M&G: Der Aktienmarkt bekommt ein anderes Gesicht

Von Richard Halle, Manager des M&G (Lux) European Strategic Value Fund.

(24.05.) Ist die aktuelle Value-Rallye eine Momentaufnahme oder startet jetzt das lange erwartete Comeback? Die ehrliche Antwort: „Wir wissen es nicht“, sagt Richard Halle, Manager des M&G (Lux) European Strategic Value Fund. „Anders als unsere Kollegen aus dem Growth-Bereich ist ein echter Value-Investor immer vorsichtig, wenn es um Fragen zu künftigen Entwicklungen geht.“ Halle sieht mehrere gute Gründe für das Scheitern eines Value-Comebacks in den letzten zehn Jahren – und findet, dass diese inzwischen an Gewicht verloren haben. Das sind die wichtigsten Unterschiede:

1. Umkehr des Wachstumstrends
Die Marktteilnehmer sind lange einem tief verwurzelten und sich selbst verstärkenden Trend zu Wachstums- und Qualitätsaktien gefolgt. Je länger solch ein Trend anhält, desto mehr Energie ist für eine Umkehr erforderlich. Bisherige Anläufe zu einem Value-Comeback waren allerdings nur kurzlebig und nicht sehr umfassend. In den letzten zehn Jahren galt vielmehr eher: Jede Value-Rallye war eine hervorragende Gelegenheit, auf Wachstum zu setzen.

Nun ist die Rotation hin zu Value jedoch sowohl stark als auch andauernd, wachstumsorientierte Investoren mussten erhebliche Verluste hinnehmen – und zwar nicht nur diejenigen, die spät eingestiegen sind, sondern häufig auch jene, die noch vor Beginn der Corona-Pandemie in Growth investierten.

2. Extreme Streuung bei den Bewertungen
Fakt ist: Der Trend hin zu Value folgte auf eine unglaubliche Rallye der Wachstums- und Qualitätstitel nach Ausbruch der Corona-Krise. Aus unserer Sicht war dies eine Phase des „Dampfablassens“ beziehungsweise der Kapitulation, was am Ende langfristiger Trends durchaus üblich ist. In der Folge waren die Bewertungen so breit gestreut wie selten zuvor am Aktienmarkt. Und nun spricht schon die Mathematik dafür, dass sich die Rotation aufgrund der extremen Ausgangslage weiter fortsetzen könnte.

3. Die Welt verändert sich
Aktuell erleben wir das Ende mehrerer starker und langfristiger Trends, die bisher Gegenwind für Value bedeutet haben. Mehr noch, diese Trends werden sich mit ziemlicher Sicherheit umkehren. Zunehmende Globalisierung, immer weiter sinkende Zinsen, Dominanz der Zentralbanken, groß angelegte Kreditschöpfung, unglaubliche Gelddruckerei und Deflation: All dies hat das letzte Jahrzehnt geprägt. Unserer Meinung nach haben diese Faktoren allerdings auch stark zu der extremen Bewertungsstreuung und – wir wagen es auszusprechen – zu Spekulationsexzessen beigetragen. In den nächsten zehn Jahren wird die Welt – und damit auch der Aktienmarkt – wohl ein anderes Gesicht bekommen.

Ein Aspekt wird dabei unserer Meinung nach häufig übersehen: Die meisten Menschen halten Value- und Growth-Titel für zwei unterschiedliche, aber klar voneinander abgegrenzte Gruppen von Aktien. In Wirklichkeit sind sie das jedoch nicht. In Zeiten des Wandels können einstige Value-Titel durchaus zu neuen „Lieblingen“ unter den Wachstumswerten werden – wie zum Beispiel die „langweiligen“ Basiskonsumgüteraktien während des TMT-Booms (Technologie, Medien und Telekommunikation). Genau diese wurden dann Mitte bis Ende der 2010er Jahre gefeiert, als die Anleger „Anleihe-ähnliche“ Titel liebten.

Das gilt ebenso umgekehrt: Auch Wachstumstitel können zu Value-Aktien werden. Ein Beispiel dafür sind die Telekommunikationsaktien vor und nach der TMT-Blase oder Banktitel vor und nach der Finanzkrise. Wir sind überzeugt, dass es auch jetzt zu solchen Fällen kommen wird.

4. Wachstumsinvestitionen weiterhin dominant
Aktuell setzen die Märkte immer noch sehr stark auf Wachstumstitel und sind bei Value-Aktien „short“. Eine Kurzanalyse verschiedener Datenbanken zeigt, dass (noch) fast kein Investmentfonds nennenswerte Gelder in Value-Titel investiert. Und bei Privatanlegern dürfte es ähnlich aussehen. Das Potenzial für Value bei einer Umstellung der Anleger ist somit gegeben.

Eine andere oft gestellte Frage lautet: Ist die Zeit reif, um bei günstigen Wachstumsaktien einzusteigen? Das könnte das Thema eines längeren Beitrags sein. Die kurze Antwort ist jedoch eindeutig: unserer Meinung nicht einmal annähernd.“

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Nahrung der Zukunft im Fokus

Die Lebensmittelpreise steigen stark, nachhaltige Lösungen sind dringend gefordert.

Raja Korinek. Mit der anhaltenden Ukraine-Krise rückt der Agrarsektor, etwa über den Weizenmarkt, zunehmend in den Fokus. „Die Ukraine und Russland repräsentieren rund 28 % der globalen Weizenexporte“, betont Jörg Dehning, Fondsmanager des „DJE Agrar & Ernährung“ (ISIN: LU0350835707), gegenüber dem Börsen-Kurier. Nun drohen Exportausfälle. Obendrein hatte Indien, der weltweit zweitgrößte Weizenproduzent, einen Exportstopp auf Weizen verhängt, der zuletzt zumindest ein wenig gelockert wurde. Die Folgen sind deutlich zu sehen: Der Preis erreichte neue Rekordhochs.

Überhaupt haben die Notierungen für Nahrungsmittel in den vergangenen Monaten neue Höchststände erreicht. Allein im April notierte der „Food Price Index“ der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) bei 158,5 Punkten und lag damit nur leicht unter dem Rekordhoch vom März. Der Index misst die Preisentwicklung von fünf Subgruppen, zu denen etwa Zucker und Fleisch zählen.

Die Weltbevölkerung wächst
Freilich, alle solchen kurzfristigen Entwicklungen verschärfen bloß die Folgen längerfristiger Trends, zu denen die wachsende Weltbevölkerung zählt. „Damit steigt der Bedarf an Nahrungsmitteln. Und das stellt die globale Agrarwirtschaft vor Herausforderungen“, konstatiert Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE. Tatsächlich dürfte die Weltbevölkerung laut Vereinten Nationen bis 2050 auf 9,7 Mrd Menschen anschwellen.

Doch das sind nicht die einzigen Herausforderungen. DJE-Kapital-Experte Dehning meint, dass bis 2050 zugleich die verfügbare Ackerfläche pro Kopf schrumpfen würde. 2010 waren es im Schnitt 2.100 Meter. In knapp mehr als einem Vierteljahrhundert könnten es lediglich 1.800 Meter sein.

„Das positive Preisumfeld im Agrarsektor dürfte den Unternehmen aus dem Bereich teils erheblichen Rückenwind verleihen. So wird die Verschiebung der Handelsströme bei Agrargütern vor allem den international tätigen Agrarhändlern ein gewisses Zusatzgeschäft bescheren“, meint Dehning. Generell würden breit aufgestellte Branchenkonzerne von der aktuellen Entwicklung profitieren, so etwa Archer Daniels Midland (US0394831020).

Günstiges Gas für Düngemittel
Im Düngemittelsegment profitiere etwa der nordamerikanische Produzent Nutrien (CA67077M1086) von einer vergleichsweise günstigeren Gasversorgung, fügt der Marktexperte hinzu. Beide Aktien zählen zu den größten Positionen im „DJE – Agrar & Ernährung“, wie auch der mexikanische Getränkehersteller Becle SAB (MX01CU01 0003).

Im „BNP Paribas Smart Food“-Fonds (LU1165137149) zählt hingegen der australische Logistikkonzern Brambles zu den größten Positionen, der unter anderem auf die Wiederverwendung von Paletten setzt. Graphic Packaging (US3886 891015) – der US-Konzern produziert nachhaltige Verpackungen – zählt ebenso dazu wie die deutsche GEA (DE0006602006). Sie verkauft unter anderem Maschinen zur Lebensmittelverarbeitung.

Neue Technologien für Nahrung
Rahul Bhushan
, er ist Mitbegründer von Rize ETF, Emittent des „Rize Sustainable Future of Food ETF“ (IE00BLRPQH31), verweist zudem auf technologische Fortschritte, die zu mehr Effizienz etwa bei der Aussaat und beim Düngen führen. Bhushan hebt in diesem Zusammenhang Deere & Co (US2441991054) hervor: „Bis zum Jahr 2026 will das US-Unternehmen 100 % seiner neuen, kleinen Landmaschinen digital vernetzen, einen vollständig autonomen, batteriebetriebenen Elektrotraktor für die Landwirtschaft herstellen und damit 500 Mio Hektar bewirtschaften.“

Foto: Pixabay / VugarAhmadov

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Daten: Das neue Öl

Digitale Infrastruktur als Portfolio-Baustein.

Harald Kolerus. Zu Zeiten des großen Goldrauschs sind die Schürfer nicht immer reich geworden, gute Geschäfte machten aber auf jeden Fall die Verkäufer von Schaufeln und anderem notwendigen Equipment. Ähnlich verhält es sich in der Öl-Industrie, wo man als Ausrüster an den hohen Preisen „mitnascht“.

„Daten-Pipelines“
Nun sind „Daten das neue Öl des 21. Jahrhunderts“, wie ein wahres Wort sagt. Je mehr Daten verarbeitet werden, umso mehr gewinnt auch sogenannte „digitale Infrastruktur“ an Bedeutung. Denn gleichgültig, welche Unternehmen oder Technologien sich letztendlich im harten globalen Wettbewerb durchsetzen werden, auf Daten basieren sie alle. Das ist der Grundgedanke des „Open-End Partizipationszertifikat auf den Solactive Digital & Renewable Infrastructure Index“ (ISIN: DE000VV1HD38) von Vontobel.

„Ganz verknappt könnte man sagen: Hier investiert man in die Infrastruktur, die dafür sorgt, dass das Smartphone funktioniert. Aber natürlich steckt noch viel mehr dahinter: Digitalisierung beschränkt sich schon lange nicht mehr auf Internet-Surfen oder E-Mails verschicken. Ganze Logistik-Ketten, Smart-Cities, autonomes Fahren, Cloud Computing etc. sind auf digitale Infrastruktur angewiesen. Sie ist für Daten das, was die Pipelines für Öl sind“, erklärt Heiko Geiger, Zertifikate-Spezialist bei Vontobel, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Enormes Wachstum
Wobei wir uns erst am Anfang einer rasanten Entwicklung befinden: 2022 werden es laut der IDC- „Digital Universe“-Studie voraussichtlich 1,8 Zettabyte sein, die an Daten durch die Welt rauschen (ein Zettabyte entspricht einer Milliarde Terabytes). Diese Zahl soll sich zudem alle zwei Jahre verdoppeln.

Ein weiteres anschauliches Beispiel: Laut einem Bericht der GSMA Intelligence werden bis 2025 rund 80 % der Weltbevölkerung mit ihrem Smartphone am digitalen Leben teilnehmen.

Zu diesem langfristigen und nicht zu stoppenden Trend kommt die aktuelle Situation hinzu. Geiger führt weiter aus: „Die hohe Inflation hat dazu geführt, dass klassische Infrastruktur-Unternehmen bei Investoren sehr gefragt sind, also z. B. Mautstraßen- oder Pipeline-Betreiber. Diese sorgen für stabile Cash-Flows und verfügen über Preissetzungsmacht. Ähnlich verhält es sich bei Unternehmen aus dem Bereich digitaler Infrastruktur, die sich somit als relativ konjunktur-resistent zeigen. Das verspricht einen gewissen Schutz in der aktuellen Gemengelage, die von Krisen und Inflation bestimmt wird.“

Risken beachten
Wobei der Experte ergänzt: „Veranlagt wird zwar in eher konservative Titel aus dem Digitalisierungs-Universum, aber es handelt sich noch immer um ein Technologie-Portfolio, und Technologie-Titel wurden zuletzt an der Börse abgestraft. Der Anleger muss sich also auch des Marktrisikos bewusst sein.“

Strenge Auswahl
Das Indexzertifikat investiert nun in sieben Bereiche: erneuerbare Energien, intelligente Netzbetreiber, Elektro-Ladeinfrastruktur, digitale Infrastrukturausrüstung, Betreiber von Mobilfunkmasten und Rechenzentren sowie digitale Breitbandanwendungen. Im Portfolio landen 20 Aktien führender Unternehmen aus den genannten Sektoren, die anhand von stabilen Finanzkennzahlen ausgesiebt werden. Einige Beispiele sind: National Grid (ISIN: GB00BDR05C01), Red Electrica (ES0173093024) oder Itron (US4657411066). Also Namen, die vielleicht nicht jedem Investor auf den ersten Blick geläufig erscheinen. Selektion und Neugewichtung erfolgen halbjährlich; das Produkt ist seit Anfang Mai an der Börse handelbar.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die „Befeuerung“ der Energie-Fonds hält an

Das Rückschlagpotential des Segments nimmt aber laufend zu.

Roman Steinbauer. In der Vorwoche erwiesen sich Energie-Aktien erneut als lukrativstes Anlagesegment. Es profitierten vor allem jene Fonds, deren Management es möglich ist, Aktien jener Unternehmen stark zu gewichten, die in der Exploration, Förderung oder dem Handel von Kraftstoffen aller Art involviert sind.

Potenzielle Neu-Einsteiger beschäftigt, wie weit der massive Liquiditätsfluss im Segment noch anhalten kann. Spricht das politische Geschehen auch noch für einen fortlaufenden und ausgedehnten Trend, sind die Prognosen der International Energy Agency (IEA) für den Investor schon kaum mehr hilfreich. So skizzierte die Agentur beim jährlichen „World Energy Outlook“ im Herbst für das Jahr 2030 eine Ölnachfrage, die (je nach Szenario) einen Tagesbedarf zwischen 103 und 72 Mio Fass pro Tag (mb/d) voraussieht. Die Spannweiten, denen stets mehrere Szenarien zugrunde liegen, weiten sich immer weiter aus.

Das stärkste Aufwärts-Momentum liegt bei Energieaktien aber wohl hinter uns. Zudem könnte ein deutlicher als zurzeit vermutet ausfallender globaler Konjunktureinbruch die Nachfrage schwächen – mit Auswirkungen, die aktuell nicht eingepreist sind.

Zyklen und eine hohe Schwankungsbreite
Die Entwicklung der Energie- bzw. Rohstoff-Fonds lässt indes weitere Kategorien verblassen. So legte der „Schroder ISF Global Energy C EUR T“ (ISIN: LU0374901725) seit August um 70 % auf 17,68 Euro zu. Auch der in US-Dollar aufgelegte „BlackRock World Energy Fund A2“ (LU0171301533) drückt das rasante Geschehen in diesem Sektor klar aus. Mit einem Wertpapierbestand von 3,03 Mrd USD (2,88 Mrd Euro) ergab sich für den thesaurierenden, in Luxemburg domizilierten Fonds alleine für die letzten drei Monate eine Wertsteigerung um 20 %. Auf Jahressicht protzen die Anteile mit einem Zugewinn von 53 %.

Dass es aber auch rasant in die Gegenrichtung laufen kann, bekamen Anteilhaber im Zeitfenster von Mai 2017 bis Mai 2020 zu spüren, als Einbußen von bis zu 60 % hinzunehmen waren. Durch die bittere Pille eines einmaligen Ausgabeaufschlages von 5 % (Mindestanlagesumme 5.000 USD) wird deutlich, dass Anlagen in diese Kategorie mit einem langen Horizont zu betrachten sind. Die jährlichen Gebühren (TER-Ratio) betragen 2 %.

Abweichende Ertragsentwicklung „Grüner“ Energiefonds
Andere Auswahlkriterien – differenzierte Erfolgserlebnisse für den Anleger. Diese simple Erkenntnis bestätigt vergleichsweise der Blick auf Energie-Fondsprodukte, die zusätzlich als ESG(Environmental-Social-Governance)-tauglich bzw. als „Grün“ definiert sind. Herangezogen sei der von BlackRock herausgegeben „BGF Sustainable Energy Fund“ (LU0124384867), der aktuell weltweit zu 70 % in Aktien nachhaltig agierender Energieunternehmen investiert ist.

Für das Depot werden Gesellschaften berücksichtigt, die entweder selbst alternative Energien anbieten oder in der Herstellung oder Forschung zu Techniken für die alternative Energiegewinnung aktiv sind. Bei der Auswahl werden die Risiken und Chancen im ESG-Bereich bewertet. Ausgewählt werden Emittenten aus allen relevanten Wirtschaftszweigen – mit Ausschluss des Erdöl-, Gas- und Kohlesektors. Der Ausschluss betrifft sowohl die Exploration als auch die Förderung, darüber hinaus den Sektor für Verbrauchsmaterialien.

Insgesamt sind 90 % der einbezogenen Titel Emittenten zuzuordnen, die über ein ESG-Rating verfügen.

In Luxemburg domiziliert, verwaltet der Fonds derzeit 6,67 Mrd USD (6,37 Mrd Euro). Rückblickend auf zwölf Monate wies er zwar eine negative Rendite von 10 % auf, in Hinsicht dreier Jahre stiegen die Anteile hingegen um ins-gesamt 16 %.

Foto: Pixabay / sakulich

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Der Krieg in der Ukraine – ein Beschleuniger der Deglobalisierung?

Von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE

(17.05.) Die unmittelbaren Folgen des Kriegs in der Ukraine, vor allem auf humanitärer Ebene, sind offensichtlich. Längerfristige Konsequenzen lassen sich dagegen deutlich schwerer fassen. Dennoch könnten sie sich für die wirtschaftliche und geopolitische Organisation der Welt in den kommenden Jahrzehnten als sehr weitreichend erweisen.

Vor allem dürften sich die Verhältnisse, die sich aus dem Bretton-Woods-Abkommen nach dem Zweiten Weltkrieg ergaben, grundlegend ändern. Dieses Abkommen hatte zur Gründung des IWF geführt und zu dem, was später die Weltbank werden sollte. Die Hauptziele waren internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie ein weltweiter Währungsraum auf Basis des US-Dollars. Das war auch der Tenor einer Rede, die die US-Finanzministerin und ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen jüngst vor dem Atlantic Council hielt, einer auf internationale Beziehungen spezialisierten Denkfabrik.

Ereigniswelle fördert Umkehr der Weltwirtschaft
Tatsächlich hat der Krieg in der Ukraine alles, um zum Sargnagel der Globalisierung zu werden. Vorangegangen war der Handelskrieg zwischen den USA und China sowie die Entschlossenheit Chinas, in Asien einen an den Yuan angelehnten unabhängigen Währungsraum zu schaffen. Beschleunigt wurde diese Tendenz durch die Corona-Krise, die die Abhängigkeit der westlichen Länder von den Produktionsketten der Schwellenländer ans Licht gebracht hat. Damit hat die Pandemie die Notwendigkeit gezeigt, zumindest bestimmte strategisch wichtige Produktionsprozesse zurückzuholen.

Die Invasion der Ukraine durch Russland könnte sich nun als ausschlaggebend für die Umkehr der Weltwirtschaft von der Globalisierung in Richtung Regionalisierung erweisen. Die Herausforderung liegt dabei auf der Hand. Wie der französische Philosoph Raymond Aron einst sagte: Die Geschichte ist tragisch. Genau das wird der Welt gerade wieder bewusst. Angesichts dessen steht der Ausbau des liberalen Handels nicht mehr länger im Fokus. Stattdessen geht es darum, für stabile Handelsbeziehungen zwischen Staaten zu sorgen, die dieselbe politische Vision teilen.

Mithilfe einiger Zahlen zu verschiedenen Rohstoffen – den Schlüsselelementen der geopolitischen Schlacht rund um den Russland-Ukraine-Konflikt – lässt sich die enorme strategische Dimension dieses Paradigmenwechsels veranschaulichen. In China sind beispielsweise fast 60 % der weltweiten Produktion und ein Drittel der Vorkommen von seltenen Erden konzentriert. Während allein auf Australien, Chile und Argentinien 80 % der Lithium-Vorkommen entfallen, verfügt China über knapp 70 % der Kapazitäten für die Raffination von Lithium. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Das Sichern der Versorgung mit und der Verarbeitung von Rohstoffen, aber auch der Produktionsketten für grundlegende Komponenten, die dabei entstehen (angefangen bei Halbleitern), wird zweifellos eine der großen Herausforderungen der Welt von morgen sein.

Ausrichtung des Handels auf „befreundete“ Länder
Mit Blick auf diese Herausforderungen sind beispielsweise die USA gut gewappnet. Sie besitzen große Vorräte an Schieferöl und -gas und verfügen mit den Great Plains zudem über riesige Anbauflächen. Darüber hinaus haben sie Abkommen mit Australien, Kanada und einigen lateinamerikanischen Ländern, die ihnen bevorzugten Zugang zu vielen Erzen bieten. Das erklärt den Willen der USA zum „Friend-Shoring“ – der alleinigen Ausrichtung des Handels auf „befreundete“ Länder.

Für Westeuropa ist die Lage komplizierter. Abgesehen von Kohle, Agrarrohstoffen und in geringerem Maße Uran verfügt es über keine bedeutenden Vorkommen strategischer Ressourcen. Einige dieser Defizite kann es dank seiner engen Beziehungen zu Afrika ausgleichen; allerdings sind diese zunehmend durch chinesische und auch russische Interessen auf dem afrikanischen Kontinent gefährdet. Und sofern es nicht zu einer bedeutenden diplomatischen Wende kommt, kann die Europäische Union Russland wohl kaum noch zu ihren Verbündeten zählen. Wir stehen vor einer neuen Situation, deren Konsequenzen sich bislang nicht in vollem Umfang ermessen lassen, während die Zersplitterung der Welt zum Paradigma der kommenden Jahrzehnte zu werden scheint.

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Rosinenpicken in Europa

Dem Wirtschaftsabschwung mit selektiver Aktienauswahl begegnen.

Raja Korinek. An den globalen Aktienmärkten kommen der Inflationsanstieg sowie die allmähliche Zinswende nicht gut an. Hinzu belastet der Ukraine-Krieg insbesondere Europa, betont Zehrid Osmani, Senior Portfolio Manager des „European Unconstrained Fund“ (ISIN: IE00BGNBWQ13) von Martin Currie – ein Teil von Franklin Templeton. Damit verteuern sich die Kosten für Energie und weiterer Rohstoffe. Zuletzt klagten etwa europäische Hersteller von Windrädern über hohe Preise für Industriemetalle. Solche Produkte benötigen unter anderem jede Menge Kupfer und Nickel, wovon ein großer Teil bislang aus Russland geliefert wurde.

Obendrein lasten die Lockdowns in China auf den Lieferketten. Auch diesen Umstand bekommen zahlreiche Unternehmen in Europa zu spüren, etwa aus der Industrie. So klagen deutsche Automobilbauer über den mangelnden Nachschub an Halbleitern aus dem Reich der Mitte. Zudem zeigte jüngst eine Umfrage der Europäischen Handelskammer in China, dass die Lockdowns, die inzwischen 45 Städte umfassen, die Geschäfte zahlreicher europäischer Unternehmen vor Ort massiv einbrechen lassen.

Beim Bankhaus Spängler gibt man sich derzeit jedenfalls noch vorsichtig. Asset-Manager Markus Dürnberger verweist auf die aktuell grundsätzliche Untergewichtung von Aktien, „wobei regional der Fokus auf den etablierten Märkten liegt und die USA gegenüber Europa übergewichtet werden“. In letzterer Region dürfte das Gewinnwachstum der Unternehmen heuer sogar auf null sinken, befürchtet Martin-Currie-Experte Osmani.

Die aktuelle Ausgangslage ist für Europa damit denkbar schwierig, jedoch nicht aussichtslos. Ankit Gheedia, Leiter für Derivate und Aktienstrategien in Europa bei der BNP Paribas, meint, dass das negative Sentiment gegenüber europäischen Aktien allmählich zumindest den Boden gefunden haben könnte. Immerhin liegt das KGV für Aktien aus der Eurozone auf die kommenden zwölf Monate mit rund 13 unter jenem des MSCI All Country World Index, wo es zuletzt „nur“ auf rund 16 sank.

Chancen sollten Anleger in Europa dennoch selektiv nutzen, mahnt Osmani. Er achtet bei seiner Selektion etwa auf die regionalen Einnahmen eines Unternehmens sowie in diesem Zusammenhang auf das Exposure in Russland. Und auf die Preissetzungsmacht eines Unternehmens im aktuell inflationären Umfeld. Solch eine Eigenschaft treffe laut Osmani etwa auf die Kingspan Group (IE0004927939), einen irischen Dämmstoffhersteller, zu. Das Unternehmen habe steigende Materialkosten an Kunden gut weitergeben können. Grund sind freilich die weltweiten Bestrebungen, CO2-Ausstoße zu reduzieren, zu denen unter anderem entsprechend auch Gebäudesanierungen zählen.

Osmani zufolge habe auch die schwedische Assa Abloy (SE0007100581) eine gute Preissetzungsmacht, wobei der Marktexperte weitere Preisumwälzungen auf Kunden erwartet. Der Konzern stellt unter anderem Schließsysteme und Sicherheitstüren her.

Ebenso im Fondsfokus steht die niederländische ASML (NL0010273215), größter Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie. Der Titel gefällt auch Alexander Farman-Farmaian, Partner bei Edgewood Management. ASML sei nach dem extremen Abverkauf wieder interessant, zumal jüngst große Chiphersteller den Bau neuer Produktionsfabriken angekündigt haben. Und dafür die Produkte von ASML benötigen, sagt er.

Foto: AdobeStock / Frenta

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Steigendes Interesse an Aktien unterstützen!

Nach einem erfolgreichen Jahr 2021 erneuert die Wiener Börse ihre Forderungen an die Politik.

Red. Die Wiener Börse hat in der Vorwoche bei ihrer Jahres-Pressekonferenz Bilanz über das Geschäftsjahr 2021 gezogen (Im Bild: Aufsichtsratsmitglied Angelika Sommer-Hemetsberger und Börsechef Christoph Boschan bei der Präsentation der Jahresergebnisse 2022). In einem dynamischen Marktumfeld habe die strategisch breite Aufstellung im 250. Jubiläumsjahr der österreichischen Nationalbörse das Wachstum unterstützt. Nach wie vor erwirtschaften Handel und Listings den Hauptteil der Erträge, aber auch das Verwahrgeschäft, Marktdaten und Indizes sowie IT-Services trugen 2021 zum Gewinnwachstum bei.

„Der Blick auf das vergangene Jahr, aber auch die derzeitigen Entwicklungen zeigen, dass der Kapitalmarkt immer in Bewegung ist. Als Infrastrukturunternehmen ist es unsere Aufgabe, in jeder Marktsituation stabilen Handel zu gewährleisten“, erklärte CEO Christoph Boschan. Das Wachstum bekräftige die solide Wettbewerbsposition des Unternehmens und mache die Wiener Börse in der europäischen Börsenlandschaft sichtbar. Auch würden die strategischen Initiativen bereits Früchte tragen.

Für die Herausforderungen, die der Klimawandel, die alternde Gesellschaft und die derzeitigen geopolitischen Entwicklungen bringen, werden Kapitalflüsse in Innovationen und neue Ideen notwendig, heißt es in einer Aussendung der Börse. Eine Umsetzung der im Regierungsprogramm enthaltenen Bausteine – wie etwa die Behaltefrist für langfristigen Wertpapierbesitz – könne privates Kapital aktivieren und die Transformation in die Wirtschaft der Zukunft stärken.

„Das Interesse der Österreicherinnen und Österreicher für Aktien und Investmentfonds steigt, besonders bei jungen Menschen. Diese Entwicklung sollte politisch unterstützt werden, um den Wohlstand zu wahren und die private Altersvorsorge zu stärken“, ergänzt Angelika Sommer-Hemetsberger, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Börse und Vorstandsmitglied der Oesterreichischen Kontrollbank.

Nachhaltige Anleihen im Fokus
Mit dem Vienna-ESG-Segment bietet die Wiener Börse zusätzlich zu bereits bestehenden Initiativen eine neue höchsttransparente Plattform für Emittenten von ESG-Anleihen. Bereits in dieser Woche tritt ein neues Regelwerk für nachhaltige Anleihen, basierend auf international etablierten Standards (ICMA Principles), in Kraft. Durch das verpflichtende Einholen einer Second Party Opinion, also der Bewertung einer unabhängigen Partei, sowie verstärkten Folgepflichten soll die Transparenz weiter gesteigert und Greenwashing verhindert werden. Neu sind auch eine visuelle Kennzeichnung sowie eine Filtermöglichkeit für ESG-Bonds auf der Website der Wiener Börse.

„2021 verdoppelte die Wiener Börse mit mehr als 7.000 Anleihen die Zahl der Neulistings und zählt zu den führenden Anleihen-Listingplätzen Europas. Ein Aufwärtstrend zeigt sich auch bei ESG-Bonds sowohl auf Angebots- als auch Nachfrageseite. Mit dem neuen Vienna ESG Segment schaffen wir Transparenz und einen klaren Rahmen mit Kriterien nach internationalen Standards“, so Boschan.

Stabiles Wachstum
Der Konzernumsatz der Wiener Börse stieg 2021 dank anhaltend hoher Handelserlöse um 6,7 % auf 79,3 Mio Euro. Das Ergebnis vor Steuern (EGT) stieg auf 47,58 Mio Euro (+15,3 %), der Jahresüberschuss belief sich auf 36,5 Mio Euro. Das Eigenkapital betrug per 31. Dezember des Vorjahres 157,28 Mio Euro.

Das Handelsvolumen mit Wertpapieren am Wiener Markt konnte um 7 % auf 73 Mrd Euro gesteigert werden. Einmal mehr hätten sich Effekte der zyklischen Zusammensetzung des ATX gezeigt, der im Jahresverlauf eine Performance von +38,87 % (inklusive Dividenden +43,59 %) erreicht hat. In Prag stieg das Handelsvolumen mit Wertpapieren sogar um 19 % auf 12 Mrd Euro.

Foto: Wiener Börse / Alex Felten

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Mit Edelmetallen die eigene Zukunft absichern

Gold und Silber als defensive Bestandteile eines Vorsorgemix.

Michael Kordovsky. Gold ist als solide Beimischung zur Altersvorsorge, bzw. korrekter ausgedrückt als „Generationenabsicherung“ geeignet. Es behielt über langjährige Zeiträume seinen Wert, wurde aber immer wieder zum „Politikum“, in der Folge von Besitzverboten oder langen Perioden festgelegter Umtauschverhältnisse zum US-Dollar.

Gold ist aber eine Art Feuerversicherung für Situationen wie einst die Hyperinflation im Jahr 1923. Von 1913 bis 1923 konnte die Teuerung durch den Anstieg des Preises pro Feinunze Gold in „Papiermark“ zum überwiegenden Teil ausgeglichen werden. Das macht Gold zu einem Wertspeicher über Generationen.

Ein Blick in die Geschichte
Laut Wolfgang Reuters, Autor des Buches „Deutschland im Sturzflug“, erhielt man im alten Rom für eine Feinunze Gold eine sehr gute Toga, einen Gürtel und ein Paar Schuhe. Heute geht sich das mit 1.741 Euro (der Betrag für eine Feinunze Gold am 14. Mai 2022, Anm.) für einen individuell zugeschnittenen Anzug, ein paar Schuhe und einen Gürtel ebenso aus. Seit der Römerzeit gab es also einen beeindruckenden Werterhalt.

Entfesselt wurde die Kraft des Goldpreises nach dem Zerfall des Bretton-Woods-Systems, das von 1944 bis 1973 (ab 1971 starke Goldpreisanstiege) bestand und eine fixe Bindung des US-Dollar an den Goldpreis vorsah. Der Dollar war die Ankerwährung eines Währungssystems, das nur geringe Schwankungen zuließ. Der Goldpreis war offiziell auf 35 US-Dollar pro Feinunze festgesetzt, ein Wert, der bereits im Zuge des Gold Reserve Act vom 21. Jänner 1934 festgelegt wurde. Erst als US-Präsident Richard Nixon am 15. August 1971 in einer Rundfunk- und Fernsehansprache die Verpflichtung der USA, Dollar in Gold zu tauschen, einseitig kündigte, war der heutige Goldmarkt geboren. Von 12. August 1971 bis 12. April 2022 stieg der Goldpreis von 43,2 auf 1.960,8 US-Dollar pro Feinunze, was einem geometrischen Anstieg (CAGR) von 7,82 % p.a. entspricht, bzw. bezogen auf den CPI-U mit Basisjahr 1982 einer realen Wertsteigerung von 3,73 % p.a.

Umsetzung der Vorsorge
15 % des liquiden Nettovermögens sollten in physischen Edelmetallen veranlagt werden. Die Positionen sollten dabei in mehreren Etappen breit gestreut aufgebaut werden.

Da Russland mit einer Goldbindung des Rubels begonnen hat und dieses Beispiel eines Tages auch in anderen Ländern wieder Schule machen könnte, sollte auf zwei Drittel Gold und ein Drittel Silber gesplittet werden. Silber war in früheren Jahrhunderten ein normales Zahlungsmittel und über 1.000 Jahre bis ins späte 19. Jahrhundert wiesen Gold- und Silberpreis eine übliche Relation von 12 bis 20 auf.

Heute ist Silber ein Industrierohstoff mit einer stark schwankenden Bullion-Nachfrage. Seit die New Yorker Terminbörse Comex am 5. Juli 1933 den ersten Silber-Future einführte, lag die Preissteigerung (Zeitraum Juni 1933 bis Dezember 2021) bei real 1,26 %. Silber hat den Vorteil, dass es viel weniger stark gesetzlich reguliert wird als Gold.

Allerdings sollte Silber aufgrund der dort vorherrschenden Umsatzsteuerfreiheit zum erheblichen Teil über ein Zollfreilager in der Schweiz erworben werden und dort eingelagert bleiben, denn bei Auslagerung und Lieferung nach Österreich sind 20 % USt fällig. In Österreich etwas günstiger erwerbbar sind differenzbesteuerte Angebote von Silbermünzen wie Maple Leaf und Krugerrand, was aus Diversifikationsgründen auch ratsam ist. Gold hingegen kann in Österreich beispielsweise in Form von Bullion-Münzen wie Philharmoniker (1 Unze), Maple Leaf oder Krugerrand umsatzsteuerfrei erworben werden. Bei größeren Beträgen kommt zusätzlich der Kauf von Barren im Schweizer Zollfreilager ins Spiel. Hier bietet beispielsweise das Edelmetallhaus Philoro bereits ab Investments von 5.000 CHF die Einlagerung von Gold, Silber, Platin und Palladium an. Die Lagergebühren betragen 0,95 % p.a. für Silber und 0,65 % p.a. für Gold, Platin und Palladium. Notare und Wirtschaftsprüfer zählen mindestens einmal jährlich den Bestand der Kunden und attestieren die Vollständigkeit der Ware.

Foto: AdobeStock / NathalieVanBergen

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Nach Aktiencrash in China: Warum die Erholung kurz bevorstehen könnte

Kommentar von Marcus Weyerer, Senior ETF Strategist EMEA, Franklin Templeton

(12.05.) Chinesische Aktien erleben derzeit sicherlich harte Zeiten. Seit Jahresbeginn hat der FTSE China 30/18 Capped Net Index, ein breit gestreuter Aktienindex, fast ein Viertel seines Wertes verloren. Außerdem liegt er mehr als 40 % unter seinem Allzeithoch von vor weniger als eineinhalb Jahren.

Für Anleger, die in der Lage sind, eine langfristige Perspektive einzunehmen, lohnt es sich unserer Meinung nach jedoch, die Situation in einen gewissen Kontext zu stellen.

Einer der größten Rückgänge seit mehr als 20 Jahren
Wir alle wissen, dass die Vergangenheit die Zukunft nicht vorhersagen kann, aber das muss uns nicht davon abhalten, die Vergangenheit zu konsultieren, um einige Erkenntnisse über die Zukunft zu gewinnen. Der aktuelle Rückgang ist analytisch interessant. Wir haben uns vergangene Fälle von Marktkorrekturen von 10 % oder mehr vom vorherigen Höchststand aus angesehen. Zwischen 2002 und 2021 gab es insgesamt neun Fälle von Rückgängen von mehr als 10 %.

Vier dieser Fälle überstiegen Verluste von 20 %, und in drei Fällen kam es zu Marktverlusten von mehr als 30 %.

Mit Ausnahme des Crashs während der globalen Finanzkrise erleben wir derzeit den stärksten Rückgang seit über zwanzig Jahren. Die Verluste übertreffen das Platzen der großen Spekulationsblase in den Jahren 2015/16 (-40,8 %), und die Erschütterungen durch den Handelskrieg von Trump im Jahr 2018 (-30,4 %).

Gleichzeitig gilt zu bedenken, dass angesichts der aktuellen Volatilität ein um 10 % höherer oder niedrigerer Indexwert für langfristige Anleger fast bedeutungslos ist.

Ein typisches Beispiel:
Von Mitte März 2022 bis Anfang April stieg der Index um fast 25 %, gefolgt von einem Rückgang von 16 % bis Ende April. Nur eine Woche später stand der Markt wieder 10 % höher.

Das sind beeindruckende Zahlen, und eine Erholung von nur weiteren etwa 10 % gegenüber heute würde den Markt wieder in den „normalen“ historischen Rückgangsbereich bringen.

Eine Erholung ist aufgrund des bisherigen Marktverhaltens überfällig
Interessanter als die Tiefe des Tals ist vielleicht die Frage nach der Zeit zwischen Höchststand und Tiefststand, oder anders gesagt ausgedrückt: Wann werden die Dinge normalerweise besser? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass die gegenwärtige Misere bereits länger anhält als alle anderen Fälle in der Vergangenheit. Die gute Nachricht ist, dass – nach derselben Logik, die sich an der Vergangenheit orientiert eine deutliche Erholung überfällig ist. In den oben genannten neun Fällen trat der Tiefpunkt des Zyklus im Durchschnitt nach etwa 22 Wochen ein. Es überrascht nicht, dass je tiefer der Verlust war, desto länger es in der Regel dauerte, bis der Markt den Tiefpunkt erreicht hat. Doch selbst während der Finanzkrise, als die Verluste die heutigen deutlich übertrafen, dauerte es etwa 53 Wochen – etwa ein Jahr – bevor die Aktienmärkte ihre Trendwende einleiteten. In diesem jüngsten Zyklus wurde der vorläufige Tiefpunkt erst nach 62 Wochen erreicht. Dies könnte darauf hindeuten, dass wir auf dem Weg zurück nach oben sind.

Jeder neue Tiefststand ab diesem Zeitpunkt könnte die aktuelle Episode zu einem Ausreißer machen (wenn auch aufgrund der geringen Stichprobengröße statistisch gesehen unbedeutend).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die derzeitige Situation zwar sicherlich einen der schwersten Bärenmärkte für chinesischen Aktien in den vergangenen 20 Jahren darstellt, so ist sie auch nicht gerade einmalig.

Da wir seit 2020 mindestens zwei Ereignisse von weltveränderndem Ausmaß erlebt haben, nämlich die Covid-19-Pandemie und den russisch-ukrainischen Krieg, sowie die hausgemachten Probleme in China, könnte man vielleicht argumentieren, dass der Markt eine relative Widerstandsfähigkeit gezeigt hat. Dies wird den Anlegern, die auf hohen Verlusten sitzen, wenig Trost spenden. Für diejenigen, die in der Lage und gewillt sind, über die kurzfristige Volatilität hinwegzusehen, und die an die langfristigen, fundamentalen Argumente für chinesische Aktien glauben, kann dies jedoch die aktuelle Situation relativieren.

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Das Eigenleben der Aktien des Diamanten-Sektors

Die Preise der funkelnden Steine ziehen an, die geringe Transparenz bleibt.

Roman Steinbauer. Die Jahresanalyse des Antwerp World Diamond Centers (AWDC) und des Beratungsunternehmens Bain & Company stellt fest: Die Lage am Diamantenmarkt bessert sich seit 2020 deutlich. Der Sektor kam gut aus der Covid-Schockstarre heraus. Unerwartet profitiert auch dieses Geschäftssegment zunehmend vom Online-Handel. Die Nachfrage im Einzelhandel zog an, die Margen kletterten auf das höchste Niveau seit einem Jahrzehnt. Bestätigt wird der Aufwärtstrend der teuren Steine aus Kohlenstoff durch den Diamond-IX-Index für Anlagediamanten. So zog die Messlatte, die vorrangig lupenreine Steine diverser Farbnuancen bester Qualität von 1,01 bis 1,03 Karat/0,20 g berücksichtigt, seit Oktober um mehr als 30 % auf 12.440 Punkte an. Als verlässliches Muster und goldene Regel kann Krisenresistenz (wie bei Edelmetallen) hingegen nicht bestätigt werden.

Der Diamant, bekanntlich durch die legendären Bewertungskriterien der vier „C“ (Cut, Carat, Clarity und Color) definiert, wird in erster Linie an den Börsen Antwerpen, Tel Aviv, New York und Mumbai gehandelt. Kleinanleger treten diesem edlen Mineral aufgrund der relativen Intransparenz oft nicht näher. Die Einschätzung zum globalen Fördervolumen, die Nachfrage- und Angebotssituation und vor allem die Höhe der Lagerbestände dominierender Marktteilnehmer ist für den Normalverbraucher kaum zu durchblicken.

Abgekoppelt von Einflüssen des Gesamtmarktes
Im Gegensatz zu den breiten Aktienindizes weisen Aktien des Diamanten-Segments teils gegenläufige Kurstendenzen und ein Eigenleben auf. Zwei britische Vertreter dieser Gattung sind an der Londoner Börse gelistet.

Gem Diamonds (ISIN: VGG379591065) besitzt 70 % der Letseng-Mine in Lesotho sowie die Ghaghoo-Mine an der südöstlichen Grenze der Kalahari. Petra Diamonds (BMG702782084) agiert wiederum zusätzlich als Händler von Rohsteinen aus Minen in Südafrika und Tansania. Die Papiere beider Gesellschaften gaben jahrelang nach, ehe seit Juli 2020 ein Aufwärtstrend einsetzte. Zur Schwäche neigten zuletzt hingegen Anteilscheine der chinesischen Juwelierketten Luk Fook Holdings (BMG5695X1258) und Emperor Watch & Jewellery (HK0000047982) mit Sitz in Hong Kong. Weit diversifizierter ist die Schweizer Nobelmarke Richemont (CH021 0483332) – als Juwelier und Uhren-Spezialist auch in Diamanten involviert. Nach einer Verdoppelung des Wertes im Vorjahr lockt Investoren nun eine Korrektur um 25 %. Spekulativ orientierte Anleger erkennen derzeit einen Aufwärtstrend bei Aktien der kanadischen Grizzly Discoveries (CA3986921037) aus Edmonton. Grizzly ist vorwiegend in der Exploration tätig, hält aber auch Anteile an ausbaufähigen Diamantminen im Bundesstaat Alberta und Edelmetallminen in British Columbia. Noch werden keine Umsätze generiert. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei überschaubaren 12,4 CAD (11,66 Mio Euro).

Die volksnahe Alternative
Als Alternativ-Anlage zum Reich der Diamanten bietet sich der US-Schmucksteinvermarkter Charles & Colvard (US1597651066) an. Das Unternehmen fertigt und vertreibt Edelsteine aus Moissanit. Dieses Mineral ist nach dem Diamanten die härteste natürlich vorkommende Substanz und weist (ebenso gleich dem Diamanten) optische Transparenz auf. Im Gegensatz zum elitären Stein ist der Moissanit im Lichtbündel aber doppelbrechend. C & C meldete für das abgelaufene Quartal mit 9,8 MioUSD (9,3 Mio Euro) einen 4 % unter den Erwartungen liegenden Umsatz. Die Notiz glitt seit Jahresbeginn um 50 % ab, womit sich ein laufendes KGV von nur 4 ergibt. Zudem wurde ein Rückkaufprogramm von bis zu 5 Mio Aktien bis 2025 beschlossen.

Foto: Pixabay / studiopratisaad0

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Schieflage bei der Adler Group

Das SDax-Unternehmen befindet sich nach falschen Immobilienbewertungen in Turbulenzen.

Stefan Riedel, München. Kein Testat der Wirtschaftsprüfer, Milliardenverluste und ein Kurseinbruch um mehr als 50 % – beim Immobilienkonzern Adler Group (ISIN: LU1250154413) brennt die Hütte. Hintergrund ist die Weigerung des Wirtschaftsprüfers KPMG, nach Abschluss der Sonderuntersuchung das Testat für den Geschäftsbericht 2021 zu erteilen. Grund dafür war der Widerstand des Adler-Managements, den E-Mail-Verkehr und andere Informationen herauszugeben, aus denen beurteilt werden könne, inwieweit Adler Geschäftsvorfälle mit nahestehenden Personen getätigt habe.

Den Fall ausgelöst hatten im Oktober 2021 die Betrugsvorwürfe der britischen Investmentfirma Viceroy, die Bilanz durch eine übertriebene Bewertung von Immobilienprojekten künstlich aufgebläht zu haben. Hinter Viceroy steht der Leerverkäufer Fraser Perring, der mit Veröffentlichungen auch den Fall Wirecard mit ins Rollen gebracht hatte. Erste Finanzexperten sehen bereits Parallelen zum Betrugsskandal des Zahlungsabwicklers Wirecard vor zwei Jahren. Wie bei Wirecard stehen die Wirtschaftsprüfer in der Kritik. Und wie bei Wirecard ist Transparenz auch für die Verantwortlichen bei Adler ein Fremdwort. Allerdings geht es hier bislang vor allem um zu optimistische Immobilienbewertungen und nicht um fingierte Umsätze.

Was bedeutet das für Anleger?
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) kritisiert die fehlerhafte Kommunikation des Unternehmens mit dem Kapitalmarkt zu den Wertanpassungen des Immobilienportfolios. „Anleger sollten die Aktie nicht behalten, um künftige Schadensersatzansprüche geltend zu machen“, empfiehlt der DSW-Pressesprecher gegenüber dem Börsen-Kurier. Unabhängig davon, ob sich nach den Untersuchungen durch die Bafin der Vorwurf der Bilanzmanipulation bestätige, sollten jetzt Buchverluste realisiert werden. „Für mögliche Klagen sollten Anleger die Depotauszüge aufheben, die den Zeitpunkt Wertpapierverkauf dokumentieren.“

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) wirft dem inzwischen zurückgetretenen Verwaltungsrat vor, die Vorfälle mit dem Verweis auf den Wert der Bestandsimmobilien herunterzuspielen. Um mögliche Schadensersatzansprüche prüfen zu lassen hat die SdK eine rechtliche Prüfung in Auftrag gegeben. Alle interessierten Anleger können sich unter www.sdk.org/adler in einen kostenlosen Newsletter über den aktuellen Verlauf des Verfahrens informieren.

Auch die jüngste charttechnische Gegenbewegung, hervorgerufen durch spekulative Käufe, täuscht nicht darüber hinweg, dass Adler vor stürmischen Zeiten steht. Dementsprechend groß ist die Gefahr, dass die Aktie ihren Sturzflug fortsetzt. Wie überhaupt Immobilienaktien seit Jahresanfang unter Druck stehen. Trotz dem weiterhin knappen Wohnangebot bei ungebrochen hoher Nachfrage stellt sich die Frage, inwieweit die hohen Bewertungen bei den sich verteuernden Baufinanzierungen noch gerechtfertigt sind.

Symbolbild: AdobeStock / seen

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Der Profit als schöner Nebeneffekt

Kunstwerke gelten als sichere Geldanlage. Wir zeigen den Weg zur eigenen Sammlung.

Lea Schweinegger. Warum investieren Menschen in Kunst und schöne Dinge? Das deutsche Online-Portal Statista untersuchte die Gründe für einen Kunstkauf (für das Jahr 2019, Anm.). Zu diesem Zeitpunkt gaben 65 % der Befragten an, dass sie Kunst in erster Linie aus Sammlerzwecken, allerdings auch mit einer Investitionsperspektive erstehen. Dazu befragte Kunstexperten gaben an, dass für mehr als 80 % ihrer Kunden diese Motive entscheidend sind.

Trotzdem betonen Kunstexperten, Galeristen und Auktionatoren immer wieder, dass Kunst – abseits monetärer Vorteile – auch allein der Kunst wegen gekauft werden sollte. Der Idealzustand ist es natürlich, wenn beides Hand in Hand geht. Man verliebt sich in ein Werk, genießt den Anblick und profitiert zusätzlich von einer künftigen Wertsteigerung. Denn man tut sich ja Gutes, wenn man in Kunst, die auch gefällt, investiert. Oder wie es Pablo Picasso pathetisch einmal sagte: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ Und der Zeitgenosse Damien Hirst nimmt sich überhaupt kein Blatt vor den Mund: „Die Kunst dreht sich ums Leben, der Kunstmarkt ums Geld!“

Der Weg zur eigenen Sammlung
Wir weisen immer wieder darauf hin, dass beim Kauf eines Kunstwerkes Vorwissen notwendig und nützlich ist, damit man nicht „dumm“ dasteht, oder noch schlimmer, „für blöd verkauft wird“ (lesen Sie dazu auch unseren Bericht über Kunstfälschungen in BK16 vom 21. April). Das heißt, bevor man die richtigen – oder gar vermeintlichen – Experten anspricht, sollte man auf alle dienlichen Informationen zurückgegriffen haben und im Thema auch selbst ein wenig sattelfest sein.

Verschiedene Märkte für Kunst
Für den US-amerikanischen Investor und Kunsthändler Adam Lindemann gibt es in diesem Zusammenhang vier Arten von Kunstkauf. Lindemann gründete 2012 die Galerie „Venus Over Manhattan“ in New York City und widmet sich vornehmlich Ausstellungen, die das Thema Ikonoklasmus (steht auch für Bildersturm; darunter versteht man die Zerstörung heiliger Bilder oder Denkmäler, die von religiöser, kultureller oder politischer Relevanz sind; Anm.) zum Inhalt haben sowie Werken historischer und zeitgenössischer Künstler. Der Experte verweist in seinem Buch auf unterschiedliche Möglichkeiten, Kunst zu erstehen: Erstens, gleich auf dem sogenannten „Primary Market“ zuschlagen. Das ist der Erstkauf eines Kunstwerkes, entweder über eine Galerie oder direkt aus dem Atelier des hoffentlich noch relativ unbekannten Künstlers. Zweitens, auf dem „Secondary Market“ kaufen.

Sobald das Kunstwerk auf dem Primärmarkt gekauft wurde, gelangt es auf den Sekundärmarkt. Der Sekundärmarkt bezieht sich also auf Kunst, die bereits mindestens einmal verkauft wurde. Einfacher ausgedrückt befasst sich der Sekundärmarkt mit dem Wiederverkauf.

Drittens: Man kann Werke auch später im Rahmen einer Auktion, oder (viertens) auf einer Kunstmesse erstehen. Die letztgenannten Orte sind überhaupt sehr interessant, vor allem auch für Einsteiger in das Thema, da man sehr ungezwungen Information und Wissen aufsaugen kann und meist auch einen internationalen Überblick über die Szene bekommt.

Zu bedenken gibt es: Ist das begehrte Objekt auf keinem der beiden sehr interessanten ersten Märkte mehr erhältlich, dann folgt – wie beschrieben – das Auktionshaus. Dort jedoch hat der Meistbietende den Vorrang. Und: Bei einer Auktion zahlen Käufer ein Aufgeld von meist 20 % wie bei Sotheby‘s, Christie‘s oder Philipps.

Kunst ist zur sicheren Geldanlage geworden
Auch wenn Kunst schon für sich allein einen Wert darstellt, sind ausgewiesene Werke mittlerweile auch zu einer anerkannten alternativen Geldanlage geworden. Wie eben eine Aktie, die man in sein Depot „legen kann“. Doch apropos Aktie: Einerseits hat sie sich vor allem in den vergangenen zinslosen Zeiten wieder einmal als attraktivste Anlageform und bestes Mittel im Kampf gegen die Geldentwertung erwiesen. Doch spätestens der schreckliche Ukraine-Krieg hat andererseits gezeigt, dass es auch an den Börsen nicht immer nur nach oben gehen kann.

Warum also nicht gerade jetzt beginnen, sich mit dem Thema Kunst als sichere Geldanlage und Portfolioergänzung zu beschäftigen?

Foto: AdobeStock / kustvideo

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

GAFAM – das perfekte Abbild der weltweiten Wirtschaftslage

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO beim Assetmanager LFDE.

(03.05.) Während die Berichtssaison für das erste Quartal 2022 in vollem Gange ist, stehen die Ergebnis-Veröffentlichungen der amerikanischen IT-Giganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft (GAFAM) sinnbildlich für die Schwierigkeiten, in denen die Weltwirtschaft steckt. Der Krieg in der Ukraine, Lohnsteigerungen, Beschaffungsprobleme, stärkere Regulierung, der Anstieg der Energiepreise – jede dieser Hürden hat unmittelbar ein oder mehrere Unternehmen dieses bedeutenden Quintetts beeinträchtigt.

Die Leiden der fünf Tech-Giganten
Google, der Riese der Online-Werbung, hat durch die Aussetzung seiner Werbedienste in Russland direkt unter dem Ukraine-Konflikt gelitten. Doch auch der europäische Markt insgesamt belastet seine Werbeeinnahmen. Denn in Zeiten von Unsicherheit sind die Budgets für Marketing und Werbung stets die erste Variable, die zur Senkung der Kosten angepasst wird.

Apple, das Unternehmen aus Cupertino, übertraf mit seinem Umsatz die Erwartungen, korrigierte aber auch seine Ziele für das zweite Quartal nach unten, was zwei Hauptgründe hat. Der erste hängt mit dem Reich der Mitte zusammen, das zurzeit mit einer Infektionswelle konfrontiert ist, die die „Null-Covid“-Politik an ihre Grenzen bringt. So lassen die Abriegelung der Städte Shenzhen – das chinesische Silicon Valley – und Shanghai, welche mit einem Chaos im Schiffsverkehr zu kämpfen hat, für die kommenden Monate nichts Gutes bei Produktion und Transport erahnen. Auch für Apple bringt die Entscheidung der Abkopplung vom russischen Markt einen wirtschaftlichen Nachteil, der auch künftig bleiben wird.

Facebook, jüngst umbenannt in Meta, gelang es zwar, wieder an das Wachstum seiner Nutzerzahlen anzuknüpfen, enttäuschte jedoch mit seinen Ergebnissen. Ein weiterer Akteur, der unter der Schwächung des europäischen Werbemarktes leidet. In diesem Quartal hat Meta in erster Linie mit den neuen Regeln von Apple zum Schutz der Daten seiner Benutzer zu kämpfen, da die Werbung hierdurch weniger zielgerichtet und damit weniger effizient wird. Für das Jahr 2022 rechnet das Unternehmen damit, dass ihm dadurch die geringe Summe von 10 Milliarden US-Dollar an Einnahmen fehlen wird. Wenngleich diese neuen Bestimmungen nicht von einer staatlichen Instanz stammen, erkennen wir das Risiko, das sie für Unternehmen dieser Größe darstellen.

Amazon befindet sich im Würgegriff von Lohnsteigerungen und dem Anstieg der Transportkosten. Für das erste Quartal hat das Unternehmen folglich Verluste ausgewiesen. Diese hängen zwar weitestgehend mit einer Fehlinvestition in Rivian, dem „Tesla der Lieferwagen“, zusammen, aber auch die Vertriebstätigkeit bei Amazon steht unter Druck und zwingt das Unternehmen, seine Prognosen für 2022 nach unten zu korrigieren.

Microsoft, der letzte Buchstabe in der Abkürzung GAFAM, aber zweifellos auf Platz eins bei der Qualität seiner Ergebnisse im ersten Quartal, profitiert weiter von dem für seine Cloud-Plattform Azure vorteilhaften Trend der Digitalisierung. LinkedIn verbucht dank eines angespannten Arbeitsmarktes ein Umsatzplus von 34 Prozent. Zudem verzeichnet Surface, die Sparte für IT-Hardware, ein Wachstum von 11 Prozent.

Makroökonomisches Umfeld als weiterer Krisenherd
Nicht nur auf der mikroökonomischen Ebene haben die fünf Marktteilnehmer bereits Schwierigkeiten. Auch das makroökonomische Umfeld gestaltet sich in diesen bewegten Zeiten nicht zu ihren Gunsten. Der Aufwärtstrend der Zinsen übt automatisch Druck auf die Attraktivität ihrer Bewertungen aus. Der Kursrückgang dieser Unternehmen seit Jahresbeginn entspricht etwa dem Doppelten des Rückgangs des S&P 500. Doch ihr Erfolg beruht auf Innovation und Wachstum, und Bereiche wie Cloud, Metaverse und innovative Hardware bieten zahlreiche Möglichkeiten, um die Tech-Giganten wieder auf Kurs zu bringen. Werden sie sich also im Einklang mit der Weltwirtschaft erholen?

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Der Kampf um die besten Köpfe

Die demografische Entwicklung wird den Mangel an Fachkräften weiter verstärken.

Christian Sec. Die Regierung hat Erleichterungen für ausländische Fachkräfte aus Staaten außerhalb der EU bzw. für heimische Firmen präsentiert, die teils händeringend Experten suchen. Der Fachkräftemangel wird damit aber nicht gelöst werden, sondern höchstens gelindert, warnt ÖVP-Arbeitsminister Martin Kocher vor zu viel Optimismus. Derzeit weist das Arbeitsmarktservice rund 124.000 offene Stellen auf.

Mittlerweile habe sich der Fachkräftemangel zu einem generellen Arbeitskräftemangel entwickelt, erklärt auch Ulrike Baumgartner-Foisner, Senior Vice President im HR von Wienerberger. Dies habe vor allem demografische Gründe, wie geburtenschwache Jahrgänge und Pensionierungen, wie Baumgartner-Foisner gegenüber dem Börsen-Kurier erklärt. In Österreich gäbe es derzeit bei Wienerberger 70 offene Stellen bei rund 1.200 Mitarbeitern.

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, setzt der Ziegelhersteller auf Digitalisierung und Automatisierung, vor allem in der Produktion, um so auch die Qualität der vorhandenen Arbeitsplätze entsprechend zu heben und diese attraktiv zu gestalten.

War of Talents
Qualifizierte Arbeitskräfte sind ein seltenes Gut, was zu einem erbitterten Kampf um die besten Köpfe führt. Das gilt vor allem für Spitzenkräfte im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). „Wir haben uns zum Ziel gesetzt der beste Arbeitgeber in der Industrie zu werden, denn wir wollen schließlich die besten Köpfe und Hände für unser Unternehmen gewinnen und halten“, so Baumgartner-Foisner. Dafür wird in die Entwicklung der Arbeitsumgebung, Aufgabenvielfalt, Führungskompetenz und die Weiterentwicklungsmöglichkeiten investiert.

Auch die OMV gibt an, dass es einen Wettbewerb um Fachkräfte im Bereich IT gibt. „Wir müssen uns von unseren Mitbewerbern abheben und sicherstellen, dass wir attraktive Karrieremöglichkeiten bieten, einschließlich eines wettbewerbsfähigen Vergütungspakets“, so ein Sprecher der OMV gegenüber dem Börsen-Kurier.

Die Voestalpine spürt, dass allgemein die Nachfrage nach Mitarbeitern in bestimmten Bereichen steigt, etwa in der IT. Der internationale Stahlkonzern investiert im „War of Talents“ in betriebliche Gesundheitsförderung und Beteiligung von Mitarbeitern, deren Aktionärsstimmrechte in einer Privatstiftung gebündelt werden. Diese ist mittlerweile mit der größte Einzelaktionär des Unternehmens, mit einem Anteil von 14,8 %. Einen Schwerpunkt des Stahlkonzerns im Talentscouting bilden Kooperationen mit Bildungseinrichtungen z.B. bei der Zusammenarbeit bei wissenschaftlichen Arbeiten, wie Diplom- und Masterarbeiten. Zahlreiche Ausbildungskooperationen bestehen auch mit der Montanuniversität Leoben. Dabei versucht man mit Sponsoringmaßnahmen Jugendliche für ein Technikstudium zu begeistern.

Lehrlinge verzweifelt gesucht
Gleichzeitig bildet die Voestalpine derzeit rund 1.000 Lehrlinge aus. Mehr als 90.000 Euro investiert der Konzern in die Ausbildung jedes Lehrlings. Das Angebot an Lehrlingskräften geht jedoch insgesamt zurück.

„Noch immer ist zu wenig bekannt, welche Aufstiegs- und Verdienstchancen die Arbeitsplätze in der Industrie bieten“, klagt Christian Helmensteiner, Chefökonom der Industriellenvereinigung. Die zentrale Erkenntnis einer Studie des Economica Instituts zeigt laut Helmensteiner, dass Industrielehrberufe ein höheres oder gleich hohes Lebenseinkommen wie so mancher Beruf mit Universitätsausbildung aufweisen. So übersteigt das kumulierte Lebenseinkommen eines Systemtechnikers mit Lehrabschluss bis zum 45. Lebensjahr das kumulierte Lebenseinkommen eines Informatikers mit Studienabschluss.

Foto: Pixabay / PCB-Tech

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Gibt es erste Rezessionssignale?

Wie die Signale vom Bond-Markt einzuordnen sind.

Michael Kordovsky. In den USA kam vor wenigen Wochen ein Rezessionssignal vom Bond-Markt. Durch die Medien ging Anfang April eine negative Differenz zwischen zehnjährigen und zweijährigen US-Staatsanleihenrenditen. In einer normalen Rendite-Kurve herrscht ein steilerer Verlauf. Die „Zinsen“ (Renditen) sind umso höher, je länger die Laufzeit ist. Da es aber im Falle eines erwarteten Wirtschaftsabschwungs zu rückläufigen Renditen und, wenn Spielraum vorhanden, auch zu Leitzinssenkungen kommt, verflacht sich schon allein durch Abschwungserwartungen die Zinskurve – manchmal sogar so lange, bis sie invers ist, also kürzere Laufzeiten höhere Renditen aufweisen als längere. Das Schema ist klar, doch der Teufel liegt im Detail: Die Renditedifferenz zehn zu zwei Jahre ist zwar ein zuverlässiges Rezessionssignal, jedoch nicht unbedingt das beste. Beispielsweise gab es im Juni 1998 verfrüht ein falsches Signal, da die Rezession erst im Jahr 2001 begann. Zuletzt schlug es gegen Ende August 2019 richtig an.

Das präzisere Signal ist aber die Rendite-Differenz zwischen zehnjährigen US-Staatsanleihen und jenen mit dreimonatiger Laufzeit. Sie hat seit den späten 1980er-Jahren kein Fehlsignal geliefert, und in den USA ging seit den 1970er-Jahren (auf sechs bis 17 Monate) jeder Rezession auf dieser Basis eine inverse Zinskurve voran, zuletzt im Mai 2019. Aktuell jedoch liegt die Differenz bei hohen 1,94 % -Punkten (per 26.4.). Das würde gegen eine Rezession sprechen. Wie zuverlässig dieser Indikator war, kann anhand untenstehender Historie illustriert werden.

Rezession noch nicht greifbar
Der Krieg in der Ukraine eskaliert zunehmend. Mit Polen und Bulgarien gibt es die ersten beiden Länder der EU, denen Moskau den Gashahn abgedreht hat. Gleichzeitig dehnte sich in China der Corona-Lockdown von Shanghai auf das größte Stadtviertel Pekings aus. Im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine haben bereits mehrere Stimmungsindikatoren weltweit negativ reagiert. Auf der anderen Seite haben die USA eine starke Konjunktur und eine Reihe von Schwellenländern profitieren von hohen Öl- und Rohstoffpreisen.

Stärke zeigt unter anderem die US-Industrie: Im März stand auf Jahresbasis einer Steigerung der Auftragseingänge für langlebige Güter von 12,6 % ein Plus bei den Auslieferungen um 11,2 % gegenüber, womit die Zeichen auf Expansion stehen. Allerdings steht bei Transportausrüstung eine verlangsamte Auslieferung von 8,5 % einem Auftragsschub um 17,8 % gegenüber. Rückläufige Auftrags-eingänge verzeichnet zuletzt der Rüstungsbereich, während Investitionsgüter außerhalb des Rüstungsbereichs boomen: Auftragseingänge von plus 23,5 % vs. Auslieferungen von 11,9 %. Das deckt sich auch mit den April-Daten des vorläufigen „S&P Global Flash US Composite PMI“, dessen „Flash US Manufacturing PMI“ auf ein Sieben-Monatshoch stieg. Obwohl sich die Dynamik im Dienstleistungssektor verlangsamt, sollte laut S&P Global das annualisierte US-BIP-Wachstum im April bei 3 % liegen.

Der IWF rechnet im jüngsten Ausblick zwar mit weniger Wachstum, aber für 2022 und 2023 noch immer global mit je 3,6 %, wobei sich von 2022 auf 2023 das BIP-Wachstum der USA von 3,7 auf 2,3 % verlangsamen sollte und jenes des Euroraums von 2,8 auf 2,3%. Andererseits sollten die Emerging-Markets mit einer Wachstumsbeschleunigung von 3,8 auf 4,4 % der globale Wachstumsträger sein. Ob sich mit den aktuellen Corona-Maßnahmen Chinas BIP-Wachstum von 4,4 auf 5,1 % (2022 auf 2023) wirklich verbessert, bleibt allerdings fraglich.

Fazit: Noch ist keine unmittelbare Rezession spürbar und bis die Drei-Monats-T-Bill-Zinsen die Renditen zehnjähriger US-Treasuries überschreiten, sind noch vier bis sechs Leitzinsanhebungen in den USA erforderlich.

Foto: Pixabay / 0fjd125gk87

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

„Nehmen Sie Ihre Vorsorge selbst in die Hand!“

Die Vorstandsdirektorin der Wiener Städtischen, Sonja Steßl, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Rudolf Ernder. Sonja Steßl war lange genug in der Politik – unter anderem als Staatsekretärin im Bundeskanzleramt sowie für Finanzen in der Regierung Faymann – um die Nöte und Sorgen der Bevölkerung, vor allem auch der Frauen, zu kennen. Heute ist sie als Vorstandsdirektorin bei der Wiener Städtischen auch für die Bereiche Verkauf im Privat- und Gewerbekunden- bzw. Firmen und Großkundengeschäft verantwortlich.

Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier lässt sie tiefer in das Thema Frauen und Vorsorge blicken und richtet in diesem Zusammenhang auch einige Appelle an das weibliche Geschlecht.

Börsen-Kurier: Wie hat sich die Pandemie auf die Frauenvorsorge ausgewirkt?
Sonja Steßl: Die Corona-Krise und auch der Krieg in der Ukraine haben eine Zeit voller Umbrüche und Veränderungen mit sich gebracht und uns drastisch vor Augen geführt, wie schnell sich das Leben verändern kann. Speziell Frauen sind aufgrund häufig bestehender Mehrfachbelastungen in der Pandemie besonders gefordert. Das hat zur Folge, dass das Risikobewusstsein und das Sicherheitsbedürfnis deutlich zugenommen haben – bestimmt auch ein Grund dafür, dass wir in den letzten beiden Jahren keine Schwächung der privaten Vorsorge, sondern vielmehr eine weiterhin stabile Nachfrage gesehen haben. Wir verzeichnen in fast allen Sparten ein Prämienwachstum. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach optimaler Absicherung der eigenen Person und der Angehörigen, das ist aber nicht nur auf die Gesundheit beschränkt, sondern zeigt sich auch beim Schutz von Hab und Gut.

Börsen-Kurier: Nachhaltigkeit ist auch in der Vorsorge heute ein großes Thema geworden. Was bietet die Wiener Städtische Versicherung dazu ihren Kundinnen an?
Steßl: Das Thema Nachhaltigkeit steht seit längerem hoch im Kurs, ganz besonders bei jungen Menschen, und auffällig ist, dass Frauen größeren Wert auf das Thema legen als Männer. Besonders stark ist die Nachfrage nach unserer Fondspolizze „Eco Select Invest“, die als erste mit dem österreichischen Umweltzeichen auszeichnet wurde. Hier können Kunden zwei Megatrends miteinander verbinden: Die Suche nach Rendite bei historisch niedrigen Zinsen und das Bedürfnis, mit seinem Geld etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Fondspolizzen wie die genannte der Wiener Städtischen verbinden individuellen Versicherungsschutz mit Veranlagung in nachhaltige Investmentfonds, sind sehr flexibel und unkompliziert übertragbar. So lässt sich für das Alter und die Familie vorsorgen und man übernimmt Verantwortung für Umwelt, Gesellschaft und künftige Generationen. Bisher haben wir hier mehr als 3.300 Verträge im Gesamtvolumen von rund 23 Mio Euro abgeschlossen. Nahezu jeder zweite Prämieneuro in der Lebensversicherung ist bei der Wiener Städtischen im vergangenen Jahr in nachhaltige Geldanlagen geflossen – Tendenz steigend!

Börsen-Kurier: Welche sind die wesentlichsten Notwendigkeiten für Frauen in der Pensionsvorsorge?
Steßl: Frauen haben aufgrund verschiedenster Rahmenbedingungen oftmals einen noch größeren Vorsorgebedarf abzudecken als Männer. Eine lange Lebenserwartung und unterschiedliche Berufsbiografien von Frauen haben weitreichende Folgen, auch bezüglich ihrer finanziellen Situation im Alter. So erzielen Frauen in Österreich nach wie vor im Durchschnitt deutlich geringere Erwerbseinkommen und damit liegt auch die durchschnittliche Alterspension von Frauen mit 1.110 Euro brutto im Monat deutlich unter jenen der Männer mit 1.799 Euro. Vor diesem Hintergrund ist das Risiko von Altersarmut für Frauen deutlich höher als für Männer. Aber: egal ob Frau oder Mann – je früher man mit einer finanziellen Vorsorge beginnt, desto ertragreicher! Gerade die Altersvorsorge ist ein Bereich, der über viele Jahre und Jahrzehnte laufen sollte, um sich ein finanzielles Polster für den Lebensabend aufzubauen. Mein Tipp an alle Frauen ist daher recht simpel: Interessieren Sie sich für das Thema Vorsorge, nehmen Sie das selbst in die Hand und starten Sie möglichst in jungen Jahren mit Ihrer privaten Pensionsvorsorge!

Börsen-Kurier: Ab welchem Betrag ist Vorsorge Ihres Erachtens sinnvoll? Was wäre das empfohlene Minimum?
Steßl: Hier einen Pauschal-Betrag zu nennen wäre nicht seriös. Vielmehr stellt sich die Frage, wie hoch das monatliche frei verfügbare Einkommen ist, das ich für Vorsorge verwenden möchte.

Vorsorge ist bereits mit kleinen Beträgen sinnvoll, zum Beispiel bekommt man als Einsteiger eine vernünftige Gesundheitsvorsorge bereits um rund 20 Euro im Monat oder eine Prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge als ergänzende Altersvorsorge ab 25 E im Monat. Wichtig ist, frühzeitig zu beginnen, durchzuhalten und, wenn das Einkommen steigt, auch die Vorsorgeprämien immer wieder mal anzupassen. Sinnvoll sind in diesem Zusammenhang auch regelmäßige Beratungsgespräche mit dem Versicherungsberater meines Vertrauens!

Börsen-Kurier: Wie geht die Wiener Städtische mit dem Thema Frauenvorsorge um?
Steßl: Wir sehen seit vielen Jahren, dass sich speziell Frauen mit der eigenen Vorsorge zu wenig intensiv auseinandersetzen. Wir haben daher das Jahr 2022 zum Vorsorgejahr der Frau unter dem Motto #frausorgtvor ausgerufen. Ziel ist es, neben einer verstärkten Bewusstseinsbildung auch konkrete Lösungsansätze – ganz nach den Bedürfnissen der Frauen – anzubieten. Dafür steht die Dachmarke „Women‘s Selection“. Wir bieten Frauen in jeder Lebenslage attraktive und individuelle Lösungen, um den Vorsorgebedarf für Gesundheit und Alterspension bestmöglich abzudecken. Das reicht von der Basisabsicherung mit einer prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge für jüngere Frauen über flexible Vorsorgelösungen mit erfolgreichen Fonds bis hin zu umfassenden Zusatzpaketen, etwa der Prämienübernahme durch die Wiener Städtische bei Geburt, Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit. Bei der Gesundheitsvorsorge stehen Wahlarzt- und Sonderklasse-Lösungen im Mittelpunkt: Die Wünsche und Bedürfnisse der Österreicherinnen gehen dabei über das Angebot des staatlichen Gesundheitssystems hinaus. Immer mehr Frauen setzen auf private Vorsorge sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich.

Börsen-Kurier: Und was sollten Frauen in diesem Zusammenhang bei der Gesundheitsvorsorge besonders beachten?
Steßl: Frauen haben in Gesundheitsfragen eigene Bedürfnisse, sind gesundheitsbewusst und legen viel Wert auf Prävention und Vorsorge. Das zeigen auch unsere Zahlen: Rund 650.000 Kunden zählt die Wiener Städtische in der Gesundheitsvorsorge – mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Daher ist es uns ein besonderes Anliegen, unser Serviceportfolio an den Bedürfnissen von Frauen auszurichten und laufend zu erweitern. Neben innovativen Produkten gibt es auch spezielle Services für Frauen mit Familie: Ein Beispiel, wie insbesondere digitale Lösungen einen Mehrwert für Kundinnen bringen, ist der Online-Geburtsvorbereitungskurs in Zusammenarbeit mit deine-geburt.com: Neben ausführlichen Materialien steht werdenden Eltern das umfangreiche Wissen einer Frauenärztin und einer Hebamme, die beide zudem Mütter sind, zur Verfügung. Eine Online-Kreißsaalbesichtigung, Ernährungstipps, Yoga-Einheiten und ein zusätzlich wählbares „Starterkit ins Mamasein“ für das körperliche und seelische Wohl der Mutter runden das Kursangebot ab.

Foto: Marlene Fröhlich_luxundlumen

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Versorger – Fels in der Brandung oder Opfer der Energiekrise?

Von Hagen Ernst, stellvertretender Leiter Research & Portfoliomanagement bei der DJE Kapital AG.

(26.04.) Im aktuell schwierigen Marktumfeld müssten sich Versorger als eigentlich defensiver Sektor überdurchschnittlich gut entwickeln. Jedoch war auch der Stoxx 600-Versorgerindex seit Jahresanfang leicht rückläufig. Lediglich regulierte Versorger ohne größere Risiken haben sich gut entwickeln können. Es scheint, dass die Märkte zu sehr die Risiken im Blick haben und zu wenig auch die Chancen sehen.

Primäres politisches Ziel ist es, sich möglichst schnell unabhängig von russischen Energien wie Öl, Gas oder Kohle zu machen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss dementsprechend beschleunigt werden. Deutschland beispielsweise hat im Rahmen des sogenannten Osterpakets eine Reihe von Maßnahmen wie mehr neue Flächen für Photovoltaik und Wind sowie die Verschlankung von Planungs- und Genehmigungsverfahren beschlossen. Bis 2030 sollen mindestens 80 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus „Erneuerbaren“ bezogen werden. Von einem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien sollten neben Windturbinenherstellern wie Vestas oder Siemens Gamesa Anbieter von Erneuerbaren Energien wie Acciona Energias, EdP Renovaveis, Neoen oder Orsted profitieren. Orsted ist mit aktuell 12,7 GW Kapazität einer der größten Betreiber und gut positioniert bei größeren Windparks auf See (Offshore). Bis 2030 planen die Dänen den Ausbau der Kapazitäten auf 50 GW.

RWE zwischen Chancen durch Erneuerbare und Risiken durch Kohleembargo

Interessant ist auch RWE, die sich perspektivisch nach dem Ausstieg aus der Kohle (eventuell ist eine Abspaltung in den nächsten Jahren möglich) und Kernkraft zu einem reinen Anbieter von Erneuerbaren Energien entwickeln. Dementsprechend sollte sich der Bewertungsabschlag zu anderen Anbietern von Erneuerbaren Energien reduzieren. Zudem ist das Unternehmen mit einem Netto-Cashbestand von 360 Mio Euro per Ende 2021 finanziell gut aufgestellt. Bereits für dieses Jahr prognostiziert RWE einen EBITDA-Beitrag von 70 % aus Erneuerbaren Energien. Aktuell besitzt RWE 9,5 GW Kapazitäten an Erneuerbaren Energien und will diese wie Orsted bis 2030 auf 50 GW ausbauen. Ferner profitiert RWE teilweise von gestiegenen Strompreisen. Generell sichern die Essener nur 80 bis 90 % ihrer Stromerzeugung ab. Zudem ist ein Teil der Produktion aus „Erneuerbaren“ nicht langfristig kontrahiert und kann somit zu hohen Preisen auf dem Spotmarkt verkauft werden. Im ersten Quartal lag der Strompreis im Durchschnitt bei 185 Euro/MWh. Angesichts derartig hoher Strompreise sowie einer eher konservativen Guidance für Supply & Trading könnte der Ausblick im Laufe des Jahres nochmals nach oben angepasst werden. Risiken könnten sich hingegen aus dem Kohleembargo ergeben. RWE bezieht langfristig zwölf Mio. Tonnen bzw. bis März 2023 zwei Mio. Tonnen von einem russischen Lieferanten. Unklar ist, ob hier Force Majeure greift. Sollte es sich tatsächlich um „höhere Gewalt“ handeln (schließlich ist das Embargo ja politisch gewollt, und RWE kann aufgrund dessen nicht die Kohle aus Russland beziehen), müsste RWE seiner Lieferverpflichtung nicht nachkommen. Ansonsten müsste man die Kohle anderweitig einkaufen, was sehr kostspielig sein dürfte bei einem aktuellen Kohlepreis von knapp 300 USD pro Tonne.

Auch integrierte Versorger investieren massiv in den Ausbau Erneuerbarer Energien. Die Bewertungen sind mit einem KGV für 2022 von acht für Engie, elf für Enel bzw. 16 für Iberdrola vergleichsweise moderat und die Dividendenrendite deutlich höher. Mit knapp 50 % hat Iberdrola den größten Gewinnanteil aus Erneuerbaren Energien. Allein im letzten Jahr nahmen die Spanier 3,5 GW an neuen Kapazitäten in Betrieb. Weitere 7,8 GW an Kapazitäten befinden sich im Bau, davon 2,6 GW im am stärksten wachsenden Offshore-Windsegment. 46 % des EBITDAs kommen zudem aus dem regulierten Netzwerkgeschäft.

Ausbau der Erneuerbaren Energien wird deutlich kostspieliger
Angesichts höherer Materialkosten unter anderem für Stahl sowie steigender Zinsen wird der Ausbau der Erneuerbaren Energien deutlich kostspieliger. Die Unabhängigkeit vom günstigen russischen Gas hat somit einen hohen Preis und sollte vor allem für energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Glas langfristig Standortnachteile, besonders gegenüber den USA (günstiges Öl und Gas aus Fracking) und China (zukünftiger Abnehmer des günstigen russischen Gases), mit sich bringen. Damit Strom einigermaßen bezahlbar bleibt, wird man daher nur schwer auf Atomkraft als Brückentechnologie verzichten können. Einige Länder wie Belgien oder Finnland reagieren bereits mit Verlängerung der Laufzeiten von Atomreaktoren. Damit verschafft man sich Zeit für die Energiewende. Es bleibt abzuwarten, inwiefern Deutschland folgt. Noch scheint hier kein Umdenken in Sicht bzw. zumindest tun sich die Regierungspartner in der Ampelkoalition teilweise schwer mit einem solchen Umdenken. Jedenfalls wäre die Laufzeitverlängerung der drei noch laufenden AKWs Isar I, Emsland und Neckarwestheim sowohl ökonomisch (günstige Grundlasterzeugung) als auch ökologisch (kein CO2-Ausstoß) sinnvoll. Angesichts der ohnehin schon knappen Kapazitäten und der hohen Strom- und Gaskosten wäre ein Weiterbetrieb der Reaktoren für einen beschränkten Zeitraum von z.B. fünf Jahren sinnvoll. Ansonsten müsste man die Jahresproduktion von 30 bis 35 Terawattstunden TWh (ca. fünf Prozent des deutschen Stromverbrauchs) in einem ohnehin schon sehr angespannten Markt zusätzlich ersetzen, was weiter steigende Strompreise zur Folge hätte. Theoretisch wäre auch eine Reaktivierung der bereits im letzten Jahr stillgelegten Reaktoren möglich. Dies wäre jedoch aufwändig. Die Reaktoren befinden sich bereits in der Abklingphase, so dass umfangreiche Wartungsarbeiten nötig wären. Zudem wäre eine neue Betriebserlaubnis erforderlich. Andererseits kämen zusätzlich Kapazitäten in den Markt. Diese entsprächen weiteren fünf Prozent der gesamten Stromproduktion. Dies würde sich entlastend auf den Strompreis auswirken.

Dezentraler Ausbau der Stromnetze ist entscheidend

Parallel zum Ausbau der Erneuerbaren Energien müssen auch die Stromnetze ausgebaut werden. Neben großen Stromtrassen ist ein dezentraler Ausbau der Distributionsnetze entscheidend. Hiervon sollte z.B. E.ON profitieren. Das prognostizierte nachhaltige Gewinnwachstum von drei bis fünf Prozent p.a. dürfte sich dementsprechend erhöhen. Allerdings bildet die relativ hohe Verschuldung in Höhe des fünffachen EBITDA ein gewisses Hindernis. Die Aktie ist aufgrund ihres Russlandrisikos deutlich unter Druck geraten. Die Werthaltigkeit des im Pensionsfonds liegenden Anteils an Nordstream I ist zu hinterfragen. Jedoch entspricht der Buchwert von 1,2 Mrd Euro lediglich vier Prozent der Marktkapitalisierung. E.ON selbst bezieht zwar nicht direkt Gas von Gazprom, hat jedoch mit 380 TWh an Lieferverpflichtungen gegenüber Endkunden wie privaten Haushalten oder großen Unternehmen in Europa das größte Exposure. Da Deutschland mehr als 50 % des Gasbedarfs aus Russland bezieht, ist es wahrscheinlich, dass die E.ON-Lieferanten größtenteils ausfallen würden. Sollte kein russisches Gas mehr fließen, wäre dies daher existenzgefährdend. Allerdings ist der Regierung bewusst, dass ein Gasembargo unkalkulierbare wirtschaftliche Folgen hätte und Deutschland in eine noch nie dagewesene Rezession mit schweren Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt und der dauerhaften Abwanderung ganzer, vor allem energieintensiver Industrien, zur Folge hätte.

Es bleibt die Gefahr, dass Gazprom selbst die Lieferungen einstellt. Dies ist jedoch eher unwahrscheinlich, da Russland auf die Devisen angewiesen ist. Zudem kann im Gegensatz zu Kohle oder Öl kein Gas ohne vorhandene Pipelines an andere Abnehmer wie China oder Indien abgesetzt werden. Zwar ist man dabei, nach Fertigstellung der „Power of Siberia I“-Pipeline mit einer Transportkapazität von ca. 61 Mrdm³ nach China nun eine neue Pipeline „Power of Siberia II“ mit einer zusätzlichen Kapazität von 50 Mrdm³ zu bauen, jedoch ist der Bau kostspielig und langwierig (die Bauzeit der ersten Gaspipeline betrug fünf Jahre).

Falls doch kein Gas mehr aus Russland fließen würde, müsste man in Deutschland zu einer Zwangsbewirtschaftung mit Rationierung des Gasbezugs für Industrieunternehmen und private Haushalte übergehen. In diesem Fall dürfte Force Majeure gelten, was dazu führen würde, dass Unternehmen wie E.ON von ihren Lieferverpflichtungen entbunden wären. Auch wäre es gar nicht möglich, sich mit derartig großen Gasvolumina einzudecken, um das russische Gas zu ersetzen.

Übertriebene Kursrückgänge

Ebenfalls übertrieben scheint der Kursrutsch bei Fortum und Uniper. Beide Unternehmen weisen zwar europaweit das größte Russlandrisiko auf. Im Gegensatz zu anderen europäischen Versorgern besitzt man Mehrheitsbeteiligungen an russischen Tochterunternehmen, die rund ein Viertel des Gewinns ausmachen. Ferner ist die Beteiligung von Uniper an „Nordstream II“ im Wert von einer Mrd Euro mit dem Stopp komplett abzuschreiben. Zudem bezieht Uniper rund 160 Mrdm³ an Gas von Gazprom, was im schlimmsten Fall existenzgefährdend wäre. Hier gilt aber das gleiche wie bei E.ON. Zum einem ist es sehr unwahrscheinlich, dass es zu einem Gasembargo oder Lieferstopp seitens Russlands kommt. Zum anderen dürfte in diesem Fall Force Majeure gelten. Der Kursrückgang seit Jahresanfang von fast 50 % bei beiden Versorgern erscheint daher übertrieben. Zumal beide mit ihrem hohen Anteil von Stromerzeugung aus Wasser und Kernkraft in Skandinavien von dauerhaft hohen Strompreisen profitieren dürften. Bei Uniper sollte zudem ein Aufkauf der Minderheiten seitens Fortum, die bereits mehr als 75 % der Anteile besitzen, eine echte Option sein. Als Mehrheitsaktionär haftet man ohnehin für mögliche Risiken eines russischen Gaslieferstopps, könnte jedoch das aktuell günstige Niveau nutzen, um endgültig die volle Kontrolle zu gewinnen und einen Beherrschungsvertrag abzuschließen.

Fokus liegt zu stark auf den Risiken

Festzuhalten bleibt, dass der Markt sich aktuell noch vornehmend auf die Risiken fokussiert. Vor allem ein Gasembargo hätte schwere Folgen für einen Großteil der Versorger, allen voran E.ON und Uniper. Ein Lieferstopp ist jedoch wie beschrieben aufgrund der Folgen unwahrscheinlich und müsste im Falle des Falles als Force Majeure gelten. Aktuell beschränkt man sich auf ein Kohleembargo. Dabei handelt es sich mehr um Symbolpolitik, die Russland nicht wirklich schadet. Im Gegenteil: Kohle ist gut lagerfähig, und Russland kann die nicht abgenommene Kohle zum aktuellen Marktpreis von 300 USD/Tonne zum Beispiel an China oder Indien verschiffen, während der Kontraktpreis mit den deutschen Abnehmern bei geschätzt 40 bis 50 USD/Tonne liegt. Denkbar wäre als nächster Schritt das häufig geforderte Ölembargo. Hauptprofiteure wären hier Ölkonzerne wie Total oder Royal Dutch sowie große US-Konzerne wie Chevron, Exxon, Occidential Petroleum oder Conoco Philipps. Das russische Öl würde trotz allem in China oder Indien Abnehmer finden. Immerhin hätte ein Ölembargo für Versorger keinerlei negative Auswirkungen.

Neben Embargos werden staatliche Interventionen gefürchtet. Größere Eingriffe wie eine Deckelung des Strom- oder Gaspreises scheinen jedoch nicht zu kommen. Man beschränkt sich auf kleinere nationale Eingriffe wie in Italien oder Spanien ohne größere Auswirkung für dort ansässige Versorger wie Enel oder Iberdrola. Im Fokus steht eher eine staatliche Unterstützung einkommensschwacher Haushalte, die besonders betroffen sind vom Anstieg der Strom- und Gaspreise.

So dürften sich Einstiegsgelegenheiten bieten bei Anbietern von Erneuerbaren Energien, die von einem beschleunigten Ausbau profitieren sowie bei Unternehmen, die aufgrund ihres Russlandrisikos zu stark unter Druck geraten sind. Die politisch gewollte zunehmende Unabhängigkeit von Russlands günstigen fossilen Energieträgern wird zu einem dauerhaft hohen Strompreis führen, wovon wiederum Versorger mit von fossilen Brennstoffen unabhängiger Stromerzeugung wie Wasser- oder Kernkraft profitieren sollten.

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Brillantes Umfeld an der Schweizer Börse

Ein Blick nach Zürich lässt Spuren diverser Weltkrisen vermissen.

Roman Steinbauer. Mit 12.300 Punkten liegt der Swiss Market Index (SMI) um gelinde 4,6 % unter dem Allzeit-Top vom 28. Dezember. Der Zürcher Aktienmarkt weist aktuell damit nicht nur eine Zwölf-Monats-Performance von +10 % auf, sondern stieg darüber hinaus um 11 % über den Stand vor Ausbruch der Covid-Krise im Feber 2020. Stark verhielten sich zuletzt erneut Schwergewichte wie Nestle (ISIN: CH0038863350), Novartis (CH0012005267), Zurich Ins. (CH0011075394) und der Vertreter für Augenheilkunde Alcon (CH0432492467). Deutlicher abgestuft wurden indes Papiere des Zahntechnik-Spezialisten Straumann (CH0012280076) und jene von Geberit (CH0030170408). Nach Rückschlägen um bis zu 35 % seit Dezember scheinen hier Bodenbildungen möglich.

Fehlende Börsenäquivalenz
Durch das Scheitern eines erneuten Rahmenabkommens zwischen Bern und der EU erfuhr der Erwerb von Schweizer Valoren durch EU-Bürger seit 1. Juli 2019 deutliche Einschränkungen. Die von der EU-Kommission als „gleichwertig“ gewährte Börsenregulierung (Börsenäquivalenz) unserer Nachbarn lief mit diesem Datum ersatzlos aus. Im Gegenzug entzog Bern seinerseits den EU-Handelsplätzen die Anerkennung, womit Eidgenössische Aktien dort ebenso nicht mehr handelbar sind. Abwicklungen bleiben aber weiterhin über die Börse Zürich oder über den OTC-Markt (Direkthandel über Brokerhäuser) möglich.

Fonds auf unterschiedliche Gewichtsklassen
Ebenso sind auf Schweizer Aktien ausgerichtete Fondsanteile nicht von Beschränkungen betroffen. Um auf führende Dividendentitel zu setzen, bieten sich Produkte wie der „Schroder International Selection Swiss Equity IZ“ (LU2016220936) an. Derzeit hält das Management in dem auf Franken lautenden Anlagepool vorrangig die Roche Holding (CH0012032113) mit 9,7 %, Novartis und Nestle mit jeweils 9,6 %, Richemont (4,7 %; CH0210483332), Zurich Ins. (4,5 %), ABB (3,7 %; CH0012221716) und Givaudan (CH0010645932) mit 3,2 %. Die Gesamtkostenquote (TER Ratio) beträgt 0,81 %.

Um auf geringer kapitalisierte Gesellschaften abzuzielen, ist Mirabaud Asset Management mit dem auf Euro lautenden und ebenfalls thesaurierenden „Equities Swiss Small & Mid I“-Fonds (LU1115429026) präsent. Die TER-Ratio liegt hier bei 1 %. Favorisiert wird hier Sonova (CH0012549785) mit 6,2 % vor Schindler (6,0 %; CH0024638212), Lindt & Sprüngli (5,6 %; CH1110085060), Temenos (5,4 %; CH0012453913) und Vifor Pharma (5,3 %; CH0364749348).

Sehr gute Wirtschaftsdaten
Überraschend: Die Inflation stieg laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik im März auf Jahresbasis um beeindruckend niedrige 2,4 % (Euro Raum 7,4 %). Teils ist dies dem starken Franken geschuldet, der die steigenden Energie-Importpreise bremst. Der Kapitalstrom in die Valuta, die derzeit mit 1,03 CHF pro Euro nahe dem Rekordstand von Jänner 2015 steht, hielt zuletzt an, obwohl die SNB am 24. März den negativen Leitzinssatz von -0,75 % bestätigte. Starke Anzeichen kommen von der Binnennachfrage. Die Einzelhandelsumsätze zogen im Feber um 12,8 % an. Wie erfolgreich exportorientierte Unternehmen unter-wegs sind, zeigt auch der Handelsbilanzüberschuss im Feber. Wie bereits im Dezember wurde mit 5,95 MrdCHF (5,77 Mrd Euro) ein historischer Rekordüberhang der Ausfuhren registriert.

Das Eidgenössische Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) meldete zudem für März eine Arbeitslosenrate (aktiv Beschäftigung suchender Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung) von 2,2 %. Dies markiert den tiefsten Stand seit dem Jahr 2002 und kommt einer Vollbeschäftigung gleich.

Foto: Pixabay / anncapictures

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Höhepunkt der Immobilienblase

Die Alarmsignale an den (Wohn-)Immobilienmärkten mehren sich.

Michael Kordovsky. Weltweit waren im Zuge der Geldflut und niedriger Zinsen während der Pandemie die Wohnimmobilienpreise im Aufwind. Der 20 US-Metropolen umfassende „S&P/Case-Shiller 20-City Composite Home Price Index“ stieg in den zwei Jahren bis Jänner 2022 um insgesamt 32,4 bzw. um 15,1 % p.a. In der EU beschleunigte sich der Anstieg des Hauspreisindex (HPI) von 5,0 % im vierten Quartal 2019 bis zum vierten Quartal 2021 auf 10,0 % (in der Eurozone von 4,5 auf 9,4 %). Im vierten Quartal 2020 lag der Preisauftrieb noch bei 5,8 %. Mittlerweile ist mit +9,4 % im Euroraum der höchste jährliche Anstieg seit Erhebung der Daten im Jahr 2005 erreicht.

Bis zu knapp 26 % Anstieg in einem Jahr
Der Hauspreisindex (HPI) misst die Preisentwicklungen aller von Haushalten erworbenen Wohnimmobilien (Wohnungen, Einfamilienhäuser, Reihenhäuser usw.), sowohl Neu- als auch Altbauten, unabhängig von ihrer endgültigen Verwendung und ihren bisherigen Eigentümern. Die HPIs der Mitgliedstaaten werden von den nationalen Statistikämtern erstellt, die Aggregate der HPIs für den Euroraum und die EU von EuroStat. Auf dieser Basis die stärksten Hauspreisanstiege verzeichneten im vierten Quartal 2021 quer durch die EU: Tschechien (+25,8 %), Estland (+20,4 %), Litauen (+19,8 %), Ungarn (19,5 %) und die Niederlande (+18,7 %). Deutschland und Österreich verzeichneten ein Plus von jeweils 12,2 bzw. 14,9 %, während Zypern mit -5,3 % als einziges Land rückläufige Preise registriert.

Überbewertung von Wohnimmobilien bei uns
Klare Fakten liefert die Deutsche Bundesbank im „Monatsbericht Februar 2022“: „Gemäß aktuellen Schätzergebnissen lagen die Immobilienpreise in den Städten im Jahr 2021 zwischen 15 und 40 % über dem Preis, der durch sozio-demografische und wirtschaftliche Fundamentalfaktoren angezeigt ist. Das Kaufpreis-Jahresmiete-Verhältnis bei Wohnungen in Städten lag im Berichtsjahr gut 30 % und in den sieben Großstädten rund 40 % über seinem längerfristigen Mittelwert.“ Weitere „Alarmsignale“ im O-Ton: „Sowohl dem Kaufpreis-Einkommen-Verhältnis zufolge als auch gemäß Schätzergebnissen für die Langfristbeziehung von Immobilienpreisen, Einkommen und Zinsen lagen die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland um 20 bis 35 % über dem Referenzwert.“

Die Aufsicht hat bereits reagiert: Laut BaFin müssen deutsche Banken seit April Wohnimmobilien-Kredite anstatt mit 0,75 % Eigenkapital nun mit 2 % absichern. Mittlerweile steht auch eine Obergrenze für die LTV(Loan-To-Value)-Quote bei Baukrediten zur Diskussion. Ähnlich ist auch die Situation in Österreich, wo der OeNB-Fundamentalpreisindikator für Wohnimmobilien den stärksten Anstieg seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1989 erreichte. Im vierten Quartal 2021 erreichte er mit 29,8 % einen Wert von 7,6 %-Punkten über dem Vorquartal. In Wien lag die Abweichung von den Fundamentalfaktoren sogar bei 35,6 %. Voraussichtlich ab 1. Juli sind seitens der Regulierungsbehörden strengere Mindeststandards in der Vergabe von Wohnkrediten geplant.

Steigende Zinsen
Die Regulierungsbehörden werden strenger und gleichzeitig steigen die Zinsen. Kredite werden schlichtweg teurer und immer weniger Käufer können sich das teure Wohneigentum noch leisten. Mit der Zinswende kehren früher oder später auch in Europa die Sparzinsen wieder zurück. Dann würde auch der Immobilienveranlagungsbedarf defensiver Anleger sinken. Auf jeden Fall sind am langen Ende die EUR-Swapsätze zuletzt kräftig angestiegen. Eine Kostprobe: Vom 31.12.2021 bis 22.4.2022 stieg der 15-Jahres-EUR-Swapsatz von 0,49 auf 1,78 %. Das bedeutet drastisch höhere 15jährige Fixzinsen beim Neuabschluss. Im gleichen Zeitraum stieg auch der Drei-Jahres-EUR-Swapsatz von -0,15 auf 1,22 %, was binnen drei Jahren mehrere Leitzinsanhebungen der EZB impliziert. Eine Anhebungsreihe im Hauptrefinanzierungssatz auf bis zu 1,5 % ist nicht mehr auszuschließen. Dann würden bei einem Aufschlag von 1,25 %-Punkten auf den Drei-Monats-Euribor die variablen Zinsen von 0,75 auf rund 2,75 % steigen. Hingegen könnten 20jährige Fixzinsbindungen dann bereits mehr als 4 % p.a. kosten (in Österreich). Angenommen ein Gebäude ist zur Gänze fremdfinanziert, dann würden auf 20 Jahre gesehen 2 % p.a. an höheren Zinsen bereits einen Mehraufwand ausmachen, der äquivalent zu 40 % des Kaufpreises wäre. Fundamental würde dies – einfach gerechnet – in so einem Fall zum „Ausgleich“ einen Preisnachlass um 40 % erfordern. Da in der Regel entsprechend Eigenmittel im Spiel sind, wären die Folgen so eines Zinsanstiegs eher im Bereich von -20 bis -30 % angesiedelt. Das wäre aber schon ausreichend für eine Welle an Notverkäufen, vor allem bei Frankenschuldnern, die ohnehin mit einer kontinuierlichen Aufwertung des Schweizer Frankens konfrontiert sind.

Kritische (geo-)politische Konstellation
Carsharing, öffentliche Verkehrsmittel und E-Autos sind im Vormarsch und der Autofahrer als effektive „Melkkuh der Nation“ war gestern, zumal nun sogar eine Reduktion der Steuern auf Treibstoffe zur Diskussion steht. Hingegen haben sich gebrauchte Eigentumswohnungen in Wien seit dem Jahr 2000 im Wert mehr als verdreifacht (+208,3 % bis Q4 21; Quelle: OeNB-Wohnimmobilienpreisindex). Welches Ausmaß der Wohnungshype mittlerweile angenommen hat, zeigte bereits der Querschnitt durch Europa. Somit stehen nun die Immobilienbesitzer klar im Visier des Fiskus. Sie sind die neuen „Melkkühe“ des Budgets. Die Immo-ESt in Österreich ist erst der Anfang.

Neue Melkkühe
Leerstandsabgaben oder Zwangsvermietung leerstehender Wohnungen gegen minimale Mietzahlungen des Staates wären weitere Möglichkeiten, genauso wie allgemeine Vermögenssteuern für sogenannte „Reiche“ mit mehr als 1 Mio Euro Nettovermögen. Als gröbere Einschränkungen und Auflagen hinzukommen könnten Mietzinsobergrenzen inklusive fugendichter Umgehungsverbote sowie bei älteren Gebäuden Verpflichtungen zum Umbau auf Niedrigenergieverbrauch (thermische Sanierung etc.). Ein erster Schritt ist bereits die Verpflichtung zum Austausch von Ölheizungen und Ersatz durch ökologischere Alternativen.

Doch am schlimmsten wäre – und das wird in Deutschland bereits diskutiert – ein Gesetz über den Corona-Lastenausgleich ähnlich wie jenes vom 14. August 1952 (Lastenausgleichsgesetz). Damals finanzierte man damit Kriegsentschädigungen. Die Höhe der damit in Verbindung stehenden Abgabe wurde nach der Höhe des Vermögens mit Stand vom 21. Juni 1948 berechnet. Sie belief sich auf 50 % des berechneten Vermögenswertes und konnte in bis zu 120 vierteljährlichen Raten, also verteilt auf 30 Jahre, in einen Ausgleichsfonds eingezahlt werden. So ein Szenario deckt sich auch mit der 2013 vom IWF vorgeschlagenen einmaligen Vermögensabgabe von 10 %. Beispielsweise könnte diese als Zwangshypothek auf Immobilien dann auf zehn bis 30 Jahre abbezahlt werden.

Ein weiteres kritisches Szenario, das sich bereits abzeichnet, wäre ein Rückzug russischer Oligarchen und reicher Investoren diverser anderer Schwellenländer aus der EU und somit auch aus Österreich. Vor allem reiche Russen fürchten um ihr Immobilieneigentum. Beginnen diese und auch andere Gruppen ausländischer Immobilienbesitzer binnen kürzester Zeit mit einem Abverkauf, könnte dies einen Crash bei Luxusimmobilien und in gehobenen Segmenten auslösen.

Foto: AdobeStock / anankkml

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Langfristanlage mit Investmentfonds

An den erfolgreichen Strategien der Universitätsstiftungen von Harvard und Yale orientieren.

Michael Kordovsky. Die einzelnen Investmentfonds sind Bausteine des Vermögensaufbaus und jeder Investor ist Architekt dieses Aufbaus. Doch immer noch lassen sich Anleger häufig auf gefährliche Markttiming-Debatten ein, bei denen statt des großen Ganzen nur einzelne Werte im Vordergrund stehen. Fakt ist, dass die richtige Mischung und vor allem Kontinuität für langfristige Anlageerfolge relevant ist. Daher gelten nachstehende Regeln.

Markttiming ist tabu
Die meisten eigenen Markttiming-Versuche sind nicht von Erfolg gekrönt. Ausnahme sind allerdings trendfolgende Futures-Fonds, deren professionelle quantitative Handelssysteme Signale aus 100 bis zu mehr als 300 Futures der Bereiche Aktienindizes, Zinsen/Anleihen, Währungen und Rohstoffe verarbeiten. Doch auch diese erleiden zwischenzeitlich längere Durststrecken.

Warum ist Markttiming so gefährlich?
Wer zögert und immer auf den optimalen Handelszeitpunkt wartet, versäumt die besten Börsentage. Beispielsweise brachte es der Dax von 1998 bis 2017 auf 5,6 % p.a. Ohne die besten zehn Tage im Jahr schrumpfte die Performance auf 1,3 % p.a., und wer die besten 20 Tage verpasst hat, verlor jährlich 1,5 %. Auf jeden Fall belegen diverse Studien über längere Zeiträume die Unterlegenheit des Markttimings.

Sparpläne perfekt für volatile Phasen
Wer hingegen in volatilen Märkten monatlich anspart, profitiert vom Cost-Average-Effekt, weshalb Ansparportfolios zumindest anfänglich etwas dynamischer gestaltet werden können. Doch es gibt Grenzen des Cost-Average-Effektes: Er wirkt nicht bei konstant steigenden und konstant fallenden Kursen. Ist Letzteres der Fall, bekommt der Anleger zwar immer mehr Anteile, aber seine Rendite nicht mehr zurück. Im Aufwärtstrend hingegen gibt es für den gleichen Betrag zunehmend weniger Anteile. In der Praxis steigen aber die Aktienmärkte im Einklang mit dem BIP-Wachstum. Doch wer Vermögen aufbaut, investiert besser regelmäßig kleine Beträge in Aktien als gar keine, weshalb Sparpläne trotzdem ihre Berechtigung haben.

Ansparung in FLVs unter bestimmten Bedingungen lukrativ
Unter den Aspekten des Ablebensschutzes und der KESt-Freiheit stellen Fondsgebundene Lebensversicherungen mit breiter Fondsauswahl durchaus eine Anlagealternative dar. Allerdings sollte bei möglichst langer Laufzeit die Möglichkeit monatlicher Auszahlung über langjährige Zeiträume bestehen, da es auch hier zu Glättungseffekten bei den Kursen kommt. Ebenso sollte im Interesse des Kunden ein Blick auf die Kosten geworfen werden.

Diversifikation ist Trumpf
Meister der Asset-Allocation sind die Stiftungsportfolio-Manager der US-Universitäten Harvard und Yale. Die Harvard-Stiftung erzielte in den kritischen Fiskaljahren 2020 und 2021 (enden per 30. Juni) jeweils 7,3 bzw. 33,6 % und seit 1974 rund 11 % p.a. Im ebenfalls per 30. Juni 2021 endenden Fiskaljahr brachte es die Yale-Stiftung sogar auf ein Plus von 40,2 %. In den vergangenen zehn Jahren waren es 12,4 % p.a. und über 36 Jahre unter David Swensen (verstorben 5. Mai 2021) als Chief Investment Officer 13,4 % p.a.

Diese Vermögensaufteilungen sollen zu einem innovativeren Standard-Konzept für ausgewogene bis dynamische Anleger inspirieren, wobei man zwischen Beträgen ab und unter 500.000 Euro differenzieren sollte. Sehr flexibel kann man erfahrungsgemäß ab 500.000 Euro agieren, zumal es in Österreich einen Anbieter Private-Equity-Dachfonds gibt, der bereits ab einem unbelasteten liquiden Finanzvermögen von 250.000 Euro den Zugang zu renditestarken Produkten bietet.

Da festverzinsliche Papiere von staatlichen Emittenten kaum erwähnenswerte Renditen aufweisen, ist eine langfristige Sachwerte-orientierte Mischung erforderlich, um überhaupt noch spürbare Erträge erzielen zu können. Bei Privatanlegern mit weniger Anlagevermögen kann ein etwas defensiverer aber noch immer Sachwert-orientierter Standard-Ansatz verfolgt werden.

Achtung: Diese Standardansätze dienen lediglich als Orientierungshilfen und müssen gemäß den persönlichen Präferenzen individuell angepasst werden.

Foto: AdobeStock / vege

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Paradigmenwechsel in der Aktienbewertung

Von Stefan Breintner, Leiter Research & Portfoliomanagement und Co-Fondsmanager des DJE – Dividende & Substanz und des DJE – Zins & Dividende bei der DJE Kapital AG.

(21.04.) Steigende Inflationsraten, steigende Zinsen und anhaltende geopolitische Spannungen zwingen Anleger zum Umdenken. In der Bewertung von Aktien findet ein Paradigmenwechsel statt: Faktoren wie Profitabilität und Marktposition werden wichtiger als Umsatzwachstum. Das spielt Dividendenwerten in die Karten.

Seit Mitte März haben sich die wichtigsten Börsen kräftig erholt, und zwar trotz fortdauernder geopolitischer Belastungen und damit verbundener hoher Unsicherheit sowie anhaltendem monetären Gegenwind in den USA. Der weltweite Aktienindex MSCI erzielte in Euro gerechnet im März insgesamt ein Plus von knapp 3,5 Prozent. Mit unserer Dividendenstrategie konnten wir im vergangenen Monat die Benchmark sogar übertreffen. Historisch gesehen ist der April ein guter Monat sowohl für Aktien als auch für Anleihen. Kurzfristige Prognosen bleiben aber schwierig. Dennoch blicken wir konstruktiv auf die kommenden Wochen und bleiben vor allem mittel- und längerfristig positiv gestimmt für Aktien. Bei den aktuellen, sehr tiefen Realzinsen (z.B. Deutschland ca. minus sieben Prozent, siehe Schaubild) und den anhaltend hohen Inflationsraten bleiben Sachwerte wie Aktien die beste Anlagealternative. Unser Fokus liegt dabei auf Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht und damit stabilen oder im Idealfall steigenden Margen.

Aktien oder Anleihen – was steht im Fokus?
Im laufenden Jahr haben sich Mischfonds mit hohen Aktienquoten meist besser geschlagen als solche mit hohen Anleihequoten. Aus unserer Sicht ist es auch weiterhin angebracht, stärker auf Aktien zu setzen. Eines der Kernargumente für Investitionen in Aktien bleibt das sehr tiefe Realzinsniveau (siehe Schaubild). Wir halten einen Fokus auf defensive Aktien für sinnvoll. Das Umfeld für Anleihen bleibt aufgrund der stark steigenden Inflation und der erwarteten Zinsanhebungen, v.a. in den USA, mittelfristig schwierig. Wir sind vor allem bei Unternehmensanleihen mit längerer Laufzeit vorsichtig.

Auf welche Regionen setzen Sie?
USA konjunkturell und börsentechnisch besser als Europa Die USA dürften sich weiterhin konjunkturell und börsentechnisch besser entwickeln als Europa. Der Krieg betrifft die USA weit weniger als Europa, und viele US-Unternehmen profitieren sogar davon. 2022 dürfte es in den USA nicht zu einer Rezession kommen, mit Blick auf 2023 besteht aber auch dort – besonders für den Fall einer zu restriktiven Notenbankpolitik – ein gewisses Rezessionsrisiko.

Ukraine-Krieg belastet Europa, v.a. Deutschland und Europa dagegen werden durch den Krieg in der Ukraine voraussichtlich stark belastet. Zudem wird der deutsche Export Richtung China durch die schwächere Wirtschaftsentwicklung in China beeinträchtigt. Die Abhängigkeit vom russischen Gas ist für Europa ein großer Wettbewerbsnachteil. Hier könnte die Konjunktur durch die hohen Energiepreise und die zunehmende Unsicherheit unter Druck kommen – mit Deutschland als einem der Hauptleidtragenden. Aber aus dem monetären und markttechnischen Blickwinkel bleibt Europa besser unterstützt: Im Falle eines Wahlsiegs von Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich dürfte die EZB auch in den kommenden Monaten weniger restriktiv agieren als die US-Notenbank. Zudem gab es bereits massive Verkäufe europäischer Aktien im ersten Quartal. Dadurch eröffnet sich aus markttechnischer Sicht wieder Raum für Optimismus – der Markt ist überverkauft. Innerhalb Europas dürfte die Region Skandinavien, nicht zuletzt wegen der geringeren Energiepreisabhängigkeit, mit das beste Chance-Risiko-Verhältnis haben.

China bleibt schwierig einzuschätzen und risikoreich China dagegen bleibt weiter schwierig einzuschätzen: Einerseits wird die Immobilienkrise nicht so schnell überwunden sein – auch wenn staatseigene Firmen vermehrt fertiggestellte Wohnungen kaufen. Andererseits hemmt auch der strikte Null-Covid-Ansatz die wirtschaftliche Erholung. Wir bevorzugen daher die USA vor Europa und halten innerhalb Europas Skandinavien für attraktiv. Dagegen lassen wir gegenüber der chinesischen Anlageregion weiterhin Vorsicht walten.

Welche Sektoren sind erfolgversprechend?
Wir sind der Ansicht, dass es derzeit mehr auf die Länder- als auf die Sektorengewichtung ankommt. Im aktuellen Umfeld bleibt das Gesundheitswesen sowohl fundamental als auch markttechnisch eine attraktive Branche. Im Technologiesektor haben wir weiter sowohl relativ zum Weltindex als auch zu Mitbewerbern ein größeres Untergewicht. Die Gewinnentwicklung im Erdöl- und Gas- bzw. Energiesektor sollte im laufenden Jahr sehr gut ausfallen. US-Ölunternehmen könnten zukünftig deutlich mehr investieren.

Seit über 10 Jahren haben Growth-Werte besser abgeschnitten als Value-Werte. Ändert sich das jetzt?
Wir sehen einen Paradigmenwechsel. In den vergangenen Jahren standen vor allem Kriterien wie das Umsatzwachstum im Fokus der Investoren. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Kriterien wie die Preissetzungsmacht von Unternehmen und eine starke Marktposition bzw. die Fähigkeit, die Margen halten zu können, werden aus unserer Sicht wichtiger werden. Die Aktien jener Unternehmen, deren Profitabilität sich nicht verschlechtert, dürften künftig relativ gut laufen bzw. sich überdurchschnittlich entwickeln. Auch Kriterien wie Bewertung und Dividende dürften weiterhin eine größere Bedeutung haben als in den vergangenen Jahren.

Wie viel schütten die deutschen Konzerne dieses Jahr an Dividenden (fürs Geschäftsjahr 2021) aus und warum?
Die Gesamtausschüttungssumme der DAX 40 Konzerne dürfte im Jahr 2022 bei ca. 48 Mrd. EUR liegen. Hintergrund für die Steigerung ist vor allem, dass sich die Gewinnsituation 2021 gegenüber 2020 verbessert hat. Viele Konzerne schütten ja gemäß definierter Ausschüttungsquoten/Ausschüttungskorridore aus. Auch die Entwicklung des freien Cashflows war 2021 bei vielen Unternehmen des DAX 40 sehr gut, was die Dividendenzahlungen im laufenden Jahr für das Geschäftsjahr 2021 fundamental untermauert.

Wie schätzen Sie die Dividendenausschüttungen der deutschen Konzerne im Jahr 2023 ein?
Nimmt man die aktuellen Konsensus-Erwartungen als Grundlage, dann erwartet der Markt eine leichte Steigerung für 2023. Ich persönlich halte das für etwas zu optimistisch. Aufgrund des Krieges in der Ukraine sind beispielsweise viele Lieferketten unterbrochen. Die Folge sind hohe Logistikkosten, und die Energiekosten vor allem für europäische Unternehmen sind deutlich höher als erwartet. Demzufolge könnten sich die Gewinne vieler deutscher Konzerne 2022 schwächer als erwartet entwickeln, was dann wiederum zur Folge haben könnte, dass 2023 etwas weniger an Dividende für das Geschäftsjahr 2022 bezahlt wird.

Worauf sollten Anleger beim Investieren in Dividendenaktien achten?
Vor allem darauf, dass die Dividende auch wirklich verdient wird. Für uns ist ausschlaggebend, dass die freie Cashflow-Rendite über der Dividendenrendite liegt. Vorsicht ist angebracht bei Unternehmen, die etwa 80-100 Prozent ihres Gewinns ausschütten: Solche Unternehmen müssen dann in schwierigen Jahren oft die Dividende kürzen oder ganz streichen, was in der Regel zu stärkeren Kursverlusten bei der Aktie des betreffenden Unternehmens führt. Wir bevorzugen daher generell Unternehmen mit einer Ausschüttungsquote von 40-60 Prozent. Außerdem ist uns wichtig, dass unsere Portfoliounternehmen die Dividende mindestens konstant halten bzw. im Idealfall natürlich jedes Jahr anheben.

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Heilsbringer Wasserstoff

Die Industrie investiert immer mehr in die Entwicklung der neuen Technologie.

Christian Sec. Die OMV plant die Inbetriebnahme einer Elektrolyseanlage ab dem zweiten Halbjahr 2023. Sie soll Wasserstoff durch Spaltung von Wasser herstellen. Die Zehn-Megawatt-Anlage wird jährlich bis zu 1.500 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren. Die daraus resultierenden Einsparungen sollen laut Angaben der OMV bis zu 15.000 Tonnen CO2-Emissionen betragen. Die Investitionssumme liegt bei rund 25 Mio Euro und wird zur Hälfte von der OMV und der Kommunalkredit getragen. Zunächst ist geplant, den grünen Wasserstoff in der Raffinerie Schwechat zur Hydrierung von Pflanzenöl und fossilen Brennstoffen zu verwenden. In einem zweiten Schritt soll der grüne Wasserstoff für die Dekarbonisierung von schwer zu elektrifizierenden Transportsegmenten wie Bussen und LKW verwendet werden.

