Digitaler Euro: EZB schuldet Antworten
Florian Beckermann. Der digitale Euro steht vor der Tür. In Brüssel soll in diesem Jahr entschieden werden und es herrscht bisher weitgehend Einigkeit, dass er kommen wird. Eine echte Opposition hat sich nicht herausgebildet, obwohl es viele offene Fragen gibt. Nicht nur Anleger sind verunsichert. Schafft die Europäische Zentralbank (EZB) eine Lösung, ohne ein Problem zu haben?
Argumente für die Einführung eines digitalen Euros
Der digitale Euro ist ein von der EZB geplantes, staatliches, digitales Zahlungsmittel, das das Bargeld ergänzen, aber nicht ersetzen soll. Er wäre direktes Zentralbankgeld, analog dem Bargeld, nur in elektronischer Form. EZB-Ziel ist die Sicherstellung, dass Zentralbankgeld auch im digitalen Zeitalter verfügbar bleibt.
Weiters sollen die Abhängigkeit Europas von privaten und meist außereuropäischen Zahlungsanbietern wie Visa, Mastercard oder PayPal verringert und eine einheitliche, europaweit nutzbare digitale Zahlungsinfrastruktur geschaffen werden. Der digitale Euro soll über Banken und Zahlungsdienstleister genutzt werden, wobei die EZB das Geld ausgibt, aber nicht selbst die Kundenbeziehungen führt. Eine tatsächliche Einführung wäre ab 2029 realistisch.
Geplant sind Obergrenzen für Guthaben in digitalen-Euro-Wallets, um Risiken für das Bankensystem zu begrenzen, sowie hohe Datenschutzstandards, einschließlich begrenzter Offline-Funktionen, die Bargeld ähneln sollen.
Argumente, die dennoch gegen einen digitalen Euro sprechen:
- Risiko Finanzstabilität: Kritiker befürchten, dass Menschen in Krisenzeiten ihr Geld massenhaft von Geschäftsbanken in den digitalen Euro verschieben könnten, da dieser als besonders sicher gilt. Das könnte Banken Liquidität entziehen – selbst dann, wenn Guthabenobergrenzen vorgesehen sind.
- Begrenzter praktischer Nutzen: Viele Verbraucher nutzen bereits heute schnelle, günstige und komfortable digitale Zahlungsmethoden, sodass der digitale Euro aus Sicht vieler Ökonomen kaum einen echten Mehrwert bietet. Gerade erst haben große europäische Geschäftsbanken das Zahlungsprojekt „Wero“ gestartet. Wenn der digitale Euro hier nicht hineinpasst, gewinnt er keine Freunde.
- Hohe Entwicklungs-, Einführungs- und Betriebskosten, die von der Allgemeinheit oder dem Finanzsektor getragen werden müssten. Besonders stark diskutiert werden außer dem Datenschutz- und Überwachungsbedenken.
- Zahlungen kontrollierbar. Auch wenn die EZB betont, dass sie keine individuellen Zahlungsprofile erstellen will und Privatsphäre ein zentrales Designziel sei, Zahlungsstromkontrolle ist dennoch möglich.
- Beim Schwurblerthema „Bargeldverbot“ gewinnt das digitale Zentralbankgeld volle Relevanz.
- Programmierbarkeit des elektronischen Euros ist problematisch: Kann er überall im und auch außerhalb des Euroraums genutzt werden? Gibt es ein Verfallsdatum, bis wann man ihn genutzt haben muss?
Fazit: Das staatliche Digitalgeld ist ein strategisch motiviertes Projekt, mit dem die EZB Europas geldpolitische Souveränität im digitalen Raum sichern will. Das ist gut. USA und China sind längst weiter. Gleichzeitig stehen dem Projekt in Europa erhebliche Zweifel gegenüber: Am Nutzen für die Bürger, an den Kosten, an möglichen Risiken/Chancen für das Bankensystem sowie an der gesellschaftlichen Akzeptanz. Die EZB sollte mit einer Antwortoffensive beginnen, sonst platzt ein solches Projekt schnell am Angst macher-Populismus.
Wertanlage Edelsteine
Brigitte Schweingger. Edelsteine gehören zu den ältesten Wertträgern der Menschheitsgeschichte. Als Anlageobjekt folgen sie jedoch anderen Regeln als Gold oder Silber. Ihr Markt ist historisch gewachsen, stark fragmentiert und von persönlicher Expertise geprägt. Genau darin liegen sowohl die Chancen als auch die Risiken für Anlegerinnen. Während Edelmetalle klar bepreist sind, entsteht der Wert von Edelsteinen immer im Zusammenspiel von objektiven Kriterien und subjektiver Wahrnehmung.
Was den Wert eines Edelsteins bestimmt
Der Preis eines Edelsteins ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Farbe, Reinheit, Schliff und Karatgewicht. Bei Farbedelsteinen gilt die Farbe als wichtigster Faktor. Ein kleiner Stein mit außergewöhnlicher Farbintensität kann deutlich teurer sein als ein größerer, blasser Vertreter.
Hochwertige Rubine kosten bis zu 250.000 Euro pro Karat
Bei Rubinen erzielen Steine mit dem begehrten „Pigeon Blood“-Rot aus Myanmar Spitzen preise. Hochwertige Exemplare mit einem Gewicht von ein bis zwei Karat liegen aktuell je nach Qualität und Zertifizierung im Bereich von rund 80.000 bis mehr als 250.000 € pro Karat. Entscheidend ist dabei nicht allein die Intensität, sondern auch die gleichmäßige Verteilung der Farbe im Stein.
Hochwertige Saphire im Schnitt mit 30.000 bis 100.000 € pro Karat bewertet
Auch bei Saphiren entscheidet die Farbe. Unbehandelte blaue Saphire aus Kaschmir zählen zu den teuersten Farbedelsteinen überhaupt und erreichen bei Auktionen teils sechsstellige Beträge pro Karat. Seltene Padparadscha Saphire in ihrer charakteristischen rosa-orangen Farbe werden im hochwertigen Segment häufig mit 30.000 bis 100.000 € pro Karat bewertet. Ihre geringe Verfügbarkeit verstärkt die Preisstabilität zusätzlich.
Herkunft von Edelsteinen als Preisfaktor
Die Herkunft eines Edelsteins wirkt wie eine Marke. Smaragde aus Kolumbien gelten als Referenz und erzielen deutlich höhere Preise als vergleichbare Steine aus anderen Regionen. Kolumbianische Smaragde mit guter Farbe und moderaten Einschlüssen bewegen sich oft im Bereich von 15.000 bis 60.000 € pro Karat. Paraíba-Turma line aus Brasilien oder Mosambik, bekannt für ihre neonartige Farbe, können je nach Intensität und Größe ebenfalls fünf- bis sechs stellige Preise erreichen. Herkunft schafft Vertrauen, aber nur, wenn sie belegbar ist. Diese Preise gelten jedoch nur für hochwertige Einzelsteine und wenn ihre Herkunft durch ein anerkanntes Zertifikat belegt ist.
Worüber Zertifikate für Edelsteine Auskunft geben
Zertifikate von Instituten wie GIA, SSEF oder Gübelin gelten im höherpreisigen Segment als unverzichtbar. Sie dokumentieren Farbe, Reinheit, Behandlungen und Herkunft. Ohne ein solches Gutachten ist ein Wiederverkauf im höherpreisigen Segment kaum möglich. Gleichzeitig ersetzen Zertifikate nicht die visuelle Qualität. Ein formal korrekt bewerteter Stein ohne ästhetische Ausstrahlung bleibt schwer vermittelbar, da letztlich auch Emotion und Wahrnehmung eine Rolle spielen. Behandlungen als Preisfaktor Viele Edelsteine werden erhitzt oder geölt, um Farbe und Klarheit zu verbessern. Solche Behandlungen sind marktüblich, reduzieren jedoch in der Regel den Wert. Unbehandelte Steine erzielen je nach Art und Qualität Aufschläge von 30 bis mehr als 100 %. Diese Stücke sind selten und entsprechend gesucht, da sie als ursprünglicher und authentischer gelten.
Für wen sich Edelsteine eignen
Edelsteine eignen sich nicht für kurzfristige Strategien. Ihre Liquidität ist begrenzt, Preise sind nicht tagesaktuell abrufbar und stark verhandlungsabhängig. Als lang fristige Beimischung können sie jedoch eine besondere Rolle spielen. Sie verbinden materielle Knappheit mit kulturellem Wert und ästhetischer Qualität. Wer investiert, kauft nicht nur Substanz, sondern Vertrauen in Farbe, Herkunft und Geschichte.
Edelsteine kaufen in der Praxis
Der Kauf von Edelsteinen unterscheidet sich grundlegend von klassischen Anlageformen. Es gibt keine transparenten Preislisten und keine ta gesaktuellen Referenzwerte. Umso wichtiger ist ein disziplinierter Zu gang. Wesentlich ist die Zieldefinition: Soll der Stein getragen, gesammelt oder wiederverkauft werden? Diese Entscheidung bestimmt Auswahl und Budget stärker als kurzfristige Markttrends.
Tipp: Edelsteine mittlerer Größe
Edelsteine mittlerer Größe mit harmonischer Farbe und sauberem Schliff sind meist sinnvoller als spektakuläre Einzelstücke. Auktionen zeigen, wie groß die Spannweite ist: Während Spitzensteine wie der „Sunrise Ruby“ bei Sotheby‘s mehr als 30 Mio USD erzielten, wechseln viele Rubin-, Saphir- oder Smaragdschmuckstücke bei europäischen Auktionen für einige tausend Euro den Besitzer.
Entscheiden beim Kauf: Qualität, Dokumentation und Nachfrage
Entscheidend sind Qualität, Dokumentation und Nachfrage, nicht der Name des Steins. Zertifikate sind im höherpreisigen Segment unerlässlich. Relevant ist ihr Inhalt: Angaben zu Behandlungen und Herkunft beeinflussen die Marktakzeptanz. Steine ohne klare Dokumentation werden bei Auktionen niedriger bewertet oder lassen sich nur schwer weiterverkaufen.
Auktionen bieten für Käufer von Edelsteinen Orientierung
Auktionen eignen sich zur Marktbeobachtung. Sie zeigen, welche Qualitäten tatsächlich gefragt sind. Gleichzeitig erfordern sie Disziplin: Erfolgreich kauft, wer mit fixer Preisobergrenze agiert und sich nicht von Biet-Dynamiken treiben lässt.
Wo bei der Auswahl Vorsicht geboten ist
Vorsicht ist bei modischen Farbtrends geboten. Stabiler sind klassische Steine in überzeugender Qualität. Ein häufiger Fehler ist der Fokus auf das Karatgewicht: Große Steine mit schwacher Ausstrahlung sind schwerer zu verkaufen als kleinere, hochwertige Exemplare. Edelsteine verlangen Vergleich und einen nüchternen Blick. Wer systematisch auswählt, schafft die Grundlage für langfristig tragfähige Werte.
Börse Indien: Die Erfolgsstory geht in die nächste Runde
Chancen für Anleger in Indien, der Wachstumschampion unter den Schwellenländern.
Stefan Riedel, München. Einen Markt von zwei Milliarden Menschen und 25 % der globalen Wirtschaftsleistung umfasst das in der vergangenen Woche zwischen der EU und Indien abgeschlossene Freihandelsabkommen. Der für die nächsten Jahre geplante Abbau von Zöllen wird die Bereitschaft vieler europäischer Unternehmen erhöhen, auf dem Subkontinent zu investieren. Europäische Anleger wiederum sollten auf die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft unter den großen Schwellenländern einen intensiveren Blick werfen als bisher.
2026: Wirtschaftswachstum in Indien von rund 7 Prozent prognostiziert – die Gründe
Die indische Regierung rechnet für das im April beginnende Fiskaljahr mit 6,8 bis 7,2 % Wirtschaftswachstum. Auf die von Donald Trump erhobenen Importzölle von 50 % reagiert sie zum einen mit der Senkung der Mehrwertsteuer, um den privaten Konsum anzukurbeln. Zugleich erhöht sie die Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur. Dazu wächst die Bedeutung des Privatkonsums, auch in den ländlichen Regionen, die von einer verbesserten Agrarproduktion und steigenden Reallöhnen profitieren: Innerhalb von zehn Jahren hat er sich bis 2023 auf 2,2 Bio USD nahezu verdoppelt.
Qualität hat ihren Preis: Indische Aktien hoch bewertet
Charakteristisch für indische Aktien ist ihre gegenüber anderen asiatischen Märkten hohe Bewertung. Im Dezember lag das 2026er KGV aller im MSCI India enthaltenen 157 Unternehmen bei 25 und damit um die Hälfte über der Bewertung des MSCI China. Die hohe Bewertung reflektiert die hohen Gewinnerwartungen und die gegenüber anderen asiatischen Märkten häufig besseren bilanziellen Kennziffern von indischen Unternehmen.
Dollar-Schwäche: Stocken ausländische Investoren Indien-Depot auf?
Anuj Arora, Head Emerging Market & Asia Pacific Equities bei J.P.Morgan Asset Management, sieht angesichts der Schwäche des US-Dollars jetzt gute Chancen, dass ausländische institutionelle Investoren auf der Suche nach mehr Diversifikation ihre in den letzten Jahren reduzierte aktive Gewichtung in Indien wieder auf stocken: „Die Kombination aus steigenden Investitionsausgaben des Privatsektors mit einem wach senden Verbrauch der Privathaus halte würde höhere Bewertungen rechtfertigen.“
Indien-Investment: Geringe Korrelationen und gute Fundamentaldaten
Alessia Berardi, Head of Economics im Amundi Institute, sieht bei Indien-Investments vor allem zwei große Vorteile: „Indische Aktien weisen eine unterdurchschnittliche Korrelation mit globalen wie auch mit Schwellenländeraktien auf. Entscheidend dabei ist die besonders geringe Korrelation mit China, was auf unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen und politische Treiber hinweist.“ Die Fundamentaldaten seien der zweite entscheidende Faktor: „Diese sind eng mit dem Binnenmarkt verbunden, was einen Schutz vor geopolitisch bedingten Handelsspannungen bietet.“
Börse Indien: Vier spannende Anlageoptionen
- Der im Mai 2018 aufgelegte iShares MSCI India UCITS ETF (ISIN: IE00BZCQB185) (iShares MSCI India UCITS ETF | NDIA) bietet ein breit diversifiziertes Investment in 85 % der gesamten Marktkapitalisierung des indischen Aktienmarktes. Mit rund 4,3 Mrd€ Volumen zählt er auch zu den größten handelbaren Indien-ETFs. Branchenseitig stehen der Finanzsektor, Software, Autohersteller sowie Öl- und Gasindustrie in der Summe für fast die Hälfte der Indexgewichtung.
- Robeco Indian Equities D (Indian Equities D EUR – LU0491217419 | Robeco Deutschland) in den letzten fünf Jahren eine Performance von 68 % erzielt und damit den MSCI India deutlich outperformt, der im selben Zeitraum knapp 40 % zulegte. Mit mehr als 70 Einzelwerten ist das Fondsportfolio des sparplanfähigen Produkts über etliche Branchen breit gestreut.
- Der im Oktober 2005 aufgelegte Franklin India Fund ( Franklin India Fund – A (acc) EUR – LU0231205187) ist nicht nur ein Klassiker unter den Fondsprodukten mit dem Anlagefokus Indien, sondern mit 2,8 Mrd€ Volumen auch einer der größten. Der Finanzsektor und zyklische Konsumgüter stellen mehr als 40 % der Fondsgewichtung. Unter den Einzelwerten ist der Mischkonzern Reliance Industries aus Sicht des Wachstumspotenzials und der Aktienbewertung eine gute Wahl. Das Unternehmen ist in unterschiedlichsten Branchen wie der Petrochemie, der Telekommunikation, dem Einzelhandel und der Energieversorgung unterwegs.
- Unter den Einzelwerten ist der Mischkonzern Reliance Industries (Reliance Industries AKTIE | INE002A01018 | 946078 | | Realtime Kurs ) aus Sicht des Wachstumspotenzials und der Aktienbewertung eine gute Wahl. Das Unternehmen ist in unterschiedlichsten Branchen wie der Petrochemie, der Telekommunikation, dem Einzelhandel und der Energieversorgung unterwegs.
RBI schlägt um 45 % höhere Dividende vor
Die Erträge der Raiffeisen Bank International – ohne Raiffeisen Russland – sprudeln. Auch der Blick in die Zukunft ist optimistisch.
Tibor Pásztory. Die Raiffeisen Bank International AG (Raiffeisen Bank International AG ) hat im abgelaufenen Jahr ein außerordentlich gutes Ergebnis hingelegt, wenngleich der eine oder andere Analyst noch mehr erwartet hätte. Der sich seiner baldigen Pensionierung erfreuende RBI-CEO Johann Strobl übergibt seinem Nachfolger Michael Höllerer trotz offener Rechtsstreitigkeiten rund um das Russlandgeschäft ein gut bestelltes Haus.
Optimismus selbst bei Worst-Case-Szenario für Russland-Geschäft
Um die Sicht auf das nicht-russische Kerngeschäft zu schärfen, bilanziert die Bank mit und ohne Russland und Belarus. Gleichzeitig wird betont, dass auch für ein etwaiges Worst-Case-Szenario vorgesorgt sei. Ihren Optimismus möchte die Bank mit einer um 45 % auf 1,60 € erhöhten Dividende unter Beweis stellen.
RBI-Kernergebnis plus 48 %
Dass es bei der RBI 2025 gut laufen würde, war schon lange klar. Der Markt hatte dies mit einer Beinahe-Kursverdoppelung quittiert. Ein Ergebnisanstieg um 48 % auf 1,44 Mrd€ im Kernmarkt (ohne Russland) bzw. um 19 % auf 1,37 Mrd€ (mit Russland) legt nun den Nachweis vor. Verantwortlich für diese Entwicklung waren Steigerungen im Kreditgeschäft um 6 % und ein um 9 % gestiegener Provisionsüberschuss von 2 Mrd€, vor allem in Rumänien, Ungarn und Tschechien. Die Kernerträge stiegen um 3 % auf 6,19 Mrd€. Die harte Kernkapitalquote (ohne Russland) liegt nun bei 15,5 %.
Raiffeisenbank Russland ohne Schadenersatz entkonsolidieren?
Inkludiert ist hier allerdings wiederum die Annahme eines Worst-Case Szenarios bezüglich des Russland-Geschäftes – sollte die RBI die Raiffeisenbank Russland ohne Schadenersatz entkonsolidieren müssen und dadurch deren gesamtes Eigenkapital verlieren.
Klagen durch Rasperia: Verfahren läuft
Zur Erinnerung: Als Folge westlicher Sanktionen gegenüber der Rasperia-Gruppe um Putin-Freund Oleg Deripaska waren deren Strabag-Aktien eingefroren worden, worauf ein Königsberger (heute: Kaliningrad) Gericht die Kernaktionäre (also RBI) zu Schadenersatz in Höhe von 2 Mrd€ verurteilte. Das Verfahren ist im Laufen.
Hoffnung: Sanktionen gegen Rasperia werden eingestellt
Ginge es nach Strobl, würde die EU ihre Sanktionen gegen Rasperia einstellen. „In Brüssel denkt man über unterschiedliche Themen nach“, verleiht er seiner Hoffnung Ausdruck, dass besagte Aktien freigegeben und andere Kompensationsmöglichkeiten gefunden würden.
Raiffeisen Russland: Eigenkapital auf 5,6 Milliarden Euro gestiegen
Der Geschäftsabbau der Raiffeisenbank Russland soll jedenfalls auch heuer fortgesetzt werden, wenngleich deren Eigenkapital durch Gewinnrücklagen und Dividendenbeschränkungen paradoxerweise auf 5,6 Mrd€ gestiegen ist.
RBI: Andere Länder im Osten erfolgreich
Bis auf Polen, wo die Bank mit den negativen Folgen der Vergabe zahlreicher Fremdwährungskredite im Schweizer Franken kämpft, kann die RBI auf allen ihren östlichen Märkten durchwegs mit positiven Informationen für unsere Aktionäre halten.
Kampf dem „Biedermeier-Effekt“ und der Selbstverzwergung
Florian Beckermann. Wirtschaftliche Unsicherheit, politische Ängste und Pessimismus fördern eine Hinwendung nach innen zu Sicherheit und Gewissheit: Der „Biedermeier-Effekt“. Nach dem renommierten Edelman Trust Barometer 2026 für 28 Wirtschaftsnationen, dominiert weltweit inzwi-schen eine abgeschottete Vertrauenshaltung: 7 von 10 Menschen sind nicht bereit oder zögern, jemandem zu vertrauen, der sich von ihnen unterscheidet. Ein Rekordwert.
Doch diese Art des Isolationismus, ja lokale Selbstverzwergung, beschränkt vorteilhafte Fortschrittsentwicklungen nachhaltig. Was im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung noch eine Charakterfrage sein kann, ist für Unternehmen toxisch. Sie müssen gegen diese Abschottung angehen und den Biedermeier bekämpfen – nicht nur um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Unternehmensintern: Bleiben vertrauensbeschränkende Unterschiede schlecht adressiert, werden sie die Produktivität behindern. Die Führungsstärke des Managements wird untergraben. Der Widerstand gegen Innovation verhärtet sich. Gegen geopolitische Abschottung sind multinationale Unternehmen nahezu verpflichtet sich zu einem polynationalen Modell weiterzuentwickeln. Ein (gegebenenfalls teures) Modell was auf Investitionen in langfristige lokale Beziehungen ausgerichtet ist.
Doch wie gelingt ein Brückenbau? Interessanterweise werden Unternehmen im Rahmen der Vertrauensvermittlung die höchsten Kompetenzen zugesprochen (den letzten Platz nehmen übrigens „Regierungen“ hier ein). Wobei Vertrauensvermittlung eine Strategie und Kompetenz für Institutionen oder Einzelpersonen ist. Sie konzentriert sich darauf, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, statt zu versuchen, sie zu verändern. Vorurteilsfreies Zuhören und das Übersetzen unterschiedlicher Realitäten sind zwei zentrale Kompetenzen eines Vertrauensvermittlers. Richtig umgesetzt, kann dies Gräben überbrücken. Unternehmen weisen beim Thema Vertrauensvermittlung die geringste Lücke zwischen Erwartung und tatsächlicher Leistung auf und genießen ein hohes Maß an Vertrauen bei ihren Mitarbeitenden.
