt die Preise für Industriegüter ohne Energie anzogen und in den Monaten Oktober und November jeweils um 6,1 % anstiegen. Ein Faktor sind dabei die Lohnkosten, deren stärkerer Anstieg infolge höherer Lohnrunden vor allem ab Jänner ihre Wirkung zeigen wird. Zwischenzeitlich für Entspannung sorgen die Erdölpreise: Brent-Öl ist auf Monatsbasis um 17 % gefallen (per 8.12.) und der Dieselpreis um 21 %, was auf Konjunkturschwäche hindeutet, denn aus China war wegen der Null-Covid-Politik mit keinem Nachfrageschub zu rechnen. Somit hat sich in der Industrie des Euroraums der Preisanstieg von September auf Oktober von 41,9 auf 30,8 % beruhigt. Ohne Energie lag das Plus im Oktober bei 14 % (September 14,5 %).

Erneute Inflationswelle?
Doch das ist bereits Vergangenheit. Die Industriemetallpreise explodieren gerade in Vorwegnahme einer Öffnung Chinas, das auf Druck von Massenprotesten nun die Corona-Politik auflockert. Mit einer kompletten Öffnung wird allgemein für das zweite oder dritte Quartal 2023 gerechnet. Dies sollte der Nachfrage nach Industriemetallen, insbesondere nach Nickel, das in der Batterieherstellung gebraucht wird, einen Schub verleihen. Binnen eines Monats sind die Preise für Zinn und Nickel bereits um 23,5 bzw. 28,7 % gestiegen (per 8.12.). Somit könnte die Entspannung an der Inflationsfront nach wenigen Monaten wieder vorbei sein.

Sollte darüber hinaus eine schnelle Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt werden, ist ohnehin eine erneute stärkere Teuerungswelle vorprogrammiert. Das würde als Begleiterscheinung auch eine längere und stärkere Leitzins-Anhebungsreihe bedeuten, als ursprünglich erwartet wurde. Lediglich eine sehr strenge Rezession könnte dem noch Einhalt gebieten.

Foto: AdobeStock / MichaelJBerlin

 

 

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Eine nachhaltige Welt auch ohne COP27

Der Klimagipfel brachte wenig Ergebnisse, die Energiewende schreitet dennoch voran.

Raja Korinek. Am 20. November ging die Weltklimakonferenz COP27 im ägyptischen Sharm el-Sheikh zu Ende. Für Klimaschützer waren die Ergebnisse enttäuschend. Zwar einigten sich die rund 200 teilnehmenden Staaten auf die Gründung eines Fonds für arme Länder, um die Folgen von Klimakatastrophen abzufedern.

Doch die vielen Kritiker hätten sich verstärkte Bemühungen zur Emissionsbekämpfung erhofft. Michael Lewis, Head of Research ESG bei der DWS, sagt, „der Fokus auf die Reduzierung von Treibhausgasemissionen zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels rückte in den Hintergrund und deutlichere Selbst-verpflichtungen für den Ausstieg aus der Nutzung von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen blieben aus.“

Fortschritte auch ohne Klimagipfel
Droht der Kampf gegen den Klimawandel ins Hintertreffen zu geraten? Pauline Grange, Portfoliomanagerin bei Columbia Threadneedle Investments, sieht auch abseits der Konferenz Fortschritte. Sie verweist auf konkrete Beispiele: So deckten zwischen März und September 2022 Kapazitäten aus Wind- und Solarenergie gut 24 % des gesamten Energiebedarfs in der EU ab, der höchste Wert, der je in einem Sechsmonatszeitraum erreicht wurde.

Auch in anderen Regionen sieht die Columbia Threadneedle-Expertin positive Entwicklungen. In Indien etwa hat die Regierung einen neuen Klimaplan abgesegnet und sich verpflichtet, die Emissionsintensität seines Wirtschaftswachstums bis 2030 um 45 % (von zuvor 33 bis 35 %) gegenüber dem Stand von 2005 zu senken. Damit ist aber längst nicht Schluss. Obendrein sollen bis 2030 gut 50 % der Strom-erzeugung aus nicht-fossilen Energieressourcen – zu denen Sonne, Wind, Kernenergie und Wasserkraft zählen – hinzukommen.

US-Gesetz als wichtige Stütze
„Der bedeutendste Meilenstein bei der Unterstützung der Klimapolitik wurde allerdings in den USA mit der Verabschiedung des Inflation Reduction Act (IRA) im vergangenen August erreicht“, konstatiert Grange. Sie meint, aufgrund umfangreicher Steuergutschriften und finanzieller Unterstützung schaffe das Gesetz Anreize für den Ausbau sauberer Energien. Die Dekarbonisierung der US-Wirtschaft werde damit vorangetrieben. Konkret sollen in den kommenden zehn Jahren zumindest 369 MioUSD unter anderem in erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge und effiziente Gebäude investiert werden.

Freilich, IRA sorgt in der EU derzeit auch für reichlich Irritationen und zeigt einmal mehr, dass der Weg in die Nachhaltigkeit nicht immer ganz einfach ist. Der Vorwurf? Das besagte US-Gesetz verzerre den Wettbewerb. Bernd Lange, Chef des Handelsausschusses im EU-Parlament, fordert deshalb, dass die EU Klage gegen die USA bei der Welthandelsorganisation einbringt.

Chancen für Anleger
Dennoch eröffnet die Energiewende Anlegern reichlich Möglichkeiten. Grange verweist in diesem Zusammenhang auf Chancen etwa beim US-Versorger Nextera Energy (ISIN: US65339F1012). Der Konzern ist einer der weltweit größten Produzenten von Wind- und Solarenergie. Und könnte Grange zufolge vom IRA profitieren, da das Gesetz Investitionen in solche Bereiche ankurbeln dürfte.

Solche Energien müssen jedoch auch gespeichert werden, der Bedarf an Speicherkapazitäten werde damit ebenfalls zunehmen. Die Expertin räumt deshalb Batterieherstellern wie dem koreanischen Samsung SDI (US7960542030) gute Chancen ein, etwa um von der wachsenden US-Nachfrage nach stationären Batteriespeichern, aber auch nach Batterien für die Elektromobilität, zu profitieren.

Foto: Pixabay / ejaugsburg

 

 

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Zertifikate im Vorteil

Gerade in schwierigen Zeiten reüssieren viele Produkte.

Harald Kolerus. Eines ist klar: Überschäumender Optimismus wurde Anlegern in diesem Jahr großteils ausgetrieben. Ohne viele Worte steht hier natürlich der Ukraine-Konflikt im Vordergrund. Weiters haben die Highflyer der jüngeren Vergangenheit schmerzhaft „bluten“ müssen: Vor allem Technologie-Werte, die praktisch als Selbstläufer an der Börse galten, wurden auf den Boden der Realität zurückgeworfen. Nur ein Beispiel: Meta (früher Facebook) musste auf Sicht eines Jahres ein Minus von rund 65 % einstecken.

Differenzierte Investments
„Dass Aktien nicht immer nur weiter steigen können, diese Ansicht hat sich in jüngerer Vergangenheit wieder durchgesetzt. Es sind aber natürlich nicht alle Titel schlecht gelaufen. Im Gegenteil. Es kommt auf die richtige Auswahl und die passenden Instrumente an“, sagt Anouch Wilhelms (Foto), Zertifikate-Experte bei Société Générale, im Interview mit dem Börsen-Kurier. Wobei Zertifikate gerade in schwierigen Zeiten ihre Vorteile ausspielen, etwa dass auch auf fallende Kurse gesetzt werden kann. Mit Blick in die Zukunft meint Wilhelms: „Anlage-Zertifikate können nächstes Jahr noch deutlich an Bedeutung gewinnen. So machen die steigenden Zinsen kapitalgestützte Produkte wieder interessant. Weiters sehe ich den Trend stärkerer Differenzierung bei Investoren: Anstatt breiter Indizes werden vermehrt Themen-Zertifikate gekauft. Sie werden 2023 voraussichtlich eine große Rolle spielen.“

Weshalb Société Générale fleißig solche Produkte an den Markt gebracht hat und das auch weiter vorhat. Geplant sind Lancierungen im Zweimonats-Takt. Interessant sind hier z. B. die Bereiche Smart Mobility, Neue Energien, Wasser oder Wasserstoff. Und natürlich wurde auf die extreme Teuerung nicht vergessen: Das „Partizipations-Zertifikat auf Inflation“ (ISIN: DE000SN2F892) setzt auf Unternehmen, die bestimmte Kriterien erfüllen, um sich im Umfeld hoher Inflation besser behaupten zu können. Die Titel können etwa aus der Öl- und Gasindustrie, dem Konsumgüterbereich oder dem Sektor Grundstoffe stammen.

Am stärksten nachgefragt wurde laut Wilhelms in jüngerer Vergangenheit aber das „Partizipations-Zertifikat auf CO2“ (DE000SH755G8). Der Hintergrund ist klar: Steigende Meeresspiegel, schmelzende Gletscher und drohende Hitzewellen; der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Die Diskussion über die globale Erderwärmung führt dabei immer wieder auf einen Hauptverursacher zurück: CO2. Bei den Bemühungen, den Treibhausgasausstoß zu senken, spielt der Handel mit Emissionsrechten eine zunehmende Rolle, bei genanntem Produkt profitieren Anleger von steigenden CO2-Preisen.

Spielend gewinnen
Gewinnen kann man aber auch auf andere Art und Weise: Nämlich beim Online-Börsenspiel „Trader“ der Société Générale (der Börsen-Kurier berichtete schon mehrfach). Seit 2003 findet es jährlich im September statt, jeder Teilnehmer erhält zum Start zwei Depots á 100.000 E Spielgeld und kann damit acht Wochen unter realen Bedingungen Aktien, Zertifikate und Optionsscheine handeln.

Das Spiel ist kostenlos, die Teilnahme an keine Bedingungen geknüpft. Wer eine Top-Performance erspielt, wird dafür reich belohnt: Mehr als 23.000 Teilnehmer kämpften heuer um den Hauptpreis, einen Jaguar F-Pace. Den Sieger führte nicht zuletzt aktiver Handel mit Öl-Turbos zum Erfolg. Insgesamt wurden in diesem Jahr Gewinne im Wert von mehr als 100.000 Euro vergeben. Wer die Teilnahme verpasst hat, kann sich schon vorbereiten: Das nächste Börsenspiel wird im September 2023 starten. „Unsere Vorbereitungen laufen bereits“, so Wilhelms.

Foto: Société Générale

 

 

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Weltkonjunktur trotz Abschwächung weiterhin widerstandsfähig

Ein Kommentar von Guy Wagner von der BLI – Banque de Luxembourg Investments.

 

(05.12.) Obwohl sich die Weltkonjunktur abschwächt, zeigt sie sich weiterhin widerstandsfähig, schreiben CIO Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.

„In den USA scheint sich der Inlandsverbrauch sogar wieder leicht zu beschleunigen, da die Haushalte weiterhin auf ihre während der Pandemie gebildeten überschüssigen Ersparnisse zurückgreifen. Auch die Unternehmensinvestitionen bleiben robust dank hoher Gewinne, die erst am Anfang einer wahrscheinlichen Abschwungphase stehen“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. „Im Euroraum stützen die staatlichen Erleichterungen zur Senkung der Energiekosten sowohl den privaten Verbrauch als auch die Industrieproduktion.“ In China hält die Konjunkturschwäche an, da ein Großteil der Wirtschaftstätigkeit nach wie vor durch die Null-Covid-Politik gelähmt wird, die trotz der Einführung einer breiten Palette von Maßnahmen zur Beendigung der anhaltenden Schwäche des Immobiliensektors eine deutliche Verbesserung verhindert. In Japan ging das BIP im dritten Quartal im Quartalsvergleich zurück, was größtenteils auf technische Faktoren zurückzuführen war, die zu einem einmaligen Anstieg der Importe beitrugen. Die meisten BIP-Komponenten, wie der Inlandsverbrauch, die Investitionsausgaben und die Exporte, stiegen hingegen an. „Da zwischen einer geldpolitischen Straffung und ihren Auswirkungen auf die Realwirtschaft in der Regel zwölf bis 18 Monate liegen, dürfte sich die Verlangsamung der Weltkonjunktur im Laufe des kommenden Jahres weiter verschärfen“, glaubt der luxemburgische Ökonom.

Abwärtstrend bei Inflation in den USA
In den USA scheint die Inflation einen Abwärtstrend einzuschreiten, nachdem sie im Juni mit 9,1 Prozent einen Höchststand erreicht hatte. Im Euroraum verlangsamte sich die Inflation zum ersten Mal nach 16 aufeinanderfolgenden Monaten des Anstiegs. Von Oktober bis November ging die Gesamtinflation von 10,6 Prozent auf 10,0 Prozent zurück.

Weitere Erhöhung der Leitzinsen in Europa und den USA erwartet
Sowohl in den USA als auch in Europa haben die US-Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank eine Erhöhung ihres wichtigsten Leitzinses um 50 Basispunkte bei ihrer jeweiligen nächsten Sitzung Mitte Dezember in Aussicht gestellt. Ein solcher Schritt würde im Vergleich zu den vorherigen Erhöhungen um 75 Basispunkte auf beiden Seiten des Atlantiks eine Verlangsamung des Zinsanstiegs bedeuten. Guy Wagner: „Trotz der wahrscheinlichen Verlangsamung des Aufwärtstempos scheint ein Ende des Straffungszyklus der Zentralbanken noch nicht in Sicht zu sein.“

Rückgang der Zinsen an den Anleihemärkten
Die unerwartet niedrige Inflationsrate in den USA löste an den Anleihemärkten einen Rückgang der langfristigen Zinsen aus. Die Anleihemärkte des Euroraums folgten ihrem US-amerikanischen Pendant, wobei der zehnjährige Referenzzinssatz in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zurückging.

Weitere Erholung an den Aktienmärkten
Im November setzte sich die Erholung der Aktienmärkte fort, da die rückläufige Inflation die Hoffnung auf eine Verlangsamung des Zinsanstiegs der Zentralbanken und somit auf eine weiche Landung der Weltwirtschaft nährte. So stieg der MSCI All Country World Index Net Total Return in Euro im Laufe des Monats um 3,4 Prozent. Der Anstieg des in Euro ausgedrückten Index wäre weitaus höher ausgefallen, wenn er nicht durch den Aufschwung der europäischen Währung gebremst worden wäre. Der MSCI Emerging Markets Index legte sogar um 14,6 Prozent (in USD) zu, „was auf die Erholung der chinesischen Aktien nach ihrem Debakel im Oktober und die Hoffnung auf eine allmähliche Lockerung der strengen Null-Covid-Politik in China zurückzuführen ist“. Auf Sektorebene legten Materialien und Industrie am stärksten zu, während Energie und Gesundheit die ungünstigsten Entwicklungen verzeichneten.

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Lukrative Bond-Renditen

Es lohnt sich, Papiere öffentlicher Emittenten und Unternehmen zu vergleichen.

Roman Steinbauer. In Europa kündigt sich noch keineswegs ein Ende der Zinsschritte der Notenbanken an. Festverzinsliche Anlageprodukte gewinnen laufend an Attraktivität. Die Finanzmärkte preisten unterdessen einen guten Teil weiterer Straffungen ein. Durch umfassend gestiegene Anleiherenditen lohnt es sich, Vergleiche zwischen Papieren öffentlicher Emittenten (wie Bund, Länder, Gemeinden) und dem Unternehmenssektor unter die Lupe zu nehmen. Zudem gewannen Obligationen mit kurzer Restlaufzeit gegenüber Langläufern enorm an Reiz (inverse Zinskurve). Darüber hinaus klafft das Risikoprofil mehrerer Sektoren zu den Konditionen der Schuldscheine weiterer Branchen zunehmend auseinander. Zum Unterschied vergangener Jahre erübrigt es sich, auf Titel diverser Schwellenländer zu schielen, da die Bandbreite der Ertragsmöglichkeiten in Europa größer wurde. Die Unbekannte für Investoren bleibt freilich, inwieweit die Geldentwertung die Erträge schmälert bzw. übertrifft. Doch ist einmal der Höhepunkt der Zinsstraffungen überschritten, winken am Bondsektor zu den Kupon-Zahlungen zusätzlich steigende Anleihen-Notizen.

Herangezogen seien die Renditen von österreichischen Bundesanleihen als Vergleichsparameter: Nimmt die Republik Geld mit einer Laufzeit von 10 Jahren auf, hat diese derzeit Kupons von 2,44 % zu bieten, um die Papiere bei Investoren unterbringen zu können. Abgesehen von niedrigeren Leitzinsen führt die hohe Kreditwürdigkeit der Schweiz dazu, hingegen nur mit einem Aufschlag von 1,05 % konfrontiert zu sein. Kaum ein Zinsrückfluss ist ebenso bei japanischen Staatstiteln (0,25 %) zu ergattern. Deutsche Papiere liefern 1,85 %, jene Schwedens 1,71 %, Frankreichs 2,29 %, Italiens 3,75 % Kanadas 2,78 % oder vergleichbare Australiens 3,35 %. Die Briten sind in der Lage, sich mit 3,15 % zu verschulden, US-Treasuries bieten 3,49 %, Tschechien hat 4,64 %, Polen 6,41 % zu entrichten. Mit höherem Währungs- und Bonitätsrisiko behaftete südafrikanische Staatsanleihen bringen bis zur Tilgung jährlich 10,81 %, russische 10,13 %, brasilianische 12,57 % oder chilenische Bonds 5,33 % ein.

Industrie- und Immo-Papiere
Im Stahlsektor erzielen Zeichner der Thyssenkrupp mit einer Restlaufzeit von nur 14 Monaten (Kupon, 2,875 %, Laufzeit bis 02/2024, ISIN: DE000A2TEDB8) 3,61 % p.a. Papiere der Voestalpine mit einer Tilgung in 23 Monaten (1,375 %, LZ 11/2024, AT0000A1Y3P7) lassen dem Depot p.a. 3,49 % zufließen. Gläubiger global agierender Unternehmen, wie der 3M Corp. (DL-Notes 2019/29, US88579YBJ91) erreichen eine Rendite von 4,75 %. Anleihen der Hochtief AG (1,75 %, LZ 07/2025, DE000A2LQ5M4) erreichen 3,23 %, jene der

CA Immo (Fälligkeit 02/2027, Kupon 0,875 %, Notiz 80 %, XS2099128055) hingegen sogar 6,20 %. Knapp an diese Schwelle kommen ebenso UBM-Valoren (2,75-%-Kupon, LZ 11/2025, AT0000A2AX04) mit 4,98 % heran. Ein Blick auf den im Dax gelisteten Branchenriesen Vonovia zeigt, dass die 5-%-Kupon-Anleihe (2022/30, DE000A30VQB2) des Konzerns unterdessen 4,53 % abwirft.

Ist weiters eine höhere Risikobereitschaft vorhanden, bieten sich durchaus Chancen, der hohen Inflationsrate eine adäquate Auswahl entgegenzusetzen: Mit 6-%-Kupons ausgestattete Bonds der Douglas GmbH (LZ 04/2026, XS2326497802) bringen jährlich 12,6 %. Dieser Satz wird von Scheinen der TUI Cruises mit einer Rendite von 13,04 % (Kupon 6,50 %, LZ 05/2026, XS2342247355) sogar noch übertroffen.

Foto: Pixabay / Alexas Fotos

 

 

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„Viele stehen an der Seitenlinie“

Vontobel-Spezialist Heiko Geiger beschreibt die Verunsicherung von Investoren.

Harald Kolerus. Im ersten Quartal des heurigen Jahres ist die Zertifikate-Welt noch sehr rund gelaufen, „dann aber haben die Volumen bei Anlage-Zertifikaten deutlich abgenommen“, weiß Heiko Geiger (Foto), Spezialist für derivative Produkte bei Vontobel. Die Ursachen dafür erklärt er im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Der Ausbruch des Ukraine-Kriegs, hohe Inflation, Energiekrise, zunehmende Volatilität an den Märkten – es sind viele miteinander verwobene Faktoren, von denen manche Investoren am falschen Fuß getroffen wurden.“

Bitte warten
Im Zuge dieser Bewegung beobachtet der Experte einen Wechsel in defensive Werte, nachdem zuvor die Digitalisierungs-Welle en vogue war. „Viele Anleger stehen jetzt auch an der Seitenlinie und beobachten die Situation, sie warten auf eine Bodenbildung und dass das Vertrauen in die Märkte zurückkehrt. Neu-Investments halten sich derzeit noch in Grenzen.“

Was sich in diesem Umfeld jedoch gut entwickelt hat, sind Hebel-Zertifikate, die es ja ermöglichen, long und short zu gehen. „Diese Produktgruppe hat deutlich zugelegt, zur Absicherung des Portfolios haben viele Investoren schon einmal einen Put gekauft“, so Geiger. Klassische Anlage-Zertifikate haben hingegen an Volumen eingebüßt, ein Zeichen für die Verunsicherung der breiten Masse der Marktteilnehmer.

Attraktive Konditionen
Die Distanz der Investoren zu solchen Produkten könnte laut Geiger auf kurze Sicht noch anhalten. Schade eigentlich, denn der Experte beschreibt die Konditionen in diesem Bereich als interessant: „Etwa bei Multi-Aktien-Anleihen, Bonus-Zertifikaten etc. sehen wir Abstände von 40 oder 50 % zur Barriere; gleichzeitig sind Kupons von rund 10 % aufs Jahr gerechnet möglich.“

Für diese attraktiven Bedingungen gibt es tatsächlich gar nicht so wenig Beispiele, auch für ‚patriotische‘ Investoren ist etwas dabei: Die „6,75 % p.a. Aktienanleihe mit Barriere auf Voestalpine AG“ (ISIN DE000VV9VFZ0) aus dem Hause Vontobel bietet eine Verzinsung von 6,75 % pro Jahr; der Abstand zur Barriere beträgt komfortable 40 %.

Gar einen Kupon von 13 % bringt ein neues Vontobel-Zertifikat (Multi- Aktienanleihe mit Barriere mit einer sogenannten „Worst-of-Struktur“ (DE000VV9 96Z5) auf BMW, Mercedes und VW; der Abstand zur Barriere macht hier ebenfalls 40 % aus. Wobei ins Bild passt, dass laut Geiger „exotische“ Titel derzeit nicht so stark gekauft werden. Stattdessen stehen Automobilkonzerne, große Öl-Explorer aber auch die bekannten Namen aus der Technologiebranche (letztere trotz oder gerade wegen starker Kursverluste) vermehrt im Fokus. Auch bei den Indizes werden die Schwergewichte wie Dax, S&P 500 oder Nasdaq von Zertifikate-Anlegern bevorzugt nachgefragt.

Investieren wie Buffett
Und wenn wir schon bei den großen Namen sind: Als besonders erfolgreich hat sich das Open-End- Partizipationszertifikat auf „Solactive Omaha Alpha Index“ (DE000 VP7WBU0) erwiesen, wie Geiger zu berichten weiß: „Das Zertifikat haben wir im August 2020 aufgelegt, seither beträgt die Wertentwicklung rund 45 % plus (Ende November). Seit Beginn des heurigen Jahres liegt die Performance bei ca. 5 %, sie bewegt sich also in den derzeit stürmischen Zeiten im positiven Bereich. Das Produkt wird deshalb auch gerne zur Portfolio-Diversifizierung benutzt.“

Der Clou: Der Index versucht die Strategie von Warren Buffett zu optimieren und bildet 20 Top-Unternehmen aus dem Beteiligungsportfolio von Berkshire Hathaway ab. Die Selektionskriterien basieren auf einem Dreiklang, bestehend aus der Innovationsstärke des Unternehmens, der Strahlkraft der Marke und den handverlesenen Finanzkennziffern des Anlagegroßmeisters. Und warum sollte man sich nicht via Zertifikat „ein wenig Buffett“ ins eigene Portfolio holen?

Foto: Vontobel

 

 

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Zeitenwende am Aktienmarkt

Ist die Ära der passiven Investments vorbei?

(28.11.) Das turbulente Aktienjahr 2022 hat zu deutlichen Veränderungen in der Anlegereinschätzung geführt. Etablierte Anlagemuster wie Value versus Growth oder passiv versus aktiv stehen auf dem Prüfstand. Es ist daher ein guter Zeitpunkt, um einen Blick auf den einen übergreifenden Parameter zu werfen, der die Preisgestaltungsmacht und die Erträge von Unternehmen tatsächlich bestimmt: Innovation. „Insbesondere wenn die Märkte in Turbulenzen geraten, konzentrieren sich Anleger stärker auf aktiv verwaltete Fonds. Mit unserer Erfahrung im Bereich angewandter Innovationsinvestitionen können wir zeigen, dass innovative Unternehmen gerade unter wirtschaftlich anspruchsvollen Bedingungen eine bessere Ertragsentwicklung aufweisen”, erklärt Evelyne Pflugi, CEO und Mitbegründerin von The Singularity Group (TSG). „Dies führt im Portfolio zu starken Charakteristiken – und zwar über den gesamten Zyklus hinweg. Das ist die Art von langfristigem Wertpotenzial, den passive Vehikel wie Exchange Traded Funds nicht bieten können.” Passive ETFs gewannen aufgrund ihrer hohen Liquidität und Handelbarkeit sowie der Vielfalt der verfügbaren Produkte in der Vergangenheit auch bei institutionellen Anlegern an Beliebtheit. In letzter Zeit haben Fondsmanager jedoch eine Verschiebung der Nachfrage festgestellt. „Anleger nutzen passive ETFs als praktisches Instrument für die Portfoliosteuerung, aber langfristig suchen vor allem institutionelle Investoren nach Qualitätsprodukten zur Ergänzung ihrer Kernportfolios“, sagt Pierre Guillier, CIO von TSG.

Angewandte Innovation sorgt für stabile Erträge Der Investmentansatz von TSG basiert auf der Überzeugung, dass angewandte Innovation der Haupttreiber für ein stabiles Umsatz- und Gewinnwachstum ist. „Die Anleger scheinen die Preisgestaltungsmacht von innovativen Unternehmen komplett zu unterschätzen“, stellt Pflugi fest. „Sie assoziieren Technologie mit Risiko und Volatilität. Angewandte Innovation bietet jedoch das Gegenteil: überdurchschnittliche Erträge – über den gesamten Zyklus hinweg.“ Für den Aufbau aktiver Long-only-Aktienportfolios wendet TSG ein proprietäres Innovations-Scoring-System auf ein globales Aktienuniversum an. Der Schlüssel zum Innovations-Scoring liegt in der engen Zusammenarbeit mit dem Singularity Think Tank, einem Netzwerk von Unternehmern, Führungskräften und Akademikern mit tiefem Einblick in die Wertschöpfungsketten von Innovation. Der resultierende Singularity Score quantifiziert das Engagement eines Unternehmens anhand des Umsatzes in Innovationsbereichen weltweit über alle Marktkapitalisierungen und Branchen hinweg.

Seit ihrer Einführung im Jahr 2017 hat die Singularity-Strategie eine annualisierte Gewinnwachstumsrate von 18 Prozent erzielt, während der Referenzindex MSCI ACWI nur 9 Prozent erreichte. „Interessanterweise gelang es den innovativsten Unternehmen, ihre Gewinne während der Pandemie zu halten oder sogar zu steigern – ein starker Beweis für ihre Widerstandsfähigkeit“, so Guillier.

Inwieweit ist dieses überlegene Wachstumsprofil der Hauptgrund für die vergangene Performance? Wie viel von der künftigen Performance ist bereits eingepreist? Die Antwort liegt in einem detaillierten Blick auf die Entwicklung der Gewinne und des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV).

Langfristig ist das Gewinnwachstum der Motor der Performance, während die Ausweitung oder Verringerung von Bewertungsmultiplikatoren einen Frühindikator für die Markterwartungen darstellt und für die kurzfristige Performance verantwortlich ist. „Der Markt hat auf die COVID-Krise mit einer Korrektur der Bewertungsmultiplikatoren reagiert. Er erholte sich dann stark, indem er über die Pandemie hinausschaute, nachdem die Anleger von Regierungen und Zentralbanken beruhigt worden waren“, erklärt Guillier. „Der Markt hat seit Anfang 2021 Gewinnrückgänge erwartet, was sich seither in einem Bewertungsrückgang zeigt. Derzeit preist der MSCI ACWI immer noch mehr Gewinne ein, als er liefern konnte. Der Singularity Index hingegen zeichnet ein anderes Bild: Das innovationsgetriebene Portfolio wurde durch Bewertungsrückgang übermäßig belastet, während die Gewinnentwicklungen der Unternehmen mehr Spielraum nach oben lassen.” Was diese Analyse auch zeigt, ist der Unterschied zwischen der Entwicklung des Gesamtmarktes und einer aktiven Strategie, die auf Innovationserträge setzt: Der Filter trennt die Spreu vom Weizen.

Innovative Unternehmen setzen höhere Preise durch „Insgesamt sind die Fundamentaldaten der Unternehmen im Portfolio trotz des schwierigen Umfelds weiterhin stark. Unser Portfolio besteht nach wie vor aus hochprofitablen Unternehmen mit einem durchschnittlich niedrigen Verschuldungsgrad und einem soliden Wachstumsprofil“, sagt Guillier. „So weist das Portfolio beispielsweise 20 Prozent höhere Margen und Eigenkapitalrenditen auf als der Referenzindex. In Verbindung mit dem überragenden Wachstumspotenzial von Innovationen ist dies ein starker Motor für die Wertschöpfung.“

Angesichts höherer Zinsen, Inflation und möglicherweise einer globalen Rezession können Unternehmen ihre Position in einem selektiven Portfolio nur halten, wenn sie ein Alleinstellungsmerkmal bieten können. „Im aktuellen Marktumfeld ist Preissetzungsmacht von großem Vorteil“, sagt Pflugi. Wer nach Preisgestaltungsmacht sucht, findet diese in angewandter Innovation: „Unternehmen mit echten Innovationen können beständig höhere Preise erzielen“, fügt sie hinzu. „Da die KGVs für unsere Strategie auf einem historischen Tiefstand sind, sehen wir sehr gute Einstiegsmöglichkeiten in ein Portfolio innovativer Unternehmen, die langfristig überdurchschnittliches Wachstum und Renditen zu einem attraktiven Einstiegspreis bieten“, ergänzt Guillier.

Ist die Ära der passiven Anlagen also tatsächlich vorbei? „Aktives und passives Investieren können friedlich koexistieren“, resümiert Pflugi. „Wenn Anleger jedoch starke Portfoliomerkmale schätzen, ist angewandte Innovation der richtige Ort. Und der einzige Ort, an dem man angewandte Innovation finden kann, ist ein aktiv verwaltetes Portfolio.“

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Was ist mit China los?

Die Volksrepublik im Würgegriff der eigenen Null-Covid-Politik.

Michael Kordovsky. In den wichtigen Städten Shanghai und Peking löst ein größerer Lockdown den nächsten ab. Dazu gibt es abgeriegelte Häfen und Industrieanlagen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Wirtschaft. Wuchs diese im Vorjahr noch um 8,1 %, so erwartet der IWF heuer und 2023 nur noch 3,2 bzw. 4,4 %. Vom ersten auf das zweite Quartal ging Chinas BIP-Wachstum von 4,8 auf 0,4 % und somit auf den niedrigsten Level seit 2020 zurück. Vorübergehendes Tauwetter in der Corona-Bekämpfung und gewisse Nachholeffekte führten im dritten Quartal nochmals zu einem konjunkturellen Aufflackern, und das BIP wuchs um 3,9 %. Auch kursierten zwischenzeitlich Gerüchte, dass die strikten Corona-Maßnahmen bis März gelockert werden sollen bzw. die auch seit zweieinhalb Jahren weitgehend geschlossenen Grenzen wiedergeöffnet werden. Doch ganz im Gegenteil: Es wird strenger.

China weitet wegen steigender Corona-Infektionszahlen die Beschränkungen aus. So wurde beispielsweise in Shanghai der zweite Tag des Autogipfels „China Automotive Overseas Development Summit“ abgesagt und in der Stadt dürfen Einreisende innerhalb von fünf Tagen nach ihrer Ankunft keine Einkaufszentren und Restaurants betreten. Die Quarantänen und Lockdowns erstrecken sich übers ganze Land: Im südchinesischen Guangzhou mit seinen rund 18 Mio Einwohnern befinden sich mehrere Bezirke komplett im Lockdown, und in der Megametropole Chongqing können die Einwohner nur noch in dringenden Fällen und mit einem negativen Corona-Test ausreisen.

Nächste Kontraktionswelle
Die nächste Kontraktionswelle wirft bereits ihre Schatten voraus. So ging der Einzelhandelsumsatz im Oktober im Vorjahresvergleich um 0,5 % zurück, während Volkswirte noch mit einem Zuwachs rechneten. Im September lag das Plus noch bei 2,5 %. Die Steigerung der Industrieproduktion verlangsamte sich von September auf Oktober von 6,3 auf 5,0 %, während Analysten noch mit 5,3 % Plus rechneten. Die Lockdowns waren neben der schwächelnden Weltwirtschaft ein Hauptfaktor, weshalb sich im Oktober auch der Außenhandel rückläufig entwickelte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gingen die Exporte um 0,3 % zurück. Das ist die erste Schrumpfung seit Mai 2020. Indessen schrumpften die Importe um 0,7 %. Gemäß Einkaufsmanager-Index-Daten befanden sich Chinas Industrie und der Dienstleistungssektor im Oktober in der Kontraktion.

In diesem Umfeld leiden Chinas Bauträger an einer rückläufigen Nachfrage und eine größere Pleitewelle ist nicht auszuschließen. Leere Wohnblöcke und halbfertige Bauten prägen das Bild neuer Siedlungen. Im Oktober entwickelten sich in 100 chinesischen Städten die Immobilienpreise den vierten Monat in Folge rückläufig – so die Daten der China Index Academy, die den Rückgang der Immobilienverkäufe im Oktober mit 20 % beziffert. Die chinesische Zentralbank ließ jedoch ihre Leitzinsen erwartungsgemäß unverändert.

Wie geht es weiter?
Es ist eher unwahrscheinlich, dass China das ausgegebene Wachstumsziel der Regierung in Peking von 5,5 % heuer noch erreichen wird. Doch größere Konjunkturprogramme könnten jederzeit starten, zumal es in punkto Seidenstraße im Ausbau der Infrastruktur noch viel zu tun gibt.

Foto: Pixabay / Exellentcc

 

 

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Erreichen nachhaltige Investitionen die Richtigen?

Die Treffsicherheit der EU-Taxonomie lässt zu wünschen übrig.

Andreas Dolezal. Im Rahmen des „Grünen Deals“ sollen Anlagegelder verstärkt in nachhaltige Investitionen umgelenkt werden. Diese orientieren sich an den ESG-Zielen, also Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. Gut ist im Sinne der EU-Taxonomie (diese verfolgt das Ziel, ein EU-weites Klassifizierungssystem für die Bewertung ökologischer Nachhaltigkeit von wirtschaftlichen Aktivitäten zu etablieren, Anm.), was wenig Treibhausgas-Emissionen freisetzt.

Viele Investoren und Asset Manager meiden daher emissionsintensive Unternehmen. Bräuchten aber nicht genau diese Unternehmen frisches Kapital, um ihre Emissionen zu reduzieren?

Ein Vorwurf, den sich EU-konforme nachhaltige Investments zunehmend gefallen lassen müssen, ist, dass sie ihren Fokus zu sehr auf Umweltaspekte legen und gesellschaftliche Ziele sowie gute Unternehmensführung vernachlässigen. Dies ist der unvollständigen EU-Taxonomie geschuldet, die bis heute nur Umweltziele kennt. Über eine Sozial-Taxonomie, die auch Aspekte der guten Unternehmensführung beinhalten soll, wird auf europäischer Ebene erst diskutiert.

Eingeschränkt
Taxonomie-konform können Asset Manager und Anleger also nur im Hinblick auf Umweltziele investieren. Erschwerend kommt hinzu, dass es aktuell nur für zwei von sechs Umweltzielen Bewertungskriterien gibt, die bestimmen, unter welchen Voraussetzungen eine wirtschaftliche Tätigkeit einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen eines Umweltzieles leistet. Die bereits vorhandenen Bewertungskriterien für Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel berücksichtigen zudem nur etwa 100 Wirtschaftstätigkeiten. Selbst das „grünste“ Unternehmen gilt als nicht Taxonomie-konform, wenn es das Pech hat, nicht im Kriterienkatalog vorzukommen.

So gesehen ist der Vorwurf einerseits gerechtfertigt, aber andererseits auch ungerecht. EU-konforme nachhaltige Finanzprodukte können auf Basis der aktuellen Regularien nur Umweltzielen entsprechen. Die EU kennt noch nicht mehr.

Supergrünes Silicon Valley?
Dazu gesellt sich eine weitere Eigenheit der EU-Taxonomie. Das zentrale Bewertungskriterium sind die verursachten Treibhausgas-Emissionen eines Unternehmens. Als besonders „grün“ gelten jene Wirtschaftstätigkeiten, die bereits heute einen geringen Treibhausgas-Ausstoß im Verhältnis zu ihrer Marktkapitalisierung haben. In global investierenden Portfolios, die einen geringen CO2-Fußabdruck ausweisen, finden sich daher oftmals Positionen wie Microsoft, Alphabet und Amazon wieder.

Logisch, denn diese Dienstleister machen enorm große Umsätze, haben aber keine „schmutzige“ (Industrie-)Produktion – und sind daher gemäß EU-Taxonomie „supergrün“. Die Frage, wie sozial sie sind und wie fair ihre Geschäftspraktiken sind, stellt sich nicht, denn dafür kennt die EU noch keine Messgrößen.

Transformation finanzieren versus grün investieren
Eine weitere Kritik, die sich nachhaltige Investments daher gefallen lassen müssen, ist, dass genau jene Unternehmen und Industrien kein frisches Kapital erhalten, die dieses benötigen würden, um durch Investitionen und Innovationen emissionsärmer zu werden. Im Sinne der EU-Taxonomie werden „grüne“ Wirtschaftstätigkeiten mit Geld überschwemmt, anstatt „schmutzige“ bei ihrem Übergang zur Klimaneutralität zu unterstützen. Dies geht so weit, dass sogar Gelder aus Schwellenländern abgezogen wird. Dabei sind gerade diese unverzichtbar für das große Ziel der EU: die Rettung des Weltklimas.

Es gibt Pläne, die EU-Taxonomie um eine „rote“ und „gelbe“ Kategorie zu erweitern. Damit wären auch Wirtschaftstätigkeiten, die ein Umweltziel wesentlich beeinträchtigen, bzw. die kein Umweltziel erheblich beeinträchtigen, zu-gleich aber auch (noch) keinen wesentlichen Beitrag zum Erreichen eines Umweltzieles leisten, Taxonomie-konform. Bleibt am Ende die Frage, ob Anleger Transitionsprozesse finanzieren, oder nicht doch lieber gleich „grün“ investieren.

Foto: AdobeStock / Philipp Schilli

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Bevölkerung weiter als Politik

Aktienforum-Geschäftsführer Karl Fuchs im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Klaus Schweinegger. Das „Aktienforum“ ist die Interessenvertretung der börsennotierten Unternehmen und definiert sich als „Plattform zur Förderung des österreichischen Kapitalmarktes“. Auf die Mitglieder entfallen drei Viertel der Marktkapitalisierung der Wiener Börse. Neben den börsennotierten Unternehmen sind Banken und Finanzdienstleister, Finanzberater und andere Interessenvertretungen, die sich für den österreichischen Kapitalmarkt engagieren, Mitglieder des Aktienforums.

Börsen-Kurier: Herr Fuchs, der Aufschrei hält sich hierzulande wieder einmal in Grenzen, aber was sagen Sie zu den Plänen der Regierung bezüglich einer sogenannten „Gewinn-Abschöpfungssteuer“ in Österreich?
Karl Fuchs: Das Aktienforum war immer auf der Seite der Wenigen, die Eingriffe in die freie Marktwirtschaft ablehnen. Durch derlei Eingriffe wird eine ganze Branche, die wichtige Investitionen für die Energiezukunft leistet, in Frage gestellt. Die aktuellen Verwerfungen begreifend haben darüber hinaus bereits einige staatsnahe Unternehmen wie die OMV eine Sonderdividende beschlossen. Das ist eine richtige Maßnahme.

Börsen-Kurier: Die von ihnen genannten Eingriffe in die Marktwirtschaft sind immer brandgefährlich. Wurde das Aktienforum als Interessensgemeinschaft bzw. auch die Industrie von Seiten des Gesetzgebers dazu überhaupt konsultiert?
Fuchs: Der kleine effiziente heimische Kapitalmarkt ist verletzlich. Derlei politische Ideen sollten daher mit den Playern vorab abgestimmt werden. Dies geschah im Frühjahr nicht, als Bundeskanzler Nehammer zum ersten Mal mit der Idee der Abschöpfung medial nach außen ging. Damals war sogar der Finanzminister überrascht.

Börsen-Kurier: Wie steht es um andere Anliegen des Kapitalmarktes? Seit Jahren wird die mangelnde Finanzbildung der heimischen Bevölkerung thematisiert. Und auch seit vielen Jahren hört man in diesem Zusammenhang von Initiativen. Können Sie uns sagen, was diesbezüglich der Stand der Dinge ist?
Fuchs: Im Jahr 2021 wurde die Finanzbildungsstrategie vom damaligen Finanzminister Blümel ins Leben gerufen und institutionalisiert. Seither arbeiten viele Institutionen und Stakeholder an einer Weiterentwicklung dieser Strategie und versuchen auch konkrete Maßnahmen auf den Boden zu bekommen. So wurde eine langjährige Forderung vom Aktienforum in diesem Bereich im Frühjahr 2022 umgesetzt. Das OECD-Financial-Literacy-Pisa-Tool wurde im Zuge des Pisa-Tests erstmalig in Österreich abgefragt. Wiewohl die Ergebnisse bis 2024 auf sich warten lassen werden, sind sie als Bestanderhebung äußerst wichtig und werden uns den Weg weisen, wo genau wir in der Finanzbildung zukünftig ansetzen werden müssen.

Börsen-Kurier: Ein sehr heikles Thema ist auch die im Zuge der Corona-Pandemie aufgekommene Frage, ob Hauptversammlungen überhaupt noch in Präsenz stattfinden sollen. Anlegerverbände wie der IVA (und auch der Börsen-Kurier) hielten diesen Schritt nicht nur für einen massiven Einschnitt in die Rechte der Investoren, sondern er würde auch alle Bestrebungen zur Belebung des Kapitalmarktes konterkarieren. Wie stehen Sie dazu?
Fuchs: Das Aktienforum spricht sich für die Wahlfreiheit der Unternehmen aus, zu entscheiden, ob sie ihre Hauptversammlungen physisch oder virtuell durchführen wollen. Dabei ist uns als Aktienforum die Wahrung der Aktionärsrechte ebenso ein wichtiges Anliegen. Orientieren sollte man sich an zahlreichen internationalen Beispielen, wo virtuelle Formate als Dauerlösung bereits Eingang in den Rechtsbestand gefunden haben. Zuletzt im Sommer in Deutschland. Ein österreichischer Sonderweg wäre nicht zu empfehlen.

Börsen-Kurier: Aber kommen wir abschließend zu etwas Versöhnlicherem: Im Feber hat das Aktienforum gemeinsam mit der Industriellenvereinigung einen „Booster“ für steuerliche Anreize für Vorsorge und Green Investments gefordert. Ist schon Bewegung in dieses Thema gekommen und wo sehen Sie in diesem Zusammenhang die Chancen für ein „Aufblühen“ des österreichischen Kapitalmarktes?
Fuchs: Auf der politischen Ebene tut sich aktuell bei diesen Themen nicht rasend viel. Die Bevölkerung ist da schon viel weiter. So würden rund drei Viertel der österreichischen Bevölkerung eine steuerliche Begünstigung bei den Themen klimafreundliche Investitionen und Altersvorsorge für eine gute Idee halten. Unabhängig vom politischen Maßnahmensetting beweist der heimische Kapitalmarkt seinen stabilisierenden Faktor für die heimische Volkswirtschaft. Unsere aktuelle IWI-Studie zeigt durchwegs ansteigende Indikatoren im Vergleich zur Vorgängerstudie 2019. Die börsennotierten Unternehmen strahlen stark über ihre Unternehmensgrenzen hinaus und schaffen Arbeitsplätze. Dies sollte auch politisch goutiert werden.

Foto: Aktienforum

 

 

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Diese fünf Innovationen interessieren Anleger besonders

Ein Marktkommentar von Matt Moberg, Portfoliomanager bei Franklin Equity Group:

(22.11.) Trotz Rezessionen, Kriegen, Pandemien und Inflation steigt das Innovationstempo. Auch wenn das Thema Innovation bei Anlegern aus der Mode kommen kann, geht der zugrunde liegende Fortschritt unaufhaltsam weiter. Besonders interessant für die Weiterentwicklung in der Wirtschaft sind derzeit fünf Fortschritte, die genauer unter die Lupe genommen werden sollten.

1. Zulassung von Gentherapien gewinnt an Fahrt
Am 17. August 2022 gab die US-Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) ihrem dritten Gentherapeutikum einstimmig den Zuschlag. Nur acht Tage später genehmigte die Europäische Union (EU) ihr viertes Therapeutikum. In den USA ließ die FDA eine Therapie zur Behandlung der Beta-Thalassämie zu, einer erblichen Blutkrankheit, die zu einem Sauerstoffmangel im Körper führt. Das Medikament wird den Patienten in einer einzigen therapeutischen Dosis verabreicht. Die Wirkung des Mittels ist verblüffend: In einigen Studien gelang es, bei bis zu 91 % der Patienten eine Unabhängigkeit von Bluttransfusionen zu erreichen. Am 25. August genehmigte die EU eine weitere Gentherapie zur Behandlung der Hämophilie, einer Erkrankung, bei der die Blutgerinnung beeinträchtigt ist. Hierbei handelte es sich um die zweite Gentherapie, die die EU in diesem Jahr zugelassen hat. Die Zulassungen in den USA und in der EU dürften die Einführung von Gentherapeutika vorantreiben und die Finanzierung von Forschung und Herstellung in diesem Bereich fördern.

2. Augmented Reality bei Operationen an Patienten im Einsatz
Die Johns Hopkins University führte ihre erste Augmented-Reality-Operation an Patienten durch. Die Chirurgen trugen Headsets, mit denen sie medizinische Scans ihrer Patienten einblenden konnten, um Wirbelsäulenoperationen vorzunehmen. Der operierende Arzt erklärte: „Beim Einsatz von Augmented Reality im Operationssaal ist es so, als hätte man ganz natürlich ein GPS-Navigationsgerät vor den Augen, sodass man nicht auf einen separaten Bildschirm schauen muss, um den CT-Scan des Patienten zu sehen.“ Seitdem haben Ärzte dasselbe System bei über 2.000 Operationen genutzt und damit die hohe Genauigkeit der Augmented-Reality-Unterstützung beim Einsetzen von Schrauben in Wirbelkörper bei gleichzeitiger Reduzierung von Wirbelsäulenschäden bewiesen. Augmented Reality und Virtual Reality können in weitaus größerem Umfang als nur für Videospiele und das Metaversum eingesetzt werden. Diese spezielle medizinische Anwendung kann den Zeitaufwand verringern, die Genauigkeit erhöhen und die Ergebnisse in verschiedenen chirurgischen Szenarien verbessern.

3. Gentechnik fördert die Photosynthese zur Steigerung der Ernteerträge
Wissenschaftler in Indiana haben die Genetik von Pflanzenblättern so verändert, dass sie die Photosynthese optimieren und den Sojaertrag im Durchschnitt um 24,5 % steigern konnten. Diese Technologie könnte auch auf andere mehrschichtige Pflanzen wie Reis, Weizen und Mais angewendet werden. Diese neuen Forschungsergebnisse widersprechen den bisherigen Annahmen, dass eine höhere Nährstoffaufnahme des Bodens die einzige Möglichkeit zur Steigerung der Ernteerträge sei. Dieser Fortschritt veranschaulicht, wie Nutzpflanzen über ihre Schädlings- und Dürretoleranz hinaus optimiert werden können. Neuartiges, gentechnisch verändertes Saatgut kann eine wichtige Lösung für die Ernährung einer größeren Weltbevölkerung bei geringerer Umweltbelastung und reduziertem Wasserverbrauch darstellen.

4. USA verabschieden Inflation Reduction Act (IRA) – ein wichtiger Impuls für grüne Energie
Wirtschaftliche Schocks beschleunigen oftmals die Innovation. Darüber hinaus schaffen hohe Preise, ein großer wirtschaftlicher Bedarf und erhebliche staatliche Unterstützung positive Rahmenbedingungen für Neuerungen. In diesem Sommer sind die Energiepreise in Europa in einigen Regionen im Vergleich zum Vorjahr um mehr als das Fünf- bis Sechsfache gestiegen. Auch in den USA sind die Energiepreise in die Höhe geklettert. Durch den im August unterzeichneten IRA werden in den USA zusätzlich zu den bereits im November 2021 genehmigten 80 Milliarden US-Dollar weitere 369 Milliarden US-Dollar in grüne Energie investiert. Im Streben der Länder nach Energiesicherheit dürften steigende Preise für herkömmliche fossile Brennstoffe in Verbindung mit staatlichen Anreizen für erneuerbare Energien den Ausbau vieler neuer Energiequellen beschleunigen und zu neuen Investitionen in die Netzinfrastruktur und den Transport führen.

5. Streaming-Plattformen überholen Zuschauerzahlen im Kabelfernsehen. Noch schneller als Streaming wächst TikTok
Laut dem Meinungsforschungsinstitut Nielsen haben die US-Zuschauerzahlen beim Streaming zum ersten Mal die Werte beim Kabelfernsehen übertroffen. Streaming-Plattformen wie Netflix, Disney und HBO konnten 34,8 % der gesamten Sehdauer für sich verbuchen, Kabelfernsehen kam auf 34,4 % und Rundfunk-sender erreichten 21,6 %. Gemessen daran, wie schnell TikTok die Medien eroberte, vollzog sich diese Entwicklung stufenweise. Denn im Schnitt braucht ein Streaming-Abonnent 18 Minuten, um sich zu entscheiden, was er anschauen möchte, ein neuer TikTok User streamt hingegen sofort. So konnte TikTok in der Hälfte der Zeit, die Facebook oder YouTube benötigten, eine Milliarde aktive Nutzer gewinnen. Neue Wege, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, revolutionieren die Medienwirtschaft – eine Branche, die oft an der Spitze des Wandels steht und die zeigt, wie schnell es manches Mal zu Paradigmenwechsel kommen kann.

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Sand im Getriebe der Kryptowährungen

Für Experten ist die Kryptostory weiterhin intakt. Sie mahnen aber zur Vorsicht beim Investieren.

Patrick Baldia. Die Milliarden-Pleite von FTX erschüttert derzeit die Kryptowelt. Die Handelsplattform für Kryptowährungen meldete vor rund zwei Wochen Konkurs an, nachdem Kunden, als bekannt wurde, dass Einlagen in der Höhe von rund 10 MrdUSD verschoben wurden, in großem Stil Gelder abgezogen hatten. Gegen den Gründer und CEO Sam Bankman-Fried wurde mittlerweile eine Sammelklage eingereicht. Der Fall FTX hat jedenfalls die bislang größte Krise in der noch jungen Geschichte der Kryptowährungen ausgelöst. Und Befürchtungen genährt, dass weitere Branchenplayer folgen könnten.

Kritiker sehen sich angesichts der FTX-Pleite in ihrer Ablehnung gegenüber Bitcoin und Konsorten bestärkt. Diese hatten in den vergangenen Wochen allerdings ohnehin Hochkonjunktur. Dahin-ter steht der anhaltende „Krypto-winter“, darunter versteht man eine seit längerem anhaltende Kursflaute von Cyberwährungen. Allein der Bitcoin notierte zuletzt bei rund 17.000 USD. Dabei hatte die größte und bekannteste Kryptowährung erst im vergangenen November den Rekordstand von knapp 69.000 USD erreicht. Und die Prognosen waren überaus optimistisch. So ging JP Morgan bis Ende 2021 von einem Kurs von 130.000 USD aus, die US-Citigroup gar von 318.000 USD.

„Dass vorzeitig das Ende des Bitcoins und anderer Kryptowährungen erklärt wird, ist grundsätzlich nichts Neues“, sagt Manuel Schleifer, Finanzmarktstratege bei Raiffeisen Research, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Schaue man sich den Zyklus an, so wären extreme Kurseinbrüche nach dem Erreichen neuer Rekordhöchststände nichts Besonderes. Ähnliches sei auch 2018/19 zu beobachten gewesen, als der Bitcoin-Kurs von 18.000 auf 3.000 USD zurückging. „Davon sind wir meilenweit entfernt“, hält Schleifer fest. Nachsatz: „Das Ende der Kryptowährungen sehe ich nicht, sondern vielmehr eine Marktbereinigung.“

Mehrwert im täglichen Leben
Auch für Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei 21Shares, ist die „Kryptostory“ weiterhin intakt. „Die Innovation wird sich weiter durchsetzen und die gesamte Blockchain und Kryptotechnologie zeigt ja bereits in vielen Beispielen des täglichen Lebens ihren Mehrwert“, meint er gegenüber dem Börsen-Kurier. Man dürfe auch nicht vergessen, dass FTX ein zentrales Kryptounternehmen gewesen sei und per se nichts mit Bitcoin und Decentralised Finance zu tun habe.

Wie lange der Kryptowinter noch anhalten wird, ist jedenfalls schwer zu sagen. Für Mark Dowding, CIO bei BlueBay Asset Management, sind weitere deutliche Preisrückgänge der Kryptowährungen in den kommenden Wochen durchaus möglich. Wenger erinnert wiederum darauf hin, dass die beiden letzten Bärenmärkte 2018 und 2019/20 360 bzw. 260 Tage dauerten. Der aktuelle hält jedenfalls bereits seit 370 Tagen an. Viel werde jetzt jedenfalls von der weiteren makroökonomischen Entwicklung, den Zinsen, aber auch vom Ukrainekrieg abhängen.

„Sobald wir eine gewisse Stabilität am Aktienmarkt sehen, dann stehen die Chancen gut, dass wir bei Kryptowährungen eine Erholung erleben werden“, sagt Schleifer und verweist auf die – anders als in der Vergangenheit – auszumachende Korrelation zwischen Kryptowährungen und Aktien – vor allem Techwerten. Optimistisch stimmt ihn jedenfalls, dass viele institutionelle Anleger in Kryptowährungen investiert sind. „Das ist ein Indiz dafür, dass der Markt professioneller geworden ist“, meint er. Weiters glaubt der Analyst, dass sich der Krypto-markt bereits in einer Bodenbildungsphase befindet. Dazu komme, dass Regulierung mehr und mehr zum Thema werde – Stichwort MiCA-Verordnung, die bereits Ende 2022 in allen EU-Mitgliedsstaaten eingeführt werden soll.

Bitcoin-Halving steht bevor
Ein weiterer Grund für ein Krypto-investment: das nächste Halving steht 2024 bevor. Darunter versteht man die Begrenzung des Bitcoin-Angebots ungefähr alle vier Jahre, indem die Belohnung, die die so genannten Miner für das Schürfen der Kryptowährung erhalten, halbiert wird. Bislang sind darauf immer Kursanstiege gefolgt.

Schleifer empfiehlt Interessenten sich auf die zehn größten Kryptowährungen zu konzentrieren. Positiv zu sehen wären solche, die eine realwirtschaftliche Anwendung hätten, wie allen voran Ethereum, aber auch Solana und Cardano. „BTC hat dagegen kaum Anwendungen und hat sich bislang auch nicht als reines Zahlungsmittel etabliert und ist daher als Spekulationsobjekt zu sehen.“

Für Wenger ist es wichtig, zu verstehen, in was man investiert, über Unterschiede und Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Kryptoassets Bescheid zu wissen und auch über Risiken im Bilde zu sein. „Auch mit der relativ hohen Volatilität müssen Investoren, die am Upside partizipieren wollen, leben können“, bringt es der 21Shares-Experte auf den Punkt.

„Bei Kryptowährungen muss man zwischen Investieren und Spekulieren unterscheiden“, so Schleifer. Auch ein Vergleich zu einem Kasinobesuch sei nicht weithergeholt: Man gehe dorthin, um zu Spielen und damit zu Spekulieren. Ein Totalausfall ist immer möglich. „Das ist am Aktienmarkt in der Regel völlig anders“, so Schleifer. Stichwort Totalausfall: Dowding erinnert daran, dass Kryptowährungen in ihrer Hochphase eine Marktkapitalisierung von mehr als 3 BioUSD aufgewiesen haben, wovon nun mehr als 2,3 BioUSD verloren wären. Eine Tatsache, die sich Anleger immer vor Augen halten sollten.

Foto: Pixabay / WorldSpectrum

 

 

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Weshalb sich Mischen wieder lohnt

Nach den schweren Verlusten an den Börsen bieten sich wieder Chancen, breit zu streuen.

Raja Korinek. Das laufende Jahr ist eine Zeit der Extreme an den globalen Märkten. Nicht einmal solide Anleihen eigneten sich dabei als Portfolio-Stabilisator, wie es in der Regel sonst in einem gestreuten Investment der Fall ist, konstatiert Ernst Konrad, er ist Geschäftsführer der Münchner Fondsboutique Eyb & Wallwitz sowie Co-Fondsmanager des „Phaidros Funds – Balanced“ (ISIN: LU0295585748), im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Doch was steckt hinter dieser ungünstigen Entwicklung? Die steigende Inflation sowie die damit einhergehende Zinswende sorgten letztendlich auch an den Bondmärkten für große Kursrücksetzer, und das in einem historisch einmaligen Tempo.

Einzig, jüngste Meldungen aus den USA stimmen so manch einen Anleger wieder vorsichtig optimistisch. So legte die Inflation im Oktober im Jahresvergleich um lediglich 7,7 % zu, nachdem die Teuerung noch im Vormonat 8,2 % erreicht hatte. Auch der jüngste Rückgang bei den Produzentenpreisen jenseits des Atlantiks gab Anlass zu Optimismus. Sie legten um nur 8 % im Vergleich zum Vorjahreswert zu.

Größter Verlierer Technologie
Die Folgen daraus waren vor allem an der US-Technologiebörse Nasdaq deutlich zu sehen, sie legte ein regelrechtes Kursfeuerwerk zurück. Denn insbesondere viele Wachstumswerte hatten unter den steigenden Zinsen gelitten. Die Hoffnung ist nunmehr groß, dass die weiteren Zinsanhebungen weitaus milder ausfallen werden.

Damit könnten sich wieder interessante Einstiegschancen bei Anleihen ergeben, meint Konrad. Er verweist etwa auf US-Staatsanleihen, die aktuell eine Rendite von rund 4 % aufweisen. „Dagegen müssen sich andere Anlageklassen erst noch beweisen.“ Auch in ausgewählte Unternehmensanleihen wird investiert.

Endlich wieder mehr Risiko
Das hält den erfahren Marktexperten jedoch nicht davon ab, erstmals wieder ein wenig mehr Risiko aufzubauen, wie er sagt. Im Phaidros-Fonds entfielen zuletzt dabei rund 25 % auf Anleihen, weitere kleine Anteile auf Cash sowie auf Gold. In Aktien werden nunmehr rund 60 % des Fondsvermögens investiert. Dabei wird in letzterer Position grundsätzlich zu einem Teil auf jene Konzerne gesetzt, die eine starke Marktdominanz haben, oder aber in junge Unternehmen investiert, die bestehende Platzhirsche mit neuen Produkten oder Prozessen erfolgreich herausfordern.

Konrad verweist etwa auf die US-Technologiekonzerne Alphabet (US02079K3059) und Amazon (US0231351067). „Beide starteten vor Jahren als sogenannte ‚Herausforderer‘ und haben mittler-weile quasi eine Monopolstellung in ihren jeweiligen Geschäftsbereichen aufgebaut.“ Damit seien sie auch in der Lage, langfristig höhere Renditen abzuwerfen als der Gesamtmarkt. Die Titel sind im Übrigen beide Teil des Phaidros-Fondsvermögens.

Auch in den Schweizer Pharmatitel Novartis (CH0012005267) wird investiert. Überhaupt nimmt der Gesundheitssektor rund 16 % der Aktienquote ein, gefolgt von der IT-Branche mit einer Gewichtung von rund 15 %.

Digitalisierung als Chance
Doch wie sieht es mit aktuellen Herausforderern aus? Konrad zählt dazu etwa die Mercado Libre (US58733R1023) mit Sitz in Argentinien. „Das Unternehmen ist Lateinamerikas führender E-Kommerzhändler und Online-Zahlungsdienstleister.“ Mercado Libre habe dabei eine Monopolstellung in der Region und profitiere zudem von der wachsenden Digitalisierung. Freilich, da ortet Konrad noch reichlich Aufholpotenzial in Lateinamerika.

Foto: AdobeStock / Felix Pergande

 

 

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„Es gibt erste attraktive Opportunitäten“

Experte sieht Chancen für Anleger mit hoher Risikotoleranz und längerem Anlagehorizont.

Stefan Riedel, München. Thiemo Volkholz ist Head of German, Austrian and Swiss Accounts bei PGIM Investments. Wir sprachen mit ihm über die vergangenen Monate, mögliche Erfolgsformeln der Fondsmanager, das Spannungsfeld „aktives versus passives Fondsmanagement“ und blicken auch in die Zukunft.

Börsen-Kurier: Wie würden Sie die derzeitige Lage in der Asset-Management-Branche angesichts des sehr herausfordernden Marktumfelds beschreiben?
Thiemo Volkholz: Die letzten Monate waren mit Sicherheit herausfordernd für viele Asset Manager. Die hohe Unsicherheit gepaart mit der starken Volatilität sorgten dafür, dass es kaum interessante Anlageoptionen gab. Mittlerweile ist jedoch ein Silberstreifen am Horizont zu sehen. Es gibt erste attraktive Opportunitäten, etwa auf dem Rentenmarkt, sowohl im Investment Grade als auch bei High-Yield-Anleihen. Und auch der Aktienmarkt bietet erste Einstiegsmöglichkeiten, wenn auch derzeit eher für Anleger mit hoher Risikotoleranz.

Börsen-Kurier: Was ist die Erfolgsformel, wie sich ein Asset Manager heute positionieren sollte?
Volkholz: Wir haben festgestellt, dass die Selektionsprozesse heutzutage spürbar quantitativer getrieben sind, unter anderem da es wesentlich weniger persönliche Treffen gibt. Die zentrale Konsequenz, die wir daraus ziehen ist, dass Asset Manager sich deutlich mehr auf ihre Stärken konzentrieren müssen, also auf jene Strategien, bei denen sie Wettbewerbsvorteile haben. Wer erfolgreich sein will, darf also nicht jedem Trend hinterherlaufen, sondern muss den eigenen Mehrwert in den Vordergrund stellen und konsequent ausbauen.

Börsen-Kurier: Stichwort aktives Management – sehen wir ein Revival oder hält der Druck seitens passiver Produkte unvermindert an?
Volkholz: Der Markt ist breit und tief genug für beide Ansätze, zumal sie jeweils klar definierte Vorteile haben und sich daher für spezielle Anlageziele eignen. Aktives Management bietet sich dabei vor allem bei mittel- und langfristigen strategischen Investitionen an, da man hier einen Fonds auswählen kann, dessen Manager analog zu den eigenen Präferenzen investieren.

Außerdem sollten aktive Produkte gerade in Zeiten hoher Unsicherheit ihre Stärken ausspielen können und durch aktive Risiko-steuerung und flexible Schwerpunktsetzung in der Positionierung einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil erwirtschaften.

Börsen-Kurier: Kosten im Zusammenhang mit aktiven Asset Managern sind ein Dauerthema. Sind diese noch angemessen und wodurch können Asset Managern ihren Kunden bessere Konditionen bieten?
Volkholz: Unserer Erfahrung nach schauen Investoren in erster Linie auf die Rendite und Performance nach Kosten. Es muss also das Ergebnis stimmen und darauf sollte auch der Fokus der Asset Manager liegen.

Börsen-Kurier: Wie positionieren sich derzeit Ihre Kunden bzw. in welchen Assetklassen sehen Sie derzeit die höchste Nachfrage?
Volkholz: In einem Umfeld mit hoher Marktunsicherheit suchen Kunden bevorzugt nach Lösungen, die die Volatilität in den Portfolios reduzieren können. Kurzfristig spüren wir daher gerade ein hohes Interesse an Liquid Alternatives, da diese durch unkorrelierte Renditen auch von fallenden Märkten profitieren können. Gleichzeitig steigt das Interesse an Spread-Produkten am Rentenmarkt, also an Produkten im Bereich High-Yield. Diese haben nicht zuletzt durch die Zinserhöhungen wieder attraktive Renditeniveaus erreicht, wovon Investoren nun profitieren wollen.

Börsen-Kurier: Stichwort antizyklisches Investieren – welche Chancen bieten sich mittelfristig für Anleger?
Volkholz: Kurzfristig kann der Aktienmarkt durchaus noch einmal hohe Volatilität zeigen. Dennoch kann er für Anleger mit hoher Risikotoleranz und einem Investmenthorizont von mehr als drei Jahren möglicherweise bald wieder spannende Einstiegsmöglichkeiten bieten – allem voran in aktiv gemanagten globalen Aktienportfolios.

Börsen-Kurier: Die steigenden Zinsen haben den Anleihemarkt durchgerüttelt. Wo sehen Sie hier aktuell Möglichkeiten?
Volkholz: Anleihen sind nach Jahren niedriger, teilweise sogar negativer Renditen wieder in den Fokus der Anleger gerückt. Besonders im High-Yield-Segment gibt es gerade potenziell sehr attraktive Investmentopportunitäten für langfristig denkende Investoren. Zwar sind aktuell die Renditen noch unter der Inflationsrate, doch wer sich diese im aktuellen Umfeld sichert, kann davon profitieren, sobald die Inflation wieder sinkt. Wir favorisieren hier aktuell US-amerikanische High-Yield-Anleihen mit breiter Sektorenstreuung. Hier sind die Ausfallraten gering und sollten laut externen Prognosen nicht deutlich steigen. Und selbst bei einem Default erwarten wir höhere Recovery Rates, was dem Kunden eine attraktive Rendite sichern sollte.

Foto: PGIM Investments

 

 

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Fünf Investmenttrends für die kommenden Monate

Christophe Braun ist Equity Investment Director bei der Capital Group.

(15.11.) Während sich das Jahr langsam dem Ende neigt, bleiben die Märkte konstant in Bewegung. Anleger sehen sich dabei neuen Risiken gegenüber. Laut Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, ist die Beibehaltung eines Allwetterportfolios in dieser Situation unabdingbar.

„Obwohl sich die Welt dramatisch verändert, bieten sich für selektive Anleger zahlreiche Chancen“, erklärt Braun. „Durch einen Bottom-up-Ansatz, der sich auf die Fundamentaldaten konzentriert und Unternehmen identifiziert, die ein starkes Ertragswachstum generieren können, besteht eine gute Chance, dass die Zukunft für langfristige Anleger weiterhin positiv aussieht.“

Laut Braun, gebe es dabei verschiedene Investmentthemen, die für ein langfristiges Portfolio in Betracht gezogen werden sollten:

Preissetzungsmacht
„Die Inflation wird in den nächsten Monaten anhalten“, davon ist Braun überzeugt. „Sie bleibt eines der größten Risiken für Anleger für den Rest des Jahres 2022.“ Daher sollten sich Anleger darauf konzentrieren, Unternehmen mit Preissetzungsmacht zu finden, die ihre Gewinnmargen schützen können, indem sie gestiegene Kosten an die Kunden weitergeben.

Zu den Unternehmen mit Preissetzungsmacht würden potenziell Konsumgüterunternehmen mit starkem Wiedererkennungswert, wie die Getränkehersteller Keurig Dr Pepper und Coca-Cola, gehören. Auch Unternehmen im schnell wachsenden Videospielesegment, wie Microsoft und Tencent, sowie Unternehmen, die wichtige Dienstleistungen anbieten, wie Pfizer und UnitedHealth, könnten in diesem Zusammenhang eine Investition wert sein.

Halbleiter, Cloud Computing und Software
Da Preissetzungsmacht ein Schlüssel zur Inflationsbekämpfung sei, befinde sich die Halbleiterindustrie in einer starken Position, denn ein Ende des weltweiten Appetits auf diese Bauteile sei derzeit nicht abzusehen. „Außerdem sind sie das Fundament der Cloud-Technologie, auf deren Basis viele Unternehmen ihr Geschäft betreiben“, so Braun. „Doch auch hier befinden wir uns noch in den Anfängen der Umstellung, was erhebliches Potenzial bietet.“ Ein dritter Bereich sei ebenfalls interessant: Wenn Chips das Rückgrat der Cloud sind, dann sei die Software das Hirn. Heute treibe Software nicht nur den Fortschritt im elektronischen Handel und im Finanzwesen voran, sondern auch im Gesundheitswesen, im Bildungswesen, im Transportwesen, im Bauwesen und in der Landwirtschaft. Der Spielraum für Technologie sollte nach Einschätzung Brauns nicht übersehen werden.

Comeback der Dividende
„Viele Unternehmen wandeln sich derzeit von Dividenden-Nullen zu Dividenden-Helden“, sagt der Experte. „Besonders in Europa setzten die Unternehmen während der Pandemie aufgrund von politischem oder regulatorischem Druck ihre Dividenden aus. Doch nun verfügen viele von ihnen über überschüssiges Kapital, das sie in Form von regelmäßigen und nachgeholten Dividenden umschichten können.“ Braun konzentriere sich auf Unternehmen mit einem starken zugrunde liegenden Gewinnwachstum, die sich verpflichtet hätten, ihre Ausschüttungen im Laufe der Zeit zu erhöhen.

Innovation im Gesundheitswesen
Angesichts der jüngsten Fortschritte in der Genom- und Proteom-Analyse und der Einführung zahlreicher neuer Arten von Medikamenten glaubt Braun, dass die rasante Geschwindigkeit anhalten werde, mit der lebensverändernde Medikamente zugelassen und entwickelt werden. Heute gebe es neue Therapien, die darauf abzielen, die Art und Weise zu verändern, wie der Körper Krankheiten selbst erkennt und behandelt. Diese Therapien hätten das Potenzial, das Leben zu verlängern und den Unternehmen, die sie erfolgreich entwickeln können, Einnahmen in Milliardenhöhe zu bescheren.

Wandel im Verkehrswesen
„Die Akzeptanzkurve von Elektrofahrzeugen (EVs) ist steiler geworden, vor allem dank staatlicher Anreize und strengerer Emissionsnormen für gasbetriebene Autos, insbesondere in China und Europa“, analysiert Braun. „Obwohl Elektroautos an der Schwelle zur Rentabilität stehen, werden einige wahrscheinlich früher als andere dort ankommen. Tesla ist hierbei klarer Spitzenreiter, der im Jahr 2021 kurzzeitig eine Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar überschritten hat.“ Unternehmen, die den Strukturwandel schnell angehen und sich rasch anpassen würden, hätten langfristig bessere Chancen auf Erfolg, unabhängig davon, ob es sich um Branchenriesen oder Start-ups handele.

Fazit
Das derzeit schwierige Umfeld führe zu einer erhöhten Marktvolatilität. Die Geschichte habe jedoch gezeigt, dass sich die Märkte in der Vergangenheit von geopolitischen und wirtschaftlichen Marktschocks erholt haben. „Für Anleger ist es deshalb wichtig, sich daran zu erinnern, dass sich die Märkte langfristig als widerstandsfähig erwiesen und viele Herausforderungen gemeistert haben“, resümiert Braun. Jetzt sei es an der Zeit, das eigene Portfolio zu bewerten, sich zu fokussieren und langfristig zu investieren. Themen gebe es genug.

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Eine Boeing 747 „in Gold“

Studie belegt ungebrochene Beliebtheit von Gold in Österreich.

Harald Kolerus. 220 Gramm Gold besitzt durchschnittlich gesehen jede Österreicherin und jeder Österreicher in Form von Barren oder Münze (Schmuck also nicht eingerechnet). Das entspricht vom Gewicht her rund einem „Big Mac“ von McDonald‘s, addiert man den Gesamtbestand aber zusammen, ergeben sich beeindruckende 388 Tonnen. Das ist mehr als in den Tresoren der OeNB liegt (280 Tonnen) und übersteigt das Gewicht einer Boeing 747. Zu diesen Ergebnissen kam eine repräsentative Studie der Universität St. Gallen im Auftrag des Goldhändlers Philoro. Die Umfrage fand vom Mai bis September 2022 statt, zum damaligen Zeitpunkt kam der Goldbesitz in Österreich auf den stattlichen Wert von rund 21,4 Mrd Euro.

Gold besonders beliebt
Bei Präsentation der Studie in Wien war für Martin Krieger, Head of Group Business Development von Philoro, klar: „Edelmetalle sind in Österreich die beliebteste Anlageform, also noch beliebter als Immobilien oder Aktien.“ Zwei Drittel der Befragten erachten Edelmetalle laut Umfrage als sinnvolle Investition, falls sie einen größeren Geldbetrag zur Verfügung hätten. Immobilien (53 % Zustimmung), Aktien (24 %) und das Giro- bzw. Sparkonto (21 %) werden dabei auf die Ränge verwiesen. Kryptowährungen werden nur von 11 % genannt.

Studienautor Prof. Sven Reinecke von der Uni St. Gallen kommentierte: „Die Menschen haben erkannt, welche Vorteile Edelmetalle bieten, wenn es um Langfristigkeit, Sicherheit, Stabilität, Inflationsschutz und Krisenvorsorge geht.“ Das sei angesichts der geopolitisch angespannten Lage auch nicht verwunderlich. Etwas überrascht hat den Experten allerdings, dass die Österreicher sogar mehr Gold horten als die Schweizer. Eine mögliche Erklärung dafür: „In der Schweiz wird mehr in Aktien investiert“, so Reinecke.

Wohin steuert der Preis?
Was der Experte nicht einzuschätzen wagt, ist hingegen, wohin sich der Goldkurs in absehbarer Zeit bewegen könnte: „Der allgemeine Trend zu Stabilität hat sich in den letzten Jahren aber als stabil erwiesen, ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte.“

Wobei der Goldpreis in der jüngeren Vergangenheit als Reaktion auf Corona zunächst stark angestiegen war, dann aber zurückfiel. Angesichts kaum erlebter Krisen – Ukraine-Krieg, extreme Inflation, Energie-Verunsicherung – könnte das für einige Investoren enttäuschend sein. Der Börsen-Kurier fragte Krieger zu seiner Einschätzung der weiteren Goldpreisentwicklung. „Man muss in Betracht ziehen, dass sich die Zinsen erhöht haben – einige Großinvestoren wandern vermehrt in den Fixed-Income-Bereich ab. Den Goldpreis sehe ich aktuell als stabil an und rechne momentan nicht mit viel Bewegung. Geht man aber von einer Normalisierung und mehr Klarheit bei der Zinssituation aus, glauben wir, dass sich Gold im kommenden Jahr in Richtung von 2.000 USD pro Feinunze bewegen wird. Das ist nicht nur unsere Hausmeinung, sondern auch die von vielen Edelmetall-Analysten“, so Krieger.

Mehr Aufklärung
Was dem Experten noch am Herzen liegt, ist mit einem gewissen Informationsdefizit aufzuräumen. Denn laut der Umfrage besteht im Widerspruch zur Beliebtheit von Gold die Erkenntnis, dass 71,8 % der Österreicher sich weniger bis sehr schlecht über Edelmetalle informiert fühlen. „Die Leute wissen etwa nicht, wo sie Gold seriös kaufen können, woran sie echtes Gold erkennen und welche Anlagemöglichkeiten sie prinzipiell haben. Auch kursieren Falsch-Infos bzw. Mythen, etwa dass Gold nur etwas für Reiche ist. Wir wollen dem Fakten und Aufklärung entgegenstellen“, so Krieger abschließend.

Foto: AdobeStock / bilderbox

 

 

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Öffentliches und privates Kapital notwendig

Im Kampf gegen den Klimawandel hat der Finanzsektor eine Brückenfunkton.

Harald Kolerus. Rund 2,4 Bio USD werden Entwicklungsländer bis 2030 aufwenden müssen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken – und das jährlich. Auch in den hochentwickelten Industrienationen sind Billionenbeträge notwendig, damit das 1,5-Grad-Ziel von Paris hoffentlich doch noch verwirklicht wird. Diese und viele andere interessante Zahlen erfuhr man im Seminar „Das Gute Geld – Investieren mit MehrWert“, ins Leben gerufen vom Klimabündnis Oberösterreich und dem Umweltcenter der Raiffeisenbank Gunskirchen.

Schnell die Welt retten
Bereits zum 6. Mal veranstaltet, lautete das Motto heuer: „Wege aus der Energiekrise – Können uns erneuerbare Energien retten?“ Prof. Timo Leukefeld, Energieexperte und Unternehmer, bejahte diese Frage in seiner Keynote: „Eine Rettung aus der Energiekrise ist möglich, es muss sich aber auch finanziell für die Beteiligten rentieren.“ Dazu brauche man neue Konzepte und Geschäftsmodelle, die er als den „ganz großen Hebel“ bezeichnete. Wobei Leukefeld auf die Konzeption emissionsarmer Immobilien mit Schwerpunkt Ein- und Mehrfamilienhäuser spezialisiert ist.

Als neues Geschäftsmodell stellte er eine Flat-Rate-Miete vor und führte aus: „Heute zahlen wir für eine Kaltmiete, für Wärme, Strom und an der Tankstelle. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Sinnvoller ist eine Flat-Rate-Miete, die all diese Komponenten vereint und die für fünf Jahre fix ist.“ Der Vermieter könne die gesamten Leistungen bündeln und aus einer Hand anbieten. Laut Leukefeld würde das die Rendite erhöhen und gleichzeitig Wohnen günstiger machen. Voraussetzungen seien dabei Anfangsinvestitionen in ökologischen Wohnbau, inklusive Solaranlagen auf Dächern und Fassaden (letztere sind immer frei von Schnee), Infrarotheizung, hausinterner E-Tankstelle uvm.

Österreich: Gut aufgestellt
Der hauptsächlich in Deutschland unternehmerisch tätige Leukefeld hatte auch durchaus Lob für Österreich parat: „Oft blicke ich neidvoll nach Österreich, wie weit man hier in vielen Gebieten schon ist, das gilt vor allem für den Bereich Gebäude und Energie.“

Die gute Ausgangslage der Alpenrepublik bestätigte Kristina Haselgrübler, Leiterin des Umweltcenters Raiffeisenbank Gunskirchen: „Österreich befindet sich durch die starke Positionierung von Wasserkraft und Biomasse in einer komfortablen Situation.“ Immerhin stammen rund 42 % der Energieproduktion hierzulande aus erneuerbaren Quellen, was allein die Stromerzeugung betrifft, sind es sogar über 80 %. Dennoch sind weitere hohe Investitionen in alternative Energien, Effizienz, Infrastruktur etc. dringend notwendig. „Banken und prinzipiell die

Finanzwirtschaft spielen hier ebenso eine große Rolle wie Bürger und Politik“, war eine mehrmals getätigte Schlüsselaussage der Veranstaltung.

Hohe Investments nötig
Stefan Sengelin
, im heimischen Klimaministerium in leitender Position mit nachhaltiger Wirtschaft beschäftigt, bestätigte: „Der Finanzsektor stellt eine Brückenfunktion dar, um Investments in den Bereich erneuerbarer Energien zu erleichtern. Wir benötigen öffentliches und privates Kapital, um aus dem fossilen System auszusteigen.“ Tatsächlich ist der Finanzierungsbedarf enorm: An die 16 Mrd Euro pro Jahr sind in Österreich notwendig, um bis 2030 die Pariser Klimaziele zu erfüllen.

Norbert Rainer, Geschäftsführer Klimabündnis Oberösterreich, fasste zusammen: „Beim Klima denkt man vielleicht nicht gleich ans Investieren, aber gerade als Anleger kann man sehr viel bewirken. Man sollte sich die Frage stellen: Arbeitet mein Geld für Klimaschutz und eine bessere Zukunft, oder hilft es womöglich Atom- und Ölkonzernen oder unterstützt die globalisierte Agrarlobby und die Regenwaldzerstörung?“

Foto: AdobeStock / PhotoSG

 

 

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Immobilienverkauf mit Wohnrecht

Leibrente und Immobilien-Teilverkauf sind Möglichkeiten, um an Geld zu kommen.

Patrick Baldia. Man verkauft seine Immobilie und erhält den Kaufpreis nicht wie sonst üblich per Einmalzahlung, sondern in regelmäßigen periodischen Raten. So lässt sich in groben Zügen das Modell der Leibrente bzw. des Immobilien-Teilverkaufs umschreiben, das älteren Menschen angeboten wird. Ganz so einfach wie es erscheint, ist das Ganze freilich auch wieder nicht, gibt es doch vielfältige Ausgestaltungsmöglichkeiten. So kann etwa der Verkäufer weiter in der Immobilie wohnen und dafür eine einmalige Zahlung ausverhandeln. Eine andere Variante ist wiederum die Vereinbarung einer kleineren Anzahlung und Leibrente inklusive Wohnrecht.

„Angesichts steigender Lebenshaltungskosten und immer größerer Hürden für ältere Menschen bei der Kreditvergabe ist der Verkauf einer Immobilie auf Leibrente eine alternative Möglichkeit an Geld zu kommen“, sagt Michael Schmidt, Geschäftsführer der 3SI Immogroup. Mit der Wiener Leibrentenpension hat das Familienunternehmen erst kürzlich ein einschlägiges Produkt vorgestellt, das sich im Übrigen äußerst hoher Nachfrage erfreuen soll, wie der Börsen-Kurier auch aus anderen Quellen in Erfahrung bringen konnte.

Inflationsschutz
Für Schmidt sind mit dem Verkauf auf Leibrente jedenfalls etliche Vorteile verbunden. Allen voran, dass die Verkäufer auf Wunsch weiter in der betreffenden Immobilie wohnen können. Die Instandhaltung des Objekts liege jedoch mit dem Abschluss des Kaufvertrags im Verantwortungsbereich des Käufers. Ein weiterer Vorteil, der gerade im aktuellen Umfeld wichtig ist: Da meist eine Wertsicherungsklausel vereinbart wird, sind die regelmäßigen Einkünfte unabhängig von Inflation und den Preisentwicklungen am Immobilienmarkt. Kurz: die Leibrente dient in diesem Fall auch der Wertsicherung. Sehr oft entscheiden sich ältere Menschen aber auch für einen Verkauf per Leibrente, um in die eigene Immobilie investieren zu können.

Aus reiner Wohltätigkeit handeln die Anbieter natürlich nicht. Der wohl größte Vorteil für sie ist, dass sie einen geringeren Kaufpreis oder regelmäßig wiederkehrende Beträge zahlen müssen. Dem gegenüber steht wiederum die Möglichkeit, dass der Leibrentenbezieher sehr lange lebt und die geleisteten Leibrentenzahlungen den Wert der betreffenden Immobilie übersteigen.

„Seine Immobilie zu veräußern ist immer ein großer Schritt“, bringt es Schmidt auf den Punkt. Vor allem weil Verkäufer und Immobilien immer ihre ganz eigene Geschichte hätten. Daher lege man bei der Wiener Leibrentenpension auch viel Wert auf eine eigenständige und persönliche Begleitung durch den gesamten Prozess sowie auf individuelle und maßgeschneiderte Lösungen. Ein neu entwickelter Online-Rechner ermögliche es Verkaufsinteressenten zudem, in nur wenigen Schritten ein für ihre Immobilie mögliches Leibrentenmodell zu berechnen.

Immer mehr Anbieter – nun auch in Österreich
Neu ist der Immobilien-Teilverkauf bzw. das Leibrenten-Modell freilich nicht, in Österreich ist das Angebot aber überschaubar. Anders die Lage in Ländern wie Deutschland, Großbritannien und Spanien, wo es eine Vielzahl an Anbietern gibt. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass sich mehr und mehr Player mit der Thematik auseinandersetzen, wie auch das Beispiel der Wiener Leibrente zeigt. Erst kürzlich hat auch Engel & Völkers ein einschlägiges Angebot gestartet. Über die neu gegründete EV LiquidHome GmbH in Graz sei der Immobilien-Teilverkauf ab sofort auch hierzulande möglich, war per Aussendung zu erfahren.

Foto: Pixabay / kalmarfoto

 

 

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Europa: Konsumiert wird immer

Ein Kommentar von Moritz Rehmann, Fondsmanager des „DJE – Multi Asset & Trends“.

(07.11.) Steigende Lebenshaltungskosten und eine sich eintrübende Verbraucherstimmung führen früher oder später zu sinkenden Einzelhandelsumsätzen. Doch was gerade für kleinere Betriebe zur existenziellen Bedrohung wird, muss nicht zwangsläufig für den gesamten Konsumsektor gelten. Anlegerinnen und Anleger, die auch von dieser Entwicklung profitieren wollen, sind gut darin beraten, einen genaueren Blick auf den Sektor zu werfen, dessen Margen zum Teil erheblich voneinander abweichen.

Wenn Energiepreise explodieren, die Verbraucherstimmung sinkt und Mitarbeiter nur schwer zu bekommen beziehungsweise zu halten sind, ist dies für viele Branchen und Unternehmen ein toxischer Cocktail. Vor allem für den Einzelhandel, der ohnehin schon seit einigen Jahren mit der Abwanderung des Konsums ins Internet zu kämpfen hat, bedeutet das aktuelle Marktumfeld eine gewaltige Herausforderung, wie aktuell in Deutschland das erneute Schutzschirmverfahren der Warenhauskette Galeria zeigt. Hinzu kommt, dass Waren aus dem Dollarraum deutlich teurer geworden sind, wobei der Euro gegenüber dem US-Dollar allein in den letzten zwölf Monaten um etwa 15 Prozent abgewertet hat. Zwar haben viele Betriebe aus der Corona-bedingten Unterbrechung der Lieferketten gelernt, indem sie ihre Lagerbestände erhöht haben, um erneuten Lieferschwierigkeiten zu entgehen. Doch jetzt treffen ausgerechnet in der umsatzstärksten Zeit des Jahres gefüllte Lager wie etwa bei den Sportartikelherstellern Adidas und Nike auf eine schwindende Konsumlaune. Dies drückt auf die Preise und erst recht auf die Margen.

Positiv zu erwähnen ist hingegen, dass die Beschäftigungssituation sowohl in den USA als auch in Europa nach wie vor gut ist und dass die Verbraucher vor allem in den USA tendenziell weiter auf hohe Ersparnisse im Vergleich zu vor der Corona-Pandemie zurückgreifen können. Außerdem läuft das Luxussegment im Vergleich zu anderen Segmenten weiterhin stabil. Hört man sich in den verschiedenen Bereichen des Konsumsektors um, trifft das aktuell schwierige Marktumfeld mehrheitlich eher die „Kleinen”. Skaleneffekte werden wichtiger. Direkter Kundenkontakt ist ebenfalls ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Firmen mit effizienter Lieferkette haben einen weiteren entscheidenden Vorteil: Wenn zum Beispiel Apple einen Container mit iPhones aus China direkt in einen seiner Apple Stores schickt, sind die Fracht- und Handling-Kosten, heruntergerechnet auf ein Smartphone, nach wie vor fast zu vernachlässigen. Aber wenn eine Ware im Zick-Zack vom Hersteller über verschiedene Großhändler vertrieben wird und damit letztendlich in Kleinmengen beim Einzelhändler eintrifft und als Einzelposten schließlich beim Kunden landet, belasten die Fracht-, Handling- und Lagerkosten die Marge massiv.

Die Marktmacht des Sonderposten-Handels am Beispiel TJX
Die US-Firma TJX (TJ Maxx beziehungsweise TKMaxx in Europa) kämpft sich derzeit gut durch die Krise. Hohe Lagerbestände auf Seiten der Industrie bedeuten für einen opportunistisch einkaufenden Sonderposten-Händler günstige Einkaufskonditionen und ermöglichen ihm einen Zugriff auf Sortimente, die beim Endverbraucher gefragt sind. Viele Verbraucher, die auch künftig nicht auf Markenprodukte verzichten wollen, werden sich vermehrt bei Sonderposten-Händlern wie TJX umsehen, um ihre Ausgaben zu reduzieren. Vielleicht muss sogar Nike angesichts zu voller Lager TJX wieder neu beliefern. Der Lagerumschlag von TJX fällt im Branchenvergleich überdurchschnittlich gut aus: Top Stores, wie z.B. derjenige in München, werden pro Tag mehrfach aufgefüllt. Die ganze Ware auf der Fläche des Ladens wird pro Monat mutmaßlich mehrfach gedreht. Allerdings sind die Artikel nur bedingt preiswert: Wenn man als Konsument auf einen bekannten Markennamen ganz verzichten würde, wäre es günstiger. Will man zum Beispiel vor dem Winter mit drei Kindern Winterjacken und -stiefel einkaufen, ist das auch bei TJX ein teures Unterfangen. Und die Impulskäufer könnten angesichts der hohen Inflation auch wegfallen. Dennoch ist die Marktmacht von TJX beeindruckend. Im Bekleidungsbereich sind es inzwischen mehr als fünf Prozent Marktanteil allein in den USA. An solch einem Händler kommt man als Lieferant nur schwer vorbei, während Vermieter zu Zugeständnissen bereit sind, um diesen Mieter zu halten.

Konsolidierung und Konzentration
Die überwiegende Mehrzahl der großen, börsennotierten Konzerne dürfte es ebenfalls vergleichsweise gut durch die aktuelle Krise schaffen. Dagegen werden viele kleinere Marktteilnehmer wahrscheinlich schließen müssen, falls sie ihre Nische nicht perfekt bedienen. Wer einen Businessplan verfolgt, in dem bis zum Erreichen einer führenden Marktposition noch über Jahre viel Geld verbrannt wird, der wird Schwierigkeiten haben, seine Bewertung zu halten bzw. Kapitalgeber vom zukünftigen Erfolg zu überzeugen. Im Onlinehandel dürfte es zu weiteren Konzentrationen kommen. Die Großen werden größer beziehungsweise größer werden müssen. Ein Onlineshop – sofern dieser nicht stark spezialisiert ist – wird es immer schwerer haben, unter 100 oder 150 Mio Euro Jahresumsatz überhaupt profitabel wirtschaften zu können. So komplex ist dieser Bereich inzwischen geworden. Laut einer Aufstellung, die der Nachrichtensender n-tv erst jüngst veröffentlicht hat, steigt der Umsatzanteil der zehn größten Onlineshops weiter. So landen inzwischen rund 41,1 Prozent der Umsätze bei den Top 10: Amazon, Apple, Doc Morris, H&M, Ikea, Lidl, Media Markt, Otto, Saturn und Zalando (in alphabetischer Reihenfolge laut EHI Retail Institute).

China: Ein wichtiger, aber schwieriger Markt für Sportartikelhersteller
Den großen Sportartikelherstellern wie Adidas und Nike ist es bis jetzt nicht gelungen, nach den Verwerfungen angesichts der Diskussion um die Verwendung bzw. den Einsatz von Baumwolle aus der Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas zu den historisch gewohnten Wachstumsraten zurückzukehren. Die maßgebliche Herausforderung in diesem Kontext ist die chinesische Werbelandschaft. Gerade in China ist es für den Absatz von Lifestyleartikeln essenziell, mit den richtigen Influencern und Testimonials im Markt präsent zu sein, um auf Plattformen wie TikTok die wichtigen Zielgruppen zu erreichen. Aber daran hapert es, da sich viele chinesische Influencer in einem Klima politischen Drucks offenbar sehr schwertun, wieder für westliche Konzerne zu werben. Nike konnte den Rückgang noch etwas besser abfangen als Adidas, da Performance und Events stärker im Marketingfokus liegen. Aber auch Nike konnte an das Momentum, das vor der politischen Diskussion bestand, noch nicht wieder anknüpfen.

Die in China immer wieder verhängten regionalen Lockdowns bremsen eine Rückkehr zu einem normalen Konsumverhalten nachhaltig. Eine schnelle bzw. unmittelbare Abkehr von der Null-Covid-Politik des Landes ist nach dem abgeschlossenen Parteitag mit der Neubesetzung der entscheidenden Gremien mit linientreuen Politikern vorerst nicht realistisch. Dennoch besteht die leise Hoffnung, dass China 2023 seine Wirtschaft wieder graduell öffnet und eine weniger strikte Corona-Politik verfolgen wird. Von den Problemen der westlichen Sportartikelhersteller Adidas und Nike können dagegen lokale Wettbewerber profitieren, darunter vor allem Anta Sports. Mit seinem im mittleren Preissegment angesiedelten Sortiment, das mit der lokalen Marke unter anderem den aktuellen Zeitgeist trifft, konnte Anta in den vergangenen Quartalen signifikante Marktanteilsgewinne erzielen. Zudem profitierte Anta auch von einer besseren Sortiment-Verfügbarkeit, da hauptsächlich in China produziert wird und somit Lieferengpässe nicht gravierend waren. Die Olympischen Spiele in Beijing im vergangenen Winter, bei der Chinas Nationalmannschaft werbewirksam von Anta ausgestattet wurde, kam verstärkend hinzu. Insgesamt führten damit die vergangenen beiden Jahre zu einer Neustrukturierung des wichtigen chinesischen Wachstumsmarktes für Sportartikel. Noch bleibt abzuwarten, wie nachhaltig die Orientierung hin zu den eigenen Marken wirkt. Das aktuelle politische Umfeld lässt allerdings einen schnellen Wechsel zur pro-westlichen Stimmung der vergangenen Jahre nicht erwarten.

Luxus: Auf die Marke kommt es an
Der Markt für Luxusartikel verzeichnet anhaltend starke Wachstumsraten, als gäbe es keine Krise. Gefragt sind vor allem Ledertaschen sowie Schmuck. Der Umsatz des französischen Luxuswarenkonzerns LVMH in der Sparte Mode und Lederwaren, der für den Großteil des Konzerngewinns verantwortlich ist, stieg weltweit im dritten Quartal um 22 Prozent. Vor allem Dior ist ein stark nachgefragtes Label, aber auch „zeitlose“ Louis-Vuitton-Taschen verkaufen sich anhaltend gut.

Ebenfalls beliebt ist hochwertiger Schmuck. Renommierte Marken wie Cartier (Umsatz plus zwölf Prozent im zweiten Quartal beziehungsweise plus 49 Prozent im Geschäftsjahr März 2021/22) oder Tiffany (gehört zu LVHM-Sparte Uhren & Schmuck / Umsatzplus der Sparte 16 Prozent im dritten Quartal) gewinnen Marktanteile hinzu. Hier kommt es allerdings auf die Marke an: Die Nachfrage konzentriert sich auf die renommierten französischen Luxushäuser wie LVMH, Cartier (gehört zum Richemont-Konzern) und Hermès. Je höher der Preis, desto besser ist die Nachfrage. Hermès ist im oberen Luxussegment angesiedelt und konnte den Umsatz um 24 Prozent im dritten Quartal steigern. Besonders stark nachgefragt sind unter anderem „Birkin“-Taschen mit einem meist fünfstelligen Preis. Bei einer Auktion von Christie’s wechselte zuletzt sogar ein Modell für 244.000 Euro den Besitzer. Auf der Luxusgüterplattform Farfetch muss man für gebrauchte „Birkin“-Taschen immer noch bis zu 97.000 Euro bezahlen. Nach dem Erwerb von Yoox NET-A-PORTER sowie einer Partnerschaft mit Alibaba in China etabliert sich Farfetch zu einer der führenden Luxusplattformen in einem noch immer sehr fragmentierten Online-Markt für Luxusgüter.

Erfolgskriterium: Nachfrage aus China
Das Luxussegment weist eine interessante Parallele zu Sportartikeln auf: Auch für dieses Segment ist China ein ausgesprochen wichtiger Markt. Ähnlich wie bereits in einigen anderen Sektoren ist die weitere Branchenentwicklung des Luxussegments davon abhängig, inwieweit sich China auf absehbare Zeit erholen oder inwiefern die aktuelle Krise zu einem Nachfrageeinbruch in Europa oder den USA führen wird. Noch vor ein paar Jahren erzielten führende Luxuskonzerne wie LVMH oder Richemont fast die Hälfte ihrer Umsätze in China. Infolge der restriktiven Null-Covid-Politik ist die Nachfrage dort allerdings deutlich eingebrochen und hat sich bis heute nicht wirklich erholt. Diverse Lockdowns vor allem in großen Metropolen wie Schanghai oder Peking belasten zusätzlich. Eine Abkehr von der strikten Null-Covid-Strategie könnte daher für eine Nachfragerholung sorgen.

Das Fazit: Bislang hat sich der Wohlstandsverlust als eine Folge der stark gestiegenen Inflation nicht negativ auf die Nachfrage ausgewirkt. Mit Zeitverzug dürfte sich früher oder später aber die Nachfrage in Europa und USA abschwächen, obwohl die Umsätze generell von einem starken US-Dollar unterstützt werden.

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Brasiliens Wirtschaft zeigt sich resistent

Im Gegensatz zur Politik weist der Aktienmarkt eine robuste Verfassung auf.

Roman Steinbauer. Der politische Machtkampf in Brasilien überlagert im größten süd-amerikanischen Land eine teils solide ökonomische Resistenz. Vom Ergebnis der Präsidentenwahl (das Staatsoberhaupt ist seit der Gründung der Republik im Jahr 1889 zugleich Regierungschef) sind keine tiefgreifenden, unerwarteten Strukturänderungen rund um den Amazonas zu erwarten. Hatte der Wahlsieger Luiz Inácio Lula da Silva doch bereits von 2003 bis 2011 das mächtigste Amt Brasiliens inne. Die attraktive demographische Entwicklung (laut dem Datenportal Statista betrug das Durchschnittsalter der Bevölkerung in 2021 32,8 Jahre) verspricht langfristig weiterhin eine hohe Konsumentennachfrage.

Energie- und Rohstoffwerte stützen
Weit solider als die politische Polarisierung es vermuten lässt, zeigt sich in dem 214 Mio Einwohner zählendem Staat der Aktienmarkt. Der führende Wertpapier-Index Bovespa verlor in einem global schwachen Umfeld seit dem Rekordstand vom Juni des Vorjahres bloß ein Zehntel des Wertes. Verantwortlich für die robuste Entwicklung der involvierten Werte ist in erster Linie die Zusammensetzung der Branchen. Ob führende Rohstoffkonzerne wie Vale (ISIN: BRVALEACNOR0), der Ölriese Petrobras (BRUSIMACNPA6) oder auch Vertreter der Stahlindustrie wie Gerdau (BRGGBRACNPR8) – sie stehen nahe an Spitzennotizen. Dazu macht sich die Dominanz der Energiegesellschaften wie Companhia Paranaense der Energia (BRCPLEACNPB9), Companhia Energetica de Minas Gerais (BRCMIGACNPR3), Centrals Eletricas Brasileiras (BRELETACNOR6) bemerkbar. Nur gering im Hintertreffen befinden sich Wertpapiere der Petrochemie bzw. Kunststoffindustrie wie Braskem (BRBRKMACNPA4) oder jene der Finanzinstitute wie der Banco Bradesco (BRBBDCACNPR8) oder der Beteiligungsholding Bradespar (BRBRAPACNPR2). Aktien der genannten Unternehmen werden durchwegs in Form von ADRs (American Depositary Receipts; das sind Hinterlegungsscheine für Original-Aktien) auch an den Börsen Frankfurt oder Stuttgart gehandelt.

Profitierender Real
Im Gegensatz zu früheren krisenhaften Zeitabschnitten überflügelte der brasilianische Real (BRL) im Jahr 2022 sogar den US-Dollar. Waren zu Jahresbeginn noch 5,6 BRL per USD zu berappen, sind aktuell nur noch 5,1 BRL aufzuwenden. Gegenüber dem Euro erstarkte dieser eklatant um 20 %. Die Inflation ermäßigte sich in Brasilien auf Jahresbasis seit Juli (11,9 %) auf 7,2 % im September. Damit liegt der Leitzinssatz aktuell um mehr als 6 % über der Teuerungsrate. Denn die Zentralbank ging bereits früh entschlossen gegen galoppierende Preise vor und hob diesen binnen eines Jahres in mehreren Schritten von 2 auf zuletzt 13,75 % an. Die Handelsbilanz ist (vor allem durch die Agrarexporte) konstant positiv. Das Industrieministerium in Sao Paolo wies hierzu für Oktober einen Überschuss von 3,92 MrdBRL (umgerechnet 784 Mio€) aus. Verhalten präsentiert sich die Industrieproduktion. So verzeichnete das Statistik-Ministerium (IBGE) im September auf Jahresbasis einen mageren Zuwachs um 0,4 %. Hier ist anzumerken, dass die Fertigungen zwischen November 2021 und April 2022 jeweils noch zwischen 4 und 6 % einknickte. Von der Beschäftigungsfront kommen indessen positive Daten. So sank die Arbeitslosenquote im September mit 8,7 % auf den tiefsten Stand seit April 2016. Im Verhältnis zu vielen europäischen Staaten nimmt sich die brasilianische Netto-Staatsverschuldung (finanzielle Vermögenswerte der Republik sind abgezogen) mit 58 % des BIP (Angaben der Banco Central do Brasil) moderat aus.