Schon 2019 hat die Voestalpine auf ihrem Werksgelände gemeinsam mit Partnern wie Siemens und Verbund eine Elektrolyseanlage zur Testung der Erzeugung von grünem Wasserstoff in Betrieb genommen. Die EU hat mit 12 Mio Euro den Löwenanteil des 18-Mio-Euro-Projekts „H2Future“ gestemmt. Im Laufe des zweijährigen Projekts „H2Future“ wurden mehr als 500 Tonnen grüner Wasserstoff durch die Sechs-Megawatt-Anlage erzeugt. Um jedoch die gesamte Stahlherstellung der Voestalpine auf Wasserstoff umzustellen, würde der Konzern die 400-fache Kapazität von „H2Future“ benötigen, wird der Konzern von verschiedenen Medien zitiert. Wie das Prestigeprojekt nach dem Ende der Projektdauer mit Ende 2021 weiter finanziert wird, ist noch unklar. Klar ist nur, dass der Stahlkonzern die Anlage für Forschungszwecke weiterbetreiben möchte.

Verbund als europäischer Player
Gemeinsam mit Voestalpine forscht der Verbund im Rahmen von „H2Future“. Eines der drei wichtigen Strategieziele des Energiekonzerns ist die Positionierung des Unternehmens in der Entwicklung der europäischen Wasserstoffwirtschaft. Ziel dabei ist es, die Wertschöpfungskette zu erweitern – von der Erzeugung über den Transport und die Speicherung bis zum Vertrieb von grünem Wasserstoff. Mit der Verbund-Tochter Gas Connect Austria soll das Gasnetz fit für die Zukunft und den zukünftigen Transport von grünem Wasserstoff gemacht werden.

Auch der Aluminiumhersteller Amag hat im Zuge seiner Dekarbonisierungsstrategie dem Wasserstoff eine wichtige Rolle bei der Substitution fossiler Brennstoffe zugeteilt. Aber die Umstellung wird nicht ohne Schwierigkeiten erfolgen. Für den Wasserstoff brauche man Anlagen, die es nach aktuellem Stand der Technik zum Teil noch gar nicht gibt, erklärte Amag-Chef Gerald Mayr im vergangenen Herbst. Nun habe man mit ersten Grundlagenforschungen zu alternativen Energieträgern gemeinsam mit Partnern im universitären Bereich begonnen, so ein Amag-Sprecher. Hierbei geht es vorrangig darum, den Einfluss alternativer Energieträger auf die Qualität des erzeugten Aluminiums zu verstehen, vor allem auch, weil Wasserstoff mit Aluminium reagiere und Poren und Einschlüsse entstehen. Davon abgeleitet werden in weiterer Folge die erforderlichen Anpassungen in den Produktionsanlagen sowie in der Infrastruktur. So brauche man etwa die dreifache Menge an Wasserstoff, um die gleiche Menge an Energie zu bekommen wie aus Erdgas. Es brauche daher entsprechende Rohre und auch Platz, auch für Transformatoren.

Foto: OMV

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Macht des Stimmrechts

Aktionäre verschaffen sich auf HVs zunehmend Gehör für ihre Anliegen.

Raja Korinek. Das historisch niedrige Zinsumfeld geht allmählich zu Ende. Grund ist freilich die anziehende Inflation. Bondinvestments werden damit zunehmend knifflig. Für viele Anleger liegt die Antwort in einem langfristigen Aktieninvestment, vor allem in jene Unternehmen, die über eine hohe Preissetzungsmacht verfügen.

Doch ein Aktieninvestment umfasst noch weitaus mehr, ein Umstand, der von manch einem Privatanleger teils übersehen wird. Schließlich hat man als Aktionär auch ein Stimmrecht, von dem man auf der Hauptversammlung Gebrauch machen kann, etwa, um einzelnen Punkten zuzustimmen. Oder aber auch, um seinen Unmut zu äußern.

Abstimmung als wichtiger Einflussfaktor
Jedenfalls nutzen immer mehr Fondsgesellschaften weltweit ihre Stimmrechte, so etwa auch die Experten bei der BNP Paribas AM. Michael Herskovich, Global Head of Stewardship, sagt: „Mit unserem Verhalten bei den Abstimmungen können wir immerhin so einiges bewirken.“ Das Unternehmen stimmte allein im vergangenen Jahr auf mehr als 2.000 Hauptversammlungen ab – und stimmte dabei gegen insgesamt 33 % der Resolutionen der Vorstände diverser Unternehmen, in die Fonds der BNP Paribas AM investiert sind.

Ein guter Teil der Einsprüche richtete sich gegen die Ernennung von Vorstandsmitgliedern, etwa dann, wenn dabei das Thema Diversität nicht ausreichend abgedeckt wurde. Orsolya Gal, Senior Stewardship Analyst bei der BNP Paribas Asset Management, präzisiert: „Bereits 2019 beschlossen wir, gegen Vorschläge sämtlicher männlicher Vorstandsmitglieder zu stimmen, wenn im Vorstand keine einzige Frau sitzt.“ Die Anforderungen habe man seither ausgebaut. Seit 2020 müssen mindestens 30 % des Vorstandes weiblich besetzt sein, und zwar in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland.

Im Vorjahr wurde auch Südafrikas Börsenkonzernen eine derartige Grenze auferlegt, für die restliche Welt liegt sie derzeit bei 15 %.

Diversität im Fokus
Auch andere Vermögensverwalter setzen ähnliche Schritte. Ab März 2022 erwartet Goldman Sachs Asset Management, dass in allen börsennotierten Unternehmen global mindestens zwei Frauen im Vorstand sitzen müssen – sofern dieser nicht aus weniger als zehn Mitgliedern besteht oder die lokalen Anforderungen ohnedies über der Mindestzahl liegen. Außerdem wird von Unternehmen des S&P 500 und FTSE 100 erwartet, dass sie mindestens ein Board-Mitglied aus einer unterrepräsentierten Gruppe einer ethnischen Minderheit aufweisen.

Doch auch rund um den Klimawandel wird auf die Macht der Stimme gesetzt. 2021 brachte BNP Paribas auf den Hauptversammlungen bei Exxon und Delta Airlines Resolutionen zur Offenlegung ihrer Lobby-Aktivitäten ein. Schließlich wollte man wissen, wie diese im Einklang mit den Pariser Klimazielen stehen. Denn die Transformation in Richtung Nachhaltig steht bei der BNP Paribas AM hoch im Kurs.

Ein weiteres Kriterium
Ähnlich ist der Zugang bei Aberdeen. „Da Klimawandel und Beschäftigungspraktiken immer stärker in den Vordergrund rücken, stehen zunehmend umwelt- und gesellschaftsbezogene Beschlüsse auf den Tagesordnungen der Hauptversammlungen. 2021 haben wir über rund 280 dieser Beschlüsse abgestimmt, dabei 49 % befürwortet und 50 % abgelehnt“, zeigt Andrew Mason, Stewardship Director bei Aberdeen, auf. Und bei einem Prozent habe man sich enthalten. Mason sagt, man unterstütze Beschlüsse zugunsten von Klima, Diversität und Inklusion grundsätzlich.

Foto: AdobeStock / MQ Illustrations

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Emerging Markets: Weshalb vor allem Asien lockt

Die Wachstumsaussichten sind intakt, die Anlegerbasis wird zunehmend stabiler.

Raja Korinek. Die Ukraine-Krise hat die Welt der Schwellenländer aufgerüttelt. Russische Aktien sind für heimische Anleger derzeit nicht handelbar. Auch die Indexanbieter haben reagiert. Am 4. April verkündete etwa die Wiener Börse, dass die 17 russischen Depository Receipts (ADRs, GDRs) seit Verhängung der Sanktionen bis auf weiteres vom Handel ausgesetzt sind. Auch einige der Indizes, die den russischen Aktienmarkt abbilden, sind bis zur Aufhebung der Sanktionen gegen russische Aktien vom Handel ausgesetzt.

Doch auch Nachrichten aus China haben viele Anleger verunsichert. Zuletzt wurden erneut harte Lockdowns in Shanghai verhängt. Strenge Regularien schränken seit dem Vorjahr obendrein die Geschäftsmöglichkeiten von Internetriesen wie Tencent (ISIN: KYG75721634) ein. Auch die kräftige Zinswende belastet die Märkte in den Schwellenländern teilweise. In Brasilien haben die Leitzinsen bereits 10,75 % erreicht, in Mexiko 6,5 %.

Auch an der Börse besteht Aufholbedarf
Die Folgen spiegeln sich auch in der Wertentwicklung auf den Börsen aus den Regionen wider. Auf ein Jahr liegt das Minus beim MSCI Emerging Markets Index bei rund 11,4 %. Demgegenüber verzeichnete der MSCI Weltindex – der auf Aktien aus den Industrienationen setzt – ein Plus von 10,12 %. Die Daten sind per Ende März.

Michael Altintzoglou, Fondsmanager des „FvS Global Emerging Markets Equities“ (LU1012015118) beim deutschen Vermögensverwalter Flossbach von Storch, will die jüngsten Entwicklungen jedoch nicht überbewerten. Er räumt den Regionen noch reichliche Wachstumschancen ein, die jedoch selektiv genutzt werden sollten. Russland etwa habe man länger beobachtet und sich bereits vor Ausbruch des Konflikts gegen ein Aktieninvestment entschieden.

Altintzoglou bemängelt etwa die fehlende Rechtssicherheit und die relativ einseitige Wirtschaftsstruktur, wie er sagt: „Das Land ist sehr abhängig von Rohstoffen. Das ist kein tragfähiges Wachstumsmodell, zumal solche Branchenunternehmen keine Preissetzungsmacht haben, sondern sich nach den Marktpreisen richten müssen.“

Steigende Compliance-Kosten
In China sieht der Marktprofi rund um die regulatorischen Verschärfungen das Schlimmste ausgestanden. Immerhin habe Chinas Führung betont, den Konzernen mit solchen Maßnahmen nicht schaden zu wollen. Vielmehr stünde laut Peking die gesellschaftliche Gerechtigkeit im Mittelpunkt. „Die betroffenen Konzerne müssen jetzt zwar mehr Geld für Compliance aufwenden. Dafür sind deren Bewertungen an der Börse nun aber günstiger“, wiegelt Altintzoglou ab. Im „FvS“ zählt beispielsweise Tencent zu den größten Positionen. Doch auch im Finanzbereich werden Chancen genutzt, etwa mit dem Versicherungsriesen AIA Group (HK0000069689). Die zahlungskräftige Mittelschicht in der Region wächst, der Bedarf an entsprechenden Produkten ebenso.

Regional nimmt Indien die zweitgrößte Gewichtung ein. Der hohe Ölpreis belaste zwar die Leistungsbilanz, „dennoch steht das Land grundsätzlich auf soliden Beinen“. Aus Sicht eines Anlegers stimmt ihn der Umstand positiv, dass immer mehr Menschen aus dem Inland ihr Geld am indischen Aktienmarkt investieren, die Anlegerbasis damit stabiler wird.

Altintzoglou nutzt aber auch Chancen in den Industrienationen, was die Gewichtung von US-Titeln mit rund 13,5 % im Fonds erklärt: „Wichtig ist, dass es sich um solide Wachstumskonzerne handelt, die einen guten Teil ihres Umsatzes in den Emerging Markets erzielen.“

Foto: Pixelio / Martina Marten

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Bessere Risikostreuung mit Investmentfonds

Ein Kommentar von Mag. Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien Steiermärkische Sparkasse.

(08.04.) Am 19. April 2022 begeht die österreichische Fondsbranche zum zehnten Mal den Weltfondstag – Grund genug für einen Faktencheck. Seit die Finanzmarktaufsicht im Jahr 2014 begann, das Fondsvermögen zu erfassen, stieg es kontinuierlich an. Im Vorjahr betrugen die Zuwächse netto fast sieben Prozent, mit Kursgewinnen ergibt sich sogar ein Plus von fast 14 Prozent. Mit einem global ausgerichteten Investmentfonds wahrt man auf lange Sicht Chancen auf Gewinne, so die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking, wenngleich die Märkte krisenbedingt kurzfristig angespannt bleiben.

Der „Vater des Fondsgedankens“
Warum feiert die Branche am 19. April? An jenem Tag des Jahres 1744 wurde der Vater des Fondsgedankens, der Niederländer Abraham van Ketwich geboren. Er stellte fest, dass mit Hilfe eines Investment-Fonds die Risiko-Streuung deutlich besser gelingt und die Kosten für jeden einzelnen Anteilsinhaber sinken, wenn Gelder gebündelt werden. Damit wurde der Grundstein für die moderne und weltumspannende Investmentfonds-Industrie gelegt.

Heute sind Investmentfonds in allen Ausprägungen aus der Finanzwelt nicht mehr wegzudenken. Global orientierte Fondsmanager haben stets alle Märkte im Blick und gestalten aktiv die taktische Ausrichtung der Anlagestrategie – immer mit dem Fokus auf jene Regionen, Bereiche und Konzerne, die mittel- und langfristig die höchste Chance bieten, von den globalen Markt-Opportunitäten partizipieren zu können.

Der Ukraine-Krieg
Der Ukraine-Krieg überschattet derzeit alles, vor allem das menschliche Leid übertrifft alle Vorstellungen. Daher mag es zynisch klingen, doch die Finanzmärkte können in der Regel regionale Konflikte recht gut verkraften – zumindest zeigen das die Daten der Vergangenheit. In breit aufgestellten, global orientierten Investment-Fonds-Portfolios gibt es daher keine Tendenz und Notwendigkeit, die Ausrichtung der Veranlagung zu verändern. Die Welt der Geldanlage ist nämlich viel größer als Europa. Investoren, die bisher einen deutlichen Anlage-Schwerpunkt in Europa haben, sollten ihre Strategie überdenken: Dauerhaft birgt eine globale Veranlagung – idealerweise mit einem breit aufgestellten globalen Investmentfonds-Portfolio – solide Chancen.

Dominanz der USA
Die US-amerikanische Wirtschaft bleibt von ungünstigen Auswirkungen des Angriffskrieges auf die Ukraine weitgehend verschont. Von der angespannten Situation am Energiemarkt könnten die USA sogar profitieren, da sie eigenes Flüssiggas produzieren und davon bereits größere Mengen als vor der Krise exportieren. Somit behalten die Vereinigten Staaten ihre dominante Position, wenn es um Aktien, Anleihen & Co geht. Auch eine weitere Stärkung des US-Dollar gegenüber dem Euro ist vorstellbar. An Bedeutung gewinnen werden die asiatischen Wirtschaftslokomotiven China und Indien. Beide Volkswirtschaften werden Vorteile aus günstigen Energiepreisen lukrieren, denn sie beziehen russisches Öl mit einem Abschlag von minus 25% auf den Marktpreis. Damit einhergehen wird dort eine stärkere Fokussierung auf die Binnenwirtschaft und ein größeres Gewicht der eigenen Währungen.

Neue Wettbewerbsvorteile
Die Gefahr, dass Konzerne der USA und Asiens in Hinkunft die neuen Wettbewerbsvorteile gegenüber Europa nutzen, steigt rapide an. Auch wenn die generellen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der europäischen Industrie mit Russland und der Ukraine überschaubar sind, ist die derzeit so heftig diskutierte und enge Energieverflechtung mit Russland ein Damoklesschwert. Die stark von Energie und Export abhängigen europäischen Industrien, etwa der Maschinenbau oder die Autoproduktion, kommen ins Wanken. Die Wachstumsaussichten gewichtiger Branchen müssen revidiert, deren strategische Ausrichtung muss überarbeitet werden. Gleichzeitig können sich daraus für Europa aber auch Chancen ergeben – nämlich die eigenen kreativen und innovativen Potenziale wieder zu nutzen und neue Wege zu gehen. Etwa in der Energieeffizienz, der Innovationsführerschaft oder der Stärkung des Dienstleistungssektors.

Inflation und Negativzinsen
Kein europäisches Phänomen, doch deshalb nicht weniger brisant ist die Inflation, die voraussichtlich beharrlicher ist als zu Jahresbeginn noch angenommen. Die temporären Effekte aus der Rohstoff-, Energie-, Agrar- und Lieferkettenpreisentwicklung werden durch die kommenden Zweitrundeneffekte bei Konsumentenpreisen und Lohnerhöhungen durchschlagen und möglicherweise länger und höher ausfallen als derzeit vorstellbar. Dennoch: Die Notenbanken werden nach derzeitigem Stand die Zinsen nicht in dem Maße wie in den 1970er und 1980er Jahren anheben. Der absolute Zinssatz wird zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten 18 Monaten in die Höhe klettern, doch werden die Zinsen real (abzüglich Inflation) negativ bleiben. Die Europäische Zentralbank (EZB) muss insbesondere darauf achten, die hohe Staatsverschuldung für die Euro-Staaten verdaulich zu halten. Zweifellos kommt den Notenbanken die Aufgabe zu, eine Rezession zu vermeiden und sie werden es mit aller Macht versuchen. Eine globale Rezession wird in den aktuellen Analysen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank derzeit nicht als Hauptszenario gesehen. Eine Stagflation – also ein stagnierendes Wachstum bei gleichzeitiger Inflation – ist aber nicht auszuschließen.

Günstig für Schuldner
Unternehmen, die sich finanzieren müssen, sowie Schuldner werden also weiterhin ein für sie günstiges Umfeld vorfinden. Anleger, die Renditen über der Inflation erzielen wollen, müssen ein gewisses Risiko und Volatilität in Kauf nehmen. Ein Investmentfonds, bei dem Profis am Werk sind, schützt zwar nicht vor Verlusten, federt aber – wenn er breit und global investiert – viele Risiken ab.

Foto: Steiermärkische Sparkasse

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Auf nach Nordamerika

Ein zweites Standbein in Übersee ist gerade in Krisenzeiten gut.

Christian Sec. Gerade der Russland-Ukraine-Konflikt zeigt, dass die Konzentration auf einen Markt erhebliche Risiken für Unternehmen birgt. Der Krieg könnte mittelfristig Europa viel stärker treffen als Nordamerika. Die Unternehmen, die sich ein starkes Standbein in Nordamerika aufgebaut haben, könnten daher die Krise auch besser absorbieren. Für viele österreichische Unternehmen ist Nordamerika zusammen mit Europa eine Kernregion.

2021 übernahm der Ziegelhersteller Wienerberger das US-Unternehmen Meridian Brick um 250 Mio Euro. Das in Georgia beheimatete Unternehmen ist kapazitätsmäßig der größte Produzent von Fassadenlösungen in den USA und verfügt auch über eine starke Marktposition in Kanada. Mit mehr als 1.000 Mitarbeitern in 20 Werken in den USA und Kanada erwirtschaftete Meridian Brick im Geschäftsjahr zum 30.6.2020 Umsätze von mehr als 400 Mio USD. Wienerberger ist durch die Übernahme, laut eigenen Angaben, Marktführer für nachhaltige Fassadenlösungen auf dem nordamerikanischen Markt geworden. Im vierten Quartal 2021 lag der Umsatzanteil des Konzerns in Nordamerika bei rund 20 %, der Anteil des Ebitda gar bei 22,7 %.

Wie wichtig eigene Produktionsstätten gerade in den USA sind, erzählt der Sprecher von Palfinger Hannes Roither. Über viele Jahre habe man recht erfolglos versucht, auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Erst durch die Akquirierung von fünf Produktionsstandorten zu Beginn der 2000er-Jahre begann man Erfolge zu erzielen. „Der US-Markt verlangt nach Produkten ,Made in USA‘“, so Roither zum Börsen-Kurier. Heute erwirtschaftet das Unternehmen rund 20 % seines Umsatzes in der Region Nordamerika, wobei der Geschäftsanteil wächst. In den nächsten Jahren will man den Anteil auf 25 % ausbauen, so Roither.

Der Anlagenbauer Andritz erzielt von seinen etwa 6,5 Mrd Euro Gesamtumsatz rund 20 % in Nordamerika, im Vergleich dazu kommt Andritz in Europa auf einen Umsatzanteil von 33 % im vergangenen Jahr. 15 % der weltweiten Fertigungskapazitäten des Anlagebauers befinden sich in Nordamerika.

Mitarbeiterfluktuation und Einfuhrzölle
Nicht immer läuft aber alles nach Plan beim Aufbau neuer Betriebsstätten in Nordamerika, wie die Voestalpine bei der Errichtung des Roheisenwerkes in Corpus Christi in Texas schmerzhaft erfuhr. Zuerst stiegen die Errichtungskosten vor allem aufgrund von Preisanstiegen bei Baumaterialien um rund ein Drittel über den budgetierten Wert, dann wurden aufgrund der Rücknahme von Ertragserwartungen hohe Abschreibungen auf die Anlage fällig, die in den letzten beiden Geschäftsjahren rund 370 Mio Euro betrugen. Das war aber noch nicht alles. So hatte der Standort mit hoher Mitarbeiterfluktuation zu kämpfen. Insgesamt erwirtschaftet die Voestalpine rund 13 % ihrer globalen Umsätze in Nordamerika, fast zwei Drittel dagegen in Europa.

Die Unternehmensrisiken gehen bei einem Nordamerika-Engagement weit über das Währungsrisiko hinaus. So nennt der Cellulosefaser-Hersteller Lenzing, der rund 4,5 % seiner gesamten Produktionskapazität in einem Lyocell-Werk in Mobile betreibt, die höheren Haftungsrisiken im US-Recht.

Auch der Aluminiumhersteller Amag machte schlechte Erfahrung, als der ehemalige US-Präsident Donald Trump Einfuhrzölle für Stahl- und Aluminiumimporte für die EU-Länder verhängte. So hatte der Konzern 2018 mit einem 10 %igen US-Einfuhrzoll auf Alu zu kämpfen, der die Margen schmälerte. Immerhin werden 30 % des Amag-Konzernumsatzes in Nordamerika verdient.

Foto: AdobeStock / Lazy Bear

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Was tun gegen die steigende Teuerung?

Rohstoffpreise heizen Inflation an – Zertifikate bieten Chance, sich zu wappnen.

Raja Korinek. Die jüngsten Zahlen zur Inflation in der Eurozone bestätigen den Aufwärtstrend. Die Teuerung erreichte im März im Jahresvergleich 7,5 %. Auch in den USA schnellt die Inflation nach oben, „und erreichte zuletzt den höchsten Stand seit den 1980er- Jahren“, konstatiert Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management bei seiner Präsentation „Investieren in Zeiten hoher Inflation“. Der Börsen-Kurier war dabei.

Aufgrund der Entwicklung rechnet Galler in den USA mit zügigen Zinsanhebungen seitens der FED, auch da es jenseits des Atlantiks zu hohen Lohnsteigerungen kommt. Der Grund liegt für Galler auf der Hand: Derzeit gebe es 11 Mio offene Stellen versus 6 Mio Arbeitslose. „So eine Diskrepanz hat es selten gegeben.“

Ein wenig eingetrübter ist das Bild in Europa. Hier treiben steigende Rohstoffpreise – etwa aufgrund Lieferengpässe vieler Commodities aus Russland – die Inflation stärker an. Damit steckt die EZB in einer Zwickmühle, da steigende Rohstoffpreise mit Zinsanhebungen kaum bekämpft werden können. Allzu aggressive Zinsschritte könnten der Konjunkturentwicklung einen weiteren Dämpfer verpassen. „Letztendlich droht das Wachstum auf realer Basis zu erodieren“, sagt Galler.

Europa im Bann des Ukraine-Konflikts
Dabei könnte sich die Lage verschärfen, nachdem ein möglicher Lieferstopp von russischem Erdgas im Raum steht – genauso wie ein mögliches EU-Embargo für russische Energieträger. „Auch die jüngsten Preisanstiege bei Agrargütern sollten nicht unterschätzt werden.“

Galler verweist aber auch auf wichtige Gegengewichte und meint, die Konsumausgaben für Energie und Lebensmittel seien in den vergangenen Jahrzehnten in den USA stetig gesunken. Sie machen inzwischen nur noch rund 12 % des PCE-Indexes (Personal Consumption Expenditures) aus, der die Konsumausgaben in den USA misst. In Europa verweist Galler auf den EU-Wiederaufbaufonds als wichtige Konjunkturstütze.

Chancen auf fixe Zinsen
Doch selbst ein inflationäres Umfeld kann Anlegern Chancen bieten, etwa mit Zertifikaten. Die RCB bietet das Bonus-Zertifikat „Europa Inflations Bonus&Sicherheit 4“ an (ISIN: AT0000A2VBB8). Mit diesem Zertifikat erhalten Anleger jährlich einen Zinssatz, der sich aus zwei Komponenten zusammensetzt: 0,4 % jährlicher Fixzinssatz plus der Inflationsrate der Eurozone. Die Rückzahlung des Nominalbetrags zum Laufzeitende erfolgt zu 100 %, wenn der Euro Stoxx 50 Index während der Laufzeit immer über der Barriere von 1.717,59 Euro notiert.

Wird hingegen die Barriere berührt oder unterschritten, bewegt sich der Kurs des Zertifikats 1:1 mit dem Basiswert. Verluste sind dann möglich. Und etwaige Kursgewinne auf den Startwert von 3.505,29 Euro begrenzt.

Rohstoffe als Inflationsschutz
Einen anderen Ansatz hat man beim „Vontobel Inflation Influenced Index“-Zertifikat (DE000VX3DCQ5) gewählt. Ein guter Teil des Indexes investiert in Unternehmen, die innerhalb ihres Segments einen hohen Marktanteil und eine solide Preissetzungsmacht haben. Sie können steigende Kosten an Konsumenten gut weitergeben. Zu den „Auserwählten“ zählen die Schweizer Pharmariesen Roche und Novartis, aber auch der US-Ölkonzern Chevron.

Ein weiterer Teil des Indexes wird in Rohstoff-ETFs investiert, die auf die künftige Preisentwicklung von Commodities setzen. In Zeiten, in denen die Inflation ausgerechnet von steigenden Notierungen angetrieben wird, kann ein Rohstoffinvestment einen guten Schutz bieten.

Foto: AdobeStock / Andrey Popov

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Profiteure der Energie-Diskussionen

Ausbau der Energieinfrastruktur könnte bestimmte Aktien beflügeln.

Michael Kordovsky. Durch die erhöhte Volatilität infolge der verstärkten Einspeisung von Solar- und Windstrom in die europäischen Netze steigt die Gefahr eines Blackouts. Ein weiterer Punkt ist die Sicherheit vor feindlichen Hackern. Ohne Erneuerung werden laut einer Studie von Monitor Deloitte in Europa im Jahr 2030 40 bis 55 % der Niederspannungsleitungen mehr als 40 Jahre alt sein. Die im Jänner 2021 publizierte Studie auf Basis von zehn europäischen Ländern geht im Hinblick auf die Energiewende bis 2030 in Europa von einem Investitionsbedarf von 375 bis 425 Mrd Euro aus. Mit der

richtigen Energieinfrastruktur könnte die EU langfristig jährlich 175 Mrd Euro an fossilen Treibstoffimporten und 28 bis 37 Mrd Euro an Stromkosten einsparen. Besonders viele Schwachstellen haben die veralteten Stromnetze in den USA. Staatliche Infrastrukturprogramme können hier ansetzen.

Aufbau der Strominfrastruktur und Netzbetreiber
Auf jeden Fall ist Siemens (ISIN: DE0007236101) potenzieller Profiteur durch die Kombination von Engineering, Energieeffizienz, Smart Grid und Cybersicherheit. Auf Basis eines Kurses von 126 ist die Aktie mit einem für 2023 erwarteten KGV von 13,5 bewertet. Ein weiterer Lieferant von Strominfrastruktur ist ABB (CH0012221716), während General Electric (US3696043013) vor allem in den USA punkten könnte. Letztere überzeugte mit permanent positiven Gewinnüberraschungen in den vergangenen vier Quartalen. Im Schnitt lagen die Quartalsergebnisse laut Zacks Investment Research um 41,6 % über den Analystenschätzungen. Indessen eine Gewinnverdopplung im Jahr 2023 erwartet der Schätzungskonsens von Zacks bei Itron (US4657411066), deren KGV dann bei attraktiven 17,3 liegen würde.

Itron (US4657411066) ist Anbieter von Gas-, Wasser-, Energiezählern und weltweit führend bei intelligenter Straßenbeleuchtung. Als Strom- und Gasnetzbetreiber in Großbritannien interessant erscheint National Grid (GB00BDR05C01), deren Erträge in den kommenden Jahren wieder kontinuierlich wachsen sollten.

Gaspipeline-Betreiber und erneuerbare Energien
Eine gesicherte Erdgasversorgung ist wichtiger denn je. Die italienische Snam (IT0003153415) betreibt in Europa ein Erdgas-Pipeline-Netz von 41.000 Kilometer Länge (Italien, Österreich, Frankreich, Großbritannien und Griechenland). Nur 1,5 % der transportierten Volumina stammen von russischen Gesellschaften und Snam hat keine Direktinvestments in Russland und der Ukraine. Von 2013 bis 2020 konnte das Unternehmen den Gewinn/Aktie von 0,28 auf 0,36 Euro steigern. Die Ertragslage ist stabil und auf Basis eines Kurses von 5,18 ist eine Dividendenrendite von 4,8 % zu erwarten. Das Unternehmen setzt sich intensiv mit Wasserstoff-Wirtschaft auseinander.

Noch ein enormer Investitionsbedarf liegt in den Bereichen Windkraft und Wasserstoffinfrastruktur. Vestas Wind Systems (DK0061539921) gilt als einer der weltweit größten Anbieter von Windkraftanlagen und wurde im Jänner 2022 im 18. jährlichen Global 100 Ranking von Corporate Knights zum weltweit nachhaltigsten Unternehmen gekürt. Somit ist die Aktie unabhängig von Bewertungsdaten auf jeden Fall ein Standardinvestment nachhaltiger Fonds. Doch auch die Wachstumsdynamik stimmt. 2021 erreichte der Auftragsbestand einen neuen Rekordwert und der freie Cashflow stieg von 2019 bis 2021 von 94 auf 183 Mio Euro.

Ein Basisinvestment für die Wasserstoffwirtschaft ist die Linde plc (IE00BZ12WP82), die be-reits vor mehr als einem Jahr ankündigte, in Leuna den größten PEM-Wasserstoff-Elektrolyseur der Welt mit 24 Megawatt Leistung zu errichten. Ab Mitte 2022 sollen dort jährlich bis zu 3.200 Tonnen Wasserstoff mit zertifiziertem Ökostrom hergestellt werden.

Foto: Pixabay / distelAAPArath

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Unterschätzte Biotech-Newcomer

Klein- und mittelkapitalisierte Unternehmen finden wenig Beachtung. Ein Kommentar von Dr. Daniel Koller, Head Investment Team BB Biotech bei Bellevue Asset Management.

Für viele Investoren ist Biotech zurzeit nicht besonders attraktiv. Der Nasdaq Biotechnology Index, der wichtigste Börsenindex des Sektors, hat in den letzten zwölf Monaten fast 20 % an Wert verloren. Während Branchenschwergewichte wie Moderna oder Regeneron vereinzelt kräftige Kursgewinne verzeichneten, verloren die meisten klein- und mittelkapitalisierten Biotechs überdurchschnittlich. Diesen Trend reflektieren die Verluste von 40 % beim „S-Network Medical Breakthrough Index“ (PMBI) und beim „S-Network Healthcare Innovation Index“ (PHIX). Beide Indizes bilden niedrig kapitalisierte Biotechs und Pharmaunternehmen ab. Schwerpunktmäßig handelt es sich dabei um Firmen mit Produkten in der klinischen Phase II oder III. Ausschlaggebend für den aktuellen Abwärtstrend ist jedoch aufgrund der steigenden Inflation vor allem die Sektorrotation, weg von Growth hin zu Value. Dies hat den Biotechsektor undifferenziert getroffen. Biotechfirmen, die noch ohne Umsätze mit einem zugelassenen Produkt ihre Entwicklungspipeline finanzieren müssen, werden besonders abgestraft. Angesichts der steigenden Zinsen werden künftige Gewinne wegen der mit den steigenden Zinsen einhergehenden höheren Diskontierungssätzen von Analysten weniger hoch bewertet. Die gesamte Biotechbranche wird dabei von Anlegern undifferenziert abgestraft. Zahlreiche Small und Mid Caps sind jedoch mittel- bis langfristig gut durchfinanziert und finanziell weitaus besser ausgestattet als in der Vergangenheit.

In fundamentaler Hinsicht könnten kleine und mittelgroße Biotechs von einer Markterholung bei Biotechaktien überproportional profitieren. 65 % aller Wirkstoffe, die sich 2021 weltweit in der klinischen Entwicklung befanden, wurden nach einer Studie des IQVIA Institute für Human Data Science von Biotechfirmen durchgeführt, die weniger als 500 MioUSD Jahresumsatz hatten und jährlich weniger als 200 MioUSD in ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben investierten. Noch 2016 lag der Anteil dieser von IQVIA als Emerging Pharma Companies klassifizierten Unternehmen bei unter 50 %. Wie deutlich diese Biotechs gereift sind, zeigt eine andere Zahl der Studie: für 76 % ihrer entwickelten Produkte stellten die Unternehmen 2021 eigene Zulassungsanträge. Das ist ein klares Indiz für die gestiegene finanzielle Unabhängigkeit, welche die Unternehmen in eine vorteilhafte Lage versetzt, ihre Produkte ohne Partner in Eigenregie zu vermarkten und damit über ein höheres Gewinnpotenzial zu verfügen.

Pipeline ist gefüllt
Die Small und Mid Caps unter den Biotechs können das Kommerzialisierungspotenzial immer besser abschöpfen, weil sie bei Therapien der neuesten Generation häufig zu den Pionieren zählen. An erster Stelle zu nennen sind hier die Zell- und Gentherapien, das Gene Editing und die mRNA-Technologie, die mit den Impfstoffen gegen Covid-19 von Moderna und BioNTech den großen Durchbruch geschafft haben. Rund 800 klinische Wirkstoffe sind aktuell solchen neuartigen Ansätzen zuzuordnen. In fundamentaler Hinsicht sind kleine und mittelgroße Biotechs folglich sehr gut aufgestellt. Der entsprechende kurstreibende Nachrichtenfluss ist vorhanden, denn in diesem Jahr wird vor allem in der Krebsmedizin, der Neurologie und den seltenen genetisch bedingten Erkrankungen eine Vielzahl von klinischen Studienergebnisse und Zulassungsentscheidungen erwartet.

Das Beteiligungsportfolio von BB Biotech sollte davon überproportional profitieren. Auf Sicht der nächsten drei Jahre schätzen wir, dass sich der Jahresumsatz der Beteiligungsfirmen mehr als verdoppelt. Ein Großteil der Produktzulassungen entfällt auf die Indikationen Krebs, Stoffwechsel -und Nervenerkrankungen (ð Grafiken). Bei den Portfoliofirmen Alnylam und Ionis erwarten wir für 2022 die Entscheidung zur Zulassung für jeweils eine Therapie zur Verringerung der Symptome bei TTR-Amyloidose. Bislang gibt es keine adäquaten Behandlungsoptionen für diese erblich bedingten krankhaften Eiweißablagerungen, die zu schweren Organschäden führen. Dementsprechend hoch ist die Preissetzungsmacht.

In der Krebsmedizin steht Arvinas vor dem Durchbruch mit seiner neuartigen Technologieplattform für Moleküle, die krankheitsauslösende Proteine abbauen und dabei vor allem bei Zielmolekülen ansetzen, die mit herkömmlichen Therapieansätzen als nicht behandelbar gelten. In diesem Jahr soll die zulassungsrelevante klinische Studie für das am weitesten fortgeschrittene Produkt ARV-110 zur Behandlung von Prostatakarzinomen starten, für den Arvinas bei der US-Behörde ein beschleunigtes Zulassungsverfahren erreichen will.

Zwei weitere klinische Phase-III-Studien beginnt Arvinas mit Partner Pfizer für den Wirkstoff ARV-471 bei metastasierendem Brustkrebs, bei dem vorherige Therapien nicht mehr anschlagen. Relay Therapeutics ist ein anderer Vorreiter in unserem Beteiligungsportfolio. Das Unternehmen bedient sich der künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen, um die vielversprechendsten klinischen Kandidaten zu identifizieren. Dabei modelliert und analysiert Relay am Bildschirm in frühen klinischen Studien Proteinbewegungen, um über die Interaktionen von Wirkstoff und pharmakologischem Ziel die Moleküle mit dem besten Wirkprofil zu identifizieren.

Sentiment verbessert sich
Mit der wachsenden Zahl an Erfolgsmeldungen sollten wieder mehr Investoren dem Sektor Aufmerksamkeit schenken. Das Stimmungsbild dreht sich langsam bereits wieder zugunsten des Biotechsektors als Ganzes. Der jüngsten Umfrage von RBC Capital Markets zufolge erwarten 66 % der befragten Investoren eine Biotech-Outperformance in diesem Jahr. Waren es in der zweiten Jahreshälfte 2021 noch 49 %, die Biotechs als unterbewertet einschätzten, sind es jetzt 64 %. Zugleich beabsichtigen 58 % der Befragten ihr Exposure in Biotech zu erhöhen.

Foto: Bellevue Asset Mangement

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Sanktionen und ihre Folgen für Osteuropa

Eine Analyse der wirtschaftlichen Konsequenzen der Ukraine-Krise auf die CEE-Region.

Raja Korinek. Der Krieg in der Ukraine dauert an, die Sanktionen werden härter. Die USA haben ein Importembargo auf russisches Öl verhängt. Auch die EU hat eine Reihe an Sanktionen erlassen, wobei Mitte März das vierte Paket beschlossen. Es umfasst etwa Einfuhrbeschränkungen für ausgewählte Produkte der russischen Eisen- und Stahlindustrie sowie ein umfassendes Verbot neuer Investitionen in den russischen Energiesektor. Bereits zuvor wurde der Export von Technologiegütern und Technologien für den Ölsektor verboten. Obendrein ziehen sich immer mehr europäische Unternehmen aus Russland zurück.

Freilich, die wirtschaftlichen Folgen sind auf beiden Seiten der Fronten zu spüren. Grzegorz Sielewicz, Ökonom für die Region Zentral- und Osteuropa (CEE) beim Kreditversicherer Coface, geht in seiner jüngsten Arbeit auf eben diese ein. Der Börsen-Kurier war bei der Präsentation dabei.

Hohe Rohstoffabhängigkeit
Sielewicz verweist zunächst auf die hohe Abhängigkeit der EU von Russlands Rohstoffen. Mehr als 40 % der Gasimporte kommen aus der Region. Ebenso wenig sollten die großen Mengen an Weizen- und Kaliexporte unterschätzt werden, wobei auch Belarus jede Menge nach Europa geliefert hatte – bis diese Anfang März aufgrund westlicher Sanktionen gestoppt wurden. „Nun, da die Düngemittelpreise weltweit steigen, belastet solch ein Embargo umso mehr“, konstatiert der Coface-Experte.

Auch der zunehmend schleppende Import zahlreicher Industriemetalle aus Russland – dazu zählen Palladium, Nickel und Platin – bekommt Europas Industrie zunehmend zu spüren. Dies verschärft die ohnedies angespannte Lage etwa in der Chip- und Automobilindustrie.

Auch bei Russlands Konjunktur werde der Handelskrieg tiefe Spuren hinterlassen. Sie dürfte Coface-Schätzungen zufolge heuer deshalb um rund 7,5 % schrumpfen. „Weitere Abwärtsrevisionen können nicht ausgeschlossen werden.“ Noch vor Ausbruch der Ukraine-Krise lag die Prognose bei +2,6 %.

Wirtschaftswachstum schrumpft
Doch auch für die CEE-Region wurden die Prognosen für heuer nach unten revidiert. Ein besonderes geringes Wirtschaftswachstum räumt Coface Estland mit 1,5 % ein, gefolgt von Litauen mit 1,6 % ein. Die Regionen hatten bislang sehr enge wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland. Litauen liefert etwa jede Menge Maschinen nach Russland. Aus Estland sind es vor allem Computer. Demgegenüber werden Ungarn (3,9 %) und Polen (3,5 %) die höchsten Wachstumsraten in der Region eingeräumt. Für Österreich wird die BIP-Prognose auf 3,4 % gesenkt.

In Polen hebt Sielewicz auch die besonders hohe Anzahl an ukrainischen Flüchtlingen hervor: „Dieser Umstand könnte kurzfristig den Binnenkonsum ankurbeln.“ Er verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf eine höhere Nachfrage im Bereich der Beherbergungen und des Konsums.

Inflation steigt kräftig an
Einzig, auch die Inflation steigt in der CEE-Region, nicht zuletzt aufgrund höherer Rohstoffpreise, die sich im Osten kräftig niederschlagen. Dort liegt der Inflations-Schnitt über jenem der EU, der im Feber 6,2 % erreichte. In Litauen lag die Teuerung bei 14 %, in Estland bei 11,6 %. In Rumänien erreichte sie 7,9 %. Zumindest aber würden einzelne Staaten gegensteuern, zeigt Sielewicz auf. In Ländern wie Tschechien, Ungarn und Polen wurden die Leitzinsen angehoben. Obendrein sind letztere zwei Länder um eine Entlastung beim Spritpreis bemüht.

Foto: Adobe Stock / kryscina

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wann endet die Teuerungswelle?

Die hausgemachte Inflationskrise hat ein Ablaufdatum.

Michael Kordovsky. Zuerst Corona-Maßnahmen, die weltweit Lieferketten unterbrechen, dann ein Krieg, der in der Ukraine zu enormen Ernteausfällen führt, während Russland voraussichtlich bis 30. Juni keinen Weizen, Roggen und Gerste exportiert – das sind Faktoren künstlicher Verknappung. Hinzu kommen ein Mangel an Lkw-Fahrern, an Schiffscontainern im asiatischen Raum, Chipknappheit und erneute kriegsbedingte Lieferkettenunterbrechungen. Fakt ist, dass mittlerweile die Inflation hartnäckiger ist, als die Volkswirte der Notenbanken ursprünglich erwartet haben. Kaum sah es danach aus, als gäbe es beim „Corona-Spuk“ Licht am Ende des Tunnels, kam am 24. Feber der Krieg in der Ukraine dazwischen. Blickt man aktuell auf vier Wochen Krieg zurück, dann haben sich alleine in diesem Zeitraum Rohstoffe wie folgt verteuert: Erdöl (Brent) um 24 %, Erdgas um 19 %, Diesel um 39 %, Mais um 14 %, Hafer um 15 %, Zucker um 9 %, Sojabohnen um 7 %, Weizen um 26 %, Aluminium um 14 % und Nickel um 54 %. Auf Jahressicht die stärksten Preissteigerungen verzeichneten Nickel mit +130 %, Diesel mit +120 %, Erdöl (WTI) mit +99 %, Weizen mit +77 % und Baumwolle mit +70 %.

Bereits im Feber überschlugen sich die Inflationsrekorde: Im Euroraum kletterte die Inflationsrate von 5,1 % (Jänner) auf ein absolutes Rekordhoch von 5,9 %. In den USA war es mit 7,9 % der höchste Stand seit Jänner 1982.

Betroffene Verbraucherpreiskomponenten
Die Kerninflationsrate (der Verbraucherpreisindex ohne die volatilen Komponenten Nahrungsmittel und Energie) stieg in den USA im Feber um 6,4 % und somit so stark wie seit August 1982 nicht mehr. Während der Energieindex um 25,6 % explodierte, stieg der Nahrungsmittelindex erst um 7,9 %. Das war der stärkste Anstieg seit Juli 1981, aber der jüngste Ukraine-Schock kommt noch. Auslieferungsverzögerungen in der Automobilindustrie führten bei Neuwägen zu einem Preisanstieg um 12,3 % und infolge des verstärkten Ausweichens auf Gebrauchtwägen dort sogar zu einem Preisanstieg um 41,2 %. Außerhalb des Agrarsektors stiegen die Stundenlöhne in den USA bereits um 5,1 % und die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung gingen in der am 19. März endenden Abrechnungswoche um 28.000 auf 187.000 und somit den niedrigsten Stand seit September 1969 zurück – und dies bei einer Arbeitslosenquote von nur noch 3,8 % im Feber. Der Arbeitsmarkt ist völlig leergefegt und die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich zu drehen. Unter Betrachtung dieser Tatsachen sind spätestens bis Juli zweistellige Inflationsraten in den USA möglich.

Während in den USA die hohe Inflation bereits auf breiter Basis spürbar ist, ist es im Euroraum noch immer eine primäre Verzerrung des Preisgefüges durch die Energiepreiskomponente, die mittlerweile im HVPI mit 10,93 % gewichtet ist. Ihr Anstieg beschleunigte sich von Jänner auf Feber von 28,8 auf 32 %! Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 6,2 %, aber Dienstleistungen und Industriegüter – je 41,67 bzw. 26,52 % gewichtet – nur um jeweils 2,5 bzw. 3,1 %. Der HVPI ex Energie verteuerte sich nur um 3,1 % und ohne Energie Lebensmittel, Alkohol und Tabak gar nur um 2,7 %.

Die Macht der Marktzyklen
Im Falle eines schnellen Kriegsendes und konstruktiver Handelslösungen könnte der Ölpreis wieder in den Bereich 80 bis 90 USD/Barrel zurückfallen. Im Euroraum wäre dann wahrscheinlich bis Sommer der Inflationshöhepunkt überschritten, zumal schon ein bewussterer Nahrungsmittelkonsum zu einer Entspannung an der Agrarpreis-Front führen kann. Würde ein großer Teil der Lebensmittel, die im Müll landen, nicht gekauft werden, würde dies starke Preisrückgänge bedeuten, denn:

Laut einer Studie der Welternährungsorganisation der UNO (FAO) werden weltweit jährlich rund 1,3 Mrd Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen. Berücksichtigt ist die Entsorgung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Anbau über die Produktion und Vertrieb bis hin zum Konsum. Diese Menge entspricht einem Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel und teilt sich zu gleichen Teilen auf Industrienationen und Entwicklungsländer auf.

Ebenfalls noch erhebliche Einsparpotenziale gibt es im Energiebereich, die durch thermische Sanierung von Häusern und Fahrzeuge mit geringerem Treibstoffverbrauch sowie E-Autos zunehmend ausgeschöpft werden. Hinzukommt die Forcierung erneuerbarer Energien, sodass – unabhängig vom Kriegsverlauf – innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre wieder von einer deutlichen Entspannung an der Preisfront ausgegangen werden kann.

Auf der Industrie- und Rohstoffseite sollten noch die berühmten Marktzyklen beachtet werden. Je höher die Preise für Erdöl, Erdgas und Industriemetalle sind, desto mehr lohnt es sich, für Unternehmen die Förderkapazitäten zu erhöhen. Nach einer mit Knappheit verbundenen Hochpreisphase normalisiert sich das Angebot. Allerdings können im Minenbereich mehrere Jahre vergehen, bis dies deutlich spürbar wird. Auch in der Ölförderung werden über Jahre die Kapazitäten erweitert, während Saudi-Arabien meist mit schneller Förderausweitung „Soforthilfe“ leistet und über Aramco das hohe Preisniveau gut nützt. Irgendwann ist dann in den Märkten der Punkt der Überproduktion erreicht. Doch die Kapazitäten sind gerade hochgefahren worden und der Mitbewerb wird härter, da mit zunehmendem Überangebot die Preise umso stärker zurückgehen. Je nach Leidenstoleranz der einzelnen Produzenten geht es so noch eine Weile weiter, ehe vereinzelt Kapazitäten heruntergefahren werden. Zunehmend mehr Unternehmen folgen, solange bis wieder eine längere Zeit ein Angebotsdefizit vorherrscht und das gestiegene Preisniveau erneut zum Hochfahren der Produktion bzw. Ausbau der Kapazitäten ermutigt. Der Rohstoffmangel von heute könnte sich spätestens binnen fünf Jahren, teils auch schon früher in einen Überschuss verwandeln. Es sollte dabei niemand vergessen, in welch schnelllebiger Zeit wir leben und dass manche Szenarien noch viel schneller eintreffen als ursprünglich erwartet.

Fazit
Binnen drei Jahren sollte eine deutliche Entspannung an der Preisfront spürbar werden und unter optimalen Bedingungen könnte zumindest in Europa noch heuer (eventuell sogar bis Sommer) der Inflationshöhepunkt überschritten sein.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Lehren aus der Ukraine-Krise

Trotz Turbulenzen und Krieg führt laut Comgest kein Weg an Aktien vorbei.

Raja Korinek. Die Ukraine-Krise hinterlässt tiefe Spuren an den Märkten. Umso mehr sollten An-leger ein langfristiges Ziel vor Augen behalten, mahnt Dieter Wimmer (Foto), Leiter Sales bei der internationalen Fondsboutique Comgest, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Er sagt: „Aktien sind dabei immer noch das beste Instrument für den langfristigen Vermögensaufbau.“

Wichtig sei dazu eine sorgfältige Titelselektion. Wimmer verweist auf den Ansatz in seinem Haus: Dort wird in Unternehmen investiert, die mit besonderen Innovationen punkten, aber auch über eine hohe Preissetzungsmacht bzw. über eine besonders starke Marke verfügen.

Luxus lebt immer
Wimmer nennt auch Beispiele, so etwa den französischen Luxus-konzern LVMH (ISIN: FR0000121014). „2009 kostete etwa ein bestimmtes Modell einer Lederhandtasche rund 400 Euro. Der Preis wurde inzwischen auf gut 1.600 Euro angehoben.“ Und zwar, ohne dass sich an dem Accessoire etwas geändert hätte, verweist Wimmer auf die Preissetzungsmacht des Konzerns. Er nennt als weitere Beispiele den Schweizer Baukonzern Sika (CH0418792922) sowie den irischen Dämmstoffhersteller Kingspan (IE0004927939).

Allein letzterer Konzern profitiere etwa vom steigenden Bedarf an energieeffizienten Maßnahmen, zu denen die Gebäudedämmung zählt. Und konnte deshalb gestiegene Input-Kosten gut weitergeben. Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk (DK0060534915) konnte wiederum mit einem Arzneimittel gegen Fettleibigkeit in den USA punkten. Es sei jenseits des Atlantiks auch in geopolitisch turbulenten Zeiten gefragt, verweist Wimmer auf die – krisenunabhängige – Nachfrage.

Wimmer spricht ebenso offen über Investments, die von der Ukraine-Krise betroffen sind, so etwa die Zara-Mutter Inditex (ES0148396007), die genauso Teil des „Comgest Growth Europe Fund“ (IE0004766675) ist, wie die oben genannten Titel. „Inditex betreibt Filialen in Russland, die nunmehr mit reichlich Gegenwind rechnen müssen. Die laufenden Kosten müssen zugleich bezahlt werden.“

Panik als schlechter Ratgeber
Ob nun Titel mit größeren Russland-Exposure verkauft werden? Bei Comgest hält man nichts von Schnellschüssen. „Die Entwicklungen werden zunächst genau beobachtet.“ Schließlich habe der erfahrene Finanzexperte schon so manch eine Krise erlebt, bei der kurzfristige Entscheidungen sich langfristig kaum gelohnt haben. Wimmer verweist als Beispiel auf die 1970er-Jahre, eine Zeit extrem steigender Inflationsraten aufgrund der kräftigen Ölpreishausse. „Gold wurde deshalb stark nachgefragt, ein Umstand, den ich aufgrund meiner damaligen Mitarbeit in einer Bank hautnah erlebte.“ Der Hausse wurde aber Anfang der 1980er-Jahre ein jähes Ende gesetzt, als der US-Notenbanker Paul Volker die Zinsschraube derart kräftig nach oben drehte, dass ein zinsloses Investment in das gelbe Edelmetall kaum noch Interessenten fand.

Wimmer verweist auch auf die aktuelle Zinswende angesichts der steigenden Inflationsrate. Und kann dieser durchaus Positives abgewinnen: „Allmählich können jene Anleger, die mit fix verzinsten Investments ein Sicherheitspolster aufbauen wollen, wieder einen Blick auf Anleihen werfen.“ Denn mit der allmählich steigenden Verzinsung rentieren selbst solide Staatsanleihen, etwa aus Regionen wie Österreich, Deutschland oder den Niederlanden, nach Jahren der Tiefzinsphase wieder ein wenig höher. Alles in Allem sollten Anleger auf eine solide Streuung achten – und diese mit ihrer Risikobereitschaft abstimmen.

Foto: Comgest

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Gute Argumente für Small Caps aus den USA

Kleine Konzerne könnten von der Deglobalisierung und vom Wachstum im Land profitieren.

Raja Korinek. Krieg, Sanktionen, Lieferengpässe – und eine hinaufschnellende Inflation: Die jüngsten Entwicklungen hinterlassen Spuren in der weltweiten Wirtschaft, zu denen auch die allmähliche Deglobalisierung zählt. Immer mehr Konzerne denken deshalb auch wieder an den Aufbau größerer Lager vor Ort nach, um nicht von Lieferausfällen erwischt zu werden.

Die Stärkung der heimischen Produktion steht ebenso im Fokus. Ein Beispiel ist Europas jüngste Chipoffensive mit dem „European Chips Act“. Mit mehr als 40 Mrd Euro soll die regionale Halbleiterindustrie gefördert werden. Die Anlageexperten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking ziehen angesichts all dieser Entwicklungen jedenfalls ein klares Fazit: Viele Signale deuteten auf ein Überschreiten des Globalisierungs-Zenits.

Kleine Unternehmen mit großem Potential
Umso mehr könnten kleinere Unternehmen – Small Caps – in den Mittelpunkt rücken. Sie haben oftmals einen starken Fokus auf den Binnenmarkt und sind in Nischen etabliert. Vor allem der Blick über den Atlantik kann sich lohnen, da die Konjunkturentwicklung in den USA weiter fortgeschritten als in Europa und weniger von der Ukraine-Krise betroffen ist.

Jason Kotik, er ist Fondsmanager des „Aberdeen Standard SICAV I – North American Smaller Companies Fund“ (ISIN: LU0566484027), sieht aber auch im Zusammenhang mit der steigenden Inflation Chancen bei solchen Titeln. „In den vergangenen Jahren standen vor allem viele Wachstumstitel, etwa an der Nasdaq, im Fokus. Hier werden große Hoffnungen auf deren künftige Gewinne gesetzt.“ Doch solche Aussichten trüben sich angesichts der steigenden Inflation ein. Demgegenüber erzielen gut aufgestellte Small Caps bereits jetzt solide Gewinne.

US-Finanzwerte und Techwerte im Fokus
Kotik verweist insbesondere auf Chancen bei nordamerikanischen Finanztiteln. Solche Unternehmen seien oftmals regional fokussiert. Dazu zählt beispielsweise die First Interstate BancSystem (US32055Y2019). Das Finanzhaus hat sich auf die klassischen Dienstleistungen wie etwa die Kreditvergabe und dem Einlagen- sowie dem Versicherungsgeschäft spezialisiert. Die kanadische CI Financial (CA1254911003) – ebenfalls Teil des Fonds – hat sich auf die Vermögensverwaltung spezialisiert, ist zudem in den USA und in Australien tätig.

Auch Technologieaktien stehen bei Kotik im Fokus. „Anleger assoziieren mit dieser Branche oftmals die bekannten Großkonzerne. Doch es gibt auch jede Menge kleine Firmen.“ Er verweist mit Onto Innovation (US6833441057) auf ein Beispiel. Das Unternehmen stellt spezielle Messtechniken und Prüfsysteme her, die für die Halbleiter-Produktion benötigt werden. Doch damit ist nicht Schluss. Schließlich gibt es weitere Herausforderungen für die Wirtschaft, etwa die wachsenden Müllberge.

Wachsende Müllberge brauchen eine Lösung
Entsprechend räumt der Aberdeen-Experte Casella Waste Systems (US1474481041), einem US-Entsorgungsunternehmen, gute Chancen ein, notwendige Lösungen zu liefern. Das Unternehmen verfüge über eine hohe Preissetzungsmacht bei seinen Mülldeponien, eine Eigenschaft, die vor allem in einem inflationären Umfeld gefragt ist.

Auch insgesamt findet Kotik ein Argument für Small Caps aus den USA: Deren geschätztes KGV auf die kommenden zwölf Monate sei im Vergleich zu jenem für großkapitalisierte Titel so günstig wie seit rund 40 Jahren nicht mehr, auch wenn freilich die Vergangenheit kein Garant für künftige Entwicklungen ist.

Foto: AdobeStock / kaktuzoid

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

BIP-Trends und Stimmungsindikatoren

Bei der Frage nach einer Rezession scheiden sich die Geister.

Michael Kordovsky. Sowohl die Verbraucherstimmung als auch die sogenannten „Einkaufsmanager-Indizes“ haben eine Gemeinsamkeit: Sie beruhen auf Umfragen und fangen die aktuelle Marktstimmung ein. Das ist wichtig, denn die Stimmungsindikatoren von heute beeinflussen die Wirtschaftsdaten von morgen.

Bis Jahresende hielt Dynamik an, aber …
Während sich Chinas BIP-Wachstum bei einem Jahreswachstum von 8,1 % im Jahr 2021 bis zum 4. Quartal auf 4 % abschwächte (3. Quartal 2021: 4,9 %) kam es im Euroraum im 4. Quartal 2021 sogar zu einer Wachstumsbeschleunigung von 4,0 (im 3. Quartal) auf 4,6 %. In den USA beschleunigte sich das BIP-Wachstum von 4,9 auf 5,6 %, und betrachtet man den US-Arbeitsmarkt, so beginnt sich dort bereits aufgrund von Personalmangel die Lohn-Preis-Spirale zu drehen. Binnen eines Jahres war nämlich in den USA die Arbeitslosenquote von 6,2 auf 3,8 % rückläufig.

… neue Herausforderungen sind nun das Thema
Doch kaum scheint sich die Wirtschaft langsam vom disruptiven Ereignis der Corona-Pandemie zu erholen, werden durch den vom Ukraine-Krieg ausgelösten Öl-Schock die Konsumenten und Unternehmen erneut in Panik versetzt. In sehr energieintensiven Bereichen gab es wegen hoher Erdgaspreise bereits vorübergehende Betriebsschließungen. Der Russland-Exodus namhafter Firmen und ein wegfallender Absatzmarkt sowie erneute Lieferkettenunterbrechungen sind das Thema und kaum flaut die Kriegsthematik in den Nachrichten ab, hat China zur Corona-Bekämpfung gleich ganze Stadtteile in Shanghai abgeriegelt.

Umso spannender ist ein Blick auf Stimmungsindikatoren deren zugrundeliegende Befragungen nach dem 24. Feber endeten. USA: Der vorläufige Verbraucher-Sentiment-Index der Universität Michigan fiel Anfang März gegenüber dem Vormonat von 62,8 auf 59,7 Punkte und somit auf den niedrigsten Stand seit 2011. Im Zusammenhang mit dem Konjunkturausblick erwähnten 24 % der Befragten die Ukraine-Krise. Auch in Südafrika drückt dies bereits auf die Verbraucherstimmung.

Die US-Industrie hat indessen quer durch den Feber von der Ukraine-Krise noch wenig gespürt und zeigte laut ISM-Report noch eine leichte Expansionssteigerung auf hohem Niveau.

In der Eurozone hat sich bis Ende der Umfrage, einen Tag vor dem Kriegsausbruch, wieder eine starke Erholung im Vergleich zum Jänner gezeigt. Der Aktivitätsindikator für die Privatwirtschaft stieg gegenüber dem 11-Monatstief von Jänner um 3,2 auf 55,5 Punkte und somit auf den höchsten Wert seit September 2021.

Allerdings verhinderten Lieferengpässe und Personalknappheit das Erreichen der Rekordwerte der ersten Jahreshälfte 2021. Gleichzeitig beflügelten Corona-Lockerungen den Service-Sektor. Aller-dings ist davon auszugehen, dass die hohe Inflation, die mit 5,9 % einen Rekordwert im Euroraum erreichte, sehr viel an realem BIP-Wachstum kostet.

Weltweit zeigte sich im Feber im „JPMorgan Global Manufacturing PMI“ eine Erholung von der Corona-Krise durch einen Anstieg von einem 15-Monats-Tief (53,2) auf einen Wert von 53,6 Punkte. Lieferengpässe, Personalmangel und Teuerung waren kritische Punkte und der Konflikt mit Russland hat bereits vor dem Kriegsausbruch die Stimmung unter den Führungskräften getrübt.

Fazit
Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs werden sich erst so richtig in den Einkaufsmanager-Indizes für März entfalten. Vorboten lassen neue Stimmungstiefs erwarten. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) hat beispielsweise seine Prognose für das deutsche BIP-Wachstum im Jahr 2022 von 4 auf 2,1 % fast halbiert.

Foto: Pixabay / 955169

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Back in the U.S.S.R

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE. (15.03.)

(15.03.) Mit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar dieses Jahres ist für die Opfer, die Verletzten und die Geflüchteten eine düstere Zeit angebrochen. Aus der Ferne betrachtet erinnert dieser Einmarsch an finstere Episoden wie die Invasion der UdSSR in Afghanistan 1979 oder die des Iraks in Kuwait 1990. In beiden Fällen musste sich übrigens der vermeintlich besser bewaffnete Angreifer zurückziehen…

Zudem scheinen die wehmütigen Reden des heutigen russischen Präsidenten von einem Sowjetreich und sein vorwurfsvoller Tonfall gegenüber der NATO ein Umfeld zu schaffen, das durchaus mit dem Kalten Krieg vergleichbar ist. Sind wir „Back in the U.S.S.R.“, wie es im Song der Beatles aus dem Jahr 1968 heißt – übrigens nur kurze Zeit nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Sowjets?

Dies ist durchaus zutreffend, was die „antiimperialistischen“ Parolen betrifft, wenngleich von kommunistischer Rhetorik nichts mehr zu hören ist. Es stimmt auch im Hinblick auf den autokratischen Charakter des Regimes und die verschärfte Zensur in Russland.

Lokaler Konflikt mit harten globalen Folgen
Was die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen für den Rest der Welt anbelangt, stimmt es hingegen nicht. Denn auf wirtschaftlicher Ebene sind die unmittelbaren globalen Konsequenzen dieses lokalen Konflikts weitreichender als zahlreiche sowjetische Konflikte in der Vergangenheit (abgesehen vom zweiten Weltkrieg, versteht sich). Dieser Konflikt hat die Inflation auf Rekordniveaus getrieben, indem er für eine Preisexplosion bei den meisten Rohstoffen gesorgt hat. Natürlich hatten auch einige Konflikte zur Zeit des Kalten Krieges bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen. Der Vietnamkrieg hatte beispielsweise die Kassen der USA geleert und das Ende des Goldstandards zugunsten des Dollars beschleunigt. Die Rohstoffversorgung blieb davon jedoch weitgehend unberührt. Ein Beispiel aus der Geschichte, das der derzeitigen Lage eher ähnelt, ist die Ölpreiskrise Ende 1973, die nicht unmittelbar mit dem Kalten Krieg verknüpft ist. Seinerzeit hatte sich der Ölpreis in nur wenigen Monaten vervierfacht. Beim zweiten Preisschock im Jahr 1979 hatte er sich fast verdreifacht.

Zurzeit ist das Ausmaß gewiss geringer. Doch zum einen ist der Konflikt noch nicht beendet, und zum anderen wirkt er sich auch auf andere Rohstoffe aus, insbesondere auf einige für die Energiewende wichtige Metalle (Palladium, Nickel, Cobalt usw.) und auf essenzielle Agrarrohstoffe (Weizen, Mais, Soja usw.). Der derzeitige Preisschock bei den Rohstoffen ist in diesem Stadium also vielleicht weniger stark, dafür aber weitreichender. Außerdem verschärft er die bereits kritische Lage für bestimmte Güter (Autos, Halbleiter) und Sektoren (insbesondere amerikanische Immobilien).

Wenn Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät …
Die beiden Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre hatten verheerende wirtschaftliche Konsequenzen und setzten den „dreißig glorreichen Jahren“ ein Ende. Da die vergangenen dreißig Jahre dieses Mal nicht so „glorreich“ waren, wird die aktuelle Inflation auch keiner florierenden Wirtschaft ein Ende setzen. Sie könnte hingegen etwas anderem ein Ende setzen, nämlich der – trotz einiger Phasen schrittweiser Leitzinserhöhungen – insgesamt akkommodierenden Politik der Zentralbanken und den tendenziell sinkenden Nominalzinsen.

Denn wenn sich die Inflation erst einmal im Wirtschaftssystem festgesetzt hat, lässt sie sich nicht mehr schmerzfrei bekämpfen. Dies gilt insbesondere dann, wenn eine hohe Nachfrage auf ein rückläufiges Angebot trifft, was zurzeit der Fall ist. Ihr ein Ende zu machen, kann drastische Anhebungen der Leitzinsen erfordern, wovor die Zentralbanken zurzeit zurückschrecken, weil sie damit die Konjunktur abwürgen würden. Natürlich bewegen sie sich im Moment in diese Richtung, aber mit augenfälliger Verspätung und einem Höchstmaß an Zurückhaltung. Daher liegt der US-Leitzins immer noch nahe null, während sich die Inflation bereits der 8-%-Marke nähert. In Europa belässt die EZB die Leitzinsen im negativen Bereich, obwohl sie für 2022 mit einer Teuerung von fast 5 % rechnet! Wenn die Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät, müsste man viel energischer handeln und die gesamte Wirtschaft ausbremsen.

Neue wirtschaftliche Konstellation entsteht
Die Verbraucher auf der ganzen Welt werden also die Auswirkungen des Konflikts zu spüren bekommen, ebenso wie die Produzenten, die von Rohstoffen abhängen, und sogar Dienstleistungsunternehmen, die durch eine mögliche Verschlechterung der Stimmung der Privathaushalte, weniger wirtschaftliche Transparenz und schlechterer Finanzierungsbedingungen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Doch aus dieser Flaute ergibt sich auch eine neue wirtschaftliche Konstellation, die Chancen birgt. Zu den ersten Gewinnern werden Unternehmen gehören, die in den Bereichen lokale oder erneuerbare Energien oder Energieeffizienz tätig sind. Auch Unternehmen mit Bezug zu den Bereichen Rüstung und Sicherheit werden gestärkt, da sie insbesondere von den Aufrüstungsmaßnahmen Deutschlands profitieren, durch die der über 70 Jahre niedrig gehaltene Verteidigungsetat nun umfassend erhöht wird. Erzeuger von Energie aus traditionellen Quellen können wiederum ihre Gewinnüberschüsse zur Finanzierung ihrer Energiewende nutzen. Ganz allgemein dürfte jedes Unternehmen, das zur Optimierung von Ressourcen oder zur Unabhängigkeit Europas von strategischen Waren, Dienstleistungen und Materialien beiträgt, von einem gewissen Aufwind profitieren. So wie der in die UdSSR zurückkehrende Reisende im Song der Beatles: „You don’t know how lucky you are, boy“.

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wo Experten jetzt Chancen sehen

Die steigende Inflation wird von der Energiekrise angeheizt – ein schwieriges Umfeld.

Raja Korinek. Es sind erst wenige Wochen her, da knackte der Ölpreis erstmals seit Längerem wieder die Marke von 100 USD. Grund ist für die rasante Entwicklung ist freilich der Ukraine-Konflikt, der sich weiter zuspitzt. Eine schnelle Entspannung ist deshalb ebenso wenig bei den Energiepreisen wie auch bei der steigenden Inflation in Sicht.

Die Inflation schnellt hinauf
Stefan Riße
, Kapitalmarktstratege beim deutschen Vermögensverwalter Acatis Investment, meint „selbst wenn Ölpreis nicht weiter steigt, wird einige Zeit vergehen, bis sich allein der Basiseffekt daraus relativiert“. Auf solche und weitere Entwicklungen ging der Marktexperte im Rahmen seines Vortrages zu der Ukraine-Krise und einer möglichen Neuordnung der Finanzmärkte ein. Der Börsen-Kurier war dabei.

Freilich, die steigende Inflation ist bereits deutlich sichtbar. Sie erreichte in der Eurozone im Feber 5,8 % im Jahresvergleich. In den USA lag der Zuwachs bei 7,9 %. Aus diesem Grund verkündete die EZB in ihrer jüngsten Sitzung, das Anleihekaufprogramm voraussichtlich noch heuer zu beenden. Selbst eine erste Zinsanhebung ist denkbar.

Auch der Handelskrieg tobt
Inzwischen hat der Westen zahlreiche Sanktionen gegen Russland verhängt, immer mehr Unternehmen ziehen sich zudem aus der Region zurück. Riße meint, während Russlands Wirtschaft deshalb besonders hart getroffen werden dürfte, werde auch Europas Wirtschaftswachstum ein gutes Stück schrumpfen. Die Ansicht teilt man auch in anderen Häusern. Bei Carmignac wurden die Prognosen zuletzt nach unten revidiert. Für die Eurozone wurde das Wachstum heuer auf 2,3 % herabgesetzt, für die USA auf 3 %.

Riße verweist auch auf die volatilen Aktienmärkte in diesem Zusammenhang: „Vor kurzem rechneten Marktteilnehmer mit einem raschen Einmarsch in die Ukraine, somit einem schnellen Ende des Krieges, wie es auch bei der Krim der Fall war.“ Nun zeige sich, dass sich der Konflikt länger als erwartet hinauszögere, ein Umstand, der Börsenteilnehmer verunsichert.

Russland-Exposure nicht vergessen
Umso mehr steht Riße zufolge ein selektiver Investmentzugang im Fokus. Der habe sich bislang bewährt, etwa weil man deshalb nicht in Bankaktien investiert war. „Wir versäumten damit deren Kurshausse, müssen die jüngsten Rücksetzer dafür ebenso wenig verbuchen.“ Der Acatis-Experte verweist auf das hohe Russland-Exposure einiger Europahäuser, etwa der Raiffeisen Bank International, UniCredit (ISIN: IT0005239360) und von Société Générale (FR0000130809).

Chancen mit Tech-Aktien?
Riße rät nunmehr antizyklische Chancen zu nutzen und findet, dass beispielsweise Technologieaktien – nach den jüngsten Rücksetzern – einen interessanten Einstieg böten. Denn Großkonzerne wie Alphabet (US02079K3059), Facebook (US30303M1027) und Microsoft (US5949181045) dürften vom Krieg kaum betroffen sein, das Russlandgeschäft solcher Unternehmen sei zudem überschaubar. Überhaupt deuten die hohen Short-Positionen an der Nasdaq – mit solchen Wetten spekulieren Investoren auf fallende Kurse – auf einen überverkauften Markt. Und damit auf eine mögliche Wende, meint Riße.

Auch im Gesundheitsbereich sieht man bei Acatis gute Chancen, etwa mit der Aktie von Ensign (US29358P1012) aus den USA. Das Unternehmen betreibt Rehazentren, Alten- und Pflegeeinrichtungen. Das Geschäftsmodell sei krisensicher, die Mietverträge beinhalten zudem eine Inflationsanpassung. Solch eine Eigenschaft dürfte zunehmend gefragt sein.

Foto: AdobeStock / tong4130

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Nachhaltigkeit wird zur Pflicht bei der Geldanlage

Ab 2. August 2022 ändern sich die Spielregeln beim Investieren.

Andreas Dolezal. Mit dem Grünen Deal verfolgt die Europäische Kommission bekanntlich das Ziel, Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent der Erde zu machen. Bis zum Jahr 2050 möchte die EU Netto-Treibhausgasemissionen von null erreichen. Dieser epochale Transformationsprozess wird Billionen von Euros kosten, die nicht nur die Politik zur Verfügung stellen soll, sondern auch Privatanleger. Das Ziel eines Europas mit Netto-Nullemissionen „erfordert auch klare Signale an die Anleger in Bezug auf ihre Investitionen, um verlorene Vermögenswerte zu vermeiden und nachhaltige Finanzmittel zu mobilisieren“, formuliert die EU-Kommission.

Die nächste Stufe dieser Mobilisierung zündet am 2. August 2022. Ab diesem Dienstag müssen Finanzberater (von Banken, Versicherungen und Wertpapierunternehmen) ihre Kunden verpflichtend nach deren „Nachhaltigkeitspräferenzen“ bei der Geldanlage befragen. Denn an diesem Tag treten die Änderungen der zugehörigen EU-Verordnungen für Wertpapier- (MiFID II) und Versicherungsberatung (IDD) in Kraft.

Eignungsbeurteilung
Schon heute müssen Sie als Anleger zahlreiche Fragen zu Ihren Anlagepräferenzen beantworten, bevor ein Finanzberater für Sie geeignete Anlageprodukte wie Investmentfonds oder Lebensversicherungen empfehlen darf. Erfahrungen und Kenntnisse im Anlagebereich, regelmäßiges Einkommen und Vermögensverhältnisse, Risikotoleranz, Anlagehorizont usw. sind nur ein paar Beispiele von Anlagepräferenzen, nach denen Sie bereits gefragt werden (müssen). Zu diesen Fragen kommen ab 2. August 2022 noch ein paar weitere hinzu. Der Fachbegriff für diese Abfrage und die daraus resultierenden Anlageempfehlungen lautet „Eignungsbeurteilung“.

Bevor Sie jetzt zu Grübeln beginnen, weil Sie sich mit Ihren persönlichen Nachhaltigkeitspräferenzen bis dato noch gar nicht beschäftigt haben: Die EU legt in den neuen Bestimmungen nicht nur fest, dass Sie als Anleger nach Ihren Nachhaltigkeitspräferenzen gefragt werden müssen, sondern auch wie, wonach und in welcher Reihenfolge. Sie brauchen sich also keine Gedanken darüber zu machen, welche Kriterien für Sie persönlich nachhaltiges Investment auszeichnen. Das macht vorsorglich die EU für Sie.

Nachhaltigkeitspräferenzen
Die EU definiert als „Nachhaltigkeitspräferenz“ die Entscheidung eines (potenziellen) Kunden da-rüber, ob und – wenn ja – mit welchem Mindestanteil in ein Finanzprodukt investiert werden soll, das im Sinne der Taxonomie oder der Offenlegungsverordnung anlegt. Ebenso müssen Sie gefragt werden, ob in ein Produkt investiert werden soll, „bei dem die wichtigsten nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigt werden“. Dabei bestimmen Sie die „qualitativen oder quantitativen Elemente“.

Sie wissen nicht, was ein Finanzprodukt im Sinne der Taxonomie oder der Offenlegungsverordnung ist? Sie haben noch nie von nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren gehört? Und Sie wissen nicht, was mit qualitativen und quantitativen Elementen gemeint ist? Keine Sorge, Ihnen wird geholfen werden.

Der europäische Gesetzgeber weiß augenscheinlich, dass Anleger mit Fragestellungen im Wortlaut spröder Gesetzestexte wenig anfangen können. Daher verlangen die Bestimmungen auch, dass Finanzberater erklären können, was nachhaltige Finanzprodukte gemäß Taxonomie und Offenlegungsverordnung sind, und wie sich solche Finanzprodukte von anderen Finanzprodukten unterscheiden, die diese Merkmale nicht aufweisen. „Damit die Kunden oder potenziellen Kunden diese verschiedenen Nachhaltigkeitsgrade verstehen und mit Blick auf die Nachhaltigkeit fundierte Anlageentscheidungen treffen können“, schreibt die EU-Kommission. Finanzberater werden also entsprechend geschult sein, um ihre Kunden aufklären zu können.

Compliance- und Rechtsabteilungen von Banken, Versicherungen und Wertpapierunternehmen zerbrechen sich seit Monaten die Köpfe darüber, wie die Erklärung der verschiedenen Finanzprodukte aussehen könnte bzw. der sperrige Gesetzeswortlaut in verständliche Fragen übersetzt werden kann. Das klingt viel einfacher als es tatsächlich ist. Der Teufel steckt im Detail. Als Leiter einer diesbezüglichen Arbeitsgruppe des Fachverbandes Finanzdienstleister in der Wirtschaftskammer kann ich ein Lied davon singen.

Sie können, aber Sie müssen nicht
Zur Klarstellung: Banken, Versicherungen und Wertpapierdienstleister müssen neue (potenzielle) und bestehende Kunden spätestens ab 2. August nach den Nachhaltigkeitspräferenzen fragen. Sie dürfen Ihre nachhaltigen Anlagewünsche äußern, oder antworten, dass Ihnen die EU-Kriterien für nachhaltige Investitionen bei der Geldanlage nicht wichtig sind. Die Bestimmungen erlauben es Ihnen weiterhin, in Finanzprodukte zu investieren, die keine nachhaltigen Merkmale aufweisen bzw. keine nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigen.

Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA schreibt dazu in ihrem Leitlinienentwurf zur Eignungsbeurteilung: „Wenn ein Kunde die Frage, ob er Nachhaltigkeitspräferenzen hat, nicht beantwortet oder mit ‚nein‘ antwortet, kann die Firma diesen Kunden als ‚nachhaltigkeitsneutral‘ betrachten und Produkte sowohl mit als auch ohne nachhaltigkeitsbezogene Merkmale empfehlen.“ Ganz entmündigt werden wir Anleger also doch (noch) nicht.

Foto: AdobeStock / IckeT

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ukraine-Krise beschleunigt Energiewende

Grüne Energiequellen machen Europa unabhängiger von russischem Erdgas.

Michael Kordovsky. Die Erdgaslagerbestände sind relativ niedrig und noch immer bezieht die EU rund 40 % des Erdgases aus Russland, Österreich sogar 80 %. Doch was passiert bei plötzlichen Ausfällen? Dazu Christian Kimmich, Senior Researcher und Sprecher für Klima- und Umweltpolitik beim IHS, gegenüber dem Börsen-Kurier: „Unmittelbarer Ersatz für Ausfälle ist wohl nur durch andere Quellen möglich, insbesondere durch das preislich, aber eben auch energetisch deutlich teurere Flüssiggas. Umso wichtiger ist es, die Energie- und Wärmewende jetzt zu beschleunigen.“ Ein Entwurf für das Erneuerbare Wärmegesetz soll schon im Mai vorliegen. „Parallel sollte der Umstieg auf Wärmepumpen oder teilweise auch andere Wärmelösungen und Investitionen in Dämmung und thermische Isolationen und entsprechende PV-Anlagen so einfach wie möglich gemacht werden. Insbesondere die Haushalte sind hier gefragt, weil die Substitution in der Industrie nicht so leicht ist“, so Kimmich. Damit können wir auch nichtnachhaltige Sofortmaßnahmen, wie beispielsweise Kraftwerksverlängerungen, zumindest teilweise ersetzen. „Entscheidend wird also sein, wie der Umstieg der Haushalte finanziell, aber auch beratend und administrativ so einfach und schnell wie möglich gelingen kann. Die unabhängige Energieberatung könnte hier eine entscheidende Rolle spielen“, erklärt Kimmich.

Ukraine-Krise als Beschleunigungsfaktor
Die Krise ist auf jeden Fall eine Chance für die Energiewende, vor allem für die Wärmewende. „In österreichischen Haushalten sind noch circa 900.000 Gasthermen aktiv. Ein Großteil sollte relativ bald durch Wärmepumpen ersetzt werden, thermische Isolierung ist aber in vielen Fällen zusätzlich nötig. Photovoltaik auf dem Dach ist die ideale Ergänzung. Die Krise wird hier mit Sicherheit beschleunigend wirken, der Förderrahmen durch Bund und Länder zum Ausstieg ist gegeben“, zeigt Kimmich Zuversicht.

Kritischer wird auf der Ebene der Stromversorgung die Überbrückung der Phasen ohne Wind und Sonne im Winter, also die Entwicklung saisonaler Speicherlösungen. Gas ist bei der Energiewende bisher eben noch komplementär zu den Erneuerbaren: „Pumpspeicherkraftwerke, Smart Grids, oder auch Elektroautos als Regelkraftwerke werden aber attraktiver.“

„Wenn jetzt eine erhöhte Investitionsbereitschaft für erneuerbare Energieträger besteht, müssen neben den Spitzenlastkraftwerken aber auch andere Engpässe berücksichtigt werden, beispiels-weise Vorlaufzeiten für Inbetriebnahme, Lieferengpässe, aber auch der Arbeits- und vor allem Fachkräftebedarf beim Ausbau der Erneuerbaren Energien“, so Kimmich uns gegenüber.

Am 8. März 2022 hat die EU mit „REPowerEU“, einem gemeinsamen europäischen Vorgehen für erschwinglichere, sichere und nachhaltige Energie auf die Ukraine-Krise reagiert. Ziel: Europa soll deutlich vor 2030 von fossilen Brennstoffen aus Russland, zu-nächst von Erdgas, unabhängig werden. Durch „REPowerEU“ soll die Gasversorgung diversifiziert und die Einführung von Gas aus erneuerbaren Quellen für Heizung und Stromerzeugung beschleunigt werden. Dadurch kann die Nachfrage der EU nach russischem Gas vor Ende des Jahres um zwei Drittel verringert werden. Bereits am 14. Juli 2021 hat die Europäische Kommission das „Fit for 55“-Paket präsentiert und zwölf Vorschläge angenommen, um die Politik der EU in den Bereichen Klima, Energie, Landnutzung, Verkehr und Steuern so zu gestalten, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % gegenüber dem Stand von 1990 gesenkt werden. In Bezug auf Russland-Abhängigkeit verkündete die Europäische Kommission: „Durch eine vollständige Umsetzung der Vorschläge der Kommission im Rahmen des Pakets ‚Fit für 55‘ würde unser jährlicher Verbrauch an fossilem Gas bis 2030 bereits um 30 % oder 100 Mrd Kubikmeter reduziert. Mit den Maßnahmen im Rahmen des Plans „REPowerEU“ könnten wir schrittweise mindes-tens 155 Mrd Kubikmeter fossiles Gas einsparen; dies entspricht der Menge, die 2021 aus Russland eingeführt wurde. Nahezu zwei Drittel dieser Verringerung könnten binnen eines Jahres erreicht werden, womit die übermäßige Abhängigkeit der EU von einem einzelnen Lieferanten beendet wäre.“

Höhere Gasreserven und grüner Energieboom
Bis April will die Kommission einen Gesetzgebungsvorschlag vorlegen, nach dem die unterirdischen Gasspeicher in der gesamten EU bis zum 1. Oktober eines Jahres zu mindestens 90 % ihres Fassungsvermögens gefüllt sein müssen. Der Vorschlag würde die Überwachung und Durchsetzung der Füllstände nach sich ziehen und die Möglichkeit von Solidaritätsvereinbarungen zwischen Mitgliedstaaten vorsehen.

„Durch die Sektorkopplung hat der Ersatz von fossilem Gas Auswirkungen auf die Attraktivität fast aller Technologien. Insbesondere der Ersatz für Gas in der Spitzenlastabdeckung bei der Stromversorgung wird entscheidend sein. Es geht hier also nicht um die Grundlast, wie sie durch Atomkraft oder Kohle bereitgestellt wird. Da bringt auch eine Verlängerung nichts. Vielmehr spielen hier Power-to-Gas, Wasserstoff und Biomethan auf der Versorgungsseite, aber auch SmartMeter und dezentrale Speicherlösungen auf der Nachfrageseite eine zentrale Rolle“, erklärt Kimmich gegenüber dem Börsen-Kurier, und ergänzt: „Natürlich wird auch die Wasserstoff-Forschung und -Entwicklung beschleunigt werden, grüne F&E Projekte sollten hier profitieren, entsprechende Fördermaßnahmen getroffen werden. Der mittel- und langfristig zu erwartende Preis von fossilem Gas, vor allem Flüssiggas, ist wohl der unmittelbare Gradmesser für die Konkurrenzfähigkeit von grünem Wasserstoff. Entsprechend attraktiv werden Investitionen in die Erzeugungskapazitäten, aber auch in der Wasserstoffnutzung.“

Rohstoffbeschaffung entscheidend
Durch neue Energien und grüne Mobilität entstehen neue Wertschöpfungsketten mit anderen Engpässen als heute. Umso wichtiger ist der Zugang zu den benötigten Grundstoffen. Dazu Kimmich: „Wir haben im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz auch ein Szenario untersucht, in dem größere Investitionen in Wertschöpfungsketten in Österreich getätigt werden. Damit könnten Unterbrechungen von globalen Wertschöpfungsketten zumindest teilweise abgefedert werden. Die Rohstoffbeschaffung ist aber natürlich ein entscheidender Teil für das europäische Potenzial, beispielsweise der PV-Branche in Österreich, der hier limitierend wirkt.“

Technologische Souveränität in Europa hängt eben auch von den Ressourcen ab. Entscheidend für die Produktion werden also zunehmend auch die benötigten Ressourcen für erneuerbare Energien werden – und deren Herkunftsländer.

„Für den Ersatz von fossilem Gas spielt natürlich auch Biomethan eine Rolle. Die Einspeisung und Verstromung soll im Rahmen des EAG von 0,15 TWh auf 5TWh pro Jahr erhöht werden. Dabei wird nachhaltig erzeugte Biomasse entscheidend sein“, so Kimmich abschließend.

Foto: Pixabay / Piro4D

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Europa setzt auf Wasserstoffenergie

Von Pascal Menges, Head of Equity Investment Process and Research, Lombard Odier Investment Managers

(07.03.) Der Krieg in der Ukraine, steigende Gaspreise, Pleite gegangene Energieversorger und horrende Energierechnungen für die Verbraucher – die Energiekrise in Europa ist unerbittlich. Im Moment spricht alles für eine Beschleunigung der Energiewende.

So haben beispielsweise Iberdrola und BP vor kurzem Investitionen in neue Kraftwerke zur Erzeugung von grünem Wasserstoff auf der iberischen Halbinsel bzw. in Großbritannien angekündigt. BP, einer der größten Öl- und Gaskonzerne der Welt, erwägt ebenfalls die Produktion von grünem Wasserstoff in Raffinerien in Deutschland, Spanien und den Niederlanden und will bis 2030 10 % des Marktes für kohlenstoffarmen Wasserstoff erobern.

Europa bleibt das Zentrum der Wasserstoffentwicklung. Mehr als die Hälfte der angekündigten Projekte und geschätzte Investitionen in Höhe von 130 MrdUSD entfallen auf Europa. Dennoch haben alle anderen Regionen mit einem Anstieg der Projektankündigungen um über 75 % proportional mehr zugelegt.

(Foto: LOIM)

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ist die nächste Rezession im Anmarsch?

Ein Komplett-Abbruch geschäftlicher Beziehungen mit Russland ist gefährlich.

Michael Kordovsky. Noch im Jänner rechnete der IWF für 2022 und 2023 mit je 4,4 bzw. 3,8 % Weltwirtschaftswachstum. Doch Inflationsschock und Ukraine-Krieg machen einen Strich durch die Rechnung. Firmen, die im Laufe von Jahrzehnten in Russland Niederlassungen und Zweigwerke errichteten oder Joint Ventures eingingen, ziehen sich über Nacht aus Russland zurück. Exporteure stellen Warenlieferungen ein und Importeure brechen die Geschäftsbeziehungen zu Russland ab. Sanktionen beschränken den Warenverkehr. Im Energiebereich gibt es Exportsperren für bestimmte Güter, genauso für Flugzeugteile und Mikrochips. Gleichzeitig sind mehrere russische Banken vom Zahlungsverkehr im Swift-System ausgeschlossen und die Kreditkartenanbieter Mastercard und Visa setzen Sanktionen gegen Russland um. In der Folge kommt der Handel immer mehr zum Erliegen und die Karawane des Rückzugs wird zunehmend prominenter und länger.

Namhafte Beispiele des internationalen Boykotts
Apple stellt vorerst Verkäufe von Smartphones, Tablets und anderen Produkten ein und schränkt den Bezahldienst Apple Pay und andere Dienste ein. Siemens streicht das Neugeschäft und stoppt internationale Lieferungen. Aldi stellt den Verkauf von russischem Wodka ein und H&M verkauft bis auf weiteres überhaupt nichts mehr in Russland.

BMW wiederum schließt vorerst seine Produktionsstätten im russischen Kaliningrad und stellt Exporte ein. Nike sperrt Online-Verkäufe, Boeing setzt das Russland-Geschäft aus, Ford zieht sich komplett zurück, Volvo stoppt die Produktion und den Verkauf in Russland und der weltgrößte Lkw-Hersteller Daimler Truck friert seine Kooperation mit dem russischen Produzenten Kamaz ein. Gleichzeitig mustern westliche Supermärkte reihenweise russische Produkte aus und sogar Speditionen stellen Sendungen nach Russland vorerst ein. Es sieht so aus, als gehöre Russland-Boykott bereits im Rahmen ESG-orientierter Unternehmensführung zum guten Ton mit gewisser PR-Wirkung.

Globale Wachstumsdelle durch Sanktionen, aber …
Doch sollten die gesamten volkswirtschaftlichen Verluste durch Wegfall des Russland-Geschäftes und der Rubelabwertung, die unter Umständen sogar zur Hyperinflation in Russland führen könnte, nicht unterschätzt werden. Eine Halbierung von Russlands Wirtschaftsleistung wäre nicht verwunderlich. Russlands Anteil am Welt-BIP liegt aber bei 3,1 %. Gleichzeitig kommen Russlands Importe vollständig zum Erliegen.

Nehmen wir 2019 als letztes Jahr vor Corona: Die Importe Russlands machten damals laut Michigan State University 247,16 Mrd-USD aus. Wichtigster Partner war China, das 2019 Waren im Wert von rund 54 MrdUSD nach Russland exportierte, gefolgt von Deutschland (25 MrdUSD), Belarus (14 MrdUSD) und den USA (13 Mrd-USD). Die Importe Russlands wären also in vernachlässigbarer Größenordnung und können schnell durch höhere Rüstungsausgaben weltweit überkompensiert werden. Allein der deutsche Kanzler Olaf Scholz kündigte zum Upgrade der Bundeswehr 100 MrdE an Sonderbudget an. Es geht bei den Exporten nach Russland primär um technische Produkte, nämlich industrielle Maschinen (43 MrdUSD), elektrische Maschinen (30 MrdUSD) und Fahrzeuge samt Ersatzteilen (24 MrdUSD). Mit aller Multiplikator-Wirkung würde aufgrund der schwindenden Wirtschaftskraft Russlands und des Wegfalls der Exporte dorthin die globale Konjunktur vielleicht zwischenzeitlich auf einen Wachstumslevel von 2,4 % abkühlen.

Rezessionspotenzial durch Angebotsschock
Wesentlich gefährlicher sind der Angebotsschock und der daraus resultierende Inflationsschub. Russlands Exportvolumen 2019 sieht mit 427 MrdUSD global gesehen noch einigermaßen überschaubar aus, doch die Exportwaren sind von Bedeutung. Es geht nämlich um wichtige Grundstoffe. Alleine die EU deckt 40 % ihres Erdgasbedarfs mit Russland-Importen, Österreich sogar 80 %, und wenn diese hierzulande wegfallen, bedeutet dies Rationierung und Produktionsstopp für zahlreiche Industriebetriebe.

Und es kommt noch schlimmer, bis hin zur drohenden globalen Hungersnot im Worst Case: In der Ukraine überschatten die kriegerischen Auseinandersetzungen die Frühjahresaussaat von Weizen. Allerdings kommen ca. 30 % der weltweiten Weizen-Exporte aus Russland und der Ukraine und laut International Grain Council (IGC) werden die Reserven der wichtigen Weizen-Exporteure EU, Russland, USA, Kanada, Ukraine, Argentinien, Australien und Kasachstan in der aktuellen Erntesaison 2021/22 auf ein Neun-Jahres-Tief von 57 Mio. Tonnen fallen. Rechnet man russische und ukrainische Lagerbestände heraus, liegt die Versorgungssicherheit bei weniger als drei Wochen.

Der Märzkontrakt für Weizen ist allein vergangene Woche um 42 % gestiegen, im laufenden Jahr um 56 %. Ägypten mit mehr als 100 Mio Einwohnern importiert einen großen Teil des Weizens aus Russland und der Ukraine, gleiches gilt für Tunesien, während die Türkei 2020 rund 65 % ihres Weizens aus Russland bezog. Hier könnten steigende Weizenpreise die Inflation nochmals befeuern und sogar zu einem politischen Umsturz führen. Ebenso sozialer Sprengstoff wären explodierende Brotpreise in Ägypten und Tunesien.

Aufgrund eines Mangels an Düngemitteln (zeichnete sich schon vor dem Ukraine-Krieg ab) könnte es bald weltweit zu rückläufigen Ernten kommen und die Witterung tut ihr Übriges, denn: Russland ist weltweit einer der wichtigsten Lieferanten von Düngemitteln und verwandten Rohstoffen. Im Vorjahr war Russland größter Exporteur von Harnstoff, NPK-Mehrnährstoff-Düngern (Stickstoff, Phosphor und Kalium), Ammoniak, HAN-Düngern und Ammoniumnitrat. Auch ist Russland drittgrößter Kaliexporteur und bei Phosphaten und Schwefel auf Rang vier. Russland und Weißrussland liefern circa 40 % der weltweiten Kali-Exporte, zu deren Hauptabnehmern China, Brasilien und Indien gehören.

Weitere Schwierigkeiten wird der Westen noch durch Nickel- und Palladiummangel bekommen, denn: Russlands Förderanteil an Palladium liegt bei 43 %. Es wird für Auto- und Industriekatalysatoren benötigt. Der weltgrößte Palladium- und raffinierte Nickelproduzent der Welt ist Norilsk Nickel. Als Batteriemetall in E-Autos und wichtiges Legierungsmetall könnte auch Nickel knapp werden. Das Hauptopfer dieser Entwicklungen ist die Automobilindustrie – nicht zuletzt auch durch Ausfälle ukrainischer Hersteller von Kabelbäumen. Wegen fehlender Kabelbäume drosseln bereits Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen, Porsche, Audi und der Lkw-Hersteller MAN ihre Produktion.

Fazit
Zu den coronabedingten Lieferausfällen gesellen sich nun die Kriegsfolgen, während der Öl- und Inflationsschock seinen Verlauf nimmt. Fakt ist, dass bereits seit 1973 vier Ölschocks zumindest Co-Faktoren einer Rezession waren und auch die Getreideknappheit aktuell ein Thema ist. Die nächste Rezession könnte somit im Anmarsch sein.

Foto: Pixabay / NeonLightsQuito

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Sichere Netznutzung ist zunehmend gefragt

Angriffe im Internet nehmen zu, der Bedarf an Schutz ebenso. Die Anlagechancen sind vielfältig.

Raja Korinek. Der Ukraine-Kon­flikt hat auch die virtuelle Welt eingeholt. Inzwischen gibt es zahlreiche Meldungen zu Hackerangriffen sowohl im Westen als auch in Russland. Aus diesem Grund hat die EU das „Cyber Rapid Response Team“ (CRRT) nun aktiviert. „Das Team besteht aus zehn Cybersicherheitsbeauftragten aus sechs europäischen Ländern – Kroatien, Estland, Litauen, den Niederlanden, Polen und Rumänien – die jenen Ländern, die von Cyberangriffen betroffen sind, Hilfe leisten“, sagt Rahul Bhushan, Mitgründer des UK-Finanzhauses Rize ETF. In erster Linie soll das Team nun die Ukraine unterstützen.

Cybersecurity-Lösungen sind gefragt
Doch schon vor Ausbruch des Krieges hat die Zahl der virtuellen Attacken weltweit zugenommen. Grund ist die voranschreitende Digitalisierung, die von der Corona-Pandemie noch weiter beschleunigt wurde.

Ein Blick auf die Zahlen von Statista offenbart dabei Interessantes: 2020 lagen die globalen Ausgaben für IT-Sicherheit bei rund 133,8 MrdUSD. Sie erreichten im Vorjahr rund 150 MrdUSD. Und dürften noch weiter steigen.

Verständlich, dass auch in Österreich das Thema zunehmend in den Fokus rückt, eine Entwicklung, die in der „Global Digital Trust Insights Survey 2022“-Studie vom Unternehmensberater PwC bestätigt wird. Dieser zufolge planen sieben von zehn heimischen Unternehmen heuer einen wesentlichen Anstieg ihrer Investitionen in die Cybersecurity. Die Hälfte der Firmen kalkuliert dabei sogar eine Erhöhung der Budgets von mehr als 10 % zum Vorjahr ein und liegt damit weit über dem globalen Durchschnitt (26 %), zieht Georg Beham, Cybersecurity & Privacy Leader bei PwC Österreich, ein klares Fazit.

Zertifikate mit interessanten Lösungen
Interessierte Anleger könnten beispielsweise mittels Zertifikaten auf den wachsenden Trend breit gestreut investieren. Eine solche Möglichkeit bietet etwa das Cybersecurity-Indexzertifikat von Alphabeta Access Products (ISIN: DE000DA0AB89). Der Index umfasst insgesamt zehn Unternehmen, die auf den langfristigen Megatrend der Datensicherheit setzen. Regional entfallen rund 70 % auf die USA, gefolgt von Israel und Deutschland.

Größte Gewichtung entfällt derzeit auf Verisign (US92343E1029). Das US-Unternehmen vertreibt einerseits Domains, bietet andererseits Cybersecurity für das Internet an. Rapid7 (US7534221046) zählt ebenfalls zu den größten Positionen. Und hat sich ebenso auf die Sicherheit in der virtuellen Welt spezialisiert. Aus Deutschland ist etwa Secunet Security Networks (DE0007276503) im Index enthalten. Auch dieser Konzern bietet Lösungen rund um die IT-Sicherheit an.

Endverbraucher ebenso im Fokus
Die Bank Vontobel bietet hingegen das Cyber-Security-Indexzertifikat (DE000VS5ZCS6) an. Darin sind 15 Titel aus der Branche enthalten. Größte Gewichtung entfällt auf Check Point Software Technologies (IL0010824113), ebenfalls ein Anbieter von Cybersecurity. Norton Life Lock (US6687711084) hat sich mit seiner Sicherheitssoftware auf Endverbraucher spezialisiert. Cloudflare (US18915M1071) ist ebenso Teil des Indexes, wie auch bei Alphabeta Access Products (DE000DA0AAS6). Der Konzern betreibt ein Netzwerk an Servern, die Websites beschleunigen und vor böswilligen Angriffen schützen soll.

Trotz der langfristig positiven Aussichten müssen Anleger kurzfristig auch in diesem Bereich mit größeren Schwankungen rechnen. Zudem besteht für Anleger aus der Eurozone ein Währungsrisiko.

Foto: AdobeStock / Brian Jackson

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Insourcing Gebot der Stunde

AT&S erweitert Kapazitäten in der Heimat statt in Fernost.

Roman Steinbauer. Zur Grundsteinlegung des Baus eines neuen Forschungs-Centers (Grafik) für Substrat- und Packaging-Lösungen der AT&S Austria Technologie & Systemtechnik AG reisten knapp 100 Gäste nach Leoben-Hinterberg an. Auf dem direkt an den Geschäftssitz angrenzenden Areal von 18.000 m2 werden nach Fertigstellung 2023 ein Drittel der Fläche der Forschung, zwei Drittel einer angeschlossenen Kleinserien- und Prototypen-Produktion zur Verfügung stehen. Die Steirer gehen davon aus, dass der Nachfrage-Boom im Mikroelektroniksektor nicht so schnell abebben wird. Zudem würden die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit elektronischer Systeme weiter zunehmen, der Fokus auf F&E müsse daher verstärkt werden. Inklusive aller Ausbaustufen werden bis zum Jahr 2025 rund 500 Mio Euro in das Projekt investiert und damit 700 neue Arbeitsplätze in der Region geschaffen.

Geortetes Potential
Neben CEO Andreas Gerstenmayer und dem AR-Vorsitzenden Hannes Androsch lobten die Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort Margarete Schramböck, der steirische LH-Stv. Anton Lang sowie der Leobner Bürgermeister Kurt Wallner das Zustandekommen des Projekts. Das Management selbst zeigte sich insbesondere über den jüngst von der Europäischen Union beschlossenen „European Chips Act“ erfreut. Mit dieser Initiative sollen nicht nur für die Halbleiterproduktion starke Impulse ausgehen, vielmehr werde die Kontrolle über die Stationen und Elemente der gesamten kritischen Wertschöpfungskette angestrebt. AT&S (die Sparten Substrate und „advanced packages“ abdeckend) wolle durch innovative Lösungen diese Europa-Kompetenz wirtschaftlich realisieren und somit zur digitalen Souveränität des Kontinents einen Beitrag leisten. Als entscheidenden Faktor, in Österreich zu investieren, führte er zudem die Rechtssicherheit an.

Den Anschluss wahren
Androsch skizzierte in der zweistündigen Veranstaltung die 30-jährige Geschichte des Unternehmens, stellte aber auch einen Bezug zur Gegenwart her: „Wir rüsten uns selbst in diesen dunklen Zeiten für die Zukunft. Das Herz, Hirn und Nervenzentrum unserer Firma wird dabei in Leoben-Hinterberg bleiben!“ Er stellte aber auch Relationen her, in dem er Europas nachhinkende Rolle im Verhältnis zu den asiatischen Marktführern erwähnte, die in dieser Branche im selbigen Zeitraum 360 Mrd Euro investieren würden. Schließlich prognostizierte Androsch für AT&S ein starkes Wachstum. 2025 sieht dieser Umsätze von 3,5 Mrd Euro, die Belegschaft werde sich auf Konzernebene auf 25.000 Mitarbeiter ausweiten.

Illustration: AT&S

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Geheizte Räume auf dem Spiel?

Europas Energieversorgung ist viel zu stark von Russland abhängig.

Michael Kordovsky. Als am vergangenen Donnerstag russische Truppen die Ukraine angriffen, explodierte der Preis für UK-Erdgas (GWM April 2022) von knapp unter 220 auf mehr als 340 GBPence, ehe tags darauf wieder ein Rückgang um 22 % folgte. Die Kriegsunsicherheit trieb den Preis in exorbitante Höhen, ehe schon die Aussichten auf erneute Verhandlungen den Preis wieder um 22 % nach unten drückten. Diese Volatilität ist Zeichen der Unsicherheit. Niemand weiß wirklich, was Wladimir Putin mit seinem Angriffskrieg erreichen will. Weiterer Unsicherheitsfaktor bleibt das Verhalten Chinas. Aktuell verhält es sich neutral, weil Europa und die USA ja auch die wesentlich größeren Handelspartner sind, aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Volksrepublik die Ukraine-Krise nützt, um Taiwan zu annektieren.

Wie auch immer, saftige Sanktionen der EU gegen Russland folgen und die weiteren Reaktionen Moskaus bleiben abzuwarten. Die Befürchtung – vor allem im Zuge des Swift-Ausschlusses Russlands am Wochenende – vieler: Moskau stellt die Gaslieferungen ein und wir müssen uns dann, im wahrsten Sinne des Wortes, warm anziehen.

Laut der heimischen Energieagentur (Austrian Energy Agency) stammt das in Österreich eingesetzt Erdgas zu rund 80 % aus Russland, EU-weit sind es rund 40 %. Als Gas-Transitland spielt dabei die Ukraine eine wichtige Rolle: Im Westen des Landes laufen drei große Trassen für russisches Gas zusammen: Aus dem Norden Sibiriens kommen zwei, vom Gasfeld Urengoi die Trasse „Bruderschaft“ (Bratstvo) und von der Jamal-Halbinsel kommt ein Abzweiger der Trasse Yamal über Belarus. Eine weitere Trasse mit dem Namen „Einheit“ (Soyuz), kommt aus dem südlichen, zentralasiatischen Teil Russlands.

Österreich besonders abhängig, aber …
Laut den von Statista unter Berufung auf die „European Union Agency for the Cooperation of Energy Regulators“ für 2020 veröffentlichten Daten beziehen Nordmazedonien, Bosnien und Herzegowina und Moldawien 100 % ihres Erdgases aus Russland. Finnland, Lettland und Bulgarien importieren jeweils 94, 93 bzw. 77 %. Hingegen sind Frankreich und die Niederlande nur zu 24 bzw. 11 % von russischem Erdgas abhängig. Die Ukraine bezieht seit 2015 ihr Gas aus der EU und auch Irland ist vollständig unabhängig von Russland. Indessen hängen Italien und Deutschland jeweils mit 46 bzw. 49 % von Putin ab.

Franz Angerer, er ist Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, meint in diesem Zusammenhang zum Börsen-Kurier: „80 % des Erdgases in Österreich kommen aus Russland – damit ist die Abhängigkeit hoch. Österreich verfügt zwar über relativ große Speicherkapazitäten, diese sind aber auf einem historisch niedrigen Stand: Derzeit sind etwa 17 TWh in den österreichischen Speichern gelagert, rund ein Fünftel der Gesamtkapazität. Ein völliger Stopp der Gaslieferungen durch die Ukraine kann aus heutiger Sicht nicht vollständig kompensiert werden und würde die Mechanismen der Energielenkung auslösen. Dieser Mechanismus sieht vor, große industrielle Gasverbraucher sukzessive vom Netz zu nehmen. Ziel dieser Maßnahmen ist ein geordnetes Vorgehen und eine möglichst lange Weiterversorgung der Haushalte und Kraftwerke.“

Erfrieren wird voraussichtlich niemand in den eigenen vier Wänden, denn: „Die heimischen Haushalte benötigen aktuell rund 2 bis 3 TWh pro Monat. Für das Heizen der Haushalte ist auf jeden Fall genug Erdgas vorhanden“, so Angerer, der noch einen weiteren Lichtblick aufzeigt: „Die EU-Diplomatie ist aktuell bemüht, möglichst große Mengen an Flüssiggas aus möglichst vielen Lieferländern verfügbar zu machen. Wir sehen bereits jetzt eine deutliche Steigerung der Flüssiggasimporte in Europa. Eine sofortige Vollversorgung Europas mit europäischem Erdgas und mit Flüssiggas ist auf Grund fehlender Infrastrukturen aber noch nicht vorstellbar.“

Allerdings könnten laut Meinung des Börsen-Kurier die USA ihre Erdgasförderung deutlich ausweiten. Der Engpass sind nämlich nicht die Vorkommen, sondern die Flüssiggas-Terminals, die das über Pipelines angelieferte Erdgas für den Transport auf Spezialschiffen verflüssigen. Da kaum mehr Schiffe beladen werden können, werden in einer Art „Bieterstreit“ mit Asien gegen entsprechende Bezahlung immer häufiger Frachtschiffe nach Europa umgeleitet. Mittlerweile geht bereits die Hälfte des Flüssiggases nach Europa. Doch es gibt langfristige Lieferverträge amerikanischer Lieferanten mit China, sodass diese „Sonderkonstellation“ kein Dauerzustand ist.

Langfristige Alternativen
Aber wie sollen Europa und auch Österreich zukünftig von russischem Erdgas unabhängiger werden? „In erster Linie gewinnen natürlich die heimischen europäischen Produktionen an Bedeutung, wobei jedoch mit keinen langfristigen Zuwächsen zu rechnen ist. Nordafrika, vor allem Algerien, wird ebenfalls wichtiger werden. Kurzfristig kann aber nur Flüssiggas Erdgas aus Russland in bedeutenden Mengen ersetzen. LNG kommt in großen Mengen aus den USA, große Produzenten sind auch Katar oder Australien. Der Import in Europa hat sich im Jänner 2022 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Waren es im Jahr 2021 im Schnitt 18 %, stieg der Wert im Jänner 2022 auf teilweise über 35 %. LNG deckt damit bereits ein Drittel des in Europa verwendeten Gases“, erklärt Angerer gegenüber dem Börsen-Kurier, und er zeigt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: „Mittelfristig muss die Unabhängigkeit von fossilem Erdgas das Ziel sein – und ist in Österreich mit der Klimaneutralität bis 2040 und in Europa bis 2050 auch festgeschrieben. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen erneuerbare Energien und auch die Netze massiv ausgebaut werden. Jedes Windrad mehr verringert die Abhängigkeit von Gasimporten und erzeugt Energie zu niedrigen Preisen. Denn für Wind oder Sonne müssen wir im Gegensatz zu Erdgas nichts zahlen.“

Foto: AdobeStock / ArtmannWitte

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Taxonomie: Die EU formuliert soziale Ziele

Umweltziele hat die Kommission bereits definiert. Eine Sozial-Taxonomie wird folgen.

Andreas Dolezal. Nachhaltige Investitionen stehen im Fokus des Grünen Deals der Europäischen Union und des Aktionsplanes für nachhaltiges Wachstum. Mit dem Lenken von Anlagegeldern in nachhaltige Investitionen soll die Finanzbranche einen wesentlichen Beitrag zum Erreichen der europäischen Klima- und Umweltziele leisten. Die Basis dafür bildet die oft zitierte Taxonomie, also jene Verordnung der EU-Kommission, die bereits seit 12. Juli 2020 in Kraft ist und einen „Rahmen zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen“ einrichtet.

Nachhaltige Investitionen im europäischen Sinne orientieren sich an den bekannten ESG-Kriterien: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Um einen einheitlichen Rechtsrahmen zu schaffen und die Beiträge, die eine Investition zu einem der ESG-Kriterien leistet, bewerten zu können, hat die EU-Kommission bereits sechs Umweltziele definiert.

Umweltziele gemäß Artikel 9 der Taxonomie-Verordnung

• Klimaschutz
• Anpassung an den Klimawandel
• Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
• Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
• Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
• Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

Für Soziales und Unternehmensführung gibt es bis dato keine festgelegten Ziele. Das soll sich ändern. Die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen, ein Beratungsgremium der EU-Kommission, hat im Juli des vergangenen Jahres erste Gedanken zum Ausgestalten von sozialen Zielen vorgelegt, die als Basis für eine Sozial-Taxonomie dienen sollen.

In diesem Entwurfsbericht ist zu lesen, dass Vieles darauf hindeutet, dass Anleger soziale Investitionen als Chance sehen, ebenso wie sie erkennen, dass es riskant ist, soziale Faktoren beim Investieren nicht zu berücksichtigen. Daher sei es von entscheidender Bedeutung, zu präzisieren, was eine soziale Investition ausmacht, wie diese zu bewerten ist und nicht zu Lasten anderer Ziele und Beiträge geht.

Eine Sozial-Taxonomie soll dazu dienen, Kapitalströme in jene Unternehmen und Wirtschaftstätigkeiten zu lenken, die die Menschenrechte respektieren, und gleichzeitig Investitionen fördern, die die Lebensbedingungen, insbesondere für benachteiligte Menschen, verbessern. Auf diese Weise würde eine Sozial-Taxonomie den Anlegern ein dringend benötigtes Instrument zur Unterstützung ihrer Investitionsentscheidungen an die Hand geben, meint die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen. Dabei soll die vorhandene Umwelt-Taxonomie als Vorbild dienen. Wobei erkannt wird, dass es schwierig sein wird, quantifizierbare Kriterien für eine Sozial-Taxonomie zu entwickeln.

Die vorgeschlagene Struktur einer Sozial-Taxonomie hat eine horizontale und eine vertikale Dimension. Horizontal werden Risiken bzw. negative Auswirkungen für Mensch (Mitarbeiter, Stakeholder, Gesellschaft) und Umwelt betrachtet, vertikal Produkte, Dienstleistungen und Investitionen, die zusätzlich nützliche Beiträge zur Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) leisten. Auch die Merkmale nachhaltiger Unternehmensführung sollen einfließen. Diesbezüglich liegt der Schwerpunkt auf Themen wie Bestechung, Besteuerung und Lobbying.

Die vertikale Dimension umfasst hinsichtlich Nachhaltigkeitsrisiken unter anderem Diversity Management, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Gewerkschaftsrechte sowie Verantwortung in der Lieferkette. Ein angemessener Lebensstandard soll gefördert werden, der Produkte und Dienstleistungen zur Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse (wohnen, Nahrung und sauberes Wasser, Bildung, Internet, saubere Elektrizität usw.) zugänglich macht.

Die horizontale Dimension beschäftigt sich mit den Auswirkungen der wirtschaftlichen Aktivitäten, also Produkten und Dienstleistungen, auf die Menschen. Positive Auswirkungen sollen gefördert, negative vermieden und bewältigt werden. Als Ziele genannt werden das Sicherstellen menschenwürdiger Arbeit, das Fördern von Verbraucherinteressen und die Ermöglichung integrativer und nachhaltiger Gemeinschaften. Sämtliche Ziele sollen sich auf die gesamte Wertschöpfungskette beziehen.

Als Beispiele, die beide Dimensionen betreffen können, werden das Einkaufen bei regionalen Anbietern zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Ausbildungsdienstleistungen zur (Wieder-)Eingliederung in den Arbeitsmarkt und das Minimieren des Wasserverbrauchs genannt. Ziele einer Sozial-Taxonomie sollen auch das Vermeiden von Zwangsarbeit und das Bekämpfen von Kinderarbeit sein.

Nicht nur mit diesen letztgenannten Zielen schlägt das Expertengremium die Brücke zur guten und nachhaltigen Unternehmensführung. Auch die Vielfalt des höchsten Leitungsorgans und oberen Managements (Geschlecht, Fähigkeiten, Erfahrung, Hintergrund) soll berücksichtigt werden, ebenso wie die Bekämpfung von Bestechung und Korruption, verantwortungsvolle Rechnungsprüfung sowie verantwortungsvolles Lobbying und politisches Engagement.

Fazit
Das Formulieren von sozialen Zielen ist recht einfach (insbesondere dann, wenn man sie nur formulieren, und nicht als Unternehmen be- und verfolgen muss). Es gibt eine Fülle an vorhandenen Standards, an denen sich die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen – und letztendlich die EU-Kommission – orientieren kann. Zur Herausforderung wird das weitreichende Umsetzen von zielgerichteten Maßnahmen in den Unternehmen selbst werden, insbesondere etwa in den globalen Lieferketten. Zu großen Problemen werden die messbaren Bewertungskriterien. Wie misst man das Erreichen von sozialen Zielen?

Einen Eindruck davon, wie überbordend bürokratisch messbare Bewertungskriterien sein können, liefern uns jene für die ersten zwei (sic!) der sechs definierten Umweltziele. Die betreffende EU-Verordnung, die seit 1. Jänner 2022 in Kraft ist, erstreckt sich für nur rund 100 Wirtschaftstätigkeiten auf stolze 349 Seiten. Bewertungskriterien für alle sechs Umweltziele könnten sich also, einfach hochgerechnet, auf mehr als 1.000 Seiten ausdehnen. Der Katalog an messbaren Bewertungskriterien für soziale Aktivitäten wird wohl nicht kompakter werden. Und dann fehlen uns immer noch Ziele sowie Bewertungskriterien für das nachhaltige Unternehmertum.

Der Journalist Josef Urschitz betitelte seinem Beitrag für die Tageszeitung Die Presse vom 22. Dezember 2021 zum Thema „Green Financing“ mit der Überschrift „Wie die EU eine gute Idee zu Tode reguliert“, und spricht darin von „Strangulieren anstatt Regulieren“. Dem kann der Börsen-Kurier leider nur zustimmen.

Foto: Adobe Stock / doganmesut

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Russland-Ukraine-Krieg: Preisschocks der Rohstoffmärkte werden keine Krise auslösen

Von Pascal Menges, Head of Equity Investment Process and Research, Lombard Odier Investment Managers

(01.03.) Was können frühere geopolitische Negativereignisse über die potenziellen Auswirkungen auf Aktien aussagen, und wie könnte eine Störung der russischen Öl- und Gasexporte den Inflationsdruck verstärken?