Fazit: Angesichts dieser Zwänge und Chancen sind die Handelsabkommen der EU (Mercosur, Indien usw.) eine politische Antwort. Sie sollen Rahmenbedingungen schaffen, die den Brückenbau für Unternehmen zu erleichtern. Dass sich im Förder-Nirwana befindliche Branchen, wie die europäische Landwirtschaft, auflehnen, mag auch einem dortigen Biedermeier-Effekt geschuldet sein. Unabhängig vom Ausgang der Mercosur-Posse mag sich die EU einer Fehleranalyse unterziehen: Warum braucht es erst den Druck der geopolitischen Katastrophen, um solcherart Abkommen politisch über die Ziellinie zu bekommen?
Und, hat man in Brüssel verstanden, dass die Strategie des „Wandel durch Handel“ nicht besonders erfolgreich war zuletzt? Jedenfalls ist der Kampf gegen den Isolationismus aufgenommen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
US-Aktienmärkte in der Ära Trump II: Quo vadis?
Ein Kommentar der Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking.
(23.01.2026) Ungeachtet der unberechenbaren Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump und seinen fortgesetzten Affronts gegenüber internationalen Partnern performten die US-Aktienmärkte im Jahr 2025 sehr stark mit Zuwächsen zwischen 13 und 20 Prozent bei den wichtigsten Indices. Nun stellt sich die Frage, ob sich die US-Märkte auch im Jahr 2026 ähnlich robust zeigen werden. Dafür werfen die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking einen Blick auf jene Faktoren, die heuer voraussichtlich maßgeblich das Börsengeschehen in den USA beeinflussen werden.
Wer folgt Powell nach?
Zunächst wird 2026 stark von der Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve geprägt sein. Erwartungen gehen dahin, dass die Fed möglicherweise die Zinssätze stabil hält oder schrittweise senkt – in der Regel reagieren Aktien darauf positiv. Eine höher als erwartete Inflation oder ein schwächerer Arbeitsmarkt könnten Zinsanpassungen allerdings verzögern, was den Entwicklungen der Aktienkurse abträglich sein könnte. Zudem sind alle Augen darauf gerichtet, wen Trump zum Nachfolger von Notenbankchef Jerome Powell bestimmen wird. Dessen Amtszeit endet im Mai 2026. Als Favoriten für diese bedeutende Position gelten einige erfahrene Ökonominnen und Finanzexperten mit politischem Hintergrund, darunter Kevin Hassett, Chris Waller, Michelle Bowman, Kevin Warsh sowie Wall-Street-Profi Rick Rieder. Alle stehen grundsätzlich für eine traditionelle Geldpolitik, haben sich zuletzt jedoch auffallend Trump-nah positioniert. Dass sich Trump eine lockere Geldpolitik wünscht, ist kein Geheimnis und hat in den letzten Monaten immer wieder für Kraftproben zwischen ihm und Powell geführt. Ein Ende der Unabhängigkeit der Fed ist aber aus heutiger Sicht unwahrscheinlich. Grund dafür sind starke institutionelle Schutzmechanismen und fachlich qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten für Führungspositionen.
Fiskaleffekte und Unternehmensgewinne
Darüber hinaus könnten Fiskalpakete und staatliche Stimulierungen den Konsum und Investitionen anregen, was einen positiven Effekt auf Aktien haben könnte. Auch eine solide Entwicklung der Gewinne börsennotierter Unternehmen würde die Märkte weiterhin stützen. Dem stehen „teure“ Bewertungen gegenüber, die bei verlangsamten Gewinnwachstum eine Korrektur auslösen könnten. Ebenso würden eine aggressive Handels- und Zollpolitik oder politische Unsicherheiten Risiken für die Märkte und die globale Nachfrage bedeuten.
Die AI-Wachstumsstory?
Die Performance des US-Marktes wird zusätzlich stark vom Fortbestand der AI-Wachstumsstory abhängen. Die Investitionen in Künstliche Intelligenz, der starke Fokus auf Innovation sowie das Gewinnwachstum der AI-Unternehmen bleiben zentrales Thema. Schon seit geraumer Zeit warnen aber Experten, dass sich eine Blase – ähnlich der Dotcom-Blase der 2000er Jahre – aufbauen könnte. Ein Platzen könnte den Markt hart treffen.
Midterm-Wahlen
Nicht zuletzt ist das Jahr 2026 in den USA wieder ein Wahljahr. Bei den so genannten Midterm-Wahlen im November werden im Kongress das Repräsentantenhaus und der Senat gewählt. Beide Kammern vertreten die Legislative und sind daher entscheidend für Trumps politischen Handlungsspielraum. Wenn die Republikaner unter Trump – wie vielerorts erwartet – Mandate verlieren, droht eine zunehmende politische Spaltung, was die Finanzmärkte gewiss genau beobachten werden.
Fazit: Die gute Performance der US-Märkte in den vergangenen Jahren ist keine Polizze für die Zukunft. 2026 wird ein abwechslungsreiches Jahr und Gelassenheit sollte das oberste Gebot für Investoren am US-Aktienmarkt sein. Eine breite und globale Diversifikation reduziert Risiken im Portfolio.
EY Start-up Investment Barometer 2025
Internationale Investorengruppen ziehen sich weiter zurück – Wachstumskapital bleibt zentraler Engpass für Österreichs Start-ups.
(27.01.2026). Der österreichische Start-up-Finanzierungsmarkt bleibt 2025 stark unter Druck. Nach dem deutlichen Rückgang im Vorjahr setzt sich die strukturelle Schwäche bei Investitionen fort. Zwar kommen weiterhin Finanzierungsrunden zustande, doch großvolumige Wachstumsfinanzierungen bleiben die Ausnahme. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Zusammensetzung der Investorinnen und Investoren und der Herkunft des Kapitals.
Das sind die Ergebnisse des Start-up Investment Barometers 2025 der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY in Zusammenarbeit mit Invest.Austria, dem führenden Netzwerk für Investoren am vorbörslichen Kapitalmarkt in Österreich. Berücksichtigt wurden veröffentlichte Finanzierungsrunden in Unternehmen mit Hauptsitz in Österreich, deren Gründung höchstens zehn Jahre zurückliegt.
Internationales Kapital zieht sich schrittweise zurück
Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt eine klare Verschiebung in der Investorenstruktur. In den Boomjahren 2021 und 2022 spielte internationales Kapital eine dominierende Rolle. Im Jahr 2021 entfielen zeitweise mehr als 90 Prozent des gesamten Investitionsvolumens auf internationale Investoren. Dieser außergewöhnlich hohe Anteil war jedoch kein struktureller Normalzustand, sondern das Ergebnis einiger weniger extrem großvolumigen Finanzierungsrunden: Vier Mega-Deals mit jeweils über 100 Millionen Euro verzerrten die Statistik massiv nach oben.
Mit dem Ende der Boomphase änderte sich dieses Bild grundlegend. 2022 lag der Anteil des internationalen Kapitals noch bei rund 40 bis 45 Prozent, getragen von einzelnen größeren Wachstumsrunden. 2024 sank dieser Anteil bereits auf rund ein Drittel des investierten Kapitals. 2025 verstärkte sich der Trend weiter: Nur noch rund ein Viertel des investierten Kapitals stammt aus rein internationalen Investorenrunden – und das bei insgesamt deutlich gesunkenem Gesamtvolumen.
„Diese Entwicklung ist kein kurzfristiger Ausreißer, sondern Ausdruck einer strukturellen Marktveränderung. Internationale Geldgeber investieren dort, wo ausreichend Deal-Größe, Wachstumstiefe und verlässliche Anschlussfinanzierungen vorhanden sind – und genau daran fehlt es derzeit in kleineren Märkten wie Österreich. Der extrem hohe internationale Kapitalanteil in den Boomjahren war stark von wenigen Großdeals getrieben. Heute sehen wir das andere Extrem: Ohne ausreichend große Wachstumsrunden ziehen sich internationale Investorinnen und Investoren schrittweise zurück. Das ist ein strukturelles Signal und kein zyklisches“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich.
Heimisches Kapital stabilisiert – kann die Lücke aber nicht schließen
Parallel dazu gewinnt heimisches Kapital relativ an Bedeutung. Knapp ein Drittel (31 %) des investierten Kapitals wird 2025 von ausschließlich österreichischen Investorinnen und Investoren getragen. Besonders im Seed- und Early-Stage-Bereich sichern heimische Geldgeberinnen und Geldgebern weiterhin die Basis des Ökosystems.
Gleichzeitig zeigt sich eine klare Grenze: Bei größeren Wachstumstickets stoßen österreichische Kapitalgeber an strukturelle Limits. Großvolumige Anschlussfinanzierungen lassen sich aus dem heimischen Markt allein kaum darstellen.
Gemischte Konsortien dominieren – bleiben aber klein
Ein Großteil des investierten Kapitals entfällt 2025 weiterhin auf gemischte Investorenkonsortien, in denen österreichische und internationale Kapitalgeber gemeinsam investieren. Diese Co-Investments unterstreichen grundsätzlich die internationale Anschlussfähigkeit des Standorts. Gleichzeitig bleiben auch diese Runden überwiegend kleinvolumig. Ohne größere Ankerinvestor und ausreichend Wachstumskapital gelingt es nur eingeschränkt, Finanzierungsrunden in einer Größenordnung zu strukturieren, die für Skalierung und internationale Expansion notwendig wäre.
Verschiebung bei Investorentypen verstärkt den Engpass
Auch die Zusammensetzung der Investorinnen und Investoren hat sich 2025 weiter verschoben. Der Markt wird zunehmend von Business Angels, kleineren Venture-Capital-Fonds sowie Bestandsinvestor getragen. Große internationale Growth-Fonds treten hingegen kaum mehr als neue Lead-Investoren auf und fokussieren sich primär auf das Management bestehender Portfolios. Diese Entwicklung verstärkt den Trend zu kleineren Ticketgrößen und verlängert Finanzierungszyklen, insbesondere für Start-ups und Scale-ups in späteren Entwicklungsphasen.
„Das Problem ist nicht fehlendes Interesse, sondern fehlende Tiefe im Markt. Ohne ausreichendes Wachstumskapital bleibt Skalierung die Ausnahme – genau hier entscheidet sich, ob aus Start-ups internationale Player werden“, so Haas.
Wachstumskapital bleibt der zentrale Engpass
Die Analyse zeigt klar: Der österreichische Start-up-Markt funktioniert in der Breite, stößt aber bei Wachstumskapital systematisch an Grenzen. Internationale Investor agieren selektiver, heimische Investor können größere Tickets nicht ersetzen, und gemischte Konsortien bleiben zu klein, um nachhaltige Skalierung zu ermöglichen.
Aus Investoren-Sicht sind die notwendigen Hebel seit Jahren bekannt: wettbewerbsfähige steuerliche Rahmenbedingungen, moderne Mitarbeiterbeteiligungsmodelle, weniger regulatorische Komplexität und vor allem die Mobilisierung institutionellen Kapitals.
Ein zentraler Baustein ist die rasche und konsequente Umsetzung des angekündigten Rot-Weiß-Rot-Dachfonds, der gezielt institutionelles Kapital – etwa von Pensions- und Versicherungsfonds – in Venture Capital lenken soll.
„Österreich hat viele engagierte Investoren und starke Gründerteams. Doch der Einbruch des Investitionsvolumens um 56 Prozent ist ein unüberhörbares Alarmsignal. Damit international erfolgreiche Scale-ups entstehen, braucht es jetzt die richtigen Rahmenbedingungen, da wir sonst innerhalb Europas den Anschluss verlieren. Gerade in Zeiten angespannter Budgets und knapper Fördermittel ist die Mobilisierung privater Mittel alternativlos. Die meisten europäischen Länder haben bereits steuerliche Anreizsysteme umgesetzt, um mehr Kapital in Innovationen zu lenken. Parallel dazu sollte der angekündigte Dachfonds nicht nur rasch umgesetzt, sondern auch attraktiv ausgestaltet werden. Nur durch eine international marktgerechte Struktur lässt sich sicherstellen, dass institutionelles Kapital endlich in ausreichender Menge gezielt in das Ökosystem fließt und die kritische Lücke beim Wachstumskapital schließt“, sagt Daniela Haunstein, Managing Director von Invest.Austria.
Standortentscheidung fällt jetzt
Der Rückgang internationalen Kapitals, die Verschiebung bei Investorentypen und der anhaltende Engpass bei Wachstumskapital markieren eine entscheidende Phase für den Start-up-Standort Österreich. Ob es gelingt, wieder mehr großvolumige Finanzierungsrunden zu ermöglichen und internationale Investorinnen und Investoren zurückzugewinnen, hängt maßgeblich von den jetzt getroffenen Weichenstellungen ab.
„Kapital ist vorhanden – es wird aber vorsichtiger eingesetzt. Gelingt es, das Umfeld für Wachstumskapital gezielt zu verbessern, kann Österreich seine Attraktivität als Investitionsstandort nachhaltig stärken“, so Haas abschließend.
Vermögensaufbau mit Dividendenfonds
Die Rendite muss nicht nur aus den Kursgewinnen der Aktien kommen.
Michael Kordovsky (30.01.2026). Dividenden wirken auf den ersten Blick banal. Ein Unternehmen schüttet einen Teil des Gewinns aus, Anleger erhalten laufende Erträge. Für den langfristigen Vermögensaufbau ist aber nicht die Höhe der aktuellen Dividendenrendite entscheidend, sondern die Kontinuität. Nur wer Dividenden über viele Jahre stabil zahlen und idealerweise steigern kann, liefert jene Ertragsqualität, die sich in Krisen als Puffer erweist und langfristig auch die Gesamtrendite stützt.
Warum Ertragskontinuität so wichtig ist
Hohe Dividendenrenditen entstehen häufig dann, wenn Kurse bereits gefallen sind. Das kann ein Warnsignal sein: Der Markt preist sinkende Gewinne oder eine unsichere Ausschüttung ein. Für Anleger zählt daher weniger „hoch“, sondern „haltbar“. Kontinuierliche Dividenden sind meist Ergebnis robuster Geschäftsmodelle, solider Bilanzen und disziplinierter Kapitalallokation. Genau das sind Eigenschaften, die in schwachen Marktphasen tendenziell helfen, Drawdowns zu begrenzen.
Stabile Dividenden-Aristokraten
Obwohl derzeit infolge der anhaltenden Technologieaktienhausse Indexschwergewichte die Performance-Statistik prägen und so manche Value-Aktien vorübergehend etwas „alt“ aussehen lassen, zeigte sich bei den 92 Aktien des S&P Global Dividend Aristocrats zumindest eine gewisse Stabilität – bei gleichzeitig günstiger Bewertung. Der Index misst die Performance jener Aktien mit der höchsten Dividendenrendite innerhalb des S&P Global Broad Market Index (BMI), sofern die Unternehmen eine Dividendenpolitik verfolgen, bei der Ausschüttungen seit mindestens zehn aufeinanderfolgenden Jahren erhöht oder zumindest konstant gehalten wurden. Die Fundamentaldaten überzeugen: Das Forward-KGV liegt bei 12,6, die indikative Dividendenrendite bei 5 %. Die Zehnjahresperformance lag bei 8,54 % p.a. (per 31.12.25). Die aktuellen Bewertungsniveaus stellen hier bereits eine gewisse Kursabsicherung nach unten dar.
Vorsicht Falle!
Nicht jede Hochdividendenstrategie outperformt immer. Gerade eine reine „Yield-Jagd“ kann in Value-Fallen führen. Der Mehrwert entsteht häufig dort, wo Dividendenqualität (Stabilität, Deckung durch Cashflow, Bilanzkraft) mit Bewertung und Risikokontrolle kombiniert wird.
Was sie leisten – und wo Risiken liegen
Dividendenfonds bündeln solche Qualitätskriterien in einem Produkt. Das kann praktisch sein, weil Manager oder Indexregeln Unternehmen mit schwacher Ausschüttungsqualität aussortieren und eine breite Streuung liefern. Gleichzeitig gibt es typische Risiken:
• Sektor-Klumpenrisiken: Viele Dividendenstrategien sind strukturell in Finanzwerte, Energie, Basiskonsum oder Versorger übergewichtet.
• Zinssensitivität: In Phasen stark steigender Anleiherenditen verlieren „Bond Proxies“ (Versorger, Immobilienaktien) oft an Attraktivität.
Langfristig bewährte Dividendenfonds und ETFs
Ein „bestes“ Produkt gibt es nicht. Sinnvoller ist eine Auswahl etablierter, breit investierender Strategien, die in Europa verfügbar sind und einen klaren Prozess haben. Mit einer Fünfjahresperformance von 18,7 % p.a. per Ende Dezember 2025 erscheint der „VanEck Morningstar Developed Markets Dividend Leaders UCITS ETF“ attraktiv. Er deckt 100 Positionen ab, verfügt mit nur 23 % US-Anteil über eine ausgewogene Länderallokation und weist ein Portfolio-KGV von lediglich 14,2 auf. Top-Positionen sind Exxon Mobil, Verizon Communications, Nestlé, Pfizer und Roche.
Der „SPDR S&P Global Dividend Aristocrats UCITS ETF“ wiederum liegt per 23. Jänner insgesamt immerhin knapp über 50 % im Plus.
Als Fonds interessant erscheint auch der „DWS Top Dividende LD“, der bei einer ausgewogenen Ländergewichtung Taiwan Semiconductor, Agnico Eagle Mines, Johnson & Johnson, Shell PLC und NextEra Energy am stärksten gewichtet.
Mit einem Plus von 54 % in den vergangenen fünf Jahren ist auch der „Fidelity Funds – Global Dividend Fund A-ACC-Euro“ ein Thema. Er investiert in dividendenstarke Qualitätsunternehmen mit ansteigenden Erträgen, stabilen Cashflows, einfachen, verständlichen Geschäftsmodellen und wenigen oder gar keinen Verbindlichkeiten in der Bilanz. ESG-Aspekte fließen in den Investmentprozess ein. Zu den Top-Positionen zählen u.a. Taiwan Semiconductor, Roche, Unilever und Novartis.
Foto: Adobe Stock / Apops
Ein starkes Comeback der Bayer-Aktie
Neue Medikamente drängen die Monsanto-Altlasten in den Hintergrund.
Roman Steinbauer (30.01.2026). Jene Investoren, die noch vor einem Jahr – im Umfeld größter Unsicherheiten – Aktien des einstigen Flaggschiffs der europäischen Pharma-Gesellschaften erwarben, schätzen sich nun glücklich. Stufenweise bis auf 0,11 Euro/Aktie (2024) gestutzte Dividenden (für das Geschäftsjahr 2022 wurden noch 2,40 Euro ausgezahlt) bewogen Value-Anleger noch zuvor zum Ausstieg aus dem Titel. Wenn auch noch nicht absehbar ist, wann Bayer die Ausschüttung erstmals wieder erhöhen wird: Die künftige Entwicklung der Gewinne dürfte deutlich nach oben zeigen. Kräftige Dividenden-Anhebungen rücken wieder näher.
Doppel-Stimulation der Notiz
Nach zermürbenden Quartalen ist zu verfolgen, wie die Kursentwicklung des Leverkusener Unternehmens nun an Aufwärts-Momentum gewinnt. Die Marktkapitalisierung kommt mit 44 Milliarden Euro erstmals wieder an den Wert der Umsatzerlöse von 47 Milliarden Euro (2024) heran. Die Bank of America (BofA) gab erst in der Vorwoche eine Kaufempfehlung mit einem neuen Ziel für die Aktie von 55 Euro (nach 35 Euro zuvor) aus. Die Investmentstrategen erkennen einen „großen Schritt“ nach vorne, um die im Zuge der Monsanto-Übernahme „geerbten“ und jahrelang belastenden Bilanz-Rückstellungen durch Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten in den USA zu beenden. Der BofA zufolge stehen für das Unternehmen die Chancen nun bei 70 %, die Klagswellen im eigenen Sinne abschließen zu können.
Umsatztreiber durch neue Arzneien
Wie das Handelsblatt nach einem Interview mit dem Chef der Bayer-Pharmasparte, Stefan Oelrich, bei der JP Morgan-Health-Konferenz aus San Francisco bereits am 15. Jänner berichtete, entpuppt sich für Bayer mit dem neuen Prostatakrebs-Medikament Nubeqa ein ausgesprochener Hoffnungsträger. Nubeqa könnte in der Pharmasparte nach weiteren Zulassungen weit höhere jährliche Umsätze (bisher auf 3 Milliarden Euro geschätzt) generieren als von Analysten bisher angenommen. Damit sei sogar ein Übertreffen des Verkaufsvolumens des Blutverdünners Xarelto (der Patentverlust von Xarelto wirkt sich heuer letztmals belastend auf die Bilanz aus) möglich. Oelrich sagte: „Mit großer Wahrscheinlichkeit ist Nubeqa das prägendste Produkt, das wir je hatten.“ Nach der EU-Zulassung von Eylea (Behandlung von Netzhautvenenverschlüssen) und der beschleunigten FDA-Zulassung für Sevabertinib in den USA (ein Medikament gegen eine Lungenkrebsvariante) nähert sich der Pharma-Portfolio-Mix wieder der Erfolgsspur.
Foto: Mediaparts / generiert mit KI
Immobilien: Erste Anzeichen eines zarten Aufschwungs
Das Investitionsvolumen nimmt allmählich wieder zu, die Ankaufsrenditen sind aussichtsreich.
Raja Korinek (30.01.2026). Das Umfeld für Immobilien war in den vergangenen Jahren denkbar schwierig. Die Pandemie sorgte für einen Einbruch am Büromarkt, danach belasteten steigende Zinsen die Immobilienfinanzierungen. Das Schlimmste könnte nun ausgestanden sein, betont Martin Prandl (Foto), Head of Österreich-Sales der französischen Corum Asset Management, bei seiner Präsentation der Jahreszahlen 2025 in dieser Woche in Wien. Der Börsen-Kurier war dabei.