Foto: Pixaby / chulwan

 

 

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Rüstungsaktien ins Portfolio?

Produzenten profitieren von den weltweit höheren Verteidigungsbudgets.

Michael Kordovsky. In Europa kosten kriegsbedingte Lieferunterbrechungen Verbraucher über höhere Inflationsraten viel Geld. Einen Teil davon könnten Kursgewinne bei Rüstungsaktien kompensieren, die aufgrund akzeptabler Bewertungen und solider Absatzmärkte fundamental nach unten abgesichert sind.

Bereits vor dem Ukraine-Krieg waren die Verteidigungsausgaben hoch. Laut Stockholm International Peace Research Institute stiegen sie 2021 weltweit (das siebente Jahr in Folge) um 0,7 % auf rund 2.180 Mrd Euro. Mit 3,5 % Zuwachs ist dabei die Region Asien-Pazifik der Wachstumsträger. Doch der Ukraine-Krieg führt auch dazu, dass die Nato-Länder ihre Sicherheitsetats erhöhen. Deutschland stellt ein 100-Mrd-Euro-Sonderbudget für die Bundeswehr zur Verfügung und der Kurs der Rheinmetall-Aktie (ISIN: DE0007030009) stieg von Feber bis Ende Juni 2022 um 120 %.

Rheinmetall und Hensoldt
Rheinmetall gilt als Profiteur der Neuausrichtung der Politik vieler Länder nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine, doch zuletzt belasteten Meldungen, wonach sich verzögerte Entscheidungen Australiens negativ auf den Auftragseingang 2022 auswirken könnten. Rheinmetall rechnet aber nach wie vor damit, dass Australien bis Ende des laufenden Jahres einen Auftrag über bis zu 450 gepanzerte Fahrzeuge vergibt. Und wirft man einen Blick auf den aktuellen Analystenschätzungskonsens, dann wäre die Aktie angesichts der erwarteten längerfristigen Ertragsdynamik nach jüngster Konsolidierung sogar günstig (erwartetes KGV 2024 von 9,7 bei einem Kurs von 161,8 Euro).

Ebenfalls interessant ist die in Taufkirchen ansässige Hensoldt (DE000HAG0005), die 2017 aus ehemaligen Geschäftsbereichen von Airbus Defence and Space für Sensortechnologie in den Bereichen Verteidigung, Sicherheit, Luft- und Raumfahrt entstand. Zuletzt lieferte Hensoldt vier Verteidigungsradare für die Ukraine, die Ziele im Umkreis von 250 Kilometer anzeigen. Im ersten Halbjahr 2022 stiegen der Umsatz um 40,3 % auf 682 Mio Euro und das bereinigte Ebitda um 37,7 % auf 61 Mio Euro. Für das Gesamtjahr geht das Management von einem vorteilhafteren Verhältnis Auftragseingang zu Umsatz aus als ursprünglich erwartet.

Dauerbrenner
Ein Dauerbrenner ist Lockheed Martin (US5398301094), der für Kampfjets wie F-35 oder F-22 Raptor und diverse Raketensysteme bekannt ist. Von 2017 bis 2021 konnte das Unternehmen den Cash-flow aus laufender Geschäftstätigkeit um 9,2 % p.a. auf umgerechnet 9,5 Mrd Euro steigern. Der Aktienkurs stieg in den vergangenen zehn Jahren um rund 420 % und von 2022 auf 2023 sollte laut Zacks-Schätzungskonsens der Gewinn/Aktie von umgerechnet 22,37 auf 28,44 Euro steigen, woraus ein für 2023 erwartetes KGV von 17,5 resultiert. Ein ähnliches KGV weist General Dynamics (US3695501086) auf, die Panzer, Munition und U-Boote anbietet und bis 2026 ein kontinuierliches Wachstum aufweisen sollte.

Auf Jahressicht um 49 % (per 3.11.) kräftig abgehoben hat der Kurs des Rüstungs- und Raumfahrt-Konzerns Northrop Grumman (US6668071029), bekannt für den Tarnkappenbomber B-2 und das unbemannte Experimentalkampfflugzeug X-47. Allerdings ist der Wert nach jüngsten Anstiegen korrekturgefährdet. Vom Chart her mehr Luft nach oben hat der Raketenspezialist Raytheon Technologies (ISIN: US75512E1010) der per 3. April 2020 mit United Technologies fusionierte und Flugzeugturbinen sowie Komponenten für die Luft- und Raumfahrt anbietet.

Foto: Hensoldt / Diehl

 

 

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Virtueller Schutz wird wertvoller

Die Cyber-Übergriffe steigen, der Bedarf an Schutz ebenso.

Raja Korinek. Die zunehmende Vernetzung der globalen Wirtschaft sowie die wachsenden Datenmengen sind nicht mehr wegzudenken. Doch die Entwicklung bringt auch Hacker auf den Plan, weshalb die Zahl der Cyberangriffe zunimmt. Dies verdeutlichen Statistiken des „Cybercrime Report 2021“ des Innenministeriums. Denen zufolge gab es im Vorjahr beinahe 20 % mehr Anzeigen (rund 46.000) bei Tatbeständen zu Cybercrime im engeren Sinn im Vergleich zu 2020. Solche Tatbestände umfassen kriminelle Handlungen, bei denen Angriffe auf Daten oder Computersysteme unter Verwendung der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) begangen werden, so etwa Hacking.

Hohe Schäden aufgrund von Cyberangriffen
Die Lage ist ernst. Das sieht auch Philipp von Königsmarck, Head of Wholesale Sales Germany Austria and Luxembourg bei Legal & General Investment Management (LGIM), so. Er sagt: „Cyberattacken erreichen Schadensummen, die vergleichbar sind mit den Folgen verheerender Naturkatastrophen.“ Er nennt als Beispiel Hurrikan Irene. Dieser verwüstete 2011 unter anderem große Teile Puerto Ricos, der Dominikanischen Republik und Haitis. Die Schadenssumme erreichte dabei rund 16 Mrd USD. Von Königsmarck meint, „der sogenannte ‚NotPetya‘-Angriff auf Computersysteme in vielen Ländern Europas sowie den USA verursachte 2017 hingegen Schäden in Höhe von gut 10 Mrd USD.“

Zu den wirtschaftlichen Schäden kommen laut dem LGIM-Experten Auswirkungen auf Lebensqualität und Gesundheit im Falle von Angriffen auf die kritische Infrastruktur. „Das Thema rückte spätestens 2021 mit dem Ransomware-Angriff auf die größte Erdölpipeline in den USA ins öffentliche Bewusstsein. Trotz rascher Zahlung des Lösegelds zog sich die Wiederinbetriebnahme der Pipeline lange hinaus. Die Folge waren Treibstoffengpässe und steigende Preise.“

Budgets werden steigen
Von Königsmarck zieht ein klares Fazit: „Wachsende Budgets für Cyber-Sicherheit werden erwartet. Die weltweiten Ausgaben sollen von rund 260 MrdUSD im Vorjahr auf beinahe 460 MrdUSD im Jahr 2025 steigen.“

Angesichts solcher Entwicklungen ist auch das Ergebnis der „Global Digital Trust Insights Survey“ von PwC nachvollziehbar. Dieser zufolge planen heimische Unternehmen im kommenden Jahr erhebliche Investitionen, um Cyberangriffe abzuwehren, und befürworten eine Offenlegung von Cybervorfällen. Laut der Studie habe sich in den vergangenen Jahren viel bewegt und das Thema sei mittlerweile auf der Führungsebene angekommen, zeigt Georg Beham, Partner und Cybersecurity & Privacy Leader bei PwC Österreich, auf.

Indexzertifikate als Chance
Risikobereite Anleger können entsprechend auf Branchenunternehmen setzen, die im Bereich der virtuellen Sicherheit tätig sind. Das Cybersecurity-Indexzertifikat von Alphabeta Access Products (ISIN: DE000DA0AB89) etwa setzt auf zehn Titel, großteils aus den USA, aber auch aus Israel und Deutschland. Ein Beispiel ist Fortinet (US34959E1091). Der US-Konzern stellt Software her, um Cyberangriffe abzuwehren. Auch die deutsche Secunet Security Networks (DE0007276503) ist auf IT-Sicherheit spezialisiert.

Der „Cyber Security Index“ der Bank Vontobel (DE000VS5ZCS6) umfasst 13 Titel. Mehr als 90 % entfallen geografisch auf die USA, der Rest auf Japan. Größte Einzelgewichtung ist derzeit Qualys (US74758T3032), das auf Cloud-Sicherheit spezialisiert ist. Verisign (US92343E1029) bietet einen sicheren Betrieb von Webseiten an. Bei beiden Produkten müssen Anleger aber auch mit größeren Schwankungen rechnen.

Foto: Pixabay / kalhh

 

 

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Warum Anleger die Gewinner der letzten Zyklen vermeiden sollten

(02.11.) Die Aktienmärkte auf der ganzen Welt sind in eine Baisse eingetreten, viele Anleger konzentrieren sich nun auf die Wahrscheinlichkeit einer Rezession. Lisa Thompson, Portfoliomanagerin bei Capital Group, ist jedoch der Meinung, dass diese Rückgänge auch Chancen für Anleger schaffen, wenn diese die Gewinner des letzten Zyklus vermeiden.

„Märkte haben lange Zyklen“, sagt Thompson. „Ich glaube, dass die Pandemie das Ende des Zyklus nach der globalen Finanzkrise markierte – ein Zyklus, der von Schuldenabbau, Nachfrageschocks und wachsender Globalisierung geprägt war.“ Diese Bedingungen hätten zu einer lockeren Geld- und Steuerpolitik, niedrigen Kapitalkosten und einer Inflation der Aktienkurse geführt.

Heute stünden wir am Anfang eines neuen Zyklus, der Thompsons Meinung nach durch Deglobalisierung, ein schrumpfendes Arbeitskräfteangebot und Dekarbonisierung gekennzeichnet sein werde. Diese Bedingungen führten zu einer Verlagerung von der Inflation der Vermögenspreise zur Inflation der Güterpreise. „Gewinnmargen und hoch bewertete Aktien werden weiterhin unter Druck stehen“, erläutert Thompson. „Da ich in diesem Zeitraum mit einer allgemein höheren Inflation rechne, möchte ich viele der wachstumsstarken, hauptsächlich amerikanischen Unternehmen meiden, die zu den Gewinnern des letzten Zyklus gehörten.“

Die Rache der Nerds
Wenn sich die Zyklen verschieben würden, ändere sich auch die Marktführerschaft. Daher konzentriere Thompson sich im heutigen Umfeld steigender Zinssätze auf Gelegenheiten, in preisgünstige Unternehmen zu investieren, die einen starken Cashflow generieren. Sie bezeichnet dieses Thema als „die Rache der Nerds.“ Im Allgemeinen halte sie sich von den coolen Kids des letzten Jahrzehnts – den glitzernden Technologie- und Medienunternehmen – fern und suche nach Gelegenheiten bei den unbeliebten Kids in diesen Branchen, die unter den niedrigen Kapitalkosten, der schlechten Kapitalallokation und nachteiligen Vorschriften leiden würden. Einige Beispiele hierfür seien führende Telekommunikationsunternehmen in Märkten wie Europa, Mexiko und Japan.

„Meines Erachtens haben viele US-Unternehmen stärker von der Globalisierung und den niedrigen Kapitalkosten profitiert als ähnliche Unternehmen in anderen Märkten“, analysiert sie.

Angesichts der jüngsten Befürchtungen über eine Deglobalisierung und steigende Inflation schaue sich Thompson Unternehmen in Europa und Japan sowie in den Schwellenländern an, die sie schon seit Jahrzehnten beobachte. Dazu würden beispielsweise Geschäftsbanken und Basiskonsumgüter in China, aber auch in Italien, Frankreich, Japan und Lateinamerika gehören.

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„Kontrollierte Offensive bei Aktien“

Warum er Vorsicht walten lässt, erklärt Tilmann Galler im Interview.

Harald Kolerus. Es ist kein allzu pessimistisches Bild, das der globale Marktstratege in seinem Ausblick zeichnet – aber auch keines, dass zu Freudensprüngen animiert: Denn im Weltgeschehen bleiben viele „Wenns“ und „Abers“, weshalb J.P. Morgan Asset Management auf eine neutrale Gewichtung von Aktien und Anleihen setzt. Die letztgenannte Asset-Klasse habe dabei zuletzt an Attraktivität gewonnen.

Was Aktien betrifft, erklärt Tilman Galler (Foto rechts) im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Im aktuellen Umfeld mögen wir weiterhin US-Titel, auch wenn sie im Vergleich zum Rest der Welt etwas teurer bewertet sind. Ein großes Plus für die USA ist, dass sie energie-autark sind, die Risikoprämien der AGs fallen dadurch geringer aus als in Asien oder Europa.“

Fokus auf Qualität
Was die Stil-Frage betrifft, bevorzugt der Experte den Bereich Quality/Value gegenüber Growth: „In diesen unsicheren Zeiten stellt sich die Frage nach der Entwicklung der Margen und des Finanzierungsbedarfs. Für Quality/Value-Unternehmen spricht, dass sie in der Regel eine hohe Rentabilität haben, stabile Cashflows aufweisen und günstiger bewertet sind als Growth-Titel.“

Wobei der Experte nicht gänzlich auf die zyklische Komponente verzichten will: „Momentan geht die Angst vor einer Rezession um, was aber teilweise von den Märkten bereits eingepreist worden ist. Wenn absehbar wird, dass sich die Wirtschaft wieder erholen könnte, empfiehlt sich natürlich eine zyklische Positionierung. Diese finden wir geografisch gesehen im Raum Asien/Pazifik, wo Taiwan und Korea unter die Räder gekommen sind. China ist weniger zyklisch, wobei einige Branchen interessant sind, die gezielt von Peking unterstützt werden. Etwa der Transport- und Verkehrssektor bzw. die Elektrifizierung des Verkehrs.“

Zeit der Falken
Was die gesamtwirtschaftliche Entwicklung betrifft, würde vieles vom Agieren der Notenbanken abhängen, die jetzt Getriebene der Inflation sind. Es könnte sich laut Galler aber herausstellen, dass die Zentralbanken momentan zu ,hawkish´ sind und sie im kommenden Jahr weniger restriktiv handeln werden als heuer: „Eine geldpolitische Wende ist möglich, es gibt aber einige Unsicherheiten.“

Klar ist jedenfalls, dass die Fed die Zinsen im schnellsten Tempo seit einer Generation erhöht hat. Das wirbelt die Märkte gehörig durcheinander, weitere Schritte nach oben werden erwartet. Galler sieht aber drei Argumente für eine gedämpfte Notenbankpolitik im Jahr 2023: „Erstens hat sich das Wachstum bereits abgeschwächt, und die Einkaufsmanager-Indizes in den USA, der Eurozone und Großbritannien sprechen für eine weitere Verlangsamung im kommenden Jahr, inklusive dem Risiko einer Rezession.“ Für die USA wird aktuell eine BIP-Steigerung von 0,5 % in 2023 prognostiziert, für die Eurozone Null-Wachstum.

Moderaterer Weg
„Zweitens wird die Inflation voraussichtlich zurückgehen, die Frage ist nur, wie schnell das passieren kann. Immerhin sind die Containerpreise um 60 % von ihrem Höchststand zurückgekommen, auch bei Halbleitern sieht man in manchen Bereichen eine Entspannung. Bei Lebensmitteln wird die Inflation hingegen noch hoch bleiben. Im Bereich Gas hat die EU gut vorgesorgt, wir sollten sicher über den Winter kommen, wenn dieser nicht zu hart ausfällt. Der Ölpreis könnte hingegen nach der Kürzung durch die Opec+ wieder ansteigen.“

Drittens ist der von der EZB gemessene Stress-Indikator der Finanzmärkte jetzt höher als in Pandemie-Zeiten: Dieses Stress-Szenario plus geringes Wachstum (oder sogar Rezession) plus nachlassende Inflation könnten die Notenbanken dazu veranlassen, vom „Falken-Kurs“ abzulassen und wieder mehr unterstützend zu wirken. Das klingt dann doch optimistisch, ebenso wie das Schlusswort des Experten: „In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass Europa in keine tiefe Rezession abgleiten wird.“

Foto: AdobeStock / Costello77

 

 

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Frauen investieren anders

Darauf sollten sich Finanzdienstleister einstellen.

Harald Kolerus. Ein von der Standard Life Versicherung veranstalteter Workshop in Wien hat zuletzt versucht, die Unterschiede in der Finanzberatung von Frauen und Männern herauszuarbeiten. Vieles reduziert sich dabei auf das Verhältnis zwischen risikoreich und -avers.

Wenn Frauen vor 30 Jahren Informationen zur Geldanlage suchten, soll es schon vorgekommen sein, dass der Berater nach dem Gespräch Unterlagen mitgegeben hat: mit dem Hinweis, dass man sich auf die Antworten oder Fragen des Gatten freuen würde. So Christian Nuschele, Head of Distribution Standard Life Österreich und Deutschland, zum Auftakt der Veranstaltung. Diese Art von Diskriminierung gehöre der Vergangenheit an. Dennoch muss sich die Branche besser auf das weibliche Geschlecht einstellen, denn es handelt beim „Geld-Leben“ oft unterschiedlich zu Männern und ist mit anderen Rahmenbedingungen konfrontiert.

Geringerer Verdienst
Wesentlich ist dabei, dass sich Frauen sehr oft in einer weniger komfortablen finanziellen Situation befinden als Männer. Ursache ist unter anderem das „Gender Pay Gap“: Frauen verdienen weniger als Männer, im EU-Durchschnitt um 13 %. Dafür sind wiederum Erwerbsunterbrechungen (z. B. Karenz), weit verbreitete Teilzeitarbeit und unbezahlte Arbeit verantwortlich.

Zuletzt genannter Punkt ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen zumeist noch als Frauensache angesehen wird. Der geringere Lohn hat zur Konsequenz, dass in Österreich rund zwei Drittel aller armutsgefährdeten Personen weiblich sind. Wobei sich das „Gender Pay Gap“ letztlich auch unerfreulich im Ruhestand auswirkt: Die Alterspension für Frauen betragen aktuell hierzulande im Schnitt nur 1.264 Euro, bei Männern sind es immerhin 2.164 Euro.

„Selbstbewusst und Geldbewusst“
All das sind Faktoren, die bei der Finanzberatung von Frauen speziell berücksichtigt werden sollten, wie auf dem Workshop hervorgehoben wurde. „Ein extrem wichtiges Thema“, wie Christian Nuschele vorausschickte. Das Motto lautete „Selbstbewusst und Geldbewusst“.

Risikoreich versus Risikoavers
Bettina Fuhrmann
, Leiterin des Instituts für Wirtschaftspädagogik der WU Wien, gehörte das erste Referat. Der Expertin zufolge belegen empirische Studien, dass Frauen in der Geldanlage beson-ders risikoavers agieren. Wobei es natürlich gar nicht so schlecht sei, Vorsicht walten zu lassen, dadurch könnten aber auch Chancen verloren gehen.

Fuhrmann: „Deshalb ist es in der Finanzberatung von Frauen besonders wichtig, das Thema Risiko hervorzuheben, es sollte verständlich und greifbar gemacht werden. Der Finanzexperte sollte Frauen dabei helfen, Risken besser einschätzen zu können. Eine pauschale Ablehnung von Risken sollte vermieden werden.“

Ein Problem, das sich bei Männern übrigens eher selten stellt, sie sind bei Investments ohnedies gerne (zu) riskant unterwegs, darauf muss wiederum im Beratungsgespräch mit Männern eingegangen werden.

Finanzberatung tut Not
Außerdem sollten Finanzdienstleister auf ein besonders unterschätztes Risiko für die Geldbörse hinweisen: Langlebigkeit. Das wurde aus dem Vortrag von Marietta Babos klar, sie ist Autorin und Gründerin der unabhängigen Finanzberatungsplattform damen-sache.at.

„Durchschnittlich gesehen leben Frauen bei uns rund fünf Jahre länger als Männer. Das kann in der Pension aufgrund der ohnedies geringeren Renten zu starker finanzieller Belastung führen“, so die Expertin.

Weitere Probleme tauchen auf, wenn sich Frauen in wirtschaftliche Abhängigkeit zu ihren Partnern begeben – immerhin liegt die Scheidungsrate in Österreich bei mehr als 40 %. Außerdem tritt sehr oft der tragische Fall ein, dass der (besserverdienende) Mann vor seiner Gattin stirbt. Neben der seelischen Lücke entsteht dann sehr schnell auch eine finanzielle.

Fazit: Auf all diese Faktoren sollte in Finanz-Beratungsgesprächen mit Frauen speziell eingegangen werden. Not tut laut den Expertinnen aber auch umfassende finanzielle Bildung – am besten bereits in der Schule.

Foto: Pixabay / Geralt

 

 

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Lohnt der Blick nach Fernost?

Trotz der Turbulenzen: Experten sehen nunmehr Chancen.

Raja Korinek. Das Ergebnis war wenig überraschend: Am 20. Parteitag wählte die Kommunistische Partei Chinas Xi Jinping einmal mehr zum Generalsekretär. Alec Jin, Investment Director, Asian Equities bei Abrdn, zieht dazu ein klares Fazit: „Xi rief in seiner Rede zu größerer Eigenständigkeit und Stärke in Wissenschaft und Technologie auf. Damit unterstrich er einen wirtschaftspolitischen Mix, bei dem Wirtschaft und Wachstum nach wie vor an erster Stelle stehen, aber Sicherheit, Gleichberechtigung und Autarkie einen höheren Stellenwert erhalten.“

Genau dieses Abwägen lässt manche Marktbeobachter auch an den ambitionierten Wachstumszielen des Landes ein wenig zweifeln. Mark Davids, er ist Co-Fondsmanager des „JPMorgan Funds – Asia Growth Fund“ (ISIN: LU0169518387) von J.P. Morgan AM, verweist auf die von der Regierung verkündeten Wachstumsprognosen von 5,5 % für das heurige Jahr. Davids glaubt nicht, dass sie erreicht werden.

Die strenge Corona-Politik hinterlässt tiefe Spuren im Wirtschaftstreiben, ebenso wie die restriktiveren Vorgaben für Kredite im Immobiliensektor. Aus diesem Grund befinde sich das einstige Zugpferd des Landes derzeit in einer Negativspirale.

US-Exportkontrollen belasten
Davids verweist auch auf geopolitische Spannungen, die kurzfristig ein trüberes Umfeld für Investoren geschaffen haben. Er zählt dazu die wachsenden Spannungen mit Taiwan, Handelssanktionen und Exportkontrollen in bestimmten strategischen Branchen. So verabschiedeten die USA Anfang Oktober neue Ausfuhrbeschränkungen für Mikrochips. Die Beschränkungen legen fest, dass Unternehmen US-Exportlizenzen für den China-Export von gewissen Fertigungsanlagen für besonders moderne Mikrochips beantragen müssen.

Bei J.P. Morgan AM rechnet man angesichts all solcher Entwicklungen nur mit einem BIP-Wachstum von rund 3 % für das laufende Jahr in China. Doch wie sieht es in andern Asien-Pazifik-Regionen aus? Den zyklischen Abschwung in der globalen Halbleiterindustrie bekommen etwa Südkorea und Taiwan negativ zu spüren. Demgegenüber profitierte Indonesien von der Preishausse bei Rohstoffen. Das Land verfügt über große Nickelreserven und exportiert jede Menge Palmöl. Indien erlebt einen Aufschwung, der unter anderem von der wachsenden Mittelschicht beflügelt wird.

Günstiger Asien-Index
Unter dem Strich gingen die weltweiten Marktturbulenzen an der Region jedoch nicht spurlos vorbei. Auch der MSCI AC Asia Pacific (ohne Japan) verlor kräftig an Wert. Zumindest aber biete dieser Umstand interessante Kaufgelegenheiten, findet Davids und verweist als Beispiel auf den Kurs-Buchwert des Indexes. Dieser sei zuletzt auf günstige 1,4 gesunken.

Wie aber geht der Experte vor? Chinesische Aktien sind mit rund 31 % ein gutes Stück untergewichtet. Dazu zählen etwa der Internetkonzern Tencent (KYG875721634) sowie der Versicherer AIA (HK0000069689). Mit rund 11 % ist Indonesien hingegen besonders hoch im Vergleich zum Index gewichtet. Dazu zählt die Bank Central Asia (ID1000109507). Sie sei gut aufgestellt und profitiert nun auch von der Zinswende, so Davids. Über-haupt sind Finanztitel am höchsten im Fonds gewichtet.

China-Tech im Fokus
Und wie sieht es in anderen Portfolios aus? Auch im „Invesco Asian Equity Fund“ (LU1775951525) hält man derzeit viel von Indonesien. Aus China zählen gleich drei IT-Werte zu den größten Fonds-Positionen, so nebst Tencent auch Alibaba (US01609W1027) und JD.com (US47215P1066).

Foto: AdobeStock / elnavegante

 

 

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Erste Anzeichen für niedrigere Inflationsraten

Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management

(25.10.) Es ist Konsens unter Analysten, dass die europäische Inflation der Verbraucherpreise in Kürze zurückgehen wird, von einem Durchschnittswert von 8¼% in diesem Jahr auf 6 bis 7% im nächsten – und dann, nicht viel später, in die Nähe des EZB-Zielwerts von 2%. Ähnliches wird für die USA erwartet, nur etwas früher. Ich vermute, wenn ich mir die Frühindikatoren und die prekäre wirtschaftliche Lage ansehe, dass es schneller gehen könnte als allgemein erwartet.

Aus zwei Gründen hat inzwischen in den Ländern der OECD-Region eine Rezession begonnen: Weil die Kaufkraft der Haushalte durch die hohe Inflation stark gesunken ist – die Verbraucherpreise sind deutlich rascher gestiegen als die Masseneinkommen, wodurch die Nachfrage insgesamt schwächelt –, und weil EZB und Fed die Leitzinsen kräftig angehoben haben und zudem signalisieren, dass sie diese pro-zyklische Politik energisch so lange weiterverfolgen wollen, bis die Inflationsrisiken beseitigt sind. Sie prügeln im Grunde auf ein Pferd ein, das kaum noch laufen kann. Sie setzen darauf, dass nichts die Inflation so zuverlässig runterbringt wie eine Rezession.

Ein wichtiger Indikator weist allerdings in die entgegengesetzte Richtung, wie ich zugeben muss: die industriellen Erzeugerpreise. Sie waren im September in Deutschland knapp 46% höher als vor einem Jahr. Der Handel, der die Waren der Industrie kauft, wird für absehbare Zeit bemüht sein, diese hohen Einstandspreise an seine Kunden weiterzugeben. Fragt sich, ob er das angesichts der gesunkenen Realeinkommen kann. Jedenfalls tut er sich schwer damit. Die Konkurse im Einzelhandel häufen sich offenbar, wobei die aggressive Expansionspolitik der Online-Händler ein Übriges tut. Aber 46% sind natürlich ein Wort. Der Druck in der Inflationspipeline wird so schnell nicht nachlassen.

Warum glaube ich dennoch, dass die Inflation auf der Stufe des Endverbrauchs deutlich zurückgehen wird? Der Hauptgrund sind die Preise für Energie und Rohstoffe, also für Hauptkomponenten der Erzeuger- und Verbraucherpreise. Seit ihren Rekordwerten vom letzten Sommer sind Erdöl, Gas und Strom zwischen 16 und 62 Prozent billiger geworden. Zwar sind sie im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie und dem Ukrainekrieg immer noch sehr hoch, aber sie befinden sich im freien Fall und werden so schnell wohl keinen Boden finden. Auch die Preise für wichtige Industriemetalle wie Kupfer und Eisenerz sinken stetig, wenn auch moderater, mit Raten um die 25% seit ihrem letzten Höchststand im April: Sie waren zuvor nicht so extrem gestiegen wie die für Energie.

Ein anderer Grund für meinen Optimismus sind die Löhne. Bisher hat sich noch keine Lohn-Preisspirale entwickelt, die das Zeug hätte für eine neue allgemeine – und daher gefährliche – Inflationsmentalität. Trotz der nach wie vor robusten Arbeitsmärkte diesseits und jenseits des Atlantiks steigen die Stundenlöhne viel langsamer als das Preisniveau, vor allem hierzulande. Die Bundesbank berichtet etwa, dass die deutschen Bruttolöhne und -gehälter im ersten Halbjahr nur mit einer annualisierten Rate von 4,5% zugenommen hatten und im Produzierenden Gewerbe sogar um 5,7 % gesunken waren. Die amerikanischen Stundenlöhne lagen zuletzt um 5,0 % über ihrem Vorjahresniveau. Von daher sieht es von der Kostenseite her danach aus, dass die deutsche (und europäische) Verbraucherpreisinflation rascher zurückgehen wird als die amerikanische. Diese startet dank des sehr festen Dollars allerdings von einem niedrigeren Niveau.

Dass sich bisher noch keine Inflationsmentalität eingenistet hat, lässt sich übrigens auch an den marktbasierten Inflationserwartungen ablesen: Sowohl in den USA als auch im Euroraum liegen sie für den Zeitraum 5 bis 10 Jahre von heute bei etwa 2,3%, also nahe bei den Zielwerten der Notenbanken. Sie haben nur wenig auf den steilen Anstieg der Inflationsraten in diesem Jahr reagiert. Die Arbeitnehmer gehen wohl ebenfalls davon aus, dass es sich um kein dauerhaftes Phänomen handelt. Großzügige Einmalzahlungen und ein geringer Anstieg der tariflichen Stundenlöhne sind zumindest in Deutschland das Thema der Saison.

Auch der Wechselkurs des Euro dürfte demnächst die Inflation dämpfen. Trotz vergleichsweise guter europäischer Fundamentalfaktoren – staatliche Budgetdefizite, die aggregiert nur wenig höher sind als das amerikanische Defizit, sowie ein Überschuss in der Leistungsbilanz verglichen mit einem nach wie vor großen Defizit in den USA – ist der Euro seit Jahresanfang gegenüber dem Dollar so stark gefallen (knapp 16% seit Jahresanfang), dass eine Trendwende inzwischen überfällig ist. Dafür sprechen auch die Unterschiede in der Geldpolitik: Während die Fed ihre Funds Rate bis Ende 2023 vermutlich noch um 150 Basispunkte anheben wird, werden es bei der EZB mindestens 200 Punkte sein – der Zinsabstand zu den USA vermindert sich, die Abwertung des Euro endet. Der festere Euro wird einen positiven Einfluss auf Europas Außenhandelspreise haben und dadurch insgesamt die Inflation dämpfen.

Durch den Anstieg der Leitzinsen sind in beiden Wirtschaftsräumen die Renditekurven deutlich nach oben verschoben worden, von kurzen bis zu langen Laufzeiten. Die wichtigsten Leidtragenden sind Bonds, Aktien und Immobilien, also die zinsreagiblen Vermögenswerte. Überall gab es in diesem Jahr erhebliche Kursverluste (bei Immobilien dauert es etwas länger), so dass sich Anleger und Hausbesitzer zunehmend weniger wohlhabend fühlen. Die Entwertung der Vermögen wird sich wohl so lange fortsetzen, bis die Notenbanken signalisieren, dass sie die Leitzinsen nicht weiter erhöhen werden. Auch das dämpft die Nachfrage der Haushalte und damit die Inflation.

Bekanntlich wird nicht geklingelt, wenn es zur Trendwende kommt. Aber am aktuellen Rand mehren sich die Anzeichen, dass der Anstieg der Inflationsraten demnächst ein Ende haben wird.

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US-Small-Caps sind aktuell interessant

Für Experten haben Firmen aus den Staaten gegenüber europäischen die Nase vorn.

Patrick Baldia. Am 8. November ist es so weit: In den USA stehen die mit Spannung erwarteten Midterms bzw. Kongress-Zwischenwahlen an. Konkret werden an diesem Tag alle 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses sowie 35 Senatoren neu gewählt. Wieso ist das für den Börsen-Kurier erwähnenswert? „In der Vergangenheit waren die Midterms statistisch gesehen ein Wendepunkt für die Finanzmärkte und insbesondere für die Aktienmärkte“, so François Rimeu, Senior Strategist bei La Française Asset Management.

Tatsächlich: Historisch hat der S&P 500 in den zwölf Monaten nach den Midterms eine überdurchschnittliche Rendite von 16,3 % erzielt. „Das gilt insbesondere für die Ein- und Dreimonatszeiträume nach den Zwischenwahlen“, konkretisiert Rimeu.

Was das Wahlergebnis betrifft, so scheint jedenfalls am wahrscheinlichsten, dass die Demokraten den Senat behalten und die Republikaner das Repräsentantenhaus gewinnen. In der Vergangenheit hat diese Konstellation zu Verfahrensfragen, teilweisen Regierungsstillständen und Diskussionen über die Schuldengrenze geführt.

Egal wie man zu solchen und ähnlichen – vermeintlichen – Gesetzmäßigkeiten stehen mag. Schaut man sich die generellen Rahmenbedingungen an, so spricht einiges für die USA. Diese befinde sich in Bezug auf das Wachstum wahrscheinlich in einer gesünderen Position als Europa, so Chris Iggo, CIO Core Investments bei AXA Investment Managers. Er verweist darauf, dass die EZB der Fed nachhinke und bestrebt sei, die Inflationserwartungen nach unten zu drücken, selbst wenn das Abwärtsrisiken für die Wirtschaft mit sich bringe.

„Auch die Energiesituation ist in den USA anders als Europa“, so Iggo weiter. Während die USA Selbstversorger wären, habe Europa damit zu kämpfen, sich an das Ausbleiben russischen Gases anzupassen. Und Pläne, die russischen Öleinfuhren ab Anfang 2023 auf null zu reduzieren, könnte die Energieknappheit noch verschärfen. Für den AXA-Experten ist das ein schlechtes Omen für das Wachstum in Europa: „Das heißt, dass der Unternehmenssektor im Vergleich zu den USA, wo die Bilanzen und der Verschuldungsgrad nach wie vor komfortabel sind, schwächer ist.“

Allen Argumenten für die US-Wirtschaft bzw. den -Unternehmenssektor zum Trotz, nicht von der Hand zu weisen ist, dass US-Aktien nicht gerade günstig sind. Bei T. Rowe Price ist man jedenfalls der Ansicht, dass gerade die Bewertungen für kleinere US-Unternehmen bzw. Small-Caps sprechen. „Sie waren sicherlich selten ein derart überzeugendes Investitionsargument wie heute“, so Portfolio-Manager Curt Organt. Die seit dem vierten Quartal anhaltende pauschale Verkaufswelle habe die relativen Small-Cap-Bewertungen auf ein Allzeittief gedrückt.

Small Caps bei Börsen-Comeback stärker
Für ein Aktien-Engagement in kleineren US-Unternehmen spreche darüber hinaus, dass diese in Zeiten mit hoher Inflation und steigenden Zinsen üblicherweise besser abschneiden als Large-Caps. „Auch in Börsen-Erholungsphasen nach einer Rezession wären Small-Caps historisch typischerweise an der Spitze gestanden und erzielten danach mehrere Jahre lang eine Outperformance gegenüber ihren größeren Pendants“, so der Fondsmanager des „US Smaller Companies Equity Strategy“ (ISIN: LU0133096981), in dem derzeit Molina Healthcare die größte Position auf Unternehmensebene ist. Auf Sektorenebene sind in seinem Fonds wiederum Industriewerte und Unternehmensdienstleistungen am stärksten gewichtet.

Wann kann man mit dem Comeback der US-Börsen rechnen?
Bei AXA Investment Managers geht man jedenfalls davon aus, dass sich der US-Aktienmarkt stark erholen wird, sobald es zu besseren Zahlen beim Kern-Verbraucherpreisindex komme.

Foto: Pixabay / Ronile

 

 

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Biotech-Sektor: Riskant, aber auch chancenreich

Das Ende des günstigen Geldes traf die Branche hart.

Roman Steinbauer. Als der Nasdaq Biotechnology Index (ISIN: XC0006170267) am 10. August 2021 mit 5.500 Punkten einen neuen Rekordstand markierte, hätte wohl niemand auf eine Dezimierung um ein Drittel gewettet. 14 Monate später, mit aktuell 3.840 Punkten, steht der Biotech- und Pharma-Aktienkorb mit einem derartigen Abschlag schwerer getroffen da als der Technologie-Index Nasdaq 100 (-27 %). Während der Kurseinbruch bei Schwergewichten wie Incyte (US45337C1027) mit -10 % angesichts der herben Marktsituation in dieser Zeitspanne noch bescheiden ausfiel, wurden Aktien wie Eterna Therapeutics (US1140822099) regelrecht pulverisiert. Klar positiv gegen den Trend stemmten sich Titel von Gilead Sciences (+10 %, US3755581036), jene der Vertex Pharmaceuticals (+45 %, US92532F1003) sowie von Angen (US0311621009), die heute um 10 % höher stehen als im Sommer des Vorjahres.

Schmerzlich bergab ging es hingegen bei Valoren des auf Epilepsie und neurologische Störungen spezialisierten Arzneimittelherstellers Ovid Therapeutics (notiert auch in Frankfurt; US6904691010), die um 60 % einbrachen. Während für die Aktie im Juni 2020 noch mehr 7 € aufgebracht werden mussten, sind derzeit noch 1,62 € zu berappen. Noch drastischer erwischte es den European Biotech Index (DE000A2BL3K0), der ebenso im August 2021 mit 191 Punkten einen Höchststand verzeichnete. Der Branchenbarometer liegt mit 113 Punkten nun um bittere 40 % tiefer.

Hohe Forschungskosten fressen Liquidität
Selbst die Strategie, Papiere schuldenfreier und mit Liquidität ausgestatteter Gesellschaften zu erwerben, ging keineswegs auf. Gelingt es nicht, ein vielversprechendes Produkt zur Marktreife zu bringen, wird der Cash-Bestand Quartal für Quartal durch die Forschungstätigkeit „verbrannt“. In diese Kategorie fallen das auf die Krebstherapie fokussierte Biopharmazeutika-Unternehmen NextCure (US65343E1082) oder Savara (Atemwegstherapie, US8051111016). Binnen zwölf Monaten knickten Next-Cure-Aktien um 65 % ein, Savara-Titel kommen seit einem massiven Einbruch 2019 aus einem Seit-wärtskanal trotz Ausbruchsversuchen nicht heraus.

Die Analysten des Analyse-Hauses Morningstar stufen Titel des Biotech-Segments in die riskanteste, aber auch chancenreichste Aktienkategorie ein. Dies ergebe sich durch die im Erfolgs- und Idealfall eintretende Perspektive, in einem milliardenschweren Markt Fuß zu fassen. Aber auch die Scheiterquote sei überproportional. Die oft hohe Volatilität der Aktien werde ständig von anstehenden Daten zu Studien im späteren Stadium zu Zulassungsverfahren der FDA (Food and drug administration) oder weiteren globalen Regulatoren begleitet. Trotz aktuell schwieriger Rahmenbedingungen habe der Biotech-Sektor aber durch immer weitere Innovationen bewiesen, für Investoren eine spekulativ interessante Alternative zu sein.

Mit Fonds in Erwartung der nächsten Welle
Die UBS Bank offeriert mit dem in Luxemburg domizilierten „UBS E.F. Biotech“ (LU0400035332) einen auf US-Dollar lautenden thesaurierenden Aktienfonds. Bei dem von Morningstar mit vier von fünf Sternen ausgestatteten Produkt sind 1,08 % an jährlichen Gebühren zu kalkulieren. Der Einstieg ist mit einem Ausgabeaufschlag von 5 % nicht kostengünstig, außerdem ist im volatilen Biotech-Sektor die nötige Expertise um Chancen zeitgerecht wahrzunehmen für das Management anspruchsvoll. Ebenso einen akkumulierenden Fond stellt der heimische „Erste Stock Biotec – R01 EUR ACC“ (AT0000746755) dar. Die jährlichen Gebühren sind hier mit 2 % höher, der Ausgabeaufschlag mit 4 % etwas geringer.

Foto: Pixabay / ckstockphoto

 

 

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Jüngste Aktienrally macht Platz für die nächste Runde des Abschwungs

nachfolgend finden Sie einen aktuellen Marktkommentar von Scott Glasser, Chief Investment Officer bei Clearbridge Investments, Teil von Franklin Templeton.

(18.10.) Der Bärenmarkt scheint die Entwicklung zu nehmen, die uns im Mai Sorgen machte. Nach dem starken anfänglichen Abverkauf im S&P500-Index (-23 % vom 29. Mai bis zum 16. Juni), als die US-Notenbank (Fed) ihren Straffungszyklus einleitete, legten Aktien über den Sommer kräftig zu (+18 % vom 16. Juni bis zum 16. August), da man auf eine sanfte Landung und eine Wende hin zu niedrigeren Zinssätzen im Jahr 2023 hoffte. Doch Mitte August kippte die Stimmung und Aktien machten eine weitere Talfahrt, als die Fed bestätigte, dass die Zinsen vor dem Hintergrund anhaltenden Inflationsdrucks hoch bleiben würden, auch wenn dies „Haushalten und Unternehmen einige Schmerzen bereiten würde“, wie der Fed-Vorsitzende Jerome Powell es in Jackson Hole formulierte. Dieses Muster entspricht den letzten beiden ausgeprägten Bärenmärkten (2008/2009 und 2001/2002), da bei jedem dem endgültigen Tiefpunkt jeweils mindestens eine länger anhaltende deutliche Rallye voranging. Wir halten eine Rückkehr auf die Niveaus von Mitte Juni oder sogar noch darunter für wahrscheinlich, bevor sich die Kurse auf einer längerfristigen Talsohle einpendeln.

Während die Liquiditätsverknappung (gemessen an steigenden Zinsen, höheren Rohstoffpreisen, einem stärkeren Dollar und weiteren Credit Spreads) beim ersten Abverkauf die Bewertungskennzahlen schrumpfen ließ, wird die nächste Phase des Abschwungs wahrscheinlich von sinkenden Unternehmensgewinnen angetrieben. Aus makroökonomischer Sicht ist der Einkaufsmanagerindex (PMI) nach wie vor die beste Möglichkeit, die Entwicklung der Unternehmensgewinne vorherzusagen. Doch bedauerlicherweise sind die PMIs weiter rückläufig und die Gewinne des S&P werden diesem Trend wahrscheinlich folgen und in den kommenden sechs Monaten im negativen Bereich liegen. Ironischerweise sind höhere Preise für Waren und Dienstleistungen der eigentliche Grund dafür, dass die Gewinne sich bisher gut behaupten konnten. Denn sie fungierten als Puffer für Margen und Gewinne, da die Unternehmen die Preise anhoben, um den Kostendruck abzufedern.

Wir bevorzugen weiterhin defensivere Sektoren wie die Pharmaindustrie und die Versicherungsbranche. Unter Bottom-up-Gesichtspunkten liegt unser Fokus auf Aktien, bei denen beherrschende Marktstellungen oder „Selbsthilfeinitiativen“ (wie Pläne für den Abbau von Gemeinkosten) das Gewinnwachstum trotz schwierigerer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen unterstützen können. Hinzu kommt, dass Unternehmen mit bedeutenden Programmen für die Kapitalrendite, sei es über Dividenden oder umfangreiche Aktienrückkäufe, sich wahrscheinlich besser behaupten werden.

Wenngleich der Technologiesektor und andere längerfristigen Wachstumswerte bei diesem Abverkauf als erste und am härtesten getroffen wurden, haben viele dieser Unternehmen einen großen Teil der durch dieses Absinken der Bewertungsniveaus verursachten Schmerzen bereits verarbeitet. Die Kombination von Preisflexibilität, vorteilhaften Margenstrukturen und stärkeren langfristigen Wachstumstreibern dürfte dafür sorgen, dass sich das Gewinnwachstum besser hält als bei eher zyklischen Vertretern der Vergleichsgruppe.

Finanzwerte könnten das Ausmaß der Konjunkturschwäche vorhersagen
Wir beobachten den Bankensektor als hilfreiches Barometer, um die Tiefe des Konjunkturrückgangs und eine potenzielle Rezession in den USA einzuschätzen. Wenngleich das aktuelle Umfeld angesichts höherer Zinssätze, einer beständigen Darlehensnachfrage und gesunden Krediten für Banken günstig ist, wird die künftige Wertentwicklung von Anlagen davon abhängen, wie die Anleger die Breite und Tiefe eines bevorstehenden Kreditzyklus und das Ausmaß der Verluste für die Branche einschätzen.

Ein Sektor, der auch weiterhin wahrscheinlich unter Druck stehen wird, sind zyklische Konsumgüter. Einige große Einzelhändler und Unternehmen, die den E-Commerce unterstützen, haben bedeutende Gewinnwarnungen herausgegeben, die ihre Aktien auf Talfahrt schickten. Viele wurden von einem doppelten Schlag getroffen, nämlich von der Verlagerung des Konsums auf Güter des täglichen Bedarfs (wie Lebensmittel und Kraftstoff), was wiederum zu aufgeblähten Lagerbeständen von Artikeln mit höheren Margen führte wie etwa Elektronikprodukte. Währenddessen erweist sich der Kostendruck als unnachgiebig, und wir sind offenbar an einem Punkt angelangt, ab dem Preiserhöhungen die Nachfrage abwürgen.

Statistiken zur Marktbreite und Spreads von Unternehmensanleihen sind wichtige Indikatoren, die wir weiter beobachten. Die jüngste Rally wurde von defensiven Sektoren dominiert. Ja, Aktien aus den Sektoren Technologie und zyklische Konsumgüter verzeichneten bei der Rally von Juni bis August eine Outperformance, aber das taten auch Versorger und Immobilien. Um einen nachhaltigen Boden zu bilden, müssen Aktienkurse auf ein Niveau sinken, auf dem Anleger bereit sind, in ihren Portfolios mehr Risiko und längerfristige Engagements einzugehen, und muss sich die Marktbereite auch auf Unternehmen mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung ausweiten. Die Spreads von Anleihen sind weit und tendieren in Richtung Rezession, sind aber aus unserer Sicht noch nicht dort angekommen.

Man sollte auf keinen Fall vergessen, dass der Markt von Einpreisung geprägt ist und seinen Boden bildet, noch bevor Gewinne und die Wirtschaft ihre Talsohle erreichen. Aktien reagieren weiterhin aggressiv auf verfehlte Gewinne oder schwächere Ausblicke, was darauf hindeutet, dass sich der Markt schwertut, ein angemessenes Maß an künftigen Gewinnen einzupreisen. Angesichts dieser Volatilität halten wir es nicht für sinnvoll zu versuchen, kurzfristige Gewinnentwicklungen zu projizieren. Vielmehr sollte man einen Zeithorizont von zwei bis drei Jahren in den Blick nehmen und Anlageentscheidungen treffen, die auf längerfristigen, nachhaltigen Wachstumsraten von Unternehmen beruhen.

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Unterschiedliche Inflationsentwicklungen

Warum die US-Inflation rückläufig ist und jene in Europa weiter steigt.

Michael Kordovsky. Die Inflationsrate im Euroraum hat sich von August auf September von 9,1 auf ein neues Rekordhoch von 10 % beschleunigt, während sie im September in den USA von 8,3 auf 8,2 % – also den dritten Monat in Folge – zurückging. Worauf sind diese Unterschiede zurückzuführen?

Europa ist Epizentrum der Energiekrise
Erdgas kommt über strategisch wichtige Pipelines nach Europa. Mehrere davon gehen auch durch die Ukraine. In der EU werden rund 40 % des benötigten Erdgases aus Russland importiert, das Erdgas derzeit zunehmend als außenpolitisches Druckmittel benützt. Bereits vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs stoppte Russland offiziell noch ohne politische Gründe, Medienberichten zufolge mitten in der kalten Jahreszeit seine Gaslieferungen durch die Jamal-Europa-Pipeline, was die Knappheit am europäischen Gasmarkt schon davor verschärfte. Nordamerika hingegen verfügt über ein ausgedehntes Pipeline-Netz und in den USA übersteigt das Angebot aufgrund der Produktion von Schiefer-Öl und -Gas den einheimischen Verbrauch um rund 10 %.

Von den hohen Erdöl-Preisen sind die USA hingegen ähnlich betroffen wie Europa. Allerdings korrelieren die Preise für Raffinerieprodukte stärker mit den Börsenpreisen. Die Benzinpreise an der Zapfsäule entwickelten sich in den USA seit den Benzin-Preis-Peaks an der Börse wieder rückläufig. 2021 haben die USA 18,7 Mio Barrel Heizöl pro Tag verbraucht, aber 16,6 Mio Barrel pro Tag produziert. Die EU ist hingegen stark auf Erdölimporte angewiesen.

Sowohl die Strom- als auch die Erdgaspreise sind in den USA nicht so stark gestiegen wie in diversen europäischen Ländern. Laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde sind die Energiepreise in Europa der Kerntreiber der Inflation. Strom, Erdgas und Treibstoff sind im Euroraum 60 % der Inflationstreiber. In den USA ist es nur die Hälfte davon. Die im HVPI des Euroraums mit 10,93 % gewichtete Energiepreiskomponente stieg im September auf Jahresbasis um

40,8 %. In den USA hingegen stieg die Energiepreiskomponente des urbanen Verbraucherpreisindex im September nur um 19,8 % im Vergleich zum Vorjahresmonat.

USA mit mehr nachfragebedingter Inflation
Die Inflation in den USA ist anderer Natur als jene im Euroraum, wo derzeit ein Angebotsschock vorherrscht. Lieferketten sind durch den Ukraine-Krieg (zuvor waren Covid-19-Lockdowns ein Auslöser) unterbrochen und seit 2021 herrscht akuter Energiemangel. Gleichzeitig mangelt es vor allem im Logistikbereich, teils auch in den Supermärkten akut an Personal. Die Nahversorgungsinfrastruktur ist angespannt.

In den USA hingegen herrscht ein normaler Konjunkturzyklus, der sich nun wieder im Abschwung befindet. Nachfrageimpulse führten in vielen Bereichen zu Preisanstiegen. Filtert man die volatilen Preiskomponenten Energie und Nahrungsmittel aus dem CPI-U (VPI für alle städtischen Verbraucher), dann stieg die Kerninflation um 6,6 %. Das ist der stärkste Jahresanstieg seit August 1982. Die wichtige Wohnpreiskomponente (bezieht sich auf Mieten und Anschaffung von Wohneigentum) stieg ebenfalls um 6,6 %. Möbel und Einrichtungsgegenstände verteuerten sich um 9,3 %, neue Autos um 9,4 % und Gebrauchtwägen um 7,2 %.

Lohninflation?
Von August auf September war zudem in den USA die Arbeitslosenquote von 3,7 auf 3,5 % rückläufig. Die durchschnittlichen saisonbereinigten Stundenlöhne stiegen im September in der US-Privatwirtschaft ex Agrarsektor um 5 % auf 32,46 USD und mit den höheren Inflationsraten werden die Lohnforderungen steigen.

Im Euroraum hingegen liegt die saisonbereinigte Arbeitslosenquote bei 6,6 % im August (August 21: 7,5 %). Die höchste Arbeitslosenquote weist Spanien mit 12,4 % auf. Am niedrigsten ist sie mit 2,4 % in Tschechien. Im Euroraum stiegen die Arbeitskosten pro Stunde im zweiten Quartal 2022 auf Jahresbasis um 4 %. Das hat es in den vergangenen zehn Jahren sonst nie gegeben. Löhne und Gehälter stiegen dabei um 4,1 % und die Lohnnebenkosten pro Stunde um 3,8 %.

Ebenfalls exorbitant gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 2,2 auf 3,0 % im Euroraum gestiegen ist die Quote der offenen Stellen im zweiten Quartal 2022. Am höchsten ist sie in den Niederlanden (5,1 %) und Belgien (5,0 %). In Deutschland und Österreich beträgt sie 4,5 bzw. 4,8 %.

Es herrscht nicht nur akuter Facharbeitermangel in Europa. Ein weiterer kritischer Faktor am Arbeitsmarkt ist auch ein verstärkter Trend Richtung „soziale Hängematte“. Mehr Arbeitsangebot kann primär durch höhere Bezahlung mobilisiert werden – also auch in Europa könnte sich bald eine Lohn-Preis-Spirale zu drehen beginnen.

Ein weiterer Inflationsfaktor ist der hohe Wechselkurs des US-Dollar, über den wir im Euroraum mehr Inflation importieren. Binnen eines Jahres wertete nämlich der US-Dollar zum Euro um rund 18 % auf (Stand 14.10.). Umgekehrt verbilligt der starke Dollar die Importe der USA, die in abgewerteten Fremdwährungen fakturiert werden.

Darüber hinaus hat die Fed bereits ab Mitte März mit Leitzinsanhebungen zur Bekämpfung der Inflation begonnen, während die EZB ihren ersten Leitzinsschritt erst am 21. Juli setzte.

In den USA bremsen zudem höhere Zinsen langsam die Nachfrageseite. In Europa hingegen sollte eine Wiederherstellung der Lie¬ferketten und eine ausreichende Energieversorgung Priorität haben, denn die inflationären Schübe liegen in einem Angebotsschock.

Fazit
Während in den USA eventuell bei der Inflation ein zwischenzeitliches Plateau erreicht sein könnte, drohen im Euroraum vorerst weitere Anstiege.

Foto: Pixabay / WolfBlur

 

 

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Neuer Kurssturz im Gold

Das Edelmetall erweist sich als extrem anfällig.

Andreas Fastl, Commodity Trader. Noch zu Wochenbeginn hatte Gold knapp über 1.700 USD gehandelt, da genügten ein paar kleine Informationen über Fed und Wirtschaft um es unter 1.680/60 bis auf 1.645 zu drücken. Am Mittwoch kamen die Fed-Protokolle und zeigten erneut die Entschlossenheit.

Am Donnerstag kam der Konsumentenpreisindex: Mit 8,2 % niedriger im Jahres-, aber mit 0,4 % höher im Monatsvergleich, und beide knapp über den Erwartungen von 8,1 bzw. 0,2 %.

Am Freitag kam ein guter Einzelhandelsindex. Was man aber schon mit der Lupe suchen musste: In Summe fiel er, aber der Kernindex stieg um 0,1 % (gegenüber -0,1 % wie erwartet).

Die Logik hätte lauten können: Höhere Inflation weitet den negativen Realzins, aber der Markt entschied sich für: Höhere Leitzinsen auf längere Zeit verengen ihn und drücken den Goldpreis.

Warum reagiert das Krisenmetall so seltsam auf Kleinigkeiten? Ein deutscher Fondsmanager gab eine Erklärung fernab des US-Einzelhandels. Tatsächliches Ziel der US-Politik wäre der Konkurrent China: Ähnlich der Konfrontation mit Japan würden die USA versuchen, mit dem Zinsinstrument das auf Kredit gebaute fernöstliche Wirtschaftswunder zu torpedieren. Aktien (weil volatil) müssen eine Überrendite von mindestens 3 % über (sicheren) Anleihen versprechen. Das Zinsziel der Fed ist (angeblich) 4,5 %. Sollte China keine 7 bis 8 % bieten, würde viel Kapital abfließen. Die Fed würde so lange Hochzins fahren, bis es in China zu einem ernsthaften Knacks komme.

Ein weiterer Vorteil für die Vereinigten Staaten: Finanziert wird sein Schachzug unter anderem von den Menschen in Europa. Dort sperren Politiker gerade die aufgebaute Energieversorgung, kaufen teures US-Gas und verursachen Abwanderung traditioneller Industriezweige.

Die USA haben sich auf dem Rücken ihrer europäischen Freunde in eine hervorragende Position gebracht und können den Zinskampf (der das Gold drückt) noch recht lange durchziehen, so der Fondsmanager.

Gold ist im globalen Krieg aktuell nur ein kleiner Spielball – kann aber später noch sehr wichtig werden.

Foto: Adobe Stock / ktsdesign

 

 

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Nachhaltige Zinsen im Fokus

Grüne Anliegen werden immer öfter über den Kapitalmarkt finanziert.

Raja Korinek. Die hohe Inflation hat in fast allen Regionen rund um den Globus die Zinswende eingeläutet. Das hinterlässt auch Spuren auf den Anleihemärkten. Deren Kurse sind angesichts dieser Entwicklungen kräftig gesunken. Der Grund dafür: Bestehende Bonds sind nach der Zinswende weniger wert als jene Papiere, die danach neu begeben werden.

Die Entwicklung hat freilich auch Green und Social Bonds erfasst, deren Erlöse für nachhaltige Zwecke eingesetzt werden. Konkret werden etwa Green Bonds zur Finanzierung von Umweltprojekten begeben. Deren Emissionen erreichten im ersten Halbjahr 2022 laut „Climate Bonds Initiative“ gut 218 MrdUSD, wobei dies ein Rückgang von 21 % im Vergleich zum Vorjahreswert war. Doch das könnte sich bald wieder ändern.

Energiekrise beschleunigt die Wende
Die Energiekrise, die vor allem Europa hart trifft, könnte nämlich die Energiewende noch weiter beschleunigen – und damit auch die Emissionstätigkeit von Green Bonds befeuern, um notwendige Finanzierungen aufzubringen, meint Edith Siermann, Head of Fixed Income and Responsible Investing bei NNIP, gegenüber dem Börsen-Kurier. Siermann mahnt dennoch, den Verwendungszweck der Green-Bond-Erlöse genau zu hinterfragen. Denn wichtig sei, ob ein Unternehmen grundsätzlich um die grüne Wende bemüht ist. Bei NNIP werden 30 % der globalen Green-Bond-Projekte abgelehnt, da sie nicht die strengen Kriterien der Methodik des Vermögensverwalters erfüllen, betont die Expertin weiters.

Siermann verweist zudem auf jüngste Marktentwicklungen: Immer mehr Unternehmen emittieren inzwischen solche Papiere aus den unterschiedlichsten Sektoren. Auch regional betätigen sich Unternehmen und Staaten zunehmend als Emittenten. „Damit lässt sich mit Green-Bond-Investments eine breitere Diversifizierung erzielen“, konstatiert Siermann.

Tatsächlich führte im ersten Halbjahr 2022 China die globale Emissionstätigkeit mit rund 48 Mrd USD an, gefolgt von Deutschland. Im „NN (L) Green Bond Fund“ (ISIN: LU1536922468) wird dabei vorwiegend auf Schuldner mit guter Bonität gesetzt.

Obendrein wird grundsätzlich in Euro-denominierte Papiere investiert. Größte Fondspositionen entfallen derzeit auf den französischen und den belgischen Staat, sowie die EU.

Vielfältige Nachhaltigkeit
Überhaupt wird der globale Markt für nachhaltige Anleihen immer vielfältiger. Ein jüngerer Bereich, der ebenfalls Aufwind erfährt, ist jener für Social Bonds. Bei diesen Anleihen fließen die Mittel in Projekte mit positivem sozialem Einfluss. So werden etwa leistbare Wohnungen, ein günstiger Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und Ausbildungsprogramme finanziert, so Tammie Tang, Fondsmanagerin des „Threadneedle (Lux) – European Social Bond Fund“ (LU2170387828).

Mit rund 50 % entfällt geografisch der größte Anteil auf Europa, wobei das globale Marktvolumen rund 2 BioUSD umfasst. Einen kräftigen Schub bekam der Social-Bonds-Markt zuletzt von der Covid-19-Pandemie, fügt Tang noch hinzu.

Foto: AdobeStock / singkham

 

 

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Selektive Chancen nutzen

Ein Kommentar von Stefan Breintner, Leiter Research und Portfoliomanagement, DJE Kapital AG.

Inflation, steigende Zinsen, falkenhafte Zentralbanken und anhaltende Energiekrise in Europa schickten die Börsen im September auf Talfahrt. Im Oktober rechnen wir mit einer kurzfristigen Erholung an den Märkten.

Die großen Zentralbanken in den USA und in Europa sind aktuell dabei, die Inflation durch zum Teil drastische Zinserhöhungen zu bekämpfen. Folglich sind auch die Zinserwartungen der Investoren im September massiv gestiegen. Aus unserer Sicht ist jedoch eine gewisse Übertreibung erkennbar. Wir rechnen nicht damit, dass die Zinsen von nun an weiter stark ansteigen werden. Zum einen, weil der Ölpreis ab Oktober keine so große Rolle mehr für die US-Inflation spielen dürfte. Zum anderen, weil die Energiekomponente im kommenden Jahr die Inflation sogar drücken könnte. Gleiches gilt auch für die Logistikkosten (Frachtraten).

Aus dem Blickwinkel der Geopolitik halten wir es nicht für vollkommen ausgeschlossen, dass es doch noch zu Verhandlungen im Russland-Ukraine-Konflikt kommen könnte. Ein nachlassender geopolitischer Druck würde sich zwar positiv auf die Märkte auswirken, könnte aber Öl und den US-Dollar stärker belasten.

Im Oktober halten wir eine vorübergehende Erholung am Aktienmarkt für möglich, hauptsächlich aufgrund der sehr negativen Markttechnik. Längerfristig bleibt das Umfeld für eine konjunkturelle Erholung allerdings schwierig: Die Energiekrise in Europa ist noch längst nicht gelöst und die Investitionslust der Unternehmen gebremst. Auf der Aktienseite sind wir daher weiterhin vorsichtig und streben danach das Risiko durch gezielte Umschichtungen von defensiven hin zu Wachstumswerten etwas zu reduzieren. Auf der Anleihenseite sehen wir weiter Chancen, etwa bei Investment Grade Anleihen (AA oder A) mit bis zu 5% Verzinsung.

Aktien/Anleihen

• Auf der Aktienseite sind wir weiterhin vorsichtig
• Fokus auf Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht
• Deutsche Staatsanleihen weiterhin unattraktiv
• Ausgewählte Unternehmensanleihen chancenreich

Aufgrund der sehr negativen markttechnischen Faktoren halten wir eine vorübergehende Erholung am Aktienmarkt im Oktober für möglich. Längerfristig bleibt das Umfeld aus unserer Sicht allerdings schwierig: Die Energiekrise in Europa ist noch längst nicht gelöst, während wir eine stärkere konjunkturstimulierende Investitionsneigung der Unternehmen nicht für realistisch halten, da bei den Unternehmen vielmehr die Schuldentilgung im Fokus stehen sollte. Insgesamt sind wir bei Aktien weiterhin vorsichtig.

Wir streben danach, das Aktienrisiko durch gezielte Umschichtungen von defensiven Werten, wie etwa Energie- oder Agrartitel, hin zu Wachstumswerten, wie z.B. Technologietiteln, etwas zu reduzieren. Auf der Aktienseite halten wir einen Fokus auf qualitativ hochwertige Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht unverändert für sinnvoll, da diese auch in einem wachstumsschwachen Umfeld solide Gewinne erwirtschaften können und somit langfristig voraussichtlich die beste Anlagealternative bieten.

Für Bonds ist die Anlegerstimmung unverändert im Keller. Die Volatilität war zuletzt am Anleihenmarkt sogar höher als die am Aktienmarkt. Wir glauben – im Gegensatz zur mehrheitlichen Marktmeinung – nicht, dass die Zinsen nach dem starken Anstieg der Zinserwartungen von nun an noch weiter ansteigen werden. Bei den festverzinslichen Wertpapieren halten wir deutsche Staatsanleihen nach wie vor für unattraktiv. Dagegen bieten ausgewählte hochwertige Unternehmensanleihen aus unserer Sicht weiterhin Chancen. Attraktiv sind vor allem Emissionen, die aktuell bis zu 5% Rendite oder mehr bringen.

Volkswirtschaften/Regionen/Sektoren

• USA attraktiv
• Geldmengenentwicklung in Asien generell besser
• China bleibt vorerst schwierig
• Deutschland und Europa günstig bewertet, aber gefährdet

Wir halten den US-Markt weiter für attraktiver als Deutschland und Europa, weil er aus unserer Sicht das bessere Chance-Risiko-Verhältnis bietet. China bleibt weiterhin schwierig einzuschätzen. Allerdings hat sich die Zinsdifferenz zu den USA verschoben, und daher dürfte China mit einem gewissen Zeitverzug von den niedrigeren Zinsen profitieren.

Darüber hinaus dürfte China auf den Immobiliensektor weiter stimulierend einwirken. Sollte China im kommenden Jahr die Wirtschaft stärker öffnen und damit die Zero-Covid-Strategie beenden, könnten Wirtschaft und Börse im Reich der Mitte überraschen. Die Geldmengenentwicklung ist in Asien generell weiterhin besser. Neben China hat auch Japan eine unverändert positive Überschussliquidität.

Der deutsche Markt ist aus unserer Sicht zwar günstig bewertet, aber die weiter steigenden Energiepreise bergen große Konjunktur- und Standortrisiken. Dem deutschen und europäischen Aktienmarkt gegenüber sind wir daher weiterhin vorsichtig eingestellt.

Den Energiesektor halten wir zwar für attraktiv, allerdings mit Einschränkungen. Auf der einen Seite ist das Energieangebot nicht von jetzt auf gleich steigerbar, weshalb die Energiepreise längerfristig auf hohem Niveau verharren dürften. Auf der anderen Seite könnte aber mit einer stärkeren kurzfristigen Korrektur zu rechnen sein, wenn es zu einer Verhandlungslösung im Russland-Ukraine-Konflikt kommt. Im Technologiesektor liegt möglicherweise das Schlimmste bereits hinter uns, wenn die US-Zinsen nicht noch weiter steigen.

Währungen/Rohstoffe/Gold

• Euro weiter belastet
• Gold könnte sich erholen

Der Euro dürfte durch die Entwicklung in Europa und hier vor allem in Deutschland die Energiepreisproblematik weiter belastet bleiben. Sollten sich die Ukraine und Russland allerdings an den Verhandlungstisch setzen, würde der nachlassende geopolitische Druck den Euro stützen. Das Anlegersentiment und die markttechnischen Daten sprechen für eine gewisse Erholung bei Gold.

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Elektromobilität legt einen Gang zu

Die Verkaufszahlen legen zu, die Innovationen ebenso. Das birgt neue Anlagechancen.

Raja Korinek. Die hohen Strompreise sorgen für reichlich Schlagzeilen. Dennoch schreitet der Verkauf von Elektroautos voran, wie Zahlen belegen. Im Vorjahr wurden laut Statista weltweit rund 6,7 Mio Elektroautos neu zugelassen. Die meisten Neuzulassungen gab es mit rund 3,3 Mio Stromboliden in China.

Und hierzulande? Laut dem Bundesverband Elektromobilität Österreich stiegen die Neuzulassungen in jenem Zeitraum auf 20.537 Stück. Heuer wurden – bis Ende August – 19.550 Elektroautos zugelassen. Dies entspricht knapp 14 % aller Neuzulassungen. Aufholpotenzial gibt es somit reichlich.

Firmenflotten auf Strom
Dabei beschränkt sich der Kauf längst nicht auf Privathaushalte. Immer mehr Unternehmen rüsten ihre Flotten um. Hierzulande hat beispielsweise die Österreichische Post solch einen Schritt vor einigen Jahren gesetzt. Nun lässt der deutsche Autovermieter Sixt (ISIN: DE0007231326) mit entsprechenden Schlagzeilen aufhorchen. Der Konzern unterzeichnete mit dem chinesischen BYD, der unter anderem Elektroautos herstellt, eine Vereinbarung. In einem ersten Schritt bestellt Sixt mehrere tausend vollelektrische Fahrzeuge, wobei die ersten Fahrzeuge im 4. Quartal 2022 für Sixt-Kunden in Europa verfügbar sein werden.

Auch die Lkw-Sparte ist von den Innovationen längst umfasst. Ein Beispiel: Der Elektro-Sattelschlepper von Tesla (US88160R1014) mit dem Namen „Tesla Semi“ wird laut Konzernboss Elon Musk nach längerer Verzögerung nunmehr in die Produktion gehen. Und so sollen Anfang Dezember die ersten Fahrzeuge an den Getränke- und Lebensmittelriesen Pepsi ausgeliefert werden. Die Reichweite dieser Lkw soll dabei gut 800 Kilometer umfassen.

Lkw im Fokus
Überhaupt räumen die Experten beim Beraterhaus PwC der Elektrifizierung der Lkw-Sparte noch reichlich Potential ein. Laut der jüngsten Studie „The Dawn of Electrified Trucking“ von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, werden elektrisch angetriebene Lkw bald fester Bestandteil des Straßenbilds sein und innerhalb der kommenden 15 Jahre schritt-weise die Neuzulassungen im Nutzfahrzeugbereich dominieren. Doch das ist nicht alles. Die Studie verweist auf eine weitere Prognose: Sowohl Batterie – als auch Brennstoffzellen – angetriebene Zero Emission Vehicles (Null Emissionen Fahrzeuge) werden in Europa, Nordamerika und in China bereits im Jahr 2030 ein Drittel aller neu zugelassenen Lkw ausmachen. Bis 2035 wird der Anteil auf diesen Märkten bei den Neuzulassungen auf gut 70 % steigen.

Anleger, die auf einen weiteren Aufschwung in der Elektromobilität setzen wollen, können dies etwa mit Indexzertifikaten tun. So gibt es das „E-Mobilität Batterie Indexzertifikat“ von Alphabeta Access Products (DE000SLA8F91), das die gesamte Prozesskette einer Batterieherstellung mit insgesamt zehn Titeln bündelt. Dazu zählen zum einen Batterieproduzenten wie Varta (DE000A0TGJ 55) und Tesla, zum anderen etwa Lithiumkonzerne wie Albemarle (US0126531013) und SQM (US8336351056).

E-Mobilität beflügelt autonomes Fahren
Eine weitere Möglichkeit bietet das UBS-Indexzertifikat auf den „Solactive Elektromobilität und Autonomes Fahren Technologieträger“ (DE000UBS9EM9). Der Index umfasst derzeit 21 Titel, zu denen etwa STMicroelectronics (NL0000226223), Samsung SDI (KR7006400006) und Toshiba (JP3592200004) zählen.

Bei beiden Zertifikaten müssen Anleger aber Kurs- und Währungsschwankungen beachten.

Foto: tesla.com

 

 

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Langsam wieder investieren

Österreich-Fonds und -ETFs: Was sie können und wie sie abschneiden.

Michael Kordovsky. Der ATX und der ATX-Prime sind per 6. Oktober auf Jahresbasis beide um rund 24,5 % im Minus. Die vier im MSCI-Austria-Index gewichteten Titel weisen laut Analystenschätzungskonsens für 2023 niedrige erwartete KGVs auf: Erste Group 5,3, Verbund 11 sowie OMV und Voestalpine jeweils 3,5.

Breit gestreut über einschlägige Fonds oder ETFs den Wiener Aktienmarkt abzudecken und in mehreren Schritten Positionen aufzubauen, kann aktuell durchaus sinnvoll sein. Nach jüngsten Kursverlusten antizyklisch über einen Zeitraum von 18 Monaten bis drei Jahren laufend Positionen zu akkumulieren, hat sich auch schon in vergangenen Schwächephasen längerfristig gelohnt.

Doch welche Fonds sollte man auswählen? Die Zeiträume von einem Monat bis zu einem Jahr, genauso wie fünf Jahre haben bei den Österreich-Fonds mit Fondswährung Euro eine Gemeinsamkeit, nämlich ein Minus bei der Performance. Dabei zeigen sich auf fünf Jahre erkennbar unterschiedliche Ausmaße, während der Dreijahres-Zeitraum durchaus im grünen Bereich liegt.

Überdurchschnittlich gute Performance
Jenseits institutioneller Tranchen schnitt dabei in diesem Zeitraum der „LLB Aktien Österreich EUR V“ (ISIN: AT0000A1YH98) mit 4,7 % auffallend gut ab; in diesem ist der Leiterplattenhersteller AT&S mit 7,5 % am stärksten gewichtet. Im Dreijahres-Zeitraum war AT&S per 6. Oktober mit einer Performance von rund 129 % der absolute Spitzenreiter. Am zweit- und drittstärksten gewichtet sind Erste Group mit 6,4 % und Wienerberger mit 5,8 %, gefolgt von der OMV mit 5,5 %.

Auf fünf Jahre mit -4,8 % (per 6.10.) noch am besten schnitt der „Xtrackers ATX UE 1 C“ (LU0659579063) ab, der den ATX physisch, also mit Aktien, repliziert. Was allerdings im ATX auffällt, ist eine Übergewichtung der Finanzwerte, die ein Drittel des Volumens einnehmen.

Mittelfristiges Momentum
Orientiert man sich am mittelfristigen Momentum, dann sollte nach Fonds Ausschau gehalten werden, die auf sechs Monate auffallend gut abschnitten bzw. die in der aktuellen Situation, möglichst wenig verloren haben. In diese Kategorie fällt aktuell der „ViennaStock T DV“ (AT0000A294J2), der mit -10,8 % auf sechs Monate deutlich weniger verlor als die aufgelistete Peer Group. Am stärksten gewichtet waren zuletzt OMV mit 8,8 %, Verbund mit 6,9 %, Erste Group mit 6,7 %, SBO mit 5,5 % und AT&S mit 5,4 %.

ESG-Relevanz
Der „Standortfonds Österreich A“ mit der ISIN AT0000A1QA38 investiert in Unternehmen, die von hoher Relevanz für Österreich sind und weist laut fondsweb.com ein ISS ESG Fund Rating von vier Sternen (bei max. fünf) auf. Dieses Rating bewertet die ökologische, soziale und governancebezogene Performance eines Fonds innerhalb einer Referenzgruppe. Fonds mit vier oder fünf Sternen gehören zu den besten 30 %.

Der Fonds ist per 30. September zu 28,70 % in österreichische Aktien, zu 26,9 % in US-Werte und zu 19,8 % in deutsche Aktien investiert. Die IT-Branche ist mit 26,3 % am stärksten gewichtet, gefolgt von Industrie bzw. Investitionsgüter mit 18,9 %. Der Fonds liegt per 6. Oktober auf fünf Jahre gesehen 16,1 % im Plus, jedoch auf ein Jahr 11,5 % im Minus. Aufgrund eines Österreich-Bezugs trotz seiner breiten internationalen Streuung und günstigen Kostenstruktur ist er auch für Anfänger geeignet.

Foto: AdobeStock / ink drop

 

 

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Dollar-Stärke in der Endphase

Jeder weitere Höhepunkt der US-Devise nährt Spekulationen zu einer Kehrtwende.

Roman Steinbauer. Übertreibungen dauern weder an den Aktien- noch an den Devisenmärkten ewig. Ein Trendwechsel bei überzogenen Relationen im Währungsgefüge wird zumeist von atypisch, überproportional hohen Ausschlägen oder von Notenbank-Interventionen (der Börsen-Kurier berichtete im BK40) eingeleitet. Umso weiter Extrembereiche bei Währungspaaren getestet werden, umso mehr steigt die Wahrscheinlichkeit eines raschen Rücksetzers oder eines sich vollziehenden Trendbruchs. Absicherungen gegen Währungsverluste bei US-Anleihen oder Aktien (oft selbst in Mischfonds deutlich gewichtet) mittels Derivate gewinnen an Relevanz. Aber auch hoch spekulativ orientierte Investoren wittern eine Chance, in der „Dürrezeit“ an Renditen mit Zertifikaten erfolgreich gegen den US-Dollar eine hohe Performance zu erzielen.

Erfüllte Erwartungen als Endspiel?
Am 29. September erreichte der Dollar-Index (geometrisch zu sechs weiteren relevanten Währungen gewichtet; ISIN: XD0009982303) mit 113,6 Punkten vorläufig einen historischen Höchststand. Ob die Federal Reserve Bank (Fed) am 2. November die Anhebung des Leitzinssatzes um weitere 50 oder auch um 75 Basispunkte verkünden wird, dürfte die Richtung an den Devisenmärkten gering beeinflussen. Eine stärkere Straffung könnte sogar zu einer nachgebenden US-Devise führen, da Erwartungen zu weiteren Zinsschritten in den Folgemonaten gedämpft würden. Im Dollar-Raum investierten Anlegern bietet sich eine entsprechende Auswahl an Emittenten, um sich gegen eine Abschwächung der Währung zu wappnen.

Ein Beispiel, um auf eine Stärkung des Euro gegenüber dem Dollar zu setzen, ist etwa ein Endlos-Faktor-Zertifikat von Morgan Stanley (DE000MC40L27). Der Basispreis lag zu Redaktionsschluss mit 88,58 USD recht komfortabel um 9,7 % unter der aktuellen Notiz, die Hebelwirkung (Faktor) beträgt 10. Allerdings ist stets auf die implementierte Reset-Barriere (diese Schwelle liegt knapp am finalen Schmelzpunkt des inneren Wertes) zu achten. Beim oben genannten Produkt wird bei Unterschreiten der Barriere von 0,895 USD pro Euro die kaum noch vorhandene Differenz abgerechnet. Je nach Risikoprofil oder Zweck eines Einsatzes des Derivats, bleibt es dem Käufer natürlich überlassen, bei ungünstigem Verlauf eine Stop-Loss-Marke zu setzen. Der Spread (Differenz der Kursstellung zwischen der An- und Verkaufsnotiz) liegt bei 1 %. Neben dem Handel über die Stuttgarter Derivate-Börse Euwax, werden Orders ebenso außerbörslich über den jeweiligen Emittenten abgewickelt.

Für eine gewagtere Hebelwirkung von 18 steht das „Faktor 18X Long Index EUR/USD“-Zertifikat (DE000VX1PGX0) der Bank Vontobel. Die höhere Gewinnchance ist allerdings mit dem Nachteil eines Spreads von 10 % verknüpft, zudem befindet sich die Abrechnungsschwelle mit 0,93 USD/Euro auf riskanterem Terrain.

Unter der ISIN DE000DV51 ZV1 hat wiederum die DZ Bank einen Endlos Turbo Call mit einer Hebelwirkung von 30 im Angebot.

Welche Währung bäumt sich zuerst auf?
Aber nicht nur der Euro, sondern insbesondere der Yen und das britische Pfund bewegen sich rund um ein historisches Tief zur US-Devise. Um auf eine Erholung des Pfund gegen den US-Dollar zu setzen, können Open End Turbo Calls Warrants der UBS Bank gezeichnet werden (Hebel 26; DE000UK7H052). Doch liegt hier die Knock-Out-Schwelle bei 1,067, ein Wert der kurzzeitig bereits unterschritten wurde. Wer ein Ende der Yen-Schwäche herannahen sieht, wird unter anderem bei Morgan Stanley fündig. Das Open-End- Short-Faktor-Zertifikat DE000MD31UQ3 (Reset-Barriere von 152,97) wirkt 15-fach zur Veränderung im Währungspaar.

Foto: AdobeStock / edi

 

 

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Deutschlands schockierende Inflationszahlen

Ein Kommentar von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management.

(04.10.) Es ist noch nicht einmal drei Jahre her, da galt Deflation als eines der größten wirtschaftspolitischen Probleme. Warum? Wenn das Preisniveau sinkt, steigt die reale Schuldenlast von Verbrauchern, Unternehmen und Staat – sie verschulden sich daher weniger und geben weniger aus. Morgen wird ja alles billiger sein. Für die Konjunktur ist das nicht unbedingt tödlich, aber doch von Nachteil. Der Tendenz nach ist ein bisschen Inflation wünschenswert. Daher haben die meisten Notenbanken in den reichen Ländern ein Inflationsziel von 2 %.

Zuletzt haben sich die Dinge unerwarteterweise und höchst dramatisch verändert, durch das Ende der Covid-Pandemie und, noch wichtiger, durch den russischen Überfall auf die Ukraine. Nun ist auf einmal eine zu hohe Inflation das wirtschaftspolitische Problem Nummer 1. Im August lagen die deutschen gewerblichen Erzeugerpreise um 45 % über ihrem Vorjahresstand, die Verbraucherpreise im September um 10,0 %, der höchste Wert seit 1951. Das sind schockierende Zahlen für ein Land, das so viel Wert auf die Stabilität seiner Währung legt. Normalerweise sind Erzeugerpreise verlässliche Frühindikatoren für die Verbraucherpreise – das heißt leider, dass diese für einige Zeit sehr hoch bleiben werden. Von einer Lohn-Preisspirale ist glücklicherweise noch nichts zu sehen: Die Tarifpartner können offenbar nicht glauben, was da zurzeit an der Preisfront passiert.

Nicht nur die Energiepreise haben die deutsche Inflation angeheizt, der schwache Euro ist ein anderer wichtiger Grund. Trotz solider Fundamentalfaktoren (einem leichten Überschuss in der Leistungsbilanz des Euroraums, verglichen mit einem sehr großen amerikanischen Defizit, sowie relativ niedrige Staatsschulden – 97% des BIP, in Amerika 126%) leidet der Euro unter Verkaufsdruck und hat im Verlauf des Jahres gegenüber dem Dollar nicht weniger als 14% verloren. Kein Wunder, dass die Einfuhrpreise explodieren.

Geopolitische Aspekte dominieren an den Devisenmärkten, und da insbesondere die russische Invasion der Ukraine und die Folgen für die internationalen Beziehungen – ein happy end ist nicht in Sicht. Der Dollar gilt, solange Europa auf die militärische Hilfe der USA angewiesen ist, als sicherer Hafen für Anleger, selbst wenn amerikanische Bonds und Aktien vergleichsweise teuer sind.

Ein anderer Faktor, der bisher gegen den Euro gesprochen hatte, waren die Zinsdifferenzen zwischen den USA und dem Euroraum. Die Fed hatte die Leitzinsen früher und energischer angezogen als die EZB. Zinsdifferenzen sind oft irrelevant für den Wechselkurs (Stichwort Schweiz), diesmal aber nicht. Auf absehbare Zeit dürfte das amerikanische Zinsniveau, von kurzen bis zu langen Fristen, um etwa 150 Basispunkte über dem europäischen liegen und auf diese Weise den Dollar stark halten.

Wenn sich diese Vorhersagen als richtig erweisen, lohnt es sich Schulden zu machen – vor allem für die öffentliche Hand, weil deren Schuldzinsen weit unter den erwartbaren Inflationsraten und damit den Steuereinnahmen liegen. Das gilt aber auch für Haushalte und für Unternehmen. Die Inflation vermindert auch deren reale Schuldenlast. Das ist die eine, positive Seite der hohen Inflation. Die Kehrseite darf nicht vergessen werden: Das Preisniveau steigt zurzeit rascher als die Einkommen. Das gilt vor allem für die Haushalte, deren Realeinkommen und Lebensstandard gerade rapide sinken, und die dadurch zunehmend risikoavers werden. Unter’m Strich wird der private Verbrauch sinken, also die größte Ausgabenkomponente in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, und auf diese Weise die gesamte Wirtschaft in den negativen Bereich ziehen.

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben soeben ihre kurz- und mittelfristigen Prognosen vorgestellt. Für das Jahr 2023 erwarten sie nun für das reale BIP im Vorjahresvergleich einen Rückgang um 0,4 %. Im Frühjahr hatten sie noch eine positive Zuwachsrate von 3,1 % erwartet. Das ist die größte mir bekannte Revision der Vorhersagen (minus 3,5 Prozentpunkte) innerhalb von nur sechs Monaten. Die wichtigsten Annahmen der neuen Prognose betreffen die Energiepreise: Die Gaspreise steigen zwischen 2021 und 2023 um 320 %, die Strompreise um 390 %.

In der Retrospektive bestand der größte wirtschaftspolitische Fehler darin, den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht energisch genug vorangetrieben zu haben: Die Atomkraftwerke wurden bis auf drei abgeschaltet, ohne zu bedenken, dass das Land dadurch auf Energieimporte aus Russland angewiesen war. Die fallen nun gerade aus, wodurch es zu dem aktuellen Inflationsschub gekommen ist. Die kommenden Monate werden nicht leicht sein, aber es wird zu keiner Katastrophe kommen, es sei denn der Winter wird nach langer Zeit wieder einmal extrem kalt. Die Gastanks sind zu 90 % gefüllt, Haushalte und Unternehmen werden angesichts der hohen Preise ihren Verbrauch von Strom und Gas drosseln, teilweise auch auf Substitute ausweichen, LNG-Importe werden nach den Plänen der Regierung stark zunehmen, und die drei verbliebenen Atomkraftwerke werden erst mal nicht vom Netz genommen.

Aber was passiert, wenn die Wintertemperaturen doch deutlich unter ihre Normalwerte sinken und das Gas aus Russland weiterhin ausbleibt? Nach den Modellen der Wirtschaftsforschungsinstitute wird das reale BIP in diesem Fall im nächsten Jahr um rund 8 % gegenüber 2022 zurückgehen. Das wäre der größte Einbruch seit der Depression von Ende der zwanziger / Anfang der dreißiger Jahre, die wesentlich zum Aufstieg von Hitler und seiner Nationalsozialisten beigetragen hatte. Allerdings ist der deutsche Staat diesmal finanziell in einer viel besseren Ausgangsposition: Die Staatsschulden liegen bei verkraftbaren 68,6% des BIP, und die Renditen der 10-jährigen Bundesanleihen betragen nur 2,1 %. Darüber hinaus hält Deutschland die zweitgrößten Nettoauslandsaktiva (2,8 Billionen USD), nach Japan. Mit anderen Worten, es fehlt nicht an Mitteln, mit denen sich die Nachfrage stimulieren lässt. Massenarbeitslosigkeit kann – und wird – vermieden werden.

Für Anleger ist das Bild im Augenblick klarer als sonst. Die Rezession hat begonnen, in Deutschland und in den anderen 18 Ländern des Euroraums. Die Gewinne geraten daher unter Druck. Infolge der extrem hohen aktuellen Inflationsraten steigen die Inflationserwartungen und mit ihnen die Zinsen am kurzen und langen Ende der Renditekurve. Künftige Gewinne und Cashflows werden mit steigenden Zinsen auf die Gegenwart abdiskontiert. Daher wird es sowohl auf den Aktienmärkten als auch bei Bonds zu weiteren Kursverlusten kommen. Die Wende ist noch nicht in Sicht. Was den Euro-Wechselkurs angeht, erwarte ich nicht, dass sich die Zinsdifferenz zu Dollaranlagen vergrößern wird, weil die EZB die Leitzinsen vermutlich stärker erhöhen wird als die Fed. Der Euro bleibt aber vorerst dem Risiko ausgesetzt, dass sich der Krieg in der Ukraine intensiviert, mit der Folge, dass der Dollar einmal mehr zur Fluchtwährung wird, also aufwertet.

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Aktien für turbulente Zeiten

Zahlreiche Krisen belasten die Börsen, selektives Vorgehen ist gefragt.

Raja Korinek. Die schlechten Nachrichten an den Finanzmärkten reißen nicht ab. Allein im September stieg die Inflation in der Eurozone im Jahresvergleich um 10 %. In Österreich erreichte das Plus sogar 10,5 %. Das wirft Fragen zur weiteren Entwicklung an den Börsen auf. Ulrich Urbahn, Leiter Multi Asset Strategy & Research bei der Berenberg Bank, meint in diesem Zusammenhang: „Während im vierten Quartal 2022 viele politische Risiken, so etwa die Wahlen in den USA und in China, lauern, dürften die entscheidenden Themen sein, ob es eine starke Rezession gibt, ob die Inflation ihren Höhepunkt gefunden hat und wie die Zentralbanken darauf reagieren werden.“

Die Märkte dürften damit mehr von makroökonomischen Geschehnissen angetrieben werden, so Urbahn. „Zudem dürften die Reduzierung der Anleihekäufe und die Zinserhöhungen der Zentralbanken zu weniger Liquidität führen.“ Dieser Umstand könnte auch auf den Aktienmärkten lasten. Doch das ist nicht alles. Die Gefahr von Energieknappheiten in Europa sowie pandemiebedingte Einschränkungen in China setzen das globale Wachstum unter Druck, so Maximilian Kunkel, UBS-Chefanlagestratege in Deutschland.

Defensive Aktien im Fokus
Kunkel meint, „wir bevorzugen daher die Ausrichtung auf Teile des Markts, die sich im Fall einer langsameren Wirtschaftsaktivität als robust erweisen sollten“. Bei Aktien seien dies laut UBS unter anderem das Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter. Zu letzterem Sektor zählen etwa Güter des täglichen Bedarfs, wie sie Nestlé (ISIN: CH0038863350), Unilever (GB00B10RZP78) und Procter & Gamble (US7427181091) produzieren.

Auch beim Vermögensverwalter Aviva Investors verfolgt man einen Ansatz, mit dem man durch turbulente Zeiten möglichst schwankungsarm navigieren möchte. Francois de Bruin, Co-Fondsmanager des „Aviva Investors Global Equity Endurance Fund“ (LU1401110231), sagt gegenüber dem Börsen-Kurier, dass der Fokus auf jenen Konzernen liege, denen es gelingt, selbst im schwierigen Umfeld solide Gewinnmargen zu erzielen.

Hohe Gewinnmargen
Doch wie sieht die Umsetzung aus? Im Aviva-Fonds liegt die durchschnittliche Brutto-Gewinnmarge der Unternehmen bei rund 60 %, damit ein gutes Stück über dem Schnitt im „MSCI All Country World Index“ (MSCI ACWI), wo diese bei 33 % liegt. Dafür aber sind die – aktuell 31 – Titel im Fonds mit einem durchschnittlichen KGV von 22 teurer bewertet als die Aktien im MSCI ACWI (14).

Zu den Fondsinvestments zählt etwa die Kreditkartenfirma Mastercard (US57636Q1040). Der Konzern profitiert von steigenden Preisen, da dann mehr Gebühren, als Prozentsatz vom Einkaufsumsatz, lukriert werden. Technologiewerte wie der US-Softwarehersteller Intuit (US4612021034) sowie Alphabet (US02079K3059) zählen ebenso zu den größten Positionen. Letzterer Konzern profitiert vom wachsenden Geschäft mit der Cloud.

Zuletzt wurde auch bei der britischen Rentokil Initial (GB00B082RF11) eine kleine Position gekauft. Das Unternehmen verkauft Schädlingsbekämpfungsmittel. De Bruin verweist auf die geplante Übernahme des US-Rivalen Terminix. „Damit wird Rentokil einen globalen Anteil von rund 30 % am Markt für Schädlingsbekämpfung haben.“ De Bruin zufolge dürfte die Nachfrage nach solchen Mitteln weltweit steigen. Grund dafür sei die globale Erderwärmung, die das Ausbrüten begünstigt.

Foto: Pixabay / TheDigitalWay

 

 

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Die KI, der vierte Produktionsfaktor

Digitalisierte Wirtschaftswelt zwischen Effizienzvorteil und „himmelschreiendem Unsinn“.

Emanuel Lampert. Schöne neue digitale Welt? Die Digitalisierung wird Klein- und Mittelunternehmen nicht unberührt lassen, sagt Gudrun Strahner-Weiss. Für komplexe Geschäftsfälle werde es dennoch beim persönlichen Kontakt bleiben, so die Leiterin des Corporate Bankings bei der Steiermärkischen Sparkasse bei einer Diskussionsrunde anlässlich 100 Jahren Börsen-Kurier.

Bernhard Wenger, Head of Northern Europe bei der 21Shares AG, glaubt an Effizienz- und Kostenvorteile für KMUs durch digitale Ökosysteme, speziell im Vertrieb. Herwig Teufelsdorfer, CEO der S Immo AG, gibt zu bedenken: „Plattform heißt für den Kunden immer bis zu einem gewissen Grad Abhängigkeit.“

„Reales“ Geschäft werde es auch in einer digitaleren Zukunft geben, der Mensch sei schließlich ein soziales Wesen. Teufelsdorfer: „Das eine ist die Technologie, das andere ist, wie sie angewendet wird.“ Er sagt aber auch: „Es wird sich einiges ändern, wir werden umdenken müssen.“

Wo bleibt der Mensch?
Welchen Stellenwert hat der Mensch in einer digitalisierten Wirtschaftswelt, gibt es auch Verlierer? Wenger fürchtet, dass Letzteres zu bejahen ist, meint aber auch, dass man mit Offenheit für neue Entwicklungen gegensteuern kann. Auch das Internet sei eine Revolution gewesen, „und jetzt machen alle ihre Bankgeschäfte am Handy“.

Helmut Fallmann, Vorstandschef der Fabasoft AG, bezeichnet „künstliche Intelligenz“ als neuen, vierten Produktionsfaktor. Von einer „Verschmelzung von Mensch und Maschine“ will er aber nichts wissen. „Ich halte das für einen himmelschreienden Unsinn.“ Die Letztentscheidung müsse immer beim Menschen liegen.

Teufelsdorfer glaubt, die Digitalisierung werde dazu führen, dass sich jeder seinen Fähigkeiten entsprechend einbringen kann: Sie helfe dabei, „dass wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten viel gezielter einsetzen können und uns nicht mit Tätigkeiten aufhalten, die zeitaufwendig sind, aber zum Ergebnis relativ wenig beitragen“.

Investieren in „Digital“
Wo liegen für Anleger Chancen und Risiken in der Digitalisierung? Fallmann prognostiziert, dass die Welt des Shareholder Value aussterben wird. „Überleben werden nur die Unternehmen, die das Thema Stakeholder Value tatsächlich leben“, also glaubwürdig im Sinne von Gesellschaft, Umwelt und Governance handeln.

Strahner-Weiss rechnet mit neuen Risiken, aber auch neuen Zielgruppen, Märkten und Produkten. Sie rät, nicht auf der Suche nach dem „next big thing“ überhastete Investmententscheidungen zu treffen, sondern dem Grundgedanken des eigenen Investments treu zu bleiben.

Es gebe tausende digitale Assets und Kryptowährungen, sagt Wenger, als „investierbar“ erachte 21Shares aber nur einen Bruchteil davon. Wichtig sei deshalb zweierlei: Finanzbildung, auf dass der Investor das Marktrisiko verstehe, und die Möglichkeit, sein Investment in einem sicheren, regulierten Umfeld tätigen zu können.

Digital- oder Betongold: Wo gibt es mehr Chancen, wo mehr Risiken? Die Zeiten des Betongoldes „in dem Sinne, dass der Markt für uns das Beton golden gemacht hat“, seien wohl vorbei, sagt Teufelsdorfer. „Das Produkt muss völlig neu gedacht werden.“ In der Architektur werde man „völlig andere Lösungen sehen“.

Eine andere Welt
Ist die Welt durch die Digitalisierung sicherer oder gefährlicher geworden? Sie ist anders geworden, antwortet Wenger. Was früher der Bankräuber war, sei jetzt der Cyberkriminelle. Dafür sei als Reaktion darauf die Cybersicherheitsbranche entstanden.

Auf ein neues Produkt verweist Strahner-Weiss: die Cyberversicherung, die im Notfall auch mit Sofortmaßnahmen unterstützt. Zu den neueren Erscheinungen gehört auch die „Cloud“, ein Konzept, das in Europa missverstanden wird, wie Fallmann meint. „Wir betrachten momentan im Zuge der Kriegswirren nur die analoge Autonomie und denken nicht über die digitale Autonomie nach.“

Diskutierten in der Wiener Börse unter der Leitung von Börsen-Kurier-Herausgeber
Marius Perger (v.l.): Bernhard Wenger von 21Shares, Gudrun Strahner-Weiss von der Steiermärkischen Sparkasse, Herwig Teufelsdorfer, der neue CEO der S Immo, sowie Helmut Fallmann, CEO von Fabasoft.

Einen ausführlicheren Bericht zu diesem Round Table lesen Sie Anfang November in unserem kostenlosen Magazin anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Börsen-Kurier“.

Fotos: Börsen-Kurier/Richard Tanzer

 

 

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Erhöhter Einsatz zur Verlustbegrenzung

Der Einsatz von Derivaten gewinnt schnell an Bedeutung.

Roman Steinbauer. Die Bescheidenheit kehrt zurück. Der Kapitalschutz ringt nach vielen Jahren der Hoffnung auf hohe Renditen den Rang ab. Nach dem bisherigen ernüchternden Jahresverlauf an den Aktien- und Anleihenmärkten zweifeln viele Anleger aber an der Sinnhaftigkeit, jetzt noch Wertpapiere zu veräußern. Liegt doch ein ausgeprägter Rutsch bereits hinter uns, die Stimmung steuert einem Tiefpunkt entgegen und Indikatoren deuten auf eine überverkaufte Situation hin. Dennoch liefern das politische und wirtschaftliche Umfeld Argumente genug, um weitere Kurseinbrüche plausibel erscheinen zu lassen. Eine Absicherung bestehender Anlagepositionen durch gewählte Finanzinstrumente gewinnt an Bedeutung. Denn sich von Engagements gänzlich zurückzuziehen, sehen Investoren in inflationären Zeiten als keine Alternative.

Steigende Volatilität erhöht Absicherungskosten
Ob an Positionen festzuhalten oder gewagt Neueinstiege zu tätigen: Der Bedarf an Derivaten zur Kursabsicherung ist gefragter denn je, um den sich zuspitzenden Krisen die Stirn zu bieten. Herausgezogen seien Daten von „Cboe Global Markets“ als Betreiber der bedeutendsten US-Optionenbörse, der „Chicago Board Options Exchange“ (CBOE). So pendelte am 29. September die Put-/Call-Ratio (das Verhältnis der Anzahl erworbener Verkaufsoptionen zu Kaufoptionen basierend auf Aktien und US-Indizes) zwischen 0,98 und 1,12. Dies zeigt, dass selbst bei unterdessen weit gedrückten Aktiennotizen die Nachfrage nach Derivaten zum Schutz gegenüber fallenden Notizen die Spekulation auf steigende Kurse übertrifft.

Das zuletzt angeschwollene Volumen sagt zudem viel über die Unsicherheit und Nervosität an den Märkten aus. Wurden an einem Handelstag an der CBOE im Vorjahr durchschnittlich 6,9 Mio Kontrakte gehandelt, erreichten die Abschlüsse am Donnerstag der Vorwoche 14,22 Mio Einheiten. Der Volatilitätsindex VIX (ebenfalls von Cboe Global Markets erstellt) bestätigt zudem die aufkommende Vorsicht der Investoren. Dieser Indikator stellt den Durchschnitt der Preise (nicht die Anzahl) von Kauf- und Verkaufsoptionen in Relation und repräsentiert die Markterwartungen für die kommenden 30 Tage. Dieser Wert pendelt in „normalen“ Zeiten zwischen zwölf und 20 Punkten, aber jüngst zog der Angstbarometer auf 32 Punkten stark an. Die absoluten Spitzenwerte und Ausschläge wurden mit mehr als 70 Punkten in panikartigen Phasen, wie zu Ende 2008 oder im Feber 2020 registriert.

Etablierte Transparenz und Vielfalt
Glücklich jener, der unruhige Zeiten vorweg nahen sah und bereits vor einem Eintreten der Nervosität an den Börsen seine Positionen durch Absicherungsprodukte in ruhigere Gewässer hievte. Denn mit der Volatilität steigen die Preise der Optionen bzw. der Optionsscheine (Prämienaufschlag). Als Alternative bieten eine Vielzahl an Emittenten Anlegern Zertifikate an. Hier ist wiederum auf den offerierten „Spread“ (Spanne zwischen An- und Verkaufskursen) des Produktherausgebers zu achten.

Abgesehen vom außerbörslichen Handel gilt in erster Linie die Euwax der Stuttgarter Börse mit (nach eigenen Angaben) 1,9 Mio gelisteten Wertpapieren als größter und liquidester Marktplatz verbriefter Derivate am Kontinent. Im Jahr 1999 implementiert, wurde von den Schwaben seitdem der Fokus auf die Derivat-Plattform gelegt, um den Handel mit Aktien, Anleihen und Investmentfonds mit erweiterten Angeboten zu ergänzen. Neben Optionsscheinen, Zertifikaten (inkl. Knock-Out-Produkten) bestimmen in Stuttgart börsengehandelte Fonds (ETF), Rohstoffzertifikate (ETC) und Inhaberschuldverschreibungen (ETN) das Geschehen.

Foto: AdobeStock / by-studio

 

 

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„Die negative Stimmung kann auch wieder drehen“

Ein Kommentar von Christopher Teschmacher, Multi-Asset Fondsmanager bei Legal & General Investment Management (LGIM).

(27.09.) „Am vergangenen Freitag erlebten wir die drittschlechteste Tagesperformance des Pfund Sterling gegenüber dem US-Dollar seit dem Schwarzen Mittwoch 1992. Die Reaktion mit höheren Renditen und einer schwächeren Währung ist für ein Industrieland ziemlich einmalig. So überrascht es nicht, dass viele argumentieren, das Vereinigte Königreich werde immer mehr zu einem Schwellenland. Vergleiche mit der Krise von 1992 sind leicht zu ziehen.

Die überraschenden Aspekte des Haushaltsplans sind jedoch in Wirklichkeit nicht so schwer zu finanzieren. Außerdem unterscheidet sich die Staatsverschuldung des Vereinigten Königreichs nicht allzu sehr von der in anderen Industrieländern, so dass sich die Reaktion der Devisenmärkte eher auf die Glaubwürdigkeit der Bank of England (BoE) bei der Inflationsbekämpfung und der längerfristigen Haushaltskontrolle bezieht.