• Der Russland-Ukraine-Konflikt stellt ein rohstoffbedingtes Risiko für die Aktienmärkte dar. Die Unterbrechung der russischen Exporte fossiler Brennstoffe wird sich auf die weltweiten Ölpreise auswirken.

• Geopolitische Ereignisse wirken sich in der Regel kurzfristig negativ auf die Aktienmärkte aus. Wenn jedoch Ansteckungseffekte bei den Energiepreisen die Inflation in die Höhe treiben und zu höheren Zinsen führen, könnte eine Rezession folgen.

Der arabisch-israelische Jom-Kippur-Krieg von 1973 ist für den aktuellen Konflikt von besonderer Bedeutung. Als Vergeltungsmaßnahme verhängten die arabischen Länder ein Ölembargo, welches zu einer Vervierfachung des Ölpreises auf 12 USD pro Barrel führte. Dies löste einen massiven kostentreibenden Inflationsdruck aus, was die erste Ölpreiskrise zur Folge hatte, die in einer Rezession mündete. Im gleichen Zeitraum stieg die Rendite der 10-jährigen US-Schatzanweisungen von 9 % auf 12 % und erreichte Ende 1975 einen Höchststand von 14 %. Bis Anfang 1976 führte dies zu einem schwierigen Umfeld für Aktien, als die 10-jährige US-Rendite auf 8 % zurückging.

Russland kontrolliert die Ölmärkte nicht in demselben Maße wie die arabischen Länder 1973, aber es ist ein sehr einflussreiches Land im Rohstoffbereich. Dieser Einfluss erstreckt sich daher auch auf die rohstoffbedingte Inflation. Russland exportiert jährlich etwa 7,5 bis 8,5 mbbld Öl und etwa 240 bis 260 bcm Gas. Die russischen Ölexporte machen derzeit 8 % des weltweiten Angebots aus. Jede Unterbrechung der russischen Ölströme wird angesichts der Fungibilität des globalen Ölmarktes und des Mangels an freien Produktionskapazitäten auf globaler Ebene globale Auswirkungen haben.

Eine Unterbrechung der russischen Gasexporte würde sich unverhältnismäßig stark auf Europa auswirken, da etwa 70 % der russischen Gasexporte hierher gelangen und der Kontinent nur über begrenzte Alternativen verfügt. Je näher die Länder an Russlands Grenzen liegen – vor allem diejenigen, die nicht von Bergen gesäumt sind – desto größer ist die Abhängigkeit von russischem Gas. Darüber hinaus könnte der Krieg die russischen Exporte anderer Rohstoffe, von Palladium bis Platin, beeinträchtigen, da das Land Palladium liefert:

• 44 % des Palladiums (hauptsächlich für Katalysatoren für Dieselfahrzeuge und Elektrolyseure)
• 30 % der Rohdiamanten
• 25 % der Nickelproduktion (vor allem für die Herstellung von rostfreiem Stahl)
• 15 % des Platins (vor allem für Katalysatoren in Dieselfahrzeugen und Schmuck)
• 14% des Kobaltes
• 12 % des Rhodiums
• 7 % der Tonerde (für die Aluminiumproduktion)

Russland und die Ukraine sind auch wichtige Erzeuger von Agrarprodukten wie Weizen, Mais und Saatölen. Sie exportieren hauptsächlich in die Türkei, nach Ägypten, Indien, China, Nigeria, Bangladesch und Jemen. Die entwickelten Volkswirtschaften sind weniger direkt betroffen. Sie würden aber dennoch einen gewissen Preisauftrieb erleiden, wenn es während der Aussaat- oder Erntesaison zu Störungen käme.

Rohstoffe könnten künftig auch in Renminbi gehandelt werden
Eine Reihe russischer Banken wurde im Rahmen der westlichen Sanktionen als Reaktion auf die Invasion vom internationalen Zahlungssystem Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) ausgeschlossen. Es ist noch nicht bestätigt, welchen russischen Banken der Zugang zum Nachrichtensystem verweigert wird und welche es weiterhin nutzen dürfen. Es scheint wahrscheinlich, dass die russischen Banken, die am aktivsten im Rohstoffhandel tätig sind, dieses System unter bestimmten Bedingungen weiter nutzen können.

In den letzten Jahren hat Russland jedoch sein eigenes Nachrichtensystem entwickelt – das System for the Transfer of Financial Messages (SPFS) – und die Behörden streben auch eine Verbindung mit dem chinesischen Gegenstück, dem Chinese International Payment System (CIPS), an, um unabhängig von SWIFT zu operieren. Keines dieser Systeme hat die Bedeutung von SWIFT, aber es wird wichtig sein, zu beobachten, ob China unter den derzeitigen Umständen Fortschritte bei der Anbindung von SPFS und CIPS macht. Dies würde auch bedeuten, dass einige wichtige Rohstoffe dann in Renminbi gehandelt werden könnten, was auf lange Sicht eine Herausforderung für den US-Dollar darstellen könnte.

Fazit
Die Ereignisse der Vergangenheit lassen vermuten, dass geopolitische Ereignisse – sofern es keine Ansteckungseffekte gibt, die die makroökonomischen Bedingungen stark beeinflussen, wie z. B. die Kombination aus steigenden Energiepreisen, Inflation oder Zinssätzen – eher Episoden mit spezifischem Risiko sind.

Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Märkte sind nach wie vor existent und werden von uns genau beobachtet. Die Schlüsselfrage ist, ob sich der durch die Unterbrechung der Rohstoffexporte verursachte Inflationsdruck so weit verstärkt, dass er von Dauer ist, und ob dies zu höheren Nominal- und Realzinsen führt. Dies ist derzeit nicht unser Basisszenario.

Ein langfristiger Bärenmarkt wird normalerweise nicht durch geopolitische Unruhen ausgelöst. Daher ist es unserer Meinung nach wahrscheinlich, dass diese Korrektur nur vorübergehend ist.

Foto: LOIM

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Aufgewacht in einer anderen Welt

Ost-Exposure: Österreich bankenseitig Nummer drei in Europa.

Rudolf Preyer. Ausgerechnet am historischen Datum 24. Feber 2022 – dem Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine (womit natürlich kein Gastgeber rechnen konnte) – organisierte der heimische Bankenverband einen ökonomischen Ausblick. Stefan Schneider, Chief German Economist der Deutschen Bank, wies eingangs auf die Abhängigkeit der europäischen Staaten von russischen Energielieferungen hin – im Durchschnitt kommen 40 % des auf dem Kontinent benötigten Gases aus Russland.

Stand 24.2. konnte man über einen (nun tatsächlich erfolgten) Ausschluss der Russischen Föderation aus dem Swift-Zahlungssystem nur mutmaßen. Zwar haben die Russen bereits versucht, ein alternatives Zahlungssystem aufzubauen – auch mit Blick auf die Wirtschaftsbeziehung zu China -, das dort und da auch schon in Verwendung sei. Im nunmehrigen Kappen des russischen Zugangs zu Swift müsse man freilich auch mitbedenken, dass dies nicht nur Russland treffe – sondern eben auch den Westen finanziell koste, so Schneider. Die Möglichkeit zum Dialog müsse unbedingt bestehen bleiben, ergänzte Bankenverband-Generalsekretär Gerald Resch. Österreich habe in Europa die drittgrößten Investoren auf Bankenseite. Über die Auswirkungen der Sanktionen auf die Austro-Banken wollte er keine Spekulationen anstellen.

Dass umfassende Sanktionen eben auch hohe Kosten für den Westen zeitigen, betonte auch Stefan Bruckbauer, Chief Economist der UniCredit Bank Austria. Beim Exposure wiederum beruhigte er – man müsse im Kopf behalten, dass „sämtliche der seitens der lokalen Banken-Töchter an die Wirtschaft und die Bevölkerung vergebenen Kredite durch lokale Einlagen refinanziert werden“.

Keine Rückkehr zum Davor
„Wir kriegen keine Rückkehr zum Status quo ante“, wies Schneider darauf hin, dass wir neben geopolitischen Verwerfungen auch weitere Herausforderungen zu vergegenwärtigen haben. Covid werde in unseren Ökonomien nachhaltig Strukturen verändern, etwa auch bezüglich der Lieferketten.

Engpässe in Letzteren und Rohstoff- sowie Energiepreisanstiege werden die Inflation nach oben treiben, prognostizierte Bruckbauer: „Wir dürfen auch im nächsten Jahr nicht mit Inflationsraten von unter 2 % rechnen.“ Höhere Inflationsraten werden sich wohl verstetigen.

Schneider und Resch sehen die Spitze zumindest der Pandemie erreicht. Selbst, wenn es im Herbst wieder eine Welle gebe, seien wir medizinisch weiter, auch habe die aktuelle Welle wirtschaftlich nicht so tiefe Spuren hinterlassen, wie noch vor einem Jahr. Hinzu kommen regierungsseitige Fiskalimpulse und Unterstützungspakete sowie robuste europäische Arbeitsmärkte auf dem Niveau vor der Pandemie. Auch der mit 750 Mrd Euro gut dotierte „Next Generation Recovery Fund“ der EU stütze die Konjunktur.

Der Konsum sollte in Österreich heuer real um 6 % wachsen, aber erst gegen Ende des Jahres das Niveau von 2019 toppen. Die Investitionen haben bereits wieder Vorkrisen-Niveau erreicht, die Kreditnachfrage steige schon „sehr rasch“, und der Wohnbau bleibe weiter stark.

Zuletzt sieht Schneider neben einer Entspannung bei den Einkaufspreisen eine „Zinswende“ auf uns zukommen: Die Fed werde ab März ihre Zinsen in diesem Jahr sechsmal anheben. Die EZB dürfte im September und Dezember

den Einlagenzins um jeweils 25 Basispunkte erhöhen. Damit gewinnen makroökonomische Faktoren wieder an Bedeutung für den Bondmarkt.

Fazit: Es kündigt sich eine Erholung der Weltwirtschaft an, aufgrund des Russland-Einmarsches in die Ukraine werden aber die Karten neu gemischt.

Foto: Pixabay / NeonLightsQuito

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Russlands aggressiven Bären als Nachbarn

An Finnlands Börse ergeben sich erhöhte Risiken, aber auch Chancen.

Roman Steinbauer. Der OMX-Helsinki-25-Index hält sich überraschend stark. Mit 5.140 Punkten steht der Leitindex nur 10 % unter dem Top von Mitte August 2021. Die Verflechtung der finnischen Volkswirtschaft mit der Russischen Föderation ist groß. Historisch weist dieser Aktienmarkt daher überproportionale Ausschläge auf. Die nordeuropäische Börse ließ seit dem globalen Dämpfer im März 2020 andere Börsen des Kontinents hinter sich.

Nach einer langen Durststrecke glänzten im Vorjahr vor allem Finanztitel wie die Nordea Bank (ISIN: FI4000297767). Atypisch sieht für derartige Institute die Aktionärsstruktur aus, hält doch Stellantis (NL00150001Q9) 14 % der Aktien. Weiters gehören die Rohstoffkonzerne Rio Tinto (14 %, GB0007188757), die BHP Group mit 10 % (AU000000BHP4), die russische Evraz mit 13 % (GB00B71N6K86) sowie die Intesa San Paolo mit 11 % (IT0000072618) zu den Kernaktionären. Auf Basis letzter Ausschüttungen winkt hier eine Dividenden-Rendite von 6,6 %.

Auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr drifteten Papiere des Güterdienstleisters Cargotec (FI0009013429) ab. Es reizt ein KGV von 11, die (stabile) Dividende führt zu einer Rendite von 2,54 %. Als großer Dividendenlieferant ist der Energieversorger Fortum (FI0009007132) zu bezeichnen, dessen Rendite 4,9 % beträgt. Intakt scheinen weiterhin die Chancen der Stora-Enso-Valoren (FI0009005961). Stets eine Betrachtung wert ist zudem der Spezialist für Hebesysteme Konecranes (FI0009005870). Hier Schwächen zu nutzen, rentierte sich wiederholt.

Hohes Vertrauen, aber expandierende Schuldenquote
Konträr zum Nicht-EU-Staat Norwegen gab es in Helsinki keine Ambitionen, dem NATO-Pakt beizutreten. Das 5,6-Mio-Einwohner-Land, das von lediglich 18 Personen pro Quadratkilometer besiedelt ist, kann auf Rohstoffvorkommen wie Kupfer, Eisenerz, Gold, Silber, Blei, Zink, Nickel oder Kalkstein verweisen. Laut Germany Trade & Invest (GTAI) hat das jährliche BIP 2021 um 3,5 % auf 44.800 Euro pro Kopf angezogen und somit jenes Österreichs um rund 5 % übertroffen.

Die Leistungsbilanz ist mit +1,2 % positiv, die Neuverschuldung betrug vergangenes Jahr 3,8 %. Seit 2019 baute sich aber die Schuldenquote von 59 auf 71 % des BIP auf. Im Transparency International Korruptionsindex (CPI) befindet sich Finnland hinter Dänemark und Neuseeland auf dem hervorragenden Rang drei.

Russland als bedeutendes Abnehmerland
Nach Angaben von Statistics Finland zeigte sich im Dezember vor allem der Anstieg der Industriefertigung (inklusive Rohstoffminen und Energie) mit 11,5 % dynamisch. Das zweite Mal in Folge fiel aber im Jänner das Konsumentenvertrauen (-1,7 Punkte). Eine Prosperität weist der Außenhandel auf. Zu Jahresschluss kletterten die Ausfuhren im Vergleich zu 2020 um 22 %, die Einfuhren um 25 %. Der Maschinenbau führt die Ausfuhrstatistik mit 17 % an, vor Papier bzw. Pappe (je 10 %) und Rohstoffen (9 %). Die Importe sind durch chemische Erzeugnisse und Maschinen mit jeweils 11 %, vor Kfz- bzw. Kfz-Teilen (9 %) und Elektronik (7 %) geprägt.

Die Russische Föderation (zu der eine 1.300 km lange Grenze besteht) ist mit 10 % drittwichtigster Kunde finnischer Exporte – hinter Deutschland (15 %) und Schweden (11 %). Bei den Einfuhren steht der große Nachbar gemeinsam mit China jeweils mit 5 % an fünfter Stelle. Die seit der Wirtschaftskrise 2009 ins negative Terrain gerutschte Handelsbilanz bestätigte sich im Dezember erneut mit -350 Mio Euro. Bei den Direktinvestition ist Schweden mit 27 % vor den Niederlanden (17 %) und Luxemburg (15 %) federführend. Seit dem Höhepunkt der Gesundheitskrise ging die Arbeitslosenrate von 8,7 auf 6,7 % zurück.

Foto: Pixabay / Hietaparta

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Schattenseiten der ETFs

Die strikte Nachbildung von Indizes entpuppt sich als nachteiliges Anlagekorsett.

Roman Steinbauer. Das Risiko in Vermögenskategorien, in denen Blasenbildungen vermutetet werden, steigt. Anleger wissen aus Erfahrung: Klar erkennbar sind zurückliegende Spekulationsballons leider erst, wenn die Luft entwichen ist. Monetäre Straffungen durch Notenbanken in einem inflationären Umfeld schlagen bereits im Universum riskanterer Anlageformen durch. Aktien jener Gesellschaften, die keine starken operativen Gewinne lukrieren, keinen Substanz- oder Ertragswert aufweisen, kommen (selbst in Erwartung eines Wachstums) unter Druck. Unternehmen im Technologiesegment, deren Wertpapiere noch vor kurzem Momentum-getrieben waren, erfahren nun rasch eine tiefere „Neubewertung“. Sogenannte „Meme“-Titel (diese gewannen vorwiegend über Social-Media-Kanäle an Popularität) sind von einem Exodus ihrer Anleger bedroht.

Selbsterfüllende Prophezeiung
Im Zuge des Paradigmenwechsels unter Investoren und der hohen Gewichtung dieser Aktien in führenden Indizes werden börsengehandelte Fonds (ETFs) massiv in Mitleidenschaft gezogen. Dies führt bereits zu bösen Überraschungen. Gegenüber der Marktanalyse-Plattform Seeking Alpha sieht der Stratege von Infrastructure Capital, Jay Hatfield, die Schwäche des Technologie- und Krypto-Sektors als „Doppelschlag“ im ETF-Universum. Hatfield führt beispielsweise den „Global X Fintech ETF“ (zu 79 % in Softwarefirmen investiert; ISIN: IE00BLCHJZ35) an, der binnen der vergangenen drei Monate einen Abschlag von 30 % zu verkraften hatte. Für Todd Rosenbluth, ETF-Leiter bei der Investment-Research-Firma CFRA, ist der Trend schlüssig: „Die Bereitschaft zu Risiko reduziert sich. Investoren suchen jetzt Stabilität.“

Die kostengünstige Nachbildung als Bumerang?
Technologieaktien sind heute verstärkt in führenden Hauptindizes wie dem Dax, dem Euro Stoxx 50 oder dem S&P 500 gewichtig vertreten. Unzählige ETFs bilden diese Anlagebarometer nach. Durch Positionsliquidierungen mit hohem Volumen droht diesen (trotz der hohen Marktbreite) ein Klumpenrisiko. Offensive Branchen-ETFs traf es jüngst noch empfindlicher: So wird unterdessen der prominente „ARK Innovation ETF“ (NYSEARCA) von Cathie Wood immer weiter in die Knie gezwungen. Wurde doch mittels diesem Anlageprodukt immerhin an vorderster Front auf prominente Titel wie Tesla (US88160R1014), Teladoc (US87918A1051), Zoom (US98980L1017), Unity Software (US91332U1016) oder Spotify (LU1778762911) gesetzt. Noch im April 2021 um 156 USD gehandelt, erodierte der „ARK Innovation“ bereits auf 65 USD. Ab November kam der „Invesco Solar Energy ETF“ (IE00BM8QRZ79) mit -25 % unter die Räder. Auch werden die Zeiten für die Spekulation in das Biotechnologiesegment rau. ETFs, die den Nasdaq Biotechnology Index (XC0006170267) nachbilden, hatten im selbigen Zeitraum mit einer Median-Dezimierung von 22 % zu kämpfen.

Konservativer ETF-Sektor als Alternative
Dem jüngsten Finanzservice-Report von Thomson Reuters Lipper zufolge flossen in der Woche bis zum 2. Feber aus konventionellen Fonds und ETFs insgesamt 34,6 MrdUSD (30,45 Mrd Euro) ab. Alleine aus den US-Large-Cap-ETFs holten Investoren die gewaltige Summe von netto 9,4 MrdUSD (8,28 Mrd Euro) zurück. Binnen sieben Tagen wurden alleine im ETF-Segment der Small Caps 1,5 MrdUSD (1,32 Mrd Euro) und im Technologiebereich 995 MioUSD (876 Mrd Euro) eliminiert.

Angesichts dieser Umstände hielten sich Value ETFs wie der „iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS“ (IEOOBP3QZB59) oder der Xtrackers „MSCI World Value Factor UCITS“ (IE00BL25JM42) bisher mit Abschlägen von 3 % zur Spitze wacker und zeigten Resistenz.

Foto: AdobeStock / lassedesign

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wohlstand für alle

Die Politik des sozialen Ausgleichs in China öffnet Anlagechancen.

Harald Kolerus. Ein kurzer Rückblick: 2021 legten Aktien aus Industrieländern weiter deutlich zu und erreichten mitunter neue Rekorde. Hingegen entwickelte sich die Performance in den Emerging Markets bescheiden. Ein Hauptverantwortlicher dafür: Das Reich der Mitte.

Scharfer Gegenwind
„China zog die Schwellenländer nach einer sektorübergreifenden Verschärfung der Kreditvergabe und der aufsichtsrechtlichen Bestimmungen im Zusammenhang mit der ‚Common prosperity‘-Politik (dazu später mehr, Anm.) nach unten“, analysieren Fredrik Bjelland und Cathrine Gether vom norwegischen Assetmanager Skagen in einem aktuellen Kommentar. Für 2022 erwarten die Experten aber ein etwas günstigeres Umfeld: „Der Kreditzyklus könnte nach einem Jahr der Straffung an einem Wendepunkt angelangt sein, und wir hoffen, dass nun der Höhepunkt des regulatorischen Drucks überschritten ist.“

Covid belastet
Wobei allerdings nicht vergessen werden darf, dass Corona zu einem deutlichen Schuldenanstieg bei Staat und Unternehmen in China geführt hat. Hinzu kommt, dass Lockdowns im Zuge der strengen „Null-Covid-Politik“ zu Jahresbeginn die Wirtschaft belastet haben. Solche und andere Faktoren belasten, so wie beispielsweise auch die über viele Jahrzehnte restriktive Geburtenkontrolle, die in den kommenden Jahren zu einem Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung führen wird. Die DekaBank glaubt daher an ein geringeres Wirtschaftswachstum in der näheren Zukunft: „Wir gehen aber davon aus, dass die Regierung BIP-Wachstumsraten von deutlich unter 5 % in den Jahren 2022 und 2023 verhindern will, da ihre Beschäftigungsziele sonst in Gefahr gerieten“, heißt es in der Trendanalyse.

Alles in allem liest sich das jetzt nicht wie eine Vorzeigestory aus dem Investment-Lehrbuch. Was spricht also für China? Das wurde in einem Webinar des Assetmanagers Abrdn (ehemals Standard Life Aberdeen plc), an dem der Börsen-Kurier teilgenommen hat, ausführlich besprochen.

Sozialer Ausgleich im Fokus
Donald Amstad, Global Head of Client Growth, legte die politische und makroökonomische Perspektive dar: „Für Peking steht soziale Stabilität im Mittelpunkt. Die Regierung fürchtet Destabilisierung und alles, was sie verursachen könnte. Zwar kann die Kommunistische Partei natürlich nicht abgewählt werden, aber gerade deshalb kann sie sich auch nicht ,verstecken‘, sie ist sozusagen für alle Vorgänge im Land verantwortlich.“ So wäre steigende soziale Ungleichheit im Land fatal, ein demokratisches politisches Ventil gibt es nicht, das Konfliktpotenzial würde steigen. Deshalb rückt Peking sozialen Ausgleich und eben „Common prosperity“ in den Fokus, also Wohlstand für alle. „Die Regierung versucht wirklich, das Leben der Bürger besser und erschwinglicher zu machen. Das betrifft die wesentlichen Bereiche Wohnen, Gesundheit und Erziehung“, so Amstad.

Fonds und Aktien
Das ist natürlich mit einer anvisierten Steigerung der Kaufkraft verbunden, was Anlagechancen im Binnenmarkt öffnet. Der „Aberdeen China A Share Equity Fund“ (ISIN: LU1130125799) hat sich dabei auf fünf Sektoren konzentriert: Digitalisierung, Gesundheit, „Grüne Investments“, „Wealth“ (steigender Wohlstand unterstützt die Finanz- und Versicherungsindustrie) sowie „Aspiration“ (stärkere Konsum-Nachfrage).

Ben Sheehan, Senior Investment Specialist Asia bei Abrdn, erklärte: „Rund ein Drittel des Portfolios ist im Konsumbereich investiert. Eine sozial ausbalancierte Gesellschaft und die rasant wachsende Mittelschicht versprechen hier Wachstum.“ Die drei größten Titel im Fonds sind „China Tourism Group Duty Free“, „Kweichow Moutai“ (Spirituosen-Hersteller) und „China Merchants Bank“. Unwahrscheinlich, dass man hierzu-lande von diesen Aktien schon etwa gehört hat. Die richtige Auswahl ist gerade in China etwas für professionelle Fondsmanager.

Foto: Pixabay / MaoNo

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Berufsunfähigkeitsversicherung als erklärungsbedürftigen Bedarf betrachten

In einer gemeinsam mit dem Linzer Market-Institut durchgeführten Studie hat die Nürnberger Versicherung erhoben, was die Österreicher über das Thema Berufsunfähigkeitsabsicherung wissen und wie hoch die Bereitschaft ist, privat vorzusorgen.

(17.07.) Die Umfrage zeigt, dass es den meisten Menschen sehr wohl bewusst ist, dass die staatlichen Pensionsleistungen im Invaliditätsfall zur Sicherung des Lebensstandards kaum ausreichen werden. Dennoch sorgen die wenigsten privat für diesen Fall vor. Als Hauptgründe, warum man derzeit noch keine private Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) besitzt, werden fehlende Informationen sowie „keine Aufmerksamkeit für das Thema“ genannt. Rund ein Viertel der Befragten verdrängt das Thema und geht davon aus, nicht berufsunfähig zu werden.

Potenzieller Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung
Bei der Frage, inwieweit man sich grundsätzlich vorstellen kann, zukünftig eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, zeigt sich eine gewisse Ambivalenz. 45 % der Befragten, die noch keine private BU-Absicherung haben, sprechen sich grundsätzlich dafür aus – die andere Hälfte zeigt kein Interesse oder hat keine Meinung dazu. Bei Menschen bis 45 Jahren liegt das potenzielle Interesse an einer Berufsunfähigkeitsversicherung bei deutlich mehr als 50 %.

„Dieses Ergebnis macht klar, dass jeder Zweite grundsätzlich offen für die private BU-Versicherung ist. Die wenigsten werden aber von sich aus auf ihren Berater zugehen, um dieses Risiko aktiv anzusprechen“, meint dazu Mag. Erwin Mollnhuber (Foto), Mitglied des Vorstands der Nürnberger Versicherung.

Erster Ansprechpartner
Im Falle des konkreten Abschlusses einer BU-Versicherung wäre der Berater der eigenen Versicherung für 46 % der erste Ansprechpartner – 21 % würden einen unabhängigen Versicherungsmakler konsultieren. Dass man eine BU-Versicherung bei einem unabhängigen Versicherungsmakler abschließen kann, hält ein Drittel der Befragten für wichtig bzw. sehr wichtig.

„Was für die meisten Versicherungsprodukte gilt, zeigt sich bei der Berufsunfähigkeitsversicherung besonders deutlich: Der Bedarf ist dem Kunden in der Regel nicht bewusst. Er hat zwar eine vage Vorstellung davon, wie es im Fall der Fälle sein könnte. Es bleibt aber die Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen werde. Die private BU-Absicherung sollte daher aus unserer Sicht vom Versicherungsmakler im Kundengespräch regelmäßig angesprochen werden“, so Mollnhuber.

„Um dem Kunden den konkreten Bedarf aufzuzeigen, bietet die Nürnberger im Internet unter www.vorsorge-app.at ein eigenes Berechnungsprogramm an. Damit kann der Berater dem Kunden aufzeigen, wie groß seine Wahrscheinlichkeit ist, berufsunfähig zu werden, wie hoch die finanzielle Lücke in einem solchem Fall wäre und was es kosten würde, diese Lücke durch eine private BU-Absicherung zu schließen“, erläutert Mollnhuber abschließend.

Studiendesign:

Zielgruppe: Berufstätige (bzw. Arbeitssuchende und Personen in Karenz) 16-59 Jahre in Österreich. Befragungsart: Online-Interviews im MARKET Panel. Befragungszeitraum: März 2021. Auswertungsbasis: Berufstätige insgesamt: n=500 maximale statistische Schwankungsbreite +/- 4,48.

Foto: Richard Schabetsberger

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Das Starterdepot für die Langfristvorsorge

Fürs Alter in die weltweite Wirtschaftsleistung investieren.

Julia Kistner. Selten ist das Börsenjahr mit derartigen Achterbahnfahrten der Aktienkurse gestartet. Ist das unbedingt der richtige Zeitpunkt, mit der Vorsorge zu beginnen? Ja, denn es gibt keinen falschen Zeitpunkt! Timing ist eine Kunst, die niemand beherrscht, und je länger der Anlagehorizont ist, desto weniger fällt ein günstiger Kaufzeitpunkt bei soliden Investments ins Gewicht. Zur Sicherheit spricht auch nichts dagegen, nicht alles an einem Tag zu investieren, sondern über einem bestimmten Zeitraum in mehreren Tranchen zu veranlagen. Hier sollte man sich nur über die Mindestgebühren erkundigen, damit nicht die Spesenfalle bei zu kleinen Ordern zuschlägt.

Wer keinen größeren Einmalbetrag zur Verfügung hat, sondern von seinem Einkommen kontinuierlich etwas veranlagen möchte, hat das Timing-Problem ohnedies nicht. Man investiert eine stets gleich hohe Summe in dieselben Finanzprodukte. So erwirbt man in schlechten Börsenzeiten mehr, in Boom-Phasen weniger Aktien oder Fondsanteile und profitiert so von durchschnittlich günstigeren Preisen, vom sogenannten „Cost-Average“-Effekt. Der wirkt umso mehr, je mehr das gewählte Anlageprodukt schwankt. Wichtig ist nur, dass man seinem konkreten Investmentplan treu bleibt und sich nicht von irgendwelchen Börsen-Geheimtipps davon abbringen lässt, und dass man sein Verlustrisiko möglichst breit streut.

Risikostreuung über den Globus
Wer keine konkrete Anlageidee hat, ist mit einem Starter-Depot gut bedient, das möglichst getreu die Weltwirtschaftsleistung abdeckt. „Man investiert entsprechend der Verteilung des weltweiten Bruttoinlandsprodukts“, empfiehlt Jan Altmann, Analyst bei justETF-.com, der sich dabei an den Statistiken des IWF orientiert: „Man teilt sein Portfolio mit Länder-ETFs ein in 28 % USA, 24 % Europa, 6 % Japan. Weiters investiert man rund 3 % in die Region Asian Pacific ohne Japan und 39 % in die übrigen Schwellenländer inklusive China.“ Zur Risikostreuung hat Jan Altmann persönlich auch noch Anleihen-ETFs und Gold im Portfolio.

Florian Ielpo von der deutschen Fondsgesellschaft Lombard Odier Investment Managers LOIM sieht für die nächsten Jahren mehr Potential in Europa und in den Emerging Markets, weniger in den USA: „Langfristig würde ich Europa, die USA und die Emerging Markets jedenfalls gleich gewichten.“ Dies kann man mit spezialisierten spesengünstigen ETFs oder klassischen gemanagten Fonds machen. Interessant ist, dass selbst so ein traditionelles Investmentfondshaus wie Franklin Templeton auch nicht mehr ausschließlich auf das Know-How ihrer Manager setzt, sondern vermehrt auch auf eine Mischung aus Indexfonds und aktivem Fondsmanagement. „Active ETFs sind ein sehr stark wachsendes Segment“, ist Caroline Baron, Head of ETF Business Development, Emea bei Franklin Templeton überzeugt, womit man etwas komplexere Assetklassen gut abdecken könne, wie es momentan die Anleihen seien oder auch fernere Wachstumsmärkte wie Indien. Der Sinneswandel der klassischen Fondsgesellschaften kommt vom massiven Konkurrenzdruck durch spesengünstige ETFs, aber auch, weil börsengehandelte Indexfonds in den derzeit turbulenten Börsenzeiten gut und günstig handelbar sind. Was noch für Indexfonds spricht: laut Analyse des Ratinghaus Scope konnte von 2.000 Fonds im Vorjahr nicht einmal jeder dritte Fondsmanager (29,1 %) den Vergleichsindex outperformen. Im Jahr 2020 waren es immer-hin noch 46 % der Fondsmanager.

Foto: AdobeStock / spotmatikphoto

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Moskau, ein Markt für Hasardeure

Trotz massiver Kursverluste: Eine politische Entspannung könnte rasch einen Stimmungswechsel einleiten.

Roman Steinbauer. In der Weltpolitik ist die Russische Föderation gegenwärtig präsent wie kaum ein anderer Staat. Der vergangene Montag zeigte erneut auf, wie massiv der Moskauer Finanzplatz von Unsicherheiten geprägt ist. Unternehmen zaudern mit Investitionen, Investoren verkauften während der vergangenen Monate in großem Umfang russische Wertpapiere. Zu groß sind Bedenken, eine politische Eskalation könnte Sanktionen nach sich ziehen, die für so gut wie alle börsennotierten Gesellschaften im größten Land der Erde folgenreich wären.

Der „Kauf bei Kanonendonner“ als Spekulation
Über drei Monate war der Aktienindex RTS (ISIN: RU000A0JPEB3) von einem Abgabedruck gezeichnet, der diesen bis am Montag auf 1.420 Punkte drückte. Obwohl anziehende Rohöl-, Gas- und Basismetallpreise vielen Energieunternehmen (diese vertreten mehr als 50 % der Kapitalisierung im Index) eigentlich hervorragend ins Geschäftskonzept passen, waren auch deren Notizen nicht vor Einbrüchen gefeit. Aber wie die letzte Jänner-Woche kurzfristig signalisierte, fallen Gegenbewegungen rasch und kräftig aus. Galt und gilt Panik generell am Aktienmarkt als schlechter Ratgeber, bestätigte sich diese Weisheit auch kurz nach der Russland-Krise 1998. In diesem Fall kamen waghalsige Anleger auf ihre Rechnung.

Währungsumrechnungen bleiben Investoren bei Papieren des RTS-Index erspart. Der nach Marktkapitalisierung gewichtete Kursindex (ausgeschüttete Dividenden werden dem Punktestand nicht hinzugezählt) konvertiert die Notizen auf Dollar-Basis.

Chancen abseits der Energiegiganten
Die Bedeutung namhafter russischer Gas- und Ölversorger wie Gazprom (US3682872078), Lukoil (US69343P1057), Rosneft (US67812M2070), Tatneft (US8766292051), Novatek (US6698881090) und Rohstoffriesen wie Nornickel (RU0007288411) ist Anlegern geläufig. Den Blick weiter zu schwenken könnte sich aber lohnen. Denn neben Metallurgie-Größen wie Novolipetsk Steel (US67011E2046), Severstal (US8181503025) oder dem Goldförderer Polyus (US73181M1172) notieren im RTS auch Vertreter anderer Branchen mit Perspektiven. Im Lebensmittel- und Einzelhandel etwa von X5 Retail Group (US98387E2054) über Magnit (US55953Q2021) bis zum Düngemittelkonzern PhosAgro (US71922G2093). Diese starken Konzerne sind zudem durchwegs an deutschen oder US-Börsen gelistet.

Die Inflation und Kriegsgefahr überschatten
Einerseits stellt die hohe Abhängigkeit vom Rohstoffhandel chronisch einen ökonomischen Makel für die Russische Föderation dar, andererseits sieht die derzeitige Datenlage des Landes keineswegs besorgniserregend aus.

Die Abwertung des Rubels blieb im Verhältnis zum Euro mit 16 % im Verlauf der vergangenen drei Jahre überschaubar. Um der stark steigenden Inflationsrate von 8,7 % (Jänner zum Vergleichsmonat des Vorjahres) entgegenzuwirken, hob die Notenbank den Leitzins in der Vorwoche das achte Mal in Folge auf nun 9,5 % an.

Der Handelsbilanzüberschuss schwoll im Zuge der hohen Energiepreise nach Angaben des staatlichen Statistikamtes im Dezember (letzte Daten) auf den historischen Rekordwert von 27 MrdRUB (310 Mio Euro) an. Für diesen Vergleichszeitraum konnte das Wirtschaftsministerium in Moskau mit +4,3 % neun Perioden in Folge ein BIP-Wachstum melden.

Stabil zeigt sich ebenso der Einzelhandel, der mit +5,4 % sogar überraschte. Ebenso sind die hohen Rohstoffnotizen für den Rekordstand an Währungsreserven verantwortlich, die nach Angeben der Notenbank auf 649 MrdUSD (571 Mrd Euro) kletterten.

Und auch die Arbeitslosenrate (das sind die Beschäftigung suchenden Arbeitsfähigen aller Altersstufen) liegt mit 4,3 % auf dem tiefsten Niveau seit den Aufzeichnungen nach dem Zerfall der UdSSR.

Foto: AdobeStock / World Images

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

KESt-Befreiung hätte auch volkswirtschaftlich Vorteile

Vieles spricht für die Steuerbefreiung von längerfristigen Gewinnen.

Michael Kordovsky. Aktien, die ab dem 1. Jänner 2011 angeschafft wurden und ab dem 1. April 2012 veräußert werden, unterliegen in Österreich generell der KESt, die 2016 auf 27,5 % angehoben wurde. Zuvor galt bei Aktien eine Spekulationsfrist von einem Jahr. Behielt man die Aktien länger als ein Jahr, waren die realisierten Kursgewinne danach steuerfrei, innerhalb der Frist unterlagen sie dem individuellen Einkommenssteuertarif.

Angenommen ein Anleger erzielt binnen drei Jahren 70 % Kursgewinn mit einer Aktie, bleiben nach 27,5 % KEST-Abzug (die von inländischen Banken einbehalten und abgeführt werden) davon nur noch 50,75 % übrig und die Transaktionsspesen fallen stärker ins Gewicht. Das dämpft die Freude an Aktieninvestments, was die Wiener Börse gegenüber dem Börsen-Kurier wie folgt quantifiziert: „Die durchschnittlichen Monatsumsätze beliefen sich 2011 auf 5,03 Mrd Euro und gingen 2012 auf 3,01 Mrd Euro zurück, obwohl der ATX 2012 deutlich positiv performte.“ Gleichzeitig begleiteten unmittelbar sinkende Zugriffszahlen auf der Wiener-Börse-Webseite diese Entwicklung im Jahr 2012 – ein wahrscheinliches Indiz für eine abnehmende Aktivität der Privatanleger.

Im Niedrigzinsumfeld Sparbuchalternativen fördern
Die Wiener Börse nennt explizit folgende Gründe, die für eine Wiedereinführung der Behaltefrist sprechen, nämlich:

• Das wäre ein wichtiger Schritt zur Bildung einer breiteren Aktionärsbasis in Österreich.

• Langfristige Orientierung und Investition in die heimische Realwirtschaft sollte im Gegensatz zu kurzfristiger Spekulation belohnt werden.

• Gerade im derzeitigen Niedrigzinsumfeld müsste der Zugang zum Investieren erleichtert werden.

• Personen mit langfristigem Anlagehorizont sollten ihr bereits versteuertes Arbeitseinkommen steuerfrei veranlagen können.

Das wichtigste Argument skizzierte die Wiener Börse uns gegenüber wie folgt: „Aktien sind mit der richtigen Strategie (langfristig, breit gestreut, Stück für Stück, niedrige Gebühren) ein wichtiges Instrument für den Vermögensaufbau. Die Österreicherinnen und Österreicher suchen aktiv nach Veranlagungsmöglichkeiten. Bis dato hat ein Großteil das – früher auch akzeptabel verzinste – Sparbuch genützt. Aktien als Teil der Realwirtschaft sollten hier gefördert werden. Diese Maßnahme unterstützt den breiten Mittelstand, der aus bereits versteuertem Arbeitseinkommen veranlagt und dessen Kaufkraft jährlich dahinschmilzt. Der Zugang über die Kapitalmärkte ist geregelt und transparent.“

Volkswirtschaftlich auf den Punkt bringt es Christoph Boschan, der CEO der Wiener Börse: „Die Wiedereinführung der Behaltefrist regt zum Investieren an, nicht zum Spekulieren. Diese Mittel werden wir für die Transition in die CO2-freie Zukunft, den demografischen Wandel und die Innovationssicherung brauchen. Diese richtige Maßnahme kommt außerdem zum richtigen Zeitpunkt für den breiten Mittelstand, der nach Veranlagungsalternativen zum Sparbuch sucht.“

Hinzukommt bei stärkerer Aktiennachfrage ein höheres Eigenkapital-Finanzierungspotenzial für Unternehmen, zumal es vor allem für mittelständische Unternehmen tendenziell schwieriger wurde, an Bankkredite heranzukommen. Auf Umwegen einer höheren Investitionstätigkeit würden durch steuerliche Förderung von Aktien auch neue Arbeitsplätze entstehen.

Regierungsprogramm rasch umsetzen
Auf die Frage des Börsen-Kurier bezüglich gewünschter weiterer Reformen, die den Finanzplatz Wien betreffen, antwortete die Wiener Börse: „Die rasche Umsetzung des vorliegenden Regierungsprogrammes. Es beinhaltet wichtige Bausteine, um privates Kapital zu aktivieren und Unternehmertum in Österreich zu stärken. Außerdem eine Stärkung von Finanz- und Wirtschaftsbildung – hier wurde mit der ‚Nationalen Finanzbildungsstrategie‘ bereits eine Initiative auf den Weg gebracht, bei der die Wiener Börse sich einbringt. Zusätzlich sollte regulatorisches ‚Gold Plating‘ abgebaut werden sowie Entbürokratisierungen und eine Stärkung der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge erfolgen.“

Foto: Pixabay / Geralt

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Das bedeutet eine straffere Geldpolitik für die Aktienmärkte

(08.02.) Die letzten Monate markierten eine Trendwende in der Geldpolitik: Neben der Bank of England zog auch die Fed ihre Zügel an. Einige Marktteilnehmer gehen davon aus, dass selbst die EZB noch in diesem Jahr mit einer Straffung beginnen könnte. Die größte Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer gilt jedoch den USA, sagt Ivan Domjanic, Capital Market Strategist bei M&G Investments – nachstehend sein Kommentar.

„In den USA preist der Markt in diesem Jahr bereits fünf Zinsschritte ein. Sogar mit einem baldigen Beginn des sogenannten ,Quantitative Tightening‘, also dem Entzug von Liquidität aus dem Finanzsystem, wird gerechnet. Die entsprechenden Ankündigungen haben sich bereits auf die Anleihemärkte ausgewirkt. Insbesondere die kurzlaufenden US-Anleiherenditen stiegen zuletzt rasant, doch auch die Renditen langlaufender Treasuries gingen signifikant nach oben.

Welche Auswirkungen steigende Anleiherenditen auf die Entwicklung innerhalb des Aktienmarktes haben, konnte im Januar eindrucksvoll beobachtet werden. Während Value-Aktien einigermaßen gut mit den steigenden Renditen zurechtkamen, haben Wachstumstitel teilweise deutlich Federn lassen müssen. Dies ist rein bewertungstechnisch auf den Effekt zurückzuführen, dass ein steigender Diskontierungssatz besonders den heutigen Wert solcher Cashflows negativ beeinträchtigt, die weit in der Zukunft liegen, was üblicherweise bei Wachstumstiteln der Fall ist.

Growth ist nicht gleich Growth
Während einige Wachstumstitel, wie die häufig genannten Big-Tech-Werte aus den USA, überwiegend sehr starke Cashflows generieren und hochprofitabel sind, erscheinen vor allem die kleineren, oftmals unprofitablen Growth-Werte, auch als ,Concept-Stocks‘ bekannt, am anfälligsten. Tatsächlich befinden sich viele dieser Titel nicht erst seit Anfang des Jahres, sondern bereits seit dem zweiten Quartal 2021 in einem klaren Abwärtstrend. Auch in diesem Jahr sind viele etliche davon regelrecht eingebrochen. Qualitätsunternehmen mit hochprofitablem Wachstum sind zwar ebenfalls unter Druck geraten, sollten jedoch mittelfristig deutlich besser mit steigenden Anleiherenditen zurechtkommen.

Reflationäres Umfeld bringt Value-Aktien in den Vordergrund
Value-Titel sind weniger stark von den steigenden Anleiherenditen getroffen, weil ihre erwarteten Cashflows nicht so sehr in die Zukunft verlagert sind, wie es bei Wachstumstiteln der Fall ist. Zum anderen sind sie oftmals zyklischer und profitieren damit stärker von einem zyklischen Aufschwung. Doch auch hier muss man differenzieren, denn nicht alle Value-Titel sind unterbewertet, nur weil sie günstig sind. Die Kunst hierbei ist es, die sogenannten ,Value-Traps‘ zu erkennen und auszuschließen. Das sind Aktien, die zurecht so niedrig bewertet sind, da ihre Geschäftsmodelle in Zukunft vor großen Herausforderungen stehen.

Doch was ist mit der Inflation?
Die Inflation und die damit einhergehenden steigenden Anleiherenditen könnten übergeordnet für Value-Aktien sprechen. Allerdings könnte besonders die hohe Produzentenpreisinflation, die sich derzeit deutlich oberhalb der Konsumentenpreisinflation befindet, bei einigen Value-Unternehmen ohne Preissetzungsmacht die Margen unter Druck bringen. Hier wären wiederum die weniger kapitalintensiven Qualitätsunternehmen mit Preissetzungsmacht klar im Vorteil. In diesem reflationären Umfeld bietet es sich daher an, über eine Mischung aus Value- und Qualitätsaktien mit Wachstumspotential nachzudenken, wobei in beiden Segmenten eine aktive Titelselektion entscheidend sein wird.“

Foto: M&G

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Neuer Zinsschub: Was haben die Notenbanken vor?

Der März wird ein geldpolitisch entscheidender Monat mit viel Überraschungspotenzial.

Michael Kordovsky. Die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten kletterte von März 2020 bis Dezember 2021 von 1,5 auf 7,0 % (das ist der höchste Wert seit Juni 1982), und in der Eurozone von 0,75 auf 5,0 %, um im Jänner 2022 mit 5,1 % den alten Rekordwert nochmals zu übertreffen.

Dabei wuchs in den USA die Wirtschaft im Jahr 2021 annualisiert um 5,7 % (höchster Wert seit 1984) und im vierten Quartal sogar um 6,9 % versus den erwarteten 5,5 %. In den Monaten Dezember 2021 und Jänner 2022 entstanden außerhalb der Landwirtschaft jeweils 510.000 bzw. 467.000 Stellen. Die Jahres-Steigerung der US-Stundenlöhne beschleunigte sich von Dezember auf Jänner von 4,7 auf 5,7 %.

Die Iden des März
Die Fed wird ohne größere Zwischenfälle bereits in ihrer Sitzung am 16. März eine erste Leitzinsanhebung seit Dezember 2018 durchführen, zumal bis dahin die monatlichen Anleihenkäufe von ursprünglich 120 MrdUSD bereits auf null heruntergefahren sind. Das CME FedWatch-Tool auf Futures-Basis preist diese Zinsanhebung zu 100 % ein. Die Frage ist dabei, ob es bei nur 0,25 %-Punkten bleiben wird. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 36,6 % wäre es sogar eine stärkere Anhebung um 0,50 %-Punkte von 0 bis 0,25 % auf 0,50 bis 0,75 %.

Die hohe Inflation erfordert härteres Durchgreifen und die Markterwartungen haben sich geändert: Der von der Universität Michigan entwickelte Maßstab zur Messung von Inflationserwartungen zeigt, dass die Fünf-Jahres-Inflationserwartung im Jänner mit 3,1 % den höchsten Stand seit 2009 erreichte. Noch im März 2020 lag der Wert bei 2,3 %.

Ende März 2022 enden im Euroraum die Pandemie-Ankäufe. Der EZB-Rat beabsichtigt, die Tilgungsbeträge der im Rahmen des PEPP erworbenen Wertpapiere mindestens bis Ende 2024 weiter-hin bei Fälligkeit wieder anzulegen. Das zukünftige Auslaufen des PEPP-Portfolios wird in jedem Fall so gesteuert, dass eine Beeinträchtigung des angemessenen geldpolitischen Kurses vermieden wird. Konkret impliziert dies Sorgen um hochverschuldete Länder wie Griechenland, Spanien und Italien, bei denen Anleihen-Renditeanstiege bei Wegfall der künstlichen Nachfrage durch EZB-Ankäufe besonders ins Gewicht fallen. Um dem vorzubeugen, reinvestiert die EZB ausgelaufene Papiere des PEPP-Portfolios noch bis Ende 2024. Indessen sollte das längerfristige Anleihen-Kaufprogramm APP noch weiter laufen. Erst nach dessen Ende sind Leitzinsanhebungen ein Thema. Dennoch hat sich etwas geändert: EZB-Präsidentin Christine Lagarde ließ in der Pressekonferenz nach der EZB-Sitzung am 3. Feber die Äußerung fallen, eine Leitzinsanhebung 2022 sei sehr unwahrscheinlich. Dafür hielt sie sich mehrere Optionen offen. Entscheidend wird somit die kommende Sitzung am 10. März, in der sich der EZB-Rat auf Basis aktualisierter Datenlage genauer der weiteren Geldpolitik widmen möchte. Derzeit werden fleißig Daten gesammelt.

Inflationsgefahr ursprünglich unterschätzt
So befragt die EZB viermal im Jahr Volkswirte zu deren Wachstums- und Inflationsprognosen für die Eurozone und die jüngsten Inflationseinschätzungen sind kritisch: Für das Jahr 2022 wird ein Anstieg der Verbraucherpreise um 3,0 % erwartet, verglichen mit erwarteten 1,9 % in der Herbstumfrage 2021. Für 2023 wurde die Prognose von 1,7 auf 1,8 % nach oben revidiert und 2024 sollte bereits wieder ein Rückgang auf 1,9 % folgen. Offensichtlich haben die Experten die Nachhaltigkeit der Inflation unterschätzt.

Umso spannender wird deshalb die nächste EZB-Ratssitzung. In diesem Zusammenhang und im Konnex mit der jüngsten EZB-Entscheidung meint Expertin Sandra Holdsworth vom internationalen Assetmanager Aegon: „Die EZB hat (heute) ihre Geldpolitik nicht verändert. Präsidentin Lagarde hat jedoch sehr stark angedeutet, dass sie auf ihrer Sitzung im März ihren derzeitigen Kurs neu bewerten wird. Die EZB hat auch einen Satz in der begleitenden Erklärung gestrichen, der besagte, dass Anpassungen der Geldpolitik in beide Richtungen möglich seien. Es wird daher davon ausgegangen, dass eine Änderung der Geldpolitik zu einer strafferen Haltung führen wird. Dies wird auf den Anleihemärkten abgewartet, aber es ist unklar, in welchem Umfang, zu welchem Zeitpunkt und mit welchem Instrument dies geschehen wird. Die Sitzung im März wird Aufschluss geben, aber in der Zwischenzeit werden die Spekulationen weitergehen.“

Fakt ist, dass am Freitag, 4. Feber, der Drei-Jahres-EUR-Swapsatz mit 11 Basispunkten auf 0,3510 % am stärksten angestiegen ist. Doch bereits der Zwei-Jahres-EUR-Swapsatz stieg um 10 Basispunkte auf 0,139 %, verglichen mit einem Anstieg des 30-Jahres-EUR-Swapsatzes um nur fünf Basispunkte auf 0,5680 %. Allerdings erreicht die Zinskurve im 15-Jahres-Bereich ihren Peak bei 0,7290 % und verläuft dann invers. Die Renditen zehnjähriger deutscher Bundesanleihen, die bereits auf Monatsbasis um 33 Basispunkte anstiegen, sprangen am Freitag um sieben Basispunkt auf 0,20 %. Die Anhebung der Bank Rate in Großbritannien um 0,25 %-Punkte auf 0,50 % war hingegen weitgehend eingepreist, während die Renditen zehnjähriger US-Treasuries auf aktuelle Arbeitsmarktdaten um neun Basispunkte auf 1,92 % sprangen.

Fazit
Die Inflation diktiert den Notenbanken immer mehr das Gesetz des Handelns, und so lange es zu keiner größeren Konjunkturdelle kommt, setzt sich weltweit im möglichen Handlungsrahmen eine tendenziell restriktivere Geldpolitik durch.

Foto: wikimedia / AgnosticPreachersKid

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Kernkraft und Gas sind jetzt „grüne“ Energiequellen

Die EU-Kommission bleibt dabei: Kernenergie und Gas werden als nachhaltig eingestuft.

Andreas Dolezal. Erst in der vergangenen Silvesternacht, kurz vor Mitternacht, hat die EU-Kommission den Entscheidungs- bzw. Konsultationsprozess darüber eingeleitet, ob Kernenergie und Gas als nachhaltig und grün eingestuft werden. Sollte die EU-Kommission gehofft haben, mit diesem bemerkenswerten Timing kontroversen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, hat sie sich getäuscht.

Der Konsultationsprozess war nicht öffentlich. Der Entwurf einer ergänzenden Taxonomie-Verordnung (Anm.: die Taxonomie ist ein Klassifikationsschema und stammt aus dem Altgriechischen für Ordnung und Gesetz) ging an die Plattform für nachhaltiges Finanzwesen und die Sachverständigengruppe der Mitgliedstaaten für nachhaltiges Finanzwesen. Die beiden Gremien hatten gerade einmal bis Mitte Jänner Zeit, um ihre Beiträge vorzulegen.

Klage gegen Kommissionspläne
Österreichs Klimaschutzministerin Leonore Gewessler und sämtliche Umweltschutz-Organisationen liefen von der ersten Sekunde an Sturm gegen den Plan, Atomstrom und den fossilen Brennstoff Gas als „grün“ einzustufen. Österreich ist fest entschlossen Klage einzureichen, wenn sich die Pläne der EU-Kommission durchsetzen. Und genau danach sieht es nach der Pressekonferenz von EU- Kommissarin Mairead McGuinness am 2. Feber aus.

„Wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, um Klimaneutralität zu erreichen“, sagt Kommissarin McGuinness. Und weiter: „Heute legen wir dar, wie Gas und Kernenergie einen Beitrag zum schwierigen Übergang zur Klimaneutralität leisten können.“

Die einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden weiterhin in vollem Umfang über ihren eigenen Energiemix entscheiden, die Taxonomie bleibt ein freiwilliges Instrument, bekräftigt sie. Auch Investoren können weiterhin frei entscheiden, ob sie in Kernkraft oder Erdgas investieren wollen.

Kernenergie und Gas werden nur unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig gelten. Bei Kernenergie sind das Verbesserungen und fortschrittliche Technologien bei den Sicherheitsstandards und der Abfallbewirtschaftung (Stichwort Atommüll). Für Gaskraftwerke gelten strenge Auflagen, einschließlich Emissionsgrenzwerten, und es wird verlangt, dass die Anlagen emissionsintensive Anlagen ersetzen. Dazu kommen „im Interesse der Transparenz“ Vorschriften für die Offenlegung.

Viele Kernenergie-Befürworter
Nachdem die EU-Kommission den delegierten Rechtsakt angenommen hat, liegt der Ball beim Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten. Sie haben vier Monate (falls erforderlich auch sechs Monate) Zeit, den Text zu prüfen. Zu verhindern ist das geplante Inkrafttreten am 1. Jänner 2023 nur noch dann, wenn 20 der 27 EU-Mitgliedstaaten, die mindestens 65 % der EU-Gesamtbevölkerung repräsentieren, oder eine absolute Mehrheit im EU-Parlament dagegen stimmen. Danach sieht es aber ganz und gar nicht aus. Es gibt zu viele Befürworter der Kernenergie unter den EU-Staaten.

Wenig Aussicht auf Erfolg
Österreich erwägt dennoch, dagegen zu klagen. Abgesehen davon, dass die meisten Juristen so einer Klage wenig Aussicht auf Erfolg geben, übersieht die Umweltministerin aber augenscheinlich, dass auch Österreich, insbesondere in den Wintermonaten, wenn unsere Wasserkraftwerke angesichts niedriger Wasserstände zu wenig Strom erzeugen, seinen Strombedarf mit importiertem Atomstrom deckt bzw. decken muss. Das Erzeugen von Atomstrom abzulehnen, ihn aber wohlwollend zu importieren, erfordert schon eine ziemlich breite Grätsche. Zumal auch Bundeskanzler Karl Nehammer bereits ebenso zutreffend wie martialisch prophezeit hat: „Wahrscheinlich verlieren wir diesen Krieg.“ Die Diskussion darüber, ob Kernenergie und Gas nachhaltige und „grüne“ Energiequellen sind, wird jedenfalls auch in den kommenden Monaten weitergehen.

„Der heutige Tag ist nicht das Ende – aber er ist ein Mittel zum Zweck. Wir müssen so schnell wie möglich aus den kohlenstoffreichsten Energiequellen wie Kohle aussteigen. Während dieses Übergangs kann das bedeuten, unvollkommene Lösungen zu akzeptieren“, hält Kommissarin McGuinness am Ende der Pressekonferenz fest. „Das Ziel ist eine kohlenstoffarme Zukunft, die mit erneuerbaren Energien betrieben wird. Dazu sind wir noch nicht in der Lage.“

So viel Realitätssinn in den Worten einer EU-Kommissarin macht beinahe schon wieder optimistisch, dass wir die Energiewende tatsächlich schaffen.

Foto: Pixabay / Burghard

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Mehr als Sonne und Wind

Experten von BNP Paribas und Nordea erklären ihre ESG-Strategie.

Harald Kolerus. Der sogenannte „Mega-Trend“ Nachhaltigkeit hat mitunter auch mit „Störfeuer“ zu kämpfen. So ist z. B. die Entscheidung der EU-Kommission, Kernenergie als „grün“ zu deklarieren, vielen Investoren sauer aufgestoßen. Wir haben Johannes Rogy, Head of Fund Distribution CEE bei Nordea, dazu und zu anderen Themen befragt.

Hoher „Diskussionsbedarf“
Zunächst hält der Experte fest, dass bei den Nachhaltigkeits-Fonds von Nordea Nuklearwaffen dezidiert ausgeschlossen sind. Aber auch in die friedliche Nutzung von Atomenergie wird nicht investiert.

Allerdings sorgt nicht nur Kernkraft für hitzige Diskussionen: Stößt überhaupt die gesamte Energiewende nicht auf große Umsetzungsschwierigkeiten (Stichwörter CO2-Bepreisung, Versorgung einer in Zukunft riesigen Flotte an Elektro-Autos mit erneuerbaren Energien etc.)?

Rogy holt weiter aus und bringt dabei brennende gesellschaftliche Aspekte ins Treffen: „Ja, ich denke, die aktuelle Impfpflicht-Diskussion ist nur ein Vorbote zu den Realisierungsproblemen, die uns die Energiewende bringen wird. Sollten die Pläne zu dieser Wende tatsächlich in konkreten Gesetzen und Verordnungen bei den Bürgern ankommen, werden wir Widerstände und enormen Diskussionsbedarf erleben. Nicht nur die technische Umsetzung sondern auch die Akzeptanz durch die Menschen wird noch viel ,Energie‘ bedürfen.“

„S“ wird immer wichtiger
Es sind also nicht nur die hinlänglich bekannten Themen wie Umweltschutz, Sonnenenergie, Windkraft oder Energieeffizienz, die von ESG-Managern beachtet werden müssen. Ein laut Johannes Rogy aktuell im Fokus stehendes Thema von Nachhaltigkeits-Investments ist der soziale Aspekt, also das „S“ in ESG. Hierzu möchte er ein konkretes Produkt hervorheben: Den „Nordea 1 – Global Social Empowerment Fund“ (ISIN: LU2257592944), der von dem ESG-Beratungs-Unternehmen MainStreet Partners heuer als bester sozialer Themenfonds ausgezeichnet worden ist. Die Konzentration des Produkts liegt hier eben auf dem „S“, wobei Qualitätsunternehmen, die soziale Lösungen anbieten und nachhaltigen Shareholder Value generieren, im Mittelpunkt stehen. Der Fonds orientiert sich dabei an den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung.

Eine Investmentthema für mehrere Jahrzehnte
Der Börsen-Kurier sprach über die Thematik auch mit Anita Frühwald, Country Head Austria & CEE von BNP Paribas Asset Management (BNP AM). Die Expertin erklärte im Interview: „Die Energiewende wird das dominierende Investmentthema in den kommenden Jahrzehnten werden. Die Welt muss an einem Strang ziehen und Energieproduktion aus Kohle und aus fossilen Energieträgern reduzieren. IRENA – die International Renewable Energy Agency – hat errechnet, dass bis 2050 Investitionen von 115 BioUSD notwendig sein werden, um bis zu diesem Zeitpunkt CO2-neutral zu sein, das Paris-Agreement umzusetzen und bis zum Ende des Jahrhunderts die Erderwärmung unter 2 Grad zu senken. Wobei man möglichst nahe an das Ziel von 1,5 Grad herankommen will.“

Das bedeutet Investitionen in die Entwicklung und Effizienzsteigerung von CO2-armen alternativen Energieformen, auch Digitalisierung muss genutzt und die Situation bei Lagerung und Transport verbessert werden.

In diesem Zusammenhang möchte Frühwald den Fonds „BNP Paribas Energy Transition“ (LU0823414809) vorstellen. Er investiert in drei wesentliche Bereiche der Klimawende: Produktion erneuerbarer Energien, Energie-Effizienz und technologischen Fortschritt, sowie Energie-Infrastruktur und Transport.

ESG besteht eben aus mehr als Windrädern und Solarpanelen.

Foto: AdobeStock / pogonici

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

China: Wachstum wird verhaltener ausfallen

Chinesisches Neujahr – Wirtschaftswachstum wird verhaltener ausfallen

(31.01.) „China steht ein Jahr mit weiteren Schließungen bevor, da die Wirtschaft des Landes durch die strenge Null-Covid-Politik gefangen gehalten wird, erklärt Sarvjeev S. Sidhu, Head of Emerging Market Strategy bei Aegon Asset Management. Sidhu ist der Ansicht, dass die von der chinesischen Regierung beschlossene Null-Covid-Politik das Wirtschaftswachstum im Vergleich zu 2021 verhaltener ausfallen lassen wird. Dies wurde bereits durch die jüngste Zinssenkung der People‘s Bank of China signalisiert.

Die langfristigen Wirtschaftsaussichten für China und die Schwellenländer hängen davon ab, wie schnell die negativen Auswirkungen der hochgradig übertragbaren Omicron-Variante mit einem Null-Covid-19-Ansatz bewältigt werden können. Wir gehen davon aus, dass China seine Null-Covid-Eindämmungspolitik beibehält, mit weitreichenden Abriegelungen, um die Ausbrüche der Delta- und Omicron-Variante zu unterdrücken. Eine rasche Verlangsamung des privaten Konsums und eine starke Schwäche des Immobilienmarktes könnten die People‘s Bank of China (PBoC) zu weiteren Lockerungen veranlassen. Die PBoC sendet ein starkes politisches Signal für ihr Engagement bei der geldpolitischen Lockerung. Nachdem der Ausbruch der Deltawelle in 21 Provinzen im Oktober weitgehend unter Kontrolle gebracht werden konnte, hat eine weitere Welle, die im November begann, in etwa einem Dutzend Provinzen Fuß gefasst. Die lokalen Behörden haben Reisebeschränkungen verhängt und die Einwohner aufgefordert, wegen des bevorstehenden chinesischen Neujahrsfestes (1. Februar) und der Olympischen Winterspiele in Peking (4. bis 20. Februar) zu Hause zu bleiben.

Die lokalen Regierungen haben schnell strenge Abriegelungsmaßnahmen ergriffen, Fabriken geschlossen, den öffentlichen Verkehr eingestellt und Häfen geschlossen. Dies wird die Erholung des Dienstleistungssektors und des Konsums weiterhin beeinträchtigen. Wir glauben, dass Chinas Null-Covid-Politik mindestens bis zum Kongress der Kommunistischen Partei Chinas im Herbst 2022 beibehalten wird. Sidhu warnt auch davor, dass der Abschwung im Immobiliensektor die Gesamtwirtschaft weiter belasten wird und ein Wendepunkt noch nicht erreicht ist. Die Maßnahmen zur Förderung der Kreditvergabe seien jedoch ein positives Zeichen dafür, dass Maßnahmen ergriffen werden, um eine schlimmere Spirale zu verhindern. Die Spillover-Effekte des Abschwungs im chinesischen Immobiliensektor haben weiterhin wirtschaftliche Auswirkungen. Die restriktiven Maßnahmen für den Immobiliensektor haben die Bauträger stark unter Druck gesetzt. Ein Wendepunkt ist noch nicht erreicht, aber die Erleichterung der Nutzung von Treuhandfonds durch die Bauträger und die Ermutigung der Banken, Kredite für den Erwerb von Immobilienprojekten zu gewähren und Fusionen und Übernahmen zu erleichtern, sind ermutigend. Die Kreditaufnahme des Immobiliensektors macht etwa 30 % der Bilanz des Bankensystems aus, und viele Millionen Menschen arbeiten im Baugewerbe. Das Risiko eines Zahlungsausfalls von Evergrande und anderen hoch verschuldeten chinesischen Immobilienemittenten bleibt ein Überhang. Die Regierung wird wahrscheinlich den Kauf ihrer Vermögenswerte durch Käufer beschleunigen, zu denen auch andere Bauträger und lokale Regierungen gehören könnten.

Sidhu geht davon aus, dass die chinesische Regierung für 2022 ein Wachstum von 5 bis 5,5 % anstrebt, nachdem es im vergangenen Jahr besser als erwartet ausgefallen war. Zudem rechnet er mit einer stärkeren Hinwendung zu einer nachhaltigen Politik. Breit angelegte Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen sollten die Märkte auf eine stärkere Lockerung hinweisen und dazu beitragen, den Abwärtsdruck auf das Wachstum auszugleichen. Wir gehen davon aus, dass China seine BIP-Wachstumsrate bis 2022 auf 5-5,5 % anheben wird. Zum Vergleich: 2021 wuchs die chinesische Wirtschaft um 8,1 % gegenüber dem Vorjahr und lag damit deutlich über dem Ziel von 6 % gegenüber dem Vorjahr.

Mit Blick auf die Zukunft sehen wir eine schnellere Dekarbonisierungspolitik, einschließlich der Einführung grüner Technologien wie Elektrofahrzeuge, energieeffiziente Gebäude und die Stromerzeugung durch erneuerbare Energiequellen. In der Zwischenzeit wird Chinas langfristige Wachstumsumstellung fortgesetzt, mit einer gezielten und unterstützenden Kreditpolitik, einschließlich der Ausgabe von Sonderanleihen durch lokale Regierungen. Die beschleunigte Emission von Kommunalanleihen wird das Wachstum der Infrastrukturinvestitionen unterstützen. Dies steht im Einklang mit der allmählichen Verlagerung der Wachstumsmotoren auf produktive Investitionen und der Ankurbelung des Konsums der privaten Haushalte in den kommenden Jahren.“

Foto: Aegon AM

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

„Investieren ist weder Spiel noch Spekulation“

Christoph Boschan im Exklusivinterview über fünf erfolgreiche Jahre und die Zukunft der Wiener Börse.

Marius Perger. Seit etwas mehr als fünf Jahren ist Christoph Boschan Vorstandsvorsitzender der Wiener Börse. Bereits im November 2020 wurde die Funktionsperiode des 43-jährigen gebürtigen Berliners, der davor unter anderem Vorstand der Börse Stuttgart und der Euwax war, vorzeitig um fünf Jahre verlängert.

Im Exklusivinterview mit dem Börsen-Kurier sprach Boschan darüber, wie die Wiener Börse auf die Herausforderungen der vergangenen Jahre reagiert hat und wie es mit dem Kapitalmarkt in Österreich weitergehen kann.

Herausforderungen gemeistert
Zu den größten Herausforderungen für eine traditionelle Börse zählte in den letzten Jahren das Erstarken außerbörslicher Handelsplattformen. Boschan betont, dass es gelungen sei, den börslich regulierten Handelsanteil bei 75 bis 85 % „außerordentlich stabil“ zu halten. Gleichwohl habe sich aber die Ausprägung des Handels verändert, vom fortlaufenden Handel hin zur Auktion, die volumenausgleichend sei und ein konkurrenzloses Angebot der Börsen darstelle.

Auf der technischen Seite zählte die 2017 erfolgte Umstellung auf die Handelsarchitektur Xetra T7 zu den Highlights seiner ersten Amtsperiode. Mit Kooperationspartnern zusammenzuarbeiten sei eine „fundamentale Grundsatzentscheidung, die man immer aufs Neue treffen muss“. Für die Wiener Börse als relativ kleines Haus sei das ein „Überlebenselixier“, wenn es auf Skaleneffekte ankommt: „Unsere Aufgabe ist es, österreichischen Unternehmen den gleichen Standard zu bieten, den Emittenten auf anderen großen Märkten erhalten“, so Boschan.

Viel hat sich in den vergangenen Jahren getan an der Wiener Börse: Die technische Infrastruktur sei komplett modernisiert worden, es wurden neue Services auf den Markt gebracht und es wurde weiter internationalisiert. Alle diese Maßnahmen seien wichtig gewesen und würden ineinandergreifen.

Natürlich seien manche Vorhaben auch schiefgegangen. Strategieprozesse würden davon leben, dass sie mehrheitlich funktionieren – alles andere wäre eine „Start-up-Strategie“. Entscheidend sei, dass unterm Strich mehr herauskomme, schließlich sei auch die Wiener Börse ein Unternehmen. Das sei gut gelungen, es wurde in den letzten Jahren starkes Wachstum erzielt. Und auch für 2021 werde man ein Top-Ergebnis vorlegen können, kündigt der Börse-Chef an.

Investieren ist nicht spekulieren
Wichtig sei es, Wetten, Spekulation und Investments auseinanderzuhalten. Die Unterscheidung sei nicht immer einfach, und alle drei seien legitim. Es gehe nicht darum zu werten, sondern darum, den Unterschied zu verstehen. Gambling, wozu Boschan beispielsweise Bitcoin zählt, oder Spekulationen wie jene um Gamestop im vergangenen Jahr seien keineswegs mit Investments in den ATX zu vergleichen. Nur beim Investieren hat der Anleger ein langfristiges Konzept vor Augen.

Gerade die Corona-Pandemie habe dazu geführt, dass Erträge für Anleger wieder wichtiger geworden sind und fundamentale Fakten wieder mehr beachtet werden. Klassische Unternehmen, wie sie für Österreich typisch sind, bieten sich da besonders für Investments an.

Im Bereich der Privatanleger sieht Boschan zwei gegenläufige Trends: Einerseits gebe es eine Vielzahl junger Anleger, eine selbstbewusste junge Generation, die unternehmerisch denkt. Zwar seien diese Menschen noch nicht vermögensstark, entscheidend für den Kapitalmarkt sei aber, dass ihnen die Transition vom Spielerischen zum Investieren gelinge.

Es gebe aber auch einen zweiten, mindestens ebenso starken Trend: Die staatliche Umverteilung nehme zu, statt als mündige Bürger selbst Verantwortung zu übernehmen, würden sich viele auf den Sozialstaat verlassen. Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen oder Helikoptergeld würden zeigen, dass wir es zunehmend mit einem „Versorgungsstaat“ zu tun haben. Der Kapitalmarkt brauche aber individuelles Engagement.

Dazu komme, dass es in Österreich teilweise eine hohe Risikoneigung gibt – Beispiele dafür sind Crowdinvesting oder die Fremdwährungskredite. Je geringer die Finanzbildung, desto fehlerhafter sei die Risikoeinschätzung, umso spekulativer das Verhalten. Typischerweise beginne die „Anlegerreise“ zwar auf der Gambling- oder spekulativen Seite, wer als Investor die Reise aber nicht bis zum Ende macht, sei verloren.

Zu denken gibt Boschan die mangelnde Zukunftsorientierung in Österreich. Während international ein Trend hin zur Kapitaldeckung der Pensionssysteme bestehe, beharre man hierzulande auf dem Umlageverfahren: „Ich habe Sorge, dass Österreich diesen Trend verschläft“, so Christoph Boschan. Längerfristig stelle dies ein Risiko für den Wohlstand in Österreich dar. Dass Österreich am Kapitalmarkt unter seinen Möglichkeiten bleibe, schmerze ihn – insbesondere, weil der Kapitalmarkt auch ein Wohlstands- und Verteilungsmotor sein kann.

Weiteres Wachstum
„Unerfreulich wenig“ habe sich zuletzt in Bezug auf neue Börsengänge im „prime market“ getan; die Pipeline sei aber „einigermaßen voll“, so Boschan. Und er zeigt sich „zuversichtlich, heuer Bewegung zu sehen“. Es habe zuletzt zwar einige Kandidaten gegeben, diese seien aber im Bereich Private Equity versorgt worden. Gerade in der für österreichische Unternehmen typischen Größenordnung einer Marktkapitalisierung von 1 bis 2 MrdE sei Private Equity besonders aktiv. Negativ wirke sich auch aus, dass es am österreichischen Markt mehr Übernahmeziele gebe als Unternehmen, die selbst akquirieren. Positiv hervorzuheben sei aber beispielsweise, dass Pierer Mobility ab 1. März im „prime market“ notieren werde, sowie das Einstiegssegment, das regen Zulauf erfährt.

Und die Kapitalmärkte würden in Zukunft noch wichtiger werden: Innovation sei nötig, gigantische Investitionen in die Umwelt stehen an – all das sei nur mit Eigenkapital möglich: „Egal, um welches Megathema es geht – der Kapitalmarkt ist immer ein Teil der Antwort.“ Für die Wiener Börse selbst laute die Strategie für die nächsten Jahre: „Weiter wachsen, österreichische Emittenten in alle Welt tragen und die Welt nach Österreich bringen.“

Foto: WBAG

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Harter Kern für‘s Portfolio?

Neue Produkte wollen von der möglichen Renaissance der Atomkraft profitieren.

Harald Kolerus. Derzeit läuft die Diskussion rund um Kernenergie wieder auf Hochtouren. Eingeheizt wurde sie von der Initiative, dass die EU-Kommission Atomenergie als nachhaltig deklarieren soll; wobei es sehr wahrscheinlich ist, dass dieser Vorschlag realisiert wird. Davon kann man nun halten, was man will: Mündige Bürger und Anleger müssen selbst entscheiden, ob sie AKWs als „grün“ ansehen oder nicht. Investmentchancen gibt es jedenfalls, was auch zwei neue Produkte unter Beweis stellen.

Nuklear-Zertifikat
Eine Möglichkeit, in Aktien rund um das Thema Atomenergie zu veranlagen, stellt der „Vontobel Nuclear Energy Index“ dar. Für die Aufnahme kommen sowohl Unternehmen aus Industriestaaten als auch aus Schwellenländern in Frage. Voraussetzung: Sie müssen sich entweder mit der Förderung von Uran oder der Produktion von Atomenergie beschäftigen. Der Nuklear-Index setzt sich aus den

25 Branchenvertretern mit der höchsten Marktkapitalisierung zusammen. Sollten sich keine 25 passenden Titel nach den oben genannten Kriterien finden, werden weiters Unternehmen aufgenommen, die nuklear-nahe Technologien oder Dienstleistungen anbieten (zum Beispiel rund um den Bau von Kernreaktoren).

Keine Atomwaffen
Wobei auch Nachhaltigkeits-Komponenten in das neue Produkt eingebaut sind. Heiko Geiger, Zertifikate-Experte bei Vontobel, erklärt im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Ausgeschlossen sind Unternehmen, die in Verbindung mit Atomwaffen stehen. Weiters werden Governance und politische Risken beachtet. Ein praktisches Beispiel: Kazatomprom aus Kasachstan wurde aufgrund der Krise in diesem Land nicht in den Index aufgenommen. Sollten sich die Probleme verflüchtigen, kann dieser Wert aber wieder investierbar werden.“

Einige bekannte Namen im Portfolio sind Harmony Gold Mining, NextGen oder Paladin Energy, die alle im Uranabbau tätig sind. Societatea Nationala Nuclearelectrica ist wiederum, um ein weiteres Beispiel zu nennen, im europäischen Energie-Handel aktiv.

Geiger fasst zusammen: „Wir wollen mit dem ‚Nuclear Energy Index‘ die gesamte Wertschöpfungskette des Atomenergiebereichs abdecken.“ Investierbar wird die Atom-Story durch das „Open-End Strategie-Zertifikat auf den Vontobel Nuclear Energy Index“ (ISIN: DE000VX 5TNQ3). Das Zertifikat ist mit 4.2. an der Börse handelbar.

Uran im Fokus
Ein weiteres neues Produkt im Feld der Atomkraft ist der „Index-Zertifikate auf den Solactive Uranium Mining Index“ (DE000SH02Q84) der Société Générale. Er wird von der Solactive AG zusammengestellt und umfasst 15 Unternehmen, die im Bereich der Urangewinnung und -verarbeitung tätig sind. Für die Auswahl sind die Höhe der Marktkapitalisierung sowie das tägliche Handelsvolumen entscheidend.

Seitens der Société Générale heißt es zum Umfeld des Produkts: „Während Deutschland den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen hat, entstehen in vielen Ländern weltweit neue Kernkraftwerke. Denn Atomkraft ist eine kohlenstoffarme Energiequelle und spielt neben der Smog-Reduzierung für viele Länder daher auch zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen und somit zur Erreichung von Klimazielen eine wichtige Rolle.“ Zitiert wird auch eine Analyse der UNECE (United Nations Economic Commission for Europe), demnach seien die internationalen Klimaziele nur erreichbar, wenn Atomkraft weiterhin zur Stromversorgung beiträgt.

Das sind also einige Argumente für den (wachsenden) Atommarkt, die Gegenmeinung darf als bekannt vorausgesetzt werden (Gefahr von Super-GAUs, Endlagerung etc.). Ob Kernkraft ins Portfolio gehört, bleibt eine individuelle Entscheidung.

Foto: Pixabay / Burghard

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wird Gold wieder glänzen?

Die Inflationssorgen haben den Goldpreis zuletzt kaum beflügelt. Worauf Anleger achten müssen.

Raja Korinek. Für manch einen Investor mag die jüngste Entwicklung des Goldpreises ein wenig paradox wirken. Schließlich steigt die Inflation zügig an. In den USA erreichte sie im Dezember bereits

7 %. In der Eurozone waren es immerhin 5 %. Und dennoch: Seit der Goldpreis ein historisches Hoch von rund 2.000 USD (rund 1.800 Euro) im August 2020 erreichte, pendelt die Notierung in einem Seitwärtstrend. Dabei wird das gelbe Edelmetall doch oftmals als klassischer Inflationsschutz gehandelt.

Der Grund für die jüngst verhaltene Entwicklung des Goldpreises liegt in dem allmählichen Anstieg der Renditen länger laufender Staatsanleihen. Damit werden solche Papiere im Vergleich zu einem zinslosen Goldinvestment wieder zunehmend interessant. Das heißt: Gold ist vor allem dann ein begehrter Inflationsschutz, wenn Anleger nicht damit rechnen, eine steigende Teuerung anhand eines Bondinvestments künftig ausgleichen zu können. Scheinbar wiegen Anleger derzeit aber ab, ob die Bondrenditen demnächst noch weiter ansteigen, sodass die Inflation mit solch einem Investment endlich wieder abgedeckt wäre.

Die Renditen steigen an
Immerhin: In den USA erreichten die Renditen 10jähriger US-Treasuries zuletzt rund 1,8 %. Die Renditen deutscher Pendants lagen hingegen bei mageren minus 0,045 %. Auch bei den Leitzinsen wird es heuer in den USA erste Anhebungen geben. Aaron Alber, Analyst bei Raiffeisen Research, meint zudem, „die Verringerung des geldpolitischen Stimulus bleibt auch 2022 ein bestimmendes Thema, wobei die Akzente der Fed ausgeprägter sein werden als bei der EZB“.

Dennoch dürfte die Erwartung einer restriktiveren Geldpolitik auf dem aktuellen Niveau des Goldpreises weitgehend eingepreist sein, so Alber. Zudem dürften sich die Zinsanhebungen in Grenzen halten, ergänzt Benjamin Louvet, Fondsmanager OFI Financial Investment Precious Metals. Ein allzu rasches Ende der lockeren Geldpolitik könnte das Wirtschaftswachstum dämpfen. „Hinzu kommt, dass die derzeit hohe Inflation mit Problemen in den Lieferketten verbunden ist, wogegen Zinserhöhungen kontraproduktiv wären.“

Interessierte Anleger können auf unterschiedliche Szenarien bei der weiteren Goldpreisentwicklung setzen. Optimisten können etwa auf einen weiteren Anstieg mit einem Investment in Goldminenaktien hoffen. Diese profitieren überproportional von einer höheren Goldnotierung, verlieren allerdings in Baisse-Zeiten kräftiger. So gibt es etwa das „Best of Gold Miners Indexzertifikat“ von Alphabeta Acces Products (ISIN: DE000DA0AAY4). Darin sind elf Aktien enthalten, zu denen Kirkland Lake Gold (CA49741E1007), Endeavour Mining (GB00BL6K5J42) und Barrick Gold (CA0679011084) zählen.

Lukrativer Seitwärtstrend
Anleger, die in nächster Zeit hingegen mit einer zügigen Korrektur des Goldpreises rechnen, können auf dieses Szenario mit einem Faktor-Short-Zertifikat setzen. Als Berechnungsgrundlage wird bei diesen Produkten stets der Schlusskurs des Basiswertes vom Vortag herangezogen und die – in diesem Fall negative – prozentuelle Kursveränderung zum Vortag mit dem Faktor multipliziert. Allerdings können auch größere Verluste entstehen, wenn der Basiswert prozentuell stärker seitwärts tendiert oder steigt.

Ein entsprechendes Produkt bietet beispielsweise die Société Générale (DE000SF5DDL6) mit einem Faktor von 2 an. Weil Gold aber in US-Dollar notiert, dürfen Anleger das Währungsrisiko nicht außer Acht lassen.

Foto: AdobeStock / Subbotina Anna

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Überwindung der „Flaschenhals-Rezession“

Ein Kommentar von Thomas Funk, Investment Director bei GAM Investments.

(24.01.) Lieferengpässe bei Industriegütern werden zu einem immer größeren Problem und entwickeln sich zu einem vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung als „Flaschenhals-Rezession“ bezeichneten Phänomen. Die Lage verschärfte sich im Oktober, als industrielle Halbfabrikate auf vielen Ebenen knapp wurden. Dafür gibt es mehrere Gründe, darunter nicht zuletzt die durch die Weihnachtszeit beschränkten Transportkapazitäten. Zudem funktionieren die Logistikketten, insbesondere im internationalen Handel, noch immer nicht effizient. Beispielsweise stauen sich große Containerschiffe außerhalb der Häfen und dringend benötigte Güter können nicht entladen werden. Da einige Lagerbestände erschöpft sind, führt dies zunehmend zu Produktionsunterbrechungen. In zwei Bereichen ist dies am deutlichsten erkennbar: in der Automobilproduktion und der Herstellung von Elektroartikeln. Die Prognosen zur Automobilproduktion für 2021 wurden ständig nach unten korrigiert. In einigen Werken wurde die Produktion mangels elektronischer Bauteile kurzfristig gestoppt. Auch Apple musste die Fertigung von Mobiltelefonen der neuesten Generation drosseln.

Landis+Gyr, ein Schweizer Hersteller von Stromzählern und Software für Versorger, veröffentlichte kürzlich eine bemerkenswerte Liste mit derzeit knappen elektronischen Produkten. Vor allem Produkte auf Halbleiterbasis sind erwartungsgemäß knapp, was zu einem Boom beim Bau neuer Halbleiterfabriken führt. Auf der Liste von Landis+Gyr stehen jedoch überraschenderweise auch einfache elektronische Bauteile wie Dioden und Transistoren. Es ist schwer vorstellbar, dass solche Komponenten während der Covid-19-Pandemie plötzlich knapp wurden. Viel wahrscheinlicher ist es aus unserer Sicht, dass diese irgendwo in der Logistikkette steckengeblieben sind, sich daraus nicht abgerufene Bestände bildeten, deshalb vorübergehend aus der Wertschöpfungskette genommen wurden und nun fehlen. Infolge dieser Engpässe sehen sich einige produzierende Unternehmen für die kommenden Monate mit geringeren Umsätzen konfrontiert. Bei der Gewinnentwicklung rechnen wir daher bei verschiedenen Herstellern mit einer Abschwächung der Gewinndynamik – mit anderen Worten mit einer „Flaschenhals-Rezession“.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Endnachfrage nach den Produkten intakt bleibt. Die Haushalte haben während der durch Covid-19 bedingten Lockdowns gespart, was bedeutet, dass erhebliche Mittel für den Konsum vorhanden sind, und dies hat sich in den Verkaufszahlen niedergeschlagen. Seit Mitte 2020 befinden sich die meisten Unternehmen auf einem Erholungskurs, da sie die während der Pandemie verzeichneten Umsatzeinbußen wieder aufgeholt haben. Wir gehen nun davon aus, dass sich die Spanne für die Gewinnentwicklung insbesondere aufgrund der Verknappung industrieller Halbfabrikate vergrößern wird. Die durch die Flaschenhals-Rezession bedingten Ertragsausfälle werden allerdings voraussichtlich zu einem Nachfragestau führen, der nach und nach aufgelöst werden kann, sobald die fehlenden Halbfabrikate wieder verfügbar sind. Es ist wichtig, sich nicht nur auf die Probleme zu konzentrieren, sondern auch Investitionen zu tätigen, um das Geschäft mittel- und längerfristig anzukurbeln. Es gibt mehrere starke Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung sowie in neue Produkte und den Kapazitätsausbau investieren, um sich besser zu positionieren und neue Einnahmequellen für die Zukunft zu erschließen.

Foto: GAM

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Nouriel Roubini sieht trübe Aussichten für 2022

Wenig optimistisch zeigt sich der bekannte US-Nationalökonom in seiner Exklusiv-Analyse.

Trotz wirtschaftlicher Rückschläge und Diskontinuitäten aufgrund neuer Covid-19-Varianten erwies sich 2021 für Volkswirtschaften und Märkte in den meisten Teilen der Welt als relativ positives Jahr. Nach der schweren Rezession im Jahr 2020 stieg das Wachstum über Potenzial, und die Finanzmärkte erholten sich kräftig. Das traf insbesondere auf die Vereinigten Staaten zu, wo die Aktienmärkte neue Höchststände erreichten. Teilweise war das auf die ultralockere Geldpolitik der US-Notenbank zurückzuführen (obwohl auch die Zentralbanken in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ihre eigene, radikal akkommodierende Geldpolitik verfolgten).

Noch ist nicht alles ausgestanden
Das Jahr 2022 könnte allerdings schwieriger werden. Die Pandemie ist nicht vorbei. Omikron mag zwar für weniger heftige Krankheitsverläufe sorgen als frühere Virusvarianten – insbesondere in fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit hoher Durchimpfungsrate -, aber die Variante ist um einiges ansteckender und das heißt, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Todesfälle hoch bleiben wird. Die daraus resultierende Unsicherheit und Risikoaversion wird die Nachfrage dämpfen und Engpässe in den Lieferketten verschärfen.

Schuldenstände können ein großes Problem werden
In Kombination mit Ersparnisüberschüssen, Nachfragestaus und einer lockeren Geld- und Finanzpolitik haben diese Engpässe im Jahr 2021 die Inflation angeheizt. Viele der Zentralbanker, die zunächst darauf beharrten, dass der Inflationsschub nur vorübergehender Natur sei, haben nun eingeräumt, dass es sich wohl um ein anhaltendes Phänomen handelt. In unterschiedlichen Dringlichkeitsabstufungen wird der Ausstieg aus unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen wie der quantitativen Lockerung geplant, um mit der Normalisierung der Zinssätze beginnen zu können.

Die Entschlossenheit der Zentralbanken wird auf die Probe gestellt werden, falls die Leitzinserhöhungen zu Schocks auf den Anleihe-, Kredit- und Aktienmärkten führen. Angesichts einer derart massiven Anhäufung privater und öffentlicher Schulden sind die Märkte möglicherweise nicht in der Lage, höhere Kreditkosten zu verkraften. Sollte es zu tumultartigen Entwicklungen kommen, würden die Zentralbanken in eine Schuldenfalle geraten und womöglich ihren Kurs ändern. Dies würde eine Verschiebung der Inflationserwartungen nach oben wahrscheinlich machen, wobei die Inflation endemisch werden würde.

Geopolitisch bleibt es problematisch
Das nächste Jahr wird auch zunehmende geopolitische und systemische Risiken mit sich bringen. An der geopolitischen Front gilt es, drei wesentliche Bedrohungen im Auge zu behalten.

Erstens bereitet Russland eine Invasion in der Ukraine vor, und es bleibt abzuwarten, ob die Verhandlungen über ein neues regionales Sicherheitsregime eine Eskalation dieser Entwicklung verhindern können. US-Präsident Joe Biden hat zwar mehr Militärhilfe für die Ukraine versprochen und schärfere Sanktionen gegen Russland angedroht, aber auch deutlich gemacht, dass die USA nicht direkt eingreifen werden, um der Ukraine im Falle eines Angriffs beizustehen. Allerdings präsentiert sich die russische Wirtschaft inzwischen widerstandsfähiger gegen Sanktionen als in der Vergangenheit, so dass der russische Präsident Wladimir Putin sich von solchen Drohungen möglicherweise nicht abschrecken lässt. Schließlich könnten manche Sanktionen des Westens – wie etwa eine Blockade der Nord-Stream 2-Gaspipeline – Europas eigene Energieknappheit noch verschärfen.

Zweitens wird der kalte Krieg zwischen China und Amerika noch kälter. China erhöht den militärischen Druck auf Taiwan und im Südchinesischen Meer (wo es zahlreiche Territorialstreitigkeiten gibt) und die allgemeinere Entkopplung zwischen der chinesischen und der US-amerikanischen Wirtschaft beschleunigt sich. Diese Entwicklung wird im Lauf der Zeit stagflationäre Folgen zeitigen.

Drittens befindet sich der Iran mittlerweile an der Schwelle zum Atomstaat. Dem Land gelang es in Windeseile, Uran auf fast waffenfähiges Niveau anzureichern und die Verhandlungen über ein neues oder überarbeitetes Atomabkommen blieben ergebnislos. Infolgedessen erwägt Israel offen Schläge gegen iranische Atomanlagen. Sollte das tatsächlich eintreten, wären die stagflationären Folgen wohl schlimmer als die ölbedingten geopolitischen Schocks der Jahre 1973 und 1979.

Ein beherrschendes Thema
Überdies bringt das neue Jahr auch mehrere systemische Herausforderungen mit sich. Im Jahr 2021 traten die realen Auswirkungen des Klimawandels in Form von Hitzewellen, Waldbränden, Dürren, Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Taifunen und anderen Katastrophen deutlich zutage. Auf dem Klimagipfel COP26 in Glasgow gab es vorwiegend Lippenbekenntnisse zu hören, weswegen sich die Welt nun auf direktem Weg befindet, noch in diesem Jahrhundert eine Erwärmung um katastrophale 3 Grad zu erleiden. Dürreperioden treiben die Lebensmittelpreise bereits in gefährliche Höhen und die Auswirkungen des Klimawandels werden sich weiter verschärfen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der aggressive Vorstoß zur Dekarbonisierung der Wirtschaft dazu führt, dass zu wenig in Kapazitäten für fossile Brennstoffe investiert wird, bevor ein ausreichendes Angebot an erneuerbaren Energien vorhanden ist. Diese Dynamik wird im Laufe der Zeit zu deutlich höheren Energiepreisen führen. Außerdem wird es zu einem Anstieg der Flüchtlingsströme in Richtung USA, Europa und anderer Industrieländer kommen, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, da diese Länder ihre Grenzen schließen.

USA: Ein gespaltenes Land
Vor diesem Hintergrund nimmt auch die politische Dysfunktion sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern zu. Die Zwischenwahlen in den USA werden möglicherweise einen Vorgeschmack auf jene ausgewachsene Verfassungskrise – wenn nicht gar unverhohlene politische Gewalt – bieten, die den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024 folgen könnten. Die USA erleben ein nahezu beispielloses Ausmaß an parteipolitischer Polarisierung, Stillstand und Radikalisierung, wobei diese Entwicklungen allesamt ein gravierendes Systemrisiko darstellen.

Populistische Parteien (sowohl der extremen Rechten als auch der extremen Linken) gewinnen weltweit immer mehr an Zuspruch und das sogar in Regionen wie Lateinamerika, wo der Populismus auf eine katastrophale Geschichte zurückblickt. In Peru und Chile kamen 2021 radikal linke Präsidenten an die Macht, in Brasilien und Kolumbien könnte 2022 Ähnliches eintreten und Argentinien sowie auch Venezuela werden weiter auf ihrem Weg in Richtung finanzieller Ruin bleiben. Die Normalisierung der Zinssätze durch die US-Notenbank Fed und andere große Zentralbanken könnte in diesen und anderen gefährdeten Schwellenländern wie der Türkei und dem Libanon zu Finanzschocks führen, ganz zu schweigen von den zahlreichen Entwicklungsländern, deren Verschuldungsgrad schon jetzt nicht mehr tragbar ist.

Börsen bereits zu „aufgebläht“?
Zu Jahresende 2021 präsentieren sich die Finanzmärkte überschäumend, wenn es nicht gar schon in Richtung Blasenbildung geht. Sowohl öffentliches als auch privates Beteiligungskapital ist teuer (mit überdurchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnissen); die Immobilienpreise (sowohl für Eigentum als auch für Mieten) sind in den USA und vielen anderen Volkswirtschaften hoch; und es besteht ein fortgesetzter Hype um Meme-Aktien, Krypto-Assets und SPACs (Special Purpose Acquisition Companies). Die Renditen auf Staatsanleihen bleiben extrem niedrig und die Kreditspreads – sowohl für hochverzinsliche als auch erstklassige Anleihen – präsentieren sich aufgrund der indirekten Unterstützung der Zentralbanken eng.

Solange die Zentralbanken ihre unkonventionelle Geldpolitik verfolgten, konnte die Party weitergehen. Doch den Vermögenspreis- und Kreditblasen könnte 2022 mit dem Beginn der Normalisierung der Zinspolitik die Luft ausgehen. Außerdem wäre es möglich, dass Inflation, langsameres Wachstum sowie geopolitische und systemische Risiken die Voraussetzungen für eine Marktkorrektur im Jahr 2022 schaffen. Was auch immer kommen mag, fest steht, dass die Anleger wohl den größten Teil des Jahres in Atem gehalten werden.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, © Project Syndicate 1995 – 2022

Foto: AdobeStock / Sergey Nivens

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die unauffällige Frankenaufwertung

In aller Stille wertet in jüngster Zeit der Schweizer Franken wieder stärker auf. Was steckt dahinter?

Michael Kordovsky. Ein Nebenschauplatz der Märkte geriet zuletzt weitgehend in Vergessenheit. Dabei sind noch immer zahlreiche Haushalte in Franken verschuldet. Laut FMA-Erhebung zu Fremdwährungskrediten im 2. Quartal hafteten zum 30. Juni 2021 noch immer 9,95 Mrd Euro in fremder Währung aus, davon 96,6 % in Schweizer Franken (CHF). Infolge wachsender Inflationsdifferenzen zwischen der Schweiz und dem Euroraum sowie zunehmender

geopolitischer Spannungen zwischen Russland und Ukraine aber auch zwischen China und Taiwan nimmt der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken wieder zu: Binnen der vergangenen drei Monate hat der Franken zum Euro um 3,1 % aufgewertet, auf Jahressicht sind es sogar 4,2 % und auf Drei-Jahressicht 9,5 %. Der Wechselkurs EUR/CHF nähert sich nach einer kurzen Gegenreaktion mit Riesenschritten der Parität. Der letzte Stand des Währungspaares EUR/CHF (Spot) am 21. Jänner um 22 Uhr war 1,03454.

Noch im Jänner 2021 standen -0,5 % Inflationsrate in der Schweiz 0,9 % im Euroraum gegenüber. Im Dezember waren es 1,5 % in der Schweiz zu 5,0 % im Euroraum, also satte 3,5 %-Punkte Unterschied verglichen mit 1,4 %-Punkten am Jahresbeginn 2021! Die Inflationsdifferenz stieg innerhalb eines Jahres um 2,1 %-Punkte und dies in einem fragilen geopolitischen Umfeld.

Aufwertungsdruck
Bereits im ersten Corona-Krisenjahr 2020 war der Aufwertungsdruck auf den Franken so stark, dass Medienberichten zufolge die Schweizerische Nationalbank in Summe knapp 110 MrdCHF (rund 106,30 MrdE) zur Intervention an den Devisenmärkten einsetzte. 2021 nahm zwischenzeitlich der

Interventionsdruck ab, und eine schrittweise Frankenaufwertung scheint toleriert zu werden. Dies hängt auch mit den hohen Verlustpotenzialen für die Kantone zusammen, die an der SNB zu 59,16 % beteiligt sind (per Ende des Jahres 2020).

Indiz dafür: Von Ende Dezember 2019 bis Ende Dezember 2020 stiegen die Devisenanlagen der Schweizerischen Nationalbank von 794 auf 910 Mrd CHF (767,29 bis 879,38 Mrd Euro) und bis Ende November 2021 weiter auf 950,1 Mrd CHF (918,14 Mrd Euro) bzw. 134,5 % des Schweizer BIP im Jahr 2020.

Die Gefahr, dass mit Annäherung an die Parität die Franken-Aufwertung an Eigendynamik gewinnt, ist nicht zu unterschätzen, weshalb vorsichtige Frankenschuldner darüber nachdenken sollten, in günstige Fixzinsbindungen in Euro umzuschulden. Diesbezüglich einen Überblick haben zum Beispiel ungebundene Wohnbau-Finanzexperten.

Für Anleger hingegen bieten sich Chancen in Franken-Konten, Franken-Anleihen großer Firmen oder in soliden Schweizer Aktien wie z. B. Roche (ISIN: CH0012032048) oder Nestlé (CH0038863350).

Foto: AdobeStock / StockfotosMG

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wo steht die zweite Säule?

Die betriebliche Altersvorsorge ist „klein“ – ist das ein großes Problem? Und wie wird sie attraktiver?

Emanuel Lampert. Den Löwenanteil der Pensionsversorgung trägt in Österreich die erste Säule, die gesetzliche Pensionsversicherung. Der Anteil der betrieblichen („zweite Säule“) und privaten („dritte Säule“) Vorsorge ist gering. Ist das ein Nachteil? Und ist eine Diversifikation des Pensionssystems schon ein Wert für sich? In einem Expertengespräch unter der Leitung von Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger wurde diesen Fragen nachgegangen.

„Diversifikation ist immer ein Wert für sich“, damit nicht alles auf eine Karte gesetzt werden muss, meint Tatjana Schrefl, Senior Manager Tax bei KPMG Österreich. So lasse sich auch der Kapitalmarkt für die Pensionsvorsorge nutzen. Das bestehende Pensionssystem könne man freilich nur mit einem langfristigen Ansatz und entsprechendem politischen Willen ändern.

Sind stärker kapitalmarktfinanzierte Systeme wie in Dänemark, den Niederlanden oder der Schweiz „besser“ als unseres? Besser in dem Sinn, dass sie wesentlich diversifizierter sind, sagt Peter Kaltenböck, Senior-Experte Betriebliche Vorsorge bei der Uniqa. Das kapitalgedeckte Verfahren könne eine „gegenläufige positive Wirkung“ entfalten, wenn die Märkte gut laufen, während das Umlageverfahren der ersten Säule „ein sehr gutes Abfederungsinstrument“ in schwierigen wirtschaftlichen Situationen sei.

Die Einführung eines Systems wie in den angeführten Ländern sei eine extreme Herausforderung, ergänzt Christian Schuster, Leiter Betriebliche Altersvorsorge bei der Wiener Städtischen, – wenn nämlich Beitragszahler parallel zum laufenden Umlagesystem auch noch den Aufbau der eigenen Pension im kapitalgedeckten Weg finanzieren müssen. Man könne aber auf eine Verbreiterung hinwirken, indem man auf Folgen bereits erfolgter Pensionsreformen hinweise: künftig sinkende Pensionen.

Moderator Perger zitierte aus einem IHS-Bericht vom Juli 2020, an dem der heutige Arbeitsminister Martin Kocher, damals noch IHS-Direktor, mitgeschrieben hat: „Aus verhaltensökonomischer Sicht sind es wahrscheinlich gerade die Komplexität der Produkte in diesen Säulen und vor allem die Komplexität von steuerlicher Behandlung bzw. Förderung, die sie in Österreich teilweise wenig attraktiv machen.“

Thomas Wondrak, Sachverständiger für betriebliche Vorsorge und Unternehmensberater, entgegnet: Bei einer Wohnungsversicherung habe auch niemand das Gefühl, etwas Komplexes vor sich zu haben, obwohl eigentlich auch diese nicht ganz so einfach sei. Im Grunde sei das Modell in der Vorsorge einfach: „Wir zahlen Geld ein, das Geld wird am Kapitalmarkt veranlagt, und wir zahlen Geld aus.“ Komplex werde die betriebliche Altersvorsorge (BAV) erst, wenn es um steuerliche, arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Fragen geht.

Wie die BAV attraktiver machen?
Schuster hielt fest, aktuell seien nur wenige Beschäftigte in der BAV erfasst. Wenn der Arbeitgeber nicht mitmacht, könne auch der Arbeitnehmer nicht mitmachen. Zuerst müsse man deshalb die Zugangshürden beseitigen.

Was die Eigenfinanzierung der Arbeitnehmer betrifft, wurde Schrefls Meinung nach bisher „viel zu wenig“ für eine Attraktivierung der zweiten Säule versucht. Sie hält eine Grundsatzentscheidung für nötig: Soll die zweite Säule gestärkt, das kapitalgedeckte Verfahren eventuell zum Teil auch in der ersten Säule eingebunden werden? „Dann wird es wahrscheinlich anders als mit einem Obligatorium nicht funktionieren“, zumal in Österreich der Gedanke an die langfristige Pensionsvorsorge weniger präsent sei als jener an ein aktuell möglichst frei verfügbares Vermögen. Ihrer Wahrnehmung nach steigt die Bereitschaft zum Handeln, wenn es steuerliche Vorteile gibt. Sie könnte sich etwa auch einen Beitragszuschuss in der Sozialversicherung vorstellen, wenn in betriebliche Vorsorge investiert wird.

Wondrak formuliert drei BAV-politische Ansatzpunkte: Steigerung der Attraktivität für KMUs und Einzelunternehmen, Förderung für Kleinverdiener und Handeln im Bereich der Frauenversorgung, weil Frauen „am meisten von der Pensionsreform betroffen sein werden“. Kaltenböck sieht die BAV im breiten KMU-Bereich noch nicht angekommen. Er schlägt den Ausbau der „Zukunftssicherung“ mit ihrer Möglichkeit der Gehaltsumwandlung vor; die derzeit geltenden 300 Euro seien bloß „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Am liebsten wäre ihm eine „Gesamtreform“ inklusive erster Säule. Die hält er zwar nicht für in absehbarer Zeit realistisch, auf den Tisch gehörten aber mehrere Themen: Versicherungssteuerfreiheit, Absetzbarkeit von Arbeitnehmerbeiträgen, Stärkung der Entgeltumwandlungssysteme.

Für Versicherer interessant
Meist wird die zweite Säule mit Pensionskassen und „Abfertigung neu“ assoziiert. Wo sind hier die Versicherer zu verorten? Schuster ist von der Rolle der Versicherung in der BAV überzeugt und nennt zwei Argumente: versicherungsmathematisches Know-how und die Möglichkeit, Garantien zu bieten – nicht zwangsläufig etwa eine Mindestverzinsungs-, wohl aber eine Rententafelgarantie.

Die BAV sei mit ihren Durchführungswegen der betrieblichen Kollektivversicherung, der direkten Leistungszusage und der Zukunftssicherung sowie damit zusammenhängenden biometrischen Themen natürlich ein interessantes Feld, stellt Kaltenböck fest. Die Uniqa wickle zirka ein Viertel des gesamten Lebensversicherungsgeschäfts im Rahmen der betrieblichen Vorsorge ab.

Welches Potenzial haben BAV-Versicherungslösungen? Schrefl sieht Versicherungen als alternatives Modell zu Pensionskassen: Versicherungen könnten als Vorteil ausweisen, „Garantien, Stabilität und Planbarkeit“ zu bieten – aber eben um den Preis, potenziell weniger ertragreich zu sein, weil Garantien etwas kosten.

Wondrak sieht ein Problem darin, „dass man sich nicht darüber verständigt, für welche Zielgruppe man welches Produkt braucht“. Er ortet ein Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit, dieses müsse man erfüllen. Kaltenböck plädiert für ein wechselseitiges Ergänzen: Nicht nur ein Mix der Säulen, auch ein Mix innerhalb der Säulen sei möglich. So ließen sich Durchführungswege der BAV kombinieren, „dieser Produktmix macht die eingangs angesprochene Diversifikation aus“.

Kein Entweder-oder
Pensionskassen richten an die Politik ein ganzes Bündel an Forderungen, stellte Perger fest: Schaffung von Generalpensionskassenverträgen, Prämienmodelle für kleine Einkommen, steuerliche Änderungen. Würden die Versicherer unter derlei leiden? Oder sollten sie mitziehen?

Ein Generalkollektivvertrag würde de facto für den Großteil der Beschäftigten ein Obligatorium bedeuten, meint Schrefl. Aber den einen Durchführungsweg nehmen zu müssen, das „muss jetzt auch nicht unbedingt sein“, denn die Bedürfnisse seien verschieden. Sie ist gegen ein Entweder-oder: Pensionskassen und Versicherungen seien Alternativen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Fähigkeiten. Daraus einander stark ähnelnde „Mischprodukte“ zu formen, hielte sie bloß für doppelten Aufwand. Von zu vielen individuellen Wahlmöglichkeiten in der BAV rät sie aber ab, das würde die Beratung aufwendiger machen und die Betroffenen womöglich überfordern. Individualisierung sei in der dritten Säule besser aufgehoben. Gut fände sie es deshalb, BAV-Durchführungswege zu kombinieren.

Schuster hat mit dem Begriff „Generalpensionskassenvertrag“ keine rechte Freude. Er zöge sozu-sagen einen „General-betriebliche-Vorsorge-Vertrag“ vor – bei dem

die Mitarbeiter auch Eigenbeiträge leisten. Eine Sozialversicherungsbefreiung betrachtet er kritisch, denn letztlich heiße das: „Ich wandle um und kürze meine staatliche Pension.“ Das gehe am Sinn vorbei, hier sei der Gesetzgeber gefordert, die Umwandlung attraktiv zu gestalten.

Wondrak vermisst in Österreich eine ideologiefreie Analyse, wie erste, zweite und dritte Säule im Zusammenspiel funktionieren. Wenn es die gebe, könne man entscheiden, was wie gefördert wird. In anderen Ländern werde diese „große gesellschaftliche Diskussion“ permanent geführt. „Das, glaube ich, ist ein Schritt, den wir schaffen müssen, dass wir überhaupt einmal wissen: Was wollen wir als Gesellschaft in Österreich?“

Foto: AdobeStock / detailblick

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ein Jahr mit Gegenwind

Geopolitische Spannungen vom Markt noch nicht eingepreist – ein Kommentar von Zehrid Osmani, Leiter für globale und langfristige Aktienstrategien bei Martin Currie, Teil von Franklin Templeton.

(17.01.) „Der Aufschwung in 2021 fiel letztendlich stärker aus als erwartet. Kurz- bis mittelfristig dürfte also die wirtschaftliche Dynamik auch weiter anhalten. Dies liegt vor allem an den unterstützenden politischen Initiativen, insbesondere die großen Infrastrukturprogrammen, die weltweit gestartet sind. Da diese Programme zudem langfristig angelegt sind, sollte ein länger anhaltender Wirtschaftsaufschwung bevorstehen, der die Aktienmärkte weiterhin unterstützen sollte. Angesichts hoher Aktienbewertungen und eines starken Jahres 2021 für Aktien sollten Anleger mit niedrigeren Renditen und höherer Volatilität rechnen.

Ein elementares Gesprächsthema bleibt die Inflation. Das Bullen-Bären-Tauziehen könnte bis zum Sommer andauern, wenn der Inflationsdruck unserer Meinung nach nachlassen wird. Die Lohninflation spielt dabei nach wie vor die wichtigste Rolle. Diese Messgröße gilt es zu beobachten. Denn sie hat das Potenzial, sich längerfristig auszuwirken. Wir halten eine Stagflation angesichts des günstigen wirtschaftlichen Umfelds für wenig wahrscheinlich, wenn auch die Omikron-Variante dieses Risiko erhöhen könnte.

Nach der starken Erholung im Jahr 2021 ist 2022 ein geringeres Gewinnwachstum zu erwarten. Die steigende Inflation könnte den Margendruck erhöhen. Für Anleger bedeutet dies, sich auf Unternehmen mit konsistenten Wachstumsprofilen zu konzentrieren: Sie verfügen über eine höhere Preissetzungsmacht und sehen sich daher einem geringeren Margenrisiko gegenüber.

Es gibt noch weitere Risiken, die Anleger berücksichtigen sollte. Eine nachlassende Dynamik bei den Infrastrukturausgaben stellt ein beträchtliches Risiko dar, da diese Ausgaben eng mit dem Wirtschaftswachstum zusammenhängen. Ein weiteres Risiko sind geldpolitische Fehlentscheidungen, die die Anleger verunsichern und zu mehr Volatilität führen können, sofern sich Renditekurven verschieben und sich die bisherige Balance zwischen Growth- und Value-Aktien ändert. Weitere Faktoren, die sich auswirken können, sind mögliche steigende Unternehmenssteuersätze, welche die Gewinne unter Druck setzen würden. Und schließlich geopolitische Risiken, darunter die Spannungen zwischen China und dem Rest der Welt, die sich verschärfen könnten. Aktuelles Beispiel sind die Gebietsansprüche Chinas im Südchinesischen Meer, die zunehmend in den Mittelpunkt rücken. In der zweiten Jahreshälfte liegt der Fokus auf der voraussichtlichen dritten Amtszeit von Chinas Präsident Xi Jinping, die ihm den Weg zu einer noch längeren Amtszeit ebnen könnte. Dies könnte ein ausgeprägteres territoriales Streben um Taiwan auslösen, was wiederum zu einem Aufflammen der grenzüberschreitenden Spannungen und einer Zunahme der geopolitischen Risiken führen könnte. All dies preist der Markt bisher nicht ein.“

Foto: Martin Currie

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Hilfe zur Vorsorge oder „Geschenk an Superreiche“?

Die Pläne von Finanzminister Magnus Brunner sorgen nach der Ankündigung in der Vorwoche für reichlich Diskussionsstoff.

Emanuel Lampert. Die Wirtschaftskammer, die Sparte Bank und Versicherung und der Fachverband der Pensionskassen und die Industriellenvereinigung haben die Ankündigung einer KESt-Befreiung mit Behaltefrist begrüßt. Dies würde Kapitalmarkt und Vorsorge fördern. Für die AK Oberösterreich handelt es sich dagegen um ein „ökonomisch unsinniges Steuergeschenk an die reichsten zehn Prozent der Haushalte und die Finanzindustrie“. Sie will stattdessen eine Senkung der Abgaben auf Arbeit und „eine echte Steuerstrukturreform mit höheren Beiträgen der Reichsten“.

WKÖ-Kopf: Wäre wesentlicher Beitrag für Altersvorsorge
Seitens der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) begrüßte Generalsekretär Karlheinz Kopf den Vorstoß: „Das schafft eine Win-Win-Situation für einen wettbewerbsfähigen Kapitalmarkt und die Eigenvorsorge-Landschaft in Österreich.“

„Die längerfristige Risikoübernahme am Kapitalmarkt wird durch Freistellung von der Kapitalertragsteuer attraktiv gemacht“, so Kopf. Zugleich verlieh er der Forderung nach einer Steuerbegünstigung auch für langfristig gehaltene Unternehmensbeteiligungen Nachdruck.

„Anreize wie diese“, so Kopf, „können für die Bürgerinnen und Bürger einen wesentlichen Beitrag leisten, die eigene Altersvorsorge auf solide und nachhaltige Beine zu stellen.“

Sparte Bank und Versicherung: „Wichtige Incentives“
Die WKÖ-Bundessparte Bank und Versicherung führte in dem Zusammenhang auch den Klimaaspekt ins Treffen: Die „Klimatransformation“ berge „gewaltiges Potential“, brauche aber einen leistungsfähigen Kapitalmarkt.

Mit dem Instrument der Behaltefrist „können Milliarden für diese Transformation in eine grüne Zukunft mobilisiert werden“, argumentiert Spartengeschäftsführer Franz Rudorfer.

Ergänzt um eine Steuerbefreiung nachhaltiger Lebensversicherungs- und Pensionskassenprodukte, könne ein „gewaltiger Schub in ein nachhaltiges Österreich“ gelingen, wie es in der Aussendung weiter heißt. So würden „wichtige Incentives, Vorsorge und Altersvorsorge nachhaltig zu ergänzen“, geschaffen.

Pensionskassen: „Gutes Signal“ des Finanzministers
„Eine steuerliche Entlastung für Investitionen in die eigene Vorsorge mit einer Behaltefrist für Wertpapiere, um reiner Spekulation vorzubeugen, ist ein Schritt in die richtige Richtung“, bekundete auch Andreas Zakostelsky, der Obmann des Fachverbandes der Pensionskassen, Unterstützung.

Denn neben der staatlichen und der betrieblichen sei die private Altersvorsorge ein wichtiger Baustein der Pensionsvorsorge. „Als nächster Schritt muss ein Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge angegangen werden“, so Zakostelsky.

AKOÖ: Steuergeschenk an Reiche und Finanzindustrie
Ablehnend reagierte die Arbeiterkammer Oberösterreich: Sie bezeichnet die Behaltefrist in einer Aussendung als „Spekulationsfrist“, die ihrer Ansicht nach „ein bis zu 300 Mio Euro teures und ökonomisch unsinniges Steuergeschenk an die reichsten 10 % der Haushalte und die Finanzindustrie“ wäre.

Die Pandemie habe sich ökonomisch unterschiedlich ausgewirkt, Personen mit höheren Ersparnissen und höherem Vermögen seien weniger betroffen als jene, die von ihren monatlichen Arbeitseinkommen abhängig sind, so die AKOÖ.

„Dass man ersteren jetzt auch noch zusätzlich die Steuer auf Kursgewinne schenken will, ist ein Schlag ins Gesicht für den Großteil der Bevölkerung, der über keine wesentlichen Kapitalanlagen verfügt“, meint Andreas Stangl und fordert stattdessen „eine echte Steuerstrukturreform mit höheren Beiträgen der Reichsten“.

An Stelle der nun angekündigten Maßnahme hielte es die AKOÖ für sinnvoller, „die Abgaben auf Arbeit zu senken und einen nachhaltigen und echten Ausgleich der ‚kalten Progression‘ durchzuführen“.

IV: Unterstützung für Altersvorsorge
Für die Industriellenvereinigung (IV) rückte am Samstag Generalsekretär Christoph Neumayer aus: Anreize für langfristigen Vermögensaufbau und Veranlagung in Wertpapiere seien „ein Gebot der Stunde“.

„Es geht darum, Menschen zu unterstützen, die bereit sind, langfristig, gerade auch in ihre Altersvorsorge, zu investieren“, so Neumayer. „Genau das ermöglicht die Behaltefrist, die jene unterstützt, die dies aus bereits versteuertem Arbeitseinkommen tun.“

Die Industrie plädiert außerdem dafür, „auch langfristig gehaltene Unternehmensbeteiligungen zu stärken“. In der Mitarbeiterbeteiligung, sagt Neumayer, „liegt ein weiterer Schlüssel, der das Mindset der Menschen ändern kann und hervorragend funktioniert“.

Foto: Wiener Börse AG

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Kleine Unternehmen haben großen Aufholbedarf

Aber 57 % der Firmen wollen sich als nachhaltig positionieren.

Andreas Dolezal. Wenn sich die Art und Weise, wie wir Ressourcen verbrauchen, nicht ändert, bräuchten wir bis 2050 drei Erden, um unseren Bedarf zu decken. So schreibt es das Europäische Parlament auf seiner Internetseite. Tatsache ist, dass wir uns von einer Wegwerf-Gesellschaft zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft entwickeln müssen, wenn wir der Ressourcenknappheit und dem Klimawandel wirksam begegnen wollen. Das „Circular Economy Barometer“ der Altstoff Recycling Austria AG, kurz ARA, beleuchtet den Transformationsprozess von Österreichs Unternehmen.