Prandl verweist auf eine leichte Erholung am europäischen Immobilienmarkt. So lag 2023 das Investitionsvolumen bei 128 Milliarden Euro, im Jahr danach bereits bei 162 Milliarden Euro. Einen leichten Rückgang gab es dabei im vergangenen Jahr auf 160 Milliarden Euro. Berücksichtigt werden bei solchen Erhebungen gewerblich genutzte Immobilien. Dabei sieht der Corum-Experte mehrere Gründe für die insgesamt leichte Erholung und nennt dazu etwa die Rückkehr zu Büros: „Die Zeit des reinen ‚Home-Office‘ ist zu Ende.“ Auch Logistik sei gefragt. Immerhin werden zahlreiche solcher Zentren für Waren des Online-Handels benötigt.
Steigendes Volumen – auch in Österreich
Bei der französischen Muttergesellschaft Corum Butler profitiert man jedenfalls vom steigenden Interesse an Immobilieninvestments. Allein 2025 erreichten die Neuzuflüsse 1,6 Milliarden Euro, während es im Vorjahr 1,2 Milliarden Euro waren. Neuzuflüsse von heimischen Anlegern lagen bei rund 32 Millionen Euro, die Gelder flossen dabei in Corum Origin und Corum XL. Bei diesen Produkten handelt es sich um zwei Immobilienfonds mit der französischen Rechtsform einer „Sociétes Civiles de Placement Immobilier“.
So sind die Fonds täglich handelbar, Mieteinnahmen und Gewinne aus Veräußerungen werden ausgeschüttet. Allein im vergangenen Jahr erreichte die Ausschüttungsquote beim Origin 6,5 % und 5,3 % beim XL. „Damit wurden die Zielrenditen bei beiden Fonds erneut übertroffen“, unterstreicht Prandl. Eine Garantie stellen diese freilich nicht dar. Obendrein fallen bei einem Investment in die Fonds Gebühren an, und zwar knapp 12 % je Anteilsschein. Sie werden beim Verkauf der Anteile verrechnet.
Prandl verweist auf weitere Details: So werde, wenn überhaupt, nur kurzfristig mit Fremdkapital in den Fonds gearbeitet. Auch gebe es kein Bauherrenrisiko. „Wir sind keine Projektentwickler.“ Oben-drein würden sich Mieter grundsätzlich auf einen Kündigungsverzicht – in der Regel zwischen vier bis sechs Jahre – einlassen.
Stabile Mieter
Doch wie gehen die Experten bei diesen zwei Portfolios vor? Der Origin investiert innerhalb der
Eurozone Millionen Euro MioE erworben. Die durchschnittliche Ankaufsrendite lag bei 8,45 %. Im April des vergangenen Jahres wurde etwa ein Bürogebäude in Mailand um 39,6 Millionen Euro mit einer Ankaufsrendite von 7,8 % erworben. Zu den Mietern zählen Pfizer und NXP Semiconductors.
Der XL investiert auch in weitere Regionen, so etwa in Norwegen, Großbritannien und Kanada. Der Fonds investierte 2025 knapp mehr als 150 Millionen Euro in sechs Immobilien mit einer Ankaufsrendite von 7,56 %. Zu den Beispielen zählt vorigen März der Kauf von einer Einzelhandelsfläche im britischen Cheltenham um 14 Millionen Euro mit einer Ankaufsrendite von 7,14 %. Vermietet wurde an Lidl und Starbucks. Von höheren Renditeversprechen lasse man sich hingegen nicht anlocken, ergänzt Prandl. So seien jüngst Immobilien in einigen Regionen Osteuropas angeboten worden. Aufgrund mangelnder Transparenz habe man aber abgelehnt.
Foto: Corum
Batteriespeicher: Das Rad des 21. Jahrhunderts
Der Schlüssel für die effizientere Nutzung von Strom in E-Autos, Haushalten und Rechenzentren.
Stefan Riedel, München (30.01.2026). Der globale Batteriespeicherboom nimmt immer mehr Fahrt auf. 315 Gigawattstunden und damit 50 % mehr als noch vor einem Jahr wurden nach Berechnungen der Marktforscher von Benchmark Mineral Intelligence 2025 installiert. Bis zu 100.000 Drei-Personen-Haushalte lassen sich damit ein Jahr lang mit Strom versorgen. Allein der globale Markt für mobile Energiespeicher, so hat eine Marktstudie des Forschungsinstituts Fortune Business Insights berechnet, soll zwischen 2024 und 2032 von 51,1 auf 156,2 illiarden USD zulegen.
Drei milliardenschwere Zielmärkte
Elektrofahrzeuge und stationäre Energiespeicher (ESS) bilden da-bei gut 90 % des globalen Marktes für Batteriespeicher. Das mit Abstand größte Wachstumspotenzial sieht Richard Buschbeck, Senior Research Manager bei der Fondsboutique TEQ Capital, in den nächsten Jahren im ESS-Bereich: „ESS werden immer wichtiger, damit der Strom genau dann zur Verfügung steht, wenn er wirklich gebraucht wird. Durch die immer weiter fallenden Kosten für Batteriesysteme wird die Kombination aus Solar, Wind und ESS zur günstigsten Stromquelle.“
Ein weiterer Zukunftsmarkt für Speichertechnologien ist der enorme Strombedarf für Rechenzentren und Daten-Infrastruktur. Vor allem die Nutzung der künstlichen Intelligenz erfordert eine stabile und planbare Stromversorgung. Daniel Zimmerer, Portfolio Manager von Swisscanto-Themenfonds, geht davon aus, dass die Datencenter für Künstliche Intelligenz zusammen mit den Erneuerbaren Energien dem gesamten Energiespeichersegment für Batterien, kurz BESS, in den nächsten Jahren voraussichtlich jährliche zweistellige Wachstumsraten bescheren werden.
Lithium-Ionen-Batterien, kurz LIBs, haben sich dabei als dominierende Speichertechnologie etabliert. Als mögliche Alternative könnten Natrium-Ionen-Batterien laut dem TEQ-Experten Buschbeck den kommerziellen Durchbruch schaffen. „Sie versprechen niedrigere Materialkosten, haben aber eine niedrigere Energiedichte, was bei kostensensitiven Endmärkten wie ESS weniger ins Gewicht fällt.“
Weites Blue-Chip-Universum
Spannend für Anleger sind zum einen Energiedienstleister wie Siemens Energy und NextEra Energy oder Versorger wie RWE, die auch an Speicherlösungen mitverdienen. Die E-Auto-Hersteller BYD und Tesla sind eine weitere Option. Deutlich spekulativer sind Zulieferer und Hersteller von Rohstoffen und Chemikalien wie Ganfeng Lithium, Albemarle und Umicore, die für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien benötigt werden.
Alexander Funk, Geschäftsführer bei RezooM Capital, favorisiert Konzerne wie Samsung SDI, Panasonic oder CATL aus China, die als weltgrößte Batteriehersteller hier auch unterwegs sind. Als Beispiel für Nischenplayer nennt der Experte Enphase Energy aus den USA: „Mit seiner IQ-Batterie für das Speichern von Solarstrom und intelligentem Energiemanagement hat Enphase einen Wachstumstreiber für die nächsten Jahre. Oder nehmen wir Sunrun, den früheren Vertriebspartner von Tesla für deren Wallboxen, die jetzt mit der eigenen Brightbox unterwegs sind.“
Eine Aktie, drei Produkte
Samsung SDI produziert Lithium-Ionen-Batterien, Batterien für Elektroautos, Energiespeichersysteme und Elektronikkomponenten. Angesichts des bis 2027 erwarteten Gewinnsprungs ist die Aktie günstig bewertet. Unter den ETFs bietet der im Jänner 2018 aufgelegte „L&G Battery Value-Chain UCITS ETF“ eine Diversifikation aus 38 Firmen aus den Bereichen Speichertechnologien und Metallproduktion. Technologiefonds wie der TEQ Clean Technologies oder rezooM World sind unter anderem in Unternehmen investiert, die eine technologische Vorreiterrolle bei Energieeffizienz und erneuerbaren Energien spielen.
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Industriestrategie: Wo ist die Finanzindustrie?
Florian Beckermann. Es ist vollbracht. Endlich hat Österreich eine Industriestrategie! Besser „haben“ als „hätte“. Die Bundesregierung hat geliefert, auch wenn sich die Lieferung liest, wie ein realitätsferner Wunschzettel ans Christkind. Doch so muss das sein, wenn man hochhinaus will – Realisierbarkeit oder Konkretisierung stehen auf einem anderen Blatt.
Wichtig: Die Regierung hat wieder entdeckt, dass Wohlstand nicht aus Workshops, Berichtswesen oder Sitzkreisen, sondern aus Fabrikhallen, Laboren und Risiken kommt – eigentlich ein Festtag für Rückgewinnung der Freiheiten des Unternehmertums gegenüber der fulminanten und alles beherrschenden Staatsquote. Nur eines fehlt. Ausgerechnet das, ohne das all die schönen Industrie-Visionen ungefähr so realistisch sind wie ein Stahlwerk ohne Strom: Die Finanzindustrie und der Kapitalmarkt.
Dass Kapital organisiert werden muss, dass Risikofinanzierung eine eigene Infrastruktur braucht, dass Banken und Kapitalmärkte über den Erfolg mitentscheiden – all das bleibt einstweilen ausgespart? Man will eine Industriestrategie, aber bitte ohne Finanzkapitalismus? Man mag eine gewisse Nostalgiekomponente verorten.
Dabei wäre die Finanzindustrie eigentlich eines der naheliegendsten Industrieprodukte Österreichs! Besonders naheliegend ist das deshalb, weil sie längst selbst eine der stärksten Industrien des Landes ist: Extrem datengetrieben, extrem hoch reguliert, extrem technologieintensiv – Tendenz weiter steigend. Längst bräuchte es Anreize diese Stärke Österreichs weiter zu stärken. Nicht nur um in den Expansionsländern der Finanzindustrie zu reüssieren, sondern gerade dem heimischen Markt eine Dynamik zu verschaffen.
Es geht dabei auch um eine marktwirtschaftliche Regulierungsfunktion, ja Werthaltigkeitstestung. Finanzindustrie, Kapitalmärkte und insbesondere Risikokapitalgeber prüfen strategisch, professionell und mit einem marktwirtschaftlichen Horizont. Perspektiven, die bei Förder-Calls mit Antragsfrist nur schwerlich abgedeckt werden können. Stichwort Bürokratieabbau: Förderwesen produziert Anträge, Richtlinien, Berichtspflichten und Compliance-Kosten. Unternehmer optimieren dann nicht ihr Produkt, sondern ihre Förderfähigkeit. Innovationskraft wird durch Formularlogik ersetzt. Wollten wir das nicht gerade abschaffen?
Fazit: Solange die Finanzindustrie politisch als (notwendiges) Übel gilt und nicht als strategischer Hebel, bleibt jede Industriestrategie ein netter Regierungswunschzettel. Wer in weiterer Perspektive das europäische Sparvermögen in die Wettbewerbsfähigkeit Europas einbringen möchte, muss die Finanzindustrie mitdenken. Wer angesichts der globalen Verwerfungen noch meint, dass man solche Maßnahmen aus ideologischen Gründen auslassen muss, hat die Klima- und Wettbewerbszeichen der Zeit nicht verstanden.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Die höchsten Gewinnmargen 2026
Die Weltwirtschaft verändert sich. Welche Branchen profitieren werden.
Roman Steinbauer (23.01.2026). Die Entwicklung der operativen Umsatzrendite bzw. Gewinnmarge (Ebit-Marge) bleibt für Aktienanleger ein ganz entscheidender Faktor. Im Zuge globaler Umwälzungen und ökonomischer Neuausrichtungen ganzer Volkswirtschaften beim Export unterliegt die Rentabilität vieler Branchen zunehmend volatilen Schwankungen.
Die New Yorker Research-Plattform IBISWorld erstellte, basierend auf Experten-Analysen zu 1.300 Unternehmen, Prognosen zu sich verändernden Gewinnmargen in diversen Wirtschaftskategorien. Den höchsten Profitabilitätsanstieg sollte 2026 demnach die Branche Hotel & Resorts mit +2,9 % erreichen. Im Industriesektor bleibt die Luft- und Raumfahrt mit +2,8 % im Blickpunkt.
Rentable Nischenbranchen sind wiederum vorrangig für die US-Märkte vorhanden. Da diese Trends vorgeben, lassen sich aber Rückschlüsse auf andere bedeutende Regionen ableiten. IBISWorld sieht hier an vorderster Front HR-Dienstleister (Personalverwaltung, Recruiting, Verträge). Die Gewinnquote sollte in dieser Kategorie mit beeindruckenden 96,1 % zu Buche schlagen.
Starke Marktposition festigt Kontinuität
Abgesehen von jenen Gesellschaften, die in Bereichen wie dem Online-Gaming tätig sind, stehen die großen Zahlungsabwickler mit einer hohen und soliden Rentabilität auch weit oben. Laut der Finanzplattform für Langzeit-Investoren Macrotrends verzeichnete Visa mit Ende September eine Netto-Gewinnmarge von 50,15 %. Mitbewerber MasterCard glänzte im gleichen Zeitraum immerhin mit 45,28 %, während sich American Express mit 15 % abzufinden hatte.
Der Einzelhandel hat vergleichsweise generell mit geringen Aufschlägen zu operieren (der Handelsriese Walmart weist eine Gewinnspanne von unter 3 % auf).
Autohersteller im Abseits
Wie schnell heute in einer Industriesparte die Effizienz schwindet, zeigt die Autoindustrie mit nur wenigen Lichtblicken. Nach Angaben des deutschen Verbands der Automobilindustrie (VDA) drücken weiterhin mehrere Faktoren deutlich auf die Profitabilität. Die Notwendigkeit hoher Investitionen in neue Technologien sowie unter Erwartungen liegende Absätze im Elektro-Segment erhöhen die Preiskämpfe. Traditionsreiche europäische Produzenten stehen zusätzlich unter dem Druck schwindender Marktanteile.
Der Interessenvertretung nach habe Deutschland im Vorjahr seinen Platz als zweitgrößter Produktionsstandort zwar gefestigt. Dennoch werde es vorerst kaum möglich sein, geschwundene Gewinnanteile zurückzuerobern. Der VDA beruft sich auf die Datenlage bis 30. September 2025. Diese weist eine im Median scharf sinkende durchschnittliche Ebit-Marge auf nur noch 5,5 % (2024: 7,8 %) bei den führenden Herstellern auf. Der durchschnittliche Gewinn pro Pkw sank um 34 % auf noch 2.218 Euro. Auch wenn Toyota und Hyundai ebenso an Ertragskraft verloren, lieferten die Asiaten mit 8,4 % bzw. 7,5 % die höchste Umsatzrendite ab.
Magnificent Seven verlieren an Zugkraft
Die hohen Gewinnmargen der sieben Tech-Aktien-Stars („Magnificent Seven“) der vergangenen Jahre könnten indes an den Börsen an Zugkraft einbüßen. So zitierte das Handelsblatt in der Ausgabe vom 2. Jänner u.a. den Ökonomen und CEO von Yardeni Research Ed Yardeni mit der aufrüttelnden Aussage, dass Alphabet, Nvidia, Amazon & Co 2026 aus dem Fokus rücken würden.
Foto: Adobe Stock / Rusman Gilmanshin
| Prognosen / Globaler Anstieg der Gewinnmarge | |
| Branche | 2026 zum Vorjahr |
| Hotels & Resorts | +2,9 % |
| Militär- und Raumfahrt | +2,8 % |
| Käse-Industrie | +2,2 % |
| Cargo-Flugzeuge | +1,8 % |
| Terminals für Container und Seestreitkräfte | +1,8 % |
| Biotechnologie | +1,7 % |
| Tabakindustrie | +1,0 % |
| Banking & Brokerage | +1,0 % |
| Militär-Marine-Schiffbau | +0,7 % |
| Quelle: IBISWorld Report | |
| Prognosen / Spitzen-Umsatzrenditen einzelner Segmente in den USA | |
| Branche | Geschätzte Gewinnmarge 2026 |
| HR Dienstleistungen | 96 % |
| Gesundheit & Sicherheit | 94 % |
| Personalvermittlung-Gesundheitssektor | 91 % |
| Psychologische Betreuung | 88 % |
| Transportlogistik chemischer Stoffe | 85 % |
| Grundstücksverpachtung | 83 % |
| Software-Entwicklung für Finanzmanagement | 82 % |
| Physiotherapeutische Rehabilitation | 82 % |
| Personalvermittlung-Führungspositionen | 81 % |
| Quelle: IBISWorld Report | |
| Im Artikel angeführte Aktien | |
| Name | ISIN |
| Visa Inc. | US92826C8394 |
| MasterCard | US57636Q1040 |
| American Express | US0258161092 |
| Walmart | US9311421039 |
| Toyota Motor Corp. | JP3633400001 |
| Hyundai Motor | KR7005380001 |
| Alphabet Kat. C | US02079K1079 |
| Nvidia | US67066G1040 |
| Amazon | US0231351067 |
Knorr-Bremse hat sich neu aufgestellt
Der Weltmarktführer erhöht dank Verschlankungen und Zukäufen wieder das Wachstumstempo.
Stefan Riedel, München (23.01.2026). Mit Knorr-Bremse (DE000KBX1006) kommen viele Menschen täglich in Kontakt. Das Unternehmen aus dem Münchener Norden kommt bei den Bremssystemen für Schienenfahrzeuge auf einen globalen Marktanteil von 50 %. Bei den Bremsen für Lkws, Busse, Anhänger und Landmaschinen sind es 30 %. Und seitdem das im Sommer 2023 verabschiedete Wachstumsprogramm Früchte trägt, hat sich die im MDax gelistete Aktie in den letzten zwei Jahren wieder langsam nach oben gearbeitet.
Neuausrichtung greift
„Wir müssen Knorr-Bremse nicht neu erfinden, aber wieder auf Kurs bringen“, gab Vorstandschef Marc Llistosella die strategische Richtung vor. In der Praxis ging es darum, drei Maßnahmen umzusetzen: Kosten senken, Tochtergesellschaften veräußern und im Segment Bahntechnik über Akquisitionen international expandieren. Die Investitionen und Portfoliobereinigungen kosteten Knorr-Bremse 2024 Umsatz und Gewinn.
2025 zeigte die Tendenz im Laufe der einzelnen Quartale aber wieder klar nach oben. Im dritten Geschäftsquartal legte der Umsatz um 2,7 % auf fast 1,9 Milliarden Euro zu. Noch besser sieht es beim Auftragseingang aus, der um 5,2 % auf fast 2 Milliarden Euro stieg. Damit verfehlte Knorr-Bremse zwar die Prognose, erreichte aber bei der operativen Ebit-Marge mit einer Verbesserung von 12,3 auf 13,3 % den höchsten Wert seit 16 Quartalen.
Jahreszahlen versprechen Spannung
Wenn Knorr-Bremse am 19. Februar die Jahreszahlen präsentiert, geht es zum einen darum, ob die eigenen Prognosen realisiert wurden. Das Management erwartet 7,8 bis 8,1 Milliarden Euro Umsatz, eine operative Ebit-Marge zwischen 12,5 und 13,5% nach 12,3% im Vorjahr und dazu 700 bis 800 Millionen Euro Free Cashflow, was im optimistischen Szenario die 730 Millionen Euro von 2024 deutlich übertreffen würde. Besonders spannend werden jedoch die Aussagen zum künftigen Wachstumskurs. „Wir passen 2025 unsere Strukturen an, sodass wir nächstes Jahr verstärkt das Thema nachhaltiges Wachstum und Expansion adressieren können“, hatte sich Finanzvorstand Frank Weber dazu bei den letzten Quartalszahlen geäußert.
Wachstum durch Zukäufe
Ein Zukauf spielt dabei eine wichtige Rolle. 500 Millionen Euro hatte Knorr-Bremse im Juli 2025 für die Schweizer Duagon-Gruppe auf den Tisch gelegt. Duagon ist auf Hardware und Software für sicherheitsrelevante Anwendungen vor allem in der Bahnindustrie spezialisiert. Knorr-Bremse erhofft sich hier Synergien für die Bahnsparte, für die beiden Töchter Selectron und KB Signaling in der Signaltechnik und bei Bremssystemen. Rund 175 Millionen Euro Umsatz und eine operative Ebit-Marge von 16 %, also über dem aktuellen Konzern-Durchschnitt, soll Duagon 2026 einbringen, und dann ab 2028 jährliche Synergieeffekte von 5 bis 10 Millionen Euro.
Defensives Investment
Bleibt die Bewertung der Aktie, die sich mit rund 59 % Anteilen mehrheitlich im Besitz der Familienstiftung des langjährigen, 2021 verstorbenen Konzernlenkers Heinz-Hermann Thiele befindet. Das 2026er-KGV von mehr als 20 lässt hier noch Luft nach oben für ein Unternehmen, das mit einer führenden Position in einer Marktnische bis 2026 auf der Gewinnseite um mehr als 25 % wachsen soll. Wer sich auf der Suche nach einem Qualitätstitel mit niedriger Verschuldung und nachhaltigem Geschäftsmodell befindet, trifft mit Knorr-Bremse eine gute Wahl.
Foto: Knorr Bremse
Gold als Sachwert
Rekordpreise und die Renaissance des Schmucks.
Lea Schweinegger (23.01.2026). Während die Feinunze derzeit bei mehr als 4.500 US-Dollar notiert, behauptet sich Goldschmuck zunehmend als emotionale und materielle Sachwertanlage. Ein Blick auf die Dynamik eines Marktes, der trotz Rekordpreisen nie aus der Mode kommt.
In der über hundertjährigen Geschichte des Börsen-Kurier gab es nur wenige Phasen, in denen Gold eine derart dominante Rolle spielte wie im Marktumfeld zu Beginn des Jahres 2026. Mit einem kräftigen zweistelligen Plus innerhalb der vergangenen zwölf Monate hat das Edelmetall seine Funktion als „sicherer Hafen“ erneut unter Beweis gestellt und ist zu einem zentralen Baustein moderner Portfolios geworden. Während institutionelle Anleger vor allem auf börsengehandelte Produkte und Goldminen setzen, erlebt eine klassische Form des Goldbesitzes eine stille Renaissance: hochwertiger Goldschmuck.