Die Währungen der europäischen Länder, einschließlich des Pfunds, haben das ganze Jahr über gegenüber dem Dollar an Wert verloren, obwohl in diesem Jahr mehr Zinserhöhungen eingepreist wurden als in den USA. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem, was eingepreist ist, und dem, was tatsächlich passiert ist. Die US-Notenbank Fed hat die Zinsen aggressiv angehoben, während die europäischen Zentralbanken im Kielwasser der Fed zögerten, was die Währungen schwächte und wiederum die britischen und europäischen Zentralbanken schließlich zum Handeln zwang.

Wir erwarten, dass die BoE versuchen wird, gegen die Schwäche anzukämpfen. Obwohl die Erklärung vom Montag nicht überzeugend war, wird sie nicht zögern, die Zinsen so weit wie nötig anzuheben. In der Zwischenzeit wird die Regierung bei der Umsetzung ihres Wachstumsplans wohl vorsichtiger sein. Während die Dynamik des Pfunds eindeutig negativ ist, hat sich auch eine negative Stimmung aufgebaut, die unserer Meinung nach auch wieder drehen kann.

In Anbetracht dessen haben wir beschlossen, das britische Pfund gegenüber dem Euro in unseren taktischeren Portfolios moderat positiv zu bewerten. Aber der Umfang unserer Position ist nicht so groß, wie es der Bewertungsaspekt allein aufgrund der höheren politischen Unsicherheit nahelegen würde. Bei einem weiteren Rückgang des Pfunds würden wir die Position wahrscheinlich mittelfristig aufstocken, da sich die Bewertung noch weiter verbessern könnte. Wir glauben, dass eine Unterstützung durch die Regierung oder die BoE dadurch nur noch wahrscheinlicher wird.

Die positive Korrelation zwischen Aktien und Anleihen war in diesem Jahr eine Herausforderung für Multi-Asset-Fonds, da die übliche gegenläufige Performance, die wir in den letzten 20 Jahren gesehen haben, 2022 nicht mehr existierte. Die Schwäche des Pfund Sterling hat unseren Fonds geholfen, einige Verluste abzufedern, da unser global diversifizierter Ansatz zu Beständen in Überseewährungen führt, die an Wert gewonnen haben, insbesondere den US-Dollar. Fonds mit höherem Risiko und typischerweise höherem Fremdwährungsengagement haben stärker profitiert als Fonds mit geringerem Risiko.“

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100 und mehr Chancen für Wien

Wichtige Player optimistisch gestimmt, Selbstzufriedenheit wird aber vermieden.

Rudolf Preyer. Die Güte des Börsenplatzes beweise sich untern anderem auch aufgrund seiner Diskretion, sagte Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, auf die Frage nach der Attraktivität. Immerhin datieren die letzten IPOs (mit Addiko, Frequentis und Marinomed) aufs Jahr 2019 zurück. Im Rahmen der Jubiläums-Podiumsdiskussion „100 Jahre Börsen-Kurier“ wurde Boschan von Herausgeber Marius Perger auf mögliche Börsengänge in näherer Zukunft angesprochen. Hausherr Boschan orakelte, dass sich diese Frage „in einem halben Jahr wohl so nicht mehr stellen“ werde.

In Präsenz oder lieber virtuell?
Florian Beckermann
, Geschäftsführender Vorstand des IVA (Interessenverband für Anleger), lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auf die wohl drängendste aktuelle Frage: „Wir würden gerne zur Präsenz-Hauptversammlung zurückkehren, wie viele normale Kleinaktionäre auch.“ Der Streubesitzer sei schließlich „der beste Aktionär, den jedes Unternehmen haben kann“. Dies aufgrund oft jahrelanger Verbundenheit mit der AG. Leider sei der Kleinaktionär in den vergangenen Jahren in Österreich politisch nicht gefördert worden, so Beckermann, der jedoch einem Richtungswechsel optimistisch entgegensieht.

Thomas Arnoldner, CEO der A1 Telekom Austria Group, wiederum sprach sich für „Wahlfreiheit“ aus – „dass man also digital auch Aktionäre erreichen kann, für die eine Präsenzteilnahme schwieriger ist“. Der Vollständigkeit halber: Die HV der A1 Telekom fand heuer wieder physisch, also mit Anwesenheit der Aktionäre statt.

Bunter Themenstrauß
Aber auch Financial Literacy war ein Thema. „Wegen meiner Kinder kenne ich die Lehrpläne gut, da ist Finanzbildung quasi inexistent“, erklärte Michael Oplustil, der für die Interessensgemeinschaft CIRA – Cercle Investor Relations Austria sprach. Arnoldner ergänzte, dass das Unterstufenfach „Geografie“ nun um den Zusatz „und wirtschaftliche Bildung“ ergänzt werden soll. Leider werden darin aber die Aspekte Marktfunktionen sowie Preis- und Ressourcenbildung sträflich vernachlässigt.

Punkto Steuererleichterungen meinte Beckermann, dass dazu erst eine umfängliche Rechtssicherheit hergestellt werden müsste – und erinnerte in diesem Zusammenhang an den Bank-Austria-Squeeze-Out, der das Rechtssystem seit 14 Jahren beschäftigt. Ein Wort in Richtung Regierung: Die KESt-Befreiung und die Behaltefrist sind im Programm – „dann hätten wir sie auch mal gerne umgesetzt“.

Die Zukunft des Kapitalmarktes
Arnoldner sieht den Tech-Sektor am heimischen Börsenparkett in zehn Jahren „wachgeküsst“ und Oplustil vermutet einen deutlich längeren Kurszettel. Beckermann wiederum ortet künftig eine breite Range an Marktteilnehmern – vom Sparbuchanleger bis hin zum Zocker à la „Gamestop“. Der heimische Marktplatz habe in Europa gute Chancen auf Spitzenrankings – gerade auch, was die ESG-Thematik betrifft.

Boschans Resümee lautet: „Ein mittelgroßer Börsenplatz wie Wien hat seine Daseinsberechtigung dann, wenn er seine USPs kennt und weiterentwickelt.“ Die Börsen von Frankfurt, Dublin und Luxembourg habe man zum Beispiel bei der Anzahl von Anleihenlistings bereits „überholt“. Wenn es anderswo Rückgänge gebe, sei es umso erstaunlicher, dass die Wiener Börse heuer wieder nahezu ein Rekordergebnis anvisiere.

Diskutierten in der Wiener Börse über den heimischen Kapitalmarkt (v.l.): Florian Beckermann vom IVA, CEO Thomas Arnolder von der A1 Telekom Austria Group, Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger, Börse-Chef Christoph Boschan und CIRA-Vorstand Michael Oplustil

Die Langversion lesen Sie im Jubiläumsmagazin zu 100 Jahre Börsen-Kurier am 3. November.

Foto: Börsen-Kurier/Richard Tanzer

 

 

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Schnäppchen am britischen Aktienmarkt?

Trotz der schwierigen Ausgangslage sehen Experten Chancen an der Börse.

Patrick Baldia. Zugegeben: das Umfeld war schon einmal besser für britische Aktien. Die Wirtschaft schwächelt seit geraumer Zeit, die Inflation ist so hoch wie zuletzt vor 40 Jahren, die Stimmung unter den Unternehmen alles andere als berauschend, und in der vergangenen Woche hat die Bank of England (BoE) im Zuge der Zinserhöhung um 0,5 %-Punkte auf 2,25 % erklärt, das Land befinde sich in einer Rezession.

Um das Ganze noch zu unterstreichen hat das britische Pfund am Montag mit 1,035 US-Dollar ein Rekordtief erreicht. Gerade in den vergangenen Tagen hatte sich der Abwärtstrend extrem beschleunigt.

Experten sehen hinter dem Verfall des britischen Pfund in erster Linie die geplanten Steuersenkungen und Entlastungen der Regierung unter der neuen Premierministerin Liz Truss. Ende der vergangenen Woche hat Finanzminister Kwasi Kwarteng ein umfangreiches Paket mit Maßnahmen zur Abfederung der hohen Energiepreise und Steuersenkungen angekündigt und als mittelfristiges Ziel ein BIP-Wachstum von 2,5 % genannt. Das dürfte wohl eher Sorgen um einen Anstieg der Staatsverschuldung befeuert als für Sicherheit gesorgt haben.

Der FTSE 100 stand heuer lange Zeit als einer der wenigen Indizes im Plus und hatte von den Outperformern Fossile Energieträger, Minen, Tabak und Verteidigung profitiert. Noch im August lag die Performance bei rund +2 %. Mittler-weile hat sich das Blatt aber gewendet und seit Jahresbeginn steht ein Minus von fast 5 % zu Buche. Über die vergangenen zwölf Monate hat der FTSE 100 um knapp 9 % verloren. Und schaut man sich die Zehnjahresbilanz britischer Aktien an, so haben sich nur die Emerging Markets schlechter entwickelt.

Energiesektor-Exposure
Der schwierigen Ausgangslage zum Trotz sehen Experten dennoch Chancen am britischen Aktienmarkt. Im aktuellen Finanzmarkt-Barometer von Pictet wird etwa auf die defensiven Charakteristiken des Marktes sowie das Exposure zum Energiesektor verwiesen. Und das schwache britische Pfund sollte die Überseegewinne befeuern. Ein kleines Detail am Rand: Die FTSE-100-Unternehmen fahren drei Viertel ihrer Erträge im Ausland ein. Bei AXA Investment Managers führt man zudem die im Vergleich zu anderen entwickelten Aktienmärkten niedrigen Bewertungen britischer Aktien ins Treffen.

Profitiert hat der Markt lange von Unternehmen, denen die Zinswende aber auch hohen Energiepreisen zugutekamen. Am stärksten gewichtet sind im FTSE 100 mit fast 30 % der Energie- und Rohstoffsektor, gefolgt von Finanzen (17,9 %), Nahrung- und Genussmittel (12,74 %), Handel und Konsum (10,92 %) sowie Chemie, Pharma, Bio- und Medizintechnik (8,68 %). Zur Veranschaulichung: Technologiewerte haben einen Anteil von gerade einmal 3,80 % im FTSE 100.

Wo sind Gelegenheiten?
„Die interessantesten Aktien sind nicht in den Top 100 zu finden, sondern in den Small- und Mid-Cap-Bereichen, in denen weiterhin Fusionen und Übernahmen getätigt werden“, meint Chris Iggo, CIO Core Investments AXA Investment Managers, um hinzuzufügen: „Wenn das Wachstum durch fiskalische Anreize der Regierung angekurbelt werden kann, sind möglicherweise weitere Schnäppchen zu machen.“

Aktuell haben Experten unter anderem Barclays, Legal & General, Shell und AstraZeneca auf der Rechnung. Für all jene, die lieber breit gestreut auf das Thema britische Aktien setzen möchten, könnte ein Fonds wie der „BNY Mellon UK Opportunities“ (ISIN: GB0031189888) oder der „Blackrock United Kingdom“ (LU0011847091) interessant sein.

Zu den ETF-Ideen gehören wiederum der „HSBC FTSE 100 UCITS ETF GBP“ (IE00B42TW061), „Xtrackers FTSE 100 UCITS ETF 1C“ (LU0838780707) sowie der „iShares Core FTSE 100 UCITS ETF (Dist)“ (IE0005042456).

Foto: Pixabay / RGY23

 

 

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Was die Zinswende Bondanlegern bringt

Vor allem kurz laufende Anleihen könnten derzeit interessant sein.

Raja Korinek. Die jüngste Sitzung der US-Notenbank sorgte einmal mehr für Schlagzeilen. Denn da wurden die Zinsen erneut um 0,75 %-Punkte angehoben, womit der US-Leitsatz in einer Spanne von

3 bis 3,5 % liegt. Dabei stellte Fed-Chef Jerome Powell klar, dass weitere Anhebungen notwendig sein würden, um die Inflation zu bekämpfen. Zugleich wurden auch noch die Wirtschaftsprognosen für das laufende Jahr auf ein mageres Plus von 0,2 % gesenkt.

Doch wie könnte es mit den Zinsen heuer weitergehen? Dazu liefert Peter Lechner, Fondsmanager bei der DJE Kapital AG, eine Einschätzung: Auf der nächsten Sitzung könnten die Zinsen noch-mals um 0,75 %-Punkte angehoben werden, danach um rund 0,4 %-Punkte, „je nach Konjunkturentwicklung“.

Löhne als Inflationstreiber
Lechner verweist gegenüber dem Börsen-Kurier auch auf die unterschiedlichen Inflationstreiber zwischen den USA und der Eurozone. „Sie wird in den USA von den starken Lohnzuwächsen kräftig angetrieben.“ Auch die steigenden Kosten für das Wohnen spielen eine gewichtige Rolle. Der Einfluss der Energiekosten sei demgegen-über geringer, da die USA reichlich Öl- und Gasvorkommen haben. Lechner verweist aber noch auf einen weiteren Auslöser. So sei die US-Sparquote stark gesunken. Während der Pandemie war sie auf rund 20 % gestiegen, da Konsumenten kaum Möglichkeiten hatten, ihr Geld auszugeben. Die Quote ist nun auf 5 % gesunken, ein Umstand, der den Konsum – und damit die Inflation – ankurbelt.

„Die Teuerung in Europa wird demgegenüber von steigenden Energiepreise stark angeheizt“, betont Lechner. Er meint auch, die EZB hinke mit den Zinsanhebungen noch deutlich hinten nach. Derzeit liegt der Leitzins erst bei 1,25 %, und das bei einer Inflation von 9,1 % im August im Jahresvergleich. Sein Fazit fällt deutlich aus: „Die EZB muss handeln.“

US-Dollar im Vorteil
Der große Zinsunterschied zwischen den USA und der Eurozone ist im Übrigen der Grund, weshalb Lechner – er ist auch Co-Fondsmanager des „DJE Short Term Bond Fund“ (ISIN: LU0159549814) – derzeit eher Anleihen aus den USA für das Portfolio bevorzugt. Oben-drein liegt der Fokus des Fonds auf Anleihen mit kürzeren Laufzeiten. Das hat folgenden Vorteil: Solche Papiere schwanken meist weniger als länger laufende Anleihen. Schließlich werden sie früher fällig, das Geld kann dann umso rascher in neue, höher verzinste Papiere investiert werden.

Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Ergeben sich kurzfristige Kaufchancen auch bei länger laufenden Bonds, werden diese ebenso genutzt, betont Lechner. Solche Gelegenheiten wurden etwa bei einer US-Staatsanleihe mit einer Restlaufzeit von rund acht Jahren sowie einem italienischen Staatsbond mit einer Restlaufzeit von rund zehn Jahren genutzt, nachdem die Kurse solcher Papiere zuletzt stark gesunken waren.

Die durchschnittliche Restlaufzeit liegt im Fonds jedoch bei nicht einmal einem Jahr. Denn ein Teil des Vermögens wird auch in Kasse gehalten. Knapp 52 % des Fonds sind zudem in öffentliche Emissionen investiert, rund 45 % in Unternehmensanleihen.

Auf den US-Zinssatz setzen
Anleger, die etwa rein auf die Entwicklung des US-Leitsatzes setzen wollen, können dies mit dem „Xtrackers Fed Funds Effective Rate Swap UCITS ETF“ (LU0321465469) tun. Der ETF profitiert von Zinsanhebungen jenseits des Atlantiks. Obendrein kommt Anlegern aus dem Euroraum der steigende US-Dollar zugute.

Dieser Aspekt kann jedoch ins Negative drehen, wenn der Euro wieder steigen sollte.

Foto: AdobeStock / Dmitry

 

 

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Ein Leitzins so hoch wie das Inflationsniveau?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE.

(20.09.) Die am 13. September veröffentlichte US-Inflationsrate lag mit 8,3 % im August leicht über den erwarteten 8,1 %. Angesichts der geringen Differenz zwischen den Erwartungen und der tatsächlichen Zahl hätte sie harmlos wirken können. Dennoch war sie ein Schock für die Märkte. Die amerikanischen Aktienindizes verloren mehr als 4 % und hatten damit ihren schlechtesten Tag seit Juni 2020. Ein Anzeichen für die Nachhaltigkeit dieses Schocks ist die Tatsache, dass sich der Markt seither nicht erholt hat – anders als es sonst nach einer derartigen Baisse üblich ist. Er rutschte sogar noch weiter ab. Die langfristig schwerwiegendsten Folgen sind wenig offensichtlich. Wie konnte es dazu kommen bei einer doch eigentlich harmlosen Differenz?

Um dies zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Erwartungen des Marktes in Sachen Leitzinserhöhungen. Mitte August rechneten die Marktteilnehmer noch mit Leitzinsen in Höhe von 3,5 % bis zum Jahresende.* Die Reden der Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der USA hatten allerdings zur Folge, dass der Markt seine Erwartungen nach oben korrigierte. So schnellten sie im Laufe eines einzigen Tages, nämlich dem der Veröffentlichung, auf 4,25 %. Das sind 75 Basispunkte mehr als im Monat davor, was im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte bereits hoch war. Diese Differenz ist nun allerdings alles andere als harmlos.

US-Wohnungsmarkt lässt nachhaltige Inflation erahnen
Für die Marktteilnehmer stellt nicht einmal das bereits erwartete globale Inflationsniveau das Hauptproblem dar. Sie fürchten vielmehr ein noch tiefer liegendes Problem, nämlich die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Allen Erwartungen zum Trotz schießen die Mieten weiter in die Höhe. Da die Darlehenszinsen ebenfalls weiter steigen, muss man sich auf hartnäckige Forderungen nach Lohnerhöhungen einstellen. Diese lassen sich angesichts des nach wie vor sehr robusten US-Arbeitsmarkts wohl kaum zurückweisen. Dies deutet auf eine eher nachhaltige Inflation hin. Somit dürften auch die Zentralbanken langfristig bei ihrer kämpferischen Haltung bleiben und einen Dämpfer für das Wachstum in Kauf nehmen – zumindest solange der Arbeitsmarkt nicht einbricht.

Auf die Anleger kommt also eine Phase zu, die nur wenige von ihnen schon einmal erlebt haben und die sehr stark an die 1970er-Jahre erinnert. Wenn wir sie trotz aller offensichtlichen Unterschiede – insbesondere bei der Demografie und dem Niveau der Staatsverschuldung – noch einmal durchmachen müssen. Welches sind nun aber die Lehren, die es angesichts der scheinbaren Dauerhaftigkeit der US-Inflation zu berücksichtigen gilt?

Lehren aus der Inflation der 1970er-Jahre
Erstens: Die Inflation in der westlichen Welt kann lang anhaltende Höchststände erreichen. Ende 1974 gipfelte sie in den USA bei 12 %. Nach einer leichten Verschnaufpause (immerhin um die 5 % Ende 1976) stieg sie Anfang 1980 auf nahezu 15 %. Das sind Größenordnungen, die mit der aktuellen Episode noch nichts zu tun haben, die aber mehrere Länder der Eurozone bereits erreicht oder sogar überschritten haben, vor allem im Osten.

Zweitens: Auch die Leitzinsen können Spitzenwerte erreichen: 1974 waren es 13 % und 1980 sogar 20 %. Dagegen sind die zurzeit erwarteten 4 bis 5 % gar nichts. Auch wenn man den damaligen Durchschnitt heranzieht, erkennt man die Extreme dieser Niveaus. Denn zwischen 1971 und 1990 lag das durchschnittliche Niveau bei 8,25 %.

Drittens: Die 10-jährigen Zinsen lagen zuweilen deutlich unter den Leitzinsen, sind ihnen aber dennoch immer gefolgt, in der Regel mit einer gewissen Verzögerung. So überstiegen sie 1981 die 15 % und ihr Durchschnitt lag zwischen 1970 und 1990 bei 9 %, also dicht an den Leitzinsen. Die Entkopplung dieser beiden Zinssätze ist meist nicht von Dauer.

Viertens: Schließlich sind die Leitzinsen – und das ist die vielleicht besorgniserregendste Lektion – nur selten stark von den globalen Inflationsniveaus abgekoppelt. Die US-Notenbank hatte sich seinerzeit nicht gescheut, die geldpolitischen Bedingungen drastisch zu straffen, sobald die Inflation stieg, und beließ die Leitzinsen in den gesamten 1980er-Jahren sogar deutlich über dem Inflationsniveau.

Investoren sollten Lehren aus der Vergangenheit ziehen
Nichts wird sich genauso abspielen wie zu der Zeit der Banker mit Schlaghosen. Doch die Geschichte lehrt uns, dass der Bereich des Möglichen bei Zinsen und Inflation immer noch größer ist als das, was wir in 30 Jahren erlebt haben. Um für den Ernstfall vorbereitet zu sein, ist es ratsam, für die Zukunft Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen – und die Portfolios anzupassen.**

*Die Konsenszahlen stammen von Bloomberg

**Die in diesem Dokument ausgedrückten Meinungen entsprechen den Markteinschätzungen von LFDE zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Sie können sich entsprechend den Marktbedingungen ändern und LFDE übernimmt keine Haftung dafür.

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Wer und was ist ESG-perfekt?

Dass die Wirtschaft nachhaltig werden muss, scheint klar, der Weg zum Ziel weniger.

Emanuel Lampert. Umwelt, Soziales, Unternehmensführung – wie sieht ein „ESG-perfektes“ Unternehmen aus? Im Detail lasse sich das nicht festmachen, weil sich das Verständnis von Nachhaltigkeit laufend wandle, sagt Thomas Wondrak, Experte für betriebliche Altersvorsorge, bei einer Diskussionsrunde des Börsen-Kurier. „Perfekt“ handle, wer das Thema ernst nimmt und nicht nur zum Marketing nutzt.

Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE, ist der Ansicht, dass die ESG-Kriterien zurzeit noch zu ungenau sind, um klar zu sagen, wer und wie man tatsachlich ESG-konform ist.

Nachhaltigkeit ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern „Marktvoraussetzung“, sagt Michael Meidlinger, CFO des auf den Immo-Bereich spezialisierten Instituts für Anlageberatung (IFA). Energieeffiziente Häuser seien vor einem Jahr „noch nicht so im Fokus“ der Privatanleger gestanden.

Problem Green Washing
Was tun mit „Green Washing“? Andreas Bayerle, Vorstandsmitglied der Helvetia Österreich, hält „spezialisierte Player“, ähnlich Creditrating-Agenturen, für die einzig sinnvolle Lösung. „Es ist völlig undenkbar, dass weltweit jeder institutionelle Anleger jedes Unternehmen der Welt prüft.“

Frühwald betont die Wichtigkeit valider, überprüfter Daten. Bei börsegelisteten Unternehmen könne man zur Umsetzung von Nachhaltigkeitskriterien mittels Steward-ship und Abstimmungspolitik bei Hauptversammlungen Einfluss nehmen.

Das gehe umso besser, je größer man ist, sagt Nachhaltigkeitsfachmann Andreas Dolezal. Kleine Akteure seien aber auf zugeliefertes Datenmaterial angewiesen, „und das gibt‘s einfach momentan nicht“. Alle an sich nötigen Zahlen werde man wohl auch nie zur Verfügung haben.

Nachhaltiges Kundeninteresse?
Seit etwa zwei Monaten sind in der Beratung Nachhaltigkeitspräferenzen abzufragen. Dolezal sieht eine Diskrepanz zwischen Regulierung und „gelebter“ Nachhaltigkeit; der Detailgrad überfordere den Kunden. „Der sagt dann lieber: Ich bin nachhaltigkeitsneutral.“

„Es ist sehr schwer, Begeisterung für einen Versicherungsvertrag zu erzeugen, einfach, weil das ein extrem abstraktes Produkt ist“, sagt Bayerle. Nachhaltigkeit aber interessiere die Leute. Auch Wondrak hat den Eindruck, dass das Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Kunden zwar da ist. „Aber ich glaube, da fehlt noch viel an Finanz- und Nachhaltigkeitswissen.“

Wie misst man Soziales?
Kann man „soziale“ Kriterien in Zahlen fassen? Dolezal sieht das spätestens dann kritisch, wenn es um längere, verästelte Lieferketten geht. Bezüglich der Messbarkeit ist er „gespannt, was sich die EU da einfallen lässt“.

Wirken sich soziale Risiken auf die Unternehmensperformance aus? Ja, meint Frühwald und nennt als Beispiel Minen und Arbeitssicherheit: „Wenn da etwas passiert, das ist ein weltweiter Aufschrei.“ Die Folge: Reputations- und Umsatzverlust.

Wie viel Verantwortung?
Wie weit kann die Verantwortung eines Unternehmens gehen? Sie „kann und muss so weit gehen, wie man es selbst gestalten kann“, samt Einkaufskriterien und Vor-gaben für Sublieferanten, meint Meidlinger.

Nachhaltigkeitsmanagement im Beschaffungswesen sei üblich, wirft Dolezal ein. Was sich aber an Regulierung abzeichne, gehe in die Richtung, „bis auf die andere Seite des Erdballs“ zu kontrollieren, was dort in puncto ESG geschieht. „Das wird die Herausforderung werden.“

Foto: Tanzerfotografie/Rudolph

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie Anfang November im kostenlosen Magazin zum Jubiläum „100 Jahre Börsen-Kurier“.

Es diskutierten vergangenen Freitag unter der Leitung von Herausgeber Marius Perger in der Wiener Börse: Andreas Bayerle (Helvetia), Andreas Dolezal, Anita Frühwald (BNP Paribas AM), Michael Meidlinger (IFA) und Thomas Wondrak

 

 

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Die Geldpolitik der EZB auf dem Prüfstand

Trotz Rekordinflation keine Wiederholung historischer Inflationsbekämpfungsszenarien.

Michael Kordovsky. Von August 1979 bis zum Hoch im März 1980 stieg in den USA die Inflationsrate von 11,8 auf 14,8 %. In diesem Zeitraum erhöhte die Fed unter der Führung von Paul Volcker ihre Fed Fund Rate von knapp mehr als 10,5 auf 20 %. Die Leitzinsen überschritten die meiste Zeit die Inflationsrate, am Inflationspeak sogar um mehr als 5 %-Punkte. Bis Dezember 1982 war die Inflationsrate auf 3,8 % rückläufig und die Leitzinsen auf 8,5 %. In Deutschland lag 1980 und 1981 die Inflationsrate bei jeweils 5,4 bzw. 6,3 % und der Diskontsatz der Deutschen Bundesbank bewegte sich in diesen beiden Jahren von anfänglich 6 %, und ab 29. Feber 1980 bei 7 % ab 2. Mai 1980 durchgehend bei 7,5 %. Auch hier gab es positive reale Leitzinsen.

Kurzfristig noch kräftige Leitzinsanhebungen
Heuer waren bereits die bisherigen Zinsschritte eine „Sensation“. Die Fed hat von Mitte März bis 27. Juli ihre Fed Fund Rate von 0,00 bis 0,25 auf 2,25 bis 2,50 % angehoben, und der Futures-Markt preist für die Fed-Sitzung am 21. September bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % eine weitere Leitzinsanhebung um 75 Basispunkte auf 3,00 bis 3,25 % ein. Das wären dann schon 3 %-Punkte Leitzinsanstieg im laufenden Jahr. (In den USA ist die Inflation von Jänner bis August von 7,5 auf 8,3 % gestiegen.) Doch die Fed hat spät auf die Inflationsentwicklung im Vorjahr reagiert. Denn von Jänner bis Dezember 2021 war es bereits ein Anstieg von 1,4 auf 7,0 %!

In der Eurozone ist die Inflation heuer von Jänner bis August von 5,1 auf 9,1 % gestiegen, während die EZB alle drei Leitzinsen in zwei Schritten um jeweils insgesamt 1,25 %-Punkte anhob. Am 8. September vollzog die EZB mit einer Leitzinsanhebung um je 0,75 %-Punkte die stärkste Anhebung seit 22 Jahren. Weitere Erhöhungen sind zu erwarten, zumal die EZB zuletzt von Juni auf September ihre Inflationsprognosen nach oben revidierte. Für heuer erwartet sie anstatt 6,8 bereits 8,1 % und für 2023 5,5 statt 3,5 %. Eine Annäherung an das Inflationsziel von 2,0 % ist erst 2024 wieder zu erwarten. Nimmt man den Zwei-Jahres EUR-Swapsatz, so liegt dieser per 16. September bei 2,57 %, was bis September 2024 Leitzinserhöhungen auf bis zu 2,5 % impliziert. Heuer sind durchaus noch Leit-zinsanhebungen bis zu 2,0 % denkbar. Danach sollte eine gemächlichere Gangart folgen. Eine Rezession ist dabei kein Hindernis. Auch in den frühen 1980er-Jahren stiegen trotz Rezession die Leitzinssätze.

Damoklesschwert: Zu hohe Staatsverschuldung
Der Unterschied zu den frühen 1980er-Jahren liegt weder in angespannter Geopolitik noch im Wirtschaftsabschwung in Kombination mit hohen Inflationsraten. Was die heutige Zeit von der damaligen Epoche entscheidend abhebt, ist die höchste Staatsschuldenquote in den OECD-Ländern, die es je in Friedenszeiten gegeben hat.

Beispiel USA: 1980 (im 1. Quartal) lag dort die Staatsverschuldung bei 30,9 % des BIP, im zweiten Quartal 2022 bei 122,8 %. Da die relative Staatsverschuldung viermal höher ist als im ersten Quartal 1980, sind in den USA unter dem Aspekt der proportionalen Belastungsbetrachtung Leitzinsen von 5 % eine denkbare Obergrenze. In Europa kann ein Blick auf die Leitwirtschaft Deutschland geworfen werden, deren Staatsschuldenquote im ersten Quartal 2022 bei 68,2 % liegt, verglichen mit

36,5 % des BIP im Jahr 1982. Doch es sind Länder wie Frankreich, Italien, Portugal, Spanien und Griechenland, die beunruhigen, denn deren Staatsschuldenquoten bewegen sich im ersten Quartal 2022 zwischen 114,4 % (Frankreich) und 189,3 % (Griechenland). Italiens Staatsschuldenquote liegt bei 155,6 % des BIP. Ein Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank von 3,0 % wäre bereits der höchste Stand seit 2008 und aktuell eine mögliche Schmerzgrenze bezüglich drohender Schuldenkrisen in Europa.

Foto: AdobeStock / mekcar

 

 

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Wartestellung für Hydrogen-Aktien

Internationale Wasserstoff-Aktien im Vergleich.

Roman Steinbauer. Der Wasserstoffantrieb hat im Pkw-Segment gegenüber dem batterie-getriebenen E-Auto eindeutig das Nachsehen. Und doch treten für den Transport schwerer Lasten Vorteile dieser Technologie hervor. Allerdings formierte sich Skepsis zur energieintensiven Logistik und zu mit Erdgas gewonnenem Wasserstoff. Somit reift der nächste Anlauf mit „grünem“ Wasserstoff (der Strom für die Elektrolyse kommt aus Biomasse, Wind- oder Sonnenenergie) heran.

Luxemburgs Transportminister François Bausch prognostizierte anlässlich der Errichtung der ersten „grünen“ Wasserstofftankstelle im Lande gegenüber dem Luxemburger Tageblatt: „Diese Technologie wird sich durchsetzen, soweit sie von der öffentlichen Hand unterstützt wird. Das war auch mit der Elektromobilität so.“ Sowohl im Busverkehr als auch im Gütertransport gebe es Firmen, die darauf warten. Ebenso mahnte bereits im Vorjahr der Direktor der International Energy Agency (IEA), Fatih Birol, die Politik, die Barrieren zur Wasserstoff-Nutzung zu senken.

Zukunftsmarkt Lkw und Bahn
Anhand der H2 Mobility Deutschland GmbH ist die Bündelung der Kräfte zur Schaffung der Infrastruktur in unserem Nachbarland ersichtlich. Die Gesellschaft, zuständig für die Errichtung der Wasserstoffstationen, wendet sich an Betriebe, Logistiker und Flottenbetreiber. Hinter der Initiative zum Lückenschluss zu den Kfz-Herstellern stehen namhafte Gaslieferanten und Autoproduzenten wie Air Liquide (ISIN: FR0000120073), Linde (IE00BZ12WP82), Daimler Truck (DE000DTR0CK8), Hyundai (KR7005380001), Shell (GB00BP6MXD84), Total Energies (US89151E1091) oder auch die OMV. Zudem verkündete der größte Kfz-Zulieferer, die Robert Bosch Gmbh, durch erkannte Vorteile neu gekaufte Transporter auf Wasserstoff umzurüsten. Auch auf der Schiene werden die Perspektiven vielversprechender. So testet die Deutsche Bahn derzeit den ersten, gemeinsam mit Siemens entwickelten, Wasserstoffzug-Triebwagen, um die Diesel-Lok auszurangieren.

Vorläufige Delle für Trendaktien
Aktien jener Gesellschaften, die in den Hydrogen-Sektor involviert sind, kamen heuer ebenso mit bis zu 25 % im Vergleich zu den Spitzenwerten des Vorjahres unter Druck. Dies betrifft den US-Anbieter Air Products and Chemicals (US0091581068) ebenso wie die französische Air Liquide. Hervorragend hielten sich hingegen die Papiere des weiteren Industriegas-Giganten Linde plc (10 % unter dem Top). Nach dem Höhenflug und der folgenden Erosion der Aktien im Jahr 2015 dürsten die Valoren der FuelCell Energy (US35952H6018) mit leichter Aufwärtstendenz vorerst weiter. Der Einbruch der Umsätze fand allerdings ein Ende.

Foto: AdobeStock / m.mphoto

 

 

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Wie schlimm wird Europas Energiekrise?

Die Politik greift zunehmend in den Energiemarkt ein. Das sollten Anleger im Auge behalten.

Raja Korinek. Die Energiekrise zieht in Europa immer weitere Kreise. Russland liefert kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1, eine Entscheidung, die mit technischen Problemen aufgrund der Sanktionen begründet wird. Die Entwicklungen lassen auch den Gaspreis in Europa verrücktspielen. Ende August schnellte der Preis zwischenzeitlich auf mehr als 330 Euro pro Megawattstunde.

Im Rahmen eines Vortrages zu „Europas Energiekrise: Was sind die Alternativen“ von J.P. Morgan Asset Management, gingen Experten auf aktuelle Entwicklungen ein. Der Börsen-Kurier war dabei.

Russische Gasimporte sinken
US-Aktienanalyst David Maccarrone verwies auf die rückläufigen Importe von russischem Gas nach Europa auf nur mehr 17 % aller Gaslieferungen. Im Vorjahr waren es noch 35 %. Angesichts der jüngsten Preissprünge lohne sich inzwischen der Kauf von Flüssiggas (LNG oder Liquified Natural Gas) als Alternative. Bestrebungen gibt es reichlich, etwa in Deutschland, wo die Industrie jede Menge Gas benötigt. So hat die deutsche Bundesregierung fünf LNG-Importterminals gemietet.

Maccarrone mahnt aber auch vor dem steigenden Wettbewerb um LNG. „Derzeit werden rund 70 % am Weltmarkt nach Asien verkauft.“ Es werde ein Buhlen um LNG geben. Er sieht deshalb auch die Einsparungen beim Gasverbrauch in Europas Industrien positiv. Und hofft, dass sich private Haushalte dem anschließen. Denn die aktuellen Füllstände böten kaum ausreichenden Puffer im Falle eines sehr kalten Winters. In Österreich lag der Füllstand der Erdgasspeicher per Anfang September bei knapp 70 % der möglichen Gesamtkapazität.

Öl als Alternative wiederentdeckt
Obendrein wird in Europa teils auch von Gas auf Öl umgestiegen. „Solch ein Schritt ist nicht besonders nachhaltig, hilft aber, im kommenden Winter menschliches Leid möglichst zu lindern.“ Zugleich werde der Ausbau erneuerbarer Energien stärker forciert werden. Doch solche Projekte brauchen mehrere Jahre Vorlaufzeit, da behördliche Genehmigungen dauern, ergänzt der Analyst.

Fred Barasi, er ist ebenfalls Analyst bei J.P. Morgan Asset Management, verweist zudem auf die stark gestiegenen Strompreise. Das rufe die Politik zunehmend auf den Plan, wenn auch viele Versorger nicht in vollem Ausmaß von den hohen Preisen profitieren. „In der Regel sichern sich Stromkonzerne die Preise für ihre Produktion auf rund zwei Jahre ab“, mahnt Barasi vor übereilten Handlungen.

Politische Eingriffe nehmen zu
Nichtsdestoweniger geht es Schlag auf Schlag: In Österreich wurde vorige Woche der Strompreisdeckel für Privathaushalte vorgestellt. Für einen Verbrauch von bis zu 2.900 Kilowattstunden (kWh) müssen nur 10 Cent pro kWh bezahlt werden. Die Europäische Kommission plant zudem eine Obergrenze für die Gewinnmargen von Unternehmen, die Strom günstig produzieren. Einzelne Mitgliedsländer haben sie bereits eingeführt.

Gemeint sind etwa Produzenten erneuerbarer Energien, die Strom zu günstigeren Preisen herstellen als jene Energiekonzerne, die teures Gas für die Verstromung brauchen.

Dennoch lukrieren die günstigen Produzenten den teuersten Strompreis, das soll sich ändern. Für Öl- und Gasunternehmen will die EU zudem einen Solidaritätsbeitrag vorschlagen, da sie gerade kräftige Gewinne einfahren.

Für Energie- und Versorgerkonzerne könnte das Umfeld angesichts von Preisdeckeln und Abgaben rauer werden. Anleger werden auch die wachsenden politischen Einflüsse berücksichtigen müssen.

Foto: Pixabay / ColiN00B

 

 

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Porsche legt den Börsenturbo ein

Anleger können ab nächster Woche die Aktien des Sportwagenkonzerns zeichnen.

Stefan Riedel, München. Ende September, spätes-tens aber Anfang Oktober, oder nach den Worten von Finanzvorstand Lutz Meschke „je früher desto besser“ will die Porsche AG an die Börse rasen. Die rechtliche Grundlage dafür haben Vorstand und Aufsichtsrat des Eigentümers Volkswagen mit ihrer Zustimmung gelegt. Für den Börsengang wurde das Porsche-Grundkapital jeweils zur Hälfte in stimmrechtslose Vorzugsaktien und in stimmberechtigte Stammaktien aufgespalten. Der mit VW bestehende Beherrschungsvertrag sowie der Gewinn- und Verlustabführungsvertrag sollen Ende dieses Jahres beendet werden.

Aus dem von VW und der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE (PSE) umstrukturierten Grundkapital wird ein Viertel der Vorzugaktien zur Zeichnung angeboten. Damit sollen etwa 12,5 % des Grundkapitals im Frankfurter Börsensegment Prime Standard gelistet werden. Gleichzeitig bekommt die Porsche SE 25 % plus eine Aktie der Stammpapiere. Mit diesem Schritt soll sie über eine Sperrminorität Einfluss auf zentrale AG-Entscheidungen behalten.

Bei Vorzugsaktien handelt es sich um Aktien, bei denen die Aktionäre zwar kein Stimmrecht besitzen. Im Gegenzug erhalten sie aber eine Dividendengarantie auf eine bevorzugte und in der Regel auch höhere Dividende als bei der klassischen Stammaktie.

Veröffentlicht wird der Wertpapierprospekt der Porsche AG mit der Preisspanne und der Anzahl der angebotenen Aktien Anfang nächster Woche. Anleger können dann im Onlinesystem ihrer Depotbank die Anzahl der Aktien, die sie zeichnen wollen, und den Preis, den sie dafür zahlen wollen, angeben. Zeichnen können Privatanleger aus Deutschland und fünf anderen Ländern, darunter auch Österreich, indem sie ihre Bank online oder telefonisch kontaktieren. Orders über die Institute, die Teil des Bankenkonsortiums sind, erhalten eine Vorzugsbehandlung. UniCredit agiert als Joint Bookrunner zusammen mit fünf anderen internationalen Geldhäusern. Joint Global Coordinators und Joint Global Bookrunners sind BofA Securities, Citigroup, Goldman Sachs und J.P. Morgan.

Profitabelster Autobauer
Porsche strebt einen Emissionserlös von 7,5 bis 10 Mrd Euro an. Damit könnte der Autokonzern mit 60 bis 80 Mrd Euro bewertet werden. Das entspricht einer mehr als doppelt so hohen Marktkapitalisierung wie beim italienischen Konkurrenten Ferrari (ISIN: NL0011585146), dessen Aktienkurs sich in den vergangenen sechs Jahren verfünffacht hat. Der Noch- Mutterkonzern Volkswagen kommt übrigens auf einen Börsenwert von mehr als 80 Mrd Euro.

Vom Volumen wäre das Porsche-IPO damit einer der größten Börsengänge in Europa in den letzten zehn Jahren. Angesichts des aktuellen Marktumfelds könnten Anleger zu einem niedrigeren Preis zum Zug kommen als zu Haussezeiten. Porsche zählt zu den profitabelsten Autobauern überhaupt. 2021 kam das Unternehmen auf eine operative Umsatzrendite von 16 %. Langfristig peilt der Konzern mehr als 20 % an. Der VW-Gesamtkonzern schaffte zuletzt ganze 8 %. Mehr als 15 Mrd Euro will Porsche bis 2025 investieren, einen größeren Teil davon aus den Emissionserlösen.

Foto: wikimedia / Alexander Migl

 

 

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Sanfte Landung für die US-Wirtschaft?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim französischen Assetmanager LFDE.

(06.09.) „Auch wenn die Wirtschaft in eine Rezession gerät – wir müssen die Inflation senken.“ Deutlicher als mit diesem Statement von Loretta Mester, der Präsidentin der Notenbank von Cleveland, kann man es wohl kaum sagen. Doch nichts anderes hatte auch Jerome Powell, Präsident der US Federal Reserve (Fed), auf dem Symposium der Zentralbanken in Jackson Hole Ende August gesagt – wenn auch etwas diplomatischer ausgedrückt. Eine Warnung, die den Märkten nach der übertriebenen Euphorie im Sommer eine unerfreuliche Wahrheit in Erinnerung gerufen hat, nämlich dass die Zentralbanken keine Unterstützung mehr leisten werden – und das für lange Zeit.

Dieser neue Stand der Dinge hat schwerwiegende Konsequenzen, denn die Anleger haben sich in mehr als zehn Jahren allzu sehr daran gewöhnt, dass die Schatzmeister der Welt ihnen beim geringsten Schwächeanfall zu Hilfe eilen. Dabei ist die Geldpolitik bei all ihrem Einfluss nicht der alles entscheidende Faktor für die Märkte. Auch die Wirtschaftsdynamik ist ein Faktor, den man nicht außer Acht lassen sollte. An dieser Front sind die Aussichten gar nicht so düster, vor allem nicht in den USA.

Inflationsdruck nimmt ab
Schauen wir uns zunächst die Inflation an. Blickt man über die Monatszahlen hinaus, lässt sich feststellen, dass Vieles auf ein allmähliches Nachlassen des Inflationsdrucks hindeutet. Im Automobilsektor, der im Frühjahr 2021 einen hohen Beitrag zur Inflation geleistet hat, ist ein anhaltender Rückgang der Gebrauchtwagenpreise sowie eine Wiederaufstockung der Neuwagenbestände zu beobachten, was eine Stabilisierung der Preise zur Folge haben dürfte. Ganz allgemein dürfte die allmähliche Entspannung bei den globalen Lieferketten, die in den vergangenen Quartalen durch Engpässe beeinträchtigt waren, zu einer Verringerung des Preisdrucks auf Konsumgüter beitragen. Auch bei Immobilien, die bei der Teuerung in den vergangenen Monaten ebenfalls eine bedeutende Rolle spielten, zeichnet sich eine Mäßigung ab. Die Nachfrage bricht sowohl bei den Transaktionen als auch bei Finanzierunganträgen ein, während die Bestände wieder zunehmen. Dies wird unweigerlich zu einem Rückgang der Immobilieninflation in den nächsten Monaten führen. Schließlich dürfte auch die starke Aufwertung des Dollars gegenüber den meisten anderen Währungen zu einer Disinflation bei Importprodukten führen.

US-Wirtschaft mit mehreren Sicherheitsnetzen
Diese Aussichten auf eine Verringerung der Inflation sind gute Nachrichten für die Wirtschaftsakteure. Mit ihnen gehen aber auch weniger positive Entwicklungen einher, insbesondere ein stockender Konsum, die Gefahr des Aufbaus von Überbeständen und ein negativer Wohlstandseffekt durch den bevorstehenden Rückgang der Immobilienpreise. Die US-Wirtschaft verfügt allerdings über mehrere Sicherheitsnetze. Zunächst einmal beginnen die Privathaushalte gerade erst damit, aus den erheblichen Sparreserven zu schöpfen, die sie während der Coronakrise aufgebaut haben. Hinzu kommt, dass weder Privathaushalte noch Unternehmen insgesamt übermäßig verschuldet sind und dass sich die Rentabilität der Unternehmen auf hohem Niveau halten konnte. Schließlich befindet sich auch der Arbeitsmarkt weiterhin in sehr guter Verfassung. Die Anträge auf Arbeitslosenunterstützung steigen nur sehr moderat und Neuanträge gehen seit einigen Wochen sogar zurück. Die Anzahl offener Stellen ist im Vergleich zur Zahl der Arbeitsuchenden weiterhin hoch und es werden in solidem Umfang neue Arbeitsplätze geschaffen, mit über 300.000 neuen Stellen allein im August.

Ideales Umfeld für die Aktienmärkte
Auch wenn es eine Gratwanderung bleibt, lassen die Wirtschaftsdaten im Moment die Hoffnung auf eine „sanfte Landung“ zu. Ein Szenario, in dem die Fed ihre geldpolitische Straffung bis zum Ende weiterverfolgen würde, ohne dass es hierdurch zu einer Konjunkturschwäche käme, die ausgeprägter wäre als die der vergangenen Monate. Das wäre ein ideales Umfeld, in dem die Aktienmärkte auf der Grundlage solider Fundamentaldaten wieder Fahrt aufnehmen könnten.

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Sachwerte als Inflationsschutz

Was schützt wirklich vor Inflation? Der Börsen-Kurier zeigt Zahlen, Daten und Fakten.

Michael Kordovsky. Bei Inflationsschutz fällt den meisten auf Anhieb physisches Gold ein. Aber den Goldpreis prägen langjährige unberechenbare Kursbewegungen und auch jahrzehntelange Durststrecken. Bis das Preishoch aus dem Jahr 1980 (umgerechnet 850 Euro) wieder erreicht wurde, dauerte es bis 2008. Seit dem Jahresende 2008 stieg der Goldpreis per Ende August 2022 um 5,2 % p.a. Das deckt zwar die Inflation ab, ist allerdings eher mäßig für die enormen langfristigen Schwankungsbreiten. Doch wenn es wirklich kritisch wird, ist auf Gold Verlass. In Deutschland zeigte Gold in den Jahren 1913 bis zum Höhepunkt der Hyperinflation von 1923 solide Inflationsschutzeigenschaften. In diesen zehn Jahren stieg der Lebenshaltungskostenindex des Statistischen Reichamtes explosionsartig an, während sich der Preis für eine Feinunze Gold mehr oder minder real hielt.

Immobilien nur mäßiger Schutz
Ebenfalls häufig als Inflationsschutz erworben werden Wohnungen, da deren Mieterträge an den Verbraucherpreisindex gekoppelt sind. Doch Immobilien konkurrieren als Geldanlage auch mit Anleihen um Investoren, somit sind steigende Zinsen schlecht und fallende gut für den Preis. Letzteres ist aber mehr in Zeiten sinkender Inflationsraten der Fall.

Wie sieht es dann langfristig aus? Die Corona-Krise und die Eigendynamik des boomenden Marktes führten dazu, dass bundesweit in Österreich die Wohnimmobilienpreise seit dem vierten Quartal 2020 kontinuierlich auf Jahresbasis zweistellig steigen (10 bis 13,1 %). Doch auf derartige Phasen folgten dann wieder Durststrecken. So führten beispielsweise die Ostöffnungseuphorie und die EU-Beitrittsspekulation in Österreich Anfang der 1990er-Jahre Beitritt dazu, dass in den Jahren 1988 bis 1992 in Wien die Wohnimmobilienpreise jeweils um 11,5, 18,2, 26,1, 20,6 bzw. 16,0 % anstiegen. Von 1993 bis 2004 hingegen lag die Bandbreite bei -4,9 bis +1,8 %.

Eine Untersuchung von Rothschild & Co auf Basis von Daten der FRED-Datenbank der St. Louis Fed und von Bloomberg bescheinigte Häusern im Zeitraum von 1991 bis 2021 eine Realrendite von 2,3 % p.a., verglichen mit 3,2 bei Gold und 9,4 % bei Aktien.

Einen hervorragenden Inflationsschutz bietet laut einer Untersuchung von HQ Trust im Zeitraum Dezember 2000 bis September 2021 aber Private Equity (PE). PE-Fonds (Buyout, Expansionskapital und Venture Capital) werfen langfristig Renditen in zweistelliger Größenordnung ab. Laut HQ Trust liegt die PE-Performance in Quartalen mit einer US-Inflation von unter 1,5 % (25 % der Quartale) bei 10 % p.a. Im Falle einer Inflation in der etwaigen Größenordnung von 1,5 bis 2,5 % sind es 11 % und bei über 2,5 % (35 % der US-Quartale) Inflation steigt die Performance auf 17,3 %. Die Durchschnittsperformance lag bei 12,9 % p.a.

Schöner anlegen
Seltene Farbedelsteine sind in den vergangenen 27 Jahren um 4 bis 8 % p.a. gestiegen, Rubine im Schnitt um 8 % p.a., blaue Saphire und Smaragde je nach Qualität um 4 bis 6 % p.a. Allerdings sollten Edelsteine nur mit Zertifikaten unabhängiger gemmologischer Labore gekauft werden. Die erforderlichen Mindestinvestments liegen bei rund 3.000 E pro Edelstein.

Auch Oldtimer können sich lohnen und höhere Wertzuwächse als die Inflation erzielen. Der vom VDA veröffentlichte Oldtimer-Index stieg von 1999 bis 2021 geometrisch (CAGR) um 4,7 % p.a. Die Fahrzeugwerte ermittelt der Bewertungsspezialist Classic-analytics. Doch Vorsicht: Der Erhalt eines Oldtimers kostet Geld. So fallen beispielsweise Stellkosten und Betriebskosten an. Damit der Inflationsschutz greift, sollte deshalb in rare und teurere Fahrzeuge investiert werden.

Foto: Adobe Stock / Sergey Kohl

 

 

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Best in Class: Ist weniger schmutzig schon nachhaltig?

Auch bei der Vorsorge mittels nachhaltiger Produkte gilt es, genau hinzusehen.

Andreas Dolezal. Nachhaltiges Investieren ist in aller Munde, bei klassischen Geldanlagen ebenso wie bei langfristiger Vorsorge. Die EU-Kommission gießt ihre Ziele und Kriterien für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten gerade in wortreiche Verordnungen. Auf deren Basis wählen Assetmanager die Zielinvestments, also Aktien und Anleihen, für nachhaltige Finanzprodukte aus. Mit oft überraschendem Ergebnis.

Richtige Richtung
Nachhaltig investieren und vorsorgen ist grundsätzlich eine gute Sache. Assetmanager und Anleger stützen sich dabei meist auf die ESG-Kriterien: Umwelt, Soziales bzw. Gesellschaftliches und gute Unternehmensführung. Noch etwas eingeschränkt sind die vorhandenen EU-Kriterien, die bis dato nur Umweltziele kennen und darauf abstellen, ob eine wirtschaftliche Tätigkeit dem Erreichen eines oder mehrerer Umweltziele dient.

Vorsorge- und Anlageprodukte, die diese Kriterien bei der Auswahl von Zielinvestments für Deckungsstock oder Fondsvermögen berücksichtigen, nennen sich nachhaltige Finanzprodukte. Sie schmücken sich oft mit einem Gütesiegel wie dem österreichischen Umweltzeichen, oder tragen im Sinne der EU-Regularien das Attribut „Artikel 8“ oder „Artikel 9“. Trotzdem finden sich in den Portfolios auch Aktien und Anleihen von Unternehmen wieder, die wir nicht unbedingt als klima- und umweltfreundlich, gesellschaftlich engagiert oder fair wirtschaftend kennen.

Unterschiedliche Ansätze
Des Rätsels Lösung lautet vielfach Best-In-Class-Ansatz. Bei diesem Managementansatz erstreckt sich das Anlageuniversum auf jene Unternehmen, die innerhalb ihrer Region, Branche oder Klasse die besten Leistungen – in unserem konkreten Fall bezüglich Nachhaltigkeit – erbringen. So selektieren Assetmanager zum Beispiel Unternehmen einer Branche, die (erneuerbare) Energie besonders effizient nutzen, Abfall möglichst vermeiden, Weiterbildungen für Mitarbeiter anbieten oder soziale Projekte unterstützen. Jene Unternehmen, die im Branchenvergleich am besten abschneiden, sind dann „Best in Class“.

Der Best-in-Class-Selektionsprozess lässt sich auf alle Branchen und Wirtschaftstätigkeiten anwenden, nicht nur auf jene, die allgemein als „grün“ und nachhaltig gelten, sondern auch auf „schmutzige“ Branchen wie fossile Energieerzeugung, Glückspiel und Waffenproduktion. Auch unter den Öl- und Gasförderern, deren Produkte ja eher als klimaschädlich gelten, gibt es beispiels-weise jene, die weniger Umweltschäden verursachen, ihren Mitarbeitern mehr freiwillige Sozialleistungen bieten und mehr für CO2-Kompensation ausgeben als Mitbewerber. Diese Öl- und Gasproduzenten gelten dann als nachhaltig(er) im Sinne von Best in Class. Manche Assetmanager vermeiden solche offensichtlichen Diskrepanzen durch zusätzliche Ausschlusskriterien.

Argumentiert wird auch damit, dass grundsätzlich jedes Unternehmen, etwa durch das Schaffen von Arbeitsplätzen und das Bezahlen von Steuern und Abgaben, einen Beitrag zur Gesellschaft leistet. Der Best-In-Class-Ansatz soll Unternehmen und Branchen, deren Produkte als klima- und umweltschädlich gelten, auch dazu motivieren, ihre Geschäftstätigkeiten nachhaltiger zu gestalten.

Probleme einfach auslagern?
Zu beobachten ist allerdings, dass Konzerne ihre „schmutzigen“ Geschäftsbereiche verkaufen oder in separate Gesellschaften ausgliedern und sich nur die „grünen“ Tätigkeitfelder behalten. Diese „grünen“ Teilbereiche gelten dann zwar als nachhaltig, der echten Nachhaltigkeit ist jedoch nicht gedient, wenn „schmutzige“ Geschäftsfelder einfach unter anderem Namen mit anderen Eigentümern weiterbetrieben werden.

Nachhaltig orientierte Anleger müssen sich im Klaren sein, dass es weder zu 100 % nachhaltige Unternehmen noch zu 100 % nicht-nachhaltige gibt. Die Realität liegt immer irgendwo in der Mitte sowie im Auge des Betrachters.

Foto: Adobe Stock / Roman

 

 

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Kennt Luxus keine Krise?

Luxusaktien: langfristiges Wachstum jenseits von Marktturbulenzen.

Lea Schweinegger. Gehen am Luxusmarkt und am Markt für „schöne Dinge“, die wir an dieser Stelle immer wieder präsentieren, alle Krisen dieser Welt spurlos vorbei? Kurzfristig nicht immer, aber in der Langfristperspektive sehr wohl, so die Antwort.

So brach der Markt beim Ausbruch von Covid und bei den Schließungen lokaler Shops und den Lockdowns zwar vorübergehend kräftig ein, doch schon bald erlebte er wieder eine Erholung. Das Geld war und ist ja weiter vorhanden, auch wenn zuletzt im ersten Halbjahr 2022 durch den Ukraine-Krieg die russische Käuferschicht teilweise ausgefallen ist. Nichtsdestoweniger bleiben die Umsätze hoch und die Luxusgüter selber behalten über lange Zeiträume hinweg zumindest ihren Wert, da sie für viele auch einen sicheren Hafen darstellen.

Hohe Steigerungsraten
Und so soll der Umsatz im Markt Luxusgüter, wie wir bereits in der Vorwoche berichtet hatten, von 2022 mit rund 300 Mrd Euro bis zum Jahr 2027 auf ein Marktvolumen von knapp 350 Mrd Euro steigen. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von mehr als 4 %. „Trotz eines schwierigen ersten Halbjahres 2022 hat der Luxussektor das Potenzial für ein starkes zukünftiges Wachstum, das durch die anhaltende Nachfrage nach Luxusartikeln in den USA, eine Erholung in China und die überlegene Preissetzungsmacht des Sektors gestützt wird“, analysiert die Assetmanagerin Swetha Ramachandran in diesem Zusammenhang.

Sorgen im ersten Halbjahr 2022
Die erste Jahreshälfte war für die Märkte eine Herausforderung, da sie weiterhin zwischen der Sorge um die Entwicklung der Zinssätze und einer möglichen Rezession infolge der Straffung der Geldpolitik schwankten, meint die Expertin für Luxusgüter von GAM Investments in einem Kommentar. Aber: Der Luxussektor hat ihr zufolge schon viele Stürme überstanden. Bei jedem Rückschlag habe sich der Sektor stärker erholt, wobei sich die Zeitspanne zwischen Ausverkauf und Erholung jedes Mal verkürzte, da der Markt den strukturellen Rückenwind des Sektors zu schätzen wusste – nämlich die weltweit wachsende aufstrebende Mittelschicht und deren überdurchschnittlich hohe Bereitschaft, Geld für Luxusmarken auszugeben, so Ramachandran.

US-Amerikaner treiben Nachfrage
Die US-Konsumenten sind laut der Fachfrau derzeit der größte Treiber für Luxusausgaben. Die größte Sorge bestehe darin, dass der Inflationsdruck zu einem starken Rückgang der Luxusausgaben in einem bisher dynamischen Markt für Luxusmarken führen könnte. Verbraucher aus der Mittelschicht und darüber geben jedoch nur etwa 20 bis 30 % ihres verfügbaren Einkommens für notwendige Dinge wie Lebensmittel, Gas, Unterkunft, Versorgungsleistungen aus, während es bei den Verbrauchern der unteren Einkommensschichten 94 % sind.

„Während wir also eher eine allmähliche Normalisierung der hohen US-Wachstumsraten für die Branche insgesamt erwarten, scheinen Luxusaktien einen drastischen Rückgang der US-Nachfrage einzupreisen, was wir angesichts der strukturellen Triebkräfte für die Ausweitung der US-Konsumentenbasis – jünger, vielfältiger, mehr Männer, mehr Verbraucher, die sich für langlebige Artikel statt für Fast Fashion interessieren – für unwahrscheinlich halten“, geht die Aktienexpertin ins Detail.

Asien bleibt eine bedeutende Region
Sie verweist aber auch auf China: Trotz der weltweiten Besorgnis über die Schließung der Covid-Märkte sei die Erholung in Shanghai seit der Wiederöffnung als solide zu bezeichnen. Darüber hinaus habe die chinesische Regierung in Form von Steuerrückerstattungen und Gutscheinen Anreize für den Konsum erprobt. Für Ramachandran mit ein Grund, dass sich der Handel in China verbessert, Luxusmarken eher en vogue sind, als dass sich der Markt verschlechtert, was jedoch das Risiko für die Gewinne aus dieser wichtigen Nachfragequelle mindert.

Junge Verbraucher dominieren
Außerhalb Chinas werden ihrer Ansicht nach die Märkte in Südostasien, die von jungen Verbrauchern der Mittelschicht dominiert werden, in Zukunft zu bedeutenden Wachstumstreibern für den globalen Luxusmarkt werden. Der vorherrschende Wirtschaftstrend in Südostasien sei, wie auch anderswo, die Vergrößerung der Mittelschicht. Mit einem Gesamt-BIP von 2,976 MrdUSD sollte Südostasien bis 2030 der viertgrößte Wirtschaftsraum sein.

Preissetzungsmacht und robuste Gewinnmargen
Zum Ausblick meint die GAM-Fachfrau: „Unser positiver Ausblick auf den Sektor wird durch die nach unserer Einschätzung überlegene Preissetzungsmacht und die begrenzte Nachfrageelastizität vor einem inflationären Hintergrund untermauert. Der Ausgangspunkt für die starke Preissetzungsmacht des Sektors sind seine hohen Bruttomargen, die nicht nur stabil sind, sondern bei einigen Unternehmen sogar steigen – trotz steigender Inflation.“ Die Ergebnisse des zweiten Quartals seien ein hinreichendes Anzeichen dafür, dass der Handel robust bleibt und sich die Gewinnmargen als äußerst widerstandsfähig erweisen. Und so ist GAM Investments der Ansicht, dass die Aussichten für den Luxussektor trotz der gegenwärtigen schwierigen Marktbedingungen weiterhin gut sind.

Foto: Pixabay / antonytrivet

 

 

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Wir sind noch nicht über den Berg

Ein Kommentar von Ariel Bezalel, Head of Strategy Fixed Income, und Harry Richards, Fondsmanager im Fixed Income-Team bei Jupiter Asset Management

(29.08.) Im Juli traten die Märkte in eine neue Phase ein: Nach der Volatilität im ersten Quartal, die durch die hawkische Politik der Fed und den Krieg ausgelöst wurde und die sich im zweiten Quartal aufgrund zunehmender Rezessionsängste, insbesondere im Juni, weiter verschlechterte, erlebten wir in diesem Sommer eine Erholung der Aktien- und Unternehmensanleihemärkte. Warum? Der Optimismus, dass die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten die Zentralbanken dazu veranlassen würden, von ihren Plänen einer strafferen Geldpolitik abzulassen, wurde durch eine sehr pessimistische Positionierung der Anleger noch verstärkt – ein klassischer „Short Squeeze“ in einem Bärenmarkt.

Wir sind der Meinung, dass die Aktienbewegungen nicht die Realität widerspiegeln. Erstens glauben wir nicht, dass die Fed eine Pause einlegen wird. Jerome Powell wird wahrscheinlich die Konferenz in Jackson Hole und die Fed-Sitzung im September nutzen, um die Pläne für eine weitere Zinserhöhung und das Tapering zu bekräftigen. Die vorwärtsgerichteten Indikatoren deuten zwar auf ein langsameres Wachstum hin, aber die Politik der Fed wird im Wesentlichen durch rückwärtsgerichtete Indikatoren für Inflation und Beschäftigung bestimmt. Die Inflation mag ihren Höhepunkt erreicht haben, ist aber immer noch viel zu hoch, als dass sich die Fed sicher sein könnte, dass sie zu ihrem Ziel zurückkehren wird. Die Zahl der neuen US-Arbeitsplätze im Juli lag mit 525.000 weit über den Erwartungen. Darüber hinaus ist der politische Druck auf die Fed, die Inflation vor den Zwischenwahlen zu drosseln, enorm.

Es wird noch viel schlimmer
Zweitens ist die Rezession zwar von einer entfernten Möglichkeit zu einem Konsens geworden, aber wir glauben nicht, dass die Anleger das Ausmaß der bevorstehenden Wachstumsverlangsamung begriffen haben. Der Druck auf die Verbraucher ist seit Beginn des Krieges bekannt, da die Lebensmittel- und Energiepreise in die Höhe schießen. Aber es wird noch viel schlimmer werden. Bislang haben die Verbraucher in diesem Jahr ihre Ersparnisse aufgebraucht und sich verschuldet, um den Konsum zu finanzieren. Dieser Spielraum wird immer geringer. Im Winter werden die Kraftstoffpreise die Brieftaschen hart treffen. Zwar sinken die Öl- und Rohstoffpreise, aber das ist nicht genug.

Die Entwicklung des US-Immobilienmarktes wirkt sich auch auf die Weltwirtschaft aus. Die finanzielle Tragfähigkeit von Wohnraum in den USA ist aufgrund steigender Hypothekenzinsen, höherer Hauspreise und sinkender Realeinkommen auf ein Niveau zusammengebrochen, das wir seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben. Die Daten zum Wohnungsmarkt überschlagen sich: Hausverkäufe gehen schnell zurück. Das gilt nicht nur für die USA. Auch in Kanada, Australien, dem Vereinigten Königreich, Schweden, Südkorea und anderen Ländern verschlechtert sich die Wohnsituation. Viele dieser Volkswirtschaften haben stark fremdfinanzierte Wohnungsmärkte, die anfällig für höhere Zinsen sind. Die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt brauchen Zeit, bis sie sich bemerkbar machen und werden sich stark auf das BIP auswirken. Der Wohnungsmarkt macht 20 % des US-BIP aus.

China wird dem Westen nicht aus der Rezession helfen
Dass sich das Wachstum in China abschwächen wird, ist den Anlegern ebenfalls klar, aber auch hier sind die Auswirkungen noch nicht vollständig eingepreist. Die Auflösung der Immobilienblase in China wird noch Jahre dauern, die Nullzinsen bremsen das Wachstum, das Verbrauchervertrauen ist gering, und ein starker Rückgang der Ausgaben für langlebige Güter in den Industrieländern wird die chinesische Industrie treffen. Die Regierung ist gefangen zwischen hohen Wachstumszielen, die zunehmend unerreichbar erscheinen und ihrer mangelnden Bereitschaft, zu den schuldenfinanzierten Infrastrukturausgaben der Vergangenheit zurückzukehren, was Anreize schwierig macht. China wird dem Westen dieses Mal nicht aus der Rezession helfen, sondern sie eher verschlimmern. Es gibt sogar Grund zu der Annahme, dass China in einer Liquiditätsfalle stecken könnte, da die Banken vor Liquidität strotzen, die Verbraucher jedoch zögern, Kredite aufzunehmen. Eine bilanzielle Rezession in China ist durchaus möglich. Dies könnte durchaus zu einer längeren Phase der säkularen Stagnation führen.

Vor diesem Hintergrund haben sich viele Investoren der Hoffnung hingegeben, dass die Fed einlenkt, aber wir glauben nicht, dass das passiert. Die Fed wird ihre Straffung fortsetzen, was den Abschwung noch verstärken wird. Der Liquiditätsverlust durch das Tapering hat sich in der Vergangenheit immer dann auf die Märkte ausgewirkt, wenn er eintrat. Er wird in der Regel nicht im Voraus eingepreist. Und weitere Zinserhöhungen der Fed sind im September und darüber hinaus wahrscheinlich.

Je länger die Zentralbanken das Ende der Inflation auf Kosten aller anderen Faktoren verfolgen, desto tiefer und schädlicher werden die Auswirkungen auf das Wachstum und damit die Rezession. Dieser Ansatz spannt die Feder der Staatsanleihen bis zum Äußersten und wird dafür sorgen, dass die Renditen besonders heftig zurückschnellen, wenn der Wendepunkt erreicht ist.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste
Kurzfristig bleiben wir daher vorsichtig positioniert. Die Inflation verlangsamt sich zwar, aber noch nicht rasch genug, um der Fed eine Lockerung der Politik zu ermöglichen. Die Anleihemärkte spiegeln unseres Erachtens die Realität besser wider, da sie kurzfristig mit Zinserhöhungen der Fed rechnen und auf längere Sicht mit sinkendem Wachstum und niedrigeren Zinsen. Die Differenz zwischen den 2- und 10-jährigen Zinssätzen in den USA ist heute so negativ wie seit 2000 nicht mehr. Wir glauben, dass sich diese Kurveninversion vertieft und dass die Anleiherenditen noch viel weiter fallen müssen, wenn die Rezessionsängste an die Märkte zurückkehren.

Wir halten daher weiterhin an der Duration fest, insbesondere in den USA. Wir bevorzugen auch Australien und Südkorea, die durch die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft gefährdet sind und einen sehr fremdfinanzierten Immobiliensektor haben, der unter den höheren Zinsen leidet. Bei den Krediten setzen wir auf Unternehmen in rezessionsresistenten Sektoren und auf Sondersituationen, die härtere Zeiten überstehen können.

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten für Anleger: Wir glauben, dass sich die Inflation weiter verlangsamen wird, denn das wirksamste Mittel gegen Inflation bleibt die Rezession. Die Rohstoffpreise tragen bereits dazu bei. Im weiteren Jahresverlauf wird die Disinflation bei Gütern deutlich zunehmen, da die Nachfrage vor dem Hintergrund überschüssiger Lagerbestände nachlässt. Zum Jahreswechsel hin wird sich die stärkste Inflationskomponente, nämlich der Wohnungsmarkt, rasch abschwächen, da sich die Wohnsituation verschlechtert.

Es wird eine holprige Fahrt werden, denn das Wachstum verschlechtert sich. Letztlich werden die Zentralbanken aber angesichts der sich verlangsamenden Inflation unweigerlich zu einer viel lockereren Politik übergehen. Dies wird eine Rückkehr zu “niedrigeren Zinsen für längere Zeit” mit sich bringen. Für Anleger in festverzinslichen Wertpapieren stellt dies eine gute Ausgangsbasis dar, da die Renditen sinken, die Kreditmärkte gestützt werden und die Duration die Risikoanlagen wieder diversifiziert. Es handelt sich also um eine einmalige Gelegenheit, in Anleihemärkte einzusteigen. Gleichzeitig ist Vorsicht geboten, denn man muss wissen, was man besitzt, um eine Rezession zu überstehen.

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Novo Nordisk & Eli Lilly versus Adipositas

Ein spannender und wachsender Health-Care-Markt, meinen die Experten von der DJE Kapital AG.

Rudolf Preyer. Adipositas (Fettleibigkeit) ist weltweit auf dem Vormarsch und wortwörtlich eine Last nicht nur für Betroffene. Auch die Gesundheitssysteme von Volkswirtschaften belastet diese Erkrankung. Mehrere vielversprechende neue Medikamente sind aktuell in Studien oder bereits zugelassen und könnten teure Magenverkleinerungen obsolet machen.

Unternehmen hinter diesen möglichen Blockbustern von morgen sind einen genaueren Blick wert, ebenso wie Covid-19-Impfstoffhersteller, da das Virus Adipositas-Erkrankte deutlich stärker gefährdet.

Zur Begriffsklärung
Aktuell gibt es weltweit über 764 Mio adipöse Menschen, definiert mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30. Der BMI errechnet sich aus dem Gewicht einer Person geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Bis 2030 sollen weltweit mehr als eine Milliarde Menschen an Adipositas leiden.

Adipositas führt bei den Betroffenen zu einem erheblichen subjektiven Leidensdruck, ist aber vor allem auch mit multiplen Folgeerkrankungen verbunden. Dennoch werden aktuell nur rund 2 % aller Betroffenen weltweit medizinisch behandelt. Demnach ist der Bereich Adipositas bislang kaum erschlossen und ein ausgesprochener Wachstumsmarkt.

Operative Magenverkleinerungen zur Behandlung von Adipositas sind zwar erfolgreich und zunehmend etabliert, stellen aber einen invasiven Eingriff dar, der nicht-reversibel ist und lebenslange Kontrollen nach sich zieht. Aus diesem Grunde suchte man schon früh nach medikamentösen Behandlungsstrategien. Durchgesetzt haben sich bislang allein Medikamente aus der Diabetologie, sogenannte „GLP-1-Rezeptor-Agonisten“.

Erfolgreiche Anwendungen
Als Weiterentwicklung des bewährten, aber nur mäßig effektiven Wirkstoffs Liraglutid gibt es nun hochdosiertes Semaglutid (unter dem Produktnamen Wegovy) von Novo Nordisk (ISIN: DK0060534915). Semaglutid ist in niedrigerer Dosis unter dem Produktnamen Ozempic weltweit seit Jahren in der Diabetologie bewährt und anwendungssicher. Wegovy hat in großen Studien Gewichtsreduktionen von mehr als 15 % nachweisen können und ist bereits in den USA als reines Abnehm-Medikament offiziell zugelassen. Eine europaweite Zulassung erfolgte Anfang 2022. Die Nachfrage nach Wegovy ist so hoch, dass Novo Nordisk mit der Produktion nicht nachkommt. Infolgedessen wird hier teilweise das niedriger dosierte in der Adipositas-Behandlung angewendet.

Ein neues vielversprechendes Medikament mit Blockbuster-Potenzial stammt von Eli Lilly (US5324571083): Die Wirksubstanz Tirzepatid ist als sogenanntes Twinkretin zunächst einmal eine Weiterentwicklung in der Diabetologie, da sie zusätzlich zu GLP-1- auch GIP-Rezeptoren adressiert. Und auch die Gewichtsreduktionen waren eindrucksvoll: Mit bis zu 22,5 % Gewichtsabnahme übertrifft diese Substanz nicht nur alle bislang bekannten Medikamente, sondern nähert sich als Medikament erstmals einer Schallmauer, die bislang nur von der Magenverkleinerung bekannt war.

In Europa erwartet Eli Lilly bis Jahresende eine Zulassung, ab 2023 könnte die Spritze mit dem Wirkstoff Tirzepatid unter dem Produktnamen Mounjaro auch hierzulande auf ärztliche Verordnung gegen Diabetes (Typ 2) verfügbar sein. In den USA ist das Medikament bereits seit einigen Monaten auf dem Markt.

Fazit
Bei einer medikamentösen Behandlung von nur 10 % der weltweit mehr als 750 Mio adipösen Menschen mit jährlichen Kosten von 1.000 USD pro Jahr für Wegovy oder Mounjaro wäre der Markt mehr als 70 MrdUSD groß (konservative Schätzung): ein Markt mit genügend Platz für zwei große Pharmaunternehmen.

Foto: Pixabay / Joenomias

 

 

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Das schwierige Werben um Talente

Die Dynamik am Arbeitsmarkt und Generation Z erfordern neue Wege im HR-Bereich.

Christian Sec. „Österreichs Unternehmen inserieren um 40 % mehr Jobausschreibungen als in der Vergangenheit, weil durch den enormen Digitalisierungsschub neue Kompetenzen und Skillsets benötigt werden“, erklärt Christian Dorfinger, Talentescout der Erste Bank, gegenüber dem Börsen-Kurier. Während die Konzerne händeringend nach Talenten vor allem in den MINT-Fächern (Mathematik, Naturwissenschaft, IT, Technik) suchen, treten die potenziellen Arbeitnehmer zunehmend selbstbewusster auf. „Das Unternehmen stellt sich heute genauso beim Bewerber vor, wie der Bewerber beim Unternehmen“, so Ulrike Baumgartner-Foisner, Senior Vice President im Human-Resources (HR) von Wienerberger, zum Börsen-Kurier. „Haben Unternehmen früher noch Anzeigen geschaltet und auf geeignete Bewerber gewartet, muss Recruiting heute direkt an potenzielle Bewerber herantreten und ähnlich einem Headhunter agieren“, sagt Baumgartner-Foisner. „Auf der anderen Seite sitzt eine neue Generation, die oft einen viel flexibleren Zugang zum Thema Arbeit hat als ihre Vorgänger“, meint Dorfinger. Dabei geht es um die Möglichkeit zum Remote-Working oder um Teilzeitmodelle und um Workation, also die Verschmelzung von Urlaub und Arbeit; und schluss-endlich soll die Arbeit auch als sinnstiftend wahrgenommen werden. Genau dieses Delta zwischen großem Arbeitskraftbedarf und den Vorstellungen der neuen Generation bringe enorme Dynamik in den Arbeitsmarkt, so Dorfinger. In Zeiten wie diesen, wo die Kandidaten auf Augenhöhe mit den Unternehmen sind, sei daher die positive Wahrnehmung einer Arbeitgebermarke von großer Bedeutung, erklärt der Erste-Bank-Mann.

Auf allen Kanälen aktiv
„Der größte Wettbewerb um Talente findet im Bereich der IT statt, da branchenübergreifend sehr ähnliche Kompetenzen gesucht werden“, erklärt uns René Knapp, HR-Vorstand der Uniqa. Gerade in diesem kompetitiven Umfeld sei es daher für Unternehmen umso wichtiger, dass die „Employer Brand“ am Markt als attraktiv wahrgenommen wird. So entscheiden sich viele Studenten schon während des Studiums für eine Karriere in einem bestimmten Unternehmen, das am stärksten ihre Wertewelt vertritt. Daher investieren die meisten großen Unternehmen viel in die Kooperation mit Universitäten und Fachhochschulen mit z. B. Karrieremessen an Hochschulen.

Auch soziale Medien werden immer stärker von Kandidaten zur Jobsuche genutzt. Eine Studie von Randstad Employer Brand Research aus 2022 zeigt, dass sich die Nutzung sozialer Medien wie Facebook, Twitter, LinkedIn und Xing bei der Jobsuche allein seit 2021 zumindest in Deutschland mehr als verdoppelt hat, und zwar von zehn auf 21 %. Bewerber suchen also verstärkt ihre Stellen dort, wo sie sich in der Freizeit auf-halten, analysiert die Studie. Dies haben mittlerweile auch die Unternehmen erkannt. Stelleninserate werden in den sozialen Medien geteilt. Immer mehr Unternehmen nutzen Social Media auch für die gezielte und direkte Ansprache von Kandidaten (Active Sourcing). So wie z. B. die VIG, die verstärkt auf Active Sourcing über LinkedIn und Xing setzt.

Kampf gegen Fluktuation
Die guten Mitarbeiter der Generation Z (junge Menschen, die zwischen den Jahren 1995 und 2010 geboren sind, Anm.) zu halten ist jedoch nicht allein mit flexiblen Dienstplänen und Arbeitszeiten oder der gesellschaftlichen Auswirkung der Arbeit zu erreichen. Schlussendlich ist die neue Generation wechselwilliger als ihre Vorgänger. Viele Studien zeigen diesbezüglich, dass gute Mitarbeiter weder den Job noch das Unternehmen verlassen, sondern die eigene Führungskraft. „Will man Fluktuation verringern, gilt es also die Führungskraft zu stärken. Das geschieht am effektivsten durch sehr sorgsame Auswahl von Führungskräften und gute HR-Begleitung“, so Baumgartner-Foisner abschließend.

Foto: Adobe Stock / madedee

 

 

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Der Schweizer Franken in neuen Sphären

Die Aktien an der Börse Zürich präsentieren sich zunehmend attraktiver.

Roman Steinbauer. Weiterhin strömt die Liquidität sowohl in den US-Dollar als auch in den Schweizer Franken. Seit der Einführung der Gemeinschaftswährung notierte die eidgenössische Währung zum Euro nicht so stark wie derzeit. Bloß 96 Rappen haben aktuell helvetische Nachbarn für einen Euro aufzubringen. Über lange Zeiträume legte der Franken zur US-Devise selbst bereits seit 1990 bis zum Jahr 2010 um 30 % zu. Seitdem dominieren Pendelbewegungen mit einer seitwärts gerichteten Tendenz.

Die Folgen der Aufwertung schlagen auf börsennotierte Schweizer Konzerne nachteilig durch, doch wurden die Gewinne der Unternehmen rückblickend nie nachhaltig beeinträchtigt. Schweizer Gesellschaften bewiesen stets eine beeindruckende Fähigkeit, den Nachteil starker Schübe an Aufwertungen der Heimatwährung zu egalisieren bzw. durch Optimierungen auszugleichen.

Der Swiss Performance Index (SPI) an der Börse Zürich liegt seit Jahreswechsel 14 % im Minus. Dieser breite und meistbeachtete Index, in dem 219 Werte gelistet sind, ist als „Total Return Index“ konzipiert (Dividendenzahlungen werden also bei der Indexentwicklung mit eingerechnet). Er wurde heuer bisher geringer in Mitleidenschaft gezogen als der Dax (-19 %) und der FTSE MIB-Index in Mailand (-20 %), jedoch etwas mehr als der französische CAC 40 in Paris mit -13 %.

Niedrige Inflation, aber vorsichtige Konsumenten
Die Auswirkungen des starken Franken hinterlassen in der Handelsbilanz Spuren. So verringerte sich laut dem Berner Statistikamt im Juli der Überschuss in Kombination mit den teureren Energieimporten auf umgerechnet 3,75 Mrd Euro im Vergleich zu 5,51 Mrd Euro des Vergleichsmonats 2021 drastisch. Die Arbeitslosigkeit wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) mit 2,2 % beziffert und ist somit kaum vorhanden. Letzte Daten zu Preissteigerungen nehmen sich im internationalen Vergleich schmeichelhaft aus: So lag die Inflation im Juli mit +3,4 % bei den Nachbarn so hoch wie seit Oktober 1980 nicht mehr, aber erneut unter den Erwartungen. Die Produzentenpreise tendierten mit 6,3 % deutlicher nach oben, doch ist auch dieser Wert im internationalen Vergleich bescheiden.

Wenig konform mit westlichen Industriestaaten zeigt sich zudem die Schweizerische Nationalbank (SNB). Diese hob zwar den Leitzins erstmals seit Jahren um 50 Basispunkte auf -0,25 % an. Die Target Range liegt damit aber immer noch im negativen Bereich. Wie in den EU-Staaten erfuhr die Stimmung der Verbraucher eine Eintrübung. Der „SECO Consumer Climate Index“ tauchte zuletzt mit -28 Punkten beinahe so drastisch ab, wie dies im Feber 2021 (-30) und im Mai 2020 (-39) der Fall war. Dass die 8,3 Mio Konsumenten den Gürtel auch in unserem Nachbarland enger schnallen, weisen die Einzelhandelsumsätze aus. Im Juni bekamen diese mit +1,2 % erstmals (nach drei negativen Ausweisen) wieder Oberluft.

Teils unbeeinträchtigte Konzerne
Legt sich die krisenbedingte Bunkermentalität in die Schweizer Währung, könnte dies besonders für eine Stimulation jener Schweizer Aktien sorgen, deren Konzerne international agieren. Die Perspektive sich erholender Auslandsdevisen und damit ankurbelnder Franken-Erlöse würde rasch wieder in den Vordergrund treten. Zu diesem Aspekt verkündeten die Investmentprofis der Bank Julius Bär in einem Strategiepapier, Schweizer Aktien noch stärker in den Portfolios zu gewichten. Denn selbst der ungünstige Gegenwind des harten Frankens könne der Widerstandskraft der Gewinnmargen der Konzerne wenig anhaben. Favorisiert werden dabei Valoren wie jene der Swiss Life (ISIN: CH0014852781), Roche (CH0012032113), Lonza (CH0013841017) oder der ABB (CH0012221716). Die Situation des globalen Lebensmittel-Multi Nestlé (CH0038863350) spiegelt die robuste Lage vieler eidgenössischen Vertreter. Im 1. Halbjahr wurde ein organisches Wachstum von 8,1 % generiert, wobei die Durchsetzungskraft an Preiserhöhungen von 6,5 % für sich sprach. (Pikant: das Premium-Tierfutter Purina trug in der Krise am meisten zum Wachstum bei).

Vor allem aber Papiere der Sanitärtechnik-Gruppe Geberit (CH0030170408; Währungseffekte herausgerechnet stieg der Nettoumsatz im 1. Halbjahr um 11,3 %, die Ebitda-Marge betrug 28 %), des Software-Spezialisten Temenos (CH0012453913) oder jene von Schindler (CH0024638212) sind aktuell bei mehr als 30 % unter der Notiz vor zwölf Monaten zu bekommen.

Anmerkung: Seit 1. Juli 2019 ist für EU-Bürger der Erwerb Schweizer Aktien durch die nicht mehr anerkannte Börsenäquivalenz Brüssels nur über die Börse Zürich oder über den OTC-Markt (Direkthandel über Brokerhäuser) möglich.

Foto: Pixabay / Werni

 

 

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Was ist mit der Volksrepublik los?

China fällt als Wachstumslokomotive aus. Lockdowns, Hitzewelle und Dürre belasten.

Michael Kordovsky. Infolge der Corona-Lockdowns in Shanghai und Peking verlangsamte sich vom ersten auf das zweite Quartal das BIP-Wachstum Chinas von 4,8 auf 0,4 %. Das verschärfte die globalen Lieferkettenunterbrechungen. Konkret musste Shanghai als wichtigste Wirtschaftsmetropole des Landes im April und Mai 2022 erneut zwei Monate in einen harten Lockdown gehen. Auch der Hafen war gesperrt. Noch immer steckt dies den Chinesen als Schock in den Knochen.

Die Angst vor spontanen Abriegelungen von Einkaufszentren, Restaurants und Kinos durch die Regierung hält die Bevölkerung vom Ausgehen und Shoppen ab – mit entsprechender Auswirkung auf die Umsätze des Einzelhandels, die im Juli gegenüber dem Vorjahr nur noch um 2,7 % wuchsen, nach 3,1 % im Juni. Einbrüche gab es in den Handelssparten Bekleidung, Möbel und Baumaterialien. In den ersten sieben Monaten 2022 waren die Einzelhandelsumsätze gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,2 % rückläufig.

Industrieaktivitäten nahe der Kontraktionsgrenze
Lieferkettenprobleme durch Absperrungen und natürlich auch der schwache Privatkonsum sowie nicht ausgeführte Exportorders bremsten die Dynamik der chinesischen Industrieproduktion, die im Vorjahresvergleich in den Monaten Juni und Juli nur noch um jeweils 3,9 bzw. 3,8 % wuchs.

Auch die Stimmung der Führungskräfte der Industrie hält sich in Grenzen. Als Aktivitätsindex zeigt der Caixin-Index der Einkaufsmanager für private Industriebetriebe, der zwar im Juni noch ein 13-Monatshoch bei 51,7 Punkten markierte, bereits im Juli eine Talfahrt auf 50,4 Punkte. Damit liegt er nur noch hauchdünn über der Kontraktionsgrenze von 50 Punkten. Betriebe stellen weniger Personal ein. Die Teilkomponente für Beschäftigung war nämlich bereits vier Monate in Folge rückläufig, was auf den stärksten Beschäftigungseinbruch seit April 2020 hindeutet.

Hinzukommen strukturelle Probleme, die sich zunehmend als Wachstumshürden zeigen (werden). Dazu zählen sozialistische verkrustete Wirtschaftsstrukturen genauso wie die demographischen Folgen der Ein-Kind-Politik. Zahlreiche unrentable Betriebe werden aufgrund der Beschäftigung von Mitarbeitern am Leben erhalten. Der Anteil der Über-65-Jährigen wächst von 12,6 % im Jahr 2020 bis 2030 auf 18,2 % und bis 2050 voraussichtlich auf 30,1 %. Dann liegt der Anteil der 0-14-Jährigen nur noch bei 11,4 % verglichen mit 18 % im Jahr 2020. Dies schmälert dann wegen erhöhter Sozialausgaben des Staates die Spielräume für zukünftige Konjunkturprogramme.

Klimawandel gefährdet Stromversorgung
Die Nebenwirkungen des Wirtschaftswunders (extrem hoher CO2-Ausstoss) machten sich bereits in der schlimmsten Hitzewelle bemerkbar, die es in China seit den Temperaturaufzeichnungen gab. Nicht nur die Weizenernte in der Provinz Hanan steht auf dem Spiel. Regenmangel und Hitze lassen die Wasserpegel von Flüssen und Seen sinken. In der Folge kann aus Wasserkraft viel weniger Strom gewonnen werden. Gleichzeitig verbrauchen Klimaanlagen viel Strom. In den ersten Städten ist bereits der Strom für Fabriken rationiert worden. Weitere Lieferkettenunterbrechungen zeichnen sich ab.

Der IWF rechnet für heuer in China nur mit 3,3 % Wirtschaftswachstum. Die von der Regierung angepeilten 5,5 % sind in weite Ferne gerückt. Wie stark das Wachstum ausfallen wird, hängt vom Ausmaß staatlicher Konjunkturprogramme in Kombination mit geldpolitischer Unterstützung der Notenbank ab. Zusätzlich eine Rolle spielen Witterung und die globale Handelspolitik.

Foto: Pixabay / kuloser

 

 

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Europas Konzerne in robuster Verfassung

Aber: Trotz übertroffener Gewinnprognosen werden Erwartungen reduziert.

Roman Steinbauer. Angesichts eines krisengeschüttelten Europas überrascht die Resistenz der Vorzeigeunternehmen am Kontinent. In der Industriehochburg Deutschland präsentierten 60 % der Dax-Gesellschaften bereits für das 2. Quartal die Ergebnisse. In diesem Geschäftsabschnitt, in dem immer-hin die kriegerische Entwicklung in der Ukraine erstmals voll durchschlug, übertrafen mehr als 70 % der Konzerne die (seit Feber drastisch gekürzten) Gewinnerwartungen. Ungeachtet dessen trüben sich die Perspektiven weiter ein. So veröffentlichte das Handelsblatt in der Vorwoche eine Auswertung, wonach die Analysten-Zunft seit dem 1. Juni von 160 ins Auge gefassten Unternehmen aller Dax-Kategorien bei 118 Gesellschaften die Gewinnprognosen auf Sicht von einem Jahr erneut kürzten. Nur zu 27 Titeln hievten die Finanzprofis die Erwartungen bis Sommer 2023 nach oben.

Dollar-Stärke führt zu Kurzfrist-Verzerrung
Einige Großunternehmen legten ein weit besseres Geschäft vor als bislang erwartet. Sehr positiv überraschten die Chemie- bzw. Pharmafirmen Henkel (ISIN: DE0006048408) und Merck (DE0006599905), die Mercedes Benz Group (DE0007100000) sowie die Deutsche Bank (DE0005140008). Eine nachhaltige Abschwächung der Nachfrage ist nicht in Sicht. Alle Dax-Vertreter erwirtschafteten von April bis Juni einen Gesamtumsatz von 450 Mrd Euro, die zweithöchsten Erlöse in dieser Geschäftsperiode. Berücksichtigt sei aber, dass der oft beträchtliche Ergebnisanteil des US-Marktes durch den starken US-Dollar angeschoben wurde.

Teils überzeugende Finanz- und Chemietitel
Auch die Zurich Insurance (CH0011075394), die ING (NL0011821202), Münchner Rück (DE0008430026) und die Swiss Life (CH0014852781) sowie die AXA (FR0000120628) übertrafen die Gewinnschätzungen. Abgeschwächt trifft dies auf Unipol (IT0004810054) und Aegon (NL0000303709) zu, während die Allianz (DE0008404005) enttäuschte. Im Bankensegment zeigten die Credit Agricole (FR0000045072) und die Commerzbank (DE000CBK100) starke Zahlen. Eine Sondersituation gibt es hingegen bei der Société Générale (FR0000130809): Der Ausstieg aus dem Russland-Geschäft führte zu einem Rutsch in die Verlustzone.

Bei den konjunktursensiblen Kfz-Zulieferern überzeugte nur die Muttergesellschaft der deutschen Hella Gruppe, Faurecia (FR0000121147). Schwach hingegen Continental (DE0005439004) und der Spezialist für Bordnetzsysteme, Leoni (trennt sich derzeit von der Kabeldivision; DE0005408884), die das schwierige Umfeld bestätigten. Konträr die Situation beim Autoverleiher Sixt (DE0007231326), der ein historisches Rekordergebnis hinlegte.

Verblüffend solide Zahlen bei der Deutschen Telekom (DE0005557508), deren Aktie sich seit zwei Jahrzehnten auf ein Spitzenniveau hob. In der Chemie- und Pharma-Kategorie erfreuten Bayer (DE000BAY0017) und BASF (DE000BASF111) die Aktionäre, DSM (NL0000009827) und die dänische Novo Nordisk (DK0060534915) erfüllten das Soll. Im Reich des Maschinenbaus verfehlten der Gigant Siemens (DE0007236101) und Wacker Neuson (DE000WACK012) die Ziele. Herausragend hingegen die Entwicklung bei Krones (DE0006335003), Dürr (DE0005565204) und Jungheinrich (DE0006219934).

Lukrativer Stahl, Logistik – und Biermarkt
Spitzenprofite winken derzeit aber den Königen der Logistikbranche wie Hapag Lloyd (DE000HLAG475) und Moller Maersk (DK0010244425).

Im Stahluniversum feierte Salzgitter (DE0006202005) ein Rekordhalbjahr, zudem ließ Thyssenkrupp (DE0007500001) die Anteilhaber aufatmen.

Unbeeindruckt zeigen sich Bierkonsumenten: Die Erträge von Carlsberg (DK0010181676) und Heineken (NL0000009165) beschleunigen sich substanziell.

Foto: Carlsberg

 

 

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Die Zinswende ist angekommen

Fixed Income gewinnt an Attraktivität, so die Erste Asset Management.

Harald Kolerus. Die Konsumenten spüren es jeden Tag in der Geldbörse: Der Krieg gegen die Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen lassen die Energiepreise kräftig in die Höhe schießen, als Folgeeffekt wird das gesamte Leben teurer.

Inflation schlägt zu
„Die Inflation ist in der Breite angekommen, denn natürlich leiden z. B. auch der Bäcker, Restaurants und Hotellerie unter den höheren Energiekosten; Produkte und Serviceleistung verteuern sich“, fasst Wolfgang Zemanek, Head of Fixed Income bei der Erste Asset Management (EAM), in einer exklusiven Informations-Veranstaltung zusammen. Der Börsen-Kurier war dabei.

So ist zum Beispiel alleine der Bereich Lebensmittel in Europa im Juli verglichen zum Vorjahr um satte 10,4 % gestiegen. Um die gefährliche Inflations-Entwicklung einzudämmen, steuern die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks entgegen: „Sie stehen nach der sehr expansiven Geldpolitik der letzten Jahre, unter anderem aufgrund der der Covid-Pandemie, auf der Bremse und nehmen über die Zinspolitik Liquidität aus dem Finanzkreislauf“, so Zemanek. Wobei die Emerging Markets bereits vor rund eineinhalb Jahren damit begonnen haben, die Zinssätze in die Höhe zu schrauben, es folgte zum vergangenen Jahreswechsel die Fed, die EZB hat gerade erst mit entsprechenden Schritten begonnen.

Zinsen gehen weiter rauf
Der EAM-Experte kommentiert: „Nach meinem Geschmack hat die EZB etwas zu zurückhaltend agiert, jetzt handelt sie aber. Ich halte einen weiteren Zinsschritt im September für durchaus wahrscheinlich, auch um 50 Basispunkte.“ Die Zinswende ist jedenfalls gekommen, um zu bleiben, auch wenn sich die Dynamik in den Schwellenländern verlangsamen wird, immerhin sind sie auch als erste gestartet. Die Fed wird mit Zinsschritten nach oben fortfahren, auch wenn das die Arbeitslosenzahlen erhöht. Das ist sogar ein gewünschter Effekt, den der Jobmarkt ist in Übersee bereits überhitzt. In den USA ist bis Jahresende ein Leitzins von 3,75 % eingepreist, in der Eurozone liegen die Markterwartungen bei 1,25 bis 1,5 %.

Das Ganze gleicht natürlich einem Balance-Akt, denn wichtige Indikatoren wie das Konsumentenvertrauen deuten auf eine abgeschwächte Wirtschaftsdynamik hin. Das Rezessions-Gespenst schwebt wieder einmal im Raum. Zu hohe Zinssätze könnten die Konjunktur weiter beschädigen, wobei Zemanek es für unwahrscheinlich hält, dass das neue Zinsregime zur Rezession führen wird: „Viel entscheidender wird die Entwicklung der Energiepreise sein.“

Neue Investmentchancen
Die Zinswende sorgt jedenfalls auch für geänderte Rahmenbedingungen an den Kapitalmärkten: Während die höheren Geldmarktzinsen für einige Asset-Klassen (wie Aktien) für Gegenwind sorgen, könnte es am Anleihenmarkt wieder interessante Chancen geben.

Zemanek: „Anleihen sind im Vergleich zu anderen Assets heute deutlich attraktiver als vor einem Jahr.“ Das gelte sowohl für ausgewählte Staatsanleihen als auch für Corporate Bonds. So haben Unternehmensanleihen mit Investment-Grade rein nominell, also vor Betrachtung der Inflation, relativ hohe Rendite-Niveaus von 2 bis 3 %

erreicht. Bei hoch rentierenden High-Yields liegen die Rendite-Niveaus sogar zwischen 6 und 8 %.

Sparbuch? Bitte warten
Der Börsen-Kurier wollte von dem Experten auch wissen, wann es am Sparbuch wieder attraktive Zinsen geben wird? Zemanek: „Das hängt davon ab, wie man attraktiv definiert. Wenn die Notenbanken weiter erhöhen, werden auch die Zinsen am Sparbuch steigen.“ Wann und auf welches Niveau kann der Experte allerdings nicht seriös vorhersagen.

Foto: AdobeStock / Sport Moments

 

 

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Warum ich nicht mehr in China investiere

Ein Kommentar von Jason Pidcock, Investment Manager, Asian Equity Income bei Jupiter Asset Management

(17.08.) Im Juli habe ich unsere letzten verbleibenden Aktien des chinesischen Festlands sowie die Aktien eines Unternehmens aus Macau verkauft. Zuvor war der Jupiter Asian Income Fund bereits seit einiger Zeit in China untergewichtet, da ich die Rentabilität der Unternehmen im Vergleich zum Rest der Region gering einschätzte und der Meinung war, dass die Bewertungen in China angesichts einer langen Periode von regulatorischen Einschränkungen und Reisebeschränkungen eine Abwertung verdienen. In jüngster Zeit bin ich zunehmend unzufrieden mit der innenpolitischen Entwicklung in China und den schlechter werdenden Beziehungen zu anderen Ländern, insbesondere zu den USA. Daher bewerte ich die Aussichten für die chinesische Wirtschaft weiterhin negativ.

Weitere Investitionsbeschränkungen in Sicht
Die Geheimdienste der USA und des Vereinigten Königreichs haben zunehmend vor der Bedrohung gewarnt, die China für den Westen darstellt und die bevorstehenden Kongresswahlen in den USA im November werden wahrscheinlich als Katalysator für eine noch chinafeindlichere Politik wirken. Es gibt bereits eine Liste von Aktien, in die US-Investoren nicht investieren dürfen und für die US-Banken den Handel nicht ermöglichen. Diese Liste umfasst die meisten Telekommunikationsunternehmen in China sowie eine Reihe von Technologieunternehmen. Nach den Wahlen besteht unserer Meinung nach eine gute Chance, dass die Zahl der Unternehmen auf dieser Liste zunehmen wird.

Starke Eingriffe werden sich auf die Wirtschaft auswirken
Es gibt zahlreiche Berichte über Hypothekengläubiger, die Zahlungen für unfertige Häuser boykottieren. Zudem ist der Immobiliensektor sehr hoch verschuldet. Eine Reihe von Bauträgern ist bereits mit ihren Krediten in Verzug geraten. Um die Situation zu entschärfen, hat die Regierung die Kreditvergabe der Banken mit harter Hand gelenkt – etwas, das wir in gut funktionierenden Volkswirtschaften nicht erwarten. Die anhaltende Null-Covid-Politik Chinas belastet die Wirtschaft weiter, und das BIP-Wachstum wird in diesem und im nächsten Jahr wahrscheinlich gering sein. Es ist sogar möglich, dass im kommenden Jahr eine deflationäre Phase beginnt, wenn Chinas Banken einen höheren Anteil fauler Kredite in ihren Büchern anerkennen.

Darüber hinaus hat sich China mit seinem Säbelrasseln gegenüber Taiwan sehr unsensibel verhalten. Ich gehe davon aus, dass jeder militärische Angriff auf Taiwan die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale führen würde. Ausländische Direktinvestitionen und Portfolio-Investitionen würden wahrscheinlich ausbleiben und, wenn möglich, rückgängig gemacht werden. Die Art und Weise, in der Russland geächtet wurde, könnte als Vorbild dafür dienen, was passieren könnte, wenn es zu einem militärischen Angriff auf Taiwan käme.

Indirektes Engagement über andere Länder
Der Jupiter Asian Income Fund ist nach wie vor in gewissem Maße in der chinesischen Wirtschaft engagiert. Wir bevorzugen es jedoch, dieses Engagement indirekt über Unternehmen in Nachbarländern zu halten, die erfolgreich Waren oder Dienstleistungen nach China verkaufen. Es gibt viele Unternehmen in Australien, Indien, Singapur, Südkorea und Taiwan, in die wir weiterhin gerne investieren.

Die Entscheidung, unsere Allokation in Festlandchina auf null zu setzen, ist vielleicht keine dauerhafte Haltung. Wir gehen aber davon aus, dass dies zumindest für den Rest der Regierungszeit von Präsident Xi Jinping der Fall sein wird.

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Inflationsschutz mit Dividenden

Solide Ausschüttungen können vor realem Wertverlust schützen.

Raja Korinek. Die Inflation ist kaum zu bremsen, wenn auch die jüngsten US-Daten auf ein Abebben hindeuten: Der CPI stieg im Juli auf Jahresbasis um 8,5 %. Im Juni lag das Plus noch bei 9,1 %. In der Eurozone stieg die Inflation um 8,9 %, erreichte damit ein Rekordniveau.

Verständlich, dass ein Inflationsschutz gefragt ist, den etwa solide „Dividendenkaiser“ bieten könnten. Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, meint: „Dividendenwachstumstitel im Rahmen eines breit angelegten Portfolios können Anlegern helfen, das aktuell schwierige Umfeld zu meistern.“ Braun verweist auf die Kombination aus Dividendeneinnahmen und dem Wertsteigerungspotenzial des Aktienkurses.

Zudem seien die Bewertungen vieler solcher Titel derzeit angemessen, im Vergleich zur langen Hausse bei Wachstumswerten. Letztere Titel geraten angesichts der höheren Inflation und damit steigender Zinsen zunehmend unter Druck. Denn Anleger würden hier in der Regel auf künftige Gewinne setzen, die sich im aktuellen Umfeld schmälern.