Das neue ARA-Barometer zeigt hinsichtlich Kreislaufwirtschaft von und in Unternehmen ein gemischtes Bild. Aktives Trennen von Müll, Recycling und Investitionen in die Kreislaufwirtschaft sind zurückgegangen. Im Jahr 2019 wies der „Circular Economy Index“ noch einen Wert von 55,9 aus (auf einer Skala von 0 bis 100), 2020 stand der Index bei 51,7 und fiel heuer auf 50,0. Trotzdem sehen die befragten Unternehmen die Kreislaufwirtschaft als Chance.

Basis des „Circular Economy Barometers“ ist die Studie „Wie Circular-Economy-fit ist Österreichs Wirtschaft“, die das Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag der ARA durchgeführt hat. Befragt wurden im Zeitraum August bis September 2021 in telefonischen Interviews 150 Unternehmen, davon dreißig mit bis zu neun Mitarbeitern und jeweils sechzig mit 10 bis 49 sowie 50 oder mehr Mitarbeitern. Auskunftspersonen waren jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für Entscheidungen rund um das Thema Kreislaufwirtschaft verantwortlich sind.

Mehr Ressourceneffizienz
Um die Ziele des EU-Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft zu erreichen, ist eine Transformation zu mehr Ressourceneffizienz erforderlich. Österreichs Unternehmen sind darauf bereits gut vorbereitet, aber es gibt, wie das ARA-„Circular-Economy-Barometer“ zeigt, noch Luft nach oben – besonders bei kleinen Unternehmen. Auf die Frage „Nutzen Sie dieses Konzept der Kreislaufwirtschaft bereits oder planen Sie es?“ antworteten 54 % der ganz kleinen Unternehmen mit „Ja“ (47 %) oder „Nein, noch nicht, plane es aber zu nutzen“ (7 %). In Unternehmen mit 50 oder mehr Mitarbeitern liegt dieser Prozentsatz bereits bei 90 %.

Als die häufigsten Aktivitäten im Rahmen der Kreislaufwirtschaft werden die Reduktion von Abfällen (90 %), die Forcierung von Wiederverwendung (85 %) und das Recycling von Gütern und Verpackungen (84 %) genannt. Am unteren Ende finden sich Aktivitäten wie das Nutzen von Digitalisierung für die Kreislaufwirtschaft

(47 %) und die Gestaltung von Produkten bzw. Verpackungen, die sich leicht recyceln lassen (39 %).

Hindernisse bremsen Investitionen
Zwar investieren 56 % der befragten Unternehmen bereits in das Thema „Circular Economy“, aber der Anteil an den gesamten Investitionen der jeweiligen Unternehmen fiel von durchschnittlich 16 % im Jahr 2019 auf nunmehr 9 %. Sowohl hier als auch bei den Investitionen in die Kreislaufwirtschaft, die in den kommenden drei Jahren geplant sind, hinken kleine Unternehmen den großen deutlich nach.

Als größte Hindernisse bei der Umsetzung der Kreislaufwirtschaft nennen die befragten Unternehmen die zu komplexe Gesetzgebung (32 %), hohe Kosten (23 %) und fehlende Unterstützung durch öffentliche Stellen (19 %). Fehlende finanzielle Mittel (9 %) und fehlende Informationen (0 %) spielen hingegen kaum eine bzw. gar keine Rolle.

„Während große Unternehmen immer stärker als Zugpferde der Kreislaufwirtschaft fungieren, werden fehlende Investitions-, Planungs- und Rechtssicherheit vor allem von KMU als größtes Hindernis gesehen. Das bedeutet eine große Herausforderung für das KMU-Land Österreich“, wird Harald Hauke, Vorstand der ARA, in einer Pressemitteilung dazu zitiert.

Mehr Chancen als Risiken
Im Zusammenhang mit der künftigen Entwicklung beim Thema Kreislaufwirtschaft weist das „Circular Economy Barometer“ einen Wert von 60,1 aus. Kleine wie große Unternehmen sehen also mehr Chancen als Risiken. Bekräftigt wird dieses Ergebnis durch die überdurchschnittlich hohe Zustimmung zur Aussage: „Es ist für unser Geschäft wichtig, dass wir uns als ein nachhaltiges Unternehmen positionieren.“

57 % der Unternehmen stimmen dieser Aussage (voll und ganz bzw. eher) zu. Bei den kleinen Unternehmen liegt die Zustimmung bei 53 %, bei den großen (mit 50 und mehr Mitarbeitern) sogar bei 85 %. Nur 7 % der befragten Unternehmen betrachten Kreislaufwirtschaft als unwichtig und stimmen der Aussage überhaupt nicht zu (10 % der kleinen und 2 % der großen Unternehmen).

Foto: AdobeStock / Ben Chams

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

ESG-Kriterien in der Vorsorge

Diversifikation und Langfristigkeit sind von großer Bedeutung.

Harald Kolerus. Der starke Trend zu mehr Nachhaltigkeit ist natürlich auch in der Versicherungsbranche ein bestimmendes Thema. Allerdings ist die Umsetzung mit den bisher am Markt vorhandenen Produkten nicht ganz einfach. Wie müsste also der optimale ESG-Fonds (ESG steht für Environment, Social und Governance, Anm.) für die Altersvorsorge aussehen? Der Börsen-Kurier sprach dazu mit Christian Nuschele, Vertriebsleiter von Standard Life, und Martin Stenger, Vertriebsdirektor bei Franklin Templeton. Gemeinsam haben die beiden Gesellschaften ein neues Produkt kreiert. Der „Franklin ESG-Focused Balanced Fund“ ist als Direktinvestment (ISIN: LU2319533704), aber auch in allen Fondspolizzen der Standard Life erhältlich.

Kaum passende Produkte
Nuschele erklärt zur Entstehungsgeschichte: „Wir als Versicherer haben bei der Suche nach ESG-Investments als Vorsorgelösung festgestellt, dass es am Markt zwar sehr viele Nachhaltigkeitsfonds gibt, aber etwas fehlt: nämlich ESG-Multi-Asset-Produkte, die sich als Core-Investment für unseren Zweck eignen.“ Nuschele hat deshalb gemeinsam mit Stenger von Franklin Templeton erörtert, welches Investment im Rahmen einer Fondspolizze ideal ist. Das Resultat ist eben der maßgeschneiderte „Franklin ESG-Focused Balanced Fund“. Stenger kommentiert: „Unsere Gesellschaft ist als langfristig denkender Asset Manager bekannt, im Zusammenhang mit Vorsorge bewegt man sich allerdings in einem noch weiter gesteckten Rahmen. Diversifikation und Langfristigkeit sind hier von entscheidender Bedeutung. Der Fonds konzentriert sich nicht auf Nachhaltigkeits-Nischenthemen oder auf ESG-Trends wie z.B. Neue Energien. Wir haben ein breites Basisinvestment geschaffen, das sich im Sinne des Vorsorgegedankens eignet.“

Ausgewogenes Portfolio
Sozusagen als „Improver“ soll der Mischfonds Unternehmen dazu animieren, ihr Geschäftsmodell noch weiter in Richtung ESG zu steuern. Er setzt dabei auf ein ausgewogenes Portfolio von Aktien jeglicher Größe aus Industrieländern sowie Anleihen von Unternehmen und staatlichen Emittenten weltweit, wobei im Bonds-Bereich vorwiegend in Europa bzw. in auf Euro lautende Schuldtitel investiert wird. Der Einsatz von Derivativen ist wiederum nur zur Risikosteuerung und nicht zur Performance-Generierung erlaubt, denn das würde in einen Bereich führen, der in Sachen Nachhaltigkeit nicht gerade das beste Image genießt.

Die breite Streuung spiegelt sich in der Branchen-Allokation wider: Sie reicht von IT über Industriewerte, Finanzwesen, Gesundheit und den Konsumsektor bis hin zu Kommunikationsdiensten und Immobilien. Nuschele: „Das ausgewogene Multi-Asset-Konzept passt sehr gut zu einer großen Zahl unserer Kunden und zu den Beratungsprozessen unserer Partner.“

Gegen Greenwashing
Wobei, wie erwähnt, das Thema ESG immer wichtiger wird. Stenger: „Wir sehen vor allem in Europa einen ausgeprägten politischen Willen und Regulatorien, um Nachhaltigkeit zu fördern. In den USA agiert im Vergleich dazu die privatwirtschaftliche Initiative stärker als Treiber.“

ESG liegt also im Trend, aber hat damit nicht auch die Gefahr des Greenwashing zugenommen? Wie können sich Anleger dagegen wappnen? Stenger dazu: „Wichtig ist, dass ESG im Mittelpunkt steht und nicht nur als Feigenblatt in Form irgendeiner Kennziffer fungiert. Wir haben für den Fonds ein eigenes ESG-Score entwickelt und ihn nahe der Regulatorik aufgebaut.“ Nuschele fügt hinzu: „Ein Zeichen der Verlässlichkeit für Investoren ist nicht zuletzt das FNG-Siegel. Unser neuer Fonds wurde nach den strengen Kriterien des Forums Nachhaltige Geldanlage mit diesem Standard ausgezeichnet.“

Foto: AdobeStock / Köpenicker

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Japan 2022: Rekordjahr ohne Inflationsängste

Die wirtschaftliche Erholung Japans blieb im Jahr 2021 hinter der von anderen entwickelten Volkswirtschaften zurück. Auch wenn die Krise uns wohl noch eine ganze Weile beschäftigen dürfte, ist davon auszugehen, dass sich die gesamtwirtschaftliche Situation des Landes im kommenden Jahr zum Besseren entwickeln sollte. Was für einen unmittelbar bevorstehenden Aufschwung in Japan spricht und welche Sektoren bzw. Unternehmen hiervon besonders profitieren dürften, erklärt Richard Kaye, Portfoliomanager des Comgest Growth Japan:

(11.01.) Trotz der großen Unsicherheit, die die Omikron-Variante des Coronavirus aktuell schürt, halten wir es für wahrscheinlich, dass 2022 ein starkes Jahr für das Gewinnwachstum japanischer Unternehmen wird. Die meisten COVID-19-Einschränkungen in Japan wurden aufgehoben, sodass sich eine Erholung abzeichnet. Das betrifft insbesondere Unternehmen, die in den kommenden Monaten von Nachholeffekten in den Konsumausgaben sowie von der Rückkehr der Touristen profitieren können. Neue Infektionswellen oder andere unerwartete Entwicklungen lassen sich leider weiterhin nicht völlig ausschließen.

Aufschwung in Sicht
Zu den Unternehmen, bei denen mit einem erheblichen Gewinnwachstum zu rechnen ist, zählen Japan Airport Terminal, das den internationalen Flughafen Haneda in Tokio betreibt, und das Disneyland Tokio Resort, das von der Oriental Land Corporation betrieben wird. Beide Unternehmen sollten gleichermaßen von den steigenden Touristenzahlen profitieren. Der Flugverkehr im Inland hat sich in Vergleich zum Stand von vor der Pandemie bereits wieder um 78 % erholt, während der internationale Flugverkehr, der am 7. November dereguliert wurde, aufgrund der Omikron-Mutation erneut für 30 Tage ausgesetzt wurde. Wir gehen aber davon aus, dass der Auslands-Reiseverkehr zeitnah wiederaufgenommen wird, da die mächtige „Keidanren“-Industrielobby – einer der einflussreichsten Wirtschaftsverbände des Landes – ausländische Arbeitskräfte benötigt, um dem Fachkräftemangel in Japan entgegenzuwirken. Doch auch die Gastronomie wird im neuen Jahr ein Comeback erleben. Hiervon sollte u.a. Sushiro, Japans größte Sushi-Restaurantkette, besonders profitieren. Sushiro eröffnet laufend neue Restaurants, unter anderem in Großstädten und expandiert nach Übersee, was sich positiv auf die Erträge auswirken dürfte.

Zusätzlich hat der Staat bereits verschiedene Konjunkturmaßnahmen in die Wege geleitet. Die von Premierminister Fumio Kishida angekündigten Konjunktur-Schecks in Höhe von 878 US-Dollar dürften Discountern wie Don Quijote von Pan Pacific und Kobe Bussan zugutekommen. Auch für die Inlandsreisekampagne „Go To“ wurde ein großes Budget bereitgestellt, wovon erneut die beiden Player Japan Airport Terminal und Disneyland Tokio Resort sowie Orix, der Betreiber einer Hotelkette, profitieren sollten.

Japan als sicherer Hafen vor der Inflation
2022 könnte das Jahr sein, in dem die Inflation weltweit steigt. Wenn dem so ist, könnte sich Japan als sicherer Hafen erweisen. Trotz der gigantischen Liquiditätsprogramme der Zentralbank gibt es seit den 1990er Jahren aufgrund der alternden Bevölkerung und der abnehmenden Konsumneigung im Land keine Inflation. Für globale Anleger, denen bei anhaltender Inflation die Kluft zwischen ausgewiesenen und realen Erträgen Sorge bereitet, kann Japan daher einen Zufluchtsort bieten.

Die Abe-Ära setzt sich fort
In der Politik hat Japan zwar den Kapitän gewechselt, aber das Schiff fährt immer noch denselben Kurs. Shinzō Abe und sein ehemaliger Stellvertreter Taro Aso bleiben als Anführer der größten Fraktionen in der regierenden Liberaldemokratischen Partei die wesentlichen Entscheider im Land. Das bedeutet, dass sie weiterhin auf Wachstum, Deregulierung und saubere Unternehmensführung setzen, auch wenn Premierminister Fumio Kishida nun an der Spitze der Regierung steht.

Der Begriff, den die Presse in westlichen Ländern gerne verwendet hat und der auch von Fumio Kishida während seines Wahlkampfs eingesetzt wurde, lautet „Umverteilung“. Diese soll, sofern die Pläne überhaupt umgesetzt werden, zu Steueranreizen für Unternehmen führen, um die Löhne zu erhöhen. Die Reichen zu besteuern, um die Armen zu entlohnen, ist in Japan kein übliches Wahlprogramm oder eine populäre Idee, obwohl die Steuern in Japan aufgrund des Verständnisses eines gemeinsamen sozialen Zwecks bereits hoch sind.

Japan bedient asiatische Konsumschicht und Industrie
Der japanische Aktienmarkt ist aufgrund der geographischen, historischen und kulturellen Nähe Japans nach wie vor eine sehr gute Plattform, um von den Bedürfnissen der aufstrebenden asiatischen Konsumschicht und der Industrie zu profitieren. Indem wir uns auf Wachstumstrends konzentrieren, die auf unternehmensspezifischen Stärken und Fähigkeiten aufbauen, reduzieren wir die Abhängigkeit von den Marktbedingungen in Asien, die teils von regulatorischen Veränderungen, Liquidität, einer kürzeren Börsenhistorie und Herausforderungen im Bereich der Unternehmensführung geprägt sind. Beispiele für Unternehmen, die wir halten, sind Pigeon und Kosé. Während Pigeon, ein japanisches Unternehmen und Chinas größter Anbieter von Babyflaschen, von der wachsenden Zahl chinesischer Mütter, die Milchpulver verwenden, profitiert, kommt Kosé die zunehmende Beliebtheit von Hautpflege zugute.

Foto: Comgest

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Spannende Börsendebüts 2022

Vor allem im Technologiesektor wird heuer eine rege IPO-Tätigkeit erwartet.

Patrick Baldia. Auch wenn die Corona-Pandemie in den ersten Tagen 2022 die Schlagzeilen dominiert und für reichlich Verunsicherung sorgt – Stichwort Omikron -, so scheint sie zumindest bereits im Vorjahr für den IPO-Markt deutlich an Schrecken verloren zu haben. „Noch nie gingen so viele Unternehmen an die Börse wie 2021, und auch das dabei eingesammelte Kapital war noch nie höher“, hält Andrey Wolfsbein von Freedom Finance im Gespräch mit dem Börsen-Kurier fest. Konkret wurden laut dem „Global IPO Update“ von Ernst & Young (EY) fast 2.400 Börsendebüts gezählt, was einem Plus von 64 % gegenüber 2020 entspricht. Das globale Emissionsvolumen stieg sogar um 67 % auf mehr als 450 MrdUSD.

Mit einer Bewertung von 100 MrdUSD am ersten Handelstag legte der US-Elektroautohersteller Rivian (ISIN: US76954A1034) den größten Börsengang des Jahres hin. Damit ist das Unternehmen der zweitwertvollste US-Automobilhersteller hinter Tesla – und zwar noch vor renommierten Playern wie Ford oder General Motors. Die größte Rendite konnten Anleger mit einem Technologieunternehmen erzielen: der Aktienpreis des Fintechs Affirm (US00827B1061) stieg im Vergleich zum Emissionspreis um fast 210 %.

Insgesamt drängte es 2021 vor allem Unternehmen aus dem Technologiesektor an die Börse – konkret mehr als 400. Auch heuer werden einige interessante IPOs aus dem Bereich erwartet. Für Wolfsbein zählt dazu die digitale Zahlungsplattform Stripe, die bereits in mehr als 120 Ländern genutzt wird. „Dadurch, dass das Unternehmen zuletzt bereits mit 100 Mrd Euro bewertet wurde, könnte dieser IPO eines der größten Angebote überhaupt werden“, meint der Experte. Vor seinem Börsenstart steht mit der mobilen Bankplattform Chime, die einschlägige Dienstleistungen anbietet, ohne dabei über physische Standorte zu verfügen, ein weiteres Fintech. Beobachter rechnen mit einem Emissionserlös zwischen 35 und 45 MrdUSD.

Eine interessante Möglichkeit für Anleger könnte auch der IPO von Databrics darstellen. Das Unternehmen, das Software zur schnellen Verarbeitung großer Datenmengen und deren Aufbereitung für Analysten entwickelt, habe bereits einen Stamm von mehr als 5.000 Kunden und zähle unter anderem Microsoft und Amazon zu seinen Klienten, so Wolfsbein. Laut Medienberichten könnte die Bewertung beim IPO zwischen 35 und 50 MrdUSD ausmachen. Eine Überlegung wert könnte auch Instacart sein. Der Online-Lebensmittellieferdienst ist allein in den USA für 85 % der Haushalte verfügbar und wurde zuletzt mit 39 MrdUSD bewertet.

„Die digitale Transformation der Wirtschaft hat durch die Pandemie einen enormen Schub bekommen. Zudem ist die Bereitschaft stark gestiegen, etablierte Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen und auch radikale Maßnahmen einzuleiten, um die Zukunftsfähigkeit und Agilität von Unternehmen zu sichern“, erklärt Gerhard Schwartz, Partner und Leiter des Assurance-Bereichs bei EY Österreich, den steten Zustrom von Börsenneulingen aus dem Tech-Bereich. Nur zwei Beispiele für zwei weitere für 2022 erwartete IPOs: Uhde Chlorine Engineers, die Wasserstofftochter von Thyssenkrupp, oder Eni R&R, die Erneuerbare-Energien- und Retail-Tochter des italienischen Ölkonzerns Eni.

An der Wiener Börse wagten übrigens im Vorjahr acht Unternehmen den Sprung aufs Börsenparkett – und zwar allesamt in Einstiegssegmenten Direct Market und Direct Marktet Plus. Einige weitere könnten heuer folgen.

Foto: Pixabay / kalhh

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wohin steuert die Ölpreisrallye?

Der Energiebedarf steigt weltweit, die Förderanhebung der OPEC fiel zuletzt bescheiden aus.

Raja Korinek. Noch vor wenigen Wochen sorgte der Omikron-Ausbruch für Schreckensmomente am Ölmarkt. Die Sorge vor einem Nachfrageeinbruch war groß, die Preise knickten ein. Allein die Notierung der europäischen Nordseemarke Brent notierte Ende November bei rund 82 USD je Fass, sank dann auf knapp unter 70 USD. Seither hat sich die Notierung erholt, ebenso wie jene in den USA, wo die WTI-Sorte gehandelt wird.

Bei der BNP Paribas führt man die Erholung unter anderem auf die – bislang bekannten – Eigenschaften von Omikron zurück. Die Experten verweisen auf die tendenziell milderen Verläufe. Somit werden weniger harte Lockdowns befürchtet, womit auch der Transportsektor weniger stark betroffen wäre. Auf diesen Bereich entfällt der Großteil der globalen Nachfrage, die trotz Bemühungen einer Energiewende mit 100 Mio Fass pro Tag ein Rekordhoch erreicht.

Kasachstan-Unruhen wecken Sorgen
Auch auf der Angebotsseite gibt es jede Menge preistreibende Ereignisse. Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch verweist auf die Unruhen in Kasachstan und sagt, „sie haben Befürchtungen geschürt, die dortige Ölproduktion könnte beeinträchtigt sein“. Tatsächlich wurde Meldungen zufolge die Produktion im größten Ölfeld des Landes angepasst. „Über das Ausmaß gab es keine Angaben. Kasachstan produziert aber knapp 1,7 Mio Fass Öl pro Tag und gehört zu den größeren Produzentenländern innerhalb der OPEC+“, so Fritsch.

Doch damit ist noch nicht Schluss. Der Marktprofi meint, auch in einem weiteren Land des erweiterten Produktionskartells gebe es Probleme: „In Libyen ist die Ölproduktion laut der staatlichen Ölgesellschaft NOC zuletzt auf 729.000 Fass pro Tag gesunken. Zuvor lag die Fördermenge bei rund 1,1 Mio. Fass pro Tag.“ Begründet wurde die Entwicklung mit Wartungsarbeiten, sie sollen inzwischen abgeschlossen sein.

Geringere OPEC-Förderung
Hinzu kommt, dass allein die OPEC im Dezember 2021 die Ölproduktion deutlich weniger als vereinbart gesteigert hatte, und zwar um nur 150.000 Fass pro Tag gegenüber dem Vormonat. Möglich wäre eine Steigerung um 250.000 Fass pro Tag. Insgesamt lag die Produktionsmenge mit 650.000 Fass pro Tag unter dem vereinbarten Niveau.

Von der Ölpreiserholung seit dem schweren Sturz 2020 haben zahlreiche Ölkonzerne kräftig profitiert. Sie haben zugleich aber Investitionen in neue Projekte aufgrund der Energiewende reduziert und legen den Fokus verstärkt auf erneuerbare Energien. Mit dem „Vontobel Oil-Strategy Index“ (ISIN: DE000VN6SG00) wird versucht, sowohl Chancen mit Branchenaktien zu nutzen, als auch von der Preisentwicklung der WTI-Notierung zu profitieren. Je nachdem, wo sich eine vorteilhaftere Entwicklung abzeichnet, wird das Vermögen entweder in Derivate investiert, die auf die künftige Entwicklung von WTI setzen, oder in einen Korb von zehn Ölaktien aus den USA und Kanada veranlagt. Dazu zählen beispielsweise Exxon (US30231G1022), Chevron (US1667641005) und Suncor Energy (CA8672241079).

Turbo-Chancen mit Risiko
Anleger, die sich ein höheres Risiko zutrauen, können gehebelt mit einem Turbo-Long-Zertifikat auf die Brent-Entwicklung setzen. Ein solches Produkt bietet etwa die BNP Paribas an (DE000PF6RQM7). Der aktuelle Hebel (per 7. Jänner) liegt bei 2,89. Um diesen verändert sich der Kurs des Zertifikats im Verhältnis zum Basiswert. Berührt oder unterschreitet allerdings der Basiswert die Marke von 53,86 USD, verfällt das Zertifikat. Bei beiden Zertifikaten müssen Anleger zudem das Währungsrisiko beachten.

Foto: AdobeStock / Trifonenko Ivan

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Zinswende mahnt aber zur Vorsicht.

Die Zinswende mahnt aber zur Vorsicht.

Roman Steinbauer. Während der MSCI Emerging Market Index (ISIN: CH0007292201) im Vorjahr um herbe 7 % sank, legte der MSCI World Index (CH0001693230) um deutliche 18 % zu. Um sogar 26 % stieg der führende Barometer der westlichen Welt, der S&P 500 (US78378X107). Grund genug, um aufgrund günstigerer Bewertungen Aktien aufstrebender Staaten wieder in Investment-Überlegungen einzubeziehen?

Gegen diese Strategie spricht die eingeleitete Zinswende, die den US-Dollar an Attraktivität gewinnen lässt. Tendenziell stellt dies für Gesellschaften aufstrebender Volkswirtschaften (durch vorwiegend in US-Dollar laufende Verbindlichkeiten) eine Belastung dar. Zudem wurden historisch betrachtet die für Schwellenländer wichtigsten, in US-Dollar gehandelten Rohstoffe von Preiskorrekturen mitgetroffen. Bloomberg Research spekuliert sogar über eine heraufziehende Deflation der Rohwaren. Portfolio Manager Luis Lemus, Continous Capital Partners, hingegen, der heute 26 Staaten unter „Emerging Markets“ einreiht, erkennt in einer Analyse große Chancen: „Die Bewertungen sind depressiv, die Fundamentaldaten attraktiv. Der Abschlag zu US-Titeln ist auf einem Allzeithoch, es fehlt bloß der Start des Kurs-Momentums, dann läuft es.“ Die Auswahl werde vorrangig auf die Filterung von steigenden Dividendenbringern hin, nicht nach Ländern getroffen.

Betrachtung des Verpackungsinhalts ist notwendig
Als Schwellenländer definierte Staaten sind heute nicht mehr umfassend Volkswirtschaften mit außergewöhnlichem Wachstum, wofür die involvierten Länder einst standen. Weder Südkorea, noch Taiwan, die VAE oder Russland, und schon keineswegs China, Thailand oder Polen können heute zu Entwicklungsstaaten mit Eintritt in den globalen Handel gezählt werden. Noch in diese Zuordnung passen hingegen Indien, Malaysia, Pakistan, Indonesien, Vorderasien, die Philippinen und die afrikanischen Beispiele. Bei einer Fonds-Auswahl für Schwellenländer lohnt es sich, neben den Kosten der Gebühren auch einen Blick auf die Engagements des jeweiligen Managements bzw. der Top Holdings zu werfen.

Als Beispiel dient der in zwölf Ländern investierende „Barings Global Emerging Markets Umbrella Fund Class A Fonds“ (IE0004850503). Chinesische Titel sind derzeit mit 36 % vertreten, taiwanesische mit 16 %, südkoreanische mit 14 %. Erst danach folgen Unternehmen aus Indien (11 %), Brasilien und Indonesien (jeweils 3 %). Es handelt sich hauptsächlich um einen Tech-Fonds: Das Management favorisiert Aktien wie Taiwan Semiconductor mit 9 % (US8740391003), Samsung Electronics mit 8 % (KR7005930003) oder die Tencent Holdings mit 6 % (KYG875721634).

Foto: AdobeStock / photon_photo

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Schwellenländerausblick: Aus Gegenwind wird Rückenwind

Von Nick Payne, Head of Strategy, Global Emerging Markets Focus bei Jupiter AM.

(03.01.) Das Jahr 2022 könnte als das Jahr der Wiederbelebung des Handels in den Schwellenländern in Erinnerung bleiben – wenn sich ihre Volkswirtschaften von den Covid-bedingten Einschränkungen stark erholen. Während die meisten Industrieländer ihre Bevölkerung rasch gegen Covid geimpft und ihre Wirtschaft wieder geöffnet haben, hinken die Schwellenländer noch hinterher. Wenn die Impfprogramme der Schwellenländer aufholen, werden sich ihre Volkswirtschaften schnell wieder öffnen, was ihre Aktienmärkte stark unterstützen könnte.

Südostasien erholt sich langsam
Die südostasiatischen Länder schneiden in der Covid-Resilienz-Rangliste von Bloomberg am schlechtesten ab. Indonesien, Malaysia, Thailand, Vietnam und die Philippinen liegen seit mehreren Monaten im unteren Drittel. Ihre Exporte wurden durch Covid stark beeinträchtigt, und ihre Einnahmen aus dem Tourismus haben sich verflüchtigt. Aber sie beginnen sich wieder zu erholen. Die Einkaufszentren in Indonesien haben sich wieder gefüllt. Thailand, dessen Wirtschaft in normalen Zeiten zu 18 Prozent vom Tourismus abhängt, hat Anfang November nach 18-monatigen Beschränkungen wieder für Touristen geöffnet. Vietnam öffnete seine größte Insel Ende November wieder für Touristen, nachdem die Grenzen fast zwei Jahre lang geschlossen waren und ein umfangreiches Impfprogramm durchgeführt wurde.

Wenn die Impfungen in den Schwellenländern schneller voranschreiten, werden sich die lokalen Volkswirtschaften erholen und die Investitionsstimmung dürfte sich verbessern – und die Lücke in der Aktienmarktentwicklung wird sich unserer Ansicht nach verringern. Im Jahr 2021 haben die Aktienmärkte der Schwellenländer im Vergleich zu denen der Industrieländer insgesamt schlechter abgeschnitten, was vor allem auf China zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu hat Indien, das wir seit langem bevorzugen, in diesem Jahr im Durchschnitt besser abgeschnitten als die entwickelten Märkte. Indien verfolgte einen weniger restriktiven Ansatz als China und machte die Wiederöffnung seiner Wirtschaft zur Priorität. Das indische BIP-Wachstum im Jahr 2021 war wesentlich stärker als das chinesische, und dies wird sich wahrscheinlich auch 2022 fortsetzen.

Gegenwind in China wird sich umkehren
China litt 2021 unter drei Hauptproblemen, die sich unserer Meinung nach 2022 abschwächen könnten: eine sich verlangsamende Wirtschaft, Probleme im Immobiliensektor und eine strengere Regulierung. China hat eines der weltweit schärfsten Maßnahmenpakete gegen Covid ergriffen, was das Wirtschaftswachstum verlangsamt hat. Im dritten Quartal lag das BIP-Wachstum bei 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – Anfang 2021 rechneten Experten noch mit über 8 Prozent. Wir sind der Meinung, dass immer mehr hochrangige chinesische Politiker über die Konjunkturabschwächung besorgt sind und dass China 2022 die Geldpolitik lockern könnte, während die Industrieländer angesichts der Inflation wahrscheinlich eine Straffung vornehmen werden.

Die Schwellenländer haben im Allgemeinen nicht in dem Maße wie Europa und die USA “Helikopter”-Geld (erhöhte Staatsausgaben und Konjunkturprogramme) eingesetzt und werden daher unserer Ansicht nach 2022 nicht in demselben Maße unter einer Lockerung der Geldpolitik oder einer fiskalischen Belastung leiden wie die Industrieländer. Der Gegenwind könnte sich in Rückenwind verwandeln.

Allerdings müssen wir anerkennen, dass sich das Wachstumsmodell in China dauerhaft verändert hat. Wir sollten von China keine BIP-Wachstumszahlen von 8 Prozent mehr erwarten. Ein BIP-Wachstum zwischen 4 und 5 Prozent wäre für eine so große Volkswirtschaft – die zweitgrößte der Welt – immer noch hervorragend. Das künftige Wachstum in China dürfte solider ausfallen. Es wird höchstwahrscheinlich mit weniger Schulden einhergehen, weniger von Immobilieninvestitionen abhängen und stärker auf den Verbraucher ausgerichtet sein.

Der Schritt Chinas hin zu einer strengeren Regulierung im Jahr 2021 ist vielfach missverstanden worden. Es wäre übertrieben, darin einen Rückzug in eine Art maoistische Dystopie zu sehen. Wir verstehen ihn als Teil von Chinas Streben nach “allgemeinem Wohlstand”. Die chinesische Regierung will weg vom Wachstum um jeden Preis, hin zu einem qualitativ besseren Wachstum und einer stärkeren Einbeziehung aller Teile der Gesellschaft. Dies kommt verbraucherorientierten Unternehmen sehr zugute.

Die makroökonomische Analyse kann bei Investitionen in Schwellenländern nur bedingt weiterhelfen. Unser Ansatz besteht darin, in den Schwellenländern nach den allerbesten Qualitätsunternehmen zu suchen, die sich durch ein beständiges Franchise und anhaltende Gewinne auszeichnen – gestützt durch starke Wettbewerbsvorteile. Qualitätsunternehmen sind widerstandsfähig und weniger abhängig von der allgemeinen Wirtschaftslage. Wir betrachten Aktien als Geschäftsmodelle und halten sie langfristig. Wie der berühmte Investor Howard Marks sagte: “Die Performance hängt nicht davon ab, was wir kaufen oder verkaufen, sondern davon, was wir halten. Unsere Haupttätigkeit ist das Halten”. Wir sind der Meinung, dass der große Vorteil von Qualitätsunternehmen in den Schwellenländern darin besteht, dass sie über eine lange Startbahn für starkes Wachstum verfügen, während diese Startbahn in den Industrieländern in vielen Fällen schon so gut wie zu Ende ist.

Foto: Jupiter Asset Management

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ausblick 2022: Gute Chancen für Value Werte

Ein Kommentar der Anlage-Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking.

Wachstum hoch, Inflation bleibt

• Nachlassende Unterstützung durch Notenbanken

(23.12.) Die Finanzmärkte werden im kommenden Jahr 2022 aus derzeitiger Sicht ein volatiles Bild bieten, schreiben die Anlage-Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar (im Bild Alexander Eberan, der Leiter Private Banking Wien Steiermärkische Sparkasse). Das anhaltende Wirtschaftswachstum mit steigenden Unternehmensgewinnen sowie ein bisweilen herausforderndes geopolitisches Umfeld und die zumindest zu Jahresbeginn anhaltende Pandemie werden von moderat steigenden Zinsen begleitet sein. Diese sollten an den Märkten Vorteile für Value-Werte bringen, während das Umfeld für Growth-Werte schwieriger wird, so die Einschätzung. Gleichzeitig rechnen die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking mit leicht steigenden Anleiherenditen. Die negativen Realzinsen werden aber bleiben.

Unternehmensgewinne weiter robust
Die gute Konjunktur und das vorsichtige Vorgehen der Notenbanken bei der Reduktion der langjährigen Unterstützungsmaßnahmen und bei etwaigen Zinsanhebungen erlauben eine Prognose für weiterhin robuste Unternehmensgewinne. Gestiegene Rohstoff- und Energiepreise, aber auch höhere Lohnkosten aufgrund von Arbeits- bzw. Fachkräftemangel werden allerdings die Kosten erhöhen. Unternehmen, die die Marktmacht haben, diese Kosten an ihre Kunden weiterzugeben, dürften im kommenden Jahr profitieren. Ebenso sollten sich jene gut entwickeln, die vom Emissionsausstieg profitieren. Value Werte, die insbesondere in der Finanz- und Energie-Branche und teilweise auch im Industriebereich zu finden sind, könnten Aufholpotenzial haben. Growth Werte werden es hingegen schwerer haben, da ihr Unternehmenswert stark von künftigen Cashflows abhängig ist und dieser bei steigenden Zinsen geschmälert wird.

Anleihen mit Risikoaufschlägen
Am Anleihenmarkt erwarten die Experten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking leicht steigende Renditen bei negativen Realzinsen. Letztere sind der anhaltenden Inflation in den Industrieländern geschuldet. Mit zunehmender Volatilität an den Aktienmärkten könnten auch die Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen wieder etwas steigen. Gleiches gilt für Staatsanleihen der höher verschuldeten Euro-Länder, die durch das reduzierte Anleihekaufvolumen der EZB und der Aussicht auf steigende Zinsen in nicht allzu ferner Zukunft mit steigenden Risikoaufschlägen konfrontiert werden könnten. Eine attraktivere Rendite bieten Anleihen von Schwellenländern, wobei auch bei ihnen höhere Schwankungen wahrscheinlich sind. Zunehmende Bedeutung werden nachhaltige Anleihen wie Green Bonds, Social- oder Sustainability- oder Sustainability Linked Bonds bekommen.

Gute Voraussetzungen für Konjunktur …
Ungeachtet der anhaltenden Corona-Pandemie erwartet die Steiermärkische Sparkasse

Private Banking, dass sich das Wirtschaftswachstum 2022 auf hohem Niveau fortsetzen wird, wenngleich mit etwas moderaterem Tempo. Neue Impfstoffe und Medikamente werden dazu beitragen, dass sich die Pandemie zunehmend zu einer Endemie zurückentwickeln wird – also von einer weltweit verbreiteten Seuche zu einer regional begrenzten. Die aktuell für viele Industriezweige bestimmenden Engpässe bei Lieferketten werden sich im kommenden Jahr zwar einpendeln, aber dies wird voraussichtlich etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen als ursprünglich erwartet. Im Konsum werden die Aufholeffekte langsam nachlassen, doch hohe Sparquoten begünstigen weiterhin eine hohe Nachfrage nach Konsumgütern. Bei den Investitionen ist mit einer deutlichen Zunahme zu rechnen, da erstens viele Regierungen mehrjährige Konjunkturprogramme verabschiedet haben oder verabschieden werden und Unternehmen wieder investitionsfreudiger sind. Zweitens wird sich nicht nur im kommenden Jahr, sondern auch weit darüber hinaus die Selbstverpflichtung vieler Länder zu einer deutlichen Reduktion der CO2-Emissionen und damit einhergehend auch der Reduktion fossiler Brennstoffe ebenso in einer höheren Investitionstätigkeit niederschlagen.

Auch aus China kamen zuletzt sehr positive Nachrichten, die das dortige Wachstum wieder beflügeln sollten. Nach den regulatorischen Eingriffen, die den chinesischen Aktienmarkt im Jahr 2021 stark belasteten, hat das Politbüro wieder eine Rückkehr zu seinem alten Kurs signalisiert. Wachstumspolitik und Binnennachfrage stehen wieder im Vordergrund und die chinesische Notenbank nimmt wieder einen expansiveren Kurs auf.

… aber auch Gegenwind
Bei all den begünstigenden Faktoren wird die Konjunktur im kommenden Jahr aber auch Gegenwind spüren. Die Steiermärkische Sparkasse Private Banking geht deshalb davon aus, dass das globale Wachstum im kommenden Jahr etwas geringer als 2021 (aktuelle Schätzung IWF 2021: global 5,9 %) ausfallen wird. Einer der wichtigsten Faktoren ist in diesem Kontext die sachte Rückkehr zu einer „normalen“ Geldpolitik: Die US-Notenbank Federal Reserve hat in ihrer jüngsten Sitzung als Reaktion auf die hohen Inflationszahlen eine Beschleunigung des Taperings (Reduktion der umfangreichen Anleihekäufe) beschlossen, was schrittweise Zinsanhebungen ab dem zweiten Quartal wahrscheinlich macht. Die britische Notenbank hat diesen Schritt als erste der großen Notenbanken bereits gewagt und die Zinsen erhöht. Im kommenden Jahr dürfte zumindest eine weitere Anhebung folgen. Die Europäische Zentralbank verhält sich noch vorsichtiger, da sie weiterhin davon ausgeht, dass sich die Inflation abschwächen wird. Sie hat somit für 2022 keine Zinserhöhungen in Aussicht gestellt, wird aber ihre Anleihekäufe ebenfalls reduzieren. Die Notenbanken wollen keinesfalls Marktverwerfungen riskieren. Sie werden daher ihre Maßnahmen mit großer Wahrscheinlichkeit genau abwägen und auf die konjunkturelle Entwicklung abstimmen, um die Erholung der Wirtschaft nicht zu gefährden.

Auch geopolitische Aspekte werden unter Umständen 2022 Auswirkungen auf die Märkte haben, etwa der Russland-Ukraine-Konflikt, die Spannungen im Südchinesischen Meer oder im Mittleren Osten. Die Wahlen in Italien und Frankreich und die Zwischenwahlen in den USA dürften sich nur mäßig auf die Konjunkturentwicklung auswirken. Ebenfalls weiterhin nicht ganz außer Acht zu lassen ist die Corona-Pandemie und mögliche Einschränkungen infolge von Eindämmungsversuchen, insbesondere zu Jahresbeginn aufgrund der Ausbreitung der Omikron Variante.

Inflation bleibt
Die Inflation wird wie bereits heuer auch im nächsten Jahr eines der bestimmenden Marktthemen sein und ihre Ausprägung wird maßgeblich die weiteren Entscheidungen der

Notenbanken beeinflussen. Zu Jahresbeginn dürfte die Inflation noch hoch bleiben, aber im Verlauf des Jahres zurückgehen. Die Gründe dafür: Die Aufholeffekte werden nachlassen, die Lieferkettenengpässe sollten geringer werden und die Energie- und Rohstoffpreise werden voraussichtlich nicht mehr so rasant steigen. Bereits im November hat der Ölpreis sein vorläufiges Hoch hinter sich gelassen und auch bei anderen Rohstoffen hat man einen Preisrückgang bzw. eine gewisse Stabilisierung erkennen können. Langfristig werden höhere Energie- und Rohstoffpreise aber wegen des Übergangs hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft unumgänglich sein. Die Inflation werde sich auf einem höheren Niveau als vor Corona und auch über dem Inflationsziel von 2 % einpendeln und sie werde in den USA höher als in Europa sein, so die Einschätzung der Experten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking.

(Foto: Steiermärkische Sparkasse)

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Produkte mit konservativen Aktien sind gefragt

Volatilere Märkte erfordern Defensive mit günstigem Chancen-Risiko-Verhältnis.

Michael Kordovsky. Seit November ist die Volatilität wieder verstärkt in den Aktienmärkten. Unberechenbar verhalten sich Commodities und die Renditen am langen Ende. In so einem Umfeld sind historisch schwankungsarme Investmentfonds, Fonds mit Qualitätsaktien bzw. mit Value-Werten Trumpf.

Die Kombination von „Low Vola“ mit einer gewissen relativen Stärke zum Gesamtmarkt ist die eine Seite. Fundamental sind bei der Aktienauswahl folgende Faktoren wichtig: Zu einem hohen Maß an Wachstums-Kontinuität in Form stabiler bzw. kontinuierlich wachsender Nettogewinne und Free-Cashflows sollten sich noch Qualitätskriterien wie eine marktführende Position, hohe Cashflow-Margen und eine möglichst hohe Gesamtkapital-Rentabilität (ROA) hinzugesellen.

Beim Value-Ansatz geht es um richtige Diskontierung zukünftiger Erträge. KGVs und Kurs-Buchwert-Verhältnisse sind hingegen oft mit Vorsicht zu genießen. Ist eine Aktie zu günstig bewertet, kann es sich hierbei auch um eine Bewertungsfalle (Vorwegnahme von Gewinneinbrüchen durch die Aktienkurse) handeln. Deshalb sollte auch ein Blick auf die Gewinnüberraschungen und Revisionen der Gewinnschätzungen durch Analysten geworfen werden.

Interessante solide Fonds
Eine gute Adresse für solide Fonds ist Flossbach von Storch, dessen „Global Quality“ (ISIN: LU0366178969) auf Qualitätsaktien mit günstigem Chancen-Risiko-Verhältnis setzt und heuer per 17.12. mit einer Performance seit Jahresanfang von 25,2 % überzeugt. Auf zehn Jahre betrachtet liegt die Sharpe-Ratio (Maß für Chancen-Risiko-Verhältnis) bei 0,92, die Volatilität bei 12,8 % und die Performance bei insgesamt knapp 190 %. Zu den Top-Werten zählen Constellation Software, Alphabet, Microsoft und Berkshire Hathaway.

Eine weitere Spezialität des Hauses ist der „Flossbach von Storch Multiple Opportunities II RT EUR“ (LU1038809395), der es in den vergangenen fünf Jahren (per 17.12.) bei 38,4 % Performance und 7,8 % Volatilität auf eine Sharpe-Ratio von 0,94 brachte. Der Löwenanteil ist in soliden Aktien wie Alphabet, Nestlé, Berkshire Hathaway, 3M und Unilever veranlagt, während die 10 % Goldanteil als eine Art „Feuerversicherung“ gegen unerwünschte Szenarien dienen.

Bekannt für ihre Langzeit-Faktor-Studien und eine Kombination von Low-Vola mit kurzfristigem Momentum sind indessen die Experten von Robeco. Der „Robeco QI Global Conservative Equities“ (LU0705782398) bietet als aktiv verwalteter Aktienfonds ein Portfolio mit geringer Volatilität aus Industrie- und Schwellenländern, mit hohen Dividendenrenditen, attraktiven Bewertungen, starkem Kurs-Momentum und positiven Gewinnrevisionen der Analysten. Der Erfolg: In den vergangenen zehn Jahren lag die Sharpe Ratio bei 0,90. Einer 10-Jahres-Performance von 166,4 % steht eine Volatilität von 12,2 % gegenüber.

Indessen als erfahrener Stockpicker mit soliden fundamentalen Ansätzen ist Jens Erhardt erfolgreich. Ein Fonds, der hohe Dividendenausschüttungen und starke Substanz kombiniert, ist der „DJE Dividende & Substanz“ (LU015 9550150), der auf zehn Jahre (per 17.12.) knapp 151 % im Plus liegt und bei 11,5 % Volatilität eine Sharpe Ratio von 0,89 aufweist. Zu den Top-Werten des Fonds zählen BlackRock, Novo Nordisk, Pfizer, Amazon.com, Hannover Rueck und Roche.

Wie diese Top-Picks bereits erkennen lassen, weisen diverse Pharmawerte durchaus günstige Chancen-Risiko-Verhältnisse auf. Noch besser ist das Verhältnis im Medizintechnik-Bereich, weshalb der „Bellevue Medtech & Services“ (LU0415391514) interessant erscheint, der es laut fondsweb in den vergangenen zehn Jahren bei einer Sharpe Ratio von 1,34 auf eine Performance von 18,3 % pro Jahr brachte! Zu den Top-Positionen zählen Abbott Laboratories, Danaher Corp., Intuitive Surgical und Boston Scientific.

Foto: AdobeStock / Eisenhans

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Totgesagte steigen länger

Grünem Wasserstoff wird unverändert großes Potenzial eingeräumt.

Raja Korinek. Anleger von Aktien aus der Wasserstoffbranche mussten gleich zu Jahresbeginn herbe Kursrücksetzer wegstecken – entgegen dem allgemeinen Markttrend. Beispiele gibt es zahlreiche, darunter etwa die norwegische Nel ASA (ISIN: NO0010081235), diese liefert Lösungen für die Herstellung grünen Wasserstoffs. Dessen Aktienkurs verlor auf ein Jahr – auf Eurobasis – rund 35 %.

Der Grund für die schweren Kursverluste bei vielen „Pure Playern“ liegt in den aufkeimenden Sorgen einer Zinswende aufgrund des anziehenden Wirtschaftsaufschwungs. Höhere Zinsen verteuern die Finanzierungskosten insbesondere von jungen Wachstumsfirmen, die meist hohe Schulden haben, zumindest aber noch keine Gewinne schreiben.

Langfristige Chancen noch immer intakt
Doch die langfristigen Aussichten für die Wasserstoffbranche sind intakt, sind sich Experten sicher. Schließlich wird grüner Wasserstoff als Teil der Klimawende gehandelt und mittels Elektrolyse hergestellt. Bei diesem Verfahren wird Wasser mit dem Einsatz von grünem Strom in seine Bestandteile – Wasserstoff und Sauerstoff – zerlegt, zeigt Benjamin Kelly, Senior Analyst bei Columbia Threadneedle auf.

„Es ist eine Technologie, die enorme Wachstumsmöglichkeiten bietet. Der Markt ist allerdings noch nicht in der Form gereift, dass alle Anwendungen umgesetzt werden können“, konstatiert KPMG-Partner Victor Purtscher den derzeitigen Marktreifegrad der Wasserstoffindustrie. Die Innovationen reichen derzeit jedenfalls vom Einsatz im Transport (mittels Brennstoffzellen), bis hin zur Wärmeerzeugung und der Herstellung von Stickstoffdüngemittel.

Auch wenn Vieles noch in den Kinderschuhen steckt, haben Staaten und Unternehmen das Potential längst entdeckt. Sämtliche großen Wirtschaftsnationen der Welt haben eigene Wasserstoffstrategien entwickelt, wobei ein globaler Wettkampf um die Führungsrolle zwischen der EU, den USA sowie China erkennbar ist, heißt es weiters bei KPMG.

Transaktionen schnellen hinauf
Auch das Transaktionsvolumen am Markt ist stark nach oben geschnellt, wobei die Deals vor allem von etablierten Unternehmen angetrieben werden, die ihre Geschäftsmodelle mit dem Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft diversifizieren wollen. So kaufte heuer beispielsweise der französische Industriegase-Hersteller Air Liquide (FR0000120073) die H2VNormandy SAS, einen Betreiber von Elektrolyseanlagen. Insgesamt lag laut S&P Capital IQ im ersten Halbjahr 2021 das Transaktionsvolumen bei 4 Mrd Euro weltweit, nach 3,3 Mrd Euro im Jahr 2020. Tendenz weiter steigend.

Air Liquide ist im Übrigen Teil des „VanEck Vectors Hydrogen Economy UCITS ETF“ (IE00BMDH1538), genauso wie der Konkurrent Linde (IE00BZ12WP82). Doch die größte ETF-Gewichtung entfällt derzeit mit rund 15 % auf den US-amerikanischen Brennstoffzellenhersteller Plug Power (US72919P2020). Überhaupt nehmen die USA in dem ETF, in dem insgesamt 25 Titel enthalten sind, die größte regionale Gewichtung ein.

Weniger USA, mehr Europa
Sie fällt im „L&G Hydrogen Economy UCITS ETF“ (IE00BMYDM794) mit rund 24 % weitaus geringer aus, gefolgt von Großbritannien und Deutschland. Auch hier entfällt die größte Einzelgewichtung der insgesamt 32 Titel auf Plug Power. Andere Beispiele sind etwa Bloom Energy (US0937121079), das mittels Brennstoffzellen Energie zur Verfügung stellt, sowie Toyota Motors (US8923313071). Der japanische Automobilkonzern verkauft unter anderem Brennstoffzellenboliden.

Foto: AdobeStock / m.mphoto

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Umdenken in CEE notwendig

Ein neues Wachstumsmodell soll den Lebensstandard in der Region erhöhen.

Ulrich Schneider. Viele Länder der CEE-Region haben seit Mitte der 1990er Jahre beeindruckende Fortschritte beim wirtschaftlichen Aufholprozess gegenüber Westeuropa gemacht. Jedoch stößt das bisher erfolgreiche Modell, arbeitsintensive Produktionsschritte zu übernehmen und als „verlängerte Werkbank“ westlicher Unternehmen tätig zu sein, an seine Grenzen, schreibt das Internetportal Emerging Europe.

Die Kollegen verweisen dabei auf eine neue Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschafsvergleiche (kurz wiiw) mit dem Titel „Fallen vermeiden und Megatrends aufgreifen: Vorschläge für ein neues Wachstumsmodell in EU-MOE“.

Ausgehend vom Beispiel der Automobilindustrie in Tschechien wird dabei die große Abhängigkeit zentral- und osteuropäischer Staaten von arbeitsintensiven Exportindustrien aufgezeigt. Und eben diese Exportindustrien werden in den kommenden Jahren einem enormen Strukturwandel unterliegen. Der Co-Autor der Studie und stellvertretender Direktor des wiiw, Richard Grieveson, nennt dazu als Stichworte E-Mobilität, Klimawandel und Digitalisierung. In Verbindung mit großen strukturellen Veränderungen wie Dekarbonisierung und Digitalisierung macht dies für CEE die Entwicklung eines neuen, innovationsbasierten Wirtschaftsmodells unabdingbar, lautet das Fazit der Studie. „Nur dann werden diese Staaten bei Produktivität und Lebensstandard zu Westeuropa aufschließen können“, meint Grieveson.

Problematisch für die Staaten ist, dass die zentralen technologischen Kompetenzen und die Produktionsteile mit der höchsten Wertschöpfung in den „Hauptquartieren“ Westeuropas angesiedelt sind. Daher sind die in der Studie beleuchteten EU-Mitgliedsstaaten der Region, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Rumänien, Bulgarien sowie die drei baltischen Staaten, immer noch stark auf arbeitsintensive Produktion spezialisiert. Sie sind erheblich auf niedrigere Arbeitskosten angewiesen, was ihre Aussichten, wirtschaftlich zu Westeuropa aufzuschließen, einschränkt. Grieveson warnt aber auch, dass „der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor (…) viele Arbeitsplätze kosten (wird). Die Kosten des Übergangs, sowohl sozial als auch wirtschaftlich, könnten in der EU-MOE recht hoch sein“.

Fit für die Zukunft machen heißt grüner, digitaler zu werden und mehr lokale Wertschöpfung zu schaffen. Dekarbonisierung, Digitalisierung und eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung erforderten massive Anstrengungen. Zur Bewältigung des Übergangs seien enorme finanzielle Mittel notwendig, so Grieveson. Zugleich erläutert er, „die Transformation (hatte) in den 1990er-Jahren (…) zerstörerische soziale Folgen. Diesen Fehler sollten wir nicht noch einmal machen.“ Es wird auf den Corona-Wiederaufbaufonds „NextGenerationEU“ als ein Wendepunkt hingewiesen, wobei es nicht ohne mehr Flexibilität innerhalb des Stabilitäts- und Wachstumspakts der EU gehen wird, um mehr kreditfinanzierte Investitionen der öffentlichen Hand zu ermöglichen.

Auch sei eine strategisch ausgerichtete Industriepolitik unabdingbar. Wie es heißt, sollte es Ziel sein, ein nationales Innovationssystem zu schaffen, in dem der private Sektor, Universitäten, wichtige Ministerien und Sozialpartner vereint sind. Die CEE-Staaten könnten so in lukrative Bereiche der Wertschöpfungskette vorstoßen. Dabei sollten digitale Technologien flächendeckend eingeführt werden.

Zu den Aufgaben der jeweiligen Regierungen in der Region gehört es in diesem Zusammenhang, eine gute Infrastruktur bereitzustellen. Ebenso sollten die Regierungen die digitale Revolution vollständig annehmen und nutzen. Sie müssen alle verfügbaren Ressourcen maximieren, um auch vom grünen Übergang zu profitieren.

Der erfolgreiche Übergang Mittelosteuropas hin zu einem innovationsgetriebenen Wachstumsmodell ist auch für Deutschland und Österreich von größter Bedeutung, so die Autoren. Mehr EU-Konjunkturmittel für die Region im Rahmen von „NextGenerationEU“ brächten zwangsläufig auch positive Spillover-Effekte, prognostiziert die wiiw-Studie. Wenn die grüne und digitale Transformation also gelingt, dürfte die Bedeutung der Region für die beiden westlichen Länder weiter steigen.

Foto: Adobe Stock / Harvepino

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Klimawandel, soziale Ungleichheit und Biodiversitätsverlust – die großen Herausforderungen für eine nachhaltige Wirtschaft

von Abbie Llewellyn-Waters, Head of Sustainable Investing, Freddie Woolfe, Equities Analyst, Sustainable Investing, und Jenna Zegleman, Investment Director Sustainable Investing bei Jupiter Asset Management

(16.12.) „Wir müssen uns den größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte – mit Blick auf den Planeten, auf dem wir leben, und die Menschen, mit denen wir zusammenleben – bereits jetzt stellen. Im Jahr 2021 wurden die Finanzmärkte weitgehend von kurzfristigen Erwägungen bestimmt. Für den langfristigen wirtschaftlichen Wohlstand ist jedoch wichtig, dass wir längerfristig denken und grundlegende Themen ansprechen. Aus diesem Grund legen wir den Fokus auf Unternehmen, die den Weg in eine nachhaltigere Zukunft ebnen. Das erfordert einen Ausblick, der genauso langfristig ist wie die erforderlichen Lösungen für kritische Herausforderungen wie den Klimawandel, die soziale Ungleichheit und den Verlust an biologischer Vielfalt. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Investieren ist heute wichtiger denn je.

COP26, der Klimagipfel, der im November 2021 in Glasgow stattfand, war ein Meilenstein für die Beschleunigung des politischen Wandels, der nötig ist, um die globalen Klimaziele zu erreichen und den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen oder sogar umzukehren. Die Ergebnisse der Konferenz gehen zwar noch nicht weit genug, aber die Richtung ist klar. Wir halten eine globale Zusammenarbeit bei der CO2-Bepreisung seit Langem für notwendig und COP26 hat diesbezüglich eine positive Dynamik in Gang gesetzt. Die Regierungen haben sich dazu verpflichtet, ihre Klimaziele für 2030 zu überprüfen und zu stärken, um sie mit dem Ziel des Pariser Abkommens in Einklang zu bringen, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Wir sind optimistisch, dass die dafür notwendigen Schritte jetzt eingeleitet werden. Nachdem die USA und China ihr gemeinsames Engagement für den Klimaschutz bekräftigt haben, erwarten wir eine engere globale Zusammenarbeit und eine schnelle, aber gerechte Umstellung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft.

Als Investoren erwarten wir von den Unternehmen eine konsequente und unumkehrbare Dekarbonisierung ihrer Prozesse. Unternehmen, die in der Lage sind, ihre CO2-Emissionen nennenswert zu reduzieren und nicht nur zu kompensieren, werden besser aufgestellt sein, um nachhaltige Renditen zu erzielen. Im Jahr 2022 dürften weitere politische Maßnahmen eingeleitet werden, um die derzeitige Fehlbepreisung natürlicher Ressourcen zu adressieren. Sowohl unter Resilienz- als auch Renditeaspekten ist entscheidend, dass die Unternehmen die planetaren Grenzen nicht weiter verletzen und die negativen Umweltauswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit mindern. Das gilt natürlich auch für unser Unternehmen. Jupiter gehört zu den Unterzeichnern der Net Zero Asset Managers Initiative und hat sich dazu verpflichtet, die Treibhausgasemissionen seiner betrieblichen Tätigkeit und Anlageportfolios bis spätestens 2050 auf netto Null zu reduzieren.

Ein gerechter Übergang in eine kohlenstoffarme Zukunft, der dem Klimawandel genauso wie der sozialen Gerechtigkeit Rechnung trägt, ist wichtig. Auf der COP26 war der gerechte Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zum ersten Mal ein zentraler Bestandteil des Abkommens. Damit wird anerkannt, wie wichtig es ist, dass die Lasten der Bekämpfung des Klimawandels gerecht verteilt werden. Erste Gespräche über eine Entschädigung besonders krisenanfälliger Länder für Verluste und Schäden durch den Klimawandel ebnen den Weg für Finanzierungsverpflichtungen der reicheren Länder gegenüber Ländern mit geringerem Einkommen. Die Industrieländer blicken auf mehr als hundert Jahre eines beispiellosen Wirtschaftswachstums zurück, das zu großen Teilen auf Kosten der Umwelt gegangen ist. Damit die weltweiten Klimaschutzmaßnahmen Erfolg haben, muss eine vergleichbare Umweltkrise in den Entwicklungs- und Schwellenländern vermieden werden.

Corona verschärft soziale Ungleichheit
Neben Unternehmen, die Wegbereiter einer nachhaltigeren Zukunft sind, investieren wir auch in Firmen, die einen Beitrag zu einer sozial gerechteren Welt leisten. Corona hat soziale Ungleichheiten verschärft und schonungslos offengelegt. Der wirtschaftliche Schock, der durch die pandemiebedingten Beschränkungen verursacht wurde, hat die schwächsten Bevölkerungsgruppen unverhältnismäßig stark getroffen. In den USA schnellte die Arbeitslosenquote mit Ausbruch der Pandemie in die Höhe, wobei die Jobverluste vor allem Amerikaner ohne High-School-Abschluss trafen. Mit den pandemiebedingten Schulschließungen und der Umstellung auf Homeschooling hingen die Lernerfolge und Bildungsperspektiven von Millionen von Kindern plötzlich vom Zugang zu Technologie ab, was wiederum insbesondere sozial schwächere Familien hart traf.

Gleichzeitig hat Corona unverhältnismäßige Auswirkungen auf Frauen, vor allem in Bezug auf ihre finanzielle Unabhängigkeit, und hat dazu geführt, dass viele Frauen ganz aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind. Weltweit ist die Erwerbstätigkeit von Frauen rapide zurückgegangen. Dies hat weitreichende soziale Auswirkungen, da es einen Zusammenhang zwischen der Unterbeschäftigung von Frauen und in Armut lebenden Kindern gibt. Wir achten daher auf eine verbesserte Lohntransparenz und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen als Indikator für qualitativ hochwertige Unternehmen.

Schutz der Biodiversität: Berichterstattung über naturbezogene Risiken entscheidend
Auf der politischen Agenda rückt die Bekämpfung des Verlusts der biologischen Vielfalt immer weiter nach oben. Die Hälfte des globalen BIP hängt von der Biodiversität ab. Trotzdem verbrauchen wir die natürlichen Ressourcen weiterhin in alarmierendem Tempo. COP15, die Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversität, begann im Oktober 2021 im chinesischen Kunming und soll dort im April 2022 fortgesetzt werden. Wir hoffen, dass die aus dem Klimawandel gezogenen Lehren helfen werden, die dringend notwendigen politischen Weichenstellungen zu tätigen, um den Verlust der biologischen Vielfalt umzukehren. Wie beim Kohlenstoff werden die Auswirkungen der Unternehmen auf die Natur zunehmend als Kosten neu bewertet werden.

Und wie beim Kohlenstoff wird die Internalisierung externer Kosten im Zusammenhang mit der Biodiversität sowohl Chancen als auch Risiken mit sich bringen. Während Unternehmen schon seit Langem Daten zum CO2-Ausstoß vorlegen, steht die Messung ihrer Auswirkungen auf die Natur noch ganz am Anfang. In den nächsten Jahren werden Rahmenwerke für eine einheitlichere Offenlegung dieser Informationen wie das der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) in Kraft treten. Diese sind ein Schritt in die richtige Richtung, der jedoch von entschlossenen, wirkungsstarken und unumkehrbaren Maßnahmen auf Unternehmensebene begleitet werden muss. Diese Herausforderungen müssen jetzt adressiert werden – sowohl im Interesse der Gesellschaft als auch im Interesse langfristiger Wertsteigerungen für Investoren. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Investieren ist heute wichtiger denn je.

Foto: Jupiter Asset Management

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Rendite von mehr als 400 % in zwei Jahren

Versicherungen und Banken verstärken Investitionen und Kooperationen mit Startups.

Christian Sec. Anfang Dezember wurde bekannt, dass die internationale Ratingagentur Moody‘s den österreichischen Firmendatenanbieter 360Kompany zu 100 % übernehmen wird. Vor etwas mehr als zwei Jahren sind auch Uniqa Ventures und Elevator Ventures (Raiffeisen Bank International) als Investoren in das Wiener Startup eingestiegen. Für beide hat sich die Investition jedenfalls ausgezahlt. Uniqa Ventures gibt an, dass die Rendite etwas über dem Vierfachen des eingesetzten Kapitals liegt, also bei rund 450 % für die kurze Zeit der Beteiligung.

Uniqa verdoppelt Investitionen
Uniqa Ventures, der Direktinvestment-Arm von Uniqa erweist sich offenbar auch insgesamt als Gewinnbringer. Die 35 Investments, die das Vehikel seit 2016 getätigt hat, brachten laut Unternehmensangaben eine Rendite von mehr 20 % per anno. In diesem Jahr konnte durch Exits die Gesamtperformance des Portfolios weiter gesteigert werden. Nicht zuletzt deshalb hat die Uniqa im September beschlossen, ihr Investitionsvolumen für Startups von 75 auf 150 Mio Euro zu erhöhen. Neben 360Kompany wurden in den vergangenen drei Monaten weitere Exits bekanntgegeben: Das Zahngesundheits-Startup Playbrush, welches um 20 MioUSD an den Schweizer-Japanischen Sunstar- Konzern verkauft wurde. Twisto Payments, ein Anbieter von Buy-Now-Pay-Later-Lösungen, wurde an den australischen Konzern Zip Money verkauft. Investitionsschwerpunkt bilden bei Uniqa Ventures europäische Startups in der frühen Wachstumsphase (Serie A-, B- und C-Finanzierungen). Dabei ergeben sich oft über die finanzielle Rendite hinaus im Rahmen von Kooperationen und Zusammenarbeitsprojekten zusätzliche Mehrwerte, erklärt der Uniqa-Ventures-CEO Andreas Nemeth. Vor allem in den Bereichen Digitalisierung im Kerngeschäft oder in der Erweiterung der Serviceangebote im Gesundheitsbereich gibt es Kooperationen, so Nemeth. So z. B. Omnius, ein Spezialist für KI-basierte Automatisierung von Schadensprozessen aus Berlin, Telemedico, ein Anbieter von telemedizinischen Leistungen mit Uniqa Polen oder Insly, ein Cloud IT-Dienstleister für Makler- und Versicherungsunternehmen aus Estland.

Unterschiedliche Strategien
Die Raiffeisen Bank International hat mit dem 360Kompany-Exit nicht nur eine hohe finanzielle Rendite erzielt, sondern kooperierte mit dem Startup schon lange, bevor man in das Unternehmen finanziell eingestiegen ist. „Das Datenservice von Kompany hat das Onboarding von Unternehmenskunden der RBI stark vereinfacht“, heißt es von Seiten Raiffeisen Bank International (RBI). Regelmäßig werden von Seiten der RBI die besten Fintech-Startups eingeladen, in Pilotprojekten an strategischen Partnerschaften mit RBI zu arbeiten. Elevator Ventures, dem Venture-Capital-Arm der RBI, steht über die nächsten Jahre ein kommittiertes Kapital von 50 Mio Euro zur Verfügung. Investiert wird hauptsächlich in Österreich und im CEE-Raum.

Auch bei der Erste Group wird der steigenden Bedeutung von Private Equity als Asset-Klasse Rechnung getragen, so wurde vor kurzem mit der Erste Private Capital eine neue Tochtergesellschaft gegründet.

Bei der Bank Austria geht man einen anderen Weg: Kooperation ja, Beteiligung nein, heißt die Devise. So arbeitet das Institut mit vielen verschiedenen jungen Unternehmen zusammen, wie z. B. Authentic Vision. Das Startup bietet mittels holografischen Fingerabdrucks auf der Debit MasterCard ein nicht manipulierbares Sicherheitsfeature, wie die Bank Austria erklärt.

Foto: AdobeStock / Anthony Leopold

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ein Drittel der Europäer ohne private Vorsorge

Menschen in Europa sind finanziell nur unzureichend auf ihre Pension vorbereitet.

Marius Perger. Ein gut funktionierendes, leistbares und nachhaltiges Pensionssystem ist einer der Eckpunkte einer modernen Gesellschaft, betont der Interessenverband der europäischen Versicherungen, Insurance Europe, in seiner jüngsten paneuropäischen Pensionserhebung. Die Pensionssysteme in Europa stehen aber vor großen Herausforderungen. Denn das Verhältnis zwischen den Über-65-Jährigen und jenen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 64 Jahren werde sich von 2019 bis 2080 verdoppeln, wie aus dem „2021 Ageing Report“ der Europäischen Kommission hervorgeht. Die Menschen seien zunehmend gefordert, selbst Verantwortung für ihr Einkommen im Alter zu übernehmen.

Versicherungen, die zu den wichtigsten Anbietern von Pensionsprodukten zählen, würde eine bedeutende Rolle dabei zukommen, die Pensionslücke zu schließen. Insurance Europe hat deshalb erhoben, wie sich die Europäer finanziell auf ihren Ruhestand vorbereiten und was sie tatsächlich von ihren Pensionen erwarten. In 16 europäischen Ländern wurden dafür knapp 17.000 Menschen zwischen 18 und 70 Jahren befragt, darunter 1.050 in Österreich. Das Ergebnis dieser repräsentativen Studie wurde Anfang Dezember präsentiert. Die Ergebnisse beziehen sich auf alle untersuchten Länder, Detailergebnisse für Österreich liegen nicht vor.

Pensionslücke bleibt
Mehr als ein Drittel der Befragten (38 %) gab an, überhaupt nicht zusätzlich für die Pension anzusparen. Zwar zu erwarten, aber dennoch auffällig ist, dass dieser Anteil bei Frauen (42 %), Alleinstehenden und Geschiedenen (43 bzw. 44 %) sowie Arbeitslosen (67 %) deutlich höher ist als der Durchschnitt. Auch Menschen mit niedrigerer und mittlerer Bildung legen seltener etwas für den Ruhestand zur Seite als jene mit einem hohen Bildungsniveau.

Von jenen, die nicht für den Ruhestand vorsorgen, geben 30 % als Grund an, dass sie es sich nicht leisten können. Dies hat sich durch die Corona-Pandemie noch verstärkt. So sagen 17 % der Studienteilnehmer, dass sie wegen Covid-19 ihre Beiträge reduziert, Einzahlungen verzögert oder ihre Pläne komplett aufgegeben hätten.

Ein weiterer Grund, nicht vorzusorgen, ist der Mangel an Informationen – jeder Siebente, der nicht vorsorgt, begründet dies damit.

11 % planen allerdings, mit einer zusätzlichen Vorsorge zu beginnen, während ein Viertel der Befragten nicht an einer privaten Vorsorge interessiert ist und immerhin 8 % keinen Bedarf sehen.

Was bei der privaten Vorsorge wichtig ist
Insurance Europe hat auch erhoben, welche Prioritäten die Europäer bei ihrer privaten Vorsorge haben – hier konnten bis zu drei Antworten gegeben werden. Dabei steht Sicherheit ganz oben: Ziemlich genau die Hälfte der Befragten bezeichnet sie als wichtig. Für rund ein Drittel ist die Stabilität des Anbieters von Bedeutung, jeweils knapp ein Viertel wünscht sich flexible Einzahlungsmöglichkeiten, steuerliche Erleichterungen und leistbare Beiträge. Weniger von Bedeutung sind die Nachhaltigkeit der Investments (für 10 % wichtig) und die Performance (für 14 % wichtig). Befragt, was wichtiger ist – Performance oder Sicherheit -, entscheiden sich 83 % der Europäer für die Sicherheit, unter Frauen sogar 88 %. Dabei gibt es in Europa allerdings große Unterschiede. Sicherheitsbewusster als Österreich – hier bevorzugen 86 % die Sicherheit – sind Griechen (89 %) sowie Italiener und Niederländer (je 88 %), während Schweden mit 27 % noch am stärksten der Perfomance den Vorzug geben.

Um die richtigen Entscheidungen treffen zu können, seien qualitativ hochwertige, passende Informationen wichtig, so Insurance Europe. Laut Studie stehen Kosten, Garantien, Deckungsumfang und Performance sowohl vor Vertragsabschluss als auch während der Vertragslaufzeit ganz oben auf der Wunschliste. Aber auch Kenntnisse über Risiken, Besteuerung und Auszahlungsvarianten sind von Bedeutung.

Schlussfolgerungen des Branchenverbandes
Die Versicherungen seien als wichtige Anbieter von Pensionsprodukten daran interessiert, mit den politischen Entscheidungsträgern zusammenzuarbeiten, um die bestehende Pensionslücke in der EU zu schließen, so Insurance Europe. Da die Covid-19-Pandemie diese Lücke noch weiter vergrößert hat, sei es von entscheidender Bedeutung, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es notwendig ist, für den Ruhestand zu sparen. Auch sei es wichtig, das Niveau der finanziellen Bildung zu verbessern, damit der Einzelne die für seine eigenen Umstände am besten geeigneten Entscheidungen treffen kann.

Politische Entscheidungsträger müssten daher Schritte unternehmen, um den Bürgern eine Erhöhung ihrer Rentenersparnisse zu ermöglichen, und gleichzeitig sicherstellen, dass der Rechtsrahmen es den Versicherern ermöglicht, ihre Rolle als Anbieter langfristiger Pensionen zu erfüllen, erklärt dazu Nicolas Jeanmart, Head of Personal and General Insurance bei Insurance Europe.

Foto: Pixabay / Alexas Fotos

 

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

August Zillmer und seine Formel

Ein Name in zwei Begriffen: Deckungsrückstellung und Abschlusskosten.

Rudolf Erdner. August Zillmer war deutscher Versicherungsmathematiker im 19. Jahrhundert. Er stellte das nach ihm benannte Zillmer-Verfahren 1863 vor. Es ist laut Wikipedia „eine mathematische Formel zur Berechnung des wirtschaftlichen Wertes einer Verpflichtung, den ein Versicherer aus einem Lebensversicherungsvertrag hat“. Dies klingt durchaus vernünftig, sowohl für Versicherer als auch Versicherten, über den Versicherungswert Bescheid zu wissen. Was aber verbirgt sich dahinter? Gablers Wirtschaftslexikon wird schon etwas genauer. Es definiert den Begriff „Zillmern“ als „Verfahren zur Beitragsberechnung, zur Berechnung der Deckungsrückstellung und zur Verrechnung (und damit auch zur Finanzierung) der Abschlusskosten in der Lebensversicherung“. Die Zillmerung bedeutet also unter anderem, Abschlusskosten zu verrechnen. Aber was ist daran so besonders? Ermöglicht wird durch die Zillmerung, Abschlusskosten einmalig oder auf eine kleine Anzahl von Perioden verteilt, im Voraus zu verrechnen. Ungezillmerte Verträge teilen Abschlusskosten über die gesamte Laufzeit auf. Was ist vernünftiger, speziell für den Versicherten? Verbraucherschützer haben eine eindeutige Meinung dazu. Doch wie sehen es Versicherer? Wir sprachen mit Christian Nuschele von Standard Life, wo er als Head of Sales & Marketing für Österreich und Deutschland verantwortlich ist.

Börsen-Kurier: Herr Nuschele, Verbraucherschützer raten zum Abschluss von ungezillmerten Verträgen. Wie sehen Sie das, raten Sie das auch?
Nuschele: Ich kann das nur unterstützen, ungezillmerte Tarife haben erhebliche Vorteile. Es kommt aber sehr stark auf die individuelle Kundensituation an. Grundsätzlich würde ich den Konsumentinnen und Konsumenten raten, einen unabhängigen Berater hinzuzuziehen. Der Berater kann die individuelle Vorsorgesituation analysieren und aus dem breiten Markt die passende Lösung für den Kunden wählen. Ich bin mir sicher, dass dies in vielen Fällen ein ungezillmerter Tarif sein wird.

Börsen-Kurier: Welche Vorteile haben die Kunden generell von ungezillmerten Verträgen?
Nuschele: Bei ungezillmerten Tarifen werden die Kosten laufend von jedem Einzahlungsbeitrag entnommen. Sie verteilen sich also auf die gesamte Laufzeit. Dadurch wird von jedem Investment von Anfang an ein sehr hoher Anteil in den Versicherungsvertrag angelegt, weil keine vordiskontierten Abschlusscourtagen zur Verrechnung gelangen. Das hat den Effekt, dass die Rückkaufswerte von Vertragsbeginn an deutlich höher sind als bei gezillmerten Tarifen. Es fördert auch den Vermögensaufbau, weil ab der ersten Prämienzahlung ein größerer Anteil investiert wird und die Vorteile des Zinseszinseffektes noch deutlicher spürbar werden. Damit eignen sich diese Tarife für Versicherte, die einerseits langfristig anlegen, andererseits aber auch flexibel bleiben möchten. Das erlaubt ihnen, trotz eventueller steuerlicher Nachteile bereits während der Vertragslaufzeit über das ganze oder über Teile ihres angesparten Vermögens zu verfügen. Auch gezillmerte Tarife können Vorteile haben, denn alles, was bereits am Anfang bezahlt worden ist, macht die zweite Hälfte eines Tarifes möglicher-weise etwas kostengünstiger. Daran sieht man deutlich, wie wichtig eine kompetente, am besten unabhängige Beratung ist, die möglichst umfassend auf die individuelle Kundensituation eingeht.

Börsen-Kurier: In welchen Produktkategorien wirken sich diese Vorteile besonders aus?
Nuschele: Da geht es ganz eindeutig um die Fondspolizze und zwar unabhängig davon, ob sie als Rentenversicherung oder als Lebensversicherung mit Verrentungsoption ausgestaltet ist. Die Tarife am österreichischen Markt sind in der Regel so aufgebaut, dass bei ratierlichen Versicherungsverträgen eine vierprozentige Versicherungssteuer fällig ist und damit alle Steuern abgegolten sind. Erträge wie Dividenden und Kursgewinne müssen später nicht mehr extra besteuert werden. Dieses österreichische Modell ist sehr fortschrittlich. Es erlaubt auch Zuzahlungen bis zur Höhe der Beitragssumme, die ebenfalls nur der vierprozentigen Versicherungssteuer unterliegen. Ein Beispiel: Bei einer jährlichen Prämienzahlung von 3.000 Euro und einer Laufzeit von 30 Jahren wäre entsprechend einer maximalen Zuzahlung eine Gesamtsumme von 90.000 Euro möglich. Dieser breite Gestaltungsspielraum bringt insbesondere gegenüber dem normalen Anlegen in Investmentfonds auf einem Depot sehr große Vorteile.

Börsen-Kurier: Gibt es für die Versicherungsunternehmen ebenfalls Vorteile durch den Vertrieb ungezillmerter Verträge?
Nuschele: Das lässt sich gar nicht so schwarz-weiß beantworten. Das hängt von der grundsätzlichen Kalkulation eines Versicherungsunternehmens ab. Wir als Standard Life machen beides. In manchen Bereichen liefert das gezillmerte Geschäft höhere Erträge für den Kunden ab. Für das ungezillmerte Geschäft haben wir exklusiv für den österreichischen Markt einen ganz speziellen Tarif entwickelt, der in bestimmten Kundensituationen unschlagbar ist, das oben beschriebene bestehende System optimal zu nutzen. Vorteile können sich für Versicherungsunternehmen ergeben, weil sie keine Courtage vorfinanzieren müssen und kein Courtageausfallsrisiko haben.

Börsen-Kurier: Wann wird der Zeitpunkt kommen, zu dem es auf dem Markt nur mehr ungezillmerte Verträge geben wird?
Nuschele: Ich glaube nicht, dass dieser Zeitpunkt kommen wird. Ich fürchte, dass in einigen Jahren die Regulatorik so weit sein wird, dass womöglich gar keine Courtagen mehr bezahlt werden dürfen, egal ob gezillmert oder ungezillmert. Bei der europäischen Regulierung geht es in Richtung Honorarberatung. Da ist die EU aber auf dem falschen Weg. Die Art und Weise der Vergütung der Finanzdienstleistung hat nichts mit der Qualität der Beratung zu tun. Aus meiner Sicht sollte der Konsument auch weiterhin die Wahl zwischen einer Provisions- und Honorarberatung haben.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Kein Trend mehr, sondern das „New Normal“

Ein Boom nachhaltiger Vermögensverwaltung zieht vor allem Junge in ihren Bann.

Rudolf Preyer. „Glauben wir an eine bessere Welt?“, fragt Johannes Rogy, Head of Fund Distribution bei Nordea Asset Management, um gleich die Antwort nachzuschießen: „Wir können diese Frage eindeutig mit JA beantworten!“ Sein Standpunkt ist klar: „Die nachhaltigen und verantwortungsvollen Investmentprodukte stellen sicher, dass wir die Kriterien erfüllen, die zu einer ressourcenschonenden und nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft führen.“

„Schon 30 % unserer heurigen Zuflüsse sind den Impact-Fonds nach dem – strengsten – Artikel 9 der EU-Taxonomie zuzurechnen“, sagt Anita Frühwald, Country Head BNP Paribas Asset Management Austria & CEE, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. „Das waren insgesamt 23 Mrd Euro neues Geld in unserer Sustainable plus fund range.“

Frühwald weist auf eine rigide Änderung im MiFID-II-Beratungsprotokoll nächsten Jahres hin: Der Berater muss dann explizit fragen, ob der Kunde nachhaltig investieren möchte (andernfalls verstieße er gegen das Protokoll).

Impactfonds unterliegen dann künftig noch strengeren Reporting-Richtlinien, unter anderem müssen genaue Angaben zum CO2-Ausstoß, Wasserverbrauch, zu Müllvermeidung und Energieverbrauch gemacht werden.

„New Normal“
Ethische Anlageprodukte seien heute kein Trend mehr, sondern das „New Normal“, sagt Christian Petter, Head of Austria and CEE von J. Safra Sarasin Fund Management, „ESG-Kriterien sind einfach ein Game Changer, wer sie nicht erfüllt, wird schon mittelfristig am Kapitalmarkt nicht mehr dabei sein“.

Am Veranlagungsmarkt zeigen Ethische Anlageprodukte einen eindeutig verbesserten Risikoertragszusammenhang, so Petter, was man deutlich beim MSCI sehe, wo für den USA-Index die entsprechende SRI-Komponente einen um fast 1 % höheren Ertrag zeigt. Im Fall des MSCI Europe beträgt diese Differenz bereits deutlich mehr als 2 %, und selbst bei Emerging Markets liegt sie bei knapp 2 %. Vereinfacht gesagt bedeute dies, dass bei einem ethischen Investment trotz geringerem Gesamtrisiko ein höherer Ertrag erzielt werden könne.

Sarasin Asset Management zählt zu den Pionieren dieser Entwicklung, ethische Anlageprodukte werden bereits seit 1986 angeboten und seit 1989 werden ethische Fonds emittiert.

Petter abschließend: „Bei Safra Sarasin ist es so, dass heute ausschließlich nachhaltige Bankprodukte angeboten werden. Wir glauben, dass bereits 2025 die Hälfte aller Investmentfonds in Europa aus dem nachhaltigen Bereich kommen werden.“

Wechselbereitschaft bei jungen Kunden
Das österreichische Beratungsunternehmen BearingPoint hat bei Verbrauchern nachgefragt, wie wichtig ihnen Nachhaltigkeit bei Geldanlagen ist. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass gerade bei den 18- bis 24-Jährigen das Interesse am Ethischen Investment deutlich angestiegen ist. Bei dieser Alterskohorte ist das Thema inzwischen schon das wichtigste Entscheidungskriterium bei der Geldanlage – noch vor Sicherheit, Rendite und Kosten.

Dies bestätigt auch Rogy: „Wir bemerken, dass junge Leute eine höhere Bereitschaft mitbringen, bei Veranlagungen auf Umwelt- und Nachhaltigkeit zu achten.“ Daher stellt Nordea den Kunden digitale Informations- und Ausbildungstools zu Verfügung, „mit denen sie sich einen guten Überblick über die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet machen können“.

Folgerichtig zeigt sich in dieser Altersgruppe auch eine größere Bereitschaft, für mehr Nachhaltigkeit auch höhere Kosten bei Bankprodukten wie z.B. Investmentprodukten in Kauf zu nehmen.

„Banken sind gut beraten, sich bei der Entwicklung nachhaltiger Finanzprodukte für den Markt nicht nur auf klassische Firmenkunden zu konzentrieren“, betont Andreas Unger, Partner bei BearingPoint, „denn die Zukunft der Banken ist aufgrund des immer stärker werdenden Wettbewerbs eng mit der Gunst der jungen Privatkunden verknüpft“.

Auch die Bereitschaft, zu einer anderen Bank mit einem breiteren Portfolio an ökologisch nachhaltigen Produkten zu wechseln, ist laut BearingPoint-Studie bei jüngeren Kunden ausgeprägter.

Ein Viertel nachhaltig
Von den insgesamt rund 218 Mrd Euro in österreichischen Fonds verwaltetem Vermögen sind laut der Finanzmarktaufsicht (FMA) bereits 53 Mrd Euro unter Nachhaltigkeitskriterien veranlagt – also etwa ein Viertel: 347 der insgesamt 1.974 Fonds sind so einzustufen.

Dazu erklärt der FMA-Vorstand Helmut Ettl: „Die neuen EU-Offenlegungspflichten zur Nachhaltigkeit von Finanzprodukten sind für alle Marktteilnehmer von großer Bedeutung, insbesondere aber für unerfahrene und Kleinanleger.“

Besonders erfolgreich unter den österreichischen Nachhaltigkeitsfonds sind jene nach dem „Österreichischen Umweltzeichen für nachhaltige Finanzprodukte“ UZ49. So waren zum 30.9.2021 bereits 103 Fonds mit einem verwalteten Vermögen von 23,6 Mrd Euro nach dem UZ49 veranlagt, ein Zufluss von 10,1 Mrd Euro bzw. 74,8 % innerhalb eines Jahres. Zusätzlich werden zwei Immobilienfonds mit dem Volumen von 609 Mio Euro nach dem UZ49 gemanagt.

Abschließend der Tenor der Experten: ESG-Investments bedeuten den größten Wandel der Investmentlandschaft seit der Einführung von ETFs.

Foto: AdobeStock / Olivier Le Moal

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

„Wiener Berichtsaison war beeindruckend gut“

Experte Alois Wögerbauer wagt im Börsen-Kurier-Interview den Ausblick auf 2022.

Patrick Baldia, Börsen-Kurier: Trotz des erneuten Lockdowns und des Auftauchens der neuen Virus-Mutation Omikron hat der ATX zuletzt keine großen Verluste verzeichnet. Sind die Anleger zu gelassen bzw. verkennen sie gar die Situation?

Alois Wögerbauer: Der Markt verkennt die Situation nicht. Dass er bis-lang relativ gelassen geblieben ist, hat zwei Gründe: Erstens haben die Unternehmen so wie wir alle mittlerweile gelernt, mit Lockdowns umzugehen. Dass beispielsweise bei uns 75 % der Mitarbeiter im Homeoffice und nur 25 % vor Ort im Büro sind, ist heute für alle völlig normal. Zweitens, und das ist auch der Hauptgrund: An der Wiener Börse notieren nur Unternehmen, die ihre Absatzmärkte auf globaler Ebene haben. Der wirtschaftliche Impact des Lockdowns in Österreich sollte also überschaubar bleiben. Die leichte Korrektur der letzten Tage könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Anleger zum Jahreswechsel viel geneigter sind, Gewinne mitzunehmen.

Börsen-Kurier: Könnte ein möglicher Lockdown in Deutschland das Sentiment beeinflussen?
Wögerbauer: Ich glaube, dass ein möglicher Lockdown in Deutschland niemand überraschen würde. Dass der Dax seit Mitte November an Boden verloren hat, liegt auch am Regierungswechsel. Lange Zeit, bzw. bis zur Unterzeichnung des Koalitionsvertrags, war nicht klar, wohin die Reise gehen wird.

Börsen-Kurier: Was stimmt Sie für den Wiener Marktplatz positiv?
Wögerbauer: Die Berichtsaison war in Wien wirklich beeindruckend gut. Ich hätte nicht geglaubt, dass so viele Unternehmen ihre Guidance bestätigen und etliche sogar erhöhen würden. Aber nicht nur die Finanzaktien haben geliefert, sondern grundsätzlich alle. Zumindest kurzfristig erschließt sich mir daher keine Logik, dass das abreißen sollte. Dafür spricht auch die extrem gute Auftragslage der Industrie.

Und selbst wenn der Lockdown bis Jänner dauern sollte, wird halt das erste Quartal etwas schwächer ausfallen, das zweite dafür wieder wesentlich stärker sein. Das kommende Jahr wird insgesamt sicher schwankungsintensiver als 2021. Am Ende des Tages sollte es aber positiv enden.

Börsen-Kurier: Welche Risiken sehen Sie im kommenden Jahr?
Wögerbauer: Das meiste, was uns in den kommenden Monaten beschäftigen wird, hat nichts mit Österreich zu tun und wird von außen reinschwappen. Dazu gehört die US-Notenbankpolitik. Damit meine ich aber nicht etwaige Zinserhöhungen, sondern das Tapering, also die Reduzierung der Anleihekäufe. Falls das schneller vonstattengeht – wenn sich etwa herausstellt, dass die Inflation doch nicht so temporär ist -, könnte das die Märkte beunruhigen. Eine große Wende an der Börse sollte das aber nicht einleiten. Weiters sehe ich auch geopolitische Risiken, wie etwa eine Verschärfung des Konflikts zwischen China und Taiwan oder des Streits zwischen der Volksrepublik und den USA.

Börsen-Kurier: Welche Wiener Aktien haben Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude bereitet?
Wögerbauer: Viele. Da gehört sicher die Wienerberger dazu. Das Unternehmen ist grundsolide unterwegs, wächst Schritt für Schritt – auch durch Zukäufe – und hat ein gut diversifiziertes Produktsortiment. Wienerberger heute als Ziegelproduzenten zu bezeichnen, ist fast schon ein Affront.

Auch die AT&S hat ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Dass der Leiterplattenhersteller in den kommenden Jahren etwa Milliarden Euro investiert, um in der Top-Liga anzukommen, ist für Österreich und auch Europa gut. Positiv überrascht haben mich Erste Group und RBI. Keiner hätte gedacht, dass beide heuer so gut performen. Grundsätzlich haben mich nur wenige Werte enttäuscht.

Börsen-Kurier: Darf man abschließend noch fragen, welche Sie enttäuscht haben?
Wögerbauer: Von Marinomed hätte ich mir mehr erwartet. Das ist zwar ein kleiner Titel, aber für Innovationen bekannt und in der richtigen Branche unterwegs. Dass die Aktie heuer Kursverluste von rund 25 % verzeichnet hat, ist für mich die Enttäuschung des Jahres. Auch die Porr hat mich enttäuscht. Seit Jahren erfüllt das Unternehmen nicht die dem Markt kommunizierten Erwartungen. Semperit hat zwar zuletzt eine schöne Entwicklung hingelegt, die Ausrichtung, vor allem was den Verkauf der Medizinsparte betrifft, bleibt aber unklar.

Foto: 3 Banken

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Immobilienmärkte außer Rand und Band

Die Immo-Hausse beschleunigt sich. Doch wann dreht der Markt?

Michael Kordovsky. Nicht nur in Österreich zeigen sich partielle Blasentendenzen am Immobilienmarkt. Im Einklang mit einer explodierenden Geldmenge sind in den größten Städten der USA die Immobilienpreise so stark gestiegen wie nie zuvor: Der „S&P/Case-Shiller 20-City Composite Home Price Index“ stieg von September 2019 bis September 2021 um 27,1 % auf 276,5 Punkte und auf Jahresbasis beschleunigte sich der Anstieg auf +19 %. Zweistellige Preisanstiege herrschen auch in China vor und in den acht Großstädten Australiens stiegen im zweiten Quartal 2021 die Wohnimmobilienpreise gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwischen 12,8 % (Darwin) und 19,3 % (Sydney).

Notenbanken und Superreiche sorgen für „Mondpreise“
In Europa stiegen die Hauspreise im zweiten Quartal, gemessen am Hauspreisindex (HPI) auf Jahresbasis im Euroraum um 6,8 % und in der EU um 7,3 %. Dies ist die höchste jährliche Zunahme im Euroraum seit dem vierten Quartal 2006 und in der EU seit dem dritten Quartal 2007. Noch im dritten Quartal 2020 stiegen die Preise im Euroraum und der EU um je 5,0 bzw. 5,3 %. Im zweiten Quartal 2021 die auf Jahresbasis höchsten Preissteigerungen verzeichneten Wohnimmobilien in Estland (16,1 %), Dänemark (15,6 %) und Tschechien (+14,5 %), während die Preise einzig in Zypern (-4,9 %) fielen.

Drei Faktoren sind hier die treibenden Kräfte, wovon zwei geldpolitischer Natur sind, nämlich die historisch niedrigen Zinsen und die stark expandierende Geldmenge, die sich bis dato primär in Asset-Inflation manifestierte. So stieg im Euroraum in den drei Jahren bis Juli 2021 die Geldmenge M3 um 7,4 % p.a. auf mehr als 15 Bio Euro. Noch wilder war zuletzt die Geldmengenexpansion der Fed, nämlich um 12,8 % auf Jahresbasis bis September 2021. Ein weiterer Faktor ist die schiefe Vermögensverteilung und die Flucht der Superreichen in Betongold. Bereits Daten aus dem Jahr 2012 zeigten, dass weltweit weniger als 100.000 Personen, also 0,001 % der Weltbevölkerung, mehr als 30 % des weltweiten Finanzvermögens kontrollieren. Heute ist die Relation vermutlich noch wesentlich krasser. Während die Bar-Immobilienkäufe der Superreichen die Preise weiter nach oben treiben, kann sich in zahlreichen Städten eine durchschnittliche Familie keine 100-m2-Wohnung mehr leisten. Sogar in Innsbruck kosten neue Wohnungen mittlerweile bis zu 14.000 Euro pro m2 und in Wien sind Preise jenseits der 7.000 Euro pro m2 normal. Schon seit mehr als zehn Jahren hoffen deshalb viele Mieter insgeheim auf einen „Immobiliencrash“, um eines Tages doch noch zum Wohneigentum zu kommen. Bis dato blieb es nur Wunschvorstellung.

Wann droht dieser Immobiliencrash?
Wenn sich die monetären Rahmenbedingungen ändern, die Notenbanken weltweit ihre Anleihenkäufe einstellen und beginnen, die Leitzinsen anzuheben, wird es ab einem gewissen Zinsniveau kritisch für Immobilienspekulanten. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Wesentlich schneller könnte es jedoch in Deutschland Vermögenssteuern geben. Mietobergrenzen und Leerstandsabgaben wären weitere mögliche Szenarien. Auch Ökoauflagen für alte Häuser wie z. B. verpflichtende Vornahmen thermischer Sanierungen wären denkbar. All dies kann genau-so belasten wie etwaige Zwangshypotheken zur Finanzierung der Folgen der Corona-Krise. In Österreich könnten Banken verpflichtet werden, für Immobilienkredite mehr Eigenmittel zu verlangen.

Wie stark im Ernstfall die Wohnimmobilienpreise fallen können, zeigt ein Überblick über vergangene Immobilien- und Bankenkrisen in den Länder Norwegen (1987 bis 1993: -42 %), Schweden (1991: -26 %), Japan (1991 bis 2002: -65 %), Finnland (1991 bis 1994: -49 %) und USA (2007 bis 2009: -3 2 %).

Die aktuell massive Abweichung der Immobilienpreise vom langjährigen Trendverlauf wird voraussichtlich kein Dauerzustand sein. Zu viele kritische Faktoren brauen sich bereits für die kommenden Jahre zusammen, insbesondere von politischer Seite. Somit ist es nicht auszuschließen, dass auch hierzulande bis 2030 die eine oder andere heute fast unbezahlbare Wohnung wieder zum halben Preis erhältlich sein wird.

Foto: AdobeStock / Redpixel

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Gold bei über 2.000 USD bis Ende 2022?

Der Goldpreis befindet sich aktuell im Abwärtstrend – so auch vergangene Woche, nachdem Fed-Chef Jerome Powell eine beschleunigte Straffung der Geldpolitik in Aussicht gestellt hatte. Trotzdem ist Gold nach wie vor attraktiv, sagt Benjamin Louvet, Fondsmanager bei OFI Asset Management.

„Falls sich die Pandemie wieder stark ausweitet, hätten die Zentralbanken keine andere Wahl, als zu einer lockeren Geldpolitik zurückzukehren, vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Einige Branchen, wie Fluggesellschaften, Restaurants, Veranstalter etc., haben die erste Welle nur schwer überstanden.

Sollte sich die Wirtschaft jedoch weiter erholen, bin ich davon überzeugt, dass die Inflation und ihre Dauer derzeit allgemein unterschätzt werden. Die Folge dürften dann sinkende Realzinsen sein. Denn angesichts der massiven Verschuldung der großen Volkswirtschaften werden die Zentralbanken die Nominalzinsen nur in einem Tempo anheben können, das unter dem der Inflation liegt.

Der Markt rechnet jedoch bereits weitgehend mit wachstumsbedingten Zinserhöhungen. Das Risiko besteht unserer Meinung also eher darin, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden und die Märkte dann stark korrigieren. Der Markt unterschätzt meiner Meinung nach, dass die US-amerikanische Notenbank allmählich anerkennt, dass es sich nicht um eine vorübergehende Preissteigerung handelt. Dies veranlasst uns, das Preisziel für Gold im Jahr 2022 hoch anzusetzen, und zwar auf über 2.000 USD pro Unze.“

Foto: OFI Asset Management

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Rückkehr zur Normalität

Die Konjunktur dürfte 2022 anziehen, die Inflationsrate wieder sinken.

Raja Korinek. Das Jahr 2021 hat sich erfreulich entwickelt: Die Konjunktur konnte sich nach dem Ende der harten Lockdowns weltweit kräftig erholen. Die Frage bleibt, wie es 2022 weitergeht. Unter dem Motto „Das Beste kommt noch“ wagte Kornelius Purps, Rentenmarktstratege der UniCredit Bank, beim 2. virtuellen Stammtisch des Zertifikate Forums Austria – noch vor dem Auftauchen der neuen Corona-Mutation – einen Ausblick auf die Konjunktur- und Finanzmarktentwicklungen. Der Börsen-Kurier war dabei.

Freilich, die Themen sind vielfältig. Vor allem die zuletzt stark gestiegene Inflation sorgt aber für reichlich Aufmerksamkeit. In den USA legte sie im Oktober um 6,2 % im Jahresvergleich zu, in der Eurozone um 4,1 %. Auch die Lieferengpässe dauern an und fachen die Preissteigerungen weiter an. Purps glaubt aber nicht, dass der Auftrieb anhalten wird. Er sagt, „der starke Anstieg der Inflation und die pandemiebedingten Lieferengpässe haben vorübergehend verunsichert. Beide Entwicklungen sollten sich im kommenden Jahr aber abschwächen und für Entspannung auf den Märkten sorgen.“

Deutschland mit Sonderfaktoren
Purps ging in diesem Zusammenhang insbesondere auf die Entwicklungen in Deutschland ein. „Die Region ist eine besonders industriegeprägte sowie exportorientierte Wirtschaft. Sie wurde von den Lieferengpässen besonders hart getroffen“, konstatierte der erfahrene Marktexperte. Doch das Umfeld dürfte sich schon bald aufhellen. Der Konjunkturausblick fällt umso optimistischer aus. Und das aus gutem Grund. Purps meint, „unter der Annahme, dass sich die Engpässe im kommenden Jahr tatsächlich zurückbilden werden, sollte die Wirtschaft in Deutschland eine besonders erfreuliche Dynamik entwickeln.“

Doch wie sehen die Prognosen insgesamt aus? Für das laufende Jahr rechnet die UniCredit Bank AG mit einem Wirtschaftswachstum von rund 5 % sowohl in den USA als auch in der Eurozone. Im kommenden Jahr dürfte sich die Konjunktur dann ein wenig abschwächen, das prognostizierte Plus im Durchschnitt bei nur noch 4 bis 4,5 % liegen.

Sinkt die Inflationsrate wieder?
Auch auf die weitere Inflationsdynamik ging Purps bei seiner Präsentation näher ein. Der kräftige – pandemiebedingte – Anstieg bei der Teuerung sollte sich im kommenden Jahr jedenfalls zurückbilden. Eine derartige Aufwärtsdynamik, wie es in den vergangenen Monaten der Fall war, gab es Purps zufolge zuletzt in den 1970er Jahren. Doch der starke Ausbruch nach oben sei angesichts der jüngsten Entwicklungen nachvollziehbar. Schließlich befinde sich die Weltwirtschaft in einer einzigartigen Lage aufgrund der Corona-Pandemie.

Die Inflationsrate dürfte sich Ende 2022 wieder bei rund 1,5 % einpendeln. „Allerdings, und das ist ein Risikofaktor, der sich noch nicht eindeutig abschätzen lässt, könnte mittelfristig eine ‚Greenflation‘ hinzukommen und die Inflationsrate um etwa einen Prozentpunkt erhöhen“, mahnt Purps.

CO2-Steuer verteuert den Energieverbrauch
So soll zum Beispiel der Ausstoß von CO2-Emissionen teurer werden. Allein in Deutschland wurde zu Jahresbeginn eine CO2-Steuer auf Benzin, Diesel, Heizöl und Gas eingeführt. Seither wird eine Tonne CO2 zunächst mit 25 € besteuert. Bis 2025 soll der Preis auf bis zu 55 € steigen. Hierzulande wird die CO2-Steuer ab Juli 2022 erhoben, zunächst von 30 € pro Tonne. Bis 2025 soll der Preis auf 55 € steigen. Weitere Maßnahmen können – weltweit – natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Foto: Adobe Stock / Elnur

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Von nachhaltigen Familienunternehmen profitieren

Richten sich eigentümergeführte Firmen nachhaltig aus, so bekommen Anleger das Beste aus zwei Welten.

Christian Euler, Frankfurt. Börsennotierte europäische Familienunternehmen sind besser durch die Corona-Krise gekommen als Firmen, die von wechselnden Managern geführt werden. Ihre Aktienkurse haben sich zwischen April 2020 und Juni dieses Jahres mit einem durchschnittlichen Plus von 61,8 % deutlich besser entwickelt als der gesamte Aktienmarkt, der gemessen am „FTSE Developed Europe All Cap Index“ auf 48,3 % kam. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Fondsgesellschaft Conren, die im Jahr 2005 als Vermögensverwaltung für eine Unternehmerfamilie gegründet wurde.

Auch langfristig lässt sich eine Outperformance belegen. Dafür nahm Conren von März 2009 bis März vergangenen Jahres 955 europäische Familienunternehmen mit einem Börsenwert von mehr als 200 Mio€ unter die Lupe. Das Fazit: Während das Familienunternehmen-Universum einen Renditezuwachs von 246 % erzielt, rückte der Stoxx Europe 600 im gleichen Zeitraum „nur“ um 155 % vor. Die Studienautoren führen dies darauf zurück, dass inhabergeführte Unternehmen nicht auf kurzfristige Quartalsergebnisse fixiert sind. Stattdessen, so die Experten, treiben sie Innovationen in kleinen, aber sehr zahlreichen Schritten voran, wodurch über die Zeit große Vorsprünge gegenüber Wettbewerbern entstehen können.

Anleger können über Fonds und Indizes an dieser Entwicklung teilhaben. Der „DAXplus Family Index“ (ISIN: DE000A0YKTL4) etwa umfasst die deutschen und internationalen Unternehmen aus dem Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse, bei denen die Gründerfamilie mindestens einen 25 %igen Stimmrechtsanteil hat oder in Vorstand oder Aufsichtsrat sitzt und mindestens einen Stimmrechtsanteil von 5 % hält. Der „Deka-UnternehmerStrategie Europa 50“-Fonds (LU1876154029) wiederum bündelt ausgewählte europäische Familienunternehmen.

Nachhaltigkeit zahlt sich aus
Die Schweizer Investmentboutique Bellevue Asset Management geht einen Schritt weiter und richtet den 2009 aufgelegten „BB Entrepreneur Europe“ (LU0631859229) künftig dezidiert auf Nachhaltigkeit aus. „Es ist nur logisch, dass Umweltaspekte und die Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftens immer deutlicher ins Zentrum des Interesses rückt“, unterstreicht Portfoliomanagerin Birgitte Olsen, die mit dem BB Entrepreneur Europe in den vergangenen zwölf Jahren ein jährliches Plus von 10,6 % erwirtschaftete.

Um den hohen Stellenwert der Nachhaltigkeit zu unterstreichen, firmiert der Anlagepool fortan als „Bellevue Sustainable Entrepreneur Europe“.

Auf Basis vertiefter ESG-Analysen über alle Phasen des Anlageprozesses hinweg integrieren Olsen und ihr Team Nachhaltigkeitskriterien in die fundamentale Bottom-Up-Analyse. Dabei liegt der Fokus neben Ausschlüssen aufgrund mangelnder ESG-Legitimation und Risiken auch auf den Chancen, die sich durch die Nachhaltigkeitsperspektive ergeben. „Wir wollen die potenziellen ESG-Stars von Morgen identifizieren, die vom breiten Markt noch weitgehend unentdeckt geblieben sind“, so Olsen zum Börsen-Kurier.

Als Beispiel nennt sie etwa das Schweizer Luxusunternehmen Richemont. „Als Mitglied des Responsible Jewelry Council führt die Schweizer Firma strenge Programme zur nachhaltigen Beschaffung von Mineralien“, so die Fondsmanagerin. Zudem sei Richemont mit seinem vertikal integrierten Geschäftsmodell bestens positioniert, um den CO2-Fussabdruck seiner Produkte zu kontrollieren.

Foto: Pixabay / YS-Park

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Tipps für eine ausgewogene Anlegerpsyche

Eine zielgerichtete Veranlagung des Vermögens erfordert unter anderem Wissen, Disziplin und Geduld.

Red. Finanzprofis unterscheiden zwischen dem Vermögensaufbau und der Vermögensveranlagung. „Beim Vermögensaufbau geht es darum, regelmäßig einen gewissen Betrag in die Finanzmärkte zu investieren und nicht in Abhängigkeit von Preisen um mehr oder weniger Geld zu kaufen“, erklärt Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich im Gespräch. Indem laufend in Wertpapiere investiert wird, wird der Durchschnittspreis (Cost-Averaging-Effekt) über einen langen Anlagehorizont hinweg geglättet. „Das ist eine recht einfache und auch sehr vernünftige Strategie des Ansparens, bei der man nicht zu sehr ins Grübeln gerät. Die Veranlagung eines bestehenden Vermögens verlangt jedoch nach einer komplexeren Vorbereitung, hier sind eine stabile und widerstandsfähige Strategie beziehungsweise eine langfristige Allokation essenziell“, so Nemeth.

Bei Kundenberatung ist in puncto Veranlagungen besonders in herausfordernden Marktphasen immer wieder auch psychologisches Geschick gefragt. Anleger sollten gerade dann ruhig und besonnen agieren. Nemeth gibt Anlegern Tipps an die Hand, mit denen das auch gelingt.

Vermögen nicht brach liegen lassen
Wenn Menschen plötzlich mit einem Vermögenszuwachs konfrontiert sind, zögern Sie die Entscheidung, was mit dem Geld getan werden soll, oft hinaus. In vielen Fällen liegt das Vermögen zu lange brach und die Anleger verpassen oft geraume Zeit lang, am Aktienmarkt investiert zu sein. Somit können sie nicht die Risikoprämie vereinnahmen, was der große Vorteil von Aktieninvestments ist. „Hier hilft es, sich diszipliniert vor Augen zu halten, dass das Geld in den meisten Fällen auch vorher, wenn auch in anderer Form, investiert war. Es kann aus einem Immobilien- oder Unternehmensverkauf stammen oder es wurde nach der Veranlagung durch den Vorbesitzer vererbt. Auf keinen Fall sollte das Geld zu lange in Form von Cash herumliegen, sondern schnell in den idealen Aggregatzustand – eine Veranlagung – versetzt werden“, so Nemeth.

Zuerst die richtige Strategie festlegen
„Die Qualität des Portfolios sollte so beschaffen sein, dass es gut nach Branchen und Regionen diversifiziert ist, die Anleger sicher durch Krisen trägt und vor allem wenig Handlungsbedarf besteht, ständig das Ruder herumzureißen“, definiert Nemeth die wesentlichen Erfolgsfaktoren aus seiner Sicht. Das schont das Nervenkostüm, wenn man sich nicht ständig um sein Vermögen sorgen muss. Die gewählte Strategie soll zur Person und deren Lebenssituation passen. Wurde gerade ein Unternehmen verkauft und möchte man künftig etwas defensiver unterwegs sein, dann kann das Risiko etwa durch Beimischung von Anleihen oder Immobilieninvestments reduziert und dennoch ein attraktiver Vermögenszuwachs erzielt werden. Auch ein vernünftig gewählter Anlagehorizont hilft dabei, Ruhe zu bewahren: Bei einem Anlagehorizont von mehr als zehn Jahren fallen beispielsweise börsenrelevante Einzelereignisse weniger ins Gewicht als in kürzeren Zeiträumen.

Die goldene „Drei mal Drei“-Regel beherzigen
Rein aus Finanzsicht ergibt es Sinn, den für die Veranlagung bestimmten Teil des Vermögens – den man nicht zum täglichen Leben benötigt – auf einmal zu investieren, damit man umfassend in den Aktienmarkt investiert ist. Je weiter man sich von diesem Grundsatz entfernt, desto eher lässt man Geld liegen. Allerdings bringen es nicht alle Anleger übers Herz, das gesamte Vermögen oder einen großen Teil davon auf einmal zu investieren. Das ist auch verständlich und zutiefst menschlich. Doch die Alternativen sind derzeit rar gesät, mit Sparbüchern wird man aufgrund der Vermögenspreisinflation ärmer und auch mit Anleihen verdient man nicht viel Geld. „Es ist daher sinnvoll, tranchenweise aber in kurzen Intervallen in den Aktienmarkt zu investieren. So kann man eventuell ein wenig besser schlafen, ist aber trotzdem binnen kurzer Zeit voll in den Markt investiert. Ich persönlich finde die ‚Drei mal Drei‘-Regel zweckmäßig, anhand derer unabhängig von Marktereignissen in drei aufeinanderfolgenden Monaten jeweils ein Drittel des Vermögens investiert wird“, meint Nemeth.

Nicht den „richtigen“ Zeitpunkt abwarten
Viele Anleger machen den Fehler, am Aktienmarkt das perfekte Market Timing an den Tag legen zu wollen. Sie warten auf gute Einstiegsmöglichkeiten und wollen nicht zu früh und daher zu teuer kaufen. „Plötzlich ist die Nachrichtenlage ungünstig, die Stimmung an den Börsen verschlechtert sich und viele Anleger trauen sich dann schon gar nicht, zu investieren“, schildert Nemeth. Auf diese Weise verheddern sie sich, warten zu lange und kaufen erst, wenn der Kurs wieder steigt. Nemeth: „Man sollte den Markteinstieg daher auf keinen Fall an Marktereignisse knüpfen.“

Foto: AdobeStock / verge

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Kurzfristig boostern, langfristig Zucker bekämpfen

Das Coronavirus hat die Welt bereits seit knapp zwei Jahren fest im Griff und hat zu einem vorher nicht für möglich gehaltenen Innovationsschub geführt, nicht zuletzt in der Medizin- und Pharmasparte. Langfristig werden aber Wohlstandskrankheiten wie Adipositas und Diabetes dem Virus im Healthcare-Sektor den Rang ablaufen.

(25.11.) Auf dem Gebiet der Biotechnologie brachte die Covid-19-Pandemie die rasante Weiterentwicklung der mRNA-Technologie bis hin zu einem probaten Impfstoff gegen das Virus hervor. Obwohl die technischen Grundlagen seit vielen Jahren bekannt waren, fehlten der Forschung bislang die nötigen Investitionen, die mRNA-Technologie zur Anwendungsreife zu bringen. Allen voran sind heute BioNTech/Pfizer und Moderna mit über drei Mrd. ausgelieferten Impfdosen in diesem Jahr führend bei den Kapazitäten. Und die aktuell rasch steigenden Inzidenzen und die hohe Auslastung der Intensivbetten machen deutlich, dass eine Booster-Impfung für alle bereits Geimpften notwendig ist, um den mit der Zeit abnehmenden Impfschutz zu erneuern.

Eine gute Strategie gegen Covid-19 braucht beides – Impfstoffe und Medikamente
Abseits von den Impfungen gegen das Virus sind in den letzten Wochen auch vielversprechende Studiendaten von den beiden US-Pharmakonzernen Merck & Co. sowie Pfizer zu oral einzunehmenden Covid-19-Medikamenten veröffentlicht worden. Aus den Pfizer-Studien geht hervor, dass das Medikament Paxlovid bei Covid-19-Patienten das Risiko für einen schweren Verlauf mit Hospitalisierung oder Tod um 89 Prozent gegenüber Placebo senkt. Voraussetzung war, dass die Patienten innerhalb von drei Tagen nach Einsetzen der Symptome behandelt wurden. Damit stellt der US-Pharmariese Pfizer die Konkurrenz Merck & Co. mit ihrem Medikament Molnupiravir – das in vergleichbaren Tests das Risiko nur halbieren konnte – in den Schatten. Die Pfizer-Tablette wird in Kombination mit Ritonavir, einem älteren antiviralen Mittel gegen HIV, verabreicht. Die Kombinationsbehandlung blockiert ein Enzym, welches das Coronavirus zu seiner Vermehrung benötigt. Die Merck-Pille Molnupiravir hat einen anderen Wirkmechanismus, der darauf abzielt, Fehler in den Gencode des Virus einzuschleusen. Heißt: Während der Replikation des Virenerbguts passieren so viele Fehler, dass daraus keine funktionsfähigen Viren mehr entstehen können.

Das Marktpotenzial beider Pillen ist enorm. So kann Merck & Co. bereits über 20 Mio. Dosen im Jahr 2022 und Pfizer über 50 Mio. Dosen herstellen. Der Preis einer oralen Therapie wird bei etwa 700 US-Dollar liegen. Somit könnten beide Unternehmen zusammen über 45 Mrd. US-Dollar Umsatz generieren. Aber diese Medikamente sind kurativ und wirken nicht präventiv wie eine Impfung. Somit ist die Entwicklung wirksamer Medikamente zwar ein wichtiger Baustein in der Bekämpfung der Pandemie, kann und wird aber die Covid-19-Impfung nicht ersetzen. Nichtsdestotrotz wird die Nachfrage nach Covid-19-Medikamenten sehr hoch sein, und viele Länder werden diese Medikamente sicherheitshalber bestellen, zumal der Preis dafür im Vergleich zur stationären bzw. intensivmedizinischen Behandlung von Covid-19-Patienten doch relativ gering erscheint.

Verlierer der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie belastete nicht nur Sektoren wie den Tourismus oder den stationären Einzelhandel, auch das Gesundheitswesen wurde in Mitleidenschaft gezogen – auch wenn das Bild in diesem Sektor gemischt ausfiel. Natürlich profitierten viele Unternehmen, die an der Forschung, Entwicklung und Herstellung der Covid-19-Impfstoffe beteiligt sind. Gleichzeitig konnten sich auch Diagnostikahersteller und diagnostische Labore einen zusätzlichen Absatzmarkt schaffen. Auf der anderen Seite mussten planbare Operationen erheblich verschoben werden. In Großbritannien zum Beispiel warten knapp fünf Mio. Menschen auf eine stationäre Behandlung. Aber auch klassische Pharmaunternehmen litten unter der Corona-Pandemie. Therapie-Neueinstellungen bzw. Medikamenten-Umstellungen fanden vor allem in den Lockdown-Phasen kaum statt. Dieser negative Effekt zeigte sich bereits in den letzten Quartalsberichten der Pharmaunternehmen.

Diabetes – ein langlebiger Wachstumsmarkt
Covid-19 hatte nur einen begrenzten Einfluss auf den Diabetesmarkt. Hier sind die langfristigen Treiber weiterhin intakt. Aktuell gibt es weltweit über 463 Mio. Diabetiker, viele sind nicht oder nicht optimal eingestellt, und die Zahl neuer Diabetiker wird weiter zunehmen. Was Diabetes für die staatlichen Gesundheitssysteme bedeutet, zeigt sich besonders an zwei Parametern: Zum einen sind etwa 70 Prozent aller Diabetespatienten im erwerbsfähigen Alter. Zum anderen entfielen über zwölf Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben in Höhe von über 730 Mrd. US-Dollar auf die Behandlung von Diabetes und deren Folgeerkrankungen wie Nierenschäden, Schlaganfälle, Herzinfarkte und Durchblutungsstörungen. Mehr und mehr rücken hierbei aber auch die weltweit zunehmende Adipositas als Ursache für zum Beispiel den Typ-2-Diabetes oder chronische Lebererkrankungen wie die nichtalkoholische Fettleber in den Vordergrund. Besonders beim Typ-2-Diabetes ist das Marktpotenzial noch enorm. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es mehr als 1,9 Mrd. Menschen mit Übergewicht, davon sind über 650 Mio. adipös und weisen demnach einen Body-Mass-Index von über 30 auf. Lifestyle-Maßnahmen wie z.B. Fitnessprogramme wirken, wenn überhaupt, nur temporär. Daher sind ergänzende Therapieoptionen notwendig. Aktuell werden nur zwei Prozent der Adipösen medikamentös behandelt, und dies mit zum Teil nur mäßigem Erfolg.