Die Ökonomie des Glanzes
Was für professionelle Investoren Barren oder Münzen im Tresor sind, ist für viele Privatanleger das Erbstück oder die gezielte Investition in 18-karätigen Schmuck. Der wirtschaftliche Hintergrund ist klar: Unsicherheiten rund um Staatsverschuldung, Zinsentwicklung und geopolitische Konflikte haben den Goldpreis in Regionen geführt, die vor wenigen Jahren noch als unrealistisch galten. Langfristige Marktprognosen einzelner Analysten reichen deutlich über bisherige Rekordniveaus hinaus, wenngleich sie mit Vorsicht zu interpretieren sind.
Schmuck als „tragbare Währung“
Für den österreichischen Markt mit seiner starken Affinität zu physischen Werten bedeutet das hohe Preisniveau eine Zäsur. Juweliere berichten von einem klar zweigeteilten Trend. Erstens gewinnt bei Neukäufen die Materialqualität an Bedeutung. Gefragt sind vor allem hohe Legierungen wie 750er Gold (18 Karat), da hier der reine Goldanteil einen wesentlichen Teil des Kaufpreises ausmacht. Zweitens erlebt historischer Schmuck eine Aufwertung. Der hohe Goldpreis macht sogenanntes „Alt- und Bruchgold“ zu einer liquiden Reserve. Viele ältere Stücke bestehen aus Rotgold, einer Goldlegierung mit erhöhtem Kupferanteil, die dem Metall seine warme Farbe verleiht und zugleich für hohe Stabilität sorgt.
Historisch wurden vor allem 333er-, 585er- und 750er-Legierungen verwendet. Während niedrigere Feingehalte vor allem im Alltags- und Gebrauchsschmuck verbreitet waren, steht 750er Rotgold für hochwertige Goldschmiedearbeiten mit hohem Verarbeitungswert. Schmuck aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde häufig in diesen Legierungen gefertigt, da sie langlebig, gut formbar und widerstandsfähig waren.
Für Anleger ist Rotgold daher doppelt interessant: Es verbindet klar kalkulierbaren Materialwert mit handwerklicher und historischer Substanz. Dass solche Stücke heute deutlich über dem reinen Schmelzwert gehandelt werden, zeigen aktuelle Auktionsergebnisse.
Beim Wiener Dorotheum erzielten historische Armbänder und Ketten aus der Zeit um 1900 zuletzt Zuschläge im hohen fünf- bis sechsstelligen Bereich. Auch im Auktionshaus Kinsky werden qualitätsvolle Goldarbeiten mit klarer Provenienz regelmäßig deutlich über Materialwert verkauft.
Nachhaltigkeit und Werterhalt
Ein zusätzlicher Faktor ist das wachsende Interesse an sogenanntem „Second Life Gold“. Recyceltes Gold ist längst kein Nischenprodukt mehr, sondern Standard in der gehobenen Goldschmiedekunst. Es trägt sowohl zur Ressourcenschonung als auch zu einer transparenten Wertschöpfungskette bei.
Fazit
Gold bleibt auch 2026 ein zentraler Teil im Depot. Ob als Münze, Barren oder meisterhaft gefertigter Schmuck – die Beständigkeit des Metalls überdauert Marktzyklen. Physisches Gold behauptet sich auch im digitalen Zeitalter als verlässlicher Wertspeicher.
Foto: KI-generierte Illustration
Kommunikation ist alles!
Erstes Wiener HV-Kolleg zu gesetzlichen Rahmenbedingungen und HV-Kultur.
Red/tp (23.01.2026). Spannende Diskussionen bot das 1. Wiener HV-Kolleg des Börsen-Kurier-Partners Interessenverband der Anleger (IVA) in Kooperation mit der auf Kapitalmarktfragen spezialisierten international tätigen Kanzlei Kinstellar in deren Räumlichkeiten. Schwerpunktthemen waren die Evolution der rechtlichen Rahmenbedingungen (Panel 1), Diversität und Anlegerschutz (Panel 3) sowie Listing-Act und Omnibus-Verordnung (Panel 2). Letzteres wurde durch Börsen-Kurier-Chefredakteur Tibor Pásztory (am Bild rechts) moderiert.
In seinen Begrüßungsworten warnte IVA-Präsident Florian Beckermann (am Bild links) vor einer Unterschätzung der Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (etwa aufgrund von deren Nutzung durch aktivistisch Investierende) sowie vor der allzu hohen Staatsquote hierzulande. „Österreich könnte das bessere Deutschland werden!“, rief er zu einer selbstbewussteren Haltung auf.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen
Schnell wurde klar, dass die ausgeprägte Bürokratie auf europäischer wie österreichischer Ebene einen großen Hemmschuh für den heimischen Kapitalmarkt darstellt. Auch fehle ein überzeugendes europäisches Gesellschaftsrecht. „Die Societas Europea (SE) war kein großer Erfolg“, stellte Sonja Bydlinski, Professorin für Gesellschaftsrecht, trocken fest.
Auch der Green Deal war ein großes Thema. Dieser betrifft nun aufgrund der Omnibus-Verordnung deutlich weniger Unternehmen als bisher. Allerdings: „Einzelne Bausteine herauszunehmen ist schwieriger als das Ganze zu gestalten“, wie Alfred Lejsak, Vorsitzender des Österreichischen Arbeitskreises für Corporate Governance, der selbst in Brüssel an vielen Entwürfen mitgearbeitet hat, meinte. Auch er ortet Lücken im EU-Recht und vermisst einen kapitalmarktrelevanten Generalpensionskassenvertrag in Österreich. Notar Christian Mayer wiederum stößt sich an Störaktionen durch Aktivisten, die mit der Wahrung von Aktionärsrechten nichts zu tun haben. Marco Wolfsberger, Geschäftsführer der Übernahmekommission, wies auf die wachsende Komplexität im Übernahmerecht insbesondere in Insolvenzfällen hin. Hier sei man an ein „Fristenkorsett“ von fünf Monaten gebunden, wie er es ausdrückte. „Wie soll sich das ausgehen?“, fragt er sich.
Mehr als nur Pflichtübungen
Moderator Tibor Pásztory erinnerte daran, dass die Abhaltung von Hauptversammlungen nicht isoliert, sondern im Rahmen der gesamten Investor Relations zu sehen sei. Es ginge daher um weitaus mehr als die bloße Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, sondern um Kommunikation generell. Dies begänne bereits bei der Einberufung der HV.
Unisono erklärten die Diskussionsteilnehmer, dass die Umstellung vom Amtsblatt zur Elektronischen Verlautbarungs- und Informationsplattform des Bundes (EVI) keine großen Auswirkungen gezeigt hätte. Eine als ungenau erachtete Einberufung der Volkswagen AG sei vom Deutschen Bundesgerichtshof allerdings gekippt worden, mahnte Petra Heindl, Rechtsanwältin bei Kinstellar und „Hausherrin“ der Veranstaltung. Susanne Aglas-Reindl, Head of Investor Relations A1 Telekom Austria Group und Vorstandsmitglied des Cercle Investor Relations Austria (CIRA), wies wiederholt auf das A & O ihrer jahrelangen Erfahrungen aus der Praxis hin, nämlich allumfassende Kommunikation. Auch Josef Baumüller, Aktivist und Wissenschaftler an der TU Wien, der sich wesentlich mit den IFRS Reporting Standards beschäftigt hat, begrüßt diese Haltung.
Durchaus unterschiedlich zeigten sich die Meinungen der Teilnehmer hingegen zu virtuellen Hauptversammlungen. Während die meisten zwischen Befürwortung und neutraler Haltung zu verorten waren, zeigte sich nur der Moderator aus Journalistensicht strikt dagegen. Einhelligkeit bestand hingegen bei der Skepsis gegenüber der Einführung von Mehrstimmrechtsaktien. Diese Position vertritt im Übrigen auch der IVA.
Listing Act und Omnibus-Verordnung
Als ziemliches Sammelsurium erweist sich der (vom Österreichischen Nationalrat allerdings noch nicht beschlossene) Listing Act, ein Reformpaket der EU, wie Martin Wenzl, Head of Listings & Indices der Wiener Börse AG, bestätigt. Dieses soll Börsengänge und Kapitalerhöhungen erleichtern und Pflichten wie Kosten börsennotierter Unternehmen reduzieren, ohne dabei den Anlegerschutz zu mindern. Wenzl sprach hier konkret die im Listing Act enthaltene Prospektverordnung an.
Auch bei der Omnibus-Verordnung handelt es sich um ein Sammelwerk verschiedener Maßnahmen, die einer Vereinfachung und dem Bürokratieabbau dienen sollen. Gerhard Marterbauer, Partner bei Deloitte, erläuterte den aktuellen Stand, demzufolge nun deutlich weniger Unternehmen in Österreich betroffen sind. Den wichtigsten Bereich stellt dabei die Nachhaltigkeits- und Reporting-Regulatorik dar. Edith Leiner, Prüferin im Accounting- und IFRS-Enforcement-Team der Finanzmarktaufsicht, wies hier auf die Wichtigkeit des Europäischen Trilogs „Kommission – Rat – Parlament“ hin, um die Verordnung bei den betroffenen Standards wie CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) oder EU-Taxonomie umzusetzen.
Zahlreiche Einzelbestimmungen
Leiner interessiert sich ihrer Position gemäß besonders für die Marktmissbrauchsverordnung. Ihr geht es vor allem um das Thema Insidergeschäfte, und hier wiederum um die Frage, ab wann eine Ad-hoc-Meldung veröffentlicht werden muss, um Insidergeschäfte verhindern zu können. Insgesamt jedoch wird der Listing Act als positiv gewertet, wie Marterbauer aufgrund der Prospektvereinfachungen bei Börsengängen bestätigt. Auch bei Kapitalerhöhungen seien vereinfachte Dokumente und höhere Schwellenwerte zur Verpflichtung vollständiger Prospekte vorgesehen.
Grundvoraussetzung für eine Rechtsgültigkeit in Österreich ist der Beschluss des Nachhaltigkeitsberichtsgesetzes (NaBeG) durch den Nationalrat. Edith Leiner und Martin Wenzl erwarten diesen für Ende Februar.
„Miteinander reden“
Auch das dritte Panel nahm sich teilweise derselben Themen an, etwa des Leitungspositionengesetzes (GesLeiPoG). Hier taten sich neben der deutsch-amerikanischen Stimmrechtsvertreterin Katryna Krüger und dem Gründer Andreas Posavac vor allem der Investor Rupert-Heinrich Staller kurzweilig hervor. Hier ging es vor allem um die Gegenüberstellung von Investoren- und Emittenteninteressen. Angesprochen wurden dabei internationale Tendenzen bei KI und ESG, den Einfluss internationaler Investoren, Frauenquoten in Aufsichtsräten oder Vergütungssysteme. Aber – wieder einmal – auch ganz stark um Kommunikation: „In einer Präsenz-HV kann man dem CEO sagen, dass er ein Trottel ist“, fasste Staller dies humoristisch zusammen.
Foto: Annex Productions / Florian Arnoldner
Aktionärs-Aktivismus 2026: Was steht auf der Agenda?
Florian Beckermann. Für börsengelistete Unternehmen zeichnet sich wieder ein intensives und facettenreicheres Engagement der Aktionäre ab. Vorreiter dafür sind häufig Tendenzen aus Großbritannien, wo Aktionärs-Aktivismus die größte Rolle europaweit spielt. Danach folgen Deutschland, die Schweiz und die skandinavischen Staaten.
Laut der Beratungsgesellschaft Alvarez & Marsal könnten im Jahr 2026 deutlich mehr als 50 britische Gesellschaften im Visier aktivistischer Investoren stehen und entsprechende, wegweisende Kampagnen aufzeigen, so der Activist Alert. In Europa stehen insgesamt rund 140 Unternehmen im Fokus. Wenig überraschend, liegt der sektorale Schwerpunkt bei Consumer Goods und klassischer Industrie (ca. 50 %), gefolgt von Technologie- und Energieunternehmen.
Thematisch: Entsprechend der Entwicklung der vergangenen Jahre ist eine weitere Verlagerung der Interessen prognostiziert. War noch vor wenigen Jahren die Themengruppe um „Governance“ klar Vorreiter, ist aktuell die Frage der Kapitalallokation und Operations/Strategy beinahe gleich auf. Dies mag angesichts der konkreten Schwerpunkte wenig verwundern.
Als besonders interessant schiebt sich nach der Studie von A&M die Wertentwicklung aus der KI und dessen Implementierung/Disruption auf den ersten Platz des Aktionärsinteresses. Wobei Wertschaffung und Wertzerstörung durch die Technologie berücksichtigt werden. Es ist keineswegs klar, dass KI gewinnbringend bei jedem
Unternehmen einsetzbar ist. Die Bubble-Gefahr bzw. das Investitionsrisiko wird adressiert werden. Geopolitik, die Wettbewerbssituation mit China (insbesondere Handelsrouten) folgen auf den Plätzen zwei und drei.
Die Inkonsistenz von Equity-Stories, Glaubwürdigkeitsthemen und Führungsschwäche als klassische Aktivistenthemen treffen auf einen stärker werdenden Übernahmemarkt. Das Wiedererstarken von M&A-Transaktionen am europäischen Kapitalmarkt ist ein Resultat niedriger Zinsen und einem Pouvoir an „trockenem Pulver“. Es mag jedoch zu sektoral unterschiedlichen Gewichtungen kommen, da nicht jeder Markt über eine Vielzahl „attraktiver“ Unternehmen verfügt. So ist das Vereinigte Königreich stark bei Consumer Goods, Österreich im Banken- und Finanzsektor – siehe Erste Group und Santander Polska.
Woher? Die große Mehrheit der Aktivistengruppen wird durch Fonds aus den USA finanziert (41%). Insbesondere durch die Erschwerung von ESG-verbundenen Kampagnen durch die US-Börsenaufsicht SEC, kam es 2025 zu einer Zunahme in Europa, wo solche Aktivitäten verstärkt auftraten.
Fazit: Neben den nationalen Eigenheiten in Österreich werden auch die genannten Themen auf der kommenden Hauptversammlungssaison zur Sprache kommen. Ob einzelne Kampagnen hier greifen werden, ist noch offen. Der IVA setzt mit seinen Schwerpunktfragen seit 15 Jahren dabei auf Kontinuität und transparentes Monitoring. Diese werden dieser Tage veröffentlicht.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Ölpreis im Jahr 2026: Spiegel struktureller Veränderungen
Ein Kommentar der Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking.
(09.01.2026) Trotz bärischer Aussichten für die Ölpreise im Jahr 2026 trieben die Unruhen in Venezuela die Notierungen zu Wochenbeginn kurzfristig in die Höhe. Am Montag dieser Woche stiegen diese als Reaktion auf die Unruhen in Venezuela um mehr als 1 Prozent. Es dürfte sich jedoch um eine kurzfristige Volatilität handeln, da sämtliche Analysen für das laufende Jahr 2026 von einem Überangebot ausgehen, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar. Bereits am Dienstag folgte eine leichte Gegenreaktion auf den Preisanstieg von Montag.
Venezuela ist Gründungsmitglied der Organisation der Erdölexportländer (OPEC) und verfügt über die weltweit größten Ölreserven mit etwa 303 Milliarden Barrel. Allerdings befindet sich der Ölsektor seit langem im Niedergang, was hauptsächlich auf zu geringe Investitionen und die Sanktionen der USA zurückzuführen ist.
Ein Markt im Überschuss
Nach Jahren hoher Volatilität dürften sich die Ölpreise demnach nun auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau einpendeln. Analysten, Energieagenturen und Rohstoffhändler erwarten für das soeben begonnene Jahr keinen neuen Ölboom, sondern einen Markt, der von Überangebot, gedämpfter Nachfrage und geopolitischen Störfeuern geprägt ist.
Der wichtigste Treiber dieser Prognosen ist das Angebot. Die Förderung der Erdöl-produzierenden Länder, die sich vor 10 Jahren zur erweiterten OPEC, der so genannten OPEC+ zusammengeschlossen haben (Algerien, Äquatorialguinea, Gabun, Iran, Irak, Kongo, Kuwait, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Venezuela. Russland, Kasachstan, Oman, Aserbaidschan, Brunei, Malaysia, Mexiko, Bahrain, Südsudan, Sudan), bleibt trotz interner Spannungen hoch. Gleichzeitig bauen die USA ihre Rolle als weltweit größter Ölproduzent weiter aus. Dazu kommt, dass abhängig von den künftigen politischen Entwicklungen aus Venezuela oder Iran zusätzliche Mengen auf den Markt kommen könnten. In Summe rechnen viele Beobachter für 2026 mit einem strukturellen Überangebot.
Selbst moderate Förderkürzungen würden vermutlich kaum ausreichen, um den Markt nachhaltig zu verknappen. Das erklärt, warum die meisten Prognosen für Brent-Rohöl nur Preise zwischen rund 55 und 62 US-Dollar pro Barrel sehen. Für die US-Sorte WTI liegen die Schätzungen meist noch etwas darunter.
Schwache Nachfrage
Auf der Nachfrageseite fehlen die Impulse. Das globale Wirtschaftswachstum verläuft verhalten, insbesondere in China, das lange Zeit als Wachstumsmotor des Ölmarktes galt. Gleichzeitig zeigen Effizienzgewinne, Elektromobilität und der Ausbau erneuerbarer Energien zunehmend Wirkung. Der weltweite Ölverbrauch wächst zwar weiter – aber langsamer.
Für viele Ökonomen ist entscheidend, dass ohne einen kräftigen Nachfrageanstieg dem Ölpreis die Grundlage für einen dauerhaften Aufwärtstrend fehlt.
Geopolitik bleibt Unsicherheitsfaktor
Ganz ohne Risiken ist der Ausblick dennoch nicht. Konflikte im Nahen Osten, neue Sanktionen gegen Russland oder politische Umbrüche in Förderländern können jederzeit zu kurzfristigen Preissprüngen führen. Längerfristig werden sich die Auswirkungen möglicher neuer Szenarien aber voraussichtlich in Grenzen halten.
Geopolitische Ereignisse würden für Volatilität sorgen, aber keine Trendwende bedeuten, so die Experten. Solange das Angebot hoch bleibt, dürften Preisschocks rasch wieder abklingen.
Verbraucher und Wirtschaft profitieren
Für Verbraucher in Europa könnte ein moderater Ölpreis 2026 stabilere Energie- und Kraftstoffkosten bedeuten – vorausgesetzt, Steuern und Abgaben steigen nicht weiter. Für Förderländer hingegen wird der finanzielle Spielraum enger. Staaten mit hohen Haushaltsabhängigkeiten vom Ölpreis stehen vor der Herausforderung, ihre Ausgaben an niedrigere Einnahmen anzupassen.
Frequentis-Aktie startet stark ins neue Jahr
Nach +180 % im Vorjahr: Verteidigungsinvestitionen geben neue Impulse.
Patrick Baldia (16.01.2026). Was nun? Diese Frage beschäftigt vermutlich gerade nicht wenige Frequentis-Aktionäre. Nach einem Jahr wie 2025, in dem die Aktie des Spezialisten für Kommunikations- und Informationssysteme für Kontrollzentralen mit sicherheitskritischen Aufgaben einen Kursanstieg von nicht weniger als 180 % erlebte, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Bislang zeigte die Aktie jedenfalls auch im neuen Jahr keine Schwäche: Zu Buche steht ein vorläufiges Kursplus von rund 12 %.
Analysten eher vorsichtig
Die Mehrheit der vier Analysten, die die Aktie aktuell covern, ist jedenfalls eher vorsichtig, was ihre weitere Entwicklung betrifft: Dreimal „halten“ bzw. „neutral“ stehen einer „Kauf“-Empfehlung gegenüber. Die Kursziele bewegen sich zwischen 53,94 und 81 Euro, liegen damit allesamt unter dem aktuellen Kurs von 81,6 Euro (Stand kurz vor Redaktionsschluss, Anm.). Werden Späteinsteiger weitere Impulse setzen können?
Im laufenden Geschäftsjahr ist Frequentis stark unterwegs: Sowohl Auftragsbestand und Auftragseingänge als auch die Umsätze konnten bislang deutlich gesteigert werden. Damit kann das Unternehmen den positiven Trend der vergangenen Jahre bestätigen. Dabei profitiert man auch von der Kundenstruktur, die sich zu 90 % aus Behörden zusammensetzt, sowie insgesamt von verstärkten Investitionen in Mobilität und Sicherheit. Gegenüber dem Vorjahr zielt das Management jedenfalls auf ein Umsatzplus von 10 %, eine Steigerung des Auftragseingangs im unteren zweistelligen Prozentbereich und eine Ebit-Marge zwischen 6,5 und 7 %.
Verteidigung als Wachstumstreiber
Das Management geht davon aus, in den kommenden Jahren von steigenden Verteidigungsausgaben, sprich Investitionen in Flugsicherung und Luftverteidigung, zu profitieren. So soll etwa die Kontrollzentralen-Infrastruktur modernisiert werden, um die Einbindung von Drohnen in die Systeme zu ermöglichen. Ein unmittelbarer Sprung bei Auftragseingängen und Umsatz wird allerdings nicht erwartet. „Beschaffungsprozesse laufen oft über mehrere Jahre und zuerst wird in militärische Hardwarekomponenten investiert, bevor diese über Softwarelösungen in Kontrollzentralen eingebunden werden“, erklärt das Vorstandsteam im Bericht für das 1. Halbjahr 2025.
Militäraufträge ab 2027
Auch Analysten erwarten, dass Frequentis ein Profiteur der steigenden Verteidigungsausgaben der Nato-Staaten sein wird. Vor allem „das Timing der Auftragseingänge ist allerdings unsicher“, meint Philip Hettich von ODDO BHF in einer Analyse Ende des Vorjahres. Er glaubt, dass die Aufträge ab Anfang 2027 zu fließen beginnen werden, sobald die neue Hardware beschafft wird und die Anforderungen für deren Integration zuverlässig eingeschätzt werden können.
Foto: Adobe Stock / indyntk / mit KI generiert
„Wir denken nicht daran, die Aktienquote zu reduzieren“
Experte: Entwicklung der Weltwirtschaft wichtiger als tägliche Geopolitik.
Patrick Baldia (16.01.2026). Alois Wögerbauer, Fondsmanager und Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft, spricht im Exklusiv-Interview mit dem Börsen-Kurier über das angelaufene Aktienjahr.
Börsen-Kurier: Bei unserem letzten Gespräch im Herbst meinten Sie, dass Sie kürzlich die globale Aktienquote erhöht hätten, um an der Jahresendrallye teilzunehmen. Man darf also gratulieren?