Demgegenüber werden Unternehmen, die regelmäßig solide Dividenden zahlen, meist der Welt der Substanzaktien zugeordnet. Unternehmen aus diesem Bereich erzielen in der Regel bereits Gewinne, verfügen damit über echte Substanz – gerieten aber während des Booms bei Wachstumstiteln teils ins Hintertreffen. „Auch wenn 2022 einiges an der Bewertungsdiskrepanz aufgeholt wurde, sind Dividendenaktien immer noch relativ günstig“, konstatiert Jakob Tanzmeister, Investmentspezialist bei JP Morgan AM, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Der Blick auf solche Titel könnte sich lohnen, auch, da Dividendenaktien in einem Umfeld höherer Inflation und langsameren Wachstums zumindest historisch eine Outperformance erzielt haben, so Tanzmeister.

Der Marktexperte verweist auf weitere unterstützende Faktoren: „Die Gewinnausschüttungsquote ist historisch niedrig und liegt rund 20 % unter dem langjährigen Schnitt, sodass auch bei schrumpfenden Gewinnen die Dividendenzahlungen stabil bleiben könnten.“ Konkret liegt die Ausschüttungsquote der Unternehmen im MSCI-Weltindex derzeit im Schnitt bei knapp 40 %. Und die durchschnittliche Dividendenrendite bei Unternehmen mit dem Fokus auf Ausschüttungen bei rund 3,8 %.

Doch wie geht das Fondsmanagement des „JPMorgan Investment Funds – Global Dividend Fund“ (ISIN: LU0329203144) vor, der sich laut Morningstar gut behaupten kann? Allein die Wertentwicklung auf zehn Jahre liegt bei rund 12 % p.a. Hierin kommen sowohl Unternehmen in Frage, die noch keine hohen Ausschüttungen leisten, aber das Potenzial haben, genauso wie Titel, die ihre Dividendenzahlungen regelmäßig steigern. Besonders hoch gewichtet sind Pharma- und Bankaktien, so etwa Bristol-Myers Squibb (US1101221083). Auch etablierte Technologieaktien wie Microsoft (US5949181045) und Texas Instruments (US8825081040) zählen zu den größten Positionen.

Foto: Adobe Stock / svetazi

 

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Heilsam günstige Investments

Vor allem Biotech- und Pharmawerte bieten langfristige Einstiegschancen.

Michael Kordovsky. Die Pharmaindustrie entwickelt sich weiter. In den Jahren 2018 bis 2021 hat die FDA im Schnitt 52,5 neue Medikamente zugelassen, verglichen mit 35,5 im Durchschnitt der vorangegangenen vier Jahre. Seit 2014 sind 27 % aller neu zugelassenen Medikamente Biotech-Präparate. Von 2001 bis 2021 sind die globalen Pharmaumsätze um 6,7 % p.a. von umgerechnet 382,5 auf 1.395,6 Mrd Euro gestiegen. Noch dynamischer ist der Biotech-Markt, dessen Größe von 836,2 Mrd Euro im Jahr 2020 bis 2030 um 17,83 % p.a. auf 3,37 Bio Euro wachsen sollte. Key Player dieses Bereichs sind derzeit auffallend günstig bewertet. Generell sind derzeit die Bereiche Pharma, Biotech, Medizintechnik und Lifesciences relativ günstig, was ein Blick auf den „MSCI World Pharmaceuticals, Biotechnology and Life Sciences Index“ (USD) zeigt. Per 29. Juli 2022 stand ein Forward-KGV in diesem Index von 15,8 einem Wert von 15,7 im MSCI World gegenüber, und dies trotz starker Gewinnwachstumsdynamik und langjähriger Outperformance; denn: In den vergangenen zehn Jahren brachte es der genannte Index auf 11,72 % p.a. verglichen mit 10,80 % im MSCI World. Die größten Werte des 75 Positionen enthaltenden Index sind Johnson & Johnson (Gewichtung: 9,9 %), Pfizer (6,1 %), Eli Lilly (5,8 %) und AbbVie (5,5 %).

Einzeltitelselektion
Auf jeden Fall günstig bewertet ist die Roche Holding (CH0012032113), deren Gewinn/Aktie von 2015 bis 2021 um 7,9 % p.a. wuchs und laut Analystenschätzungskonsens von FactSet (Quelle: finanzen.net) von 2022 bis 2025 weiter um 6,7 % p.a. wachsen sollte. Das für das Jahr 2023 geschätzte KGV liegt bei günstigen 14,6.

Wesentlich günstiger bewertet ist Gilead Sicences (US3755581036), die in den Bereichen HIV, Hepatitis B, Hepatitis C und Influenza aktiv ist. Deren Medikament Veklury (Wirkstoff: Remdesivier) zeigte Erfolge bei der Corona-Variante Omikron. Die Palette des Unternehmens ist reifer und Wachstum erfordert gezielte Akquisitionen. Eine zwischenzeitlich leicht rückläufige Entwicklung bei Umsatz und Erträgen führte zu einem Bewertungsabschlag. Per 11. August liegt das für 2023 geschätzte KGV laut Konsens von Zacks Investment Research bei 9,9.

Als Wachstumsunternehmen interessant erscheinen Vertex Pharmaceuticals (US92532F1003), die vor allem mit Medikamenten gegen Mukoviszidose punktet, und Regeneron Pharmaceuticals (US75886F1075). Deren Flaggschiff-Produkt Eylea, ein Medikament zur Behandlung diverser Augenerkrankungen, zeigte allein in den USA von 2012 bis 2021 Umsatzanstiege von 0,78 auf 4,71 Mrd Euro. In den vergangenen vier Quartalen konnte das Unternehmen im Schnitt um 30,5 % höhere Quartalsgewinne/Aktie melden als von Analysten erwartet wurden. Laut Schätzungskonsens von Zacks liegt das für 2023 erwartete KGV per 11. August bei günstigen 14,7. Im Laborbereich sollte indessen ein Blick auf Thermo Fischer Scientific (US8835561023) und den Laborautomaten-Hersteller Becton Dickinson (US0758871091) geworfen werden.

Interessante Zertifikate
Mit Zertifikaten lassen sich einzelne Nischen und Segmente gezielt abdecken. Ein Beispiel dafür sind Impfstoffaktien, die über das Tracker-(Long-)Zertifikat auf den „Pharma Impfstoff Aktien Index“ (DE000DA0AB48) abgedeckt werden können. Breit gestreut an europäische Biotech-Chancen können Anleger über das von der UniCredit emittierte HVB-Open-End-Zertifikat auf den „European Biotech Index“ (DE000HX28ET5) partizipieren. Eine solide Alternative wäre noch das von BNP Paribas Issuance B.V. emittierte Open-End-Zertifikat auf den Nasdaq Biotech (NL0000194397).

Foto: AdobeStock / ipopba

 

 

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Knalleffekt: EIOPA unterbricht Konsultation

Erstmals gesteht eine europäische Institution ein, dass beim Grünen Deal nicht alles nach Plan läuft.

Andreas Dolezal. Bekanntlich müssen seit 2. August 2022 gemäß MiFID II und IDD die Nachhaltigkeitspräferenzen von bestehenden und neuen Kunden abgefragt werden. Dazu hat die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen EIOPA am 12. April 2022 einen Entwurf von Leitlinien veröffentlicht, in dem sie sich mit vielen Details dieser Abfrage beschäftigt. Am 20. Juli 2022 hat die EIOPA den Konsultationsprozess jedoch unterbrochen. Mit bemerkenswerten Erkenntnissen.

Die Ausführungen der EIOPA im Leitlinien-Entwurf sollen Versicherungen und Versicherungsvermittlern dabei helfen, die neuerdings verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen korrekt umzusetzen. Nachdem der knappe Gesetzeswortlaut im Kern nur 133 Wörter umfasst, soll der Leitfaden sowohl Marktteilnehmern als auch nationalen Aufsichtsbehörden als Richtschnur dienen.

Während der Leitlinien-Entwurf der europäischen Markt- und Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA weiterhin diskutiert wird, hat die EIOPA am 20. Juli 2022 mitgeteilt, dass sie die öffentliche Konsultation unterbrochen hat, weil mehrere Marktteilnehmer die Notwendigkeit eines einfacheren und benutzerfreundlicheren Dokuments betont hätten.

Aufhorchen lässt die EIOPA mit einleitenden Erkenntnissen, wie den Folgenden (unverbindliche Übersetzung ins Deutsche): Wichtige Regulierungsinitiativen zur Ermittlung und ordnungsgemäßen Offenlegung von Investitionen in nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten, auch im Rahmen der EU-Taxonomie, sind noch nicht abgeschlossen. Diese Angaben sind für Versicherer und Versicherungsvermittler von entscheidender Bedeutung, um zu beurteilen, ob die angebotenen Produkte den Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden entsprechen.

Einige der Vorschriften sind noch nicht fertiggestellt, und die Umsetzung dieser Initiativen erfolgt nicht zu denselben Zeitpunkten, insbesondere liegt das Datum für die Anwendung der neuen Rechtsvorschriften im Rahmen der IDD vor den Fristen für die Meldung von Unternehmensdaten (…).

Die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen gesteht also ganz offiziell ein, was Finanzdienstleister – die sich seit Monaten unter Einsatz von viel Zeit und Geld auf die Umsetzung der Abfrage vorbereiten – bereits seit langer Zeit wissen: Das Ziel der Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen ist unerreichbar, weil die Regelwerke der EU ebenso unvollständig sind, wie sie in der vollkommen falschen Reihenfolge in Kraft treten.

Diese Erkenntnisse dringen spät, um nicht zu sagen zu spät, auf europäische Ebene durch. Bemerkenswert sind sie dennoch. Gesteht doch erstmals eine hohe europäische Institution ein, dass mit dem Grünen Deal und den großspurigen Plänen für ein nachhaltiges Finanzwesen etwas falsch läuft. Ersonnen und postuliert sind grüne politische Ziele schnell, das Schaffen der gesetzlichen Rahmenbedingungen ist augenscheinlich eine viel schwierigere Aufgabe. Ganz zu schweigen vom Umsetzen in die Realität.

Die EIOPA hält fest, dass Versicherer und Versicherungsvermittler auf Basis der derzeit verfügbaren Daten verantwortungsbewusste Angaben zur Nachhaltigkeit machen und sich nach besten Kräften um eine gute Datenqualität bemühen müssen. Darüber hinaus sind die EIOPA Leitlinien aber nicht verbindlich.

Es bleibt abzuwarten, ob die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA für den Wertpapierbereich zu ähnlich ehrlichen Erkenntnissen gelangt. Noch wird deren Leitlinien-Entwurf konsultiert.

Foto: AdoeStock / bluedesign

 

 

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Erneuerbarer Energie-Sektor wird durch Joe Bidens Klimapaket angetrieben

Ein Kommentar von Christian Rom, Portfoliomanager des DNB Fund Renewable Energy bei DNB Asset Management.

(08.08.) Die weitere Erholung des Sektors wurde durch die Veröffentlichung der neuesten Version des Vermittlungsgesetzes („Inflation Reduction Act of 2022“) durch die Demokraten im US-Senat am 27. Juli angeheizt. Der Gesetzentwurf war eine positive Überraschung, nachdem die jüngsten Nachrichten über die Unterstützung von US-Senator Manchin die Runde machten. Die 369 MrdUSD an zweckgebundenen Klima- und Energiesicherheitsausgaben über einen Zeitraum von 10 Jahren wären die größte Klimainvestition in der Geschichte der USA.

Der neue Gesetzentwurf ist zwar kleiner als Bidens ursprüngliches 555-Milliarden-USD-Gesetz „Build Back Better“, behält aber den größten Teil des Rahmens bei, der in den BBB-Entwürfen der Vergangenheit vorgeschlagen wurde. Wir sehen diesen Gesetzentwurf als sehr ermutigend für den Sektor an, und er wird in der Tat das Potenzial haben, die notwendigen Emissionsreduzierungen in den USA zu beschleunigen, wenn die Demokraten in der Lage sind, ihn als Gesetz zu unterzeichnen. Die drei wichtigsten positiven Aspekte des Gesetzentwurfs für den Bereich der Erneuerbaren Energie sind: Die Verlängerung der ITC („Investment Tax Credit“) und PTC („Production Tax Credit“) für erneuerbare Technologien bis 2023 auf höchstem Niveau; die Steuergutschrift für die Produktion von grünem Wasserstoff in Höhe von 3 USD/kg und die Unterstützung für die inländische Herstellung sauberer Energietechnologien.

Wir befinden uns noch in der Anfangsphase der Energiewende, und angesichts der jüngsten ermutigenden Anzeichen für eine Unterstützung der erneuerbaren Energien in den USA sind wir nach wie vor der Ansicht, dass sich die relativen Aussichten für den Sektor in den letzten Jahren grundlegend verbessert haben. Die Strategie des DNB Fund Renewable Energy erzielte im Juli eine starke absolute Rendite (+18,34 % – nach Gebühren, Retail, A EUR). Den größten Beitrag leistete Sunrun, da das Unternehmen stark auf die potenzielle Unterstützung durch die US-Politik ausgerichtet ist. Am stärksten beeinträchtigt wurde der Fonds durch Enel, dessen höheres Risiko für italienische Staatsanleihen auf das gestiegene Risiko einer Rezession und die vorgezogenen Neuwahlen nach dem Rücktritt von Draghi zurückzuführen ist.

Die aggregierten Gewinnrevisionen für den Fonds legten im Juli zu, aber die Gewinnmultiplikatoren stiegen angesichts des Inflation Reduction Act für einen erheblichen Teil des Portfolios. Die Bewertung des Fonds ist höher als die des MSCI World, aber wir haben auch bessere Wachstumsaussichten.

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Langfristig sicher gehen: global gestreut anlegen

Diversifizieren je nach Beitrag der Staaten zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt.

Julia Kistner. Irgendwann fängt der Aufschwung am Kapitalmarkt irgendwo auf dem Globus gerade wieder an. „Das ist die Idee hinter einem global breit gestreuten Langfristportfolio“, erklärt Jan Altmann, ETF-Analyst der Vergleichsplattform justETF.com, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. „Ich orientiere mich da wenig an Prognosen. Ich nehme die existierende Aufteilung des Bruttoinlandsprodukts. So steuern die USA zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt aller 47 Länder, die im ACWI (MSCI All Country World Index, Red.) vertreten sind, etwa

28 % bei, Europa 24 %, Japan 6 %. Auf Asien-Pazifik-Staaten wie Australien und Neuseeland entfallen 3 %. Rund 39 % wird von den Emerging Markets erwirtschaftet, davon übrigens nur 3 % von Russland.“ Beim chinesischen Kapitalmarkt müsse man sich allerdings vor Augen halten, „dass es für ausländische Investoren nur beschränkt möglich ist, in lokale Unternehmensgrößen zu investieren. Deshalb hat auch der MSCI-Emerging-Markets-Index, an dem sich viele Schwellenstaaten-Fonds und ETFs orientieren, den chinesischen Kapitalmarkt nur mit 20 % seines tatsächlichen Wertes aufgenommen“, erklärt Altmann. China habe jedoch großes Interesse, hier künftig mehr ausländisches Kapital zuzulassen.

Chancen im Riesenreich
Momentan sieht Tilmann Galler, Chefstratege bei Goldmann Sachs Asset Management, jedenfalls viel Gewinnpotenzial in China: „Denn der chinesische Kapitalmarkt befindet sich auch durch die nach wie vor expansive Geldpolitik noch im Aufwärtszyklus. Generell hat Asien einen ganz anderen Inflations- und Zinszyklus als wir, das heißt Aktien und Anleihen verhalten sich ganz anders als auf den amerikanischen und europäischen Märkten. Deshalb sind Südostasien und China schon aus Diversifikationsgründen sehr interessant. Gerade die Asean-Region ist durch Covid und den Einbruch des Tourismus sehr zurückgeworfen worden und könnte aufholen.“

Politische Risikoprämie einkalkulieren
Bei aller Euphorie für die Emerging Markets, die man bei einem Welt-BIP-Anteil von knapp 40 % als Anleger wohl nicht mehr ausklammern kann, sollte man die politischen Gefahren entsprechend mit Risiko-Prämien berücksichtigen, empfiehlt Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege von Flossbach und Storch: „Sie müssen global anlegen, aber Sie müssen sich immer überlegen, welche Risikoprämie brauche ich, damit politische Unsicherheiten abgedeckt sind.“ Gemeint ist zum Beispiel, dass aufgrund der höheren politischen Gefahren in China etwa ein chinesischer Chiphersteller deutlich mehr Rendite abwerfen muss als ein amerikanischer, um gleich attraktiv zu sein. So war die einzufordernde Risikoprämie für die Unsicherheit im Staatengebilde Russland und bei der Rechtsunsicherheit für Auslandsinvestoren für Flossbach und Storch immer viel zu groß, sodass die vermeintlich günstige Gazprom immer viel zu teuer gewesen sei, um investierbar zu sein, erklärt Vorndran: „Das muss ich mich immer und überall auf der Welt fragen, ob ich als Aktionär überhaupt die Chance habe, meine Aktionärsrechte durchzusetzen oder ob es auch sein kann, dass der Cashflow des Unternehmens, in das ich investiert bin, auf den Staat alloziert wird.“ So könnte, wenn die Spannung zwischen China und einerseits Taiwan sowie andererseits den USA zunehmen, auch hier wieder ausländisches Kapital in chinesisches Unternehmen beschnitten werden. Durch neue Machtblöcke könnten schnell wichtige Absatzmärkte für chinesische, aber auch europäische Unternehmen wegfallen.

„Wenn sich neue geopolitische Machtblöcke entwickeln, dann entstehen Bewegungen an ganz anderen Fronten. Üblicherweise entsteht in solchen Situationen viel Unsicherheit und genau dann bewährt sich die geopolitische Diversifikation, weil ich ja gar nicht weiß, was letztendlich passiert“, unterstreicht Altmann die Sinnhaftigkeit, überall auf der Welt investiert zu sein. Nur so ließe sich ein halbwegs wetterfestes Depot zusammenstellen.

Börsen bilden nicht das wahre BIP ab
Einen Schönheitsfehler hat die Strategie allerdings schon, sein Kapital auf die Weltbörsen so zu verteilen, wie die jeweiligen Staaten zum internationalen BIP beitragen: Die Marktkapitalisierung an den Börsen spiegelt nicht immer die Wirtschaftsleistung eines Landes richtig wieder. Man denke nur an Österreich. Viele der erfolgreichen Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe, die rein im Familienbesitz und nicht börsennotiert sind.

Ob das Weltbruttoinlandsprodukt jetzt zu 100 % richtig abgebildet ist oder nicht, sei jedoch gar nicht so wichtig, kontert Altmann. Wichtig sei, grundsätzlich eine breite Risikostreuung über den Globus zu haben, aber nicht nur das. Altermann streue persönlich nicht nur nach Regionen, sondern auch nach Assetklassen. „Rohstoffe sind jedoch sehr spekulativ, die würde ich meinem ETF-Portfolio maximal fünf bis zehn Prozent beimischen. Ich bin kein Freund von Sektor-Wetten, etwa auf Öl oder Gas. Die sind für Privatanleger schwer kalkulierbar.“

Altmann hat immer auch Anleihen im Portfolio. Bei Anleihen gehen die Meinungen jedoch ausein-ander. Mit den typischen supersoliden zehnjährigen Bundesstaatsanleihen etwa von Deutschland oder Österreich kann man bei der aktuellen realen Negativverzinsung immer noch keinen Blumentopf verdienen. Zehnjährige US-Treasuries rentieren zwar derzeit mit rund 2,6 %. Aber auch damit schlägt man trotz allem noch nicht die aktuelle Inflation.

Cash ist keine Lösung
Viel Kaufkraft verliert man aber vor allem, wenn man seine Ersparnisse auf dem Konto oder Sparbuch verkümmern lässt. Der Realzins, der die Inflation berücksichtigt, lag im März 2022 bei minus 6,2 %. Sollte das Inflations- und Zinsumfeld so bleiben, dürften nach Schätzungen des Think Tanks Agenda

Austria die Österreicher von den 92,8 Mrd€ auf ihren Sparbüchern rund 6,2 Mrd€ an Kaufkraft pro Jahr verlieren. Auf den täglich fälligen Konten belaufen sich die Einlagen derzeit auf 202,1 Mrd€. Hier verlieren Österreichs Sparer 13,6 Mrd€ im Jahr.

Foto: Adobe Stock / Who is Danny

 

 

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Indien rückt beim Marktvolumen weiter auf

Der steigende Mittelstand weckt auch an der Börse Fantasien.

Roman Steinbauer. Ende Juli ließen die Vereinten Nationen mit einem Hinweis aufhorchen: Nach der jüngsten Revision zur Weltbevölkerungsentwicklung werde die Anzahl der Einwohner Indiens jene Chinas bereits im kommenden Jahr übertreffen. Werden dem Subkontinent aktuell 1,406 Mrd Menschen zugerechnet, liegen die 1,412 Mrd Einwohner Chinas noch voran. Bereits im Jahr 2050 soll Indiens Bevölkerungsgröße aber an 1,7 Mrd herankommen. In dieser Zeitspanne dürfte sich Chinas Population bereits auf bis zu 1,31 Mrd Menschen reduziert haben.

Die Rupie legt kräftig zu
Die Mittelschicht und deren Kaufkraft wachsen. Indiens ältestem Wirtschaftsinstitut, NCAER, zufolge, stieg in den vergangenen drei Jahren der zur Mittelschicht zurechenbare Anteil auf mehr als 700 Mio Menschen. Die Arbeitslosenrate konnte laut dem Centre for Monitoring Indian Economy (CMIE) mit 6,8 % bisher aber nicht weiter gesenkt werden. Die Gesamtkapazität an Posten ging im Juni sogar um 13 Mio auf nunmehr 390 Mio zurück. Der günstigen demographischen Entwicklung steht der Bremsklotz einer nicht ausgebauten Gesundheitsvorsorge und eines niedrigen breiten Bildungsniveaus entgegen. Positiv fällt die mäßige Inflationsrate von 7,01 % für Juli auf. Das Statistik-Ministerium Indiens konnte somit eine tiefere Teuerung als der Euroraum (8,6 % im Juni) präsentieren. Durch die teuren Energieimporte weist das Handelsministerium mit -26,2 MrdINR (323 MioE) für Juni ein Rekorddefizit der Import-Export-Balance auf. Stark ist die Industrieproduktion unterwegs. Der Mai brachte auf Jahresbasis eine Expansion um beeindruckende 19,6 %. Das BIP-Wachstum blieb mit 4,1 % für das 1. Quartal auf Jahresbasis moderat (der Wert für das 2. Quartal ist noch nicht veröffentlicht). Der Umfang der Währungsreserven stieg bis Jahresende 2021 kontinuierlich auf 636 MrdUSD (624 MrdE). Steil im Wachstum befinden sich die Konsumentenkredite, die nach Angaben der Reserve Bank of India seit Mai im Zwei-Wochen-Takt um 12 bis 14,4 % anzogen. Am Devisenmarkt drehten sich die Relationen seit 16 Monaten deutlich. Erodierte die Rupie seit der Jahrtausendwende um insgesamt 50 % zum Euro, stieg die Währung unterdessen seit April 2021 gegenüber unserer Handelseinheit um 10 % auf 81 INR pro Euro deutlich an.

Gesuchte Bankwerte
Der indische Sensex Index (ISIN: QT0009982759) zeigt im Verhältnis zu westlichen Börsen indes eine relative Stärke. Dieser steht im-merhin mit mehr als 58.300 Punkten gerade einmal 5 % unter seinem Rekordhoch von 62.000 Zählern im Oktober 2021. Zuletzt stachen vor allem Banktitel wie die IDFC First Bank (NE092T01019), Bank of Baroda (INE028A01039), South India Bank (INE683A01023) oder die Bank of India (INE084A01016) hervor. Genannte Werte stiegen während der letzten Wochen um bis zu 30 %. Fulminant ist zudem der Aufschwung der Papiere des Agro- und Bio-Energie-Unternehmens Shree Renuka Sugar (INE087H01022), die heuer bereits um mehr als 60 % marschierten, oder jene des Konsumartikelherstellers ITC, die um 40 % zulegten.

Schwach tendierten seit 1. Jänner hingegen Vertreter der Technologiesparte wie Zomato (INE758T01015; -55 %), Suzlon Energy (NE040H01021; -40 %), Jaiprakash Power (INE351F01018; -20 %) oder Orient Green Power (INE999K01014; -55 %), nachdem 2021 ein steiler Anstieg voran ging.

In der Autobranche zeigt Tata Motors (INE155A01022) seitwärts, während Bajaj-Titel (INE917I01010) nach oben streben. Valoren des Stahlherstellers Steel Authority of India (INE114A01011) beginnen sich nach einem monatelangen Abdriften hingegen zu fangen.

Foto: AdobeStock / Gamut Stock Images

 

 

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Das Vermögen schrittweise aufbauen

Zertifikatesparpläne: Mit kleinen Summen auf verschiedene Strategien setzen

Raja Korinek. Die Finanzmärkte werden von einer Vielzahl an Meldungen auf Trab gehalten und verzeichneten in den vergangenen Monaten teils kräftige Verluste. Doch solch ein Umfeld kann auch Chancen bieten: Mit einem Wertpapiersparplan zahlen Anleger einen fixen Betrag regelmäßig auf viele Jahre ein und profitieren davon umso mehr in Zeiten, in denen die Kurse korrigieren. So erhält man einen günstigeren Durchschnittskurs, wenn man davon ausgeht, dass die Börsen langfristig steigen. Im Fachjargon ist vom Cost-Averaging-Effekt die Rede.

Zertifikatesparplan als Langfristinvestment
Die RCB bietet seit 2019 einen Zertifikatesparplan mit Bonuszertifikaten an. „Die Palette wurde heuer um nachhaltige Produkte erweitert“, sagt Philipp Arnold (Foto), RCB-Zertifikate-Experte, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Bei Bonuszertifikaten wird zum Laufzeitende eine fixe Bonuszahlung in Höhe eines vorab festgelegten Indexstandes – dem Bonuslevel – in Aussicht gestellt. Je weiter das Zertifikat darunter notiert, desto höher ist die Bonusrendite, die zu Laufzeitende winkt. Doch Vorsicht: Allzu tief darf der Kurs des zugrunde liegenden Basiswerts während der Laufzeit nicht sinken. Wird nach unten hin die Barriere berührt oder unterschritten, verfällt die Bonuszahlung zum Laufzeitende. Zudem richtet sich dann der weitere Kursverlauf des Zertifikats während der Laufzeit 1:1 an jenen des Basiswerts.

Schrittweiser Vermögensaufbau
Einsteigen können Anleger ab 100 € monatlich. Dabei gibt es beim Zertifikate-Sparen kein fixes Laufzeitende. Stattdessen wird das angesparte Kapital alle fünf Jahre automatisch reinvestiert. Anleger können dabei aus sechs Bonuszertifikaten wählen. „Der Klassiker ist das Produkt auf den Euro Stoxx 50“, sagt Arnold. Genauer gesagt handelt es sich um das „Bonus-Zertifikat Europa Unlimited“ (ISIN: ATSPARPLAN16). Arnold verweist aber auch auf die neuen nachhaltigen Produkte, zu denen das „MSCI World Climate Change Bonus Unlimited“-Zertifikat (AT SPARPLAN57) zählt.

Der zugrundeliegende Index ist hierbei der „MSCI World Top ESG Select 4.5% Decrement Index“, in dem jene Unternehmen aus den Industrieländern enthalten sind, die sehr nachhaltig agieren. Die Nettodividende der Unternehmen wird in die Indexberechnung reinvestiert, im Gegenzug wird eine „fixe Dividende“ von 4,5 % p.a. bei der Indexberechnung abgezogen (täglich aliquot). Die Dividendenunsicherheit wird damit eliminiert, stattdessen werden bei Emission automatisch die 4,5 % p.a. in Form eines Auszahlungsprofils an Anleger weitergeben.

Rund ein Drittel des Indexes entfällt auf die IT-Branche mit Titeln wie Nvidia (US67066G1040), ASML (NL0010273215) oder Cisco Systems (US17275R1023). Auch Finanz- und Konsumtitel haben eine relativ hohe Gewichtung im Index.

Wahlweise Indexinvestments
Die Erste Bank bietet ihren Zertifikate-Sparplan ab 50 € monatlich auf ausgewählte Indexzertifikate an. Zu den Basiswerten zählen zum Beispiel ebenfalls ein nachhaltig ausgerichteter Index, aber auch das „Erste Group Index Zertifikat Austria Top 10 Open End“ (AT0000A2TWN3). Der Index setzt auf die zehn größten heimischen Börsenkonzerne, wobei die Marktkapitalisierung, gemessen am Streubesitz, im Fokus steht.

Anleger haben zudem die Möglichkeit, auf mehrere Anlageklassen mit dem „Erste Group Index Zertifikat Smart Invest Open End“ (AT0000A2TWJ1) zu streuen. Der zugrundeliegende Index investiert mit ETFs vorwiegend in Anlageklassen wie Anleihen, Aktien, Rohstoffe und Gold.

Foto: Raiffeisen Centro Bank

 

 

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Für die US-Wirtschaft ziehen dunkle Wolken auf

Ein Kommentar von Erik Weidmann, Chief Economist und Portfoliomanager, und Benoit Anne, Director, Investment Solutions Group bei MFS.

(25.07.) Wird die US-Wirtschaft einer harten Landung entgehen? Wir halten eine Rezession jetzt für sehr viel wahrscheinlicher, weil die Fed ihre Geldpolitik vielleicht zu stark strafft. Die Abbildung (siehe Anhang) zeigt, dass man am Terminmarkt mit einer Federal Funds Rate deutlich über dem neutralen Niveau rechnet. Die Notenbank hat ein doppeltes Mandat – aber ihr Vorsitzender Jerome Powell lässt keinen Zweifel daran, dass ihm Preisstabilität wichtiger ist als Wirtschaftswachstum. Die Fed hat signalisiert, dass sie als Kollateralschaden auch eine Rezession in Kauf nimmt, um die Inflation einzudämmen. Kommt es zu einer harten Landung, dürfte sie aber zum Rückzug blasen und die Geldpolitik erneut lockern – allerdings nur, wenn die Inflation bis dahin wirklich gefallen ist. Alles in allem drohen der US-Wirtschaft aber Volatilität und Unsicherheit. Vieles ist möglich.

Eine weiche Landung bleibt möglich, wird aber immer unwahrscheinlicher
Wenn die USA der Rezession entgehen, dann wohl vor allem wegen des hohen Konsums und der zumindest etwas nachlassenden Lieferengpässe. Das richtige Maß ist aber noch immer nicht leicht zu finden. Bleibt der Konsum stabil, wird die Fed die Zinsen wohl weiter anheben und damit eine Rezession auslösen. Allerdings hat die immer höhere Teuerung dem Konsumklima massiv geschadet. Vielleicht werden die Verbraucher sehr viel weniger Geld ausgeben und als Wachstumsmotor ausfallen. Ob eine weiche Landung gelingt, wird ganz wesentlich von der kurzfristigen Inflationsentwicklung abhängen. Bis jetzt spricht nur wenig für eine niedrigere Teuerung, aber die Fed wird wohl erst dann zu einem neutralen Leitzins zurückkehren, wenn die Kerninflation einige Zeit fällt. Außerdem fürchtet sie höhere langfristige Inflationserwartungen. Die Lage könnte sich aber bessern, wenn die Lieferengpässe noch weiter nachlassen, es also zu einem positiven Angebotsschock kommt, und sich auch die bisweilen übertriebene Nachfrage normalisiert.

Was bedeutet das für Anleihen?
Wenn eine Rezession wahrscheinlicher wird, spricht weniger für eine sehr kurze Duration. Steigende Langfristrenditen halten wir jetzt für unwahrscheinlicher. Die Kurzfristzinsen könnten aber weiterhin zulegen – wenn die Inflation hoch bleibt, Arbeitskräfte auch in Zukunft knapp sind und die Fed die Leitzinsen weiter erhöht und damit die Geldpolitik strafft. Wenn sich die Konjunkturdaten weiter verschlechtern und es zur Rezession kommt, rechnen wir mit weiteren Spreads. Bei Credits kommt es dann mehr denn je auf genaue Analysen und eine sorgfältige Einzelwertauswahl an.

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„Die Inflation ist weltweit gekommen, um zu bleiben“

Vorerst keine nachhaltige Besserung in Sicht.

Christian Euler, Frankfurt. Es sind nicht mehr nur der Blick auf die Anzeigen an den Zapfsäulen und die sprunghaft gestiegenen Energiekosten, die schmerzen. Auch die Ziffern auf den Kassenbons im Supermarkt und die deutlich teureren Backwaren sorgen zunehmend für Verdruss.

Der Preisauftrieb ist längst zum globalen Problem geworden. In den USA etwa ist die Verbraucherpreisinflation mit 9,1 % gerade auf den höchsten Stand seit November 1981 geklettert. Diesseits des Atlantiks teilte das europäische Statistikamt Eurostat am Dienstag vergangener Woche mit, dass die Inflation im Juni auf 8,6 % gestiegen sei. Im Mai hatte die Teuerungsrate noch bei 8,1 % gelegen.

In mehreren Euroländern ist sie bereits auf oder gar über die Marke von 20 % gestiegen, beispiels-weise in Estland mit 22 % oder Litauen mit 20 %. In Deutschland hat die Inflationsrate im Juni mit 7,6 % den höchsten Stand seit fast einem halben Jahrhundert erreicht. Im europäischen Vergleich liegt dies noch im Mittelfeld. Frankreich und Malta haben mit 6,5 und 6,1 % deutlich niedrigere Raten. Und die Schweiz ist mit 3,4 % geradezu eine Insel der Glückseligen.

Für das laufende Jahr liegt die erwartete weltweite Inflationsrate bei durchschnittlich 7,7 % – genau 5 %-Punkte mehr als die von der Weltbank für das vergangene Jahrzehnt ausgewiesenen 2,7 %. Dies zeigt der neue Economic Experts Survey, eine globale vierteljährliche Umfrage des Ifo-Instituts und des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik. Die Ökonomen haben Volkswirte in 113 Ländern zu ihren Inflationserwartungen befragt und 663 Antworten erhalten.

Selbst 2026 könnte die Inflation noch bei 4,5 % liegen
Geht es nach den Experten, wird sich daran vorerst wenig ändern. „Die Inflation ist weltweit gekommen, um zu bleiben“, bilanziert Niklas Potrafke, Leiter des Ifo-Zentrums für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie in München. Für 2023 erwarten die weltweit befragten Wirtschaftswissenschaftler mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 6,2 % nur einen leichten Rückgang im Vergleich zu 2022. Selbst für das Jahr 2026 rechnen sie noch immer mit einer stark erhöhten Inflationsrate von 4,5 %.

Nord- und Mittelamerika sowie weite Teile Europa schlagen sich gemessen am Rest der Welt noch vergleichsweise tapfer. Hier sind die Inflationserwartungen nach Angaben der Forscher mit weniger als 10 % im weltweiten Vergleich niedrig. Zumindest mit Blick auf die erwartete Rate für 2026 dürfen die Einwohner der westeuropäischen Länder aufatmen. Mit 2,4 % wird für diese Region der weltweit niedrigste Wert erwartet. Für Nordamerika lauten die Prognosen für 2026 auf erträgliche 2,6 %.

„Darfs ein bisserl mehr sein?“
Ganz anders präsentiert sich die Lage in Südamerika, Nord- und Ostafrika sowie West- und Zentralasien, wo die für heuer erwarteten Raten mit mehr als 20 % besonders hoch sind. Auffallend sind die teils starken regionalen Unterschiede innerhalb der Kontinente. So erwarten die befragten Volkswirte in diesem Jahr für Ost-europa mit 15,8 % eine deutlich höhere Teuerung als in West-, Nord- und Südeuropa. Auch in Afrika ist dieses Phänomen erkennbar: Während für Nord- und Ostafrika hohe Inflationsraten erwartet werden, liegen die Prognosen für West-, Mittel- und das südliche Afrika deutlich niedriger.

Firmen versuchen zu helfen
Deutsche Unternehmen zeigen derweil, wie sich der Preisfrust der Verbraucher zumindest ein wenig abbauen lässt. Laut der jüngsten Personalleiterbefragung durch das Ifo-Institut und den Personaldienstleister Randstad unterstützt ein knappes Drittel der Firmen ihre Angestellten mit Tankgutscheinen.

Foto: AdobeStock / freshidea

 

 

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Von der globalen Zinswende profitieren

Die Notenbanken reagieren auf die Inflation. Wie aber können Anleger die Entwicklung nutzen?

Raja Korinek. Die Zeiten niedriger Inflationsraten gepaart mit einem ansehnlichen globalen Wirtschaftswachstum dürften endgültig vorbei sein. Selbst die EZB hat im Juli das erste Mal nach elf Jahren die Zinsen um gleich 0,5 %-Punkte angehoben. Denn die Inflation legt auch in der Eurozone kräftig zu und lag im Juni bei 8,6 % auf Jahresbasis.

Das Thema Inflation steht allmählich im Anlegerfokus
Die steigende Inflation hinterlässt auch an den globalen Finanzmärkten deutliche Spuren. „Immer mehr Anleger realisieren, dass die aktuelle Entwicklung nicht nur vorübergehend ist“, konstatiert Peter Bösenberg, Zertifikate-Experte bei der Société Générale, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Er meint, allmählich steigt deshalb auch die Nachfrage nach einem entsprechenden Schutz.

Diesen können etwa jene Unternehmen bieten, die es schaffen, steigende Kosten verhältnismäßig gut an die Kunden weiterzugeben und gut aufgestellt sind.

Bei der Société Générale wurde jüngst etwa das Unlimited Index-Zertifikat auf den „SGI Inflation Proxy Index“ (ISIN: DE000SN2F892) aufgelegt. Der Index investiert in 100 Unternehmen, die sich in einem inflationären Umfeld behaupten dürften, wozu Titel aus der Rohstoffbranche genauso zählen wie jene aus dem Konsum-, Technologie- und Industriesektor. Konkret zählen dazu Cenovus Energy (CA15135U1093) aus Kanada und Valero Energy (US91913Y1001) aus den USA. Die deutsche Continental (DE0005439004) ist ebenso Teil des Indexes wie die britische Burberry Group (GB0031743007).

Zinswende hilft der Zertifikate-Branche
Doch damit ist längst noch nicht Schluss. Auch die Zinswende birgt Chancen. Der Zertifikate-Welt kommt die Trendwende zugute, betont Bösenberg. Er sagt: „Damit werden beispielsweise Garantieprodukte wieder interessant, die angesichts der aktuellen Marktturbulenzen derzeit gefragt sind.“

Dazu lohnt ein Blick auf die Funktionsweise. Der Großteil des Anlegergeldes wird in eine Nullkuponanleihe investiert, erläutert der Société-Générale-Experte. Anleger erhalten dabei keine Zinszahlungen. Stattdessen liegt der Wert der Nullkuponanleihe bei Emission unter 100 % – dem Tilgungskurs zu Laufzeitende. Es winkt damit dann ein Kursgewinn, der quasi eine interne Verzinsung ist. Diese steigt mit dem allgemein höheren Zinsniveau an. Zugleich wird mit der Nullkuponanleihe die Kapitalgarantie zum Laufzeitende des Produkts dargestellt. Mit einem kleinen Rest des Geldes wird mittels Optionen auf steigende Aktien gesetzt.

Weitere Anbieter
Auch bei anderen Emittenten gibt es Garantieprodukte, wobei die Ausstattung abweichen kann. Die Erste Group bietet die „2 % Erste Future Invest Garant 22-30“ (AT0000A2YDC6) an. Zum Laufzeitende am 2.8.2030 partizipieren Anleger an der positiven Wertentwicklung des „Solactive Erste Future Invest Index VC“. Im Index wird der Veranlagungsgrad zwischen dem Aktienportfolio und einer Geldmarkt-Veranlagung gesteuert – ja nach Volatilität. Die Aktienseite wird mittels ETFs von iShares, die auf sogenannte „Zukunftsthemen“ wie Demografie und Wasser setzen, abgedeckt. Auch bei diesem Garantiezertifikat liegt der Mindestrückzahlungskurs bei 100 % des Nennbetrags (1.000 €) zum Laufzeitende. Zusätzlich wird ein Kupon von 2 % p.a. ausbezahlt. Denn bei diesem Produkt wurde keine Nullkuponanleihe begeben, sondern ein „normaler“ Bond, jedoch ebenfalls unter dem Tilgungskurs von 100 %.

Vor Kurzem wurde zudem die „HVB Garant Anleihe“ auf den „Ethik Evolution Strategy Index“ von der UniCredit (DE000HVB6N 77) lanciert. Der Index setzt zum Teil auf den „Amundi Ethik Fonds Evolution“ (AT0000A2L443) und zum Teil auf den 3-Monatsgeldmarkt. Je höher die Schwankungen sind, desto mehr wird auch hier in Letzteres umgeschichtet. Liegt zum Laufzeitende der Schlusskurs des Indexes über dem Basispreis des Indexes von 893,84 Punkten, profitieren Anleger vom Gewinn. Liegt der Schlusskurs hingegen darunter, wird das Nominale von 1.000 € je Anteilsschein zurückbezahlt. Letzter Handelstag ist der 15. September 2028.

Foto: AdobeStock / nmann77

 

 

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Neue Regeln für Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen

Die „CSRD“ weitet die Pflichten zur nicht-finanziellen Berichterstattung aus.

Andreas Dolezal. Am 21. Juni haben sich der Rat und das EU-Parlament vorläufig über die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen geeinigt. Der Vorschlag einer Richtlinie soll vorhandene Lücken in den geltenden Vorschriften schließen. Diese Lücken beeinträchtigen laut EU-Rat den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft.

Mit der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) wird die vorhandene Richtlinie über die Angabe nichtfinanzieller Informationen aus 2014 geändert, die in Österreich im Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz NaDiVeG umgesetzt ist. Die Berichtspflichten werden detaillierter, indem große Unternehmen dazu verpflichtet werden, Informationen zu Nachhaltigkeitsfragen wie Umweltrechten, sozialen Rechten, Menschenrechten und Aspekten der guten Unternehmensführung zu veröffentlichen.

Weiters will die CSRD eine Zertifizierungspflicht für Nachhaltigkeitsberichte einführen und einen besseren Zugang zu nachhaltigkeitsbezogenen Informationen ermöglichen. Nachdem es bis heute keinen einheitlichen europäischen Berichtsstandard gibt, soll die Europäische Beratergruppe diesen für Rechnungslegung EFRAG erarbeiten.

Greenwashing soll Geschichte sein
Der mit der Materie beschäftigte französische Minister für Wirtschaft, Finanzen und industrielle und digitale Souveränität, Bruno Le Maire, gibt sich in diesem Zusammenhang optimistisch: „Diese Einigung ist eine hervorragende Nachricht für alle europäischen Konsumierenden. Sie werden nun besser über die Auswirkungen von Unternehmen auf Menschenrechte und Umwelt informiert werden. (…) Unternehmen müssen ihrer Rolle in der Gesellschaft in vollem Umfang gerecht werden. Greenwashing ist Geschichte.“

Gelten sollen die neuen Vorschriften für alle großen sowie alle an geregelten Märkten notierten Unternehmen. Auch börsennotierte KMU werden umfasst sein, wobei diese während eines Übergangzeitraumes eine Ausnahmeregelung in Anspruch nehmen können, sodass sie die Pflichten erst 2028 erfüllen müssen. Nach dem Umsetzen der Richtlinie auf nationalstaatlicher Ebene werden ihr rund 11.700 europäische Unternehmen unterworfen sein.

Auch für nicht-europäische Unternehmen soll die Pflicht zur Vorlage eines Nachhaltigkeitsberichts gelten, und zwar dann, wenn sie in der EU einen Netto-Umsatz von mehr als 150 Mio€ erzielen und mindestens eine Tochtergesellschaft oder Zweigniederlassung in der EU haben.

Die Details
Der Nachhaltigkeitsbericht muss von einem akkreditierten unabhängigen (Wirtschafts-)Prüfer zertifiziert werden. Die Prüfung soll sicherstellen, dass die Berichterstattungsvorschriften eingehalten werden und den von der Europäischen Union festgelegten Zertifizierungsstandards entsprechen. Auch die Berichte nicht-europäischer Unternehmen müssen zertifiziert werden.

Geplant ist das Anwenden der Richtlinie, die zuvor in nationales Recht gegossen werden muss, in drei Stufen:

• am 1. Jänner 2024 für Unternehmen, die bereits der vorhandenen Richtlinie bzw. dem NaDiVeG unterliegen,
• am 1. Jänner 2025 für große Unternehmen, die derzeit nicht der Richtlinie bzw. dem NaDiVeG unterliegen,
• am 1. Jänner 2026 für börsennotierte KMU sowie für kleine und nicht komplexe Kreditinstitute und firmeneigene Versicherungsunternehmen.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Zwischen Volumenerholung und potenzieller Rezession: Automobilsektor als selektives Investment

Ein Kommentar von Philipp Stumpfegger, Portfolio Manager & Sektoranalyst Automotive und Industrials, DJE Kapital AG.

(18.07.) Die globale Automobilproduktion wächst normalerweise auf ähnlichem Niveau wie das globale BIP – allerdings sehen wir seit 2019 eine Abkopplung dieses langfristigen Trends. Die Wachstumsaussichten des globalen Automobilsektors haben sich jedoch nicht strukturell verändert, sie sind vielmehr durch eine Verkettung unterschiedlicher Umstände unter Druck geraten.

Weltweite Pkw-Produktion
Nehmen wir den Corona-Ausbruch 2020 als Startpunkt – hier wurde nach dem scharfen Einbruch die schnelle Erholung von der Industrie zunächst massiv unterschätzt und Bestellungen von Zuliefererteilen, unter anderem Halbleitern, deutlich gekürzt. Die Halbleiterindustrie vergab die freien Kapazitäten an andere, vor allem durch den Homeoffice-Trend boomende Industrien, wie beispielsweise die PC- und Elektronikbranche. Somit war der „Perfekte Sturm“ für die Automobillieferketten programmiert, und der Zugriff auf die benötigten Kapazitäten ging verloren. Dieses Thema zieht sich seit 2021 wie ein roter Faden durch die Automobilindustrie und ist der Hauptgrund für die diversen Produktionskürzungen in den letzten 18 Monaten. Bis heute befindet sich die Branche in einem Zustand mit künstlich verknappten Produktionsvolumina, auch wenn sich die Situation nun nach und nach verbessert.

Die Lieferkettenproblematik hat der Automobilindustrie eine noch nie dagewesene Preisdisziplin (keine Rabatte!) ermöglicht, welche sich unter anderem in massiv gestiegenen Gebraucht- und Neuwagenpreisen spiegelt. Vielen Automobilherstellern haben das eingeschränkte Angebot und die boomende Nachfrage zu Rekordmargen verholfen – Mercedes beispielsweise fühlte sich aufgrund der starken Nachfrage und langen Lieferzeiten im Februar sogar gezwungen, einen Bestellstopp für die E-Klasse auszurufen – ein absolutes Novum.

Die Informationslage zu Halbleiterlieferketten, basierend sowohl auf persönlichen Gesprächen mit Branchenvertretern als auch auf Lagerbestandsdaten, deutet zuletzt auf eine deutliche Entspannung am Markt hin. Die Produktionseinschränkungen hängen derzeit an einer relativ geringen Anzahl von Bauteilen, wie beispielsweise Microcontrollern, während in vielen anderen Bereichen mittlerweile wieder signifikante Lagerbestände vorhanden sind. Die Lieferkettenengpässe sollten sich somit im Laufe des zweiten Halbjahres und 2023 deutlich verbessern.

Bei einer potenziell anstehenden Volumenerholung drängen sich jedoch diverse Fragen auf: Hat die Branche aus vergangenen Fehlern gelernt und ist die aktuelle Preisdisziplin nachhaltig? Inwiefern stützen hier Aufholeffekte aus ausgefallener Produktion der letzten Jahre die Nachfrage? Welche Rolle spielt eine zunehmend wahrscheinlicher werdende Rezession in diesem Szenario?

Die Margen werden unter Druck geraten
Entgegen diverser Beteuerungen der Automobilindustrie gehen wir davon aus, dass in einem Szenario, in dem das Angebot nicht mehr limitiert ist, auch die Preisdisziplin wieder abrupt schwinden wird und die Margen der Automobilhersteller deutlich unter Druck kommen werden. Insbesondere bei den Volumenherstellern wird dies der Fall sein. In der Vergangenheit hatten Luxusmarken oder auch die Oberklasse-Modelle der Premiumhersteller jedoch weniger Probleme, ihre Margenniveaus zu halten.

Das derzeit relativ geringe Produktionsniveau, der Nachfragestau der letzten Jahre sowie das ansteigende Durchschnittsalter der Pkw-Flotten in den USA und Europa sollten unterstützend wirken. Zudem sollte auch der operative Hebel bei höheren Produktionsmengen und Effizienzgewinnen nach dem Lieferkettenchaos helfen.

Das zunehmend realistisch erscheinende Rezessionsszenario in Europa und potenziell auch in Amerika wirkt perspektivisch deutlich dämpfend auf die Volumenerholung. Automobilnachfrage ist traditionell hoch zyklisch – ein klassisches „diskretionäres Konsumgut“, welches zudem ein absolut gesehen hohes Preisschild trägt. Daher besteht schnell das Risiko, dass solche Ausgaben aufgeschoben werden.

Auch wenn die Auftragsbücher der Automobilkonzerne aktuell noch sehr gut gefüllt sind, werden erste Signale eines potenziellen Abschwungs sichtbar. Volkswagen beispielsweise sieht erste Anzeichen einer sich abschwächenden Nachfrage in Europa. Auch klassische Indikatoren für Konsumgüter, wie beispielsweise das Verbrauchervertrauen, sehen aktuell denkbar ungünstig für den Sektor aus.

Gasversorgung in der deutschen Autoindustrie
Für Automobilproduzenten in Deutschland, in die sich mittlerweile auch Tesla einreiht, gibt es ein zusätzliches Thema, das für Verwerfungen sorgen könnte – die Gasversorgung der Industrie, welche bei einem anhaltenden russischen Lieferstopp staatlich rationiert werden könnte.

Die direkte Abhängigkeit der deutschen Automobilindustrie von Gas ist auf den ersten Blick mit Sicht auf Verbrauchsdaten und Kosten relativ überschaubar. Volkswagen beispielsweise ist mit eigenen erneuerbaren Energien und einem eigenen Kohlekraftwerk in Wolfsburg energieautark, jedoch liegt der Teufel im Detail. Bei erheblichen Einschränkungen in der Gasversorgung ist anzunehmen, dass manche betroffenen Zulieferer, wie die Chemieindustrie, Probleme bekommen und somit auch die Hersteller wieder mit Lieferkettenproblemen zu kämpfen haben.

E-Mobilität schreitet weiter voran
Abseits von der aktuell brisanten Rezessions- und Gasversorgungsthematik schreiten auch die langfristigen Dekarbonisierungspläne der Europäischen Union weiter voran. Ende Juni wurde im Rahmen des „Fit for 55“-Programms das faktische Verbrenner-Aus für Neufahrzeuge ab 2035 beschlossen und somit der ohnehin schon eingeschlagene Weg in Richtung Elektrifizierung der Flotten weiter gestärkt. Potenzielle Ausnahmen könnten hier noch die Verwendung von E-Fuels bieten, welche explizit offengelassen wurden.

Automobilaktien eher selektiv als in der Breite interessant
Die Automobilaktien beziehungsweise der europäische Automobilsektor sind seit dem Jahreshoch im Januar mittlerweile um ca. 30 % gefallen. Mit Hinblick auf eine mögliche Rezession in Europa ist der Kursverfall historisch betrachtet (gemessen an Rezessionen seit 1990) bisher noch moderat ausgefallen. Im Durchschnitt liegt der Kursverfall vom Vorrezessionshoch auf Rezessionstiefs im Automobilsektor bei nahezu 53 % – somit sind historisch betrachtet die technischen Tiefststände noch nicht erreicht.

Generell ist in einem rezessiven Szenario in zyklischen Sektoren Vorsicht geboten, vor allem, da sich im Automobilsektor die Analystenschätzungen für nächstes Jahr durchaus als zu optimistisch entpuppen könnten. Somit sind selektive Investitionen in den Sektor ratsamer als in der Breite.

Automobilhersteller versus Zulieferer
Automobilzuliefereraktien weisen relativ zu den Automobilherstelleraktien aufgrund der fehlenden Preissetzungsmacht über die letzten 24 Monate eine deutlich schlechtere Performance auf und bieten somit vermeintliches Aufholpotenzial. Wir glauben allerdings, dass es aufgrund der vermutlich anstehenden Rezession hierfür noch zu früh ist, auch wenn die Entspannung der Lieferketten bei Halbleitern isoliert für eine Volumenerholung spricht.

Bei zinssensitiven Firmen mit Start-up Charakter, also mit hohen Bewertungen und ohne nennenswerte Gewinne, bleibt Skepsis auch nach signifikanten Kursabschlägen im aktuellen Marktumfeld weiter angebracht. Starke Bilanzen, über die die meisten deutschen Automobilkonzerne verfügen, sind in unruhigen Zeiten von großem Vorteil, da diese auch für Aktienrückkäufe genutzt werden können (siehe z.B. BMW).

Werte mit unternehmensspezifischen Sondersituationen können sich oft anders entwickeln als der Gesamtmarkt. Ein Beispiel hierfür ist die Porsche Holding AG – die Holdinggesellschaft der Familien Porsche und Piëch, welche mit einem Abschlag von 31% zu ihrem inneren Wert (Net-Asset-Value) handelt. Dieser Wert setzt sich in erster Linie aus nahezu 32% der Volkswagenaktien und einer Netto-Cash-Position zusammen. Der anstehende Börsengang der Porsche AG, also des operativen Porsche-Automobilgeschäfts, kann diesen Abschlag zum inneren Wert transparenter machen.

Wichtig in einem inflationären Umfeld ist – wie in allen Branchen – eine starke Preissetzungsmacht. Das findet man weniger bei Volumenherstellern, dafür aber bei Luxusherstellern.

 

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Was passiert, wenn Russland Europa das Gas abdreht?

Der Börsen-Kurier befragte dazu einen Experten, der bezüglich der Folgen Klartext spricht.

Michael Kordovsky. Alternative Erdgaslieferungen zu Russland können nur in kleineren Mengen aus anderen Ländern kommen. Russland exportierte nämlich im Jahr 2020 232,5 Mrd m3 Erdgas, die beiden nächstgrößten Exporteure sind die USA und Katar mit jeweils 149,5 bzw. 143,7 Mrd m3, gefolgt von Norwegen und Australien. 43,5 % der EU-Erdgasimporte oder 155 Mrd m3 stammen aus Russland, gefolgt von Norwegen (23,6 %), Algerien (12,6 %) und den USA (6,6 %). Die Gasspeicher-Reserven der EU-Länder reichen bestenfalls dafür aus, 25 bis 30% des Winterbedarfs zu decken und selbst schnelle Sparmaßnahmen wären nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Eine Zwischenlösung ist dabei teures Flüssiggas, das beispielsweile auf dem Seeweg aus den USA, Katar oder Australien angeliefert wird, sofern genügend Terminals vorhanden sind.

Hohe Erdgas-Exposure
Mit 21,5 % des Primärenergiebedarfs zählt Erdgas in der EU zu den wichtigsten Energieträgern. 32,1 % der Energie für private Haushalte stammt aus Erdgas und rund 40 % der privaten Haushalte haben einen Erdgasanschluss. Private Haushalte waren 2020 für 28 % des Gesamtenergieverbrauchs verantwortlich, Transport und Industrie für jeweils 28,4 bzw. 26,1 %. Während Österreich noch relativ gut mit Wasserkraft versorgt ist, noch kleinere Spielräume bei einem alten Kohlekraftwerk hat und somit unter Heranziehung der strategischen Erdgasreserven zumindest noch genügend Erdgas zur Verfügung steht, damit die privaten Haushalte geheizt durch den Winter kommen, könnte es im Falle fehlender russischer Erdgas-Lieferungen in einzelnen EU-Ländern bereits Rationierungen der Erdgaszufuhr für private Haushalte geben. Industrie und Verkehr hätten in diesem Szenario nur noch minimale Erdgasversorgung und ein Wirtschaftszusammenbruch schlimmer als in den USA der frühen 30er-Jahre wäre die Folge. Dass es aber so weit kommt ist zwar theoretisch möglich, praktisch aber eher unwahrscheinlich.

Völliger Lieferboykott bei Erdgas möglich
Dazu Gerhard Massenbauer, Chefanalyst bei Hedge Go, der den historischen Kontext erläutert: „Europa ist zu einem hohen Maß in der Versorgung mit Gas von Russland abhängig. Das erschien lange Zeit als geringes Risiko, weil Russland hierbei auch am Höhepunkt des Kalten Krieges als zuverlässiger Energielieferant aufgetreten ist. Freilich gab es damals für Russland keine solventen Kundenalternativen. Indien und China, heute wichtige Abnehmer von russischen Energielieferungen, hatten damals nicht nur einen sehr viel geringeren Bedarf, sondern vor allem keine ausreichenden Mittel wie die Westmächte, um der UdSSR als Alternative für Einnahmen zu dienen.“ Doch die Zeiten ändern sich. „Heute ist das anders – Russland kann es sich theoretisch leisten, Europa komplett von der Energieversorgung abzuschneiden, ohne daran selbst zu Grunde zu gehen. Russland müsste sich wohl auch beschneiden, wäre aber nicht existenziell bedroht“, erklärt Massenbauer gegenüber dem Börsen-Kurier.

Doch es gibt Wirtschaftsinteressen, die dagegensprechen, da die Auswirkungen auf Europa und die Weltwirtschaft verheerend wären. „Ich gehe davon aus, dass Russland einen solchen Schritt nicht ohne Rücksprache mit China gehen und dass China dagegen ein Veto einlegen würde“, so Massenbauer.

Auswirkung eines Endes russischer Erdgaslieferungen
„Es gibt eine Reihe von Industrien, die von einer Gasunterversorgung massiv betroffen wären. Dass Russland mit einem Anteil von mehr als 40 % an der europäischen Gasversorgung nicht von heute auf morgen ersetzt werden kann, sollte auch dem Dümmsten einleuchten. Es dauert Jahre, bis ein solcher Anteil in der Versorgung ersetzt werden kann. Es fehlen Leitungen/Transportkapazitäten ebenso wie Anlagen, diese Mengen aufzunehmen“, so Massenbauer, der folgende Branchen als besonders betroffen erachtet:

• Stahlindustrie (in der Folge auch Autofirmen, Autozulieferer, Bauindustrie)
• Chemie (in der Folge auch Kunststoffindustrie, Lebensmittelindustrie, Autofirmen, Autozulieferer)
• Glasindustrie (in der Folge auch Verpackungsindustrie, Lebensmittelindustrie, Bauindustrie, Autofirmen)

„Es ist zum Teil möglich, dass etwa die Glasindustrie auf Öl umsteigt, doch setzt das voraus, dass die Anlagen nicht allzu neu und nicht sehr stark nach ESG-Kriterien ausgerichtet sind, die ‚sauberes Gas‘ gegenüber schmutzigen Ölbrennern bevorzugen. Nicht alle Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Hitzezubereitung von Gas auf Öl umzurüsten. Dies führt vor allem bei Stahl- und Glas dazu, dass Produktionsanlagen erkalten und damit endgültig unbrauchbar werden, also abgebaut und neu gebaut werden müssen. Dafür braucht es dann aber wiederum zumindest Stahlunternehmen, die die hitzebeständigen Kessel bauen können, was dann auch nicht möglich wäre, weil deren Produktionsanlagen wohl auch betroffen wären“, erklärt Massenbauer und ergänzt: „Es ist also denkbar, dass Europas Produktionskapazitäten in einer Weise betroffen sein könnten, die einen vollständigen Zusammenbruch der Wirtschaft bedeuten würde. Erfolgt das, würde die Welt in eine Depression stürzen. Denn was wir in den vergangenen beiden Jahren als Lieferkettenproblematik erfuhren, wäre ein lächerliches Vorspiel gegenüber dem Drama, das aus einem Zusammenbruch der europäischen Wirtschaft folgen könnte. Dies ist auch der Grund, warum ich denke, dass China kein Interesse daran haben kann, weil es selbst auch stark davon betroffen wäre.“

Es gibt Lichtblicke gegenüber dem Worst Case, die Massenbauer wie folgt skizziert: „Ich gehe davon aus, dass diese Probleme nur dann vermieden werden können, wenn Russland sich doch wieder an seine Lieferverpflichtungen halten wird, rechne aber damit, dass Russland dies nicht umsonst anbieten wird. Zumindest wird Putin den Druck hochhalten und nur ein Minimum bereitstellen, dass für sich genommen schon für eine starke Rezession ausreicht.“

Foto: Pixabay / viarami

 

 

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Rekordjahr ohne Besucherrekord

Vorbildlich: Die Voestalpine hielt wieder eine Präsenz-HV ab.

Wie immer pilgerten die Anteilseigner des Stahlherstellers ins Linzer Design Center zum „Hochamt des Aktionariats“, wie es Rupert-Heinrich Staller in seiner Wortmeldung später ausdrückte. Auffallend war, dass im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten nur wenige Aktionäre erschienen waren, es stellte sich heraus, dass allein IVA-Chef Florian Beckermann von den „präsenten“ 2.221 Aktionären rund 1.500 vertrat, sodass man von einer tatsächlichen Präsenz von 600 bis 700 ausgehen kann. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass noch 2018 und 2019 das Design Center praktisch voll war.

In seiner Eröffnungsrede bedankte sich der neue Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Eder bei seinem Vorgänger Joachim Lemppenau für dessen langjährige Tätigkeit, wonach CEO Herbert Eibensteiner sein Resümee über das abgelaufene Geschäftsjahr zog. „Es war durchaus herausfordernd, aber wir konnten ein All-time-high bei Umsatz, Ergebnis und Eigenkapital erzielen“, zeigte er sich zufrieden. Schon im August hätten sich die ersten Lieferprobleme bei der Autoindustrie ergeben, im Herbst begannen dann auch die Preise anzuziehen. In den USA sei das Umfeld durch die hohe Inflation getrübt, in Europa hat der Ukraine-Krieg die Erholung gestoppt.

„Lieferstopp wäre fatal“
Apropos Ukraine: „Wir sind zutiefst betroffen von den Ereignissen“, betonte Eibensteiner. „Wir versuchen vor Ort zu helfen.“ Die Mitarbeiter habe man in Sicherheit gebracht, viele waren es aber ohnehin nicht. Der Umsatzanteil sei mit insgesamt 0,4 % nicht relevant, die Kohle wird jetzt aus anderen Quellen als aus Russland bezogen. Ein Gaslieferstopp wäre für das Unternehmen fatal, „aber wir speichern selbst Gas und haben genügend für drei Monate Vollbetrieb“, so Eibensteiner.

Die Entwicklung der einzelnen Divisionen war gut, vor allem bei Stahl sind sowohl die Nachfrage als auch die Preise gestiegen. In Texas hat man 80 % der HBI-Produktion („Hot Briquetted Iron“, Eisenbarren, Anm.) an ArcelorMittal verkauft, mit den restlichen 20 % sieht sich Eibensteiner gut für die Zukunft versorgt. Bei der „High Performance Metals“-Division war die Marktentwicklung gut, lediglich in China kam es im vierten Quartal zu einer Abschwächung. Das Edelstahlwerk in Kapfenberg ist fertig und wird diesen Sommer in Betrieb genommen. „Hier werden 205.000 Tonnen Spezialstähle pro Jahr hergestellt und wir sichern damit 3.000 Arbeitsplätze“, erklärte der CEO.

Bei „Metal Engineering“ ist ebenfalls eine positive Entwicklung zu vermerken, besonders im Bereich Schweißtechnik hat man sich als Gesamtanbieter etabliert. In Donawitz wurden Pilotanlagen zur Herstellung von CO2-neutralem Stahl („greentec steel“) in Betrieb genommen. Die Division „Metal Forming“ konnte einen Rekord bei allen Kennzahlen aufstellen, weil die Nachfrage in fast allen Bereichen ausgezeichnet war. Hier schwächelte nur die Automobilindustrie aufgrund der bekannten Lieferproblematik.

Ein Plädoyer für die Präsenz-HV
Die Generaldebatte wurde von Staller eröffnet, der ein leidenschaftliches Plädoyer für die Präsenz-HV hielt und nicht mit Kritik an verschiedenen Institutionen sparte, die für die Beibehaltung der virtuellen HV lobbyieren. „Es gibt etliche, die gar nicht wollen, dass wir hier sind“, wetterte er. „Das wäre der Missbrauch einer Notlösung als Dauerlösung!“ Er wollte wissen, wie die Voestalpine dazu steht und warum man nicht gleich einen Beschluss pro Präsenz-HV anstrebe. Eibensteiner erklärte, man habe die vergangenen zwei Jahre nach den Maßgaben des Gesetzes gehandelt und wolle dies auch weiterhin tun.

Staller bedankte sich auch bei Lemppenau, den er „vermissen wird“ und wollte wissen, ob man nicht andenke, die AR-Besetzung und -Wahl anders zu gestalten. „Die Blockwahl von acht Kapitalvertretern ist unerträglich“, meinte er. Eder stimmte grundsätzlich zu, bat aber um Geduld, er sei erst drei Monate im Amt – „und da kann ich noch nicht viel machen!“

Für Heiterkeit im Publikum sorgte die Antwort auf Stallers Frage, wann es endlich eine langfristige Strategie gebe: „Wenn wir endlich etwas Konkretes von der EU und der Regierung haben“, so Eibensteiner trocken.

IVA-Mann Beckermann brach ebenfalls eine Lanze für die persönliche Anwesenheit bei Hauptversammlungen und wollte wissen, was man von den Diskussionen um die Abschöpfung von Zufallsgewinnen halte. Diese schade massiv dem Kapitalmarkt und stehe im Gegensatz zum Regierungsprogramm, so Eibensteiner. „Das ist ein Tiefschlag für den österreichischen Kapitalmarkt“, ergänzte Eder. „Die gesetzlichen Bestimmungen sollten ausreichen, sonst wird die Gefahr von politischer Willkür viel zu groß.“

Publikumsschwund
Nach diesen beiden Rednern begann das Publikum abzuschmelzen, immer mehr Aktionäre verließen den Saal und eilten ans Buffet. Dass die meisten nicht wiederkommen sollten, war ungewöhnlich – anscheinend hat die zweijährige HV-Pause dem Sitzfleisch der Anteilseigner geschadet.

So waren bei den Abstimmungen nur mehr rund 300 Aktionäre zugegen, was der hohen Stimmenanzahl aber keinen Abbruch tat. Die Abstimmungen verliefen mit großen Mehrheiten, lediglich mit dem Vergütungsbericht zeigten sich 12 % nicht einverstanden.

Foto: Voestalpine AG

 

 

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Ordentliche Angst-Ansage der Bevölkerung

Unterstützungsmüdigkeit für die Ukraine; Herausforderungen einer multipolaren Welt.

Rudolf Preyer. Die Paul Lazarsfeld Gesellschaft für Sozialforschung (PLG) verstehe sich als „Pulsuhr der Gesellschaft“, erklärte Präsident Werner Beutelmeyer eingangs einer Konferenz Anfang Juli mit den aktuellen Schwerpunkten „Ukraine“ und „Inflation“. Im Presseclub Concordia konnte dabei eine aktuelle Umfrage zur Stimmungslage in der österreichischen Bevölkerung präsentiert werden, die von renommierten Experten kommentiert wurde.

Weil im wöchentlichen Rhythmus tausend Personen befragt werden, genießt die „Lazarsfeld-Umfrage“ in Fachkreisen den Ruf eines Seismographen, der Veränderungen in der Gesellschaft zeitnah wahrnimmt.

Die Umfrage
Die Ergebnisse der Umfrage im Folgenden im Ticker-Format: Wir haben die „Optimismuselastiziät“ verloren, nur mehr jeder vierte Österreicher blickt optimistisch in die Zukunft. Ad Inflation: Für drei Viertel ist die Teuerung (sehr) spürbar. Folglich beabsichtigen zwei von drei Österreichern, den Gürtel enger zu schnallen. Die große Mehrheit (57 %) glaubt, dass sich der russische Vormarsch durch die breite Allianz des Westens sowie durch die militärische Unterstützung der Ukraine nicht stoppen lassen. Die Befragten tendieren mehrheitlich in Richtung eines geringeren Engagements der EU in der Unterstützung der Ukraine. Dito die Meinung zur Ukraine als EU-Beitrittskandidat („wenig gute Maßnahme“). Zwei Drittel halten einen totalen Gaslieferstopp durch Russland für „wahrscheinlich“. Und für genauso viele hätte dieser „dramatische Auswirkungen“. Vorrangig sollten diesfalls dann private Haushalte bevorzugt beliefert werden anstatt der Industrie. Kurzum: Die Befürchtung einer schweren Wirtschaftskrise im Vergleich zum Kriegsbeginn hat stark zugenommen.

Die Reaktionen
Ewald Nowotny
, Nationalbank-Gouverneur a.D., wunderte sich, dass die doch hoffnungsvollen Prognosen heimischer Institute den möglichen Stopp russischer Gaslieferungen nicht berücksichtigt haben. Die negative Erwartungshaltung der Österreicher, so befürchtete der Ökonom, könne zu einer „selbstverstärkenden Inflations-Spirale“ führen. Nowotny sprach sich für einen „inflationssinkenden vorübergehenden Erlass der Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel“ aus.

Wolfgang Petritsch, OECD-Botschafter a.D., erwartet eine „neue Migrationswelle aus dem Süden“. Um einer „Unterstützungsmüdigkeit im Westen“ vorzubeugen, könnte es unter Umständen angebracht sein, den Krieg mit einer Gebietsabtretung seitens der Ukraine zu beenden. Was das „Vorzimmer der EU“ betrifft, sprach sich Petritsch dafür aus, die Ukraine und Moldawien nicht in einen Topf mit den Beitrittskandidaten vom Westbalkan zu werfen. Die energiepolitische Abhängigkeit Europas von Russland sei „mindestens so groß“ wie die „Abhängigkeit von China“, so der Diplomat, der sich für eine „aktive Neutralitätspolitik Österreichs“ aussprach.

Alles in allem lasse sich ein „Gap“ beobachten – zwischen dem, „was die Bevölkerung meint“, und dem, „was die Mehrzahl der Medien berichtet“, so PLG-Direktor Patrick Horvath.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Seidenstraße: Irrweg oder Ausweg?

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO bei der französischen Fondsgesellschaft LFDE.

(05.07.) Weltweit sind die Zentralbanken gezwungen, die finanziellen Bedingungen im Kampf gegen die Inflation massiv zu verschärfen, wodurch sie die Volkswirtschaften an den Rand des Abgrunds bringen. Alle Zentralbanken? Nein. Eine macht genau das Gegenteil: die Chinesische Volksbank (People’s Bank of China). Sie lockert ihre monetären Bedingungen, um die Wirtschaft zu stützen, denn die chinesische Inflation liegt gerade einmal bei 2,1 %, die Inflation ohne Energie und Lebensmittel sogar nur bei 0,9 %. Der Auftrieb bei den Erzeugerpreisen, deren Anstieg von über 13 % im Oktober die wirtschaftliche Stabilität bedrohte, hat sich deutlich abgeschwächt. Dadurch beläuft sich das jährliche Plus nun auf 6,4 %. Westliche Notenbanker können davon nur träumen.

Chinas Wirtschaft hat in den vergangenen Monaten stark gelitten
Glücklicherweise kann die chinesische Zentralbank die Wirtschaft des Landes stützen, denn diese hat dies bitter nötig. China hat in den letzten Monaten stärker gelitten als im Frühling 2020 unter der Corona-Krise, wenngleich diese dort ihren Anfang nahm. Der Wohnimmobilienmarkt erlebte 2021 einen steilen Abschwung. In dessen Verlauf rutschte Evergrande, einer der größten Immobilienentwickler des Landes, beinahe in die Insolvenz. Dank staatlicher Unterstützung konnte ein Zusammenbruch verhindert werden.

Der Höhepunkt jener Krise scheint überwunden, doch im Frühling 2022 gab es bereits die nächste: Die Infektionszahlen schnellten insbesondere in Shanghai und Peking in die Höhe. XI Jinpings strikte Null-Covid-Politik führte zu einem brutalen Lockdown, von dem Millionen Menschen betroffen waren. Die Ergebnisse aus den Konjunkturumfragen gingen daraufhin stark zurück: Der Composite-Einkaufsmanagerindex fiel von 51,2 im Februar auf 42,7 im April und signalisierte damit eine Beinahe-Rezession für das zweite Quartal 2022.

Aufschwung und Profit infolge der westlichen Geopolitik
Doch die Pläne der Regierung zur Ankurbelung der Kreditvergabe, zur Lockerung der Finanzierungsbedingungen sowie zur Deregulierung des digitalen Sektors haben bereits Früchte getragen. So stieg der Einkaufsmanagerindex im Juni auf 54,1. Auch wenn man den chinesischen Daten mit einer gewissen Skepsis begegnen sollte, enthalten sie wahrscheinlich ein Körnchen Wahrheit. Schließlich reagierten chinesische Aktien (MSCI China in USD) im zweiten Quartal mit einem leichten Anstieg auf die Stimmungsverbesserung, während globale Aktien zeitgleich um mehr als 15 % nach unten gingen.

China kommt also aus dem Tief. Gleichzeitig steigt im Rest der Welt die Angst vor einer Rezession. Das Pendel schlägt zu beiden Seiten gleich stark aus. Sofern es zu einer globalen Rezession kommt, dürfte sie den Westen allerdings härter treffen als China, denn aufgrund der hohen Inflation können die westlichen Zentralbanken ihre Wirtschaft nicht stützen. Der Krieg in der Ukraine kommt noch hinzu. Von beiden Faktoren ist das Reich der Mitte bisher nicht betroffen und das dürfte auch so bleiben, sofern es Taiwan nicht direkt angreift.

In gewissem Maße kommt China sogar der Krieg in der Ukraine zugute. Zum einen will der Westen verhindern, dass China Russland umfassend unterstützt. Um dies zu erreichen, sind die G7 zweifellos zu wirtschaftlichen oder politischen Zugeständnissen bereit. Zum anderen profitiert das Land, ebenso wie Indien, bereits davon, dass die russischen Energieexporte, die in Europa nicht mehr abgenommen werden, in den Osten umgelenkt werden. Dieses unverhoffte Angebot an billiger Energie in Kombination mit einer entschlossenen Atompolitik erhöhen die Chancen für einen Aufschwung. Und die EPR-Reaktoren in China funktionieren.

Westliche Wirtschaft: ohne China geht es nicht
Auch wenn China die USA mit seiner wirtschaftlichen und geopolitischen Stärke in Angst und Schrecken versetzt, wird es für die westliche Wirtschaft zunehmend unentbehrlich. Diese braucht das Land sowohl als Produktionsstandort als auch als Absatzmarkt. Sie braucht es, um die Preise von Importgütern zu dämpfen und Abnehmer für ihre Waren zu finden, während die westlichen Konsumenten unter der hohen Inflation leiden. Wie bei jeder Krise seit 2008 kommt China dem Westen unfreiwillig zu Hilfe, der seinerseits gerne auf diese Unterstützung verzichten würde, hierzu aber immer weniger in der Lage ist. Ähnliches gilt für Russland, das immer stärker von seinem riesigen Rivalen im Osten abhängig ist.

Für den Westen stellt die Seidenstraße somit gleichermaßen einen politischen Irrweg dar, während sie für die Wirtschaft zunehmend als einziger Ausweg erscheint.

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Von der Inflation zur Deflation

Wohin gehen die Preise? Und warum auch die Deflation ein Szenario sein kann.

Michael Kordovsky. Noch herrscht Jammern und Wehklagen über eine Teuerung auf breiter Front. Im Mai stieg in den USA die Inflationsrate von 8,3 auf 8,6 % und markierte den höchsten Stand seit Dezember 1981. Ein Jahr davor lag die Inflation bei 5 % und im Jänner 2021 sogar noch bei 1,4 %.

Im Vergleich dazu stieg im Euroraum die Inflationsrate von 2,2 % im Juli 2021 auf 8,1 % im Mai 2022, ehe sich die Teuerung im Juni auf einen neuen Inflationsrekordwert von 8,6% beschleunigte. Dazu ein Blick auf die genaue Schnellschätzung für Juni 2022: Die Jahres-Teuerung der im HVPI mit 10,93 % gewichteten Energiepreiskomponente beschleunigte sich von Mai auf Juni von 39,1 auf 41,9 %, was primär eine Folge der Ukraine-Krise (Erdgasknappheit) ist. Im Vergleich dazu lag im Juni 2021 deren Preissteigerung erst bei 12,6 % was damals auf eine Erholung von den Lockdowns zurückzuführen war.

Noch vor einem Jahr (im Juni 2021) waren die Preise für unverarbeitete Lebensmittel um 0,3 % rückläufig. Heuer: Von Mai auf Juni beschleunigte sich der Preisauftrieb von 9 auf 11,1 %. Hingegen gemäßigt entwickelten sich im Juni 2022 die Preissteigerungen bei Dienstleistungen (3,4 %) und Industriegüter ohne Energie (4,3 %). Rechnet man Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak aus dem HVPI heraus, so läge diese Art der „Kerninflation“ nur bei 3,7 %.

Es zeigt sich somit primär eine energiepreisgetriebene Inflation, von der die einstigen „verlängerten Werkbänke“ in Osteuropa am stärksten betroffen sind. Die höchsten Inflationsraten wiesen im Juni Estland (22 %), Litauen (20,5 %), Lettland (19,0 %) und die Slowakei (12,5 %) auf.

Indessen am niedrigsten war die Inflation auf Malta (6,1 %), in Frankreich (6,5 %) und in Finnland (8,1 %). In Österreich sprang sie von 7,7 auf 8,7 %.

Konjunktursensible Rohstoffpreise fallen
Mittlerweile setzen die Regierungen der EU- und NATO-Länder wegen des Ukraine-Kriegs auf Energiesparen und Alternativen zu russischem Erdgas. Gleichzeitig kühlt die Konjunktur immer stärker ab und die von Experten bezifferte Wahrscheinlichkeit einer Rezession wird von Woche zu Woche höher. Während WTI-Rohöl auf 3-Monats-Basis noch 11,7 % im Plus liegt (Monatsbasis -8,1 %), verteuerte sich UK-Erdgas binnen eines Monats um 29 %, was auf die jüngsten Drosselungen russischer Erdgaslieferungen in die EU zurückzuführen ist.

Die Preisentwicklung der konjunktursensiblen Industriemetalle Kupfer, Nickel und Primäraluminium spricht hingegen eine klare Sprache: Deren Preise liegen auf 3-Monats-Basis je 21,6 %, 35,9 % bzw. 28,2 % im Minus. Im gleichen Zeitraum verlor Zinn bereits knapp 41 %. Auch die Preise für Agrarrohstoffe bröckeln wieder ab: Mais und Weizen verloren binnen eines Monat 9,9 bzw. 10,3 %. Aktualisierte Anbaudaten aus den Vereinigten Staaten und die Ende Mai vorhandenen Getreidebestände waren die Auslöser.

Mit der Produktionsausweitung der Opec+-Länder und ersten Anzeichen diplomatischer Verhandlungen im Ukraine-Krieg könnte ebenfalls jederzeit ein massiver Ölpreisverfall einsetzen, zumal die Konjunktur und damit einhergehend die Erdölnachfrage sich tendenziell rückläufig entwickeln.

Ausblick mit vielen Fragezeichen
Die Volkswirte der EZB gehen davon aus, dass sich die Inflationsrate des Eurosystems von 6,8 % in 2022 bis 2023 und 2024 jeweils auf 3,5 bzw. 2,1 % mäßigen wird. Die Kerninflation (also Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel) sollte von 3,3 % im Jahr 2022 bis 2023 und 2024 auf jeweils 2,8 bzw. 2,3 % sinken. Und es könnte 2023/24 im Falle einer Rezession das Pendel bereits in die andere Richtung schlagen. Starke Basiseffekte beim Rohöl (im Falle eines Öl-Crashs) könnten sogar zu einzelnen Monaten mit negativen Inflationsraten führen.

Sollten dann wegen höherer Leit- und Wohnkreditzinsen auch noch die Immobilienpreise fallen, wäre ab der zweiten Jahreshälfte 2023 selbst ein klassisches Deflationsszenario denkbar.

Foto: AdobeStock / photoschmidt

 

 

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„Das wird ein Kraftakt“

Eine Klimarettung kann es nur mit der Finanzindustrie geben.

Emanuel Lampert. Alleine werde die Finanzindustrie das Klima nicht retten können, „aber ohne Finanzindustrie wird es sicher nicht gehen“, sagte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler am Montag in Wien bei einer Enquete des Fachverbandes der Pensions- und Vorsorgekassen, des Versicherungsverbandes und der Vereinigung Österreichischer Investmentgesellschaften.

Die „Zeitenwende“ gebe einen Auftrag zu „mehr Tempo“ in der Transformation der Wirtschaft. Der Finanzsektor sei hier ein unabdingbarer Treiber. „Auch Sie müssen aufs Tempo drücken.“ Die Transformation brauche Infrastrukturinvestitionen. „Das wird ein Kraftakt“, biete aber gerade auch der Finanzindustrie eine große Chance, so Gewessler.

Bislang seien Wirtschaftswachstum und Klimaschädigung Hand in Hand gegangen, Finanzprodukte „mit dem Wachstum verheiratet“ gewesen, sagte der Umweltwissenschaftler und Ehrenpräsident des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker. Umweltziele sollten aber die Basis des Wirtschaftens und Wachstum von Klimaschädigung entkoppelt sein, denn „wenn der ökologische Sockel wegbricht, gibt es auch keinen Wohlstand mehr“. Das Geschäftsmodell, das zur Wegwerfgesellschaft führte, müsse sich ändern, eine „Klimaaußenpolitik“ Klimaschutz ökonomisch rentabel machen.

Bio-Regal oder Bioladen?
Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb sieht die EU-Taxonomie-Verordnung als etwas, das zur Auseinandersetzung mit dem Thema zwingt. „Oje, schon wieder neue Bestimmungen“, hält sie dabei für die falsche Einstellung. Statt zu versuchen, beim Wirtschaften auch grün zu sein, solle die Finanzwirtschaft umgekehrt an die Sache herangehen: sich vor Augen halten, aus welchem Gedanken heraus sie entstanden ist – ein „gutes Leben für alle innerhalb der Grenzen des Planeten“ zu ermöglichen -, und entsprechend investieren. Das beuge nicht zuletzt Greenwashing vor.

Viel Mühe werde darauf verwendet, Ethikfonds zu definieren. Man könne aber auch überlegen: Will man ein Supermarkt mit gesondertem Bio-Regal sein oder ein Bioladen? Nicht die „guten“ Angebote sollten extra ausgewiesen werden, sondern umgekehrt, meint Kromp-Kolb.

Laut Klaus Neusser, Direktor des Instituts für Höhere Studien, ist der „Green Finance“-Markt noch relativ klein, wächst aber. Es gebe viele ESG-Label, es sei aber nicht immer ganz klar, was genau sie aussagen. „Das ist ein Hindernis, um im großen Stil vorwärtszukommen.“

Langfristige Gemeinsamkeiten
Martin Graf
, der Vorstandsdirektor der Energie Steiermark, ortet Gemeinsamkeiten seiner und der Finanzbranche: „Die Langfristigkeit in unserem Geschäft verbindet uns mit der Versicherungswirtschaft.“ Jetzt sei die Zeit, in der „der größte Investitionsschub seit den 70er-Jahren auf uns zukommt“. Dies erfordere eine sehr langfristige Zusammenarbeit mit den Versicherern und den Vorsorgeinstituten.

Gewessler habe von Tempo gesprochen – nötig sei auch „Tempo bei Genehmigungen“, um das Geld der Anleger investieren zu können: „Vom Reden hin zum Tun“, stimmte Graf zu. „Und zum Tun-Dürfen.“

Foto: Adobe Stock/Nico El Nino

 

 

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„Den Mut haben, im Holzbau tätig zu sein“

UBM-CEO Thomas Winkler über das neue Geschäftsmodell, Kompetenzen und aktuelle Herausforderungen.

Marius Perger. 2019 war die UBM Development AG noch der führende Hotel-Developer in Europa. Dann kam Corona. Und damit änderte sich alles – auch für den börsenotierten Immobilienentwickler. Knapp drei Jahre später ist UBM auf dem Weg, führender Holzbau-Developer in Europa zu werden. Wie es zu dieser doch eher radikalen Änderung des Geschäftsmodells kam, wie man in so kurzer Zeit die benötigten Kompetenzen aufbauen konnte und wie sich die aktuelle geopolitische Situation auf das Geschäft auswirkt, darüber hat der Börsen-Kurier mit CEO Thomas Winkler ausführlich gesprochen.

„Holzbau lag schon in der Luft“, sagt Winkler und verweist darauf, dass UBM bereits 2019 im 22. Wiener Gemeindebezirk mit der Errichtung von sieben Wohnhäusern begonnen hat – eines davon aus Holz, „um einen direkten Vergleich mit den umliegenden Massivbauten zu haben“, wie es auf der Homepage von UBM heißt. Dazu komme, dass der Vorstand des Konzerns eine starke Affinität zu Holz besitze. Und nach dem 16. März 2020, dem Beginn des ersten Lockdowns „wollte niemand mehr freiwillig größter Hotel-Developer sein“. Doch was dann? Einfach nur von Hotel auf Büro umzusteigen wäre etwas banal gewesen. Also fiel der Entschluss: „Wir sollten den Mut haben, im Holzbau tätig zu sein.“

Heute errichtet UBM im Frankfurter Europaviertel mit dem „Timber Pioneer“ das erste Bürogebäude der Stadt in Holz-Hybrid-Bauweise, die Fertigstellung ist für Anfang 2023 geplant. Und in Wien soll in Kürze direkt am Donaukanal mit der Errichtung des „Leopoldquartiers“ begonnen werden, das nicht nur Europas erstes Stadtquartier in Holzbauweise sein wird, sondern durch die konsequente Nutzung von Erdwärme, Erdkälte und Photovoltaik im Betrieb auch CO2-neutral.

„Green“, für UBM gleichbedeutend mit Holzbau, genüge aber nicht, so Winkler. Auch die „Smartifizierung“ von Immobilien werde künftig nötig sein, und auch das sei noch nicht alles. Es gehe bei Gebäuden auch um Ästhetik, um das Erzählen von Geschichten und um vieles mehr. Und damit sei die neue Strategie des Konzerns geboren gewesen: „green. smart. and more“.

War also die Pandemie der „Gamechanger“? Das Denken sei schon vor der Pandemie vorhanden gewesen, sagt Winkler: „Das Spiel hat es schon gegeben. Aber es wäre nicht in diesem Tempo passiert.“

Neue und alte Kompetenzen
Um im Holzbau reüssieren zu können, müsse man schnell Kompetenzen aufbauen, der Erste sein. Winkler: „Wir haben das sehr früh erkannt.“ Man habe fünf Holzbauexperten gefunden, dazu einige Praktiker. Heute wäre es nicht mehr möglich, solche „Koryphäen“ zu engagieren. Dazu komme, dass es auch nur eine überschaubare Zahl von Planern gebe, „die Holzbau können“. Und man habe eine Struktur mit zentralen Kompetenzen geschaffen, „auf die wir sehr stolz sind“.

Was aber passiert mit jenen Kompetenzen, die brachliegen? „Wer Hotel-Development kann, kann auch Büro-Development“, so Winkler. Und auch auf den Wohnbau ließen sich die Kompetenzen übertragen: „Konventionelle Development Skills sind auch in anderen Assetklassen einsetzbar“. Überhaupt wolle er die Kompetenzen für Hotel im Haus behalten und alles tun, um diese nicht zu verlieren. Denn: „Hotel wird wiederkommen.“

Mit Holzbau Geld verdienen
„Für uns ist Nachhaltigkeit eine Haltung, aber auch etwas, womit wir glauben, den bestmöglichen ökonomischen Erfolg für die UBM erzielen zu können“, betont Winkler. Die höchsten Margen habe man zwar im Hotelsektor verdient, und trotzdem sei 2021 – in dem dieser wegen Covid-19 ja darniederlag – das zweitbeste in der Geschichte der UBM gewesen.

Die derzeit entstehenden Holzgebäude würden zwar in der Errichtung teurer kommen als konventionelle, das sollte aber durch höhere Verkaufspreise kompensiert werden. Allerdings würden zu den Margen im Holzbau noch die Erfahrungswerte fehlen, Frankfurt sei deshalb so etwas wie ein „Lackmustest“. Doch Winkler geht davon aus, dass beim Verkauf ein höheres Multiple als für ein konventionelles Bürohaus erzielbar sein wird. Unterstützt werde diese Erwartung von einer Studie der Universität Darmstadt, wonach ESG-fähige Objekte am Markt höhere Preise erzielen können. Am Ende müsse Holzbau aber auch billiger werden, derzeit gebe es noch Ineffizienzen.

Immobilienbranche im Wandel
„Aktuell“ sei UBM kaum von den Preisturbulenzen betroffen, sagt Winkler. Viele Projekte würden gerade fertig gestellt, und man verfüge über langlaufende Verträge. Von daher sei es kein Problem, wenn die Preise steigen.

Es gebe aber eine Reihe von Projekten, „die wir in Umsetzung bringen könnten. Aufgrund der aktuellen Situation machen wir es aber derzeit nicht“. Die Verfügbarkeit von Materialien sei auch für sein Unternehmen ein „Riesen-Thema“: „Das macht uns Sorgen.“ Dazu kämen noch Lohnpreissteigerungen und fehlende Arbeitskräfte. Derzeit sei es jedenfalls unmöglich, Entscheidungen für einen Baubeginn zu treffen.

Überhaupt sieht Winkler die Immobilienbranche am Anfang einer Abwärtsbewegung. Aber: „Ich glaube, dass ein reinigendes Gewitter, wie wir es jetzt sehen, in un-serer Branche mehr als überfällig war.“ Und es gebe keinen Zweifel, dass Menschen danach Büros und Wohnungen wieder wie davor brauchen werden, bleibt Winkler auch in der aktuellen Situation optimistisch.

Foto: UBM

 

 

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Putin tut was für unser Klima

Ein Kommentar von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management.

(28.06.) Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der explosionsartige Anstieg der Preise für Strom, Benzin, Heizöl und Gas nicht zu einem starken Rückgang des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen führen würde – und damit zu einem ähnlich starken Rückgang der CO2-Emissionen. Putin erledigt gewissermaßen den Job unserer Klimapolitiker, ohne dass diese groß kämpfen und ihren Kopf für die unpopuläre Inflation der Energiepreise hinhalten müssen. Wer ein besseres Klima will, muss die Preise der Energieträger möglichst kräftig und möglichst rasch erhöhen. Das ist der Konsens unter Ökonomen. Voilà! Putin sei Dank, wer hätte das gedacht?

Seit dem letzten Tiefpunkt im April 2020 bis heute hat sich der Preis für Rohöl, gemessen in Euro, um 445 % erhöht, der deutsche Benzinpreis um etwa 40 % und der Gaspreis für Haushalte um etwa 300 %. Zusammen mit der Inflation bei den übrigen fossilen Brennstoffen hat sich das jährlich für andere Zwecke verfügbare Einkommen um schätzungsweise 100 Mrd. Euro oder 4,5 % vermindert. Im Euroraum insgesamt war es nicht anders, nur dass die genannten Zahlen um einen Faktor von 3 bis 4 höher sein dürften.

Nach Abzug der verteuerten Ausgaben für Energie ist das Einkommen von Haushalten und Unternehmen also viel geringer als vorher, was nichts anderes heißt, als dass sich das Risiko einer Rezession deutlich erhöht hat.

In einem Aufsatz im Wirtschaftsdienst (2022/13) zeigen Sebastian Dullien und Ulrike Stein, dass die neuen Klimaziele Deutschlands und der EU sehr hohe Preise für alle Energieträger erfordern. Auf Beschluss des Bundestages soll die Emission von Treibhausgasen hierzulande bis 2030 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 um 65 Prozent zurückgehen, und Klimaneutralität soll bereits 2045 erreicht sein. Die Ziele unserer europäischen Nachbarn sind kaum weniger ehrgeizig.

Wenn die Politik allein auf das Instrument „CO2-Preis“ setzen würde, müsste dieser auf 200 Euro pro Tonne steigen – oder mehr -, abhängig von den übrigen Annahmen in der Simulationsrechnung. An der europäischen Börse wird CO2 zurzeit mit etwa 82 Euro pro Tonne gehandelt, was zwar dreizehnmal mehr ist als im Jahr 2017, dem Jahr, als der rapide Preisanstieg der Emissionsrechte begann, aber immer noch viel zu niedrig ist. Bei einem CO2-Preis von 200 Euro würde sich beispielsweise der Endpreis von Heizöl um 60 Cent pro Liter, der von Superbenzin um 56 Cent erhöhen (im Vergleich zu Jänner 2022).

Durch den russischen Überfall auf die Ukraine haben sich die Marktpreise in die richtige Richtung bewegt. Es muss nun aus klimapolitischen Gründen verhindert werden, dass sie wieder auf ihr Vorkrisenniveau sinken, wenn sich die politische Lage eines Tages wieder entspannt. Wie erfahrene Europapolitiker wissen, sollte eine gute Krise nie ungenutzt bleiben. Mit anderen Worten muss in einem solchen Fall die Anzahl der zu versteigernden Emissionsrechte kräftig vermindert werden (was ihre Preise hochhält). Alternativ dazu müssten die diversen Steuern und Abgaben auf Kohle, Erdöl, Strom und Gas Zug um Zug steigen, mit dem Ziel, dass der Verbrauch CO2-intensiver Energie nicht wieder steigt. Am besten wäre natürlich, wenn er weiter zurückginge.

Solche Maßnahmen hätten den Effekt, dass die CO2-Abgaben der Nutzer fossiler Brennstoffe großenteils im Lande bleiben, nämlich beim Staat. Heute übertragen wir einen großen Teil unseres Einkommens in Form von hohen Einfuhrpreisen an ausländische Produzenten fossiler Energie – sprich an Russland und Arabien. Da die teure Energie äußerst regressiv auf die Einkommensverteilung wirkt, ärmere Haushalte also relativ viel stärker belastet als reichere, kann der Staat seine Einnahmen aus Emissionsrechten, Abgaben und Steuern auf Energie für soziale Gegenmaßnahmen verwenden und so nicht nur seinen Klimazielen näherkommen, sondern gleichzeitig gefährliche und ungerechte soziale Schieflagen abmildern. Außerdem erleichtern diese Einnahmen die Finanzierung des grünen Strukturwandels.

Die Energiepreise dürfen nicht mehr sinken!! Oder erst, wenn der Umstieg auf Erneuerbare komplett gelungen ist.

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Im Kreislauf gegen Krisen

Innovative Kreislaufwirtschaft macht Unternehmen resilienter gegen Lieferkettenengpässe.

Christian Sec. Vor dem Hintergrund zunehmender Verknappung endlicher Ressourcen und steigender Rohstoffpreise ist es besonders wichtig, die Kreislaufwirtschaft noch stärker zu fördern und gleichzeitig die Abhängigkeit von Rohstoffen zu verringern. So hat ein BMW-Joint-Venture in China erstmals einen geschlossenen Kreislauf zur Wiederverwendung der Rohstoffe Nickel, Lithium und Kobalt aus Hochvoltbatterien etabliert. Auch der innerdeutsche Konkurrent Mercedes-Benz plant demnächst eine Recyclingfabrik für Autobatterien. Wurde der Nutzen einer Kreislaufwirtschaft für die Umwelt bereits zuvor gesehen, so tragen die Krisen der vergangenen Jahre dazu bei, dass die Werterhaltung von Ressourcen auch zu einer ökonomischen Notwendigkeit wird. „Wir müssen das lineare System Schritt für Schritt ändern, bis es ersetzbar wird“, erklärte Karin Huber-Heim, Executive Director bei der Netzwerkorganisation Circular Economy Forum Austria, in einem Gespräch mit der Wirtschaftskammer.

Kreislauf als Mittel gegen Engpässe
Auch in den österreichischen Unternehmen schreitet die Kreislaufwirtschaft voran. Rund zwei Drittel des Abfalls beim Anlagenbauer Andritz wird bereits recycelt. Dies gilt für das Metall als Hauptbestandteil der Anlagen, aber auch für ausgewählte Materialfelder wie z. B. IT-Komponenten oder in der mechanischen Fertigung, wo Waren durch Reparatur bzw. Sanierung oder Produktbestandteile durch Recycling im Kreislaufprozess gehalten werden. Ziel des Unternehmens ist es, im Bereich der Zellstofffabriken keinen Abfall mehr zu produzieren. Nebenströme werden direkt in der Anlage wiederverwendet oder zu wertschöpfenden Produkten weiterverarbeitet. Der Geschäftsbereich Pulp & Paper bietet außerdem Second-Hand-Anlagen an, um Ressourcen zu schonen. „Durch das Refurbishing können so Lieferengpässe ausgeglichen werden“, erklärt dazu Michael Buchbauer, Head of Group Finance und Sprecher von Andritz, gegenüber dem Börsen-Kurier.

Auch das Lichttechnik-Unternehmen Zumtobel sieht in der Kreislaufwirtschaft eine Möglichkeit, Lieferengpässen entgegenzuwirken. Dabei hat sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt, das Thema Kreislaufwirtschaft allumfassend zu fördern. So werden gemeinsam mit Lieferanten eingesetzte Materialien auf kritische Inhaltstoffe überprüft, der Anteil von Recyclingmaterial erfasst und die Recyclebarkeit systematisch erhoben. Produkte werden von Zumtobel dabei so gestaltet, dass einzelne Komponenten und Materialien voneinander getrennt werden können.

Der Ziegelhersteller Wienerberger verfolgt das Ziel, dass bis spätestens 2023 alle neuen Produkte zu 100 % wiederverwendbar oder recyclebar sind. Eine wichtige Forderung von Experten zur Verbesserung der Kreislaufwirtschaft stellt das Urban Mining dar. Dabei dienen Städte als Rohstoffquelle. In ihnen haben sich große Mengen an Stoffen angesammelt, die es im Wertkreislauf zu halten gilt. Wienerberger setzt diese Forderung bei einem Dachziegelprojekt in Deutschland um. Ziegeln werden aus Abbruchgebäuden produziert. Mit solchen Maßnahmen steigert das Unternehmen laut eigenen Angaben den Anteil an Sekundärrohstoffen bzw. Recyclingstoffen in der Produktion.

Foto: Wienerberger

 

 

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Die richtige Balance

Aktien und Anleihen für ein breites ESG-Portfolio.

Harald Kolerus. Es gibt verschiedene Wege, sich nachhaltigen Investments anzunähern: Etwa mit Spezialprodukten, die sich auf einzelne Themen konzentrieren, wie z. B. Wasserkraft, Energieeffizienz, Klimawandel etc. Oder man setzt auf den breiten Markt, wählt dabei aber jene Unternehmen aus, die in Sachen Nachhaltigkeit die bessere Bilanz aufweisen. Der „Franklin ESG-Focused Balanced Fund“ (ISIN: LU2319533704) hat sich für die zuletzt genannte Alternative entschieden.

Kern-Investment
Marzena Hofrichter
, Fondsmanagerin bei Franklin Templeton Investment Solutions, erklärt im Interview mit dem Börsen-Kurier die grundsätzliche Konzeption des Produkts: „Wir sind bewusst in die Breite gegangen, der Fonds soll somit für Anleger ein Kern-Investment im ESG-Bereich darstellen, anstatt auf einzelne Themen zu setzen. Solche Themenfonds können gut gehen oder auch abfallen, der Investor ist hier von nur einem Bereich abhängig. Wir wählen hingegen Titel aus vielen Industriezweigen aus, die einen besseren ESG-Score aufweisen als ihre Mitbewerber.“ Aber natürlich darf nicht überall veranlagt werden: Ausschlusskriterien betreffen z.B. Verstöße gegen die Menschenrechte, kontroverse und nukleare Waffen, Fracking oder die Tabakindustrie.