Neue Medikamenten-Generation
Die Ursachen, aber auch Folgeschäden von Diabetes einzudämmen, ist das Hauptziel der Entwicklung neuer Diabetes-Medikamente, deren Wirkung nicht auf die reine Senkung zu hoher Blutzuckerwerte abzielt. Denn: Studien haben gezeigt, dass eine rein glukozentrische Sichtweise in der Diabetes-Therapie keinen positiven Einfluss auf Morbidität und Mortalität hat. Ein Beispiel für neuartige Produkte sind die sogenannten GLP-1. Dies ist die Abkürzung für Glucagon-like Peptid 1. Der duopolistische Markt wird aktuell dominiert von dem dänischen Diabetesspeziallisten Novo Nordisk und dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen Eli Lilly. Bei GLP-1 handelt es sich um ein zu den Inkretinen zählendes Darmhormon, welches den Glukosestoffwechsel mitsteuert. Es fördert die Abgabe von Insulin, einem Hormon, das den Blutzuckerspiegel senkt. Es hat aber über weitere Mechanismen auch von Diabetes unabhängige Effekte. Der Markt wächst auch in Zeiten von Corona weiterhin deutlich zweistellig – auch bei dem gegenwärtig herrschenden Preisdruck in den USA. Selbst in der Covid-19-Pandemie konnte Novo Nordisk mit einem neuen oralen GLP-1 um mehr als 200 Prozent in den ersten drei Quartalen dieses Jahres wachsen. Aber auch im Hinblick auf mögliche Diabetes-Folgekrankheiten konnte Novo Nordisk jüngst ein neues Produkt auf den amerikanischen Markt bringen. Das neue Schlankheitsmittel Wegovy verspricht eine garantierte 15-prozentige Gewichtsreduktion binnen eines Jahres. Novo Nordisk wurde von der hohen Nachfrage in den USA anscheinend so überrascht, dass das Produkt in den USA oftmals bereits ausverkauft ist. Der Markt mit Schlankheitsmitteln ist nicht nur ein Massenmarkt, sondern auch ein starker Selbstzahler-Markt. Abseits von dem sehr lukrativen Margenpotenzial für Novo Nordisk bedeutet dies aber auch einen Mehrwert für die Gesundheitssysteme, denn die Folgeerkrankungen von Diabetikern verschlingen allein in den USA über 377 Mrd. US-Dollar.

Klassik versus Moderne
Das Diabetes-Management rund um die Diagnostik und die Glukoseüberwachung ist eines der am weitesten fortgeschrittenen Felder in der digitalen Medizin. Die Anwendungen können in Kombination mit künstlicher Intelligenz und Datenanalyse einen starken medizinischen Nutzen für die Patienten erreichen. Der weltweite Markt für Diabetesgeräte betrug 2020 etwa 26 Mrd. US-Dollar und die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate soll in den nächsten Jahren weiterhin mindestens hoch einstellig bleiben. Unter den großen Medizintechnik-Konzernen sind Medtronic und Abbott Laboratories die Vorreiter in der Diabetesbehandlung, aber die Entwicklung bleibt nicht stehen, es kommen immer wieder Innovationen auf den Markt. So hinkt etwa Roche mit seinem klassischen Blutzucker-Messgerät Accu-Check deutlich hinterher. Längst muss man nicht mehr für jede Messung eine kleine Menge Blut auf einen Teststreifen geben, um den Blutzuckerspiegel zu bestimmen. Neue Anwendungen, sei es von Abbott Laboratories oder auch von den kleineren Nischenanbietern Dexcom und Insulet, können den Blutzuckerhaushalt dank eines kleinen Patches am Arm jederzeit über die App im Handy kontrollieren (sog. kontinuierliches Glukosemonitoring).

Corona – gekommen, um zu bleiben
Die Corona-Pandemie wird uns alle weiterhin beschäftigen. Bei Anlageentscheidungen gewinnen die Spartenauswahl und die regionale Diversifikation aber mehr und mehr an Bedeutung. Kurzfristig könnten Firmen, die orale Covid-19-Medikamente oder Auffrischungsimpfungen herstellen, profitieren. Nach dem Ende der Pandemie wird Sars-CoV-2 nur noch endemisch auftreten, darüber ist sich die Wissenschaft inzwischen einig. Bedeutet: Das Virus wird weiterhin zirkulieren und saisonale und regionale Ausbrüche überall auf der Welt verursachen. Wir alle werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben – ebenso wie mit saisonalen Influenza-Wellen. Unabhängig davon bleibt Diabetes ein langfristiges, strukturelles Wachstumsfeld. Erfolgsversprechend dürften dabei vor allem Firmen sein, die mit ihrem Medikamenten-Portfolio die Risikofaktoren positiv beeinflussen bzw. mit Diabetes assoziierte Folgeerkrankungen eindämmen.

Foto: DJE Kapital AG

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Was für Europa-Aktien spricht

Günstige Bewertungen und erfolgreiche Weltmarken sprechen derzeit für den Alten Kontinent.

Raja Korinek. Das aktuelle Umfeld trübt sich weltweit wieder ein Stück ein, denn das Coronavirus breitet sich verstärkt aus. Neue Lockdowns werden in Teilen der Welt umgesetzt, während anhaltende Probleme, zu denen Lieferengpässe und ein Mangel an Halbleitern zählen, noch nicht gelöst sind. Umso mehr sollten Anleger auf Qualitätsaktien achten, die robuste Wachstumsperspektiven aufweisen. Ein Blick auf Europas Märkte könnte in diesem Zusammenhang besonders interessant sein. Die Region ist verhältnismäßig günstig bewertet, vor allem im Vergleich zu den US-Börsen, weshalb Experten Aufholpotenzial orten.

Laut JP Morgan Asset Management liegt am MSCI Europe die 12-Monats-Gewinnprognose je Aktie bei 110 € und damit beinahe wieder auf dem Rekordhoch aus den Jahren 2007 bis 2008 von rund 120 € je Aktie. Das KGV liegt zudem bei rund 15, und damit nur knapp über dem langfristigen Schnitt von 14,4.

IT: Teuer aber begehrt
Besonders teuer sind in Europa IT-Titel (mit einem KGV von 32) und Industrieaktien (mit einem KGV von 21) bewertet. Am unteren Ende des Spektrums sind Finanz- und Energiewerte angesiedelt.

Die relativ höhere Bewertung bei IT-Titeln hält Experten aber nicht von Investments in diesem Sektor ab. Giovanni Trombello, Portfoliomanager für europäische Wachstumsaktien bei der Allianz Global Investors (AllianzGI), verweist etwa auf ASML (ISIN: NL0010273215) aus den Niederlanden. Der Titel ist die größte Position im „Allianz Europe Equity Growth“ (LU0256839191).

Europas Chipmarkt im Fokus
ASML ist obendrein weltweit größter Anbieter von Lithographie-Systemen für die Halbleiterindustrie. „In manchen Geschäftsbereichen ist der Konzern praktisch Monopolist“, ergänzt Trombello. Er verweist mit dem Chipproduzenten Infineon (US45662N1037) auf ein weiteres Unternehmen aus dem Technologiesektor. Der Konzern produziere zu verhältnismäßig niedrigen Kosten und konnte zuletzt Marktanteile zugewinnen.

Auch das Geschäftsmodell des Softwareanbieters SAP (DE0007164600) gefällt Trombello, zumal die Bereitschaft zu einem Konkurrenten zu wechseln, wenn die Software einmal installiert ist, gering sei. Solch ein Umstand biete gute Visibilität für künftige Gewinnprognosen. Überhaupt entfällt auf den IT-Sektor gut ein Drittel des Fondsvermögens. Die Gewichtung ist damit praktisch doppelt so hoch wie im Vergleichsindex, dem „S&P Europe Large Mid Cap Growth Total Return Net Index“. Die zweitgrößte Branchengewichtung entfällt auf die Industrie, etwa mit Kingspan (IE0004927939), dem irischen Hersteller von Dämmmaterial.

Innovative Pharmawerte punkten
Und wie sieht es bei Mitwerbern aus? Auch im „JPMorgan Funds – Europe Strategic Growth Fund“ (LU0210531801) nimmt ASML die größte Gewichtung ein. Pharmatitel wie die Schweizer Roche und Novo Nordisk aus Dänemark zählen ebenfalls zu den Top-Positionen. Letzteres Unternehmen ist vor allem mit seinen Diabetesmedikamente weltweit gut aufgestellt. Roche verdient derzeit unter anderem an seinen Covid-19-Tests.

Im „Seilern Europa Fonds“ hat Fondsmanager Tassilo Seilern großes Augenmerk auf den französischen Softwarekonzern Dassault Systèmes (FR0014003TT8) sowie den Schweizer Chemiekonzern, die Lonza Group (CH0013841017) gelegt. Unter anderem produziert Lonza den mRNA-Impfstoff für Moderna (US60770K1079).

Alles in allem hat Europa erfolgreiche Weltkonzerne. Doch ein flächendeckender Lockdown würde auch die Region härter treffen.

Foto: Adobe Stock / Romolo Tavani

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Dax-Konzerne erwirtschaften Rekordgewinne

Deutsche Top-Firmen trotzen konjunkturellem Gegenwind, ein Einstieg könnte sich lohnen.

Christian Euler, Frankfurt. Nie zuvor haben die Dax-Unternehmen so viel Gewinn gemacht wie im dritten Quartal dieses Jahres. Insgesamt erwirtschafteten die wichtigsten börsennotierten Konzerne zwischen Juli und September einen operativen Gesamtgewinn von knapp 35,7 Mrd€ – ein Plus von 152 %. Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 entspricht dies einer Steigerung um 21 %. Dies zeigt eine aktuelle Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf der Basis der Geschäfts- bzw. Quartalsberichte der in Deutschlands Blue-Chip-Börsenbarometer gelisteten Unternehmen.

„Wir befinden uns im zweiten Jahr der Pandemie, und die Rahmenbedingungen sind nach wie vor sehr schwierig: Unterbrechungen der Lieferketten, stark steigende Logistik- und Materialkosten, Lieferprobleme bei Rohstoffen sowie Bauteilen und daraus resultierende Produktionsdrosselungen machen den Unternehmen zu schaffen. Dennoch hat es die große Mehrheit der deutschen Top-Konzerne im dritten Quartal geschafft, Kurs zu halten“, befindet Henrik Ahlers. Für den Vorsitzenden der Geschäftsführung bei EY ist dies bemerkenswert und ein „deutliches Zeichen der Stärke“. Was sich derzeit vor allem auszahle, sei die internationale Aufstellung vieler Unternehmen und der Fokus auf Hochtechnologie und auf Premium-Segmente.

26 der seit September auf 40 gestiegenen Dax-Unternehmen konnten ihren operativen Gewinn im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum steigern, bei zehn Konzernen ging der Gewinn zurück. Der Rest machte keine Angaben. Besonders profitabel zeigte sich die Deutsche Telekom (ISIN: DE0005557508), die einen operativen Gewinn von 3,5 Mrd€ erwirtschaftete, gefolgt vom Versicherungskonzern Allianz (DE0008404005) mit 3,2 Mrd€. Auf den Plätzen drei bis fünf folgen die Autohersteller – obwohl diese Branche die Auswirkungen der Chipkrise an vorderster Front zu spüren bekommt. Volkswagen (Vorzüge: DE0007664039), Daimler (DE0007100000) und BMW (DE0005190003) fuhren zusammen einen operativen Gewinn von 8,4 Mrd€ ein, nachdem dieses Trio im Vorjahreszeitraum noch ein Gesamt-Ebit von 7,6 Mrd€ meldete.

Erhöhte Wachstumsprognose
Trotz der herausragenden Zahlen ist nicht alles eitel Sonnenschein. „Die Pandemie hat die Weltwirtschaft noch immer fest im Griff, und solange so viele große Volkswirtschaften mit neuen Ausbrüchen kämpfen, werden wir weitere böse Überraschungen erleben“, warnt EY-Geschäftsführer Ahlers. Dennoch könnte es sich für Anleger lohnen, in das laufende Jahresende hinein in die deutschen Top-Konzerne zu investieren – zumal der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erst kürzlich seine Konjunkturprognose angehoben hat. Für das kommende Jahr rechnen die „Wirtschaftsweisen“ nun mit einem Wachstum von 4,6 %. Unterdessen erreichte der Dax, der die deutsche Wirtschaft in ihrer Breite abdeckt, mit zuletzt rund 16.300 Punkten ein Rekordhoch – das Sechste in Folge.

Einfach und kostengünstig sind börsennotierte Indexfonds, kurz ETFs, die das Auf und Ab eines Börsenbarometers 1:1 nachbilden. Sie werden wie Aktien an der Börse gehandelt und lassen sich jederzeit kaufen oder verkaufen. Bei DAX-ETFs liegt die Gesamtkostenquote zwischen 0,08 und 0,16 % per annum. Am unteren Kostenende liegt der knapp 1 MrdE schwere „Lyxor Core DAX ETF“ (LU0378438732). Eine Nachhaltigkeitsversion des wichtigsten deutschen Börsenbarometers bietet der im Mai aufgelegte „iShares DAX ESG ETF“ (DE000A0Q4R69). Er spiegelt den Dax wider, während er gleichzeitig dessen Wert für die Nachhaltigkeitsfaktoren Bereich Umwelt, Soziales und Governance (ESG) maximiert und seine Kohlenstoffintensität um mindestens 30 % reduziert.

Foto: AdobeStock / Pavel Ignatov

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Erholungsphase des Einzelhandels in Gefahr

Nach beschwingtem Herbst droht ein schwaches Weihnachtsgeschäft.

Michael Kordovsky. Hoffnungsvolle Impulse im Herbst zeigt der Einzelhandel in den USA und in Europa. Doch der Lockdown in Österreich verunsichert weltweit und drückte am vergangenen Freitag sogar die Wall Street ins Minus. Das ist einzigartig, denn ansonsten tangieren die Ereignisse im sogenannten „Zwergenland“ die Wall-Street-Größen nicht im Geringsten. Doch rückläufige Renditen am langen Ende trotz der höchsten Inflation seit 1990 könnten Vorboten einer globalen Welle an Lockdowns sein, die – sollten sie in anderen europäischen Ländern und Teilen der USA und Chinas noch umgesetzt werden – das Weihnachtsgeschäft des stationären Handels regelrecht verhageln könnten, während der Online-Handel erneut einen Umsatzschub erfahren würde.

Noch ein erfreulicher Herbstbeginn im Einzelhandel
In den USA war im Oktober die Welt noch einigermaßen in Ordnung, als sich das jährliche Umsatzwachstum des Einzelhandels plus Gastronomie von September auf Oktober von 14,3 auf 16,3 % beschleunigte, verglichen mit dem Plus des Dreimonatsschnitts August bis Oktober um 15,4 %. Ohne Treibstoffabsatz der Tankstellen und ohne Motorfahrzeuge und Autoersatzteile lag die Veränderung (August bis Oktober) noch immer bei 14,3 %. Nimmt man den reinen Einzelhandel, beschleunigte sich dessen Zuwachs von September auf Oktober von 12,5 auf 14,8 %. Ebenfalls noch eine kleine positive Überraschung brachten im Oktober die chinesischen Einzelhandelsumsätze, die mit 4,9 % Jahreswachstum über den Schätzungen der von Reuters befragten Experten lagen, die nur von 3,5 % ausgingen, während die Wachstumsrate im September bei 4,4 % lag. Nimmt man den Euroraum, dann erholten sich die Einzelhandelsabsätze im September mit plus 2,5 % etwas von der Schwäche im August (1,5 % Wachstum). Während die Absatzvolumina von Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren stagnieren (+0,5 % im September nach -1,3 % im August, Jahresbasis), zeigt der gesamte Einzelhandel infolge der starken Impulse des Versand- und Interneteinzelhandels noch ein Plus von 2,5 %. In den Monaten Juli bis September durchgehend zweistellige Zuwächse verzeichneten die Absatzvolumina im Einzelhandel der Länder Kroatien, Litauen und Malta, während folgende Länder im September sogar auf Jahresbasis rückläufige Absatzvolumina erlitten: Deutschland (-1,1 %), Österreich (-0,3 %) und Spanien (-0,1 %). Deutschland fällt hier schon mal als Konjunkturlokomotive aus und entwickelt sich gemeinsam mit Österreich immer mehr zum „Lockdown-Gebiet“.

Onlinehandel profitiert von Lockdowns
Mittlerweile macht das Coronavirus wieder einen Strich durch die Rechnung. Weltweit mehren sich die Lockdowns.

Die Gewinner sind die Online-Händler. Der Internetriese Amazon verzeichnete beispielsweise in den ersten drei Quartalen 2021 gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus von 27,6 %. Im Euroraum verzeichnete indessen der Versand und Internet-Einzelhandel in den Monaten August und September 2021 gegenüber den Vorjahresmonaten noch ein Plus von jeweils 7,2 bzw. 8,8 %.

Es ist zwar bereits eine Verlangsamung der einst zweistelligen Zuwächse, dennoch zeigt sich noch weiter der Trend zu einer Verlagerung der Umsätze vom stationären Einzelhandel in den Online-Handel, eine Entwicklung, die sich mit zunehmenden Lockdowns zum Weihnachtsgeschäft weltweit noch beschleunigen könnte.

Foto: Pixabay / justynafaliszek

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Das nachhaltige Rohstoff-Dilemma

Ein Kommentar von Dr. Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement bei Starcapital. (17.11.)

(17.11.) Das Klimaziel der EU sieht vor, bis 2050 CO2-neutral zu werden. Hierfür ist ein gewaltiger Ausbau der erneuerbaren Energien notwendig. Die erforderliche Produktion von Windrädern, Elektroautos und Solaranlagen wird die Nachfrage nach einer Vielzahl von Rohstoffen, insbesondere sog. „grünen“ Metallen, in den nächsten Jahren explodieren lassen. Diese Rohstoffe müssen verbunden mit enormen Kosten und Umweltschäden aus dem Boden geholt werden. Während der regulatorische Druck zu mehr ESG-Konformität hohe Geldsummen in den Ausbau der erneuerbaren Energien lenkt, stehen die Minenbetreiber dagegen unter dem Druck der Investoren, einen „nachhaltigen“ Abbau der Rohstoffe zu betreiben: Ein schier unlösbares Dilemma!

Mit Sicherheit kann man heute nur sagen, dass die Energiewende die Preise für Metalle wie Kupfer, Nickel, Kobalt, Lithium oder seltenen Erden unter heftigen Schwankungen, aber nachhaltig und langfristig steigen lassen wird.

Der Rohstoffbedarf von Elektroautos und Windrädern
Ein Elektroauto benötigt zwischen 150 und 250 Kilogramm der mineralischen Rohstoffe wie Kupfer, Nickel, Graphit, aber auch Mangan, Lithium und Kobalt. Die Menge an Kupfer, die in batteriebetriebenen E-Autos verbaut wird, ist siebenmal höher als die Menge, die für einen Verbrenner benötigt wird. Aktuell steht die Elektromobilität für weniger als 2 % der globalen Kupfernachfrage. Bis 2030 wird sich der Bedarf verdoppeln und der Anteil auf über 10 % ansteigen. Der Kupferabbau findet primär in ärmeren Regionen der Erde statt, insbesondere in Afrika und Lateinamerika. Hierfür sind enorme Mengen an Strom und Wasser erforderlich. Der Abbau von Kupfer hinterlässt bisher stets eine nachhaltig zerstörte Natur.

Windräder brauchen neben Kupfer noch Stahl, Zement, Zink und Aluminium. Eine einzige Windkraftanlage verschlingt fast 70 Tonnen Kupfer. Zur Gewinnung dieser Menge an Kupfer sind Erdbewegungen von rund 50.000 Tonnen notwendig. Ein Elektroauto wie der Tesla Modell S verbraucht so viel Lithium wie 10.000 Handys. Der Bedarf an dem Batteriemetall Lithium soll sich bis 2040 mit dem Faktor 42 vervielfachen.

Die Abhängigkeit von einigen Rohstoffländern
Rund die Hälfte des globalen Rohstoffbedarfs entfällt auf China. Bei einer Reihe von Metallen wie Lithium oder den seltenen Erden ist China das größte Förderland. Die meisten Rohstoffe muss es jedoch importieren. Hierzu hat China in den letzten Jahrzehnten systematisch Kreditverträge mit wichtigen Rohstoffländern in Afrika und Lateinamerika abgeschlossen und sich damit den Zugriff auf deren Rohstoffe gesichert, während der Westen Milliarden in sinnlosen Kriegen im Nahen und Fernen Osten verpulvert hat.

Deutschland könnte einen erheblichen Teil seines Metallbedarfs im eigenen Land decken: Undenkbar aber für den Großteil der „grünbewegten“ Bevölkerung! Schließlich haben wir schon genügend Windräder in der Landschaft herumstehen und wollen die Natur in Deutschland nicht noch weiter verschandeln. Ähnlich schizophren ist unser Verhältnis zur Stromproduktion. Die letzten Atomkraftwerke schalten wir in Kürze ab und auch unsere größten CO2-Schleudern, nämlich unsere Kohlekraftwerke, wollen wir aus guten Gründen zeitnah stilllegen. Wo soll dann der Strom herkommen? Der Ausbau der Erneuerbaren mit allen ihren beschriebenen negativen Umwelteffekten stockt und wir benötigen für die sonnen- und windarmen Zeiten mehr Erdgas wie jemals zuvor. Dies zwingt uns in eine noch größere Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. Zu allem Überfluss möchte ein Teil der künftigen Regierungskoalition aus moralischen Gründen „Nordstream 2“ nicht in Betrieb nehmen. Dummerweise sitzt nicht Putin, sondern wir selbst auf dem Ast, den manche Politikerinnen absägen wollen.

Das Dilemma der Minen- und Ölkonzerne
Nach der „Lockdown“-Phase der Pandemie steigt weltweit die Energienachfrage. In ihrer Verzweiflung muss die chinesische Führung nicht nur temporär immer wieder den Strom abstellen, sondern auch die Kohleförderung im eigenen Land massiv hochfahren und auf dem Weltmarkt fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle aufkaufen. Entsprechend sind die Preise für diese „schmutzigen“ Energieträger kräftig gestiegen. Während in den letzten Jahren die US-Fracking-Industrie bei steigenden Ölpreisen ihre Produktion massiv hochgefahren hat, fällt diese Reaktion heute deutlich schwächer aus. Die Fracking-Unternehmen stehen unter erheblichem Druck von Investoren und der Regierung, ihre unbestritten umweltschädliche Ölgewinnung zugunsten alternativer Energien zu drosseln. Gleichzeitig weiß die OPEC (+ Russland) ihre neu gewonnene Marktmacht durch größere Förderdisziplin zu nutzen. Folgerichtig steigt der Ölpreis.

In dem Dilemma zwischen steigender Nachfrage und dem Druck zur Angebotsverknappung befinden sich alle Energie- und Minenkonzerne. Sie können und wollen ihre Produktion nicht wie in der Vergangenheit bei steigenden Preisen schnell hochfahren („Schweinezyklus“). Stattdessen drosseln sie ihre Investitionen und leiten einen Teil davon in Projekte für erneuerbare Energien um. Ihren Cashflow schütten sie lieber in Form von Dividenden oder Rückkäufen an die Aktionäre aus.

Rohstoffpreise und Investitionen der Minenkonzerne
Dieses strukturelle Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage lässt die Preise für Energie und die grünen Metalle langfristig weiter steigen oder zumindest auf einem hohen Niveau verharren. In den letzten Monaten haben wir bei einigen Rohstoffen heftige Korrekturen gesehen. Verantwortlich hierfür waren teilweise spekulationsgetriebene Exzesse, andererseits die Erwartung sinkender Nachfrage aus China infolge der dort zu erwartenden weiteren konjunkturellen Abschwächung. Solche Nachfrageschwankungen werden auch in Zukunft zu entsprechender Volatilität bei den Rohstoffpreisen führen, ohne jedoch an dem strukturellen Angebotsdefizit etwas zu ändern.

Foto: Star Capital

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Fed sorgt für Klarheit

Die geldpolitische Wende der US-Notenbank ist besiegelt. Was kommt nun?

Michael Kordovsky. Die US-Notenbank Fed hat beschlossen, ihre derzeit monatlichen Anleihenkäufe in Höhe von 120 MrdUSD mit November um monatlich 15 MrdUSD zu drosseln. Sollte sie dieses Tempo beibehalten, dann enden im Juni 2022 die Anleihenkäufe. Dieser Schritt sei bereits monatelang im Vorfeld diskutiert worden und es gab triftige Gründe, denn: Der Arbeitsmarkt normalisiert sich. So wurden im Oktober in den USA außerhalb der Landwirtschaft 531.000 Stellen geschaffen und die Arbeitslosenquote erreichte mit 4,6 % den niedrigsten Stand seit März 2020. Das US-BIP hat das Vorkrisenniveau wieder überschritten und die Inflationsrate stieg von September auf Oktober von 5,4 % auf ein 31-Jahres-Hoch von 6,2 %. Sollte sich die Inflation weiter beschleunigen, ist sogar ein früheres Ende der Anleihenkäufe denkbar.

Selbst in der Eurozone hat mittlerweile (Oktober) die Inflationsrate 4,1 % erreicht. Das Ende des Pandemie-Anleihenkauf-Programms ist für März vorgesehen. Das verschafft im Markt Klarheit, weshalb die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen auf Monatsbasis kaum noch stiegen (+3 Basispunkte auf 1,56 %). In Großbritannien waren die Renditen im gleichen Zeitraum per 12.11. bereits um 18 Basispunkte auf 0,91 % rückläufig und bei zehnjährigen deutschen Bundesanleihen um 13 Basispunkte auf minus 0,26 %.

Erwartete Leitzinsanhebung der Fed
Quer durch Osteuropa, insbesondere Russland, aber auch in Australien und Neuseeland hat bereits ein neuer Zyklus steigender Leitzinsen begonnen. In den USA nähern wir uns mit Riesenschritten diesem Ereignis, weshalb die aktuellen Staatsanleihen-Renditen in den USA nach wie vor moderat sind. Sollte die US-Wirtschaft in der Lage sein, weiterhin ein überdurchschnittliches Wachstum aufrechtzuerhalten, dann wird die bereits vorhandene Personalknappheit am Arbeitsmarkt noch größer und das Inflationsziel von 2 % bleibt überschritten. Eine Lohn-Preis-Spirale wäre die Folge und 2022 wäre das Jahr der ersten Leitzinsanhebung.

Allerdings preisen die Terminmärkte für die kommenden drei Jahre nur Leitzinsanhebungen von 150 Basispunkten ein. Hier spielen noch die Pandemie-Unsicherheit und die rapide Konjunkturabkühlung in China mit hinein. Vor allem aus China könnte im Falle eines Zusammenbruchs des Immobilienmarktes und daraus resultierend einer Bankenkrise Ungemach kommen. Auch der geopolitische Konflikt um Taiwan ist nicht zu unterschätzen. Auf jeden Fall existiert eine Reihe konjunktureller Fragezeichen.

Unter den aktuellen Rahmenbedingungen war per 12.11. am Terminmarkt eine erste Leitzinsanhebung für die Fed-Sitzung am 15. Juni 2022 mit einer Wahrscheinlichkeit von 71,5 % eingepreist. Davon fallen 49,6 % Wahrscheinlichkeit auf eine Anhebung um 25 Basispunkte und 19,3 % um 0,5 Basispunkte, während noch vor einem Monat die Wahrscheinlichkeit unveränderter Leitzinsen zu diesem Termin mit 61,9 % beziffert wurde – so die aus Fed-Fund-Futures-Daten abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten des FedWatch-Tools der CME Group.

Weitere Schritte der EZB
Im Euroraum liegt indessen eine Leitzinsanhebung noch in weiter Ferne. Doch laut Medienberichten verwies OeNB-Gouverneur Robert Holzmann im Rahmen einer Veranstaltung in London darauf, dass das 2015 eingeführte Programm zum Ankauf von Vermögenswerten („Asset Purchase Program“, APP) darauf ausgelegt worden sei, den Anstieg der Verbraucherpreise wieder auf 2 % zu heben. „Der Wegfall der Bedingung und damit das Ende des Programms könne also – je nach Inflationsentwicklung – im September oder Ende des Jahres 2022 kommen“, so seine Einschätzung. Im Rahmen dieses regulären Anleihenkauf-Programms erwirbt die Europäische Zentralbank monatlich Wertpapiere (öffentliche Anleihen, Asset Backed Securities „ABS“, Unternehmensanleihen und besicherte Anleihen) in Höhe von 20 MrdEuro.

Erst wenn dieses Programm eingestellt ist, dann sind die Leitzinsen ein Thema. Aber bevor der Hauptrefinanzierungssatz von derzeit 0 % angehoben wird, erfolgt noch eine Korrektur des negativen Zinssatzes für die Einlagenfazilität von -0,50 %. Nach Einschätzung des Autors kommt es frühestens 2023 zu einer ersten Anhebung des Hauptrefinanzierungssatzes der EZB.

Foto: AdobeStock / V. Yakobchuk

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Hemmschuhe und Motoren für die Altersvorsorge

Eine Expertenrunde diskutierte auf Einladung des Börsen-Kurier über die Zukunft der Lebensversicherung.

Emanuel Lampert. 100 Euro des Jahres 2002 sind aktuell 141 Euro – „eine ganz schöne Geldentwertung“, leitete Moderator und Börsen-Kurier-Herausgeber Marius Perger die Diskussion mit fünf Experten aus der Versicherungsbranche ein. Wie kann die Altersvorsorge auf eine künftig womöglich höhere Inflation reagieren?

Für Erwin Mollnhuber, Vorstandsmitglied der Nürnberger Versicherung, ist die aktuelle Inflationsentwicklung ein vorübergehender Effekt. Er erwartet, dass das Wirtschaftswachstum 2022 stärker greifen und die Inflation nicht allzu hoch werden wird. Dennoch: Mit Blick aufs Anlegen sei heute nicht mehr die Volatilität das Risiko, sondern die Geldentwertung. Auf Sparbüchern und Girokonten ruhe einiges an Kapital, „das man gewinnbringender anlegen kann“. Für die Altersvorsorge gebe es „keine Alternative zur fondsgebundenen Lebensversicherung“.

Michael Miskarik, Chef der HDI Lebensversicherung in Österreich, meint: Die Produktgestaltung hat „ein Umdenken“ nötig. Er plädiert dafür, aus Kostengründen möglichst keine „laufenden, wachsenden“ Garantien einzusetzen. Gerade bei steigender Inflation – Miskarik rechnet die nächsten Jahre mit 2,3 bis 2,6 % – „muss man schauen, dass man alle Showstopper aus den Produkten rausbringt“. Da Altersvorsorge auf langfristiges Ansparen angelegt sei – wobei er kritisierte, dass die durchschnittliche Vertragslaufzeit derzeit nur bei rund acht Jahren liege -, seien Garantien während der Laufzeit verzichtbar; „vernünftig“ wäre etwa eine endfällige Garantie.

Gerfried Karner, der Geschäftsführer der Continentale, erwartet keinen massiven, wohl aber einen konstanten Inflationsanstieg. Auch er ist kein Freund von Garantien. Die Versicherer seien gefordert, „den Kunden die Angst vor dem Kapitalmarkt zu nehmen“. Fonds und Aktien seien langfristig „eigentlich der Sachwertschutz schlechthin“. Inflationsschutz sei nicht nur ein Thema der Ansparphase, sondern gehöre auch in Bezug auf den Auszahlungszeitpunkt stärker in den Fokus gerückt. Zudem werde der Lebensstandard mit fortschreitendem Alter eher steigen als sinken. Man müsse in der Ansparphase mit Dynamisierungen, Indexanpassungen arbeiten und in der Pensionsauszahlungsphase „sehr flexibel und auch inflationsschutzorientiert“ agieren.

Indexierung ist auch für OVB-Geschäftsführer Markus Spellmeyer ein Gegenmittel zur Inflation, und das werde auch genutzt: „Die Verträge, die wir in der fondsgebundenen Lebensversicherung abschließen, haben eine Einschlussquote von 90 %.“

Standard Life hat 2015 aufgehört, Produkte mit Garantien zu verkaufen, stellte Christian Nuschele, Head of Sales & Marketing für Deutschland und Österreich, fest. „Das war in den ersten Jahren ein hartes Brot, mittlerweile funktioniert es ganz ausgezeichnet. Das Bewusstsein speziell beim Berater, beim Finanzdienstleister, dass die Garantien tatsächlich ein Hemmschuh für den Motor der Altersvorsorge sind, wächst.“

Ungezillmerte Verträge: ein Inflationsschutz?

Bieten ungezillmerte Verträge die Chance auf ein besseres Ergebnis und damit auf Inflationsschutz? „Sie sind auf jeden Fall ein gutes Instrument auf dem Weg dahin“, sagt Nuschele. Für die Geldanlage seien sie eine „sehr gute Alternative“, weil sie sowohl „steuerlich Sinn machen“ als auch große Flexibilität böten, die Rückkaufswerte seien schon sehr früh hoch. Für den reinen Altersvorsorgeaufbau mit dem Ziel, zum Pensionsantritt eine Zusatzrente, ein Zusatzkapital zu haben, „sind aber häufig die gezillmerten Varianten sogar günstiger, denn alles, was ich vorher an Kosten wegnehme, muss ich nicht über die komplette Vertragslaufzeit abzinsen“.

Welche Produkte eignen sich am besten für die Altersvorsorge in der dritten Säule? Welche Wünsche hat der Vertrieb an die Produktgeber? Spellmeyer stuft die klassische Kapitallebensversicherung aufgrund der derzeitigen Entwicklungen als „Auslaufmodell“ ein. Die OVB offeriere als Lösung die fondsgebundene Lebensversicherung und Sparpläne, wo in Aktien und Fonds investiert werden kann.

Der Trend in Europa sei, „dass die Leute mehr in Sachwerte gehen wollen“ und sich „ein bisschen gegenüber Aktien öffnen“.

Lebensstandardsicherung: möglich oder illusorisch?
Kann private Altersvorsorge den Lebensstandard sichern? „Selbstverständlich“, sagt Nuschele. „Wir sehen in unseren Beständen, dass unsere Verträge im Moment bei durchschnittlich 5,22 % ablaufen“, wobei die durchschnittliche Vertragslaufzeit deutlich über acht Jahre liege.

Karner meint, dass die Lebensstandardsicherung überhaupt nur mit einer Fondsgebundenen oder ähnlichen Produkten möglich ist. Er unterstrich: Für die Rentenphase könne man dynamische Renten vereinbaren, das müsse ins Bewusstsein gerückt werden.

Mollnhuber ist der Ansicht, dass die öffentliche Meinung über die Fondsgebundene „noch verbesserungswürdig ist“. Die von Nuschele genannten Werte beim Ablauf seien ein hilfreiches Argument gegen eine „Geldvernichtung“ in schlecht verzinsten Sparformen.

Spellmeyer zeigte sich überzeugt, dass private Vorsorge den Lebensstandard sichern kann. „Wir haben genügend Werkzeuge dafür.“ Er erwartet, dass mittel- und kurzfristig der Gedanke Fuß fassen wird, dass sie unterstützt werden muss. In Deutschland stehe auf den Pensionsauszügen der Hinweis, dass die gesetzliche Rentenversicherung nicht ausreiche und privat vorgesorgt werden müsse.

Ist Altersvorsorge schon nachhaltig genug?
Themenwechsel: 2020 seien laut „Forum Nachhaltige Geldanlage“ 38,9 Mrd Euro nachhaltig investiert worden, 30 % mehr als 2019, berichtete Perger. Nuschele betrachtet das mit Skepsis: Viele bereits bestehende Fonds seien per Jahreswechsel als nachhaltig gemäß den neuen rechtlichen Vorgaben klassifiziert worden. Dort gehe es also nicht um neue Zahlungsströme in nachhaltige Anlagen, sondern ums Etikett.

Sind Nachhaltigkeitsaspekte bereits ausreichend in Altersvorsorgeprodukten implementiert? Mollnhuber sieht den Ball nicht zuletzt bei den Fondsanbietern. Er attestiert ihnen, in letzter Zeit – Stichwort EU-Nachhaltigkeitsinitiativen – „durchaus kreativer geworden“ zu sein. Die Nürnberger selbst führe, schon seit mehreren Jahren, Prüfungen an Hand bestimmter Qualitätskriterien durch. Spellmeyer sagte, Nachfrage sei vorhanden, das Angebot aber noch sehr überschaubar. „Da muss deutlich mehr passieren, gerade auch bei den Fondsanbietern.“

Karner meint, dass in puncto Nachhaltigkeit „der erste Schritt getan“ ist. Von „Einzelaktionismus“, von bloßem Marketing mit einem „super Produkt“ hält er wenig. In Zukunft sollte Nachhaltigkeit als Prinzip verstanden werden, angebots- wie nachfrageseitig. Chancen sieht er langfristig dort, wo Nachhaltigkeit zum Qualitätsfaktor wird.

Miskarik sagte, Nachhaltigkeit werde nach und nach gefordert, tendenziell von der jungen Generation, „die offenbar wirklich anders denkt“. Das schlage sich „natürlich in den Underlyings unserer Fondsgebundenen“ nieder. Spellmeyer bestätigte: Schon bevor Nachhaltigkeit medial so präsent war, habe es Kundengruppen gegeben, die beispielsweise nicht in Fonds investieren wollten, die mit Kernkraft zu tun haben; in den Generationen Y und Z habe sich das Wertesystem verschoben.

Standard Life hat zusammen mit den Asset-Managern Franklin Templeton und Aberdeen ein Angebot mit „ESG-Commitment“ kreiert. Beide „unterstützen uns mit ausgewogenen Portfoliolösungen, die Ende des Jahres in unsere Polizzen aufgenommen werden“, so Nuschele. Für den Markt im Allgemeinen hofft Nuschele auf „klarere Kante“, damit nicht Produkte als grün vermarktet werden, die es nicht sind.

Drohen Lebensversicherern Gefahren?
Zu Beginn der dritten Runde zitierte Perger die Finanzmarktaufsicht: Zwei Drittel der österreichischen Versicherer haben einen Solvabilitätsgrad von mehr als 200 %, der Median beträgt 221 %. Anderer-seits warnen europäische Aufseher vor Risiken für den Finanzsektor, wie Staatsverschuldung oder Inflation. Wie kann die Altersvorsorgebrache damit umgehen? Hält sie die Niedrigzinsphase aus?

Miskarik erinnerte daran, dass sich die Lebensversicherungsbranche bereits die letzten zehn Jahre auf die Niedrigzinsphase eingestellt habe – etwa, indem Leistungen wie Überschussbeteiligungen sukzessive an das Zinsumfeld angepasst worden seien. „Das schlägt sich natürlich auch in der Produktkalkulation nieder.“ Wer das nicht getan habe, „würde heute kaum mehr den Markt bewirtschaften können“. HDI Leben habe eine Solvabilitätsquote von 235 % ohne Übergangsmaßnahmen. Ein Lebensversicherer werde „gut beraten“ sein, sich in dieser Größenordnung wiederzufinden.

Ein Szenario mit Inflation und wenig bis null Wirtschaftswachstum – sind die Lebensversicherer auf so etwas vorbereitet? „Wir müssen schon lange darauf vorbereitet sein“, antwortete Karner. Die Continentale habe sich bereits von Produkten mit hohen Zinsrisiken weg- und zu einem Mix aus Fondsgebundener, Biometrie und Sachversicherung hinbewegt. „Aber du musst natürlich weiter die Augen offenhalten.“

Welche Auswirkungen hätte ein Inflationsszenario auf die Ertragssituation der Versicherer? Für die Kapitalanlagen der Standard Life sieht Christian Nuschele aktuell aufgrund der seit 2015 verfolgten Garantiepolitik keine Auswirkungen. Bei With-Profit-Produkten werde bereits mit der ersten Prämie sichergestellt, „dass genügend Deckungsmittel da sind“. Das schaffe finanzielle Stabilität und Manövriermasse fürs Anlagemanagement. Ein Inflationsszenario sieht er ohnehin nicht, vielmehr werde der Niedrigzins noch länger bleiben. Für die Branche bedeute das Kostendruck.

Zuletzt war das chinesische Unternehmen Immobilienunternehmen Evergrande in den Schlagzeilen, in Deutschland wurde eine Debatte über die Verstaatlichung von Wohnungsunternehmen angestoßen – kann sich im Immobilienbereich ein Risiko für Versicherer auftun? „Aus unserer Sicht nicht“, sagt Mollnhuber. „Sachwerte und Immobilien sind und werden eine Ertragsquelle bleiben.“ Die Erträge könnten aufgrund dieser Entwicklungen allenfalls kurzfristig etwas zurückgehen, an einen dauerhaften Effekt glaubt er aber nicht.

Wie gut sind Versicherer für Unerwartetes gewappnet?
Wie gut sind Lebensversicherer auf Ereignisse – wie zuletzt die Corona-Pandemie – vorbereitet, mit denen man eigentlich nicht rechnet? Die Branche sei in den letzten Jahrzehnten wiederholt vor Herausforderungen gestanden, aber immer gut herausgekommen, sagt Spellmeyer. „Das sollte uns stolz machen.“ Die OVB-Gruppe verfolge eine „Premium-Select-Strategie“: ein Auswahlverfahren, in dem man Produktpartner und -angebote sorgfältig prüfe.

Nuschele sieht Unwägbarkeiten speziell in der Regulierung. Es könne sein, dass auf europäischer Ebene Eingriffe im Courtagebereich Gesprächsthema werden, „und das verwirft definitiv den Markt“. Das sei lösbar, aber „eines der Risiken, auf das wir uns einstellen müssen“.

„Das Thema der regulatorischen Rahmenbedingungen ist fast am schwersten einzuschätzen“, sagte Karner. Abseits dessen drohe bei einer anhaltenden Niedrigzinsphase, dass bei so manchem Marktteilnehmer „zu Tode gespart wird“, letztlich auf Kosten der Qualität.

Regulierung und Niedrigzins sind auch für Miskarik wesentliche Aspekte. Problematisch sei auch, dass die Fondsgebundene bei vielen Maklern einen zu geringen Stellenwert habe. Er appelliert an die Berater, das zu ändern; der jungen Generation von heute drohe sonst ein Versorgungsproblem.

Mollnhuber übte Kritik an „Regulierungshunger“ der Aufsicht, der Zeit und Geld koste. Wenig Verständnis bringt er auch dafür auf, wenn Konsumentenschützer wegen Kostenklauseln gerichtlich klagten, die vor 20 Jahren als Verbandsempfehlung in Verträgen gestanden seien. Ein weiteres Thema sei Digitalisierung. Der Onlineabschluss einer, insbesondere fondsgebundenen, Lebensversicherung sei nicht seine Philosophie und aus heutiger Sicht für ihn nicht vorstellbar. Womöglich komme das aber „schneller auf uns zu, als wir glauben“.

Foto: AdboeStock / Monster Ztudio

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Fifty Shades of „Vorsorgen“

Serienstart: Vorsorgen als Element der privaten Vermögensplanung.

Rudolf Erdner. Vorsorge ist ein sehr dehnbarer Begriff, der sich in sehr vielen Bereichen des menschlichen Lebens findet. Grundsätzlich kann er jede Überlegung, die sich mit zukünftigen Perioden, Situationen und Ereignissen beschäftigt, betreffen. Diese Überlegungen können zufällig passieren, beispielsweise wenn man aus der Zeitung von einem schweren Unfall erfährt und die Situation auf sich selbst projiziert. Das kann der Anlass zu Risikovorsorge beispielsweise in Form einer Unfallversicherung sein.

Planung
Professioneller ist es allerdings, bei der persönlichen Zukunftsplanung möglichst alle diese Perioden, Situationen und Ereignisse zu berücksichtigen und vor allem, laufend zu evaluieren. Als Beispiel sei an dieser Stelle der gutverdienende Manager genannt, der sicher weiß, dass sein Pensionseinkommen wesentlich geringer als sein Erwerbseinkommen sein wird und zeitgerecht beginnt, für diese Periode vorzusorgen. Er weiß aber auch, dass er eventuell nicht immer in der Position sein wird, aus welchen Gründen auch immer. Die Situation kann sich sowohl verbessern als auch verschlechtern. Im optimalen Fall werden ihm laufend Überschüsse aus seinem Erwerbseinkommen zur Verfügung stehen, die ebenso laufend vorsorglich abgesichert werden müssen. In weniger optimalen Zukunftsverläufen kann es bald und unvorhersehbar notwendig werden, auf die bislang eingesetzten Instrumente zur Vermögens- und Risikoabsicherung zuzugreifen, um den erreichten Lebensstandard zu sichern. Der Pfad kann also ganz schön breit sein, die Szenarien und Instrumente zum Vorsorgen sind daher entsprechend umfangreich.

Wissen ist Macht
Das klingt komplex und wird immer komplexer, je mehr auf dem Spiel steht, also je höher das Vermögen wird. Wie kann man dem begegnen? Grundsätzlich ist eine solide Finanzbildung immer von Vorteil, gepaart mit dem laufenden Beobachten des wirtschaftlichen Umfelds. Also einmal die Woche darf das schon sein. Zum Finden der richtigen Instrumente, der laufenden Anpassung und Überwachung des persönlichen Pfades in die Zukunft wird wohl von Beginn an die Konsultation eines Spezialisten von Vorteil sein. So spannend und brennend das Studieren der Erfolgsberichte der eigenen Vorsorgeprodukte auch sein mag, um ein Vorsorgeportfolio selbst zu managen, bedarf es profunder Kenntnisse in vielen verschiedenen Bereichen. Und letztlich ist es sehr häufig eine Frage der neben dem Berufs- und Familienleben zu Verfügung stehenden Zeit.

Je früher desto besser
Aber nicht nur die laufend zur Verfügung stehende Zeit, sich mit den eigenen Vorsorgeinstrumenten auseinander zu setzen, ist ein limitierender Faktor. Ebenso entscheidend ist der Zeitpunkt, ab wann man sich mit der Vorsorge für seine eigene Zukunft beschäftigt. Vor dem Eintritt ins Erwerbsleben sollte dies auf jeden Fall sein. Nicht jeder hat den Startvorteil, dass schon die Eltern für ihren Anvertrauten zum Vorsorgen begonnen haben, der Begünstigte also ein gutes Fundament übernehmen kann. Wenn das Haus aber schon einmal brennt, dann ist es sicher zu spät, es gegen Feuer zu versichern. Diese Artikel-Reihe findet ihre Fortsetzung im nächsten Vorsorge Spezial am 16. Dezember.

Foto: Pixabay / Pexels

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Glasgow: Ruf zu Zusammenarbeit

Der Klimawandel verlangt einen kompletten Umbau der Wirtschaft.

Harald Kolerus. Am Weltklimagipfel von Glasgow (COP26) gibt es wahrlich alle Hände voll zu tun, denn die Situation ist bedrohlich: Die Erderwärmung schreitet schnell voran und scheint verschiedenen Simulationen zufolge das 1,5-Grad-Celsius-Ziel der Konferenz von Paris deutlich zu verfehlen. Laut dem Weltklimarat IPCC könnte der Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter ein Plus von ca. 4,8 Grad Celsius erreichen. Dabei handelt es sich um das Worst-Case-Szenario, dem eine globale Wirtschaft zugrunde liegt, die den Energiebedarf nicht drosselt und vor allem mit fossilen Brennstoffen stillt.

Live aus Glasgow
Leider ist der Eintritt dieser Prognose alles andere als unwahrscheinlich, aber doch noch nicht ausgemachte Sache. Damit es nicht zum Schlimmsten kommt, treffen sich am COP26 Staatenlenker und Klimafachleute.

Der Börsen-Kurier hatte die Möglichkeit, an einer von Lombard Odier veranstalteten Diskussionsrunde live aus Glasgow (virtuell) teilzunehmen. Zu den hochkarätigen Teilnehmern zählte der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer. Er meinte: „Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Alle Staaten müssen kooperieren, um hier Lösungen zu finden. Aber auch Unternehmen sind gefragt; wenn sie keine Politik der Klimaneutralität verfolgen, werden sie in der Zukunft mit hohen Risiken konfrontiert sein.“

Diskussions-Moderator Patrick Odier, Senior Managing Partner Lombard Odier Group, warf die Frage auf, wie die Umleitung von Finanzströmen und Kapital in eine „grüne Wirtschaft“ möglich sei. Nicht zuletzt der Finanzindustrie falle laut Maurer hier eine wichtige Rolle zu, wobei es entscheidend sei, Transparenz für die Investoren zu schaffen. Was staatliche Eingriffe betrifft, zeigte sich der Finanzminister etwas vorsichtig, bei solchen Regulatorien sollte man zurückhaltend sein, um die Markteffizienz nicht zu gefährden.

Auf die Bedeutung des Finanzsektors wies auch Daniela Stoffel hin, Staatssekretärin für internationale Finanzen in der Eidgenössischen Regierung: „Wir stehen vor einer kompletten und fundamentalen Umstrukturierung der gesamten Weltwirtschaft. Damit das gelingt, stehen am Finanzmarkt Instrumente wie z. B. Public-private-Partnerships zur Entwicklung von neuen Technologien oder Green Bonds zum Sammeln und Lenken von Kapital zur Verfügung.“

Wo die Sonne scheint
Von Cameron Hepburn, Professor für Umwelt-Ökonomie an der Universität Oxford, erfuhr man, welche Staaten vom grünen Transformationsprozess profitieren könnten: „Dazu zählen Länder, die die Möglichkeit haben, günstig erneuerbare Energie herzustellen, wie etwa Saudi-Arabien aufgrund der starken Sonneneinstrahlung. Gute Karten haben wegen der günstigen klimatischen Bedingungen für Solarenergie auch Nord- und Südafrika oder Australien.“ Der Experte verwies darauf, dass Erneuerbare Energie rasant an Effizienz und Konkurrenzfähigkeit gewinnt: „Man sieht das etwa bei der Batterieproduktion, wo die Kosten signifikant gefallen sind. Auch ist Sonnenenergie in vielen Staaten bereits die günstigere Energiequelle als fossile Brennstoffe.“

Attacke des Homo Sapiens
Seinen Sinn für (schwarzen) britischen Humor bewies schließlich Sir Martin Smith, Gründer der „Smith School of Enterprise and the Environment“: „Stellen Sie sich vor, die Erde kommt auf ihrer Umlaufbahn mit einem anderen Planeten ins Gespräch und klagt: ‚Mir geht es nicht gut. Ich dürfte unter einem massiven Befall von Homo Sapiens leiden!‘ Darauf der andere Planet: ‚Keine Sorge, das dauert nicht mehr lange.‘“ Klingt amüsant, ist aber in Wirklichkeit todernst.

Foto: Pixabay / brigsteer

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Was Klimainvestments bewirken können

Lösungen für die Klimawende sind gefordert. Anleger können einen wichtigen Beitrag leisten.

Raja Korinek. Der Einsatz gegen den Klimawandel wurde einmal mehr am internationalen Weltklimagipfel im schottischen Glasgow eingefordert. Dabei sollen Lösungen gefunden werden, um den Anstieg der Erderwärmung im Vergleich zu den vorindustriellen Niveaus auf deutlich unter zwei Grad Celsius, idealerweise sogar auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, wie es die Pariser Klimaziele von 2015 vorsehen.

Doch was müsste getan werden, damit sich die aktuelle Entwicklung bremsen lässt? Dazu versuchten Andrea Johanides, Geschäftsführerin des WWF Österreich, und Thomas Kraus, Mitglied der Geschäftsführung der Erste Asset Management (EAM), auf der Pressekonferenz zum Thema „Weltklimakonferenz COP26: Hebel für Investments in den Klimaschutz?“ Antworten zu finden. Der Börsen-Kurier war dabei.

Wenige Grade für große Veränderungen
Johanides unterstrich einmal mehr die Dringlichkeit zu einem Umdenken. Und meint, „nur 0,5 Grad Unterschied können etwa bei der Eindämmung von Wetterextremen entscheidend sein“. Sie verweist aber auch auf dramatische Entwicklungen, etwa das Sterben vieler Korallenriffs. Sollte die Erderwärmung dabei nur auf zwei Grad begrenzt werden, werde es bis 2030 praktisch keine solcher Vorkommen mehr geben. Bei einer Senkung auf 1,5 Grad wären wenigstens „nur“ rund 70 % der Riffs verloren.

Der WWF-Expertin zufolge müssten endlich Taten den vielen Worten der Regierungen folgen, und zwar in sämtlichen Bereichen, angefangen vom Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bis hin zu Änderungen in der globalen Landwirtschaft und dem Vorantreiben der Mobilitätswende. Dafür würden öffentliche Mittel nicht ausreichen. „Auch der Finanzmarkt ist massiv gefordert. Schließlich kann man mit seinem Investment eine Veränderung bewirken“, betont Johanides. Dabei wären private Finanzmittel in Höhe von 1 Bio Euro nötig, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Ein Beirat als wichtiger Ratgeber
Eine solche Möglichkeit bietet etwa der „Erste WWF Stock Environment“ (ISIN: AT0000705678). Er wurde bereits 2006 aufgelegt, unterstreicht Kraus. Dabei initiierte der WWF Österreich einen Umweltbeirat, der das Fondsmanagement bei den Investitionsentscheidungen unterstützt. Das Ergebnis: Zu den aktuell größten Positionen zählen etwa Evoqua Water Technologies (US30057T1051), Kurita Water Industries (JP3270000007) und Schneider Electric (FR00001 21972).

Auf Nachhaltigkeit wird aber nicht nur bei entsprechenden Aktieninvestments geachtet. Zu-gleich spendet die EAM einen Teil der Verwaltungsgebühr des Fonds an diverse Initiativen. Beispiele gibt es zahlreiche.

Dazu zählt etwa die Entstehung von Europas größtem Flussschutzgebiet entlang der Flüsse Mur, Drau und Donau. Am 15. September wurde dieser weltweit erste Fünf-Länder-Biosphärenpark von der Unesco als Flussschutzgebiet anerkannt.

Nachhaltige Gelder wachsen weiter
Überhaupt wachse das Interesse an nachhaltig ausgerichteten Investments immer stärker, betont Kraus. Allein bei der Erste AM erreichte das Volumen seit Jahresbeginn gut 14 Mrd Euro. Zum Vergleich: 2016 lag das Volumen erst bei knapp mehr als 4 Mrd Euro.

Auch bei anderen heimischen Fondsgesellschaften wächst das Volumen, wie der Blick auf den Bericht des Forums Nachhaltige Geldanlagen für 2020 aufzeigt. Da erreichte das entsprechend investierte Volumen in Österreich mehr als 38 Mrd Euro. 2016 waren es 12,63 Mrd Euro. Tendenz weiter steigend, zieht Kraus ein deutliches Fazit.

Foto: Pixabay / nattanan23

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Hausse-Stimmung im Norden

Hausse-Stimmung an der nordischen Wertpapierbörse OMX 30

(04.11.) Spectrum Markets, ein paneuropäischer Handelsplatz für verbriefte Derivate, hat seine Stimmungsdaten für europäische Privatanleger für Oktober veröffentlicht: Demnach sind alle Indizes mit Ausnahme des schwedischen OMX 30 rückläufig.

Die positive Stimmung gegenüber dem schwedischen Index ist umso bemerkenswerter, als sich der entsprechende Wert zum ersten Mal in diesem Jahr in den positiven Bereich bewegte und im Oktober den Wert von 103 erreichte. Im Vergleich dazu bewegten sich die anderen europäischen Indizes zwischen 88 (IBEX 35) und 99 (FTSE 100) und die US-Indizes zwischen 93 (S&P 500) und 98 (DOW).

Insbesondere Italien stand an der Spitze des Stimmungsumschwungs, wobei der Wert für den italienischen Leitindex MIB 40 mit einem Rückgang von 105 im September auf 92 im Oktober die größte Veränderung unter den Indizes verzeichnete. Dies geschah, obwohl viele wichtige Wirtschaftsindikatoren darauf hindeuten, dass sich das Land gut von der Pandemie erholt.

„Wir konnten beobachten, dass sich die positive Stimmung für den OMX 30 im Laufe des Jahres stetig aufgebaut hat, ausgehend von einem Tiefstand von 90 im Januar. Es ist allerdings immer noch überraschend, dass er der einzige bullische Ausreißer über alle Indizes hinweg ist,“ erläutert Michael Hall, Head of Distribution bei Spectrum Markets.

„Der Oktober begann für Schweden nicht so erfreulich, da die zu Beginn des Monats veröffentlichten BIP-Daten zeigten, dass die schwedische Wirtschaft im August um 3,8 % geschrumpft war. Dies lag weit über den Erwartungen vieler Analysten. Insgesamt scheint sich das Land aber gut von der Pandemie zu erholen, und die vorläufigen Daten für das dritte Quartal, die letzte Woche veröffentlicht wurden, deuten auf ein über den Erwartungen liegendes Wachstum im Vergleich zum zweiten Quartal hin.“

Das schwedische Covid-Impfprogramm schneidet bisher besser ab als die übrigen europäischen Ländermit einer 80-prozentigen Durchimpfungsrate und einer Zahl von 55 neuen Fällen pro 100.000 Einwohner. Inzwischen werden allen über 65-Jährigen Auffrischungsimpfungen angeboten, und die Regierung konnte alle pandemiebedingten Beschränkungen aufheben. Musik- und Sportveranstaltungen können ohne Kontrollen, Masken oder Tests besucht werden.

„Es scheint sich eine Aufbruchstimmung für diesen Markt zu entwickeln, was sich darin widerspiegelt, dass der Wert zum ersten Mal in diesem Jahr nach oben gedreht hat. Allerdings werden die Anleger mit Blick auf die Zukunft genau auf Anzeichen achten, welche Maßnahmen die schwedische Zentralbank zur Eindämmung der steigenden Inflation im Lande ergreifen wird,“ fügte Hall hinzu.

Im Oktober wurde auf Spectrum eine Rekordzahl von 80 Millionen verbrieften Derivaten gehandelt, wobei 34,6 % der Trades außerhalb der traditionellen Handelszeiten (d.h. zwischen 17.30 und 9 Uhr MEZ) stattfanden. 87,3 % der gehandelten Derivate entfielen auf Indizes, 6,7 % auf Währungspaare, 4,9 % auf Rohstoffe und 1,1 % auf Aktien, wobei die drei meistgehandelten Basiswerte Dax 40 (21,8 %), NASDAQ 100 (20,6 %) und OMX 30 (20,4 %) waren.

Betrachtet man die Daten für die drei wichtigsten Basiswerte neben dem OMX 30, so hat sich der DAX 40 wieder leicht rückläufig entwickelt und ist im letzten Monat von 102 auf 98 gesunken, während der NASDAQ 100 etwas von der Aufwärtsdynamik eingebüßt hat, die er im Juni aufgebaut hatte, und von 102 auf 97 gefallen ist.

Foto: Spectrum Markets

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Konjunktur kühlt auch ab

Passend zum Wetter bei uns gewinnt leider auch der Abschwung an Kontur.

Michael Kordovsky. Im dritten Quartalabschnitt 2021 verlangsamte sich in den USA das aufs Jahr hochgerechnete Wachstum gegenüber dem Vorquartal auf 2,0 % und somit den niedrigsten Wert seit dem zweiten Quartal 2020, als pandemiebedingt das BIP um 31,2 % einbrach. Volkswirte rechneten noch mit 2,8 % Wachstum. Das Konsumwachstum verlangsamte sich von 12 % im zweiten Quartal auf 1,6 %. Ohne staatliche Hilfen beschränkt sich der Konsum nur noch auf das Allernotwendigste.

In Europa zeigte die vorläufige Schnellschätzung im Euroraum nach einem Zuwachs von 14,2 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum im zweiten Quartal 2021 nur noch ein Plus von 3,7 %, wobei das Wachstum der Leitwirtschaft Deutschland sogar von 9,9 auf 2,5 % abkühlte.

Die höchsten veröffentlichten Zuwachsraten verzeichneten im dritten Quartal indessen Litauen (6 %), Österreich (4,8 %), Lettland und Belgien (je 4,7 %).

Besorgniserregend ist vor allem die Abwärtsdynamik in China: Wegen Lieferkettenunterbrechungen und Stromversorgungsengpässen hat sich von August auf September das Wachstum der Industrieproduktion von 5,3 auf 3,1 % verlangsamt. In die gleiche Kerbe schlägt ein wichtiger Einkaufsmanagerindex für den Produktionsbereich (auf Umfragen des National Bureau of Statistics basierend), der von August auf September von 50,1 auf 49,6 Punkte und somit erstmals seit Beginn der Pandemie in den Kontraktionsbereich zurückfiel. Auch der Einzelhandel als binnenwirtschaftlicher Indikator ist im Kontext aktueller Rahmenbedingungen kritisch zu betrachten, denn: Eine Belebung von 2,5 auf 4,4 % bedeutet auch eine schnellere Leerung der Lagerbestände. Mittlerweile hat sich bis zum dritten Quartal das BIP-Wachstum Chinas auf 4,9 % verlangsamt, nach 7,9 % im Vorquartal. Reihenweise geraten Immobilienentwickler in Schieflage und die Regierung plant, regulierend einzugreifen. Dies könnte nochmals für Kapitalmarktturbulenzen sorgen.

Einkaufsmanagerindizes weisen auf Abkühlung hin
Die vorläufigen Umfragedaten von IHS Markit in der US-Privatwirtschaft zeigen ein gemischtes Bild. Die Vorab-Auswertung der zwischen 11. und 21. Oktober durchgeführten Befragung von Unternehmen der Produktion- und Dienstleistungswirtschaft ergab einen Anstieg des „Flash U.S. Composite Output Index“ von 55,0 Punkten im September auf vorläufig 57,3 Punkte und somit ein Drei-Monatshoch im Oktober. Hintergrund: Der „IHS Markit Flash U.S. Composite PMI Output Index“ ist ein gewichteter Durchschnitt aus dem „Manufacturing Output Index“ und dem „Services Business Activity Index“. Während sich der Dienstleistungssektor von der Corona-Delta-Welle erholt und das Hochfahren des Sektors nach Ende der Corona-Maßnahmen dazu führte, dass der „Flash US-Services Business Activity Index“ von 54,9 auf vorläufig 58,2 Punkte und somit ein Drei-Monatshoch anstieg, zeigte der Produktionsbereich Schwäche. Der U.S. Manufacturing PMI markierte ein Sieben-Monatstief und der „Flash Manufacturing Output Index“ ging gleich von 55,7 auf 52,3 Punkte und somit auf ein 15-Monatstief zurück. Die aktuellen „Standard-Probleme“ sind dabei unterbrochene Lieferketten und Personalmangel. Immer mehr werden Unternehmen des Technologiesektors von diesen Problemen getroffen, was mittlerweile zur Veröffentlichung von wichtigen Quartalszahlen die Marktstimmung trübt. Letzteres kann schon als kritischer vorauseilender Indikator betrachtet werden.

Ebenfalls enttäuschend ist die vorläufige Umfrageauswertung im Euroraum, wo der „Flash Eurozone Composite Index Produktion“, ein Aktivitätsindikator der Privatwirtschaft, einen vorläufigen Rückgang von 56,2 auf ein Sechs-Monatstief von 54,3 Punkten verzeichnet. Im Juli markierte dieser Index noch ein 15-Jahreshoch. Die stärkste Wirtschaftsabkühlung verzeichnete dabei Deutschland, was auch ins Bild des zuvor erwähnten schwachen BIP-Wachstums im dritten Quartal passt. Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Industriebereich: Der „Flash Eurozone Index Industrieproduktion“ ist sogar am 16-Monatstief angelangt. Der gesamte Auftragseingang verzeichnete die dritte Abschwächung in Folge und in der Industrie die schwächste Zunahme seit neun Monaten. Das bedeutet, dass mittlerweile Unternehmen ihre Investitionsbudgets einbremsen könnten, um den aktuellen Rahmenbedingungen gerecht zu werden.

Foto: Pixabay / Olichel

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Luxus ist sehr begehrt

Edle Marken sind vor allem bei jungen Menschen beliebt, Kooperationen erweitern die Reichweite.

Raja Korinek. Das weltweite Luxussegment profitiert der-zeit kräftig von der globalen Konjunkturerholung. Doch es gibt noch weitere unterstützende Entwicklungen. Immer mehr Branchenfirmen gehen inzwischen auch Kooperationen mit globalen Konzernen aus anderen Branchen ein, wie Swetha Ramachandran, Investmentmanagerin für Luxusaktien bei GAM Investments, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier konstatiert. Damit sollen neue Zielgruppen erreicht werden.

Dies scheint vor allem bei der Generation Z gut anzukommen. Zu dieser Gruppe zählen jene, die zwischen Ende der 1990er und Anfang der 2010er Jahre geboren wurden.

Junge Menschen lieben Luxus
„Jüngere Konsumenten im Allgemeinen und insbesondere die Generation Z tendieren verstärkt zum Kauf von ‚Collaboration‘-Kollektionen als ältere Konsumenten“, so Ramachandran. Einige solcher Kooperationen schaffen insbesondere ein gewisses Gefühl der Exklusivität und Knappheit bei den Kunden, betont die Marktkennerin. Sie meint, das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage erzeuge zugleich eine Begeisterung und Aufmerksamkeit für die Marke.

Beispiele gibt es freilich zahlreiche. Ein solches ist die Zusammenarbeit zwischen der französischen Dior (ISIN: FR0000130403), die etwa für Parfüms bekannt ist, und dem US-Sportartikelhersteller Nike (US6541061031) mit der limitierten Auflage der „Air Jordan 1“-Turnschuhe. Sie wurden erstmals im Vorjahr auf den Markt gebracht, mit einer streng limitierten Auflage. Die Preisspanne lag dabei zwischen 2.000 und 2.200 USD. Die Aktion war sichtlich ein Erfolg: „Fünf Millionen Menschen registrierten sich auf der Website, um an der Verlosung teilzunehmen und ein Paar zu erwerben“, blickt Ramachandran zurück.

Lukrative Lederwaren
Hagen Ernst, der stellvertretende Leiter Research und Portfoliomanagement bei der DJE Kapital AG, verweist auf eine weitere Entwicklung im Luxussegment und meint, „besonders gefragt sind seit Längerem Lederwaren“. Eine der angesehensten Marken in diesem Segment sei dabei Hermès International (FR0000052292). Das französische Familienunternehmen ist in den vergangenen zehn Jahren um im Durchschnitt 12,5 % beim Umsatz bzw. 15 % beim Gewinn gewachsen. „Beliebt ist Hermès International vor allem in Asien, wo mehr als die Hälfte des Umsatzes erzielt wird. Neben Lederwaren sind aber auch Accessoires sehr gefragt“, konstatiert Ernst.

Und auch beim französischen Luxusgüter-Konzern LVMH (FR0000121014) entwickelt sich Ernst zufolge das Lederwarensegment sehr gut. Das zum Konzern gehörige Unternehmen Louis Vuitton – vor allem bekannt für hochpreisige Gepäckserien, Handtaschen und Accessoires – werde weiterhin stark nachgefragt.

Mit Zertifikaten in die Branche investieren
Interessierte Anleger können auf die weitere Entwicklung des Sektors etwa mit einem Indexzertifikat setzen. Dazu gibt es das Open-End-Index-Zertifikat auf den „Vontobel Luxury Performance-Index“ (DE000VTA3LU9). Mehr als ein Drittel entfallen im Index auf Aktien aus der Eurozone, zu denen nebst Hermès International und LVMH auch Compagnie Financière Richemont SA und Estée Lauder zählen. Auch die britische Burberry Group ist enthalten. Risikobereite Anleger können gehebelt auf die weitere Kursentwicklung von LVMH setzen. Darauf bietet etwa die UniCredit ein Turbo-Long-Zertifikat an (DE000HR3DMX6). Der aktuelle Hebel (per 29.10.) liegt bei 2,8. Wird die Marke allerdings von 439,193 USD berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat.

Foto: nike.com

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Von steigenden Dividenden profitieren

Die Ausschüttungen dürften für 2021 angehoben werden. Das eröffnet interessante Chancen.

Raja Korinek. Angesichts des anhaltenden Zinstiefs vor allem bei sicheren Anleihen in den Industriestaaten griffen viele Anleger in den vergangenen Jahren bei lukrativen – aber soliden – dividendenzahlenden Unternehmen vermehrt zu. Umso herber war die Enttäuschung, als im Vorjahr aufgrund der schweren Corona-Pandemie viele Unternehmen ihre Ausschüttungen stutzten oder ganz aussetzten. Das Blatt wendet sich allerdings: Jetzt, da der Wirtschaftsaufschwung wieder an Fahrt gewinnt und Unternehmen teils ansehnliche Gewinnsprünge verzeichnen, dürften viele ihre Dividendenzahlungen wieder anheben. Jan Ehrhardt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DJE Kapital AG, meint im Gespräch mit dem Börsen-Kurier, die Entwicklung zeige auch, wie konstant Dividenden-Einnahmen letztendlich als Teil einer gesamten langfristigen Aktienanlage seien.

Dividenden dürften wieder anziehen
Allein die erwarteten Ausschüttungen am Dax 30 dürften mit 40,2 Mrd Euro das Vorkrisenniveau sogar übertreffen. Am – seit vergangenen September ausgeweiteten – Dax 40 dürften die Dividendenzahlungen für 2021 gut 43 Mrd Euro erreichen. Auch in den USA sind die Aussichten positiv. Christian Preussner, Leiter Investment Specialist für US-Aktien bei J.P. Morgan Asset Management, verweist auf einen derzeit einmaligen Umstand und sagt, US-amerikanische Unternehmen sitzen auf einer Rekordhöhe an Cashbeständen, die gut 35 % der Bilanzen ausmachen. „Die Konzerne werden dabei nicht ewig Liquidität horten. Ein Teil davon wird wohl für Dividenden oder für Aktienrückkäufe verwendet werden.“

Zuversichtlich stimmen Preussner auch die Schätzungen zu den US-Unternehmensgewinnen. Sie könnten in diesem Jahr ein neues Rekordhoch mit knapp mehr als 200 USD je Aktie im Schnitt aller am S&P 500 notierten Unternehmen erreichen.

Vorkrisenniveau beinahe erreicht
Wie weit die Ausschüttungen für das laufende Jahr tatsächlich angehoben werden dürften, das haben sich die Experten bei Janus Henderson in ihrer jährlichen „Global Dividend Index“-Studie näher angesehen. Darin hob der britische Vermögensverwalter angesichts der positiven Wirtschaftsentwicklung die globale Dividendenprognose für 2021 von 1,36 auf 1,39 Bio USD an, woraus sich übrigens ein Gesamtdividendenwachstum von 10,7 % ergibt. Die jüngsten Zahlen liegen damit außerdem nur 3 % unter dem Höchststand von vor der Pandemie. Damals erreichte das Niveau 1,43 Bio USD.

Für interessierte Anleger gibt es die Möglichkeit, mittels Zertifikate auf dividendenstarke Unternehmen zu setzen. In diesem Zusammenhang bietet die UniCredit ein Indexzertifikat auf den TraderFox-Dividenden-Champions-Defensive-Index (ISIN: DE000HU474Y5) an. Der Index umfasst 20 US-amerikanische Gesellschaften, die aufgrund hoher Dividendenzahlungen – aber auch mit Aktienrückkäufen – besonders hervorstechen. Dazu zählen Oracle (US68389X1054), 3M (US88579Y1010) sowie Intel (US4581401001). Zudem werden Dividenden in den Index reinvestiert.

Auch Europa punktet mit Dividenden
Eine weitere Möglichkeit bietet das Indexzertifikat der UBS auf den QIX-Dividenden-Europa-Index (DE000UBS2QX5). Darin enthalten sind 25 Titel. Gewählt werden jene Unternehmen, die deutlich höhere Dividenden als der Durchschnitt ausschütten. Dabei wird auf Aspekte wie etwa Dividendenkontinuität und -wachstum geachtet. Im Index enthalten sind Großkonzerne wie Nestlé (CH0038863350), Iberdrola (ES0144580Y14) und die Deutsche Post (DE0005552004).

Foto: Pixabay / Coloures-Pic

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Kollateralschäden für Normalverdiener

Die Wohnimmobilienpreise sind im Euroraum im zweiten Quartal um 6,8 % gestiegen.

Michael Kordovsky. Stiftungen und Superreiche flüchten nach wie vor in Betongold, während immer mehr Experten die galoppierende Inflation kommentieren, doch die wahre Geldentwertung findet nicht an der Supermarkt-Kasse statt sondern am Immobilienmarkt. Vom dritten Quartal 2020 bis zum zweiten Quartal 2021 beschleunigte sich im Euroraum der Preisauftrieb bei Wohnimmobilien von 5,0 auf 6,8 % und somit den höchsten Stand seit dem vierten Quartal 2006. In der EU wurde mit 7,3 % der stärkste Anstieg seit dem dritten Quartal 2007 erreicht.

Das sind die Messergebnisse der Hauspreis-Indizes (HPIs), deren Grundgesamtheit aus allen von Haushalten erworbenen Wohnimmobilien besteht, sowohl Neu- als auch Altbauten, unabhängig von ihrer endgültigen Verwendung und ihren bisherigen Eigentümern. Die HPIs der Mitgliedstaaten werden von den nationalen Statistikämtern erstellt, die Aggregate der HPIs für den Euroraum und die EU von EuroStat.

Mittlerweile weisen im zweiten Quartal 2021 elf EU-Mitgliedsstaaten zweistellige Preissteigerungen am Wohnimmobilienmarkt auf. Die Superlative sind Estland (+16,1 %), Dänemark (15,6 %), Tschechien (14,5 %) und Luxemburg (13,3 %). Um 4,9 % rückläufig entwickelten sich die Preise nur auf Zypern, während sie in Italien mit 0,4 % Plus stagnierten. Indessen 11,7 % Plus gab‘s in Österreich und 10,9 % in Deutschland.

Geldmengenexpansion führt zu Asset Inflation
Die Euribor-Sätze befinden sich im Bereich der historischen Tiefs und Fixzinskredite mit besonders langer Bindungsdauer werden zumindest im deutschsprachigen Raum immer beliebter. Doch den Rahmen des Geschehens gibt die Geldmengenentwicklung der vergangenen Jahre vor. Von August 2016 bis August 2021 wuchs im Euroraum die Geldmenge M3 um 6,2 % p.a. Dieses Wachstum beschleunigte sich ab August 2019 auf 8,3 % p.a.

In den USA lag im gleichen 2-Jahres-Zeitraum die Geldmengen-M3-Ausweitung bei 18 % p.a. Entsprechend war auch der Einfluss auf den Wohnimmobilienmarkt: Der „S&P CoreLogic Case-Shiller 20-City Home Price Index“ stieg im Juli 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um 19,9 % (Rekordwert). Die stärksten Preisanstiege verzeichneten die Metropolen Phoenix (32,4 %), San Diego (27,8 %) und Seattle (25,5 %).

Auf der Consumer-Inflation Seite standen zuletzt 3,4 % im Euroraum 5,4 % in den USA gegenüber, was primär eine Folge der explodierenden Energiepreiskomponenten war. Doch immer mehr Produktgruppen sind von Lieferkettenunterbrechungen und Ausfällen betroffen, was Preissteigerungen zur Folge hat. Gleichzeitig fordern die Gewerkschaften ihren Tribut und die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich gerade zu drehen.

Consumer Inflation nur die Spitze des Eisbergs
Im Vergleich zu den Asset-Bubbles, angefangen bei Negativrenditen für Staatsanleihen bis hin zu Aktien-KGVs von mehr als 50 bei Wachstumswerten des Technologiesektors und den explodierenden Immobilienpreisen, ist die Consumer-Inflation nur ein Nebenschauplatz. Wohnen, als elementarstes Grundbedürfnis, ist in den meisten Metropolen weltweit für den Durchschnittsverdiener bereits unerschwinglich – eine Folge des Immobilienbooms. Nun beginnen Preisexplosionen in den Speckgürteln sowie dem weiteren Umland teurer Städte.

Mit den überzogenen Anleihenkäufen, Null-/Niedrigst-Zinsen und der massiven Liquiditätsflutung des Bankensystems haben die weltweit bedeutendsten Notenbanken ein „Monster“ erschaffen, das nun völlig außer Kontrolle immer mehr an der Kaufkraft der Normalbevölkerung nagt.

Es ist die Asset-Inflation, die das Wohnen zum Luxus macht und dafür verantwortlich ist, dass immer mehr Gelder der privaten Haushalte in Form von Mieten, Anzahlungen und Kreditraten fürs Wohnen draufgehen. Da bleibt für andere Belange immer weniger Budget. Dies erklärt auch, warum sich die Erzeugerpreisinflation noch nicht vollständig den Weg zum Verbraucher bahnen konnte. Großhandel und Einzelhandel sowie diverse Dienstleister geben bisher erst einen Teil ihrer gestiegenen Input-Preise an die nächste Stufe bzw. den Endverbraucher weiter.

Dies machen sie, um nicht Marktanteile an günstigere Anbieter zu verlieren, denn sie wissen eines: Im aktuellen unsicheren Umfeld sparen die Verbraucher mehr denn je an ihren alltäglichen und besonderen Ausgaben.

Foto: AdobeStock / Aamon

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Zinserhöhungen: Von Spekulation zur Realität

Die britische Notenbank leitet den Zyklus der monetären Straffung in Kürze ein.

Roman Steinbauer. Die Bank of England (BoE) verstärkt die Signale zu einer baldigen Leitzinserhöhung (derzeit 0,1 %). Die Haushalte wurden vergangene Woche auf eine „wesentlich frühere“ Verteuerung des Geldes eingestellt als es bisher kommuniziert wurde. Der Vorsitzende der BoE, Andrew Bailey (er löste im Vorjahr Mark Carney ab), warnte vor schädlichen Auswirkungen einer einziehenden Inflation, sollte nicht schon in Kürze gehandelt werden. Unmittelbar darauf äußerte sich das Mitglied des monetären Komitees (MPC) Mark Saunders dahingehend, Investoren sollten sich „zu Recht“ auf bevorstehende Zinserhöhungen vorbereiten. Diese Aussagen deuten bei Ökonomen auf ein klares Signal, es werde bereits im November mit einer Verteuerung des Geldes begonnen.

Weshalb prescht die Notenbank Großbritanniens vor?
Der vielbeachtete U.K.-Einkaufsmanager-Index (PMI) wies in der Vorwoche mit 57,7 Punkten (erwartet waren 55,8 Punkte worden) auf eine hohe Zuversicht in der britischen Wirtschaft hin. Der Konsumentenpreisindex (CPI) für September zog dazu im Jahresvergleich um satte 3,1 % an.

Was beinahe aber noch schwerer wiegt ist der Druck, der sich auf der Lohnseite auftut: Die Arbeitskosten (inklusive Boni) kletterten im August um bedenkliche 7,2 % – ein Wert, der am europäischen Festland noch absurd wirken mag, aber womöglich auch hier bald zur Realität wird. In diesem Zusammenhang spielt im Vereinigten Königreich Großbritannien eine im September auf 4,5 % reduzierte Arbeitslosenrate mit, da sich diese nach der Rückkehr vieler EU-Gastarbeiter in deren Heimatland (vor allem Polen) rasch entspannte. In Teilen der Wirtschaft herrscht indes sogar ein Arbeitskräftemangel (Stichwort Lkw-Fahrer). Die eklatant steigende Preismacht einiger Berufsgruppen ist damit unschwer erkennbar.

Und doch schwächeln einige Parameter
Das britische Pfund zog nach den Aussagen der BoE weiter auf 0,843 GBP/Euro an und somit auf den höchsten Stand seit März 2020. Marktteilnehmer im Devisensegment (FOREX) gehen davon aus, hiermit nun eine Einpreisung einer Zinsanhebung um 25 Basispunkte bis zum Dezember-Meeting zu sehen. Für die Finanzmärkte kamen die Wortmeldungen überraschend. War doch ursprünglich eine Übergangsperiode einer verbalen Vorbereitung gegenüber der Presse vorgesehen. Bailey argumentierte (trotz skeptischer Meinungen) gegenüber der Yorkshire Post, es werde nach Beendigung der Covid-Hilfsprogramme zu keinem Anstieg der Arbeitslosenzahlen kommen. Insider erwarten dennoch, die britische Notenbank werde kommende Arbeitsmarktdaten ein letztes Mal einer Bewertung unterziehen.

Ein wesentlicher Aspekt passt den Währungshütern in London dennoch nicht ins Bild und treibt diese in einen Spagat des Agierens. So bereiteten in der Vorwoche Zahlen zum September-Konsum von Dover bis Belfast keineswegs den Nährboden für eine Straffung. Die Einzelhandelsumsätze kamen zum Vorjahresmonat mit -1,3 % deutlich stärker unter Druck als prognostiziert (-0,4 %). Ein Wert, der nach einer positiven Entwicklung zuvor (+1,9 bzw. -0,2 %) ernüchterte.

Foto: Pixabay / butti_s

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Österreicher haben Börsen-Chancen genützt

Das Interesse an Aktien hat deutlich zugenommen.

Marius Perger. Das Geldvermögen der Österreicher ist 2020 auf einen historischen Höchstwert gestiegen. Corona-Lockdowns und Reisebeschränkungen haben zu einem Zwangssparen geführt, wie die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) berichtet. Die Sparquote stieg von 8,5 % im Jahr 2019 auf 14,4 %. 28,5 Mrd Euro flossen im Vorjahr so in die Geldvermögensbildung, das Geldvermögen der privaten Haushalte stieg auf 778 Mrd Euro. Und es wächst weiter: Ende des ersten Halbjahres lag es bereits bei 799 Mrd Euro. Profitiert haben davon vor allem Anlagen in Aktien und Investmentfonds: Sie wurden 2020 im Ausmaß von 6,5 Mrd Euro gekauft, was einem Zuwachs um 88 % gegenüber 2019 entspricht. Deutlich gesunken ist dagegen das Volumen gebundener Einlagen.

Damit haben die Österreicher zuletzt auch eine Menge Geld verdient, wie aus den Zahlen der OeNB hervorgeht. Zwar mussten sie vom vierten Quartal 2019 bis zum ersten Quartal 2020 Kursverluste in Höhe von 14 Mrd Euro verkraften, konnten bis zum zweiten Quartal 2021 aber 25 Mrd Euro Kursgewinne lukrieren.

Interesse an Wertpapieren hoch
Das gestiegene Interesse an Wertpapieren spiegelt sich auch in einer Umfrage unter Bankkunden wider, die das Marktforschungsinstitut Marketagent.com im Auftrag der Bank Austria im August durch-geführt hat. Allerdings zeigt die nun veröffentlichte Studie „Spar- und Anlageverhalten 2021“ auch, dass zwischen Anlageverhalten und dem Interesse an bestimmten Anlagen nach wie vor eine große Lücke klafft.

Tatsächlich dominant ist nach wie vor das Sparen bei einer Bank: 59 % der Befragten nutzen diese Möglichkeit aktuell, 2019 waren es allerdings noch 63 %. Für besonders interessant halten aber nur noch 36 % das Sparbuch.

Ähnlich sieht es mit dem Bausparen aus: Nur ein Viertel der Befragten hält es für interessant, tatsächlich legen aber 39 % Geld auf diese Art und Weise an; auch hier gab es aber einen Rückgang gegenüber 2019, als noch 44 % sagten, dass sie Bausparen nutzen.

Als interessanteste Anlageform werden Immobilien gesehen: 39 % der Studienteilnehmer sind dieser Ansicht, aber nur 21 % investieren tatsächlich in Immobilien. Deutlich gestiegen ist das Interesse an Wertpapieren: von 26 % im Jahr 2019 auf nunmehr 33 %.

Aktien, Investmentfonds und andere Wertpapiere liegen damit bereits auf Rang drei in der Gunst der Österreicher. Tatsächlich besitzen diese aber laut Studie nur

21 %; gegenüber 2019 bedeutet das dennoch einen Anstieg um 2 %-Punkte.

Jüngere sind Wertpapier-affiner
Österreicher unter 30 Jahren haben nicht nur mehr Interesse an Wertpapieren, auch beim tatsächlichen Besitz liegen sie deutlich vor den Älteren. So sagen 47 % von ihnen, dass sie Wertpapiere für besonders interessant halten, 27 % besitzen auch welche.

Die Abweichung zwischen Interesse und Besitz ist bei den Jüngeren aller-dings noch höher als in der Gesamtbevölkerung: Der Unterschied zwischen tatsächlicher Investition und angegebenem Interesse liegt bei ihnen bei 20 %-Punkten, insgesamt aber „nur“ bei 12 %.

Allerdings liegen Wertpapiere damit bei den Unter-30-Jährigen an erster Stelle, wenn es um die Attraktivität einer Anlagemöglichkeit geht. Für Bankkunden über 40 Jahren sind dagegen Immobilien am interessantesten, Wertpapiere finden nur 28 % von ihnen besonders attraktiv.

Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich, dass Aktien unter den Wertpapieren die Favoriten der Österreicher sind: 23 % halten sie für interessant, 13 % besitzen sie. Für Investmentfonds interessieren sich dagegen nur 17 %, bei den tatsächlichen Investments kommen sie mit 12 % den Aktien aber nahe. Noch nicht ganz angekommen zu sein scheint das Thema Nachhaltigkeit. Laut Studie finden nur 13 % nachhaltige Veranlagungsprodukte für interessant, 7 % sind tatsächlich nachhaltig investiert; gegenüber 2019 bedeutet das aber eine starke Steigerung: damals lagen das Interesse bei 5 % und der Besitz bei 4 %.

Warum in Wertpapiere investiert wird
Wichtigster Grund für die Veranlagung in Wertpapiere ist die Hoffnung, langfristig höhere Erträge zu erzielen. 57 % jener Befragten, die tatsächlich Wertpapiere besitzen, geben das als Grund an, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. 48 % der Befragten sagen, dass sie mit Hilfe von Wertpapieren ihr Vermögen langfristig zumindest gleich hochhalten oder aufbauen wollen, für 39 % dienen Wertpapiere der Selbstvorsorge für das Alter.

Ihr Risiko aufteilen oder minimieren wollen 30 % der Wertpapierbesitzer. Und immerhin 20 % finden die Veranlagung in Wertpapiere aufregender als andere Spar- und Veranlagungsformen.

Foto: AdobeStock / Dan Race

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wenn Maschinen zu Anlegern werden

Manche Fondsmanager vertrauen lieber auf die künstliche Intelligenz als auf ihr Bauchgefühl.

Raja Korinek. Die globale Finanzwelt steht vor einem großen und langjährigen Paradigmenwechsel. Das Zinstief dürfte allein in den USA bereits im kommenden Jahr zu Ende gehen. Andere Länder, wie Neuseeland und Norwegen, haben zuletzt ihren Leitzins bereits angehoben. Auch der langjährigen Hausse bei vielen Wachstumswerten wird gerade deshalb ein getrübter Ausblick von vielen Experten eingeräumt. Viele Anleger setzen bei einem Investment mit Growth-Aktien nämlich auf die künftige Gewinnentwicklung, die sich aus heutiger Sicht im Hinblick steigender Zinsen freilich schmälert.

Obendrein steigen die Inflationsraten sowie Lieferengpässe, und sorgen für Schwankungen an den Börsen. Schließlich ist die Unsicherheit groß, wie manch ein Unternehmen mit den steigenden Einkaufspreisen umgeht. Deshalb wird auch das Umfeld für Anleger zunehmend schwierig.

Maschinengesteuerte Investments
Martin Stürner
, er ist CEO der PEH Wertpapier AG, wählt mit dem Mischfonds „PEH Empire“ (ISIN: LU0086120648) eine ganz eigene Strategie, um Börsenschwankungen möglichst ruhig zu durchtauchen. Er lässt seit 2016 die künstliche Intelligenz (KI) Investmententscheidungen treffen – und nicht sein Bauchgefühl, wie er im Gespräch mit dem Börsen-Kurier sagt. Um dies zu ermöglichen, werden jede Menge Mikro- und Makrodaten gesammelt und von der KI ausgewertet. Dazu zählen betriebswirtschaftliche Kennzahlen von Unternehmen sowie Zinsdaten, aber auch weitere volkswirtschaftliche Kennzahlen. Obendrein werden quantitative Daten gesammelt, die eine Einschätzung zur aktuellen Marktstimmung widerspiegeln.

Freilich, angesichts des niedrigen Zinsumfelds, gepaart mit einem nahenden Ende der ultralockeren Geldpolitik investiert der Fonds derzeit nicht in Anleihen, womit auch der Makroaspekt kaum eine Rolle spielt. Eine umso größere Gewichtung erhalten derzeit Auswertungen letzterer zwei Bereiche.

Kein Platz für Anleihen
Das konkrete Ergebnis: Aktuell sind knapp weniger als 85 % in Aktien investiert, ein weiterer Teil in Cash. Umgesetzt wird die Aktienquote stets mit hochliquiden und groß kapitalisierten Titeln. Dazu zählen Microsoft (US5949181045), Apple (US0378331005) und Amazon (US0231351067). Und um ganz auf Nummer Sicher zu gehen werden auch besonders günstige Put-Optionen gekauft. Mit diesen Derivaten wird das Portfolio gegen Rücksetzer abgesichert.

Bislang habe sich der Lerneffekt der KI bewiesen, zieht Stürner ein klares Fazit und verweist auf ein konkretes Beispiel aus der Vergangenheit: Erst im November 2020 habe das System grünes Licht für den Aufbau der Aktienquote geben – eine Entscheidung, die sich rückblickend als richtig erwiesen hat. Damals wurden nämlich erstmals Erfolgsmeldungen bei einem Corona-Impfstoff vermeldet, ein Umstand, der eine neue Aktienrallye auslöste.

Soziale Netze im Fokus
PEH-Chef Stürner steht mit dem Einsatz der KI freilich nicht alleine da. Auch die deutsche Fondsboutique Acatis greift zum Beispiel teils auf maschinellen Einsatz zurück, etwa im Acatis AI Buzz US Equities“ (DE000A2JF683). Unter Einsatz von KI werden Online-Beiträge zu US-Aktien aus Quellen wie Social Media, Nachrichtenportalen und Blogs ausgewertet, zu denen unter anderem Twitter zählt. Aus einer Fülle an Meinungsäußerungen identifiziert die KI Aktien mit der höchsten positiven Investorenstimmung. Zu den größten Fondspositionen zählen Tesla (US88160R1014) und Plug Power (US72919P2020).

Foto: AdobeStock / fredmantel

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Von der steigender Inflation profitieren

Die Teuerung zieht weltweit weiter an. Das kommt einer speziellen Anleiheklasse zugute.

Raja Korinek. Die Teuerung ist derzeit nicht zu stoppen. Allein im September erreichte die Inflationsrate in den USA 5,4 % auf Jahressicht. In der Eurozone lag der Wert bei 3,4 %. Dabei ist der Anstieg nicht nur auf die Konjunkturerholung seit Jahresbeginn 2021 zurückzuführen. Zahlreiche Lieferengpässe führen ebenso zu höheren Preisen bei Rohstoffen und Waren. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Sollten die steigenden Rohstoffpreise auch noch das globale Wirtschaftswachstum zunehmend beeinträchtigen, könnte es unter Umständen zu einer Stagflation kommen, warnen erste Experte. Noch scheint das Szenario für die meisten Volkswirte aber unrealistisch.

Inflation bleibt hoch
Sehr wohl dürfte ihnen zufolge die Inflationsrate aber auf höherem Niveau verharren. „Infolge der gestiegenen Energiepreise sehen wir das Risiko, dass die Inflationswerte im vierten Quartal etwas höher ausfallen und sich vor dem Frühjahr 2022 kaum abschwächen werden“, sagt Mark Dowding, Chief Investment Officer bei Blue Bay Asset Management in Hinblick auf die USA. Ähnliche Auswirkungen dürften höhere Rohstoffpreise auf andere Regionen, etwa auf die Eurozone haben.

Einen interessanten Schutz gegen solch eine Entwicklung können inflationsgeschützte Anleihen bieten. Anleger erhalten hierbei einen fixen Kupon, der aber niedriger ist als bei vergleichbaren normalen Anleihen. Dafür werden Kupons und Rückzahlung an einen Verbraucherpreisindex gekoppelt, wobei Emittenten in Europa meist den harmonisierten Verbraucherpreisindex „HVPI ohne Tabak in der Eurozone“ heranziehen.

Inflationsschutz bleibt gefragt
Dabei reicht schon allein die Sorge vor einem Anstieg der Inflation aus, um mit diesen Bonds ein Geld zu verdienen. Dann werden solche Anleihen vermehrt nachgefragt, was wiederum deren Kurse antreibt. Die Aussichten sind jeden-falls gut. „Die Experten der Schoellerbank meinen, dass die Inflationserwartungen möglicherweise noch weiter steigen und inflationsgeschützte Anleihen von diesem Umstand weiterhin profitieren können“, so Jakob Frauenschuh, selbst Leiter Investment Management & Strategy bei der Schoellerbank.

Ein Fonds, der sich langjährig behaupten konnte, ist der „LLB Obligationen Inflation Linked ESG“ (ISIN: LI0028614878). Mit knapp mehr als 37 % entfällt die größte Gewichtung auf die USA. Tatsächlich ist die Region weltweit größter Emittent solcher Papiere. Doch gleich an zweiter Stelle mit knapp weniger als 30 % reihen sich im Fonds Inflationlinker aus Großbritannien ein. Tatsächlich stiegen dort die Inflationserwartungen zu-letzt recht zügig. Grund sind die steigenden Engpässe bei einer Vielzahl an Waren, ein Umstand, zu dem auch der Brexit beiträgt. Auf die vergangenen zehn Jahre erzielte der Fonds eine Wertentwicklung von jährlich rund 3,8 %.

USA im Fokus
Auch der „Fidelity Funds – Global Inflation-linked Bond Fund“ (LU0353648891) kann sich langfristig behaupten. Die jährliche 10-Jahresentwicklung lag zuletzt bei rund 2,60 %. Die Ländergewichtung fällt in diesem Portfolio jedoch ein wenig anders aus, als beim LLB-Produkt. Gut 63 % des Fondsvermögens werden in inflationsindexierte US-Staatspapiere veranlagt. Britische Papiere sind allerdings mit weniger als 8 % gewichtet, gefolgt von Wertpapieren aus Italien und Frankreich.

Trotz des unterstützenden Umfelds für ein Investment in einen Inflationsschutz müssen Anleger aber beachten, dass natürlich auch mit diesen Produkten Verluste möglich sind.

Foto: AdobeStock / peshkova

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Goldpreisschlappe ist vorübergehend

Nachfrage steigt und Realzinsen bleiben niedrig, meint Benjamin Louvet von der Fondsgesellschaft OFI.

(19.10.) Der Goldpreis dürfte allmählich wieder anziehen. Inzwischen ist klarer, dass die US-amerikanische Notenbank ihre lockere Geldpolitik nur schrittweise anziehen wird – das ist aus den letzten Fed-Sitzungen deutlich geworden, auch wenn die Zentralbanker nach wie vor geteilter Meinung sind, sagt Benjamin Louvet, Fondsmanager des OFI Financial Investment Precious Metals Fund bei OFI Asset Management (Foto anbei). Die Nachfrage nach Gold wächst wieder und die Realzinsen dürften auf absehbare Zeit niedrig bleiben.

Benjamin Louvet: „Anleger müssen verstehen, dass die Zentralbanken angesichts der Verschuldung der großen Industrieländer keine andere Wahl haben, als die nominalen Zinssätze nur dann anzuheben, wenn es eine Inflation gibt. Der Grund: Die realen Zinssätze müssen niedrig gehalten werden, damit die Verschuldung im Rahmen bleibt. Das wirkt sich positiv auf Goldinvestments aus.

In der Zwischenzeit gibt es viele Anzeichen für eine Inflation, die länger anhalten und damit die realen Zinssätze nach unten drücken dürfte. Falls es nur das kleinste Zeichnen für einen Wirtschaftsrückgang gäbe, wären die Zentralbanken allerdings wieder gezwungen, zu einer ultra-lockeren Geldpolitik zurückzukehren.

Trendwende am Goldmarkt
Auch wenn die Nachfrage von Anlegern noch nicht stark angezogen hat, hat sich der Trend am Gold-ETF-Markt inzwischen umgekehrt – vor allem durch den Kauf asiatischer Anleger. Die Bestände börsengehandelter Gold-Fonds sind im vierten Quartal 2020 und im ersten Quartal 2021 stark gefallen und stiegen im zweiten Quartal 2021 wieder leicht an.

Auch die Zentralbanken haben ihre Gold-Käufe seit Ende letzten Jahres wieder aufgenommen, nachdem sie ihre Kaufprogramme nach Beginn der Pandemie ausgesetzt hatten. Diese Entwicklung hat sich seither beschleunigt. Die Käufe der Zentralbanken in der ersten Jahreshälfte erreichten 330 Tonnen. Damit lagen sie 39 Prozent über dem Durchschnitt der ersten fünf vorangegangenen Halbjahre und auf einem Niveau mit den Rekordkäufen der Jahre 2018 und 2019 (als knapp über 650 Tonnen im Jahresverlauf gekauft wurden). Laut der jährlichen Umfrage des World Gold Council geben zudem 21 Prozent der Zentralbanken an, ihre Goldallokation erhöhen zu wollen. 2020 waren es 20 Prozent und 2019 waren es 8 Prozent.

Auch eine aktuell veröffentlichte Umfrage unter 150 europäischen Pensionsfonds mit einem Gesamtvermögen von über 210 Mrd. USD zeigt in dieselbe Richtung. 75 Prozent beabsichtigen, ihre Goldinvestitionen in den nächsten zwölf Monaten erhöhen zu wollen.

Aus diesen Gründen sind wir der Ansicht, dass der jüngste Rückgang des Goldpreises, der hauptsächlich auf zyklische Phänomene zurückzuführen ist, nur vorübergehend sein sollte. Wir sind daher der Meinung, dass es mehr denn je sinnvoll ist, Gold im Portfolio zu halten bzw. nachzukaufen. Nur eine drastische Änderung der Geldpolitik durch die Fed in den kommenden Monaten könnte unsere Meinung ändern.“

Foto: OFI AM

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Vom Boom der Abfallindustrie profitieren

Das stetig steigende Abfallaufkommen ist auch mit interessanten Anlagechancen für Anleger verbunden.

Patrick Baldia. Eigentlich sollte man es ja tunlichst vermeiden, Müll im Portfolio zu haben, so die wohl gängige Meinung unter Anlegern. Bei etwas näherer Betrachtung sollte man diese Einschätzung aber vielleicht doch relativieren und die Aktien von Unternehmen, die am Recycling- und Abfallwirtschaftsmarkt tätig sind, in Erwägung ziehen. Ausgewählte Branchenplayer, wie etwa Waste Management (ISIN: US94106L1098) oder Republic Services (US7607591002) haben nämlich den breiten Markt nunmehr seit mehr als fünf Jahren outperformt. Und eine Reihe von Studien geht für die kommenden Jahre von einem anhaltenden Boom der Abfallindustrie aus.

„Analyseunternehmen haben festgestellt, dass das Aufkommen neuer Industrien, die Globalisierung und der steigende Verbrauch der Bevölkerung die Haupttreiber für die Expansion des Recycling- und Abfallwirtschaftsmarktes sind“, sagt Andrey Wolfsbein, Österreich-Sprecher der Investmentgesellschaft Freedom Finance, gegenüber dem Börsen-Kurier. Tatsächlich sprechen die Experten von MarketsandMarkets von einem Anstieg der globalen Abfallwirtschaft von aktuell 425 auf mehr als 540 MrdUSD. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 5 %.

Zum Wachstum des Recycling- und Entsorgungsmarktes sollen vor allem immer strengere staatliche Vorschriften rund um die Themen Mülltrennung und Waste Management, technologischer Fortschritt sowie kürzere Lebenszyklen von elektronischen Produkten, was auch mehr E-Müll verursachen sollte, beitragen. Für Wolfsbein spielt in diesem Zusammenhang auch die Globalisierung eine Rolle. „Durch die Zunahme des internationalen Handels in den letzten Jahrzehnten hat sich die Armut in den Entwicklungsländern verringert, wodurch sich gleichzeitig der Lebensstandard und die Kaufkraft erhöht haben“, sagt er.

Die Ausgangslage ist jedenfalls – gelinde gesagt – herausfordernd. Laut der Weltbank soll das globale Abfallaufkommen bis 2050 um 70 % auf 3,4 Mrd Tonnen ansteigen. Die Nachfrage sollte also gegeben sein. Wolfsbein verweist darauf, dass es sich bei der Abfallentsorgung um ein Grundbedürfnis handelt. Der Vorteil eines Investments in den Abfallwirtschaftsmarkt sei die Sicherheit. Nachsatz: „Als beispielsweise während der Corona-Krise viele Unternehmen starke Verluste hinnehmen mussten, blieb der Bedarf nach Müllentsorgung bestehen.“

Aktien, mit denen man auf das Potenzial der Recycling- und Abfallwirtschaft setzen kann, gibt es einige. Ein Beispiel: Clean Harbors (US1844961078). Der US-Umwelt- und Entsorgungsdienstleister zählt zu den größten Branchenplayern und punktet mit sehr diversifizierten Einnahmequellen. Allein im zweiten Quartal 2021 stiegen die Einnahmen des Unternehmens gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30 % auf 926,5 MioUSD. Zudem expandiert es weiter und hat etwa erst kürzlich HydroChemPSC übernommen. Weitere Deals sollen laut Medienberichten demnächst folgen.

Am M&A-Markt aktiv ist auch Republic Services. Das US-Entsorgungsunternehmen hat dafür in den vergangenen drei Jahren nicht weniger als 1,3 MrdUSD aufgewendet. Der US-Branchenprimus, die Holding Waste Management, ist wiederum über Töchtergesellschaften in der Sammlung, dem Umschlag und der Entsorgung von Abfall sowie dem Recycling tätig und besitzt zudem Deponiegas-Anlagen. Breiter aufgestellt sind Anleger mit einschlägigen Fonds wie dem „Fidelity Sustainable Water und Waste Fund“ (LU1892829828) oder dem „Vontobel Fund – Clean Technology A EUR Fonds“ (LU0384405519).

Foto: Adobe Stock / tanisav

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Neue Glanzlichter für die Solarindustrie

Wie Anleger von der Schlüsselrolle des Sektors beim Wandel zur klimaneutralen Energiewirtschaft profitieren.

Stefan Riedel, München. Der Name ist Programm: 450 Aussteller und 26.000 vornehmlich europäische Besucher trafen sich in der Vorwoche in München auf der erstmals seit 2019 wieder als Präsenzveranstaltung durchgeführten „Intersolar/The smarter E Europe Restart 2021“, Europas größter Solarmesse.

Aber nicht nur die über Jahre gebeutelte europäische Solarindustrie ist wieder zurück. Weltweit wurden 2020 138 Gigawatt Solarleistung neu installiert. Dafür sind laut Bloomberg New Energy Finance 148,6 MrdUSD ausgegeben worden – ein Plus von 12 % gegenüber 2019. Im Jahr 2022 könnte die weltweite Photovoltaik-Leistung die Marke von einem Terawatt, also eine Million Megawatt, knacken.

Spekulative Beimischung
Um die klimaneutralen Zukunftsantriebe Elektromotor und Brennstoffzelle ins Laufen zu bringen, muss der Strom muss aus erneuerbaren Energien wie eben Solar kommen. Solaraktien sind deshalb eine hochspekulative und sehr volatile Depotbeimischung. Anleger sollten hier auf Firmen setzen, die in ihren Marktnischen führend sind, über solide Bilanzen und dicke Cashpolster verfügen und mit über mehrere Jahre konstant hohen Wachstumsraten überzeugen.

Die Aktie von Enphase Energy (ISIN: US293555A1079) etwa bietet nach der kräftigen Korrektur bei Umweltaktien wieder gute Einstiegskurse zu einer vernünftigen Bewertung. Das US-Unternehmen zählt zu den weltweit führenden Herstellern für Mikroinverter. Weil die Modultechnik der Enphase-Wechselrichter dezentral gesteuert wird, eignet sie sich vor allem für die Energiespeicherung bei Solaranlagen auf Wohnhäusern – ein Endmarkt, der noch seine beste Zeit vor sich hat. Für den Zeitraum 2020 bis 2023 erwarten die Konsensschätzungen der Analysten, dass Enphase Energy den Konzernumsatz auf fast 2,3 MrdUSD verdreifacht. Der operative Gewinn soll sich um 150 % auf 450 MioUSD verbessern.

SolarEdge Technologies (US83417M1045) aus Israel ist eine weitere Firma, die über eine technologische Top-Position Skaleneffekte ausspielt. SolarEdge ist führend in der Dünnfilm-Technologie bei der Beschichtung der Solarzellen. Diese erhöht den Wirkungsgrad der erzeugten Energie und senkt zugleich Kosten für die neue Produktionsanlage.

ETFs und Fonds als Depotbausteine
ETFs bieten dagegen eine kostengünstigere Option, um an der Performance von ausgewählten Branchenindizes zu Erneuerbaren Energien mitzuverdienen. Der „iShares Global Clean Energy UCITS ETF“ (IE00B1XNHC34) bildet beispielweise die 30 größten Unternehmen ab. Mit einem Volumen von rund 5,4 MrdUSD ist dieser börsegehandelter Fonds ein etabliertes Produkt in seinem Segment. Der „L&G Clean Energy UCITS ETF“ (IE00BK5BCH80) wurde dagegen erst im November 2020 aufgelegt und beinhaltet auch Zulieferer sowie Stromanbieter aus den Bereichen Solar, Wind, Wasser und Erdwärme. Ganz neu ist der erst im August aufgelegte „Invesco Solar Energy UCITS ETF“ (IE00BM8QRZ79). Dieser ETF enthält neben den Herstellern von Solarstromanlagen und Solarmodulen auch Spezialisten für solarbetriebene Ladesysteme.

Aus der Vielzahl der Aktienfonds mit dem Fokus Umwelt hebt sich auch der „RobecoSAM Smart Energy Equities“ (LU2145462052) mit seinem Fokus auf energiesparende Technologien und Produkte ab. In dem mit gut 60 Positionen recht konzentrierten Fondsportfolio sind die USA sind mit rund 50 % Länderanteil klar übergewichtet.

Der „Ökoworld Klima“ (LU0301152442) ist mit 80 Titeln etwas breiter gestreut und investierte in Unternehmen, die energie- und wassersparende Produkte entwickeln oder in der Herstellung von Regenerativer Energie unterwegs sind.

Foto: AdobeStock / FenrisWolf

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ein Kommentar von Florian Eberhard, unabhängiger Marktanalyst

Überhitzung am Aktienmarkt: Rechtzeitig absichern

(07.10.) Ab März 2020 legte der DAX eine bemerkenswerte Aufholjagd von 8.441 Punkten bis zum Rekordhoch von zeitweise über 16.000 Punkten im August 20212 hin. Der Aktienboom hat viele neue Investoren angelockt und Anlegern attraktive Renditen bereitet. Wie der volatilere September als Vorbote gezeigt hat, sollten sich Investoren nun nicht mehr allzu sehr in Sicherheit wiegen. Der Börsenzyklus befindet sich bereits im fortgeschrittenen Stadium. Der nächste Rücksetzer kommt bestimmt und ist nur eine Frage der Zeit. Im September haben sich die Anzeichen einer Überhitzung verstärkt, der Druck steigt aus mehreren Richtungen. Daher ist der für das Brokerhaus GKFX tätige Marktanalyst Florian Eberhard der Meinung, dass es hilfreich sein könnte, etwas Risiko herauszunehmen und sich rechtzeitig gegen eine mögliche Korrektur abzusichern. Das ist beispielsweise durch CFDs (Contracts for Difference) möglich.

Der Höhepunkt des globalen Wirtschaftswachstums scheint vorüber. Damit fällt mittelfristig eine wichtige Säule für die Aktienmärkte weg. In den USA verdichten sich bereits die Anzeichen, dass die US-amerikanische Notenbank Fed Ende des Jahres das Anleihekaufprogramm zurückfährt. Damit wird eine weitere stützende Hand für die Börsenkurse fehlen. Mittelfristig wird Europa – wenn auch zu einem etwas späteren Zeitpunkt – nachziehen.

Auf der anderen Seite ist zuletzt auch die Unsicherheit durch regionale Einzelereignisse spürbar gestiegen. In China sorgt der hochverschuldete Immobilienentwickler Evergrande für Sorgenfalten, wenngleich globale Auswirkungen wie bei der Lehman-Pleite derzeit als unwahrscheinlich bewertet werden. In Deutschland haben die Bundestagswahlen die von den Börsen gefürchtete rot-rot-grüne Konstellation zwar verhindert, dennoch das klassische Parteiengefüge ins Wanken gebracht. Dementsprechend unsicher sind die Auswirkungen des Wahlausgangs, etwa auf den Energiesektor. Durch diese unterschiedlichen Faktoren ergibt sich eine deutlich unsicherere Gemengelage. Das sollten Anleger Eberhard zufolge unbedingt in ihre Überlegungen miteinbeziehen.

Rechtzeitig absichernde Schritte einleiten
Wer mit Aktien handelt, möchte Gewinne durch steigende Aktienkurse erzielen. Allerdings ist die Börse bekanntermaßen keine Einbahnstraße und wechselt in immer wiederkehrenden Zyklen zwischen Hausse und Baisse. Die Börse kennt seit Ende 2019 nur eine Richtung – den Norden. Doch es sollte jedem bewusst sein, dass diese Reise auch einmal enden muss. Der nächste Crash ist gewiss, nur der Zeitpunkt nicht. „Hier kommen CFDs ins Spiel. Bekannt für ihren spekulativen Charakter, können CFDs ein probates Mittel zur Absicherung von Aktien-Investments sein“, erklärt Eberhard. Bei CFD-Trades geht es darum, steigende oder fallende Kurse zu handeln, ohne die Aktien selbst zu besitzen. Die Kurse von CFDs leiten sich stets von einem Basiswert wie z.B. Aktien ab. Der Handel von CFDs erfolgt nicht über die Börse, sondern über Broker wie GKFX.

Kombination aus Aktienportfolio und CFDs
„In Zeiten prekärer Nachrichtenlage, in denen die Kurse extrem volatil sein können, ist es ratsam, die eigenen Investments mit Gegenpositionen gegen mögliche Verluste abzuhedgen“, führt Eberhard aus. „Eine Möglichkeit ist es, ein Produkt in der Hinterhand zu haben, das in solchen Situationen ermöglicht, auch an fallenden Kursen zu partizipieren und das bestehende Aktienportfolio gegen Rücksetzer abzusichern.“ Diese Vorgehensweise ist noch nicht mal besonders ungewöhnlich, denn genau dazu wurden CFDs ursprünglich entwickelt. Die Kombination aus Aktienportfolio und CFDs ist ohnehin sehr reizvoll. Gerade wenn das eigene Portfolio beispielsweise zur späteren Altersvorsorge betrieben wird, sollte man dieses generell möglichst nicht zur Spekulation verwenden, abgesehen von den üblichen Korrekturen, die eine Buy-and-hold-Strategie mit sich bringt. „Trotzdem hat ein Privatanleger ja immer die Kurse seiner Aktientitel im Blick. Es ergeben sich regelmäßig Chancen, besonders im kurzfristigen Bereich, die man dann ohne Schwierigkeit mit Aktien-CFDs wahrnehmen kann, ohne das eigene Portfolio anzurühren“, meint Eberhard.

Foto: Florian Eberhard

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wie ernst ist der Inflationsanstieg?

Die Preise steigen weltweit an. Raiffeisen-Experte Peter Brezinschek liefert eine Analyse.

Raja Korinek. Kaum ein Thema sorgt derzeit für derart viel Aufsehen wie die steigende Inflation. Für Peter Brezinschek, Chefanalyst bei Raiffeisen Research, kommen die jüngsten Entwicklungen wenig überraschend, wie er bei seinem Vortrag „Delta, Tapering und Inflation – eine Gefahr für die Aktienmärkte?“ am 15. Kongress des Zertifikate Forums Austria festhielt. Brezinschek meint, grundsätzlich sei er ein Optimist. „Doch die Gefahren nehmen zu. Die Entwicklungen in den kommenden Monaten werden entscheidend sein.“

Gemeint sind die steigenden Preise rund um den Globus und deren Auswirkungen auf die Zinslandschaft. Denn nach den harten Lockdowns ist seit Jahresbeginn 2021 ein kräftiger wirtschaftlicher Aufholprozess in Gang. Schließ-lich können Konsumenten ihr Geld wieder ausgeben, „nach Monaten des Zwangssparens“. Auch gibt es jede Menge Investitionsrückstau. Obendrein seien Einkommen und die Entwicklung am Arbeitsmarkt zügig in eine Normalisierungsphase eingetreten, so Brezinschek. Dies hat zuletzt zu einer steigenden Inflation geführt.

Lieferengpässe als kurzfristige Preistreiber
Wenig hilfreich seien Brezinschek zufolge die Lieferengpässe, sie sorgen für weiteren Preisdruck nach oben. Mit ein Grund ist der Containermangel in Asien, der für einen Rückstau bei vielen Waren nach Europa und in die USA sorgt. Viele Unternehmen überdenken deshalb ihre Lagerhaltung, betont Brezinschek. Bislang wurde aufgrund der Globalisierung meist erst dann bestellt, wenn Waren gebraucht wurden. Auf Vorrat wurde möglichst wenig gehalten.

Die aktuellen Entwicklungen könnten nun dazu führen, dass Unternehmen wieder verstärkt auf Lagerhaltung setzen. „Das könnte ebenfalls zu weiter steigenden Preisen führen“, betont der erfahrene heimische Volkswirt. Und dann sind da freilich noch die steigenden Energiepreise, die ebenfalls die Teuerung anheizen.

Ob all dies zu einer dauerhaften Inflation führen wird oder nur temporär ist, das bleibe laut Brezinschek abzuwarten. Er meint jedenfalls, „Inflation ist ein Prozess ständig steigender Preise und Löhne, somit einer dauerhaften Entwertung des Geldes. In gut zwei Jahren wird man sehen, ob dies auch auf die jüngste Entwicklung zutrifft.“

Demografie und CO2-Steuern im Fokus
Brezinschek verweist in diesem Zusammenhang auch auf Aspekte abseits der Lieferengpässe, die auf längerfristige Sicht zu steigenden Preisen führen dürften. Er zählt dazu etwa die demografische Entwicklung weltweit. Mit einer zunehmend alternden Gesellschaft schrumpfe die Zahl an verfügbaren Arbeitskräften, während die Zahl der Pensionisten immer weiter steige. Ein schrumpfender Pool an Arbeitskräften könnte freilich allmählich zu einem Lohndruck nach oben führen. Oben-drein dürften die geplanten CO2-Steuern für einen weiteren Preisschub sorgen, so zum Beispiel beim Tanken und beim Heizen.

Die Notenbanken seien weltweit in Bezug auf die Inflationsentwicklung jedenfalls auf der Hut, betont Brezinschek. In den USA möchte die FED bereits zu Jahresende mit der Drosselung der Anleihekäufe beginnen. Sie hat zudem kürzlich klargestellt, dass eine erste Zinsanhebung im kommenden Jahr nunmehr durchaus realistisch ist. „Aus der Historie wissen wir, dass es bei einer Anhebung aber nicht bleibt.“ Demgegenüber zeige sich die EZB derzeit noch recht gelassen, betont Brezinschek. Fraglich bleibe allerdings, ob sie sich allzu lange gegen globale Tendenzen in Richtung einer allmählichen Normalisierung der Geldpolitik stemmen könne.