Alois Wögerbauer: Ja, das hat gut funktioniert. Der Hintergedanke war, dass normalerweise in guten Aktienjahren der Lauf auch zum Jahresende anhält.
Börsen-Kurier: Wie geht es jetzt weiter, sollte man als Anleger jetzt vorsichtiger vorgehen?
Wögerbauer: Unsere Aktienquote bleibt hoch und wir denken auch nicht daran, sie zu reduzieren. Schließlich entwickelt sich die Weltwirtschaft weiter relativ stabil. Auch 2026 und 2027 wird mit einem Wachstum von jeweils 3 % gerechnet. Und das ist für uns wichtiger als die tägliche Geopolitik. Auch, dass sich die Unternehmensgewinne gut entwickeln. Heuer wird ein durchschnittliches Wachstum von 8 % erwartet. Dasselbe gilt für die Aktienkurse. Kurz: Es gibt keinen wirklichen Grund, von einer Trendwende an der Börse auszugehen.
Börsen-Kurier: Die geopolitischen Entwicklungen bereiten Ihnen keine Sorgen? Der Markt hat sich zuletzt davon relativ unbeeindruckt gezeigt, obwohl eine Menge passiert ist.
Wögerbauer: Dass der Markt gelassen geblieben ist, hat zwei Gründe: Erstens ist der globale Veranlagungsdruck hoch. Egal, ob in Europa, den USA oder Asien, viele Anleger beunruhigt die Entwicklung der Staatsschulden. Sie wollen sich mit Assets – sprich Aktien, Gold und Kryptowährungen – vor der Abwertung der traditionellen Währungen und in weiterer Folge vor Kaufkraftverlusten absichern. Zweitens wirkt sich die Geopolitik in den meisten Fällen nicht auf die Geschäftsmodelle der Unternehmen aus.
Börsen-Kurier: Sehen Sie wirklich keine Themen, die für die Entwicklung der Börse entscheidend sind?
Wögerbauer: Wenn ich zwei aussuchen müsste, dann drängt sich vor allem die Frage auf, wie nach der Ära Powell das Zusammenspiel zwischen US-Präsident Donald Trump und dem künftigen Fed-Chef laufen wird. Wird sich die Person unter Druck setzen lassen? Wenn ja, hätte das gravierende Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit der Fed, die Entwicklung des Dollars und letztlich auch die Performance der Börse. Das zweite entscheidende Thema ist, dass KI weiter Impulse für die Wirtschaft liefert.
Börsen-Kurier: Sie sehen also keine KI-Blase?
Wögerbauer: Nein, denn Blasen, über die alle reden, sind in der Regel auch keine. Bei KI geht es letztlich um die Frage, ob die Technologie den Nutzern bzw. Unternehmen Produktivitätsfortschritte bringt. Und da bin ich eher im Lager der Optimisten und sehe Profiteure auf breiter Ebene.
Börsen-Kurier: Lassen Sie uns über die Wiener Börse reden. Würden Sie beispielsweise einen Frequentis-Aktionär nach dem Kursplus von rund 180 % im Vorjahr aktuell empfehlen, seine Position aufzustocken?
Wögerbauer: Klar scheint, dass wir in Wien heuer nicht eine ähnliche starke Performance sehen werden wie 2025. Allerdings bedeutet das nicht, dass sich der Wiener Markt schlecht entwickeln wird.
Aber zurück zu Ihrer Frage: Frequentis ist ein tolles Unternehmen. Dasselbe gilt aber auch für andere Top-Performer des Vorjahres wie Strabag oder VIG. Ich würde jedenfalls derzeit nichts verkaufen. Gleichzeitig würde ich auf dem aktuellen Niveau auch nicht mit großer Eile nachkaufen. Sehr wohl würde ich jedoch bei Rückgängen nachkaufen.
Börsen-Kurier: Könnte 2026 die Stunde einiger Aktien schlagen, die im Vorjahr wenig beachtet oder gar unterschätzt worden sind?
Wögerbauer: Da gibt es einige Kandidaten. Palfinger steht meiner Meinung nach vor guten Jahren. Viele Chancen sehe ich auch bei Wienerberger und Rosenbauer. RHI Magnesita könnte von steigenden Rohstoffpreisen profitieren. Das Unternehmen wird oft unterschätzt, weil Wien als Nebenschauplatz gilt. Die OMV könnte wiederum aufholen, wenn sich die Fusion zwischen Borealis und Borouge materialisiert, und FACC befindet sich in einer spannenden Phase, in der sich Investitionen in Aufträge ummünzen lassen.
Foto: Eric Kruegl / office@kruegl.at
Plötzlich Ernüchterung am Krypto-Markt
Anleger befürchten den Beginn einer längeren Abwärtsphase des Bitcoin-Kurses.
Patrick Baldia (16.01.2026). Der Bitcoin hat im Vorjahr seinen Ruf, ein äußerst volatiles Asset zu sein, wieder alle Ehre gemacht: Nach einer Schwächephase zwischen Jänner und April, während der die größte Kryptowährung einen Kursrückgang von mehr als 30 % verzeichnete, erreichte sie Anfang Oktober ein neues Allzeithoch bei rund 126.000 US-Dollar, um dann bis zum Jahresende neuerlich nachzugeben – zwischenzeitlich sogar um fast 40 %. Unterm Strich steht für das Gesamtjahr ein Minus von rund 6 % zu Buche.
„Es ist schwer, einen einzigen Treiber für die Korrektur der letzten Wochen auszumachen“, sagt Manuel Schleifer, Senior Equity Market Strategist bei der Raiffeisen Bank International, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Das sei am Bitcoin-Markt aber eigentlich schon immer der Fall gewesen. Eine Erklärung für die Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte 2025 ist für den Krypto-Experten, dass die Erwartungshaltung einfach sehr hoch gewesen sei. „Man darf nicht vergessen, dass etwa US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf sehr viel versprochen bzw. angekündigt hat – auch wenn er schon einiges geliefert hat“, meint er.
Bitcoin: +450 % seit 2023
Aktuell ist die Ernüchterung am Krypto-Markt für Schleifer nicht zu leugnen. Für ihn schaut es so aus, als ob die 126.000 US-Dollar vom vergangenen Oktober bis auf Weiteres der vorläufige Höchststand bleiben. Völlig unterzugehen scheint, dass der Bitcoin-Kurs seit Anfang 2023 um fast 450 % gestiegen ist.
Der Analyst hat sich jedenfalls überlegt, wie man die Kursentwicklung der letzten Wochen noch erklären kann und hat sich dabei mit der Annahme, dass der Bitcoin einem Vierjahreszyklus folgt, beschäftigt – im Übrigen eines der gängigsten Erklärungsmodelle für die Entwicklung der Kryptowährung. Es besagt, dass auf ein Halving (Darunter versteht man die Begrenzung des Bitcoin-Angebots ungefähr alle vier Jahre, indem die Belohnung, die die sogenannten „Miner“ für das Schürfen der Kryptowährung erhalten, halbiert wird, Anm.) mit einigem zeitlichen Abstand ein starker Kursanstieg folgt, der schlussendlich wieder in einer Korrektur mündet.
Kommt ein Krypto-Winter?
Unter der Annahme, dass der Bitcoin einem Vierjahreszyklus folge, habe sich jedenfalls in der zweiten Jahreshälfte 2025 das Ende des jüngsten Bullenmarktzyklus angedeutet, so Schleifer. „Aktuell stehen wir möglicherweise vor einem neuerlichen Krypto-Winter (Phase eines längeren Abwärtstrends am Kryptomarkt, Anm.).“ Beruhigend sei, dass man die heutige Kryptoindustrie nicht mit 2014/15 vergleichen könne. Der Markt sei viel reifer geworden. Auch würden sich gewisse Entwicklungen nicht 1:1 wiederholen. Er glaube etwa nicht, dass der Bitcoin-Kurs wie im letzten Krypto-Winter um 80 % einbrechen werde. Ein weiterer Rückgang sei jedoch sehr wahrscheinlich. „Man hat zuletzt am Markt kaum Käufer gesehen, aber viele Verkäufer. Da muss der Preis einfach zurückgehen“, hält der Experte uns gegenüber fest.
Keine Reaktion auf Zinsrückgang
Es gibt aber auch Faktoren, die eigentlich für einen Anstieg des Bitcoin-Kurs sprechen. Wie etwa die zurückgehenden Zinsen. „Bislang hat der Markt darauf aber überhaupt nicht reagiert“, so Schleifer.
Stark im Kommen waren zuletzt sogenannte „Stablecoins“. Dabei handelt es sich um virtuelles Geld, das zwar in eine Blockchain eingebunden ist, jedoch 1:1 an die Entwicklung einer Fiatwährung gekoppelt ist. Daher entwickeln sich Stablecoins auch deutlich stabiler als Bitcoin und Konsorten. Sie sollen jedenfalls schnelle und günstige grenzüberschreitende Überweisungen möglich machen. „Für mich sind sie dafür da, um Kryptowährungen zwischenzuparken, ohne direkt in Fiatgeld umwandeln zu müssen“, so Schleifer.
So oder so, nicht wenige Experten gehen jedenfalls davon aus, dass das Stablecoin-Angebot bis Ende 2026 den Rekordwert von 1 Billion US-Dollar erreichen wird.
Foto: Adobe Stock / Jearu / generiert mit KI
Politisch ausgelöster Anschub für Ölservice-Gesellschaften
Schlumberger, Halliburton, SBO und Co.: die internationalen Ölservice-Gesellschaften im Vergleich.
Roman Steinbauer (16.01.2026). Die Durchsetzung der Kontrolle und des Ausbaus der Ölförderkapazitäten in lateinamerikanischen Staaten durch die USA lässt die Aktien der Erdölgesellschaften in neuem Licht erscheinen. Einerseits verbessern sich die Perspektiven für Ölfördermultis bezüglich einer höheren Profitabilität kaum (Eine expansivere Förderung übt immerhin auf die Ölnotizen mittelfristig Druck aus), andererseits hellen sich die Aussichten der technischen Ausrüster in dieser Industrie eklatant auf. Entsprechend sprangen die Titel der Marktführer für Förderequipment und Servicedienstleistungen während der vergangenen zwei Wochen kräftig an.
Ein abruptes Erwachen der Notizen
Abgesehen vom Ausblick auf eine starke Auftragslage weisen die (auch an deutschen Börsen notierten) Aktien der Unternehmen dieser Sparte ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis auf und präsentieren sich größtenteils als Dividendenlieferanten. Vorrangig finden an den Finanzmärkten dabei die Wertpapiere von Baker Hughes (Bohranalysen bis Ausstattungsmaterial), Schlumberger (Kartografierung bis zur Erschließung von Lagerstätten), Nabors (Bohrarbeiten) oder Halliburton (Wartungs-, Entwicklungs- und Planungs-Services) Beachtung.
SBO sieht sich optimal positioniert
Geschäftlicher Nutznießer der (umstrittenen) Expansion der USA in südlichere Staaten des Kontinents ist aber ebenso die heimische SBO (Schoeller-Bleckmann Precision Technology). Auf Anfrage des Börsen-Kurier zum aktuellen Stand erklärte das Unternehmen: „In diesem Zusammenhang ist SBO gut positioniert. Wir punkten mit technologischer Stärke und Nischenkompetenz und verfügen auch in Venezuela über das geografische Setup. Unsere guten Kundenbeziehungen führen zu einer möglichen Teilhabe an dortigen Projekten, sollten diese anlaufen.“ Zu hohe Erwartungen dämpfte SBO aber mit dem Nachsatz: „Analysten erwarten eher eine langsame Produktionserhöhung und es hängt viel davon ab, wie sich rechtliche und politische Rahmenbedingungen entwickeln.“
Für die Ternitzer hat die Entwicklung jedenfalls rascher Relevanz als noch vor Jahresende gedacht. Die laufende Diversifizierung zu einem vielseitigen Anbieter von komplexen Stahl-Hochpräzisionsteilen (Geschäftsgliederung in Precision Technology und Energy Equipment) bietet generell zusätzliche Perspektiven und sollte durch ein derartiges „Öl-Equipment-Revival“ kaum beeinträchtigt sein.
Foto: Adobe Stock / Nice Seven / mit KI generiert
Eckdaten angeführter Ölservice-Gesellschaften
| Name | KGV | Div.-Rendite | ISIN |
| Baker Hughes | 14 | 2,05 % | US05722G1004 |
| Schlumberger | 12 | 2,90 % | AN8068571086 |
| Halliburton | 10 | 2,50 % | US4062161017 |
| SBO | 10 | 5,90 % | AT0000946652 |
Österreich 2026: Börse als Illusion und Weckruf
Florian Beckermann. Unsere Wirtschaftsprognosen werden gerade vorsichtig optimistisch formuliert, in Wahrheit sind sie aber äußerst vage. Die Produktivität dümpelt, die Industrie verzweifelt und Investitionen bleiben aus: Die Stimmung ist am Tiefpunkt. Aber die Börse feierte Erfolge, die wie aus einer Parallelwelt wirken. Der ATX steht auf einem Allzeithoch, die Dividenden sprudeln – auch weil der Finanzminister Markus Marterbauer Geld braucht. Doch diese Kursgewinne sind kein Vertrauensbeweis in den Standort. Die Börse läuft, weil Kapital global vagabundiert, nicht weil Österreich seine Hausaufgaben gemacht hätte. Die Börse prosperiert nicht, weil Österreich wettbewerbsfähiger wird, sondern trotzdem. Sie lebt von internationalem (US-)Kapital und von der Konzentration auf wenige Großkonzerne wie VIG oder Erste Group mit Auslandsexponierung, die aktuell gut performen. Das Ergebnis ist eine gefährliche Illusion, denn für die Realwirtschaft bleibt davon wenig übrig. Kleine und mittlere Unternehmen kämpfen mit Arbeitskräftemangel, Überregulierung und Steuerlast. Innovationen sind Mangelware.
Der Abstand zwischen Finanzmarkt und Realwirtschaft macht sichtbar, wo der Staat versagt. Wer 2026 ernsthaft Wachstum will, muss Kapital mobilisieren und in die richtigen Bahnen lenken: Durch echten Wettbewerb, Entbürokratisierung, durch steuerliche Anreize für Eigenkapital und durch einen Arbeitsmarkt, der Leistung ermöglicht statt verhindert. Ein Markt, der Vermögensaufbau zulässt. Gerade darin liegt der erste Weckruf für Strukturreformen.
Der zweite kommt vom nördlichen Nachbarn. Auch hier gaukelt der Dax eine Illusion vor. In Wahrheit ist Deutschlands Industrieelite massiv verunsichert. Ideenlos hängt Berlin in den Seilen. Die enge Verbundenheit zwischen den Ländern steht außer Frage. Doch es läge an Österreich, jetzt aus dem wirtschaftlichen Schatten herauszutreten – um sich selbst zu retten. Doch statt sich abzusetzen, kopiert man deutsche Fehler weiter im Kleinformat? Dabei könnte man leicht attraktiver sein: mit einfacherer Verwaltung, wettbewerbsfähiger Besteuerung, verlässlicher Energiepolitik und einer industriefreundlichen Regulierung. Österreich müsste sich als das positionieren, was Deutschland nicht mehr ist: ein berechenbarer, investitionsfreundlicher Produktions- und Innovationsstandort im Herzen Europas. Doch dafür müsste man aufhören, den Inflations-Feuerteufel oder den Staatsquoten-Weltmeister zu geben, mit Abschöpfungs- oder Neiddebatten Investoren zu vergraulen oder sich mit Detailregulierungen zu beschäftigen. Die Rückkehr zur Faktenlage und Leadership helfen dabei ungemein. 2026 wird zeigen, ob Österreich diese Chancen erkennt. Schellhorns Quick-Wins sind gut. Jetzt kommt mit der Industriestrategie echte Arbeit auf uns zu, und eine Schlüsselqualifikation ist gefragt: Mut.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Hat Europa auch 2026 die Nase vorn?
Für den „alten Kontinent“ würden Fiskalpolitik und attraktive Bewertungen sprechen, so Experten.
Patrick Baldia (09.01.2026). Dass der Euro Stoxx 50 sowohl den S&P 500 als auch den Nasdaq hinter sich lässt, kommt nicht allzu oft vor. Streng genommen war das in den vergangenen 20 Jahren nur alle vier Jahre der Fall. 2025 war es jedenfalls wieder so weit: Während der Leitindex, der die 50 größten Unternehmen des Euroraums abbildet, um mehr als 23 % zulegte, haben S&P 500 und Nasdaq eine Performance von rund 16 bzw. 20 % zu Buche stehen. Ist es realistisch, dass Europa heuer die USA wieder schlägt? „Damit es wieder so kommt, muss entweder das amerikanische Gewinnwachstum nachlassen oder das Gewinnwachstum in Europa stärker steigen, als es beim derzeitigen Konjunkturausblick plausibel erscheint – oder die Bewertungen in Europa und den USA nähern sich an“, erklärt Chris Iggo, CIO Core bei AXA Investment Managers, die Voraussetzungen für einen neuerlichen Triumph europäischer Aktien.
Sorgen um US-Bewertungen
Iggo ist jedenfalls nicht wirklich überzeugt von einem kräftigen Kursanstieg der großen US-Tech-Indizes. Sorgen bereiten dem Experten weiterhin die Bewertungen und die Konzentration -Stichwort: Tech-Werte. Optimistischer ist er hingegen für Europa eingestellt. Dort sei mit höheren Aktiengewinnen zu rechnen, „zumal die deutschen Ausgabenprogramme das Wachstum stärken könnten“, so Iggo.
Christian Kopf, Leiter Portfoliomanagement Renten bei Union Investment, glaubt, dass im Euroraum vor allem die Fiskalpolitik das Wachstum ankurbeln dürfte. Er geht davon aus, dass sich die positiven Effekte vor allem in der zweiten Jahreshälfte zeigen werden – also „leicht zeitverzögert“. Der Aufschwung dürfte also an Breite gewinnen. In Europa wären die Bewertungen vergleichsweise attraktiv, weil IT-Dienstleister sowie Bau- und Infrastrukturanbieter von den Fiskalpaketen profitieren könnten. Insgesamt bevorzugt man bei Union Investment im Aktienbereich allerdings die USA gegenüber Europa.
Dax: Rückenwind von der Konjunktur
Bei der Commerzbank ist man „vorsichtig optimistisch“ auf den Dax eingestellt. Der deutsche Leitindex dürfte heuer erstmals seit vielen Jahren wieder Rückenwind von der Konjunktur erhalten, so Aktien-Experte Andreas Hürkamp in einer aktuellen Analyse. Zurückzuführen sei das weiterhin auf das große Fiskalpaket der deutschen Regierung und die steigenden Verteidigungsausgaben in Europa. „Für die Dax-Unternehmensgewinne halten wir ein Gewinnwachstum von 6 bis 8 % für möglich, während sich Bewertungskennzahlen wie das KGV auf hohem Niveau seitwärts bewegen dürften“, hält Hürkamp fest.
Noch optimistischer ist man beim Assetmanager DWS. Der globale Aktienchef Benjardin Gärtner glaubt, dass die Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben 2026 einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass das Gewinnwachstum im Dax im zweistelligen Bereich liegen dürfte. So positiv der Experte auch für deutsche Aktien eingestellt ist, auch er glaubt, dass die USA 2026 der aussichtsreichste Aktienmarkt sein werden. „Die Unternehmensgewinne dürften in den USA in den kommenden zwei Jahren zweistellig wachsen, angetrieben von der technologischen Entwicklung, insbesondere durch den verstärkten Einsatz von KI“, so Gärtner.
Anlagetipp: Europäische Indexschwergewichte
Das sich verbessernde Gewinnwachstum der Unternehmen spricht auch nach Einschätzung der Experten von J.P. Morgan Asset Management für europäische Aktien. Dieses werde durch eine voraussichtliche Verlangsamung oder das Ende der Euro-Aufwertung sowie stabileren Energiepreisen gestützt. Anlegern empfiehlt man, in Europa selektiv vorzugehen und sich auf drei Hauptbereiche zu konzentrieren: Banken, Unternehmen, die von der Fiskalpolitik profitieren, sowie „GRANOLAS“, sprich die elf Indexschwergewichte GSK, Roche, ASML, Novo Nordisk, Nestlé, Novartis, L’Oréal, LVMH, Astra Zeneca, Sanofi und SAP. Sie hätten seit Anfang 2022 eine unterdurchschnittliche Performance erzielt.
Foto: Adobe Stoc / MNStudio / mit KI generiert
Das bunte Eigenleben der Textilaktien
Wie sich die Werte von Inditex, Prada und Hugo Boss im positiven Börsenumfeld schlagen.
Roman Steinbauer (09.01.2026). Nach wie vor zählen die Titel der spanischen Inditex (Zara, Pull&Bear bis Massimo Dutti) zum Top-Aktieninvestment in der Textilbranche. Nicht das erste Mal hielten viele Anleger die Papiere bereits für zu hoch bewertet und tippten auf ein Ende des jahrelangen Kursanstiegs. Die neuerliche Spitze der Notierung um 56 Euro bewies jedoch, dass diese Annahme ein Irrtum ist. Angetrieben wurden die Kursavancen durch jüngste Stellungnahmen des Analysehauses Jefferies, das eine Bewertung von 67 Euro pro Anteilschein als gerechtfertigt hält und eine Kaufempfehlung abgab. Die Umsatz- und Ergebnisperspektiven für 2026 wurden neuerlich angehoben.
Ignoriertes Premium-Segment
Von prominenten Namen im Luxussegment profitieren Aktionäre hingegen derzeit kaum. Auch die Übernahme weiterer Elite-Marken zieht zurzeit keine Aktieninvestitionen an. Der Umstand, dass die Prada Group nun vollständig das Modehaus Versace übernimmt (das prominente Mailänder Unternehmen war zuvor in die Capri Holding/USA eingegliedert, Anm.) stimulierte die Entwicklung der Wertpapiere bisher nicht. Doch weist Prada seit 19 Quartalen ununterbrochenes Wachstum auf. In den ersten neun Monaten 2025 kletterten die Gesamterlöse gegenüber 2024 um 9 % auf 3,65 Milliarden Euro, wobei die Marke Miu Miu mit +41 % einen regelrechten Boom verzeichnet. Derzeit notiert der Titel mit dem 21-Fachen des Gewinns.