Atomkraft, nein Danke
Allerdings, wo zieht man die Grenzen? Stichwort Nuklearenergie: Sie wurde bekanntlich von der EU als nachhaltig „geadelt“, in Frankreich ist sie ohnedies En Vogue, in Deutschland wird eine Verlängerungsphase der Atommeiler gerade heftig diskutiert. Und scheinbar hat die „schmutzige“ Kohlekraft auch noch nicht ausgedient, wie Überlegungen z. B. in Österreich zeigen. Hofrichter positioniert sich in diesem Zusammenhang klar: „Im Fonds haben Unternehmen, die einen Anteil von 10 % bei der Stromerzeugung aus Kohle oder 5 % bei AKWs überschreiten, keinen Platz. Daran wird sich erstmals nichts ändern, auch wenn die Situation aufgrund des Ukraine-Kriegs und der Energiekrise natürlich sehr ernst ist. Es gilt aber mehr denn je: Wir müssen möglichst schnell grüne Energien forcieren.“

Gegen Greenwashing
Der Börsen-Kurier wollte von der Expertin auch wissen, wie sich Anleger vor Greenwashing schützen können. Immerhin schießen an allen Ecken und Enden (vermeintlich?) grüne Fonds aus dem Boden, die Lage sei unübersichtlich. Hofrichter dazu: „Ich hoffe, dass es hier mit zunehmender Transparenz und Regulierungsmaßnahmen zu Verbesserungen kommen wird. Wir haben einen großen internen Pool an ESG-Spezialisten, holen uns aber gleichzeitig unabhängige Partner mit ins Boot. So ist es z. B. bei diesem Fonds das Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG), das den hohen ESG-Standard verifiziert. Dessen sehr strenge Kriterien gelten für uns als Messlatte, der Franklin ESG-Focused Balanced wurde auch bereits mit zwei von drei möglichen Sternen ausgezeichnet, die vom FNG vergeben werden.“

Neutral gewichtet
Wobei der Fonds ein Multi-Asset-Produkt ist, soll heißen: Um die richtige Balance zu finden, investiert er in Aktien aus entwickelten Ländern rund um den Globus. Im Anleihen- und im Corporates-Segment ist er hauptsächlich auf Emissionen von Europäischen Ländern ausgerichtet. Wie geht nun das Fondsmanagement mit der derzeit extrem schwierigen Lage an den Finanzmärkten (geopolitische Spannungen, hohe Inflation, Zinswende, steigende Rezessionsgefahr) um? Hofrichter: „Unser Risikoappetit hält sich derzeit in Grenzen. Wir sind neutral positioniert, das heißt die Aktien-Anleihen-Quote liegt bei fifty-fifty. Derzeit sind Prognosen besonders schwierig, es gilt am Ball zu bleiben, tägliches Monitoring ist Pflicht.“

Foto: Zastrzezone / Jurek Murawski

 

 

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China: Positive Überraschungen?

BNP Paribas hält Aktien aus dem Reich der Mitte für attraktiv bewertet.

Harald Kolerus. Es waren nicht immer die besten Meldungen, die uns in jüngerer Vergangenheit aus China erreichten: Das Wirtschaftswachstum läuft nicht mehr so rund wie früher; Covid macht nach wie vor zu schaffen; der Staat greift in den Aktienmarkt ein; Skandale im Immobilienbereich. All das bereitet Kopfzerbrechen.

Risken beachten
Aktien-Expertin Jessica Tea erklärt gegenüber dem Börsen-Kurier, warum sie dennoch mit Optimismus in die Zukunft blickt. Sie ist Investment-Spezialistin für Asien und China bei BNP Paribas Asset Management. In Hongkong beheimatet, hat sie hautnahen Kontakt zum Marktgeschehen und gab in Wien ihr Wissen weiter: „Natürlich dürfen wir mit Blick nach China die Risiken nicht übersehen. Hierbei handelt es sich vor allem um die Covid-Lockdowns, die gesamte geopolitische Situation, Druck am Immobilienmarkt und Regulationsbestrebungen Pekings.“ Die gute Nachricht lautet dabei: „Was Immobilien und Regulatorien betrifft, scheinen wir das Schlimmste hinter uns zu haben, auch wenn man diese Themen nicht ganz vergessen darf.“

Qualität statt Quantität
Bezüglich Corona bleibt Peking hart, wechselt aber von einer Null-Toleranz zu einer „dynamischen“ Politik. Das heißt, es wird auf Massentests (Erreichbarkeit von Teststationen in Zentren innerhalb von 15 Minuten) und schnelle lokale Eindämmung gesetzt, bevor sich das Virus großflächig verbreiten kann. Auch Impfkampagnen werden forciert – hier hat China in der Altersgruppe über 80 Jahren noch Nachholbedarf. In Bezug auf die Gesamtwirtschaft steht statt quantitativem qualitatives Wachstum im Vordergrund: „Denn oberstes Ziel der Regierung ist es, für Stabilität zu sorgen und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Unterstützt werden die traditionelle Infrastruktur aber auch neuere Bereiche, wie der Aufbau einer kohlenstoffarmen Wirtschaft sowie die Modernisierung der IT- und Logistikbranche“, erklärt Tea.

Günstig bewertet
Was die Expertin positiv ins Treffen führt, sind die „sehr attraktiven Bewertungsniveaus chinesischer Aktien“. Diese finden sich bei einem KGV von 11, was für Luft nach oben sorgt und auf positive Überraschungen hoffen lässt. Deshalb ist der Aktienfonds „BNP Paribas China Equity“ (ISIN: LU0823425839) von einer zuvor defensiveren Ausrichtung jetzt aggressiver unterwegs. Wobei Stock-Picking, aktives Management, aber auch ein holistischer, also ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden. Auf Nachhaltigkeit wird dabei nicht vergessen: ESG-Faktoren spielen beim Investmentprozess eine gewichtige Rolle, zum Beispiel sollen kontroversielle Waffen, Kinderarbeit oder der Kohlebereich vermieden werden. „Die Liste der Ausschlusskriterien ist lang. Der Umgang mit ESG hilft uns dabei, den langfristigen Wert eines Unternehmens besser einschätzen zu können“, so Tea.

Spannende Aktien
Welche Titel landen nun aber im Portfolio? Hier einige Beispiele: Die drei größten Positionen bilden derzeit Netease, Tencent (beide aus der Kommunikationsbranche) und Meituan (Konsum). Eine Aktie, die für „grüne Innovation“ steht, ist wiederum Hongfa Technology. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Forschung und Entwicklung, Herstellung und Verkauf von Relais-Produkten. Hongfa profitiert von der steigenden Nachfrage nach Relais und dem Wachstum bei Elektrofahrzeugen.

Bemerkenswert: Etwa 28 % des Fondsportfolios ist im Bereich „grüner Innovationen“ investiert, also in Unternehmen, die mit der Verringerung des Kohlenstoff-Fußabdrucks oder Verbesserungen der Energieeffizienz in Zusammenhang stehen.

Foto: Pixabay / jplenio

 

 

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Die Welt hat sich in den letzten Tagen strukturell verändert

Ukraine-Krieg befeuert weiter Inflation, Fragmentierung der Eurozone und Kreditpreise im Extrembereich.

(20.06.) Die Welt hat sich in der letzten Woche strukturell verändert. Die Federal Reserve (Fed) hat die Zinssätze um 75 Basispunkte angehoben; eine Anhebung, die seit 28 Jahren nicht mehr geschehen ist. Bis zu einem gewissen Grad hatte der Markt einen solchen Schritt bereits eingepreist, denn 2-jährige US-Staatsanleihen sind 300 Basispunkte billiger als im Oktober letzten Jahres, und 2-jährige Anleihen rentieren jetzt mit 3,375 %. Dies zeigt, inwieweit die Märkte weitere Maßnahmen der Fed, die die Zinsen voraussichtlich weiter anheben werden (Fed Funds Range 1,5-1,75 %), bereits abgewertet haben.

Die Spannungen begannen am vergangenen Freitag, als der Verbraucherpreisindex in den USA, der angeblich seinen Höchststand erreicht hatte, statt 8,3 % nur 8,6 % anzeigte. Hinzu kam, dass die Umfrage der University of Michigan zu den langfristigen Inflationserwartungen um 0,3 % auf 3,3 % stieg. Einfach ausgedrückt: Die Inflation und die Inflationserwartungen gehen in die falsche Richtung, und die Fed hat dies mit einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte anerkannt und damit bewiesen, dass sie es ernst meint, wenn es um die Inflationsbekämpfung geht.

Die Bank of England hob daraufhin die Zinssätze um 25 Basispunkte an, um zu zeigen, dass sie sich um die Inflation kümmert, doch angesichts der negativen Wachstumszahlen für April beginnt das Vereinigte Königreich, sich mit der potenziell toxischen Mischung aus höheren Zinsen und einer schrumpfenden Wirtschaft auseinanderzusetzen.

Die außerplanmäßige EZB-Sitzung gab den italienischen und anderen südeuropäischen Anleihemärkten Auftrieb, wo man sich erneut Sorgen über die absoluten Kosten der Verschuldung (über 4 % für Italien) und die relativen Kosten der Verschuldung (+2,4 % gegenüber Deutschland) macht. Beide Zahlen sind nicht gut, und die EZB spricht von einer Fragmentierung der Eurozone, während sie nervös über ihren ersten offiziellen Zinsschritt im Juli nachdenkt.

Gewinnprognosen der Unternehmen halten sich trotz Inflationsdruck
Der weltweite Inflationsdruck ist größtenteils auf die höheren Energiepreise nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine zurückzuführen, insbesondere in Europa, das sich schnell von dem inzwischen sehr teuren russischen Gas lösen will. Inflationsdruck besteht auch bei anderen wichtigen russischen und ukrainischen Exporten wie Getreide, Düngemitteln und anderen Rohstoffen.

Die höheren Energie- und Lebensmittelpreise wirken wie eine Steuer auf den Verbrauch. Die Verbraucherstimmung in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist in jüngster Zeit auf ein Niveau gesunken, das auf dem Höhepunkt der weltweiten Pandemie im Jahr 2020 erreicht wurde. Außerdem sinkt das Vertrauen der Unternehmensleiter, was wahrscheinlich zu einer Drosselung der Investitionsausgaben führen wird.

Trotz dieses düsteren Bildes haben sich die Gewinnprognosen der Unternehmen insgesamt bisher bemerkenswert gut gehalten. Vielen Unternehmen ist es gelungen, die höheren Input- und Arbeitskosten weiterzugeben. Allerdings mehren sich die Anzeichen für überschüssige Lagerbestände in einigen Branchen, z. B. im Einzelhandel, in der Elektronikbranche und in der Halbleiterindustrie.

In einer Welt, in der das Angebot an Verbrauchsgütern zugenommen hat – und die Ausgaben dafür durch höhere Energie- und Lebensmittelpreise eingeschränkt werden -, werden die Gewinnspannen der Unternehmen wahrscheinlich unter Druck geraten. Es gibt Spielraum für weitere Schwäche bei Risikoanlagen.

Die unmittelbare Auswirkung der US-Leitzinserhöhung auf die Aktien war kontraintuitiv – US-Aktien zogen stark an, wobei Wachstums- und Technologiewerte am stärksten zulegten. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass der Markt den Schritt erfolgreich eingepreist hat, nachdem die Erwartungen einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte am Vorabend der Sitzung von ca. 4 % in der Vorwoche auf ca. 89 % deutlich angestiegen waren.

Die Aktienmärkte haben sich seit mehr als sechs Monaten auf die Aussicht auf höhere Zinsen und ein schwächeres Wachstum eingestellt, wobei sich die negativen Auswirkungen auf Wachstumswerte am deutlichsten zeigten. Das 12-Monats-Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI World Index ist inzwischen von 19 (Herbst 2021) auf etwa 14,5x gefallen. Außerhalb des GFC und der anschließenden Krise in der Eurozone wurden Aktien in diesem Jahrhundert noch nie dauerhaft unter dem 14-fachen gehandelt.

Wachstums- und Mid/Small-Cap-Aktien überverkauft
Trotz der „Erleichterungsrallye“ am Mittwoch ist es noch zu früh, um zu sagen, dass diese Anpassung abgeschlossen ist – die rasche Neubewertung der Absichten der Fed in der letzten Woche könnte noch eine weitere Kapitulation nach sich ziehen. Wahllose Verkäufe haben jedoch einige Aktienkurse in den Bereich des “Überschießens” gebracht.

Aus unserer Sicht sind die Marktbedingungen in vielerlei Hinsicht überverkauft (insbesondere im Hinblick auf Wachstums- und Mid-/Small-Cap-Aktien). Angesichts der schwierigeren Aussichten werden einige die Inflationswelle besser bewältigen als andere, und vor einem solchen Hintergrund ist eine Bottom-up-Aktienauswahl von entscheidender Bedeutung.

Keine dieser Unsicherheiten hinsichtlich der strukturellen Bewertung von Anleihen hat den Kreditmärkten geholfen, deren Preise sich jetzt in einem Extrembereich befinden, wie er zuletzt 2011 oder in der Liquiditätslücke zu Beginn der Covid-Krise zu beobachten war. Die Kosten für Schulden steigen, und unser Standard-Anleihefonds mit Investment-Grade-Rating rentiert inzwischen mit fast 5 %. Der „Wert“ war eine der wichtigsten Triebfedern für das Investitionsdenken, und „Wert“ gibt es derzeit reichlich, aber das wird auch weiterhin eine fieberhafte Einschätzung bleiben, bis es mehr Klarheit bei den Geldkosten gibt.

Was unser gesamtes Portfolio betrifft, so sind wir weiterhin von den Fundamentaldaten der Unternehmen, in die wir investieren, überzeugt. Die Volatilität eröffnet große Chancen für längerfristige Renditen bei den Aktien, in die unsere nachhaltigen und Wachstumsfonds investieren. Unsere Einkommensstrategien erweisen sich mit ihrem bewährten Fokus auf Finanzkraft und Dividendenfähigkeit einmal mehr als relativ defensive Strategie.

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Wiener Börse Preis: AT&S erstmals Sieger im ATX

Finanzminister Brunner mit Börse-Chef Boschan und Peter Schneider (li.) vom ATX-Sieger AT&S.

Red. Zwölf Unternehmen wurden am Dienstag der Vorwoche beim „Wiener Börse Preis“ im Palais Niederösterreich in feierlichem Ambiente mit Awards geehrt. Nach zwei Jahren in kleinem Kreis wurde die wichtigste Auszeichnung des österreichischen Kapitalmarktes wieder vor hochrangigem Publikum im Rahmen einer Festveranstaltung überreicht. Unabhängige Fachjurys bestehend aus Analysten der ÖVFA (für die ATX-, Mid Cap- und Corporate-Bond-Preise), Finanzjournalisten koordiniert durch APA-Finance (Journalisten-Preis) sowie dem Vönix-Beirat (Nachhaltigkeitspreis) kürten die Preisträger. Vorstandsmitglieder der börsennotierten Unternehmen nahmen die Auszeichnungen in fünf Kategorien entgegen.

„Es ist großartig, wieder die breite Finanzmarkt-Community im Publikum zu begrüßen und das Scheinwerferlicht auf die Leistungen der Unternehmen des österreichischen Kapitalmarkts zu werfen. Die börsennotierten Unternehmen sind Österreichs Aushängeschilder im globalen Wettbewerb und der Wiener Börse Preis würdigt die herausragenden Entwicklungen,“ so Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse.

„AT&S überzeugte mit laufender Berichterstattung, umfassender IR-Tätigkeit, erfahrenem Management sowie maximaler Punktezahl bei quantitativen Faktoren wie Kursentwicklung und Liquidität“, erklärte Friedrich Mostböck, Präsident der ÖVFA, zu Platz 1 in der Bewertung. AT&S Austria Technologie & Systemtechnik AG siegte damit erstmals in der Königsdisziplin ATX-Preis, nachdem das steirische Unternehmen bereits vergangenes Jahr den dritten Platz in dieser Kategorie erreichte. Die weiteren beiden Plätze des ATX-Preises gingen an die OMV und Wienerberger, die ebenfalls durch ihre Strategie, Berichterstattung und Investor Relations-Tätigkeiten überzeugten.

Peter Schneider, CSO von AT&S, freute sich über die Auszeichnung: „AT&S hat sich in den vergangenen Jahren als globaler Technologieführer für Leiterplatten und Substrate etabliert. Neben unseren hervorragenden Mitarbeitern sehen wir vor allem die Börsennotierung als Grundstein für unser gesundes Unternehmenswachstum. Marktpräsenz ist für unseren weiteren Erfolg entscheidend und deshalb bedanken wir uns herzlich bei der österreichischen Kapitalmarkt-Community. Auszeichnungen wie der Wiener Börse Preis ermutigen uns, unseren Weg fortzusetzen.“

Foto: Wiener Börse

 

 

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Cyberversicherung wächst „unter Schmerzen“

Cybercrime wird komplexer. Der Versicherungsbedarf steigt. Der Kostenpunkt allerdings auch.

Emanuel Lampert. Das „Millionen-Erbe“ aus Südafrika, die „Bank“, die Kundendaten bestätigt haben will: Sind solche Mails schon Cybercrime? Ohne es versicherungstechnisch zu werten: Im Grunde sind all das Betrugsversuche, und es ist nicht mehr nur ein Trend, sagt Natascha Jäger, CEO Austria für die Cogitanda Dataprotect AG, Niederlassung Österreich, in einem Expertengespräch des Börsen-Kurier. Es gebe inzwischen viele Tools, die selbst Kleinkriminelle einsetzen können.

Und in welchem Rahmen bewegt sich der Schutz einer Cyberversicherung? „Wenn man es terminologisch herunterbrechen will, geht es um die Verletzung von Vertraulichkeit, Verfügbarkeit oder Integrität von Computersystemen“, skizziert Stephan Eberlein, Group Practice Leader Financial Lines vom Versicherungsmakler Greco. Viele Fälle der eingangs geschilderten Art dürften ihm zufolge nach den klassischen Musterbedingungen im Markt deshalb keine Cyberversicherungsfälle sein.

Grenzen der Cyberversicherung
Angenommen, eine App fürs Auto wird gehackt und selbiges gekapert, oder jemand bricht digital ins Smart Home ein: Wo ist die Grenze zwischen dem, was ohnehin zum Beispiel eine Kasko deckt, und der Cyberversicherung? Peter Loisel, er ist Country Head Austria bei Finlex, sieht im Gespräch Überlappungen zwischen einzelnen Sparten schwinden: In der Sach- und Haftpflichtversicherung gebe es immer mehr Cyberausschlüsse, „sodass die Cyberversicherung immer wichtiger wird“.

In der traditionellen Sachversicherung gebe es für die Betriebsunterbrechungsversicherung einen materiellen Auslöser wie Feuer oder Flut, sagt Johannes Gschossmann, Line Manager Financial Lines, Eastern Region, beim Versicherer Chubb. Der zusätzliche Wert der Cyberversicherung sei, dass sie einen „immateriellen Auslöser“, das Hacking, das die Firma zum Stillstand bringt, einbeziehe.

Martin Beste, Geschäftsführer der R+V in Österreich, sieht die Grenzen einer Cyberversicherung etwa bei Ereignissen wie Krieg, Rebellion oder staatlich veranlassten Handlungen wie Spionage oder Cyberkrieg. Ob und wie ein Unternehmen cyberversichert werden kann, hänge auch von Faktoren wie der Betriebsart oder der möglichen Versicherungssumme ab.

Schadenpotenzial ermitteln
Homeoffice, Privatgeräte im Unternehmens-einsatz: Eberlein sieht hier die Unternehmen in der Pflicht. Für sie gehe es um Krisenmanagement und Abgeltung eines finanziellen Verlusts. Auch wenn „noch immer viel zu tun ist“, sagt Jäger, das Risikobewusstsein habe sich seit den Lockdowns deutlich gebessert. Für sie ist Gerätewartung ebenso Unternehmenssache wie die Ausstattung der Mitarbeiter mit sicheren Arbeitsmitteln. Es gehe schließlich auch um schützenswerte Unternehmensdaten.

Wichtig ist, dass sich Unternehmen bewusstwerden, „was in Gefahr ist“, was der Schadenfall kosten würde und wie ihr Sicherheitskonzept aussieht, betont Gschossmann. Für die Absicherung gegen individuelle Attacken könne und sollte man „möglichst breit“ Versicherungsschutz kaufen, „denn die Wahrscheinlichkeit, attackiert zu werden, ist in den vergangenen zwei Jahren doch sehr stark gestiegen“.

Cyberkriminalität habe sich zu einer „gewinnorientierten“ Industrie entwickelt, warnt Beste. Nicht mehr das „Ob“ eines Vorfalls, sondern das „Wann“ sei die Frage. Die R+V empfehle daher für jedes Unternehmen eine Cyberversicherung.

Pricing „höllisch schwierig“
Loisel verweist auf Prognosen, wonach der Cyberversicherungsmarkt in den nächsten 20 Jahren um 25 % pro Jahr wachse. Es sei aber „ein Wachstum mit Schmerzen“, denn „dummerweise steigen auch die Kosten“. Das Pricing in der Cyberversicherung sei „höllisch schwierig“, andererseits sei unverständlich, wenn man Preise ungeachtet des bisherigen Schadenverlaufs anhebe.

Gschossmann argumentiert, das Schadengeschehen habe sich vor zwei bis drei Jahren deutlich verschärft, bedingt durch verstärkte Ransomware-Angriffe und komplexer gewordene Attacken. „Die Angreifer lernen. Sie waren auch in der Lage, sehr große Unternehmen über lange vorbereitete Attacken stillzulegen.“ Selbst, wenn man noch nicht attackiert wurde, steige die Wahrscheinlichkeit dafür. Auch das systemische Risiko sei zu berücksichtigen: „Was ist, wenn eine Attacke abertausende Polizzen ‚abräumt‘?“

Die beobachteten Preissteigerungen seien „teilweise wirklich eklatant“ gewesen, sagt Jäger. Gemessen an den möglichen Kosten eines Schadens sei eine Cyberversicherung aber nach wie vor „absolut zu empfehlen“. Sie plädiert für „neue Denkmodelle“ in der Tarifkalkulation und eine dynamische Bewertung des Schadengeschehens. Eberlein meint: Cyber sei ein sehr junges Produkt, die Prämie müsse sich erst finden.

Ist Cybercrime mehr ein „menschliches“ als ein technisches Risiko? Mangelnde Schulung der Mitarbeiter, etwa in puncto Phishing, sei oft die Schwachstelle, die Angreifer nutzen, sagt Gschossmann. „Risiko Mensch ja, aber auch Chance Mensch“, meint Jäger: „Wenn man die Mitarbeiter ins Boot holt, sind sie die erste und beste Verteidigungslinie im Unternehmen.“

Foto: AdobeStock / Nicolas Herrbach

 

 

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25 Jahre im Einsatz für die Kinder dieser Welt

Seit 1997 hilft Jugend Eine Welt jungen Menschen mit Bildung in eine bessere Zukunft.

Red. Millionen von Kindern weltweit kämpfen mit kleinen Gelegenheitsjobs auf der Straße tagtäglich um ihr Überleben, schuften als billige Kinderarbeiter in Haushalten, in Minen oder in landwirtschaftlichen Betrieben. Sie erleben Gewalt und Ausbeutung. Eine Schule zu besuchen oder gar eine Berufsausbildung zu absolvieren ist ihnen meist verwehrt und ihre Chancen auf ein späteres Leben in Würde sind damit gering.

Solche Schicksale zum Positiven zu verändern, genau dafür engagiert sich seit nunmehr 25 Jahren die in Österreich ansässige Hilfsorganisation „Jugend Eine Welt – Don Bosco Entwicklungszusammenarbeit“.

Bildung überwindet Armut
Nachdem er sich fünf Jahre lang als Mitarbeiter des Österreichischen Entwicklungsdienstes im südamerikanischen Ecuador in einem Zentrum der Salesianer Don Boscos um Straßenkinder gekümmert hatte, gründete der Tiroler Reinhard Heiserer (siehe Foto) gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter im Juni 1997 in Wien den Verein Jugend Eine Welt. Mit dem Ziel, sich weltweit für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einzusetzen, sie aus Risikosituationen zu befreien, ihnen etwa ein neues Zuhause und die Chance auf schulische Bildung und berufliche Ausbildung zu geben.

25 Jahre später ist Jugend Eine Welt zu einer der wichtigsten Hilfsorganisationen im Bereich der nachhaltigen und langfristigen Entwicklungszusammenarbeit in Österreich geworden. Unter dem Leitsatz „Bildung überwindet Armut“ haben in dieser Zeit viele engagierte Menschen dazu beigetragen, die Lebenssituation junger Menschen und deren Familien insbesondere in Ländern des Globalen Südens zu verbessern. Über 3.000 unterschiedliche Projekte und Programme in zahlreichen Ländern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas, dem Nahen Osten und Osteuropa wurden in diesem Vierteljahrhundert umgesetzt, unterstützt, mitgetragen oder weiterentwickelt. Wie Schulen, Universitäten, Berufsausbildungseinrichtungen, Sozialzentren, Heime für Straßenkinder, Förderprogramme für Mädchen und Frauen sowie Programme zur nachhaltigen Armutsbekämpfung und Umweltinitiativen. Jugend Eine Welt arbeitet bei all diesen Projekten nach dem Assistenzprinzip – mit verlässlichen und bewährten Projektpartnern vor Ort, zumeist aus dem weltumspannenden Don Bosco-Netzwerk.

Zudem erreichen Jugend Eine Welt nach Naturkatastrophen, bei Hungersnöten und kriegerischen Konflikten immer wieder Hilferufe aus aller Welt. So wurde in den vergangenen Dekaden Humanitäre Nothilfe etwa bei den großen Erdbebenkatastrophen in Pakistan, Haiti, Nepal, Ecuador, bei Hungerkrisen im Südsudan und Äthiopien, während der Corona-Pandemie oder jetzt aktuell in der Ukraine geleistet.

Freiwilligeneinsätze und alternative Finanzierungsmodelle
Eine weitere wichtige Säule der Arbeit von Jugend Eine Welt sind die Volontariats- und Freiwilligeneinsätze für junge Erwachsene sowie Erwachsene mit Berufserfahrung in einem der weltweiten Bildungs- und Sozialprojekte. An die 800 Volontäre waren in den vergangenen 25 Jahren bereits im Einsatz.

Auch im Finanzsektor, konkret bei der Suche nach alternativen Finanzierungsmodellen, hat Jugend Eine Welt wiederholt neue und innovative Wege beschritten. Ob mit zinsenlosen Darlehen, Krediten oder Social Impact Investments – Privatpersonen wie Firmen und Institutionen werden verschiedene Varianten geboten, Geld auf sinnvolle Weise nachhaltig zu investieren. So wurde etwa mit der Don Bosco Bildungsanleihe in der nun schon dritten Auflage eine sozial nachhaltige Anleihe erfolgreich am Kapitalmarkt platziert. Mit dem Erlös daraus wurde der Ausbau der Salesianer-Universität in Ecuador ermöglicht.

Ein Leben in Würde für alle Menschen
„Die Arbeit wird uns leider auch in Zukunft nicht so schnell ausgehen“, sagt Gründer und Geschäftsführer Reinhard Heiserer. Aber um Kindern und Jugendlichen zu helfen, sucht Jugend Eine Welt im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit ständig neue Ideen, neue Förderer und neue Wege der Finanzierung. „Eine gerechtere Welt, in der alle Menschen in Würde leben, ist möglich“, ist Reinhard Heiserer auch nach 25 Jahren Einsatz überzeugt.

Foto: Jugend Eine Welt

 

 

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Growth-Aktien: Langer Atem zahlt sich aus

Ein Kommentar von Arnaud Cosserat, CEO von Comgest.

(14.06.) Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sorgte zuletzt für deutliche Preissteigerungen bei Rohstoffen und im Energie-Bereich, was die ohnehin schon hohe Inflation weiter anheizte. Besonders Growth-Aktien sind von der Erwartung steigender Zinsen und der damit einhergehenden Gefahr einer Rezession betroffen, wobei Unternehmen und Anleger gleichermaßen vor Herausforderungen gestellt sind. Arnaud Cosserat, CEO der internationalen Fondsboutique Comgest, gibt eine Einschätzung zur aktuellen Situation:

Im Euroraum hat sich die Inflation im Mai auf einem Rekordhoch von 8,1 Prozent eingependelt. Dies ist der höchste Wert seit November 1984 – in den USA sowie vielen Schwellenländern liegt sie sogar noch höher. Die Kombination aus hoher Inflation und nachlassendem Verbrauchervertrauen führte in den letzten Wochen bei vielen Investoren dazu, dass sie sich eilig von hoch bewerteten Wachstumsaktien trennten. Deutlich sichtbar wird das unter anderem am MSCI Growth Index, der seit Jahresbeginn seinem Value-Pendant mit großem Abstand hinterherhinkt. Diese Entwicklungen gehen auch an unseren Hauptstrategien – Europa, Global, Japan, Schwellenländer, USA – nicht spurlos vorbei. So war die schwächere Performance im ersten Quartal größtenteils auf die geringe Präferenz für Growth-Aktien und starke Kursgewinne in den Segmenten Rohstoffe, Zykliker und Energie zurückzuführen, Sektoren, in denen wir aufgrund mangelnder Vorhersehbarkeit kaum investiert sind.

Gewinnwachstum als langfristiger Treiber
Die Historie hat immer wieder gezeigt, dass die Angst vor steigenden Zinsen Abschläge bei Growth-Titeln mit sich brachte. Anschließend folgte aber eine Erholung bei jenen Qualitätsunternehmen, die in der Lage sind, überdurchschnittliches Wachstum des Gewinns je Aktie über einen längeren Zeitraum zu generieren. Generell haben Märkte die Tendenz, Unternehmen mit starkem, nachhaltigem Wettbewerbsvorteil und anhaltend überdurchschnittlichem Gewinnwachstum nicht angemessen zu bewerten. Nachhaltiges Wachstum des Gewinns je Aktie führt allerdings zu überdurchschnittlichem Renditepotenzial bei unterdurchschnittlichem Risiko. Diese Titel heben sich in ihrer Branche durch konjunkturunabhängige Wachstumsstärke hervor, was nicht viele Unternehmen bieten können.

Strukturelles Risikomanagement
Angesichts der Vielzahl an Unsicherheiten, die die Marktteilnehmer derzeit in ihren Entscheidungen maßgeblich beeinflussen, erweist sich ein sorgfältiges Bottom-up-Research und eine umsichtige Titelauswahl als erfolgsentscheidendes Kriterium. So gewährleistet ein intensives Research und Teamentscheidungsprozesse unter anderem eine umfassende Risikobewertung. Risikomanager widmen sich unabhängig davon insbesondere dem Monitoring der Liquidität von Aktien und Portfolios. ESG-Integration ermöglicht es zudem, ein tiefgreifendes Verständnis der Unternehmen zu erlangen, womit ihre Qualität noch besser einzuschätzen ist. Dies ist mitunter auch ein Grund, wieso unser hauseigenes ESG-Team mittlerweile auf sechs Experten angewachsen ist.

Mit Blick auf die Einzeltitelebene haben beispielsweise ASML, Novo Nordisk und Straumann gute Aussichten auf nachhaltiges Wachstum – das auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Schließlich können sie ökonomische Burggräben vorweisen, die mit hoher Preissetzungsmacht und hohen Bruttomargen einhergehen. Preissetzungsmacht ermöglicht es Unternehmen, steigende Kosten weiterzugeben und weiterhin in ihre Wettbewerbsfähigkeit zu investieren. Sogar Investment-Legende Warren Buffett pflegte einst zu sagen: „Wenn man die Macht hat, die Preise zu erhöhen, ohne Geschäft an die Konkurrenz zu verlieren, hat man ein sehr gutes Unternehmen.“

ASML: Der Wert des Wachstums
Der niederländische Halbleiterspezialist und Marktführer bei Lithografie-Geräten ASML ist eine unserer größten Positionen. Als wir im Jahr 2017 unsere Position in ASML eröffneten, wurde die Aktie mit einem KGV von 32x bewertet. Bezugnehmend auf die Gewinne aus dem Jahr 2020 entspricht unser Einstiegspreis von damals heute einem KGV von 19x. Angesichts unserer Prognosen für 2025, sinkt es sogar auf 7x. Langfristig wird die Nachfrage nach Halbleitern dynamisch wachsen und damit steigt auch die Nachfrage nach Lithografie-Geräten. Diese Geräte sind hochkomplex und die Entwicklung der jüngsten Generation von Geräten dauert mehr als ein Jahrzehnt. ASML investiert stark in Forschung und Entwicklung, sodass neue Innovationen auf den Markt gebracht werden können. Aktuell wird ein neuartiges Gerät entwickelt, das rund 350 Millionen Euro kosten wird – das heißt, das Zweifache der heutigen Geräte. In einem neuen 10-Jahres-Plan erwartet ASML ein zweistelliges Umsatzwachstum, das durch weitere Digitalinvestitionen und technologische Erneuerungen unterstützt wird.

Novo Nordisk: Wachstum durch Innovation
Das dänische Pharmaunternehmen Novo Nordisk verzeichnete im Jahr 2021 einen Umsatzanstieg von 14 Prozent, angeführt von der GLP-1-Produktreihe zur Behandlung von Diabetes und den Verkäufen von Medikamenten gegen Fettleibigkeit. Im Juni 2021 erhielt das Unternehmen in den USA zudem die Zulassung für sein neues Medikament Wegovy, das für die Behandlung von Fettleibigkeit eingesetzt wird und innerhalb von wenigen Wochen öfter verschrieben wurde als sein Vorgänger in fünf Jahren. Mit über 100 Millionen Erwachsenen, die allein in den USA an klinischer Adipositas leiden, ist die Nachfrage hier enorm.

Straumann: Strategische Akquisitionen
Das Schweizer Unternehmen konnte sich in den letzten Jahren auf dem Markt als spezialisierter Anbieter für hochwertige Premium-Zahnimplantate positionieren. Diese Nische weitete Straumann durch gezielte Akquisitionen aus – etwa durch den Zukauf eines brasilianischen Unternehmens, das auf Discount-Implantate spezialisiert ist. Ebenso dürfte die Übernahme von ClearCorrect, Hersteller von Aligners bzw. transparenten Zahnspangen, einer der wichtigsten Wachstumstreiber in den nächsten Jahren sein. Die Umsätze im ersten Quartal 2022 stiegen über alle Regionen hinweg um 27 Prozent und lagen damit 15 Prozent über den Erwartungen.

Die Märkte sind aktuell mit einer erhöhten Volatilität konfrontiert und Anleger befassen sich teilweise mit kurzfristigen Ereignissen und Erwartungen. Stilrotationen wie jene zugunsten von Value-Aktien sind Ausdruck dieser Spekulationen. Wir sind allerdings nach wie vor davon überzeugt, dass sich die Kurse langfristig hauptsächlich wieder an der Gewinnentwicklung der Unternehmen orientieren sollten.

Stand der Daten: 31. Mai 2022

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Kosten „grüne“ Investments Performance?

Bezahlen nachhaltig orientierte Anleger ihr „grünes“ Investment mit weniger Rendite?

Andreas Dolezal. „Grün“ zu investieren liegt seit Jahren im Trend. Die Mittelzuflüsse in nachhaltige Finanzprodukte zeigen, dass beim Geldanlegen das grüne Gewissen immer wichtiger wird. Studien sollen belegen, dass mit ESG-orientierten Investments sogar mehr Rendite erzielt wurde als mit nicht-nachhaltigen. Auch die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA kommt (am 5. April 2022) zum Schluss: „ESG-Fonds brachten Anlegern im Jahr 2020 bessere Renditen.“

Anleger kennen den obligaten Warnhinweis auf Finanzprodukten: „Wertentwicklungen der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen zu.“ Das gilt auch für Studien zur historischen Performance. Der Krieg in der Ukraine, hohe Inflationsraten, steigende Energiekosten, Chinas No-Covid-Strategie und Lieferkettenprobleme rund um den Erdball verändern die Situation an den Kapitalmärkten massiv – und machen solche Studien zur Makulatur.

Verluste des Tech-Sektors
Während nachhaltig orientierte Anleger, die beispielsweise in bahnbrechende Technologien und damit in den transitorischen Wandel investiert haben, derzeit Verluste erleiden, erzielen jene, die auf fossile Energiequellen wie Erdöl und Gas gesetzt haben, Gewinne. Einem zweistelligen Minus steht ein zweistelliges Plus gegenüber (MSCI Disruptive Technology Index vs. MSCI World Energy Index, 3M & 1Y).

Oftmals übersehen Anleger die Tatsache, dass klimafreundliche Aktienfonds und ETFs verstärkt im Wachstums- und Tech-Sektor investiert sind. Unternehmen wie Apple, Visa, Microsoft, Amazon und Alphabet sind unter nachhaltigen Gesichtspunkten besonders gefragt, weil sie im Vergleich zur „schmutzigen“ Old Economy weniger schädliche Treibhausgase emittieren. Mit ihrem geringeren CO2-Fußabdruck punkten sie beim Klimathema. Als Growth-Titel liefern sie in guten Marktphasen das größere Plus (daher auch Gewinner der Studien), verlieren aber in Korrekturphasen mehr. Wie gewonnen, so zerronnen.

Ob und wie schnell sich dieser Umstand ändert, wenn sich die Finanzmärkte wieder beruhigen und im Hinblick auf das Erreichen der engagierten EU-Klima- und Umweltziele weitere Billionen Euro in nachhaltige Investitionen fließen, wird die Zukunft zeigen. Momentan läuft „schmutzig“ besser als „grün“.

Kritischer Mindestanteil
Einen weiteren Tiefschlag versetzen „grünen“ Veranlagungen die strengen EU-Kriterien für nachhaltige Finanzprodukte. Finanzprodukte, die sich gemäß den EU-Kriterien als (ökologisch) nachhaltig bezeichnen dürfen, beinhalten einen Mindestanteil an nachhaltigen Investitionen. Dieser Mindestanteil muss – unabhängig von der Marktsituation – immer investiert sein. Cash-Bestände oder Absichern mittels Hedging gelten gemäß den EU-Kriterien nämlich nicht als nachhaltige Investments.

Der Handlungsspielraum von Assetmanagern, der gerade in schwierigen Marktphasen unverzichtbar ist, wird durch die EU-Regularien spürbar beschnitten, weil festgelegte Mindestanteile niemals unterschritten werden dürfen. Das Begrenzen von Verlusten durch Umschichten in Cash ist in EU-konformen nachhaltigen Finanzprodukten nur eingeschränkt möglich. Auch das kann zu Verlusten führen.

„Grün“ investiert zu sein, kann in der aktuellen Marktsituation sowie im Vergleich zu traditionellen Geldanlagen durchaus erheblich an Performance kosten. Gleichzeitig kann sich durch den beschnittenen Handlungsspielraum von Assetmanagern das Anlage- bzw. Verlustrisiko weiter erhöhen. Ob dieser Preis das beruhigte „grüne“ Gewissen aufwiegt, muss jeder nachhaltig orientierte Anleger für sich selbst entscheiden.

Foto: AdoeStock / fotopoly

 

 

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Ab Herbst 2023: Goldbarren made in Austria

Edelmetallhändler Philoro investiert 60 Mio Euro und errichtet „Goldwerk“ vor den Toren Wiens.

Red./ks. Als Händler von Gold und anderen Edelmetallen hat sich das österreichische Unternehmen Philoro im gesamten deutschsprachigen Raum etabliert. 15 Filialen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein sowie ein Onlineshop stehen den Kunden mittlerweile zur Verfügung. Im vergangenen Jahr konnte Philoro erstmals knapp 2 Mrd Euro Umsatz erwirtschaften.

Jetzt wurde ein ganz neues spannendes Kapitel eröffnet: Bereits im Oktober 2020 hat das Unternehmen ein 35.000 Quadratmeter großes Areal im Businesspark Korneuburg erworben, jetzt wurden die Pläne für die Errichtung des „Philoro Goldwerk“ präsentiert. Der Name steht für eine Scheideanstalt modernsten Zuschnitts, wie Geschäftsführer Rudolf Brenner vergangene Woche im Palais Niederösterreich in der Wiener Herrengasse ausführte: „Das ist nicht nur für uns, sondern für den gesamten heimischen Goldmarkt ein wichtiger Schritt. Wir bauen mit modernsten Materialien, setzen ein ganzes Bündel an Maßnahmen zur Nachhaltigkeit um und werden allein für die erste Ausbaustufe 60 Mio Euro investieren.“

Eckpunkte
Die Produktionskapazität soll nach Fertigstellung bis zu 120 Tonnen im Jahr betragen. Das entspricht etwa 2,5 % der gesamten Weltproduktion. Für das erste Jahr 2024 sind 60 bis 70 Tonnen geplant. Ziel sei es weiters, in Zukunft 100 % der Produktion aus recyceltem Gold zu fertigen. Sehr wichtig dafür ist laut Philoro auch die Erreichung höchster Qualitätsstandards. Hier ist die Zertifizierung durch die „London Bullion Market Association“ (LBMA) das Maß der Dinge. Philoro verkauft bereits heute ausschließlich Produkte, die diesem Top Level entsprechen, und will auch die eigene Scheideanstalt zertifizieren lassen.

100 neue Arbeitsplätze in „Fort Knox“
Geschäftsführer René Brückler, der für das Projekt die Hauptverantwortung trägt, verweist auch auf einen wichtigen wirtschaftlichen Aspekt: „Wir werden damit letztlich einen wichtigen Teil der Wertschöpfungskette nach Österreich holen und können mit der Inbetriebnahme auch Goldbarren ‚made in Austria‘ herstellen, mit unserer eigenen Prägung, aber natürlich auch gerne für andere Unternehmen.“

Und: „Es wird ein beeindruckendes Gebäude mit modernsten Anlagen und Materialien und großflächiger Photovoltaik. Das Goldwerk selbst wird 100 neue Arbeitsplätze schaffen, wir werden zudem aber auch unsere Zentrale und das Logistikteam hier ansiedeln und damit insgesamt 300 Mitarbeiter am Standort Korneuburg beschäftigen“, so Brückler.

Glücklich über diese Riesen-Investition und die vielen neuen Arbeitsplätze zeigt sich natürlich auch Niederösterreichs Wirtschaftslandesrat Jochen Danninger: „Das Gold, das in der neuen Scheideanstalt gewonnen wird, wird einerseits zu Goldbarren, Münzen oder auch Halbfertigerzeugnissen für Juweliere verarbeitet, aber es entstehen in Zukunft auch Komponenten für die Industrie, und angesichts der fragilen internationalen Lieferketten ist jede Produktion, die wir bei uns in Niederösterreich haben, von großer Bedeutung und ein enormer Gewinn.“

Korneuburgs Bürgermeister Christian Gepp ist hoch erfreut über die Neuansiedlung in seiner Gemeinde: „Wir sind stolz, ein Unternehmen wie Philoro bei uns willkommen heißen zu dürfen. Und natürlich ist es auch spannend zu wissen, welch komplexe Prozesse hier ablaufen und dass wir künftig ein kleines ‚Fort Knox‘ in Form des Hochsicherheitslagers bekommen werden.“

Die Umsetzung des Projektes wird die Position des Unternehmens jedenfalls deutlich stärken, und damit auch die Attraktivität als Partner, zeigt sich Rudolf Brenner optimistisch: „Wir sind innerhalb der Branche ohnehin in stetigem Austausch, das Goldwerk ist derzeit zweifellos ein Highlight und zahlreiche Interessenten haben schon einmal vorgefühlt, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte.“

Foto: Philoro

 

 

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Mikrofinanz zeigt sich krisenresistent

Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit blickt auf ein respektables Ergebnis zurück.

Lea Schweinegger. Trotz der Pandemie bleibt die Nachfrage für faire Kleinstkredite und Finanzierungen von landwirtschaftlichen Genossenschaften im globalen Süden stabil. Wie es scheint, sind die so-genannten „Dorfökonomien“ resilienter gegen Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten als die Indizes der großen Börsenplätze. Oikocredit ist einer der weltweit größten „Social-Impact“-Investoren mit einem Schwerpunkt auf nachhaltige soziale Entwicklung mittels Mikrokrediten. Mehr als 55.000 Investoren stellen dafür mehr als 1 Mrd Euro zur Verfügung.

Sie erhalten neben einer „Sozial-Rendite“ (Gutes tun, Anm.) auch eine Finanz-Rendite, die sich in den 45 Vor-Pandemie-Jahren in einer Dividende von zumeist 2 % zeigte. Derzeit beträgt die Dividende 0,5 %.

Ein Gutteil der Arbeit der im Jahr 1975 gegründeten Genossenschaft wird vom ehrenamtlichen Engagement getragen. Im Börsen-Kurier nimmt der Vorsitzende des österreichischen Förderkreises Oikocredit sowie Gründer von Mindful Finance, Friedhelm Boschert (Foto), zu aktuellen Fragen Stellung.

Börsen-Kurier: Pandemie, Krieg, Klimawandel – wir leben in bedrückenden Zeiten. Wie hat diese Gemengelage die Situation der Partner, die Kreditnehmer in aller Welt, verändert? Friedhelm Boschert: Schon vor zwei Jahren hatten sich die weltweiten Lockdowns auch in einem temporären Stillstand der Kleinstunternehmer-Aktivitäten niedergeschlagen. Die Bauern schafften es häufig nicht mehr, die Produkte auf die Märkte zu bringen. Doch die Flexibilität in den Ländern des globalen Südens führte zu einer deutlich schnelleren Anpassung an die geänderte Situation. Heute sieht man mit Sorge auf die hohen Nahrungsmittelpreise, die in erster Linie die Ärmsten der Armen besonders treffen. Hier kann der Staat nur begrenzt einspringen und die Partner der Oikocredit sind in besonderem Maße gefordert, Belastungen abzumildern, z. B. durch Stundung von Kreditraten, aber auch dadurch, neue Einkommensquellen durch Anbau von Nahrungsmitteln zu erschließen.

Börsen-Kurier: Wie schwer ist es aktuell, Projekte und Finanzierungen durchzuführen?
Boschert: Nachdem viele Jahre lang die Zielgruppe der Oikocredit, die Armen mit einem Einkommen von weniger als 2 USD pro Tag, erfreulicherweise geschrumpft ist, beobachten wir seit einiger Zeit, beschleunigt durch die Pandemie, wieder ein deutliches Ansteigen der Armut im globalen Süden. Der Bedarf für Projekte und Finanzierungen ist also nach wie vor sehr hoch und steigt. Allerdings muss die Oikocredit als Verantwortlicher Investor auch die Risikoseite im Auge haben. Und hier sind die Risiken – allen voran die Risiken aus dem Klimawandel – weltweit klar gestiegen, sodass eine besondere Sorgfalt bei der Auswahl der Projekte und Partner gefordert ist.

Börsen-Kurier: Wo liegen die geographischen Schwerpunkte? Und können Sie sich vorstellen, auch in einer Nachkriegs-Ukraine verstärkt aktiv zu sein?
Boschert: Die geographischen Schwerpunkte liegen nach wie vor in Südamerika (46 % aller Finanzierungen, gefolgt von Asien (32 % aller Finanzierungen) und Afrika (19 %). Aus Zentral- und Osteuropa hat sich die Oikocredit schon vor Jahren zurückgezogen, um sich besser auf die Armutsbekämpfung im globalen Süden konzentrieren zu können. Im Sinne einer Arbeitsteilung werden andere Partner wie die Weltbank oder Entwicklungshilfe-Agenturen den Wiederaufbau in der Ukraine begleiten.

Börsen-Kurier: Auf der anderen Seite stehen die Anleger. Welches Feedback gibt es von dieser Seite? Bei einem Investment in Oikocredit steht der reine Blick auf die Rendite ja nicht im Vordergrund.
Boschert: Doch, der Blick auf die Rendite bleibt zunächst mal der Gleiche. Jedoch verstehen wir und unsere Anleger die Rendite als aus zwei Teilen bestehend. Die Finanzrendite, die sich in der Dividende niederschlägt. Die betrug die längste Zeit der Oikocredit-Aktivitäten 2 %, wird jedoch aufgrund der Risikovorsorge derzeit bei 0,5 % gehalten. Auf der anderen Seite steht die Sozial-Rendite, die nicht in einer einzigen Zahl beziffert werden kann. Dafür veröffentlicht die Oikocredit jährlich ihren „Wirkungs-Report“, in dem die Wirkungen ihrer Finanzierungen und Projekte sehr genau erfasst und beschrieben werden. Damit für den Investor klar ist, wie sein Geld wirkt.

Börsen-Kurier: Sie haben auch die Organisation Mindful Finance gegründet, inwieweit dämpfen die äußeren Umstände wie Krieg, Inflation usw. die Ambition der Menschen, in Sachen Geldanlagen Nachhaltigkeit walten zu lassen? Oder anders gefragt: Tendieren Menschen in unsicheren Zeiten nicht eher dazu, in Finanzangelegenheiten zurückhaltend zu reagieren bzw. Altbewährtes (Gold oder Immobilien) und Sicherheit Versprechendes vorzuziehen?
Boschert: Mindful Finance bedeuted zunächst, bei Finanzentscheidungen „achtsam“ zu sein. Das ist überhaupt nicht das Gleiche wie „vorsichtig“. Sondern soll heißen, dass wir immer stärker nach der letztendlichen Wirkung unserer Geldentscheidungen fragen müssen: Was bewirkt meine Geldentscheidung letzten Endes? Kinderarbeit oder Bildung? Waldvernichtung oder Klimaschutz? Wir müssen lernen, von der Wirkung her zu denken. Und alle Studien zeigen, dass wirklich nachhaltige Investments auch in finanzieller Hinsicht die bessere Rendite haben. Eben weil die Unternehmen und Projekte besser gemanagt werden und zumeist in Zukunftsbereichen investiert wird.

Börsen-Kurier: Und abschließend: Was haben Oikocredit-Investoren angesichts der hohen Inflation einerseits und wieder steigender Zinsen andererseits in der näheren Zukunft zu erwarten?
Boschert: Die Rahmenbedingungen an den Finanzmärkten verändern sich gerade fundamental. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist das durchaus zu begrüßen, wenn durch die Zinssteigerungen etwa der Immobilien-Wahnsinn und die damit verbundene Naturzerstörung ihr Ende finden. Auf der anderen Seite forciert die Politik mit Nachdruck, dass Finanzmittel in nachhaltige Projekte fließen sollen. „Sustainable Finance“ ist der Oberbegriff dafür und das, was wir in der Oikocredit leisten, fällt bereits seit Langem in diese Kategorie: Geld für die nachhaltige Entwicklung von Menschen und Planeten einzusetzen.

Foto: Katharina Schiffl

 

 

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Zwischen Wettbewerbsnachteil und großer Chance

ESG-Vorreiterrolle Europas wird innerhalb der Industrie sehr kontrovers diskutiert.

Christian Sec. Die Vorreiterrolle Europas im Bereich der Nachhaltigkeit erreicht mit dem geplanten EU-Lieferkettengesetz einen neuen Höhepunkt. Der Entwurf verpflichtet EU-Firmen dazu, ihre Zulieferer entlang der gesamten globalen Lieferketten zu überprüfen, inklusive aller direkter und indirekter Geschäftsbeziehungen. Die offensive ESG-Strategie Europas stößt dabei nicht nur auf Zustimmung, wie ein Interview von Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, mit der APA zeigt. Laut Knill riskiere Europa mit seiner Vorreiterrolle einen groben Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Ländern. Gleichzeitig könnten die Klimaziele nicht erreicht werden, wenn die anderen großen Player der Welt noch nicht so weit seien. Entspannter sehen die Großunternehmen in Österreich das Vorpreschen der EU. So erklärt uns Milena Ioveva, Chief Sustainability Officer, beim Bauunternehmen Porr: „Kritiker an der Vorgangsweise Europas haben Recht, dass wir nur gemeinsam die Kehrtwende schaffen können. Aber auch wenn Europa in puncto ESG-Regulierungen wesentlich schärfere Vorgaben trifft, sehen wir die Chance, Europa als zukunftsfähigen Standort mit Vorbildwirkung zu etablieren.“ Ioveva sieht dabei die Rolle Europas als First-Mover im Bereich ESG am Weltmarkt als Vorteil, weil früher oder später die anderen Länder mitziehen müssen und dieser Wandel für die Unternehmen eine große Herausforderung darstellen wird.

Der Gummi-Konzern Semperit schlägt in dieselbe Kerbe. „Auf Dauer wird es sich wohl kein großes Land leisten können, den Zug zu verpassen“, so Kristian Brok, COO von Semperit, gegenüber dem Börsen-Kurier. Er fügt hinzu: „Das Thema Nachhaltigkeit beschleunigt Innovationen, die an-dernfalls in dieser Geschwindigkeit vielleicht nicht zu erwarten gewesen wären.“ Innovationskraft, die wohl dringend benötigt wird für ein Europa in der Technologieklemme zwischen Asien und USA.

Aufwand erhöht sich
Für die Unternehmen ergibt sich durch das Reporting von Nachhaltigkeit, Taxonomie und künftig auch Due Diligence ein hoher Aufwand, wie der Lichttechnikproduzent Zumtobel nach Anfrage des Börsen-Kurier erklärt, wobei das Unternehmen meint: „Unsere Netzwerkpartner sind der Gesetzgebung mit ihren Fragen und Anliegen mitunter schon voraus.“ Nichtsdestoweniger erwartet das Vorarlberger Unternehmen von der Politik, dass nicht die ganze Verantwortung auf die Unternehmen abgewälzt wird. „Es bedarf einer Schaffung von politischen Rahmenbedingungen, die die Anstrengungen zu ESG-Themen auch beispielsweise durch Kriterien im Rahmen der öffentlichen Beschaffung unterstützen.“

Auch der Kartonhersteller Mayr-Melnhof verstärkt bereits im Vorfeld möglicher verstärkter Due-Diligence-Pflichten die Prüfung der Lieferanten, im Bestreben, diese und deren Produktionsschritte eingehender zu erfassen und zu verstehen. „Die Risikobewertung von Lieferanten wird in den kommenden Geschäftsjahren auf Gruppen-Ebene daher fokussiert, um dieses Ziel umzusetzen. Chancen und Risiken sollen aufgedeckt und angemessen eingeordnet, bearbeitet oder beseitigt werden“, so der Konzern in seinem nichtfinanziellen Jahresbericht.

Foto: Adobe Stock / thodonal

 

 

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„Wetten Sie nicht auf eine weiche Landung!“

Unser Star-Gastautor Nouriel Roubini ist bekannt für seine pessimistische Sicht der Dinge.

Red. 2021 konzentrierte sich die große Debatte über die weltwirtschaftlichen Aussichten darauf, ob die steigende Inflation in den USA und anderen hochentwickelten Volkswirtschaften vorübergehender oder langfristiger Art sei. Wichtige Notenbanken und die meisten Wall-Street-Researcher waren überzeugt, sie wäre vorübergehender Art. Sie führten das Problem auf Basiseffekte und vorübergehende Angebotsengpässe zurück und implizierten damit, dass die hohe Inflation rasch wieder in den Zielkorridor der Notenbanken von 2 % fallen würde.

Derweil argumentierten diejenigen, die meinten, sie wäre langfristiger Art (angeführt von Lawrence H. Summers von der Universität Harvard, Mohamed A. El-Erian vom Queens’ College der Universität Cambridge und weiteren Ökonomen), dass die Inflation hoch bleiben würde, weil die Konjunktur aufgrund einer exzessiven Gesamtnachfrage dabei sei, zu überhitzen. Diese Nachfrage würde von drei Faktoren angetrieben: einer anhaltend lockeren Geldpolitik, übertriebenen Konjunkturimpulsen durch die Fiskalpolitik und einer raschen Anhäufung von Ersparnissen auf Seiten der privaten Haushalte während der Pandemie, die nach der neuerlichen wirtschaftlichen Öffnung zu einem Nachfrageschub führte.

Auch ich gehörte jener zweiten Gruppe an. Aber ich argumentierte, dass zusätzlich zu der überhöhten Gesamtnachfrage mehrere negative Gesamtnachfrageschocks zu der steigenden Inflation – und tatsächlich zu einer Stagflation (verringertem Wachstum bei gleichzeitig erhöhter Inflation) – beitrügen. Die ursprüngliche Reaktion auf Covid-19 hatte zu Lockdowns geführt, die deutliche Verwerfungen in den globalen Lieferketten verursachten und das Angebot an Arbeitskräften verringerten (was in den USA einen sehr angespannten Arbeitsmarkt zur Folge hatte). Dann kamen in diesem Jahr zwei zusätzliche Angebotsschocks dazu: Russlands brutale Invasion in der Ukraine, die die Rohstoffpreise (für Energie, Industriemetalle, Nahrungsmittel und Dünger) in die Höhe trieb, und Chinas „Null-Covid-Reaktion“ auf die Omikron-Variante, die zu einer weiteren Runde von Engpässen in den Lieferketten führte.

Ein „Sieg“, bei dem alle verlieren
Wir wissen jetzt, dass jene zweite Gruppe die Inflationsdebatte des Jahres 2021 „gewonnen“ hat. Angesichts einer steil auf beinahe zweistellige Werte gestiegenen Inflation haben die US Federal Reserve und andere Notenbanken eingestanden, dass das Problem nicht vorübergehender Art ist und man ihm dringend durch Straffung der Geldpolitik begegnen muss.

Dies hat eine weitere große Debatte ausgelöst: ob die Wirtschaftspolitik eine „weiche Landung“ für die Weltwirtschaft herbeiführen kann. Die Fed und andere Notenbanken behaupten, dass es ihnen gelingen wird, ihre Leitzinsen gerade stark genug anzuheben, um die Inflationsrate auf ihren Zielwert von 2 % hinunterzuziehen, ohne dabei eine Rezession zu verursachen. Aber viele andere Ökonomen und ich bezweifeln, dass dieses „Goldlöckchen-Szenario“ – eine Konjunktur, die weder zu stark erhitzt noch zu sehr abkühlt – erreichbar ist. Das erforderliche Maß an geldpolitischer Straffung wird unweigerlich eine harte Landung in Gestalt einer Rezession und höherer Arbeitslosigkeit hervorrufen.

„Ein Wunschdenken“
Weil stagflationäre Schocks sowohl das Wachstum verringern als auch die Inflation in die Höhe treiben, stellen sie die Notenbanken vor ein Dilemma. Wenn ihre höchste Priorität darin besteht, die Inflation zu bekämpfen und eine gefährliche Entankerung der Inflationserwartungen (das heißt eine Lohn-Preis-Spirale) zu verhindern, müssen sie ihre unkonventionelle expansionistische Geldpolitik auslaufen lassen und die Leitzinsen in einem Tempo erhöhen, das vermutlich eine harte Landung nach sich ziehen wird. Doch wenn ihre Spitzenpriorität darin besteht, Wachstum und Beschäftigung aufrechtzuerhalten, müssen sie ihre Politik langsamer normalisieren und das Risiko einer Entankerung der Inflationserwartungen eingehen, und so den Boden für eine über dem Zielwert liegende Inflation bereiten.

Das Szenario einer weichen Landung nimmt sich daher wie Wunschdenken aus. Inzwischen hat sich der Anstieg der Inflation derart verstetigt, dass nur eine starke Straffung der Geldpolitik sie wieder in den Zielkorridor zurückbringen kann. Unter Rückgriff auf frühere Episoden hoher Inflation gehe ich davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit einer harten Landung innerhalb von zwei Jahren bei mehr als 60 % liegt.

Verschuldung könnte Zinserhöhungen bremsen
Doch gibt es noch ein drittes mögliches Szenario. Die Geldpolitiker äußern sich derzeit, was die Inflationsbekämpfung angeht, gern aggressiv, um zu verhindern, dass diese außer Kontrolle gerät. Aber das heißt nicht, dass sie nicht letztlich klein beigeben und einen Anstieg der Inflationsrate über den Zielwert zulassen werden. Da ein Erreichen dieses Zielwerts eine harte Landung erfordern dürfte, könnten sie letztlich die Zinsen erhöhen und dann kalte Füße bekommen, sobald dieses Szenario wahrscheinlicher wird. Zudem könnten Zinserhöhungen, weil derart viele private und öffentliche Schulden im System stecken (global 348 % vom BIP), einen neuerlichen Kurssturz an den Renten-, Aktien- und Kreditmärkten auslösen, was den Notenbanken einen weiteren Grund für einen Rückzieher verschafft.

Vereinfacht gesagt: Die Bemühungen zur Inflationsbekämpfung könnten ohne Weiteres zu einem Absturz der Konjunktur, der Märkte oder beider führen. Schon jetzt hat die bescheidene Straffung der Geldpolitik durch die Notenbanken die Finanzmärkte erschüttert, wichtige Aktienindizes nähern sich Bärenterritorium (einem Rückgang von 20 % gegenüber den jün-gsten Höchstständen), und die Anleiherenditen und die Risikoaufschläge für Kredite steigen. Doch wenn die Notenbanken jetzt einen Rückzieher machen, wird das Ergebnis den stagflationären 1970er- Jahren ähneln, als eine Rezession mit hoher Inflation und einer Entankerung der Inflationserwartungen einherging.

Rezession wird immer wahrscheinlicher
Welches Szenario ist am wahrscheinlichsten? Das hängt völlig von einer Kombination unsicherer Faktoren ab, darunter der Hartnäckigkeit der Lohn-Preis-Spirale, dem Grad, zu dem die Leitzinsen zur Zügelung der Inflation (durch Schaffung eines Überangebots auf den Waren- und Arbeitsmärkten) steigen müssen, und der Bereitschaft der Notenbanken, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen, um ihre Inflationsziele zu erreichen. Darüber hinaus bleibt abzuwarten, welchen Verlauf der Krieg in der Ukraine nehmen und was für Auswirkungen er auf die Rohstoffpreise haben wird. Gleiches gilt für Chinas Null-Covid-Politik mit ihren Auswirkungen auf die Lieferketten und für die aktuelle Korrektur an den Finanzmärkten.

Die Geschichte zeigt, dass eine weiche Landung höchst unwahrscheinlich ist. Damit bleiben die Möglichkeiten einer harten Landung mit einer Rückkehr zu niedrigerer Inflation oder ein Stagflationsszenario. So oder so ist eine Rezession in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich.

Aus dem Englischen von Jan Doolan, © Project Syndicate 1995 bis 2022

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Automobilindustrie: Rekordgewinne trotz rückläufigem Pkw-Absatz

Automotive Bilanzen Q1-2022 – eine Analyse von EY.

(26.05.) Die Autokonzerne trotzen der Chipkrise, Lieferketten-Unterbrechungen und dem Krieg in der Ukraine und weisen von Quartal zu Quartal höhere Gewinne aus: So haben die 16 größten Autokonzerne der Welt im ersten Quartal einen operativen Gewinn von insgesamt 34,1 Milliarden Euro eingefahren – 19 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste je in einem ersten Quartal erwirtschaftete Gewinn.

Trotz eines kräftigen Absatzrückgangs um elf Prozent kletterte der Umsatz um sieben Prozent. Die stärksten Absatzeinbußen verzeichneten die Unternehmen in China, wo die Verkäufe um 17 Prozent einbrachen. In den USA ging es um 16 Prozent nach unten, in Westeuropa um zwölf Prozent. Spitzenreiter beim Umsatz war Volkswagen mit einem Umsatz von 62,7 Milliarden Euro, dicht gefolgt von Toyota mit 62,2 Milliarden Euro.

Die höchsten Gewinne verzeichneten Volkswagen (8,3 Milliarden Euro), Mercedes-Benz (5,2 Milliarden Euro) und Toyota (3,6 Milliarden Euro). Bei den Gewinnmargen hatte hingegen erneut Tesla die Nase vorn: Der kalifornische Elektroautobauer erzielte eine Marge von 19,2 Prozent und lag damit vor Mercedes-Benz (15,0 %), Volkswagen (13,3 %) und BMW (10,9 %).

Das sind Ergebnisse einer Analyse der Finanzkennzahlen der 16 größten Autokonzerne der Welt, die die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY quartalsweise erstellt.

„Die hervorragenden Zahlen im ersten Quartal sollten nicht von der extrem angespannten Lage in der Autoindustrie ablenken“, erklärt Axel Preiss, Leiter Advanced Manufacturing & Mobility bei EY. „Tatsächlich sind die Lieferketten zurzeit eine große Bedrohung für die Branche. Die gute Umsatz- und Gewinnentwicklung ist vor allem auf die hohe Nachfrage zurückzuführen, wegen der die Hersteller zurzeit kaum noch Preisnachlässe gewähren müssen.“ Von dieser Ausnahmesituation profitieren vor allem Anbieter im Premiumsegment, so Preiss: „Hochpreisige Neuwagen verkaufen sich bestens, Premium-Anbieter fahren derzeit Traummargen ein.“

Nicht alle Hersteller verzeichnen allerdings eine gestiegene Profitabilität: So schrumpfte die Marge von Toyota im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 9,0 auf 5,7 Prozent, Ford verzeichnete einen Rückgang von 8,5 auf 5,2 Prozent. Etliche Konzerne kämpfen nach wie vor mit einer niedrigen Marge: Die Hälfte der untersuchten Unternehmen meldet für das erste Quartal eine Marge von unter sechs Prozent. Preiss dazu: „Insgesamt haben die Autokonzerne im ersten Quartal mehr Gewinn gemacht als je zuvor. Die Hälfte des Gesamtgewinns geht aber auf die Top-3-Verdiener zurück – es gibt einige Hersteller, an denen der Gewinn-Boom vollständig vorbei ging.“

China bereitet zunehmend Sorgen
Die große Unbekannte ist derzeit die weitere Entwicklung auf dem wichtigen chinesischen Markt, der im ersten Quartal immerhin für 39 Prozent des Absatzes der deutschen Autokonzerne stand. Preiss betrachtet die Entwicklung dort mit Sorge: „Die strengen Lockdown-Maßnahmen in China setzen den Neuwagenabsatz massiv unter Druck. Zurzeit sind auch keine Lockerungen in Sicht, deswegen drohen am chinesischen Markt auch in den kommenden Monaten weitere Absatzrückgänge. Problematisch auch für europäische Betriebe ist die eingeschränkte Produktion vor Ort – die hat nämlich auch Folgen.“ Die Einschränkungen in China dürften daher weltweit zu spüren sein, schätzt Preiss die Situation ein.

Ausblick: Hoffen auf mehr Halbleiter
Die Hoffnungen der Hersteller ruhen derzeit vor allem auf einer besseren Versorgung mit Halbleitern. „Sobald sich die Situation bei den Chips verbessert, werden auch die Pkw-Absätze wieder steigen. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt“, sagt Preiss. Allerdings werden sich laut Ansicht von Preiss auch die massiv gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten auf die Bilanzen der Konzerne auswirken. Ein weiteres Gewinnwachstum sei daher unwahrscheinlich – auch angesichts der schwierigen Lage in China.

Am Fokus auf Premiumfahrzeuge dürfte sich vorerst wenig ändern, erwartet Preiss, wobei sich die Ressourcenallokation weiter von Verbrennern auf elektrifizierte Fahrzeuge verlagert: „Elektroautos werden zunehmend profitabel und gerade in gehobenen Preisklassen kommen viele neue, attraktive Elektroautos auf den Markt. Die Nachfrage und Preisbereitschaft sind hoch.“ Das Premiumsegment dürfte zudem am wenigsten unter der erwarteten weiteren Konjunkturabschwächung leiden, erwartet Preiss: „Die Konjunkturprognosen sind derzeit alles andere als rosig. Steigt die Inflation, sinkt die Kaufkraft. Auch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung etwa bei der Energieversorgung ist groß. Die Autohersteller sollten sich daher auf stürmische Zeiten vorbereiten.“

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Wohin die Welt steuert

Zweifel, Drama, aber auch Gelassenheit beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Roman Steinbauer. Nach der Zwangspause fand vom 22. bis 26. Mai das Weltwirtschaftsforum (WEF) in gewohnter Form wieder im Kongresszentrum Davos statt. Im Ambiente der imposanten Schweizer Bergwelt gelegen, trafen sich mehr als 2.400 renommierte Ökonomen, Wissenschafter, Politiker sowie Medienvertreter, um über die aktuellen Fragen der Welt zu diskutieren. Die Veranstaltung unter dem Titel „Die Geschichte am Wendepunkt“ wurde durch die Schwerpunkte Wirtschaftserholung nach der Pandemie, Osteuropa-Konflikt sowie Klimaschutz dominiert. Den Finanzmarkt betreffend, filterte der Börsen-Kurier Aussagen diverser Ökonomen und Vorstände global agierender Unternehmen.

Der Vize-CEO von S&P Global, Dan Yergin, umriss die gegenwärtige Entwicklung des Weltgeschehens auf seine Weise: „Wir sind auf dem Weg in eine fragmentierte, nicht globalisierte Welt.“ Anne Richards, CEO bei Fidelity International, erwartet weitere zwei Quartale erhöhter Volatilität und gab zu bedenken: „Erst dann sehen wir letztendlich die weitere Marktrichtung. Das Risiko einer Rezession hat sich aber unterdessen erhöht.“ Optimismus für den chinesischen Markt sah Jakob Stausholm (CEO des Rohstoff-Riesen Rio Tinto) und forderte im Sinne der Rohstoff-Konglomerate: „Die Staaten sollen Geld in die Hand nehmen und die Infrastruktur ausbauen, denn das tut allen gut.“

Die Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds, Gita Gopinath, mahnte die rasche Eindämmung der Inflation durch die US-Notenbank ein. Konträr und warnend dazu der prominente Wirtschaftswissenschafter der Columbia Universität, Joseph Stiglitz: „Die reflexartige Gegensteuerung mit Anhebung der Leitzinsen wird diesmal gegen die Inflation nicht wirken.“ Damit fördere die Fed nur eine Rezession und Finanzkrise. Stiglitz erkennt generell eine Bedrohung für das Weltwirtschaftssystem und die Demokratie. EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die keine Rezession in Europa erwartet, stellte sich Behauptungen entgegen, die EZB laufe der Inflation hinterher und legte klar: „Wir sind in keinem Panik-Modus.“ Von einer Rezession und einem diesbezüglichen Handlungsbedarf werde nicht ausgegangen.

Quer zu denken empfahl Investmentbanker und Ex-CEO bei JPMorgan Chase, Jamie Dimon: „Die Gewitterwolken über der Weltwirtschaft könnten unerwartet rasch abziehen.“ UBS-CEO Ralph Hamers sieht wiederum die Welt nach dem Pandemie- und Kriegs- nun in einen Übergangsschock hineinlaufen. Mit einer gegenläufigen Sicht zur US-Devise ließ Rebecca Patterson, CIO bei Bridgewater Associates, aufhorchen: „Der Dollar ist nun verwundbar, sowohl in der Betrachtung des bisherigen Verlaufs als auch strukturell.“ Nach Bob Prince, Co-CIO dieses Hedgefonds, habe der Einzug einer Stagflation bereits begonnen.

David Livingstone, CEO von Citibank Europa, machte sich um die hohe Abhängigkeit der EU von den Bankbilanzen Sorgen. Zuversicht zeigten der Präsident der US-Börse NYSE, Lynn Martin, der kein Abebben des Zustroms an Börsengängen erkennt, sowie der Marriott-Vorstandsvorsitzende Tony Capuano, der im Hotelsegment „derzeit eine starke Macht zur Preissetzung“ registriert. Morgan Stanleys Chef-Aktienstratege Mike Wilson stellt fest, dass wir uns längst in einem Bärenmarkt befinden. Moderna-Vorstand Stephane Bancel fürchtet wiederum um den Platz in vorderster Reihe: „Es gibt so viele Krisen in der Welt, dass die Gesundheit an Gewicht verlieren wird.“

Foto: Pixabay / marcelkessler

 

 

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Hausgemachte Inflation kostet Kaufkraft

„Zwangssparen statt Bausparen“ könnte das Motto der aktuellen Inflationsperiode lauten.

Michael Kordovsky. Seit dem Ende der Finanzkrise 2008/09 bis ins Jahr 2020 hinein herrschte eine Langzeitperiode niedriger Inflationsraten, während sich die wachsende Geldmenge in Asset-Inflation in Form steigender Immobilienpreise, Aktien- und Anleihen-Kurse niederschlug. Die Consumer-Inflation blieb indessen niedrig, denn es herrschte ein Überangebot, zumal sogenannte „Zombiefirmen“, die eine Periode mit höheren Zinsen nicht überstanden hätten, infolge der niedrigen Anleihen-Renditen und Kreditzinsen gut überleben konnten.

Künstliche Warenverknappung
Erst Verordnungen zur Corona-Bekämpfung führten durch unterbrochene Lieferketten infolge geschlossener Betriebe und Häfen zu Lieferverzögerungen und Knappheiten. Kaum war dies bekannt, setzte am Markt der Mechanismus der Self-Fulfilling-Prophecy ein: Handel und Industrie begannen größere Lagerbestände kritischer Waren und Rohstoffe zu horten und bestimmte Produkte waren schnell ausverkauft – eine Entwicklung, die der Ukraine-Krieg noch verstärkte. Und so schlug plötzlich die expandierende Geldmenge in der Consumer-Inflation durch. Die höchsten Inflationsraten seit den frühen 1980er-Jahren waren die Folge. Die US-Inflationsrate erreichte im März mit 8,5 % den höchsten Stand seit Dezember 1981 und lag im April mit 8,3 % nur knapp darunter. Um 30,3 % be-sonders stark stieg die Energiepreiskomponente. Gebrauchte Autos und Trucks verteuerten sich um 22,7 % und Flugtarife um ein Drittel. Die Stundenlöhne im Privatsektor stiegen indessen nur um 5,5 %, weshalb die Lohn-Preis-Spirale noch nicht in Gang gesetzt wurde.

In Europa gestiegen sind primär die Energiepreise, die im HVPI mit 10,93 % gewichtet sind. Einem Plus von 44,3 % im März steht ein Plus von 37,5 % im April gegenüber. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 9,2 % und Tabak um 7,6 %. Die Kerninflation ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak läge nur bei 3,5 %. Der Inflationsbeitrag von Energie liegt bei 3,7 %-Punkten im Vergleich zu den Dienstleistungen mit 1,38 %-Punkten. Quer durch die EU weisen neun von 26 Mitgliedsstaaten Inflationsraten in zweistelliger Größenordnung auf. Die höchsten Inflationsraten weisen im April folgende Länder auf: Estland (19,1 %), Litauen (16,6 %), Tschechien (13,2 %), Lettland (13,1 %), Bulgarien (12,1 %), Rumänien (11,7 %), Polen (11,4 %), Niederlande (11,2 %) und Slowakei (10,9 %). Am niedrigsten sind die Inflationsraten noch in Malta und Frankreich (je 5,4 %) und Finnland mit 5,8 %.

Konsumrestriktion
Quer durch Europa wird dadurch Kaufkraft beschnitten, denn noch zu Jahresbeginn lagen in 13 EU-Staaten die Mindestlöhne unter 1.000 Euro und nur in sechs über 1.500 Euro, nämlich Frankreich, Deutschland, Belgien, Niederlande, Irland und Luxemburg. Somit ist auch nicht verwunderlich, dass sich das Absatzvolumen im Einzelhandel quer durch die EU von einem Plus von 5,6 % im Feber auf Plus 1,7 % im März reduzierte. Gleichzeitig brach das Absatzvolumen des Versand- und Internet-Einzelhandels im März auf Jahresbasis um 10,5 % ein, und selbst der Konsum von Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren war um 2,1 % rückläufig. Der letzte Zuwachs wurde hier im November 2021 (+0,7 %) verzeichnet. Es sieht also ganz so aus, als würde sich der Konsum auf das Allernotwendigste fokussieren. In den USA hingegen wuchsen im April die Einzelhandelsumsätze noch um 8,2 % (ex Autos sogar um 10,9 %), was auf einen im Vergleich zu Europa robusteren Arbeitsmarkt zurückzuführen ist.

Mit einer stärkeren Konjunkturabschwächung in Europa kann von dort ausgehend eine Preisdämpfung einsetzen. Voraussichtlich wird dies frühestens gegen Jahresende 2022 erkennbar.

Foto: Pixabay / Chronomarchie

 

 

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Zweite Säule: Einigkeit der Sozialpartner wichtig

Minister Martin Kocher über demografische Entwicklung, Arbeitsmarkt und Altersvorsorge.

Marius Perger. Im Sommer 2020 hatte Martin Kocher, damals als Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), in einem „Policy Brief“ auf die geringen Anteile der zweiten und dritten Säule des Pensionssystems in Österreich im Vergleich zu anderen OECD-Staaten hingewiesen.

Als nunmehriger Bundesminister für Arbeit und zukünftig auch für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort zuständig, betonte er bei der „9. Konferenz Betriebliche Altersvorsorge“ in einem Impulsvortrag erneut die zunehmende Bedeutung der Vorsorge.

Die Konferenz, die vom Unternehmensberater und Vorsorgeexperten Thomas Wondrak veranstaltet wurde, fand am 19. Mai in Wien wieder mit physischer Anwesenheit der Teilnehmer statt.

Vorsorgethema auch für Arbeitsmarkt wichtig
Aufgrund der demografischen Entwicklung werde die Aufmerksamkeit für Altersvorsorge in den nächsten Jahren zunehmen, so Kocher: „Wenn nichts passiert“ werde es in zehn Jahren in Österreich 150.000 bis 200.000 Arbeitskräfte weniger geben.

Kocher spricht in diesem Zusammenhang von einem „Paradigmenwechsel am Arbeitsmarkt“, weil der geburtenstärkste Jahrgang 1963 spätestens in fünf bis zehn Jahren in Pension gehen werde.

Die nachfolgenden, „kleineren“ Jahrgänge würden für ihre Absicherung im Alter dann höhere Pensionsbeiträge zahlen müssen und könnten in 40 Jahren weniger Leistungen erwarten. Das bedeute einen „großen Wandel am Arbeitsmarkt, auch was die Vorsorge betrifft“.

Demografie wird große Herausforderung bleiben
Trotz Pandemie und Ukraine-Krieg gebe es in Österreich derzeit einen Arbeitskräftemangel wie seit den 70er-Jahren nicht mehr, die Zahl der offenen Stellen übertreffe die Zahl der Arbeitslosen. Viele Stellen seien nicht besetzbar, auch aufgrund eines „Mismatch“, also fehlender Übereinstimmung.

Auch wenn die aktuellen Ereignisse zu einigen Jahren mit schwächerer wirtschaftlicher Entwicklung führen sollten, werde die Demografie eine große Herausforderung bleiben und es weiterhin schwierig sein, Fachkräfte zu bekommen.

Wichtig sei es deshalb, dass Menschen länger arbeiten; Kocher sieht hier großes Potenzial im Vergleich zu Skandinavien oder den Benelux-Staaten. Vor allem müssten Anreizstrukturen geschaffen werden: Es gebe derzeit nur sehr geringe Anreize, länger als bis 65 zu arbeiten.

Darüber hinaus gebe es auch immer weniger Menschen, die im Alter nicht mehr arbeiten können. Vor allem die technische Entwicklung führe dazu, dass die Menschen immer weniger schwer arbeiten müssen.

Politisch schwierig
Einen „anderen Stellenwert“ werde die betriebliche Altersvorsorge erhalten, wenn die „Baby-Boomer“ aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, erwartet Kocher. Das staatliche Pensionssystem könnte „möglicherweise“ unter Druck geraten, private Vorsorge sei daher wichtig.

Das sei allerdings in Österreich politisch schwieriger zu realisieren als beispielsweise in Dänemark, weil es hierzu-lande keine Einigkeit der Sozialpartner gebe, was die betriebliche Altersvorsorge betrifft: Hier sei „Überzeugungsarbeit nötig“.

Zum wiederholten Male kritisierte Kocher auch die Komplexität der Systeme, die es mittlerweile in ganz Europa gebe. Man müsse darauf schauen, dass es nicht zu viele Hürden gibt, insbesondere bei der Übertragung von einem Land in ein anderes.

Herausforderungen für Mitarbeitervorsorgekassen
Neue, immer flexiblere Modelle des Arbeitens, beispielsweise im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder mit unterschiedlichen Lebensphasen, müssten auch in den Mitarbeitervorsorgekassen abgebildet werden, betont Kocher.

So gebe es derzeit wenige Möglichkeiten, über Jahre hinweg Zeitguthaben zu erhalten, wenn ein Arbeitnehmer nicht beim gleichen Arbeitgeber bleibt. Hier sei eine überbetriebliche Lösung anzustreben.

Man müsse sich Gedanken machen, wie flexibles Arbeiten besser unterstützt werden kann, der Wunsch sei jedenfalls vorhanden. Allerdings müsse auch sichergestellt sein, dass dabei Menschen nicht ausgenutzt werden.

Foto: Florian Schrötter

 

 

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M&G: Der Aktienmarkt bekommt ein anderes Gesicht

Von Richard Halle, Manager des M&G (Lux) European Strategic Value Fund.

(24.05.) Ist die aktuelle Value-Rallye eine Momentaufnahme oder startet jetzt das lange erwartete Comeback? Die ehrliche Antwort: „Wir wissen es nicht“, sagt Richard Halle, Manager des M&G (Lux) European Strategic Value Fund. „Anders als unsere Kollegen aus dem Growth-Bereich ist ein echter Value-Investor immer vorsichtig, wenn es um Fragen zu künftigen Entwicklungen geht.“ Halle sieht mehrere gute Gründe für das Scheitern eines Value-Comebacks in den letzten zehn Jahren – und findet, dass diese inzwischen an Gewicht verloren haben. Das sind die wichtigsten Unterschiede:

1. Umkehr des Wachstumstrends
Die Marktteilnehmer sind lange einem tief verwurzelten und sich selbst verstärkenden Trend zu Wachstums- und Qualitätsaktien gefolgt. Je länger solch ein Trend anhält, desto mehr Energie ist für eine Umkehr erforderlich. Bisherige Anläufe zu einem Value-Comeback waren allerdings nur kurzlebig und nicht sehr umfassend. In den letzten zehn Jahren galt vielmehr eher: Jede Value-Rallye war eine hervorragende Gelegenheit, auf Wachstum zu setzen.

Nun ist die Rotation hin zu Value jedoch sowohl stark als auch andauernd, wachstumsorientierte Investoren mussten erhebliche Verluste hinnehmen – und zwar nicht nur diejenigen, die spät eingestiegen sind, sondern häufig auch jene, die noch vor Beginn der Corona-Pandemie in Growth investierten.

2. Extreme Streuung bei den Bewertungen
Fakt ist: Der Trend hin zu Value folgte auf eine unglaubliche Rallye der Wachstums- und Qualitätstitel nach Ausbruch der Corona-Krise. Aus unserer Sicht war dies eine Phase des „Dampfablassens“ beziehungsweise der Kapitulation, was am Ende langfristiger Trends durchaus üblich ist. In der Folge waren die Bewertungen so breit gestreut wie selten zuvor am Aktienmarkt. Und nun spricht schon die Mathematik dafür, dass sich die Rotation aufgrund der extremen Ausgangslage weiter fortsetzen könnte.

3. Die Welt verändert sich
Aktuell erleben wir das Ende mehrerer starker und langfristiger Trends, die bisher Gegenwind für Value bedeutet haben. Mehr noch, diese Trends werden sich mit ziemlicher Sicherheit umkehren. Zunehmende Globalisierung, immer weiter sinkende Zinsen, Dominanz der Zentralbanken, groß angelegte Kreditschöpfung, unglaubliche Gelddruckerei und Deflation: All dies hat das letzte Jahrzehnt geprägt. Unserer Meinung nach haben diese Faktoren allerdings auch stark zu der extremen Bewertungsstreuung und – wir wagen es auszusprechen – zu Spekulationsexzessen beigetragen. In den nächsten zehn Jahren wird die Welt – und damit auch der Aktienmarkt – wohl ein anderes Gesicht bekommen.

Ein Aspekt wird dabei unserer Meinung nach häufig übersehen: Die meisten Menschen halten Value- und Growth-Titel für zwei unterschiedliche, aber klar voneinander abgegrenzte Gruppen von Aktien. In Wirklichkeit sind sie das jedoch nicht. In Zeiten des Wandels können einstige Value-Titel durchaus zu neuen „Lieblingen“ unter den Wachstumswerten werden – wie zum Beispiel die „langweiligen“ Basiskonsumgüteraktien während des TMT-Booms (Technologie, Medien und Telekommunikation). Genau diese wurden dann Mitte bis Ende der 2010er Jahre gefeiert, als die Anleger „Anleihe-ähnliche“ Titel liebten.

Das gilt ebenso umgekehrt: Auch Wachstumstitel können zu Value-Aktien werden. Ein Beispiel dafür sind die Telekommunikationsaktien vor und nach der TMT-Blase oder Banktitel vor und nach der Finanzkrise. Wir sind überzeugt, dass es auch jetzt zu solchen Fällen kommen wird.

4. Wachstumsinvestitionen weiterhin dominant
Aktuell setzen die Märkte immer noch sehr stark auf Wachstumstitel und sind bei Value-Aktien „short“. Eine Kurzanalyse verschiedener Datenbanken zeigt, dass (noch) fast kein Investmentfonds nennenswerte Gelder in Value-Titel investiert. Und bei Privatanlegern dürfte es ähnlich aussehen. Das Potenzial für Value bei einer Umstellung der Anleger ist somit gegeben.

Eine andere oft gestellte Frage lautet: Ist die Zeit reif, um bei günstigen Wachstumsaktien einzusteigen? Das könnte das Thema eines längeren Beitrags sein. Die kurze Antwort ist jedoch eindeutig: unserer Meinung nicht einmal annähernd.“

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Die Nahrung der Zukunft im Fokus

Die Lebensmittelpreise steigen stark, nachhaltige Lösungen sind dringend gefordert.

Raja Korinek. Mit der anhaltenden Ukraine-Krise rückt der Agrarsektor, etwa über den Weizenmarkt, zunehmend in den Fokus. „Die Ukraine und Russland repräsentieren rund 28 % der globalen Weizenexporte“, betont Jörg Dehning, Fondsmanager des „DJE Agrar & Ernährung“ (ISIN: LU0350835707), gegenüber dem Börsen-Kurier. Nun drohen Exportausfälle. Obendrein hatte Indien, der weltweit zweitgrößte Weizenproduzent, einen Exportstopp auf Weizen verhängt, der zuletzt zumindest ein wenig gelockert wurde. Die Folgen sind deutlich zu sehen: Der Preis erreichte neue Rekordhochs.

Überhaupt haben die Notierungen für Nahrungsmittel in den vergangenen Monaten neue Höchststände erreicht. Allein im April notierte der „Food Price Index“ der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) bei 158,5 Punkten und lag damit nur leicht unter dem Rekordhoch vom März. Der Index misst die Preisentwicklung von fünf Subgruppen, zu denen etwa Zucker und Fleisch zählen.

Die Weltbevölkerung wächst
Freilich, alle solchen kurzfristigen Entwicklungen verschärfen bloß die Folgen längerfristiger Trends, zu denen die wachsende Weltbevölkerung zählt. „Damit steigt der Bedarf an Nahrungsmitteln. Und das stellt die globale Agrarwirtschaft vor Herausforderungen“, konstatiert Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE. Tatsächlich dürfte die Weltbevölkerung laut Vereinten Nationen bis 2050 auf 9,7 Mrd Menschen anschwellen.

Doch das sind nicht die einzigen Herausforderungen. DJE-Kapital-Experte Dehning meint, dass bis 2050 zugleich die verfügbare Ackerfläche pro Kopf schrumpfen würde. 2010 waren es im Schnitt 2.100 Meter. In knapp mehr als einem Vierteljahrhundert könnten es lediglich 1.800 Meter sein.

„Das positive Preisumfeld im Agrarsektor dürfte den Unternehmen aus dem Bereich teils erheblichen Rückenwind verleihen. So wird die Verschiebung der Handelsströme bei Agrargütern vor allem den international tätigen Agrarhändlern ein gewisses Zusatzgeschäft bescheren“, meint Dehning. Generell würden breit aufgestellte Branchenkonzerne von der aktuellen Entwicklung profitieren, so etwa Archer Daniels Midland (US0394831020).

Günstiges Gas für Düngemittel
Im Düngemittelsegment profitiere etwa der nordamerikanische Produzent Nutrien (CA67077M1086) von einer vergleichsweise günstigeren Gasversorgung, fügt der Marktexperte hinzu. Beide Aktien zählen zu den größten Positionen im „DJE – Agrar & Ernährung“, wie auch der mexikanische Getränkehersteller Becle SAB (MX01CU01 0003).

Im „BNP Paribas Smart Food“-Fonds (LU1165137149) zählt hingegen der australische Logistikkonzern Brambles zu den größten Positionen, der unter anderem auf die Wiederverwendung von Paletten setzt. Graphic Packaging (US3886 891015) – der US-Konzern produziert nachhaltige Verpackungen – zählt ebenso dazu wie die deutsche GEA (DE0006602006). Sie verkauft unter anderem Maschinen zur Lebensmittelverarbeitung.

Neue Technologien für Nahrung
Rahul Bhushan
, er ist Mitbegründer von Rize ETF, Emittent des „Rize Sustainable Future of Food ETF“ (IE00BLRPQH31), verweist zudem auf technologische Fortschritte, die zu mehr Effizienz etwa bei der Aussaat und beim Düngen führen. Bhushan hebt in diesem Zusammenhang Deere & Co (US2441991054) hervor: „Bis zum Jahr 2026 will das US-Unternehmen 100 % seiner neuen, kleinen Landmaschinen digital vernetzen, einen vollständig autonomen, batteriebetriebenen Elektrotraktor für die Landwirtschaft herstellen und damit 500 Mio Hektar bewirtschaften.“

Foto: Pixabay / VugarAhmadov

 

 

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Daten: Das neue Öl

Digitale Infrastruktur als Portfolio-Baustein.

Harald Kolerus. Zu Zeiten des großen Goldrauschs sind die Schürfer nicht immer reich geworden, gute Geschäfte machten aber auf jeden Fall die Verkäufer von Schaufeln und anderem notwendigen Equipment. Ähnlich verhält es sich in der Öl-Industrie, wo man als Ausrüster an den hohen Preisen „mitnascht“.

„Daten-Pipelines“
Nun sind „Daten das neue Öl des 21. Jahrhunderts“, wie ein wahres Wort sagt. Je mehr Daten verarbeitet werden, umso mehr gewinnt auch sogenannte „digitale Infrastruktur“ an Bedeutung. Denn gleichgültig, welche Unternehmen oder Technologien sich letztendlich im harten globalen Wettbewerb durchsetzen werden, auf Daten basieren sie alle. Das ist der Grundgedanke des „Open-End Partizipationszertifikat auf den Solactive Digital & Renewable Infrastructure Index“ (ISIN: DE000VV1HD38) von Vontobel.

„Ganz verknappt könnte man sagen: Hier investiert man in die Infrastruktur, die dafür sorgt, dass das Smartphone funktioniert. Aber natürlich steckt noch viel mehr dahinter: Digitalisierung beschränkt sich schon lange nicht mehr auf Internet-Surfen oder E-Mails verschicken. Ganze Logistik-Ketten, Smart-Cities, autonomes Fahren, Cloud Computing etc. sind auf digitale Infrastruktur angewiesen. Sie ist für Daten das, was die Pipelines für Öl sind“, erklärt Heiko Geiger, Zertifikate-Spezialist bei Vontobel, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Enormes Wachstum
Wobei wir uns erst am Anfang einer rasanten Entwicklung befinden: 2022 werden es laut der IDC- „Digital Universe“-Studie voraussichtlich 1,8 Zettabyte sein, die an Daten durch die Welt rauschen (ein Zettabyte entspricht einer Milliarde Terabytes). Diese Zahl soll sich zudem alle zwei Jahre verdoppeln.

Ein weiteres anschauliches Beispiel: Laut einem Bericht der GSMA Intelligence werden bis 2025 rund 80 % der Weltbevölkerung mit ihrem Smartphone am digitalen Leben teilnehmen.

Zu diesem langfristigen und nicht zu stoppenden Trend kommt die aktuelle Situation hinzu. Geiger führt weiter aus: „Die hohe Inflation hat dazu geführt, dass klassische Infrastruktur-Unternehmen bei Investoren sehr gefragt sind, also z. B. Mautstraßen- oder Pipeline-Betreiber. Diese sorgen für stabile Cash-Flows und verfügen über Preissetzungsmacht. Ähnlich verhält es sich bei Unternehmen aus dem Bereich digitaler Infrastruktur, die sich somit als relativ konjunktur-resistent zeigen. Das verspricht einen gewissen Schutz in der aktuellen Gemengelage, die von Krisen und Inflation bestimmt wird.“

Risken beachten
Wobei der Experte ergänzt: „Veranlagt wird zwar in eher konservative Titel aus dem Digitalisierungs-Universum, aber es handelt sich noch immer um ein Technologie-Portfolio, und Technologie-Titel wurden zuletzt an der Börse abgestraft. Der Anleger muss sich also auch des Marktrisikos bewusst sein.“

Strenge Auswahl
Das Indexzertifikat investiert nun in sieben Bereiche: erneuerbare Energien, intelligente Netzbetreiber, Elektro-Ladeinfrastruktur, digitale Infrastrukturausrüstung, Betreiber von Mobilfunkmasten und Rechenzentren sowie digitale Breitbandanwendungen. Im Portfolio landen 20 Aktien führender Unternehmen aus den genannten Sektoren, die anhand von stabilen Finanzkennzahlen ausgesiebt werden. Einige Beispiele sind: National Grid (ISIN: GB00BDR05C01), Red Electrica (ES0173093024) oder Itron (US4657411066). Also Namen, die vielleicht nicht jedem Investor auf den ersten Blick geläufig erscheinen. Selektion und Neugewichtung erfolgen halbjährlich; das Produkt ist seit Anfang Mai an der Börse handelbar.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

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Die „Befeuerung“ der Energie-Fonds hält an

Das Rückschlagpotential des Segments nimmt aber laufend zu.

Roman Steinbauer. In der Vorwoche erwiesen sich Energie-Aktien erneut als lukrativstes Anlagesegment. Es profitierten vor allem jene Fonds, deren Management es möglich ist, Aktien jener Unternehmen stark zu gewichten, die in der Exploration, Förderung oder dem Handel von Kraftstoffen aller Art involviert sind.

Potenzielle Neu-Einsteiger beschäftigt, wie weit der massive Liquiditätsfluss im Segment noch anhalten kann. Spricht das politische Geschehen auch noch für einen fortlaufenden und ausgedehnten Trend, sind die Prognosen der International Energy Agency (IEA) für den Investor schon kaum mehr hilfreich. So skizzierte die Agentur beim jährlichen „World Energy Outlook“ im Herbst für das Jahr 2030 eine Ölnachfrage, die (je nach Szenario) einen Tagesbedarf zwischen 103 und 72 Mio Fass pro Tag (mb/d) voraussieht. Die Spannweiten, denen stets mehrere Szenarien zugrunde liegen, weiten sich immer weiter aus.

Das stärkste Aufwärts-Momentum liegt bei Energieaktien aber wohl hinter uns. Zudem könnte ein deutlicher als zurzeit vermutet ausfallender globaler Konjunktureinbruch die Nachfrage schwächen – mit Auswirkungen, die aktuell nicht eingepreist sind.

Zyklen und eine hohe Schwankungsbreite
Die Entwicklung der Energie- bzw. Rohstoff-Fonds lässt indes weitere Kategorien verblassen. So legte der „Schroder ISF Global Energy C EUR T“ (ISIN: LU0374901725) seit August um 70 % auf 17,68 Euro zu. Auch der in US-Dollar aufgelegte „BlackRock World Energy Fund A2“ (LU0171301533) drückt das rasante Geschehen in diesem Sektor klar aus. Mit einem Wertpapierbestand von 3,03 Mrd USD (2,88 Mrd Euro) ergab sich für den thesaurierenden, in Luxemburg domizilierten Fonds alleine für die letzten drei Monate eine Wertsteigerung um 20 %. Auf Jahressicht protzen die Anteile mit einem Zugewinn von 53 %.

Dass es aber auch rasant in die Gegenrichtung laufen kann, bekamen Anteilhaber im Zeitfenster von Mai 2017 bis Mai 2020 zu spüren, als Einbußen von bis zu 60 % hinzunehmen waren. Durch die bittere Pille eines einmaligen Ausgabeaufschlages von 5 % (Mindestanlagesumme 5.000 USD) wird deutlich, dass Anlagen in diese Kategorie mit einem langen Horizont zu betrachten sind. Die jährlichen Gebühren (TER-Ratio) betragen 2 %.

Abweichende Ertragsentwicklung „Grüner“ Energiefonds
Andere Auswahlkriterien – differenzierte Erfolgserlebnisse für den Anleger. Diese simple Erkenntnis bestätigt vergleichsweise der Blick auf Energie-Fondsprodukte, die zusätzlich als ESG(Environmental-Social-Governance)-tauglich bzw. als „Grün“ definiert sind. Herangezogen sei der von BlackRock herausgegeben „BGF Sustainable Energy Fund“ (LU0124384867), der aktuell weltweit zu 70 % in Aktien nachhaltig agierender Energieunternehmen investiert ist.

Für das Depot werden Gesellschaften berücksichtigt, die entweder selbst alternative Energien anbieten oder in der Herstellung oder Forschung zu Techniken für die alternative Energiegewinnung aktiv sind. Bei der Auswahl werden die Risiken und Chancen im ESG-Bereich bewertet. Ausgewählt werden Emittenten aus allen relevanten Wirtschaftszweigen – mit Ausschluss des Erdöl-, Gas- und Kohlesektors. Der Ausschluss betrifft sowohl die Exploration als auch die Förderung, darüber hinaus den Sektor für Verbrauchsmaterialien.

Insgesamt sind 90 % der einbezogenen Titel Emittenten zuzuordnen, die über ein ESG-Rating verfügen.

In Luxemburg domiziliert, verwaltet der Fonds derzeit 6,67 Mrd USD (6,37 Mrd Euro). Rückblickend auf zwölf Monate wies er zwar eine negative Rendite von 10 % auf, in Hinsicht dreier Jahre stiegen die Anteile hingegen um ins-gesamt 16 %.

Foto: Pixabay / sakulich

 

 

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Der Krieg in der Ukraine – ein Beschleuniger der Deglobalisierung?

Von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE

(17.05.) Die unmittelbaren Folgen des Kriegs in der Ukraine, vor allem auf humanitärer Ebene, sind offensichtlich. Längerfristige Konsequenzen lassen sich dagegen deutlich schwerer fassen. Dennoch könnten sie sich für die wirtschaftliche und geopolitische Organisation der Welt in den kommenden Jahrzehnten als sehr weitreichend erweisen.

Vor allem dürften sich die Verhältnisse, die sich aus dem Bretton-Woods-Abkommen nach dem Zweiten Weltkrieg ergaben, grundlegend ändern. Dieses Abkommen hatte zur Gründung des IWF geführt und zu dem, was später die Weltbank werden sollte. Die Hauptziele waren internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie ein weltweiter Währungsraum auf Basis des US-Dollars. Das war auch der Tenor einer Rede, die die US-Finanzministerin und ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen jüngst vor dem Atlantic Council hielt, einer auf internationale Beziehungen spezialisierten Denkfabrik.

Ereigniswelle fördert Umkehr der Weltwirtschaft
Tatsächlich hat der Krieg in der Ukraine alles, um zum Sargnagel der Globalisierung zu werden. Vorangegangen war der Handelskrieg zwischen den USA und China sowie die Entschlossenheit Chinas, in Asien einen an den Yuan angelehnten unabhängigen Währungsraum zu schaffen. Beschleunigt wurde diese Tendenz durch die Corona-Krise, die die Abhängigkeit der westlichen Länder von den Produktionsketten der Schwellenländer ans Licht gebracht hat. Damit hat die Pandemie die Notwendigkeit gezeigt, zumindest bestimmte strategisch wichtige Produktionsprozesse zurückzuholen.

Die Invasion der Ukraine durch Russland könnte sich nun als ausschlaggebend für die Umkehr der Weltwirtschaft von der Globalisierung in Richtung Regionalisierung erweisen. Die Herausforderung liegt dabei auf der Hand. Wie der französische Philosoph Raymond Aron einst sagte: Die Geschichte ist tragisch. Genau das wird der Welt gerade wieder bewusst. Angesichts dessen steht der Ausbau des liberalen Handels nicht mehr länger im Fokus. Stattdessen geht es darum, für stabile Handelsbeziehungen zwischen Staaten zu sorgen, die dieselbe politische Vision teilen.

Mithilfe einiger Zahlen zu verschiedenen Rohstoffen – den Schlüsselelementen der geopolitischen Schlacht rund um den Russland-Ukraine-Konflikt – lässt sich die enorme strategische Dimension dieses Paradigmenwechsels veranschaulichen. In China sind beispielsweise fast 60 % der weltweiten Produktion und ein Drittel der Vorkommen von seltenen Erden konzentriert. Während allein auf Australien, Chile und Argentinien 80 % der Lithium-Vorkommen entfallen, verfügt China über knapp 70 % der Kapazitäten für die Raffination von Lithium. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Das Sichern der Versorgung mit und der Verarbeitung von Rohstoffen, aber auch der Produktionsketten für grundlegende Komponenten, die dabei entstehen (angefangen bei Halbleitern), wird zweifellos eine der großen Herausforderungen der Welt von morgen sein.

Ausrichtung des Handels auf „befreundete“ Länder
Mit Blick auf diese Herausforderungen sind beispielsweise die USA gut gewappnet. Sie besitzen große Vorräte an Schieferöl und -gas und verfügen mit den Great Plains zudem über riesige Anbauflächen. Darüber hinaus haben sie Abkommen mit Australien, Kanada und einigen lateinamerikanischen Ländern, die ihnen bevorzugten Zugang zu vielen Erzen bieten. Das erklärt den Willen der USA zum „Friend-Shoring“ – der alleinigen Ausrichtung des Handels auf „befreundete“ Länder.