Foto: Pixabay / andreas160578

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Airbus fliegt aus der Krise

Der DAX-Neuling bringt für Investoren jede Menge Schubkraft bei der Rendite mit.

Stefan Riedel, München. Dass Airbus (ISIN: NL0000235190) derartig schnell aus den Turbulenzen des Corona-Jahres 2020 kommt, hätte sich Vorstandschef Guillaume Faury vor Jahresfrist kaum vorzustellen vermocht. Der französisch-deutsche Luftfahrtkonzern hat nach einem glänzenden ersten Halbjahr sein Gewinnziel für 2021 verdoppelt. Airbus erwartet jetzt ein bereinigtes EBIT von 4 Mrd Euro und damit mehr als das Doppelte der 1,7 Mrd Euro von 2020, als das Unternehmen infolge stornierter und verzögerter Aufträge von einem Umsatz- und Gewinneinbruch gebeutelt wurde.

Im zweiten Quartal hatte Airbus den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 70 % auf 14,2 Mrd Euro gesteigert. Der bereinigte operative Gewinn erreichte gut 2 Mrd Euro, nachdem hier ein Jahr zuvor ein Verlust von 1,2 Mrd Euro gestanden hatte. Richtig durchstarten will Airbus dann in den nächsten Jahren. Der Konzern will in vielerlei Hinsicht davon profitieren, dass die Fluggesellschaften ihre Flotten erneuern und die Antriebe ökologisch umrüsten müssen, um die ab 2028 gelten neuen Auflagen für den CO2-Ausstoß zu erfüllen.

Allein beim Passagierflugzeug A 320, seinem mit 80 % aller Auslieferungen meistverkauften Flieger, will Airbus bis zum zweiten Quartal 2023 die Produktion auf 64 Maschinen im Monat hochfahren. Das sind vier mehr als vor der Pandemie und 24 mehr als aktuell. Beim boomenden Frachtgeschäft will das Unternehmen 2025 mit einer Frachtversion des Passagierjets A 350 an den Start gehen.

Airbus sieht sich damit bestens gerüstet, um nach der Corona-Delle von 2020 wieder durchzustarten. Beim Konzerngewinn erwarten die Konsensschätzungen der Analysten nach zwei Jahren mit roten Zahlen für 2021 wieder einen Konzerngewinn in Höhe von 2,8 Mrd Euro. Dieser Wert soll sich dann bis 2023 auf 5 Mrd Euro fast verdoppeln. Bei der EBIT-Marge sollte Airbus 2022 wieder die 9,9 % von 2019 erreichen.

Reichlich Auftrieb gibt es auch für die Airbus-Aktie. Mit einem Börsenwert von 90 Mrd Euro zählt der DAX-Neuling gleich zu den Schwergewichten. Nach den alten Regelungen hatten die Handelsumsätze des seit Juli 2000 in Paris gelisteten Unternehmens nicht für den deutschen Leitindex gereicht. Den Absturz vom Frühjahr 2020 hat die Aktie mittlerweile um 75 % aufgeholt.

Noch Kurspotenzial
Und angesichts der sich wieder aufgehellten Perspektiven sehen die Analysten weiter Luft nach oben. 19 Experten, die Airbus covern, empfehlen den Titel zum Kauf, nur zwei sprechen sich für ein Halten aus. „Airbus steht vor einem wesentlich steileren Produktionsanstieg als vor der Corona-Krise und ist finanziell gegen einen moderaten Inflationsdruck geschützt“, meint Christophe Menard, Analyst bei der Deutschen Bank, und empfiehlt die Aktie mit einem Kursziel von 131 Euro zum Kauf. Das 2022er-KGV von 20 ist angesichts der Wachstumsaussichten keinesfalls übertrieben.

Foto: Airbus

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Abheben mit Weltraumaktien

Das Geschäft mit der Erkundung des Kosmos eröffnet auch lukrative Investmentperspektiven.

Raja Korinek. Die Erkundung des Weltalls ist beinahe zu Routine geworden, zumindest für einige Unternehmen, die im Geschäft mit Satelliten, Raketen und technischen Dienstleistungen mitmischen. Neuerdings sorgten zwei Milliardäre für besonders große Schlagzeilen. Im Sommer hob Richard Branson, Gründer der Virgin Galactic, mit fünf Astronauten in seiner „VSS Unity“ in den Kosmos ab. Wenige Tage später flog Jeff Bezos, Chef von Blue Orbit, mit drei Crewmitgliedern in seiner „New Shepard“-Kapsel los.

Möglich machen all diese Entwicklungen neue Technologien gepaart mit sinkenden Kosten, ein Umstand, der immer mehr private Unternehmen anlockt. Allein die Herstellungskosten für Satelliten dürften laut der US-Investmentbank Morgan Stanley bis 2040 von rund 500 MioUSD auf 500.000 USD sinken.

Klein und günstig
Auch die Größe schrumpft. Früher wurden gewichtige Satelliten um viel Geld in den fernab gelegenen „GEO“ (Geostationary Orbit) hinaufgeschossen. Neue Innovationen ermöglichen den Bau kleiner, leichtgewichtiger metallener Erdtrabanten, die im weitaus näher gelegenen „LEO“ (Low Earth Orbit) kostengünstiger platziert werden, und das meist in ganzen Gruppen, sogenannten Konstellationen. Allein im vergangenen Jahr wurde mit 1.200 Satellitenstarts ein Rekordwert erreicht. Inzwischen gibt es rund 4.300 Satelliten im All.

Verständlich, dass die Finanzwelt Chancen in diesem Bereich ortet. Heuer wurde der „LFDE Echiquier Space Fonds“ (ISIN: FR0014002VF5) lanciert, wobei Fondsmanager Rolando Grandi von der gesamten Wertschöpfungskette mit dem kosmischen Geschäft profitieren möchte. Es gibt aber Ausnahmen. Grandi investiert derzeit nicht in das Geschäft mit dem Weltraumtourismus. „Entsprechende Unternehmen verwenden noch immer Kerosin. Dabei gibt es längst umweltfreundlichere Varianten, wie etwa Methan.“ Solch ein Treibstoff wird beispielsweise bei SpaceX von Elon Musk eingesetzt, wobei der Konzern noch nicht an der Börse notiert ist.

Die Börse lockt
Vor wenigen Monaten ging hingegen Rocket Lab (US7731221062) an die Börse, wobei sich Grandi an dem IPO beteiligte. Rocket Lab baut unter anderem kleine Trägerraketen für Satelliten namens „Electron“. Spire Global (US8485601087) stellt hingegen Nanosatellitenkonstellationen her. Auch dieses Unternehmen ging im Sommer an die Börse – und ist seither ebenfalls Teil des Space-Fonds. Spire Global sammelt mit den Konstellationen große Datenmengen, die etwa für ökologische Zwecke oder zur Navigation und Ortung von Schiffen und Flugzeugen eingesetzt werden.

Auch die deutsche OHB SE (DE0005936124) sammelt mit ihren Satelliten Daten, um etwa den Klimawandel gut im Auge zu behalten. Die deutsche Bundeswehr zählt ebenfalls zu den Kunden, die mit den OHB-Daten etwa Gefahrenpotenziale ausfindig macht.

Traumtourismus und noch mehr
Eine weitere Möglichkeit bietet das „Vontobel Solactive Space Technology Indexzertifikat“ (DE000VQ7BWA1). Auch hier wird die gesamte Wertschöpfungskette der zivilen Raumfahrt abgedeckt, selbst aus dem Bereich des Weltraumtourismus. Zu den größten Indexpositionen zählen Virgin Galactic Holdings (US92766K1060), Boeing (US0970231058) und der US-Satellitenkommunikationsbetreiber Loral Space & Communications (US5438811060). Betreiber von Trägerraketen und Raumlaboren sind ebenfalls Teil des Index.

Einzig, viele der Geschäftsmodelle sind noch jung. Entsprechend schwankungsfreudig sind deren Aktien.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ein langer Weg der Entschleunigung: Das Tapering der FED und die Inflation in den USA

Das Tapering der FED und die Inflation in den USA. (30.09.)

30.09. Die Federal Reserve (Fed) dürfte nach Einschätzungen von Experten der Capital Group Ende des Jahres damit beginnen die Stimulierungsmaßnahmen zurückzufahren. 2013 sorgte dies für Unruhe an den Märkten. Timothy Ng und Thomas Hollenberg, Portfoliomanager bei Capital Group, analysieren warum die Inflationsrate nicht unbedingt ausschlaggebend ist und warum sie eine erneute Panik für unwahrscheinlich halten.

„Das letzte Mal, als die Fed ihre Anleihekäufe reduzierte, löste dies das berüchtigte Taper Tantrum von 2013 aus“, so Ng. „Die Märkte wurden damals überrumpelt und die Anleiherenditen schnellten in die Höhe.“ Diesmal seien die Anleger besser auf die Straffung der Geldpolitik vorbereitet, weshalb Ng und Hollenberg keinen Aufruhr erwarten. Lediglich der genaue Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Zinswende sei noch unbekannt.

Baldige Zinsanpassung, aber keine Zinserhöhungen vor Ende 2022
„Wir gehen davon aus, dass die Fed ihre Absicht, das Programm zu reduzieren, bereits auf ihrer November-Sitzung bekannt geben wird,“ sagt Hollenberg. Voraussetzung dafür sei, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen bis dahin nicht deutlich verschlechtern. Demnach würde die US-Notenbank wahrscheinlich in den Wochen nach der Ankündigung mit der Reduzierung der Anleihenkäufe beginnen. „Auf der Grundlage früherer Äußerungen der Fed und ihres früheren Tapering-Programms gehen wir davon aus, dass dieser Prozess etwa sechs bis neun Monate dauern wird und höchstwahrscheinlich Mitte 2022 endet,“ analysiert Hollenberg.

Derzeit kaufe die Fed jeden Monat US-Staatsanleihen und Pfandbriefe im Wert von 120 Milliarden US-Dollar. Dieser Betrag würde dann allmählich zurückgeschraubt werden, bis die Fed keine weiteren Wertpapiere mehr aufkaufe. Nach dem Ende des Tapering-Prozesses werde die Fed dann nur noch Wertpapiere kaufen, die zur Aufrechterhaltung des Umfangs ihrer Bilanz ausreichen und alte, fällig werdende Papiere ersetzen.

„Wir glauben, dass die Fed frühestens Ende 2022 eine Zinserhöhung in Betracht ziehen wird,“ sagt Ng. Sobald die Fed die kurzfristigen Zinssätze ansteigen lässt, würde sie dies demnach schrittweise tun, so wie sie es von 2015 bis 2018 der Fall gewesen sei.

Die Fed tritt trotz steigender Inflation nicht auf die Bremse
„Wie den meisten Anlegern bekannt ist, hält die Inflationsrate die Fed nicht zurück,“ so Ng. In diesem Jahr sei diese über die von der Fed angestrebten zwei Prozent gestiegen. Im Juli habe der Wert noch bei 3,6 Prozent gelegen. Damit liege dieser weit über dem Zielwert – auf einem Niveau, das seit den frühen 1990er Jahren nicht mehr erreicht wurde.

Die heutige Inflationsrate sei jedoch nicht unbedingt ausschlaggebend, wenn es um Zinserhöhungen geht. „Die Fed wird diesen Schritt wahrscheinlich erst Ende nächsten Jahres in Erwägung ziehen,“ vermutet Hollenberg. Dabei bleibe abzuwarten, ob die derzeit hohe Inflationsrate bis dahin Bestand haben wird. Wenn das Preiswachstum unter das Ziel zurückgehe, müsse die Fed möglicherweise länger warten.

Warum ein Taper Tantrum 2.0 unwahrscheinlich ist
Beim ersten Taper Tantrum seien Rentenanleger in Panik geraten, als die Fed ihren letzten Zinsschritt ankündigte. Das sei diesmal nicht zu erwarten. „Erstens haben die Anleger schon einmal erlebt, dass die Fed solche Maßnahmen ergriffen hat,“ so Ng. „Sie haben die Auswirkungen gesehen und festgestellt, dass die breitere Normalisierung alles andere als katastrophal war.“ 2013 hätten die Anleger befürchtet, dass die Fed den Leitzins im Laufe der Zeit von null auf eine Spanne von vier bis fünf Prozent anheben würde. Das sei nicht eingetreten. Diesmal würden sie nicht damit rechnen, dass die Fed die Zinssätze wesentlich über zwei Prozent anheben wird.

„Zweitens dürfte der Markt nicht überrascht sein, sobald der Prozess beginnt,“ erläutert Hollenberg. „Die Fed hat ihre Pläne sehr transparent kommuniziert.“ Infolgedessen würde der Markt wahrscheinlich nicht so dramatisch reagieren.

Die Klarheit der Notenbank hätte dazu geführt, dass die aktuellen Anleiherenditen bereits die Annahme widerspiegeln, dass noch vor Ende des Jahres die Anleihenkäufe gedrosselt werden. Danach würden sich die Bedenken der Anleger darauf verlagern, wie schnell die Fed ihre Ankäufe von Vermögenswerten reduziert und wann sie mit der Anhebung der Zinssätze beginnen wird. „Wenn der Inflationsdruck anhält und der Arbeitsmarkt sich positiv entwickelt, könnten die Verzinsungen von US-Staatsanleihen über das gesamte Laufzeitenspektrum hinweg ansteigen,“ so Hollenberg.

Foto: Marriner S. Eccles Federal Reserve Board B

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Turbulenzen richtig nutzen

Von Evergrande bis FED: Sie sorgen für Unsicherheit – und eröffnen neue Chancen.

Raja Korinek. Viele Anleger erlebten am Montag, dem 20. September, eine böse Überraschung, als die Sorgen rund um den chinesischen Immobilienkonzern Evergrande kräftig auf den Börsen lasteten. Der Konzern ist mit rund 300 MrdUSD verschuldet. Doch wie schlimm ist die Lage? Jens Ehrhardt, Vorstandsvorsitzender der DJE Kapital AG, meint im Gespräch mit dem Börsen-Kurier, dass Anleger die Lage rund um Evergrande nicht unterschätzen sollten. „Dennoch sehen wir kein systemisches Risiko wie bei den Lehman Brothers.“ Deren Pleite löste 2008 die globale Finanzkrise aus.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Nervosität vieler Anleger aufgrund der Entwicklung weiter zugenommen hat. Bereits zuvor sorgte die Andeutung der Notenbanken auf beiden Seiten des Atlantiks, die Anleihekäufe zu drosseln, für Verunsicherung. Das aktuelle Umfeld eröffnet in der Welt der Zertifikate jeden-falls interessante Chancen, etwa auf ein Investment in die Volatilität, genauer gesagt auf den VIX-Index, der von der Chicago Board Options Exchange berechnet wird.

Auf Schwankungen „setzen“
Dieser drückt die erwartete Schwankungsbreite anhand von Optionspreisen auf den S&P 500 über 30 Tage in Prozentpunkten aus. Je unruhiger die Börsen werden, desto höher steigt der Index. Auf die künftige Preisentwicklung – anhand Futures auf den VIX-Index – können risikobereite Anleger mittels eines Turbo-Long-Zertifikats der Société Générale setzen (ISIN: DE000SF7TVD7). Das Produkt hat einem aktuellen Hebel von rund 2,88. Um diesen verändert sich der Kurs des Zertifikats im Verhältnis zum Basiswert. Wird die Barriere von 13,99 berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat.

Allerdings können Futures vom aktuellen Preis – in diesem Fall der VIX-Index – teils abweichen, nach oben und nach unten. Obendrein können sich Kursverluste rasch ergeben, wenn sich die Schwankungen an den Märkten beruhigen.

Fallen US-Staatsanleihen weiter?
Ebenso rasch könnten die Kurse von US-Staatsanleihen sinken, wenn die FED beginnt, die geldpolitischen Zügel ein wenig enger zu ziehen. Sollten die Anleihekäufe gedrosselt werden, fällt eine wichtige Marktstütze weg. Auf solch eine Entwicklung können Anleger mit einem Turbo-Short-Zertifikat auf die Kursentwicklung 10jähriger US-Treasuries setzen. Ein entsprechendes Produkt bietet beispielsweise Morgan Stanley an (DE000MA8PDC4). Hier liegt der aktuelle Hebel bei 3,856. Wird bei diesem Zertifikat allerdings die Marke von 164,64 USD berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat.

Auch ein Blick auf den Devisenmarkt kann sich im aktuellen Umfeld lohnen. Historisch gesehen hatte der US-Dollar in turbulenten Zeiten oftmals an Wert gewonnen. Er gilt immer noch als sicherer Hafen. Obendrein dürften steigende Renditen in der Region zunehmend internationales Kapital anlocken. Anleger, die auf einen Anstieg setzen wollen, können dies etwa mit einem Faktor-Short-Zertifikat auf den Euro zum US-Dollar tun. Als Berechnungsgrundlage bei Faktor-Zertifikaten wird stets der Schlusskurs des Basiswertes vom Vortag herangezogen und die prozentuelle Kursveränderung zum Vortag mit dem Faktor multipliziert. Aus diesem Grund können aber auch größere Verluste entstehen, wenn der Basiswert prozentuell stärker seitwärts schwankt oder fällt. Ein solches Produkt bietet etwa die Bank Vontobel mit einem Faktor von 2 an (DE000VP3NZA9). Bei allen drei Produkten müssen Anleger auch größere Verluste verkraften können.

Foto: AdobeStock / Nomad Soul

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Aktionsplan will Finanzbildung verbessern

Innerhalb von fünf Jahren sollen Kompetenz gestärkt und Bewusstsein für Themen geschaffen werden.

Marius Perger. Am Donnerstag der Vorwoche hat Finanzminister Gernot Blümel unter dem Titel „Mein Geld, mein Leben, meine Entscheidung – ich bin mir sicher“ den bereits seit längerem angekündigten nationalen Aktionsplan zur Finanzbildungsstrategie in Österreich vorgestellt. Die Strategie soll dazu beitragen, die Finanzkompetenz der Menschen in Österreich zu stärken und allgemein mehr Bewusstsein für die Themen Finanzen, Kapitalmarkt, Vermögensaufbau und nachhaltige Finanzplanung zu schaffen, heißt es in einer Pressemitteilung. Mit diesem Wissen sei eine verantwortungsvollere und selbstbestimmtere Teilnahme am wirtschaftlichen Leben möglich, betonte Blümel.

Für die gesamte Bevölkerung
Die Strategie sehe vor, dass in den kommenden fünf Jahren Schritte gesetzt werden, die der gesamten Bevölkerung zugutekommen sollen. Dabei sollen aber bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders erreicht und priorisiert werden. Zu diesen zählen Kinder und Jugendliche, junge Erwachsene, Frauen, berufstätige Erwachsene, Privatanleger und Kleinunternehmer. Darüber hinaus soll sich die Strategie auf acht Lebensphasen – Schule, Weiterbildung, erster Beruf, Arbeitsleben, erste große Anschaffung, Vorsorgen für die Zukunft, Familienleben und Ruhestand – konzentrieren.

Vier übergeordnete Ziele
Als übergeordnete Ziele der Finanzbildung wurden festgelegt:
• die frühzeitige Entwicklung von soliden Prozessen in der finanziellen Entscheidungsfindung und die Vermeidung von Überschuldung,
• die Förderung einer verantwortungsvollen Finanzplanung für ein langfristiges finanzielles Wohlergehen,
• die Sensibilisierung für die Bedeutung von Finanzbildung und Sicherstellung des Zugangs zu qualitativ hochwertiger Finanzbildung für alle Bürger und
• die Steigerung der Effektivität von Initiativen zur Förderung der Finanzkompetenz durch Dialog, Koordination und Evaluierung.

Diese Ziele sollen durch 41 konkrete Maßnahmen unterstützt werden, die in den verschiedensten Bereichen ansetzen und Finanzbildung sowie Finanzkompetenz stärken.

Erste Maßnahme: neues Finanzbildungsportal
Erste konkrete Maßnahme werde die Etablierung eines Finanzbildungsportals sein. Geplant sei, dass dieses als „One-Stop-Shop“ für Informationen rund um das Thema Finanzbildung fungiert. Es gebe in Österreich bereits zahlreiche gute Informationen und Initiativen zu diesem Thema, die nun mit dem neuen Finanzbildungsportal zusammengeführt werden sollen, so Blümel. Vorgesehen sei auch ein Finanzkompetenz-Check: Das Portal werde die Möglichkeit zur Absolvierung eines „nationalen Finanzführerscheins“ bieten.

Dieser soll zwar in erster Linie der persönlichen Orientierung dienen, könne aber auch Nachweis einer Zusatzqualifikation bei Bewerbungen sein.

Erste Evaluierung 2026
Um die nationale Finanzbildungsstrategie abzuwickeln und zu koordinieren wird ein „Koordinierungs- und Kooperationsgremium Finanzbildung“ gegründet werden. An dessen Spitze soll ein „Finanzbildungsrat“ stehen. Diesem werden Vertreter von Finanz-, Bildungs- und Konsumentenschutzministerium, der Oesterreichischen Nationalbank sowie Vertreter des privaten Sektors bzw. von NGOs angehören.

Eine erste Evaluierung der bis dahin erreichten Ziele ist 2026 geplant. Es sei aber klar, „dass uns dieses Thema auch über diesen Zeithorizont hinaus begleiten wird“, so Blümel.

Positive Reaktionen
Die Leiterin des OECD Berlin Centers Nicola Brandt erklärte, dass die Zusammenarbeit mit Österreich zur Erarbeitung der Finanzbildungsstrategie „wahre Pionierarbeit“ gewesen sei; ähnliche Projekte seien nun mit Griechenland, Polen und Portugal geplant.

Auch EU-Kommissarin Mairead McGuiness begrüßte die Initiative, die Teil der breiter angelegten Bemühungen auf EU-Ebene sei, die Finanzkompetenz zu erhöhen.

Begrüßt wurde die Strategie unter anderem von Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und Aktienforum. Dessen Präsident Robert Ottel betonte, dass Finanzbildung Basis für sozialen Wohlstand sei und dazu beitragen könne, zukünftigen Krisen vorzubeugen.

Wesentliches Anliegen sei die professionelle Überarbeitung von Unterrichtsmaterial und eine breite Verankerung in den Schullehrplänen, so Ottel. Eine „qualitative und quantitative Verbesserung von Unterrichtsmedien“ sowie eine verbindliche Verankerung in den Lehrplänen forderte auch die Industriellenvereinigung.

Foto: AdobeStock / eugenepartyzan

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Überholen die Chinesen Europa?

Deutsche Bank Wealth Management wagt den Globalausblick.

Rudolf Preyer. „Wir werden aus bekannten Gründen nicht zum ‚alten Normal‘ zurückkehren können“, eröffnete Markus Müller, Globaler Leiter Chefanlagestrategie bei Deutsche Bank Wealth Management, den exklusiven Marktausblick-Round-Table. Vom Börsen-Kurier auf den Themenkomplex ESG (Environmental, Social, Governance) angesprochen, meinte Müller, dass dieser Bereich „potenziell – sowohl auf Unternehmens-, als auch auf Volkswirtschaftsseite – wachstumsfördernd“ sein könne. Nachgefragt, ob strenge Restriktionen nicht wettbewerbsverzerrend bzw. gar nachteilig für den europäischen Markt seien, meinte der Chefstratege, dass Europa die Technologieführerschaft – etwa auch in der „grünen Technologie“ – anstreben müsse, dann würden auch weitere Märkte folgen. „Unser Kontinent kann etwa in puncto erneuerbarer Energien als Prozessindustrie bereits eine globale Vorreiterrolle einnehmen.“

Deutschland im Rückspiegel
Müller erinnerte aber auch an ein eher unrühmliches Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Unser nördlicher Nachbar war einst „sehr gut in der Solar-Technologie“, ist mittlerweile aber von den Chinesen überholt worden. Was zu tun sei, um nicht im Rückspiegel des Reichs der Mitte immer kleiner zu werden? „Bildung ist essenziell.“

Jedoch müssen die Schul- und vor allem Studienpläne entstaubt werden, denn diese seien noch „auf die Struktur der letzten Industrialisierung ausgerichtet – also 150 Jahre veraltet“. Auch überlegte er, ob man nicht das traditionelle 3-Sektor-Modell „Agrartechnologie, Industrie und Service“ um den Sektor „Digitalisierung“ ergänzen müsste.

Der Deutsche-Bank-Vordenker führte weiters aus, was sich für das verbleibende Jahr aus Finanzmarktsicht erwarten lässt.

Globalperspektiven
Die Produktivität bleibe in der Eurozone eine „große Problematik“ (die erste von Müllers „Zehn zentralen Thesen“). Aber: Das Wachstumsgefälle zwischen der Eurozone und den USA werde heuer seinen Höhepunkt erreichen, wobei die Eurozone diese Wachstumslücke im kommenden Jahr schließen dürfte. Infolgedessen werde sich der US-Dollar aufgrund der zunehmenden Wachstumsdynamik in Europa abschwächen.

Die Zentralbanken sollten allgemein eine Drosselung der Anleihekäufe Richtung 2022 erwägen, die Fed dürfte ab Dezember 2021 schrittweise mit der Reduzierung der Anleihekäufe beginnen. Apropos Tapering: Dieses sei bereits in den Aktienmärkten eingepreist, so Müller. Aber: „Aktien sollten weiterhin vom TINA(‚The-re Is No Alternative‘)-Argument profitieren.“

Die Inflationsraten werden in absehbarer Zeit nicht auf Vorkrisenniveau zurückkehren. Hier spiele die Umweltpolitik inzwi-schen eine Rolle: Der CO2-Ausstoss verteure sich generell (Stichwort Zertifikate), was einen Inflationsdruck auslöse (der sogenannte „Spill-Over-Effekt“).

Globaldrift
Das Chief Investment Office geht von einem Wachstum für 2022 von 4,7 % in den USA und 4,6 % in der Eurozone aus. Und China?

Die Volksrepublik investiert rund 750 MrdUSD in Häfen, Straßen und Bahnstraßen zwischen Asien und Europa sowie in Afrika. China konnte ein Wachstum von 2,27 % im Krisenjahr 2020 verzeichnen und wird dieses Jahr ein voraussichtliches Wachstum von 8,2 % verzeichnen. Nächstes Jahr sollen es dann „nur mehr“ 5,6 % sein – die offizielle Staatsdoktrin dazu lautet „Moderate Prosperity“.

Müller vom Deutsche Bank Wealth Management kam in seinem Marktbericht zuletzt auf den Bereich Relokalisierung und diversifizierte Lieferketten zu sprechen, denn „das ist bestimmt nicht die letzte Pandemie, die wir erleben werden“.

Foto: AdobeStock / Zerbor

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Emerging Markets: Selektiv investieren

Experten sind für Schwellenländer trotz China-Turbulenzen optimistisch.

Harald Kolerus. In den vergangenen Wochen dominierten keine positiven Schlagzeilen das Geschehen im Reich der Mitte. Strenge Regulierungen im Bildungsbereich sowie im Technologiesektor haben Investoren aufgeschreckt. Somit war die Entwicklung in China ein wichtiges Thema im jüngsten Webinar der Capital Group zu Emerging Markets. Es wurden aber auch Anlagemöglichkeiten von Brasilien bis Indien beleuchtet.

Kurze Zeitreise
Es referierten Victor Kohn, Portfolio Manager und Valeria Vine, Investment Specialist bei der Capital Group. Wobei beide keine Fonds allein managen, sondern Teil breiterer Teams sind. Interessant: Kohn ist bereits seit 1986 in den Emerging Markets auf der Suche nach Anlagechancen, seither hat sich einiges fundamental verändert: „Als ich damals etwa in Argentinien oder Brasilien Vorort recherchierte, hörte ich von den Unternehmen oft: ,Schön sie zusehen, aber warum sind Sie eigentlich hier?‘ Heute sieht die Situation anders aus. Es gibt viel mehr professionelle Informationen und ein deutlich breiteres Spektrum an Investmentmöglichkeiten. So war z. B. der chinesische Aktienmarkt damals gar nicht existent. Nicht zuletzt sind die Volkswirtschaften der Emerging Markets stark gewachsen.“

Keine Flucht aus China-Investments
Am deutlichsten demonstriert die wachsende ökonomische Bedeutung natürlich wiederum China: Es nimmt heute nach Kaufkraftparitäten gemessen an die 50 % des globalen BIP ein. Innerhalb der nächsten Dekade könnte China sogar zur größten Volkswirtschaft der Welt heranwachsen. Was nun die jüngste Regulierungswut im Reich der Mitte betrifft, kommentiert Kohn (der Portfolio-Manager für den „Capital Group World Growth and Income Fund“ sowie den „Capital Group Emerging Markets Growth Fund“ ist): „Peking will Bereiche wie Gesundheit, Bildung und Wohnen für die breite Bevölkerung besser zugänglich und finanziell leichter erschwinglich machen. Es ist zu erwarten, dass die Restriktionen auch noch auf andere Felder ausgedehnt werden könnten, z. B. die Gaming-Industrie.“ Laut dem Experten sollte man deshalb aber nicht auf chinesische Titel im Portfolio schlichtweg verzichten: „Wir sehen eine kontinuierliche Entwicklung sehr guter Unternehmen aus China, die sich international durchsetzen. Etwa im Bereich der Generika bzw. Biotechs, die von der Regierung stark unterstützt werden.“ Wobei der Experte darauf hinweist, dass eben in ausgesuchte Unternehmen investiert wird und nicht pauschal.

Viele Möglichkeiten
Vine, Emerging-Markets-Spezialistin für den „Capital Group New World Fund“ (ISIN: LU1481181599) und den „Capital Group Emerging Market Growth Fund“ (LU0100551489), fügt hinzu: „Anlagemöglichkeiten bieten ausgewählte Titel, die Innovationen in Schwellenländern vorantreiben, sowie Unternehmen, die unterversorgte Kundensegmente bedienen.“ Wobei wichtige Trends wie die Wiederbelebung der Reisenachfrage, das Wachstum digitaler Plattformen und die Beschleunigung der Mobiltechnologie die Perspektiven der Schwellenländer beflügeln. Trotz guter Aussichten empfiehlt sich aber immer selektives Vorgehen. So etwa in Brasilien, das politisch wie makroökonomisch herausfordernd sei. Dennoch finden sich hier z.B. im Bereich des „Digital Payments“ gute Unternehmen, die von der Ineffizienz traditioneller Banken profitieren.

Als spannend bezeichneten beide Experten auch Indien, eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Denn der Subkontinent befindet sich in einer viel früheren Entwicklungsphase als China und bietet somit enormes Aufholpotenzial. Hinzu kommt, dass sich die Zahl der Haushalte mit einem Einkommen von über 30.000 USD innerhalb von zehn Jahren verdoppeln wird. Der steigende Wohlstand sollte nicht zuletzt Branchen wie die Luxusgüterindustrie oder Reisen/Flugsektor unterstützen.

Foto: AdobeStock / reeel

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Trend-getriebener MSCI-World-Index

Die Kritik am technologielastigen Weltindex wird lauter.

Roman Steinbauer. In der Finanzwelt wird zunehmend ein Klumpenrisiko in der Konstruktion des globalen Leitindex MSCI World (ISIN: XC0009692739) befürchtet. Basieren doch einige bedeutende Anlageprodukte (ETFs, Fonds) und damit hohe Volumina auf diesem vielbeachteten Parameter des New Yorker Finanzdienstleisters für Investmentbanking, MSCI Inc. (ehemals zu Morgan Stanley Capital gehörend). Zwar wurden Small-Cap-Aktien in dem am 31. Dezember 1969 gestarteten und 1986 von Morgan Stanley lizenzierten MSCI World nie berücksichtigt. Doch nun löst bei Analysten die zunehmend geringe Rolle der Value-Werte und die einseitige Gewichtung von US-Technologie-Aktien Bedenken und Skepsis zu einem womöglich aufziehenden depressiven Börsenumfeld aus. Es werden zunehmend kritische Stimmen laut.

Auf der größten Investment-Community-Plattform, Seeking Alpha, drücken Marktinsider bereits ihr Unbehagen über die Zusammensetzung des Index aus. Seit dem Jahr 2009 befinden sich 96 % der MSCI-Anteile im gestreuten Eigentum diverser Finanzinstitutionen.

Ein Tech-Index der G7-Staaten?
Zum 31. August waren 1.557 Aktien aus 23 Industrieländern im World-Index einbezogen. Schwellenländer werden nicht berücksichtigt. Neben Nordamerika werden die Börsen aus Japan, Hongkong, Singapur und Israel sowie in der Pazifik-Region von Australien und Neuseeland berücksichtigt. Aus Europa sind Österreich und Finnland als östlichste Staaten repräsentiert. Es gilt, 85 % der weltweiten Marktkapitalisierung aus entwickelten Industrieländern durch den „Global Industry Classification Standard“ von MSCI und Standard & Poor‘s über elf Sektoren abzubilden.

Eine tragende Rolle spielt dabei die Kapitalisierung der Unternehmen. Das führte aber zu einer Gewichtung von 20 % durch die zehn bedeutendsten Einzelwerte alleine. Das Weltbörse-Barometer ist bloß durch die Kursentwicklung der US-Tech-Giganten wie Microsoft, Amazon, Alphabet oder Apple in Summe bereits zwischen 10 und

13 % geprägt. Entsprechend veränderte sich die Branchengewichtung: Das IT-Segment macht beachtliche 23 % im MSCI aus. Es folgen Finanzen (13 %), Gesundheit (13 %), Konsumgüter (12 %), Industrie (10 %) und (wiederum Tech-lastige) Kommunikationsdienstleister (9 %). Durch die hohe Kapitalisierung repräsentieren US-Gesellschaften 67 % des Index-Volumens. Exorbitant weit dahinter folgen Japan mit lediglich 7 %, Großbritannien (4 %) sowie Frankreich, Kanada und Deutschland mit jeweils 3 %. Wegen seiner starken Abhängigkeit vom US-Markt ist für den MSCI-Index die Handelszeit an den US-Börsen relevant und am aussagekräftigsten.

Die Kopie als reduzierte Zielvorgabe
Der MSCI World gilt in erster Linie Finanzinstitutionen als auch Privatanlegern als Messlatte (Benchmark). Ableitend darauf sind derzeit 16 ETFs (Kostenquote für Anleger zwischen 0,1 und 0,5 %) zur Auswahl am Markt implementiert. Laut dem ETF-Portfolio-Tool-Anbieter „just ETF“ liegt der „iShares Core MSCI World UCITS ETF USD“ (IE00B4L5Y983) mit einem Anlagevolumen von 36 Mrd USD (30,4 Mrd Euro) vorne. Dahinter folgt mit Abstand der „Xtrackers MSCI World UCITS ETF 1C“ (ISIN: IE00BJ0KDQ92) mit 7,8 Mrd USD (6,59 Mrd Euro). Die beste Performance weist auf 1-Jahresbasis der „Lyxor MSCI World UCITS ETF“ (FR0010315770) mit +32 % vor

dem „Amundi MSCI World UCITS ETF EUR C“ (+31 %, LU1681043599) auf. Der MSCI-World-Index zog während dieses Zeitraums um 31 % an. Allerdings bedeutet das auch, dass etliche Produkte unterhalb dieser Performance liegen. Wenigen auf dem Weltindex basierenden Fonds gelingt der Parallellauf. So hält der „Fidelity MSCI World Ind.Fd.P Acc EUR“ (IE00BYX5NX33) bei +32,4 %.

Foto: AdobeStock / monsitj

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

„Enkeltauglich ist mir wichtig“

Der oberösterreichische Unternehmer Christian Neuwirth engagiert sich bei Oikocredit.

Red. Mit seiner Linzer Projektagentur für Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeitslösungen entwickelt Christian Neuwirth weltweit praktische Lösungen für Energieeffizienz und Klimaschutz. Ehrenamtlich setzt er sich für die Genossenschaft Oikocredit ein, zumal es eine Reihe an inhaltlichen Überschneidungen im Entwicklungsansatz für Menschen im Globalen Süden gibt. Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier erklärt Neuwirth warum.

Börsen-Kurier: Das Augenmerk Ihrer selbständigen wie auch der freiwilligen Tätigkeit ist auf das Thema Nachhaltigkeit gerichtet.
Christian Neuwirth: Das resultiert aus meiner bäuerlichen Prägung. Ich bin auf dem elterlichen Bauernhof im oberösterreichischen Wallern an der Trattnach aufgewachsen. Dort habe ich von klein auf das nachhaltige Prinzip der Forstwirtschaft kennengelernt und das lautet: Im Wald ist nur so viel Holz zu schlagen, wie permanent nachwächst. Diese „Enkeltauglichkeit“ ist mir sehr wichtig. Als Unternehmer widme ich mich praktischen Lösungen und manage Projekte im Bereich erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Klimaschutz. Ich biete resultatorientierte Energieaudits, beschäftige mich in diesem Zusammenhang mit Produktentwicklung und Produktmanagement im internationalen und nationalen Bereich und initiiere und betreue Projekte der Entwicklungszusammenarbeit wie derzeit in Gambia.

Börsen-Kurier: Wie sind Sie auf Oikocredit aufmerksam geworden und warum setzen Sie sich ehrenamtlich für die Genossenschaft ein?
Neuwirth: Das war im Jahr 2015 durch das Bildungsprojekt mit dem Namen „Know-how aus Österreich für Expertinnen und Experten aus Ostafrika“, welches von Oikocredit Austria ins Leben gerufen und vom Land Oberösterreich unterstützt wurde. Oikocredit ermöglichte damals einer Teilnehmergruppe aus Ostafrika ein Fortbildungsprogramm mit dem Ziel, Know-how aus Österreich für die Landwirtschaft und die Nutzung erneuerbarer Energien in Afrika mitzunehmen. Da habe ich mit meinem elterlichen Betrieb, den wir damals gerade energieautark gemacht haben, mitgewirkt. Das Ziel war, dass Expertinnen und Experten aus Afrika in Österreich Erfahrungen sammeln, die sie in ihren Heimatländern umsetzen können. Einer der Teilnehmer, Raphael Ndolo aus Kenia, war bei der Planung einer Photovoltaikanlage und bei der Montage einer Hackschnitzelheizung, die wir mit einer Solaranlage gekoppelt haben, als Praktikant dabei.

Börsen-Kurier: Diese interkulturelle Begegnung erwies sich als sehr fruchtbar für beide Seiten.
Neuwirth: Absolut! Raphael und andere Teilnehmer konnten zahlreiche Erkenntnisse aus der Zeit in Österreich mitnehmen und umsetzen. Wir sind während seines Aufenthalts in Oberösterreichs Freunde geworden. Ich habe ihm unsere Kultur nahegebracht und war mit ihm im Salzkammergut wandern.

Börsen-Kurier: Welche Erfahrungen aus Österreich konnte Herr Ndolo in seiner Heimat Kenia in die Tat umsetzen?
Neuwirth: Bei meinem selbst finanzierten Besuch 2016 bei Raphael und seiner fünfköpfigen Familie in Nairobi konnte ich mich selbst davon überzeugen. Im landwirtschaftlichen Betrieb der Familie außerhalb Nairobis hielt die erneuerbare Energie Einzug. Es war eine Freude zu sehen, dass er vieles von dem was er im Rahmen des Bildungsprojekts von Oikocredit in Österreich gelernt hatte, in die Praxis umsetzen konnte. Zum Beispiel bezieht er den Strom für die Beleuchtung aus einem Photovoltaik-Modul. Auch die Idee einer kleinstrukturierten Landwirtschaft mit mehreren Standbeinen, wie Kaninchenzucht und Bio-Gemüse, sowie den Vertrieb seiner Produkte an kleine Händler gehören zu den aus Österreich mitgenommen Repertoire.

Börsen-Kurier: Ideen, die sich einer Entwicklungszusammenarbeit verdanken, die nicht mit Spenden, sondern mithilfe breitgestreuter „Impact Investments“ finanziert wird. Glauben Sie, dass Anlageformen nachhaltiger und sozialer Geldanlage in Zukunft eine größere Rolle spielen werden?
Neuwirth: Meiner Meinung nach, dürfte es in Zukunft nur noch Anlageformen geben, die zugunsten einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung eingesetzt werden. Sogenanntes „Greenwashing“ diverser Organisationen lehne ich ab.

Weiter Informationen finden Sie unter www.oikocredit.at.

Foto: ib:neuwirth

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Stille Wasser sind tief – ruhiger Aktienmarkt mit drei Fragezeichen

Die Aktienkurse sind seit Monaten überraschend stabil und die Bullen behalten weiter die Oberhand. Dennoch sind unter der Oberfläche drei wesentliche Entwicklungen zu beachten, analysiert Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich AG, in seinem Marktkommentar. Allen voran das Weltwirtschaftswachstum, das nach der Erholung der letzten Monate nun einen Gang zurückschaltet.

(08.09.) An den Aktienmärkten ist es außerordentlich ruhig. Sowohl in den USA als auch in Europa bewegen sich die Volatilitätsindizes auf sehr niedrigem Niveau. Der S&P 500 Index hat beispielsweise in den letzten zehn Monaten keinen Rückgang verzeichnet, der auch nur fünf Prozent erreicht hat. Der Kurs bewegte sich entweder schnurgerade nach oben oder eher seitwärts, aber eine richtige Korrektur hat nie stattgefunden. Solche Perioden sind sehr selten. Der Status quo zeigt, dass nach wie vor viel Kraft und Momentum in dieser Bewegung stecken. Denn sobald die Kurse nur ein wenig nach unten gehen, besteht sofort wieder Interesse, nachzukaufen und Positionen zu erhöhen. Es gibt scheinbar immer noch genügend Investoren, die nicht voll investiert sind und an der Seitenlinie auf solche Gelegenheiten warten.

Höhepunkt des Wirtschaftswachstums

Auch wenn es an den Börsen ruhig ist, bewegt sich unter der Oberfläche einiges, das es zu beachten gilt. Zum ersten ist die Entwicklung des Wirtschaftswachstums maßgeblich. Wir sehen eine nachlassende Dynamik in den USA, aber auch in den Emerging Markets. In Europa wird wahrscheinlich im dritten Quartal der Zenit der Wirtschaftserholung erreicht. Das Beste liegt dann wohl hinter uns. Das ist nicht alarmierend, sondern signalisiert lediglich, dass der Höhepunkt der Erholung überschritten ist. Die gute Nachricht ist, dass das überdurchschnittliche Wachstum – wenn auch auf niedrigerem Niveau – bis Mitte 2022 anhält. Das ist für Aktieninvestoren beruhigend: Gröbere Aktienbaissen hat es in der Vergangenheit nur gegeben, wenn die Wirtschaft eine Rezession durchlaufen hat.

Der zweite wichtige Aspekt ist die Reaktion der Notenbanken auf die Wirtschaftsentwicklung. Der Blick ist vor allem auf die US-amerikanische Notenbank Fed gerichtet. Nachdem Anleihen in rauen Mengen gekauft wurden, stellt sich nun die Frage, wann die Anleihenkäufe zurückgefahren werden. Hier spielt auch das Thema Inflation mit. Wenn wir nur ungefähr auf dem prognostizierten Pfad bleiben, nähern sich die Inflationsraten auch bei einer mehrjährigen Durchschnittsbetrachtung der Zielmarke von zwei Prozent, die die amerikanische Notenbank festgelegt hat. Damit wäre eine wichtige Voraussetzung für eine weniger expansive Geldpolitik erfüllt. Nun ist entscheidend, wann die US-Notenbank glaubt, dass auch die wirtschaftliche Erholung kräftig genug ist, um wieder in Richtung Normalisierung zu gehen. Wie der Fed-Sitzung im Juli zu entnehmen war und wie Fed-Chef Jerome Powell beim virtuellen Zentralbanktreffen in Jackson Hole im August bekräftigte, ist eine erste Reduktion der Anleihenkäufe noch in diesem Jahr realistisch. Nach dieser Rechnung könnten die Käufe dann im dritten Quartal 2022 eingestellt werden und die Zinserhöhungen 2023 beginnen.

Zusammenhang zwischen Durchimpfungsrate und Restriktionen
Drittens ist die Ausbreitung der Delta-Variante weiterhin ein Risikofaktor, der beachtet werden muss. Sorgen über wirtschaftliche Einschränkungen bestehen weiterhin und die enormen Lieferengpässe bremsen die Produktion in der Industrie. Die Situation ist aber nicht überall gleich. In der EU, wo bereits 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft sind,[1] rechnen wir nicht mit harten Restriktionen, die die Erholung gefährden. Damit dürfte die Eurozone sich als widerstandsfähiger erweisen als andere Regionen. Auch in den USA ist die aktuelle konjunkturelle Verlangsamung nur zum Teil auf die hochansteckende Delta-Variante zurückzuführen. Versorgungsengpässe und steigenden Preise spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle.

Aktien: Fortgeschrittene Bewertungen, aber alternativlos

Im aktuellen Umfeld bleiben Aktien die bevorzugte Anlageklasse. Die Bewertungen sind recht hoch, was aber aufgrund der hohen Gewinnsteigerungsraten der Unternehmen auch berechtigt ist. Attraktive Alternativen sind kaum vorhanden. Während im Frühjahr die zyklische Erholung der globalen Wirtschaft für steigende Inflationserwartungen und damit höhere Anleiherenditen gesorgt hat, hat sich diese Bewegung zuletzt wieder umgekehrt – die Renditen in dieser Assetklasse sind mittelfristig zu tief. Daher bleibt die Zürcher Kantonalbank Österreich AG bei Aktien weiterhin übergewichtet und belässt den Fokus hierbei auf den Industrienationen. Emerging Markets und der pazifische Raum bleiben untergewichtet.

Foto: Zürcher Kantonalbank Österreich AG

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Aufflammender Nikkei-Index

Stimulus-Erwartungen und Auslandskäufe führen zu weiterem Aktienschub.

Roman Steinbauer. Seit Mitte August übertrumpft Japans führender Aktienindex erneut die entwickelten Märkte des asiatisch-pazifischen Raums. Diese Charakteristik des Nikkei 225 war bereits im Frühjahr zu beobachten. Zwischendurch wurde der Aufwärtstrend von einer Korrektur unterbrochen, die das 225 Titel umfassende Leitregister um 10 % abbröckeln ließ. Doch Nippons relevanteste Aktien-Messlatte legte jüngst binnen 14 Handelstagen um 10 % zu, um erneut die Spitzenmarke anzugreifen – ein seit 30 Jahren (Ende der japanischen Immobilienblase) nicht mehr gesehenes Niveau. Kauffantasie wurde in der Vorwoche vor allem durch die unerwartete Rücktrittsankündigung von Japans Premier Yoshihide Suga geschürt, dessen Umfragewerte zuletzt rapide abnahmen. Vom Nachfolger werden nun weitgehendere Stimulus-Maßnahmen erwartet. Einhergehend damit wurde der japanische Yen gegenüber dem Euro und dem US-Dollar um 2 % gedrückt – was stets gut für Titel von Exporteuren ist.

Dennoch hinken Japans prominenteste Aktien heuer dem US-Pendant S&P 500 (+21 %) hinter-her. Interessant dazu die Betrachtung der Höhe ausländischer Investments in japanische Valoren: Wie das Tokioter Finanzministerium veröffentlichte, ist eine klare Zunahme zu erkennen. So ist nach Schüben bis Mai wiederum ein wöchentlich ausgeprägter Kaufüberhang von zuletzt umgerechnet 3,24 Mrd Euro auszumachen. An vorderster Front profitierten Papiere wie Alps Alpine (ISIN: JP3126400005), Bridgestone (JP3830800003), Canon (JP3242800005) oder Denso (JP3551500006). Nach Angaben des Hongkonger Analyse- und Datenlieferanten CEIC Data steht das KGV des Nikkei aktuell bei 32. Die hohe Bewertung verschreckte Investoren historisch allerdings schon oft zu früh.

Ungetrübtes Vertrauen in die Rahmenbedingungen
In der Vorwoche dominierten positive Datensignale. Neben starken Einzelhandelszahlen für Juli, die mit 2,4 % über den Schätzungen (2,1 %) lagen, übertraf das BIP-Wachstum für das 2. Quartal mit +1,9 % zum Vorjahreszeitraum die Erwartungen klar (1,6 %). Enttäuschend blieben für den Berichtszeitraum bloß die Ausgaben der privaten Haushalte, die mit +0,7 % nicht an Fahrt gewannen wie erhofft. Auch der Indikator des Haushaltsvertrauens begann mit 36,7 Punkten nach dem starken Wert im Juli (37,5) etwas zu hängen. Einmal mehr beeindruckt aber der neu veröffentlichte Stand an Devisenreserven. Mit 1,42 Bio USD (1,21 Bio Euro) macht dieser monetäre Polster verständlich, weshalb der japanische Yen immer noch die Funktion einer Fluchtwährung in der Krise übernimmt. Passend zu diesem Umstand bekam das Inselreich kürzlich langlaufende, 30-jährige Anleihen um 0,66 % am Markt unter.

Zwar ist es Deutschland (0,12 %) und Österreich (0,34 %) möglich, sich durch stützende Bond-Ankäufe der EZB noch günstiger zu refinanzieren, doch gilt Japan davon abgesehen als geographisch und politisch weitgehend autark.

Ende der deflationären Gehaltsspirale
Auch in Fernost ziehen die Arbeitnehmerlöhne aber bereits an. Die vom Arbeitsministerium publizierten +1 % für Juli (gegenüber dem Vorjahr) erscheinen mager, zeigen für japanische Verhältnisse aber eine Trendwende auf. In den vergangenen zwei Jahren sanken diese teilweise um bis zu 3 %. Mit Ausbruch der Gesundheitskrise zog die Arbeitslosenrate in der Spitze auf 3,15 % (2,2 % noch im Jänner 2020) an. Für Europäer liest sich selbst das wie eine irreale Wunschquote. Doch ist zu bedenken, dass es in Japan kaum einen Gastarbeiteranteil gibt und Beschäftigungslose aller Arbeitsfähigen ermittelt werden.

Foto: AdobeStock / eyetronic

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Blackout jederzeit möglich

Wie sich Unternehmen darauf vorbereiten können und was Versicherungen leisten würden.

Marius Perger. Ein möglicher Blackout, die Vorbereitung darauf und die Rolle von Versicherungen bei solchen Ereignissen waren Thema des Vortrags von Johannes Vogl beim Risikotag des Versicherungsmaklers Greco International AG in der Vorwoche.

Vogl ist General Manager bei der Greco Risk Engineering GmbH, einer Gesellschaft, die Industrieunternehmen im Bereich operationeller Risiken berät.

Am 8. Jänner dieses Jahres hat es im europäischen Stromsystem einen schwerwiegenden Zwischenfall gegeben; eine Verkettung mehrerer Ereignisse hat zu einer Netzauftrennung und in der Folge zu einem Anstieg der Frequenz in Südosteuropa und einem Frequenzabfall im übrigen Europa geführt.

Dank der Aktivierung automatischer Schutzmechanismen und manueller Maßnahmen habe nach knapp einer Stunde wieder Normalbetrieb geherrscht. Ein Blackout konnte damit verhindert werden. Doch kleinere solche Ereignisse gebe es laufend, so Vogl.

Versorgung vielleicht Monate lang gestört
Unter Blackout sei ein plötzlicher, überregionaler und weite Teile Europas betreffender, länger dauernder Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall zu verstehen, bei dem keine Hilfe von außen möglich ist, erklärt Vogl.

Ursache für einen Blackout könne insbesondere eine unzureichende Netzstabilität sein; aber auch Cyberattacken, Terroranschläge, Naturkatastrophen oder menschliches Versagen könnten zu einem Blackout führen. Dabei käme es durch einen Stromausfall für mehrere Stunden zum totalen Stillstand. Mehrere Tage nach dem Stromausfall würde es keine Telekommunikation geben, das Wiederhochfahren der Infrastrukturen und die Wiederherstellung der Versorgung können „Wochen und Monate“ dauern.

Neben der Telekommunikation wären auch Wasser- und Treibstoffversorgung, Verkehrsleitsysteme, Heizungs- und Klimaanlagen oder Computersysteme für unbestimmte Zeit nicht verfügbar. Für Unternehmen seien signifikante wirtschaftliche Schäden durch Betriebsunterbrechungen zu erwarten.

Ein wahrscheinliches Ereignis
In seiner sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2021 hat das Österreichische Bundesheer einen Blackout als Gefährdung des Gesamtsystems und seinen Eintritt als „wahrscheinlich“ bezeichnet.

Damit handle es sich um ein „Extremereignis“, das zu einer Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit führen würde, die eine Überforderung der zivilen Organisationen und einen Assistenzeinsatz des Bundesheeres zur Folge haben könnte.

Vor allem die Energiewende mit ihrer Vielzahl kleinerer Kraftwerke, die weniger leicht gesteuert werden können als wenige große, mache einen Blackout wahrscheinlicher, sagt Vogl. Experten würden damit rechnen, dass es in den nächsten fünf Jahren zu einem solchen Ereignis kommen wird.

Risikomanagement
Weil es sich bei einem Blackout um ein Risiko handle, das von außen auf das Unternehmen einwirkt, sei es nur möglich, Schutzmaßnahmen zu ergreifen und vorbereitet zu sein; entscheidend sei es, die eigene Risikoexponierung zu kennen.

Nötig sei es, kritische Prozesse und Ressourcen zu identifizieren, Absicherungsmaßnahmen für Anlagen zu definieren, die externe und interne Kommunikation sicherzustellen, auch wenn alles offline ist, sowie für Bewusstseinsbildung bei den Mitarbeitern zu sorgen. Und schließlich müsse es ein Wiederanlaufkonzept geben.

Als Risiko der höheren Gewalt sei ein Blackout zwar grundsätzlich nicht versicherbar. Möglich sei allerdings die Deckung von Folgeschäden eines Blackouts im Rahmen einer Flexa-Versicherung (Fire, Lithtning, Explosion, Air-craft), betont Vogl.

Er empfiehlt einen Check der aktuellen Versicherungsverträge, wobei besonders auf spezielle Ausschlüsse in den Verträgen geachtet werden sollte. Möglich sei es auch, mit dem Versicherer spezielle Einschlüsse zu verhandeln; viel hänge dabei von der Risikoqualität des Unternehmens ab.

Foto: Pixabay / Free-Photos

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

(K)ein Land der Onlineversicherung?

Stimulus-Erwartungen und Auslandskäufe führen zu weiterem Aktienschub.

Emanuel Lampert. Wenn es um den Onlinevertrieb von Versicherungen geht, fällt einem gern als erstes Großbritannien ein. Dort hat sich das Internet als ein wesentlicher Verkaufskanal etabliert. Christopher Sandilands, sowohl Brite als auch Österreicher, ist Mitgründer von Oxbow Partners, einer auf Versicherungen spezialisierten Unternehmensberatung mit Sitz in London. Bei einem Experten zeichnete er nach, wie sich der englische Markt „massiv verändert“ hat.

1985 habe „Direct Line“ mit dem Verkauf via Callcenter den Auftakt gemacht. Zu Beginn der 2000er sei der Onlinevertrieb aufgekommen. Dessen Anteil am Neugeschäft in der Kfz-Versicherung sei von 2001 rund 10 % rasch auf 2005 rund 40 % gestiegen, danach aber wieder deutlich gesunken. Warum?

Siegeszug der Vergleichsportale
Sandilands Antwort: Preisvergleichsportale kamen auf und nahmen den Direktanbietern Marktanteile ab. Inzwischen nutzten 73 % der Versicherungsnehmer für Neuabschlüsse in der Kfz-Versicherung ein Portal, in der Haushaltsversicherung 59 %. Heute werde der englische Markt von vier großen Portalen dominiert.

Warum funktionieren Preisvergleichsplattformen in England so gut? Sandilands zeigte ein Diagramm, wonach knapp 40 % ihren jetzigen Kfz-Versicherungsanbieter wegen des „billigsten“, gut ein Viertel wegen des „billigeren“ Angebots gewählt haben, nur 15 % wegen der Konditionen.

England zeige, dass Disruption im Versicherungsmarkt stattfinden könne – und Österreich sei da kein Sonderfall, lautet seine Hypothese. Die Frage sei nicht, ob, sondern wie und wann Veränderung stattfindet. Dass die Kunden lieber das direkte Gespräch mit Beratern suchen, als online abzuschließen, glaubt Sandilands nicht. Er glaubt vielmehr: Sobald es ein entsprechend gutes Angebot gibt, werden es die Kunden nutzen. In anderen Industrien gebe es dafür viele Beispiele.

Kein Drang zum Onlinekauf
Derweil fristen Onlineversicherungsabschlüsse in Österreich allerdings ein Schattendasein. In bundesweiten Umfragen des Marktforschungsinstitutes Telemark Marketing, durchgeführt jeweils im ersten Quartal, gaben 2018 nur 7,1 % an, schon einmal online eine Versicherung abgeschlossen zu haben. 2019 waren es 7,8 % und 2020 7,9 %. Selbst in der Pandemie stieg der Anteil nur geringfügig auf 8,7 %.

Von den maklerversicherten Kunden können sich 19 % einen Onlineabschluss vorstellen, sagte Robert Sobotka, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts. Das Interesse hängt allerdings stark von der Sparte ab. Tendenziell bezieht es sich eher etwa auf Reise- oder Fahrradversicherungen, sehr viel weniger auf beratungsintensive Sparten wie Lebens-, Kranken- oder auch Eigenheimversicherung.

Sobotka betonte auch den Wert der persönlichen Beratung: „Es gibt schon einen Grund, warum man mit seinen Kunden mehr reden soll.“ Aus Untersuchungen zur Weiterempfehlungsbereitschaft gehe hervor, dass sie dort größer sei, wo Beratungsgespräche stattfinden.

Aus der Perspektive der Versicherungsmakler sagte Fachverbandsobmann Christoph Berghammer, gesetzliche Vorgaben wie der „Wunsch- und Bedürfnis-Test“ ließen sich wohl digital abbilden, „aber genau der letzte Punkt, der dann den Makler ausmacht, der geht digital nicht“. Der Makler sei nämlich zum „best advice“, zur Vermittlung des im Einzelfall bestmöglichen Versicherungsschutzes, verpflichtet. Für den Makler bedeute dies, mit dem Kunden das Gespräch zu führen.

Foto: Pixabay /Tumiso

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Neuer Höhepunkt des Übernahmefiebers

Günstige Finanzierungsbedingungen und die hohe Liquidität befeuern eine Welle an Aufkäufen.

Roman Steinbauer. Die weltweiten Übernahme- und Fusionsaktivitäten erreichten bereits bisher neue Rekordstände. Ein historisch niedriges Zinsniveau sowie weiter anziehende Aktienkurse beschleunigen diesen Trend weiter. Laut dem New Yorker Wirtschaftsdatendienst Refinitiv wurde soeben die Vorjahresmarke von 3,02 Bio Euro an verkündeten, ausstehenden und vollendeten Übernahmevereinbarungen überschritten. Die Anzahl der Deals zog 2021 bisher um 24 % auf über 3,06 Bio Euro an. Dabei stechen die Vereinigten Staaten mit einem Übernahmevolumen von umgerechnet 1,80 Bio Euro hervor. Europäische Unternehmen agierten mit bisher 552 Mrd Euro gemächlicher, ebenso hielten sich im Gegensatz dazu Gesellschaften aus der Asien-Pazifik-Region (520 Mrd Euro) zurück. Derzeit scheint kein Ende der Aufkäufe absehbar. Großunternehmen wie Beteiligungsgesellschaften sitzen auf einem hohen Bargeldbestand. Zusätzlich sind viele Firmen gefordert, nach den Lockdowns und dem veränderten Käufer- bzw. Nutzerverhalten ihre Geschäftsmodelle anzupassen oder neu auszurichten.

Was die Branchen im Einzelnen angeht: Im Umfeld der Erneuerbaren Energien ist eine Verdoppelung der Aktivitäten auf 15,12 Mrd Euro wahrzunehmen. Der Einzelhandel und die Touristik fallen hingegen dieses Jahr weiter in der M&A-Gewichtung gegenüber Technologie und Gesundheit zurück. Als Käufer treten zunehmend Blankoscheck-Gesellschaften (für Übernahmetätigkeiten gegründet) oder SPACs (Zweckunternehmen, Mantelgesellschaften) auf. Zielobjekte sind vor allem Akteure der digitalen Welt mit eigenen Plattformen.

Großfusion in der Medienbranche
Die größte Übernahme wurde heuer bisher im Mediensektor verkündet. Durch die Verschmelzung des Mediengeschäfts des US-Telekommunikationsriesen AT&T (Warner Media) mit dem Wettbewerber Discovery wurde ein Volumen von 101 Mrd Euro bewegt. Unter dem Dach von Warner Media befinden sich neben Filmstudios Nachrichtenkanäle wie Eurosport, CNN, HGTV, Food Network oder der Bezahlsender HBO.

Baxter Intl. (ISIN: US0718131099) kommt unterdessen dem Ziel, beim US-Unternehmen Hill-Rom (US4314751029) das Ruder zu übernehmen, näher. So bietet der Pharmakoloss dem Medizintechnik-Spezialisten aus Chicago 8,9 Mrd Euro oder 156 USD je Aktie. Ein Angebot, das die Aktionäre des Herstellers von Patientenüberwachungssystemen, Krankenbetten und OP-Tischen nicht kalt lässt, nachdem eine niedrigere Offerte vor zwei Monaten nicht akzeptiert wurde.

Angetrieben durch das Medizin- und Technologiesegment
Der französische Sanofi zielt offenbar erfolgreich auf die Integration von Translate Bio (US89374L1044) ab. Für die auf mRNA-Impfstoffe fokussierte US-Gesellschaft werden 38 USD je Aktie und somit 2,7 Mrd Euro geboten. Dieser satte Aufschlag um beinahe ein Drittel gegenüber vorlaufenden Bewertungen löste bei den Alt-Aktionären aber keine Gegenwehr aus. Die Umsetzung wird bis Oktober erwartet.

Widerstand erfährt derzeit der US-Halbleiterhersteller Nvidia (US67066G1040) mit der beabsichtigten Übernahme des britischen Chip-Designers Arm (Tochterunternehmen von Softbank, JP3436100006). Die Regierung in London brachte nun die Skepsis zur „Nationalen Sicherheit“ ins Spiel.

Die Schweizer Tecan (Vertrieb von Laborinstrumenten und Automatisierungslösungen für die Bereiche Biopharma, Forensik und Klinische Diagnostik, CH0012100191) hat hingegen den Erwerb des kalifornischen Medizingeräteherstellers Paramit um 920 Mio CHF (846 Mio Euro) abgeschlossen.

Foto: Pixabay / geralt

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Im Dschungel der „grünen“ Anleihen

Einheitliche Standards und Transparenzvorschriften sowie externe Überprüfungen fehlen.

Red. Der jüngst veröffentlichte Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) über den bedrohlichen Zustand des globalen Klimas rüttelt auf. Auch die Finanzwelt will ihren Beitrag zu einer besseren Umwelt, mehr Nachhaltigkeit und mehr sozialer Verantwortung leisten. „ESG“-Produkte, die ökologische (environmental), soziale (social) und die Unternehmensführung (governance) betreffende Kriterien berücksichtigen, sind im Aktienbereich bereits etabliert. Nun wächst auch das Angebot an nachhaltigen Anleihen rasant, allerdings mit einer ebenso großen Vielfalt an Ausprägungen, stellen die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar fest. Diese Anleihen werden in der Regel für Einzelprojekte zur Verbesserung der Nachhaltigkeit emittiert.

Immer breitere Auswahl
Die Ratingagentur Moody‘s erwartet für heuer bei nachhaltigen Emissionen insgesamt ein Wachstum von mehr als 30 %. Nachhaltige Anleihen wurden bisher hauptsächlich von der Finanz- und Immobilienbranche, von Versorgern und von der Branche der erneuerbaren Energien emittiert. Zuletzt hat sich das Spektrum der Emittenten ausgeweitet. Dank neuer Anleihen-Konstruktionen umfasst es inzwischen nahezu alle Branchen und Staaten. Nach Ansicht der Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking können nachhaltige Anleihen zu einer realen Verbesserung in ökologischer und sozialer Sicht sowie auf Unternehmensebene beitragen.

Investoren müssen sich auf das Unternehmen verlassen, wenn sie nicht aufwendig prüfen wollen, ob eine Anleihe auch wirklich nachhaltig ist, so die Veranlagungsexperten. So können sich zum Beispiel Emittenten bei Nichterreichen der selbst gesetzten Treibhausgasreduktions-Ziele über den Erwerb von CO2-Zertifikaten freikaufen oder sie setzen das Geld der Investoren nicht oder nicht ausschließlich für die beschriebenen Projekte ein. Es ist fraglich, ob zum Beispiel eine grüne Anleihe, die der Effizienzsteigerung einer Raffinerie oder der Modernisierung eines Kohlekraftwerks dient, wirklich nachhaltig ist.

„Einheitliche Kriterien wären sinnvoll“
Hat ein Investor konkrete Vorstellungen, dann kann er mittlerweile zwischen zahlreichen Produkten, deren Kriterien er mit seinem persönlichen Nachhaltigkeitsempfinden abstimmen kann, wählen. Schließlich ist dieses individuell. So ist etwa für den einen Investor Atomkraft nicht nachhaltig, für den anderen vielleicht schon. Eine Vereinheitlichung der Standards, einheitliche Transparenzvorschriften und eine externe Überprüfung würden zu einer deutlichen Qualitätsverbesserung führen und somit auch einen stärkeren ESG-Impact bewirken, so die Experten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking. Sowohl für professionelle als auch für private Investoren wäre dies eine Erleichterung. Die Nachfrage nach nachhaltigen Anleihen und anderen Finanzprodukten würde mit allgemein gültigen Standards vermutlich noch weiter steigen.

Ansätze wie bei Aktien
Die EU setzte bereits einen ersten Schritt und erließ Offenlegungspflichten für Finanzprodukte, die als ökologisch oder nachhaltig vermarktet werden sollen. Aller-dings wurden noch keine konkreten Kriterien verankert, die den Nachhaltigkeits-Dschungel vereinheitlichen und damit transparenter machen würden. Die angewandten Kriterien sind ebenso vielfältig wie die Ansätze, was nachhaltige Produkte nur schwer vergleichbar macht. Im Aktienbereich gibt es beispielsweise Ansätze mit Ausschlusskriterien (Ausschluss bestimmter Branchen wie z. B. Atomkraft), ESG-Integration (Einbeziehen von ESG-Risiken in der Veranlagung) oder Best in Class-Ansätze (Vergleich der ESG-Charakteristik von Unternehmen), aber auch Kombinationen aus verschiedenen Ansätzen. Zunehmend kommen bei nachhaltigen Anleihen und Anleihefonds bzw. ETFs verstärkt ähnliche Ansätze wie bei Aktien zum Einsatz. Erfüllen Unternehmen die Vorgaben, können deren Anleihen in nachhaltigen Produkten eingesetzt werden. Der Vorteil für den Anleger: Er kann unter Berücksichtigung nachhaltiger Kriterien in unterschiedliche Branchen investieren.

Die Produkte
Bei Anleihen haben sich zuletzt einige Produkte etabliert, die sich nicht über den Emittenten, sondern über die Ausgestaltung des Wertpapiers definieren und somit dem Anleger eine gute Orientierung bieten können.

Zu den bekanntesten nachhaltigen Anleihen zählen Green Bonds, deren Emissionserlös der Finanzierung von Projekten mit ökologischem Nutzen, etwa einer Solaranlage, dienen. Die ICMA (International Capital Market Association) hat für Green Bonds Empfehlungen veröffentlicht, die einen Qualitätsstandard definieren. Kernpunkte sind die Mittelverwendung, der Prozess der Projektbewertung und -auswahl, die Verwaltung der Erlöse und das Reporting – insbesondere in Bezug auf die ökologischen Auswirkungen. Zudem wird empfohlen, die Einhaltung dieser Punkte durch externe Begutachter zu überprüfen. Um verpflichtende Vorgaben handelt es sich dabei aber nicht und auch konkrete Investitionsziele wurden nicht definiert.

Social Bonds ähneln den Green Bonds und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Ihre Emissionserlöse dienen dem gesellschaftlichen Nutzen, etwa Infrastrukturprojekten, Krankenhäusern oder Bildungsprojekten.

Sustainability Bonds sollen Projekte finanzieren, die sowohl einen gesellschaftlichen als auch einen ökologischen Nutzen haben. Auch für diese beiden Arten gibt es vergleichbare Empfehlungen der ICMA.

Weniger bekannt sind bisher Sustainability-Linked Bonds oder KPI-gebundene Anleihen (Key Performance Indicators). Deren Erlös ist nicht an ein spezifisches Projekt gebunden, sondern dient dem allgemeinen Finanzierungsbedarf des Unternehmens und wird an übergeordnete Kriterien geknüpft, die umwelt- oder gesellschaftsrelevante Auswirkungen haben. So soll die Verbesserung der Nachhaltigkeit des gesamten Unternehmens erreicht werden. Dies eröffnet auch Unternehmen, deren Geschäftsfeld als wenig ökologisch oder sozial gilt, die Möglichkeit, nachhaltige Anleihen zu emittieren. Beispiele lieferten etwa der italienische Energiekonzern Enel (ISIN: IT0003128367), der sich mit einer solchen Anleihe zu einer genau definierten Treibhausgasreduktion verpflichtete, oder das Schweizer Biotechnologie- und Pharmaunternehmen Novartis (CH0012005267), das unter anderem doppelt so vielen Patienten aus ärmeren Ländern Zugang zu innovativen Therapien ermöglichen will. Wenn Enel, Novartis und Co. mit ihren versprochenen Zielen scheitern, drohen als Konsequenzen ein höherer Kupon und in weiterer Folge eine Beeinträchtigung ihrer Reputation und unter Umständen teurere Refinanzierungsbedingungen.

Foto: AdobeStock / alexmillos

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Krisen als Charaktertest für Werteverständnis einer Firma

ESG-Qualitätsniveau eines Unternehmens hat Auswirkungen auf dessen Zukunftsfähigkeit.

Sébastien Thévoux-Chabuel, ESG-Analyst bei Comgest. Die Pandemie hat gezeigt, wie unterschiedlich Unternehmen auf unerwartete ESG-Risiken und -Chancen reagieren: Welcher Interessensgruppe sie dabei Vorrang einräumten, zeigte sich daran, ob und inwieweit sie die Arbeitsplätze und Löhne mit oder ohne staatliche Hilfe sicherten sowie andere Maßnahmen ergriffen, um ihre Mitarbeiter vor gesundheitlichen Gefahren zu schützen, wie sie ihre Mitarbeiter an Entscheidungen beteiligten, die diese unmittelbar betrafen, wie sie die Lieferanten und Kunden durch kulante und individuelle Zahlungsvereinbarungen unterstützten oder wie sie finanzielle Opfer seitens der Geschäftsführung, leitender Angestellter und der Aktionäre einforderten, anstatt die gesamte Belegschaft in Mitleidenschaft zu ziehen.

In dieser Analyse ist es nicht unser Ziel, die Unternehmensreaktionen als „richtig“ oder „falsch“ zu beurteilen. Schließlich hatte jedes Unternehmen unterschiedliche Gründe für seine Entscheidungen, wie die kontroversen Diskussionen um die Dividendenpolitik deutlich machen.

Keine Kündigungen in der Pandemie
LVMH (ISIN: FR0000121014) und Unilever (US9047677045) etwa reagierten, abgesehen von ihrer Dividendenpolitik, in sehr ähnlicher Weise auf die Pandemie. So waren beide Unternehmen darauf bedacht, auf Mitarbeiterkündigungen zu verzichten, keine staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen und durch Spenden und eigenes Engagement, etwa durch Produktionsumstellung, auch noch einen Beitrag zur Bewältigung der Krise zu leisten.

Ein weiteres Beispiel ist Orpéa (FR0000184798), Europas führender Betreiber von Seniorenpflegeheimen. Während der Krise stand die Branche wie kaum eine andere unter der Beobachtung der Öffentlichkeit und in einigen Pflegeheimen legten Beschäftigte wegen Covid-19 die Arbeit nieder. Orpéa versorgte dagegen seine Mitarbeiter in Windeseile mit Schutzausrüstung und zahlte ihnen eine Sonderzulage. Dafür stellte das Unternehmen ein Fünftel des im Geschäftsjahr 2019 erwirtschafteten Reingewinns bereit. Mit diesen Maßnahmen sicherte es sich die Loyalität seiner Mitarbeiter und das Pflegeniveau in seinen Einrichtungen.

Führung verzichtet auf Gehalt
Mit ähnlichen Initiativen half auch der weltweit zweitgrößte Brauereikonzern Heineken (NL0000009165) seinen Kunden. So erließ der Konzern in einigen Fällen Gastwirten Mietzahlungen und bezahlte seine Lieferanten trotz Arbeitsausfall weiter. Gleichzeitig verzichteten die Führungskräfte von März bis Dezember 2020 auf 20 % ihres Gehalts, während das Unternehmen selbst 23 Mio Euro zur Unterstützung von medizinischem Personal spendete. Wie bereits in den Jahren 2008 und 2009 war Heineken einer der Letzten in der Branche, die auf die Kostenbremse traten. Das spiegelt nicht nur Heinekens Einstellung gegenüber seinen Mitarbeitern wider, sondern auch seine langfristige Herangehensweise an die Entwicklung der Marke. Schließlich unterstützte der Einzelhandelskonzern seine Mitarbeiter finanziell, indem er den Jahresbonus um 5 % anhob.

Fairer Umgang mit Lieferanten
Effiziente Lieferketten haben auch für den Einzelhändler Jéronimo Martins (PTJMT0AE0001) einen hohen Stellenwert und erheblichen Anteil an seinem Wettbewerbsvorteil. Das Unternehmen ist für seinen fairen Umgang mit Lieferanten bekannt, den diese wiederum mit Treue belohnen. Als Jéronimo Martins 2013 nach Kolumbien expandierte, flogen Mitarbeiter seiner polnischen Lieferanten nach Lateinamerika, um die Unternehmen vor Ort beim Aufbau effizienter Lieferketten zu unterstützen. Auch während der Pandemie behielt das Unternehmen den fairen Umgang mit seinen Zulieferern bei, denen es in der Krise Überbrückungskredite anbot. Man kann davon ausgehen, dass dieses Verhalten die Loyalität der Lieferanten weiter verstärken wird, wodurch es dem Unternehmen auch in Zukunft gelingen sollte, seinen Kostenvorteil zu behaupten.

Mitarbeiter direkt unterstützt
Einigen Unternehmen fiel dabei die Unterstützung ihrer Interessensgruppen deutlich leichter als anderen. Der italienische Automobilhersteller Ferrari (NL0011585146) ergriff ein ganzes Maßnahmenbündel, um seinen Mitarbeitern trotz zeitweiliger Produktionsunterbrechung unter die Arme zu greifen, was sich der finanzstarke Hersteller von Luxusautos wohl auch leisten konnte. Für Amadeus, dessen Umsatz in Folge der Krise um 70 % einbrach, galt das nicht in gleichem Maße. Doch auch hier versuchte die Geschäftsführung Entlassungen zu vermeiden, indem sie unbezahlten Urlaub anbot. Andere Unternehmen wie die US-amerikanische Großhandelskette Costco (US22160K1051) stellten sogar die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und Kunden über ihren eigenen betrieblichen Nutzen. Dafür führte der Konzern viele Maßnahmen ein, die später von Wettbewerbern kopiert wurden. Dazu zählt die Notwendigkeit des Tragens von Mund-Nasen-Schutz-Masken während des Einkaufs oder exklusive Einkaufszeiten für über 60-Jährige und Mitarbeiter im Gesundheitswesen.

Zusammenfassend gilt: Alle Unternehmen mussten in dieser Krise schwierige Entscheidungen zum Umgang mit ihren verschiedenen Interessensgruppen treffen – inklusive der Frage, welche finanziellen Opfer sie dafür bringen wollten. Die Folgen dieser Entscheidungen mögen sich zwar noch nicht in den ESG-Datenbanken widerspiegeln. Aus unserer Sicht werden sie aber Einfluss auf die Fähigkeit der Unternehmen haben, ihren Gewinn nachhaltig zu steigern und ihre ESG-Qualität weiter zu verbessern. Schließlich sagt die Reaktion der Unternehmen einiges darüber aus, wie sehr ihre Geschäftspolitik auf eine verantwortungsbewusste Unternehmensführung nach den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) ausgerichtet ist – ein Maß, an welchem Unternehmen zukünftig wohl immer häufiger gemessen werden dürften.

Foto: Pixabay / HoagyPeterman

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Zertifikate-Strategien für den rauen Börsenherbst

Im DAX wird aufgestockt, die US-Geldpolitik noch heuer gestrafft – das bietet Chancen.

Raja Korinek. Am Freitag, den 3. September, ist es so weit. Da wird das deutsche Leitbarometer, der DAX, von 30 auf 40 Titel aufgestockt. Freilich, dies geschieht unter strengeren Selektionskriterien, als bislang. Künftig zählt die Marktkapitalisierung des Unternehmens und nicht dessen Handelsumsatz. Zudem müssen Unternehmen vor Aufnahme zwei Jahre lang durchgehend profitabel gewesen sein. Als Aufsteiger gelten unter anderem Zalando, Airbus und Siemens Healthineers.

Volker Meinel, Marketing Manager bei der BNP Paribas, meint zum Börsen-Kurier, „der neue DAX 40 könnte sich vorteilhaft für Anleger zeigen. In einer Rückrechnung der Deutschen Börse hätte ein DAX 40 auf drei Jahre im Schnitt 0,2 %punkte mehr Rendite gebracht als der DAX 30.“ Meinel meint, das liege unter anderem daran, dass sich mittelschwer kapitalisierte Unternehmen – und diese stehen nun als Auswahlkandidaten zur Verfügung – tendenziell besser entwickelten als hoch kapitalisierte Werte.

Gehebelte Chancen für Risikobereite
Die Chancen auf die weitere DAX-Entwicklung zu setzen, sind vielfältig. Risikobereitere Anleger können dies gehebelt, etwa mit einem Faktor-Long-Zertifikat, machen. Als Berechnungsgrundlage bei diesen Produkten wird stets der Schlusskurs des Basiswertes vom Vortag herangezogen und die prozentuelle Kursveränderung zum Vortag mit dem Faktor multipliziert. Aus diesem Grund können aber auch größere Verluste entstehen, wenn der Basiswert prozentuell stärker seitwärts schwankt oder fällt.

Ein solches Produkt bietet etwa die Société Générale mit einem Faktor von 2 an (ISIN: DE000SD0UNL2). Wer sich das höhere Risiko zutraut, kann in das Faktor-Long-Zertifikat der BNP Paribas mit einem Faktor von 4 investieren (DE000PF4DAX3).

US-Geldpolitik ebenso im Fokus
Jenseits des Atlantiks steht freilich die Geldpolitik verstärkt im Fokus. Sie könnte noch vor jener in der Eurozone gestrafft werden, da auch die US-Inflation stärker anzieht. Vergangenen Freitag deutete US-Fed-Chef Jerome Powell immerhin ein mögliches Drosseln des umfangreichen Anleihekaufprogramms per Jahresende an. Sollte die lockere Geldpolitik tatsächlich vor jener in der Eurozone beendet werden, dürfte das dem US-Dollar kräftigen Rückenwind verleihen. Denn die Aussicht auf ein höheres Renditeniveau jenseits des Atlantiks lockt jede Menge internationales Kapital an.

Auf einen steigenden US-Dollar zum Euro können Anleger mit einem Turbo-Short-Zertifikat auf den Euro setzen, wie es etwa die UniCredit anbietet (DE000HX45QA3). Der aktuelle Hebel liegt bei 3,19 per 27.8.2021. Um diesen verändert sich der Kurs des Zertifikats im Verhältnis zum Basiswert. Wird aber die Knock-Out-Schwelle von 1,541 Euro berührt oder überschritten, verfällt das Zertifikat.

Für die nächste Krise wappnen
Weil aber Korrekturen an den Aktienmärkten wegen eines nahenden Ende der lockeren Geldpolitik nicht ausgeschlossen sind, können Pessimisten auf so eine Entwicklung ebenso mit Turbo-Short-Zertifikaten setzen. Dieses bietet etwa JP Morgan auf den DAX an (DE000JN0H5G7). Der aktuelle Hebel liegt bei 2,949 per 27.8.2021. Die Knock-Out-Schwelle liegt bei 21.034 Punkten.

Für Anleger, die in Bitcoin eine alternative Krisenwährung zu Gold sehen, gibt es auch etwas. Mit einem Partizipationszertifikat der Bank Vontobel (DE000VQ63TC1) kann auf die Entwicklung der Kryptowährung gesetzt werden.

Foto: AdobeStock / Sergey Nivens

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Aktuelle Chancen und Risiken für Anleger

Die wichtigsten Investmenttipps von Dadat-CEO Ernst Huber.

Julia Kistner. Nicht alles auf ein Pferd setzen, breit diversifizieren, und sich vor allem genauer mit den Unternehmen beschäftigen, in die man investieren möchte, rät Ernst Huber, CEO der Dadat-Direktbank, eines Tochterunternehmens der Grawe-Gruppe. Für Leser des Börsen-Kurier, speziell für die Neo-Aktionäre, hat der Kapitalmarktprofi jede Menge Anlagetipps parat, um sich für Zeiten zu wappnen, in denen die Kurse nicht mehr so munter weitersteigen.

Börsen-Kurier: Neoaktionäre, die nach dem Pandemie-Crash im März 2020 die Gunst der Stunde nutzten, um günstiger in den Börsenhandel einzusteigen, kennen bisher nur eine Richtung an den Kapitalmärkten: nach oben! Welche Tipps können Sie als routinierter Kenner den Einsteigern geben?
Ernst Huber: Jetzt, wo Ernüchterung einkehrt und nicht mehr alles nach oben geht, ist es wichtiger denn je, nicht alles auf ein Pferd zu setzen. Das hat vielleicht in den vergangenen zwölf Monaten so funktioniert: Gerade wenn es um das Thema Digitalisierung gegangen ist, liefen in diesem Bereich die Aktien jedes Unternehmens gut, das halbwegs erfolgreich oder auch neu an die Börse gegangen ist.

Börsen-Kurier: Und das geht nicht so weiter?
Huber: Ich glaube nicht, dass es so weiter geht. Irgendwann müssen sich die Kapitalmärkte wieder normalisieren. Deshalb: Nicht alles auf ein Pferd setzen, breit diversifizieren und sich mit den Unternehmen, in die man investiert, genau beschäftigen: sie analysieren, sich mit ihren Geschäftsmodellen vertraut machen. Können sie damit die großen Erwartungen, die an den Kapitalmärkten schon eingepreist sind, auch tatsächlich erfüllen? Und nicht einfach sagen, das ist jetzt eine spannende Aktie, weil sie mit Digitalisierung zu tun hat, die kaufe ich. Da gehört jetzt schon ein bisserl mehr dazu. Vielleicht ist es auch kein Fehler, hier und dort Gewinne mitzunehmen, nicht voll investiert zu sein und etwas abzuwarten.

Börsen-Kurier: Wie kann ich Neoaktionäre vom Diversifizieren überzeugen, die vor einem Jahr in Tesla investiert haben und 75 % Kursgewinn verbuchen? Dass sie einen Teil der Tesla-Aktien verkaufen und in andere Aktien streuen?
Huber: Wo man investiert sein will, muss zwar jeder für sich beurteilen. Ob es aber realistisch ist, dass jedes dritte gekaufte Auto ein Tesla sein wird, damit die aktuelle Marktkapitalisierung von Tesla auch gerechtfertigt ist, weiß ich nicht. Es ist vor allem auch sehr viel Fantasie in den neuen Unternehmen gewesen, die frisch auf den Markt gekommen sind. Vielleicht ist jetzt wieder einmal die Zeit gekommen, wo auch die Old Economy ein Stück des Weges gehen darf. Auch sie hat sehr viel im Bereich Digitalisierung und E-Autos gemacht. Natürlich ist es schön, bei dem jüngsten Börsenboom gleich zu Beginn dabei gewesen zu sein. Aber irgendwann ist die Entwicklung auch vorbei. Man sollte sich fragen: Wieviel ist mir das hohe Risiko noch wert? Ist es nicht schlauer, hier etwas vorsichtiger und konservativer unterwegs zu sein? Ich würde meinen, ja.

Börsen-Kurier: Viele Neo-Aktionäre haben sich noch nie mit den Bilanzen der Unternehmen befasst, in die sie investiert haben. Nehmen wir wieder das Beispiel Tesla und seine Milliardengewinne. Muss man sich nicht auch anschauen, woher die Gewinne kommen? Bei Tesla sind ja auch die Kryptowährungs-Gewinne und Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Zertifikaten beträchtlich. Die klassischen Autobauer verdienen hingegen mit ihrem Stammgeschäft mehr, weil die Margen bei Verbrennern noch höher sind.
Huber: Da tue ich mir jetzt schwer. Ich habe mir den Milliardengewinn von Tesla nicht im Detail angesehen. Tesla ist eine Wette, ob die großen Erwartungen am Ende des Tages erfüllt werden können und damit den hohen Kurs rechtfertigen. Damit habe ich meine Probleme. Ich würde persönlich eher in konservative, defensivere, gute Werte diversifizieren.

Börsen-Kurier: Natürlich muss man innerhalb der Assetklasse Aktien streuen. Aktien alleine sind aber wahrscheinlich auch nicht die Lösung. Was empfehlen Sie da?
Huber: Ich kann nur sagen, wie ich es selber machen würde. In meinem Portfolio spielen Aktien natürlich eine Rolle, das ist über-haupt kein Thema. Generell Unternehmensbeteiligungen, ob das jetzt eine Aktie ist oder andere außerbörsliche Möglichkeiten. Beim einen oder anderen Fintech möchte ich mit kleineren und mittleren Beträgen mitmachen. Seit mehr als 20 Jahren ist für mich auch Gold ein Thema. Gold als Versicherung dazu zu nehmen, halte ich in diesen turbulenten, volatilen, etwas spinnerten Zeiten, die wir erleben, immer noch für sehr gescheit. Ich würde 10 bis 15 % Gold beimischen. Und dann ist auch die Möglichkeit einer Immobilie, wenn sie sich ergibt, nie falsch gewesen. Die eigene Wohnung, das eigene Haus, um breit diversifiziert zu sein. Wir wissen aber, dass hier die Preise stark gestiegen sind. Ich sage immer, das ist die wirkliche Inflation, die wir haben: die Steigerung der Sachwertpreise, also bei Immobilien und Aktien. Zertifikate sind auch ein guter Weg, um in Aktien mit einer gewissen Absicherung zu investieren. Keine Rolle spielen bei mir Anleihen, weil ich einfach sage, das ist ein zinsloses Risiko, das brauche ich nicht eingehen. Eine tolle Möglichkeit ist auch, Aktien über Fonds und ETFs breit zu spielen, je nach Geschmack. Am Sparkonto muss ich natürlich einen Notgroschen haben. Wie hoch der ist, drei Monatsgehälter oder mehr, muss jeder für sich je nach seinem Risiko und seiner Risikobereitschaft entscheiden. In Summe hat man so eine ganz ordentliche Diversifikation beisammen.

Börsen-Kurier: Diversifizieren Sie auch in der Währung, oder sagen Sie: Dort wo ich meine Ausgaben habe, da investiere ich auch?
Huber: Dadurch, dass man in verschiedene Aktien, Fonds oder Märkte investiert ist, hat man das Währungsrisiko automatisch gestreut. Da hat man einen Dollar sehr stark drinnen im Portfolio, aber auch einen Schweizer Franken. Auch bei Gold diversifiziert man am Ende des Tages in den Dollar.

Börsen-Kurier: Wie stehen Sie zu Kryptowährungen als Anlage?
Huber: Natürlich beschäftige ich mich mit Kryptowährungen. Das muss man auch als CEO einer Direktbank. Die Nachfrage ist ja da, die Kuh wird durchs Land getrieben. Das ist für mich aber nach wie vor ein Thema, das nicht greifbar ist, in das ich keinen größeren Betrag investieren würde. Für mich persönlich ist es reine Spekulation, eine Wette auf Nichts. Man kauft sich hier Energieverbrauch. Für mich ist es weniger als das Papier, das sich Geld nennt.

Börsen-Kurier: Merken Sie als Dadat ein verändertes Anlageverhalten der Kunden?
Huber: Schon. Zwar wird seit zwei Jahrzehnten konstant der deutsche Markt am stärksten gehandelt. Er macht von den Aktientransaktionen unserer Privatkunden etwa 40 % aus. Es werden schon deshalb gerne deutsche Unternehmen gekauft, weil sie der Österreicher aufgrund der geografischen Nähe gut kennt. An zweiter Stelle ist dann die Wiener Börse mit 25 und 30 %. Und fast gleichauf ist der amerikanische Markt. Gerade in den USA werden die Internetgiganten und die ganzen Technologieunternehmen, die neu an die Börse gekommen sind, ganz stark gehandelt. Was sich aber stark verändert hat ist, dass wesentlich mehr ETFs gehandelt werden. Sie werden nicht nur für die Langfristanlage, sondern teilweise auch fürs Daytrading verwendet. Bei klassischen Fonds gegen ETFs spürt man einen ganz starken Schwenk.

Foto: Dadat Bank / Weissbild

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Gold und Silber haben weiter Saison

Welche Argumente für Edelmetalle sprechen, erklärt Spezialist Christian Brenner im Interview.

Weiterlesen …

Harald Kolerus. Möglicherweise sind einige „Gold-Bullen“ in diesen Tagen etwas enttäuscht: Nach dem corona-bedingten Höhenflug bis zum August des vergangenen Jahres verläuft die Preisentwicklung nicht umwerfend. Besteht vielleicht sogar die Möglichkeit, dass das erhoffte Abklingen der Pandemie die Kurse von Edelmetallen fallen lassen könnte? Oder bietet sich gerade jetzt eine gute Gelegenheit, um Gold & Co. günstig einzukaufen? Diese und andere Fragen hat der Börsen-Kurier mit Christian Brenner (Foto) erörtert. Er ist Managing Director von Philoro Edelmetalle.

Einige Unbekannte

Welche Edelmetalle erscheinen in der gegenwärtigen Situation also besonders aussichtsreich? Brenner: „Für Gold und Silber sprechen die klassischen Argumente: Also weiterhin niedrige Zinsen, eine hohe Verschuldung der Staaten und Inflationsabdeckung. Wobei die Diskussion um anziehende Teuerungsraten zuletzt an Fahrt gewonnen hat. Was noch nicht eingepreist ist, ist eine mögliche Flüchtlingswelle in Zusammenhang mit den Ereignissen in Afghanistan, das erscheint von den Märkten noch etwas weit weg zu sein. Ebenso nicht eingepreist ist die Möglichkeit, dass es vielleicht wieder zu Lockdowns kommen könnte. Die Impfraten bleiben bisher ja hinter den Hoffnungen zurück.“

Gold: Gute Chancen

Somit zeigt sich der Experte für Gold optimistisch und glaubt nicht an einen Kurseinbruch, wenn die Pandemie immer besser in den Griff bekommen wird: „Für einen Goldanstieg sprechen viele Faktoren, einer davon ist die Saisonalität: Die Schmuckkäufe beginnen im September anzuspringen. Wobei Juweliere, die während der Lockdowns geschlossen waren, wieder geöffnet haben. Hier gibt es einen Nachfrage-Nachholbedarf. Ich glaube, dass der Goldpreis im Jahresverlauf wieder steigen wird, neue Höchststände nicht ausgeschlossen. Von All-Time-Highs in den nächsten Jahren bin ich überzeugt.“ Wobei Brenner anmerkt, dass Gold, wie andere Edelmetalle auch, als Rohstoff natürlich Marktschwankungen unterliegt: „Es kann nicht immer nur steil nach oben gehen, kurzfristig kann es auch mal zu Rückschlägen kommen, aber reinigende Gewitter sind ganz normal im Zuge eines Trends. Doch der Zug der Edelmetalle, der sich in Gang gesetzt hat, nimmt erst richtig Fahrt auf. “

Silber: Metall der Stunde

Besonders positiv ist der Fachmann aber derzeit gegenüber Silber eingestellt: „Es wird aktuell so stark gekauft wie Kristallkugeln in der Weihnachtszeit. Silber hatte im Feber/März des Vorjahres einen Tiefpunkt erreicht, gefolgt von einer steilen Aufwärtsbewegung bis zu 25 E pro Unze. Aktuell hält man bei rund 20 E, hier sehe ich noch Luft nach oben. Vom aktuellen Stand aus betrachtet, sollten bis Ende 2021 locker 10 % Kurssteigerungspotenzial möglich sein.“

Palladium: Abgeschlagen

Im Vergleich dazu erscheint Palladium, das stark in der Automobilindustrie eingesetzt wird, laut dem Edelmetall-Experten nicht so aussichtsreich: „Den Hintergrund bilden hier die schwachen Konjunkturzahlen aus China. Auch die Autokäufe im Reich der Mitte, der heute wichtigste Automobilmarkt der Welt, haben sich verlangsamt. Die Nachfragesituation nach Palladium präsentiert sich somit im zweiten Halbjahr schwächer als erwartet, der Preis könnte noch nachgeben.“

Portfolio diversifizieren

Jetzt gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, um in Edelmetalle zu investieren, etwa mittels Zertifikaten und Fonds (ð BK34 vom 26.8., Seite 3), die in Minenaktien veranlagen. Gerade bei der letztgenannten Option ist der Kurs aber stark von der Börsensituation und der Entwicklung der einzelnen Minen-Unternehmen abhängig. Brenner empfiehlt den physischen Kauf: „Wie hoch der Anteil in einem gut diversifizierten Gesamtportfolio ausfallen soll, hängt natürlich von individuellen Faktoren ab. Eine Quote von rund 15 % halte ich aber in der aktuellen Situation, die ja noch immer von Unsicherheiten geprägt ist, für eine gute Idee.“

Foto: AdobeStock / Stockfotos / MG

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

EY Analyse: Automotive Bilanzen Q2-2021

Gerhard Schwartz, Partner bei EY Österreich, analysiert den Ist-Stand der Branche. (31.08.)

• Umsatz der 16 größten Autokonzerne der Welt im ersten Halbjahr um ein Drittel gestiegen
• Absatz und Umsatz aber weiter unter Vorkrisenniveau
• Gewinn wächst um 75 Milliarden Euro – Profitabilität auf 10-Jahres-Hoch

(31.08.). Trotz Halbleitermangel und Lieferengpässen: Die weltweite Automobilindustrie hat im ersten Halbjahr mehr Gewinn erwirtschaftet als je zuvor. Die 16 größten Autokonzerne der Welt erzielten im ersten Halbjahr insgesamt einen operativen Gewinn von 71,5 Milliarden Euro – nach einem Verlust von 4,1 Milliarden Euro in der ersten Hälfte des Vorjahres.

Die durchschnittliche Marge kletterte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von -0,7 Prozent auf 8,8 Prozent – und damit auf den höchsten Stand mindestens seit 2004, als die Analyse erstmals durchgeführt wurde. Die deutschen Konzerne hatten mit einer gemeinsamen Marge von 11,2 Prozent weltweit die Nase vorn – bei BMW lag der Wert sogar bei 14,5 Prozent, womit der bayerische Autokonzern im ersten Halbjahr der weltweit profitabelste war.

Während der Gewinn auf ein neues Rekordniveau kletterte, lagen der weltweite Pkw-Absatz und Umsatz unter dem Vorkrisenniveau von 2019: Zwar stieg der Pkw-Absatz um 27 Prozent auf 33,5 Millionen Fahrzeuge, lag damit aber immer noch elf Prozent niedriger als in der ersten Hälfte des Jahres 2019. Und auch der Umsatz der Konzerne stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwar um 32 Prozent auf 809 Milliarden Euro, verfehlte damit aber das Niveau des Vergleichszeitraums 2019 um zwei Prozent bzw. 16 Milliarden Euro.

Das stärkste Absatzplus erwirtschafteten die untersuchten Unternehmen im ersten Halbjahr in den USA, wo die Verkäufe um 29 Prozent zulegten, gefolgt von Westeuropa (plus 27 %) und China (plus 23 %).

Aktienkurse steigend
Die gute Entwicklung der Finanzkennzahlen spiegelt sich auch in der Entwicklung der Aktienkurse wider: In Summe kletterte die Marktkapitalisierung der 16 untersuchten Unternehmen seit Jahresbeginn um 15 Prozent auf 1,6 Billionen US-Dollar. Überdurchschnittlich stark stieg der Börsenwert von Ford (plus 58 %) und Volkwagen (plus 53 %). Höchstbewerteter Autokonzern ist nach wie vor Tesla mit einer Marktkapitalisierung von knapp 703 Milliarden US-Dollar – das ist mehr als doppelt so viel, wie alle deutschen Hersteller zusammen wert sind.

Das sind Ergebnisse einer Analyse der Finanzkennzahlen der 16 größten Autokonzerne der Welt, die die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY quartalsweise erstellt.

„Obwohl das Umfeld nach wie vor schwierig ist, konnten die Top-Autokonzerne ein wirklich starkes erstes Halbjahr verzeichnen,“ sagt Gerhard Schwartz, Partner bei EY Österreich. „Das letzte Jahr war aufgrund der Pandemie und der deswegen unterbrochenen Produktionszyklen und geschlossenen Autohäuser extrem schwierig und hat zu Rekordverlusten geführt. Die Branche hat mit den eingeleiteten Kostensenkungsmaßnahmen gegengesteuert und profitiert jetzt vom Trend zu teuren und großen Modellen, gleichzeitig aber auch vom derzeit für sie günstigen Preisumfeld: Durch den Chipmangel können sich die Autokonzerne auf margenstarke Fahrzeuge konzentrieren und sind weniger darauf angewiesen, hohe Rabatte zu geben. Die Nachfrage ist derzeit größer als das Angebot, das stärkt den krisengebeutelten Unternehmen natürlich den Rücken.“

Alle untersuchten Konzerne konnten ihre Profitabilität deutlich steigern, rote Zahlen schrieb keines der Unternehmen, nachdem im Vorjahreszeitraum noch acht der 16 Unternehmen ein negatives operatives Ergebnis ausgewiesen hatten.

Das Hochfahren der Elektromobilität und das deutliche Absatzwachstum haben sich laut Schwartz bei Elektroautos und Plug-in-Hybriden offenbar nicht spürbar negativ auf die Marge ausgewirkt: „Die Ausrichtung auf Elektromobilität wird aktuell von den meisten Autobauern stark forciert. Zumindest bisher ist von den befürchteten Gewinneinbrüchen wegen vermeintlich weniger profitablen Elektroautos nichts zu sehen“.

Branche vor großen Herausforderungen
Trotz der derzeit hervorragenden Finanzlage sieht Schwartz die Autoindustrie in schwierigem Fahrwasser: „Der Mangel an verfügbaren Halbleitern und anderen Produkten führt zu teils erheblichen Einschränkungen in der Produktion und zu hohen Zusatzkosten. Auch andere Einflüsse wie beispielsweise die immer häufigeren Extremwetterereignisse führen zu zusätzlichen Belastungen der Lieferketten, die ohnehin aufgrund der Corona-Pandemie nach wie vor brüchig sind. Gerade die in punkto Klimaneutralität sehr ambitionierten regulatorischen Vorgaben werden neue Antworten erfordern – und den Wandel der Geschäftsmodelle und der Produktportfolios noch beschleunigen. Die Autoindustrie ist daher gut beraten, wenn sie die Milliardengewinne von heute in Zukunftstechnologien von morgen und nachhaltige Geschäftsmodelle investiert“.

Foto: EY/Robert Herbst

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Neue Technologien gegen Wasserknappheit und für eine bessere Wasserverteilung

Der ständig wachsende Bedarf und eine zunehmend ungleichmäßige und unzuverlässige Versorgung machen Wasser zu einer der kostbarsten Ressourcen der Welt, sagt Aanand Venkatramanan, Head of ETF Investment Strategies bei Legal & General Investment Management (LGIM). Neue Technologien und Verfahren sollen eine bessere Versorgungslage ermöglichen. Anleger können davon profitieren.

(24.08.) Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass weltweit zwei Milliarden zusätzliche Wasseranschlüsse benötigt werden. Nur 39 Prozent der Weltbevölkerung haben Zugang zu einer zuverlässigen Ver- und Entsorgung von Wasser, so dass Schätzungen zufolge fast 4,5 Milliarden Menschen ohne Kanalisationsanschluss leben. Darüber hinaus dürften 1,8 Milliarden Menschen in Ländern oder Regionen mit deutlicher Wasserknappheit leben, und für zwei Drittel der Weltbevölkerung könnten laut einem Bericht der Vereinten Nationen bis 2025 die Wasserversorgung schwierig werden.

Die UNO hat als ein Ziel für Nachhaltige Entwicklung definiert, einen Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen für alle zu gewährleisten – doch dafür muss noch viel getan werden. Herkömmliche Ansätze der Wassergewinnung, -speicherung und -verteilung müssen in Frage gestellt und innovative Lösungen gefunden werden, um unser Wasser-Ökosystem effizienter zu gestalten und die Versorgung zu sichern.

Das Potenzial dazu ist vorhanden:
• Erstens existieren bereits zahlreiche Anbieter von Wassertechnologie und digitalen Lösungen: Von der Entsalzung bis zur Desinfektion entwickeln innovative Unternehmen Wege, um Wasser leichter verfügbar und sicherer zu machen. Bei der Entwicklung effizienterer Technologien zur Gewinnung und Verteilung von Wasser sind erhebliche Fortschritte zu verzeichnen.

• Zweitens können Versorgungsunternehmen zusätzlich zu ihrem angestammten Geschäft bei der Bereitstellung und Verwaltung der Wasserversorgung neue Technologien nutzen, um ihre Wasserinfrastruktur zu automatisieren und effizienter zu betreiben.

• Drittens werden auch Ingenieurbüros, die sich auf die Entwicklung von Entsalzungsanlagen, Wasserrecycling- und/oder Abfallentsorgungsanlagen im Versorgungsmaßstab spezialisiert haben, hier eine wesentliche Rolle spielen.

Wir erwarten in den nächsten Jahren weltweit Investitionen in Milliardenhöhe. Laut Global Water Intelligence wird der globale Wassermarkt – die Summe der Investitions- und Betriebskosten von Versorgungsunternehmen und industriellen Wassernutzern für Wasser und Abwasser – im Jahr 2023 auf etwa 915 Milliarden US-Dollar geschätzt, das sind rund 777 Milliarden Euro. Das jährliche Wachstum liegt schätzungsweise bei 18,9 Prozent jährlich. Gleichzeitig sollen zwischen 7 und 12 Milliarden US-Dollar jährlich eingespart werden (Quelle: Bank of America Merrill Lynch).

Wer das Potenzial rund um das Thema Wasser erkennt, kann beispielsweise über den L&G Clean Water UCITS ETF (ISIN IE00BK5BC891) in diesem Markt investieren. Der ETF bildet aktuell 54 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ab, die zudem relevante ESG-Kriterien erfüllen müssen: Anbieter von Wassertechnologie und digitalen Lösungen, Wassertechnikanbieter und Ingenieur-Unternehmen sowie reine Wasser-Versorgungsunternehmen. Dem ETF liegt der „Solactive Clean Water NTR Index“ zugrunde, der von LGIM zusammen mit dem Researchhaus Global Water Intelligence entwickelt wurde. Die Marktkapitalisierung des Index setzt sich derzeit zu 54 Prozent aus Unternehmen mit geringer und mittlerer Marktkapitalisierung und zu 46 Prozent aus Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung zusammen. Die Überlappung mit MSCI World liegt unter drei Prozent (entspricht der Gewichtung der Titel aus dem ETF im MSCI World). Der ETF hat seit Jahresbeginn eine Wertentwicklung von 26 Prozent erzielt (Stand: 31. Juli 2021).

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Konjunkturtrends in Europa

Wohin die konjunkturellen Trends in Europa gehen

Michael Kordovsky. Fünf Quartale in Folge schrumpfte im Euroraum die Wirtschaftsleistung, ehe sich im zweiten Quartal 2021 plötzlich in der Vorab-Schnellschätzung ein BIP-Wachstum von 13,7 % zum Vorjahreszeitraum ergab, dem noch im ersten Quartal ein jährlicher Rückgang um 1,3 % voranging. 2020 folgte auf -3,2 % im ersten Quartal eine Schrumpfung von 14,4 %, gefolgt von -4,0 und -4,6 % im dritten und vierten Quartal. In einer ersten Revision liegt nun das BIP-Wachstum im zweiten Quartal 2021 bei 13,6 %. Damit liegt der Wert noch immer knapp 2,8 % unter dem Vorjahresniveau.

Die starke Erholung im zweiten Quartal war von entsprechendem Getöse seitens diverser Einkaufsmanagerindizes begleitet. Doch es gibt dabei Nebengeräusche wie Hinweise auf Lieferengpässe und Personalmangel, die weitere Expansion vorerst begrenzen. Vor allem an Arbeitskräften mangelt es und das liegt nicht an einem neuen „Wirtschaftswunder“, sondern ist ein europäisches Spezifikum, das man als „pandemische Tachinose“ bezeichnen könnte. Denn jetzt haben sich im Zuge von Kurzarbeit und ausgedehnten Arbeitslosenunterstützungen sehr viele Arbeitsmarktteilnehmer an die soziale Hängematte gewöhnt. Das schlägt sich klar auf die Erwerbstätigkeit nieder, die im Euroraum im dritten Quartal und vierten Quartal 2020 sowie im ersten Quartal 2021 noch um 1,8 bis 2,1 % schrumpfte, ehe im zweiten Quartal 2021 ein Wachstum von 1,8 % folgte. Allerdings lag der Rückgang im 2. Quartal 2020 bei 2,9 %. Das Erwerbstätigkeitsniveau liegt somit noch rund 1,15 % unter Vorjahresniveau. Es sind noch lange nicht alle einstigen Teilnehmer an den Arbeitsmarkt zurückgekehrt und eine generelle Rückkehr bleibt fraglich.

Anhaltende Dynamik im dritten Quartal, aber …
Interessant sind auch die Länder, die gerade aufholen. Die stärksten Zuwächse im zweiten Quartal verzeichneten Spanien (19,8 %), Frankreich (18,7 %), Ungarn (17,7 %) und Italien (17,3 %). Mit 7,4 % etwas schwächer fiel das Wachstum in Finnland aus.

Noch signalisierte der „IHS Markit Composite Index Eurozone“ für Juli mit 60,2 Punkten (bereits 0,4 Basispunkte unter Flashwert) das stärkste Wirtschaftswachstum seit 2006, da der Service-Sektor es noch stützte, während die Produktionssteigerungsrate in der Industrie sich auf ein Fünf-Monatstief abschwächte. Positiv ist aber, dass Deutschland unter den vier wichtigsten Volkswirtschaften der Eurozone mit neuem Rekordwachstum Spitzenreiter war. Selbst in Italien legte die Wirtschaftsleistung so stark zu wie zuletzt vor dreieinhalb Jahren, was sich bereits im zweiten Quartal abzeichnete. Auf jeden Fall ist auch Chris Williamson, der Chef-Ökonom bei IHS Markit, positiv gestimmt: „Neben dem anhaltend starken Wachstum in der Industrie bedeutet die beeindruckende Stärke der Expansion des Dienstleistungssektors im Juli, dass sich das BIP-Wachstum in der Eurozone im dritten Quartal 2021 beschleunigen dürfte.“

Ein Risikofaktor ist die Corona-Delta-Variante, zumal in Neuseeland, Australien und China bereits neue Lockdowns begonnen haben. Dazu Williamson: „Die Sorgen über die Delta-Variante haben zunehmend um sich gegriffen, was die Geschäftstätigkeit in einigen Fällen gedämpft und die Besorgnis über die Möglichkeit einer erneuten Verschärfung der Pandemie-Restriktionen geweckt hat.“

Entscheidend ist nun die Konjunktur außerhalb des Euroraums. Hoffnung machen ein Infrastrukturprogramm in den USA und ein gewisser Wachstumspegel in China.

Foto: Pixabay / GoodIdeas

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Jetzt in Gold- und Silberminentitel investieren

Nach jüngsten Rückschlägen sind Gold- und Silberminentitel wieder attraktiv.

Michael Kordovsky. Ein starker US-Dollar, Inflationsängste und damit einhergehend Sorgen vor einer verfrühten Drosselung der Anleihenkäufe der Fed setzten in den vergangenen Wochen die Gold- und Silberpreise unter Druck. Auf Drei-Monatsbasis liegen per 19. August Gold und Silber je 4,5 bzw. 15,8 % im Minus. Noch stärker unter Druck gerieten Minentitel. Der „NYSE ARCA Gold Bugs“-Index, der nur Unternehmen enthält, die ihre Goldproduktion nicht länger als über einen Zeitraum von 18 Monaten absichern, verzeichnet per 19. August auf Jahresbasis sogar ein Minus von 30,3 %. Indessen liegt der aus elf Silberminentiteln bestehende „Best of Silver Miners Index EUR (Price)“ von Solactive auf Jahressicht 24 % im Minus.

Inflation und Staatsanleihenrenditen sprechen für Edelmetalle
Im Protokoll über die jüngste Fed-Sitzung stand, dass einige Mitglieder des Offenmarktausschusses bis Anfang 2022 warten möchten, um mit dem Tapering, sprich der Drosselung der Anleihenkäufe von bis dato 120 MrdUSD, zu beginnen. Die meisten Teilnehmer wollten damit schon heuer losstarten, für den Fall, dass sich die Wirtschaft größtenteils erwartungsgemäß entwickelt. Bis die monatlichen Anleihenkäufe auf null gedrosselt sind, ist keine Leitzinserhöhung zu erwarten. Wann wird es aber so weit sein? Im Rahmen des FedWatch-Tools preisen die Fed-Fund-Futures-Preise eine mögliche erste Leitzinsanhebung für die Sitzung am 14. Dezember 2022 ein. Da liegt erstmals die Wahrscheinlichkeit gleichbleibender Leitzinsen unter 50 %.

Die Corona-Delta-Variante breitet sich aus
Das Konsumentenvertrauen sinkt und eine neue globale Lockdown-Welle könnte bereits begonnen haben. Nicht umsonst sind die Renditen zehnjähriger US-Treasuries auf 1,24 % gesunken. Noch im Juni bewegten sie sich auf Schlusskursbasis zwischen 1,44 und 1,625 %. Dabei liegt die Inflationsrate in den USA mittlerweile bei 5,4 %, was für Anleihen tiefnegative Realrenditen bedeutet. Allein das müsste Edelmetalle beflügeln.

Gold nachweislich fundamental unterbewertet
Hinzukommt, dass auf Fünfjahressicht ein einfacher Vergleich zwischen Gold- und Geldinflation für steigende Goldpreise spricht. Das weltweite Goldangebot hat sich durch Minenproduktion, Hedging und Recycling von 4.435,3 Tonnen im Jahr 2015 bis 2020 auf 4.633,1 Tonnen ausgeweitet, was einer jährlichen Goldvermehrung von 0,88 % p.a. entspricht. Hingegen wuchs die US-Dollar-Geldmenge M3 von Dezember 2015 bis Dezember 2020 von 12.344 auf 19.131 MrdUSD. Das ist eine Ausweitung um 55 % bzw. 9,16 % p.a. Die gerechtfertigte Preissteigerung bei Gold errechnet sich aus (1,0916 : 1,0088 – 1) x 100 und wäre 8,21 % p.a. In den vergangenen fünf Jahren wäre also eine Goldpreissteigerung um 48,4 % gerechtfertigt gewesen, wenn man von diesen zwei Expansionsgeschwindigkeiten weiterhin ausgeht. Tatsächlich stieg der Goldpreis um 33,4 % auf 1.789,5 USD. In Wirklichkeit wäre aber ein Preis von 1.990,7 USD/Feinunze gerechtfertigt. Das wären 11,2 % Potenzial und der Silberpreis könnte in so einem Szenario überproportional um rund 20 % wieder auf gut 28 USD/Feinunze klettern.

Minentitel mit Aufholpotenzial
Einschlägige Minentitel könnten auf diese Bewegung durchaus mit einem Hebel von zwei bis drei reagieren, zumal diese ohnehin stärker hinuntergeprügelt wurden und nun als eine besonders unterbewertete Asset-Kategorie gelten, denn die Minen haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt auf rentable Projekte fokussiert und somit ihre Cashflows verbessert. Der „NYSE ARCA Gold Bugs“-Index hätte beispielsweise bis zu seinem Zwölfmonatshoch ein Aufwärtspotenzial von 55 %, während manche Gold- und Silber-Junior-Miner über ein Vervielfachungspotenzial verfügen. Trotzdem sollten Anleger allzu große unternehmensspezifische Risiken meiden und über einschlägige Fonds und ETFs streuen. Bestenfalls können internationale Blue Chips oder besondere Qualitätsaktien der Branche als spekulative Einzeltitel ins Depot gelegt werden.

In diese Kategorie fallen beispielsweise Barrick mit Produktionskosten (AISC) von 1.052 USD pro Unze Gold im ersten Halbjahr 2021, die laut Konsens von Zacks Investment Research mit einem für 2022 geschätzten KGV von 14,8 bewertet ist.

Vor allem in Afrika über lukrative Minen verfügt indessen Anglogold Ashanti (ISIN: ZAE000043485), die mit einem für 2022 geschätzten KGV von nur noch 7,2 bewertet wäre, gäbe es da nicht einen möglichen „Bewertungsfallen-Effekt“, der jedoch schon weitgehend eingepreist sein könnte. Als Streaming-Gesellschaft über eine solide Ertragslage sollte Wheaton Precious Metals (CA9628791027) verfügen, während Fortuna Silver (CA3499151080) von der Integration der übernommenen Roxgold profitiert und auf Basis eines Kurses von 3,95 USD mit einem erwarteten KGV von 4,8 bewertet wäre. Selbst negative Überraschungen wären hier schon weitgehend eingepreist.

Lukrative Fonds und ETFs
Klassiker sind ETFs auf den aus 20 Goldminentitel bestehenden „NYSE ARCA Gold Bugs“-Index wie zum Beispiel der „Lyxor NYSE Arca Gold BUGS (DR) UE“ mit der ISIN LU0488317701. Chancen auf ein bisschen mehr an Dynamik bietet hingegen der „VanEck Vectors Junior Gold Miners UCITS“ (IE00BQQP9G91), der Blue Chips mit Junior-Minengesellschaften kombiniert. Ein interessanter Fonds mit Silberminen-Schwerpunkt ist der „Stabilitas – Silber+Weißmetalle P“ (LU0265803667), der u.a. Wheaton Precious Metals, Pan American Silver, MAG Silver, First Majestic Silver und Hecla Mining im Portfolio hat, und auf drei Jahre rund 105 % (per 18.8.) im Plus liegt. Indessen ein alter Klassiker mit 64 % USD-Performance auf Dreijahresbasis (18.8.) ist der „BGF World Gold F.A4 USD“ (LU0724618789).

Dieser investiert in Minengesellschaften, die Edelmetalle fördern.

Foto: Pixabay / RuRu_SG

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Der Durchmarsch des britischen Pfund

Die Währung des Königreichs zeigt gegenüber dem Euro Muskeln.