Umstrukturierung bei Hugo Boss
Nach zwei enttäuschenden Börsenjahren hoffen die Aktionäre von Hugo Boss weiter auf einen Aufschwung. Vorerst bleiben die Prognosen des Konzerns eher unerfreulich. 2026 sei als „Übergangsjahr“ zu sehen und ein Umsatzrückgang um einen „mittleren bis hohen einstelligen Prozentsatz“ zu erwarten. Im Zusammenhang mit einer Strategie laufe unterdessen ein Umbau des Sortiments und des Vertriebs. Die Metzinger beabsichtigen abzuspecken, um den Fokus auf die Profitabilität zu legen. Um langfristig die Ebit-Marge auf 12 % zu heben, würden Einbußen bei den Erlösen in Kauf genommen. Zur Optimierung der Ziele sei dabei Einigkeit mit dem Großaktionär, der Frasers Group, die 25 % der Anteile hält, erreicht worden. Auch stehe die Auszahlung einer möglichst attraktiven Dividende (die Rendite erreicht anhand der aktuellen Notiz 3,1 %) nicht mehr im Vordergrund. Nach Angaben des Vorstands gelte es vielmehr, den Unternehmenswert zu steigern. Dabei werde die Damenmode deutlicher von der Herrenbekleidung abgegrenzt und ins Rampenlicht gebracht sowie die Marke Hugo forciert. Der im deutschen MDax gelistete Titel sprang bisher nicht an. Die dünnen Umsätze weisen indes kaum noch auf Abgabedruck hin.
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| Rating Inditex | |
| Analysehaus | Bewertung |
| Jefferies | Kaufen |
| Bernstein Research | Outperform |
| RBC Capital Markets | Outperform |
| UBS | Kaufen |
| Deutsche Bank | Halten |
| Rating Hugo Boss | |
| Analysehaus | Bewertung |
| JP Morgan Chase & Co | Neutral |
| Deutsche Bank | Halten |
| Jefferies | Halten |
| RBC Capital Markets | Outperform |
| DZ Bank | Kaufen |
| Warburg | Kaufen |
| Rating Prada | |
| Analysehaus | Bewertung |
| Credit Suisse | Outperform |
| Morgan Stanley | Neutral |
Mit Vorsicht in die Märkte investieren
Das Jahr 2026 könnte volatil werden. Zertifikate-Experten sehen aber selbst dann große Chancen.
Raja Korinek. Das vergangene Börsenjahr war von reichlich Turbulenzen geprägt – wenngleich die Märkte ein schönes Plus verzeichneten. Vor allem geopolitische Konflikte sorgten für reichlich Schwankungen. Gerade in solch einem Umfeld spielen Zertifikate ihre Stärken aus, da Anleger mit diesen Papieren grundsätzlich auf unterschiedliche Szenarien setzen können. Wie aber könnte es weitergehen? Der Börsen-Kurier sprach mit Branchenprofis zu ihren Fazits für 2025 und holte einen Ausblick für das neue Börsenjahr ein.
Dabei sticht ein Aspekt hervor: Das Interesse an Zertifikaten wächst. Das von Privatanlegern investierte Volumen erreichte mit 17,2 Milliarden Euro per Ende September 2025 ein Rekordniveau. Der Fokus ist ebenso klar: „Traditionell ist das Sicherheitsbedürfnis österreichischer Anleger hoch“, betont Philipp Arnold von Raiffeisen Zertifikate.
Sicherheit bleibt gefragt
Dies spiegle sich entsprechend im investierten Volumen wider. „Wir sehen eine stark steigende Nachfrage bei Zertifikaten mit Sicherheitsmechanismen wie z.B. Kapitalschutz- und Teilschutz-Produkte.“ Beide Arten wiesen ein geringeres Risiko als ein Direktinvestment in Aktien oder ETFs auf.
Ähnlich lautet der Tenor bei der Erste Group. Zertifikate-Experte Uwe Kolar verweist auf das starke Interesse 2025 für Teilschutzprodukte etwa auf den Euro Stoxx 50 oder Euro Stoxx Banken sowie auf die vermehrte Nachfrage nach 100 % kapitalgarantierten Anleihen auf Indizes und Gold. Letztere Zertifikate-Form könnte auch heuer im Fokus stehen. Kolar verweist in diesem Zusammenhang sowohl auf das aktuelle Zinsumfeld wie auch auf die insgesamt passablen Dividendenzahlungen vieler Konzerne. Beide Faktoren ermöglichten ein interessantes Chancen-Risiko-Profil bei Garantieprodukten. „Allerdings gilt der Kapitalschutz nur zum Laufzeitende. Während der Laufzeit kann der Kurs unter den Emissionspreis sinken“, mahnt Arnold.
Wie turbulent wird es heuer?
Der Raiffeisen-Experte wirft obendrein einen Blick auf das neue Jahr und sagt: „Viele potenzielle Anleger stehen vor der entscheidenden Frage, ob sie jetzt noch in den Aktienmarkt einsteigen sollen“. Die Indizes sind 2025 schließlich stark gestiegen. „Und wirtschaftliche sowie geopolitische Unsicherheiten werden uns weiterhin begleiten.“ Bei Kapitalschutz- oder Teilschutz-Zertifikaten, die mit Absicherungsmechanismen ausgestattet sind, sei es nicht notwendig, den perfekten Einstiegszeitpunkt zu suchen. Das Risiko, „zum falschen Moment“ investiert zu sein, werde Arnold zufolge spürbar gesenkt. Allerdings sind dafür die Chancen nach oben hin begrenzt.
Entsprechende Produkte
Der „Erste Bank US Tech Garant-Anleihe (IV) 25-30“ hat eine feste Laufzeit von fünf Jahren. Die Rückzahlung am Laufzeitende erfolgt zumindest zu 100 % und maximal zu 125 % vom Nominale. Dabei hängt die Wertentwicklung von einem Aktienkorb ab, in dem sechs US-Technologieaktien gleichgewichtet sind: Alphabet (Class C), Amazon, Apple, Meta Platforms, Microsoft und Nvidia. Das Produkt ist währungsgesichert; Fälligkeit ist am 30.12.2030.
Beim Raiffeisen Kapitalschutz-Zertifikat „Dividendenaktien Winner 112 % XIII“ erfolgt die Rückzahlung zum Laufzeitende zu mindestens 112 % und maximal 128 % vom Nominale. Ausschlaggebend ist die Wertentwicklung des „STOXX Global Select Dividend 100 Index“, der die 100 dividendenstärksten Aktien weltweit umfasst. Rückzahlungstermin ist der 28.1.2032. Das Produkt ist noch bis 26.1.2025 in Zeichnung.
Foto: Adobe Stock / Movix / mit KI generiert
2026 zwischen Zinssenkungen, KI-Superzyklus und neuen Chancen in Europa
Der Börsen-Kurier im Gespräch mit dem CIO von DNB Asset Management Knut Hellandsvik.
Red./ks. Gemeinsam mit dem CIO von DNB Asset Management blicken wir auf das begonnene Anlagejahr 2026. Er sieht vielfältige Chancen im Umfeld einer wieder anziehenden Weltwirtschaft.
Börsen-Kurier: Herr Hellandsvik, viele Anleger blicken mit Respekt auf 2026 – aufgrund von Geopolitik, Wachstum und Inflation. Wie ist Ihre Gesamteinschätzung?
Knut Hellandsvik: Die Weltwirtschaft geht aus Sicht vieler Vermögensverwalter mit erfreulichen Perspektiven in das Jahr 2026. Die Kombination aus geldpolitischer Entlastung, fiskalischen Impulsen und einer anhaltenden Investitionswelle im Bereich künstlicher Intelligenz könnte das Wachstum trotz geopolitischer Risiken stützen. Gleichzeitig verändern technologische Trends, Energiepolitik und neue geopolitische Prioritäten die Sektorlandschaft an den Kapitalmärkten spürbar.
Börsen-Kurier: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Treiber, die die Weltwirtschaft 2026 tragen könnten?
Hellandsvik: Für 2026 wird eine robuste Entwicklung der Weltwirtschaft erwartet. Entscheidend dafür sind voraussichtlich Zinssenkungen in den wichtigsten Volkswirtschaften sowie umfangreiche staatliche Unterstützungsprogramme, insbesondere in den USA, der Eurozone und China.
Börsen-Kurier: Die Inflation bleibt in vielen Regionen ein zentrales Thema. Wie erwarten Sie die Entwicklung – und wie reagieren die Notenbanken?
Hellandsvik: Für das Inflationsgeschehen zeichnet sich ein allmähliches Nachlassen der Preisdynamik ab, auch wenn viele Volkswirtschaften das Zwei-Prozent-Ziel noch nicht vollständig erreichen dürften. Sinkende Energiepreise, geringere Tarifbelastungen und ein Abklingen der Dienstleistungsinflation sprechen für eine Entspannung. Belastend wirken hingegen weiterhin die Strompreise sowie steigende Kosten im Wohnungsmarkt. Die Notenbanken könnten dennoch genügend Spielraum sehen, um ihren geldpolitischen Kurs zu lockern.
Börsen-Kurier: Die Kursentwicklung bei KI-Schwergewichten war beeindruckend. Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr einer Blase?
Hellandsvik: Die Börsenrallye rund um KI-Schwergewichte hat vielfach die Frage nach einer Blasenbildung aufgeworfen. Die hohen Bewertungen haben ihren Grund in starken Geschäftsmodellen, solidem Cashflow, robusten Bilanzen und hohen Margen. Kurzfristige Korrekturen bleiben denkbar, doch die Ausweitung der Wertschöpfungskette und zunehmende Monetarisierung der Technologie dürften den Sektor weiter stärken.
Börsen-Kurier: Wo sehen Sie 2026 die strukturellen Gewinner?
Hellandsvik: Mehrere Branchen gelten als strukturelle Gewinner des kommenden Jahres. Der Gesundheitssektor profitiert von demografischen Trends, wachsendem Wohlstand und technologischen Fortschritten. KI-gestützte Arzneientwicklung, präzisere Diagnostik und effizientere klinische Studien könnten den Sektor voranbringen — flankiert durch attraktive Bewertungen und steigende Fusions- und Übernahmeaktivitäten.
Börsen-Kurier: Die USA und China dominieren viele Zukunftsfelder. Wo sehen Sie dennoch Europas und Nordics Stärken?
Hellandsvik: Obwohl Märkte wie die USA und China nach wie vor dominieren, sieht der europäische und nordische Unternehmenssektor in mehreren Bereichen nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Dazu zählen industrielle Automatisierung, Elektrifizierung, Logistik, Unternehmenssoftware, Telekommunikationsinfrastruktur und Energieeffizienz. Auch die europäische Halbleiterindustrie bleibt wichtig, während der Verteidigungs- und Pharmasektor ebenso internationales Gewicht behält wie die Luxusgüterindustrie.
Börsen-Kurier: Zum Abschluss: Was macht 2026 für Anleger so interessant – und wo liegen die Chancen?
Hellandsvik: Das Jahr 2026 könnte sich zu einem wirtschaftlich freundlichen Umfeld entwickeln. Unterstützung kommt aus sinkenden Zinsen, staatlichen Anreizen, abnehmenden Handelshindernissen und einer nachhaltigen Investitionsdynamik. Inflation und geopolitische Risiken bleiben Herausforderungen, doch der strukturelle Aufschwung in Gesundheit, Technologie, Infrastruktur und erneuerbaren Energien eröffnet Anlegern vielfältige Chancen.
Foto: DNB AM
Mit Vorsicht in die Märkte investieren
Das Jahr 2026 könnte volatil werden. Zertifikate-Experten sehen aber selbst dann große Chancen.
Raja Korinek (02.01.2026). Das vergangene Börsenjahr war von reichlich Turbulenzen geprägt – wenngleich die Märkte ein schönes Plus verzeichneten. Vor allem geopolitische Konflikte sorgten für reichlich Schwankungen. Gerade in solch einem Umfeld spielen Zertifikate ihre Stärken aus, da Anleger mit diesen Papieren grundsätzlich auf unterschiedliche Szenarien setzen können. Wie aber könnte es weitergehen? Der Börsen-Kurier sprach mit Branchenprofis zu ihren Fazits für 2025 und holte einen Ausblick für das neue Börsenjahr ein.
Dabei sticht ein Aspekt hervor: Das Interesse an Zertifikaten wächst. Das von Privatanlegern investierte Volumen erreichte mit 17,2 MrdE per Ende September 2025 ein Rekordniveau. Der Fokus ist ebenso klar: „Traditionell ist das Sicherheitsbedürfnis österreichischer Anleger hoch“, betont Philipp Arnold von Raiffeisen Zertifikate.
Sicherheit bleibt gefragt
Dies spiegle sich entsprechend im investierten Volumen wider. „Wir sehen eine stark steigende Nachfrage bei Zertifikaten mit Sicherheitsmechanismen wie z.B. Kapitalschutz- und Teilschutz-Produkte.“ Beide Arten wiesen ein geringeres Risiko als ein Direktinvestment in Aktien oder ETFs auf.
Ähnlich lautet der Tenor bei der Erste Group. Zertifikate-Experte Uwe Kolar verweist auf das starke Interesse 2025 für Teilschutzprodukte etwa auf den Euro Stoxx 50 oder Euro Stoxx Banken sowie auf die vermehrte Nachfrage nach 100 % kapitalgarantierten Anleihen auf Indizes und Gold. Letztere Zertifikate-Form könnte auch heuer im Fokus stehen. Kolar verweist in diesem Zusammenhang sowohl auf das aktuelle Zinsumfeld wie auch auf die insgesamt passablen Dividendenzahlungen vieler Konzerne. Beide Faktoren ermöglichten ein interessantes Chancen-Risiko-Profil bei Garantieprodukten. „Allerdings gilt der Kapitalschutz nur zum Laufzeitende. Während der Laufzeit kann der Kurs unter den Emissionspreis sinken“, mahnt Arnold.
Wie turbulent wird es heuer?
Der Raiffeisen-Experte wirft obendrein einen Blick auf das neue Jahr und sagt: „Viele potenzielle Anleger stehen vor der entscheidenden Frage, ob sie jetzt noch in den Aktienmarkt einsteigen sollen“. Die Indizes sind 2025 schließlich stark gestiegen. „Und wirtschaftliche sowie geopolitische Unsicherheiten werden uns weiterhin begleiten.“ Bei Kapitalschutz- oder Teilschutz-Zertifikaten, die mit Absicherungsmechanismen ausgestattet sind, sei es nicht notwendig, den perfekten Einstiegszeitpunkt zu suchen. Das Risiko, „zum falschen Moment“ investiert zu sein, werde Arnold zufolge spürbar gesenkt. Allerdings sind dafür die Chancen nach oben hin begrenzt.
Entsprechende Produkte
Der „Erste Bank US Tech Garant-Anleihe (IV) 25-30“ hat eine feste Laufzeit von fünf Jahren. Die Rückzahlung am Laufzeitende erfolgt zumindest zu 100 % und maximal zu 125 % vom Nominale. Dabei hängt die Wertentwicklung von einem Aktienkorb ab, in dem sechs US-Technologieaktien gleichgewichtet sind: Alphabet (Class C), Amazon, Apple, Meta Platforms, Microsoft und Nvidia. Das Produkt ist währungsgesichert; Fälligkeit ist am 30.12.2030.
Beim Raiffeisen Kapitalschutz-Zertifikat „Dividendenaktien Winner 112 % XIII“ erfolgt die Rückzahlung zum Laufzeitende zu mindestens 112 % und maximal 128 % vom Nominale. Ausschlaggebend ist die Wertentwicklung des „STOXX Global Select Dividend 100 Index“, der die 100 dividendenstärksten Aktien weltweit umfasst. Rückzahlungstermin ist der 28.1.2032. Das Produkt ist noch bis 26.1.2025 in Zeichnung.
Foto: Adobe Stick / Artfulaura
Nischenthemen mit Langfrist-Potenzial
Gesundheitsaktien, Cybersecurity, Wasser und Konsumgüter als Bausteine für 2026.
Michael Kordovsky (02.01.2026). Der medizinische Fortschritt – auch jenseits von „Lifestyle-Medikamenten“ zum Abnehmen – schreitet voran. Zudem zeigten Anfang Oktober 2025 Gesundheitsaktien den größten Bewertungsabschlag gegenüber dem Gesamtmarkt seit 2009. Der „MSCI World Pharmaceuticals, Biotechnology and Life Sciences Index“ weist per Ende November 2025 ein Forward-KGV von nur 17,4 auf, verglichen mit 20,3 im MSCI World. Allerdings hat in den vergangenen Monaten der Aufholprozess bereits gestartet. Doch der langjährige Wachstumstrend spricht für eine längere Phase solider Performance.
Das gilt vor allem für den Biotech-Markt, der laut Grand View Research von 2024 bis 2030 (CAGR) um 14,1 % p.a. auf umgerechnet rund 3,3 BioE wachsen sollte. Interessant erscheint somit der 250 Positionen abdeckende „iShares Nasdaq US Biotechnology UCITS ETF“. Dessen größte Positionen sind Amgen, Gilead Sciences (Behandlung von HIV und Hepatitis C), Vertex (Medikamente gegen Mukoviszidose) und Regeneron Pharmaceuticals.
Wer hingegen kostengünstig den globalen Gesundheitssektor (Pharma, Biotech, Labor- und Medizintechnik sowie weitere Dienstleistungen für die Gesundheitsbranche) abdecken möchte, sollte einen Blick auf den „Xtrackers MSCI World Health Care UCITS ETF“ werfen, der 121 Positionen enthält und dabei Eli Lilly (Abnehmmedikamente), Johnson & Johnson (Pharma- und „L‘Oréal“ Medizintechnik) und AbbVie (Pharma) am stärksten gewichtet.
Dauerrenner Cloud, KI und Regulierung
Cybersecurity ist nicht mehr nur ein Trend. Der Marktforscher Gartner Inc. rechnet damit, dass die weltweiten Ausgaben für Informationssicherheit weiter deutlich zulegen und nennt für den Zeitraum 2023 bis 2028 ein Wachstumstempo von 11,7 % p.a. Das Thema wird durch KI getrieben, weil Angriffe effizienter werden, gleichzeitig aber auch Abwehrsysteme neu aufgebaut werden müssen. Dazu kommt: Cloud-Migration, Lieferkettenrisiken und strengere Vorgaben für kritische Infrastruktur zwingen Unternehmen zu konstanten Investitionen.
Der „iShares Digital Security UCITS ETF“ bündelt globale Anbieter aus Netzwerksicherheit, Identitätsmanagement und Infrastrukturprotektion. Ähnliche Themen, aber mit anderem Index-Ansatz und teils abweichender Titelselektion deckt der „L&G Cyber Security UCITS ETF“ ab, der Broadcom (Endpunktsicherheit, Netzwerksicherheit, Informations- und E-Mail-Sicherheit), Cisco und CrowdStrike (Ransomware-Schutz, Bedrohungserkennung und -abwehr), Akamai Technologies (u.a. Sicherheit für Cloud) und Fortinet (Firewalls) am stärksten gewichtet.
Wasserknappheit und Infrastruktur
Beim Wasser geht es 2026 nicht nur um Moral, sondern auch um volkswirtschaftliche Resilienz. Das World Resources Institute (WRI) zeigt, dass bis 2050 ein großer Teil der globalen Wirtschaftsleistung in Regionen mit hohem Wasserstress liegen wird. Die OECD verweist in Analysen zu wasserbezogenen Risiken ebenfalls auf spürbare makroökonomische Schäden in besonders betroffenen Gegenden. Daraus entstehen Investitionsfelder: die sogenannte Leckage-Reduktion, Netzsanierung, Mess- und Steuertechnik, Aufbereitung, Wiederverwendung sowie energieeffiziente Entsalzung.
Als ETF-Klassiker mit globalen Versorgern und Ausrüstern relativ breit diversifiziert und eher infrastrukturlastig ist der „iShares Global Water UCITS ETF“. Dessen größte Positionen sind die brasilianische SABESP (Wasser- und Abwasserwirtschaft), Xylem (Wasseraufbereitung) und American Water Works (Wasserversorger in den USA). Eine Ergänzung dazu wäre der „L&G Clean Water UCITS ETF“, dessen zugrundeliegender Index einen Fokus auf Lösungen für sauberes Wasser hat, weshalb die Zusammensetzung eine Reihe technisch innovativer Unternehmen enthält.
Konsumgüter und Nahrungsmittel: defensiv und im Umbau
In einem Jahr mit politischen Risiken und einer unsicheren Wachstumsentwicklung bleibt der Basiskonsum ein Stabilitätsanker. Bewertungsseitig ist das Segment im globalen Vergleich nicht extrem, die MSCI-Daten zeigen für Konsumgüter des täglichen Bedarfs ein moderates Niveau im historischen Rahmen.
Spannend ist 2026 vor allem der Umbau großer Konzerne: Nestlé hat in den vergangenen Quartalen Kostensenkungen, Portfolioprüfung und eine stärkere Fokussierung auf Kernfelder betont, inklusive weiterer Schritte zur Straffung. Kraft Heinz arbeitet parallel an einer Aufspaltung in zwei Einheiten, um Komplexität zu reduzieren und Kapital effizienter zu allokieren.
Als defensives ETF-Basisinvestment und Ruhepol neben zyklischeren Themen geeignet ist in diesem Zusammenhang der 94 Werte abdeckende „SPDR MSCI World Consumer Staples UCITS ETF“, der Walmart, Costco, Procter & Gamble, Coca-Cola und Nestlé am stärksten gewichtet. Wer die Thematik mit europäischen Werten abdecken möchte, wird im „iShares MSCI Europe Consumer Staples Sector UCITS ETF“ fündig, der Nestlé, Unilever, British American Tobacco und L‘Oréal am stärksten gewichtet und insgesamt 37 Positionen hält.
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EVN mit stabilen Ergebnissen und ambitionierten Plänen
Höheres Vorsteuerergebnis 2024/25, Dividende unverändert 90 Cent/Aktie.
Marius Perger. Die EVN hat in ihrem Geschäftsjahr 2024/25 (per 30.9.) Umsatz und Vorsteuerergebnis steigern können, unterm Strich musste beim Konzernergebnis aber ein Rückgang hingenommen werden.