Für Westeuropa ist die Lage komplizierter. Abgesehen von Kohle, Agrarrohstoffen und in geringerem Maße Uran verfügt es über keine bedeutenden Vorkommen strategischer Ressourcen. Einige dieser Defizite kann es dank seiner engen Beziehungen zu Afrika ausgleichen; allerdings sind diese zunehmend durch chinesische und auch russische Interessen auf dem afrikanischen Kontinent gefährdet. Und sofern es nicht zu einer bedeutenden diplomatischen Wende kommt, kann die Europäische Union Russland wohl kaum noch zu ihren Verbündeten zählen. Wir stehen vor einer neuen Situation, deren Konsequenzen sich bislang nicht in vollem Umfang ermessen lassen, während die Zersplitterung der Welt zum Paradigma der kommenden Jahrzehnte zu werden scheint.

 

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Rosinenpicken in Europa

Dem Wirtschaftsabschwung mit selektiver Aktienauswahl begegnen.

Raja Korinek. An den globalen Aktienmärkten kommen der Inflationsanstieg sowie die allmähliche Zinswende nicht gut an. Hinzu belastet der Ukraine-Krieg insbesondere Europa, betont Zehrid Osmani, Senior Portfolio Manager des „European Unconstrained Fund“ (ISIN: IE00BGNBWQ13) von Martin Currie – ein Teil von Franklin Templeton. Damit verteuern sich die Kosten für Energie und weiterer Rohstoffe. Zuletzt klagten etwa europäische Hersteller von Windrädern über hohe Preise für Industriemetalle. Solche Produkte benötigen unter anderem jede Menge Kupfer und Nickel, wovon ein großer Teil bislang aus Russland geliefert wurde.

Obendrein lasten die Lockdowns in China auf den Lieferketten. Auch diesen Umstand bekommen zahlreiche Unternehmen in Europa zu spüren, etwa aus der Industrie. So klagen deutsche Automobilbauer über den mangelnden Nachschub an Halbleitern aus dem Reich der Mitte. Zudem zeigte jüngst eine Umfrage der Europäischen Handelskammer in China, dass die Lockdowns, die inzwischen 45 Städte umfassen, die Geschäfte zahlreicher europäischer Unternehmen vor Ort massiv einbrechen lassen.

Beim Bankhaus Spängler gibt man sich derzeit jedenfalls noch vorsichtig. Asset-Manager Markus Dürnberger verweist auf die aktuell grundsätzliche Untergewichtung von Aktien, „wobei regional der Fokus auf den etablierten Märkten liegt und die USA gegenüber Europa übergewichtet werden“. In letzterer Region dürfte das Gewinnwachstum der Unternehmen heuer sogar auf null sinken, befürchtet Martin-Currie-Experte Osmani.

Die aktuelle Ausgangslage ist für Europa damit denkbar schwierig, jedoch nicht aussichtslos. Ankit Gheedia, Leiter für Derivate und Aktienstrategien in Europa bei der BNP Paribas, meint, dass das negative Sentiment gegenüber europäischen Aktien allmählich zumindest den Boden gefunden haben könnte. Immerhin liegt das KGV für Aktien aus der Eurozone auf die kommenden zwölf Monate mit rund 13 unter jenem des MSCI All Country World Index, wo es zuletzt „nur“ auf rund 16 sank.

Chancen sollten Anleger in Europa dennoch selektiv nutzen, mahnt Osmani. Er achtet bei seiner Selektion etwa auf die regionalen Einnahmen eines Unternehmens sowie in diesem Zusammenhang auf das Exposure in Russland. Und auf die Preissetzungsmacht eines Unternehmens im aktuell inflationären Umfeld. Solch eine Eigenschaft treffe laut Osmani etwa auf die Kingspan Group (IE0004927939), einen irischen Dämmstoffhersteller, zu. Das Unternehmen habe steigende Materialkosten an Kunden gut weitergeben können. Grund sind freilich die weltweiten Bestrebungen, CO2-Ausstoße zu reduzieren, zu denen unter anderem entsprechend auch Gebäudesanierungen zählen.

Osmani zufolge habe auch die schwedische Assa Abloy (SE0007100581) eine gute Preissetzungsmacht, wobei der Marktexperte weitere Preisumwälzungen auf Kunden erwartet. Der Konzern stellt unter anderem Schließsysteme und Sicherheitstüren her.

Ebenso im Fondsfokus steht die niederländische ASML (NL0010273215), größter Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie. Der Titel gefällt auch Alexander Farman-Farmaian, Partner bei Edgewood Management. ASML sei nach dem extremen Abverkauf wieder interessant, zumal jüngst große Chiphersteller den Bau neuer Produktionsfabriken angekündigt haben. Und dafür die Produkte von ASML benötigen, sagt er.

Foto: AdobeStock / Frenta

 

 

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Steigendes Interesse an Aktien unterstützen!

Nach einem erfolgreichen Jahr 2021 erneuert die Wiener Börse ihre Forderungen an die Politik.

Red. Die Wiener Börse hat in der Vorwoche bei ihrer Jahres-Pressekonferenz Bilanz über das Geschäftsjahr 2021 gezogen (Im Bild: Aufsichtsratsmitglied Angelika Sommer-Hemetsberger und Börsechef Christoph Boschan bei der Präsentation der Jahresergebnisse 2022). In einem dynamischen Marktumfeld habe die strategisch breite Aufstellung im 250. Jubiläumsjahr der österreichischen Nationalbörse das Wachstum unterstützt. Nach wie vor erwirtschaften Handel und Listings den Hauptteil der Erträge, aber auch das Verwahrgeschäft, Marktdaten und Indizes sowie IT-Services trugen 2021 zum Gewinnwachstum bei.

„Der Blick auf das vergangene Jahr, aber auch die derzeitigen Entwicklungen zeigen, dass der Kapitalmarkt immer in Bewegung ist. Als Infrastrukturunternehmen ist es unsere Aufgabe, in jeder Marktsituation stabilen Handel zu gewährleisten“, erklärte CEO Christoph Boschan. Das Wachstum bekräftige die solide Wettbewerbsposition des Unternehmens und mache die Wiener Börse in der europäischen Börsenlandschaft sichtbar. Auch würden die strategischen Initiativen bereits Früchte tragen.

Für die Herausforderungen, die der Klimawandel, die alternde Gesellschaft und die derzeitigen geopolitischen Entwicklungen bringen, werden Kapitalflüsse in Innovationen und neue Ideen notwendig, heißt es in einer Aussendung der Börse. Eine Umsetzung der im Regierungsprogramm enthaltenen Bausteine – wie etwa die Behaltefrist für langfristigen Wertpapierbesitz – könne privates Kapital aktivieren und die Transformation in die Wirtschaft der Zukunft stärken.

„Das Interesse der Österreicherinnen und Österreicher für Aktien und Investmentfonds steigt, besonders bei jungen Menschen. Diese Entwicklung sollte politisch unterstützt werden, um den Wohlstand zu wahren und die private Altersvorsorge zu stärken“, ergänzt Angelika Sommer-Hemetsberger, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Börse und Vorstandsmitglied der Oesterreichischen Kontrollbank.

Nachhaltige Anleihen im Fokus
Mit dem Vienna-ESG-Segment bietet die Wiener Börse zusätzlich zu bereits bestehenden Initiativen eine neue höchsttransparente Plattform für Emittenten von ESG-Anleihen. Bereits in dieser Woche tritt ein neues Regelwerk für nachhaltige Anleihen, basierend auf international etablierten Standards (ICMA Principles), in Kraft. Durch das verpflichtende Einholen einer Second Party Opinion, also der Bewertung einer unabhängigen Partei, sowie verstärkten Folgepflichten soll die Transparenz weiter gesteigert und Greenwashing verhindert werden. Neu sind auch eine visuelle Kennzeichnung sowie eine Filtermöglichkeit für ESG-Bonds auf der Website der Wiener Börse.

„2021 verdoppelte die Wiener Börse mit mehr als 7.000 Anleihen die Zahl der Neulistings und zählt zu den führenden Anleihen-Listingplätzen Europas. Ein Aufwärtstrend zeigt sich auch bei ESG-Bonds sowohl auf Angebots- als auch Nachfrageseite. Mit dem neuen Vienna ESG Segment schaffen wir Transparenz und einen klaren Rahmen mit Kriterien nach internationalen Standards“, so Boschan.

Stabiles Wachstum
Der Konzernumsatz der Wiener Börse stieg 2021 dank anhaltend hoher Handelserlöse um 6,7 % auf 79,3 Mio Euro. Das Ergebnis vor Steuern (EGT) stieg auf 47,58 Mio Euro (+15,3 %), der Jahresüberschuss belief sich auf 36,5 Mio Euro. Das Eigenkapital betrug per 31. Dezember des Vorjahres 157,28 Mio Euro.

Das Handelsvolumen mit Wertpapieren am Wiener Markt konnte um 7 % auf 73 Mrd Euro gesteigert werden. Einmal mehr hätten sich Effekte der zyklischen Zusammensetzung des ATX gezeigt, der im Jahresverlauf eine Performance von +38,87 % (inklusive Dividenden +43,59 %) erreicht hat. In Prag stieg das Handelsvolumen mit Wertpapieren sogar um 19 % auf 12 Mrd Euro.

Foto: Wiener Börse / Alex Felten

 

 

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Mit Edelmetallen die eigene Zukunft absichern

Gold und Silber als defensive Bestandteile eines Vorsorgemix.

Michael Kordovsky. Gold ist als solide Beimischung zur Altersvorsorge, bzw. korrekter ausgedrückt als „Generationenabsicherung“ geeignet. Es behielt über langjährige Zeiträume seinen Wert, wurde aber immer wieder zum „Politikum“, in der Folge von Besitzverboten oder langen Perioden festgelegter Umtauschverhältnisse zum US-Dollar.

Gold ist aber eine Art Feuerversicherung für Situationen wie einst die Hyperinflation im Jahr 1923. Von 1913 bis 1923 konnte die Teuerung durch den Anstieg des Preises pro Feinunze Gold in „Papiermark“ zum überwiegenden Teil ausgeglichen werden. Das macht Gold zu einem Wertspeicher über Generationen.

Ein Blick in die Geschichte
Laut Wolfgang Reuters, Autor des Buches „Deutschland im Sturzflug“, erhielt man im alten Rom für eine Feinunze Gold eine sehr gute Toga, einen Gürtel und ein Paar Schuhe. Heute geht sich das mit 1.741 Euro (der Betrag für eine Feinunze Gold am 14. Mai 2022, Anm.) für einen individuell zugeschnittenen Anzug, ein paar Schuhe und einen Gürtel ebenso aus. Seit der Römerzeit gab es also einen beeindruckenden Werterhalt.

Entfesselt wurde die Kraft des Goldpreises nach dem Zerfall des Bretton-Woods-Systems, das von 1944 bis 1973 (ab 1971 starke Goldpreisanstiege) bestand und eine fixe Bindung des US-Dollar an den Goldpreis vorsah. Der Dollar war die Ankerwährung eines Währungssystems, das nur geringe Schwankungen zuließ. Der Goldpreis war offiziell auf 35 US-Dollar pro Feinunze festgesetzt, ein Wert, der bereits im Zuge des Gold Reserve Act vom 21. Jänner 1934 festgelegt wurde. Erst als US-Präsident Richard Nixon am 15. August 1971 in einer Rundfunk- und Fernsehansprache die Verpflichtung der USA, Dollar in Gold zu tauschen, einseitig kündigte, war der heutige Goldmarkt geboren. Von 12. August 1971 bis 12. April 2022 stieg der Goldpreis von 43,2 auf 1.960,8 US-Dollar pro Feinunze, was einem geometrischen Anstieg (CAGR) von 7,82 % p.a. entspricht, bzw. bezogen auf den CPI-U mit Basisjahr 1982 einer realen Wertsteigerung von 3,73 % p.a.

Umsetzung der Vorsorge
15 % des liquiden Nettovermögens sollten in physischen Edelmetallen veranlagt werden. Die Positionen sollten dabei in mehreren Etappen breit gestreut aufgebaut werden.

Da Russland mit einer Goldbindung des Rubels begonnen hat und dieses Beispiel eines Tages auch in anderen Ländern wieder Schule machen könnte, sollte auf zwei Drittel Gold und ein Drittel Silber gesplittet werden. Silber war in früheren Jahrhunderten ein normales Zahlungsmittel und über 1.000 Jahre bis ins späte 19. Jahrhundert wiesen Gold- und Silberpreis eine übliche Relation von 12 bis 20 auf.

Heute ist Silber ein Industrierohstoff mit einer stark schwankenden Bullion-Nachfrage. Seit die New Yorker Terminbörse Comex am 5. Juli 1933 den ersten Silber-Future einführte, lag die Preissteigerung (Zeitraum Juni 1933 bis Dezember 2021) bei real 1,26 %. Silber hat den Vorteil, dass es viel weniger stark gesetzlich reguliert wird als Gold.

Allerdings sollte Silber aufgrund der dort vorherrschenden Umsatzsteuerfreiheit zum erheblichen Teil über ein Zollfreilager in der Schweiz erworben werden und dort eingelagert bleiben, denn bei Auslagerung und Lieferung nach Österreich sind 20 % USt fällig. In Österreich etwas günstiger erwerbbar sind differenzbesteuerte Angebote von Silbermünzen wie Maple Leaf und Krugerrand, was aus Diversifikationsgründen auch ratsam ist. Gold hingegen kann in Österreich beispielsweise in Form von Bullion-Münzen wie Philharmoniker (1 Unze), Maple Leaf oder Krugerrand umsatzsteuerfrei erworben werden. Bei größeren Beträgen kommt zusätzlich der Kauf von Barren im Schweizer Zollfreilager ins Spiel. Hier bietet beispielsweise das Edelmetallhaus Philoro bereits ab Investments von 5.000 CHF die Einlagerung von Gold, Silber, Platin und Palladium an. Die Lagergebühren betragen 0,95 % p.a. für Silber und 0,65 % p.a. für Gold, Platin und Palladium. Notare und Wirtschaftsprüfer zählen mindestens einmal jährlich den Bestand der Kunden und attestieren die Vollständigkeit der Ware.

Foto: AdobeStock / NathalieVanBergen

 

 

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Nach Aktiencrash in China: Warum die Erholung kurz bevorstehen könnte

Kommentar von Marcus Weyerer, Senior ETF Strategist EMEA, Franklin Templeton

(12.05.) Chinesische Aktien erleben derzeit sicherlich harte Zeiten. Seit Jahresbeginn hat der FTSE China 30/18 Capped Net Index, ein breit gestreuter Aktienindex, fast ein Viertel seines Wertes verloren. Außerdem liegt er mehr als 40 % unter seinem Allzeithoch von vor weniger als eineinhalb Jahren.

Für Anleger, die in der Lage sind, eine langfristige Perspektive einzunehmen, lohnt es sich unserer Meinung nach jedoch, die Situation in einen gewissen Kontext zu stellen.

Einer der größten Rückgänge seit mehr als 20 Jahren
Wir alle wissen, dass die Vergangenheit die Zukunft nicht vorhersagen kann, aber das muss uns nicht davon abhalten, die Vergangenheit zu konsultieren, um einige Erkenntnisse über die Zukunft zu gewinnen. Der aktuelle Rückgang ist analytisch interessant. Wir haben uns vergangene Fälle von Marktkorrekturen von 10 % oder mehr vom vorherigen Höchststand aus angesehen. Zwischen 2002 und 2021 gab es insgesamt neun Fälle von Rückgängen von mehr als 10 %.

Vier dieser Fälle überstiegen Verluste von 20 %, und in drei Fällen kam es zu Marktverlusten von mehr als 30 %.

Mit Ausnahme des Crashs während der globalen Finanzkrise erleben wir derzeit den stärksten Rückgang seit über zwanzig Jahren. Die Verluste übertreffen das Platzen der großen Spekulationsblase in den Jahren 2015/16 (-40,8 %), und die Erschütterungen durch den Handelskrieg von Trump im Jahr 2018 (-30,4 %).

Gleichzeitig gilt zu bedenken, dass angesichts der aktuellen Volatilität ein um 10 % höherer oder niedrigerer Indexwert für langfristige Anleger fast bedeutungslos ist.

Ein typisches Beispiel:
Von Mitte März 2022 bis Anfang April stieg der Index um fast 25 %, gefolgt von einem Rückgang von 16 % bis Ende April. Nur eine Woche später stand der Markt wieder 10 % höher.

Das sind beeindruckende Zahlen, und eine Erholung von nur weiteren etwa 10 % gegenüber heute würde den Markt wieder in den „normalen“ historischen Rückgangsbereich bringen.

Eine Erholung ist aufgrund des bisherigen Marktverhaltens überfällig
Interessanter als die Tiefe des Tals ist vielleicht die Frage nach der Zeit zwischen Höchststand und Tiefststand, oder anders gesagt ausgedrückt: Wann werden die Dinge normalerweise besser? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass die gegenwärtige Misere bereits länger anhält als alle anderen Fälle in der Vergangenheit. Die gute Nachricht ist, dass – nach derselben Logik, die sich an der Vergangenheit orientiert eine deutliche Erholung überfällig ist. In den oben genannten neun Fällen trat der Tiefpunkt des Zyklus im Durchschnitt nach etwa 22 Wochen ein. Es überrascht nicht, dass je tiefer der Verlust war, desto länger es in der Regel dauerte, bis der Markt den Tiefpunkt erreicht hat. Doch selbst während der Finanzkrise, als die Verluste die heutigen deutlich übertrafen, dauerte es etwa 53 Wochen – etwa ein Jahr – bevor die Aktienmärkte ihre Trendwende einleiteten. In diesem jüngsten Zyklus wurde der vorläufige Tiefpunkt erst nach 62 Wochen erreicht. Dies könnte darauf hindeuten, dass wir auf dem Weg zurück nach oben sind.

Jeder neue Tiefststand ab diesem Zeitpunkt könnte die aktuelle Episode zu einem Ausreißer machen (wenn auch aufgrund der geringen Stichprobengröße statistisch gesehen unbedeutend).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die derzeitige Situation zwar sicherlich einen der schwersten Bärenmärkte für chinesischen Aktien in den vergangenen 20 Jahren darstellt, so ist sie auch nicht gerade einmalig.

Da wir seit 2020 mindestens zwei Ereignisse von weltveränderndem Ausmaß erlebt haben, nämlich die Covid-19-Pandemie und den russisch-ukrainischen Krieg, sowie die hausgemachten Probleme in China, könnte man vielleicht argumentieren, dass der Markt eine relative Widerstandsfähigkeit gezeigt hat. Dies wird den Anlegern, die auf hohen Verlusten sitzen, wenig Trost spenden. Für diejenigen, die in der Lage und gewillt sind, über die kurzfristige Volatilität hinwegzusehen, und die an die langfristigen, fundamentalen Argumente für chinesische Aktien glauben, kann dies jedoch die aktuelle Situation relativieren.

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Das Eigenleben der Aktien des Diamanten-Sektors

Die Preise der funkelnden Steine ziehen an, die geringe Transparenz bleibt.

Roman Steinbauer. Die Jahresanalyse des Antwerp World Diamond Centers (AWDC) und des Beratungsunternehmens Bain & Company stellt fest: Die Lage am Diamantenmarkt bessert sich seit 2020 deutlich. Der Sektor kam gut aus der Covid-Schockstarre heraus. Unerwartet profitiert auch dieses Geschäftssegment zunehmend vom Online-Handel. Die Nachfrage im Einzelhandel zog an, die Margen kletterten auf das höchste Niveau seit einem Jahrzehnt. Bestätigt wird der Aufwärtstrend der teuren Steine aus Kohlenstoff durch den Diamond-IX-Index für Anlagediamanten. So zog die Messlatte, die vorrangig lupenreine Steine diverser Farbnuancen bester Qualität von 1,01 bis 1,03 Karat/0,20 g berücksichtigt, seit Oktober um mehr als 30 % auf 12.440 Punkte an. Als verlässliches Muster und goldene Regel kann Krisenresistenz (wie bei Edelmetallen) hingegen nicht bestätigt werden.

Der Diamant, bekanntlich durch die legendären Bewertungskriterien der vier „C“ (Cut, Carat, Clarity und Color) definiert, wird in erster Linie an den Börsen Antwerpen, Tel Aviv, New York und Mumbai gehandelt. Kleinanleger treten diesem edlen Mineral aufgrund der relativen Intransparenz oft nicht näher. Die Einschätzung zum globalen Fördervolumen, die Nachfrage- und Angebotssituation und vor allem die Höhe der Lagerbestände dominierender Marktteilnehmer ist für den Normalverbraucher kaum zu durchblicken.

Abgekoppelt von Einflüssen des Gesamtmarktes
Im Gegensatz zu den breiten Aktienindizes weisen Aktien des Diamanten-Segments teils gegenläufige Kurstendenzen und ein Eigenleben auf. Zwei britische Vertreter dieser Gattung sind an der Londoner Börse gelistet.

Gem Diamonds (ISIN: VGG379591065) besitzt 70 % der Letseng-Mine in Lesotho sowie die Ghaghoo-Mine an der südöstlichen Grenze der Kalahari. Petra Diamonds (BMG702782084) agiert wiederum zusätzlich als Händler von Rohsteinen aus Minen in Südafrika und Tansania. Die Papiere beider Gesellschaften gaben jahrelang nach, ehe seit Juli 2020 ein Aufwärtstrend einsetzte. Zur Schwäche neigten zuletzt hingegen Anteilscheine der chinesischen Juwelierketten Luk Fook Holdings (BMG5695X1258) und Emperor Watch & Jewellery (HK0000047982) mit Sitz in Hong Kong. Weit diversifizierter ist die Schweizer Nobelmarke Richemont (CH021 0483332) – als Juwelier und Uhren-Spezialist auch in Diamanten involviert. Nach einer Verdoppelung des Wertes im Vorjahr lockt Investoren nun eine Korrektur um 25 %. Spekulativ orientierte Anleger erkennen derzeit einen Aufwärtstrend bei Aktien der kanadischen Grizzly Discoveries (CA3986921037) aus Edmonton. Grizzly ist vorwiegend in der Exploration tätig, hält aber auch Anteile an ausbaufähigen Diamantminen im Bundesstaat Alberta und Edelmetallminen in British Columbia. Noch werden keine Umsätze generiert. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei überschaubaren 12,4 CAD (11,66 Mio Euro).

Die volksnahe Alternative
Als Alternativ-Anlage zum Reich der Diamanten bietet sich der US-Schmucksteinvermarkter Charles & Colvard (US1597651066) an. Das Unternehmen fertigt und vertreibt Edelsteine aus Moissanit. Dieses Mineral ist nach dem Diamanten die härteste natürlich vorkommende Substanz und weist (ebenso gleich dem Diamanten) optische Transparenz auf. Im Gegensatz zum elitären Stein ist der Moissanit im Lichtbündel aber doppelbrechend. C & C meldete für das abgelaufene Quartal mit 9,8 MioUSD (9,3 Mio Euro) einen 4 % unter den Erwartungen liegenden Umsatz. Die Notiz glitt seit Jahresbeginn um 50 % ab, womit sich ein laufendes KGV von nur 4 ergibt. Zudem wurde ein Rückkaufprogramm von bis zu 5 Mio Aktien bis 2025 beschlossen.

Foto: Pixabay / studiopratisaad0

 

 

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Schieflage bei der Adler Group

Das SDax-Unternehmen befindet sich nach falschen Immobilienbewertungen in Turbulenzen.

Stefan Riedel, München. Kein Testat der Wirtschaftsprüfer, Milliardenverluste und ein Kurseinbruch um mehr als 50 % – beim Immobilienkonzern Adler Group (ISIN: LU1250154413) brennt die Hütte. Hintergrund ist die Weigerung des Wirtschaftsprüfers KPMG, nach Abschluss der Sonderuntersuchung das Testat für den Geschäftsbericht 2021 zu erteilen. Grund dafür war der Widerstand des Adler-Managements, den E-Mail-Verkehr und andere Informationen herauszugeben, aus denen beurteilt werden könne, inwieweit Adler Geschäftsvorfälle mit nahestehenden Personen getätigt habe.

Den Fall ausgelöst hatten im Oktober 2021 die Betrugsvorwürfe der britischen Investmentfirma Viceroy, die Bilanz durch eine übertriebene Bewertung von Immobilienprojekten künstlich aufgebläht zu haben. Hinter Viceroy steht der Leerverkäufer Fraser Perring, der mit Veröffentlichungen auch den Fall Wirecard mit ins Rollen gebracht hatte. Erste Finanzexperten sehen bereits Parallelen zum Betrugsskandal des Zahlungsabwicklers Wirecard vor zwei Jahren. Wie bei Wirecard stehen die Wirtschaftsprüfer in der Kritik. Und wie bei Wirecard ist Transparenz auch für die Verantwortlichen bei Adler ein Fremdwort. Allerdings geht es hier bislang vor allem um zu optimistische Immobilienbewertungen und nicht um fingierte Umsätze.

Was bedeutet das für Anleger?
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) kritisiert die fehlerhafte Kommunikation des Unternehmens mit dem Kapitalmarkt zu den Wertanpassungen des Immobilienportfolios. „Anleger sollten die Aktie nicht behalten, um künftige Schadensersatzansprüche geltend zu machen“, empfiehlt der DSW-Pressesprecher gegenüber dem Börsen-Kurier. Unabhängig davon, ob sich nach den Untersuchungen durch die Bafin der Vorwurf der Bilanzmanipulation bestätige, sollten jetzt Buchverluste realisiert werden. „Für mögliche Klagen sollten Anleger die Depotauszüge aufheben, die den Zeitpunkt Wertpapierverkauf dokumentieren.“

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) wirft dem inzwischen zurückgetretenen Verwaltungsrat vor, die Vorfälle mit dem Verweis auf den Wert der Bestandsimmobilien herunterzuspielen. Um mögliche Schadensersatzansprüche prüfen zu lassen hat die SdK eine rechtliche Prüfung in Auftrag gegeben. Alle interessierten Anleger können sich unter www.sdk.org/adler in einen kostenlosen Newsletter über den aktuellen Verlauf des Verfahrens informieren.

Auch die jüngste charttechnische Gegenbewegung, hervorgerufen durch spekulative Käufe, täuscht nicht darüber hinweg, dass Adler vor stürmischen Zeiten steht. Dementsprechend groß ist die Gefahr, dass die Aktie ihren Sturzflug fortsetzt. Wie überhaupt Immobilienaktien seit Jahresanfang unter Druck stehen. Trotz dem weiterhin knappen Wohnangebot bei ungebrochen hoher Nachfrage stellt sich die Frage, inwieweit die hohen Bewertungen bei den sich verteuernden Baufinanzierungen noch gerechtfertigt sind.

Symbolbild: AdobeStock / seen

 

 

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Der Profit als schöner Nebeneffekt

Kunstwerke gelten als sichere Geldanlage. Wir zeigen den Weg zur eigenen Sammlung.

Lea Schweinegger. Warum investieren Menschen in Kunst und schöne Dinge? Das deutsche Online-Portal Statista untersuchte die Gründe für einen Kunstkauf (für das Jahr 2019, Anm.). Zu diesem Zeitpunkt gaben 65 % der Befragten an, dass sie Kunst in erster Linie aus Sammlerzwecken, allerdings auch mit einer Investitionsperspektive erstehen. Dazu befragte Kunstexperten gaben an, dass für mehr als 80 % ihrer Kunden diese Motive entscheidend sind.

Trotzdem betonen Kunstexperten, Galeristen und Auktionatoren immer wieder, dass Kunst – abseits monetärer Vorteile – auch allein der Kunst wegen gekauft werden sollte. Der Idealzustand ist es natürlich, wenn beides Hand in Hand geht. Man verliebt sich in ein Werk, genießt den Anblick und profitiert zusätzlich von einer künftigen Wertsteigerung. Denn man tut sich ja Gutes, wenn man in Kunst, die auch gefällt, investiert. Oder wie es Pablo Picasso pathetisch einmal sagte: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ Und der Zeitgenosse Damien Hirst nimmt sich überhaupt kein Blatt vor den Mund: „Die Kunst dreht sich ums Leben, der Kunstmarkt ums Geld!“

Der Weg zur eigenen Sammlung
Wir weisen immer wieder darauf hin, dass beim Kauf eines Kunstwerkes Vorwissen notwendig und nützlich ist, damit man nicht „dumm“ dasteht, oder noch schlimmer, „für blöd verkauft wird“ (lesen Sie dazu auch unseren Bericht über Kunstfälschungen in BK16 vom 21. April). Das heißt, bevor man die richtigen – oder gar vermeintlichen – Experten anspricht, sollte man auf alle dienlichen Informationen zurückgegriffen haben und im Thema auch selbst ein wenig sattelfest sein.

Verschiedene Märkte für Kunst
Für den US-amerikanischen Investor und Kunsthändler Adam Lindemann gibt es in diesem Zusammenhang vier Arten von Kunstkauf. Lindemann gründete 2012 die Galerie „Venus Over Manhattan“ in New York City und widmet sich vornehmlich Ausstellungen, die das Thema Ikonoklasmus (steht auch für Bildersturm; darunter versteht man die Zerstörung heiliger Bilder oder Denkmäler, die von religiöser, kultureller oder politischer Relevanz sind; Anm.) zum Inhalt haben sowie Werken historischer und zeitgenössischer Künstler. Der Experte verweist in seinem Buch auf unterschiedliche Möglichkeiten, Kunst zu erstehen: Erstens, gleich auf dem sogenannten „Primary Market“ zuschlagen. Das ist der Erstkauf eines Kunstwerkes, entweder über eine Galerie oder direkt aus dem Atelier des hoffentlich noch relativ unbekannten Künstlers. Zweitens, auf dem „Secondary Market“ kaufen.

Sobald das Kunstwerk auf dem Primärmarkt gekauft wurde, gelangt es auf den Sekundärmarkt. Der Sekundärmarkt bezieht sich also auf Kunst, die bereits mindestens einmal verkauft wurde. Einfacher ausgedrückt befasst sich der Sekundärmarkt mit dem Wiederverkauf.

Drittens: Man kann Werke auch später im Rahmen einer Auktion, oder (viertens) auf einer Kunstmesse erstehen. Die letztgenannten Orte sind überhaupt sehr interessant, vor allem auch für Einsteiger in das Thema, da man sehr ungezwungen Information und Wissen aufsaugen kann und meist auch einen internationalen Überblick über die Szene bekommt.

Zu bedenken gibt es: Ist das begehrte Objekt auf keinem der beiden sehr interessanten ersten Märkte mehr erhältlich, dann folgt – wie beschrieben – das Auktionshaus. Dort jedoch hat der Meistbietende den Vorrang. Und: Bei einer Auktion zahlen Käufer ein Aufgeld von meist 20 % wie bei Sotheby‘s, Christie‘s oder Philipps.

Kunst ist zur sicheren Geldanlage geworden
Auch wenn Kunst schon für sich allein einen Wert darstellt, sind ausgewiesene Werke mittlerweile auch zu einer anerkannten alternativen Geldanlage geworden. Wie eben eine Aktie, die man in sein Depot „legen kann“. Doch apropos Aktie: Einerseits hat sie sich vor allem in den vergangenen zinslosen Zeiten wieder einmal als attraktivste Anlageform und bestes Mittel im Kampf gegen die Geldentwertung erwiesen. Doch spätestens der schreckliche Ukraine-Krieg hat andererseits gezeigt, dass es auch an den Börsen nicht immer nur nach oben gehen kann.

Warum also nicht gerade jetzt beginnen, sich mit dem Thema Kunst als sichere Geldanlage und Portfolioergänzung zu beschäftigen?

Foto: AdobeStock / kustvideo

 

 

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GAFAM – das perfekte Abbild der weltweiten Wirtschaftslage

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE.

(03.05.) Während die Berichtssaison für das erste Quartal 2022 in vollem Gange ist, stehen die Ergebnis-Veröffentlichungen der amerikanischen IT-Giganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft (GAFAM) sinnbildlich für die Schwierigkeiten, in denen die Weltwirtschaft steckt. Der Krieg in der Ukraine, Lohnsteigerungen, Beschaffungsprobleme, stärkere Regulierung, der Anstieg der Energiepreise – jede dieser Hürden hat unmittelbar ein oder mehrere Unternehmen dieses bedeutenden Quintetts beeinträchtigt.

Die Leiden der fünf Tech-Giganten
Google, der Riese der Online-Werbung, hat durch die Aussetzung seiner Werbedienste in Russland direkt unter dem Ukraine-Konflikt gelitten. Doch auch der europäische Markt insgesamt belastet seine Werbeeinnahmen. Denn in Zeiten von Unsicherheit sind die Budgets für Marketing und Werbung stets die erste Variable, die zur Senkung der Kosten angepasst wird.

Apple, das Unternehmen aus Cupertino, übertraf mit seinem Umsatz die Erwartungen, korrigierte aber auch seine Ziele für das zweite Quartal nach unten, was zwei Hauptgründe hat. Der erste hängt mit dem Reich der Mitte zusammen, das zurzeit mit einer Infektionswelle konfrontiert ist, die die „Null-Covid“-Politik an ihre Grenzen bringt. So lassen die Abriegelung der Städte Shenzhen – das chinesische Silicon Valley – und Shanghai, welche mit einem Chaos im Schiffsverkehr zu kämpfen hat, für die kommenden Monate nichts Gutes bei Produktion und Transport erahnen. Auch für Apple bringt die Entscheidung der Abkopplung vom russischen Markt einen wirtschaftlichen Nachteil, der auch künftig bleiben wird.

Facebook, jüngst umbenannt in Meta, gelang es zwar, wieder an das Wachstum seiner Nutzerzahlen anzuknüpfen, enttäuschte jedoch mit seinen Ergebnissen. Ein weiterer Akteur, der unter der Schwächung des europäischen Werbemarktes leidet. In diesem Quartal hat Meta in erster Linie mit den neuen Regeln von Apple zum Schutz der Daten seiner Benutzer zu kämpfen, da die Werbung hierdurch weniger zielgerichtet und damit weniger effizient wird. Für das Jahr 2022 rechnet das Unternehmen damit, dass ihm dadurch die geringe Summe von 10 Milliarden US-Dollar an Einnahmen fehlen wird. Wenngleich diese neuen Bestimmungen nicht von einer staatlichen Instanz stammen, erkennen wir das Risiko, das sie für Unternehmen dieser Größe darstellen.

Amazon befindet sich im Würgegriff von Lohnsteigerungen und dem Anstieg der Transportkosten. Für das erste Quartal hat das Unternehmen folglich Verluste ausgewiesen. Diese hängen zwar weitestgehend mit einer Fehlinvestition in Rivian, dem „Tesla der Lieferwagen“, zusammen, aber auch die Vertriebstätigkeit bei Amazon steht unter Druck und zwingt das Unternehmen, seine Prognosen für 2022 nach unten zu korrigieren.

Microsoft, der letzte Buchstabe in der Abkürzung GAFAM, aber zweifellos auf Platz eins bei der Qualität seiner Ergebnisse im ersten Quartal, profitiert weiter von dem für seine Cloud-Plattform Azure vorteilhaften Trend der Digitalisierung. LinkedIn verbucht dank eines angespannten Arbeitsmarktes ein Umsatzplus von 34 Prozent. Zudem verzeichnet Surface, die Sparte für IT-Hardware, ein Wachstum von 11 Prozent.

Makroökonomisches Umfeld als weiterer Krisenherd
Nicht nur auf der mikroökonomischen Ebene haben die fünf Marktteilnehmer bereits Schwierigkeiten. Auch das makroökonomische Umfeld gestaltet sich in diesen bewegten Zeiten nicht zu ihren Gunsten. Der Aufwärtstrend der Zinsen übt automatisch Druck auf die Attraktivität ihrer Bewertungen aus. Der Kursrückgang dieser Unternehmen seit Jahresbeginn entspricht etwa dem Doppelten des Rückgangs des S&P 500. Doch ihr Erfolg beruht auf Innovation und Wachstum, und Bereiche wie Cloud, Metaverse und innovative Hardware bieten zahlreiche Möglichkeiten, um die Tech-Giganten wieder auf Kurs zu bringen. Werden sie sich also im Einklang mit der Weltwirtschaft erholen?

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Der Kampf um die besten Köpfe

Die demografische Entwicklung wird den Mangel an Fachkräften weiter verstärken.

Christian Sec. Die Regierung hat Erleichterungen für ausländische Fachkräfte aus Staaten außerhalb der EU bzw. für heimische Firmen präsentiert, die teils händeringend Experten suchen. Der Fachkräftemangel wird damit aber nicht gelöst werden, sondern höchstens gelindert, warnt ÖVP-Arbeitsminister Martin Kocher vor zu viel Optimismus. Derzeit weist das Arbeitsmarktservice rund 124.000 offene Stellen auf.

Mittlerweile habe sich der Fachkräftemangel zu einem generellen Arbeitskräftemangel entwickelt, erklärt auch Ulrike Baumgartner-Foisner, Senior Vice President im HR von Wienerberger. Dies habe vor allem demografische Gründe, wie geburtenschwache Jahrgänge und Pensionierungen, wie Baumgartner-Foisner gegenüber dem Börsen-Kurier erklärt. In Österreich gäbe es derzeit bei Wienerberger 70 offene Stellen bei rund 1.200 Mitarbeitern.

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, setzt der Ziegelhersteller auf Digitalisierung und Automatisierung, vor allem in der Produktion, um so auch die Qualität der vorhandenen Arbeitsplätze entsprechend zu heben und diese attraktiv zu gestalten.

War of Talents
Qualifizierte Arbeitskräfte sind ein seltenes Gut, was zu einem erbitterten Kampf um die besten Köpfe führt. Das gilt vor allem für Spitzenkräfte im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). „Wir haben uns zum Ziel gesetzt der beste Arbeitgeber in der Industrie zu werden, denn wir wollen schließlich die besten Köpfe und Hände für unser Unternehmen gewinnen und halten“, so Baumgartner-Foisner. Dafür wird in die Entwicklung der Arbeitsumgebung, Aufgabenvielfalt, Führungskompetenz und die Weiterentwicklungsmöglichkeiten investiert.

Auch die OMV gibt an, dass es einen Wettbewerb um Fachkräfte im Bereich IT gibt. „Wir müssen uns von unseren Mitbewerbern abheben und sicherstellen, dass wir attraktive Karrieremöglichkeiten bieten, einschließlich eines wettbewerbsfähigen Vergütungspakets“, so ein Sprecher der OMV gegenüber dem Börsen-Kurier.

Die Voestalpine spürt, dass allgemein die Nachfrage nach Mitarbeitern in bestimmten Bereichen steigt, etwa in der IT. Der internationale Stahlkonzern investiert im „War of Talents“ in betriebliche Gesundheitsförderung und Beteiligung von Mitarbeitern, deren Aktionärsstimmrechte in einer Privatstiftung gebündelt werden. Diese ist mittlerweile mit der größte Einzelaktionär des Unternehmens, mit einem Anteil von 14,8 %. Einen Schwerpunkt des Stahlkonzerns im Talentscouting bilden Kooperationen mit Bildungseinrichtungen z.B. bei der Zusammenarbeit bei wissenschaftlichen Arbeiten, wie Diplom- und Masterarbeiten. Zahlreiche Ausbildungskooperationen bestehen auch mit der Montanuniversität Leoben. Dabei versucht man mit Sponsoringmaßnahmen Jugendliche für ein Technikstudium zu begeistern.

Lehrlinge verzweifelt gesucht
Gleichzeitig bildet die Voestalpine derzeit rund 1.000 Lehrlinge aus. Mehr als 90.000 Euro investiert der Konzern in die Ausbildung jedes Lehrlings. Das Angebot an Lehrlingskräften geht jedoch insgesamt zurück.

„Noch immer ist zu wenig bekannt, welche Aufstiegs- und Verdienstchancen die Arbeitsplätze in der Industrie bieten“, klagt Christian Helmensteiner, Chefökonom der Industriellenvereinigung. Die zentrale Erkenntnis einer Studie des Economica Instituts zeigt laut Helmensteiner, dass Industrielehrberufe ein höheres oder gleich hohes Lebenseinkommen wie so mancher Beruf mit Universitätsausbildung aufweisen. So übersteigt das kumulierte Lebenseinkommen eines Systemtechnikers mit Lehrabschluss bis zum 45. Lebensjahr das kumulierte Lebenseinkommen eines Informatikers mit Studienabschluss.

Foto: Pixabay / PCB-Tech

 

 

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Gibt es erste Rezessionssignale?

Wie die Signale vom Bond-Markt einzuordnen sind.

Michael Kordovsky. In den USA kam vor wenigen Wochen ein Rezessionssignal vom Bond-Markt. Durch die Medien ging Anfang April eine negative Differenz zwischen zehnjährigen und zweijährigen US-Staatsanleihenrenditen. In einer normalen Rendite-Kurve herrscht ein steilerer Verlauf. Die „Zinsen“ (Renditen) sind umso höher, je länger die Laufzeit ist. Da es aber im Falle eines erwarteten Wirtschaftsabschwungs zu rückläufigen Renditen und, wenn Spielraum vorhanden, auch zu Leitzinssenkungen kommt, verflacht sich schon allein durch Abschwungserwartungen die Zinskurve – manchmal sogar so lange, bis sie invers ist, also kürzere Laufzeiten höhere Renditen aufweisen als längere. Das Schema ist klar, doch der Teufel liegt im Detail: Die Renditedifferenz zehn zu zwei Jahre ist zwar ein zuverlässiges Rezessionssignal, jedoch nicht unbedingt das beste. Beispielsweise gab es im Juni 1998 verfrüht ein falsches Signal, da die Rezession erst im Jahr 2001 begann. Zuletzt schlug es gegen Ende August 2019 richtig an.

Das präzisere Signal ist aber die Rendite-Differenz zwischen zehnjährigen US-Staatsanleihen und jenen mit dreimonatiger Laufzeit. Sie hat seit den späten 1980er-Jahren kein Fehlsignal geliefert, und in den USA ging seit den 1970er-Jahren (auf sechs bis 17 Monate) jeder Rezession auf dieser Basis eine inverse Zinskurve voran, zuletzt im Mai 2019. Aktuell jedoch liegt die Differenz bei hohen 1,94 % -Punkten (per 26.4.). Das würde gegen eine Rezession sprechen. Wie zuverlässig dieser Indikator war, kann anhand untenstehender Historie illustriert werden.

Rezession noch nicht greifbar
Der Krieg in der Ukraine eskaliert zunehmend. Mit Polen und Bulgarien gibt es die ersten beiden Länder der EU, denen Moskau den Gashahn abgedreht hat. Gleichzeitig dehnte sich in China der Corona-Lockdown von Shanghai auf das größte Stadtviertel Pekings aus. Im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine haben bereits mehrere Stimmungsindikatoren weltweit negativ reagiert. Auf der anderen Seite haben die USA eine starke Konjunktur und eine Reihe von Schwellenländern profitieren von hohen Öl- und Rohstoffpreisen.

Stärke zeigt unter anderem die US-Industrie: Im März stand auf Jahresbasis einer Steigerung der Auftragseingänge für langlebige Güter von 12,6 % ein Plus bei den Auslieferungen um 11,2 % gegenüber, womit die Zeichen auf Expansion stehen. Allerdings steht bei Transportausrüstung eine verlangsamte Auslieferung von 8,5 % einem Auftragsschub um 17,8 % gegenüber. Rückläufige Auftrags-eingänge verzeichnet zuletzt der Rüstungsbereich, während Investitionsgüter außerhalb des Rüstungsbereichs boomen: Auftragseingänge von plus 23,5 % vs. Auslieferungen von 11,9 %. Das deckt sich auch mit den April-Daten des vorläufigen „S&P Global Flash US Composite PMI“, dessen „Flash US Manufacturing PMI“ auf ein Sieben-Monatshoch stieg. Obwohl sich die Dynamik im Dienstleistungssektor verlangsamt, sollte laut S&P Global das annualisierte US-BIP-Wachstum im April bei 3 % liegen.

Der IWF rechnet im jüngsten Ausblick zwar mit weniger Wachstum, aber für 2022 und 2023 noch immer global mit je 3,6 %, wobei sich von 2022 auf 2023 das BIP-Wachstum der USA von 3,7 auf 2,3 % verlangsamen sollte und jenes des Euroraums von 2,8 auf 2,3%. Andererseits sollten die Emerging-Markets mit einer Wachstumsbeschleunigung von 3,8 auf 4,4 % der globale Wachstumsträger sein. Ob sich mit den aktuellen Corona-Maßnahmen Chinas BIP-Wachstum von 4,4 auf 5,1 % (2022 auf 2023) wirklich verbessert, bleibt allerdings fraglich.

Fazit: Noch ist keine unmittelbare Rezession spürbar und bis die Drei-Monats-T-Bill-Zinsen die Renditen zehnjähriger US-Treasuries überschreiten, sind noch vier bis sechs Leitzinsanhebungen in den USA erforderlich.

Foto: Pixabay / 0fjd125gk87

 

 

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„Nehmen Sie Ihre Vorsorge selbst in die Hand!“

Die Vorstandsdirektorin der Wiener Städtischen, Sonja Steßl, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Rudolf Ernder. Sonja Steßl war lange genug in der Politik – unter anderem als Staatsekretärin im Bundeskanzleramt sowie für Finanzen in der Regierung Faymann – um die Nöte und Sorgen der Bevölkerung, vor allem auch der Frauen, zu kennen. Heute ist sie als Vorstandsdirektorin bei der Wiener Städtischen auch für die Bereiche Verkauf im Privat- und Gewerbekunden- bzw. Firmen und Großkundengeschäft verantwortlich.

Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier lässt sie tiefer in das Thema Frauen und Vorsorge blicken und richtet in diesem Zusammenhang auch einige Appelle an das weibliche Geschlecht.

Börsen-Kurier: Wie hat sich die Pandemie auf die Frauenvorsorge ausgewirkt?
Sonja Steßl: Die Corona-Krise und auch der Krieg in der Ukraine haben eine Zeit voller Umbrüche und Veränderungen mit sich gebracht und uns drastisch vor Augen geführt, wie schnell sich das Leben verändern kann. Speziell Frauen sind aufgrund häufig bestehender Mehrfachbelastungen in der Pandemie besonders gefordert. Das hat zur Folge, dass das Risikobewusstsein und das Sicherheitsbedürfnis deutlich zugenommen haben – bestimmt auch ein Grund dafür, dass wir in den letzten beiden Jahren keine Schwächung der privaten Vorsorge, sondern vielmehr eine weiterhin stabile Nachfrage gesehen haben. Wir verzeichnen in fast allen Sparten ein Prämienwachstum. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach optimaler Absicherung der eigenen Person und der Angehörigen, das ist aber nicht nur auf die Gesundheit beschränkt, sondern zeigt sich auch beim Schutz von Hab und Gut.

Börsen-Kurier: Nachhaltigkeit ist auch in der Vorsorge heute ein großes Thema geworden. Was bietet die Wiener Städtische Versicherung dazu ihren Kundinnen an?
Steßl: Das Thema Nachhaltigkeit steht seit längerem hoch im Kurs, ganz besonders bei jungen Menschen, und auffällig ist, dass Frauen größeren Wert auf das Thema legen als Männer. Besonders stark ist die Nachfrage nach unserer Fondspolizze „Eco Select Invest“, die als erste mit dem österreichischen Umweltzeichen auszeichnet wurde. Hier können Kunden zwei Megatrends miteinander verbinden: Die Suche nach Rendite bei historisch niedrigen Zinsen und das Bedürfnis, mit seinem Geld etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Fondspolizzen wie die genannte der Wiener Städtischen verbinden individuellen Versicherungsschutz mit Veranlagung in nachhaltige Investmentfonds, sind sehr flexibel und unkompliziert übertragbar. So lässt sich für das Alter und die Familie vorsorgen und man übernimmt Verantwortung für Umwelt, Gesellschaft und künftige Generationen. Bisher haben wir hier mehr als 3.300 Verträge im Gesamtvolumen von rund 23 Mio Euro abgeschlossen. Nahezu jeder zweite Prämieneuro in der Lebensversicherung ist bei der Wiener Städtischen im vergangenen Jahr in nachhaltige Geldanlagen geflossen – Tendenz steigend!

Börsen-Kurier: Welche sind die wesentlichsten Notwendigkeiten für Frauen in der Pensionsvorsorge?
Steßl: Frauen haben aufgrund verschiedenster Rahmenbedingungen oftmals einen noch größeren Vorsorgebedarf abzudecken als Männer. Eine lange Lebenserwartung und unterschiedliche Berufsbiografien von Frauen haben weitreichende Folgen, auch bezüglich ihrer finanziellen Situation im Alter. So erzielen Frauen in Österreich nach wie vor im Durchschnitt deutlich geringere Erwerbseinkommen und damit liegt auch die durchschnittliche Alterspension von Frauen mit 1.110 Euro brutto im Monat deutlich unter jenen der Männer mit 1.799 Euro. Vor diesem Hintergrund ist das Risiko von Altersarmut für Frauen deutlich höher als für Männer. Aber: egal ob Frau oder Mann – je früher man mit einer finanziellen Vorsorge beginnt, desto ertragreicher! Gerade die Altersvorsorge ist ein Bereich, der über viele Jahre und Jahrzehnte laufen sollte, um sich ein finanzielles Polster für den Lebensabend aufzubauen. Mein Tipp an alle Frauen ist daher recht simpel: Interessieren Sie sich für das Thema Vorsorge, nehmen Sie das selbst in die Hand und starten Sie möglichst in jungen Jahren mit Ihrer privaten Pensionsvorsorge!

Börsen-Kurier: Ab welchem Betrag ist Vorsorge Ihres Erachtens sinnvoll? Was wäre das empfohlene Minimum?
Steßl: Hier einen Pauschal-Betrag zu nennen wäre nicht seriös. Vielmehr stellt sich die Frage, wie hoch das monatliche frei verfügbare Einkommen ist, das ich für Vorsorge verwenden möchte.

Vorsorge ist bereits mit kleinen Beträgen sinnvoll, zum Beispiel bekommt man als Einsteiger eine vernünftige Gesundheitsvorsorge bereits um rund 20 Euro im Monat oder eine Prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge als ergänzende Altersvorsorge ab 25 E im Monat. Wichtig ist, frühzeitig zu beginnen, durchzuhalten und, wenn das Einkommen steigt, auch die Vorsorgeprämien immer wieder mal anzupassen. Sinnvoll sind in diesem Zusammenhang auch regelmäßige Beratungsgespräche mit dem Versicherungsberater meines Vertrauens!

Börsen-Kurier: Wie geht die Wiener Städtische mit dem Thema Frauenvorsorge um?
Steßl: Wir sehen seit vielen Jahren, dass sich speziell Frauen mit der eigenen Vorsorge zu wenig intensiv auseinandersetzen. Wir haben daher das Jahr 2022 zum Vorsorgejahr der Frau unter dem Motto #frausorgtvor ausgerufen. Ziel ist es, neben einer verstärkten Bewusstseinsbildung auch konkrete Lösungsansätze – ganz nach den Bedürfnissen der Frauen – anzubieten. Dafür steht die Dachmarke „Women‘s Selection“. Wir bieten Frauen in jeder Lebenslage attraktive und individuelle Lösungen, um den Vorsorgebedarf für Gesundheit und Alterspension bestmöglich abzudecken. Das reicht von der Basisabsicherung mit einer prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge für jüngere Frauen über flexible Vorsorgelösungen mit erfolgreichen Fonds bis hin zu umfassenden Zusatzpaketen, etwa der Prämienübernahme durch die Wiener Städtische bei Geburt, Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit. Bei der Gesundheitsvorsorge stehen Wahlarzt- und Sonderklasse-Lösungen im Mittelpunkt: Die Wünsche und Bedürfnisse der Österreicherinnen gehen dabei über das Angebot des staatlichen Gesundheitssystems hinaus. Immer mehr Frauen setzen auf private Vorsorge sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.

Börsen-Kurier: Und was sollten Frauen in diesem Zusammenhang bei der Gesundheitsvorsorge besonders beachten?
Steßl: Frauen haben in Gesundheitsfragen eigene Bedürfnisse, sind gesundheitsbewusst und legen viel Wert auf Prävention und Vorsorge. Das zeigen auch unsere Zahlen: Rund 650.000 Kunden zählt die Wiener Städtische in der Gesundheitsvorsorge – mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Daher ist es uns ein besonderes Anliegen, unser Serviceportfolio an den Bedürfnissen von Frauen auszurichten und laufend zu erweitern. Neben innovativen Produkten gibt es auch spezielle Services für Frauen mit Familie: Ein Beispiel, wie insbesondere digitale Lösungen einen Mehrwert für Kundinnen bringen, ist der Online-Geburtsvorbereitungskurs in Zusammenarbeit mit deine-geburt.com: Neben ausführlichen Materialien steht werdenden Eltern das umfangreiche Wissen einer Frauenärztin und einer Hebamme, die beide zudem Mütter sind, zur Verfügung. Eine Online-Kreißsaalbesichtigung, Ernährungstipps, Yoga-Einheiten und ein zusätzlich wählbares „Starterkit ins Mamasein“ für das körperliche und seelische Wohl der Mutter runden das Kursangebot ab.

Foto: Marlene Fröhlich_luxundlumen

 

 

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Versorger – Fels in der Brandung oder Opfer der Energiekrise?

Von Hagen Ernst, stellvertretender Leiter Research & Portfoliomanagement bei der DJE Kapital AG.

(26.04.) Im aktuell schwierigen Marktumfeld müssten sich Versorger als eigentlich defensiver Sektor überdurchschnittlich gut entwickeln. Jedoch war auch der Stoxx 600-Versorgerindex seit Jahresanfang leicht rückläufig. Lediglich regulierte Versorger ohne größere Risiken haben sich gut entwickeln können. Es scheint, dass die Märkte zu sehr die Risiken im Blick haben und zu wenig auch die Chancen sehen.

Primäres politisches Ziel ist es, sich möglichst schnell unabhängig von russischen Energien wie Öl, Gas oder Kohle zu machen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss dementsprechend beschleunigt werden. Deutschland beispielsweise hat im Rahmen des sogenannten Osterpakets eine Reihe von Maßnahmen wie mehr neue Flächen für Photovoltaik und Wind sowie die Verschlankung von Planungs- und Genehmigungsverfahren beschlossen. Bis 2030 sollen mindestens 80 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus „Erneuerbaren“ bezogen werden. Von einem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien sollten neben Windturbinenherstellern wie Vestas oder Siemens Gamesa Anbieter von Erneuerbaren Energien wie Acciona Energias, EdP Renovaveis, Neoen oder Orsted profitieren. Orsted ist mit aktuell 12,7 GW Kapazität einer der größten Betreiber und gut positioniert bei größeren Windparks auf See (Offshore). Bis 2030 planen die Dänen den Ausbau der Kapazitäten auf 50 GW.

RWE zwischen Chancen durch Erneuerbare und Risiken durch Kohleembargo

Interessant ist auch RWE, die sich perspektivisch nach dem Ausstieg aus der Kohle (eventuell ist eine Abspaltung in den nächsten Jahren möglich) und Kernkraft zu einem reinen Anbieter von Erneuerbaren Energien entwickeln. Dementsprechend sollte sich der Bewertungsabschlag zu anderen Anbietern von Erneuerbaren Energien reduzieren. Zudem ist das Unternehmen mit einem Netto-Cashbestand von 360 Mio Euro per Ende 2021 finanziell gut aufgestellt. Bereits für dieses Jahr prognostiziert RWE einen EBITDA-Beitrag von 70 % aus Erneuerbaren Energien. Aktuell besitzt RWE 9,5 GW Kapazitäten an Erneuerbaren Energien und will diese wie Orsted bis 2030 auf 50 GW ausbauen. Ferner profitiert RWE teilweise von gestiegenen Strompreisen. Generell sichern die Essener nur 80 bis 90 % ihrer Stromerzeugung ab. Zudem ist ein Teil der Produktion aus „Erneuerbaren“ nicht langfristig kontrahiert und kann somit zu hohen Preisen auf dem Spotmarkt verkauft werden. Im ersten Quartal lag der Strompreis im Durchschnitt bei 185 Euro/MWh. Angesichts derartig hoher Strompreise sowie einer eher konservativen Guidance für Supply & Trading könnte der Ausblick im Laufe des Jahres nochmals nach oben angepasst werden. Risiken könnten sich hingegen aus dem Kohleembargo ergeben. RWE bezieht langfristig zwölf Mio. Tonnen bzw. bis März 2023 zwei Mio. Tonnen von einem russischen Lieferanten. Unklar ist, ob hier Force Majeure greift. Sollte es sich tatsächlich um „höhere Gewalt“ handeln (schließlich ist das Embargo ja politisch gewollt, und RWE kann aufgrund dessen nicht die Kohle aus Russland beziehen), müsste RWE seiner Lieferverpflichtung nicht nachkommen. Ansonsten müsste man die Kohle anderweitig einkaufen, was sehr kostspielig sein dürfte bei einem aktuellen Kohlepreis von knapp 300 USD pro Tonne.

Auch integrierte Versorger investieren massiv in den Ausbau Erneuerbarer Energien. Die Bewertungen sind mit einem KGV für 2022 von acht für Engie, elf für Enel bzw. 16 für Iberdrola vergleichsweise moderat und die Dividendenrendite deutlich höher. Mit knapp 50 % hat Iberdrola den größten Gewinnanteil aus Erneuerbaren Energien. Allein im letzten Jahr nahmen die Spanier 3,5 GW an neuen Kapazitäten in Betrieb. Weitere 7,8 GW an Kapazitäten befinden sich im Bau, davon 2,6 GW im am stärksten wachsenden Offshore-Windsegment. 46 % des EBITDAs kommen zudem aus dem regulierten Netzwerkgeschäft.

Ausbau der Erneuerbaren Energien wird deutlich kostspieliger
Angesichts höherer Materialkosten unter anderem für Stahl sowie steigender Zinsen wird der Ausbau der Erneuerbaren Energien deutlich kostspieliger. Die Unabhängigkeit vom günstigen russischen Gas hat somit einen hohen Preis und sollte vor allem für energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Glas langfristig Standortnachteile, besonders gegenüber den USA (günstiges Öl und Gas aus Fracking) und China (zukünftiger Abnehmer des günstigen russischen Gases), mit sich bringen. Damit Strom einigermaßen bezahlbar bleibt, wird man daher nur schwer auf Atomkraft als Brückentechnologie verzichten können. Einige Länder wie Belgien oder Finnland reagieren bereits mit Verlängerung der Laufzeiten von Atomreaktoren. Damit verschafft man sich Zeit für die Energiewende. Es bleibt abzuwarten, inwiefern Deutschland folgt. Noch scheint hier kein Umdenken in Sicht bzw. zumindest tun sich die Regierungspartner in der Ampelkoalition teilweise schwer mit einem solchen Umdenken. Jedenfalls wäre die Laufzeitverlängerung der drei noch laufenden AKWs Isar I, Emsland und Neckarwestheim sowohl ökonomisch (günstige Grundlasterzeugung) als auch ökologisch (kein CO2-Ausstoß) sinnvoll. Angesichts der ohnehin schon knappen Kapazitäten und der hohen Strom- und Gaskosten wäre ein Weiterbetrieb der Reaktoren für einen beschränkten Zeitraum von z.B. fünf Jahren sinnvoll. Ansonsten müsste man die Jahresproduktion von 30 bis 35 Terawattstunden TWh (ca. fünf Prozent des deutschen Stromverbrauchs) in einem ohnehin schon sehr angespannten Markt zusätzlich ersetzen, was weiter steigende Strompreise zur Folge hätte. Theoretisch wäre auch eine Reaktivierung der bereits im letzten Jahr stillgelegten Reaktoren möglich. Dies wäre jedoch aufwändig. Die Reaktoren befinden sich bereits in der Abklingphase, so dass umfangreiche Wartungsarbeiten nötig wären. Zudem wäre eine neue Betriebserlaubnis erforderlich. Andererseits kämen zusätzlich Kapazitäten in den Markt. Diese entsprächen weiteren fünf Prozent der gesamten Stromproduktion. Dies würde sich entlastend auf den Strompreis auswirken.

Dezentraler Ausbau der Stromnetze ist entscheidend

Parallel zum Ausbau der Erneuerbaren Energien müssen auch die Stromnetze ausgebaut werden. Neben großen Stromtrassen ist ein dezentraler Ausbau der Distributionsnetze entscheidend. Hiervon sollte z.B. E.ON profitieren. Das prognostizierte nachhaltige Gewinnwachstum von drei bis fünf Prozent p.a. dürfte sich dementsprechend erhöhen. Allerdings bildet die relativ hohe Verschuldung in Höhe des fünffachen EBITDA ein gewisses Hindernis. Die Aktie ist aufgrund ihres Russlandrisikos deutlich unter Druck geraten. Die Werthaltigkeit des im Pensionsfonds liegenden Anteils an Nordstream I ist zu hinterfragen. Jedoch entspricht der Buchwert von 1,2 Mrd Euro lediglich vier Prozent der Marktkapitalisierung. E.ON selbst bezieht zwar nicht direkt Gas von Gazprom, hat jedoch mit 380 TWh an Lieferverpflichtungen gegenüber Endkunden wie privaten Haushalten oder großen Unternehmen in Europa das größte Exposure. Da Deutschland mehr als 50 % des Gasbedarfs aus Russland bezieht, ist es wahrscheinlich, dass die E.ON-Lieferanten größtenteils ausfallen würden. Sollte kein russisches Gas mehr fließen, wäre dies daher existenzgefährdend. Allerdings ist der Regierung bewusst, dass ein Gasembargo unkalkulierbare wirtschaftliche Folgen hätte und Deutschland in eine noch nie dagewesene Rezession mit schweren Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt und der dauerhaften Abwanderung ganzer, vor allem energieintensiver Industrien, zur Folge hätte.

Es bleibt die Gefahr, dass Gazprom selbst die Lieferungen einstellt. Dies ist jedoch eher unwahrscheinlich, da Russland auf die Devisen angewiesen ist. Zudem kann im Gegensatz zu Kohle oder Öl kein Gas ohne vorhandene Pipelines an andere Abnehmer wie China oder Indien abgesetzt werden. Zwar ist man dabei, nach Fertigstellung der „Power of Siberia I“-Pipeline mit einer Transportkapazität von ca. 61 Mrdm³ nach China nun eine neue Pipeline „Power of Siberia II“ mit einer zusätzlichen Kapazität von 50 Mrdm³ zu bauen, jedoch ist der Bau kostspielig und langwierig (die Bauzeit der ersten Gaspipeline betrug fünf Jahre).

Falls doch kein Gas mehr aus Russland fließen würde, müsste man in Deutschland zu einer Zwangsbewirtschaftung mit Rationierung des Gasbezugs für Industrieunternehmen und private Haushalte übergehen. In diesem Fall dürfte Force Majeure gelten, was dazu führen würde, dass Unternehmen wie E.ON von ihren Lieferverpflichtungen entbunden wären. Auch wäre es gar nicht möglich, sich mit derartig großen Gasvolumina einzudecken, um das russische Gas zu ersetzen.

Übertriebene Kursrückgänge

Ebenfalls übertrieben scheint der Kursrutsch bei Fortum und Uniper. Beide Unternehmen weisen zwar europaweit das größte Russlandrisiko auf. Im Gegensatz zu anderen europäischen Versorgern besitzt man Mehrheitsbeteiligungen an russischen Tochterunternehmen, die rund ein Viertel des Gewinns ausmachen. Ferner ist die Beteiligung von Uniper an „Nordstream II“ im Wert von einer Mrd Euro mit dem Stopp komplett abzuschreiben. Zudem bezieht Uniper rund 160 Mrdm³ an Gas von Gazprom, was im schlimmsten Fall existenzgefährdend wäre. Hier gilt aber das gleiche wie bei E.ON. Zum einem ist es sehr unwahrscheinlich, dass es zu einem Gasembargo oder Lieferstopp seitens Russlands kommt. Zum anderen dürfte in diesem Fall Force Majeure gelten. Der Kursrückgang seit Jahresanfang von fast 50 % bei beiden Versorgern erscheint daher übertrieben. Zumal beide mit ihrem hohen Anteil von Stromerzeugung aus Wasser und Kernkraft in Skandinavien von dauerhaft hohen Strompreisen profitieren dürften. Bei Uniper sollte zudem ein Aufkauf der Minderheiten seitens Fortum, die bereits mehr als 75 % der Anteile besitzen, eine echte Option sein. Als Mehrheitsaktionär haftet man ohnehin für mögliche Risiken eines russischen Gaslieferstopps, könnte jedoch das aktuell günstige Niveau nutzen, um endgültig die volle Kontrolle zu gewinnen und einen Beherrschungsvertrag abzuschließen.

Fokus liegt zu stark auf den Risiken

Festzuhalten bleibt, dass der Markt sich aktuell noch vornehmend auf die Risiken fokussiert. Vor allem ein Gasembargo hätte schwere Folgen für einen Großteil der Versorger, allen voran E.ON und Uniper. Ein Lieferstopp ist jedoch wie beschrieben aufgrund der Folgen unwahrscheinlich und müsste im Falle des Falles als Force Majeure gelten. Aktuell beschränkt man sich auf ein Kohleembargo. Dabei handelt es sich mehr um Symbolpolitik, die Russland nicht wirklich schadet. Im Gegenteil: Kohle ist gut lagerfähig, und Russland kann die nicht abgenommene Kohle zum aktuellen Marktpreis von 300 USD/Tonne zum Beispiel an China oder Indien verschiffen, während der Kontraktpreis mit den deutschen Abnehmern bei geschätzt 40 bis 50 USD/Tonne liegt. Denkbar wäre als nächster Schritt das häufig geforderte Ölembargo. Hauptprofiteure wären hier Ölkonzerne wie Total oder Royal Dutch sowie große US-Konzerne wie Chevron, Exxon, Occidential Petroleum oder Conoco Philipps. Das russische Öl würde trotz allem in China oder Indien Abnehmer finden. Immerhin hätte ein Ölembargo für Versorger keinerlei negative Auswirkungen.

Neben Embargos werden staatliche Interventionen gefürchtet. Größere Eingriffe wie eine Deckelung des Strom- oder Gaspreises scheinen jedoch nicht zu kommen. Man beschränkt sich auf kleinere nationale Eingriffe wie in Italien oder Spanien ohne größere Auswirkung für dort ansässige Versorger wie Enel oder Iberdrola. Im Fokus steht eher eine staatliche Unterstützung einkommensschwacher Haushalte, die besonders betroffen sind vom Anstieg der Strom- und Gaspreise.

So dürften sich Einstiegsgelegenheiten bieten bei Anbietern von Erneuerbaren Energien, die von einem beschleunigten Ausbau profitieren sowie bei Unternehmen, die aufgrund ihres Russlandrisikos zu stark unter Druck geraten sind. Die politisch gewollte zunehmende Unabhängigkeit von Russlands günstigen fossilen Energieträgern wird zu einem dauerhaft hohen Strompreis führen, wovon wiederum Versorger mit von fossilen Brennstoffen unabhängiger Stromerzeugung wie Wasser- oder Kernkraft profitieren sollten.

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Brillantes Umfeld an der Schweizer Börse

Ein Blick nach Zürich lässt Spuren diverser Weltkrisen vermissen.

Roman Steinbauer. Mit 12.300 Punkten liegt der Swiss Market Index (SMI) um gelinde 4,6 % unter dem Allzeit-Top vom 28. Dezember. Der Zürcher Aktienmarkt weist aktuell damit nicht nur eine Zwölf-Monats-Performance von +10 % auf, sondern stieg darüber hinaus um 11 % über den Stand vor Ausbruch der Covid-Krise im Feber 2020. Stark verhielten sich zuletzt erneut Schwergewichte wie Nestle (ISIN: CH0038863350), Novartis (CH0012005267), Zurich Ins. (CH0011075394) und der Vertreter für Augenheilkunde Alcon (CH0432492467). Deutlicher abgestuft wurden indes Papiere des Zahntechnik-Spezialisten Straumann (CH0012280076) und jene von Geberit (CH0030170408). Nach Rückschlägen um bis zu 35 % seit Dezember scheinen hier Bodenbildungen möglich.

Fehlende Börsenäquivalenz
Durch das Scheitern eines erneuten Rahmenabkommens zwischen Bern und der EU erfuhr der Erwerb von Schweizer Valoren durch EU-Bürger seit 1. Juli 2019 deutliche Einschränkungen. Die von der EU-Kommission als „gleichwertig“ gewährte Börsenregulierung (Börsenäquivalenz) unserer Nachbarn lief mit diesem Datum ersatzlos aus. Im Gegenzug entzog Bern seinerseits den EU-Handelsplätzen die Anerkennung, womit Eidgenössische Aktien dort ebenso nicht mehr handelbar sind. Abwicklungen bleiben aber weiterhin über die Börse Zürich oder über den OTC-Markt (Direkthandel über Brokerhäuser) möglich.

Fonds auf unterschiedliche Gewichtsklassen
Ebenso sind auf Schweizer Aktien ausgerichtete Fondsanteile nicht von Beschränkungen betroffen. Um auf führende Dividendentitel zu setzen, bieten sich Produkte wie der „Schroder International Selection Swiss Equity IZ“ (LU2016220936) an. Derzeit hält das Management in dem auf Franken lautenden Anlagepool vorrangig die Roche Holding (CH0012032113) mit 9,7 %, Novartis und Nestle mit jeweils 9,6 %, Richemont (4,7 %; CH0210483332), Zurich Ins. (4,5 %), ABB (3,7 %; CH0012221716) und Givaudan (CH0010645932) mit 3,2 %. Die Gesamtkostenquote (TER Ratio) beträgt 0,81 %.

Um auf geringer kapitalisierte Gesellschaften abzuzielen, ist Mirabaud Asset Management mit dem auf Euro lautenden und ebenfalls thesaurierenden „Equities Swiss Small & Mid I“-Fonds (LU1115429026) präsent. Die TER-Ratio liegt hier bei 1 %. Favorisiert wird hier Sonova (CH0012549785) mit 6,2 % vor Schindler (6,0 %; CH0024638212), Lindt & Sprüngli (5,6 %; CH1110085060), Temenos (5,4 %; CH0012453913) und Vifor Pharma (5,3 %; CH0364749348).

Sehr gute Wirtschaftsdaten
Überraschend: Die Inflation stieg laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik im März auf Jahresbasis um beeindruckend niedrige 2,4 % (Euro Raum 7,4 %). Teils ist dies dem starken Franken geschuldet, der die steigenden Energie-Importpreise bremst. Der Kapitalstrom in die Valuta, die derzeit mit 1,03 CHF pro Euro nahe dem Rekordstand von Jänner 2015 steht, hielt zuletzt an, obwohl die SNB am 24. März den negativen Leitzinssatz von -0,75 % bestätigte. Starke Anzeichen kommen von der Binnennachfrage. Die Einzelhandelsumsätze zogen im Feber um 12,8 % an. Wie erfolgreich exportorientierte Unternehmen unter-wegs sind, zeigt auch der Handelsbilanzüberschuss im Feber. Wie bereits im Dezember wurde mit 5,95 MrdCHF (5,77 Mrd Euro) ein historischer Rekordüberhang der Ausfuhren registriert.

Das Eidgenössische Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) meldete zudem für März eine Arbeitslosenrate (aktiv Beschäftigung suchender Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung) von 2,2 %. Dies markiert den tiefsten Stand seit dem Jahr 2002 und kommt einer Vollbeschäftigung gleich.

Foto: Pixabay / anncapictures

 

 

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Höhepunkt der Immobilienblase

Die Alarmsignale an den (Wohn-)Immobilienmärkten mehren sich.

Michael Kordovsky. Weltweit waren im Zuge der Geldflut und niedriger Zinsen während der Pandemie die Wohnimmobilienpreise im Aufwind. Der 20 US-Metropolen umfassende „S&P/Case-Shiller 20-City Composite Home Price Index“ stieg in den zwei Jahren bis Jänner 2022 um insgesamt 32,4 bzw. um 15,1 % p.a. In der EU beschleunigte sich der Anstieg des Hauspreisindex (HPI) von 5,0 % im vierten Quartal 2019 bis zum vierten Quartal 2021 auf 10,0 % (in der Eurozone von 4,5 auf 9,4 %). Im vierten Quartal 2020 lag der Preisauftrieb noch bei 5,8 %. Mittlerweile ist mit +9,4 % im Euroraum der höchste jährliche Anstieg seit Erhebung der Daten im Jahr 2005 erreicht.

Bis zu knapp 26 % Anstieg in einem Jahr
Der Hauspreisindex (HPI) misst die Preisentwicklungen aller von Haushalten erworbenen Wohnimmobilien (Wohnungen, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser usw.), sowohl Neu- als auch Altbauten, unabhängig von ihrer endgültigen Verwendung und ihren bisherigen Eigentümern. Die HPIs der Mitgliedstaaten werden von den nationalen Statistikämtern erstellt, die Aggregate der HPIs für den Euroraum und die EU von EuroStat. Auf dieser Basis die stärksten Hauspreisanstiege verzeichneten im vierten Quartal 2021 quer durch die EU: Tschechien (+25,8 %), Estland (+20,4 %), Litauen (+19,8 %), Ungarn (19,5 %) und die Niederlande (+18,7 %). Deutschland und Österreich verzeichneten ein Plus von jeweils 12,2 bzw. 14,9 %, während Zypern mit -5,3 % als einziges Land rückläufige Preise registriert.

Überbewertung von Wohnimmobilien bei uns
Klare Fakten liefert die Deutsche Bundesbank im „Monatsbericht Februar 2022“: „Gemäß aktuellen Schätzergebnissen lagen die Immobilienpreise in den Städten im Jahr 2021 zwischen 15 und 40 % über dem Preis, der durch sozio-demografische und wirtschaftliche Fundamentalfaktoren angezeigt ist. Das Kaufpreis-Jahresmiete-Verhältnis bei Wohnungen in Städten lag im Berichtsjahr gut 30 % und in den sieben Großstädten rund 40 % über seinem längerfristigen Mittelwert.“ Weitere „Alarmsignale“ im O-Ton: „Sowohl dem Kaufpreis-Einkommen-Verhältnis zufolge als auch gemäß Schätzergebnissen für die Langfristbeziehung von Immobilienpreisen, Einkommen und Zinsen lagen die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland um 20 bis 35 % über dem Referenzwert.“

Die Aufsicht hat bereits reagiert: Laut BaFin müssen deutsche Banken seit April Wohnimmobilien-Kredite anstatt mit 0,75 % Eigenkapital nun mit 2 % absichern. Mittlerweile steht auch eine Obergrenze für die LTV(Loan-To-Value)-Quote bei Baukrediten zur Diskussion. Ähnlich ist auch die Situation in Österreich, wo der OeNB-Fundamentalpreisindikator für Wohnimmobilien den stärksten Anstieg seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1989 erreichte. Im vierten Quartal 2021 erreichte er mit 29,8 % einen Wert von 7,6 %-Punkten über dem Vorquartal. In Wien lag die Abweichung von den Fundamentalfaktoren sogar bei 35,6 %. Voraussichtlich ab 1. Juli sind seitens der Regulierungsbehörden strengere Mindeststandards in der Vergabe von Wohnkrediten geplant.

Steigende Zinsen
Die Regulierungsbehörden werden strenger und gleichzeitig steigen die Zinsen. Kredite werden schlichtweg teurer und immer weniger Käufer können sich das teure Wohneigentum noch leisten. Mit der Zinswende kehren früher oder später auch in Europa die Sparzinsen wieder zurück. Dann würde auch der Immobilienveranlagungsbedarf defensiver Anleger sinken. Auf jeden Fall sind am langen Ende die EUR-Swapsätze zuletzt kräftig angestiegen. Eine Kostprobe: Vom 31.12.2021 bis 22.4.2022 stieg der 15-Jahres-EUR-Swapsatz von 0,49 auf 1,78 %. Das bedeutet drastisch höhere 15jährige Fixzinsen beim Neuabschluss. Im gleichen Zeitraum stieg auch der Drei-Jahres-EUR-Swapsatz von -0,15 auf 1,22 %, was binnen drei Jahren mehrere Leitzinsanhebungen der EZB impliziert. Eine Anhebungsreihe im Hauptrefinanzierungssatz auf bis zu 1,5 % ist nicht mehr auszuschließen. Dann würden bei einem Aufschlag von 1,25 %-Punkten auf den Drei-Monats-Euribor die variablen Zinsen von 0,75 auf rund 2,75 % steigen. Hingegen könnten 20jährige Fixzinsbindungen dann bereits mehr als 4 % p.a. kosten (in Österreich). Angenommen ein Gebäude ist zur Gänze fremdfinanziert, dann würden auf 20 Jahre gesehen 2 % p.a. an höheren Zinsen bereits einen Mehraufwand ausmachen, der äquivalent zu 40 % des Kaufpreises wäre. Fundamental würde dies – einfach gerechnet – in so einem Fall zum „Ausgleich“ einen Preisnachlass um 40 % erfordern. Da in der Regel entsprechend Eigenmittel im Spiel sind, wären die Folgen so eines Zinsanstiegs eher im Bereich von -20 bis -30 % angesiedelt. Das wäre aber schon ausreichend für eine Welle an Notverkäufen, vor allem bei Frankenschuldnern, die ohnehin mit einer kontinuierlichen Aufwertung des Schweizer Frankens konfrontiert sind.

Kritische (geo-)politische Konstellation
Carsharing, öffentliche Verkehrsmittel und E-Autos sind im Vormarsch und der Autofahrer als effektive „Melkkuh der Nation“ war gestern, zumal nun sogar eine Reduktion der Steuern auf Treibstoffe zur Diskussion steht. Hingegen haben sich gebrauchte Eigentumswohnungen in Wien seit dem Jahr 2000 im Wert mehr als verdreifacht (+208,3 % bis Q4 21; Quelle: OeNB-Wohnimmobilienpreisindex). Welches Ausmaß der Wohnungshype mittlerweile angenommen hat, zeigte bereits der Querschnitt durch Europa. Somit stehen nun die Immobilienbesitzer klar im Visier des Fiskus. Sie sind die neuen „Melkkühe“ des Budgets. Die Immo-ESt in Österreich ist erst der Anfang.

Neue Melkkühe
Leerstandsabgaben oder Zwangsvermietung leerstehender Wohnungen gegen minimale Mietzahlungen des Staates wären weitere Möglichkeiten, genauso wie allgemeine Vermögenssteuern für sogenannte „Reiche“ mit mehr als 1 Mio Euro Nettovermögen. Als gröbere Einschränkungen und Auflagen hinzukommen könnten Mietzinsobergrenzen inklusive fugendichter Umgehungsverbote sowie bei älteren Gebäuden Verpflichtungen zum Umbau auf Niedrigenergieverbrauch (thermische Sanierung etc.). Ein erster Schritt ist bereits die Verpflichtung zum Austausch von Ölheizungen und Ersatz durch ökologischere Alternativen.

Doch am schlimmsten wäre – und das wird in Deutschland bereits diskutiert – ein Gesetz über den Corona-Lastenausgleich ähnlich wie jenes vom 14. August 1952 (Lastenausgleichsgesetz). Damals finanzierte man damit Kriegsentschädigungen. Die Höhe der damit in Verbindung stehenden Abgabe wurde nach der Höhe des Vermögens mit Stand vom 21. Juni 1948 berechnet. Sie belief sich auf 50 % des berechneten Vermögenswertes und konnte in bis zu 120 vierteljährlichen Raten, also verteilt auf 30 Jahre, in einen Ausgleichsfonds eingezahlt werden. So ein Szenario deckt sich auch mit der 2013 vom IWF vorgeschlagenen einmaligen Vermögensabgabe von 10 %. Beispielsweise könnte diese als Zwangshypothek auf Immobilien dann auf zehn bis 30 Jahre abbezahlt werden.

Ein weiteres kritisches Szenario, das sich bereits abzeichnet, wäre ein Rückzug russischer Oligarchen und reicher Investoren diverser anderer Schwellenländer aus der EU und somit auch aus Österreich. Vor allem reiche Russen fürchten um ihr Immobilieneigentum. Beginnen diese und auch andere Gruppen ausländischer Immobilienbesitzer binnen kürzester Zeit mit einem Abverkauf, könnte dies einen Crash bei Luxusimmobilien und in gehobenen Segmenten auslösen.

Foto: AdobeStock / anankkml

 

 

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Langfristanlage mit Investmentfonds

An den erfolgreichen Strategien der Universitätsstiftungen von Harvard und Yale orientieren.

Michael Kordovsky. Die einzelnen Investmentfonds sind Bausteine des Vermögensaufbaus und jeder Investor ist Architekt dieses Aufbaus. Doch immer noch lassen sich Anleger häufig auf gefährliche Markttiming-Debatten ein, bei denen statt des großen Ganzen nur einzelne Werte im Vordergrund stehen. Fakt ist, dass die richtige Mischung und vor allem Kontinuität für langfristige Anlageerfolge relevant ist. Daher gelten nachstehende Regeln.

Markttiming ist tabu
Die meisten eigenen Markttiming-Versuche sind nicht von Erfolg gekrönt. Ausnahme sind allerdings trendfolgende Futures-Fonds, deren professionelle quantitative Handelssysteme Signale aus 100 bis zu mehr als 300 Futures der Bereiche Aktienindizes, Zinsen/Anleihen, Währungen und Rohstoffe verarbeiten. Doch auch diese erleiden zwischenzeitlich längere Durststrecken.

Warum ist Markttiming so gefährlich?
Wer zögert und immer auf den optimalen Handelszeitpunkt wartet, versäumt die besten Börsentage. Beispielsweise brachte es der Dax von 1998 bis 2017 auf 5,6 % p.a. Ohne die besten zehn Tage im Jahr schrumpfte die Performance auf 1,3 % p.a., und wer die besten 20 Tage verpasst hat, verlor jährlich 1,5 %. Auf jeden Fall belegen diverse Studien über längere Zeiträume die Unterlegenheit des Markttimings.

Sparpläne perfekt für volatile Phasen
Wer hingegen in volatilen Märkten monatlich anspart, profitiert vom Cost-Average-Effekt, weshalb Ansparportfolios zumindest anfänglich etwas dynamischer gestaltet werden können. Doch es gibt Grenzen des Cost-Average-Effektes: Er wirkt nicht bei konstant steigenden und konstant fallenden Kursen. Ist Letzteres der Fall, bekommt der Anleger zwar immer mehr Anteile, aber seine Rendite nicht mehr zurück. Im Aufwärtstrend hingegen gibt es für den gleichen Betrag zunehmend weniger Anteile. In der Praxis steigen aber die Aktienmärkte im Einklang mit dem BIP-Wachstum. Doch wer Vermögen aufbaut, investiert besser regelmäßig kleine Beträge in Aktien als gar keine, weshalb Sparpläne trotzdem ihre Berechtigung haben.

Ansparung in FLVs unter bestimmten Bedingungen lukrativ
Unter den Aspekten des Ablebensschutzes und der KESt-Freiheit stellen Fondsgebundene Lebensversicherungen mit breiter Fondsauswahl durchaus eine Anlagealternative dar. Allerdings sollte bei möglichst langer Laufzeit die Möglichkeit monatlicher Auszahlung über langjährige Zeiträume bestehen, da es auch hier zu Glättungseffekten bei den Kursen kommt. Ebenso sollte im Interesse des Kunden ein Blick auf die Kosten geworfen werden.

Diversifikation ist Trumpf
Meister der Asset-Allocation sind die Stiftungsportfolio-Manager der US-Universitäten Harvard und Yale. Die Harvard-Stiftung erzielte in den kritischen Fiskaljahren 2020 und 2021 (enden per 30. Juni) jeweils 7,3 bzw. 33,6 % und seit 1974 rund 11 % p.a. Im ebenfalls per 30. Juni 2021 endenden Fiskaljahr brachte es die Yale-Stiftung sogar auf ein Plus von 40,2 %. In den vergangenen zehn Jahren waren es 12,4 % p.a. und über 36 Jahre unter David Swensen (verstorben 5. Mai 2021) als Chief Investment Officer 13,4 % p.a.

Diese Vermögensaufteilungen sollen zu einem innovativeren Standard-Konzept für ausgewogene bis dynamische Anleger inspirieren, wobei man zwischen Beträgen ab und unter 500.000 Euro differenzieren sollte. Sehr flexibel kann man erfahrungsgemäß ab 500.000 Euro agieren, zumal es in Österreich einen Anbieter Private-Equity-Dachfonds gibt, der bereits ab einem unbelasteten liquiden Finanzvermögen von 250.000 Euro den Zugang zu renditestarken Produkten bietet.

Da festverzinsliche Papiere von staatlichen Emittenten kaum erwähnenswerte Renditen aufweisen, ist eine langfristige Sachwerte-orientierte Mischung erforderlich, um überhaupt noch spürbare Erträge erzielen zu können. Bei Privatanlegern mit weniger Anlagevermögen kann ein etwas defensiverer aber noch immer Sachwert-orientierter Standard-Ansatz verfolgt werden.

Achtung: Diese Standardansätze dienen lediglich als Orientierungshilfen und müssen gemäß den persönlichen Präferenzen individuell angepasst werden.

Foto: AdobeStock / vege

 

 

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Paradigmenwechsel in der Aktienbewertung

Von Stefan Breintner, Leiter Research & Portfoliomanagement und Co-Fondsmanager des DJE – Dividende & Substanz und des DJE – Zins & Dividende bei der DJE Kapital AG.

(21.04.) Steigende Inflationsraten, steigende Zinsen und anhaltende geopolitische Spannungen zwingen Anleger zum Umdenken. In der Bewertung von Aktien findet ein Paradigmenwechsel statt: Faktoren wie Profitabilität und Marktposition werden wichtiger als Umsatzwachstum. Das spielt Dividendenwerten in die Karten.

Seit Mitte März haben sich die wichtigsten Börsen kräftig erholt, und zwar trotz fortdauernder geopolitischer Belastungen und damit verbundener hoher Unsicherheit sowie anhaltendem monetären Gegenwind in den USA. Der weltweite Aktienindex MSCI erzielte in Euro gerechnet im März insgesamt ein Plus von knapp 3,5 Prozent. Mit unserer Dividendenstrategie konnten wir im vergangenen Monat die Benchmark sogar übertreffen. Historisch gesehen ist der April ein guter Monat sowohl für Aktien als auch für Anleihen. Kurzfristige Prognosen bleiben aber schwierig. Dennoch blicken wir konstruktiv auf die kommenden Wochen und bleiben vor allem mittel- und längerfristig positiv gestimmt für Aktien. Bei den aktuellen, sehr tiefen Realzinsen (z.B. Deutschland ca. minus sieben Prozent, siehe Schaubild) und den anhaltend hohen Inflationsraten bleiben Sachwerte wie Aktien die beste Anlagealternative. Unser Fokus liegt dabei auf Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht und damit stabilen oder im Idealfall steigenden Margen.

Aktien oder Anleihen – was steht im Fokus?
Im laufenden Jahr haben sich Mischfonds mit hohen Aktienquoten meist besser geschlagen als solche mit hohen Anleihequoten. Aus unserer Sicht ist es auch weiterhin angebracht, stärker auf Aktien zu setzen. Eines der Kernargumente für Investitionen in Aktien bleibt das sehr tiefe Realzinsniveau (siehe Schaubild). Wir halten einen Fokus auf defensive Aktien für sinnvoll. Das Umfeld für Anleihen bleibt aufgrund der stark steigenden Inflation und der erwarteten Zinsanhebungen, v.a. in den USA, mittelfristig schwierig. Wir sind vor allem bei Unternehmensanleihen mit längerer Laufzeit vorsichtig.

Auf welche Regionen setzen Sie?
USA konjunkturell und börsentechnisch besser als Europa Die USA dürften sich weiterhin konjunkturell und börsentechnisch besser entwickeln als Europa. Der Krieg betrifft die USA weit weniger als Europa, und viele US-Unternehmen profitieren sogar davon. 2022 dürfte es in den USA nicht zu einer Rezession kommen, mit Blick auf 2023 besteht aber auch dort – besonders für den Fall einer zu restriktiven Notenbankpolitik – ein gewisses Rezessionsrisiko.

Ukraine-Krieg belastet Europa, v.a. Deutschland und Europa dagegen werden durch den Krieg in der Ukraine voraussichtlich stark belastet. Zudem wird der deutsche Export Richtung China durch die schwächere Wirtschaftsentwicklung in China beeinträchtigt. Die Abhängigkeit vom russischen Gas ist für Europa ein großer Wettbewerbsnachteil. Hier könnte die Konjunktur durch die hohen Energiepreise und die zunehmende Unsicherheit unter Druck kommen – mit Deutschland als einem der Hauptleidtragenden. Aber aus dem monetären und markttechnischen Blickwinkel bleibt Europa besser unterstützt: Im Falle eines Wahlsiegs von Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich dürfte die EZB auch in den kommenden Monaten weniger restriktiv agieren als die US-Notenbank. Zudem gab es bereits massive Verkäufe europäischer Aktien im ersten Quartal. Dadurch eröffnet sich aus markttechnischer Sicht wieder Raum für Optimismus – der Markt ist überverkauft. Innerhalb Europas dürfte die Region Skandinavien, nicht zuletzt wegen der geringeren Energiepreisabhängigkeit, mit das beste Chance-Risiko-Verhältnis haben.

China bleibt schwierig einzuschätzen und risikoreich China dagegen bleibt weiter schwierig einzuschätzen: Einerseits wird die Immobilienkrise nicht so schnell überwunden sein – auch wenn staatseigene Firmen vermehrt fertiggestellte Wohnungen kaufen. Andererseits hemmt auch der strikte Null-Covid-Ansatz die wirtschaftliche Erholung. Wir bevorzugen daher die USA vor Europa und halten innerhalb Europas Skandinavien für attraktiv. Dagegen lassen wir gegenüber der chinesischen Anlageregion weiterhin Vorsicht walten.

Welche Sektoren sind erfolgversprechend?
Wir sind der Ansicht, dass es derzeit mehr auf die Länder- als auf die Sektorengewichtung ankommt. Im aktuellen Umfeld bleibt das Gesundheitswesen sowohl fundamental als auch markttechnisch eine attraktive Branche. Im Technologiesektor haben wir weiter sowohl relativ zum Weltindex als auch zu Mitbewerbern ein größeres Untergewicht. Die Gewinnentwicklung im Erdöl- und Gas- bzw. Energiesektor sollte im laufenden Jahr sehr gut ausfallen. US-Ölunternehmen könnten zukünftig deutlich mehr investieren.

Seit über 10 Jahren haben Growth-Werte besser abgeschnitten als Value-Werte. Ändert sich das jetzt?
Wir sehen einen Paradigmenwechsel. In den vergangenen Jahren standen vor allem Kriterien wie das Umsatzwachstum im Fokus der Investoren. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Kriterien wie die Preissetzungsmacht von Unternehmen und eine starke Marktposition bzw. die Fähigkeit, die Margen halten zu können, werden aus unserer Sicht wichtiger werden. Die Aktien jener Unternehmen, deren Profitabilität sich nicht verschlechtert, dürften künftig relativ gut laufen bzw. sich überdurchschnittlich entwickeln. Auch Kriterien wie Bewertung und Dividende dürften weiterhin eine größere Bedeutung haben als in den vergangenen Jahren.

Wie viel schütten die deutschen Konzerne dieses Jahr an Dividenden (fürs Geschäftsjahr 2021) aus und warum?
Die Gesamtausschüttungssumme der DAX 40 Konzerne dürfte im Jahr 2022 bei ca. 48 Mrd. EUR liegen. Hintergrund für die Steigerung ist vor allem, dass sich die Gewinnsituation 2021 gegenüber 2020 verbessert hat. Viele Konzerne schütten ja gemäß definierter Ausschüttungsquoten/Ausschüttungskorridore aus. Auch die Entwicklung des freien Cashflows war 2021 bei vielen Unternehmen des DAX 40 sehr gut, was die Dividendenzahlungen im laufenden Jahr für das Geschäftsjahr 2021 fundamental untermauert.

Wie schätzen Sie die Dividendenausschüttungen der deutschen Konzerne im Jahr 2023 ein?
Nimmt man die aktuellen Konsensus-Erwartungen als Grundlage, dann erwartet der Markt eine leichte Steigerung für 2023. Ich persönlich halte das für etwas zu optimistisch. Aufgrund des Krieges in der Ukraine sind beispielsweise viele Lieferketten unterbrochen. Die Folge sind hohe Logistikkosten, und die Energiekosten vor allem für europäische Unternehmen sind deutlich höher als erwartet. Demzufolge könnten sich die Gewinne vieler deutscher Konzerne 2022 schwächer als erwartet entwickeln, was dann wiederum zur Folge haben könnte, dass 2023 etwas weniger an Dividende für das Geschäftsjahr 2022 bezahlt wird.

Worauf sollten Anleger beim Investieren in Dividendenaktien achten?
Vor allem darauf, dass die Dividende auch wirklich verdient wird. Für uns ist ausschlaggebend, dass die freie Cashflow-Rendite über der Dividendenrendite liegt. Vorsicht ist angebracht bei Unternehmen, die etwa 80-100 Prozent ihres Gewinns ausschütten: Solche Unternehmen müssen dann in schwierigen Jahren oft die Dividende kürzen oder ganz streichen, was in der Regel zu stärkeren Kursverlusten bei der Aktie des betreffenden Unternehmens führt. Wir bevorzugen daher generell Unternehmen mit einer Ausschüttungsquote von 40-60 Prozent. Außerdem ist uns wichtig, dass unsere Portfoliounternehmen die Dividende mindestens konstant halten bzw. im Idealfall natürlich jedes Jahr anheben.

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Heilsbringer Wasserstoff

Die Industrie investiert immer mehr in die Entwicklung der neuen Technologie.

Christian Sec. Die OMV plant die Inbetriebnahme einer Elektrolyseanlage ab dem zweiten Halbjahr 2023. Sie soll Wasserstoff durch Spaltung von Wasser herstellen. Die Zehn-Megawatt-Anlage wird jährlich bis zu 1.500 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren. Die daraus resultierenden Einsparungen sollen laut Angaben der OMV bis zu 15.000 Tonnen CO2-Emissionen betragen. Die Investitionssumme liegt bei rund 25 Mio Euro und wird zur Hälfte von der OMV und der Kommunalkredit getragen. Zunächst ist geplant, den grünen Wasserstoff in der Raffinerie Schwechat zur Hydrierung von Pflanzenöl und fossilen Brennstoffen zu verwenden. In einem zweiten Schritt soll der grüne Wasserstoff für die Dekarbonisierung von schwer zu elektrifizierenden Transportsegmenten wie Bussen und LKW verwendet werden.

Schon 2019 hat die Voestalpine auf ihrem Werksgelände gemeinsam mit Partnern wie Siemens und Verbund eine Elektrolyseanlage zur Testung der Erzeugung von grünem Wasserstoff in Betrieb genommen. Die EU hat mit 12 Mio Euro den Löwenanteil des 18-Mio-Euro-Projekts „H2Future“ gestemmt. Im Laufe des zweijährigen Projekts „H2Future“ wurden mehr als 500 Tonnen grüner Wasserstoff durch die Sechs-Megawatt-Anlage erzeugt. Um jedoch die gesamte Stahlherstellung der Voestalpine auf Wasserstoff umzustellen, würde der Konzern die 400-fache Kapazität von „H2Future“ benötigen, wird der Konzern von verschiedenen Medien zitiert. Wie das Prestigeprojekt nach dem Ende der Projektdauer mit Ende 2021 weiter finanziert wird, ist noch unklar. Klar ist nur, dass der Stahlkonzern die Anlage für Forschungszwecke weiterbetreiben möchte.

Verbund als europäischer Player
Gemeinsam mit Voestalpine forscht der Verbund im Rahmen von „H2Future“. Eines der drei wichtigen Strategieziele des Energiekonzerns ist die Positionierung des Unternehmens in der Entwicklung der europäischen Wasserstoffwirtschaft. Ziel dabei ist es, die Wertschöpfungskette zu erweitern – von der Erzeugung über den Transport und die Speicherung bis zum Vertrieb von grünem Wasserstoff. Mit der Verbund-Tochter Gas Connect Austria soll das Gasnetz fit für die Zukunft und den zukünftigen Transport von grünem Wasserstoff gemacht werden.

Auch der Aluminiumhersteller Amag hat im Zuge seiner Dekarbonisierungsstrategie dem Wasserstoff eine wichtige Rolle bei der Substitution fossiler Brennstoffe zugeteilt. Aber die Umstellung wird nicht ohne Schwierigkeiten erfolgen. Für den Wasserstoff brauche man Anlagen, die es nach aktuellem Stand der Technik zum Teil noch gar nicht gibt, erklärte Amag-Chef Gerald Mayr im vergangenen Herbst. Nun habe man mit ersten Grundlagenforschungen zu alternativen Energieträgern gemeinsam mit Partnern im universitären Bereich begonnen, so ein Amag-Sprecher. Hierbei geht es vorrangig darum, den Einfluss alternativer Energieträger auf die Qualität des erzeugten Aluminiums zu verstehen, vor allem auch, weil Wasserstoff mit Aluminium reagiere und Poren und Einschlüsse entstehen. Davon abgeleitet werden in weiterer Folge die erforderlichen Anpassungen in den Produktionsanlagen sowie in der Infrastruktur. So brauche man etwa die dreifache Menge an Wasserstoff, um die gleiche Menge an Energie zu bekommen wie aus Erdgas. Es brauche daher entsprechende Rohre und auch Platz, auch für Transformatoren.

Foto: OMV

 

 

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Die Macht des Stimmrechts

Aktionäre verschaffen sich auf HVs zunehmend Gehör für ihre Anliegen.

Raja Korinek. Das historisch niedrige Zinsumfeld geht allmählich zu Ende. Grund ist freilich die anziehende Inflation. Bondinvestments werden damit zunehmend knifflig. Für viele Anleger liegt die Antwort in einem langfristigen Aktieninvestment, vor allem in jene Unternehmen, die über eine hohe Preissetzungsmacht verfügen.

Doch ein Aktieninvestment umfasst noch weitaus mehr, ein Umstand, der von manch einem Privatanleger teils übersehen wird. Schließlich hat man als Aktionär auch ein Stimmrecht, von dem man auf der Hauptversammlung Gebrauch machen kann, etwa, um einzelnen Punkten zuzustimmen. Oder aber auch, um seinen Unmut zu äußern.

Abstimmung als wichtiger Einflussfaktor
Jedenfalls nutzen immer mehr Fondsgesellschaften weltweit ihre Stimmrechte, so etwa auch die Experten bei der BNP Paribas AM. Michael Herskovich, Global Head of Stewardship, sagt: „Mit unserem Verhalten bei den Abstimmungen können wir immerhin so einiges bewirken.“ Das Unternehmen stimmte allein im vergangenen Jahr auf mehr als 2.000 Hauptversammlungen ab – und stimmte dabei gegen insgesamt 33 % der Resolutionen der Vorstände diverser Unternehmen, in die Fonds der BNP Paribas AM investiert sind.

Ein guter Teil der Einsprüche richtete sich gegen die Ernennung von Vorstandsmitgliedern, etwa dann, wenn dabei das Thema Diversität nicht ausreichend abgedeckt wurde. Orsolya Gal, Senior Stewardship Analyst bei der BNP Paribas Asset Management, präzisiert: „Bereits 2019 beschlossen wir, gegen Vorschläge sämtlicher männlicher Vorstandsmitglieder zu stimmen, wenn im Vorstand keine einzige Frau sitzt.“ Die Anforderungen habe man seither ausgebaut. Seit 2020 müssen mindestens 30 % des Vorstandes weiblich besetzt sein, und zwar in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland.

Im Vorjahr wurde auch Südafrikas Börsenkonzernen eine derartige Grenze auferlegt, für die restliche Welt liegt sie derzeit bei 15 %.

Diversität im Fokus
Auch andere Vermögensverwalter setzen ähnliche Schritte. Ab März 2022 erwartet Goldman Sachs Asset Management, dass in allen börsennotierten Unternehmen global mindestens zwei Frauen im Vorstand sitzen müssen – sofern dieser nicht aus weniger als zehn Mitgliedern besteht oder die lokalen Anforderungen ohnedies über der Mindestzahl liegen. Außerdem wird von Unternehmen des S&P 500 und FTSE 100 erwartet, dass sie mindestens ein Board-Mitglied aus einer unterrepräsentierten Gruppe einer ethnischen Minderheit aufweisen.

Doch auch rund um den Klimawandel wird auf die Macht der Stimme gesetzt. 2021 brachte BNP Paribas auf den Hauptversammlungen bei Exxon und Delta Airlines Resolutionen zur Offenlegung ihrer Lobby-Aktivitäten ein. Schließlich wollte man wissen, wie diese im Einklang mit den Pariser Klimazielen stehen. Denn die Transformation in Richtung Nachhaltig steht bei der BNP Paribas AM hoch im Kurs.