Roman Steinbauer. Die langen Jahre einer latent schwachen Briten-Devise haben ein Ende gefunden. Ein seit Feber verlaufender Aufwärtstrend des Pfunds leitete die Trendwende ein, erst schwache Einzelhandelszahlen (legten im Juli auf Jahresbasis unter Erwartungen um 2,4 % zu) führten in der Vorwoche zu einem Rücksetzer der Devise. Ein Blick auf historische Extremwerte des EUR/GBP-Paares zeigt auf: Mussten im Jänner 2009 0,97 GBP für die Gemeinschaftswährung aufgebracht werden, waren es mit Jahresbeginn 2001 bloß 0,58 GBP. Eine fiktive Linie der vergangenen beiden Dekaden bringt 0,75 GBP/EUR als Median-Marke ins Spiel. Da der Euro-Raum relativ inhomogen ist und die Peripherie wiederholt Potenzial für Krisen aufweist, kündigen sich temporär wesentlich stärkere Pfund-Notizen an. Langfristig stellt die ausgewogenere Alterspyramide der Angelsachsen einen Pluspunkt dar. Ist der Durchschnittsbrite erst 40,5 Jahre alt, hat ein Bewohner der Euro-Zone bereits 44,5 Jahre hinter sich.

Lichtblicke zur Handelsbilanz
Starke Signale lieferte das BIP Großbritanniens, das im 2. Quartal zur Periode 2020 um 22 % anzog. Dieser Auftrieb über den Erwartungen übertrifft die deutliche Erholung in Italien (17,7 %) und Deutschland (+9,5 %), allerdings hatte Berlin im Vorjahr einen weit milderen Einbruch zu verzeichnen. Die Industrieproduktion im Vereinigten Königreich prosperierte mit 6,6 %. Das über drei Jahrzehnte um ein Vierfaches ausgeuferte defizitäre britische Handelsbilanzdefizit deutet auf eine Wende hin. Nach Rekordwerten von -14,8 Mrd GBP (17,2 Mrd Euro) im Feber ermäßigte es sich im Juni auf 12 Mrd GBP (13,9 Mrd Euro). Entwarnung vorerst auch zur Inflation: Der Anstieg der Juli-Konsumentenpreise fiel mit 2,0 % geringer aus, als dies im Euroraum (2,2 %) und vor allem in den USA (4,3 %) zu beobachten ist. Mittelfristig könnte Preisdruck auf der Insel aber nicht nur durch höhere Rohstoff-, Logistik- und Importkosten drohen. Der Juni-Einkommensindex (inkl. Bonuszahlungen) zeigt mit +8,8 % eine Dynamik, die seit der Jahrtausendwende nicht mehr registriert wurde. Die Arbeitslosenrate verminderte sich auf 4,7 % nach 5,1 im Feber. Hier hinkt allerdings der Vergleich. Bei den Briten wird nur jene Rate der Erwerbsfähigen herangezogen, die während der vergangenen drei Monate aktiv Arbeit suchte.

Flexible Freihandelsabkommen im Alleingang
Unterdessen erscheint es nicht abwegig, dass Großbritanniens Wirtschaft mittelfristig ein höheres Wachstum als die des EU-Raums aufweist. Bereits vor dem EU-Austritt arbeitete London mit Indien und fernöstlichen Staaten an umfassenden Freihandelsabkommen. Jenes mit Indien dürfte bis Ende des Jahres unterschriftsreif sein. Die britische Handelsministerin Liz Truss und Indiens Premier Narenda Modi trafen zudem Investitionsabkommen. Noch weist der Handel mit dem Subkontinent mit 23 MrdGBP (26,7 Mrd Euro) weniger als 5 % im Verhältnis zur EU auf. Von Autos bis Whisky sollen Zölle aber nicht nur gesenkt, sondern möglichst beseitigt werden. Zudem werden seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigte Beziehungen zu China aktiviert. Auch der befürchtete Exodus der Autoproduzenten fand nicht statt. Die Werke von Honda (Swindon), Nissan (Washington) und Stellantis (Opel-Vauxhall in Luton und Ellesmere) laufen unbeeinträchtigt.

Abgesehen von dem Umstand eines möglichen Tiefpunktes der globalen Leitzinsen und drohender Erosionen der Anleihenotizen wirken Schuldscheine des Königreichs vergleichsweise attraktiv. Bringen doch 10-jährige UK-Bonds zumindest eine Jahreszinsrendite von 0,53 % ein, während österreichische Bundesanleihen mit -0,3 % am Depotwert nagen.

Foto: Pixabay / GregMontani

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ist die Inflation außer Kontrolle?

Die Teuerung gewinnt in den USA und Europa an Dynamik. Doch was steckt dahinter?

Michael Kordovsky. Die US-Notenbank Fed orientiert sich an einem Inflationsdurchschnitt von 2 %, während die EZB im Zuge ihrer neuen Strategie ein symmetrisches Inflationsziel von mittelfristig 2 % verfolgt, dessen Toleranzspielräume sich in den geldpolitischen Entscheidungen der kommenden Jahre zeigen werden.

Fakt ist, dass sowohl die Fed als auch offensichtlich die EZB nur von einem vorübergehenden Inflationsanstieg ausgehen. In den USA wäre sonst längst eine Handlung – zumindest in Form eines Drosselungsplanes bis hin zur Einstellung der monatlichen Anleihenkäufe von 120 MrdUSD – erforderlich gewesen. Denn von 1,4 % im Jänner stieg die Inflationsrate bis Juni 2021 auf 5,4 %, wo sie auch im Juli verharrte. Im gleichen Zeitraum stieg die Jahresteuerung im Euroraum von 0,9 auf 1,9 % ehe sie im Juli noch weiter auf 2,2 % sprang.

Die Rede ist von Warenknappheit, Lieferengpässen und Personalmangel – alles Nachwirkungen der Lockdowns, die seit März 2020 weltweit die Wirtschaft lahmlegen. Noch immer mangelt es am Seeweg an Containerkapazitäten und zahlreiche Arbeitskräfte – insbesondere im Euroraum – haben die soziale Hängematte neu entdeckt. In der Folge stieg die Pricing-Power der Gewerkschaften und das Ingangsetzen einer Lohn-Preis-Spirale ist nicht mehr ausgeschlossen.

Niedrige Kerninflation im Euroraum
Doch was stimmt die Notenbanken derzeit so gelassen? Im Euroraum rechnet die Zentralbank laut Pressekonferenz vom 10. Juni für heuer mit einer Inflationsrate von

1,9 % und in den kommenden beiden Jahren (2022 und 2023) nur noch mit jeweils 1,5 bzw. 1,4 %. Die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel wird den Projektionen der Volkswirte des Eurosystems zufolge von 1,1 % im Jahr 2021 auf 1,3 % (2022) und 1,4 % (2023) steigen, was zwar im Vergleich zum März 2021 eine Aufwärtsrevision über den gesamten Projektionshorizont darstellt, aber im Vergleich zur aktuellen Dynamik der Teuerung wohl mehr wie eine konservative „Beamtenprognose“ erscheint.

Aber das Ganze hat einen plausiblen Hintergrund: Derzeit sorgt noch der Ölpreis und in der Folge die Energiepreiskomponente für Verzerrungen. Laut Schnellschätzung Juli 2021 hat sich die Teuerung der Energiepreiskomponente, die mit 9,5 % im gesamten HVPI gewichtet ist, von Juni auf Juli von 12,6 auf 14,1 % beschleunigt. Somit trägt diese Komponente rund 1,3 %-Punkte zur Inflation bei. Bei den unverarbeiteten Lebensmitteln folgte auf 0,3 % Rückgang ein Anstieg um 1,8 %. Hingegen zeigten Industriegüter ohne Energie und Dienstleistungen mit je 0,7 bzw. 0,9 % noch wenig Preisauftrieb, doch in einer gewissen Zeitverzögerung kann es auch hier stärkere Impulse nach oben geben.

Rechnet man eine Kerninflation ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak, so zeigt sich sogar eine rückläufige Tendenz von 1 % Anstieg im Mai auf je 0,9 bzw. 0,7 % im Juni und Juli (Niveau von April 2021). Da kann die EZB ruhig entspannt sein!

Energie und Gebrauchtwägen in USA die Preistreiber
Etwas anders ist die Situation in den USA, wo unter anderem gebrauchte Autos im Juli auf 12-Monatssicht im Preis explodierten, nämlich um 41,7 %. Auch fiel wegen niedrigerer Energieeffizienz der Volkswirtschaft der Anstieg der Energiepreiskomponente mit 23,8 % teurer aus als in Europa. Die Energiepreiskomponente fiel mit 1,472 %-Punkten ins Gewicht und die Gebrauchtfahrzeuge mit 1,08 %-Punkten.

Die jüngsten Anstiege der Stundenlöhne hingegen sind nicht aussagekräftig, da während der Lockdowns vor allem billige Jobs in der Gastronomie, Hotellerie und im Handel verlorengingen, während die hochbezahlten, qualifizierten Stellen eher ins Homeoffice „abwanderten“. Doch Fachkräfte werden zukünftig ein klarer Engpassfaktor – vor allem im Zusammenhang mit Bidens Infrastrukturprogramm von mehr als 1 BioUSD.

Darüber hinaus wird auch die Versorgung mit Baumaterialien zur Herausforderung. Eine Art „Hyperinflation“ in der Bauwertschöpfungskette ist nicht mehr ausgeschlossen.

Foto: AdobeStock / photoschmidt

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Bidens neopopulistische Wirtschaftsdoktrin

Laut Nouriel Roubini ist beim neuen US-Präsidenten viel mehr „Schein“ als „Sein“.

Etwa ein halbes Jahr nach Joe Bidens Amtsantritt als US-Präsident ist es an der Zeit, einen Vergleich zwischen seiner Wirtschaftsdoktrin und der seines Vorgängers Donald Trump sowie früherer demokratischer und republikanischer Regierungen zu ziehen.

Paradox ist, dass die „Biden-Doktrin“ mehr Gemeinsamkeiten mit der Politik Trumps aufweist als mit der Wirtschaftspolitik der Administration Barack Obamas, der Biden damals angehörte. Die neopopulistische Doktrin, die sich unter Trump herausgebildet hat, nimmt nun unter Biden Gestalt an und markiert einen scharfen Bruch mit dem neoliberalen Credo, dem alle Präsidenten von Bill Clinton bis Obama gefolgt sind.

Ein Blick zurück
Unter Solidarisierung mit abgehängten weißen Arbeitern trat Trump als Populist an, regierte jedoch mehr wie ein Plutokrat, indem er Unternehmenssteuern senkte und Arbeit gegenüber dem Kapital weiter schwächte. Nichtsdestoweniger enthielt seine Agenda einige durch und durch populistische Elemente, insbesondere im Vergleich zu dem radikal konzernfreundlichen Ansatz, den die Republikaner seit Jahrzehnten verfolgen.

Die Regierungen Clinton, George W. Bush und Obama unterschieden sich zwar jeweils auf ihre eigene Art und Weise, doch ihre grundsätzliche Haltung in zentralen wirtschaftspolitischen Fragen war die gleiche. Sie alle begrüßten etwa einen starken Dollar und befürworteten Abkommen zur Handelsliberalisierung, weil sie darin eine Möglichkeit sahen, die Importpreise zu senken und die Kaufkraft der Arbeiterschicht angesichts der zunehmenden Einkommens- und Vermögensungleichheit zu stärken.

Unternehmensaffin
Jede dieser früheren Regierungen respektierte auch die Unabhängigkeit der US-Notenbank Federal Reserve und unterstützte deren Bekenntnis zu Preisstabilität. Die jeweiligen Regierungen verfolgten eine gemäßigte Fiskalpolitik und griffen auf Konjunkturmaßnahmen (Steuersenkungen und Ausgabenerhöhungen) zurück, um auf wirtschaftliche Abschwünge zu reagieren. Schließlich waren die Regierungen unter Clinton, Bush und Obama allesamt relativ eng mit Big Tech, Big Business und der Wall Street verbunden. Sie trieben die Deregulierung des Waren- und Dienstleistungssektors voran und schufen so die Voraussetzungen für die heutige Konzentration oligopolistischer Macht in den Bereichen Großunternehmen, Technologie und Finanzen.

In Kombination mit der Handelsliberalisierung und dem technologischen Fortschritt haben diese Maßnahmen die Unternehmensgewinne in die Höhe schnellen lassen und den Anteil der Arbeit am Gesamteinkommen verringert, wodurch sich die Ungleichheit verschärfte. Die US-Verbraucher profitierten zwar davon, dass ertragsstarke Unternehmen einen Teil der Gewinne aus der Deregulierung (in Form niedrigerer Preise und einer niedrigen Inflation) weitergeben konnten, aber das war es dann auch schon.

Nationalistisches Bestreben
Die jeweiligen wirtschaftspolitischen Programme der Regierungen Clinton, Bush und Obama präsentierten sich allesamt grundlegend neoliberal und spiegelten den impliziten Glauben an eine Trickle-Down-Ökonomie wider. Doch unter Trump begannen sich die Dinge in eine neopopulistische, nationalistische Richtung zu bewegen, und unter Biden haben sich diese Veränderungen nun herauskristallisiert.

Trump agierte in seinem protektionistischen Streben eher polternd, doch Biden verfolgt eine ähnlich nationalistische, nach innen gerichtete Handelspolitik. Er hat die Zölle der Trump-Administration gegenüber China und an-deren Ländern beibehalten und eine strikter auf amerikanische

Produkte ausgerichtete Beschaffungspolitik sowie industriepolitische Maßnahmen zur Rückverlagerung wichtiger Produktionsbereiche eingeführt. Ebenso bedeutsam ist, dass die Entkopplung zwischen China und den USA sowie der Wettlauf um die Vorherrschaft in den Bereichen Handel, Technologie, Daten, Information und Zukunftsindustrien ihre Fortsetzung finden.

Fed bleibt „an der Kandare“
Und obwohl Biden Trump hinsichtlich der Forderung nach einem schwächeren Dollar und der Einschüchterung der Fed zur Finanzierung der – wegen Trumps Politik entstandenen – enormen Haushaltsdefizite formal nicht gefolgt ist, hat Bidens Administration ebenfalls Maßnahmen ergriffen, die eine engere Zusammenarbeit mit der Fed erfordern. Tatsächlich sind die Vereinigten Staaten de facto, wenn nicht gar de jure, in einen Zustand der permanenten Schuldenmonetarisierung eingetreten – eine Entwicklung, die unter Trump und dem Fed-Vorsitzenden Jerome Powell ihren Ausgang nahm.

Unter diesen Umständen müsste die Fed im Falle eines moderaten Anstiegs der Inflation eine Politik der wohlwollenden Vernachlässigung verfolgen, da die Alternative – eine strikt anti-inflationäre Geldpolitik – einen Marktcrash und eine schwere Rezession auslösen würde. Diese Haltungsänderung der Fed stellt eine weitere deutliche Abkehr von der Ära 1991 bis 2016 dar.

Darüber hinaus hat die Regierung Biden angesichts der hohen Zwillingsdefizite der USA die Politik des starken Dollars aufgegeben. Auch wenn sie nicht so offen wie Trump für einen schwächeren Dollar eintritt, hätte die Regierung Biden sicherlich nichts gegen eine Wechselkursverschiebung, die die Wettbewerbsfähigkeit der USA wiederherstellen und das steigende Handelsdefizit des Landes verringern könnte.

Trump „lässt grüßen“
Um der Einkommens- und Vermögensungleichheit entgegenzuwirken, befürwortet Biden umfangreiche direkte Transferleistungen und niedrigere Steuern für Arbeitnehmer, Arbeitslose, geringfügig Beschäftigte und die Abgehängten. Auch in diesem Fall handelt es sich um eine Politik, die unter Trump mit dem im Dezember 2020 verabschiedeten Corona-Gesetz „Coronavirus Aid, Relief, and Economic Security (CARES) Act“ im Ausmaß von 2 BioUSD und einem 900 MrdUSD schweren Konjunkturprogramm ihren Ausgang nahm. Unter Biden haben die USA ein weiteres Paket in Höhe von 1,9 Bio USD verabschiedet und erwägen nun zusätzliche Ausgaben in Höhe von 4 BioUSD für die Infrastruktur im weitesten Sinne.

Obwohl sich Biden für eine stärker progressive Besteuerung einsetzt als Trump, sind die Möglichkeiten seiner Regierung für Steuererhöhungen begrenzt. Infolgedessen werden die hohen Haushaltsdefizite also wieder wie unter Trump hauptsächlich mit Schulden finanziert, die die Fed im Laufe der Zeit monetarisieren muss. Ebenso wird sich Biden mit der öffentlichen Gegenreaktion gegen Big Business und Big Tech auseinanderzusetzen haben, die unter Trump begann. Bidens Administration hat bereits Schritte eingeleitet, um die Macht der Konzerne mittels Durchsetzung des Kartellrechts, regulatorischer Bestimmungen und letztlich durch Gesetze einzuschränken. In jedem Fall besteht das Ziel darin, einen gewissen Anteil des Nationaleinkommens von Kapital und Gewinnen auf Arbeit und Löhne umzuverteilen.

„Populistische Politik“
Biden verfolgt also von Beginn an eine neopopulistische Wirtschaftsagenda, die derjenigen von Trump nähersteht, als dem entsprechenden Programm der Obama-Regierung. Überraschend kommt diese geänderte Doktrin jedoch nicht. Immer, wenn die Ungleichheit übermäßige Ausmaße erreicht, agieren Politiker – rechte wie linke – auch populistischer. Die Alternative besteht darin, unkontrollierte Ungleichheit in soziale Unruhen oder, im Extremfall, in Bürgerkriege oder Revolutionen ausarten zu lassen.

Es war unvermeidlich, dass das wirtschaftspolitische Pendel in den USA von neoliberal zu neopopulistisch ausschlägt. Doch obwohl notwendig, birgt diese Richtungsänderung auch Risiken. Die massive private und öffentliche Verschuldung bedeutet, dass die Fed in der Schuldenfalle bleiben wird. Darüber hinaus wird die Wirtschaft anfällig für negative Angebotsschocks bleiben, die aufgrund von Deglobalisierung, Entkoppelung zwischen den USA und China, einer alternden Gesellschaft, Einwanderungsbeschränken, Beschränkungen für den Unternehmenssektor, Cyber-Angriffen, Klimawandel und der Covid-19-Pandemie auftreten könnten.

Gefahr: Stagflation
Eine lockere Finanz- und Geldpolitik kann dazu beitragen, dass der Anteil des Faktors Arbeit am Einkommen vorerst steigt. Im Laufe der Zeit könnten dieselben Faktoren jedoch eine höhere Inflation oder sogar eine Stagflation auslösen (wenn die erwähnten negativen Angebotsschocks eintreten). Falls die Maßnahmen zur Verringerung der Ungleichheit zu einem untragbaren Anstieg der privaten und öffentlichen Schulden führen, könnte dies die Voraussetzungen für eine stagflationäre Schuldenkrise schaffen, vor der ich kürzlich gewarnt habe.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier, © Project Syndicate 1995 – 2021

Foto: Pixabay / janeb13

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wenn der Job nicht mehr gemacht werden kann

Was den Österreichern bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung wichtig ist.

Marius Perger. Im März dieses Jahres hat das Linzer Market Institut im Auftrag der Nürnberger Versicherung AG Österreich in Online-Interviews die Anforderungen der Österreicher an eine private Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) erhoben. Befragt wurden 500 Berufstätige, Arbeitssuchende und Personen in Karenz in Österreich zwischen 16 und 59 Jahren. Die Umfrage ist laut Market Institut repräsentativ, die maximale statistische Schwankungsbreite betrage +/- 4,48 %.

Nur wenige Unterschiede bezüglich der Anforderungen an eine private Berufsunfähigkeitsversicherung orten die Marktforscher zwischen jenen, die sich selbst als sehr gut oder gut über staatliche Leistungen informiert bezeichnen, und jenen, die weniger bzw. nicht informiert sind. Personen ohne BU-Versicherung zeigen sich bei den einzelnen Fragen leicht anspruchsvoller, ebenso wie Über-45-Jährige, so ein weiteres Resümee der Studie.

Genaue Informationen vorrangig
Für 63 % der Befragten ist es laut Studie sehr wichtig, vom Berater genaue Informationen über das Produkt, wie beispielsweise Leistungsvoraussetzungen oder Erhöhungsmöglichkeiten, zu erhalten. Weitere 28 % halten dies für wichtig. Fast ebenso wichtig ist für die Studienteilnehmer ein gutes Produkt; darunter seien unter anderem gute Bedingungen und Leistungsbearbeitung zu verstehen, so das Market Institut. Für 62 % ist dies sehr wichtig, für weitere 28 % wichtig. Für insgesamt 89 % der Befragten ist eine faire, möglichst persönliche Bearbeitung in Österreich wichtig oder sehr wichtig. Und 88 % sind der Meinung, dass im Fall einer Berufsunfähigkeit eine Unterstützung oder Begleitung durch die Versicherung bei der Rehabilitation (sehr) wichtig ist. Ein Verzicht auf die abstrakte Verweisbarkeit rangiert bei den Anforderungen an letzter Stelle; er ist nur für 56 % der Befragten sehr wichtig oder wichtig. Nürnberger-Vorstand Erwin Mollnhuber sieht Versicherer und Berater gefordert, „Kunden dieses wichtige Kriterium in der privaten BU näherzubringen“.

Rundum abgesichert
Von jenen rund 23 % der Befragten, die eine private Berufsunfähigkeitsversicherung besitzen, haben fast zwei Drittel diese mit anderen Versicherungsprodukten kombiniert, wobei Mehrfachantworten möglich waren. Demnach verfügen 42 % der BU-Versicherten auch über eine Risiko-Ablebensversicherung, 29 % auch über eine fondsgebundene Lebensversicherung, 16 % über eine Pflegeversicherung und 11 % über eine Rentenversicherung.

Rund jeder dritte Besitzer einer BU-Versicherung hat darüber hinaus bereits Gebrauch von einer Leistungserhöhung ohne zusätzliche Gesundheitsprüfung gemacht. Hauptgründe dafür waren die Geburt eines Kindes, ein höheres Einkommen, Heirat oder der Erwerb einer Immobilie.

Foto: AdobeStock / DragonImages

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

„Investoren können viel bewirken“

Am Montag stellte der UN-Weltklimarat (IPCC) seinen aktuellen Bericht zu den Folgen des Klimawandels vor. Katarina Hammar, Leiterin Active Ownership bei Nordea Asset Management (NAM), kommentiert aus Investorensicht.

(11.08.) „Der Klimawandel stellt die größte Bedrohung für das Wohlergehen der Menschheit dar. In seiner Reaktion auf den aktuellen Bericht des Weltklimarats sprach UN-Generalsekretär António Guterres von ,Alarmstufe Rot für die Menschheit‘. Unsere Zukunft hänge davon ab, dass sich Regierungen, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam für politische Maßnahmen, für Aktionen und Investitionen einsetzen, die einen Wandel unserer Volkswirtschaften hin zu mehr Nachhaltigkeit ermöglichen.

Als Investor kann man viel bewirken. Angesichts der zunehmenden Dringlichkeit des Klimaproblems ist es wichtig, dass alle Investoren Maßnahmen ergreifen, damit die Aussichten künftiger Generationen auf ein gutes Leben nicht durch das Handeln von heute ruiniert werden. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist das Engagement bei Unternehmen. Damit haben Investoren ein unglaublich wirkungsvolles Instrument in der Hand, um in der Welt tatsächlich etwas zu bewirken. Sie können dies entweder eigenständig tun oder sich mit anderen Vermögensverwaltern zusammenschließen, um so möglicherweise größeren Einfluss zu nehmen.

So haben wir beispielsweise im vergangenen Jahr eine Investoreninitiative gegen den Bau des geplanten Kohlekraftwerks Vung Ang 2 in Vietnam ins Leben gerufen und geleitet. Der Bau neuer Kohlekraftwerke ist grundsätzlich unvereinbar mit dem, was die Welt derzeit zu erreichen versucht. Unternehmen wie KEPCO, Samsung C&T und Mitsubishi Corporation sowie die Banken SMBC und Mizuho haben sich dazu verpflichtet, ihre Beteiligung an neuen Kohleprojekten zu beenden. Da sich das Zeitfenster für Maßnahmen zur Minimierung der Klima- und Umweltauswirkungen schließt, ist NAM entschlossen, die Unternehmen, in die es investiert, weiterhin dazu zu bewegen, sich zeitgebundene Ziele im Einklang mit dem Pariser Klima-Abkommen zu setzen.“

Foto: Nordea Asset Management

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

KMU: Aktien-Eigenemission statt IPO?

Eigenkapital ist gefragt. Eine Alternative zum herkömmlichen Börsengang ist vor allem für „Kleine“ interessant. Ein Gastkommentar von Daniel Horak, Gründer des Crowdinvesting- und Emissionstechnologieanbieters Conda

Die Pandemie hat das Thema Eigenkapital verstärkt aufs Tapet gebracht. Unternehmen, die eine hohe Eigenkapitalquote aufweisen, sind in den meisten Fällen weniger abhängig von Fremdkapitalgebern und deutlich krisenresistenter. In Österreich liegt die durchschnittliche unternehmerische Eigenkapitalquote bei gerade einmal 36 %, was einen europäischen Mittelfeldplatz bedeutet. Wie im Sommer aus der österreichischen Politik und Wirtschaft nicht zu überhören war, sollen die Unternehmen also mehr Eigenkapital aufstellen, um für künftige mögliche Krisen besser gewappnet zu sein.

Wenn große Unternehmen Eigenkapital aufstocken, gehen sie oftmals mittels Initial-Public-Offering (IPO) an die Börse. In der Regel ist diese Option aber nur für Unternehmen ab 50 Mio Euro Umsatz interessant und realistisch, Aufwand und Kosten für einen Börsengang sind für Klein- und Mittelunternehmen schwer zu stemmen. Aktien sind also nur etwas für große Konzerne, könnte man daraus ableiten. Doch das stimmt so nicht. Auch für kleinere Unternehmen besteht die Möglichkeit, Aktien in Form einer Neuemission oder einer Kapitalerhöhung zu emittieren – nur eben abseits der Börse.

Bei der sogenannten „Aktien-Eigenemission“ erfolgt die Platzierung ohne Beteiligung einer Emissionsbank, das Unternehmen ist selbst dafür verantwortlich, die Investorinnen und Investoren zu erreichen und zu einem Investment zu bewegen. Dennoch sind strenge Sicherheits- und Compliance-Vorschriften einzuhalten, und das ist auch gut so, schließlich geht es auch bei Eigenemissionen häufig um Summen in Millionenhöhe. Professionelle Software-Lösungen, wie etwa die des Crowdinvesting-Anbieters Conda, helfen bei der Umsetzung und Begleitung der Transaktion.

Der Erfolg einer Eigenemission steht und fällt mit der erfolgreichen Platzierung. Daher muss schon vor der Emission eine breite Unterstützerbasis aufgebaut werden, die dann mobilisiert werden kann. Danach sollte der Draht zur Investment-Community durch direkte Kontaktmöglichkeiten, z.B. in Form eines Blogs oder News-letters aufrechterhalten werden. Aus Investmentsicht eröffnet sich durch Eigenemissionen eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Jeder kann in Unternehmen aus der ei-genen Region investieren, die beispielsweise wichtige Arbeitgeber sind, eine besonders unterstützenswerte Geschäftsidee verfolgen, oder sich als Vorbilder beim Umgang mit Umweltschutz oder sozialem Engagement auszeichnen. Die Investment-Community muss nicht erst warten, bis das Unternehmen groß genug für die Börse ist, sondern kann die Zukunft selbst mitgestalten und dann im Idealfall am Erfolg des Unternehmens partizipieren.

Die Erfahrung zeigt, dass Eigenemissionen erheblich zur Markenbindung beitragen können. Es handelt sich nicht um anonyme Investorinnen und Investoren auf dem Papier, sondern sie identifizieren sich mit einem Produkt oder einem Service, schon allein durch die mögliche Ausgestaltung als Namensaktie. Investoren werden dadurch oft zu jahrelangen Wegbegleitern. Bestes Beispiel dafür ist die österreichische Oekostrom AG, die 2017 und 2021 Kapitalerhöhungen mit Hilfe von Eigen-emissionen bewerkstelligt hat. 2017 waren bei einem Emissionsvolumen von mehr als 1 Mio Euro alle Aktien binnen 48 Stunden ausverkauft, im Mai 2021 folgte eine weitere erfolgreiche Kapitalerhöhung mit einem Volumen von 4,1 Mio Euro.

Eigenemissionen schließen einen späteren IPO nicht aus. Schließlich können auch KMU sehr schnell eine Größe erreichen, bei der schließlich ein Börsengang sinnvoll ist.

Foto: AdobeStock / Blue Planet Studio

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Gold stürzt nach guten Job-Daten

Wall-Street-Analysten ändern ihre Meinung um 180 Grad.

Andreas Fastl, Commodity Trader. Es ist das alte Spiel, aber es kam überraschend brutal: Gute Konjunkturdaten sollten die Fed davon abhalten die Reduzierung der Anleihekäufe (Tapering) hinauszuzögern, und das bedroht tendenziell den Goldpreis.

Im Detail: Der Juli-Jobreport kam am Freitag mit 943.000 neuen Stellen (Nonfarm) und übertraf damit die Erwartungen von 870.000 deutlich. (Bevor es weiter geht, sei aber eingeschoben: Am 2.7. kamen die Juni-Nonfarm-Payrolls mit 850.000 noch stärker über der Erwartung von 700.000, und nichts passierte, Gold stieg sogar bis zum 14.7.)

Anyway! Konjunkturstärke = Zinsstärke = Goldschwäche (vereinfacht), und so stürzte der Goldkurs am Freitag von 1.805 auf 1.760 USD und am Wochenende mit einem Gap von 1.740 auf 1.707. Da dürften Longs, die am Freitag nicht reagierten, dann doch noch in Sorge geraten sein und den elektronischen Handel „genutzt“ haben. Charttechnisch reagierte der Kurs logisch: 1.760/70 ist eine langfristige Unterstützung und 1.750 das Tief von Juni. Darunter gibt es lange nichts, bis zum Doppeltief von März bei 1.680.

Emotional dürfte wohl gewirkt haben, dass die Arbeitslosenrate signifikant von 5,9 auf 5,4 % zurückging (am 2.7. war es ein Anstieg von 5,8 auf 5,9 %), und dass sich jeder insgeheim einen Anlass wünscht, der die Fed befähigt, mit dem „Liquiditätswahnsinn“ aufzuhören.

Die Renditen der 10-jährigen Treasuries (seit Mai von 1,700 auf 1,130 abgedriftet) sprangen auch sofort auf 1,310 an – womit eine Markterwartung der „Zinsstärke“ konkret ablesbar ist.

Besonders auffällig war der Sinneswandel in der wöchentlichen Trader-Befragung. Die Privaten reduzierten ihre bullishe Haltung von 79 auf 53 %, die Profis jedoch drehten sich völlig: Die bullishen Erwartungen stürzten von 70 % auf null (0 %), die bearishen von null auf 88 %. „Loyalität steht einem Soldaten, jedoch nicht einem Trader“, sagt man.

Die radikale Reaktion lässt leider befürchten, dass dem Goldmarkt ein schwerer Imageschade entstanden ist.

Die Messung der US-Inflationsrate am 11.8. wird spannend.

Foto: Adobe Stock / fox 17

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Street-Art-Künstler im Fokus

Arbeiten von Graffiti-Künstlern werden immer begehrter.

Lea Schweinegger. Um bei den „urbanen“ Künstlern zu bleiben: Wer kennt den Namen noch nicht?! Das Aushängeschild der Street-Art-Szene ohne Gesicht: Banksy. Angeblich soll niemand – Ausnahmen gibt es bestimmt – wissen, wie er aussieht und mit bürgerlichem Namen heißt. Bekannt wurde Banksy mit seinen Schablonengraffiti, mit denen er in Bristol und London Aufsehen erlangte. Wir berichteten bereits mehrmals im Börsen-Kurier über den Künstler.

Großes Aufsehen
Durch alle Medien weltweit ging sein Schredder-Bild. Das Kunstwerk entstand aus dem berühmten Banksy-Bild „Girl with Balloon“, das 2018 beim Auktionshaus Sotheby‘s für 1,2 Mio Euro an eine europäische Sammlerin versteigert wurde. Und dann: Direkt nach dem Zuschlag wurde es vor den Augen der verwirrten Besucher in einen Schredder eingezogen. Eine Woche später erklärte der anonyme Künstler das teilweise zerstörte Bild zu einem neuen Werk. Es heißt seither „Love is in the bin“ („Die Liebe ist im Eimer“). Unter diesem Titel hängt es nun auch im Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Ein weiteres Beispiel ist das Gemälde „Show Me the Monet“. Es wurde bei Sotheby‘s um 8 Mio€ im Vorjahr versteigert und stellt eine Neuinterpretation eines Monet-Gemäldes dar.

Das bisher teuerste Gemälde Banksys, „Game Changer“ (Foto), wurde am 23. März 2021 vom Londoner Auktionshaus Christie‘s um umgerechnet etwa 19,5 Mio Euro versteigert. Fazit: Auch ein unsichtbarer Künstler hat seinen Wert! Geheimnisumwittert ist er jeden-falls, dieser Banksy.

Loomit, der Sprayer
Ein weiterer bekannter Künstler ist der aus Deutschland stammende Mathias Köhler, Jahrgang 1968. Er arbeitet in München und gilt als ein Urgestein der deutschen Graffiti-Szene. Er war 1985 an der (illegalen) Gestaltung des ersten deutschen „Whole Car“ beteiligt, der als „Geltendorfer Zug“ in die Geschichte des Graffiti einging. Der Zugwaggon wurde in seiner gesamten Länge und Höhe besprüht. Loomit, so sein Künstlername, ist für seine 3D-Styles bekannt – aber auch für seine cartoonartigen und teilweise abstrakten Figuren. Eines seiner bekanntesten Werke ist die Wandgestaltung „Zeichen der Zeit“, die im Dezember 1995 in Hamburg entstand, gemeinsam mit Künstlern wie Daim, Darco und anderen. Die Sprayer bekamen für das damals größte Graffito der Welt (es ist rund 30 m hoch) einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Loomit arbeitete aber auch mit brasilianischen Graffiti-Künstlern zusammen. Eine Arbeit entstand in Zuge dessen in Sao Paolo und ist 300 m² groß. 2002 wurde er mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet. Im Jahr 2003 produzierten der Bayrische Rundfunk und Arte einen Dokumentarfilm über ihn mit dem Titel „Loomit – Der Sprayer“.

Werte für Sammler
Eine neue Kunstrichtung gewinnt somit eindeutig an Fahrt: Die Vermarktung einst illegaler Street Art und Protestkunst ist heute auch in Galerien und Museen möglich. Und wie man an Banksys Arbeiten sieht, lohnt es sich offenbar, in diese neue Kunst-Gattung zu investieren. Also Augen auf beim nächsten Stadtspaziergang!

Foto: Christie‘s

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Erste Group mit Dividenden- und Ertragsschub

Günstige Rahmenbedingungen und sinkende Risikokosten prägten das erste Halbjahr.

Michael Kordovsky. Niedrige Risikokosten, ein günstiges Refinanzierungsgeschäft bei der EZB und ein wachsender Provisionsüberschuss infolge von deutlichen Zuwächsen bei Zahlungsverkehrsdienstleistungen sowie in der Vermögensverwaltung und im Wertpapiergeschäft ermöglichen eine bessere Ertragslage mit Dividendenperspektiven.

Im ersten Halbjahr 2021 stiegen die Betriebserträge um 9,2 % auf 3.790,7 Mio Euro und ermöglichten einen Anstieg des Betriebsergebnis um 24,4 % auf 1.687,7 Mio Euro. Die Inanspruchnahme von LTRO-III- Refinanzierungen (günstige mittelfristige EZB-Mittel) in Österreich und der Slowakei ermöglichten eine Verbesserung des Zinsüberschusses um 2,2 % auf 2.448,7 Mio Euro. Das Institut hat bereits im Vorjahr eine hohe Risikovorsorge durchgeführt. Entsprechend positiv wirkten sich somit die Eingänge bereits abgeschriebener Forderungen aus. Das Ergebnis aus Wertminderungen von Finanzinstrumenten verbesserte sich aufgrund von Nettodotierungen von -675,4 auf -82,9 Mio Euro bzw. 10 Basispunkte des durchschnittlichen Bruttokundenkreditbestands. Die NPL-Quote (vereinfacht ausgedrückt der Anteil fauler Kredite bezogen auf das Kreditvolumen) konnte sich im zweiten Quartal 2021 auf einem niedrigen Niveau von 2,5 % (2. Quartal 2020: 2,4 %) halten, während die NPL-Deckungsquote bereits 91,4 % erreichte.

Mehr Dividende
Das den Eigentümern des Mutterunternehmens zuzurechnende Periodenergebnis stieg im ersten Halbjahr 2021 von 293,8 auf 918 Mio Euro. Das stärkt auch die Eigenkapitalbasis. So stieg von Juni 2020 auf Juni 2021 das gesamte Eigenkapital von 21,2 auf 23,371 Mrd Euro und die finale CET1-Quote konnte sich auf 14,2 % halten. Daraus resultieren Dividendenspielräume zumal die EZB ihre Empfehlung hinsichtlich Dividendenzahlungen aufgehoben hat. Deshalb ist für das vierte Quartal 2021 nach Genehmigung durch eine außerordentliche Hauptversammlung eine zusätzliche Ausschüttung von 1 E/Aktie geplant. 2021 sind 1,60 E/Aktie an Dividendenausschüttung vorgesehen, woraus bei einem Kurs von 32,71 E eine zukünftige Dividendenren-dite von 4,9 % resultieren würde.

Laut dem auf finanzen.net veröffentlichten Analystenschätzungskonsens sind die Experten durchaus positiv gestimmt. 14 Kaufempfehlungen, einmal „übergewichten“ viermal „halten“ und nur einmal „untergewichten“ sind ein erfreulicher Konsens. Von 2021 bis 2023 sollte der Gewinn/Aktie von 3,02 auf 3,73 Euro steigen, woraus ein für 2023 erwartetes KGV von günstigen 8,8 resultieren würde.

Foto: Foto: Erste Bank / Daniel Hinterramskogler

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Achtung, zerbrechlich

Porzellankunst aus China, Japan und Meissen.

Lea Schweinegger. Es ist schon sechs Jahre her, dass wir im Börsen-Kurier über das Auktionsergebnis einer mehr als 500 Jahre alten Tasse aus der chinesischen Ming-Dynastie berichteten, die bei einer Auktion von Sotheby‘s in Hongkong unter den Hammer kam. Das wertvolle, unter dem Namen „Hühnertasse“ bekannte Gefäß wurde von einem chinesischen Kunstsammler zu einer Summe erworben, die den bisherigen Rekordpreis für chinesisches Porzellan noch übertraf, nämlich 36 MioUSD. Aber bleiben wir doch gleich bei Porzellan, dem „weißen Gold“. Sollten auch Sie die Lust am Sammeln entdeckt haben, geben wir Ihnen hier einige Informationen zu diesem Thema.

Europäische Sammlungsgeschichte
Bleiben wir in Europa und werfen einen Blick nach Dresden. Es ist die „maladie de porcelaine“, die Sucht nach dem „weißen Gold“, die die legendäre Porzellansammlung August des Starken zur größten und schönsten in ganz Europa werden ließ. Seine Porzellanliebe ging so weit, dass der König im Jahr 1717 mit Friedrich Wilhelm I. von Preußen einen ungewöhnlichen Deal einging: Er tauschte 600 seiner Soldaten gegen 151 blauweiße chinesische Porzellane der Kangxi-Ära (1662 bis 1722), darunter 30 große Vasen. „Geboren aus der Faszination Augusts des Starken für den Fernen Osten und befeuert durch die Gründung der Meissner Porzellanmanufaktur ist die Dresdner Porzellansammlung weltweit einzigartig“, so Julia Weber, die Direktorin der Porzellansammlung, heute dazu.

In Augusts Regierungszeit fiel auch die Entdeckung der Porzellanherstellung in Europa durch Johann Friedrich Böttger im Jahr 1708. Zwei Jahre später gründete August der Starke in Dresden die erste europäische Porzellanmanufaktur, die er wenige Monate später nach Meißen verlegte – vor allem, um die Rezeptur der Herstellung geheim zu halten. Die Dresdener Sammlung bietet einen ausgezeichneten Überblick über die Leistungen der Meissner Manufaktur von ihrer Gründung bis etwa 1815, von den berühmten Chinoi-Serien über Tafelservice bis hin zu monumentalen Figurengruppen.

Wissenschaftlicher Auftrag
Die Forschung an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bedient sich heute vielfältiger wissenschaftlicher Methoden und Ansätze und arbeitet interdisziplinär, vor allem durch Kooperationen mit Hochschulen, Forschungsinstituten und Museen im In- und Ausland.

Auktionshaus und Ansprechpartner
Das Kunstauktionshaus Lempertz mit Auktionshäusern in Berlin, München, Köln, Brüssel und Mailand informiert die Kulturredaktion des Börsen-Kurier öfters über Neuigkeiten und Ergebnisse von Auktionen. Einige davon möchten wir Ihnen nicht vorenthalten: So kam etwa „Liebespaar bei der Schokolade“ für 148.800 Euro unter den Hammer, „Prachtvoller Walzenkrug“ für 106.640 Euro, „Terrine kleinster Sorte aus dem Schwanenservice“ für 94.240 Euro und „Der indiskrete Harlekin“ für 87.500 Euro.

Luxusgüter fürs Auge und den Genuss
Auch die englische Fabrik Wedgewood bietet seit zweieinhalb Jahrhunderten immer wieder Luxus-Gegenstände an, die zu Beginn nur für Mahlzeiten der Könige und Herzoge geeignet waren. Heute sind diese kostspieligen Luxusgüter weltweit in Museen ausgestellt. Das Geschirr aus Knochenporzellan und Elfenbein, geschmückt mit Bemalung aus echtem Gold, weckt in so manchem Liebhaber und Sammler des „weißen Goldes“ das Begehren. Bei einer Auktion kommt dabei natürlich dem Original und der Auflage besondere Bedeutung zu.

Die MAK-Sammlung
Der künstlerische Nachlass der Wiener Porzellanmanufaktur ging kurz nach deren Schließung im Jahr 1864 in den Besitz des damaligen „k.k. Österreichisches Museum für Kunst und Industrie“ über. Wunderbare Porzellangegenstände zeigte im Jahr 2018, anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums der Gründung der Wiener Porzellanmanufaktur, auch das MAK. Experte im MAK ist Rainald Franz (Infos: www.mak.at).

Und natürlich finden auch im Dorotheum Wien immer wieder Auktionen mit Schwerpunkt auf Porzellan statt (mehr dazu unter www.dorotheum.com).

Wir hoffen, auch Ihr Interesse an der Porzellan-Kunst ist geweckt!

Foto: Auktionshaus Lempertz

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Droht eine „grüne“ Blase?

Der „grüne“ Boom hält ungebrochen an, ein Drittel des gesamten Vermögens weltweit

(30.07.) Der Run auf nachhaltige ESG-Finanzanlagen (Environmental, Social and Corporate Governance) ist ungebrochen stark. Die weltweit investierten ESG-Vermögenswerte überstiegen 2020 die Marke von 35 Billionen US-Dollar und erreichten damit ein Drittel des derzeitigen globalen Gesamtvermögens. Hält die Dynamik an, wird das „grüne“ Vermögen laut Bloomberg bis zum Jahr 2025 die Marke von 50 Billionen US-Dollar überspringen. Kurzfristig ist aber aufgrund des Booms eine spekulative Blase bei grünen Aktien nicht auszuschließen, so die Analyse der Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar. Denn die meisten Unternehmen des Sektors seien jung. Und auch wenn die Rolle der Aktienmärkte prinzipiell darin bestehe, Kapital für Wachstum und Innovation bereit zu stellen, sollte man das Risiko von „Greenwashing“ im Auge haben und nicht verfrüht gänzlich auf grüne Aktien setzen. Vor kurzfristigen Modeerscheinungen sollte man sich auf alle Fälle schützen, um Verluste ähnlich wie in der Dotcom-Blase zu vermeiden, so die Steiermärkische Sparkasse Private Banking.

Aktien, Anleihen, Immobilien, ETFs
Das Thema ESG hat die gesamte Investmentbranche erfasst. Ob Aktien, ETFs, Immobilien oder Anleihen – bei allem, was als nachhaltig oder „grün“ gilt, greifen die Anleger mit beiden Händen zu. Grüne Anleihen, so genannte Green Bonds, die etwa zur Finanzierung der Energiewende emittiert werden, sowie Kredite mit dem Etikett „nachhaltig“, haben sich als neue Anlageklasse etabliert. Die Nachfrage institutioneller Investoren nach qualitativ hochwertigen, ESG-konformen Anleihen wird sich voraussichtlich schnell verstärken. Laut Prognose der niederländischen NN Investment Partners werden heuer grüne Anleihen in der Höhe von 400 Milliarden Euro emittiert werden, womit die Marke von einer Billion US-Dollar Marktvolumen deutlich überschritten wird.

Greenwashing
Nicht immer sind die Firmen aber so grün, wie sie sich nach außen geben. Das so genannte „Green Washing“ ist für private Anleger, aber auch für Vermögensverwalter oder für Ratingagenturen und Fondsgesellschaften meist nicht leicht erkennbar. Somit birgt so manche Investition Reputationsrisiken und finanzielle Risiken. Werden zum Beispiel Greenbonds neu emittiert, fließt den Unternehmen neues Geld zu, das einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leistet. Werden die Anleihen zu einem späteren Zeitpunkt gehandelt, ist dies jedoch nicht mehr gegeben. Die wissenschaftliche Evidenz, dass Investoren mittels solcher Anlagen einen spürbaren oder gar maßgeblichen Einfluss auf die reale Welt ausüben können, ist relativ dünn. Eine gewisse Hilfestellung können Nachhaltigkeits-Label wie das FNG-Siegel oder der Eurosif European SRI Transparency Code bieten. Solche Gütesiegel stellen in erster Linie aber nur sicher, dass die Produkte einem gewissen Qualitätsstandard entsprechen. Die rege Diskussion, was „gut“ oder „schlecht“ ist, wird wohl noch länger eine Begleiterscheinung des Nachhaltigkeitsbooms bleiben. Während manche Marktteilnehmer meinen, strenge und harte ESG-Richtlinien würden den Sektor lähmen und behindern, gilt die EU als Vorreiterin in Sachen Transparenz. Bis Anleger blind darauf vertrauen dürfen, dass die ihnen angepriesenen nachhaltigen Produkte und Dienstleistungen das halten, was sie versprechen, ist es noch ein langer und steiniger Weg, so das Urteil der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking.

Nachhaltigkeitsrating
Grundsätzlich ist Nachhaltigkeit aber nicht nur für „grüne“, sondern für alle Unternehmen zu einem entscheidenden Kapitalmarktfaktor geworden. Ein schlechtes Nachhaltigkeitsrating ist für eine Firma ein strategischer Nachteil. Es reflektiert schlechtere, operative Prozesse, steigert Kapitalkosten und regulatorische Bürden, schadet dem Ruf und schmälert den Wert des Unternehmens. Wenn Anleger nachhaltige Ratingkriterien berücksichtigen, können sie den Wert ihres Portfolios steigern. Der Finanzdienstleister Credit Suisse nennt mehrere Gründe, die dafürsprechen, dass Nachhaltigkeit in Zukunft an den Börsen noch an Bedeutung zulegen wird: Die Finanzmärkte kalkulieren automatisch die Implikationen von Klima- und Wertewandel, wachsendem ökologischen Fußabdruck, zunehmender Regulierung, Verlust der Biodiversität oder das Potenzial neuer Technologien. Zudem ist der Trend, wonach Unternehmen und professionelle Vermögensverwalter in Zukunft verbindliche Nachhaltigkeitskriterien aufstellen müssen, nicht aufzuhalten. Immer mehr Manager und Anleger erwarten außerdem von einem guten Abschneiden beim Nachhaltigkeitsrating einen positiven Einfluss auf die Unternehmensbewertung. Ein weiteres Kriterium: Anleger engagieren sich, wie etwa jene Umweltorganisationen, die den Ölkonzern Shell in einem wegweisenden Prozess zu ambitionierteren Emissionszielen gezwungen haben. Nicht zuletzt hat Nachhaltigkeit bei Konsum- und Anlageentscheidungen der jüngeren Generation deutlich mehr Gewicht als bei älteren Menschen. Finanzmärkte, Investoren und Fondsgesellschaften werden also einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Erreichung der Klimaziele leisten. Es ist jedoch eine Aufgabe auf Zeit, die einen langen Atem und klare Visionen braucht.

Foto: Steiermärkische Sparkasse

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Erste Abkühlungstendenzen

Liegt der konjunkturelle Zenit bereits hinter uns?

Michael Kordovsky. Befragt man Konsumenten und Führungskräfte über laufende und erwartete Aktivitäten, so vernehmen die Interviewer vermehrt ein „Jammern auf hohem Niveau“. Nach Rekordzuwächsen in diversen Einkaufsmanagerindizes, die nichts anderes sind als eine skalierte Darstellung von Umfrageergebnissen in der Wirtschaft, zeigte sich in den vergangenen drei bis vier Wochen eine zunehmende Verlangsamung der Dynamik. Zwar ist noch von hohem Wachstumsniveau in den USA und China auszugehen, aber es gibt gewisse Engpassfaktoren, die sich weltweit bemerkbar machen, nämlich: Lieferengpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen infolge von Lieferkettenunterbrechungen und gleichzeitig ein zunehmender Personalmangel. Da-rüber hinaus explodieren mangels Frachtcontainer die Seefrachtraten und im Einklang mit steigenden Öl- und Rohstoffpreisen verteuern sich die Erzeuger- und Verbraucherpreise.

Wirtschaftliche Aktivitäten verlangsamen sich
Diverse Aktivitätsindikatoren in den USA sprechen diesbezüglich eine klare Sprache: Einer davon setzt sich aus 85 Wirtschaftsindikatoren zusammen, die den Datengruppen Produktion und Einkommen; Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Arbeitsstunden; persönlicher Konsum und Wohnungsbau; sowie Verkäufe, Aufträge und Lagerbestände zuzuordnen sind. Positive Werte des Index bedeuten ein Wachstum über dem Trend und negative darunter. Es ist der „Chicago Fed National Activity Index“, der von Mai auf Juni von 0,26 auf 0,09 Punkte und im gleitenden Dreimonats-Schnitt von 0,80 auf 0,06 zurückging. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die Erholungsdynamik nach der Pandemie bereits im zweiten Quartal ihren Höhepunkt erreicht hat.

Wirft man einen Blick auf den vorab ausgewerteten „IHS Markit Flash U.S. Composite PMI™“, der Herstellung und Dienstleistung abdeckt, zeigten sich im Herstellungsindex zwar neue Rekordstände, aber: Der Service-Sektor erlebte den schwächsten Zuwachs der Auftragseingänge seit fünf Monaten. Hinzu kommt eine Knappheit an Arbeitskräften in der Dienstleistung.

Generell verschlechterten sich die Zukunftserwartungen der Unternehmen in den USA auf ein Sieben-Monats-Tief, wofür Lieferengpässe, Personalknappheit und unsichere Auftragseingänge bei Dienstleistern verantwortlich sind. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass der „IHS Markit Flash U.S. Composite PMI Output Index“ (kombiniert Produktion und Aktivitäten im Dienstleistungsbereich) das niedrigste Wachstumsniveau seit vier Monaten signalisierte.

Eingetrübte Erwartungen der US-Konsumenten zeigt indessen ein von der Uni Michigan erstellter Index. Allerdings befindet sich das Ausgangsniveau der Abkühlung auf hohem Level.

Getrübte Aussichten
In China kühlte sich das BIP-Wachstum im Einklang mit den Erwartungen vom ersten auf das zweite Quartal von 18,3 auf 7,9 % ab, während der „Caixin Markit Service“-Einkaufsmanagerindex im Juni ein 14-Monats-Tief markierte. In Japan senkte indessen die Bank of Japan ihren Wachstumsausblick 2022 von 2,7 auf 2,4 %. Begründung: Die Pandemie bleibt ein Risikofaktor. Derzeit zeigt sich auch ein gewisser Zusammenhang zwischen globaler Ausbreitung der Corona-Delta-Variante und rückläufigen Anleihen-Renditen, und immer wieder kommt es zu (bis dato noch leichten) Irritationen an den Aktienmärkten.

Wie sieht es dann in Europa aus?
Im Euroraum deuten vorab ausgewertete Umfrageergebnisse für Juli auf das stärkste Wirtschaftswachstum der Privatwirtschaft (Produktion und Dienstleistung) seit 21 Jahren hin. Der Auftragseingang verzeichnete insgesamt den stärksten Zuwachs seit Mai 2020. Allerdings sorgen Lieferverzögerungen und explodierende Inputpreise im Industriebereich für Störfrequenzen. Auch droht die Delta-Variante die Geschäftsaussichten zu trüben. Somit fiel der vorläufige Einkaufsmanagerindex für die Industrie bereits auf ein Vier-Monatstief.

Fazit
Erste Verunsicherungen am Aktienmarkt, die Gefahr einer Preis-Kosten-Schere für Unternehmen, die Ausbreitung der Delta-Variante und die globalen Abkühlungstendenzen auf breiter Front sollten ernst genommen werden, auch wenn derzeit noch (!) auf hohem Niveau „gejammert“ wird, denn der Zenit könnte bereits hinter uns liegen.

Foto: Pixabay/StockSnap

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Chinas Ehrgeiz als Anlagechance

Im neuen Fünf-Jahresplan stehen einige Sektoren besonders im Fokus.

Raja Korinek. Diese Schlagzeilen aus China sorgten zuletzt für gehörig Turbulenzen: Die chinesische Behörde für Cyberspace verbot Smartphone-App-Stores, die App des Fahrtendienstanbieters Didi Chuxing herunterzuladen. Laut Peking soll der Konzern persönliche Nutzerdaten illegal gesammelt haben. Die Meldung sorgte für Kursverluste des Börsenneulings.

Freilich, das ist nicht das erste Mal, dass Chinas Behörden gegen Technologiekonzerne vorgehen. Müssen sich Anleger um ihre China-Investments nun sorgen? „Keinesfalls“, betont Yun Bai, Head of Factor Investing Research bei der Bank Vontobel, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Bai lässt sich von den jüngsten Vorkommnissen nicht abschrecken. Sie sieht die Lösung vielmehr in einer breiten Streuung, „um solche Risiken abzufedern“. Dabei managt Bai den neuen „Vontobel China New Vision Index“ (DE00 0VQ8SFS0), auf den die Bank auch ein Zertifikat begeben hat. Insgesamt kommen 50 chinesische Titel in Frage, derzeit sind es 49.

Fünf-Jahresplan als Innovationstreiber
Bei der Selektion hat Bai einen klaren Fokus: Nämlich jene Titel auszuwählen, die vom neuen bzw. 14. Fünf-Jahresplan der chinesischen Führung besonders profitieren könnten. Als zentrales Planziel hat Peking die längerfristige Stärkung des Binnenkonsums sowie die Anhebung des Wohlstandes im Land hervorgehoben. Die Arbeitslosenquote soll dabei kräftig gesenkt, die Urbanisierung forciert werden.

Und damit soll auch die Abhängigkeit von Billigexporten gesenkt werden, die Wirtschaft stattdessen verstärkt aus eigener Kraft wachsen. Mehr Bildung sowie ein breit zugängliches Gesundheitssystem stehen ebenso im Fokus. Schließ-lich erhöhen auch solche Entwicklungen den Wohlstand.

Konsum und Tourismus im Fokus
Und so macht der zyklische Konsum derzeit 35,7 % vom Index aus, der Basiskonsum 5,3 %. Dazu zählen Titel wie China East Education Holding (KYG2120T1004), die sich auf Fachausbildungen spezialisiert hat, sowie der Touristiker China Tourism Group Duty Free Corporation (CNE100000G29) und Yadea Group (KYG9830F1063). Letzteres Unternehmen baut unter anderem Elektroroller, Batterien und Ladegeräte. Intco Medical Technology (CNE100003456) verkauft medizintechnische Ausrüstung.

Auch technologisch hegt der Fünf-Jahresplan große Ziele. Bereiche wie „Künstliche Intelligenz“, die Halbleiterproduktion, aber auch das Internet sollen kräftig ausgebaut werden, weshalb der IT-Bereich insgesamt 14,31 % des Vontobel-Indexes ausmacht. Dazu zählt beispielsweise der Internetriese Tencent (KYG8757 21634). Die Kommunikations-, sowie die Finanzbranche werden im Index ebenso abgedeckt.

Werden Schulden zur Falle?
Allerdings bereitet das wachsende Schuldenniveau in China manchen Investoren Sorgen. Laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich liegt die Schuldenquote bei rund 290 % vom BIP, wobei ein Großteil auf Unternehmen entfällt. Bai befürchtet allerdings kein systemisches Risiko, zumal der jüngste Schuldenanstieg auf die Folgen der Corona-Krise zurückzuführen sei.

Inzwischen schreitet die Impfwelle voran, weshalb sich der Wirtschaftsalltag stückweise normalisiert. „Unterstützt wird dieser Umstand von der lockeren Geldpolitik“, sagt die Vontobel-Expertin. Das alles senke wiederum die Ausfallrisiken. Für den Vontobel-Index sei dieser Umstand ohnedies weniger ein Thema, betont Bai. Schließlich werde bei Titelselektion auch auf einen geringen Verschuldungsgrad der Unternehmen genau geachtet.

Foto: AdobeStock / vegefox.com

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Investieren abseits der „New Economy“

Europa und Japan gelten zu Unrecht als verstaubt. Ein genauer Blick offenbart zahlreiche Chancen.

Raja Korinek. Noch scheint die weltweite Aktienrallye nicht enden zu wollen. Vor allem in den USA legten die Börsenbarometer seit dem Crash vom März 2020 kräftig zu. Und das ist auch verständlich, wenn man bedenkt, dass jenseits des Atlantiks jede Menge große Technologiekonzerne notiert sind. Sie profitierten vor allem während der zahlreichen Lockdowns vom Online-Konsum und der wachsenden Digitalisierung in vielen Bereichen, etwa in der virtuellen Bildung und im Home-Office.

Doch damit sind im internationalen Vergleich US-Aktien auch am teuersten bewertet. Das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für die kommenden zwölf Monate liegt beim S&P 500 bei 22,5. Da sind innerhalb der entwickelten Märkte die Börsen in Europa und in Japan durchwegs günstiger bewertet. Allein für den Euro Stoxx 50 liegt das KGV bei 19,1 und für den Topix bei 16,1.

Langfristiges Wachstum als Kriterium
Bei der französischen Fondsboutique Comgest weiß man das Potential in letzteren zwei Regionen zu nutzen. Franz Weis, Co-Geschäftsführer und Fondsmanager des „Comgest Growth Europe Opportunities“ (ISIN: IE00B4ZJ4188) verweist auf seinen Ansatz und meint, die Unternehmen sollten im Durchschnitt längerfristig ein jährliches Gewinnwachstum von rund 10 bis 15 % erzielen können. Das Wachstum sollte dabei aber nicht auf Pump geschehen, die Bilanzen werden von Weis und seinem Team deshalb genau durchleuchtet.

Freilich, erzielen lässt sich solch ein stetiger Zuwachs grundsätzlich nur mit soliden – und einzigartigen – Geschäftsmodellen, die im aktuellen Umfeld vermutlich noch mehr gefordert sein dürften. Der Grund liegt in den wirtschaftlichen Entwicklungen. Denn die Inflation, sowie die langfristigen Renditen, legen auch in Europa zu. Dieser Umstand trifft etwa jene Unternehmen, bei denen Anleger erst in Zukunft solide Gewinne erwarten, besonders hart. Dazu zählen etwa junge Wachstumsaktien. Doch auch Unternehmen, die beispiels-weise hohe Rohstoffkosten haben, die sie nicht an Kunden weitergeben können, geraten im aktuellen Umfeld unter Druck. „Solche Probleme sehen wir bei unseren Titeln aber nicht“, betont Weis und verweist in diesem Zusammenhang auch auf die hohen Cashflows seiner Unternehmen.

Licht und Schatten der Pandemie
Dennoch haben sich die Investments im Comgest-Fonds in den vergangenen Monaten unterschiedlich entwickelt. Manch ein Unternehmen habe von der Corona-Pandemie sogar profitiert. Ein solcher Titel ist etwa ASML (NL00 10273215), der die größte Position im Fonds einnimmt. Der niederländische Konzern stellt Lithographiesysteme her, wobei die Maschinen für die Halbleiterproduktion gebraucht werden. „Das Unternehmen hat praktisch ein Monopol in diesem Bereich“, zeigt Weis auf. Er verweist auch auf die Ergebnisse im 1. Quartal 2021. Sie hätten die Erwartungen übertroffen. Wichtige langfristige Treiber seien etwa der Ausbau von 5G und der künstlichen Intelligenz.

Demgegenüber hätte die ungarische Billigfluglinie Wizz Air (JE00 BN574F90) die Pandemie schmerzhaft zu spüren bekommen. „Kapazität und Auslastung erholten sich aufgrund der anhaltenden Beschränkungen und neuer Virusvarianten nur langsam.“ Und wie sieht es mit den jüngsten Käufen aus? Dazu zählt etwa Biontech (US09075V1026). Derzeit profitiere der Konzern vom Verkauf des mRNA-Impfstoffes. „Mit diesen Mitteln kann die breite Pipeline in andere Therapiegebiete, insbe-sondere in der Krebsforschung, beschleunigt werden.“ Überhaupt nimmt der Gesundheitssektor mit fast 25 % die größte Gewichtung im Fonds ein, gefolgt von der IT-Branche (22,2 %) und dem zyklischen Konsum (19,6 %).

Zu letzteren Bereich zählt etwa LVMH (FR0000121014). Weis meint, der Konzern glänzte im ersten Quartal 2021 erneut mit einem starken Wachstumsprofil, wobei allein das organische Wachstum bei 30 % lag. „Auch wenn einige Bereiche im Einzelhandels- und Parfüm-Segment unter dem Niveau von 2019 lagen, erzielte die Mode- und Ledersparte eine herausragende Performance.“

Weshalb schreckt Japan ab?
Auch Richard Kaye selektiert seine Titel sorgfältig – allerdings in Japan. Er ist Fondsmanager des „Comgest Growth Japan Fonds“ (IE0004767087). Kaye geht dabei auf die jüngst schwächere Entwicklung des japanischen Aktienmarktes ein und führt dies vor allem auf das zurückhaltende Interesse vieler Großanleger zurück. Denn das Land hinkte bei der Impfrate vielen anderen Region hinten nach, die Sorge über die Auswirkungen auf die Wirtschaft war damit groß. Doch das ändere sich gerade, „das Land hat die tägliche Zahl der Impfungen stark beschleunigt“, sagt Kaye.

Dennoch rät Kaye Anlegern bei einem Japan-Investment selektiv vorzugehen. „Es gibt zahlreiche wenig profitable Großkonzerne, etwa aus dem Banken- oder Chemiesektor.“ Er setzt stattdessen auf ein sorgfältiges Stockpicking, zumal Nippons Aktien kaum analysiert würden. Das biete gute Chancen auf unentdeckte Perlen zu stoßen.

Weltkonzerne im Fokus
Kaye setzt mit seinem Fonds dabei zu mehr als 50 % auf Unternehmen, die globale „Player“ sind, wie er sagt. „Die Innovationskraft vieler dieser Konzerne wird an der Börse oftmals unterschätzt.“ Dabei seien zahlreiche solcher „Player“ allein in China erfolgreich unterwegs. Als Beispiel verweist er auf die Bekleidung der Modekette Uniqlo (JP38 02300008), die im Reich der Mitte sehr begehrt sei. Industrierobotik-Spezialisten wie Fanuc (JP38024 00006) und Keyence (JP323620 0006) profitieren wiederum von der starken Nachfrage nach Industrieautomatisierung in Asien.

Doch auch in Japan gibt es Veränderungen. „Junge Menschen wollen mehr Freizeit genießen. Und die Bevölkerung wird immer älter“, erklärt der Comgest-Experte. Auch diese Entwicklungen böten Chancen. Asahi Intecc (JP3110650003) produziert und vertreibt Medizin- und Industrieprodukte, zu denen beispielsweise Mikrokatheter zählen. Der Personalvermittler Recruit Holdings (JP3970300004) ist ebenfalls Teil des Fonds. Insge-samt machen zyklische Konsumgüter mit rund 23 % den größten Anteil aus, gefolgt von Industrie- und Gesundheitstiteln.

Foto: AdobeStock / hppd

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Ist der Inflationsanstieg nachhaltig?

Nachwehen der Corona-Krise äußern sich in einem Inflationsschub.

Michael Kordovsky. Obwohl Volkswirte nur von 4,9 % ausgegangen sind, explodierte der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise in den USA von Mai auf Juni von 5,0 auf 5,4 %. Dies markiert die höchste Rate seit August 2008. Noch im Jänner lag die US-Inflation bei 1,4 %.

Lieferkettenunterbrechungen im Automobilsektor sowie eine weltweite Chip-Knappheit führen zu ausgedehnten Lieferzeiten bei neuen Fahrzeugen. Die Preise für gebrauchte Pkw und Trucks explodierten auf Jahresbasis um 45,2 %. Binnen eines Monats lag die Verteuerung bei 10,5 %. Das war hier der stärkste Preissprung seit 1953. Auch die Neuwagenpreise sind im Aufwind. Autovermieter investieren. Insgesamt sind Pkw und Trucks für ein Drittel des Preissprungs verantwortlich. Weitere Preistreiber sind Hotelbuchungen, Autovermietungen, Bekleidung und Flugreisen.

Ursachen liegen in der weitgehenden Aufhebung von Corona-Beschränkungen in Kombination mit 6 BioUSD an Staatshilfen seit März 2020. Weitere Komponenten sind explodierende Öl- und Agrarrohstoffpreise. Auf Jahresbasis stiegen die Preise für Mais, Sojabohnen und Weizen um jeweils 53, 63 bzw. 25 %. Der Preis der Ölsorte WTI stieg sogar um 73 % – aber von einem entsprechend niedrigem Niveau ausgehend.

Die volatilen Preiskomponenten Nahrungsmittel und Energie rausgerechnet stieg die Kerninflation trotzdem auf 4,5 nach 3,8 % im Mai, was mittlerweile den stärksten Anstieg seit November 1991 bedeutet. Der Index der individuellen Konsumausgaben – ein bevorzugter Inflationsmaßstab der Fed – verzeichnet mit 3,5 % im Mai stärksten Sprung seit April 1992. Indessen lag der Stundenlohnanstieg in der Privatwirtschaft bei

3,6 %. Eine Lohn-Preis-Spirale dürfte sich somit – nicht zuletzt infolge der nach wie vor hohen strukturellen Arbeitslosigkeit – nicht entfachen.

Rückläufige Inflationsrate im Euroraum
Im Euroraum ist die Inflationsrate vom vorläufigen Jahreshoch von 2,0 % im Mai bis Juni auf 1,9 % wieder zurückgegangen, wobei die einzelnen Mitgliedsstaaten unterschiedliche Preisentwicklungsmuster aufweisen. Die niedrigsten jährlichen Raten wurden in Portugal (-0,6 %), auf Malta (0,2 %), in Griechenland (0,6 %) und Italien (1,3 %) gemessen. Mit Ausnahme von Italien, das in den Vorquartalen in einer tiefen Kontraktion steckte, zeigten die anderen Niedriginflationsländer eine überdurchschnittliche Schrumpfung des BIP im ersten Quartal in der Bandbreite von -2,0 % (Malta) bis -5,4 % (Portugal). Die höchsten Inflationsraten wiesen indessen folgende Länder auf: Ungarn (5,3 %), Polen (4,1 %) und Estland (3,7 %). Diese befinden sich in einem wirtschaftlichen Aufholprozess.

Die mit 9,5 % im HVPI gewichtete Energiepreiskomponente stieg im Juni um 12,6 % und trug somit infolge steigender Ölpreise 1,16 %-Punkte zur Jahresinflationsrate für die Eurozone bei. Weitere größere Inflationsbeiträge leisteten im Juni Industriegüter ohne Energie und Dienstleistungen mit je 0,31 bzw. 0,28 %-Punkten. Allerdings hielt sich der Preisauftrieb dieser Subindizes mit je 1,2 bzw. 0,7 % in engen Grenzen. Die Preise unverarbeiteter Lebensmittel waren sogar um 0,3 % rückläufig. Entsprechend niedriger war die Preissteigerung im HVPI ohne Energie mit 0,8 % nach jeweils 0,7 bzw. 0,9 % Anstieg in den Monaten April und Mai.

Angesichts des Vormarsches der Corona-Delta-Variante und zunehmender Verschärfungen im internationalen Reiseverkehr ist erneut von einer Beeinträchtigung der Ölnachfrage auszugehen. Gleichzeitig werden erneuerbare Energien immer schneller forciert. Erneut rückläufige Ölpreise und somit eine Mäßigung der Inflationsrate ist in Europa zu erwarten. In den USA hingegen rechnen vor allem die Experten der Fed damit, dass an der Preisfront bald das Schlimmste hinter uns liegt.

Foto: Pixabay / Foto-Rabe

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Aufschwungdynamik in Europa und USA nimmt ab

Ein Marktkommentar von Adam Choragwicki, Leiter Rentenfondsmanagement bei StarCapital AG

(14.07.) Die Corona-Pandemie beschäftigt noch immer die Finanzmärkte. Mit dem steigenden Anteil der Delta-Variante sind in vielen Ländern, in denen die Ausbreitung des Virus in den vergangenen Monaten stark reduziert werden konnte, die Infektionszahlen zuletzt wieder nach oben gelaufen. Zumindest jedoch in den Industriestaaten, in denen die Impfkampagne schon weit fortgeschritten ist, hat Covid-19 inzwischen seinen Schrecken weitestgehend verloren. Zwar steigen die Neuinfektionen wieder an, dennoch ist bei den Todesfällen bislang kaum ein Anstieg zu verzeichnen. Neue Lockdowns scheinen derzeit jedenfalls nicht in Sicht, vielmehr fallen vielerorts immer mehr Beschränkungen weg.

Dank dieser Öffnungsschritte der zurückliegenden Monate befindet sich die Wirtschaft insgesamt auf einem kräftigen Erholungskurs. Deutlich verbessert haben sich die Aussichten für Wirtschaftszweige aus dem Dienstleistungssektor wie Gastronomie und Tourismus, wie sich an den jüngsten Daten der Einkaufsmanagerindizes ablesen lässt. Insbesondere das US-Barometer ist bereits stark vorausgelaufen, während die europäischen Einkaufsmanagerindizes mit zunehmender Impfquote auf dem Kontinent nun nachziehen. Noch besser zeigt sich die Situation im verarbeitenden Gewerbe, wo die jeweiligen Einkaufsmanagerindizes für die USA und Europa zuletzt sogar auf ein neues Dreijahreshoch geklettert sind. Bei mehr als 60 Punkten deutet der amerikanische ISM Manufactoring Index ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von etwa fünf Prozent an. Auf beiden Seiten des Atlantiks sind die Auftragsbücher im verarbeitenden Gewerbe prall gefüllt, das Vorkrisenniveau ist längst schon wieder überschritten.

Erholung in den USA und Europa schon weit fortgeschritten
Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass dieses Tempo des Aufschwungs fortgeschrieben werden kann. „Die Dynamik nimmt bereits ab“, verweist Adam Choragwicki auf die zwar weit über 50 notierenden Einkaufsmanagerindizes, jedoch mit einer abflachenden Tendenz. Der Rentenmarktstratege sieht die Expansion in den USA und Europa schon weit fortgeschritten aber zusammen mit der entstandenen Lieferkettenproblematik hält er deshalb eine Abkühlung der Wirtschaftserholung in den kommenden drei bis sechs Monaten für möglich. Auch die zuletzt stark gestiegene Teuerung gibt Choragwicki zu bedenken: „Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass es nach einer Rezession zu einem starken Anstieg der Inflation kommt…“, verweist der Anleihespezialist insbesondere auf die in den vergangenen Monaten kräftig gestiegenen Rohstoffpreise. „…aber je höher die Inflation, desto größer ist auch die Bremswirkung auf die Wirtschaft“. Zuletzt konnte bereits bei konjunktursensiblen Rohstoffen wie Holz oder Kupfer eine Konsolidierung beobachtet werden, bis zum Jahresende dürfte insgesamt mit einer Entspannung zu rechnen sein.

Angesichts einer sprunghaft gestiegenen Inflation meldete sich jüngst auch die US-Notenbank mit ersten hawkischen Überlegungen zu Wort. So könnte das Anleihekaufprogramm reduziert und die Leitzinsen Ende 2022/Anfang 2023 in zwei Schritten um einen halben Prozentpunkt angehoben werden. An den Finanzmärkten wird eine Umkehr in der Geldpolitik schon seit Jahresanfang eingepreist. Praktisch alle Rentensegmente wurden vom Zinsanstieg hart getroffen, lediglich High Yield-Anleihen weisen seit Jahresbeginn noch eine deutlich positive Wertentwicklung aus.

Getrieben von Inflationssorgen sind zu Jahresbeginn zunächst die Zinsen am langen Ende gestiegen, nach den Fed-Kommentaren nun aber auch die Renditen der Kurzläufer angesprungen. „Die überschießenden Inflationserwartungen 12 bis 18 Monate nach einer Rezession sind nicht selten“, ordnet StarCapital-Rentenstratege Choragwicki die jüngsten Notierungen ein und verweist auf vorhandene Basiseffekte wie etwa beim Erdöl, wo die Öl-Futures im vergangenen Frühjahr kurzzeitig sogar in negatives Territorium gerutscht waren und nun wieder im Bereich von 70 US-Dollar je Barrel notieren. Da zuletzt 80 Prozent der Befragten einer Investorenumfrage von weiter steigenden Zinsen am langen Ende ausgehen, hält Choragwicki den Markt insgesamt derzeit jedoch zu einseitig positioniert und rät daher zu antizyklischem Handeln.

Crossover-Anleihen im Fokus
Während währungsgesicherte US-Staatsanleihen ab einer Laufzeit von fünf Jahren für europäische Investoren Sinn ergeben können, scheinen Investment Grade Unternehmensanleihen im historischen Vergleich aktuell eher unattraktiv. Gerade bei den US-Titeln sind die Risikoprämien aktuell so niedrig, dass Investment Grade-Anleihen teurer bewertet sind als vor der Corona-Krise. Als besonders interessant stuft der Fondsmanager des StarCapital Dynamic Bonds vor allem Unternehmensanleihen aus dem Crossover-Bereich ein, bei denen der Fonds in den zurückliegenden Monaten Erfolge verbuchen konnte. Kurzfristiger technisch bedingter Verkaufsdruck bescherte dabei etwa einen günstigen Einstieg bei einer bis 2026 laufenden Unternehmensanleihe von Syngenta, einem der weltweit größten Agrarchemie-Konzerne der Welt, der sich mittlerweile zu 100 Prozent im Besitz des chinesischen Staatskonzerns ChemChina befindet. Auch bei Unipol, einem der fünf größten Versicherungskonzerne Italiens, griff der Anleihespezialist zu, als der Markt ein vergleichsweise hohes Länderrisiko eingepreist hatte. Ein Upgrade auf Investment Grade durch die Ratingagentur Fitch ließ den Anleihekurs des „Rising Stars“ vor wenigen Wochen deutlich steigen. Diese Ineffizienzen sind besonders im Crossover-Ratingsegment zu beobachten, auf das sich die Rentenstrategie des Fonds fokussiert.

In einer ähnlich guten Ausgangslage sieht Choragwicki derzeit auch Organon, ein Spin-Off des Pharmakonzerns Merck & Co. Mehr als 70 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen mit etablierten Medikamenten gegen Cholesterin, Asthma oder Bluthochdruck, was stabile Cash-Flow-Ströme garantiert. Spezifische Wirkstoffe für Frauen und Biotech-Präparate runden das Produktportfolio ab. Abnehmende Marktanteile beim Hauptproduktportfolio sowie ein noch nicht vorhandener Track-Record als eigenständiges Unternehmen sorgen nach Einschätzung der StarCapital-Experten derzeit für eine ungerechtfertigt hohe Risikoprämie und damit für ein attraktives Einstiegsniveau in der Unternehmensanleihe. Folgerichtig gehört der Emittent im Bereich der Credit Spread Anleihen zu den momentan zehn größten Positionen des StarCapital Dynamic Bonds, der dieses Jahr eine deutliche Outperformance gegenüber der Peergroup verzeichnen konnte.

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Sport und Freizeit hoch im Kurs

Nach den Lockdowns hat die Gesundheits- und Freizeitbranche wieder viel Potenzial.

Michael Kordovsky. Ausgangssperren und die Schließung von Sport- und Freizeiteinrichtungen könnten im Falle einer hohen Durchimpfungsrate der Bevölkerung zumindest in den entwickelten Volkswirtschaften der Vergangenheit angehören, woraus auch Chancen für Anleger resultieren.

Laut Prognose des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) werden im Jahr 2050 16 % der Weltbevölkerung (1,5 Mrd Einwohner) fettleibig sein, verglichen mit 9 % im Jahr 2010. Die durch Übergewicht jährlich verursachten medizinischen Kosten werden im Jahr 2025 weltweit 1,2 BioUSD erreichen, wovon alleine 46 % bzw. 555 MrdUSD auf die USA fallen dürften. Mittlerweile ermöglicht der medizinische Fortschritt eine medikamentöse Behandlung. Der Innovator ist hier der dänische Pharmariese Novo Nordisk (B-Aktie: ISIN: DK0060534915) mit dem langwirkenden GLP-1 Rezeptor Analogon Semaglutid (Handelsname: „Ozempic“). Einmal wöchentlich bei fettleibigen nicht-diabetischen Patienten unter die Haut gespritzt, zeigte eine groß angelegte Studie, dass diese rund 15 % ihres Gewichts abnahmen und die Gewichtsreduktion über ein Jahr halten konnten. Mittlerweile gibt es unter dem Handelsnamen „Rybelsus“ sogar eine orale Version davon – ein Verkaufsschlager von Novo Nordisk, die ihren Gewinn/Aktie von 2016 bis 2020 um 4,7 % p.a. steigerte und der ein größerer Wachstumsschub bevorstehen sollte.

Die Alternative liegt in einem ganzheitlichen Gesundheitskonzept, das vor allem die Ernährung miteinschließt. Angeboten wird das etwa von Weight Watchers bzw. WW International (US98262P1012). Der Analystenprognose-Konsens von Zacks Investment Research rechnet von 2021 auf 2022 mit einer Steigerung des Gewinnes/Aktie von 2,03 auf 2,47 USD, woraus ein für 2022 erwartetes KGV von 13,7 resultiert. Noch mehr gelitten haben Fitness-Studios während des Lockdowns. Die US-Fitness-Studio-Kette Planet Fitness (US72703H1014) schlitterte 2020 in die roten Zahlen ehe es ab heuer wieder kräftig bergauf gehen sollte.

Generell vom Fitnesstrend profitieren sollte Nautilus (US63910B1026) als Anbieter von Kraft- und Ausdauer-Trainingsgeräten. Das Unternehmen überzeugte in den vergangenen vier Quartalen mit einem durchschnittlichen Gewinn, der knapp 227 % über den Analystenprognosen lag. Auf Basis aktueller Schätzungen liegt das für 2022 erwartete KGV bei günstigen 5,4.

Klassische Sportbekleidungshersteller wie adidas (DE000A1EWWW0) und Nike (US6541061031) sind auch im Aufwind. Mehr Direktvertrieb soll bei adidas bis 2025 einen Ertragsschub ermöglichen. Nike ist bei Zacks sogar mit einem Strong Buy bewertet, nachdem die vergangenen vier Quartalsgewinne im Schnitt 56 % über den Analystenprognosen lagen und der für 2022 geschätzte Gewinn/Aktie in den vergangenen 90 Tagen im Schnitt von 4,61 auf 4,99 USD nach oben revidiert wurde. Diese Dynamik rechtfertigt das aktuell erwartete KGV 2022 von mehr als 32! Generell ein Gewinner des Outdoor-Trends ist die V.F. Corp. (US9182041080), bekannt für Outdoor- Marken wie Timberland, Ice Breaker und The North Face.

Die Pandemie löste aber auch einen Nachfrageschub bei Wohnwägen und -mobilen aus. Hier kommt der europäische Markführer Trigano (FR0005691656) ins Spiel, dessen Umsatz alleine im dritten Quartal 2020/21 um 131,2 % stieg. Auf Basis aktueller Gewinnschätzungen liegt das für 2022 erwartete KGV trotz Ein-Jahres-Kurssteigerung von 101 % bei akzeptablen 12,8.

Foto: Pixabay / ichigo121212

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Wo Experten noch Chancen sehen

Mit Vorsicht und Diversifikation durch die zweite Halbzeit

Raja Korinek. In den vergangenen zwölf Monaten erlebten Anleger eine veritable Achterbahnfahrt. Der Crash vom Mai war heftig, die Erholung ebenso rasch. Noch dauert die Börsenrallye an. Ob dies so bleiben wird? JP Morgan Asset Management führt hierzu jedes Quartal eine Umfrage mit 38 Chefanlagestrategen und Portfoliomanagern weltweit durch. Das jüngste Ergebnis (April 2021) spricht eine klare Sprache. „Mehr als die Hälfte der Befragten rechnet nur noch mit durchschnittlichen Erträgen an den Aktienmärkten. Bloß 13 % glauben an überdurchschnittliche Zuwächse“, kommentiert Paul Quinsee, Global Head of Equities, die Auswertung im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.

Angesichts der harten Fakten ist die Zurückhaltung vieler Anleger nachvollziehbar: Quinsee meint, die Gewinnerwartungen seien angesichts der allgemeinen Konjunkturerholung hoch, die Bewertungen an den Aktienmärkten ebenso. In den Schwellenländern dürften heuer die Unternehmensgewinne um durchschnittlich 40 % zulegen. In Europa sollte der Zuwachs bei rund 35 % liegen, in den USA bei 29 %.

US-Markt am teuersten bewertet
Im Vergleich dazu liegt das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis auf die kommenden zwölf Monate für den MSCI Emerging Markets bei 14,9, für Europa bei 17,8 und für die USA bei 22,7. Letzterer Markt ist damit nicht nur am teuersten bewertet. Auch der Abstand zum 25-jährigen Durchschnitt, der bei 16,6 liegt, ist jenseits des Atlantiks am höchsten. Dass US-Aktien derzeit am teuersten sind, begründet Quinsee mit der hohen Anzahl an Technologietiteln, die in der jüngsten Vergangenheit teils enorme Kurszuwächse verzeichnet haben.

Der Marktexperte rät Anlegern deshalb zu Vorsicht bei Neuinvestments gerade in diesem Bereich, wenn es auch immer noch Chancen gebe. Unternehmen wie Microsoft (ISIN: US5949181045) oder Amazon (US0231351067) „profitieren vom wachsenden Geschäft mit der Cloud, dass erst noch am Beginn steht“. Derzeit würden erst rund

20 % der globalen IT-Budgets in das Geschäft mit der virtuellen Datenspeicherung investiert. Das könne auf 50 % wachsen.

Breite Streuung wird wichtiger
Vorsichtig stimmen Quinsee allerdings nicht nur die hohen Bewertungen vor allem bei Technologieaktien. Ihm gefällt ebenso wenig die wachsende Börseneuphorie bei Privatanlegern. Er meint, deren Begeisterung für Aktieninvestments könne zu turbulenten Übertreibungen führen.

Quinsee würde ein Aktienportfolio deshalb breit aufstellen. Schließlich gebe es Bereiche, die sich nicht derart verteuert hätten. Doch wo sieht der Profi die interessantesten Chancen? Er verweist auf Substanztitel – sogenannte „Value-Aktien“. Sie erzielen meist solide Gewinne, sind an der Börse aber oftmals unterbewertet. Das aktuelle KGV liegt weltweit bei rund 11 für Value-Aktien, „und damit im langfristigen historischen Durchschnitt“, sagt Quinsee.

Viele solcher Titel kommen dabei aus dem Industrie-, dem Finanz-, aber auch dem Energiesektor. Ihnen kommen einige Faktoren zugute, wie etwa der steigende Ölpreis oder die Bondrenditen bei längeren Laufzeiten. Letzterer Umstand kommt den Banken zugute, da sie dann eine höhere Zinsspanne lukrieren.

Elektromobilität als Chance
Quinsee verweist auch auf Chancen im Industriesektor, insbesondere in der Automobilbranche. Schließlich würden große Hoffnungen in die Elektromobilität gelegt. Von solchen Zukunftsvisionen habe bislang vor allem Tesla (US88160R1014) profitiert. „Die Bewertungen dieser Aktie sind deshalb enorm hoch.“ Doch herkömmliche Autobauer wie General Motors (US37045V1008), Volkswagen (DE0007664039) oder BMW (DE0005190003) holten inzwischen auf: „Anleger sollen die Entwicklungen gut abwiegeln, zumal traditionelle Autokonzerne weitaus günstiger bewertet sind“, so Quinsee.

General Motors plant, bis 2035 die Produktion von Verbrennungsmotoren einzustellen und nur noch Elektroautos zu produzieren. Bis 2030 will Volkswagen den Anteil an E-Autos in Europa auf 70 % erhöhen. Und bei BMW? Da möchte man bis dahin die 50-%-Marke erreichen.

Foto: AdobeStock / MQ-Illustrations

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Der Corona-Effekt am Arbeitsmarkt

Konjunkturelle Erholung täuscht über strukturelle Arbeitslosigkeit hinweg.

Michael Kordovsky. Die Corona-Krise hat in den USA und Europa die Arbeitsmärkte nachhaltig geprägt. Den von Lockdowns besonders hart getroffenen Branchen Gastronomie und Hotellerie kehren trotz schrittweiser Normalisierung immer mehr ehemalige Mitarbeiter den Rücken. Sie sind häufig in besser bezahlte Branchen abgewandert. Gleichzeitig beschleunigte sich die Digitalisierung bzw. Büro- und Produktionsautomatisierung, der immer mehr Arbeitsplätze zum Opfer fallen.

Eine kleinere Gruppe hingegen hat erstmals die Vorzüge der „sozialen Hängematte“ entdeckt und dies infolge höherer temporärer Arbeitslosenunterstützung sogar in den USA. Für expandierende Unternehmen wird es somit zunehmend schwieriger, gute qualifizierte Mitarbeiter zur üblichen Bezahlung zu gewinnen.

Spürbare Langzeitarbeitslosigkeit in den USA
Der Trend bei der Arbeitslosigkeit geht hin zu einer höheren Langzeitarbeitslosigkeit, während die aktuellen Zahlen neu geschaffener Stellen nicht darüber hinwegtäuschen sollten, dass das Beschäftigungsniveau noch unter dem Level vor der Corona-Krise liegt. Es ist positiv, wenn sich die Wirtschaft erholt und beispielsweise in den USA von Mai auf Juni außerhalb des Agrarsektors 850.000 neue Stellen geschaffen wurden. Aber das Ganze relativiert sich bei folgender Betrachtung: Obwohl im gesamten Beherbergungs- und Freizeitbereich insgesamt 343.000 neue Stellen entstanden, liegt der Beschäftigtenstand mit 2,2 Mio Stellen noch immer 12,9 % unter dem Level von Feber 2020.

Per Saldo stieg von Mai auf Juni 2021 die US-Arbeitslosenquote von 5,8 auf 5,9 %. Insgesamt waren 9,5 Mio Einwohner arbeitslos verglichen mit 5,7 Mio (3,5 %) vor Corona. Von der „arbeitsfähigen“ Bevölkerung waren 61,6 % entweder beschäftigt oder auf der Suche nach einem Job (Erwerbsbeteiligungsquote). Das sind 1,7 %-Punkte weniger als im Feber 2020. Offensichtlich macht sich Resignation breit bzw. viele nützten auch die vorübergehenden Sozialprogramme. Während im Feber 2020 noch 61,1 % der arbeitsfähigen Bevölkerung einen Job hatten, waren es im Juni nur noch 58 %. Immer mehr US-Amerikaner müssen sich mit Teilzeitjobs begnügen und die strukturelle Arbeitslosigkeit steigt.

Das zeigt sich darin, dass im Juni die Zahl der Langzeitarbeitslosen (länger als 27 Wochen) um 233.000 auf 4 Mio anstieg. Das sind 42,1 % aller Arbeitslosen im Juni. Dies dämpft auch die Lohninflation. In der Privatwirtschaft stiegen die durchschnittlichen Stundenlöhne nur um 3,6 %. Die Inflationsrate im Mai lag aber bei 5 %!

Europa: Kurzarbeit federt Massenarbeitslosigkeit ab
In der Eurozone haben indessen im ersten Moment die Kurzarbeitsprogramme einen so starken Anstieg der Arbeitslosigkeit wie in den USA (Peak von 14,8 % im April 2020; ziviler Bereich) verhindert. Von März 2020 bis Juli 2020 stieg sie von 7,1 auf 8,7 %, um dann bis Mai 2021 wieder auf 7,9 % zurückzugehen.

Die Erwerbstätigenquote hielt sich auf hohem Niveau. Von 2019 auf 2020 ging sie im Euroraum lediglich von 72,7 auf 71,8 % zurück. Allerdings liegt die Arbeitslosenquote im Mai 2021 noch um 0,4 %-Punkte über dem Niveau von vor zwölf Monaten. In Zahlen ausgedrückt stieg sie von 11,989 auf 12,792 Mio Einwohner. Nach wie vor besonders hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit unter 25 Jahre mit 17,5 %, obwohl sie gegenüber dem Vormonat um 0,9 %-Punkte abnahm. Eine Erklärung liegt darin, dass der Gastronomiebereich, der primär junge Kräfte einstellt, wieder hochfährt und Personal benötigt.

Das-Nord-Süd-Gefälle in der Arbeitslosenquote blieb nach wie vor erhalten. Die höchsten Arbeitslosenquoten wiesen im EU-Raum folgende Mitgliedsstaaten Die höchsten Arbeitslosenquoten wiesen im EU-Raum folgende Mitgliedsstaaten auf: Griechenland (15,4 %), Spanien (15,3 %) und Italien (10,5 %), die niedrigsten hingegen: Tschechien und die Niederlande (je 3,3 %) gefolgt von Malta und Deutschland (je 3,7 %) sowie Polen (3,8 %).

Foto: Pixabay / boy2017

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

In die grüne Zukunft Asiens investieren

Ein Kommentar von Jian Shi Cortesi, Investment Director, Asia/China Growth Equities bei GAM Investments

(30.06.) Chinas jüngster Fünfjahresplan (2021 bis 2025) setzt den Schwerpunkt auf eine nachhaltige und langfristig ausgerichtete Entwicklung und verfolgt das Ziel einer Kohlenstoffneutralität bis 2060. Saubere Energie soll folglich in den kommenden Jahrzehnten von einer aktuell untergeordneten Rolle als Energiequelle zur Hauptenergiequelle aufsteigen. Dies untermauert unseren positiven Ausblick und unsere Überzeugung, dass der Sektor ein signifikantes Wachstum in zahlreichen Branchen bietet – darunter Elektrofahrzeuge (EVs) und saubere Energie sowie in weiteren mit dem Umweltschutz verbundenen Sektoren in Asien und China. Für China bedeutet das Vorantreiben von „sauberer“ Energie nicht nur ökologische Vorteile, sondern darüber hinaus äußerst lukrative Chancen.

China mit Vorreiterrolle bei Solar- und Windanlagen
Die aktuelle Expansionswelle in sauberen Energietechnologien und verwandten Branchen bietet nach unserer Ansicht zahlreiche ESG-konforme Anlagemöglichkeiten in Asien und China. Dadurch ergeben sich ideale Investitionsmöglichkeiten in die zukünftigen Vorreiter der sauberen Energiewende. China zählt unter anderem zu den führenden Herstellern von Solaranlagen. Beim Kauf eines Solarmoduls kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass dieses in China hergestellt wurde. Darüber hinaus ist China auch der weltweit größte Markt für Solaranlagen, mit einer gesamten Installationskapazität von 35% des globalen Marktes. Die Solarkapazität wuchs im Zeitraum von 2010 bis 2018 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von mehr als 90 Prozent.

Des Weiteren hält das Land mit 44 bzw. 37 % der globalen „Onshore“- und „Offshore“-Windkapazitäten den weltweit größten Markt für Windenergie. Xinjiang Goldwind und Longyuan Power zählen zu den von uns bevorzugten Unternehmen in diesem Sektor: Goldwind ist ein Hersteller von Turbinen und Windkraftanlagen, wohingegen Longyuan neben der Herstellung von Anlagen für die Erzeugung von Wind-, Wärme-, Gezeiten- und Solarenergie Windparks betreibt.

Wir sind davon überzeugt, dass neben der sauberen Energie weitere damit verbundene Bereiche wie beispielsweise die Wasserenergie, der Wasserschutz und die Wasseraufbereitung sowie die Abfallwirtschaft attraktive Investitionsmöglichkeiten bieten.

„Sauberes“ Potenzial in der Automobilindustrie
Darüber hinaus setzen wir auf das Thema „saubere grüne Energie“ in der Autoindustrie, für welche China derzeit 73 % der weltweiten Produktionskapazitäten von Lithiumzellen bereitstellt. Korea ist als führender Hersteller von EV-Akkus in diesem Bereich ebenfalls interessant. Geely Automotive, ein traditioneller chinesischer Automobilhersteller, der sowohl Personenkraftwagen als auch Autoteile herstellt, hat zuletzt ein neues Elektrofahrzeug auf den heimischen Markt gebracht. Das Unternehmen ist darüber hinaus Eigentümer der in Großbritannien angesiedelten London Electric Vehicle Company (LEVC), welche das unverwechselbare schwarze Londoner Taxi produziert. Nio, ebenfalls ein Hersteller von Elektroautos und -teilen, bietet darüber hinaus Aufladestationen an und beteiligt sich zudem an der wachsenden Formel-E-Motorsportmeisterschaft.

Fokus auf Windenergie und traditionelle Automobilhersteller
Das Investmentthema „saubere Energien“ bleibt für uns also attraktiv. Angesichts der überproportionalen Wertentwicklung und der mittlerweile überzogenen Bewertungen, haben wir jedoch Positionen in ausgewählten Unternehmen, insbesondere im Autosektor reduziert. Im Gegenzug haben wir unser Engagement in Windturbinenherstellern, Windkraftanlagen und traditionelleren Automobilherstellern erhöht, welche überzeugende Elektrofahrzeuge entwickeln und vom steigenden Wachstum der sauberen Energie profitieren können.

Foto: GAM

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Von neuer Reiselust profitieren

Experten sehen bei Aktien aus der Reise- und Freizeitindustrie weiterhin Chancen.

Patrick Baldia. „Auch wenn sich einige Unternehmen und Segmente der Reiseindustrie seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie gut geschlagen haben, so haben die meisten nach wie vor Aufholpotenzial“, sagt Michael Gierse, Portfoliomanager bei Union Investment. Viele einschlägige Aktien würden noch unter dem Niveau von 2019 notieren. Er geht davon aus, dass sich die meisten Player erholen werden – die Frage sei nur wann. Schließlich sehe man derzeit, dass das Bedürfnis zu verreisen da sei – zumindest was Privatreisen betreffe. Bei Geschäftsreisen sollte eine Normalisierung dagegen länger dauern.

Regelrecht durch die Decke gegangen sind seit dem Ausbruch der Corona-Krise die Bewertungen von Aktien zum Thema Camping und Fahrrad. „Der Camping-Sektor hat schon vor Corona interessantes Wachstum aufgewiesen“, so Gierse. Dahinter sieht er einen Trend zur Individualisierung des Reisens, ebenso wie die zunehmende Nachfrage durch Frühpensionisten. Gut unterwegs waren Aktien von Herstellern von Reise- und Wohnmobilen, Campingbussen, Caravans oder Vans wie Knaus Tabbert (ISIN: DE000A2YN504), Hymer (DE0006096704) und Trigano (FR0005691656) oder der schwedische Hersteller von Kühlschränken für Wohnmobile und Camper Dometic (Anleihe: XS1878856803). Auf der Fahrradseite bescherten Aktien wie Shimano (JP3358000 002) oder Thule (SE0006422390) Anlegern viel Freude.

Bereits gut gelaufen sind Airlines-Aktien wie Ryanair (IE00BY TBXV33) oder Wizzair (JE00BN574F90). Für Gierse ist die irische Billigairline aussichtsreich positioniert. „Sie punktet mit einem einfachen Geschäftsmodell: Eine Airline, ein Produkt und ein Flugzeugtyp“, hält er fest. Die stark nach Nordamerika ausgerichtete IAG (ES0177542018) könnte wiederum frühzeitig von einer Normalisierung des Reiseverkehrs dorthin profitieren. Positiv sehen die Analysten der Erste Group ein weiteres Unternehmen: Den heimischen Caterer Do & Co. „Wir sehen das Unternehmen weiterhin in der Pole-Position für den Aufschwung nach Corona“, so die Analystin Vladimira Urbankova.

Am besten positioniert, um von einer Erholung der Reisetätigkeit zu profitieren, sind nach Ansicht von Experten – aufgrund ihrer sehr flexiblen Geschäftsmodelle ohne Vermögensgegenstände – Online-Reiseportale. Zu den Playern, die aktuell eine gute Buchungslage aufweisen, gehören etwa eDreams (LU1048328220) aus Spanien, das in jedem europäischen Land entweder die Nummer 1 oder 2 ist, oder Lastminute.com (NL0010733960) aus der Schweiz. Das britische Online-Reisebüro On the Beach Group (GB00BYM1K758) leidet hingegen aktuell noch unter den Reisebeschränkungen in seinem Heimatmarkt.

Gierse weist darauf hin, dass es aktuell Unternehmen gibt, die Kapital benötigen und vor Übernahmen stehen. Dazu zählen etwa Lufthansa (DE0008232125), TUI (DE000TUAG000) und der Schweizer Reise-Detailhändler Dufry (CH0023405456). „Für die Aktionäre ist das mit der Gefahr einer Kursverwässerung verbunden“, so der Portfoliomanager, der einen Publikumsfonds aus dem Bereich Mid & SmallCaps verantwortet. Obwohl etwa TUI Kapital benötigt, berichtet es von einer starken Buchungslage. Das größte Problem des Tourismuskonzerns ist, dass der wichtigste Markt Großbritannien wegen der Covid-19-Beschränkungen hinterherhinkt. „Fallen diese, könnte die Aktie einen Schub bekommen“, so Gierse. Nachsatz: „Viele Briten warten nur darauf, wieder verreisen zu können.“

Foto: Pixabay / mohamed_hassan

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Geldpolitische Wende in den USA und Europa?

Warum es trotz starker US-Leitzinssignale wieder ganz anders kommen könnte.

Michael Kordovsky. Die Inflationsrate in den USA erhöhte sich von 1,4 % im Jänner bis Mai kontinuierlich auf 5 %. Allerdings spielten hier Basiseffekte beim Ölpreis eine Rolle. Ohne den volatilen Komponenten Energie und Nahrungsmittel betrug die Inflationsrate 3,8 %. Dienstleistungen und andere Produkte wurden aber ebenfalls teurer. Die Angst vieler Experten liegt darin: Wenn die Fed zu spät auf Inflation reagiert, muss sie bei überhitzter Konjunktur umso stärker die Leitzinsen anheben, was dann eine Rezession auslösen würde. Sie forderten von Fed-Chairman Jerome Powell klare Handlungsbereitschaft. Die Reaktion des Fed-Chefs bei der jüngsten Zinsentscheidung im Zuge der anschließenden Pressekonferenz war eine Art Kompromiss und hat nur für kurze Zeit zu einer Korrektur am T-Bond-Markt in den USA geführt. Der Offenmarktausschuss hat mit der Diskussion über eine Drosselung der Anleihenkäufe begonnen, Powell lässt sich alle Optionen offen und sich schon gar nicht zu einer Entscheidung drängen. Er persönlich geht nämlich nur von einem zwischenzeitlichen Inflationspeak aus, aber nicht von einer langfristigen Inflation. Vielmehr sollte sich die Produktion der gestiegenen Nachfrage anpassen und somit die Preissituation entspannen. Änderungen bei Anleihenkäufen werden sehr weit im Voraus bekanntgegeben. Auch sei die Zinswende noch immer in weiter Ferne, obwohl sich mittler-weile die Zinseinschätzungen verändert haben.

US-Futuresmärkte preisen Leitzinsanhebungen ein
Nimmt man die Wirtschaftsprognosen der einzelnen Mitglieder des Federal Open Market Comittee (FOMC; der Offenmarktausschuss) in den USA, so liegt in der BIP-Wachstumseinschätzung der Medianwert für heuer bei 7,0 %, jedoch für 2022 und 2023 nur noch bei je 3,3 bzw. 2,4 %. Bei der Arbeitslosenquote gehen die Fed-Experten davon aus, dass sie von 4,5 % im heurigen Jahr bis 2023 auf 3,5 % zurückfällt. Die PCE(Personal-Consumption-Expenditures)-Inflation soll von 3,4 % im laufenden Jahr auf 2,1 % im Jahr 2022 zurückgehen und bis 2023 auf 2,2 %, ehe langfristig der Wert bei 2 % liegen sollte. Die Fed Fund Rate sollte 2022 noch immer auf 0,1 % verharren, ehe 2023 ein Anstieg auf 0,6 % folgt und langfristig 2,5 % angesetzt werden – so die Medianwerte der Prognosen.

Während heuer noch alle Mitglieder des Offenmarktausschusses unveränderte Leizinsen sehen, gehen für 2022 fünf von einer Anhebung auf 0,375 % (Mitte der Bandbreite) und zwei von 0,625 % (Mitte der Bandbreite) aus. Für 2023 rechnen bereits 13 von 18 Mitgliedern mit Zinsanhebungen, davon zwei auf 1,625 % (Mitte der Bandbreite).

Nun stellt man diesen Erwartungen die aus den Futures-Märkten abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten für Zinsanhebungen gegenüber. Das CME-Fed-Watch-Tool gibt dazu genauere Auskunft: Die Einschätzung der Leitzinsentwicklung bis zur Fed-Sitzung am 14.12.2022 sagt mehr als 1.000 Worte: Vor einem Monat (27. Mai) lag die Wahrscheinlichkeit gleichbleibender Leitzinsen noch bei 41,8 %. Eine Anhebung um 25 Basispunkte (BP) auf 25 bis 50 BP wurde mit 39,8 % eingepreist und eine weitere auf 50 bis 75 BP mit 15,1 %, darüber nur mit 3,2 %. Bis 25. Juni hat sich einiges verändert: Während die Erwartung einer einzigen Leitzinserhöhung noch konstant mit 39,9 % eingepreist war, betrug die Wahrscheinlichkeit gleichbleibender Leitzinsen nur noch 26 %. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Leitzinserhöhung auf 50 bis 75 BP preisen die Märkte bereits mit 24,6 % ein und auf 75 bis 100 BP mit 7,9 %, darüber mit 1,5 %.

Abweichungen von den „Fed-Zinssignalen“
Eher verhalten reagieren in diesem Umfeld die Kurse der 10jährigen US-Treasuries, die lediglich auf 1,5360 % anstiegen (verglichen mit 52-Wochen-Hoch von 1,7650 %). Das ist schon eine gewisse Abweichung, die ernst genommen werden sollte.

Auch in Europa gab es moderate Renditeanstiege, zumal die Inflation im Euroraum im Mai mittler-weile 2 % erreicht hat. Trotzdem waren die Renditeschwankungen der Staatsanleihen noch gut überschaubar: Laut der alle sechs Wochen von der EZB vorgenommenen Expertenbefragung wird im Euroraum die erste Leitzinserhöhung ausgehend von aktuell 0 % im Mai 2024 erwartet. Doch dieser Kreditzins spielt derzeit aufgrund der hohen Liquidität der Banken keine besondere Rolle. Bezüglich des Einlagenzinses erwarteten die Umfrageteilnehmer lediglich einen kleinen Schritt in Höhe von 0,1 %-Punkten. Derzeit müssen Banken für das Halten überschüssiger Liquidität bei der EZB einen Strafzins von 0,5 % zahlen. Für den Fall einer erneuten negativen Konjunkturentwicklung und möglicher weiterer Zinssenkungen sehen die befragten Fachleute bei einem Einlagenzins von -0,8 % eine kritische Untergrenze, ab der Negativzinsen die Wirtschaft mehr bremsen als fördern.

Folgende Argumente sprechen sowohl in den USA als auch in Europa gegen eine allzu schnelle Wende in der Geldpolitik: Ist die Inflation nur temporär, dann werden die Basiseffekte ausgehend von einem hohen Preisniveau zu einem späteren Zeitpunkt dämpfend wirken. Es gibt noch eine relativ hohe strukturelle Arbeitslosigkeit sowohl in den USA als auch Europa, die infolge digitalisierungsbedingter Rationalisierungen erhöht bleibt. Hinzukommen noch Risikofaktoren ausgehend von neuen Corona-Mutationen wie beispielsweise der Delta-Variante. Was ist, wenn sich der Lockdown-Zyklus im Herbst dieses Jahres wiedererholt?

Fazit: Eine geldpolitische Wende ist nach wie vor mit einigen Fragezeichen versehen.

Foto: Foto: Pixabay / kalhh

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Weniger Produkt, mehr Lebenswelt

Neue Technologien könnten die Art, wie Finanzdienstleistungen funktionieren, umkrempeln.

Emanuel Lampert. Just wenige Wochen nach Ausbruch der Pandemie, im April 2020, hat die Bank99 den Betrieb aufgenommen. Die Filialen seien „einer unserer Erfolgsbausteine“ gewesen, sagte Michael Wiedeck, Bereichsleiter Vertrieb, kürzlich bei einer Online-Podiumsdiskussion des Finanz-Marketing Verbandes. In den Postfilialen gebe es jährlich um die 50 Mio Kundenkontakte – Nebeneffekt für die Bank99: „Wir sehen die Kunden anderer Banken öfter als sie in ihren eigenen Filialen.“

Nichtsdestoweniger habe die Bank99, die zu 80 % der Post, zu 20 % der Capital Bank gehört, ihre Produkte „mobile first“ entworfen. Wiedeck glaubt, dass wegen eines einfachen Kontoprodukts oder eines einfachen Konsumkredits „in Zukunft kaum jemand mehr in eine klassische Bankfiliale gehen wird“. Auch zukünftige Produkte müsse man daher „genau so denken“. Zugleich, so Wiedeck, schätzen aber viele Kunden einen Spezialisten an ihrer Seite, wenn Betreuungsintensiveres ansteht, wie etwa eine Wohnbaufinanzierung.

„Ganz andere Horizonte“
Für Wilhelm Petersmann, Vice President bei Fujitsu Österreich und Schweiz, lässt der digitale Wandel „ganz andere Horizonte erblicken“ als zuvor. Eine volldigitalisierte Kfz-Versicherung, Stichwort Telematik, würde etwa individuelle Polizzen und Abrechnung ermöglichen – ein „enormer Vorteil“, gerade mit Blick auf „shared economy“ und Ökosysteme.

Jochen Zöschg vom Vorstand der Zürich Versicherung sprach sich dafür aus, statt rein auf Produktebene anzusetzen, verstärkt die „Lebenswelten, die dem Kunden wichtig sind“, in den Fokus zu rücken und dabei auch an Ökosysteme und Plattformen zu denken. Das betreffe etwa „Mobilität in ihrer ganzen Vielfalt“: Wenn der Kunde Auto fährt, zahlt er entsprechend Prämie, wenn er sich anders bewegt, „können wir ihm da auch Versicherungsschutz bieten“.

„Nicht unendlich viel Zeit“
Walter Mösenbacher
, Ambassador des Fintechcircle London und langjähriger Experte in der Raiffeisenbank-Gruppe, warnte davor, sich „der Illusion“ hinzugeben, „dass der Berater in der Filiale unendlich viel Zeit hat“. Seinen eigenen Untersuchungen zufolge habe ein Berater im Schnitt 2.000 Kunden im Kundenstamm, könne aber höchstens 200 aktiv betreuen. „Was passiert mit den restlichen 1.800? Ohne digitale Technologie werden wir das überhaupt nicht schaffen.“

Von Fintechs lernen
Die Banken hätten das bekannte Onlinebanking zwar sehr gut eingeführt. Die großen Innovationen der vergangenen Jahre seien aber „eigentlich immer von außerhalb gekommen“, sei es der Käuferschutz im Zahlungsverkehr, Crowdfunding-Initiativen im Finanzierungs- oder die Kryptoökonomie im Assetbereich. „64 % der Millennials sagen, sie wollen nachhaltig investieren“, so Mösenbacher.

Fintechs seien hier bereits aufgesprungen; ein britisches investiere ausschließlich nachhaltig und lasse per künstlicher Intelligenz prüfen, wie grün Investments sind. Absolute Kundenorientierung, unheimliche Schnelligkeit, Neugestaltung von Arbeitswelten – das könne man von Fintechs lernen.

Mösenbacher findet, dass es in Österreich in den nächsten Jahren zu Kooperationen kommen muss. Es könne nicht jeder seine eigene Blockchain entwickeln, sein eigenes Quantencomputing entwickeln, wenn er wettbewerbsfähig bleiben will. Österreichs Bankenlandschaft solle deshalb darüber nachdenken, was „miteinander zum Wohle des Kunden“ getan werden kann. „Sonst sind die österreichischen Bankkunden dann vielleicht Kunden von Alibaba, Amazon und Co.“

Foto: Pixabay / geralt

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Inflation: „vorübergehendes“ Dilemma – oder?

Ein Kommentar von Deborah A. Cunningham, CFA bei Federated Hermes

(21.06.) Als die Federal Reserve vor einigen Monaten zum ersten Mal den Begriff „transitorisch“ einführte, um die aufkeimende Inflation zu beschreiben, schien dies typischer Fed-Jargon zu sein. Politische Entscheidungsträger haben lange behauptet, dass die bereits vor der Pandemie vorhandenen desinflationären Faktoren (wie Demografie, Globalisierung, Automatisierung) letztendlich jedem aufkommenden Preisdruck entgegenwirken werden. Auf jeden Fall sind sie nach wie vor mehr damit beschäftigt, eine wirtschaftliche Malaise à la Japan zu vermeiden.

Doch wie sich gezeigt hat, ist die Erholung in den USA robust. Daher ist es gefährlich, die Inflation zu ignorieren. Selbst ein vorübergehender Anstieg kann nachhaltige Folgen haben.

Es kommt auf die Definition von „vorübergehend“ an. Niemand erwartet von der Fed, dass sie die Zukunft vorhersagt. Das durchschnittliche Inflationsziel (Wachstum der persönlichen Konsumausgaben von über 2 % für „einige Zeit“ zu tolerieren – mit neuer Tendenz nach oben) lässt vermuten, dass sie einen Zeitraum im Sinn hat. Denn Fakt ist: Dafür muss sie einen Ausgangspunkt wählen. Wie weit wird die Fed also zurückgehen? Wenn sie die Monate kurz vor der Pandemie wählt, dann wird „vorübergehend“ wahrscheinlich kürzer sein, als wenn sie, sagen wir, 2014 wählt.

Schon kochen – oder noch brodeln …
Das macht einen Unterschied, vor allem, wenn die Wirtschaft eher zu kochen als zu brodeln beginnt. Beispiel Arbeitsmarkt: Die Beschäftigung ist immer noch weit von dem Niveau vor der Pandemie entfernt – und die Fed will warten, bis sie heiß läuft, bevor sie handelt. Aber was, wenn die staatlichen Stimuli im Herbst enden? Dann könnte es zu Engpässen kommen – und die Arbeitgeber könnten Schwierigkeiten haben, Stellen adäquat zu besetzen. Die Kosten für einhergehend steigende Löhne werden entweder als Preiserhöhungen an den Markt weitergegeben oder die Margen der Unternehmen schrumpfen. Beides könnte sich negativ auf die Wirtschaft auswirken.

Verbraucher mit Kriegskassen-Zwängen
Vielmehr ist die vorherrschende Meinung, dass die aufgestaute Verbrauchernachfrage bis zum Ende des Sommers erschöpft sein wird. Gleichwohl: Wir halten das nicht für wahrscheinlich. Was stimmt: Viele US-Amerikaner haben sich mit Urlauben eingedeckt, ihre Häuser renoviert und Eintrittskarten für Konzerte, Spiele und andere Unterhaltungsangebote gekauft. Aber sie können nicht alles auf einmal ausgeben. Die persönliche Sparquote ist hoch genug, um viele Monate an Reisen und Aktivitäten zu finanzieren. Von Autos bis hin zu Gebrauchsgütern wie Smartphones: „Save the date“-Anfragen häufen sich, die Nachfrage nach größeren Anschaffungen wird auf die Auffüllung der Lagerbestände warten müssen. Viele Menschen haben eine Kriegskasse, die eine Weile reichen wird.

Möglich ist, dass diese vorübergehende Periode steigender Inflation zu einer, nun ja, wirklichen Periode wird. Die Fed könnte handeln müssen, bevor sie es will. Sie erwägt bereits, ihre monatlichen Käufe von Staatsanleihen zu reduzieren, was in einem unglaublich gestelzten Satz im Protokoll der April-Sitzung erwähnt wurde: „Eine Reihe von Teilnehmern schlug vor, … dass es irgendwann in den kommenden Sitzungen angebracht sein könnte, mit der Diskussion eines Plans zur Anpassung des Tempos der Wertpapierkäufe zu beginnen.“

Vermögensverwalter und Investoren werden das begrüßen. Eine weitere positive Nachricht: Das Niveau, unter dem das Balance Sheet laut Finanzministerin Janet Yellen liegen muss, wenn die Schuldenobergrenze am 1. August erreicht wird, wird deutlich höher sein als einst angenommen (möglicherweise rund 400 MrdUSD gegenüber 150 MrdUSD).

Das bedeutet, dass sich das Angebot am Markt kaum reduzieren wird. Aber es ist immer noch viel Geld im Umlauf, das den wenigen Gelegenheiten nachjagt – und die Renditen am vorderen Ende der Zinskurve bleiben niedrig. Insbesondere im steuerbereinigten Bereich. Aber: Das Hauptproblem ist, dass die so genannten Overnight-Märkte, etwa bei Tages- und Termingeldern, immer noch aus dem Gleichgewicht geraten sind. Wir begrüßen daher, dass die Fed nach ihrer jüngsten Sitzung vergangene Woche eine Anhebung der Reverse-REPO-Fazilität im Blick lässt.

Foto: Federated Hermes

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Starke Wachstumsaussichten für „Künstliche Intelligenz“

Mit einschlägigen Aktien und Fonds können Anleger auf das große Potenzial einer neuen Branche setzen.