Die Umsatzerlöse stiegen um 3,8 % auf 3.000,0 Millionen Euro. Positiv ausgewirkt hätten sich Mengen- und Preiseffekte sowie die im Vergleich zu den Jahren davor deutlich kältere Witterung, negativ allerdings rückläufige Erlöse aus der Vermarktung der eigenen erneuerbaren Erzeugung und im Erdgashandel. Das Ebitda verbesserte sich um 19,2 % auf 909,1 Millionen Euro. Zurückzuführen ist dieser Anstieg einerseits auf einen höheren Beitrag aus dem Segment „Netze“ aufgrund eines höheren Strom- und Erdgas-Netzabsatzes und höherer Netztarife in Niederösterreich, andererseits auf einen wesentlich gestiegenen Ergebnisanteil der at Equity einbezogenen Unternehmen. Hauptgrund für Letzteres sei die „wie erwartet eingetretene Ergebnisnormalisierung der EVN KG“, heißt es dazu im Geschäftsbericht.
Stark rückläufig hat sich dagegen das Finanzergebnis entwickelt, Ursache sei in erster Linie die niedrigere Dividende der Verbund AG gewesen, daneben habe auch ein Währungseffekt im Zusammenhang mit der Entkonsolidierung in Russland das Finanzergebnis belastet. Während aber das Ergebnis vor Ertragsteuern dennoch um 4,5 % auf 574,4 Millionen Eur stieg, lag das Konzernergebnis nach Minderheiten aufgrund einer höheren Steuerbelastung und eines negativen Ergebnisses des aufgegebenen Geschäftsbereiches mit 436,7 Millionen Eur um 7,4 % unter dem des Jahres davor.
Der Hauptversammlung am 25. Februar wird eine gegenüber dem Vorjahr unveränderte Dividende von 90 Cent/Aktie vorgeschlagen.
Aktualisierte Strategie
Die Strategie 2030 mit dem Titel „Nachhaltiger. Digitaler. Produktiver.“ wurde im abgelaufenen Geschäftsjahr aktualisiert. Im Zentrum stehe dabei der Beitrag der EVN zur Transformation des Energiesystems, geplant seien unter anderem die Errichtung und der Betrieb von Großbatteriespeichern und Investitionen in die E-Ladeinfrastruktur. Wichtiger werden auch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, so das Unternehmen.
Im Rahmen der Klimainitiative habe man eine ambitionierte Anpassung der Ziele für den Klimaschutz vorgenommen und den „1,5-Grad-Übergangsplan“ im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen finalisiert. Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen umfassen neben der eigenen Geschäftstätigkeit auch Emissionen entlang der Wertschöpfungskette wie beispielsweise der Energienutzung durch Kunden.
Vier Fünftel des bis 2030 jährlich geplanten Investitionsvolumens von rund einer MrdE sollen nach Niederösterreich fließen; Schwerpunkte liegen hier auf der Netzinfrastruktur, der erneuerbaren Erzeugung und der Trinkwasserversorgung. 89 % aller Investitionen seien „grün“ im Sinne der EU-Taxonomie, betont die EVN.
Ausblick und langfristige Ambitionen
Unter der Annahme eines stabilen regulatorischen und energiepolitischen Umfelds erwartet die EVN im laufenden Geschäftsjahr 2025/26 ein Ebitda und ein Konzernergebnis „etwa auf dem Niveau des Vorjahres“. Planungsunsicherheiten gebe es aber bei den energiewirtschaftlichen Parametern (Annahmen für Erzeugungskoeffizienten, temperaturabhängige Energienachfrage) sowie beim Finanzergebnis (Dividende des Verbund).
Zuversichtlich zeigt sich die EVN dank einer „gut abgesicherten Projektpipeline“, ihre Ausbauziele für Windkraft, Photovoltaik und Batteriespeicher bis 2030 erreichen zu können. Aus Windkraft sollen dann 770 MW stammen (30.9.2025: 532 MW), aus Photovoltaik 300 MWp (30.9.2025: 120 MWp). Das Ausbauziel für Großbatteriespeicher liegt für 2030 bei 300 MW (30.9.2025: 8 MW). Die Netzkapazität in Niederösterreich soll im selben Zeitraum auf 6.000 MW verdoppelt werden.
Finanzziele für das Geschäftsjahr 2029/30 sind ein Ebitda in einer Bandbreite von rund 1,1 bis 1,2 Milliarden, eine Ausschüttungsquote von 40 % und eine Dividende von 1,10 Euro/Aktie. Bereits ab dem laufenden Geschäftsjahr wird eine Mindestdividende von 90 Cent/Aktie angestrebt.
Foto: EVN Veith
Die Zahlen der EVN im Überblick
| 2024/25 | 2023/24 (angepasst) | |
| Umsatzerlöse | 3.000,0 | 2.889,2 |
| Ebitda | 909,1 | 762,9 |
| Ebit | 490,9 | 404,3 |
| Ergebnis vor Steuern | 574,4 | 549,9 |
| Konzernergebnis | 436,7 | 471,7 |
| Alle Zahlen in Millionen Euro | ||
Abriss der Klimaregeln
Florian Beckermann. Der Höhenflug des Green-Deal setzt zur Landung an. Die EU-Verhandler scheinen sich auf eine weitgehende Anhebung der Anwendbarkeitsschwellen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) und der Lieferkettenrichtlinie geeinigt zu haben – welch vermeintliche Erleichterung für all jene, die schon immer fanden, dass Transparenz nur die Laune verdirbt. Endlich kann man wieder ungestört CO2 ausstoßen, solange das Logo grün genug ist. Einige Industrie-Lobbyisten feiern die „Entbürokratisierung“, als hätten sie gerade die Ökonomie persönlich gerettet, obwohl die meisten wohl nie einen Nachhaltigkeitsbericht gelesen haben.
Zurecht? Es läuft nicht alles rund im Green-Deal. Die CSRD trat an, die Welt zu retten und generiert sich zum nervigen Copy-Paste-Spektakel. Nachhaltigkeit wird erstmal teuer auf hunderten Seiten dokumentiert und nicht erreicht. Tonnen von CO2 verschwinden nicht aus der Atmosphäre, sondern landen in Excel-Sheets und Berichten, während Heerscharen von Beratern Millionen verschlingen. Ingenieure werden zu Datenlieferanten umgeschult, Manager zu Moralaposteln, Wirtschaftsprüfer zu Häkchenmeistern. Wo bleibt der Profit? Die Außenwirkung zählt mehr als Vollständigkeit, die Veränderung weniger als die Formattreue. Wer abschreibt, gewinnt Rechtssicherheit – eine absurde Praxis. So nährt sich die grüne Parallelökonomie, in der nachhaltig nur noch das Desinteresse wächst, auch der Investoren. Am Ende ist das Unternehmen weder klimaneutral noch konkurrenzfähig, sondern nur der Nachhaltigkeitsbericht. Die Erde bleibt warm, die Aktenlage ist gut. Das kann es nicht sein.
Schlimmer noch die Lieferkettenrichtlinie. Moralbürokratie, als EU-Exportschlager? Die Zertifizierung ausländischer Missstände. Vulgo: Unternehmen sollen lernen, Verantwortung zu managen, statt sie zu übernehmen. Sie entfernen sich vorsorglich von Ländern, in denen sie wirklich etwas bewirken könnten. Faktische Armut wird nicht gelindert, sondern auditiert. Zurück bleiben endlose Checklisten mit internen Moralregeln. Und beleidigte Lieferanten, die gelernt haben, westliche Tugendformeln zu unterschreiben. Deren Angst wird zur heimischen Nachhaltigkeitsstrategie. Wer sich absichert, gilt als „compliant“; wer bei der Stange bleibt, gilt als verdächtig. So entsteht ethische Moralreinheit durch Rückzug – sauber für Europa, wobei in der Welt Europa dann keine Rolle mehr spielt.
Und die Aktionäre? Die dürfen das alles bezahlen – selbstverständlich, denn irgendwer muss ja die Kosten bisher und in Zukunft für die Benimmregeln und Berichte tragen. Ob nach dem Kahlschlag in Sachen Green-Deal in Österreich 50 Unternehmen übrigbleiben, die die neuen Schwellen erreichen, ist fraglich. So wird eine grundsätzlich gute Idee mit der Abrissbirne bearbeitet und in eine Nische verbracht, in der realitätsverweigernden Hoffnung, dass sie dort ihr Ende findet. Einer Generation Z wird das schwer zu erklären sein. Vielleicht lernt man in der EU irgendwann, dass eine ethische und ökologische Aufrichtigkeit mit der Wahl der Personen zusammenhängt. Berichte sind allenfalls Beiwerk.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Internationale und Small-Cap-Aktien bestens positioniert
Ein Ausblick auf das Aktienjahr 2026 von Kapitalmarktstratege Tim Murray vom Assetmanager T. Rowe Price.
Red./ks. Die Wirtschaft läuft mit zwei Geschwindigkeiten: Während Bereiche mit Bezug zur KI einen regelrechten Boom erleben, hinken andere Segmente – insbesondere die Fertigungsindustrie – hinter-her. Die fiskalische Expansion kommt gerade erst in Gang, was die Ausgaben für KI (Künstliche Intelligenz) weiter ankurbeln wird, und die Priorisierung der Deregulierung durch die Regierung von Donald Trump dürfte die Gesamtwirtschaft 2026 zu einem gesunden Wachstum führen. Betrachtet man jedoch die verschiedenen Anlageklassen, so scheinen die Bewertungen fast überall überzogen zu sein, was die Aussichten trübt. Wo sieht unser Asset Allocation Committee in diesem Umfeld taktische Chancen für die Vermögensallokation?
Untergewichtung von Anleihen
Während eine expansive Fiskalpolitik, einschließlich Steueranreizen für Investitionen, das Wachstum stützen wird, sind viele der Maßnahmen der US-Regierung auch inflationär. Dazu gehören die Einschränkung der Einwanderung und die Einführung von Zöllen. Unabhängig davon, ob die Inflation nahe dem Niveau von 3 % bleibt – über dem Zielwert der Federal Reserve – oder sich 2026 beschleunigt, wird sie den Wert von Anleihen mindern. Dies veranlasst uns, Aktien gegenüber Anleihen zu bevorzugen.
Internationale und Small-Cap-Aktien am besten positioniert
Vergleicht man die Aussichten für internationale und US-Aktien, sehen wir mehr Aufwärtspotenzial für Nicht-US-Aktien, da diese in KI-bezogenen Sektoren zu den USA aufholen. Außerdem scheint die chinesische Regierung entschlossen zu sein, Innovationen im Bereich KI und anderen Technologien zu fördern, um die wirtschaftlichen Einbußen und die steigende Arbeitslosigkeit aufgrund des starken Einbruchs des Immobilienmarktes auszugleichen.
Obwohl die fiskalischen Anreize in den USA beträchtlich sind, war die Hinwendung zu expansiven Maßnahmen außerhalb der USA – insbesondere in Ländern wie Deutschland – abrupter, sodass wir davon ausgehen, dass sie relativ gesehen eine größere Wirkung haben werden. Die Europäische Zentralbank, die Bank of England und viele Zentralbanken der Schwellenländer haben ihre Geldpolitik ebenfalls deutlich stärker gelockert als die Fed, was internationale Aktien zusätzlich stützt. Während wir in den USA gegenüber Wachstums- und Substanzwerten neutral eingestellt sind, bevorzugen wir bei internationalen Aktien Substanzwerte. Das globale konjunkturelle Umfeld verbessert sich, und Sektoren wie Finanzwerte, die in Substanzindizes stark vertreten sind, dürften von steileren Zinskurven und einer steigenden Kreditnachfrage profitieren. Die Bewertungen für Nicht-US-Substanzwerte bleiben ebenfalls relativ attraktiv.
Wir rechnen mit einer gewissen Ausweitung der Aktienmarktperformance über die US-amerikanischen Mega-Cap-Technologiewerte hinaus und gehen davon aus, dass Small Caps am meisten von dieser Verschiebung profitieren werden. Aufgrund der enormen Marktkapitalisierung der „Magnificent Seven“ würde selbst eine moderate Verlagerung hin zu Small Caps einen relativ großen Schub für kleinere Aktien bedeuten. Small Caps profitieren in der Regel auch am meisten von niedrigeren kurzfristigen Zinsen, was zu unserer Entscheidung beiträgt, Small-Cap-Aktien leicht überzugewichten.
Neigung zu Hochzinsanleihen und Nicht-US-Währungen
Bei der Allokation in festverzinslichen Wertpapieren betrachten wir Hochzinsanleihen als eine attraktive Möglichkeit, mit geringerem Risiko als bei Aktien von einer starken Konjunktur zu profitieren. Die Gesamtbonität dieser Anlageklasse ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr, und wir rechnen für 2026 nicht mit einer Verschlechterung der Fundamentaldaten. Nicht-Investment-Grade-Anleihen haben auch eine gewisse Duration1, die die Anlageklasse abfedern würde, sollte die Wirtschaft in eine Rezession fallen.
Wir befürworten ein gewisses Währungsrisiko bei festverzinslichen Wertpapieren durch lokal denominierte Anleihen aus internationalen Industrieländern und Schwellenländern. Der Rückgang des US-Dollars während des größten Teils des Jahres 2025 dürfte sich bis ins Jahr 2026 fortsetzen, da die Fed die kurzfristigen Zinsen senkt, während andere Zentralbanken in ihren Lockerungszyklen bereits viel weiter fortgeschritten sind. Außerdem bleibt die Inflation in den USA hartnäckig und könnte sogar noch weiter steigen. Wir sehen eine Übergewichtung von ungesicherten lokalen Nicht-US-Anleihen als attraktive Möglichkeit, von diesem Trend zu profitieren.
Kurz gefasst
Wir bevorzugen Aktien gegenüber Anleihen, da wir davon ausgehen, dass die Zwei-Geschwindigkeiten-Wirtschaft eine Rezession vermeiden wird, und wir bevorzugen ein Engagement in Nicht-US-Währungen, um von der wahrscheinlichen Schwäche des US-Dollars zu profitieren.
Foto: AdobeStock / Sergey Nivens
Aurubis-Aktie begeistert die Märkte
Der Metallrecycler hat sich mit den laufenden Investitionen langfristig sehr gut positioniert.
Stefan Riedel. Der Hamburger Kupferrecycler Aurubis (DE0006766504) wird 2025 als eines seiner besten Börsenjahre verbuchen. Nachdem die Aktie im Sommer richtig Fahrt aufgenommen hat, summieren sich die Kursgewinne seit Jahresanfang auf rund 55 %. Als erste Reaktion auf die Geschäftszahlen für das am 30. September beendete Geschäftsjahr 2024/25 erreichte sie ein neues Allzeithoch.
Höhere Metallpreise beflügeln
Das Geschäft von Aurubis profitiert von der robusten Nachfrage für Kupferprodukte und den steigenden Verkäufen von Schwefelsäure, die aus der Kupferverarbeitung entsteht. Zugleich drückten die gesunkenen Schmelz- und Raffinierlöhne ebenso auf die Margen wie die niedrigeren Erlöse aus dem Recyclinggeschäft. Aufgrund der positiven Bewertungseffekte durch die gestiegenen Metallpreise kletterte der Konzerngewinn um 30 % auf 539 Millionen Euro. Der operative Gewinn sackte dagegen um 14 % auf 355 Millionen Euro ab, landete aber im eigenen Prognosekorridor von 330 bis 370 Millionen Euro in der Mitte. Die Dividende für 2024/25 will Aurubis um zehn Cent auf 1,60 Euro je Aktie erhöhen.
Nach Fertigstellung der zweiten Produktionsstufe kann das US-Werk in Richmond in Georgia jährlich rund 180.000 Tonnen an Metallen recyceln – und in Zukunft 170 Millionen Euro pro Jahr zum Ebitda beitragen. Trotzdem bleibt Vorstandschef Toralf Haag mit der Einschätzung „Wir erwarten ein solides Geschäftsjahr 2025/26“ beim Ausblick vorsichtig. In Zahlen ausgedrückt erwartet er einen operativen Vorsteuergewinn zwischen 300 und 400 Millionen Euro und eine operative Kapitalrendite von 7 bis 9 %, also nur im besten aller Fälle einen Wert oberhalb der 8,8 % von 2024/25.
Gestiegene Bewertung
Mit einem 2027er-KGV von 15 bei einem erwarteten deutlichen Gewinnrückgang im laufenden Geschäftsjahr wird die Luft für die Aktie langsam dünn. Unter den acht Analysten, die Aurubis covern, gibt es mittlerweile nur noch eine Kaufempfehlung. Analyst Dirk Schlamp von der DZ Bank hat nach den jüngsten Zahlen sein Kursziel zwar von 115 auf 123 Euro angehoben. Seine Empfehlung, die Aktie weiter zu halten, begründet er mit drei Argumenten: „Das herausfordernde Marktumfeld bleibt eine Belastung auf der Konzentrat-Seite. Im Recyclinggeschäft drücken geringere Margen. Darüber hinaus sind die weiterhin hohen Investitionstätigkeit mit entsprechenden Anlaufkosten sowie steigende Abschreibungen zu beachten.“
Langfristig sehr gut positioniert
Die bis 2027 geplanten Investitionen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro, von denen Aurubis nach eigenen Angaben schon über 75 % umgesetzt hat, werden sich langfristig auszahlen. Diese Projekte sollen ab dem Geschäftsjahr 2028/29 einen jährlichen Ebitda-Beitrag von etwa 260 Millionen Euro leisten. Und auch der weltweit steigende Metallbedarf spielt der strategischen Ausrichtung von Aurubis auf das Multimetall-Recycling in die Karten. So gehen aktuelle Marktstudien davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren der globale Bedarf für Kupfer um 22 % und für Zinn um 40 % steigen wird.
Im laufenden Geschäftsjahr geht es für Aurubis im operativen Geschäft vor allem darum, die Entwicklung bei den Schmelz- und Raffinierlöhnen im Blick zu behalten und durch strikte Kostenkontrolle die anvisierten Profitabilitätsziele zu erreichen. Neue Aktienkäufe drängen sich auf dem aktuellen Kursniveau nicht auf.
Setzt die FACC-Aktie ihren Höhenflug fort?
Rückenwind hat das Papier zuletzt von starken Zahlen für das dritte Quartal 2025 bekommen.
Patrick Baldia. Die FACC-Aktie zählte 2025 zu den absoluten Top-Performern an der Wiener Börse. Aktionäre des Luftfahrt-Zulieferers können sich über ein Kursplus von rund 95 % freuen. Dennoch sehen Analysten auch nach der Veröffentlichung der Zahlen für die ersten drei Quartale von Mitte November weiterhin beträchtliches Kurspotenzial. Erst Anfang Dezember haben etwa die Experten der Erste Group ihre Kaufen-Empfehlung bekräftigt und das Kursziel von 11,30 auf 15 Euro angehoben. Begründet wird der Schritt mit höheren Gewinnschätzungen auf mittlere Sicht sowie der Annahme einer stärkeren Entwicklung der Ebit-Marge.
Luftfahrt boomt weiter
Tatsächlich könnte der Ausblick für die Luftfahrtindustrie wohl nicht besser sein. Die Erste-Group-Analysten verweisen darauf, dass Airbus und Boeing – und damit wichtige FACC-Kunden – trotz einiger aktueller Herausforderungen ihre Produktionsraten weiter hochfahren. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres steigerten die Flugzeugbauer ihre monatlichen Auslieferungsraten um 20 % gegenüber den Vorjahreszeitraum. Stark: In den kommenden 20 Jahren soll die Branche um durchschnittlich 3,6 % pro Jahr wachsen und sich die Gesamtzahl der Flüge nahezu verdoppeln.
Nicht alle Analysten euphorisch
Etwas vorsichtiger schätzen die Analysten von Raiffeisen Research die Entwicklung von FACC ein. Kürzlich haben sie zwar ebenfalls ihr Kursziel für die Aktie angehoben – konkret von 8,20 auf 10 Euro – das neutrale Rating bzw. die Halten-Empfehlung jedoch bestätigt. Verwiesen wird auf die weiterhin geringe Visibilität, was die mittelfristige Margenentwicklung betrifft. Fraglich sei, ob die angestrebte Verbesserung auf 8 bis 10 % bis 2027 wirklich möglich sei. So sei etwa der operative Hebel aufgrund des hohen Anteils manueller Arbeit begrenzt. Auch belaste die anhaltende Inflation der Inputkosten die Marge.
Ausblick: Ebit steigt weiter
Das FACC-Management erwartet jedenfalls für 2025 einen Konzernumsatz von 1 MrdE, was einem Plus von 10 % gegenüber 2024 entspricht. Gleichzeitig soll das operative Ergebnis wie geplant weiter steigen und die Ebit-Marge zum Jahresende bei 4 bis 5 % liegen. Um das Unternehmen auf Kurs zu halten will das Team um CEO Robert Machtlinger den Fokus weiterhin auf das Effizienzsteigerungsprogramm „CORE“ legen. Im Vordergrund stehen dabei unter anderem Effizienzsteigerungen in der Produktion, die Kompensation globaler Inflationseffekte, die Restrukturierung der Lieferantenkette zur Senkung der Materialkosten, die Verringerung der allgemeinen Sach- und Fixkosten und die nachhaltige Reduktion der Lagerbestände.
Unser Fazit
Die Chancen stehen gut, dass FACC weiter vom langjährigen und konstanten Wachstumskurs der Luftfahrtindustrie profitiert. Dafür sprechen vor allem langfristige Verträge mit allen großen Herstellern.
Zu den Kunden zählen Flugzeugbauer wie Airbus, Boeing, Bombardier und Embraer, ebenso wie Triebwerkproduzenten wie Rolls-Royce und Pratt & Whitney. Auch vom jüngsten Leonardo-Deal (das österreichische Verteidigungsministerium will zwölf Kampfjets ankaufen) sollte FACC profitieren, so Experten. Kein Nachteil ist hier, dass der Konzern die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt.
Foto: FACC
China: Wann springt die Konjunktur wieder an?
Der Börsen-Kurier analysiert Frühindikatoren und aktuellen Entwicklungen im Reich der Mitte.