Ein weiteres Kriterium
Ähnlich ist der Zugang bei Aberdeen. „Da Klimawandel und Beschäftigungspraktiken immer stärker in den Vordergrund rücken, stehen zunehmend umwelt- und gesellschaftsbezogene Beschlüsse auf den Tagesordnungen der Hauptversammlungen. 2021 haben wir über rund 280 dieser Beschlüsse abgestimmt, dabei 49 % befürwortet und 50 % abgelehnt“, zeigt Andrew Mason, Stewardship Director bei Aberdeen, auf. Und bei einem Prozent habe man sich enthalten. Mason sagt, man unterstütze Beschlüsse zugunsten von Klima, Diversität und Inklusion grundsätzlich.

Foto: AdobeStock / MQ Illustrations

 

 

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Emerging Markets: Weshalb vor allem Asien lockt

Die Wachstumsaussichten sind intakt, die Anlegerbasis wird zunehmend stabiler.

Raja Korinek. Die Ukraine-Krise hat die Welt der Schwellenländer aufgerüttelt. Russische Aktien sind für heimische Anleger derzeit nicht handelbar. Auch die Indexanbieter haben reagiert. Am 4. April verkündete etwa die Wiener Börse, dass die 17 russischen Depository Receipts (ADRs, GDRs) seit Verhängung der Sanktionen bis auf weiteres vom Handel ausgesetzt sind. Auch einige der Indizes, die den russischen Aktienmarkt abbilden, sind bis zur Aufhebung der Sanktionen gegen russische Aktien vom Handel ausgesetzt.

Doch auch Nachrichten aus China haben viele Anleger verunsichert. Zuletzt wurden erneut harte Lockdowns in Shanghai verhängt. Strenge Regularien schränken seit dem Vorjahr obendrein die Geschäftsmöglichkeiten von Internetriesen wie Tencent (ISIN: KYG75721634) ein. Auch die kräftige Zinswende belastet die Märkte in den Schwellenländern teilweise. In Brasilien haben die Leitzinsen bereits 10,75 % erreicht, in Mexiko 6,5 %.

Auch an der Börse besteht Aufholbedarf
Die Folgen spiegeln sich auch in der Wertentwicklung auf den Börsen aus den Regionen wider. Auf ein Jahr liegt das Minus beim MSCI Emerging Markets Index bei rund 11,4 %. Demgegenüber verzeichnete der MSCI Weltindex – der auf Aktien aus den Industrienationen setzt – ein Plus von 10,12 %. Die Daten sind per Ende März.

Michael Altintzoglou, Fondsmanager des „FvS Global Emerging Markets Equities“ (LU1012015118) beim deutschen Vermögensverwalter Flossbach von Storch, will die jüngsten Entwicklungen jedoch nicht überbewerten. Er räumt den Regionen noch reichliche Wachstumschancen ein, die jedoch selektiv genutzt werden sollten. Russland etwa habe man länger beobachtet und sich bereits vor Ausbruch des Konflikts gegen ein Aktieninvestment entschieden.

Altintzoglou bemängelt etwa die fehlende Rechtssicherheit und die relativ einseitige Wirtschaftsstruktur, wie er sagt: „Das Land ist sehr abhängig von Rohstoffen. Das ist kein tragfähiges Wachstumsmodell, zumal solche Branchenunternehmen keine Preissetzungsmacht haben, sondern sich nach den Marktpreisen richten müssen.“

Steigende Compliance-Kosten
In China sieht der Marktprofi rund um die regulatorischen Verschärfungen das Schlimmste ausgestanden. Immerhin habe Chinas Führung betont, den Konzernen mit solchen Maßnahmen nicht schaden zu wollen. Vielmehr stünde laut Peking die gesellschaftliche Gerechtigkeit im Mittelpunkt. „Die betroffenen Konzerne müssen jetzt zwar mehr Geld für Compliance aufwenden. Dafür sind deren Bewertungen an der Börse nun aber günstiger“, wiegelt Altintzoglou ab. Im „FvS“ zählt beispielsweise Tencent zu den größten Positionen. Doch auch im Finanzbereich werden Chancen genutzt, etwa mit dem Versicherungsriesen AIA Group (HK0000069689). Die zahlungskräftige Mittelschicht in der Region wächst, der Bedarf an entsprechenden Produkten ebenso.

Regional nimmt Indien die zweitgrößte Gewichtung ein. Der hohe Ölpreis belaste zwar die Leistungsbilanz, „dennoch steht das Land grundsätzlich auf soliden Beinen“. Aus Sicht eines Anlegers stimmt ihn der Umstand positiv, dass immer mehr Menschen aus dem Inland ihr Geld am indischen Aktienmarkt investieren, die Anlegerbasis damit stabiler wird.

Altintzoglou nutzt aber auch Chancen in den Industrienationen, was die Gewichtung von US-Titeln mit rund 13,5 % im Fonds erklärt: „Wichtig ist, dass es sich um solide Wachstumskonzerne handelt, die einen guten Teil ihres Umsatzes in den Emerging Markets erzielen.“

Foto: Pixelio / Martina Marten

 

 

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Bessere Risikostreuung mit Investmentfonds

Ein Kommentar von Mag. Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien Steiermärkische Sparkasse.

(08.04.) Am 19. April 2022 begeht die österreichische Fondsbranche zum zehnten Mal den Weltfondstag – Grund genug für einen Faktencheck. Seit die Finanzmarktaufsicht im Jahr 2014 begann, das Fondsvermögen zu erfassen, stieg es kontinuierlich an. Im Vorjahr betrugen die Zuwächse netto fast sieben Prozent, mit Kursgewinnen ergibt sich sogar ein Plus von fast 14 Prozent. Mit einem global ausgerichteten Investmentfonds wahrt man auf lange Sicht Chancen auf Gewinne, so die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking, wenngleich die Märkte krisenbedingt kurzfristig angespannt bleiben.

Der „Vater des Fondsgedankens“
Warum feiert die Branche am 19. April? An jenem Tag des Jahres 1744 wurde der Vater des Fondsgedankens, der Niederländer Abraham van Ketwich geboren. Er stellte fest, dass mit Hilfe eines Investment-Fonds die Risiko-Streuung deutlich besser gelingt und die Kosten für jeden einzelnen Anteilsinhaber sinken, wenn Gelder gebündelt werden. Damit wurde der Grundstein für die moderne und weltumspannende Investmentfonds-Industrie gelegt.

Heute sind Investmentfonds in allen Ausprägungen aus der Finanzwelt nicht mehr wegzudenken. Global orientierte Fondsmanager haben stets alle Märkte im Blick und gestalten aktiv die taktische Ausrichtung der Anlagestrategie – immer mit dem Fokus auf jene Regionen, Bereiche und Konzerne, die mittel- und langfristig die höchste Chance bieten, von den globalen Markt-Opportunitäten partizipieren zu können.

Der Ukraine-Krieg
Der Ukraine-Krieg überschattet derzeit alles, vor allem das menschliche Leid übertrifft alle Vorstellungen. Daher mag es zynisch klingen, doch die Finanzmärkte können in der Regel regionale Konflikte recht gut verkraften – zumindest zeigen das die Daten der Vergangenheit. In breit aufgestellten, global orientierten Investment-Fonds-Portfolios gibt es daher keine Tendenz und Notwendigkeit, die Ausrichtung der Veranlagung zu verändern. Die Welt der Geldanlage ist nämlich viel größer als Europa. Investoren, die bisher einen deutlichen Anlage-Schwerpunkt in Europa haben, sollten ihre Strategie überdenken: Dauerhaft birgt eine globale Veranlagung – idealerweise mit einem breit aufgestellten globalen Investmentfonds-Portfolio – solide Chancen.

Dominanz der USA
Die US-amerikanische Wirtschaft bleibt von ungünstigen Auswirkungen des Angriffskrieges auf die Ukraine weitgehend verschont. Von der angespannten Situation am Energiemarkt könnten die USA sogar profitieren, da sie eigenes Flüssiggas produzieren und davon bereits größere Mengen als vor der Krise exportieren. Somit behalten die Vereinigten Staaten ihre dominante Position, wenn es um Aktien, Anleihen & Co geht. Auch eine weitere Stärkung des US-Dollar gegenüber dem Euro ist vorstellbar. An Bedeutung gewinnen werden die asiatischen Wirtschaftslokomotiven China und Indien. Beide Volkswirtschaften werden Vorteile aus günstigen Energiepreisen lukrieren, denn sie beziehen russisches Öl mit einem Abschlag von minus 25% auf den Marktpreis. Damit einhergehen wird dort eine stärkere Fokussierung auf die Binnenwirtschaft und ein größeres Gewicht der eigenen Währungen.

Neue Wettbewerbsvorteile
Die Gefahr, dass Konzerne der USA und Asiens in Hinkunft die neuen Wettbewerbsvorteile gegenüber Europa nutzen, steigt rapide an. Auch wenn die generellen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der europäischen Industrie mit Russland und der Ukraine überschaubar sind, ist die derzeit so heftig diskutierte und enge Energieverflechtung mit Russland ein Damoklesschwert. Die stark von Energie und Export abhängigen europäischen Industrien, etwa der Maschinenbau oder die Autoproduktion, kommen ins Wanken. Die Wachstumsaussichten gewichtiger Branchen müssen revidiert, deren strategische Ausrichtung muss überarbeitet werden. Gleichzeitig können sich daraus für Europa aber auch Chancen ergeben – nämlich die eigenen kreativen und innovativen Potenziale wieder zu nutzen und neue Wege zu gehen. Etwa in der Energieeffizienz, der Innovationsführerschaft oder der Stärkung des Dienstleistungssektors.

Inflation und Negativzinsen
Kein europäisches Phänomen, doch deshalb nicht weniger brisant ist die Inflation, die voraussichtlich beharrlicher ist als zu Jahresbeginn noch angenommen. Die temporären Effekte aus der Rohstoff-, Energie-, Agrar- und Lieferkettenpreisentwicklung werden durch die kommenden Zweitrundeneffekte bei Konsumentenpreisen und Lohnerhöhungen durchschlagen und möglicherweise länger und höher ausfallen als derzeit vorstellbar. Dennoch: Die Notenbanken werden nach derzeitigem Stand die Zinsen nicht in dem Maße wie in den 1970er und 1980er Jahren anheben. Der absolute Zinssatz wird zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten 18 Monaten in die Höhe klettern, doch werden die Zinsen real (abzüglich Inflation) negativ bleiben. Die Europäische Zentralbank (EZB) muss insbesondere darauf achten, die hohe Staatsverschuldung für die Euro-Staaten verdaulich zu halten. Zweifellos kommt den Notenbanken die Aufgabe zu, eine Rezession zu vermeiden und sie werden es mit aller Macht versuchen. Eine globale Rezession wird in den aktuellen Analysen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank derzeit nicht als Hauptszenario gesehen. Eine Stagflation – also ein stagnierendes Wachstum bei gleichzeitiger Inflation – ist aber nicht auszuschließen.

Günstig für Schuldner
Unternehmen, die sich finanzieren müssen, sowie Schuldner werden also weiterhin ein für sie günstiges Umfeld vorfinden. Anleger, die Renditen über der Inflation erzielen wollen, müssen ein gewisses Risiko und Volatilität in Kauf nehmen. Ein Investmentfonds, bei dem Profis am Werk sind, schützt zwar nicht vor Verlusten, federt aber – wenn er breit und global investiert – viele Risiken ab.

Foto: Steiermärkische Sparkasse

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Auf nach Nordamerika

Ein zweites Standbein in Übersee ist gerade in Krisenzeiten gut.

Christian Sec. Gerade der Russland-Ukraine-Konflikt zeigt, dass die Konzentration auf einen Markt erhebliche Risiken für Unternehmen birgt. Der Krieg könnte mittelfristig Europa viel stärker treffen als Nordamerika. Die Unternehmen, die sich ein starkes Standbein in Nordamerika aufgebaut haben, könnten daher die Krise auch besser absorbieren. Für viele österreichische Unternehmen ist Nordamerika zusammen mit Europa eine Kernregion.

2021 übernahm der Ziegelhersteller Wienerberger das US-Unternehmen Meridian Brick um 250 Mio Euro. Das in Georgia beheimatete Unternehmen ist kapazitätsmäßig der größte Produzent von Fassadenlösungen in den USA und verfügt auch über eine starke Marktposition in Kanada. Mit mehr als 1.000 Mitarbeitern in 20 Werken in den USA und Kanada erwirtschaftete Meridian Brick im Geschäftsjahr zum 30.6.2020 Umsätze von mehr als 400 Mio USD. Wienerberger ist durch die Übernahme, laut eigenen Angaben, Marktführer für nachhaltige Fassadenlösungen auf dem nordamerikanischen Markt geworden. Im vierten Quartal 2021 lag der Umsatzanteil des Konzerns in Nordamerika bei rund 20 %, der Anteil des Ebitda gar bei 22,7 %.

Wie wichtig eigene Produktionsstätten gerade in den USA sind, erzählt der Sprecher von Palfinger Hannes Roither. Über viele Jahre habe man recht erfolglos versucht, auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Erst durch die Akquirierung von fünf Produktionsstandorten zu Beginn der 2000er-Jahre begann man Erfolge zu erzielen. „Der US-Markt verlangt nach Produkten ,Made in USA‘“, so Roither zum Börsen-Kurier. Heute erwirtschaftet das Unternehmen rund 20 % seines Umsatzes in der Region Nordamerika, wobei der Geschäftsanteil wächst. In den nächsten Jahren will man den Anteil auf 25 % ausbauen, so Roither.

Der Anlagenbauer Andritz erzielt von seinen etwa 6,5 Mrd Euro Gesamtumsatz rund 20 % in Nordamerika, im Vergleich dazu kommt Andritz in Europa auf einen Umsatzanteil von 33 % im vergangenen Jahr. 15 % der weltweiten Fertigungskapazitäten des Anlagebauers befinden sich in Nordamerika.

Mitarbeiterfluktuation und Einfuhrzölle
Nicht immer läuft aber alles nach Plan beim Aufbau neuer Betriebsstätten in Nordamerika, wie die Voestalpine bei der Errichtung des Roheisenwerkes in Corpus Christi in Texas schmerzhaft erfuhr. Zuerst stiegen die Errichtungskosten vor allem aufgrund von Preisanstiegen bei Baumaterialien um rund ein Drittel über den budgetierten Wert, dann wurden aufgrund der Rücknahme von Ertragserwartungen hohe Abschreibungen auf die Anlage fällig, die in den letzten beiden Geschäftsjahren rund 370 Mio Euro betrugen. Das war aber noch nicht alles. So hatte der Standort mit hoher Mitarbeiterfluktuation zu kämpfen. Insgesamt erwirtschaftet die Voestalpine rund 13 % ihrer globalen Umsätze in Nordamerika, fast zwei Drittel dagegen in Europa.

Die Unternehmensrisiken gehen bei einem Nordamerika-Engagement weit über das Währungsrisiko hinaus. So nennt der Cellulosefaser-Hersteller Lenzing, der rund 4,5 % seiner gesamten Produktionskapazität in einem Lyocell-Werk in Mobile betreibt, die höheren Haftungsrisiken im US-Recht.

Auch der Aluminiumhersteller Amag machte schlechte Erfahrung, als der ehemalige US-Präsident Donald Trump Einfuhrzölle für Stahl- und Aluminiumimporte für die EU-Länder verhängte. So hatte der Konzern 2018 mit einem 10 %igen US-Einfuhrzoll auf Alu zu kämpfen, der die Margen schmälerte. Immerhin werden 30 % des Amag-Konzernumsatzes in Nordamerika verdient.

Foto: AdobeStock / Lazy Bear

 

 

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Was tun gegen die steigende Teuerung?

Rohstoffpreise heizen Inflation an – Zertifikate bieten Chance, sich zu wappnen.

Raja Korinek. Die jüngsten Zahlen zur Inflation in der Eurozone bestätigen den Aufwärtstrend. Die Teuerung erreichte im März im Jahresvergleich 7,5 %. Auch in den USA schnellt die Inflation nach oben, „und erreichte zuletzt den höchsten Stand seit den 1980er- Jahren“, konstatiert Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management bei seiner Präsentation „Investieren in Zeiten hoher Inflation“. Der Börsen-Kurier war dabei.

Aufgrund der Entwicklung rechnet Galler in den USA mit zügigen Zinsanhebungen seitens der FED, auch da es jenseits des Atlantiks zu hohen Lohnsteigerungen kommt. Der Grund liegt für Galler auf der Hand: Derzeit gebe es 11 Mio offene Stellen versus 6 Mio Arbeitslose. „So eine Diskrepanz hat es selten gegeben.“

Ein wenig eingetrübter ist das Bild in Europa. Hier treiben steigende Rohstoffpreise – etwa aufgrund Lieferengpässe vieler Commodities aus Russland – die Inflation stärker an. Damit steckt die EZB in einer Zwickmühle, da steigende Rohstoffpreise mit Zinsanhebungen kaum bekämpft werden können. Allzu aggressive Zinsschritte könnten der Konjunkturentwicklung einen weiteren Dämpfer verpassen. „Letztendlich droht das Wachstum auf realer Basis zu erodieren“, sagt Galler.

Europa im Bann des Ukraine-Konflikts
Dabei könnte sich die Lage verschärfen, nachdem ein möglicher Lieferstopp von russischem Erdgas im Raum steht – genauso wie ein mögliches EU-Embargo für russische Energieträger. „Auch die jüngsten Preisanstiege bei Agrargütern sollten nicht unterschätzt werden.“

Galler verweist aber auch auf wichtige Gegengewichte und meint, die Konsumausgaben für Energie und Lebensmittel seien in den vergangenen Jahrzehnten in den USA stetig gesunken. Sie machen inzwischen nur noch rund 12 % des PCE-Indexes (Personal Consumption Expenditures) aus, der die Konsumausgaben in den USA misst. In Europa verweist Galler auf den EU-Wiederaufbaufonds als wichtige Konjunkturstütze.

Chancen auf fixe Zinsen
Doch selbst ein inflationäres Umfeld kann Anlegern Chancen bieten, etwa mit Zertifikaten. Die RCB bietet das Bonus-Zertifikat „Europa Inflations Bonus&Sicherheit 4“ an (ISIN: AT0000A2VBB8). Mit diesem Zertifikat erhalten Anleger jährlich einen Zinssatz, der sich aus zwei Komponenten zusammensetzt: 0,4 % jährlicher Fixzinssatz plus der Inflationsrate der Eurozone. Die Rückzahlung des Nominalbetrags zum Laufzeitende erfolgt zu 100 %, wenn der Euro Stoxx 50 Index während der Laufzeit immer über der Barriere von 1.717,59 Euro notiert.

Wird hingegen die Barriere berührt oder unterschritten, bewegt sich der Kurs des Zertifikats 1:1 mit dem Basiswert. Verluste sind dann möglich. Und etwaige Kursgewinne auf den Startwert von 3.505,29 Euro begrenzt.

Rohstoffe als Inflationsschutz
Einen anderen Ansatz hat man beim „Vontobel Inflation Influenced Index“-Zertifikat (DE000VX3DCQ5) gewählt. Ein guter Teil des Indexes investiert in Unternehmen, die innerhalb ihres Segments einen hohen Marktanteil und eine solide Preissetzungsmacht haben. Sie können steigende Kosten an Konsumenten gut weitergeben. Zu den „Auserwählten“ zählen die Schweizer Pharmariesen Roche und Novartis, aber auch der US-Ölkonzern Chevron.

Ein weiterer Teil des Indexes wird in Rohstoff-ETFs investiert, die auf die künftige Preisentwicklung von Commodities setzen. In Zeiten, in denen die Inflation ausgerechnet von steigenden Notierungen angetrieben wird, kann ein Rohstoffinvestment einen guten Schutz bieten.

Foto: AdobeStock / Andrey Popov

 

 

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Profiteure der Energie-Diskussionen

Ausbau der Energieinfrastruktur könnte bestimmte Aktien beflügeln.

Michael Kordovsky. Durch die erhöhte Volatilität infolge der verstärkten Einspeisung von Solar- und Windstrom in die europäischen Netze steigt die Gefahr eines Blackouts. Ein weiterer Punkt ist die Sicherheit vor feindlichen Hackern. Ohne Erneuerung werden laut einer Studie von Monitor Deloitte in Europa im Jahr 2030 40 bis 55 % der Niederspannungsleitungen mehr als 40 Jahre alt sein. Die im Jänner 2021 publizierte Studie auf Basis von zehn europäischen Ländern geht im Hinblick auf die Energiewende bis 2030 in Europa von einem Investitionsbedarf von 375 bis 425 Mrd Euro aus. Mit der

richtigen Energieinfrastruktur könnte die EU langfristig jährlich 175 Mrd Euro an fossilen Treibstoffimporten und 28 bis 37 Mrd Euro an Stromkosten einsparen. Besonders viele Schwachstellen haben die veralteten Stromnetze in den USA. Staatliche Infrastrukturprogramme können hier ansetzen.

Aufbau der Strominfrastruktur und Netzbetreiber
Auf jeden Fall ist Siemens (ISIN: DE0007236101) potenzieller Profiteur durch die Kombination von Engineering, Energieeffizienz, Smart Grid und Cybersicherheit. Auf Basis eines Kurses von 126 ist die Aktie mit einem für 2023 erwarteten KGV von 13,5 bewertet. Ein weiterer Lieferant von Strominfrastruktur ist ABB (CH0012221716), während General Electric (US3696043013) vor allem in den USA punkten könnte. Letztere überzeugte mit permanent positiven Gewinnüberraschungen in den vergangenen vier Quartalen. Im Schnitt lagen die Quartalsergebnisse laut Zacks Investment Research um 41,6 % über den Analystenschätzungen. Indessen eine Gewinnverdopplung im Jahr 2023 erwartet der Schätzungskonsens von Zacks bei Itron (US4657411066), deren KGV dann bei attraktiven 17,3 liegen würde.

Itron (US4657411066) ist Anbieter von Gas-, Wasser-, Energiezählern und weltweit führend bei intelligenter Straßenbeleuchtung. Als Strom- und Gasnetzbetreiber in Großbritannien interessant erscheint National Grid (GB00BDR05C01), deren Erträge in den kommenden Jahren wieder kontinuierlich wachsen sollten.

Gaspipeline-Betreiber und erneuerbare Energien
Eine gesicherte Erdgasversorgung ist wichtiger denn je. Die italienische Snam (IT0003153415) betreibt in Europa ein Erdgas-Pipeline-Netz von 41.000 Kilometer Länge (Italien, Österreich, Frankreich, Großbritannien und Griechenland). Nur 1,5 % der transportierten Volumina stammen von russischen Gesellschaften und Snam hat keine Direktinvestments in Russland und der Ukraine. Von 2013 bis 2020 konnte das Unternehmen den Gewinn/Aktie von 0,28 auf 0,36 Euro steigern. Die Ertragslage ist stabil und auf Basis eines Kurses von 5,18 ist eine Dividendenrendite von 4,8 % zu erwarten. Das Unternehmen setzt sich intensiv mit Wasserstoff-Wirtschaft auseinander.

Noch ein enormer Investitionsbedarf liegt in den Bereichen Windkraft und Wasserstoffinfrastruktur. Vestas Wind Systems (DK0061539921) gilt als einer der weltweit größten Anbieter von Windkraftanlagen und wurde im Jänner 2022 im 18. jährlichen Global 100 Ranking von Corporate Knights zum weltweit nachhaltigsten Unternehmen gekürt. Somit ist die Aktie unabhängig von Bewertungsdaten auf jeden Fall ein Standardinvestment nachhaltiger Fonds. Doch auch die Wachstumsdynamik stimmt. 2021 erreichte der Auftragsbestand einen neuen Rekordwert und der freie Cashflow stieg von 2019 bis 2021 von 94 auf 183 Mio Euro.

Ein Basisinvestment für die Wasserstoffwirtschaft ist die Linde plc (IE00BZ12WP82), die be-reits vor mehr als einem Jahr ankündigte, in Leuna den größten PEM-Wasserstoff-Elektrolyseur der Welt mit 24 Megawatt Leistung zu errichten. Ab Mitte 2022 sollen dort jährlich bis zu 3.200 Tonnen Wasserstoff mit zertifiziertem Ökostrom hergestellt werden.

Foto: Pixabay / distelAAPArath

 

 

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Unterschätzte Biotech-Newcomer

Klein- und mittelkapitalisierte Unternehmen finden wenig Beachtung. Ein Kommentar von Dr. Daniel Koller, Head Investment Team BB Biotech bei Bellevue Asset Management.

Für viele Investoren ist Biotech zurzeit nicht besonders attraktiv. Der Nasdaq Biotechnology Index, der wichtigste Börsenindex des Sektors, hat in den letzten zwölf Monaten fast 20 % an Wert verloren. Während Branchenschwergewichte wie Moderna oder Regeneron vereinzelt kräftige Kursgewinne verzeichneten, verloren die meisten klein- und mittelkapitalisierten Biotechs überdurchschnittlich. Diesen Trend reflektieren die Verluste von 40 % beim „S-Network Medical Breakthrough Index“ (PMBI) und beim „S-Network Healthcare Innovation Index“ (PHIX). Beide Indizes bilden niedrig kapitalisierte Biotechs und Pharmaunternehmen ab. Schwerpunktmäßig handelt es sich dabei um Firmen mit Produkten in der klinischen Phase II oder III. Ausschlaggebend für den aktuellen Abwärtstrend ist jedoch aufgrund der steigenden Inflation vor allem die Sektorrotation, weg von Growth hin zu Value. Dies hat den Biotechsektor undifferenziert getroffen. Biotechfirmen, die noch ohne Umsätze mit einem zugelassenen Produkt ihre Entwicklungspipeline finanzieren müssen, werden besonders abgestraft. Angesichts der steigenden Zinsen werden künftige Gewinne wegen der mit den steigenden Zinsen einhergehenden höheren Diskontierungssätzen von Analysten weniger hoch bewertet. Die gesamte Biotechbranche wird dabei von Anlegern undifferenziert abgestraft. Zahlreiche Small und Mid Caps sind jedoch mittel- bis langfristig gut durchfinanziert und finanziell weitaus besser ausgestattet als in der Vergangenheit.

In fundamentaler Hinsicht könnten kleine und mittelgroße Biotechs von einer Markterholung bei Biotechaktien überproportional profitieren. 65 % aller Wirkstoffe, die sich 2021 weltweit in der klinischen Entwicklung befanden, wurden nach einer Studie des IQVIA Institute für Human Data Science von Biotechfirmen durchgeführt, die weniger als 500 MioUSD Jahresumsatz hatten und jährlich weniger als 200 MioUSD in ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben investierten. Noch 2016 lag der Anteil dieser von IQVIA als Emerging Pharma Companies klassifizierten Unternehmen bei unter 50 %. Wie deutlich diese Biotechs gereift sind, zeigt eine andere Zahl der Studie: für 76 % ihrer entwickelten Produkte stellten die Unternehmen 2021 eigene Zulassungsanträge. Das ist ein klares Indiz für die gestiegene finanzielle Unabhängigkeit, welche die Unternehmen in eine vorteilhafte Lage versetzt, ihre Produkte ohne Partner in Eigenregie zu vermarkten und damit über ein höheres Gewinnpotenzial zu verfügen.

Pipeline ist gefüllt
Die Small und Mid Caps unter den Biotechs können das Kommerzialisierungspotenzial immer besser abschöpfen, weil sie bei Therapien der neuesten Generation häufig zu den Pionieren zählen. An erster Stelle zu nennen sind hier die Zell- und Gentherapien, das Gene Editing und die mRNA-Technologie, die mit den Impfstoffen gegen Covid-19 von Moderna und BioNTech den großen Durchbruch geschafft haben. Rund 800 klinische Wirkstoffe sind aktuell solchen neuartigen Ansätzen zuzuordnen. In fundamentaler Hinsicht sind kleine und mittelgroße Biotechs folglich sehr gut aufgestellt. Der entsprechende kurstreibende Nachrichtenfluss ist vorhanden, denn in diesem Jahr wird vor allem in der Krebsmedizin, der Neurologie und den seltenen genetisch bedingten Erkrankungen eine Vielzahl von klinischen Studienergebnisse und Zulassungsentscheidungen erwartet.

Das Beteiligungsportfolio von BB Biotech sollte davon überproportional profitieren. Auf Sicht der nächsten drei Jahre schätzen wir, dass sich der Jahresumsatz der Beteiligungsfirmen mehr als verdoppelt. Ein Großteil der Produktzulassungen entfällt auf die Indikationen Krebs, Stoffwechsel -und Nervenerkrankungen (ð Grafiken). Bei den Portfoliofirmen Alnylam und Ionis erwarten wir für 2022 die Entscheidung zur Zulassung für jeweils eine Therapie zur Verringerung der Symptome bei TTR-Amyloidose. Bislang gibt es keine adäquaten Behandlungsoptionen für diese erblich bedingten krankhaften Eiweißablagerungen, die zu schweren Organschäden führen. Dementsprechend hoch ist die Preissetzungsmacht.

In der Krebsmedizin steht Arvinas vor dem Durchbruch mit seiner neuartigen Technologieplattform für Moleküle, die krankheitsauslösende Proteine abbauen und dabei vor allem bei Zielmolekülen ansetzen, die mit herkömmlichen Therapieansätzen als nicht behandelbar gelten. In diesem Jahr soll die zulassungsrelevante klinische Studie für das am weitesten fortgeschrittene Produkt ARV-110 zur Behandlung von Prostatakarzinomen starten, für den Arvinas bei der US-Behörde ein beschleunigtes Zulassungsverfahren erreichen will.

Zwei weitere klinische Phase-III-Studien beginnt Arvinas mit Partner Pfizer für den Wirkstoff ARV-471 bei metastasierendem Brustkrebs, bei dem vorherige Therapien nicht mehr anschlagen. Relay Therapeutics ist ein anderer Vorreiter in unserem Beteiligungsportfolio. Das Unternehmen bedient sich der künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen, um die vielversprechendsten klinischen Kandidaten zu identifizieren. Dabei modelliert und analysiert Relay am Bildschirm in frühen klinischen Studien Proteinbewegungen, um über die Interaktionen von Wirkstoff und pharmakologischem Ziel die Moleküle mit dem besten Wirkprofil zu identifizieren.

Sentiment verbessert sich
Mit der wachsenden Zahl an Erfolgsmeldungen sollten wieder mehr Investoren dem Sektor Aufmerksamkeit schenken. Das Stimmungsbild dreht sich langsam bereits wieder zugunsten des Biotechsektors als Ganzes. Der jüngsten Umfrage von RBC Capital Markets zufolge erwarten 66 % der befragten Investoren eine Biotech-Outperformance in diesem Jahr. Waren es in der zweiten Jahreshälfte 2021 noch 49 %, die Biotechs als unterbewertet einschätzten, sind es jetzt 64 %. Zugleich beabsichtigen 58 % der Befragten ihr Exposure in Biotech zu erhöhen.

Foto: Bellevue Asset Mangement

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Die Sanktionen und ihre Folgen für Osteuropa

Eine Analyse der wirtschaftlichen Konsequenzen der Ukraine-Krise auf die CEE-Region.

Raja Korinek. Der Krieg in der Ukraine dauert an, die Sanktionen werden härter. Die USA haben ein Importembargo auf russisches Öl verhängt. Auch die EU hat eine Reihe an Sanktionen erlassen, wobei Mitte März das vierte Paket beschlossen. Es umfasst etwa Einfuhrbeschränkungen für ausgewählte Produkte der russischen Eisen- und Stahlindustrie sowie ein umfassendes Verbot neuer Investitionen in den russischen Energiesektor. Bereits zuvor wurde der Export von Technologiegütern und Technologien für den Ölsektor verboten. Obendrein ziehen sich immer mehr europäische Unternehmen aus Russland zurück.

Freilich, die wirtschaftlichen Folgen sind auf beiden Seiten der Fronten zu spüren. Grzegorz Sielewicz, Ökonom für die Region Zentral- und Osteuropa (CEE) beim Kreditversicherer Coface, geht in seiner jüngsten Arbeit auf eben diese ein. Der Börsen-Kurier war bei der Präsentation dabei.

Hohe Rohstoffabhängigkeit
Sielewicz verweist zunächst auf die hohe Abhängigkeit der EU von Russlands Rohstoffen. Mehr als 40 % der Gasimporte kommen aus der Region. Ebenso wenig sollten die großen Mengen an Weizen- und Kaliexporte unterschätzt werden, wobei auch Belarus jede Menge nach Europa geliefert hatte – bis diese Anfang März aufgrund westlicher Sanktionen gestoppt wurden. „Nun, da die Düngemittelpreise weltweit steigen, belastet solch ein Embargo umso mehr“, konstatiert der Coface-Experte.

Auch der zunehmend schleppende Import zahlreicher Industriemetalle aus Russland – dazu zählen Palladium, Nickel und Platin – bekommt Europas Industrie zunehmend zu spüren. Dies verschärft die ohnedies angespannte Lage etwa in der Chip- und Automobilindustrie.

Auch bei Russlands Konjunktur werde der Handelskrieg tiefe Spuren hinterlassen. Sie dürfte Coface-Schätzungen zufolge heuer deshalb um rund 7,5 % schrumpfen. „Weitere Abwärtsrevisionen können nicht ausgeschlossen werden.“ Noch vor Ausbruch der Ukraine-Krise lag die Prognose bei +2,6 %.

Wirtschaftswachstum schrumpft
Doch auch für die CEE-Region wurden die Prognosen für heuer nach unten revidiert. Ein besonderes geringes Wirtschaftswachstum räumt Coface Estland mit 1,5 % ein, gefolgt von Litauen mit 1,6 % ein. Die Regionen hatten bislang sehr enge wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland. Litauen liefert etwa jede Menge Maschinen nach Russland. Aus Estland sind es vor allem Computer. Demgegenüber werden Ungarn (3,9 %) und Polen (3,5 %) die höchsten Wachstumsraten in der Region eingeräumt. Für Österreich wird die BIP-Prognose auf 3,4 % gesenkt.

In Polen hebt Sielewicz auch die besonders hohe Anzahl an ukrainischen Flüchtlingen hervor: „Dieser Umstand könnte kurzfristig den Binnenkonsum ankurbeln.“ Er verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf eine höhere Nachfrage im Bereich der Beherbergungen und des Konsums.

Inflation steigt kräftig an
Einzig, auch die Inflation steigt in der CEE-Region, nicht zuletzt aufgrund höherer Rohstoffpreise, die sich im Osten kräftig niederschlagen. Dort liegt der Inflations-Schnitt über jenem der EU, der im Feber 6,2 % erreichte. In Litauen lag die Teuerung bei 14 %, in Estland bei 11,6 %. In Rumänien erreichte sie 7,9 %. Zumindest aber würden einzelne Staaten gegensteuern, zeigt Sielewicz auf. In Ländern wie Tschechien, Ungarn und Polen wurden die Leitzinsen angehoben. Obendrein sind letztere zwei Länder um eine Entlastung beim Spritpreis bemüht.

Foto: Adobe Stock / kryscina

 

 

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Wann endet die Teuerungswelle?

Die hausgemachte Inflationskrise hat ein Ablaufdatum.

Michael Kordovsky. Zuerst Corona-Maßnahmen, die weltweit Lieferketten unterbrechen, dann ein Krieg, der in der Ukraine zu enormen Ernteausfällen führt, während Russland voraussichtlich bis 30. Juni keinen Weizen, Roggen und Gerste exportiert – das sind Faktoren künstlicher Verknappung. Hinzu kommen ein Mangel an Lkw-Fahrern, an Schiffscontainern im asiatischen Raum, Chipknappheit und erneute kriegsbedingte Lieferkettenunterbrechungen. Fakt ist, dass mittlerweile die Inflation hartnäckiger ist, als die Volkswirte der Notenbanken ursprünglich erwartet haben. Kaum sah es danach aus, als gäbe es beim „Corona-Spuk“ Licht am Ende des Tunnels, kam am 24. Feber der Krieg in der Ukraine dazwischen. Blickt man aktuell auf vier Wochen Krieg zurück, dann haben sich alleine in diesem Zeitraum Rohstoffe wie folgt verteuert: Erdöl (Brent) um 24 %, Erdgas um 19 %, Diesel um 39 %, Mais um 14 %, Hafer um 15 %, Zucker um 9 %, Sojabohnen um 7 %, Weizen um 26 %, Aluminium um 14 % und Nickel um 54 %. Auf Jahressicht die stärksten Preissteigerungen verzeichneten Nickel mit +130 %, Diesel mit +120 %, Erdöl (WTI) mit +99 %, Weizen mit +77 % und Baumwolle mit +70 %.

Bereits im Feber überschlugen sich die Inflationsrekorde: Im Euroraum kletterte die Inflationsrate von 5,1 % (Jänner) auf ein absolutes Rekordhoch von 5,9 %. In den USA war es mit 7,9 % der höchste Stand seit Jänner 1982.

Betroffene Verbraucherpreiskomponenten
Die Kerninflationsrate (der Verbraucherpreisindex ohne die volatilen Komponenten Nahrungsmittel und Energie) stieg in den USA im Feber um 6,4 % und somit so stark wie seit August 1982 nicht mehr. Während der Energieindex um 25,6 % explodierte, stieg der Nahrungsmittelindex erst um 7,9 %. Das war der stärkste Anstieg seit Juli 1981, aber der jüngste Ukraine-Schock kommt noch. Auslieferungsverzögerungen in der Automobilindustrie führten bei Neuwägen zu einem Preisanstieg um 12,3 % und infolge des verstärkten Ausweichens auf Gebrauchtwägen dort sogar zu einem Preisanstieg um 41,2 %. Außerhalb des Agrarsektors stiegen die Stundenlöhne in den USA bereits um 5,1 % und die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung gingen in der am 19. März endenden Abrechnungswoche um 28.000 auf 187.000 und somit den niedrigsten Stand seit September 1969 zurück – und dies bei einer Arbeitslosenquote von nur noch 3,8 % im Feber. Der Arbeitsmarkt ist völlig leergefegt und die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich zu drehen. Unter Betrachtung dieser Tatsachen sind spätestens bis Juli zweistellige Inflationsraten in den USA möglich.

Während in den USA die hohe Inflation bereits auf breiter Basis spürbar ist, ist es im Euroraum noch immer eine primäre Verzerrung des Preisgefüges durch die Energiepreiskomponente, die mittlerweile im HVPI mit 10,93 % gewichtet ist. Ihr Anstieg beschleunigte sich von Jänner auf Feber von 28,8 auf 32 %! Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 6,2 %, aber Dienstleistungen und Industriegüter – je 41,67 bzw. 26,52 % gewichtet – nur um jeweils 2,5 bzw. 3,1 %. Der HVPI ex Energie verteuerte sich nur um 3,1 % und ohne Energie Lebensmittel, Alkohol und Tabak gar nur um 2,7 %.

Die Macht der Marktzyklen
Im Falle eines schnellen Kriegsendes und konstruktiver Handelslösungen könnte der Ölpreis wieder in den Bereich 80 bis 90 USD/Barrel zurückfallen. Im Euroraum wäre dann wahrscheinlich bis Sommer der Inflationshöhepunkt überschritten, zumal schon ein bewussterer Nahrungsmittelkonsum zu einer Entspannung an der Agrarpreis-Front führen kann. Würde ein großer Teil der Lebensmittel, die im Müll landen, nicht gekauft werden, würde dies starke Preisrückgänge bedeuten, denn:

Laut einer Studie der Welternährungsorganisation der UNO (FAO) werden weltweit jährlich rund 1,3 Mrd Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen. Berücksichtigt ist die Entsorgung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Anbau über die Produktion und Vertrieb bis hin zum Konsum. Diese Menge entspricht einem Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel und teilt sich zu gleichen Teilen auf Industrienationen und Entwicklungsländer auf.

Ebenfalls noch erhebliche Einsparpotenziale gibt es im Energiebereich, die durch thermische Sanierung von Häusern und Fahrzeuge mit geringerem Treibstoffverbrauch sowie E-Autos zunehmend ausgeschöpft werden. Hinzukommt die Forcierung erneuerbarer Energien, sodass – unabhängig vom Kriegsverlauf – innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre wieder von einer deutlichen Entspannung an der Preisfront ausgegangen werden kann.

Auf der Industrie- und Rohstoffseite sollten noch die berühmten Marktzyklen beachtet werden. Je höher die Preise für Erdöl, Erdgas und Industriemetalle sind, desto mehr lohnt es sich, für Unternehmen die Förderkapazitäten zu erhöhen. Nach einer mit Knappheit verbundenen Hochpreisphase normalisiert sich das Angebot. Allerdings können im Minenbereich mehrere Jahre vergehen, bis dies deutlich spürbar wird. Auch in der Ölförderung werden über Jahre die Kapazitäten erweitert, während Saudi-Arabien meist mit schneller Förderausweitung „Soforthilfe“ leistet und über Aramco das hohe Preisniveau gut nützt. Irgendwann ist dann in den Märkten der Punkt der Überproduktion erreicht. Doch die Kapazitäten sind gerade hochgefahren worden und der Mitbewerb wird härter, da mit zunehmendem Überangebot die Preise umso stärker zurückgehen. Je nach Leidenstoleranz der einzelnen Produzenten geht es so noch eine Weile weiter, ehe vereinzelt Kapazitäten heruntergefahren werden. Zunehmend mehr Unternehmen folgen, solange bis wieder eine längere Zeit ein Angebotsdefizit vorherrscht und das gestiegene Preisniveau erneut zum Hochfahren der Produktion bzw. Ausbau der Kapazitäten ermutigt. Der Rohstoffmangel von heute könnte sich spätestens binnen fünf Jahren, teils auch schon früher in einen Überschuss verwandeln. Es sollte dabei niemand vergessen, in welch schnelllebiger Zeit wir leben und dass manche Szenarien noch viel schneller eintreffen als ursprünglich erwartet.

Fazit
Binnen drei Jahren sollte eine deutliche Entspannung an der Preisfront spürbar werden und unter optimalen Bedingungen könnte zumindest in Europa noch heuer (eventuell sogar bis Sommer) der Inflationshöhepunkt überschritten sein.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

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Die Lehren aus der Ukraine-Krise

Trotz Turbulenzen und Krieg führt laut Comgest kein Weg an Aktien vorbei.

Raja Korinek. Die Ukraine-Krise hinterlässt tiefe Spuren an den Märkten. Umso mehr sollten An-leger ein langfristiges Ziel vor Augen behalten, mahnt Dieter Wimmer (Foto), Leiter Sales bei der internationalen Fondsboutique Comgest, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Er sagt: „Aktien sind dabei immer noch das beste Instrument für den langfristigen Vermögensaufbau.“

Wichtig sei dazu eine sorgfältige Titelselektion. Wimmer verweist auf den Ansatz in seinem Haus: Dort wird in Unternehmen investiert, die mit besonderen Innovationen punkten, aber auch über eine hohe Preissetzungsmacht bzw. über eine besonders starke Marke verfügen.

Luxus lebt immer
Wimmer nennt auch Beispiele, so etwa den französischen Luxus-konzern LVMH (ISIN: FR0000121014). „2009 kostete etwa ein bestimmtes Modell einer Lederhandtasche rund 400 Euro. Der Preis wurde inzwischen auf gut 1.600 Euro angehoben.“ Und zwar, ohne dass sich an dem Accessoire etwas geändert hätte, verweist Wimmer auf die Preissetzungsmacht des Konzerns. Er nennt als weitere Beispiele den Schweizer Baukonzern Sika (CH0418792922) sowie den irischen Dämmstoffhersteller Kingspan (IE0004927939).

Allein letzterer Konzern profitiere etwa vom steigenden Bedarf an energieeffizienten Maßnahmen, zu denen die Gebäudedämmung zählt. Und konnte deshalb gestiegene Input-Kosten gut weitergeben. Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk (DK0060534915) konnte wiederum mit einem Arzneimittel gegen Fettleibigkeit in den USA punkten. Es sei jenseits des Atlantiks auch in geopolitisch turbulenten Zeiten gefragt, verweist Wimmer auf die – krisenunabhängige – Nachfrage.

Wimmer spricht ebenso offen über Investments, die von der Ukraine-Krise betroffen sind, so etwa die Zara-Mutter Inditex (ES0148396007), die genauso Teil des „Comgest Growth Europe Fund“ (IE0004766675) ist, wie die oben genannten Titel. „Inditex betreibt Filialen in Russland, die nunmehr mit reichlich Gegenwind rechnen müssen. Die laufenden Kosten müssen zugleich bezahlt werden.“

Panik als schlechter Ratgeber
Ob nun Titel mit größeren Russland-Exposure verkauft werden? Bei Comgest hält man nichts von Schnellschüssen. „Die Entwicklungen werden zunächst genau beobachtet.“ Schließlich habe der erfahrene Finanzexperte schon so manch eine Krise erlebt, bei der kurzfristige Entscheidungen sich langfristig kaum gelohnt haben. Wimmer verweist als Beispiel auf die 1970er-Jahre, eine Zeit extrem steigender Inflationsraten aufgrund der kräftigen Ölpreishausse. „Gold wurde deshalb stark nachgefragt, ein Umstand, den ich aufgrund meiner damaligen Mitarbeit in einer Bank hautnah erlebte.“ Der Hausse wurde aber Anfang der 1980er-Jahre ein jähes Ende gesetzt, als der US-Notenbanker Paul Volker die Zinsschraube derart kräftig nach oben drehte, dass ein zinsloses Investment in das gelbe Edelmetall kaum noch Interessenten fand.

Wimmer verweist auch auf die aktuelle Zinswende angesichts der steigenden Inflationsrate. Und kann dieser durchaus Positives abgewinnen: „Allmählich können jene Anleger, die mit fix verzinsten Investments ein Sicherheitspolster aufbauen wollen, wieder einen Blick auf Anleihen werfen.“ Denn mit der allmählich steigenden Verzinsung rentieren selbst solide Staatsanleihen, etwa aus Regionen wie Österreich, Deutschland oder den Niederlanden, nach Jahren der Tiefzinsphase wieder ein wenig höher. Alles in Allem sollten Anleger auf eine solide Streuung achten – und diese mit ihrer Risikobereitschaft abstimmen.

Foto: Comgest

 

 

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Gute Argumente für Small Caps aus den USA

Kleine Konzerne könnten von der Deglobalisierung und vom Wachstum im Land profitieren.

Raja Korinek. Krieg, Sanktionen, Lieferengpässe – und eine hinaufschnellende Inflation: Die jüngsten Entwicklungen hinterlassen Spuren in der weltweiten Wirtschaft, zu denen auch die allmähliche Deglobalisierung zählt. Immer mehr Konzerne denken deshalb auch wieder an den Aufbau größerer Lager vor Ort nach, um nicht von Lieferausfällen erwischt zu werden.

Die Stärkung der heimischen Produktion steht ebenso im Fokus. Ein Beispiel ist Europas jüngste Chipoffensive mit dem „European Chips Act“. Mit mehr als 40 Mrd Euro soll die regionale Halbleiterindustrie gefördert werden. Die Anlageexperten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking ziehen angesichts all dieser Entwicklungen jedenfalls ein klares Fazit: Viele Signale deuteten auf ein Überschreiten des Globalisierungs-Zenits.

Kleine Unternehmen mit großem Potential
Umso mehr könnten kleinere Unternehmen – Small Caps – in den Mittelpunkt rücken. Sie haben oftmals einen starken Fokus auf den Binnenmarkt und sind in Nischen etabliert. Vor allem der Blick über den Atlantik kann sich lohnen, da die Konjunkturentwicklung in den USA weiter fortgeschritten als in Europa und weniger von der Ukraine-Krise betroffen ist.

Jason Kotik, er ist Fondsmanager des „Aberdeen Standard SICAV I – North American Smaller Companies Fund“ (ISIN: LU0566484027), sieht aber auch im Zusammenhang mit der steigenden Inflation Chancen bei solchen Titeln. „In den vergangenen Jahren standen vor allem viele Wachstumstitel, etwa an der Nasdaq, im Fokus. Hier werden große Hoffnungen auf deren künftige Gewinne gesetzt.“ Doch solche Aussichten trüben sich angesichts der steigenden Inflation ein. Demgegenüber erzielen gut aufgestellte Small Caps bereits jetzt solide Gewinne.

US-Finanzwerte und Techwerte im Fokus
Kotik verweist insbesondere auf Chancen bei nordamerikanischen Finanztiteln. Solche Unternehmen seien oftmals regional fokussiert. Dazu zählt beispielsweise die First Interstate BancSystem (US32055Y2019). Das Finanzhaus hat sich auf die klassischen Dienstleistungen wie etwa die Kreditvergabe und dem Einlagen- sowie dem Versicherungsgeschäft spezialisiert. Die kanadische CI Financial (CA1254911003) – ebenfalls Teil des Fonds – hat sich auf die Vermögensverwaltung spezialisiert, ist zudem in den USA und in Australien tätig.

Auch Technologieaktien stehen bei Kotik im Fokus. „Anleger assoziieren mit dieser Branche oftmals die bekannten Großkonzerne. Doch es gibt auch jede Menge kleine Firmen.“ Er verweist mit Onto Innovation (US6833441057) auf ein Beispiel. Das Unternehmen stellt spezielle Messtechniken und Prüfsysteme her, die für die Halbleiter-Produktion benötigt werden. Doch damit ist nicht Schluss. Schließlich gibt es weitere Herausforderungen für die Wirtschaft, etwa die wachsenden Müllberge.

Wachsende Müllberge brauchen eine Lösung
Entsprechend räumt der Aberdeen-Experte Casella Waste Systems (US1474481041), einem US-Entsorgungsunternehmen, gute Chancen ein, notwendige Lösungen zu liefern. Das Unternehmen verfüge über eine hohe Preissetzungsmacht bei seinen Mülldeponien, eine Eigenschaft, die vor allem in einem inflationären Umfeld gefragt ist.

Auch insgesamt findet Kotik ein Argument für Small Caps aus den USA: Deren geschätztes KGV auf die kommenden zwölf Monate sei im Vergleich zu jenem für großkapitalisierte Titel so günstig wie seit rund 40 Jahren nicht mehr, auch wenn freilich die Vergangenheit kein Garant für künftige Entwicklungen ist.

Foto: AdobeStock / kaktuzoid

 

 

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BIP-Trends und Stimmungsindikatoren

Bei der Frage nach einer Rezession scheiden sich die Geister.

Michael Kordovsky. Sowohl die Verbraucherstimmung als auch die sogenannten „Einkaufsmanager-Indizes“ haben eine Gemeinsamkeit: Sie beruhen auf Umfragen und fangen die aktuelle Marktstimmung ein. Das ist wichtig, denn die Stimmungsindikatoren von heute beeinflussen die Wirtschaftsdaten von morgen.

Bis Jahresende hielt Dynamik an, aber …
Während sich Chinas BIP-Wachstum bei einem Jahreswachstum von 8,1 % im Jahr 2021 bis zum 4. Quartal auf 4 % abschwächte (3. Quartal 2021: 4,9 %) kam es im Euroraum im 4. Quartal 2021 sogar zu einer Wachstumsbeschleunigung von 4,0 (im 3. Quartal) auf 4,6 %. In den USA beschleunigte sich das BIP-Wachstum von 4,9 auf 5,6 %, und betrachtet man den US-Arbeitsmarkt, so beginnt sich dort bereits aufgrund von Personalmangel die Lohn-Preis-Spirale zu drehen. Binnen eines Jahres war nämlich in den USA die Arbeitslosenquote von 6,2 auf 3,8 % rückläufig.

… neue Herausforderungen sind nun das Thema
Doch kaum scheint sich die Wirtschaft langsam vom disruptiven Ereignis der Corona-Pandemie zu erholen, werden durch den vom Ukraine-Krieg ausgelösten Öl-Schock die Konsumenten und Unternehmen erneut in Panik versetzt. In sehr energieintensiven Bereichen gab es wegen hoher Erdgaspreise bereits vorübergehende Betriebsschließungen. Der Russland-Exodus namhafter Firmen und ein wegfallender Absatzmarkt sowie erneute Lieferkettenunterbrechungen sind das Thema und kaum flaut die Kriegsthematik in den Nachrichten ab, hat China zur Corona-Bekämpfung gleich ganze Stadtteile in Shanghai abgeriegelt.

Umso spannender ist ein Blick auf Stimmungsindikatoren deren zugrundeliegende Befragungen nach dem 24. Feber endeten. USA: Der vorläufige Verbraucher-Sentiment-Index der Universität Michigan fiel Anfang März gegenüber dem Vormonat von 62,8 auf 59,7 Punkte und somit auf den niedrigsten Stand seit 2011. Im Zusammenhang mit dem Konjunkturausblick erwähnten 24 % der Befragten die Ukraine-Krise. Auch in Südafrika drückt dies bereits auf die Verbraucherstimmung.

Die US-Industrie hat indessen quer durch den Feber von der Ukraine-Krise noch wenig gespürt und zeigte laut ISM-Report noch eine leichte Expansionssteigerung auf hohem Niveau.

In der Eurozone hat sich bis Ende der Umfrage, einen Tag vor dem Kriegsausbruch, wieder eine starke Erholung im Vergleich zum Jänner gezeigt. Der Aktivitätsindikator für die Privatwirtschaft stieg gegenüber dem 11-Monatstief von Jänner um 3,2 auf 55,5 Punkte und somit auf den höchsten Wert seit September 2021.

Allerdings verhinderten Lieferengpässe und Personalknappheit das Erreichen der Rekordwerte der ersten Jahreshälfte 2021. Gleichzeitig beflügelten Corona-Lockerungen den Service-Sektor. Aller-dings ist davon auszugehen, dass die hohe Inflation, die mit 5,9 % einen Rekordwert im Euroraum erreichte, sehr viel an realem BIP-Wachstum kostet.

Weltweit zeigte sich im Feber im „JPMorgan Global Manufacturing PMI“ eine Erholung von der Corona-Krise durch einen Anstieg von einem 15-Monats-Tief (53,2) auf einen Wert von 53,6 Punkte. Lieferengpässe, Personalmangel und Teuerung waren kritische Punkte und der Konflikt mit Russland hat bereits vor dem Kriegsausbruch die Stimmung unter den Führungskräften getrübt.

Fazit
Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs werden sich erst so richtig in den Einkaufsmanager-Indizes für März entfalten. Vorboten lassen neue Stimmungstiefs erwarten. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) hat beispielsweise seine Prognose für das deutsche BIP-Wachstum im Jahr 2022 von 4 auf 2,1 % fast halbiert.

Foto: Pixabay / 955169

 

 

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Back in the U.S.S.R

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE. (15.03.)

(15.03.) Mit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar dieses Jahres ist für die Opfer, die Verletzten und die Geflüchteten eine düstere Zeit angebrochen. Aus der Ferne betrachtet erinnert dieser Einmarsch an finstere Episoden wie die Invasion der UdSSR in Afghanistan 1979 oder die des Iraks in Kuwait 1990. In beiden Fällen musste sich übrigens der vermeintlich besser bewaffnete Angreifer zurückziehen…

Zudem scheinen die wehmütigen Reden des heutigen russischen Präsidenten von einem Sowjetreich und sein vorwurfsvoller Tonfall gegenüber der NATO ein Umfeld zu schaffen, das durchaus mit dem Kalten Krieg vergleichbar ist. Sind wir „Back in the U.S.S.R.“, wie es im Song der Beatles aus dem Jahr 1968 heißt – übrigens nur kurze Zeit nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Sowjets?

Dies ist durchaus zutreffend, was die „antiimperialistischen“ Parolen betrifft, wenngleich von kommunistischer Rhetorik nichts mehr zu hören ist. Es stimmt auch im Hinblick auf den autokratischen Charakter des Regimes und die verschärfte Zensur in Russland.

Lokaler Konflikt mit harten globalen Folgen
Was die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen für den Rest der Welt anbelangt, stimmt es hingegen nicht. Denn auf wirtschaftlicher Ebene sind die unmittelbaren globalen Konsequenzen dieses lokalen Konflikts weitreichender als zahlreiche sowjetische Konflikte in der Vergangenheit (abgesehen vom zweiten Weltkrieg, versteht sich). Dieser Konflikt hat die Inflation auf Rekordniveaus getrieben, indem er für eine Preisexplosion bei den meisten Rohstoffen gesorgt hat. Natürlich hatten auch einige Konflikte zur Zeit des Kalten Krieges bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen. Der Vietnamkrieg hatte beispielsweise die Kassen der USA geleert und das Ende des Goldstandards zugunsten des Dollars beschleunigt. Die Rohstoffversorgung blieb davon jedoch weitgehend unberührt. Ein Beispiel aus der Geschichte, das der derzeitigen Lage eher ähnelt, ist die Ölpreiskrise Ende 1973, die nicht unmittelbar mit dem Kalten Krieg verknüpft ist. Seinerzeit hatte sich der Ölpreis in nur wenigen Monaten vervierfacht. Beim zweiten Preisschock im Jahr 1979 hatte er sich fast verdreifacht.

Zurzeit ist das Ausmaß gewiss geringer. Doch zum einen ist der Konflikt noch nicht beendet, und zum anderen wirkt er sich auch auf andere Rohstoffe aus, insbesondere auf einige für die Energiewende wichtige Metalle (Palladium, Nickel, Cobalt usw.) und auf essenzielle Agrarrohstoffe (Weizen, Mais, Soja usw.). Der derzeitige Preisschock bei den Rohstoffen ist in diesem Stadium also vielleicht weniger stark, dafür aber weitreichender. Außerdem verschärft er die bereits kritische Lage für bestimmte Güter (Autos, Halbleiter) und Sektoren (insbesondere amerikanische Immobilien).

Wenn Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät …
Die beiden Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre hatten verheerende wirtschaftliche Konsequenzen und setzten den „dreißig glorreichen Jahren“ ein Ende. Da die vergangenen dreißig Jahre dieses Mal nicht so „glorreich“ waren, wird die aktuelle Inflation auch keiner florierenden Wirtschaft ein Ende setzen. Sie könnte hingegen etwas anderem ein Ende setzen, nämlich der – trotz einiger Phasen schrittweiser Leitzinserhöhungen – insgesamt akkommodierenden Politik der Zentralbanken und den tendenziell sinkenden Nominalzinsen.

Denn wenn sich die Inflation erst einmal im Wirtschaftssystem festgesetzt hat, lässt sie sich nicht mehr schmerzfrei bekämpfen. Dies gilt insbesondere dann, wenn eine hohe Nachfrage auf ein rückläufiges Angebot trifft, was zurzeit der Fall ist. Ihr ein Ende zu machen, kann drastische Anhebungen der Leitzinsen erfordern, wovor die Zentralbanken zurzeit zurückschrecken, weil sie damit die Konjunktur abwürgen würden. Natürlich bewegen sie sich im Moment in diese Richtung, aber mit augenfälliger Verspätung und einem Höchstmaß an Zurückhaltung. Daher liegt der US-Leitzins immer noch nahe null, während sich die Inflation bereits der 8-%-Marke nähert. In Europa belässt die EZB die Leitzinsen im negativen Bereich, obwohl sie für 2022 mit einer Teuerung von fast 5 % rechnet! Wenn die Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät, müsste man viel energischer handeln und die gesamte Wirtschaft ausbremsen.

Neue wirtschaftliche Konstellation entsteht
Die Verbraucher auf der ganzen Welt werden also die Auswirkungen des Konflikts zu spüren bekommen, ebenso wie die Produzenten, die von Rohstoffen abhängen, und sogar Dienstleistungsunternehmen, die durch eine mögliche Verschlechterung der Stimmung der Privathaushalte, weniger wirtschaftliche Transparenz und schlechterer Finanzierungsbedingungen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Doch aus dieser Flaute ergibt sich auch eine neue wirtschaftliche Konstellation, die Chancen birgt. Zu den ersten Gewinnern werden Unternehmen gehören, die in den Bereichen lokale oder erneuerbare Energien oder Energieeffizienz tätig sind. Auch Unternehmen mit Bezug zu den Bereichen Rüstung und Sicherheit werden gestärkt, da sie insbesondere von den Aufrüstungsmaßnahmen Deutschlands profitieren, durch die der über 70 Jahre niedrig gehaltene Verteidigungsetat nun umfassend erhöht wird. Erzeuger von Energie aus traditionellen Quellen können wiederum ihre Gewinnüberschüsse zur Finanzierung ihrer Energiewende nutzen. Ganz allgemein dürfte jedes Unternehmen, das zur Optimierung von Ressourcen oder zur Unabhängigkeit Europas von strategischen Waren, Dienstleistungen und Materialien beiträgt, von einem gewissen Aufwind profitieren. So wie der in die UdSSR zurückkehrende Reisende im Song der Beatles: „You don’t know how lucky you are, boy“.

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Wo Experten jetzt Chancen sehen

Die steigende Inflation wird von der Energiekrise angeheizt – ein schwieriges Umfeld.

Raja Korinek. Es sind erst wenige Wochen her, da knackte der Ölpreis erstmals seit Längerem wieder die Marke von 100 USD. Grund ist für die rasante Entwicklung ist freilich der Ukraine-Konflikt, der sich weiter zuspitzt. Eine schnelle Entspannung ist deshalb ebenso wenig bei den Energiepreisen wie auch bei der steigenden Inflation in Sicht.

Die Inflation schnellt hinauf
Stefan Riße
, Kapitalmarktstratege beim deutschen Vermögensverwalter Acatis Investment, meint „selbst wenn Ölpreis nicht weiter steigt, wird einige Zeit vergehen, bis sich allein der Basiseffekt daraus relativiert“. Auf solche und weitere Entwicklungen ging der Marktexperte im Rahmen seines Vortrages zu der Ukraine-Krise und einer möglichen Neuordnung der Finanzmärkte ein. Der Börsen-Kurier war dabei.

Freilich, die steigende Inflation ist bereits deutlich sichtbar. Sie erreichte in der Eurozone im Feber 5,8 % im Jahresvergleich. In den USA lag der Zuwachs bei 7,9 %. Aus diesem Grund verkündete die EZB in ihrer jüngsten Sitzung, das Anleihekaufprogramm voraussichtlich noch heuer zu beenden. Selbst eine erste Zinsanhebung ist denkbar.

Auch der Handelskrieg tobt
Inzwischen hat der Westen zahlreiche Sanktionen gegen Russland verhängt, immer mehr Unternehmen ziehen sich zudem aus der Region zurück. Riße meint, während Russlands Wirtschaft deshalb besonders hart getroffen werden dürfte, werde auch Europas Wirtschaftswachstum ein gutes Stück schrumpfen. Die Ansicht teilt man auch in anderen Häusern. Bei Carmignac wurden die Prognosen zuletzt nach unten revidiert. Für die Eurozone wurde das Wachstum heuer auf 2,3 % herabgesetzt, für die USA auf 3 %.

Riße verweist auch auf die volatilen Aktienmärkte in diesem Zusammenhang: „Vor kurzem rechneten Marktteilnehmer mit einem raschen Einmarsch in die Ukraine, somit einem schnellen Ende des Krieges, wie es auch bei der Krim der Fall war.“ Nun zeige sich, dass sich der Konflikt länger als erwartet hinauszögere, ein Umstand, der Börsenteilnehmer verunsichert.

Russland-Exposure nicht vergessen
Umso mehr steht Riße zufolge ein selektiver Investmentzugang im Fokus. Der habe sich bislang bewährt, etwa weil man deshalb nicht in Bankaktien investiert war. „Wir versäumten damit deren Kurshausse, müssen die jüngsten Rücksetzer dafür ebenso wenig verbuchen.“ Der Acatis-Experte verweist auf das hohe Russland-Exposure einiger Europahäuser, etwa der Raiffeisen Bank International, UniCredit (ISIN: IT0005239360) und von Société Générale (FR0000130809).

Chancen mit Tech-Aktien?
Riße rät nunmehr antizyklische Chancen zu nutzen und findet, dass beispielsweise Technologieaktien – nach den jüngsten Rücksetzern – einen interessanten Einstieg böten. Denn Großkonzerne wie Alphabet (US02079K3059), Facebook (US30303M1027) und Microsoft (US5949181045) dürften vom Krieg kaum betroffen sein, das Russlandgeschäft solcher Unternehmen sei zudem überschaubar. Überhaupt deuten die hohen Short-Positionen an der Nasdaq – mit solchen Wetten spekulieren Investoren auf fallende Kurse – auf einen überverkauften Markt. Und damit auf eine mögliche Wende, meint Riße.

Auch im Gesundheitsbereich sieht man bei Acatis gute Chancen, etwa mit der Aktie von Ensign (US29358P1012) aus den USA. Das Unternehmen betreibt Rehazentren, Alten- und Pflegeeinrichtungen. Das Geschäftsmodell sei krisensicher, die Mietverträge beinhalten zudem eine Inflationsanpassung. Solch eine Eigenschaft dürfte zunehmend gefragt sein.

Foto: AdobeStock / tong4130

 

 

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Nachhaltigkeit wird zur Pflicht bei der Geldanlage

Ab 2. August 2022 ändern sich die Spielregeln beim Investieren.

Andreas Dolezal. Mit dem Grünen Deal verfolgt die Europäische Kommission bekanntlich das Ziel, Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent der Erde zu machen. Bis zum Jahr 2050 möchte die EU Netto-Treibhausgasemissionen von null erreichen. Dieser epochale Transformationsprozess wird Billionen von Euros kosten, die nicht nur die Politik zur Verfügung stellen soll, sondern auch Privatanleger. Das Ziel eines Europas mit Netto-Nullemissionen „erfordert auch klare Signale an die Anleger in Bezug auf ihre Investitionen, um verlorene Vermögenswerte zu vermeiden und nachhaltige Finanzmittel zu mobilisieren“, formuliert die EU-Kommission.

Die nächste Stufe dieser Mobilisierung zündet am 2. August 2022. Ab diesem Dienstag müssen Finanzberater (von Banken, Versicherungen und Wertpapierunternehmen) ihre Kunden verpflichtend nach deren „Nachhaltigkeitspräferenzen“ bei der Geldanlage befragen. Denn an diesem Tag treten die Änderungen der zugehörigen EU-Verordnungen für Wertpapier- (MiFID II) und Versicherungsberatung (IDD) in Kraft.

Eignungsbeurteilung
Schon heute müssen Sie als Anleger zahlreiche Fragen zu Ihren Anlagepräferenzen beantworten, bevor ein Finanzberater für Sie geeignete Anlageprodukte wie Investmentfonds oder Lebensversicherungen empfehlen darf. Erfahrungen und Kenntnisse im Anlagebereich, regelmäßiges Einkommen und Vermögensverhältnisse, Risikotoleranz, Anlagehorizont usw. sind nur ein paar Beispiele von Anlagepräferenzen, nach denen Sie bereits gefragt werden (müssen). Zu diesen Fragen kommen ab 2. August 2022 noch ein paar weitere hinzu. Der Fachbegriff für diese Abfrage und die daraus resultierenden Anlageempfehlungen lautet „Eignungsbeurteilung“.

Bevor Sie jetzt zu Grübeln beginnen, weil Sie sich mit Ihren persönlichen Nachhaltigkeitspräferenzen bis dato noch gar nicht beschäftigt haben: Die EU legt in den neuen Bestimmungen nicht nur fest, dass Sie als Anleger nach Ihren Nachhaltigkeitspräferenzen gefragt werden müssen, sondern auch wie, wonach und in welcher Reihenfolge. Sie brauchen sich also keine Gedanken darüber zu machen, welche Kriterien für Sie persönlich nachhaltiges Investment auszeichnen. Das macht vorsorglich die EU für Sie.

Nachhaltigkeitspräferenzen
Die EU definiert als „Nachhaltigkeitspräferenz“ die Entscheidung eines (potenziellen) Kunden da-rüber, ob und – wenn ja – mit welchem Mindestanteil in ein Finanzprodukt investiert werden soll, das im Sinne der Taxonomie oder der Offenlegungsverordnung anlegt. Ebenso müssen Sie gefragt werden, ob in ein Produkt investiert werden soll, „bei dem die wichtigsten nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigt werden“. Dabei bestimmen Sie die „qualitativen oder quantitativen Elemente“.

Sie wissen nicht, was ein Finanzprodukt im Sinne der Taxonomie oder der Offenlegungsverordnung ist? Sie haben noch nie von nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren gehört? Und Sie wissen nicht, was mit qualitativen und quantitativen Elementen gemeint ist? Keine Sorge, Ihnen wird geholfen werden.

Der europäische Gesetzgeber weiß augenscheinlich, dass Anleger mit Fragestellungen im Wortlaut spröder Gesetzestexte wenig anfangen können. Daher verlangen die Bestimmungen auch, dass Finanzberater erklären können, was nachhaltige Finanzprodukte gemäß Taxonomie und Offenlegungsverordnung sind, und wie sich solche Finanzprodukte von anderen Finanzprodukten unterscheiden, die diese Merkmale nicht aufweisen. „Damit die Kunden oder potenziellen Kunden diese verschiedenen Nachhaltigkeitsgrade verstehen und mit Blick auf die Nachhaltigkeit fundierte Anlageentscheidungen treffen können“, schreibt die EU-Kommission. Finanzberater werden also entsprechend geschult sein, um ihre Kunden aufklären zu können.

Compliance- und Rechtsabteilungen von Banken, Versicherungen und Wertpapierunternehmen zerbrechen sich seit Monaten die Köpfe darüber, wie die Erklärung der verschiedenen Finanzprodukte aussehen könnte bzw. der sperrige Gesetzeswortlaut in verständliche Fragen übersetzt werden kann. Das klingt viel einfacher als es tatsächlich ist. Der Teufel steckt im Detail. Als Leiter einer diesbezüglichen Arbeitsgruppe des Fachverbandes Finanzdienstleister in der Wirtschaftskammer kann ich ein Lied davon singen.

Sie können, aber Sie müssen nicht
Zur Klarstellung: Banken, Versicherungen und Wertpapierdienstleister müssen neue (potenzielle) und bestehende Kunden spätestens ab 2. August nach den Nachhaltigkeitspräferenzen fragen. Sie dürfen Ihre nachhaltigen Anlagewünsche äußern, oder antworten, dass Ihnen die EU-Kriterien für nachhaltige Investitionen bei der Geldanlage nicht wichtig sind. Die Bestimmungen erlauben es Ihnen weiterhin, in Finanzprodukte zu investieren, die keine nachhaltigen Merkmale aufweisen bzw. keine nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigen.

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA schreibt dazu in ihrem Leitlinienentwurf zur Eignungsbeurteilung: „Wenn ein Kunde die Frage, ob er Nachhaltigkeitspräferenzen hat, nicht beantwortet oder mit ‚nein‘ antwortet, kann die Firma diesen Kunden als ‚nachhaltigkeitsneutral‘ betrachten und Produkte sowohl mit als auch ohne nachhaltigkeitsbezogene Merkmale empfehlen.“ Ganz entmündigt werden wir Anleger also doch (noch) nicht.

Foto: AdobeStock / IckeT

 

 

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Ukraine-Krise beschleunigt Energiewende

Grüne Energiequellen machen Europa unabhängiger von russischem Erdgas.

Michael Kordovsky. Die Erdgaslagerbestände sind relativ niedrig und noch immer bezieht die EU rund 40 % des Erdgases aus Russland, Österreich sogar 80 %. Doch was passiert bei plötzlichen Ausfällen? Dazu Christian Kimmich, Senior Researcher und Sprecher für Klima- und Umweltpolitik beim IHS, gegenüber dem Börsen-Kurier: „Unmittelbarer Ersatz für Ausfälle ist wohl nur durch andere Quellen möglich, insbesondere durch das preislich, aber eben auch energetisch deutlich teurere Flüssiggas. Umso wichtiger ist es, die Energie- und Wärmewende jetzt zu beschleunigen.“ Ein Entwurf für das Erneuerbare Wärmegesetz soll schon im Mai vorliegen. „Parallel sollte der Umstieg auf Wärmepumpen oder teilweise auch andere Wärmelösungen und Investitionen in Dämmung und thermische Isolationen und entsprechende PV-Anlagen so einfach wie möglich gemacht werden. Insbesondere die Haushalte sind hier gefragt, weil die Substitution in der Industrie nicht so leicht ist“, so Kimmich. Damit können wir auch nichtnachhaltige Sofortmaßnahmen, wie beispielsweise Kraftwerksverlängerungen, zumindest teilweise ersetzen. „Entscheidend wird also sein, wie der Umstieg der Haushalte finanziell, aber auch beratend und administrativ so einfach und schnell wie möglich gelingen kann. Die unabhängige Energieberatung könnte hier eine entscheidende Rolle spielen“, erklärt Kimmich.

Ukraine-Krise als Beschleunigungsfaktor
Die Krise ist auf jeden Fall eine Chance für die Energiewende, vor allem für die Wärmewende. „In österreichischen Haushalten sind noch circa 900.000 Gasthermen aktiv. Ein Großteil sollte relativ bald durch Wärmepumpen ersetzt werden, thermische Isolierung ist aber in vielen Fällen zusätzlich nötig. Photovoltaik auf dem Dach ist die ideale Ergänzung. Die Krise wird hier mit Sicherheit beschleunigend wirken, der Förderrahmen durch Bund und Länder zum Ausstieg ist gegeben“, zeigt Kimmich Zuversicht.

Kritischer wird auf der Ebene der Stromversorgung die Überbrückung der Phasen ohne Wind und Sonne im Winter, also die Entwicklung saisonaler Speicherlösungen. Gas ist bei der Energiewende bisher eben noch komplementär zu den Erneuerbaren: „Pumpspeicherkraftwerke, Smart Grids, oder auch Elektroautos als Regelkraftwerke werden aber attraktiver.“

„Wenn jetzt eine erhöhte Investitionsbereitschaft für erneuerbare Energieträger besteht, müssen neben den Spitzenlastkraftwerken aber auch andere Engpässe berücksichtigt werden, beispiels-weise Vorlaufzeiten für Inbetriebnahme, Lieferengpässe, aber auch der Arbeits- und vor allem Fachkräftebedarf beim Ausbau der Erneuerbaren Energien“, so Kimmich uns gegenüber.

Am 8. März 2022 hat die EU mit „REPowerEU“, einem gemeinsamen europäischen Vorgehen für erschwinglichere, sichere und nachhaltige Energie auf die Ukraine-Krise reagiert. Ziel: Europa soll deutlich vor 2030 von fossilen Brennstoffen aus Russland, zu-nächst von Erdgas, unabhängig werden. Durch „REPowerEU“ soll die Gasversorgung diversifiziert und die Einführung von Gas aus erneuerbaren Quellen für Heizung und Stromerzeugung beschleunigt werden. Dadurch kann die Nachfrage der EU nach russischem Gas vor Ende des Jahres um zwei Drittel verringert werden. Bereits am 14. Juli 2021 hat die Europäische Kommission das „Fit for 55“-Paket präsentiert und zwölf Vorschläge angenommen, um die Politik der EU in den Bereichen Klima, Energie, Landnutzung, Verkehr und Steuern so zu gestalten, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % gegenüber dem Stand von 1990 gesenkt werden. In Bezug auf Russland-Abhängigkeit verkündete die Europäische Kommission: „Durch eine vollständige Umsetzung der Vorschläge der Kommission im Rahmen des Pakets ‚Fit für 55‘ würde unser jährlicher Verbrauch an fossilem Gas bis 2030 bereits um 30 % oder 100 Mrd Kubikmeter reduziert. Mit den Maßnahmen im Rahmen des Plans „REPowerEU“ könnten wir schrittweise mindes-tens 155 Mrd Kubikmeter fossiles Gas einsparen; dies entspricht der Menge, die 2021 aus Russland eingeführt wurde. Nahezu zwei Drittel dieser Verringerung könnten binnen eines Jahres erreicht werden, womit die übermäßige Abhängigkeit der EU von einem einzelnen Lieferanten beendet wäre.“

Höhere Gasreserven und grüner Energieboom
Bis April will die Kommission einen Gesetzgebungsvorschlag vorlegen, nach dem die unterirdischen Gasspeicher in der gesamten EU bis zum 1. Oktober eines Jahres zu mindestens 90 % ihres Fassungsvermögens gefüllt sein müssen. Der Vorschlag würde die Überwachung und Durchsetzung der Füllstände nach sich ziehen und die Möglichkeit von Solidaritätsvereinbarungen zwischen Mitgliedstaaten vorsehen.

„Durch die Sektorkopplung hat der Ersatz von fossilem Gas Auswirkungen auf die Attraktivität fast aller Technologien. Insbesondere der Ersatz für Gas in der Spitzenlastabdeckung bei der Stromversorgung wird entscheidend sein. Es geht hier also nicht um die Grundlast, wie sie durch Atomkraft oder Kohle bereitgestellt wird. Da bringt auch eine Verlängerung nichts. Vielmehr spielen hier Power-to-Gas, Wasserstoff und Biomethan auf der Versorgungsseite, aber auch SmartMeter und dezentrale Speicherlösungen auf der Nachfrageseite eine zentrale Rolle“, erklärt Kimmich gegenüber dem Börsen-Kurier, und ergänzt: „Natürlich wird auch die Wasserstoff-Forschung und -Entwicklung beschleunigt werden, grüne F&E Projekte sollten hier profitieren, entsprechende Fördermaßnahmen getroffen werden. Der mittel- und langfristig zu erwartende Preis von fossilem Gas, vor allem Flüssiggas, ist wohl der unmittelbare Gradmesser für die Konkurrenzfähigkeit von grünem Wasserstoff. Entsprechend attraktiv werden Investitionen in die Erzeugungskapazitäten, aber auch in der Wasserstoffnutzung.“

Rohstoffbeschaffung entscheidend
Durch neue Energien und grüne Mobilität entstehen neue Wertschöpfungsketten mit anderen Engpässen als heute. Umso wichtiger ist der Zugang zu den benötigten Grundstoffen. Dazu Kimmich: „Wir haben im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz auch ein Szenario untersucht, in dem größere Investitionen in Wertschöpfungsketten in Österreich getätigt werden. Damit könnten Unterbrechungen von globalen Wertschöpfungsketten zumindest teilweise abgefedert werden. Die Rohstoffbeschaffung ist aber natürlich ein entscheidender Teil für das europäische Potenzial, beispielsweise der PV-Branche in Österreich, der hier limitierend wirkt.“

Technologische Souveränität in Europa hängt eben auch von den Ressourcen ab. Entscheidend für die Produktion werden also zunehmend auch die benötigten Ressourcen für erneuerbare Energien werden – und deren Herkunftsländer.

„Für den Ersatz von fossilem Gas spielt natürlich auch Biomethan eine Rolle. Die Einspeisung und Verstromung soll im Rahmen des EAG von 0,15 TWh auf 5TWh pro Jahr erhöht werden. Dabei wird nachhaltig erzeugte Biomasse entscheidend sein“, so Kimmich abschließend.

Foto: Pixabay / Piro4D

 

 

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Europa setzt auf Wasserstoffenergie

Von Pascal Menges, Head of Equity Investment Process and Research, Lombard Odier Investment Managers

(07.03.) Der Krieg in der Ukraine, steigende Gaspreise, Pleite gegangene Energieversorger und horrende Energierechnungen für die Verbraucher – die Energiekrise in Europa ist unerbittlich. Im Moment spricht alles für eine Beschleunigung der Energiewende.

So haben beispielsweise Iberdrola und BP vor kurzem Investitionen in neue Kraftwerke zur Erzeugung von grünem Wasserstoff auf der iberischen Halbinsel bzw. in Großbritannien angekündigt. BP, einer der größten Öl- und Gaskonzerne der Welt, erwägt ebenfalls die Produktion von grünem Wasserstoff in Raffinerien in Deutschland, Spanien und den Niederlanden und will bis 2030 10 % des Marktes für kohlenstoffarmen Wasserstoff erobern.

Europa bleibt das Zentrum der Wasserstoffentwicklung. Mehr als die Hälfte der angekündigten Projekte und geschätzte Investitionen in Höhe von 130 MrdUSD entfallen auf Europa. Dennoch haben alle anderen Regionen mit einem Anstieg der Projektankündigungen um über 75 % proportional mehr zugelegt.

(Foto: LOIM)

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Ist die nächste Rezession im Anmarsch?

Ein Komplett-Abbruch geschäftlicher Beziehungen mit Russland ist gefährlich.

Michael Kordovsky. Noch im Jänner rechnete der IWF für 2022 und 2023 mit je 4,4 bzw. 3,8 % Weltwirtschaftswachstum. Doch Inflationsschock und Ukraine-Krieg machen einen Strich durch die Rechnung. Firmen, die im Laufe von Jahrzehnten in Russland Niederlassungen und Zweigwerke errichteten oder Joint Ventures eingingen, ziehen sich über Nacht aus Russland zurück. Exporteure stellen Warenlieferungen ein und Importeure brechen die Geschäftsbeziehungen zu Russland ab. Sanktionen beschränken den Warenverkehr. Im Energiebereich gibt es Exportsperren für bestimmte Güter, genauso für Flugzeugteile und Mikrochips. Gleichzeitig sind mehrere russische Banken vom Zahlungsverkehr im Swift-System ausgeschlossen und die Kreditkartenanbieter Mastercard und Visa setzen Sanktionen gegen Russland um. In der Folge kommt der Handel immer mehr zum Erliegen und die Karawane des Rückzugs wird zunehmend prominenter und länger.

Namhafte Beispiele des internationalen Boykotts
Apple stellt vorerst Verkäufe von Smartphones, Tablets und anderen Produkten ein und schränkt den Bezahldienst Apple Pay und andere Dienste ein. Siemens streicht das Neugeschäft und stoppt internationale Lieferungen. Aldi stellt den Verkauf von russischem Wodka ein und H&M verkauft bis auf weiteres überhaupt nichts mehr in Russland.

BMW wiederum schließt vorerst seine Produktionsstätten im russischen Kaliningrad und stellt Exporte ein. Nike sperrt Online-Verkäufe, Boeing setzt das Russland-Geschäft aus, Ford zieht sich komplett zurück, Volvo stoppt die Produktion und den Verkauf in Russland und der weltgrößte Lkw-Hersteller Daimler Truck friert seine Kooperation mit dem russischen Produzenten Kamaz ein. Gleichzeitig mustern westliche Supermärkte reihenweise russische Produkte aus und sogar Speditionen stellen Sendungen nach Russland vorerst ein. Es sieht so aus, als gehöre Russland-Boykott bereits im Rahmen ESG-orientierter Unternehmensführung zum guten Ton mit gewisser PR-Wirkung.

Globale Wachstumsdelle durch Sanktionen, aber …
Doch sollten die gesamten volkswirtschaftlichen Verluste durch Wegfall des Russland-Geschäftes und der Rubelabwertung, die unter Umständen sogar zur Hyperinflation in Russland führen könnte, nicht unterschätzt werden. Eine Halbierung von Russlands Wirtschaftsleistung wäre nicht verwunderlich. Russlands Anteil am Welt-BIP liegt aber bei 3,1 %. Gleichzeitig kommen Russlands Importe vollständig zum Erliegen.

Nehmen wir 2019 als letztes Jahr vor Corona: Die Importe Russlands machten damals laut Michigan State University 247,16 Mrd-USD aus. Wichtigster Partner war China, das 2019 Waren im Wert von rund 54 MrdUSD nach Russland exportierte, gefolgt von Deutschland (25 MrdUSD), Belarus (14 MrdUSD) und den USA (13 Mrd-USD). Die Importe Russlands wären also in vernachlässigbarer Größenordnung und können schnell durch höhere Rüstungsausgaben weltweit überkompensiert werden. Allein der deutsche Kanzler Olaf Scholz kündigte zum Upgrade der Bundeswehr 100 MrdE an Sonderbudget an. Es geht bei den Exporten nach Russland primär um technische Produkte, nämlich industrielle Maschinen (43 MrdUSD), elektrische Maschinen (30 MrdUSD) und Fahrzeuge samt Ersatzteilen (24 MrdUSD). Mit aller Multiplikator-Wirkung würde aufgrund der schwindenden Wirtschaftskraft Russlands und des Wegfalls der Exporte dorthin die globale Konjunktur vielleicht zwischenzeitlich auf einen Wachstumslevel von 2,4 % abkühlen.

Rezessionspotenzial durch Angebotsschock
Wesentlich gefährlicher sind der Angebotsschock und der daraus resultierende Inflationsschub. Russlands Exportvolumen 2019 sieht mit 427 MrdUSD global gesehen noch einigermaßen überschaubar aus, doch die Exportwaren sind von Bedeutung. Es geht nämlich um wichtige Grundstoffe. Alleine die EU deckt 40 % ihres Erdgasbedarfs mit Russland-Importen, Österreich sogar 80 %, und wenn diese hierzulande wegfallen, bedeutet dies Rationierung und Produktionsstopp für zahlreiche Industriebetriebe.

Und es kommt noch schlimmer, bis hin zur drohenden globalen Hungersnot im Worst Case: In der Ukraine überschatten die kriegerischen Auseinandersetzungen die Frühjahresaussaat von Weizen. Allerdings kommen ca. 30 % der weltweiten Weizen-Exporte aus Russland und der Ukraine und laut International Grain Council (IGC) werden die Reserven der wichtigen Weizen-Exporteure EU, Russland, USA, Kanada, Ukraine, Argentinien, Australien und Kasachstan in der aktuellen Erntesaison 2021/22 auf ein Neun-Jahres-Tief von 57 Mio. Tonnen fallen. Rechnet man russische und ukrainische Lagerbestände heraus, liegt die Versorgungssicherheit bei weniger als drei Wochen.

Der Märzkontrakt für Weizen ist allein vergangene Woche um 42 % gestiegen, im laufenden Jahr um 56 %. Ägypten mit mehr als 100 Mio Einwohnern importiert einen großen Teil des Weizens aus Russland und der Ukraine, gleiches gilt für Tunesien, während die Türkei 2020 rund 65 % ihres Weizens aus Russland bezog. Hier könnten steigende Weizenpreise die Inflation nochmals befeuern und sogar zu einem politischen Umsturz führen. Ebenso sozialer Sprengstoff wären explodierende Brotpreise in Ägypten und Tunesien.

Aufgrund eines Mangels an Düngemitteln (zeichnete sich schon vor dem Ukraine-Krieg ab) könnte es bald weltweit zu rückläufigen Ernten kommen und die Witterung tut ihr Übriges, denn: Russland ist weltweit einer der wichtigsten Lieferanten von Düngemitteln und verwandten Rohstoffen. Im Vorjahr war Russland größter Exporteur von Harnstoff, NPK-Mehrnährstoff-Düngern (Stickstoff, Phosphor und Kalium), Ammoniak, HAN-Düngern und Ammoniumnitrat. Auch ist Russland drittgrößter Kaliexporteur und bei Phosphaten und Schwefel auf Rang vier. Russland und Weißrussland liefern circa 40 % der weltweiten Kali-Exporte, zu deren Hauptabnehmern China, Brasilien und Indien gehören.

Weitere Schwierigkeiten wird der Westen noch durch Nickel- und Palladiummangel bekommen, denn: Russlands Förderanteil an Palladium liegt bei 43 %. Es wird für Auto- und Industriekatalysatoren benötigt. Der weltgrößte Palladium- und raffinierte Nickelproduzent der Welt ist Norilsk Nickel. Als Batteriemetall in E-Autos und wichtiges Legierungsmetall könnte auch Nickel knapp werden. Das Hauptopfer dieser Entwicklungen ist die Automobilindustrie – nicht zuletzt auch durch Ausfälle ukrainischer Hersteller von Kabelbäumen. Wegen fehlender Kabelbäume drosseln bereits Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen, Porsche, Audi und der Lkw-Hersteller MAN ihre Produktion.

Fazit
Zu den coronabedingten Lieferausfällen gesellen sich nun die Kriegsfolgen, während der Öl- und Inflationsschock seinen Verlauf nimmt. Fakt ist, dass bereits seit 1973 vier Ölschocks zumindest Co-Faktoren einer Rezession waren und auch die Getreideknappheit aktuell ein Thema ist. Die nächste Rezession könnte somit im Anmarsch sein.

Foto: Pixabay / NeonLightsQuito

 

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Sichere Netznutzung ist zunehmend gefragt

Angriffe im Internet nehmen zu, der Bedarf an Schutz ebenso. Die Anlagechancen sind vielfältig.

Raja Korinek. Der Ukraine-Kon­flikt hat auch die virtuelle Welt eingeholt. Inzwischen gibt es zahlreiche Meldungen zu Hackerangriffen sowohl im Westen als auch in Russland. Aus diesem Grund hat die EU das „Cyber Rapid Response Team“ (CRRT) nun aktiviert. „Das Team besteht aus zehn Cybersicherheitsbeauftragten aus sechs europäischen Ländern – Kroatien, Estland, Litauen, den Niederlanden, Polen und Rumänien – die jenen Ländern, die von Cyberangriffen betroffen sind, Hilfe leisten“, sagt Rahul Bhushan, Mitgründer des UK-Finanzhauses Rize ETF. In erster Linie soll das Team nun die Ukraine unterstützen.

Cybersecurity-Lösungen sind gefragt
Doch schon vor Ausbruch des Krieges hat die Zahl der virtuellen Attacken weltweit zugenommen. Grund ist die voranschreitende Digitalisierung, die von der Corona-Pandemie noch weiter beschleunigt wurde.

Ein Blick auf die Zahlen von Statista offenbart dabei Interessantes: 2020 lagen die globalen Ausgaben für IT-Sicherheit bei rund 133,8 MrdUSD. Sie erreichten im Vorjahr rund 150 MrdUSD. Und dürften noch weiter steigen.

Verständlich, dass auch in Österreich das Thema zunehmend in den Fokus rückt, eine Entwicklung, die in der „Global Digital Trust Insights Survey 2022“-Studie vom Unternehmensberater PwC bestätigt wird. Dieser zufolge planen sieben von zehn heimischen Unternehmen heuer einen wesentlichen Anstieg ihrer Investitionen in die Cybersecurity. Die Hälfte der Firmen kalkuliert dabei sogar eine Erhöhung der Budgets von mehr als 10 % zum Vorjahr ein und liegt damit weit über dem globalen Durchschnitt (26 %), zieht Georg Beham, Cybersecurity & Privacy Leader bei PwC Österreich, ein klares Fazit.

Zertifikate mit interessanten Lösungen
Interessierte Anleger könnten beispielsweise mittels Zertifikaten auf den wachsenden Trend breit gestreut investieren. Eine solche Möglichkeit bietet etwa das Cybersecurity-Indexzertifikat von Alphabeta Access Products (ISIN: DE000DA0AB89). Der Index umfasst insgesamt zehn Unternehmen, die auf den langfristigen Megatrend der Datensicherheit setzen. Regional entfallen rund 70 % auf die USA, gefolgt von Israel und Deutschland.

Größte Gewichtung entfällt derzeit auf Verisign (US92343E1029). Das US-Unternehmen vertreibt einerseits Domains, bietet andererseits Cybersecurity für das Internet an. Rapid7 (US7534221046) zählt ebenfalls zu den größten Positionen. Und hat sich ebenso auf die Sicherheit in der virtuellen Welt spezialisiert. Aus Deutschland ist etwa Secunet Security Networks (DE0007276503) im Index enthalten. Auch dieser Konzern bietet Lösungen rund um die IT-Sicherheit an.

Endverbraucher ebenso im Fokus
Die Bank Vontobel bietet hingegen das Cyber-Security-Indexzertifikat (DE000VS5ZCS6) an. Darin sind 15 Titel aus der Branche enthalten. Größte Gewichtung entfällt auf Check Point Software Technologies (IL0010824113), ebenfalls ein Anbieter von Cybersecurity. Norton Life Lock (US6687711084) hat sich mit seiner Sicherheitssoftware auf Endverbraucher spezialisiert. Cloudflare (US18915M1071) ist ebenso Teil des Indexes, wie auch bei Alphabeta Access Products (DE000DA0AAS6). Der Konzern betreibt ein Netzwerk an Servern, die Websites beschleunigen und vor böswilligen Angriffen schützen soll.

Trotz der langfristig positiven Aussichten müssen Anleger kurzfristig auch in diesem Bereich mit größeren Schwankungen rechnen. Zudem besteht für Anleger aus der Eurozone ein Währungsrisiko.

Foto: AdobeStock / Brian Jackson

 

 

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Insourcing Gebot der Stunde

AT&S erweitert Kapazitäten in der Heimat statt in Fernost.

Roman Steinbauer. Zur Grundsteinlegung des Baus eines neuen Forschungs-Centers (Grafik) für Substrat- und Packaging-Lösungen der AT&S Austria Technologie & Systemtechnik AG reisten knapp 100 Gäste nach Leoben-Hinterberg an. Auf dem direkt an den Geschäftssitz angrenzenden Areal von 18.000 m2 werden nach Fertigstellung 2023 ein Drittel der Fläche der Forschung, zwei Drittel einer angeschlossenen Kleinserien- und Prototypen-Produktion zur Verfügung stehen. Die Steirer gehen davon aus, dass der Nachfrage-Boom im Mikroelektroniksektor nicht so schnell abebben wird. Zudem würden die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit elektronischer Systeme weiter zunehmen, der Fokus auf F&E müsse daher verstärkt werden. Inklusive aller Ausbaustufen werden bis zum Jahr 2025 rund 500 Mio Euro in das Projekt investiert und damit 700 neue Arbeitsplätze in der Region geschaffen.

Geortetes Potential
Neben CEO Andreas Gerstenmayer und dem AR-Vorsitzenden Hannes Androsch lobten die Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort Margarete Schramböck, der steirische LH-Stv. Anton Lang sowie der Leobner Bürgermeister Kurt Wallner das Zustandekommen des Projekts. Das Management selbst zeigte sich insbesondere über den jüngst von der Europäischen Union beschlossenen „European Chips Act“ erfreut. Mit dieser Initiative sollen nicht nur für die Halbleiterproduktion starke Impulse ausgehen, vielmehr werde die Kontrolle über die Stationen und Elemente der gesamten kritischen Wertschöpfungskette angestrebt. AT&S (die Sparten Substrate und „advanced packages“ abdeckend) wolle durch innovative Lösungen diese Europa-Kompetenz wirtschaftlich realisieren und somit zur digitalen Souveränität des Kontinents einen Beitrag leisten. Als entscheidenden Faktor, in Österreich zu investieren, führte er zudem die Rechtssicherheit an.

Den Anschluss wahren
Androsch skizzierte in der zweistündigen Veranstaltung die 30-jährige Geschichte des Unternehmens, stellte aber auch einen Bezug zur Gegenwart her: „Wir rüsten uns selbst in diesen dunklen Zeiten für die Zukunft. Das Herz, Hirn und Nervenzentrum unserer Firma wird dabei in Leoben-Hinterberg bleiben!“ Er stellte aber auch Relationen her, in dem er Europas nachhinkende Rolle im Verhältnis zu den asiatischen Marktführern erwähnte, die in dieser Branche im selbigen Zeitraum 360 Mrd Euro investieren würden. Schließlich prognostizierte Androsch für AT&S ein starkes Wachstum. 2025 sieht dieser Umsätze von 3,5 Mrd Euro, die Belegschaft werde sich auf Konzernebene auf 25.000 Mitarbeiter ausweiten.

Illustration: AT&S

 

 

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Geheizte Räume auf dem Spiel?

Europas Energieversorgung ist viel zu stark von Russland abhängig.

Michael Kordovsky. Als am vergangenen Donnerstag russische Truppen die Ukraine angriffen, explodierte der Preis für UK-Erdgas (GWM April 2022) von knapp unter 220 auf mehr als 340 GBPence, ehe tags darauf wieder ein Rückgang um 22 % folgte. Die Kriegsunsicherheit trieb den Preis in exorbitante Höhen, ehe schon die Aussichten auf erneute Verhandlungen den Preis wieder um 22 % nach unten drückten. Diese Volatilität ist Zeichen der Unsicherheit. Niemand weiß wirklich, was Wladimir Putin mit seinem Angriffskrieg erreichen will. Weiterer Unsicherheitsfaktor bleibt das Verhalten Chinas. Aktuell verhält es sich neutral, weil Europa und die USA ja auch die wesentlich größeren Handelspartner sind, aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Volksrepublik die Ukraine-Krise nützt, um Taiwan zu annektieren.

Wie auch immer, saftige Sanktionen der EU gegen Russland folgen und die weiteren Reaktionen Moskaus bleiben abzuwarten. Die Befürchtung – vor allem im Zuge des Swift-Ausschlusses Russlands am Wochenende – vieler: Moskau stellt die Gaslieferungen ein und wir müssen uns dann, im wahrsten Sinne des Wortes, warm anziehen.

Laut der heimischen Energieagentur (Austrian Energy Agency) stammt das in Österreich eingesetzt Erdgas zu rund 80 % aus Russland, EU-weit sind es rund 40 %. Als Gas-Transitland spielt dabei die Ukraine eine wichtige Rolle: Im Westen des Landes laufen drei große Trassen für russisches Gas zusammen: Aus dem Norden Sibiriens kommen zwei, vom Gasfeld Urengoi die Trasse „Bruderschaft“ (Bratstvo) und von der Jamal-Halbinsel kommt ein Abzweiger der Trasse Yamal über Belarus. Eine weitere Trasse mit dem Namen „Einheit“ (Soyuz), kommt aus dem südlichen, zentralasiatischen Teil Russlands.

Österreich besonders abhängig, aber …
Laut den von Statista unter Berufung auf die „European Union Agency for the Cooperation of Energy Regulators“ für 2020 veröffentlichten Daten beziehen Nordmazedonien, Bosnien und Herzegowina und Moldawien 100 % ihres Erdgases aus Russland. Finnland, Lettland und Bulgarien importieren jeweils 94, 93 bzw. 77 %. Hingegen sind Frankreich und die Niederlande nur zu 24 bzw. 11 % von russischem Erdgas abhängig. Die Ukraine bezieht seit 2015 ihr Gas aus der EU und auch Irland ist vollständig unabhängig von Russland. Indessen hängen Italien und Deutschland jeweils mit 46 bzw. 49 % von Putin ab.

Franz Angerer, er ist Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, meint in diesem Zusammenhang zum Börsen-Kurier: „80 % des Erdgases in Österreich kommen aus Russland – damit ist die Abhängigkeit hoch. Österreich verfügt zwar über relativ große Speicherkapazitäten, diese sind aber auf einem historisch niedrigen Stand: Derzeit sind etwa 17 TWh in den österreichischen Speichern gelagert, rund ein Fünftel der Gesamtkapazität. Ein völliger Stopp der Gaslieferungen durch die Ukraine kann aus heutiger Sicht nicht vollständig kompensiert werden und würde die Mechanismen der Energielenkung auslösen. Dieser Mechanismus sieht vor, große industrielle Gasverbraucher sukzessive vom Netz zu nehmen. Ziel dieser Maßnahmen ist ein geordnetes Vorgehen und eine möglichst lange Weiterversorgung der Haushalte und Kraftwerke.“

Erfrieren wird voraussichtlich niemand in den eigenen vier Wänden, denn: „Die heimischen Haushalte benötigen aktuell rund 2 bis 3 TWh pro Monat. Für das Heizen der Haushalte ist auf jeden Fall genug Erdgas vorhanden“, so Angerer, der noch einen weiteren Lichtblick aufzeigt: „Die EU-Diplomatie ist aktuell bemüht, möglichst große Mengen an Flüssiggas aus möglichst vielen Lieferländern verfügbar zu machen. Wir sehen bereits jetzt eine deutliche Steigerung der Flüssiggasimporte in Europa. Eine sofortige Vollversorgung Europas mit europäischem Erdgas und mit Flüssiggas ist auf Grund fehlender Infrastrukturen aber noch nicht vorstellbar.“

Allerdings könnten laut Meinung des Börsen-Kurier die USA ihre Erdgasförderung deutlich ausweiten. Der Engpass sind nämlich nicht die Vorkommen, sondern die Flüssiggas-Terminals, die das über Pipelines angelieferte Erdgas für den Transport auf Spezialschiffen verflüssigen. Da kaum mehr Schiffe beladen werden können, werden in einer Art „Bieterstreit“ mit Asien gegen entsprechende Bezahlung immer häufiger Frachtschiffe nach Europa umgeleitet. Mittlerweile geht bereits die Hälfte des Flüssiggases nach Europa. Doch es gibt langfristige Lieferverträge amerikanischer Lieferanten mit China, sodass diese „Sonderkonstellation“ kein Dauerzustand ist.

Langfristige Alternativen
Aber wie sollen Europa und auch Österreich zukünftig von russischem Erdgas unabhängiger werden? „In erster Linie gewinnen natürlich die heimischen europäischen Produktionen an Bedeutung, wobei jedoch mit keinen langfristigen Zuwächsen zu rechnen ist. Nordafrika, vor allem Algerien, wird ebenfalls wichtiger werden. Kurzfristig kann aber nur Flüssiggas Erdgas aus Russland in bedeutenden Mengen ersetzen. LNG kommt in großen Mengen aus den USA, große Produzenten sind auch Katar oder Australien. Der Import in Europa hat sich im Jänner 2022 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Waren es im Jahr 2021 im Schnitt 18 %, stieg der Wert im Jänner 2022 auf teilweise über 35 %. LNG deckt damit bereits ein Drittel des in Europa verwendeten Gases“, erklärt Angerer gegenüber dem Börsen-Kurier, und er zeigt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: „Mittelfristig muss die Unabhängigkeit von fossilem Erdgas das Ziel sein – und ist in Österreich mit der Klimaneutralität bis 2040 und in Europa bis 2050 auch festgeschrieben. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen erneuerbare Energien und auch die Netze massiv ausgebaut werden. Jedes Windrad mehr verringert die Abhängigkeit von Gasimporten und erzeugt Energie zu niedrigen Preisen. Denn für Wind oder Sonne müssen wir im Gegensatz zu Erdgas nichts zahlen.“

Foto: AdobeStock / ArtmannWitte

 

 

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Taxonomie: Die EU formuliert soziale Ziele

Umweltziele hat die Kommission bereits definiert. Eine Sozial-Taxonomie wird folgen.