Patrick Baldia. Angefangen mit Suchmaschinen, über Systeme, die Daten analysieren und daraus Schlüsse ableiten, bis hin zu autonomen Robotern und Fahrzeugen: „Künstliche Intelligenz“ (kurz: KI) kommt in immer mehr Bereichen des menschlichen Lebens zum Einsatz. Gleichzeitig wächst auch das damit verbundene Geschäft. Laut Statista sollen allein die weltweiten Umsätze mit KI-Unternehmensanwendungen bis 2025 auf 32,2 Mrd USD ansteigen. Damit erschließt sich auch für Anleger ein gewaltiges Potenzial, das über einschlägige Aktien und Fonds – sowohl aktiver als auch passiver Natur – gespielt werden kann.

Wem Einzelaktien von Unternehmen wie den FAANGs (Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google), die in dem Bereich aktiv sind, zu heiß sind, kann jedenfalls auch mit Fonds auf das Potenzial von KI setzen. Dazu gehört unter anderem der „Allianz Gl Artificial Intelligence“ (ISIN: LU1548497772), der sich damit rühmt, einer der ersten europäischen Fonds zu sein, der Anlegern Zugang zu sämtlichen Bereichen des KI-Segments ermöglicht. Ziel sei es, das disruptive Potenzial „Künstlicher Intelligenz“ zu analysieren und in die Aktien derjenigen Unternehmen zu investieren, die den Fortschritt in diesem Segment vorantreiben oder davon direkt profitieren, erklärt Fondsmanager Sebastian Thomas.

Seit Jahresbeginn liegt der Fonds von Allianz Global lnvestors jedenfalls mit 8 % im Plus. Auf Einjahressicht steht eine Performance von fast 40 % zu Buche. Der „DWS Invest Artificial Intelligence LD“ (LU1863263429) hat wiederum seit Anfang 2021 um fast 12 % zugelegt, über die vergangenen zwölf Monate um 33 %. Teilweise noch besser haben sich zuletzt KI-ETFs wie der „WisdomTree Artificial Intelligence UCITS“ (IE00BDVPNG13), der „Xtracker Artificial Intelligence and Big Data UCITS ETF 1C“ (IE00BGV5VN51) oder der „Amundi STOXX Global Artificial Intelligence UCITS ETF (C)“ (LU1861132840) geschlagen.

Auch die Assetmanager selbst nutzen KI
Aber auch in der Assetmanagement-Branche selbst kommt KI in zunehmendem Maß zum Einsatz. „Die Asset-Management-Branche befindet sich erst in einem frühen Stadium der Integration von KI in die Analyse- und Research-Prozesse“, sagt Kunal Ghosh, regionaler CIO Systematic Strategies bei Allianz Global Investors, zum Börsen-Kurier. Die deutsche Asset-Management-Gesellschaft hat eine KI entwickelt und trainiert, die auf Basis von natürlicher Sprachverarbeitung (NLP, für Natural Language Processing) aus Millionen von Artikeln in Echtzeit Informationen zum Nachhaltigkeitspfad asiatischer Unternehmen generiert, um die in ökologischer Hinsicht führenden Player in der Region zu identifizieren. Ein weiteres Beispiel: BlackRock nutzt die auf KI basierende Portfolio-Management-Software Alladin, die im Risikomanagement eingesetzt wird.

Ende März hat wiederum die DWS mit dem „DWS Concept ESG Arabesque AI Global Equity“ (LU2307564141) einen Aktienfonds aufgelegt, bei dem die Titelselektion – im Fokus stehen dabei die drei Megatrends Niedrigzinsen, Nachhaltigkeit und Digitalisierung – maßgeblich auf dem Einsatz von KI beruht.

Aber auch der Faktor „Mensch“ spielt dabei eine Rolle. Wie kann man sich das vorstellen? Konkret generiert eine KI-Engine täglich eine Vielzahl von Signalen, die auf die Attraktivität von Aktien schließen lässt. Darauf basierend, bauen die DWS-Spezialisten für quantitatives Investieren ein regional und über Sektoren diversifiziertes Portfolio – und überprüfen dieses zudem monatlich.

Foto: Pixabay, sujins

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Konsumboom oder Basiseffekt?

Die aktuellen Absatzsteigerungen im Einzelhandel sind kritisch zu hinterfragen.

Michael Kordovsky. Kehrt in Europa alles wieder zur Tagesordnung zurück oder ist es gar ein neues Wirtschaftswunder mit Konsumboom?

Auf jeden Fall sollten folgende Zahlen genau hinterfragt werden: Im April beschleunigte sich der jährliche Zuwachs des Absatzvolumens des Einzelhandels im Euroraum von 13,1 % im März auf „sagenhafte“ 23,9 %. Dabei wuchs der Nicht-Nahrungsmittel-Bereich ohne Motorenkraftstoffe um 42,6 % (März 26,9 %). Explosionsartig stieg mit dem Beginn der Urlaubszeit die Tankstellennachfrage. An der Zapfsäule konsumierten die Einwohner des Euroraums im Jahresvergleich um 65,5 % mehr, während im Feber 2021 der Einbruch noch bei 12 % lag.

Im Jänner und Feber 2021 verzeichnete der gesamte Einzelhandel ein Absatzminus von je 4,8 bzw. 1,4 %. Die Sparte Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren lag indessen je 6,1 bzw. 2,6 % im Plus. Der Versand- und Interneteinzelhandel boomte noch bis März. Im ersten Quartal lagen hier die durchschnittlichen Zuwächse zum Vorjahr pro Monat bei 39,5 %, ehe im April ein Rückgang auf 18,2 % folgte.

Basiseffekte und Normalisierung
Was steckt hinter diesen Zahlen? Es sind Basiseffekte. Im März und April 2020 schrumpfte das Einzelhandelsvolumen gegen die Vergleichsmonate 2019 um jeweils 8,2 bzw. 19,4 %. Rechnet man als Ausgangswert jenen von 2019 mit hundert, dann startete die Basis bei je 91,8 bzw. 80,6 Punkten. Darauf ein Plus von je 13,1 bzw. 23,9 % ergibt je 103,8 bzw. 99,9 Punkte. Während im März das Absatzvolumen im Einzelhandel gegenüber 2019 bereits wieder 3,8 % im Plus lag, befand es sich im April marginal -0,1 %-Punkte unter dem Niveau von 2019.

Die Einzelhandelsaktivitäten normalisieren sich wieder und der während der Krise so stark gefragte Online-Handel erlebt gerade eine Gegenbewegung. Das erklärt auch im April auf Monatsbasis das Minus von 2,9 % beim Versand- und Internet-Einzelhandel.

Starke Gegenbewegungen fallen im gesamten Einzelhandel in Luxemburg (46,1 %), Frankreich (42,1 %) und Slowenien (41,7 %) auf, während Deutschland und die Niederlande nur moderate Zuwächse von 6,6 bzw. 9,8 % meldeten. In Frankreich, Luxemburg und Slowenien waren die Abstürze im April 2020 mit je 29,0 %, -29,8 % bzw. -22,7 % entsprechend stark. Hingegen in Deutschland und den Niederlanden hielt sich der vorangegangene Einbruch mit 5,7 bzw. 5,3 % in Grenzen.

Wie geht es weiter?
Die Sparneigung der Konsumenten wird nicht so schnell vergehen. Digitalisierung führt zu struktureller Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig verteuerten sich die Wohnkosten, insbesondere die Kosten bei Anschaffung von Wohneigentum. Parallel dazu ist zu erwarten, dass Banken zur Vermeidung einer Immobilienblase ihre Mindestkriterien für Immobilienkredite verschärfen, insbesondere in Österreich. Höhere Eigenmittel würden dann Wohneigentum nochmals aufwendiger machen. Aber auch Mieten verteuern sich und die Wohnausgaben haben als elementarste Ausgaben Vorrang gegenüber allen anderen Posten. Erst dann kommen die Güter des täglichen Bedarfs.

Auf der Strecke bleiben Bekleidung, Reisen, Autos und Luxusartikel. Vor allem, wenn die Delta-Variante des Corona-Virus weltweit erneute Lockdowns erfordert, dann kann es bereits in den kommenden Wochen zu einem erneuten Abschwung kommen.

Foto: Pixabay / StockSnap

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Mit Vollgas zum Global Britain

Das Vereinigte Königreich hat mehr Chancen als man glaubt – ein Gastkommentar von Wirtschaftswissenschafterin Dambisa Moyo.

Schon seit einiger Zeit sagen Skeptiker, das Vereinigte Königreich habe seine besten Tage hinter sich und lebe vor allem von vergangenem Ruhm. Sie verweisen auf das mittelmäßige Abschneiden des Landes in den PISA-Studien der OECD, die Tatsache, dass zwar vier deutsche Unternehmen zu den 50 größten Aktiengesellschaften der Welt gehören, aber mit der HSBC nur ein einziges britisches, und auf die Gefahr, dass der Brexit Großbritanniens Stellung in der Welt letztlich nicht stärkt, sondern untergräbt.

Ich sehe das ganz anders
Immerhin gehört Großbritannien zu der Handvoll Länder, die in Rekordzeit einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt haben. Das Land ist immer noch führend an der weltweiten Energiewende beteiligt und war die erste große Volkswirtschaft, die sich selbst gesetzlich verpflichtet hat, ab 2050 nichts mehr zur globalen Erwärmung beizutragen. Auch kann sich das Vereinigte Königreich weiter-hin auf seine traditionellen Stärken verlassen zu denen Sprache, Lage und Zeitzone, dynamische Universitäten und tiefe Finanzmärkte gehören, und es ist immer noch ein Bannerträger für das Rechtsstaatsprinzip.

Als Großbritannien in Cornwall die Elite aus Politik und Wirtschaft zum G7-Gipfel empfing, musste das Land zeigen, wie gut es in den drei Fragen dasteht, die in den nächsten Jahrzehnten den Welthandel umkrempeln und das Wirtschaftswachstum antreiben werden: Beziehungen zu China, technologische Innovation und saubere Energie.

Da geht noch was
Was China angeht, hat Großbritannien beim bilateralen Handel noch viel Luft nach oben. 2019 exportierte das Land Waren im Wert von 30,7 Mrd GBP (35,7 Mrd Euro) nach China, also nur etwas mehr als ein Drittel der deutschen Ausfuhren in Höhe von 90,2 Mrd Euro. Tatsächlich war China 2020 bereits zum fünften Mal in Folge Deutschlands größter Handelspartner.

Großbritannien muss also dringend seine Handels- und Investitionsbeziehungen mit China ausbauen, das die Weltwirtschaft in Zukunft dominieren wird. Schon heute ist China für viele Industrie- und Entwicklungsländer der größte Handelspartner und ausländischer Direktinvestor und für viele Schwellenländer der größte Kreditgeber – noch vor dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und dem Pariser Club staatlicher Gläubiger.

Natürlich muss Großbritannien im Umgang mit China Menschenrechtsfragen und ideologische Differenzen berücksichtigen. Ohne Kanäle zur politischen Klasse in China würde das Vereinigte Königreich jedoch seinen Einfluss auf das Regime in Peking weiter einschränken und die britische Wirtschaft gefährden.

Aktien mit Aufholpotenzial
Hinsichtlich der Technologie beweist Großbritanniens Rolle bei der Entwicklung des AstraZeneca-Impfstoffs gegen das Coronavirus die hohe Innovationskraft des Landes in den Bereichen Medizin, Biotechnologie und Biowissenschaft. Allerdings hat das Vereinigte Königreich bisher noch keine Technologieunternehmen von globalem Rang und Namen hervorgebracht und das aktuelle Börsengeschehen bietet ein uneinheitliches Bild.

Die Börsengänge des Lieferdienstes Deliveroo (GB00BNC5T3 91) und des Halbleitertechnologieunternehmens Alphawave (GB00 BNDRMJ14) waren problematisch: die Aktienpreise beider Unternehmen verloren am ersten Handelstag dramatisch an Wert und lagen noch Wochen später unter ihrem Emissionspreis.

Großbritannien ist jedoch in einer guten Position, um von Investitionen und Fortschritten in den Zukunftstechnologien zu profitieren, z.B. bei der künstlichen Intelligenz, die in den kommenden Jahren zweifelsohne das Bildungs- und Gesundheitssystem revolutionieren wird. Außerdem hat das Land alle Chancen, die technologischen Lücken seiner Verbündeten zu schließen – nicht zuletzt bei der Halbleitertechnik, bei der Amerikas Anteil an der weltweiten Produktion von 37 % im Jahr 1990 auf heute nur noch 12 % gefallen ist.

Englisches Silicon Valley
Um sein Potenzial als wissenschaftliche Supermacht voll nutzen zu können, braucht das Vereinigte Königreich ein dynamisches Technologiezentrum, das dem Silicon Valley in nichts nachsteht. Dazu muss das Land aggressiv und überlegt ein Ökosystem aufbauen, in dem talentierte Menschen aus den Bereichen Datenwissenschaft, Technologie und Politik zusammenarbeiten können.

So schafft der so genannte Oxford-Cambridge-Bogen bereits heute 2 Mio Arbeitsplätze und trägt jährlich 100 Mrd GBP (11,63 Mrd Euro) zur britischen Wirtschaft bei. Die Region kann jedoch nur dann die nächste Stufe erreichen, wenn sie sich globalen Investoren noch stärker als pulsierenden Innovationsknoten präsentiert. Man muss leider bedenken, dass die weltweiten ausländischen Direktinvestitionen schon vor dem Absturz um 42 % im annus pandemicus von 2020 drei Jahre in Folge gefallen sind (2016 bis 2018).

Ökologisch top
Im Bereich Energie ist das Vereinigte Königreich schon lange weltweit führend bei der Bekämpfung von Klimarisiken durch Kohlenstoffbindung und auf dem Weg zu CO2-Neutralität. Und wenn das Land im Herbst die UN-Klimakonferenz 2021 ausrichtet, kann es seine Glaubwürdigkeit als Vorreiter für Umweltschutz und saubere Energien weiter ausbauen.

Besonders wichtig: Großbritannien hat die Chance, den Diskurs umzudrehen, sodass bei der Energiewende nicht nur über die Minimierung der wirtschaftlichen Nachteile, sondern auch über die Maximierung der Vorteile gesprochen wird. Insbesondere staatliche Fördermaßnahmen für umfassende Investitionen in Solaranlagen, Windkraft, Biokraftstoffe, Wasserkraft, Geothermie, Kernreaktoren der vierten Generation und neue Batterietechnologien versprechen enorme Renditen.

Wenn Großbritannien bei der Energiewende, neuen Technologien und den Beziehungen mit China eine Führungsrolle einnehmen will, muss es mehrere Hindernisse überwinden. Vor allem muss die fragmentierte Agenda für ein „Global Britain“ viel stärker auf die enge Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Sektor ausgerichtet werden und klare Regeln für Umsetzung und Erfolgskontrolle definieren.

Das Vereinigte Königreich hat ein starkes Blatt. Für ein gutes Spiel braucht das Land aber eine ehrgeizigere politische Vision. Die britische Regierung sollte einen groß angelegten Plan anstoßen, der ein langfristiges Vermächtnis schafft – im Geiste des Manhattan-Projekts zur Entwicklung der ersten Atomwaffen im Zweiten Weltkrieg oder der „Defense Advanced Research Projects Agency“ der amerikanischen Regierung, ohne die das Silicon Valley nie entstanden wäre.

In dem Jahr, in dem die Welt die Pandemie langsam hinter sich lässt, steht Großbritannien als Gastgeber zweier wichtiger internationaler Gipfel im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Das Land muss aus dieser einmaligen Gelegenheit Profit schlagen und versuchen, sich für das 21. Jahrhundert neu zu erfinden.

Zur Autorin: Dambisa Moyo ist eine bekannte internationale Wirtschaftswissenschafterin. Ihre Bücher landen regelmäßig auf der Bestsellerliste der New York Times, so auch der Titel „Edge of Chaos: Why Democracy Is Failing to Deliver Economic Growth – and How to Fix It“

© Project Syndicate 1995 bis 2021

Foto: Pixabay / David_Peterson

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Österreich wieder konjunkturell im Aufwind

Die heimische Wirtschaft erholt sich und der Bankensektor bleibt stabil.

Michael Kordovsky. Die Durchimpfungsrate in Österreich steigt permanent an, die Covid-19-Neuinfektionen werden immer seltener und die Folgen der Eindämmungsmaßnahmen sollten 2022 gänzlich ausklingen. „Die Jahre 2021 und 2022 sind von einem deutlichen Aufholprozess geprägt“, so der OeNB-Gouverneur Robert Holzmann in einer aktuellen Aussendung. Nach einem Rückgang des realen BIP um 6,7 % im Vorjahr erwartet die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) für die Jahre 2021 und 2022 ein Wachstum von 3,9 bzw. 4,2 %, ehe 2023 wieder eine Normalisierung (+1,9 %) Richtung langjähriger Durchschnitt stattfinden sollte. Die weltweiten Rahmenbedingungen stimmen. Ausgehend von den USA und China wird die Weltkonjunktur beflügelt. Die fortgeschrittenen Volkswirtschaften sollten im dritten Quartal 2021 ihr Vorkrisenniveau überschreiten und gegen Ende 2022 den vor der Krise prognostizierten Entwicklungspfad erreichen. Im Gegensatz dazu wird das BIP der Schwellenländer aufgrund der langsameren Impfausrollung auch mittelfristig unterhalb des Vorkrisentrends liegen. Per Saldo sollte aber die Weltwirtschaft um 6 % wachsen, ehe die Dynamik bis 2023 auf 3,5 % abflaut.

Aufholpotenzial in Österreich
Sowohl beim allgemeinen Konsum, im Fremdenverkehr als auch im globalen Handel besteht in Österreich ein großes Aufholpotenzial, zumal die Konsumenten durch Lockdowns längere Zeit zum Sparen verdonnert waren. Nun sollte die Sparquote laut OeNB-Prognose von ihrem Höchstwert von 14,4 % im Jahr 2020 auf 7,8 % im Jahr 2023 zurückgehen, wobei nur ein geringer Abbau der Überschuss-Ersparnisse unterstellt ist. Für den privaten Konsum bedeutet dies nach einem Einbruch von 9,4 % im vergangenen Jahr heuer wieder eine Steigerung von 4 %, ehe 2022 eine Beschleunigung des Zuwachses auf 5,8 % erfolgt. Ebenfalls stark erholen sollten sich die Investitionen, und die Bereiche Fremdenverkehr und Export könnten zu Wachstumsfaktoren werden. Die Auftragseingänge stimmen optimistisch. Entsprechend sollten die gesamten Exporte heuer um 7,1 % zulegen (nach -10,9 % im Vorjahr) und in den Folgejahren jeweils 6,4 bzw. 3,4 %. Auch die Investitionstätigkeit sollte sich nach einem Minus von 4,8 % bei den Bruttoanlageinvestitionen im Jahr 2020 heuer wiederbeleben. Für 2021 ist ein Plus von 4,7 % möglich, ehe in den darauffolgenden Jahren wieder eine Abkühlung erfolgt.

Banken stabil
Fiskal ist das Krisenjahr 2020 glimpflich ausgegangen. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Staatshaushalt sind noch überschaubar. Dazu die OeNB in ihrer aktuellen Publikation: „Der Budgetsaldo wird sich im Jahr 2021 auf -6,9 % des BIP belaufen und sich bis zum Jahr 2023 weiter auf etwa -2 % des BIP verbessern.“ Die Staatsschuldenquote soll von 85,1% bis 2023 auf knapp unter 82 % sinken. Staatsanleihen dürften relativ stabil bleiben, zumal die Inflation nur zwischenzeitlich ansteigt und bis 2022 wieder auf 1,8 % (HVPI-Inflation) sinken sollte. Von dieser Seite her sind die Banken nicht bedroht und für Kreditausfälle bei Unternehmen haben die Banken schon entsprechende Risikovorsorgen getroffen. Die durchschnittliche NPL-Ratio (Anteil fauler Kredite am Gesamtportfolio) lag indessen mit 2 % im Jahr 2020 unter dem EU-Schnitt von 2,6 %. Im Inlandsgeschäft waren es nur 1,5 %. Vor allem die harte Kernkapitalquote zeigte Stabilität, indem sie sich 2020 sogar im Schnitt um 0,5 %-Punkte auf 16,1 % verbesserte. Knapp unter 60 heimische Banken überzeugten sogar mit einer CET-Ratio von mehr als 26 %.

Foto: Adobe Stock / ink drop

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Luxus steht wieder hoch im Kurs

Mit dem Ende der Lockdowns steigt die Nachfrage nach edlen Marken. Das bietet interessante Chancen.

Raja Korinek. Mit dem nahenden Sommer werden immer mehr Lockdowns weltweit beendet. Der wirtschaftliche Alltag, und damit auch der Konsum, gewinnt wieder an Fahrt. Solche Nachrichten sind für Luxusanbieter positiv. Teure Marken, edle Spirituosen und funkelnde Juwelen werden verstärkt nachgefragt. Swetha Ramachandran, Fondsmanagerin des „GAM Luxury Brands Equity“ (ISIN: LU0329429384) von GAM Investments, sagt im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Das heurige Jahr ist von einer starken Erholung nach einer außergewöhnlich turbulenten Periode geprägt.“

Damit sollte die Branche zu ihrer alten Stärke zurückfinden, ist Ramachandran überzeugt. Sie ist in den vergangenen 25 Jahren immer-hin rascher als das globale BIP gewachsen. „Dieser Trend sollte sich mittelfristig fortsetzen. Struktureller Rückenwind kommt oben-drein von einer aufstrebenden Mittelschicht, die zum ersten Mal in dieses Segment einsteigt.“

Online-Luxusshopping
Auch die Pandemie hat Spuren in der Welt des gehobenen Shoppings hinterlassen. Insgesamt hat sich der Einkauf zunehmend auf das Internet verlagert – auch in der Luxusindustrie. „Sie richtete ihre ‚Verkaufsinszenierung‘ und ihren Auftritt auf die Online-Welt aus, etwa mit Live-Streaming-Techniken“, sagt Ramachandran.

Ebenso interessant sind die regionalen Entwicklungen: Rund 35 % der weltweiten Luxusausgaben werden in China getätigt. Ramachandran sagt, dort bilde sich eine Mittelschicht, „die entscheidend dafür ist, dass das Wachstum des Sektors in dem Tempo weitergeht, wie es vor der Pandemie der Fall war“. Unterstützend sei, dass Pekings Regierung grundsätzlich einen großen Schwerpunkt auf die Entwicklung des Konsumsektors lege. „Dieser Umstand wird dem Luxussektor weiteres Wachstum ermöglichen, zusammen mit der steigenden Bedeutung einer jüngeren Verbrauchergruppe, die eine höhere Neigung zum Luxuskonsum hat.“

USA gewinnt an Bedeutung
Auch die Bedeutung der USA sollte man nicht unterschätzen. Dort werden rund 20 % aller Luxusausgaben getätigt. Dabei hätten im Vorjahr die US-Konsumenten mit ihrem wiedererstarkten Optimismus und ihrer Bereitschaft, Geld für Luxus auszugeben, sogar positiv überrascht, betont die Expertin.

Der Grund? „Dies wurde durch das psychologische Wohlbefinden, das wiederum durch die verschiedenen Konjunkturprogramme gefördert wurde, sowie durch den Wohlstandeffekt aufgrund steigender Aktienmärkte und Hauspreise unterstützt.“

Französische Titel gefragt
Und wie wirken sich all die Entwicklungen auf das GAM-Portfolio aus? Aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungen bleibe die Einzeltitelwahl entscheidend, betont Ramachandran. „Im vergangenen Jahr haben wir europäische Namen im Bereich ‚Soft Luxury‘ bevorzugt. Dazu zählen Titel wie LVMH (FR0000121014) und Kering (FR0000121485).“ Beide Titel zählen derzeit zu den größten Fondspositionen. „Die Unternehmen haben ein starkes Mo-mentum und wir glauben, dass

die Rentabilität dieses Marktsegments die Markterwartungen in den kommenden zwölf bis 18 Monaten weiterhin übertreffen wird“ Mit „Soft Luxury“ ist unter anderem Bekleidung gemeint – im Gegensatz zu „Hard Luxury“, zu dem etwa Uhren zählen.

Mit Investitionen in die Hotelwerte Hilton (US43300A2033) und Vail Resorts (US91879Q1094) setzt die Fondsmanagerin, wie sie uns gegenüber erwähnt, zudem auf die Wiederaufnahme des internationalen Reiseverkehrs, der derzeit aber noch hinterherhinke. Und damit wird auch schnell klar: Die Chancen sind in diesem Sektor durchwegs vielfältig.

Foto: Pixabay / Myriams-Fotos

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Neun Risiken, die uns bevorstehen können

Eine Analyse benennt drohende Gefahren, die sich in den kommenden Jahren auftun oder intensivieren könnten.

Emanuel Lampert. Frühe Anzeichen für neuartige Risiken sammeln, sie dann bewerten und priorisieren – das ist die Basis für eine Publikation, die der Rückversicherer Swiss Re alljährlich herausgibt. In der jüngst erschienenen 2021er-Auflage werden neun solche Risiken identifiziert und nach zwei Kriterien sortiert: dem Zeithorizont ihres möglichen Auftretens (innerhalb von drei Jahren oder auf längere Sicht) sowie ihren möglichen Auswirkungen (groß, mittel, niedrig).

„Neustart“-Risiko, Ende von Corona-Hilfen
Zwei Risiken fallen in die Kategorie „großes Auswirkungspotenzial“, beide haben mit Corona zu tun. Das eine könnte sich schon bald realisieren, nämlich Gefahren in Folge der Wiederaufnahme pandemiebedingt ausgesetzter Betriebstätigkeiten. So könnte es aufgrund mangelnder Wartung oder Überwachung vermehrt zu Schäden und Unfällen kommen.

Das andere Problem ist ein längerfristiges: Staatliche Corona-Unterstützung habe zwar vielen gesunden Unternehmen geholfen, aber auch unrentable, sogenannte „Zombiefirmen“, gestützt. Wenn die Unterstützung versiege und „Zombiefirmen“ insolvent würden, bestehe die Gefahr umfangreicher Ausfälle. Die Politik sollte daher „im Interesse einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung langfristig lebensfähige Unternehmen unterstützen und bei unrentablen Betrieben eine geordnete Umstrukturierung erleichtern“.

Einkommen und Gesundheit
Auch zwei „mittlere“ Risiken haben mit Corona zu tun. Eines bezieht sich auf Einkommensungleichheiten. „Die Covid-19-Lockdowns haben die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert“, so Swiss Re. Besonders bedenklich seien überproportional starke Auswirkungen auf die jüngeren Generationen, die bereits mit einem angespannten Arbeitsmarkt und mangelnden Berufsaussichten konfrontiert seien.

Zweites „mittleres“ Corona-Risiko: die langfristige Belastung, die Covid-19 für die Gesundheit bedeuten könnte. Der Erfolg der Impfprogramme hänge von vielen Faktoren wie etwa Mutationen oder der Impfbereitschaft ab. Zudem gebe es Unbekannte im Zusammenhang mit Langzeitfolgen einer Infektion. Dass die Pandemie zu Verschiebungen anderer nötiger Behandlungen führte, könne sich ebenfalls negativ auf das Gesundheitsniveau insgesamt auswirken. Dazu kämen noch Nebeneffekte der Pandemie, zum Beispiel psychische Probleme, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum.

Wearables, ESG und gefährliche Stoffe
Ebenfalls als mittlere Risiken eingestuft sind drei weitere potenzielle Problemzonen. So könnten „Wearables“, Geräte für Gesundheitstracking, Risiken bergen, wenn sie zu falschen Gesundheitstipps führen oder der Datenschutz unzureichend ist. Zweitens: Lieferketten stehen unter Druck, Nachhaltigkeitskriterien („ESG“) einzuhalten, gerade auch mit Blick auf Ausbeutung von Arbeitskräften. Hier könnten sich Haftungsfragen auftun. Drittens schneidet der Bericht die Problematik von Produktion, Lagerung und Transport gefährlicher Materialien an und erinnert an die Explosion in Beirut 2020.

Neuartige Risiken durch neue Mobilitätsformen
Bleiben noch zwei Themen, denen die Analyse einen „geringen Impact“ zuschreibt. In vielen Städten gebe es bereits ausgeklügelte Mikromobilitätssysteme wie mietbare E-Scooter. „Für die Zukunft wäre es denkbar, selbstfahrende Lieferfahrzeuge oder sogar Optionen für den städtischen Luftverkehr, etwa Flugtaxis mit sauberem Antrieb, zu entwickeln.“ Herausforderungen seien ein sicheres Nebeneinander neuer und traditioneller Fahrzeuge sowie Datensicherheit, weil das Mietmodell vieler neuer Verkehrsangebote die Weitergabe persönlicher Informationen erfordere.

Als zweites Risiko in dieser Kategorie werden allfällige Defizite in der Diversität bei Produkttests und medizinischen Studien genannt. Hier geht es um die Frage, ob Faktoren wie Geschlecht oder Alter adäquat berücksichtigt werden.

Die Analyse „Sonar – New emerging risk insights“ kann von der Website der Swiss Re (www.swiss-re.com) heruntergeladen werden.

Foto: AdobeStock / sitthiphong

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

G7-Steuerabkommen: große Schlagzeilen aber geringe Auswirkungen

Ein Kommentar von Mark Hawtin, Investment Director bei GAM Investments.

(09.06.) Am 5. Juni 2021 einigten sich die G7-Mitgliedstaaten auf einen globalen Mindeststeuersatz für multinationale Konzerne. Dieses Thema steht bereits seit einiger Zeit auf der Tagesordnung, insbesondere im Hinblick auf die großen Internetkonzerne wie Apple, Facebook und Google (Alphabet). Als globaler Mindestsatz wurde eine Ertragssteuer von 15 % vereinbart, wobei weiterhin Forderungen nach Anhebung dieses Satzes bestehen, zumal er nur geringfügig über dem aktuellen irischen Unternehmenssteuersatz von 12,5 % liegt. Diese Unternehmen weichen in der Regel auf Irland aus, um ihre Steuerrechnungen auf internationale Erträge zu reduzieren. Zu beachten ist, dass diese Maßnahme auf internationale und nicht auf inländische Gewinne abzielt; damit sind etwa 50 % der Gewinne der großen Internetfirmen betroffen.

Die französischen Behörden fordern jedoch einen höheren Steuersatz, und die gezahlten Steuersätze sollten sich an den Ländern ausrichten, in denen die Gewinne erwirtschaftet werden, wobei der Steuersatz in Ländern wie Frankreich und Deutschland bei ca. 30% liegen könnte. Darüber hinaus soll der Steuersatz nur für solche Unternehmen gelten, welche eine Gewinnmarge von über 10 % erzielen. Bei einem solchen Szenario wäre Amazon, das im Jahr 2020 eine Vorsteuermarge von 7 % nach GAAP (Generally Accepted Accounting Principles) aufwies, ausgeschlossen. Unseres Erachtens dürfte dieser Satz nicht Bestand haben.

Minimale wirtschaftliche Auswirkungen
Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines solchen Abkommens sind jedoch minimal: die Gewinne pro Aktie würden in Zukunft um etwa 2 bis 3% sinken. Sämtliche Maßnahmen benötigen eine gewisse Zeit der Umsetzung. Währenddessen könnten Unternehmen zahlreiche Gegenmaßnahmen ergreifen, um die negativen Auswirkungen abzumildern, beispielsweise durch die Verlagerung von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen und technischen Ressourcen in die betreffenden Länder, was wiederum zu einer Erhöhung der Betriebskosten und einer Verringerung der Rentabilität führen würde. Außerdem müssten bei Einführung eines globalen Steuersatzes, Länder wie Frankreich im Gegenzug auf ihre 3%ige Digitalsteuer auf Einnahmen verzichten. Die Analysten der Bank of America erwarten zudem, dass eine von der Biden-Administration vorgeschlagene Steuererhöhung in den USA –möglicherweise von 21% auf ca. 28% – einen weitaus größeren Einfluss auf die Erträge haben könnte.

Das G7-Steuerabkommen liefert zwar großartige Schlagzeilen – auch angesichts des eher außergewöhnlichen Ergebnisses der Zusammenarbeit verschiedener Länder bei der Gesetzgebung. Dennoch halten wir die wirtschaftliche Tragweite des Abkommens unter Berücksichtigung der bisher bekannt gewordenen Fakten für eher unbedeutend.

Foto: GAM

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

China ist nicht zu stoppen

Die Wirtschaft blüht, die Chancen mit China-Aktien ebenso.

Raja Korinek. Das Reich der Mitte wird seiner Bezeichnung zunehmend gerecht. Im ersten Quartal 2021 legte das Wirtschaftswachstum um mehr als 18 % im Vergleich zum Vorjahreswert zu. Die Entwicklung dürfte sich im Jahresverlauf abflachen, meint Chi Lo, Senior Economist for Greater China of BNP Paribas Asset Management (BNPP AM), im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Derzeit deckt China beispielsweise Produktionslücken in anderen Regionen ab, die sich aufgrund der Lockdowns ergäben. Trotzdem bleibt er selbst in Bezug auf seine Jahresprognose für Chinas BIP durchaus zuversichtlich. Lo schätzt das Plus auf gut 8 %. Zum Vergleich: 2020 wuchs die Wirtschaft um 2,3 %.

Der Aufschwung bleibt aller-dings nicht ohne Folgen auf die Preisentwicklung. Allein im April schnellten die Erzeugerpreise (PPI) um 6,8 % nach oben, verglichen mit minus 3 % vor einem Jahr. Treibt das Inflationsgespenst auch in China bald sein Unwesen? Lo glaubt es nicht. Der Verbraucherpreisindex habe nicht in dem selben Ausmaß zugelegt. Hier lag der Zuwachs bei 0,9 % im Jahresvergleich im April. Der BNP-Experte glaubt deshalb auch nicht, dass die Zentralbank die geldpolitischen Zügel allzu rasch straffen dürfte.

Schulden sollen gesenkt werden
Lo verweist vielmehr auf einen anderen Umstand: So habe die Regierung den hohen Verschuldungsgrad des Landes ins Visier genommen. „Und ist nicht mehr bereit, Unternehmen um jeden Preis zu retten.“ Zudem gebe es neue Entwicklungen, wie etwa die Stärkung des Inlandstourismus. „Damit soll mehr im Inland konsumiert werden“, sagt Lo. Freilich, auch der High-Tech-Sektor soll kräftig gestärkt werden, um damit etwa die Abhängigkeit von ausländischen Chip-Herstellern zu senken.

Angesichts all dieser Entwicklungen ergeben sich für Anleger interessante Chancen. Diese sollte man sowohl an der Börse in Hongkong als auch am Festland nutzen, betont Jessica Tea, Investment Specialist bei der BNPP AM. Viele Technologiekonzerne aus China haben nebst in den USA in Hongkong ein Zweitlisting. Am Festland – etwa an den Börsen Shanghai und Shenzhen – sind zahlreiche Unternehmen notiert, die vom wachsenden Konsum am Binnenmarkt profitieren.

Solide Titel im Fokus
Doch wie gehen die Experten des „BNP Paribas Funds China Equity“ (ISIN: LU0823425839) konkret vor? Mehr als die Hälfte des Portfolios wird in jene Konzerne investiert, die sich erfolgreich etabliert haben und deshalb über eine starke Marktmacht verfügen. Der Rest wird in Unternehmen investiert, die entweder kurz vor einem größeren Durchbruch – oder einem Turnaround – stehen.

Deshalb schaffen es vor allem Titel aus der Technologiebranche und dem gehobenen Konsum in das Portfolio. Dazu zählt Tea beispielsweise Aktien aus dem Bildungsbereich oder Anbieter hochpreisiger Konsumgüter. Selbst Aktien, die von der Konsolidierung in der Industrie profitieren – beispielsweise in der Zement- oder der Immobilienindustrie – stehen im Fokus.

Zu den größten Fondspositionen zählen der Onlinehändler Alibaba (US01609W1027) sowie der Internetgigant Tencent (US88032Q1094). New Oriental Education & Technology (US6475811070) bietet wiederum virtuelle Fortbildungskurse an, während Contemporary Amperex Technology (CNE100003662) der größte chinesische Hersteller von Lithium-Ionen-Akkumulatoren ist.

Alles in Allem lockt das Reich der Mitte mit reichlich Chancen. Rückschläge, etwa bei einem neuerlichen Covid-Ausbruch, können aber genauso wenig ausgeschlossen werden.

Foto: AdobeStock / gui yong nian

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Zuflüsse in nachhaltige Gelder schnellen nach oben

Privatanleger sind ein stärker werdendes Zugpferd der Branche – vor allem auch in Zeiten der Pandemie.

Raja Korinek. Der Markt für nachhaltige Geldanlagen wächst unermüdlich weiter, wobei im Vorjahr auch die Corona-Pandemie ein gutes Stück beigetragen hat. Wolfgang Pinner, Leiter FNG-Österreich, zog vergangene Woche beim Jahrespressegespräch des „Forums Nachhaltige Geldanlage“ (FNG) damit ein deutliches Fazit. Der Börsen-Kurier hörte sich die FNG-Präsentation „Marktbericht Nachhaltige Geldanlagen 2021 – Deutschland, Österreich und die Schweiz“ an und zeigt die interessantesten Entwicklungen in Österreich, aber auch in Deutschland und in der Schweiz, auf.

Pinner präzisiert dabei seine Aussage und meint in diesem Zusammenhang: „Aufgrund der Pandemie rückten nebst ökologischen auch soziale Aspekte verstärkt in den Fokus.“ Doch wie sehen die Volumina konkret aus? Im vergangenen Jahr erreichten die nachhaltigen Geldanlagen ein Volumen von 38,04 Mrd Euro, ein Zuwachs von 30 % gegenüber dem Vorjahresvergleichswert. Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht das rasante Wachstum. Noch vor zehn Jahren lag die Gesamtsumme bei 4,2 Mrd Euro.

Privatanleger sorgen für reichlich Neuzuflüsse
Dabei ist der Großteil des Zuwachses auf echte Zuflüsse, „und nicht nur auf den Wertzuwachs an der Börse zurückzuführen“, betont Pinner, der zudem Leiter Nachhaltige Investments bei Raiffeisen Capital Management ist. Immerhin sind damit fast 20 % aller Fondsvolumina und Mandate in Österreich nachhaltig veranlagt, in Deutschland gut 6,4 %, in der Schweiz sind es knapp mehr als 50 %, wobei für die Eidgenossen nur Investmentfonds, nicht aber die Mandate, berücksichtigt wurden.

Pinner verweist auf eine weitere wichtige Entwicklung hierzulande und sagt, „inzwischen kommen in Österreich immer mehr Privatanleger auf den Geschmack. Von ihnen stammen bereits ein Drittel der nachhaltigen Gelder“.

Begonnen habe der Trend 2019, im Vorjahr entwickelten sich die Privatanleger dann zu einem wichtigen Treiber des Gesamtwachstums. „Im Vergleich dazu betrug 2020 das Wachstum bei den institutionellen Investoren gerade einmal 14 %.“

Unterschiedliche Kriterien und Auslegungen
Doch Nachhaltigkeit kann breit ausgelegt werden, wenn auch die EU-Taxonomie einheitliche Standards schaffen soll. In Österreich und in Deutschland werden – gemessen am Gesamtvolumen aller nachhaltigen Investmentfonds und Mandate – ein normbasiertes Screening sowie Ausschlusskriterien zu fast 100 % bei einer Titel-selektion angewendet. In der Schweiz ist der Prozentsatz weitaus geringer.

Ein genauer Blick auf die einzelnen Ausschlusskriterien offenbart ebenso Interessantes: Zu den am meisten angewendeten Kriterien zählen Kohle, Korruption und Bestechung, Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen, sowie Tabak.

Beim normbasierten Screening geht es hingegen um die Selektion potenzieller Investitionen unter der Berücksichtigung von strengen Mindeststandards für Geschäftsaktivitäten, die sich grundsätzlich aus unterschiedlichen globalen Normen ergeben.

Die Schweiz geht eigene Wege
Doch welches Investmentkriterium steht in der Schweiz stattdessen an oberster Stelle? Dort wird am öftesten auf die ESG-Integration geachtet, sie wird bei 71 % der nachhaltigen Investmentfonds an-gewendet. Und worum geht es konkret? ESG sind die englischen Anfangsbuchstaben für „Environmental“ (Umwelt), „Social“ (Soziales) und „Governmental“ (nachhaltige Unternehmensführung). Dabei werden Unternehmen daran gemessen, ob ihre Geschäftsaktivitäten im Einklang mit solchen Vorgaben stehen, wobei je nach Branchen, einzelne Aspekte stärker gewichtet werden können. Bei einem Ölkonzern steht oftmals die ökologische Bilanz im Fokus, bei einer Bank kann etwa der soziale Aspekt bei der Kreditvergabe näher durchleuchtet werden.

Die FNG-Studie liefert aber noch ein weiteres Fazit: So gibt es reichlich Aufholpotenzial in den Bereichen Impact Investing und Nachhaltige Themenfonds. Solche Investmentansätze machen derzeit mit weniger als 10 % noch einen sehr geringen Prozentsatz am Gesamtvolumen nachhaltiger Gelder aus, und zwar in allen drei Ländern. Allerdings ortet Pinner auch in diesen Bereichen inzwischen ein zunehmendes Wachstum.

Und das ist auch nachvollziehbar, wenn man allein die stetig neuen Angebote an Themenfonds betrachtet, einerlei, ob es um den Klimawandel, die Weltmeere oder Geschlechterparität geht. Auf der Anleiheseite sind zum Beispiel „Green Bonds“ ein wachsendes Thema. Bei diesen Anleihen darf der Erlös lediglich für Umweltprojekte eingesetzt werden.

Foto: Adobe Stock / Olivier Le Moal

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Konjunkturschwachstellen in Europa

Das Eurozonen-BIP schrumpft aufgrund struktureller Schwächen noch immer um 1,8 %.

Michael Kordovsky. Während das BIP-Wachstum in den USA vom vierten Quartal 2020 auf das erste Quartal 2021 bereits von -2,4 auf 0,4 % ins Plus drehte, verharrt die Eurozone noch immer im Kontraktionsbereich. Nach -4,9 % im vierten Quartal 2020 lag im ersten Quartal 2021 die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung noch immer bei -1,8 % (EU: -1,7 %). Dabei entwickeln sich die Volkswirtschaften auf breiter Front rückläufig: Von den 20 EU-Mitgliedsstaaten, die BIP-Daten zum ersten Quartal 2021 veröffentlichten, meldeten ledig-lich die Slowakei, Litauen und Frankreich ein Wirtschaftswachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum (jeweils 0,5 %, 1,0 bzw. 1,5 %). Ein Nullwachstum verzeichnete Rumänien. 16 Mitgliedsstaaten hingegen meldeten eine Schrumpfung des BIP. Die stärksten Rückgänge erlitten dabei mit je -5,4 %; -4,3 % bzw. -3,0 % Portugal, Spanien und Deutschland. Alle drei Staaten hatten harte Lockdowns. Portugal und Spanien erlitten dabei massive Einbußen im Tourismus, während Deutschland von Lieferkettenunterbrechungen in der Autoindustrie hart getroffen wurde.

Strukturelle Arbeitslosigkeit nimmt zu
Was die USA aktuell von Europa unterscheidet sind erstens die noch massiveren staatlichen Konjunkturprogramme und zweitens moderatere Corona-Maßnahmen mit meist kürzerer Dauer. Genauso wie in den USA liegt auch in Europa eine aktuelle Schwachstelle in der höheren Arbeitslosigkeit. Allerdings haben in Europa viele Staaten so etwas wie Kurzarbeitsprogramme und die Mitarbeiter von Firmen in diesen Programmen scheinen in keiner Arbeitslosenstatistik auf. Mit dem Fortschreiten der Digitalisierung – insbesondere während der Lockdowns in der Corona-Zeit – baut sich gerade ein struktureller Arbeitslosensockel auf. Von April 2020 bis April 2021 stieg im Euroraum die Arbeitslosenquote von 7,3 auf 8,0 %. Am höchsten war sie zuletzt mit 15,8 %, 15,4 bzw. 10,7 % in Griechenland, Spanien und Italien. Interessant ist vor allem die nach wie vor hohe Jugendarbeitslosigkeit von 17,2 % im Euroraum, wobei es natürlich ein bekanntes Nord-Süd-Gefälle gibt. Mit je 38,0 %, 36,3 bzw. 33,7 % am höchsten ist sie in Spanien, Griechenland und Italien. Hingegen mit 6,0 bzw. 8,3 % am niedrigsten ist sie in Deutschland und Tschechien. Deutsche und tschechische Jugendliche zeigen eine durchaus hohe Bereitschaft zur Aus- und Weiterbildung. In den südlicheren Ländern hingegen ist Ausbildung häufig stark mit Familientraditionen verflochten.

Minimalismus – Ein neuer Trend
Was bedeuten diese Arbeitsmarkttrends für den Konsum im Euroraum? Er konzentriert sich mehr und mehr auf das Lebensnotwenigste. Luxusgüter, Textilien und Bekleidung sind deshalb am absteigenden Ast. Dafür fließt mehr Geld in die eigenen vier Wände.

Während in den Monaten März und April 2021 bereits starke Basiseffekte zum Vorjahr herrschen und die Veränderungen der Einzelhandelsvolumina dadurch ein verzerrtes Bild ergeben, zeigt die Entwicklung im Feber 2021 relativ gut, wohin der Trend geht: Der Bereich Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren erzielte im Euroraum eine Steigerung von 2,6 %. Hingegen war das Absatzvolumen von Nicht-Nahrungsmitteln (ohne Motorenkraftstoffe) im Jahresvergleich um 3,4 % rückläufig. Indessen wuchs der Versand- und Interneteinzelhandel um 41,3 %.

Immer mehr ist der Minimalismus in puncto Konsum und Wohnen im Vormarsch. Transportierbare Minihäuser, die hauptsächlich aus Holzteilen bestehen, Wohnwägen, Mini-Appartments – all das boomt. Zahlreiche Bücher und Bekleidungsstücke landen in Second-Hand-Portalen auf den Markt. Discounter boomen, teure Fachgeschäfte sterben und am meisten boomt der Internet-Einzelhandel, der transparente Preisvergleiche möglich macht. Während sich in Russland und im asiatischen Raum eine riesige Szene der „Neureichen“ etablierte, herrscht in Europa eine neue „Armutskultur“ gut getarnt unter den Begriffen „Share-Economy“ (Auto ausleihen, da Kauf nicht leistbar) und „Minimalismus“ (man kann sich eigentlich nicht mehr leisten). Diese versteckte Armut ist wie Sand im Getriebe der Konjunktur.

Foto: Pixabay / Alexas_Fotos

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Alterung und Arbeitskräftemangel bedrohen Wachstum in den USA

Ein Marktkommentar von Nathan Sheets, Chefvolkswirt bei PGIM Fixed Income.

(28.05.) Der mit Spannung erwartete Anstieg der Inflation in den USA ist eingetreten. Für viele ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Inflation beschleunigt hat, die auffälligste Entwicklung. Die in den USA veröffentlichten Zahlen zum Verbraucherpreisindex zeigten einen atemberaubenden Anstieg der Kernpreise um 0,9 % im April, den größten Zuwachs seit den frühen 1980er Jahren. Einige der Aufwärtsbewegungen deuten auf eine echte Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen und eine Rückkehr zu Preismustern vor der Pandemie hin. So zogen beispielsweise die Flugpreise und die Hotelpreise wieder stark an. Andere Preiserhöhungen waren jedoch Ausdruck von sich verschärfenden Engpässen – vor allem die Preise für Gebrauchtwagen stiegen stark an, da die Chip-Knappheit die Produktion von Neuwagen einschränkte und die Nachfrage nach Gebrauchtwagen in die Höhe trieb. Auf 12-Monats-Basis sprang der Kern-Verbraucherpreisindex auf 3%, was die starken Monatswerte im März und April sowie die sogenannten Basiseffekte der Pandemie widerspiegelt.

Mit Blick auf die Zukunft erwarten wir, dass mehrere strukturelle Faktoren wie die demografische Alterung, die hohe globale Verschuldung und der Vormarsch von Technologie und Innovation die Inflation in den kommenden Jahren beeinflussen werden. So hat sich die demografische Entwicklung in den Industrieländern über Jahrzehnte hinweg verschlechtert, und wir haben einen starken Zusammenhang zwischen dem nachlassenden Wachstum der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter und der rückläufigen Inflation festgestellt. Ganz allgemein erstreckt sich unsere Erkenntnis, dass die demografische Alterung mit einem langsameren Wachstum und einer schwächeren Wirtschaftsleistung einhergeht, auf alle Industrie- und Schwellenländer.

Die rasche Heilung auf dem US-Arbeitsmarkt kann Bedenken hinsichtlich eines Arbeitskräftemangels und einer möglichen Lohninflation nähren. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer, die auf die Gehaltslisten zurückgekehrt sind, waren diejenigen, die während der Pandemie vorübergehend entlassen worden waren. Von den Arbeitnehmern, die nicht in den Arbeitsmarkt zurückgekehrt sind, hat jedoch die Mehrzahl ihren Arbeitsplatz dauerhaft verloren oder ist ganz aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. In den letzten sechs bis acht Monaten kehrten diese Arbeitnehmer nur in begrenztem Umfang in den Arbeitsmarkt zurück, und in der Vergangenheit hat es viel länger gedauert, bis diese Arbeitnehmer wieder nach Arbeit suchten.

Foto: PGIM Fixed Income

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Zertifikate: ideal für den Einstieg in den Kapitalmarkt

Im Gespräch mit den beiden ZFA-Vorständen Philipp Arnold und Uwe Kolar.

Marius Perger. Unbeeindruckt von der Corona-Pandemie ist das Handelsvolumen von Zertifikaten in Österreich im vergangenen Jahr weiter gestiegen. Es ließen sich dabei aber durchaus Trends feststellen, sagt Philipp Arnold, Vorstandsmitglied des Zertifikate Forum Austria (ZFA), im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Die Zahl der Selbstentscheider, die online handeln, habe zugenommen, und gefragt seien einfache, standardisierte Produkte.

Zertifikate seien aber nicht nur für Selbstentscheider geeignet, so Arnold. Berater hätten damit die Chance, ihren Kunden etwas Spezielles zu zeigen. Besonders interessant für Berater seien Produkte mit Kapitalgarantie wie beispielsweise Teilschutzzertifikate, ergänzt Vorstandskollege Uwe Kolar, weil sie für den Kunden transparent und leicht verständlich sind und es keine versteckten Kosten gibt. Vor allem aber würden Zertifikate den laufenden Kontakt zum Kunden erleichtern: „Die Chance, immer wieder etwas im Portfolio zu drehen, bietet Anknüpfungspunkte beim Kunden“, betont Arnold.

Denn die Emission von Zertifikaten ist extrem schnell möglich: Damit könne „blitzschnell“ auf aktuelle Trends reagiert werden, während es bei anderen Produkten Bewilligungspflichten gibt. Zertifikate können so die „großen Themen“ abdecken, so Kolar. Dazu kommt, dass das Auszahlungsprofil von Zertifikaten den Markt nicht 1:1 abbildet: Möglich seien beispielsweise Renditen durch Fixkupons, Bonuszahlungen auch bei Seitwärtsbewegungen oder eben Kapitalschutz, erläutert Arnold.

Zertifikate decken Megatrends ab
ESG, also Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (englisch: Environment – Social – Governance) sei auch bei Zertifikaten eines der wichtigsten Themen geworden. Es sei ein „extremer Schwung dahinter“, sagt Arnold, der auch die nächsten Jahre „gigantisch“ bleiben werde. Auch für Selbstentscheider würden ESG-Kriterien immer wichtiger, auch wenn die Rendite entscheidend bleibe – es werde aber immer klarer, dass es durch ESG keinen Renditenachteil gebe.

Für die meisten Anleger mache dabei der „Best-in-Class-Ansatz“ (aus dem Anlageuniversum werden diejenigen Unternehmen ausgewählt, die in ihrer Branche die Nachhaltigkeitskriterien am besten erfüllen) Sinn, weil sie breit investiert sein wollen und so ein „marktähnliches“ Investment möglich werde. Neben Nachhaltigkeit gehörten aber auch Themen in Richtung Technologie – Stichworte Künstliche Intelligenz oder Robotik – zu den Megatrends.

Auch Österreicher entdecken den Kapitalmarkt
In Österreich seien die Kunden in den letzten Jahren risikobereiter geworden, das tiefe Zinsniveau habe bei Zertifikaten einen Trend in Richtung Teilschutz bewirkt, so Arnold. Und gerade in den letzten Monaten sei Rendite mehr in den Vordergrund gerückt als reine Sicherheit; dies könne sich aber schnell wieder ändern, wenn es zu ersten Rückschlägen kommt: „Der Sicherheitsgedanke wird wieder eine größere Rolle spielen“. Fazit: Kapitalschutz bleibt wichtig, aber Teilschutz nimmt zu.

Es sickere langsam durch, dass man mit dem Sparbuch nichts verdient, meint Kolar. Mit Produkten, die Sicherheit bieten, habe der Anleger einen Fuß in der Tür zum Kapitalmarkt, nach zwei bis drei Jahren Erfahrung wage er dann oft den nächsten Schritt und gehe mehr ins Risiko, wofür sich dann beispielsweise Bonuszertifikate und Fixkuponvarianten anbieten.

Wichtig sei es, Einsteigern klarzumachen, dass es neben Aktien auch Zertifikate auf Aktien gebe, betont Arnold. Gerade in der Kommunikation mit jungen Menschen gebe es aber Herausforderungen. Junge wollen für ihre Bedürfnisse Lösungen haben, verlangen klare Botschaften und bevorzugen eine einfache, schnelle und bequeme digitale Kommunikation. Zertifikate seien hier im Vorteil, weil sie kostengünstig und einfach seien und kein großes Portfolio nötig ist. Und außerdem würden auch junge Leute „checken“, dass sie sich langfristig um ihre Geldanlage kümmern müssen.

Foto: Pixabay / Robert Kneschke

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Sell in May and go away?

Ein Kommentar von Mag. Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien Steiermärkische Sparkasse.

(21.05.) Die alte Börsenregel „Sell in May and go away“ hält sich hartnäckig, ist aber keine gute Empfehlung, so die Meinung der Anlageexperten der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking. Die Begründung: „Sell in May and go away” ist eine Form des Markttimings und am Versuch, den Markt zu timen sind schon viele gescheitert. Steigt man gänzlich aus dem Aktienmarkt aus, gibt es oft mehr zu verlieren als zu gewinnen. Die bessere Strategie an der Börse: Investieren und nicht spekulieren, so der Rat der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking.

Antizyklisch Vermögen auf Kurs halten
Eine auf den persönlichen Bedarf ausgerichtete Vermögensstruktur trägt langfristig zum Vermögensaufbau bei. Mit Hilfe einer antizyklischen Handlungsweise wird eine einmal beschlossene Vermögensstruktur auf Zielkurs gehalten und es können auch attraktive Einstiegsniveaus genützt werden. Nach Rücksetzern an den Märkten wird günstig nachgekauft. Gleichzeitig werden nach oben hin Risiken begrenzt, wenn die Märkte schon sehr gut gelaufen sind.

In der Vergangenheit gab es zwar durchaus Phasen, in denen sich „Sell in May and go away“ bewährt hat. Aber es gibt auch genügend Beispiele in den letzten Jahren, in denen die Perfomance zwischen Anfang Mai und Ende August positiv war. Gerade im letzten Jahr boomten die Märkte auch in den Sommermonaten. Wäre man der Börsenweisheit gefolgt, hätte man an der Erholung nach dem Einbruch im Frühjahr 2020 nicht zur Gänze partizipiert und mehr als 10% Performance des globalen Aktienmarktes versäumt (Beispiel MSCI World Index in Euro).

Untermauert wird die Aussage, dass Timing nur selten gelingt, auch anhand der Entwicklung des S&P 500 Index über die letzten 34 Jahre. Wenn man nur an den 15 besten Tagen des S&P500 Index nicht investiert gewesen wäre, hätte man gegenüber einer „Buy and hold“-Strategie deutlich an Terrain verloren.

Börsen brechen alle Rekorde und …
2021 war bisher ein sehr gutes Börsenjahr. Diverse Aktienindizes, wie der amerikanische S&P 500 Index oder der Deutsche DAX Index, erreichten historische Kurshöchststände. Auch die Bewertungen liegen auf teils sehr hohen Niveaus. Die Entwicklung wurde maßgeblich von den Notenbanken und auch den Staaten, die mit diversen Hilfsmaßnahmen der Wirtschaft unter die Arme greifen, getrieben. Bisher konnten selbst die steigenden Inflationssorgen die Entwicklung kaum beeinträchtigen, wenngleich dies zuletzt für Rücksetzer sorgte. Früher oder später werden aber, angesichts der Erholung der Wirtschaft und einer steigenden Inflation, die staatlichen Unterstützungen reduziert werden und auch die Notenbanken werden ihre Anleihekaufprogramme zurückfahren. Damit muss man künftig auch mit höheren Zinsen rechnen. Dies könnte zu einer gewissen Beunruhigung und damit einer höheren Volatilität an den Märkten und führen.

… kein Ende in Sicht
Ein Ende des Aufwärtstrends an den Börsen ist aber nicht in Sicht, da vieles weiterhin für eine Unterstützung der Assetklasse Aktien spricht. Zunächst dürfte es nicht unmittelbar zu einer Erhöhung der Zinsen kommen, auch wenn die Inflation vorerst weiter steigen dürfte, so die Einschätzung der Steiermärkischen Sparkasse Private Banking. Derzeit ist die Inflation nach dem wirtschaftlichen Einbruch im vergangenen Jahr stark vom Basiseffekt getrieben, was sich in den kommenden Monaten wieder etwas relativieren sollte. Weiters dürfte sich die in der Corona Pandemie aufgestaute, inflationstreibende Nachfrage im Zuge der anstehenden Lockerungen langsam auflösen. Auch Indikatoren wie Einkaufsmanager-Indizes deuten auf eine anhaltend positive Entwicklung hin. Fundamentale Daten unterstützen den Trend ebenfalls. Die Unternehmensergebnisse des ersten Quartals fielen sehr positiv aus und überdurchschnittlich viele Unternehmen konnten die Gewinnerwartungen übertreffen. Die Entwicklung ist somit nicht nur liquiditätsgetrieben, auch fundamentale Faktoren gewinnen wieder zunehmend an Bedeutung.

Foto: Steiermärkische Sparkasse

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

250 Jahre Wiener Börse

Ein Rundgang mit dem Historiker Peter Eigner und Börse-Chef Christoph Boschan. (Am Bild v.l.n.r.: Börsen-Kurier-Redakteur Tibor Pásztory mit Börse-Chef Christoph Boschan und Christian Drastil auf der Spurensuche)

Tibor Pásztory. Um den österreichischen Staatshaushalt stand es im 17. und 18. Jahrhundert nach den Türkenkriegen und dem Verlust Schlesiens nicht zum Besten. Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763), der eigentlich schon ein Weltkrieg war, da er in Europa, Nordamerika, Indien und der Karibik ausgetragen wurde, erwies sich der Staatshaushalt als völlig zerrüttet. Schon zuvor gab es in reichen Gegenden Europas ein frühes Börsenwesen, in Österreich hatte der Wertpapierhandel noch ziemlichen Hinterzimmercharakter, das Vertrauen in Staatspapiere war dementsprechend enden wollend.

Diesem Missstand machte Kaiserin Marie-Theresia entschlossen ein Ende. Als Frau des Kaisers Franz Stephan von Lothringen war sie sozusagen „Frau Kaiser“, aber nicht Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs, und übte ihre zweifellos große politische Macht in ihrer Funktion als Monarchin der Habsburgischen Erblande aus. Bereits 1761, also noch während des Krieges, erteilte sie ein Patent (also eine Genehmigung) zur Gründung einer Börse in Wien, die dann 1771 zunächst am Standort Kohlmarkt 12 erfolgte. Geschäftsgegenstand war eine staatliche Kapitalaufbringung nach französischem Vorbild, wobei damals noch nicht der Aktienhandel, sondern Anleihen, Wechsel und Devisen im Fokus standen. Dies geschah jedoch bereits durch Börsenmakler.

Nach zwei Umzügen (Bauernmarkt 2-4 und Weihburggasse 4) wurde 1818 die erste Aktiengesellschaft gelistet. Man mag es heute nicht glauben, aber es handelte sich um die Oesterreichische Nationalbank. Als „Celebrity“ und einer der ersten Privataktionäre fungierte Ludwig van Beethoven (eine ähnliche Rolle hatte übrigens der niederländische Maler Rembrandt zwei Jahrhunderte zuvor im Tulpenhype übernommen, aber das ist eine andere Geschichte). Die Wirtschaft im 1804 gegründeten eigenständigen Kaisertum Österreich erholte sich indes vor dem Hintergrund der beginnenden Industrialisierung und entsprechenden Investitionen in die Infrastruktur, sodass mehr und mehr Unternehmen aus der Transportbranche den Kapitalmarkt nutzten.

Wandel und erster Crash
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte geradezu explosionsartig der Wandel von der alten zur modernen Welt. Als das Symbol schlechthin für diese Ära gilt der Bau der Wiener Ringstraße. Die Wiener Börse trug dieser Entwicklung, von Umzügen (Minoritenplatz 3, Herrengasse 14) abgesehen, durch Schaffung des Börsegesetzes und Gründung der Börsekammer Rechnung. Nun fanden sich auch Bank-, Eisenbahn- und Industrieaktien auf dem Kurszettel. Vor allem zwischen 1867 und 1873 folgte in der umgegründeten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn ein Börsengang auf den anderen. Die Porr AG und Wienerberger (beide seit 1869), UBM (1873) und Linz Textil (1890) sind die ältesten bis heute an der Wiener Börse notierten Unternehmen.

1873 erfolgte nach Überhitzung des Marktes und zahlreichen unsoliden Spekulationen der erste Börsencrash, worauf der Kurszettel etwa die Hälfte aller gelisteten Aktiengesellschaften verlor. Ein neues und moderneres Börsegesetz war 1875 die Folge – es galt bis 1989! Seit 1877 residierte die Wiener Börse dabei im bekannten Börsegebäude am Schottenring. Nach zwei Weltkriegen, Auflösung des k.u.k Wirtschaftsraums, Anschlusszeit und Verstaatlichung der Industrie in der Zeit des Wiederaufbaus verlor die Wiener Börse drastisch an Bedeutung und geriet unter zunehmenden Einfluss der Großbanken, bis 1985 die Privatisierungswelle startete, und Wien durch den US-Investor Jim Rogers wieder „wachgeküsst“ wurde, wie es damals hieß. Vor dem Hintergrund der Ostöffnung wurde 1991 der ATX eingeführt, 1997 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und der Umzug in den heutigen Sitz Wallnerstraße 8. Im Jahr 1999 wurde Xetra eingeführt, 2002 der Prime Market. IT-Dienstleistungen werden heute auch dem Partnernetzwerk in den k.u.k Nachfolgestaaten angeboten, womit sich der historische Kreis in gewissem Sinne wieder schließt.

Foto: Wiener Börse / foto-agent.at

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Droht eine Immo-Blase?

Quer durch Europa gab es zuletzt massive Preisanstiege. Droht eine Blase?

Michael Kordovsky. Seit der Zinsdelle 2016 steigen die Wohnimmobilienpreise im Euroraum mit einem kontinuierlichen Tempo von gut 4 % p.a. Zusätzliche Beschleunigung folgte in der Corona-Krise 2020. Von jeweils 4,9 % im 2. und 3. Quartal stieg der Preisauftrieb für Wohnimmobilien aller Art im Euroraum im vierten Quartal auf 5,4 %. In der EU lag der Hauspreisanstieg sogar bei 5,7 % auf Jahresbasis, verglichen mit 5,3 % im Vorquartal.

Alle EU-Länder zeigten zuletzt Preisanstiege. Am stärksten waren sie in Luxemburg (+16,7 %), Dänemark (9,8 %) und Litauen (9,4 %), gefolgt von Polen und Tschechien mit je 8,9 %, während Irland mit 0,6 % relativ bescheiden abschneidet, ähnlich wie Italien mit 1,6 % sowie Malta und Spanien mit jeweils 1,7 %.

Italien und Spanien haben eines gemeinsam, nämlich eine hohe Arbeitslosigkeit von jeweils 10,2 bzw. 16,1 % im Feber verglichen mit 7,5 % im EU-Durchschnitt. In Tschechien und Polen liegt die Arbeitslosigkeit hingegen nur bei 3,2 bzw. 3,1 %, während sie in Luxemburg und Dänemark bei 6,7 bzw. 6,1 % lag. Unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit stärkt die Kaufkraft und umgekehrt.

Doch die allgemeinen Treiber sind niedrige Zinsen in Kombination mit einer massiven Ausweitung der Geldmenge sowie individuelle Sonderfaktoren diverser Märkte. Fakt ist, dass sich durch die Corona-Krise Bauprojekte verzögerten, was in manchen Gegenden die Wohnungsknappheit noch zusätzlich erhöhte. Doch die Euro-Geldmenge ist länderüberschreitend quantitativ greifbar. Das jährliche Wachstum der Geldmenge M3 lag im Feber bei 12,2 und März 2021 bei 10,1 %. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass laut dem von der OeNB veröffentlichten Wohnimmobilienpreisindex im ersten Quartal 2021 die Wohnimmobilienpreise bundesweit auf Jahresbasis um 12,3 % stiegen, wobei sich der Boom mehr in den Speckgürtel von Großstädten bzw. weiter in die Provinz verlagert. Außerhalb Wiens stiegen die Wohnimmobilienpreise um 14 % und jene für neue Wohnungen um 16,7 %. Einfamilienhäuser verteuerten sich hier um 12,9 %, da mit dem Homeoffice-Trend der Bedarf nach Wohnen im Grünen gestiegen ist. Gleichzeitig gibt es einen Nachfragetrend hin zu Drei- und Vierzimmerwohnungen.

Erste Überhitzungstendenzen?
Mittlerweile setzen „Schrottimmobilien“ im Niemandsland zu exorbitanten Preissprüngen an, was unter normalen Zinsbedingungen ebenso ein Überhitzungssignal wäre wie beispielsweise magere Mietrenditen von 1,9 bis maximal 3,9 % in Wien. Im ersten Bezirk liegen die Wohnungsmietrenditen sogar nur noch bei 1 % und darunter.

Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) schreibt in „Immobilien aktuell (Q1/2021)“: „Der Fundamentalpreisindikator der OeNB für Wohnimmobilien für Österreich verzeichnet im vierten Quartal 2020 aufgrund des starken Preisauftriebs einen weiteren Anstieg. Mit 18,6 % lag der Indikator um 2,7 %-Punkte über dem Wert des Vorquartals. Für Wien betrug der Wert 24,1 %, womit der Wert gegenüber dem Vorquartal konstant blieb. Die im Fundamentalpreisindikator enthaltenen Faktoren zeigen eine niedrigere Preisentwicklung als die tatsächliche an, was auf eine zunehmende Überhitzung des Wohnimmobilienmarktes hindeutet.“

Das ist eine starke Abweichung gegenüber den langjährigen Durchschnittswerten seit 1989. Zu den Faktoren zählen reale Immo-Preise, Leistbarkeit, Preise zu Mieten, Preise zu Baukosten, Wohnbauinvestitionen zum BIP und das Zinsrisiko. Vor allem haben sich die Immobilien-Preise zuletzt von den Inflationsraten und Baukosten abgesetzt. Quer durch die EU stieg das Verhältnis zwischen den Preisen von Wohnimmobilien und Einkommen. Die Immobilienpreise haben sich von den Einkommenssteigerungen abgekoppelt. Nimmt man das Verhältnis von Immobilien-Preisen zu Einkommen (Quellen sind OECD und OeNB), so stieg der betreffende Index von 2016 bis zum dritten Quartal 2020 in Österreich von 105,5 auf 123,4 Punkte und in Portugal sogar von 103,1 auf 126,6 Punkte. Starke Anstiege gab es auch noch in den Niederlanden (von 102,5 auf 124,5 Punkte), Lettland, Ungarn und Luxemburg.

Doch auch die Zinsen purzelten und die niedrigen Kreditraten steuerten der Preisteuerung insofern entgegen, weil auf der Kreditseite die Leistbarkeit wieder gestiegen ist. Somit kann noch nicht pauschal von einer Immobilienblase gesprochen werden. Auch sind nach wie vor, insbesondere bei Wohnungskäufen in Österreich, solide Eigenmittelquoten im Spiel.

Foto: AdobeStock / Aamon

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Kaum Abschläge für Brau-Aktien

Bremsspuren in den Bilanzen stehen hohe Bewertungen gegenüber.

Roman Steinbauer. Der Konsum des „kühlen Blonden“ sollte nach breiten Öffnungsschritten in der westlichen Welt auf ein Vorkrisenniveau zustreben. Das Verweilen im Freien und der nahende Sommer deuten auf ein Absatzvolumen wie in unbeschwerten Zeiten. Die europäische Brauvereinigung „Brewers of Europe“ lieferte für 2019 noch folgende Zahlen: 11.048 Brauereien stellten mit 134.000 Mitarbeitern auf dem Alten Kontinent jährlich 402 Mio hl Gerstensaft her. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gaben deutsche Hersteller im Corona-Vorjahr 5,5 % weniger Volumen ab (Reduktion um 508 Mio Liter) – der niedrigste Ausstoß seit 1993. Der Deutsche Brauereiverband ermittelte nach einer Branchenumfrage einen Umsatzverlust von 23 %.

Erwartungen, im Vorfeld einer Erholung des Bierkonsums Aktien der (an sich soliden) Hopfen- und Malzbranche noch mit Abschlägen ergattern zu können, erfüllen sich aber kaum. Ein Blick auf die Kurscharts der Bierriesen zeigt die Realität auf: Am attraktivsten erscheint Anheuser Busch InBev (164.000 Mitarbeiter, ISIN: US03524A108, unter anderem Budweiser, Corona, Stella, Artois, Becks). Der globale Produktionsführer bietet eine noch halbierte Kursnotiz zum Spitzenwert 2015. Der Umsatz knickte 2020 um 10 % ein, das EBIT rutschte auf -85 Mio Euro. In Brüssel wurde die Dividende um 60 % auf 0,44 Euro herabgesetzt, die tiefste Ausschüttung bisher. Die Rendite liegt für 2020 damit bei 0,63 %, aber mit guter Aussicht auf Zuwachs.

Stützende Liquidität
Der Kurs der dänischen Carlsberg (DK0010181759; Marken wie Kronenbourg, Ringnes, Holsten, Baltika, Tuborg) überstand die Krise, als wäre das Feiern nie unterbrochen worden. Daran ist erkennbar, wie die durch Liquidität getriebene Aktienhausse derzeit wirtschaftliche Gegebenheiten ignoriert. Das Papier erklomm einen Höchststand, stieg seit zwölf Monaten um 35 % – obwohl sich der Umsatz um 11 % dezimierte und die Dividende um 71 % auf 4,76 Euro/Aktie gekappt wurde.

Noch massiver kamen die Zahlen der Nummer zwei, Heineken (NL0000009165), unter die Räder: Die Niederländer reduzierten die Dividende um 58 % auf 0,70 Euro/Aktie. Die Umsätze brachen um 18 % ein, es wurde erstmals ein negatives Ergebnis (-0,35 Euro/Aktie) erwirtschaftet. Konsequenzen für die Aktiennotiz von Heineken? Nein! Der Titel steuert auf den Rekordwert von 104 Euro zu. Valoren des

japanischen Brauriesen Asahi Group (JP3116000005) befinden sich ebenso nur noch 10 % unter dem Top. Die Japaner erlaubten sich die Ausschüttung um 6 % auf 0,80 E zu erhöhen, obwohl der Umsatz um 4 % abglitt und das Ergebnis/Aktie um 32 % einknickte. Das KGV liegt aktuell bei 21, die Dividenden-Rendite bei 2,5 %.

Foto: Pixabay / Frame-It

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Warum Investoren Inflation nicht fürchten, sondern sich darauf vorbereiten sollen

Von Brad Slingerlend, Mitbegründer von NZS Capital und Investor aus Denver, USA. Jupiter Asset Management ist strategischer Partner von NZS Capital.

(17.05.) Investoren sollten sich weniger damit beschäftigen, Marktprognosen zur Inflation anzustellen, sondern mehr darüber nachdenken, welche Auswirkungen unterschiedliche Szenarien auf sie hätten.

Jeder, der die Finanzmärkte verfolgt, hat mit Sicherheit die wachsenden Ängste und Sorgen im Zusammenhang mit Inflation mitbekommen. Aktuell wurden diese durch mehrere Konjunktur- und Liquiditätspakete von Regierungen und Zentralbanken weltweit – mit dem Ziel der Bewältigung der pandemiebedingten wirtschaftlichen Folgewirkungen – neu angeheizt.

In den USA zum Beispiel trugen die jüngsten Bedenken über das 1,9 Billionen Dollar schwere Corona-Hilfspaket und das geplante Infrastrukturpaket im Wert von 2 Billionen Dollar von Präsident Joe Biden dazu bei, dass die sogenannte 10-Jahres-Breakeven-Inflationsrate das von der Federal Reserve vorgesehene Inflationsziel von 2 Prozent um etwa 30 Basispunkte überschritten hat. Dabei handelt es sich um einen weit verbreiteten Indikator für Inflationserwartungen.

Wechselspiel zwischen Aufwärts- und Abwärtsdruck
Kurzfristige Inflationsschübe sind häufig eine Folge von Verknappung – Halbleiter-Engpässe verursachen zum Beispiel einen Preisanstieg bei Grafikkarten. Langfristig gesehen ist Inflation jedoch ein Wechselspiel zwischen dem Aufwärtsdruck durch Bevölkerungswachstum und Schuldenzuwachs sowie dem Abwärtsdruck durch Effizienzsteigerungen und die daraus resultierenden niedrigeren Produktionskosten.

Auch wenn die globale Gesamtverschuldung weiter ansteigt – allein im letzten Jahr kletterte diese nach Daten des Institute of International Finance um 24 Billionen US-Dollar auf einen Rekordwert von insgesamt 281 Billionen – hat sich das weltweite Bevölkerungswachstum in den letzten 60 Jahren halbiert und liegt aktuell bei knapp über einem Prozent, während die Bevölkerung der USA ohne Zuwanderung sogar schrumpfen würde.

Im gleichen Zeitraum hat sich der technologische Fortschritt exponentiell beschleunigt, was mit einem Multiplikatoreffekt in puncto Produktivität einherging. Schon ein einziges Nvidia A100-Grafiksystem im Wert von 100.000 US-Dollar kann einen Durchbruch bedeuten, wenn dessen täglicher Mehrwert die Kosten um ein Vielfaches übersteigt. Das gesamte, in der Cloud liegende Potential ist noch weitaus größer.

Zinssätzen von nahezu null Prozent und Anlagenkäufen durch Zentralbanken, die zu einer Phase erheblichen Schuldenanstiegs geführt haben, steht somit eine viel bedeutendere Phase des immer schneller werdenden technologischen Fortschritts gegenüber.

Warum sind die Märkte so überzeugt davon, dass wir vor einem enormen Inflationsschub stehen? Vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass die Konjunkturpakete nicht für neues Wachstum verantwortlich waren, sondern die wirtschaftliche Aktivität ersetzten, die in den schlimmsten Phasen der Pandemie zum Stillstand kam.

Wird der inflationäre Druck durch technologischen Fortschritt ausgeglichen?
Ist es denn keine logische Schlussfolgerung, dass der durch die höhere Verschuldung bedingte inflationäre Druck durch das deflationäre Potential des sich verlangsamenden Bevölkerungswachstums und des schnelleren technologischen Fortschritts ausgeglichen oder sogar ganz aufgehoben wird? Zumal sich der technologische Fortschritt im beginnenden Zeitalter der künstlichen Intelligenz noch weiter beschleunigen könnte.

Ich würde diese Frage mit „möglicherweise, aber vielleicht auch nicht“ beantworten. Das liegt daran, dass dieses außerordentlich komplexe Weltwirtschaftssystem durch zahllose weitere Variablen beeinflusst wird, und schon auf kleinste Veränderungen und Inputs auf unterschiedlichste Art reagiert. Aufgrund dieser Sensitivität ist es sehr schwierig, eine präzise Vorhersage über die zukünftige Inflation zu treffen.

Die einzig mögliche, annähernd präzise Prognose ist die, dass es von Zeit zu Zeit Phasen kurzfristiger inflationärer Schocks geben wird. Wie bedeutend diese sind, wann sie eintreten und wie lange sie andauern, lässt sich jedoch nicht genau sagen.

Das bestätigt einmal mehr eine alte Weisheit: Man kann vorhersagen, dass etwas passieren wird, oder man kann den Zeitpunkt dieses möglichen Ereignisses vorhersagen, aber niemals beides. Indem man Überlegungen anstellt, welchen Verlauf unterschiedliche Prognosen in einem komplexen, adaptiven System wie dem der Weltwirtschaft nehmen könnten, kann man sich selbst optimal positionieren, um vom Wachstum zu profitieren, aber auch die schlimmsten unausweichlichen Wirtschaftsabschwünge zu vermeiden.

Menschen tendieren dazu, optimistisch zu sein. Das ist zunächst eine gute Eigenschaft, die aber gleichzeitig die Gefahr birgt, Risiken zu unterschätzen und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass „Fat Tail Events“ (negative Ausreißer außerhalb der Normalverteilung) unsere Pläne durchkreuzen. Solche sogenannten „Black Swan Events“ treten häufiger auf als man denkt.

Dennoch ist es möglich, so zu investieren, dass das Gesamtrisiko minimiert und die Chancen optimiert werden: indem Portfolios konstruiert werden, die zu einem wesentlichen Teil auf größeren Positionen in robusten, für die Disruption gewappneten Unternehmen aufbauen. Ausgleichend sollten zu einem kleineren Teil auch Anteile von Unternehmen gehalten werden, die das Potential haben, sich eines Tages zu widerstandsfähigen Disruptoren zu entwickeln.

Die digitale Transformation der Weltwirtschaft beschleunigt sich. Um von diesem Phänomen zu profitieren, dürfen Investoren nicht in der Denkweise des Industriezeitalters des 20. Jahrhunderts verharren. Anstatt sich zu viele Sorgen über die Inflationsrate zu machen, sollte der langfristige Blick des Investors auf anpassungsfähige Unternehmen mit robustem oder disruptivem Charakter gerichtet sein. Denn aufgrund dieser Eigenschaften können diese von solchen Schwankungen profitieren.

Foto: NSZ Capital

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Coface erwartet keine Insolvenzwelle

Der Kreditversicherer verweist auf Korrelation zwischen Durchimpfungsrate und Konjunktursensibilität.

Tibor Pásztory. Der Kreditversicherer Coface veröffentlicht vierteljährlich einen Risiko-Barometer, in dem Länderrisken eingeschätzt werden. Der Anstieg des globalen Bruttoinlandsprodukts soll demzufolge heuer bei 5,1 % statt den ursprünglich prognostizierten

4,5 % liegen. Verantwortlich für diese positive Prognose zeigen sich jedoch in erster Linie Schwellenländer, während viele große Volkswirtschaften in Europa mit einer BIP-Schrumpfung in das heurige Jahr gestartet sind.

Die Konjunkturprognosen für die einzelnen Volkswirtschaften zeigen höchst unterschiedliche Werte. Ein Trend erweist sich allerdings als einheitlich: wer schneller impft, verringert sein konjunkturelles Risiko erheblich, da dadurch das Risiko weiterer Lockdowns sinkt. Dies untermauern die Staaten Israel, Chile, Großbritannien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, die schneller und bislang weitreichender geimpft haben als andere Länder. Langsamere Staaten wie Frankreich, Spanien oder Italien müssen hingegen ihre Konjunkturprognosen reduzieren.

Als sehr unterschiedlich erweisen sich auch die Konjunkturprognosen innerhalb einzelner Branchen. Weltweit untersuchte Coface dabei 35 Branchen in 20 Ländern. Nicht ganz überraschend habe sich demzufolge die Situation der Pharmabranche erhellt, in die momentan viele Investoren bevorzugt investieren. Zuvor hatte diese ihrer „Corona-Konjunktur“ zum Trotz ebenso an Rohstoffknappheit gelitten wie viele andere Branchen auch.

Ebenso wenig überraschend positiv entwickelt sich auch die Papierindustrie, seit Papier nicht nur benützt wird, um es zu bedrucken oder Wurstsemmeln darin einzuwickeln, sondern auch um Masken daraus zu produzieren. Und dass das Verpackungs- und Kartonagengeschäft boomt, darf ebenso getrost auf den der Corona-Pandemie folgenden E-Commerce-Boom zurückgeführt werden.

Auch die Metallbranche profitiert derzeit von einer Belebung des Maschinenbaus wie auch des Automobilmarktes, die beide Nachholeffekte vorweisen können. Trotzdem blieben diese für Coface-Volkswirtin Christine von Berg Sorgenkinder. Sie hätten sich nämlich bereits vor der Pandemie in einer Rezession befunden.

Insolvenzwelle sieht der Kreditversicherer keine auf die Konjunktur zukommen, sogenannte „Zombie-Firmen“ ausgenommen. Dies werde sich auch nach Beendigung des Schutzschirmes zum 1. Juli nicht ändern, wenn das Motto wieder „Zurück zum Markt“ lauten wird. Dass künftig deutlich mehr auf eine sichere Erhaltung der Lieferketten geachtet werden muss, habe nicht alleine die Pandemie, sondern auch die tagelange Blockade des Suezkanals gezeigt.

Foto: Pixabay / paulbr75

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

TUI bleibt etwas für Abenteuerlustige

Der Tourismuskonzern erwartet stark anziehende Reisebuchungen für den Sommer.

Stefan Riedel, München. Folgt man dem Optimismus des TUI (ISIN: DE000TUAG000)-Managements bei der Präsentation der Halbjahreszahlen, ist dieses Jahr alles angerichtet für die Rückkehr der großen Touristenströme. Die Covid-19-Fallzahlen sinken kontinuierlich, der digitale Corona-Pass („Grüne Pass“) soll in diesem Sommer touristische Reisen innerhalb Europas erleichtern und vergangenen Samstag wurde die Tourismussaison in Griechenland offiziell eröffnet. Notwendig für die Einreise in den Sonnenstaat in der Ägäis ist nur ein negativer PCR-Test, der nicht älter als drei Tage ist, oder der Nachweis der vollständigen Impfung.

Für TUI-Finanzchef Sebastian Ebel ist dieser Schritt ein „weiterer Meilenstein“, nachdem der Tourismuskonzern aus Hannover bereits für die Balearen und die Algarve wieder schrittweise Flüge angeboten und Hotels geöffnet hatte. Der MDAX-Konzern erwartet eine sonnige Tourismussaison 2021. 70 % der Befragten, so Ebel, wollten wieder verreisen und die Onlinebuchungen sind im ersten Halbjahr bereits um 56 % gestiegen. „Wir stehen jetzt am Anfang des erwarteten Neustarts“, ist Vorstandschef Fritz Joussen überzeugt.

Im Geschäftsjahr 2019/20 hatte TUI einen Konzernverlust von fast 3,2 Mrd Euro eingefahren, bei einem Umsatz, der um 60 % auf etwas mehr als 7,9 Mrd Euro eingebrochen war. Die jüngsten Geschäftszahlen lassen die Frage offen, ob sich TUI nach diesem Horrorjahr schon auf dem Weg zum Turnaround befindet. Knapp 1,48 Mrd Euro Konzernverlust und damit 70 % mehr als im Vorjahr verbuchte TUI im traditionell schwachen Winterhalbjahr des am 30. September endenden Geschäftsjahres 2020/21. Der Umsatz brach um fast 90 % auf 716 Mio Euro ein. Einen konkreten Ausblick für das Gesamtjahr 2020/21 gab es angesichts der noch herrschenden Ungewissheit über das Ende der Corona-Pandemie nicht.

Ein Problem bleibt der hohe Schuldenberg. Die Nettoverschuldung lag zuletzt bei 6,8 Mrd Euro.

Allerdings hat sich der monatliche Mittelabfluss im zweiten Quartal bei 300 Mio Euro eingependelt. Mit einer Wandelanleihe in Höhe von 400 Mio Euro hat TUI im April seine Kapitalstruktur im April erneut gestützt. Die liquiden Reserven von zuletzt 4,8 Mrd Euro decken die Kapitalkosten von 2 Mrd Euro ab. Die Rückkehr in die Gewinnzone ist frühestens 2021/22 zu erwarten.

Abenteuerreise
Noch weniger abschätzen lässt sich, wann die Reiselust der Menschen den Konzernumsatz wieder auf die 18,9 Mrd Euro des Vor-Corona-Niveaus von 2018/19 schiebt. Um die Anleger zu überzeugen, muss TUI also noch viel tun. Keiner der elf Analysten, die TUI covern, empfiehlt die Aktie bereits zum Kauf. Wer sich TUI ins Depot legt, muss jedenfalls eine große Abenteuerlust mitbringen und nicht das Risiko eines erneuten Kurseinbruchs scheuen, für den Fall, dass auf die Aufbruchstimmung von TUI ein erneut enttäuschender Reisesommer folgt.

Foto: Pixabay / langll

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Heiß begehrter Schienentransport

Der Übernahmepoker unter Nordamerikas Railway-Gesellschaften ist in vollem Gange.

Roman Steinbauer. Das Schienenfrachtgeschäft läuft auf vollen Touren. Für interessierte Anleger ist dabei ein Blick auf den amerikanischen Kontinent unabdingbar. Nur an dortigen Börsen ist es Kleinaktionären möglich, über den Transport der Rohstoffe und Industriegüter Gewinne zu lukrieren. Die Aktien einzelner Vertreter performten teils überproportional. Liegt der allgemeine iShares Transportation Average ETF (ISIN: US4642871929) heute schon 37 % höher als zu Jahresbeginn 2020, übertrafen einzelne Titel der Branche diese Werte noch eindrucksvoll.

Durch alle Klimazonen
Der Übernahmekampf um die US-Railway-Holding Kansas City Southern (US4851703029) spitzt sich unterdessen zu. Seit Jahresbeginn zogen die Dividendenpapiere des Schienenbetreibers um 55 % an.

Nachdem der Güterverkehrsriese Canadian Pacific Railway (CA13645T1003) aus Calgary mit einer Übernahmeofferte von 24 Mrd Euro ins Rennen stieg, übertrumpfte Canadian National Railway (CN, CA1363751027) mit 28 Mrd Euro und umgerechnet 270 Euro/Aktie dieses Angebot nun gehörig. Kansas City Southern operiert von zentral gelegenen Bundesstaaten wie Alabama, Louisiana, Mississippi und Texas bis zu den Industriestädten Mexikos. CN wiederum befördert Güter auf einer Streckenlänge von 32.000 km von Vancouver bis Halifax und dem Golf von Mexiko zu drei Küstenregionen. Die Verschmelzung würde erstmals einen Schienentransportanbieter von British Columbia bis Mexiko entstehen lassen. Aktien der Norfolk Southern (US6558441084, Schienennetz von 31.400 km im Osten und Mittelwesten der USA) zogen binnen zwölf Monaten um 70 % an. Papiere der weit umsatzstärkeren (16,2 Mrd Euro/Jahr) Union Pacific aus Omaha (US9078181081) erklommen in diesen Zeitraum ein um 40 % höheres Niveau.

Nachrollend und abgehängt
Titel der CSX Corporation (US1264081035) aus Florida sind mit einem KGV von 28 günstiger bewertet und legten seit Jahresfrist um „magere“ 15 % zu. Vollkommen konträr erging es Aktionären der australischen Aurizon Holdings (AU00000 0AZJ1). Die Papiere der Gesellschaft aus Fortitude Valley (Transporte von den Erzminen in Newlands, Goonyella, Blackwater, Moura, West Moreton zu den Häfen) stehen 20 % tiefer als vor einem Jahr. Dies, obwohl die Geschäfte „nur“ stagnierten. Allerdings wirken Verbindlichkeiten von 3,52 Mrd Euro belastend. Weit vom Top des Jahres 2014 sind (trotz des jüngsten Anstiegs) Valoren des Anbieters von Güterwaggons, Greenbrier (US393657 1013), entfernt. Der Umsatz- und Gewinneinschnitt um (7 bzw. 30 %) bremste.

Foto: Pixabay / Tama66

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die USA bleibt der Motor für den Rest der Welt

Ein Marktkommentar von Nathan Sheets, Chefvolkswirt und Head of Global Macroeconomic Research bei PGIM Fixed Income.

(11.05.) Die wichtigsten politischen Entscheidungsträger der USA konzentrieren sich auf den Arbeitsmarkt. Es gibt über acht Millionen Arbeitnehmer, die vor der Pandemie beschäftigt waren, aber derzeit noch arbeitslos sind. Der Fokus liegt also auch darauf, wie diese Arbeiter wieder in Beschäftigung gebracht werden können.

Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, nicht nur wegen des enormen fiskalischen Stimulus, sondern auch wegen des sehr schnellen US-Wachstums, bedeutet unweigerlich, dass die USA so etwas wie ein Motor für den Rest der Welt sein werden, um die globale Erholung zu durchlaufen. Wir haben das bereits in den letzten Quartalen gesehen, in denen die US-Importe viel stärker gestiegen sind als die US-Exporte. Eine starke US-Wirtschaft ist im Großen und Ganzen günstig und positiv für den Rest der Welt. Dabei werden Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien eine der am schnellsten wachsenden Jobkategorien sein.

Wenn das Konjunkturpaket umgesetzt wird und die von der US-Regierung gewünschten Effekte eintreten, werden wir einen Trend und ein Produktivitätswachstum von vielleicht einem Prozentpunkt oder vielleicht etwas weniger sehen. Das klingt nach einer kleinen Zahl, aber wenn man das über mehrere Jahrzehnte akkumuliert, könnten die Unterschiede in Bezug auf die Lebensqualität ganz erheblich sein. Das kann auf lange Sicht zu einem besseren Lebensstandard führen, wenn diese Initiativen erfolgreich sind.

Die entscheidenden Fragen drehen sich jetzt um das Jahr 2022. Wie stark wird das Wachstum nachlassen? Was passiert mit der Inflation und wie reagiert die Fed. Es gibt eine Menge Unsicherheit darüber, wo 2022 angesiedelt sein wird.

Foto: PGIM

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Alternative Energie: Bust oder Boom?

Wasserstoff-Aktien sind hoch geflogen und tief gefallen.

Harald Kolerus. Titel aus dem Bereich Wasserstoff haben eine bemerkenswerte Kurshistorie hinter sich. Das veranschaulicht sehr eindrucksvoll das Strategiezertifikat auf den „Solactive Hydrogen Top Selection Index“ (ISIN: DE000VP2HYD0) von Vontobel. Dieses ist von April 2020 bis vergangenen Feber von rund 100 auf knapp 300 Euro in die Höhe geschossen: ein Plus von 200 %. Dann fiel das Zertifikat aber in den Bereich von 200 Euro zurück. Der zugrundeliegende Index umfasst 15 Unternehmen, die im Bereich Wasserstoff aktiv sind (z. B. Plug Power, FuellCell, Ballard Power) und spiegelt somit gut die Marktentwicklung wider. Seit Auflegung im April letzten Jahres hat das Produkt trotz der heurigen Verluste noch immer eine sehr schöne Performance von ca. 110 % erzielt. Plug Power konnte im Vorjahr sogar ein Plus von 885 % einheimsen – um dann in die Tiefe zu rutschen. Dennoch ist der Kurs auf Sicht eines Jahres um rund 380 % gestiegen!

Starker „grüner Trend“
Was spricht angesichts dieser atemberaubenden Berg- und Talfahrten für Wasserstoff? Hier ist es wichtig, die Langfristperspektive ins Auge zu fassen. Clemens Klein, ESG-Experte bei der Erste Asset Management, meint im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Was macht Wasserstoff interessant? Sicherlich der Umweltaspekt, denn es herrscht weltweit ein breites politisches Verständnis, dass der CO2-Ausstoß massiv reduziert werden muss, um die Klimaziele zu erreichen.“

Als Hemmschuh bezeichnet der Experte die noch fehlende Markteffizienz von grünem Wasserstoff, sprich: Er ist vergleichsweise teuer. So kostet die Herstellung des unökologischen grauen Wasserstoffs rund 1 USD/Kilo; bei der umweltfreundlichen Variante des grünen Wasserstoffs kann das aber schon auf rund 5 bis 6 USD kommen. Klein erinnert die Situation an die Lage bei Solarenergie vor etwa zehn Jahren: „Die Produktionskosten sind seither um die 80 % zurückgegangen, heute bietet Sonnenkraft in vielen Regionen bereits die billigste Form der Energiegewinnung. Ähnlich sollte die Entwicklung bei grünem Wasserstoff erfolgen, Studien gehen von einer Kostenreduktion um 60 bis 70 % bis 2030 aus.“

„Hoffnungsträger Wasserstoff“
Philipp Arnold
, Head of Structured Products Sales der Raiffeisen Centrobank (RCB), meint zum Thema auf Anfrage des Börsen-Kurier: „Das Interesse am Energieträger Wasserstoff und die damit verbundenen Chancen sind ungebrochen. Wasserstoff ist nicht nur ein kurzfristiges Thema, sondern ein langfristiger Klima-Megatrend – mit dem Potenzial, einen wesentlichen Beitrag zur Herbeiführung der Energiewende zu leisten. Grüner Wasserstoff ist damit ein Hoffnungsträger im Klimawandel. Der Korrektur zu Jahresanfang gingen stark steigende Aktienkurse im Vorjahr voraus. Aktuell findet der Klimaschutz – vor allem auch politisch – breite Zustimmung aller wichtigen Länder für deutlich weniger Treibhausgase und lässt die Anleger bei ‚grünen Aktien‘ wie-der zugreifen.“

Trotz des positiven Trends sind laut dem Experten weitere Korrekturen natürlich nie auszuschließen und auch beim Wasserstoff-Investment dürfen die Risiken nicht vergessen werden. „Jedoch können gerade Bonus-Zertifikate das Timing-Risiko deutlich begrenzen“, so Arnold.

Breiter streuen
Von der RCB gibt es dazu das „Bonus-&-Wachstum-Zertifikat“ (AT0000A2QS86) auf den breit gestreuten Aktienindex, „Solactive Hydrogen EUR 3.5%“. Dieser Index bildet die Kursentwicklung von 30 Unternehmen ab, deren Geschäftstätigkeit ganz oder teil-weise auf Wasserstoff ausgerichtet ist. Das Zertifikat, das auch mit einem Absicherungsmechanismus ausgestattet ist, liegt bis 26. Mai zur Zeichnung auf. Die Laufzeit beträgt fünf Jahre.

Das erwähnte Openend-Zertifikat von Vontobel sorgt ebenso für breite Streuung wie das Zertifikat von Morgan Stanley (DE000MC 2G7Q8) auf den E-Mobilität Wasserstoff-Index von Solactive.

Hansainvest bietet mit dem „GG Wasserstoff“ (DE000A2QDR59) eine Fondslösung an; der L&G „Hydrogen Economy UCITS ETF“ (IE00BMYDM794) ist der erste Wasserstoff-ETF in Europa.

Foto: AdobeStock / Studio East

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Eigenkapitalstärkende Maßnahmen gefordert

Von KÖSt-Senkung bis KESt-Befreiung für Langfrist-Aktionäre reichen die Vorschläge.

Manfred Kainz. Es klingt ungewöhnlich optimistisch in diesen Tagen. Wir erleben den „global größten Wirtschaftsaufschwung mit 6,6 % Weltwirtschaftswachstum. Wir sind in einer Hochkonjunktur“, formuliert es der Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV) Christian Helmenstein (im Bild links; Aufnahme vor Corona, Anm.). Das müsse Österreich nützen. Und nicht nur das Vor-Coronakrisen-Niveau anstreben, sondern uns „an die Spitze des Konjunkturaufschwungs setzen“. Das brauche eine Industriepolitik, die von den jetzigen strukturkonservierenden Maßnahmen zu strukturmodernisierenden Maßnahmen komme. Dazu zähle ganz zentral Eigenkapitalstärkung.

Partner Kapitalmarkt
Industriellen-Generalsekretär Christoph Neumayer (am Foto rechts) bestätigte auf die Frage des Börsen-Kurier die wichtige Rolle, die die Wiener Börse (in dessen Aufsichtsrat ja auch Vertreter aus der Industrie sitzen und sogar den Vorsitzenden stellen) und der heimische Kapitalmarkt spielen können und sollen: Ein starker Kapitalmarkt sei ein „zentrales Element des Wiederaufschwungs“, so Neumayer. Um ihn zu stärken, schlägt die IV unter anderem die Wiedereinführung einer z. B. zwölfmonatigen Behaltefrist für Aktieninvestitionen vor, ab der dann das Aktienengagement KESt-befreit ist. Weiters brauche es eine Stärkung der kapitalmarktunterlegten Pensionsvorsorge. „Die Wiener Börse ist jedenfalls ein ganz wichtiger Partner in unserem Szenario und unserer Strategie“, um über das Vor-Krisen-Niveau hinaus zu wachsen und zu den Weltmarktführern USA und China aufzuschließen.

Investitionen ankurbeln
„Für das IV-Programm ‚Industriestandort 2025+‘ ist generell ein investitionsfreundliches Klima notwendig“, so der Präsident der Industriellenvereinigung Georg Knill. Dazu schlägt er konkret die Wieder-Einführung eines Investitionsfreibetrags als steuerlichen Anreiz vor, der für ökologisch sinnvolle Investitionen weiter erhöht werden könnte. Als Eigenkapitalquoten-stärkende Maßnahmen plädiert er einerseits für die Senkung der Körperschaftsteuer von aktuell 25 auf 21 %, wie es im Regierungsprogramm ja angekündigt war. Das würde starkes Investitionswachstum generieren, die Eigenkapitalbasis verbessern und somit auch die Bonität, was wiederum die Unternehmensfinanzierung erleichtere.

Andererseits fordert IV-Präsident Knill die steuerliche Gleichstellung von Eigenkapital mit Fremdkapital, also dass man auch Eigenkapitalaufwendungen als Betriebsausgaben in Abzug bringen kann.

Volumina
Dringend angebracht wäre weiters eine Senkung der Lohnnebenkosten in Richtung deutsches Niveau. Das dortige liegt mehr als 4 %-Punkte niedriger als das österreichische. Es gebe „Entlastungspotenzial“ bei der Unfallversicherung (die Unfälle sind seit 1990 um mehr als 40 % zurückgegangen, aber die Beiträge nicht) und im FLAF (Familienlastenausgleichsfonds).

Insgesamt wäre eine Senkung der Abgabenbelastung auf 40 % sinnvoll und durchaus machbar. Das sinnvolle Krisen-Gegensteuerinstrument Investitionsprämie wurde von ursprünglich 1 auf 5 Mrd Euro ausgeweitet und schaffe ein – vorgezogenes – Investitionsvolumen von mehr als 55 Mrd Euro, ist die Industrie stolz. „Wenn wir den Aufschwung perpetuieren, kann es dreistellig werden“, ergänzt Helmenstein.

Foto: IV

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Einlagensicherung Austria: Raiffeisen bereitet Ausstieg vor

Demnächst wird es in Österreich drei statt zwei Einlagensicherungssysteme geben.

Julia Kistner. „Wir sind mitten in der finalen Abstimmung und werden alle Details kommunizieren, sobald der gesamte Prozess abgeschlossen ist“, hält sich die Raiffeisen-Banken-Gruppe auf Anfrage des Börsen-Kurier noch bedeckt. Fakt ist, dass die Giebelkreuzler in Kürze wieder ein institutseigenes Einlagensicherungssystem einrichten, ähnlich wie die Sparkassen ihre Einlagen über die Sparkassen-Haftungs GmBH absichern. Die anderen 450 Finanzgesellschaften bleiben in der Einlagensicherung Austria GmbH (ESA).

Für den Ausstieg dürfte die Raiffeisen schon das grüne Signal von der FMA und der EZB bekommen haben. So wie die Raiffeisen-Gruppe würden auch die Volksbanken gerne wieder aus der ESA ausscheren und ihre eigenes Einlagensicherungssystem aufbauen. Dafür fehlt den Volksbanken aber die dafür vorgeschriebene Geschäftsgröße von mindestens 15 % aller gesicherten Einlagen.

Keine Auswirkungen auf Sparer
„Für die Sparerinnen und Sparer ändert sich hinsichtlich der Sicherheit ihrer Einlagen nichts. Ob es zwei oder drei Systeme gibt, spielt da keine Rolle“, betont Franz Rudorfer, Geschäftsführer der Banken und Versicherungen und ESA-Aufsichtsratspräsident. Weiterhin sind bis zu 100.000 Euro pro Bank und Kunde gesichert und das sehr gut. Denn seit 1.1.2019 zahlen alle Institute mit österreichischer Banklizenz entsprechend der EU-Richtlinie 0,8 % ihrer gedeckten Einlagen in ein Sicherungssystem ein, das in Ernstfällen wie bei der Commerzialbank Mattersburg oder der Anglo Austrian Bank (Ex-Meinl-Bank) einspringt und die Sparer entschädigt. „Und auch wenn die jüngsten Insolvenzfälle einen Rückschlag für die Aufstockung der Einlagensicherungsgelder bedeuten, sind alle Institute verpflichtet, diese bis 2024 sukzessive höher zu dotieren und das tun sie auch“, sagt Rudorfer. So sollte die Einlagensicherung Austria, die mit 1.1.2019 von der Wirtschaftskammer Österreich zur Erfüllung der EU-Einlagensicherungsrichtlinie mit 500 Mio Euro „Startkapital“ gegründet wurde, bis 2024 mit 1,4 Mrd Euro voll dotiert sein. Diese Summe verringert sich jetzt um die Beiträge der insolventen Institute und jene des Raiffeisen-Sektors, der den Topf zu mehr als 40 % speiste. Aber selbst das macht nichts. Denn sollten nach weiteren Bankpleiten zu wenig Einlagensicherungsgelder vorhanden sein, sind die Institute verpflichtet, Sonderbeiträge in der Höhe von 0,5 % der gesicherten Einlagen nachzuschießen. Reicht auch das nicht aus, werden die übrigen Einlagensicherungssysteme zur Kasse gebeten. Aufgrund dieser Überlaufregelung müsste im zweiten Schritt wiederum das Raiffeisen-Sicherungssystem und der Haftungsfonds der Sparkassen die leeren Kassen der Einlagensicherung Austria füllen und umgekehrt. Die Finanzmarktaufsicht kann Banken auch jederzeit höhere Beiträge vorschreiben, um Einlagen zu sichern.

Womit seit 1.1.2019 definitiv Schluss ist, ist die Haftung des Staates für Spareinlagen. Der kann, aber muss im Falle des Supergaus den Kreditinstituten nicht mehr ein Darlehen geben. Dieser Fall ist aber unwahrscheinlich. Auch ist der Topf der Einlagensicherung Austria längst wieder gefüllt, nachdem sie im Vorjahr den Sparern der Commerzialbank Mattersburg 490 Mio Euro und jenen der ehemaligen Meinl Bank 70 Mio Euro auszahlen musste. Wie hoch die ESA derzeit genau dotiert ist, will Geschäftsführer Stefan Tacke nicht sagen, nur so viel: „Selbst nach den Auszahlungen ist genug Geld vorhanden. Sonderbeiträge der Institute waren und sind nicht notwendig.“

Es seien auch alle von den Insolvenzen betroffenen Einlagen in wenigen Tagen von der ESA ausbezahlt worden. „Bis auf überschaubare Summen, wo sich die Sparer noch nicht gemeldet haben“, ergänzt Franz Rudorfer, „auch wenn die Ansprüche nicht verjähren, empfehlen wir den Sparern, ihre bald geltend zu machen“.

Wenig Chancen für die Amtshaftungsklagen
Die Amtshaftungsklage der Einlagensicherung Austria gegen die Republik Österreich wegen Aufsichtsfehlern will Rudorfer nicht kommentieren. Sie wurde in erster Instanz abgewiesen. Eine Richterin beruft sich auf §3 des Finanzmarktaufsichtsbehördengesetzes, wonach die Aufsicht gegenüber den Anlegern für Schäden, die bei ihrer Vollziehung entstehen, nicht haftet. Dieser Ausschluss wurde 2008 beim Ausbruch der Finanzkrise einstimmig vom Nationalrat abgesegnet, da man nicht Verluste von Spekulanten sozialisieren wollte. Die Rechtmäßigkeit dieses Ausschluss-Paragraphen soll jetzt der Verfassungsgerichtshof prüfen. Der könnte noch im Sommer ein Machtwort sprechen. Die Branche rechnet aber nicht damit, dass der VFGH den Paragraphen kippen wird.

Was mit Sicherheit so schnell nicht kommen dürfte, ist ein gemeinsamer Europäischer Einlagensicherungstopf. Die Nord-Länder, darunter auch Österreich, fordern, dass hierfür die italienischen Banken erst ihre alten notleidenden Kredite abbauen müssten, was sie – um es noch freundlich zu formulieren – bisher verabsäumt haben.

Foto: AdobeStock / Sebastian Kaulitzki

 

 

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Mischung macht’s – auch bei grünen Investments

Von Rhys Petheram, Head of Environmental Solutions, und Jon Wallace, Fondsmanager, Environment and Sustainability bei Jupiter Asset Management.

(05.05.) Investoren legen immer größeren Wert auf eine aktive Positionierung zu Umweltthemen wie Klimawandel und Biodiversität. Die COVID-Pandemie hat diesen Trend weiter beschleunigt. Nach Angaben von Morningstar haben sich die Nettozuflüsse in nachhaltige Fonds, die europäischen Investoren zur Verfügung stehen, im vergangenen Jahr gegenüber 2019 fast verdoppelt. Das wirft die Frage auf, ob diese Anlageflüsse eine eigene Dynamik an den Kapitalmärkten anstoßen. Im E-Auto-Segment zum Beispiel erscheinen einige Aktien inzwischen sehr teuer.

Trotz der Höherbewertung von Umweltthemen gibt es unserer Ansicht nach immer noch unterbewerteten Chancen. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die Lösungen für die Kreislaufwirtschaft bereitstellen, zum Beispiel nachhaltige Materialien und Lösungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Einer der jüngsten Neuzugänge in unserem Aktienportfolio ist zum Beispiel ein Anbieter von Biomaterialien. Dagegen war unser Engagement im Bereich saubere Energie – wo wir viele Überbewertungen sehen – zuletzt auf dem niedrigsten Stand seit drei Jahren.

Biodiversität – das neue grüne Thema?
Aktuell steht das Klimathema erfreulicherweise sehr stark im Fokus der Öffentlichkeit. Schon in wenigen Jahren könnte das breitere Thema Biodiversität aber genauso viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Biodiversität steht im direkten Zusammenhang mit dem Klimawandel: Wälder sind Kohlenstoffspeicher und die Erderwärmung gefährdet viele Arten. Aber Biodiversität umfasst noch viel mehr: Sie ist von grundlegender Bedeutung für unsere Ernährung und andere ‚Ökosystem-Dienstleistungen‘ wie zum Beispiel die Entwicklung neuer Arzneimittel. Die Bilanzierungs- und Finanzinfrastruktur, die derzeit für das Klimathema geschaffen wird, könnte ebenso auf das Thema Biodiversität angewendet werden.

Wenig beachtete oder unterschätzte Anbieter von Umweltlösungen zu finden, war nie wichtiger als heute. Glücklicherweise ist das ökologische Anlageuniversum riesig. Wir suchen dabei – sowohl auf der Aktien- als auch der Anleiheseite – nach attraktiven Anlagemöglichkeiten in sieben großen Themenbereichen: 1. Kreislaufwirtschaft, 2. saubere Energie, 3. Wasser, 4. Mobilität, 5. Energieeffizienz, 6. nachhaltige Landwirtschaft, Ernährung und Gesundheit sowie 7. Umweltdienstleistungen.

Diversifikation und Risikomanagement mit grünen Anleihen
Im Green-Bond-Sektor stellt die Notwendigkeit, eine ausreichende Bandbreite an Emittenten zu finden, um das Zins-, Sektor- und Kreditrisiko aktiv zu managen, Anleger vor Herausforderungen. Die steigende Anzahl an Emissionen grüner Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten ermöglicht uns, das Durations-Risiko über verschiedene Währungen hinweg zu managen. Zur Steuerung des Kreditrisikos haben wir dagegen auf das Universum der „Unlabelled Green Bonds“ zurückgreifen müssen. Dank vermehrter Emissionen grüner Anleihen von weiter unten auf der Ratingskala bis hin zum High-Yield-Bereich konnten grüne Anleihen zuletzt auch beim Management des Kreditrisikos helfen. Die diesjährige Emissionsrate für grüne Hochzinsanleihen ist bislang mehr als doppelt so hoch wie 2020 und fünfmal so hoch wie 2019.

Darüber hinaus begrüßen wir das Wachstum des Marktes für Sustainability-Linked Bonds (SLBs), die sich von Green Bonds unterscheiden. Green Bonds sind Anleihen, deren Erlöse in Klima- oder Umweltprojekte fließen. Bei SLBs variieren die vertraglichen Konditionen – wie zum Beispiel die Kupons – in Abhängigkeit davon, ob das emittierende Unternehmen ökologische Leistungskennzahlen (KPIs) erreicht. Die KPIs für SLBs beziehen sich in der Regel auf das Umweltprofil eines Unternehmens (zum Beispiel seinen CO2-Fußabdruck) anstatt auf die direkten Umweltauswirkungen seiner Produkte und Dienstleistungen. Wir sind jedoch der Ansicht, dass sie in Kombination mit einem Green Bond zu einem leistungsstärkeren, zukunftsweisenden Instrument werden. Ein Beispiel dafür ist die jüngst vom großen österreichischen Stromversorger Verbund AG emittierte grüne SLB-Anleihe. Auch der im März vorgelegte Haushaltsplan der britischen Regierung sieht die Emission einer grünen Staatsanleihe vor und wir liefern in enger Zusammenarbeit mit der britischen Investment Association (IA) Input für die Strukturierung dieser Anleihe, um ihre Wirkung zu maximieren.

Grüner Systemumbau – Impulse der Regierungen entscheidend
Auch die Zentralbanken werden „grüner“. So umfasst das Mandat der Bank of England (BoE) seit Neuestem auch die Unterstützung des Netto-Null-Emissionsziels der britischen Regierung. Die britische Notenbank hält allerdings nur Unternehmensanleihen im Wert von rund 20 MrdGBP und ist damit ein deutlich kleinerer Player an diesem Markt als die Europäische Zentralbank (EZB). Die gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (TLTROs) der EZB, ein Programm, das den Banken günstige Mittel für eine gezieltere Kreditvergabe zur Verfügung stellt, könnten sich als wichtiger Impulsgeber für die grüne Kreditvergabe erweisen. Die US-Notenbank Fed hinkt der EZB etwas hinterher, hat aber jüngst einen Ausschuss gegründet, der sich mit der Berücksichtigung klimabezogener Risiken bei der Bewertung der Finanzstabilität befasst.

Die wichtigsten Impulse für einen Systemumbau und die Entwicklung der zur Erreichung der Klimaziele erforderlichen Lösungen und Projekte dürften aber nicht von den Zentralbanken, sondern von den Regierungen ausgehen – und ihr wichtigstes Instrument wird die Fiskalpolitik sein. Die Regierungen werden zunehmend erkennen, wie wichtig es ist, „externe Effekte“ – sprich versteckte Umweltkosten, zum Beispiel durch eine Produktionsanlage, die die Luft verschmutzt oder zum Artensterben beiträgt – zu „internalisieren“ bzw. den Unternehmen in Rechnung zu stellen.

Das Ausmaß und die Tragweite des erforderlichen Wandels wird in den nächsten Jahren enorme Investitionsmöglichkeiten eröffnen. Einige dieser Chancen sind jetzt schon klar erkennbar, andere werden sich mit der Zeit herausbilden. Die Veränderungen werden sowohl weitreichender als auch vielfältiger in ihren Auswirkungen sein als viele erwarten. Deshalb legen wir großen Wert auf eine breite Diversifikation und durchforsten das gesamte Anlageuniversum nach Unternehmen, die den Wandel weiter vorantreiben.

Auf Facebook teilen Diesen Artikel teilen

Die Profiteure des US-Infrastrukturprogramms

Wir haben für Sie eine Vielzahl potenzieller Gewinner-Aktien in der gesamten Wertschöpfungskette gefunden.

Michael Kordovsky. Gegenwärtig befasst sich der US-Kongress mit einem 2,3-BioUSD teuren Infrastrukturprogramm für die USA, dessen Gegenfinanzierung unter anderem durch eine faktische Verdopplung der Kapitalertragssteuer für Reiche auf fast 40 % erfolgen sollte. 11 % der Wirtschaftsleistung fließen weitgehend in Projekte mit Multiplikatoreffekt bzw. Folgeinvestitionen entlang der Wertschöpfungskette. Anhand geplanter Details dieses Vorhabens lassen sich bereits die zu erwartenden Sieger definieren:

650 MrdUSD sind für Transport, sprich Straßen, Schiene und Verkehr vorgesehen. Vor allem die Brückensanierung ist schon lange überfällig und auch so manche Straßen in den USA brauchen Erneuerung. Entsprechend willkommen ist dieses Vorhaben: Straßen und Autobahnen mit einer Länge von 20.000 Meilen genauso wie die Sanierung der Top 10 der wirtschaftlich bedeutendsten Brücken und 10.000 weiterer. Die Bundesausgaben für den öffentlichen Nahverkehr sollen sich auf 85 MrdUSD verdoppeln, weitere 80 MrdUSD sollen in die Bahngesellschaft Amtrak investiert werden.

650 MrdUSD sollen dem Wohninfrastrukturbereich zur Verfügung gestellt werden: Konkret geht es um die Förderung von Bau und Renovierung von 2 Mio Wohnungen und Krankenhäuser für Armeeveteranen, sauberes Wasser, Erneuerung und Erweiterung der Stromnetze und den Ersatz sämtlicher Trinkwasserrohre aus Blei in rund 10 Mio Haushalten. Darüber hinaus ist ein Breitbandzugang für die 35 % der Einwohner in ländlichen Regionen vorgesehen, die bisher keinen haben.

580 MrdUSD sollen für Industrie, Weiterbildung und Forschung sein, davon gehen 180 MrdUSD in Forschung und Entwicklung mit Schwerpunkt sauberer Energie und in noch unbestimmte Anreize für Firmen, die in Kohlerevieren Jobs schaffen und die US-Lieferkette ausbauen. Die Halbleiterfertigung, in der Engpässe vorherrschen, sollte noch 50 MrdUSD erhalten und mit weiteren 15 MrdUSD will Joe Biden neue (Umwelt-)Technologien (Stichwort Wasserstoff) und eine neue Generation von Atomkraftwerken fördern.

Indessen sind für den E-Automarkt 174 MrdUSD unter anderem in Form von Zuschüssen beim Autokauf und dem Bau eines Netzes von 500.000 Ladestationen bis 2030 vorgesehen.

Die börsennotierten Gewinner und Profiteure
115 MrdUSD sind für Brücken und Straßen vorgesehen, und genau das ist der Bereich der Baufirma Construction Partners (ISIN: US21044C1071). Aber auch Sterling Construction (US8592411016) und Granite Construction (US3873281071) fallen in diese Kategorie, wobei letztere auch über viel Kompetenz in der Wasser-/Abwasser-Infrastruktur verfügt und Asphaltbeton anbietet. Im Anlagenbau noch eine Größe ist die Fluor Corporation (US3434121022). Diese Firmen sind jedoch bei Projekten von Subunternehmen und