Andreas Dolezal. Nachhaltige Investitionen stehen im Fokus des Grünen Deals der Europäischen Union und des Aktionsplanes für nachhaltiges Wachstum. Mit dem Lenken von Anlagegeldern in nachhaltige Investitionen soll die Finanzbranche einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen der europäischen Klima- und Umweltziele leisten. Die Basis dafür bildet die oft zitierte Taxonomie, also jene Verordnung der EU-Kommission, die bereits seit 12. Juli 2020 in Kraft ist und einen „Rahmen zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen“ einrichtet.

Nachhaltige Investitionen im europäischen Sinne orientieren sich an den bekannten ESG-Kriterien: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Um einen einheitlichen Rechtsrahmen zu schaffen und die Beiträge, die eine Investition zu einem der ESG-Kriterien leistet, bewerten zu können, hat die EU-Kommission bereits sechs Umweltziele definiert.

Umweltziele gemäß Artikel 9 der Taxonomie-Verordnung

• Klimaschutz
• Anpassung an den Klimawandel
• Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
• Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
• Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
• Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

Für Soziales und Unternehmensführung gibt es bis dato keine festgelegten Ziele. Das soll sich ändern. Die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen, ein Beratungsgremium der EU-Kommission, hat im Juli des vergangenen Jahres erste Gedanken zum Ausgestalten von sozialen Zielen vorgelegt, die als Basis für eine Sozial-Taxonomie dienen sollen.

In diesem Entwurfsbericht ist zu lesen, dass Vieles darauf hindeutet, dass Anleger soziale Investitionen als Chance sehen, ebenso wie sie erkennen, dass es riskant ist, soziale Faktoren beim Investieren nicht zu berücksichtigen. Daher sei es von entscheidender Bedeutung, zu präzisieren, was eine soziale Investition ausmacht, wie diese zu bewerten ist und nicht zu Lasten anderer Ziele und Beiträge geht.

Eine Sozial-Taxonomie soll dazu dienen, Kapitalströme in jene Unternehmen und Wirtschaftstätigkeiten zu lenken, die die Menschenrechte respektieren, und gleichzeitig Investitionen fördern, die die Lebensbedingungen, insbesondere für benachteiligte Menschen, verbessern. Auf diese Weise würde eine Sozial-Taxonomie den Anlegern ein dringend benötigtes Instrument zur Unterstützung ihrer Investitionsentscheidungen an die Hand geben, meint die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen. Dabei soll die vorhandene Umwelt-Taxonomie als Vorbild dienen. Wobei erkannt wird, dass es schwierig sein wird, quantifizierbare Kriterien für eine Sozial-Taxonomie zu entwickeln.

Die vorgeschlagene Struktur einer Sozial-Taxonomie hat eine horizontale und eine vertikale Dimension. Horizontal werden Risiken bzw. negative Auswirkungen für Mensch (Mitarbeiter, Stakeholder, Gesellschaft) und Umwelt betrachtet, vertikal Produkte, Dienstleistungen und Investitionen, die zusätzlich nützliche Beiträge zur Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) leisten. Auch die Merkmale nachhaltiger Unternehmensführung sollen einfließen. Diesbezüglich liegt der Schwerpunkt auf Themen wie Bestechung, Besteuerung und Lobbying.

Die vertikale Dimension umfasst hinsichtlich Nachhaltigkeitsrisiken unter anderem Diversity Management, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Gewerkschaftsrechte sowie Verantwortung in der Lieferkette. Ein angemessener Lebensstandard soll gefördert werden, der Produkte und Dienstleistungen zur Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse (wohnen, Nahrung und sauberes Wasser, Bildung, Internet, saubere Elektrizität usw.) zugänglich macht.

Die horizontale Dimension beschäftigt sich mit den Auswirkungen der wirtschaftlichen Aktivitäten, also Produkten und Dienstleistungen, auf die Menschen. Positive Auswirkungen sollen gefördert, negative vermieden und bewältigt werden. Als Ziele genannt werden das Sicherstellen menschenwürdiger Arbeit, das Fördern von Verbraucherinteressen und die Ermöglichung integrativer und nachhaltiger Gemeinschaften. Sämtliche Ziele sollen sich auf die gesamte Wertschöpfungskette beziehen.

Als Beispiele, die beide Dimensionen betreffen können, werden das Einkaufen bei regionalen Anbietern zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbildungsdienstleistungen zur (Wieder-)Eingliederung in den Arbeitsmarkt und das Minimieren des Wasserverbrauchs genannt. Ziele einer Sozial-Taxonomie sollen auch das Vermeiden von Zwangsarbeit und das Bekämpfen von Kinderarbeit sein.

Nicht nur mit diesen letztgenannten Zielen schlägt das Expertengremium die Brücke zur guten und nachhaltigen Unternehmensführung. Auch die Vielfalt des höchsten Leitungsorgans und oberen Managements (Geschlecht, Fähigkeiten, Erfahrung, Hintergrund) soll berücksichtigt werden, ebenso wie die Bekämpfung von Bestechung und Korruption, verantwortungsvolle Rechnungsprüfung sowie verantwortungsvolles Lobbying und politisches Engagement.

Fazit
Das Formulieren von sozialen Zielen ist recht einfach (insbesondere dann, wenn man sie nur formulieren, und nicht als Unternehmen be- und verfolgen muss). Es gibt eine Fülle an vorhandenen Standards, an denen sich die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen – und letztendlich die EU-Kommission – orientieren kann. Zur Herausforderung wird das weitreichende Umsetzen von zielgerichteten Maßnahmen in den Unternehmen selbst werden, insbesondere etwa in den globalen Lieferketten. Zu großen Problemen werden die messbaren Bewertungskriterien. Wie misst man das Erreichen von sozialen Zielen?

Einen Eindruck davon, wie überbordend bürokratisch messbare Bewertungskriterien sein können, liefern uns jene für die ersten zwei (sic!) der sechs definierten Umweltziele. Die betreffende EU-Verordnung, die seit 1. Jänner 2022 in Kraft ist, erstreckt sich für nur rund 100 Wirtschaftstätigkeiten auf stolze 349 Seiten. Bewertungskriterien für alle sechs Umweltziele könnten sich also, einfach hochgerechnet, auf mehr als 1.000 Seiten ausdehnen. Der Katalog an messbaren Bewertungskriterien für soziale Aktivitäten wird wohl nicht kompakter werden. Und dann fehlen uns immer noch Ziele sowie Bewertungskriterien für das nachhaltige Unternehmertum.

Der Journalist Josef Urschitz betitelte seinem Beitrag für die Tageszeitung Die Presse vom 22. Dezember 2021 zum Thema „Green Financing“ mit der Überschrift „Wie die EU eine gute Idee zu Tode reguliert“, und spricht darin von „Strangulieren anstatt Regulieren“. Dem kann der Börsen-Kurier leider nur zustimmen.

Foto: Adobe Stock / doganmesut

 

 

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Russland-Ukraine-Krieg: Preisschocks der Rohstoffmärkte werden keine Krise auslösen

Von Pascal Menges, Head of Equity Investment Process and Research, Lombard Odier Investment Managers

(01.03.) Was können frühere geopolitische Negativereignisse über die potenziellen Auswirkungen auf Aktien aussagen, und wie könnte eine Störung der russischen Öl- und Gasexporte den Inflationsdruck verstärken?

• Der Russland-Ukraine-Konflikt stellt ein rohstoffbedingtes Risiko für die Aktienmärkte dar. Die Unterbrechung der russischen Exporte fossiler Brennstoffe wird sich auf die weltweiten Ölpreise auswirken.

• Geopolitische Ereignisse wirken sich in der Regel kurzfristig negativ auf die Aktienmärkte aus. Wenn jedoch Ansteckungseffekte bei den Energiepreisen die Inflation in die Höhe treiben und zu höheren Zinsen führen, könnte eine Rezession folgen.

Der arabisch-israelische Jom-Kippur-Krieg von 1973 ist für den aktuellen Konflikt von besonderer Bedeutung. Als Vergeltungsmaßnahme verhängten die arabischen Länder ein Ölembargo, welches zu einer Vervierfachung des Ölpreises auf 12 USD pro Barrel führte. Dies löste einen massiven kostentreibenden Inflationsdruck aus, was die erste Ölpreiskrise zur Folge hatte, die in einer Rezession mündete. Im gleichen Zeitraum stieg die Rendite der 10-jährigen US-Schatzanweisungen von 9 % auf 12 % und erreichte Ende 1975 einen Höchststand von 14 %. Bis Anfang 1976 führte dies zu einem schwierigen Umfeld für Aktien, als die 10-jährige US-Rendite auf 8 % zurückging.

Russland kontrolliert die Ölmärkte nicht in demselben Maße wie die arabischen Länder 1973, aber es ist ein sehr einflussreiches Land im Rohstoffbereich. Dieser Einfluss erstreckt sich daher auch auf die rohstoffbedingte Inflation. Russland exportiert jährlich etwa 7,5 bis 8,5 mbbld Öl und etwa 240 bis 260 bcm Gas. Die russischen Ölexporte machen derzeit 8 % des weltweiten Angebots aus. Jede Unterbrechung der russischen Ölströme wird angesichts der Fungibilität des globalen Ölmarktes und des Mangels an freien Produktionskapazitäten auf globaler Ebene globale Auswirkungen haben.

Eine Unterbrechung der russischen Gasexporte würde sich unverhältnismäßig stark auf Europa auswirken, da etwa 70 % der russischen Gasexporte hierher gelangen und der Kontinent nur über begrenzte Alternativen verfügt. Je näher die Länder an Russlands Grenzen liegen – vor allem diejenigen, die nicht von Bergen gesäumt sind – desto größer ist die Abhängigkeit von russischem Gas. Darüber hinaus könnte der Krieg die russischen Exporte anderer Rohstoffe, von Palladium bis Platin, beeinträchtigen, da das Land Palladium liefert:

• 44 % des Palladiums (hauptsächlich für Katalysatoren für Dieselfahrzeuge und Elektrolyseure)
• 30 % der Rohdiamanten
• 25 % der Nickelproduktion (vor allem für die Herstellung von rostfreiem Stahl)
• 15 % des Platins (vor allem für Katalysatoren in Dieselfahrzeugen und Schmuck)
• 14% des Kobaltes
• 12 % des Rhodiums
• 7 % der Tonerde (für die Aluminiumproduktion)

Russland und die Ukraine sind auch wichtige Erzeuger von Agrarprodukten wie Weizen, Mais und Saatölen. Sie exportieren hauptsächlich in die Türkei, nach Ägypten, Indien, China, Nigeria, Bangladesch und Jemen. Die entwickelten Volkswirtschaften sind weniger direkt betroffen. Sie würden aber dennoch einen gewissen Preisauftrieb erleiden, wenn es während der Aussaat- oder Erntesaison zu Störungen käme.

Rohstoffe könnten künftig auch in Renminbi gehandelt werden
Eine Reihe russischer Banken wurde im Rahmen der westlichen Sanktionen als Reaktion auf die Invasion vom internationalen Zahlungssystem Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) ausgeschlossen. Es ist noch nicht bestätigt, welchen russischen Banken der Zugang zum Nachrichtensystem verweigert wird und welche es weiterhin nutzen dürfen. Es scheint wahrscheinlich, dass die russischen Banken, die am aktivsten im Rohstoffhandel tätig sind, dieses System unter bestimmten Bedingungen weiter nutzen können.

In den letzten Jahren hat Russland jedoch sein eigenes Nachrichtensystem entwickelt – das System for the Transfer of Financial Messages (SPFS) – und die Behörden streben auch eine Verbindung mit dem chinesischen Gegenstück, dem Chinese International Payment System (CIPS), an, um unabhängig von SWIFT zu operieren. Keines dieser Systeme hat die Bedeutung von SWIFT, aber es wird wichtig sein, zu beobachten, ob China unter den derzeitigen Umständen Fortschritte bei der Anbindung von SPFS und CIPS macht. Dies würde auch bedeuten, dass einige wichtige Rohstoffe dann in Renminbi gehandelt werden könnten, was auf lange Sicht eine Herausforderung für den US-Dollar darstellen könnte.

Fazit
Die Ereignisse der Vergangenheit lassen vermuten, dass geopolitische Ereignisse – sofern es keine Ansteckungseffekte gibt, die die makroökonomischen Bedingungen stark beeinflussen, wie z. B. die Kombination aus steigenden Energiepreisen, Inflation oder Zinssätzen – eher Episoden mit spezifischem Risiko sind.

Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Märkte sind nach wie vor existent und werden von uns genau beobachtet. Die Schlüsselfrage ist, ob sich der durch die Unterbrechung der Rohstoffexporte verursachte Inflationsdruck so weit verstärkt, dass er von Dauer ist, und ob dies zu höheren Nominal- und Realzinsen führt. Dies ist derzeit nicht unser Basisszenario.

Ein langfristiger Bärenmarkt wird normalerweise nicht durch geopolitische Unruhen ausgelöst. Daher ist es unserer Meinung nach wahrscheinlich, dass diese Korrektur nur vorübergehend ist.

Foto: LOIM

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Aufgewacht in einer anderen Welt

Ost-Exposure: Österreich bankenseitig Nummer drei in Europa.

Rudolf Preyer. Ausgerechnet am historischen Datum 24. Feber 2022 – dem Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine (womit natürlich kein Gastgeber rechnen konnte) – organisierte der heimische Bankenverband einen ökonomischen Ausblick. Stefan Schneider, Chief German Economist der Deutschen Bank, wies eingangs auf die Abhängigkeit der europäischen Staaten von russischen Energielieferungen hin – im Durchschnitt kommen 40 % des auf dem Kontinent benötigten Gases aus Russland.

Stand 24.2. konnte man über einen (nun tatsächlich erfolgten) Ausschluss der Russischen Föderation aus dem Swift-Zahlungssystem nur mutmaßen. Zwar haben die Russen bereits versucht, ein alternatives Zahlungssystem aufzubauen – auch mit Blick auf die Wirtschaftsbeziehung zu China -, das dort und da auch schon in Verwendung sei. Im nunmehrigen Kappen des russischen Zugangs zu Swift müsse man freilich auch mitbedenken, dass dies nicht nur Russland treffe – sondern eben auch den Westen finanziell koste, so Schneider. Die Möglichkeit zum Dialog müsse unbedingt bestehen bleiben, ergänzte Bankenverband-Generalsekretär Gerald Resch. Österreich habe in Europa die drittgrößten Investoren auf Bankenseite. Über die Auswirkungen der Sanktionen auf die Austro-Banken wollte er keine Spekulationen anstellen.

Dass umfassende Sanktionen eben auch hohe Kosten für den Westen zeitigen, betonte auch Stefan Bruckbauer, Chief Economist der UniCredit Bank Austria. Beim Exposure wiederum beruhigte er – man müsse im Kopf behalten, dass „sämtliche der seitens der lokalen Banken-Töchter an die Wirtschaft und die Bevölkerung vergebenen Kredite durch lokale Einlagen refinanziert werden“.

Keine Rückkehr zum Davor
„Wir kriegen keine Rückkehr zum Status quo ante“, wies Schneider darauf hin, dass wir neben geopolitischen Verwerfungen auch weitere Herausforderungen zu vergegenwärtigen haben. Covid werde in unseren Ökonomien nachhaltig Strukturen verändern, etwa auch bezüglich der Lieferketten.

Engpässe in Letzteren und Rohstoff- sowie Energiepreisanstiege werden die Inflation nach oben treiben, prognostizierte Bruckbauer: „Wir dürfen auch im nächsten Jahr nicht mit Inflationsraten von unter 2 % rechnen.“ Höhere Inflationsraten werden sich wohl verstetigen.

Schneider und Resch sehen die Spitze zumindest der Pandemie erreicht. Selbst, wenn es im Herbst wieder eine Welle gebe, seien wir medizinisch weiter, auch habe die aktuelle Welle wirtschaftlich nicht so tiefe Spuren hinterlassen, wie noch vor einem Jahr. Hinzu kommen regierungsseitige Fiskalimpulse und Unterstützungspakete sowie robuste europäische Arbeitsmärkte auf dem Niveau vor der Pandemie. Auch der mit 750 Mrd Euro gut dotierte „Next Generation Recovery Fund“ der EU stütze die Konjunktur.

Der Konsum sollte in Österreich heuer real um 6 % wachsen, aber erst gegen Ende des Jahres das Niveau von 2019 toppen. Die Investitionen haben bereits wieder Vorkrisen-Niveau erreicht, die Kreditnachfrage steige schon „sehr rasch“, und der Wohnbau bleibe weiter stark.

Zuletzt sieht Schneider neben einer Entspannung bei den Einkaufspreisen eine „Zinswende“ auf uns zukommen: Die Fed werde ab März ihre Zinsen in diesem Jahr sechsmal anheben. Die EZB dürfte im September und Dezember

den Einlagenzins um jeweils 25 Basispunkte erhöhen. Damit gewinnen makroökonomische Faktoren wieder an Bedeutung für den Bondmarkt.

Fazit: Es kündigt sich eine Erholung der Weltwirtschaft an, aufgrund des Russland-Einmarsches in die Ukraine werden aber die Karten neu gemischt.

Foto: Pixabay / NeonLightsQuito

 

 

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Russlands aggressiven Bären als Nachbarn

An Finnlands Börse ergeben sich erhöhte Risiken, aber auch Chancen.

Roman Steinbauer. Der OMX-Helsinki-25-Index hält sich überraschend stark. Mit 5.140 Punkten steht der Leitindex nur 10 % unter dem Top von Mitte August 2021. Die Verflechtung der finnischen Volkswirtschaft mit der Russischen Föderation ist groß. Historisch weist dieser Aktienmarkt daher überproportionale Ausschläge auf. Die nordeuropäische Börse ließ seit dem globalen Dämpfer im März 2020 andere Börsen des Kontinents hinter sich.

Nach einer langen Durststrecke glänzten im Vorjahr vor allem Finanztitel wie die Nordea Bank (ISIN: FI4000297767). Atypisch sieht für derartige Institute die Aktionärsstruktur aus, hält doch Stellantis (NL00150001Q9) 14 % der Aktien. Weiters gehören die Rohstoffkonzerne Rio Tinto (14 %, GB0007188757), die BHP Group mit 10 % (AU000000BHP4), die russische Evraz mit 13 % (GB00B71N6K86) sowie die Intesa San Paolo mit 11 % (IT0000072618) zu den Kernaktionären. Auf Basis letzter Ausschüttungen winkt hier eine Dividenden-Rendite von 6,6 %.

Auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr drifteten Papiere des Güterdienstleisters Cargotec (FI0009013429) ab. Es reizt ein KGV von 11, die (stabile) Dividende führt zu einer Rendite von 2,54 %. Als großer Dividendenlieferant ist der Energieversorger Fortum (FI0009007132) zu bezeichnen, dessen Rendite 4,9 % beträgt. Intakt scheinen weiterhin die Chancen der Stora-Enso-Valoren (FI0009005961). Stets eine Betrachtung wert ist zudem der Spezialist für Hebesysteme Konecranes (FI0009005870). Hier Schwächen zu nutzen, rentierte sich wiederholt.

Hohes Vertrauen, aber expandierende Schuldenquote
Konträr zum Nicht-EU-Staat Norwegen gab es in Helsinki keine Ambitionen, dem NATO-Pakt beizutreten. Das 5,6-Mio-Einwohner-Land, das von lediglich 18 Personen pro Quadratkilometer besiedelt ist, kann auf Rohstoffvorkommen wie Kupfer, Eisenerz, Gold, Silber, Blei, Zink, Nickel oder Kalkstein verweisen. Laut Germany Trade & Invest (GTAI) hat das jährliche BIP 2021 um 3,5 % auf 44.800 Euro pro Kopf angezogen und somit jenes Österreichs um rund 5 % übertroffen.

Die Leistungsbilanz ist mit +1,2 % positiv, die Neuverschuldung betrug vergangenes Jahr 3,8 %. Seit 2019 baute sich aber die Schuldenquote von 59 auf 71 % des BIP auf. Im Transparency International Korruptionsindex (CPI) befindet sich Finnland hinter Dänemark und Neuseeland auf dem hervorragenden Rang drei.

Russland als bedeutendes Abnehmerland
Nach Angaben von Statistics Finland zeigte sich im Dezember vor allem der Anstieg der Industriefertigung (inklusive Rohstoffminen und Energie) mit 11,5 % dynamisch. Das zweite Mal in Folge fiel aber im Jänner das Konsumentenvertrauen (-1,7 Punkte). Eine Prosperität weist der Außenhandel auf. Zu Jahresschluss kletterten die Ausfuhren im Vergleich zu 2020 um 22 %, die Einfuhren um 25 %. Der Maschinenbau führt die Ausfuhrstatistik mit 17 % an, vor Papier bzw. Pappe (je 10 %) und Rohstoffen (9 %). Die Importe sind durch chemische Erzeugnisse und Maschinen mit jeweils 11 %, vor Kfz- bzw. Kfz-Teilen (9 %) und Elektronik (7 %) geprägt.

Die Russische Föderation (zu der eine 1.300 km lange Grenze besteht) ist mit 10 % drittwichtigster Kunde finnischer Exporte – hinter Deutschland (15 %) und Schweden (11 %). Bei den Einfuhren steht der große Nachbar gemeinsam mit China jeweils mit 5 % an fünfter Stelle. Die seit der Wirtschaftskrise 2009 ins negative Terrain gerutschte Handelsbilanz bestätigte sich im Dezember erneut mit -350 Mio Euro. Bei den Direktinvestition ist Schweden mit 27 % vor den Niederlanden (17 %) und Luxemburg (15 %) federführend. Seit dem Höhepunkt der Gesundheitskrise ging die Arbeitslosenrate von 8,7 auf 6,7 % zurück.

Foto: Pixabay / Hietaparta

 

 

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Die Schattenseiten der ETFs

Die strikte Nachbildung von Indizes entpuppt sich als nachteiliges Anlagekorsett.

Roman Steinbauer. Das Risiko in Vermögenskategorien, in denen Blasenbildungen vermutetet werden, steigt. Anleger wissen aus Erfahrung: Klar erkennbar sind zurückliegende Spekulationsballons leider erst, wenn die Luft entwichen ist. Monetäre Straffungen durch Notenbanken in einem inflationären Umfeld schlagen bereits im Universum riskanterer Anlageformen durch. Aktien jener Gesellschaften, die keine starken operativen Gewinne lukrieren, keinen Substanz- oder Ertragswert aufweisen, kommen (selbst in Erwartung eines Wachstums) unter Druck. Unternehmen im Technologiesegment, deren Wertpapiere noch vor kurzem Momentum-getrieben waren, erfahren nun rasch eine tiefere „Neubewertung“. Sogenannte „Meme“-Titel (diese gewannen vorwiegend über Social-Media-Kanäle an Popularität) sind von einem Exodus ihrer Anleger bedroht.

Selbsterfüllende Prophezeiung
Im Zuge des Paradigmenwechsels unter Investoren und der hohen Gewichtung dieser Aktien in führenden Indizes werden börsengehandelte Fonds (ETFs) massiv in Mitleidenschaft gezogen. Dies führt bereits zu bösen Überraschungen. Gegenüber der Marktanalyse-Plattform Seeking Alpha sieht der Stratege von Infrastructure Capital, Jay Hatfield, die Schwäche des Technologie- und Krypto-Sektors als „Doppelschlag“ im ETF-Universum. Hatfield führt beispielsweise den „Global X Fintech ETF“ (zu 79 % in Softwarefirmen investiert; ISIN: IE00BLCHJZ35) an, der binnen der vergangenen drei Monate einen Abschlag von 30 % zu verkraften hatte. Für Todd Rosenbluth, ETF-Leiter bei der Investment-Research-Firma CFRA, ist der Trend schlüssig: „Die Bereitschaft zu Risiko reduziert sich. Investoren suchen jetzt Stabilität.“

Die kostengünstige Nachbildung als Bumerang?
Technologieaktien sind heute verstärkt in führenden Hauptindizes wie dem Dax, dem Euro Stoxx 50 oder dem S&P 500 gewichtig vertreten. Unzählige ETFs bilden diese Anlagebarometer nach. Durch Positionsliquidierungen mit hohem Volumen droht diesen (trotz der hohen Marktbreite) ein Klumpenrisiko. Offensive Branchen-ETFs traf es jüngst noch empfindlicher: So wird unterdessen der prominente „ARK Innovation ETF“ (NYSEARCA) von Cathie Wood immer weiter in die Knie gezwungen. Wurde doch mittels diesem Anlageprodukt immerhin an vorderster Front auf prominente Titel wie Tesla (US88160R1014), Teladoc (US87918A1051), Zoom (US98980L1017), Unity Software (US91332U1016) oder Spotify (LU1778762911) gesetzt. Noch im April 2021 um 156 USD gehandelt, erodierte der „ARK Innovation“ bereits auf 65 USD. Ab November kam der „Invesco Solar Energy ETF“ (IE00BM8QRZ79) mit -25 % unter die Räder. Auch werden die Zeiten für die Spekulation in das Biotechnologiesegment rau. ETFs, die den Nasdaq Biotechnology Index (XC0006170267) nachbilden, hatten im selbigen Zeitraum mit einer Median-Dezimierung von 22 % zu kämpfen.

Konservativer ETF-Sektor als Alternative
Dem jüngsten Finanzservice-Report von Thomson Reuters Lipper zufolge flossen in der Woche bis zum 2. Feber aus konventionellen Fonds und ETFs insgesamt 34,6 MrdUSD (30,45 Mrd Euro) ab. Alleine aus den US-Large-Cap-ETFs holten Investoren die gewaltige Summe von netto 9,4 MrdUSD (8,28 Mrd Euro) zurück. Binnen sieben Tagen wurden alleine im ETF-Segment der Small Caps 1,5 MrdUSD (1,32 Mrd Euro) und im Technologiebereich 995 MioUSD (876 Mrd Euro) eliminiert.

Angesichts dieser Umstände hielten sich Value ETFs wie der „iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS“ (IEOOBP3QZB59) oder der Xtrackers „MSCI World Value Factor UCITS“ (IE00BL25JM42) bisher mit Abschlägen von 3 % zur Spitze wacker und zeigten Resistenz.

Foto: AdobeStock / lassedesign

 

 

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Wohlstand für alle

Die Politik des sozialen Ausgleichs in China öffnet Anlagechancen.

Harald Kolerus. Ein kurzer Rückblick: 2021 legten Aktien aus Industrieländern weiter deutlich zu und erreichten mitunter neue Rekorde. Hingegen entwickelte sich die Performance in den Emerging Markets bescheiden. Ein Hauptverantwortlicher dafür: Das Reich der Mitte.

Scharfer Gegenwind
„China zog die Schwellenländer nach einer sektorübergreifenden Verschärfung der Kreditvergabe und der aufsichtsrechtlichen Bestimmungen im Zusammenhang mit der ‚Common prosperity‘-Politik (dazu später mehr, Anm.) nach unten“, analysieren Fredrik Bjelland und Cathrine Gether vom norwegischen Assetmanager Skagen in einem aktuellen Kommentar. Für 2022 erwarten die Experten aber ein etwas günstigeres Umfeld: „Der Kreditzyklus könnte nach einem Jahr der Straffung an einem Wendepunkt angelangt sein, und wir hoffen, dass nun der Höhepunkt des regulatorischen Drucks überschritten ist.“

Covid belastet
Wobei allerdings nicht vergessen werden darf, dass Corona zu einem deutlichen Schuldenanstieg bei Staat und Unternehmen in China geführt hat. Hinzu kommt, dass Lockdowns im Zuge der strengen „Null-Covid-Politik“ zu Jahresbeginn die Wirtschaft belastet haben. Solche und andere Faktoren belasten, so wie beispielsweise auch die über viele Jahrzehnte restriktive Geburtenkontrolle, die in den kommenden Jahren zu einem Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung führen wird. Die DekaBank glaubt daher an ein geringeres Wirtschaftswachstum in der näheren Zukunft: „Wir gehen aber davon aus, dass die Regierung BIP-Wachstumsraten von deutlich unter 5 % in den Jahren 2022 und 2023 verhindern will, da ihre Beschäftigungsziele sonst in Gefahr gerieten“, heißt es in der Trendanalyse.

Alles in allem liest sich das jetzt nicht wie eine Vorzeigestory aus dem Investment-Lehrbuch. Was spricht also für China? Das wurde in einem Webinar des Assetmanagers Abrdn (ehemals Standard Life Aberdeen plc), an dem der Börsen-Kurier teilgenommen hat, ausführlich besprochen.

Sozialer Ausgleich im Fokus
Donald Amstad, Global Head of Client Growth, legte die politische und makroökonomische Perspektive dar: „Für Peking steht soziale Stabilität im Mittelpunkt. Die Regierung fürchtet Destabilisierung und alles, was sie verursachen könnte. Zwar kann die Kommunistische Partei natürlich nicht abgewählt werden, aber gerade deshalb kann sie sich auch nicht ,verstecken‘, sie ist sozusagen für alle Vorgänge im Land verantwortlich.“ So wäre steigende soziale Ungleichheit im Land fatal, ein demokratisches politisches Ventil gibt es nicht, das Konfliktpotenzial würde steigen. Deshalb rückt Peking sozialen Ausgleich und eben „Common prosperity“ in den Fokus, also Wohlstand für alle. „Die Regierung versucht wirklich, das Leben der Bürger besser und erschwinglicher zu machen. Das betrifft die wesentlichen Bereiche Wohnen, Gesundheit und Erziehung“, so Amstad.

Fonds und Aktien
Das ist natürlich mit einer anvisierten Steigerung der Kaufkraft verbunden, was Anlagechancen im Binnenmarkt öffnet. Der „Aberdeen China A Share Equity Fund“ (ISIN: LU1130125799) hat sich dabei auf fünf Sektoren konzentriert: Digitalisierung, Gesundheit, „Grüne Investments“, „Wealth“ (steigender Wohlstand unterstützt die Finanz- und Versicherungsindustrie) sowie „Aspiration“ (stärkere Konsum-Nachfrage).

Ben Sheehan, Senior Investment Specialist Asia bei Abrdn, erklärte: „Rund ein Drittel des Portfolios ist im Konsumbereich investiert. Eine sozial ausbalancierte Gesellschaft und die rasant wachsende Mittelschicht versprechen hier Wachstum.“ Die drei größten Titel im Fonds sind „China Tourism Group Duty Free“, „Kweichow Moutai“ (Spirituosen-Hersteller) und „China Merchants Bank“. Unwahrscheinlich, dass man hierzu-lande von diesen Aktien schon etwa gehört hat. Die richtige Auswahl ist gerade in China etwas für professionelle Fondsmanager.

Foto: Pixabay / MaoNo

 

 

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Die Berufsunfähigkeitsversicherung als erklärungsbedürftigen Bedarf betrachten

In einer gemeinsam mit dem Linzer Market-Institut durchgeführten Studie hat die Nürnberger Versicherung erhoben, was die Österreicher über das Thema Berufsunfähigkeitsabsicherung wissen und wie hoch die Bereitschaft ist, privat vorzusorgen.

(17.07.) Die Umfrage zeigt, dass es den meisten Menschen sehr wohl bewusst ist, dass die staatlichen Pensionsleistungen im Invaliditätsfall zur Sicherung des Lebensstandards kaum ausreichen werden. Dennoch sorgen die wenigsten privat für diesen Fall vor. Als Hauptgründe, warum man derzeit noch keine private Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) besitzt, werden fehlende Informationen sowie „keine Aufmerksamkeit für das Thema“ genannt. Rund ein Viertel der Befragten verdrängt das Thema und geht davon aus, nicht berufsunfähig zu werden.

Potenzieller Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung
Bei der Frage, inwieweit man sich grundsätzlich vorstellen kann, zukünftig eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, zeigt sich eine gewisse Ambivalenz. 45 % der Befragten, die noch keine private BU-Absicherung haben, sprechen sich grundsätzlich dafür aus – die andere Hälfte zeigt kein Interesse oder hat keine Meinung dazu. Bei Menschen bis 45 Jahren liegt das potenzielle Interesse an einer Berufsunfähigkeitsversicherung bei deutlich mehr als 50 %.

„Dieses Ergebnis macht klar, dass jeder Zweite grundsätzlich offen für die private BU-Versicherung ist. Die wenigsten werden aber von sich aus auf ihren Berater zugehen, um dieses Risiko aktiv anzusprechen“, meint dazu Mag. Erwin Mollnhuber (Foto), Mitglied des Vorstands der Nürnberger Versicherung.

Erster Ansprechpartner
Im Falle des konkreten Abschlusses einer BU-Versicherung wäre der Berater der eigenen Versicherung für 46 % der erste Ansprechpartner – 21 % würden einen unabhängigen Versicherungsmakler konsultieren. Dass man eine BU-Versicherung bei einem unabhängigen Versicherungsmakler abschließen kann, hält ein Drittel der Befragten für wichtig bzw. sehr wichtig.

„Was für die meisten Versicherungsprodukte gilt, zeigt sich bei der Berufsunfähigkeitsversicherung besonders deutlich: Der Bedarf ist dem Kunden in der Regel nicht bewusst. Er hat zwar eine vage Vorstellung davon, wie es im Fall der Fälle sein könnte. Es bleibt aber die Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Die private BU-Absicherung sollte daher aus unserer Sicht vom Versicherungsmakler im Kundengespräch regelmäßig angesprochen werden“, so Mollnhuber.

„Um dem Kunden den konkreten Bedarf aufzuzeigen, bietet die Nürnberger im Internet unter www.vorsorge-app.at ein eigenes Berechnungsprogramm an. Damit kann der Berater dem Kunden aufzeigen, wie groß seine Wahrscheinlichkeit ist, berufsunfähig zu werden, wie hoch die finanzielle Lücke in einem solchem Fall wäre und was es kosten würde, diese Lücke durch eine private BU-Absicherung zu schließen“, erläutert Mollnhuber abschließend.

Studiendesign:

Zielgruppe: Berufstätige (bzw. Arbeitssuchende und Personen in Karenz) 16-59 Jahre in Österreich. Befragungsart: Online-Interviews im MARKET Panel. Befragungszeitraum: März 2021. Auswertungsbasis: Berufstätige insgesamt: n=500 maximale statistische Schwankungsbreite +/- 4,48.

Foto: Richard Schabetsberger

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Das Starterdepot für die Langfristvorsorge

Fürs Alter in die weltweite Wirtschaftsleistung investieren.

Julia Kistner. Selten ist das Börsenjahr mit derartigen Achterbahnfahrten der Aktienkurse gestartet. Ist das unbedingt der richtige Zeitpunkt, mit der Vorsorge zu beginnen? Ja, denn es gibt keinen falschen Zeitpunkt! Timing ist eine Kunst, die niemand beherrscht, und je länger der Anlagehorizont ist, desto weniger fällt ein günstiger Kaufzeitpunkt bei soliden Investments ins Gewicht. Zur Sicherheit spricht auch nichts dagegen, nicht alles an einem Tag zu investieren, sondern über einem bestimmten Zeitraum in mehreren Tranchen zu veranlagen. Hier sollte man sich nur über die Mindestgebühren erkundigen, damit nicht die Spesenfalle bei zu kleinen Ordern zuschlägt.

Wer keinen größeren Einmalbetrag zur Verfügung hat, sondern von seinem Einkommen kontinuierlich etwas veranlagen möchte, hat das Timing-Problem ohnedies nicht. Man investiert eine stets gleich hohe Summe in dieselben Finanzprodukte. So erwirbt man in schlechten Börsenzeiten mehr, in Boom-Phasen weniger Aktien oder Fondsanteile und profitiert so von durchschnittlich günstigeren Preisen, vom sogenannten „Cost-Average“-Effekt. Der wirkt umso mehr, je mehr das gewählte Anlageprodukt schwankt. Wichtig ist nur, dass man seinem konkreten Investmentplan treu bleibt und sich nicht von irgendwelchen Börsen-Geheimtipps davon abbringen lässt, und dass man sein Verlustrisiko möglichst breit streut.

Risikostreuung über den Globus
Wer keine konkrete Anlageidee hat, ist mit einem Starter-Depot gut bedient, das möglichst getreu die Weltwirtschaftsleistung abdeckt. „Man investiert entsprechend der Verteilung des weltweiten Bruttoinlandsprodukts“, empfiehlt Jan Altmann, Analyst bei justETF-.com, der sich dabei an den Statistiken des IWF orientiert: „Man teilt sein Portfolio mit Länder-ETFs ein in 28 % USA, 24 % Europa, 6 % Japan. Weiters investiert man rund 3 % in die Region Asian Pacific ohne Japan und 39 % in die übrigen Schwellenländer inklusive China.“ Zur Risikostreuung hat Jan Altmann persönlich auch noch Anleihen-ETFs und Gold im Portfolio.

Florian Ielpo von der deutschen Fondsgesellschaft Lombard Odier Investment Managers LOIM sieht für die nächsten Jahren mehr Potential in Europa und in den Emerging Markets, weniger in den USA: „Langfristig würde ich Europa, die USA und die Emerging Markets jedenfalls gleich gewichten.“ Dies kann man mit spezialisierten spesengünstigen ETFs oder klassischen gemanagten Fonds machen. Interessant ist, dass selbst so ein traditionelles Investmentfondshaus wie Franklin Templeton auch nicht mehr ausschließlich auf das Know-How ihrer Manager setzt, sondern vermehrt auch auf eine Mischung aus Indexfonds und aktivem Fondsmanagement. „Active ETFs sind ein sehr stark wachsendes Segment“, ist Caroline Baron, Head of ETF Business Development, Emea bei Franklin Templeton überzeugt, womit man etwas komplexere Assetklassen gut abdecken könne, wie es momentan die Anleihen seien oder auch fernere Wachstumsmärkte wie Indien. Der Sinneswandel der klassischen Fondsgesellschaften kommt vom massiven Konkurrenzdruck durch spesengünstige ETFs, aber auch, weil börsengehandelte Indexfonds in den derzeit turbulenten Börsenzeiten gut und günstig handelbar sind. Was noch für Indexfonds spricht: laut Analyse des Ratinghaus Scope konnte von 2.000 Fonds im Vorjahr nicht einmal jeder dritte Fondsmanager (29,1 %) den Vergleichsindex outperformen. Im Jahr 2020 waren es immer-hin noch 46 % der Fondsmanager.

Foto: AdobeStock / spotmatikphoto

 

 

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Moskau, ein Markt für Hasardeure

Trotz massiver Kursverluste: Eine politische Entspannung könnte rasch einen Stimmungswechsel einleiten.

Roman Steinbauer. In der Weltpolitik ist die Russische Föderation gegenwärtig präsent wie kaum ein anderer Staat. Der vergangene Montag zeigte erneut auf, wie massiv der Moskauer Finanzplatz von Unsicherheiten geprägt ist. Unternehmen zaudern mit Investitionen, Investoren verkauften während der vergangenen Monate in großem Umfang russische Wertpapiere. Zu groß sind Bedenken, eine politische Eskalation könnte Sanktionen nach sich ziehen, die für so gut wie alle börsennotierten Gesellschaften im größten Land der Erde folgenreich wären.

Der „Kauf bei Kanonendonner“ als Spekulation
Über drei Monate war der Aktienindex RTS (ISIN: RU000A0JPEB3) von einem Abgabedruck gezeichnet, der diesen bis am Montag auf 1.420 Punkte drückte. Obwohl anziehende Rohöl-, Gas- und Basismetallpreise vielen Energieunternehmen (diese vertreten mehr als 50 % der Kapitalisierung im Index) eigentlich hervorragend ins Geschäftskonzept passen, waren auch deren Notizen nicht vor Einbrüchen gefeit. Aber wie die letzte Jänner-Woche kurzfristig signalisierte, fallen Gegenbewegungen rasch und kräftig aus. Galt und gilt Panik generell am Aktienmarkt als schlechter Ratgeber, bestätigte sich diese Weisheit auch kurz nach der Russland-Krise 1998. In diesem Fall kamen waghalsige Anleger auf ihre Rechnung.

Währungsumrechnungen bleiben Investoren bei Papieren des RTS-Index erspart. Der nach Marktkapitalisierung gewichtete Kursindex (ausgeschüttete Dividenden werden dem Punktestand nicht hinzugezählt) konvertiert die Notizen auf Dollar-Basis.

Chancen abseits der Energiegiganten
Die Bedeutung namhafter russischer Gas- und Ölversorger wie Gazprom (US3682872078), Lukoil (US69343P1057), Rosneft (US67812M2070), Tatneft (US8766292051), Novatek (US6698881090) und Rohstoffriesen wie Nornickel (RU0007288411) ist Anlegern geläufig. Den Blick weiter zu schwenken könnte sich aber lohnen. Denn neben Metallurgie-Größen wie Novolipetsk Steel (US67011E2046), Severstal (US8181503025) oder dem Goldförderer Polyus (US73181M1172) notieren im RTS auch Vertreter anderer Branchen mit Perspektiven. Im Lebensmittel- und Einzelhandel etwa von X5 Retail Group (US98387E2054) über Magnit (US55953Q2021) bis zum Düngemittelkonzern PhosAgro (US71922G2093). Diese starken Konzerne sind zudem durchwegs an deutschen oder US-Börsen gelistet.

Die Inflation und Kriegsgefahr überschatten
Einerseits stellt die hohe Abhängigkeit vom Rohstoffhandel chronisch einen ökonomischen Makel für die Russische Föderation dar, andererseits sieht die derzeitige Datenlage des Landes keineswegs besorgniserregend aus.

Die Abwertung des Rubels blieb im Verhältnis zum Euro mit 16 % im Verlauf der vergangenen drei Jahre überschaubar. Um der stark steigenden Inflationsrate von 8,7 % (Jänner zum Vergleichsmonat des Vorjahres) entgegenzuwirken, hob die Notenbank den Leitzins in der Vorwoche das achte Mal in Folge auf nun 9,5 % an.

Der Handelsbilanzüberschuss schwoll im Zuge der hohen Energiepreise nach Angaben des staatlichen Statistikamtes im Dezember (letzte Daten) auf den historischen Rekordwert von 27 MrdRUB (310 Mio Euro) an. Für diesen Vergleichszeitraum konnte das Wirtschaftsministerium in Moskau mit +4,3 % neun Perioden in Folge ein BIP-Wachstum melden.

Stabil zeigt sich ebenso der Einzelhandel, der mit +5,4 % sogar überraschte. Ebenso sind die hohen Rohstoffnotizen für den Rekordstand an Währungsreserven verantwortlich, die nach Angeben der Notenbank auf 649 MrdUSD (571 Mrd Euro) kletterten.

Und auch die Arbeitslosenrate (das sind die Beschäftigung suchenden Arbeitsfähigen aller Altersstufen) liegt mit 4,3 % auf dem tiefsten Niveau seit den Aufzeichnungen nach dem Zerfall der UdSSR.

Foto: AdobeStock / World Images

 

 

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KESt-Befreiung hätte auch volkswirtschaftlich Vorteile

Vieles spricht für die Steuerbefreiung von längerfristigen Gewinnen.

Michael Kordovsky. Aktien, die ab dem 1. Jänner 2011 angeschafft wurden und ab dem 1. April 2012 veräußert werden, unterliegen in Österreich generell der KESt, die 2016 auf 27,5 % angehoben wurde. Zuvor galt bei Aktien eine Spekulationsfrist von einem Jahr. Behielt man die Aktien länger als ein Jahr, waren die realisierten Kursgewinne danach steuerfrei, innerhalb der Frist unterlagen sie dem individuellen Einkommenssteuertarif.

Angenommen ein Anleger erzielt binnen drei Jahren 70 % Kursgewinn mit einer Aktie, bleiben nach 27,5 % KEST-Abzug (die von inländischen Banken einbehalten und abgeführt werden) davon nur noch 50,75 % übrig und die Transaktionsspesen fallen stärker ins Gewicht. Das dämpft die Freude an Aktieninvestments, was die Wiener Börse gegenüber dem Börsen-Kurier wie folgt quantifiziert: „Die durchschnittlichen Monatsumsätze beliefen sich 2011 auf 5,03 Mrd Euro und gingen 2012 auf 3,01 Mrd Euro zurück, obwohl der ATX 2012 deutlich positiv performte.“ Gleichzeitig begleiteten unmittelbar sinkende Zugriffszahlen auf der Wiener-Börse-Webseite diese Entwicklung im Jahr 2012 – ein wahrscheinliches Indiz für eine abnehmende Aktivität der Privatanleger.

Im Niedrigzinsumfeld Sparbuchalternativen fördern
Die Wiener Börse nennt explizit folgende Gründe, die für eine Wiedereinführung der Behaltefrist sprechen, nämlich:

• Das wäre ein wichtiger Schritt zur Bildung einer breiteren Aktionärsbasis in Österreich.

• Langfristige Orientierung und Investition in die heimische Realwirtschaft sollte im Gegensatz zu kurzfristiger Spekulation belohnt werden.

• Gerade im derzeitigen Niedrigzinsumfeld müsste der Zugang zum Investieren erleichtert werden.

• Personen mit langfristigem Anlagehorizont sollten ihr bereits versteuertes Arbeitseinkommen steuerfrei veranlagen können.

Das wichtigste Argument skizzierte die Wiener Börse uns gegenüber wie folgt: „Aktien sind mit der richtigen Strategie (langfristig, breit gestreut, Stück für Stück, niedrige Gebühren) ein wichtiges Instrument für den Vermögensaufbau. Die Österreicherinnen und Österreicher suchen aktiv nach Veranlagungsmöglichkeiten. Bis dato hat ein Großteil das – früher auch akzeptabel verzinste – Sparbuch genützt. Aktien als Teil der Realwirtschaft sollten hier gefördert werden. Diese Maßnahme unterstützt den breiten Mittelstand, der aus bereits versteuertem Arbeitseinkommen veranlagt und dessen Kaufkraft jährlich dahinschmilzt. Der Zugang über die Kapitalmärkte ist geregelt und transparent.“

Volkswirtschaftlich auf den Punkt bringt es Christoph Boschan, der CEO der Wiener Börse: „Die Wiedereinführung der Behaltefrist regt zum Investieren an, nicht zum Spekulieren. Diese Mittel werden wir für die Transition in die CO2-freie Zukunft, den demografischen Wandel und die Innovationssicherung brauchen. Diese richtige Maßnahme kommt außerdem zum richtigen Zeitpunkt für den breiten Mittelstand, der nach Veranlagungsalternativen zum Sparbuch sucht.“

Hinzukommt bei stärkerer Aktiennachfrage ein höheres Eigenkapital-Finanzierungspotenzial für Unternehmen, zumal es vor allem für mittelständische Unternehmen tendenziell schwieriger wurde, an Bankkredite heranzukommen. Auf Umwegen einer höheren Investitionstätigkeit würden durch steuerliche Förderung von Aktien auch neue Arbeitsplätze entstehen.

Regierungsprogramm rasch umsetzen
Auf die Frage des Börsen-Kurier bezüglich gewünschter weiterer Reformen, die den Finanzplatz Wien betreffen, antwortete die Wiener Börse: „Die rasche Umsetzung des vorliegenden Regierungsprogrammes. Es beinhaltet wichtige Bausteine, um privates Kapital zu aktivieren und Unternehmertum in Österreich zu stärken. Außerdem eine Stärkung von Finanz- und Wirtschaftsbildung – hier wurde mit der ‚Nationalen Finanzbildungsstrategie‘ bereits eine Initiative auf den Weg gebracht, bei der die Wiener Börse sich einbringt. Zusätzlich sollte regulatorisches ‚Gold Plating‘ abgebaut werden sowie Entbürokratisierungen und eine Stärkung der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge erfolgen.“

Foto: Pixabay / Geralt

 

 

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Das bedeutet eine straffere Geldpolitik für die Aktienmärkte

(08.02.) Die letzten Monate markierten eine Trendwende in der Geldpolitik: Neben der Bank of England zog auch die Fed ihre Zügel an. Einige Marktteilnehmer gehen davon aus, dass selbst die EZB noch in diesem Jahr mit einer Straffung beginnen könnte. Die größte Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer gilt jedoch den USA, sagt Ivan Domjanic, Capital Market Strategist bei M&G Investments – nachstehend sein Kommentar.

„In den USA preist der Markt in diesem Jahr bereits fünf Zinsschritte ein. Sogar mit einem baldigen Beginn des sogenannten ,Quantitative Tightening‘, also dem Entzug von Liquidität aus dem Finanzsystem, wird gerechnet. Die entsprechenden Ankündigungen haben sich bereits auf die Anleihemärkte ausgewirkt. Insbesondere die kurzlaufenden US-Anleiherenditen stiegen zuletzt rasant, doch auch die Renditen langlaufender Treasuries gingen signifikant nach oben.

Welche Auswirkungen steigende Anleiherenditen auf die Entwicklung innerhalb des Aktienmarktes haben, konnte im Januar eindrucksvoll beobachtet werden. Während Value-Aktien einigermaßen gut mit den steigenden Renditen zurechtkamen, haben Wachstumstitel teilweise deutlich Federn lassen müssen. Dies ist rein bewertungstechnisch auf den Effekt zurückzuführen, dass ein steigender Diskontierungssatz besonders den heutigen Wert solcher Cashflows negativ beeinträchtigt, die weit in der Zukunft liegen, was üblicherweise bei Wachstumstiteln der Fall ist.

Growth ist nicht gleich Growth
Während einige Wachstumstitel, wie die häufig genannten Big-Tech-Werte aus den USA, überwiegend sehr starke Cashflows generieren und hochprofitabel sind, erscheinen vor allem die kleineren, oftmals unprofitablen Growth-Werte, auch als ,Concept-Stocks‘ bekannt, am anfälligsten. Tatsächlich befinden sich viele dieser Titel nicht erst seit Anfang des Jahres, sondern bereits seit dem zweiten Quartal 2021 in einem klaren Abwärtstrend. Auch in diesem Jahr sind viele etliche davon regelrecht eingebrochen. Qualitätsunternehmen mit hochprofitablem Wachstum sind zwar ebenfalls unter Druck geraten, sollten jedoch mittelfristig deutlich besser mit steigenden Anleiherenditen zurechtkommen.

Reflationäres Umfeld bringt Value-Aktien in den Vordergrund
Value-Titel sind weniger stark von den steigenden Anleiherenditen getroffen, weil ihre erwarteten Cashflows nicht so sehr in die Zukunft verlagert sind, wie es bei Wachstumstiteln der Fall ist. Zum anderen sind sie oftmals zyklischer und profitieren damit stärker von einem zyklischen Aufschwung. Doch auch hier muss man differenzieren, denn nicht alle Value-Titel sind unterbewertet, nur weil sie günstig sind. Die Kunst hierbei ist es, die sogenannten ,Value-Traps‘ zu erkennen und auszuschließen. Das sind Aktien, die zurecht so niedrig bewertet sind, da ihre Geschäftsmodelle in Zukunft vor großen Herausforderungen stehen.

Doch was ist mit der Inflation?
Die Inflation und die damit einhergehenden steigenden Anleiherenditen könnten übergeordnet für Value-Aktien sprechen. Allerdings könnte besonders die hohe Produzentenpreisinflation, die sich derzeit deutlich oberhalb der Konsumentenpreisinflation befindet, bei einigen Value-Unternehmen ohne Preissetzungsmacht die Margen unter Druck bringen. Hier wären wiederum die weniger kapitalintensiven Qualitätsunternehmen mit Preissetzungsmacht klar im Vorteil. In diesem reflationären Umfeld bietet es sich daher an, über eine Mischung aus Value- und Qualitätsaktien mit Wachstumspotential nachzudenken, wobei in beiden Segmenten eine aktive Titelselektion entscheidend sein wird.“

Foto: M&G

 

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Neuer Zinsschub: Was haben die Notenbanken vor?

Der März wird ein geldpolitisch entscheidender Monat mit viel Überraschungspotenzial.

Michael Kordovsky. Die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten kletterte von März 2020 bis Dezember 2021 von 1,5 auf 7,0 % (das ist der höchste Wert seit Juni 1982), und in der Eurozone von 0,75 auf 5,0 %, um im Jänner 2022 mit 5,1 % den alten Rekordwert nochmals zu übertreffen.

Dabei wuchs in den USA die Wirtschaft im Jahr 2021 annualisiert um 5,7 % (höchster Wert seit 1984) und im vierten Quartal sogar um 6,9 % versus den erwarteten 5,5 %. In den Monaten Dezember 2021 und Jänner 2022 entstanden außerhalb der Landwirtschaft jeweils 510.000 bzw. 467.000 Stellen. Die Jahres-Steigerung der US-Stundenlöhne beschleunigte sich von Dezember auf Jänner von 4,7 auf 5,7 %.

Die Iden des März
Die Fed wird ohne größere Zwischenfälle bereits in ihrer Sitzung am 16. März eine erste Leitzinsanhebung seit Dezember 2018 durchführen, zumal bis dahin die monatlichen Anleihenkäufe von ursprünglich 120 MrdUSD bereits auf null heruntergefahren sind. Das CME FedWatch-Tool auf Futures-Basis preist diese Zinsanhebung zu 100 % ein. Die Frage ist dabei, ob es bei nur 0,25 %-Punkten bleiben wird. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 36,6 % wäre es sogar eine stärkere Anhebung um 0,50 %-Punkte von 0 bis 0,25 % auf 0,50 bis 0,75 %.

Die hohe Inflation erfordert härteres Durchgreifen und die Markterwartungen haben sich geändert: Der von der Universität Michigan entwickelte Maßstab zur Messung von Inflationserwartungen zeigt, dass die Fünf-Jahres-Inflationserwartung im Jänner mit 3,1 % den höchsten Stand seit 2009 erreichte. Noch im März 2020 lag der Wert bei 2,3 %.

Ende März 2022 enden im Euroraum die Pandemie-Ankäufe. Der EZB-Rat beabsichtigt, die Tilgungsbeträge der im Rahmen des PEPP erworbenen Wertpapiere mindestens bis Ende 2024 weiter-hin bei Fälligkeit wieder anzulegen. Das zukünftige Auslaufen des PEPP-Portfolios wird in jedem Fall so gesteuert, dass eine Beeinträchtigung des angemessenen geldpolitischen Kurses vermieden wird. Konkret impliziert dies Sorgen um hochverschuldete Länder wie Griechenland, Spanien und Italien, bei denen Anleihen-Renditeanstiege bei Wegfall der künstlichen Nachfrage durch EZB-Ankäufe besonders ins Gewicht fallen. Um dem vorzubeugen, reinvestiert die EZB ausgelaufene Papiere des PEPP-Portfolios noch bis Ende 2024. Indessen sollte das längerfristige Anleihen-Kaufprogramm APP noch weiter laufen. Erst nach dessen Ende sind Leitzinsanhebungen ein Thema. Dennoch hat sich etwas geändert: EZB-Präsidentin Christine Lagarde ließ in der Pressekonferenz nach der EZB-Sitzung am 3. Feber die Äußerung fallen, eine Leitzinsanhebung 2022 sei sehr unwahrscheinlich. Dafür hielt sie sich mehrere Optionen offen. Entscheidend wird somit die kommende Sitzung am 10. März, in der sich der EZB-Rat auf Basis aktualisierter Datenlage genauer der weiteren Geldpolitik widmen möchte. Derzeit werden fleißig Daten gesammelt.

Inflationsgefahr ursprünglich unterschätzt
So befragt die EZB viermal im Jahr Volkswirte zu deren Wachstums- und Inflationsprognosen für die Eurozone und die jüngsten Inflationseinschätzungen sind kritisch: Für das Jahr 2022 wird ein Anstieg der Verbraucherpreise um 3,0 % erwartet, verglichen mit erwarteten 1,9 % in der Herbstumfrage 2021. Für 2023 wurde die Prognose von 1,7 auf 1,8 % nach oben revidiert und 2024 sollte bereits wieder ein Rückgang auf 1,9 % folgen. Offensichtlich haben die Experten die Nachhaltigkeit der Inflation unterschätzt.

Umso spannender wird deshalb die nächste EZB-Ratssitzung. In diesem Zusammenhang und im Konnex mit der jüngsten EZB-Entscheidung meint Expertin Sandra Holdsworth vom internationalen Assetmanager Aegon: „Die EZB hat (heute) ihre Geldpolitik nicht verändert. Präsidentin Lagarde hat jedoch sehr stark angedeutet, dass sie auf ihrer Sitzung im März ihren derzeitigen Kurs neu bewerten wird. Die EZB hat auch einen Satz in der begleitenden Erklärung gestrichen, der besagte, dass Anpassungen der Geldpolitik in beide Richtungen möglich seien. Es wird daher davon ausgegangen, dass eine Änderung der Geldpolitik zu einer strafferen Haltung führen wird. Dies wird auf den Anleihemärkten abgewartet, aber es ist unklar, in welchem Umfang, zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Instrument dies geschehen wird. Die Sitzung im März wird Aufschluss geben, aber in der Zwischenzeit werden die Spekulationen weitergehen.“

Fakt ist, dass am Freitag, 4. Feber, der Drei-Jahres-EUR-Swapsatz mit 11 Basispunkten auf 0,3510 % am stärksten angestiegen ist. Doch bereits der Zwei-Jahres-EUR-Swapsatz stieg um 10 Basispunkte auf 0,139 %, verglichen mit einem Anstieg des 30-Jahres-EUR-Swapsatzes um nur fünf Basispunkte auf 0,5680 %. Allerdings erreicht die Zinskurve im 15-Jahres-Bereich ihren Peak bei 0,7290 % und verläuft dann invers. Die Renditen zehnjähriger deutscher Bundesanleihen, die bereits auf Monatsbasis um 33 Basispunkte anstiegen, sprangen am Freitag um sieben Basispunkt auf 0,20 %. Die Anhebung der Bank Rate in Großbritannien um 0,25 %-Punkte auf 0,50 % war hingegen weitgehend eingepreist, während die Renditen zehnjähriger US-Treasuries auf aktuelle Arbeitsmarktdaten um neun Basispunkte auf 1,92 % sprangen.

Fazit
Die Inflation diktiert den Notenbanken immer mehr das Gesetz des Handelns, und so lange es zu keiner größeren Konjunkturdelle kommt, setzt sich weltweit im möglichen Handlungsrahmen eine tendenziell restriktivere Geldpolitik durch.

Foto: wikimedia / AgnosticPreachersKid

 

 

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Kernkraft und Gas sind jetzt „grüne“ Energiequellen

Die EU-Kommission bleibt dabei: Kernenergie und Gas werden als nachhaltig eingestuft.

Andreas Dolezal. Erst in der vergangenen Silvesternacht, kurz vor Mitternacht, hat die EU-Kommission den Entscheidungs- bzw. Konsultationsprozess darüber eingeleitet, ob Kernenergie und Gas als nachhaltig und grün eingestuft werden. Sollte die EU-Kommission gehofft haben, mit diesem bemerkenswerten Timing kontroversen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, hat sie sich getäuscht.

Der Konsultationsprozess war nicht öffentlich. Der Entwurf einer ergänzenden Taxonomie-Verordnung (Anm.: die Taxonomie ist ein Klassifikationsschema und stammt aus dem Altgriechischen für Ordnung und Gesetz) ging an die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen und die Sachverständigengruppe der Mitgliedstaaten für nachhaltiges Finanzwesen. Die beiden Gremien hatten gerade einmal bis Mitte Jänner Zeit, um ihre Beiträge vorzulegen.

Klage gegen Kommissionspläne
Österreichs Klimaschutzministerin Leonore Gewessler und sämtliche Umweltschutz-Organisationen liefen von der ersten Sekunde an Sturm gegen den Plan, Atomstrom und den fossilen Brennstoff Gas als „grün“ einzustufen. Österreich ist fest entschlossen Klage einzureichen, wenn sich die Pläne der EU-Kommission durchsetzen. Und genau danach sieht es nach der Pressekonferenz von EU- Kommissarin Mairead McGuinness am 2. Feber aus.

„Wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, um Klimaneutralität zu erreichen“, sagt Kommissarin McGuinness. Und weiter: „Heute legen wir dar, wie Gas und Kernenergie einen Beitrag zum schwierigen Übergang zur Klimaneutralität leisten können.“

Die einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden weiterhin in vollem Umfang über ihren eigenen Energiemix entscheiden, die Taxonomie bleibt ein freiwilliges Instrument, bekräftigt sie. Auch Investoren können weiterhin frei entscheiden, ob sie in Kernkraft oder Erdgas investieren wollen.

Kernenergie und Gas werden nur unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig gelten. Bei Kernenergie sind das Verbesserungen und fortschrittliche Technologien bei den Sicherheitsstandards und der Abfallbewirtschaftung (Stichwort Atommüll). Für Gaskraftwerke gelten strenge Auflagen, einschließlich Emissionsgrenzwerten, und es wird verlangt, dass die Anlagen emissionsintensive Anlagen ersetzen. Dazu kommen „im Interesse der Transparenz“ Vorschriften für die Offenlegung.

Viele Kernenergie-Befürworter
Nachdem die EU-Kommission den delegierten Rechtsakt angenommen hat, liegt der Ball beim Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten. Sie haben vier Monate (falls erforderlich auch sechs Monate) Zeit, den Text zu prüfen. Zu verhindern ist das geplante Inkrafttreten am 1. Jänner 2023 nur noch dann, wenn 20 der 27 EU-Mitgliedstaaten, die mindestens 65 % der EU-Gesamtbevölkerung repräsentieren, oder eine absolute Mehrheit im EU-Parlament dagegen stimmen. Danach sieht es aber ganz und gar nicht aus. Es gibt zu viele Befürworter der Kernenergie unter den EU-Staaten.

Wenig Aussicht auf Erfolg
Österreich erwägt dennoch, dagegen zu klagen. Abgesehen davon, dass die meisten Juristen so einer Klage wenig Aussicht auf Erfolg geben, übersieht die Umweltministerin aber augenscheinlich, dass auch Österreich, insbesondere in den Wintermonaten, wenn unsere Wasserkraftwerke angesichts niedriger Wasserstände zu wenig Strom erzeugen, seinen Strombedarf mit importiertem Atomstrom deckt bzw. decken muss. Das Erzeugen von Atomstrom abzulehnen, ihn aber wohlwollend zu importieren, erfordert schon eine ziemlich breite Grätsche. Zumal auch Bundeskanzler Karl Nehammer bereits ebenso zutreffend wie martialisch prophezeit hat: „Wahrscheinlich verlieren wir diesen Krieg.“ Die Diskussion darüber, ob Kernenergie und Gas nachhaltige und „grüne“ Energiequellen sind, wird jedenfalls auch in den kommenden Monaten weitergehen.

„Der heutige Tag ist nicht das Ende – aber er ist ein Mittel zum Zweck. Wir müssen so schnell wie möglich aus den kohlenstoffreichsten Energiequellen wie Kohle aussteigen. Während dieses Übergangs kann das bedeuten, unvollkommene Lösungen zu akzeptieren“, hält Kommissarin McGuinness am Ende der Pressekonferenz fest. „Das Ziel ist eine kohlenstoffarme Zukunft, die mit erneuerbaren Energien betrieben wird. Dazu sind wir noch nicht in der Lage.“

So viel Realitätssinn in den Worten einer EU-Kommissarin macht beinahe schon wieder optimistisch, dass wir die Energiewende tatsächlich schaffen.

Foto: Pixabay / Burghard

 

 

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Mehr als Sonne und Wind

Experten von BNP Paribas und Nordea erklären ihre ESG-Strategie.

Harald Kolerus. Der sogenannte „Mega-Trend“ Nachhaltigkeit hat mitunter auch mit „Störfeuer“ zu kämpfen. So ist z. B. die Entscheidung der EU-Kommission, Kernenergie als „grün“ zu deklarieren, vielen Investoren sauer aufgestoßen. Wir haben Johannes Rogy, Head of Fund Distribution CEE bei Nordea, dazu und zu anderen Themen befragt.

Hoher „Diskussionsbedarf“
Zunächst hält der Experte fest, dass bei den Nachhaltigkeits-Fonds von Nordea Nuklearwaffen dezidiert ausgeschlossen sind. Aber auch in die friedliche Nutzung von Atomenergie wird nicht investiert.

Allerdings sorgt nicht nur Kernkraft für hitzige Diskussionen: Stößt überhaupt die gesamte Energiewende nicht auf große Umsetzungsschwierigkeiten (Stichwörter CO2-Bepreisung, Versorgung einer in Zukunft riesigen Flotte an Elektro-Autos mit erneuerbaren Energien etc.)?

Rogy holt weiter aus und bringt dabei brennende gesellschaftliche Aspekte ins Treffen: „Ja, ich denke, die aktuelle Impfpflicht-Diskussion ist nur ein Vorbote zu den Realisierungsproblemen, die uns die Energiewende bringen wird. Sollten die Pläne zu dieser Wende tatsächlich in konkreten Gesetzen und Verordnungen bei den Bürgern ankommen, werden wir Widerstände und enormen Diskussionsbedarf erleben. Nicht nur die technische Umsetzung sondern auch die Akzeptanz durch die Menschen wird noch viel ,Energie‘ bedürfen.“

„S“ wird immer wichtiger
Es sind also nicht nur die hinlänglich bekannten Themen wie Umweltschutz, Sonnenenergie, Windkraft oder Energieeffizienz, die von ESG-Managern beachtet werden müssen. Ein laut Johannes Rogy aktuell im Fokus stehendes Thema von Nachhaltigkeits-Investments ist der soziale Aspekt, also das „S“ in ESG. Hierzu möchte er ein konkretes Produkt hervorheben: Den „Nordea 1 – Global Social Empowerment Fund“ (ISIN: LU2257592944), der von dem ESG-Beratungs-Unternehmen MainStreet Partners heuer als bester sozialer Themenfonds ausgezeichnet worden ist. Die Konzentration des Produkts liegt hier eben auf dem „S“, wobei Qualitätsunternehmen, die soziale Lösungen anbieten und nachhaltigen Shareholder Value generieren, im Mittelpunkt stehen. Der Fonds orientiert sich dabei an den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung.

Eine Investmentthema für mehrere Jahrzehnte
Der Börsen-Kurier sprach über die Thematik auch mit Anita Frühwald, Country Head Austria & CEE von BNP Paribas Asset Management (BNP AM). Die Expertin erklärte im Interview: „Die Energiewende wird das dominierende Investmentthema in den kommenden Jahrzehnten werden. Die Welt muss an einem Strang ziehen und Energieproduktion aus Kohle und aus fossilen Energieträgern reduzieren. IRENA – die International Renewable Energy Agency – hat errechnet, dass bis 2050 Investitionen von 115 BioUSD notwendig sein werden, um bis zu diesem Zeitpunkt CO2-neutral zu sein, das Paris-Agreement umzusetzen und bis zum Ende des Jahrhunderts die Erderwärmung unter 2 Grad zu senken. Wobei man möglichst nahe an das Ziel von 1,5 Grad herankommen will.“

Das bedeutet Investitionen in die Entwicklung und Effizienzsteigerung von CO2-armen alternativen Energieformen, auch Digitalisierung muss genutzt und die Situation bei Lagerung und Transport verbessert werden.

In diesem Zusammenhang möchte Frühwald den Fonds „BNP Paribas Energy Transition“ (LU0823414809) vorstellen. Er investiert in drei wesentliche Bereiche der Klimawende: Produktion erneuerbarer Energien, Energie-Effizienz und technologischen Fortschritt, sowie Energie-Infrastruktur und Transport.

ESG besteht eben aus mehr als Windrädern und Solarpanelen.

Foto: AdobeStock / pogonici

 

 

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China: Wachstum wird verhaltener ausfallen

Chinesisches Neujahr – Wirtschaftswachstum wird verhaltener ausfallen

(31.01.) „China steht ein Jahr mit weiteren Schließungen bevor, da die Wirtschaft des Landes durch die strenge Null-Covid-Politik gefangen gehalten wird, erklärt Sarvjeev S. Sidhu, Head of Emerging Market Strategy bei Aegon Asset Management. Sidhu ist der Ansicht, dass die von der chinesischen Regierung beschlossene Null-Covid-Politik das Wirtschaftswachstum im Vergleich zu 2021 verhaltener ausfallen lassen wird. Dies wurde bereits durch die jüngste Zinssenkung der People‘s Bank of China signalisiert.

Die langfristigen Wirtschaftsaussichten für China und die Schwellenländer hängen davon ab, wie schnell die negativen Auswirkungen der hochgradig übertragbaren Omicron-Variante mit einem Null-Covid-19-Ansatz bewältigt werden können. Wir gehen davon aus, dass China seine Null-Covid-Eindämmungspolitik beibehält, mit weitreichenden Abriegelungen, um die Ausbrüche der Delta- und Omicron-Variante zu unterdrücken. Eine rasche Verlangsamung des privaten Konsums und eine starke Schwäche des Immobilienmarktes könnten die People‘s Bank of China (PBoC) zu weiteren Lockerungen veranlassen. Die PBoC sendet ein starkes politisches Signal für ihr Engagement bei der geldpolitischen Lockerung. Nachdem der Ausbruch der Deltawelle in 21 Provinzen im Oktober weitgehend unter Kontrolle gebracht werden konnte, hat eine weitere Welle, die im November begann, in etwa einem Dutzend Provinzen Fuß gefasst. Die lokalen Behörden haben Reisebeschränkungen verhängt und die Einwohner aufgefordert, wegen des bevorstehenden chinesischen Neujahrsfestes (1. Februar) und der Olympischen Winterspiele in Peking (4. bis 20. Februar) zu Hause zu bleiben.

Die lokalen Regierungen haben schnell strenge Abriegelungsmaßnahmen ergriffen, Fabriken geschlossen, den öffentlichen Verkehr eingestellt und Häfen geschlossen. Dies wird die Erholung des Dienstleistungssektors und des Konsums weiterhin beeinträchtigen. Wir glauben, dass Chinas Null-Covid-Politik mindestens bis zum Kongress der Kommunistischen Partei Chinas im Herbst 2022 beibehalten wird. Sidhu warnt auch davor, dass der Abschwung im Immobiliensektor die Gesamtwirtschaft weiter belasten wird und ein Wendepunkt noch nicht erreicht ist. Die Maßnahmen zur Förderung der Kreditvergabe seien jedoch ein positives Zeichen dafür, dass Maßnahmen ergriffen werden, um eine schlimmere Spirale zu verhindern. Die Spillover-Effekte des Abschwungs im chinesischen Immobiliensektor haben weiterhin wirtschaftliche Auswirkungen. Die restriktiven Maßnahmen für den Immobiliensektor haben die Bauträger stark unter Druck gesetzt. Ein Wendepunkt ist noch nicht erreicht, aber die Erleichterung der Nutzung von Treuhandfonds durch die Bauträger und die Ermutigung der Banken, Kredite für den Erwerb von Immobilienprojekten zu gewähren und Fusionen und Übernahmen zu erleichtern, sind ermutigend. Die Kreditaufnahme des Immobiliensektors macht etwa 30 % der Bilanz des Bankensystems aus, und viele Millionen Menschen arbeiten im Baugewerbe. Das Risiko eines Zahlungsausfalls von Evergrande und anderen hoch verschuldeten chinesischen Immobilienemittenten bleibt ein Überhang. Die Regierung wird wahrscheinlich den Kauf ihrer Vermögenswerte durch Käufer beschleunigen, zu denen auch andere Bauträger und lokale Regierungen gehören könnten.

Sidhu geht davon aus, dass die chinesische Regierung für 2022 ein Wachstum von 5 bis 5,5 % anstrebt, nachdem es im vergangenen Jahr besser als erwartet ausgefallen war. Zudem rechnet er mit einer stärkeren Hinwendung zu einer nachhaltigen Politik. Breit angelegte Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen sollten die Märkte auf eine stärkere Lockerung hinweisen und dazu beitragen, den Abwärtsdruck auf das Wachstum auszugleichen. Wir gehen davon aus, dass China seine BIP-Wachstumsrate bis 2022 auf 5-5,5 % anheben wird. Zum Vergleich: 2021 wuchs die chinesische Wirtschaft um 8,1 % gegenüber dem Vorjahr und lag damit deutlich über dem Ziel von 6 % gegenüber dem Vorjahr.

Mit Blick auf die Zukunft sehen wir eine schnellere Dekarbonisierungspolitik, einschließlich der Einführung grüner Technologien wie Elektrofahrzeuge, energieeffiziente Gebäude und die Stromerzeugung durch erneuerbare Energiequellen. In der Zwischenzeit wird Chinas langfristige Wachstumsumstellung fortgesetzt, mit einer gezielten und unterstützenden Kreditpolitik, einschließlich der Ausgabe von Sonderanleihen durch lokale Regierungen. Die beschleunigte Emission von Kommunalanleihen wird das Wachstum der Infrastrukturinvestitionen unterstützen. Dies steht im Einklang mit der allmählichen Verlagerung der Wachstumsmotoren auf produktive Investitionen und der Ankurbelung des Konsums der privaten Haushalte in den kommenden Jahren.“

Foto: Aegon AM

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„Investieren ist weder Spiel noch Spekulation“

Christoph Boschan im Exklusivinterview über fünf erfolgreiche Jahre und die Zukunft der Wiener Börse.

Marius Perger. Seit etwas mehr als fünf Jahren ist Christoph Boschan Vorstandsvorsitzender der Wiener Börse. Bereits im November 2020 wurde die Funktionsperiode des 43-jährigen gebürtigen Berliners, der davor unter anderem Vorstand der Börse Stuttgart und der Euwax war, vorzeitig um fünf Jahre verlängert.

Im Exklusivinterview mit dem Börsen-Kurier sprach Boschan darüber, wie die Wiener Börse auf die Herausforderungen der vergangenen Jahre reagiert hat und wie es mit dem Kapitalmarkt in Österreich weitergehen kann.

Herausforderungen gemeistert
Zu den größten Herausforderungen für eine traditionelle Börse zählte in den letzten Jahren das Erstarken außerbörslicher Handelsplattformen. Boschan betont, dass es gelungen sei, den börslich regulierten Handelsanteil bei 75 bis 85 % „außerordentlich stabil“ zu halten. Gleichwohl habe sich aber die Ausprägung des Handels verändert, vom fortlaufenden Handel hin zur Auktion, die volumenausgleichend sei und ein konkurrenzloses Angebot der Börsen darstelle.

Auf der technischen Seite zählte die 2017 erfolgte Umstellung auf die Handelsarchitektur Xetra T7 zu den Highlights seiner ersten Amtsperiode. Mit Kooperationspartnern zusammenzuarbeiten sei eine „fundamentale Grundsatzentscheidung, die man immer aufs Neue treffen muss“. Für die Wiener Börse als relativ kleines Haus sei das ein „Überlebenselixier“, wenn es auf Skaleneffekte ankommt: „Unsere Aufgabe ist es, österreichischen Unternehmen den gleichen Standard zu bieten, den Emittenten auf anderen großen Märkten erhalten“, so Boschan.

Viel hat sich in den vergangenen Jahren getan an der Wiener Börse: Die technische Infrastruktur sei komplett modernisiert worden, es wurden neue Services auf den Markt gebracht und es wurde weiter internationalisiert. Alle diese Maßnahmen seien wichtig gewesen und würden ineinandergreifen.

Natürlich seien manche Vorhaben auch schiefgegangen. Strategieprozesse würden davon leben, dass sie mehrheitlich funktionieren – alles andere wäre eine „Start-up-Strategie“. Entscheidend sei, dass unterm Strich mehr herauskomme, schließlich sei auch die Wiener Börse ein Unternehmen. Das sei gut gelungen, es wurde in den letzten Jahren starkes Wachstum erzielt. Und auch für 2021 werde man ein Top-Ergebnis vorlegen können, kündigt der Börse-Chef an.

Investieren ist nicht spekulieren
Wichtig sei es, Wetten, Spekulation und Investments auseinanderzuhalten. Die Unterscheidung sei nicht immer einfach, und alle drei seien legitim. Es gehe nicht darum zu werten, sondern darum, den Unterschied zu verstehen. Gambling, wozu Boschan beispielsweise Bitcoin zählt, oder Spekulationen wie jene um Gamestop im vergangenen Jahr seien keineswegs mit Investments in den ATX zu vergleichen. Nur beim Investieren hat der Anleger ein langfristiges Konzept vor Augen.

Gerade die Corona-Pandemie habe dazu geführt, dass Erträge für Anleger wieder wichtiger geworden sind und fundamentale Fakten wieder mehr beachtet werden. Klassische Unternehmen, wie sie für Österreich typisch sind, bieten sich da besonders für Investments an.

Im Bereich der Privatanleger sieht Boschan zwei gegenläufige Trends: Einerseits gebe es eine Vielzahl junger Anleger, eine selbstbewusste junge Generation, die unternehmerisch denkt. Zwar seien diese Menschen noch nicht vermögensstark, entscheidend für den Kapitalmarkt sei aber, dass ihnen die Transition vom Spielerischen zum Investieren gelinge.

Es gebe aber auch einen zweiten, mindestens ebenso starken Trend: Die staatliche Umverteilung nehme zu, statt als mündige Bürger selbst Verantwortung zu übernehmen, würden sich viele auf den Sozialstaat verlassen. Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen oder Helikoptergeld würden zeigen, dass wir es zunehmend mit einem „Versorgungsstaat“ zu tun haben. Der Kapitalmarkt brauche aber individuelles Engagement.

Dazu komme, dass es in Österreich teilweise eine hohe Risikoneigung gibt – Beispiele dafür sind Crowdinvesting oder die Fremdwährungskredite. Je geringer die Finanzbildung, desto fehlerhafter sei die Risikoeinschätzung, umso spekulativer das Verhalten. Typischerweise beginne die „Anlegerreise“ zwar auf der Gambling- oder spekulativen Seite, wer als Investor die Reise aber nicht bis zum Ende macht, sei verloren.

Zu denken gibt Boschan die mangelnde Zukunftsorientierung in Österreich. Während international ein Trend hin zur Kapitaldeckung der Pensionssysteme bestehe, beharre man hierzulande auf dem Umlageverfahren: „Ich habe Sorge, dass Österreich diesen Trend verschläft“, so Christoph Boschan. Längerfristig stelle dies ein Risiko für den Wohlstand in Österreich dar. Dass Österreich am Kapitalmarkt unter seinen Möglichkeiten bleibe, schmerze ihn – insbesondere, weil der Kapitalmarkt auch ein Wohlstands- und Verteilungsmotor sein kann.

Weiteres Wachstum
„Unerfreulich wenig“ habe sich zuletzt in Bezug auf neue Börsengänge im „prime market“ getan; die Pipeline sei aber „einigermaßen voll“, so Boschan. Und er zeigt sich „zuversichtlich, heuer Bewegung zu sehen“. Es habe zuletzt zwar einige Kandidaten gegeben, diese seien aber im Bereich Private Equity versorgt worden. Gerade in der für österreichische Unternehmen typischen Größenordnung einer Marktkapitalisierung von 1 bis 2 MrdE sei Private Equity besonders aktiv. Negativ wirke sich auch aus, dass es am österreichischen Markt mehr Übernahmeziele gebe als Unternehmen, die selbst akquirieren. Positiv hervorzuheben sei aber beispielsweise, dass Pierer Mobility ab 1. März im „prime market“ notieren werde, sowie das Einstiegssegment, das regen Zulauf erfährt.

Und die Kapitalmärkte würden in Zukunft noch wichtiger werden: Innovation sei nötig, gigantische Investitionen in die Umwelt stehen an – all das sei nur mit Eigenkapital möglich: „Egal, um welches Megathema es geht – der Kapitalmarkt ist immer ein Teil der Antwort.“ Für die Wiener Börse selbst laute die Strategie für die nächsten Jahre: „Weiter wachsen, österreichische Emittenten in alle Welt tragen und die Welt nach Österreich bringen.“

Foto: WBAG

 

 

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Harter Kern für‘s Portfolio?

Neue Produkte wollen von der möglichen Renaissance der Atomkraft profitieren.

Harald Kolerus. Derzeit läuft die Diskussion rund um Kernenergie wieder auf Hochtouren. Eingeheizt wurde sie von der Initiative, dass die EU-Kommission Atomenergie als nachhaltig deklarieren soll; wobei es sehr wahrscheinlich ist, dass dieser Vorschlag realisiert wird. Davon kann man nun halten, was man will: Mündige Bürger und Anleger müssen selbst entscheiden, ob sie AKWs als „grün“ ansehen oder nicht. Investmentchancen gibt es jedenfalls, was auch zwei neue Produkte unter Beweis stellen.

Nuklear-Zertifikat
Eine Möglichkeit, in Aktien rund um das Thema Atomenergie zu veranlagen, stellt der „Vontobel Nuclear Energy Index“ dar. Für die Aufnahme kommen sowohl Unternehmen aus Industriestaaten als auch aus Schwellenländern in Frage. Voraussetzung: Sie müssen sich entweder mit der Förderung von Uran oder der Produktion von Atomenergie beschäftigen. Der Nuklear-Index setzt sich aus den

25 Branchenvertretern mit der höchsten Marktkapitalisierung zusammen. Sollten sich keine 25 passenden Titel nach den oben genannten Kriterien finden, werden weiters Unternehmen aufgenommen, die nuklear-nahe Technologien oder Dienstleistungen anbieten (zum Beispiel rund um den Bau von Kernreaktoren).

Keine Atomwaffen
Wobei auch Nachhaltigkeits-Komponenten in das neue Produkt eingebaut sind. Heiko Geiger, Zertifikate-Experte bei Vontobel, erklärt im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Ausgeschlossen sind Unternehmen, die in Verbindung mit Atomwaffen stehen. Weiters werden Governance und politische Risken beachtet. Ein praktisches Beispiel: Kazatomprom aus Kasachstan wurde aufgrund der Krise in diesem Land nicht in den Index aufgenommen. Sollten sich die Probleme verflüchtigen, kann dieser Wert aber wieder investierbar werden.“

Einige bekannte Namen im Portfolio sind Harmony Gold Mining, NextGen oder Paladin Energy, die alle im Uranabbau tätig sind. Societatea Nationala Nuclearelectrica ist wiederum, um ein weiteres Beispiel zu nennen, im europäischen Energie-Handel aktiv.

Geiger fasst zusammen: „Wir wollen mit dem ‚Nuclear Energy Index‘ die gesamte Wertschöpfungskette des Atomenergiebereichs abdecken.“ Investierbar wird die Atom-Story durch das „Open-End Strategie-Zertifikat auf den Vontobel Nuclear Energy Index“ (ISIN: DE000VX 5TNQ3). Das Zertifikat ist mit 4.2. an der Börse handelbar.

Uran im Fokus
Ein weiteres neues Produkt im Feld der Atomkraft ist der „Index-Zertifikate auf den Solactive Uranium Mining Index“ (DE000SH02Q84) der Société Générale. Er wird von der Solactive AG zusammengestellt und umfasst 15 Unternehmen, die im Bereich der Urangewinnung und -verarbeitung tätig sind. Für die Auswahl sind die Höhe der Marktkapitalisierung sowie das tägliche Handelsvolumen entscheidend.

Seitens der Société Générale heißt es zum Umfeld des Produkts: „Während Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen hat, entstehen in vielen Ländern weltweit neue Kernkraftwerke. Denn Atomkraft ist eine kohlenstoffarme Energiequelle und spielt neben der Smog-Reduzierung für viele Länder daher auch zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen und somit zur Erreichung von Klimazielen eine wichtige Rolle.“ Zitiert wird auch eine Analyse der UNECE (United Nations Economic Commission for Europe), demnach seien die internationalen Klimaziele nur erreichbar, wenn Atomkraft weiterhin zur Stromversorgung beiträgt.

Das sind also einige Argumente für den (wachsenden) Atommarkt, die Gegenmeinung darf als bekannt vorausgesetzt werden (Gefahr von Super-GAUs, Endlagerung etc.). Ob Kernkraft ins Portfolio gehört, bleibt eine individuelle Entscheidung.

Foto: Pixabay / Burghard

 

 

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Wird Gold wieder glänzen?

Die Inflationssorgen haben den Goldpreis zuletzt kaum beflügelt. Worauf Anleger achten müssen.

Raja Korinek. Für manch einen Investor mag die jüngste Entwicklung des Goldpreises ein wenig paradox wirken. Schließlich steigt die Inflation zügig an. In den USA erreichte sie im Dezember bereits

7 %. In der Eurozone waren es immerhin 5 %. Und dennoch: Seit der Goldpreis ein historisches Hoch von rund 2.000 USD (rund 1.800 Euro) im August 2020 erreichte, pendelt die Notierung in einem Seitwärtstrend. Dabei wird das gelbe Edelmetall doch oftmals als klassischer Inflationsschutz gehandelt.

Der Grund für die jüngst verhaltene Entwicklung des Goldpreises liegt in dem allmählichen Anstieg der Renditen länger laufender Staatsanleihen. Damit werden solche Papiere im Vergleich zu einem zinslosen Goldinvestment wieder zunehmend interessant. Das heißt: Gold ist vor allem dann ein begehrter Inflationsschutz, wenn Anleger nicht damit rechnen, eine steigende Teuerung anhand eines Bondinvestments künftig ausgleichen zu können. Scheinbar wiegen Anleger derzeit aber ab, ob die Bondrenditen demnächst noch weiter ansteigen, sodass die Inflation mit solch einem Investment endlich wieder abgedeckt wäre.

Die Renditen steigen an
Immerhin: In den USA erreichten die Renditen 10jähriger US-Treasuries zuletzt rund 1,8 %. Die Renditen deutscher Pendants lagen hingegen bei mageren minus 0,045 %. Auch bei den Leitzinsen wird es heuer in den USA erste Anhebungen geben. Aaron Alber, Analyst bei Raiffeisen Research, meint zudem, „die Verringerung des geldpolitischen Stimulus bleibt auch 2022 ein bestimmendes Thema, wobei die Akzente der Fed ausgeprägter sein werden als bei der EZB“.

Dennoch dürfte die Erwartung einer restriktiveren Geldpolitik auf dem aktuellen Niveau des Goldpreises weitgehend eingepreist sein, so Alber. Zudem dürften sich die Zinsanhebungen in Grenzen halten, ergänzt Benjamin Louvet, Fondsmanager OFI Financial Investment Precious Metals. Ein allzu rasches Ende der lockeren Geldpolitik könnte das Wirtschaftswachstum dämpfen. „Hinzu kommt, dass die derzeit hohe Inflation mit Problemen in den Lieferketten verbunden ist, wogegen Zinserhöhungen kontraproduktiv wären.“

Interessierte Anleger können auf unterschiedliche Szenarien bei der weiteren Goldpreisentwicklung setzen. Optimisten können etwa auf einen weiteren Anstieg mit einem Investment in Goldminenaktien hoffen. Diese profitieren überproportional von einer höheren Goldnotierung, verlieren allerdings in Baisse-Zeiten kräftiger. So gibt es etwa das „Best of Gold Miners Indexzertifikat“ von Alphabeta Acces Products (ISIN: DE000DA0AAY4). Darin sind elf Aktien enthalten, zu denen Kirkland Lake Gold (CA49741E1007), Endeavour Mining (GB00BL6K5J42) und Barrick Gold (CA0679011084) zählen.

Lukrativer Seitwärtstrend
Anleger, die in nächster Zeit hingegen mit einer zügigen Korrektur des Goldpreises rechnen, können auf dieses Szenario mit einem Faktor-Short-Zertifikat setzen. Als Berechnungsgrundlage wird bei diesen Produkten stets der Schlusskurs des Basiswertes vom Vortag herangezogen und die – in diesem Fall negative – prozentuelle Kursveränderung zum Vortag mit dem Faktor multipliziert. Allerdings können auch größere Verluste entstehen, wenn der Basiswert prozentuell stärker seitwärts tendiert oder steigt.

Ein entsprechendes Produkt bietet beispielsweise die Société Générale (DE000SF5DDL6) mit einem Faktor von 2 an. Weil Gold aber in US-Dollar notiert, dürfen Anleger das Währungsrisiko nicht außer Acht lassen.

Foto: AdobeStock / Subbotina Anna

 

 

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Die Überwindung der „Flaschenhals-Rezession“

Ein Kommentar von Thomas Funk, Investment Director bei GAM Investments.

(24.01.) Lieferengpässe bei Industriegütern werden zu einem immer größeren Problem und entwickeln sich zu einem vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung als „Flaschenhals-Rezession“ bezeichneten Phänomen. Die Lage verschärfte sich im Oktober, als industrielle Halbfabrikate auf vielen Ebenen knapp wurden. Dafür gibt es mehrere Gründe, darunter nicht zuletzt die durch die Weihnachtszeit beschränkten Transportkapazitäten. Zudem funktionieren die Logistikketten, insbesondere im internationalen Handel, noch immer nicht effizient. Beispielsweise stauen sich große Containerschiffe außerhalb der Häfen und dringend benötigte Güter können nicht entladen werden. Da einige Lagerbestände erschöpft sind, führt dies zunehmend zu Produktionsunterbrechungen. In zwei Bereichen ist dies am deutlichsten erkennbar: in der Automobilproduktion und der Herstellung von Elektroartikeln. Die Prognosen zur Automobilproduktion für 2021 wurden ständig nach unten korrigiert. In einigen Werken wurde die Produktion mangels elektronischer Bauteile kurzfristig gestoppt. Auch Apple musste die Fertigung von Mobiltelefonen der neuesten Generation drosseln.

Landis+Gyr, ein Schweizer Hersteller von Stromzählern und Software für Versorger, veröffentlichte kürzlich eine bemerkenswerte Liste mit derzeit knappen elektronischen Produkten. Vor allem Produkte auf Halbleiterbasis sind erwartungsgemäß knapp, was zu einem Boom beim Bau neuer Halbleiterfabriken führt. Auf der Liste von Landis+Gyr stehen jedoch überraschenderweise auch einfache elektronische Bauteile wie Dioden und Transistoren. Es ist schwer vorstellbar, dass solche Komponenten während der Covid-19-Pandemie plötzlich knapp wurden. Viel wahrscheinlicher ist es aus unserer Sicht, dass diese irgendwo in der Logistikkette steckengeblieben sind, sich daraus nicht abgerufene Bestände bildeten, deshalb vorübergehend aus der Wertschöpfungskette genommen wurden und nun fehlen. Infolge dieser Engpässe sehen sich einige produzierende Unternehmen für die kommenden Monate mit geringeren Umsätzen konfrontiert. Bei der Gewinnentwicklung rechnen wir daher bei verschiedenen Herstellern mit einer Abschwächung der Gewinndynamik – mit anderen Worten mit einer „Flaschenhals-Rezession“.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Endnachfrage nach den Produkten intakt bleibt. Die Haushalte haben während der durch Covid-19 bedingten Lockdowns gespart, was bedeutet, dass erhebliche Mittel für den Konsum vorhanden sind, und dies hat sich in den Verkaufszahlen niedergeschlagen. Seit Mitte 2020 befinden sich die meisten Unternehmen auf einem Erholungskurs, da sie die während der Pandemie verzeichneten Umsatzeinbußen wieder aufgeholt haben. Wir gehen nun davon aus, dass sich die Spanne für die Gewinnentwicklung insbesondere aufgrund der Verknappung industrieller Halbfabrikate vergrößern wird. Die durch die Flaschenhals-Rezession bedingten Ertragsausfälle werden allerdings voraussichtlich zu einem Nachfragestau führen, der nach und nach aufgelöst werden kann, sobald die fehlenden Halbfabrikate wieder verfügbar sind. Es ist wichtig, sich nicht nur auf die Probleme zu konzentrieren, sondern auch Investitionen zu tätigen, um das Geschäft mittel- und längerfristig anzukurbeln. Es gibt mehrere starke Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung sowie in neue Produkte und den Kapazitätsausbau investieren, um sich besser zu positionieren und neue Einnahmequellen für die Zukunft zu erschließen.

Foto: GAM

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Nouriel Roubini sieht trübe Aussichten für 2022

Wenig optimistisch zeigt sich der bekannte US-Nationalökonom in seiner Exklusiv-Analyse.

Trotz wirtschaftlicher Rückschläge und Diskontinuitäten aufgrund neuer Covid-19-Varianten erwies sich 2021 für Volkswirtschaften und Märkte in den meisten Teilen der Welt als relativ positives Jahr. Nach der schweren Rezession im Jahr 2020 stieg das Wachstum über Potenzial, und die Finanzmärkte erholten sich kräftig. Das traf insbesondere auf die Vereinigten Staaten zu, wo die Aktienmärkte neue Höchststände erreichten. Teilweise war das auf die ultralockere Geldpolitik der US-Notenbank zurückzuführen (obwohl auch die Zentralbanken in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ihre eigene, radikal akkommodierende Geldpolitik verfolgten).

Noch ist nicht alles ausgestanden
Das Jahr 2022 könnte allerdings schwieriger werden. Die Pandemie ist nicht vorbei. Omikron mag zwar für weniger heftige Krankheitsverläufe sorgen als frühere Virusvarianten – insbesondere in fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit hoher Durchimpfungsrate -, aber die Variante ist um einiges ansteckender und das heißt, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Todesfälle hoch bleiben wird. Die daraus resultierende Unsicherheit und Risikoaversion wird die Nachfrage dämpfen und Engpässe in den Lieferketten verschärfen.

Schuldenstände können ein großes Problem werden
In Kombination mit Ersparnisüberschüssen, Nachfragestaus und einer lockeren Geld- und Finanzpolitik haben diese Engpässe im Jahr 2021 die Inflation angeheizt. Viele der Zentralbanker, die zunächst darauf beharrten, dass der Inflationsschub nur vorübergehender Natur sei, haben nun eingeräumt, dass es sich wohl um ein anhaltendes Phänomen handelt. In unterschiedlichen Dringlichkeitsabstufungen wird der Ausstieg aus unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen wie der quantitativen Lockerung geplant, um mit der Normalisierung der Zinssätze beginnen zu können.

Die Entschlossenheit der Zentralbanken wird auf die Probe gestellt werden, falls die Leitzinserhöhungen zu Schocks auf den Anleihe-, Kredit- und Aktienmärkten führen. Angesichts einer derart massiven Anhäufung privater und öffentlicher Schulden sind die Märkte möglicherweise nicht in der Lage, höhere Kreditkosten zu verkraften. Sollte es zu tumultartigen Entwicklungen kommen, würden die Zentralbanken in eine Schuldenfalle geraten und womöglich ihren Kurs ändern. Dies würde eine Verschiebung der Inflationserwartungen nach oben wahrscheinlich machen, wobei die Inflation endemisch werden würde.

Geopolitisch bleibt es problematisch
Das nächste Jahr wird auch zunehmende geopolitische und systemische Risiken mit sich bringen. An der geopolitischen Front gilt es, drei wesentliche Bedrohungen im Auge zu behalten.

Erstens bereitet Russland eine Invasion in der Ukraine vor, und es bleibt abzuwarten, ob die Verhandlungen über ein neues regionales Sicherheitsregime eine Eskalation dieser Entwicklung verhindern können. US-Präsident Joe Biden hat zwar mehr Militärhilfe für die Ukraine versprochen und schärfere Sanktionen gegen Russland angedroht, aber auch deutlich gemacht, dass die USA nicht direkt eingreifen werden, um der Ukraine im Falle eines Angriffs beizustehen. Allerdings präsentiert sich die russische Wirtschaft inzwischen widerstandsfähiger gegen Sanktionen als in der Vergangenheit, so dass der russische Präsident Wladimir Putin sich von solchen Drohungen möglicherweise nicht abschrecken lässt. Schließlich könnten manche Sanktionen des Westens – wie etwa eine Blockade der Nord-Stream 2-Gaspipeline – Europas eigene Energieknappheit noch verschärfen.

Zweitens wird der kalte Krieg zwischen China und Amerika noch kälter. China erhöht den militärischen Druck auf Taiwan und im Südchinesischen Meer (wo es zahlreiche Territorialstreitigkeiten gibt) und die allgemeinere Entkopplung zwischen der chinesischen und der US-amerikanischen Wirtschaft beschleunigt sich. Diese Entwicklung wird im Lauf der Zeit stagflationäre Folgen zeitigen.

Drittens befindet sich der Iran mittlerweile an der Schwelle zum Atomstaat. Dem Land gelang es in Windeseile, Uran auf fast waffenfähiges Niveau anzureichern und die Verhandlungen über ein neues oder überarbeitetes Atomabkommen blieben ergebnislos. Infolgedessen erwägt Israel offen Schläge gegen iranische Atomanlagen. Sollte das tatsächlich eintreten, wären die stagflationären Folgen wohl schlimmer als die ölbedingten geopolitischen Schocks der Jahre 1973 und 1979.

Ein beherrschendes Thema
Überdies bringt das neue Jahr auch mehrere systemische Herausforderungen mit sich. Im Jahr 2021 traten die realen Auswirkungen des Klimawandels in Form von Hitzewellen, Waldbränden, Dürren, Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Taifunen und anderen Katastrophen deutlich zutage. Auf dem Klimagipfel COP26 in Glasgow gab es vorwiegend Lippenbekenntnisse zu hören, weswegen sich die Welt nun auf direktem Weg befindet, noch in diesem Jahrhundert eine Erwärmung um katastrophale 3 Grad zu erleiden. Dürreperioden treiben die Lebensmittelpreise bereits in gefährliche Höhen und die Auswirkungen des Klimawandels werden sich weiter verschärfen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der aggressive Vorstoß zur Dekarbonisierung der Wirtschaft dazu führt, dass zu wenig in Kapazitäten für fossile Brennstoffe investiert wird, bevor ein ausreichendes Angebot an erneuerbaren Energien vorhanden ist. Diese Dynamik wird im Laufe der Zeit zu deutlich höheren Energiepreisen führen. Außerdem wird es zu einem Anstieg der Flüchtlingsströme in Richtung USA, Europa und anderer Industrieländer kommen, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, da diese Länder ihre Grenzen schließen.

USA: Ein gespaltenes Land
Vor diesem Hintergrund nimmt auch die politische Dysfunktion sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern zu. Die Zwischenwahlen in den USA werden möglicherweise einen Vorgeschmack auf jene ausgewachsene Verfassungskrise – wenn nicht gar unverhohlene politische Gewalt – bieten, die den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024 folgen könnten. Die USA erleben ein nahezu beispielloses Ausmaß an parteipolitischer Polarisierung, Stillstand und Radikalisierung, wobei diese Entwicklungen allesamt ein gravierendes Systemrisiko darstellen.

Populistische Parteien (sowohl der extremen Rechten als auch der extremen Linken) gewinnen weltweit immer mehr an Zuspruch und das sogar in Regionen wie Lateinamerika, wo der Populismus auf eine katastrophale Geschichte zurückblickt. In Peru und Chile kamen 2021 radikal linke Präsidenten an die Macht, in Brasilien und Kolumbien könnte 2022 Ähnliches eintreten und Argentinien sowie auch Venezuela werden weiter auf ihrem Weg in Richtung finanzieller Ruin bleiben. Die Normalisierung der Zinssätze durch die US-Notenbank Fed und andere große Zentralbanken könnte in diesen und anderen gefährdeten Schwellenländern wie der Türkei und dem Libanon zu Finanzschocks führen, ganz zu schweigen von den zahlreichen Entwicklungsländern, deren Verschuldungsgrad schon jetzt nicht mehr tragbar ist.

Börsen bereits zu „aufgebläht“?
Zu Jahresende 2021 präsentieren sich die Finanzmärkte überschäumend, wenn es nicht gar schon in Richtung Blasenbildung geht. Sowohl öffentliches als auch privates Beteiligungskapital ist teuer (mit überdurchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnissen); die Immobilienpreise (sowohl für Eigentum als auch für Mieten) sind in den USA und vielen anderen Volkswirtschaften hoch; und es besteht ein fortgesetzter Hype um Meme-Aktien, Krypto-Assets und SPACs (Special Purpose Acquisition Companies). Die Renditen auf Staatsanleihen bleiben extrem niedrig und die Kreditspreads – sowohl für hochverzinsliche als auch erstklassige Anleihen – präsentieren sich aufgrund der indirekten Unterstützung der Zentralbanken eng.

Solange die Zentralbanken ihre unkonventionelle Geldpolitik verfolgten, konnte die Party weitergehen. Doch den Vermögenspreis- und Kreditblasen könnte 2022 mit dem Beginn der Normalisierung der Zinspolitik die Luft ausgehen. Außerdem wäre es möglich, dass Inflation, langsameres Wachstum sowie geopolitische und systemische Risiken die Voraussetzungen für eine Marktkorrektur im Jahr 2022 schaffen. Was auch immer kommen mag, fest steht, dass die Anleger wohl den größten Teil des Jahres in Atem gehalten werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, © Project Syndicate 1995 – 2022

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