Michael Kordovsky. Chinas Konjunktur zeigt zum Jahresende 2025 ein widersprüchliches Bild. Industrie, Export und einzelne Frühindikatoren stabilisieren sich, während der Immobiliensektor, Investitionen und die Preisentwicklung weiter bremsen. Von einem klaren Wendepunkt kann noch nicht gesprochen werden, doch die Datenlage deutet auf eine allmähliche Bodenbildung hin.
Der wichtigste Frühindikator, der offizielle Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe, lag im November bei 49,2 Punkten und damit zwar weiter im Schrumpfungsbereich, aber zumindest 0,2 Punkte höher als im Oktober. Die Produktion erreichte 50 Punkte (das ist die Expansions- bzw. Kontraktions-Grenze, Anm.) und auch die Veränderung der Auftragseingänge verbesserte sich. Besonders interessant: Die Hochtechnologieindustrie notiert laut der chinesischen Statistikbehörde (NBS) in einem Teilindex von 50,1 seit zehn Monaten über der Expansionsschwelle, der Index für kleine Unternehmen kletterte gegenüber dem Vormonat um satte zwei Prozentpunkte auf 49,1 Punkte und damit auf ein Sechsmonatshoch. Die Markterwartungen blieben stabil mit leichter Aufwärtstendenz. Außerhalb des Produktionsbereichs signalisiert ein wichtiger Einkaufsmanagerindex hingegen eine Abschwächung.
Durchwachsene Konjunkturdaten
Quer durch die Realwirtschaft setzt sich das Muster fort. Die Industrieproduktion größerer Betriebe stieg im Oktober um 4,9 % gegenüber dem Vorjahr, im Zeitraum Jänner bis Oktober um 6,1 %. Die Einzelhandelsumsätze legten im Oktober real um 2,9 % zu, kumuliert seit Jahresbeginn um 4,3 %. Das deutet auf eine Verbrauchernachfrage hin, die wächst, aber weit von früheren Dynamiken entfernt bleibt.
Bremsklotz Immo-Sektor
Problematisch bleibt die Investitionstätigkeit. Die Bruttoanlageinvestitionen lagen in den ersten zehn Monaten des heurigen Jahres 1,7 % unter dem Vorjahresniveau, obwohl die Investitionen außerhalb des Immobiliensektors noch um 1,7 % zulegten. Der Immobiliensektor bleibt damit der wichtigste Bremsklotz der Konjunktur und belastet Beschäftigung und Stimmung der Haushalte, denn die Investitionen in die Immobilienentwicklung brachen in den ersten zehn Monaten 2025 um 14,7 % ein. Die Investitionen in die Produktionswirtschaft wuchsen hingegen um 2,7 %.
Robuster Außenhandel
Der Außenhandel entwickelte sich hingegen robuster und erwies sich als Stütze. Chinas Exporte stiegen in den ersten elf Monaten um 6,2 %. Damit behauptet das Land seine dominante Rolle in den globalen Lieferketten trotz politischer Spannungen und neuer Handelsbarrieren.
Spielraum für Notenbank
Das Preis- und Zinsumfeld signalisiert keinen Überhitzungsdruck. Die Verbraucherpreise lagen im November 0,7 % über Vorjahr und die Kerninflation (Verbraucherpreissteigerung „ex“ Energie und Nahrungsmittel) lag bei 1,2 %, während die Produzentenpreise gleichzeitig um 2,2 % sanken. Die negative Teuerung auf Herstellerebene verweist auf anhaltenden Konkurrenzdruck. Die Notenbank hat damit Spielraum für weitere Liquiditätsspritzen und eine vorsichtige Lockerung.
Experten vorsichtig optimistisch
Internationale Organisationen haben ihre BIP-Prognosen zuletzt angehoben. Der IWF rechnet für 2025 mit 5,0 % und für 2026 mit 4,5 % Wachstum (eine Aufwärtsrevision um 0,2 bzw. 0,3 %-Punkte). Makroökonomische Konjunkturmaßnahmen und geringer als erwartete Zölle auf chinesische Exporte ermöglichten die Aufwärtskorrektur. Die OECD erwartet ebenfalls 5 % für 2025, ist aber bezüglich der weiteren Entwicklung vorsichtig: 2026 und 2027 sollte demnach Chinas BIP nur noch um 4,4 bzw. 4,3 % wachsen. Doch Geldpolitik und Fiskalpolitik sollten 2025 unterstützen.
Ob daraus ein belastbarer Aufschwung wird, hängt von drei Faktoren ab: Erstens einer konsequenten Bereinigung im Immobiliensektor, einschließlich geordneter Abwicklung schwacher Entwickler. Zweitens einer Stärkung der Konsumnachfrage über sozialpolitische Maßnahmen, Subventionen und Programme zum Austausch langlebiger Konsumgüter. Drittens stabilen Rahmenbedingungen für den Privatsektor, der seit Jahren unter Regulierungsschocks leidet.
Fazit
China bewegt sich damit am Ende des Jahres 2025 in Richtung Stabilisierung. Für 2026 erscheint ein realistisch enges Wachstumsband zwischen 4 und 5 % – kein Boom, aber ausreichend, um ein weltwirtschaftlich schwaches Umfeld abzufedern und Chinas Rolle als globaler Stabilitätsanker zu bestätigen.
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Kammerflimmern in der Altersvorsorge
Florian Beckermann. Die Fakten sind klar: Mehr Pensionisten stehen weniger Einzahlungsäquivalente gegenüber. Das Pensionssystem funktioniert nicht mehr wie gedacht. Gerade nicht-kapitalgedeckte Rentensysteme wie in Österreich oder Deutschland geraten in ungeheure Schieflage und steuern auf einen Infarkt zu. Der direkte Transfer von Einzahlbeträgen zu den Rentnern schmälert sich rasant. Der Fiskus muss die immer weiter steigende Lücke durch Steuergeld stopfen.
Die peinliche Nicht-Rentenreform unlängst in Deutschland zeigt symptomatisch die Alarmstimmung und die kaum zu argumentierende politische Orientierungsschwäche bei mathematischen Fakten, schlechten Nachrichten und notwendigen Maßnahmen.
„Kann man es sich leisten auf Rente zu gehen?“ lautet die Frage auf europäischem Parkett. Weit mehr als 80 % macht in Österreich die erste Säule, die staatliche Altersvorsorge, aus – ein europäischer Spitzenwert. Eben genau dieses reformbedürftige System. Viele spüren, dass es sich nicht ausgeht. Die lautet Antwort: „Nein“ – gerade angesichts der lokalen Horrorinflation. Die Angst, sich damit auseinanderzusetzen, ist menschlich verständlich. Inaktivität ist aber verantwortungslos. Die zweite Säule der Altersvorsorge ist schwach, die dritte Säule ist politisch torpediert. Mit der Konsequenz, dass jeder Österreicher im Schnitt zwischen 30.000 und 40.000 E auf dem Sparbuch parkt und dort von der Inflation wegfressen lässt – einstweilen zur Freude der Finanzinstitute.
Die Lösungsvorschläge sind einfach und hart. Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Seit Jahrzehnten weiß man, was zu tun ist. Um die Pensionen zukünftig auf einem halbwegs adäquaten Niveau zu halten, muss mehr in das System einfließen. Dazu gibt es einfache Möglichkeiten: 1. Länger arbeiten: längere Arbeitszeiten in Stunden, Wochentagen und Jahren – sinnvoll in der Fachkräftedebatte, sinnlos für harte körperliche Arbeit. 2. Mehr Menschen arbeiten: z.B. kürzere Ausbildungszeiten oder Zuwanderung. 3. Schlicht mehr Einzahlen – was ohnehin durch den Umweg Steuern bereits passiert, mit allen Nachteilen. Man muss kein Wahrsager sein, um schnell festzustellen, dass es sich dann um neue Schulden handelt, die nächste Generationen inklusive Zinsen belasten werden. Keine dieser Möglichkeiten wird große Euphorie in der Bevölkerung auslösen. Kaum jemand wird dafür sein, wenn es einen leichteren Weg gäbe.
Natürlich kann man die Unterdeckung hinnehmen, wenn die zweite und dritte Säule eine entsprechende Stärke hätten (z.B. wie in Dänemark und Niederlande). Doch dazu konnte sich Österreichs Politik noch nicht durchringen. Es wäre an der Zeit, die Erkenntnisse aus dem europäischen Projekt der „Savings and Investment Union“ zu nutzen und ein Best-of-Europa zugunsten aller Österreicher zu wagen. Es wäre Therapie vor dem Infarkt des Systems.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Markt für Unternehmensanleihen boomt
Wachsender Kapitalbedarf könnte den Markt im kommenden Jahr zu einem neuen Rekord führen.
Red/ks. Für Anleger können Corporate Bonds eine interessante Diversifizierung zu Aktien und Staatsanleihen im Portfolio sein und das Risiko-Rendite-Profil verbessern. Im Vergleich zu Staatsanleihen bringen Unternehmensanleihen in der Regel mehr Rendite, wenngleich sich der Abstand aktuell in Grenzen hält. Das Risiko ist mit Anleihen solider Firmen, die mit „Investmentgrade“ geratet sind, überschaubar, während riskantere High-Yield-Anleihen selektive Renditebringer sein können, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.
Stetiger Anstieg nur kurzfristig unterbrochen
Damit setzt sich ein langfristiger Trend fort: Das Volumen war über zwei Jahrzehnte kontinuierlich gestiegen, unterbrochen nur temporär in den Jahren mit starken Zins-Schocks, insbesondere 2022/2023. Zuvor hatte die Covid-19-Pandemie erhebliche Störungen am Markt verursacht, was Anfang 2020 zu einer vergrößerten Renditedifferenz und einer Liquiditätskrise führte. Wirtschaftsstillstände und Unsicherheit bei Anlegern hatten einen starken Nachfragerückgang ausgelöst. Zentralbanken, insbesondere die US-Notenbank Federal Reserve, griffen ein und kauften Unternehmensanleihen, um den Markt zu stabilisieren. Diese Unterstützung half, das Vertrauen der Anleger wiederherzustellen und ermöglichte eine Markterholung in der zweiten Hälfte des Jahres 2020.
Die Krise ist vorüber
Die Nachfrage der Investoren für neue Firmenbonds ist hoch und das Segment boomt wie nie zuvor. Der globale Markt für Unternehmensanleihen wurde im Jahr 2024 mit rund 35 BioUSD bewertet. Der Markt wird nach jüngsten Schätzungen voraussichtlich von 57,99 BioUSD im Jahr 2025 auf 81,78 BioUSD bis 2032 wachsen. Unabhängig von diesen Prognosen sind Analysten der Banken davon überzeugt, dass die Unternehmen keine Probleme haben werden, genügend Abnehmer für ihre Anleihen zu finden. Gleichzeitig steigt die Marktkomplexität: Volatilität, Liquiditätsrisiken und möglicherweise wieder steigende Zinsen sind als Risikofaktoren nicht zu unterschätzen.
Kapital für Infrastruktur
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) betont, dass ein gut funktionierender Corporate-Bond-Markt wichtig ist, weil er für Unternehmen eine wichtige Alternative zur Bankenfinanzierung darstellt. Der Markt für Unternehmensanleihen wird hauptsächlich durch steigende Kapitalanforderungen von Unternehmen zur Finanzierung von Expansionen und Investitionen in Infrastruktur angetrieben. Asien spielt eine zunehmend wichtige Rolle, insbesondere China. Der Anteil Asiens am globalen Unternehmensanleihenmarkt ist laut OECD von rund 10 % im Jahr 2000 auf fast 30 % im Jahr 2024 gestiegen. Auch das Thema Nachhaltigkeit in Form von so genannten „Green Bonds“ oder „ESG-Bonds“ ist ein Wachstumstreiber.
Fazit für Anleger
In Zeiten volatiler Aktienmärkte weichen Investoren gerne auf festverzinsliche Wertpapiere wie Staatsanleihen oder Coporate Bonds aus. Diese versprechen mehr Stabilität als Aktien, wenn das emittierende Land oder Unternehmen von Rating Agenturen in ihrer Kreditwürdigkeit gut bewertet sind. Andererseits nützen Unternehmen Phasen niedriger Zinsen, um durch Anleihen Kapital zu beschaffen, was das Marktwachstum vorantreibt.
KI-Rallye: Befinden wir uns bereits in einer Blase?
Viele Investoren stellen sich diese Frage und sehen Parallelen zu Dotcom-Zeiten zur Jahrtausendwende.
Red./ks. Immer mehr Anlegerinnen und Anleger stellen die Frage, ob die Begeisterung für Künstliche Intelligenz den Markt in schnellen Schritten in Richtung einer Blase treibe, vergleichbar mit der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, verneint: „Wir haben den entscheidenden Wendepunkt noch nicht erreicht; der Markt hat noch Luft nach oben.“ Wobei eine spätere Übertreibung nicht ausgeschlossen werden könne. Die passende Analogie zur Vergangenheit sei das Jahr 1998, als die Unternehmen der Dotcom-Ära noch am Anfang einer Rallye standen.
Investitionswelle nährt Boom
Die heutigen „Hyperscaler“ – also die Anbieter von Internet- und Cloud-Plattformen wie Amazon, Microsoft und Alphabet – könnten massive Investitionen in Chips und Rechenzentren besser aus eigener Stärke finanzieren als die Telkommunikationsunternehmen der späten 1990er Jahre. „In Teilen wird die US-Wirtschaft durch diese Ausgaben sogar stabilisiert“, so der Experte. Der KI-Investitionszyklus umfasse Schätzungen zufolge rund 7 % der US-Wirtschaftsleistung bzw. mehr als zwei Billionen US-Dollar.
Ein solches Investitionsvolumen könne den Boom weiter nähren, solange die Ausgaben als strategisch „existentiell“ gelten würden.
Der fehlende IPO-Schub
Gleichzeitig weist Braun darauf hin, dass ein wichtiges Puzzlestück noch fehle: der große IPO-Schub. „Weder OpenAI noch andere prägende Start-ups wie Anthropic, Cohere, Mistral AI oder xAI sind bislang an der Börse“, stellt Braun fest. „Der eigentliche ‚Global-Crossing-Moment‘ im Jahr 1998, als das Unternehmen, welches die Ära des Glasfaserausbaus geprägt hat, mit einem Kurs von 19 USD pro Aktie an die Börse ging und bereits neun Monate später zu 64 USD gehandelt wurde – dieser Moment steht damit noch aus. Sobald detailliertere Einblicke in die Zahlen dieser Wachstumstories verfügbar werden, ist mit entsprechendem Marktinteresse und erhöhter Schwankung zu rechnen.“ Als Risikobild skizziert der Experte, dass es zu einem späteren Zeitpunkt durchaus zu einer Blasenbildung kommen könne, die in einer „potenziell schmerzhaften“ Korrektur enden könne. Noch sei es jedoch nicht so weit. „Für Anleger bedeutet dies, dass Selektivität und ein Augenmerk auf Ertragskraft entscheidend bleiben“, betont Braun.
Warum KI nicht nur Evolution, sondern auch Revolution ist
Braun sieht in der KI nicht nur eine technologische Evolution, sondern eine regelrechte Revolution, die sämtliche Wirtschaftssektoren grundlegend verändern werde. „Wir stehen erst am Anfang eines exponentiellen Wachstumszyklus, dessen gesamte Dimension aktuell noch schwer zu erfassen ist“, sagt Braun. Das habe zur Folge, dass Gewinner und Verlierer künftig stärker auseinanderdriften und dass Timing-Fehler kostspielig sein dürften.
Aus Marktperspektive ergebe sich daraus ein zweigeteiltes Fazit: Erstens sprächen die Unterschiede zur Dotcom-Blase – stärkere Cashflows der Marktführer, diszipliniertere Investitionskulturen, breitere Anwendungsfälle – gegen die Diagnose einer unmittelbar bevorstehenden Spekulationsblase. Zweitens erinnere die Historie dennoch daran, dass Übertreibungen erfahrungsgemäß erst später sichtbar würden, häufig dann, wenn Kapitalzuflüsse in die „Story“ schneller wüchsen als die nachweisbaren Produktivitätsgewinne. „Wir haben daher eine klare Präferenz für Akteure mit Zahlungsfähigkeit, klaren Pfaden zur Monetarisierung und Pricing-Power entlang der KI-Wertschöpfung. Dazu gehören Halbleiter, Infrastruktur, Plattformen und vertikale Anwendungen“, sagt Braun. Anleger sollten zudem bedenken, dass Produktivitätsgewinne oft zeitverzögert eintreten würden. Erwartungen müssten also an Umsetzungs- und Energiekapazitäten gekoppelt werden.
Jenseits der „offensichtlichen“ Gewinner des KI-Trends lohne der Blick auf Second-Order-Profiteure: „In den Bereichen Industrie, Energie, Gesundheit oder Finanzdienstleistungen, wo die KI-Einführung Effizienz und Margen steigern könnte, sehen wir großes Potenzial“, so Braun.
Fazit
KI werde als struktureller Treiber erhalten bleiben, wenn der Markt wahrscheinlich auch Wellenbewegungen durchlaufen werde. „Wer die Chancen nutzen will, darf die Story nicht meiden, sondern muss sie mit Stringenz kuratieren“, resümiert Braun. „Die Dynamik ist revolutionär, doch die Aufgabe für Anleger besteht darin, diese Revolution in tragfähige, diversifizierte Portfolios zu übersetzen.“
Gute Nachrichten von den Unternehmensgewinnen
Wie könnte es nach einem sehr guten dritten Quartal weitergehen? Ein Investmentausblick von Eurizon.
Red./ks. Von den elf Sektoren des S&P 500 meldeten acht höhere Gewinne als im Vorjahr, angeführt von zweistelligen Zuwächsen in den Bereichen Finanzwesen, Technologie und Industrie. Rückläufige Ergebnisse verzeichneten dagegen die Energie sowie die Basiskonsumgüterbranche.
Der Anteil der Unternehmen, die die Gewinnschätzungen übertroffen haben, liegt in etwa auf dem hohen Niveau des Vorquartals. Dies gilt umso mehr, als die Analysten ihre Prognosen bereits zu Beginn der Berichtssaison nach oben angepasst hatten.
Die Fundamentaldaten der Unternehmen bleiben solide
Die Unternehmensgewinne profitieren von der stabilen Wirtschaftslage, der nachlassenden politischen Unsicherheit und im Fall der Large Caps von der Aufwertung des Wechselkurses.
In Europa entsprach die Gewinnsaison weitgehend den Erwartungen. Die größten positiven Überraschungen kamen aus dem Finanz- und Technologiesektor. Wechselkurs und Zölle bremsen dagegen weiterhin die Exportunternehmen. Für die kommenden Quartale wird mit einer Gewinnsteigerung gerechnet. Sie dürfte von den nachlassenden Handelsspannungen und der Umsetzung der fiskalischen Expansionspläne getragen werden.
Es wird erwartet, dass die weltweiten Gewinne in den kommenden zwei Jahren jeweils um solide 13 % zulegen. In den USA wurden die Gewinnschätzungen für 2026 und 2027 nach oben korrigiert, nachdem sie im April nach dem „Liberation Day“ deutlich gesenkt worden waren. Dies signalisiert ein robustes Gewinnwachstum von rund 14 % in beiden Jahren, getragen von der anhaltenden Erholung und der nachlassenden Unsicherheit im Zusammenhang mit den Zöllen. Im Vorfeld der Midterm Elections Ende 2026 dürfte die US-Regierung zudem alles daransetzen, eine stabile Wirtschaftslage vorweisen zu können. Die positivsten Schätzungsanpassungen kommen von den „Magnificent Seven“ sowie aus den Sektoren Technologie, Finanzen und zyklische Konsumgüter.
Die Schätzungen für 2026 wurden auch für die Schwellenländer mit einem Anstieg von 17,5 % und leicht für die Unternehmen der Eurozone mit einem Plus von 14,6 % nach oben korrigiert. Die Gewinne des Euro Stoxx dürften die Erholung der Unternehmensvertrauensindizes (PMI) sowie die Unterbrechung der Euro-Aufwertung widerspiegeln. Die Aufwärtskorrekturen werden vor allem von Finanzwerten sowie den zyklischen Sektoren Grundstoffe, Luxusgüter und Technologie getragen.
Das von einem anhaltenden Konjunkturzyklus und sinkenden Zinsen gestützte Gewinnwachstum bleibt mittelfristig ein tragender Faktor für die Aktienmärkte.
Gemischtes Bild an den Börsen
Im Oktober wurden die Aktienkurse durch solide Unternehmensergebnisse und eine weitere Entspannung bei den Zöllen, begünstigt durch den Waffenstillstand zwischen den USA und China, gestützt. Der November begann dagegen mit Gewinnmitnahmen. Die außergewöhnliche Performance der „Magnificent Seven“ weckte zudem Befürchtungen einer Blase im Bereich der künstlichen Intelligenz. Hintergrund waren das hohe Investitionsvolumen und die zur Finanzierung aufgenommenen Anleiheemissionen.
Infolge der Entspannung in den Handelsbeziehungen zwischen den USA und China sowie der Einleitung des deutschen fiskalischen Expansionsplans erreichten die Börsen der Eurozone neue Höchststände. Zwischen Beginn des vierten Quartals und dem 20. November erzielten Japan (Topix: 5,2 %) und die Schwellenländer (3,1 %) die besten Ergebnisse. Es folgte die Eurozone (Euro Stoxx: 0,6 %), während die USA einen Rückgang verzeichneten (S&P 500: -2,1 %).
Der US-Dollar zeigte gegenüber dem Euro zu Quartalsbeginn eine leichte Erholung, verzeichnete seit Jahresbeginn jedoch weiterhin einen Wertverlust von rund 10 %.
In den USA reagierten die Märkte insgesamt verhalten auf die Quartalsergebnisse: Unternehmen, die die Erwartungen übertrafen, verzeichneten nur moderate Kursanstiege. Unternehmen, die hinter den Erwartungen zurückblieben, wurden stärker als im historischen Durchschnitt abgestraft.
Börsenstabilität hat auf hohem Niveau gehalten
Die kurzfristige Entwicklung erscheint angespannt, insbesondere für den S&P 500, dessen Bewertungen knapp unter den Höchstständen von 2021 liegen. Auch die Bewertungen des Euro Stoxx und der Schwellenmärkte sind über den historischen Durchschnitt gestiegen, bleiben jedoch deutlich unter dem Niveau der USA. In Europa erscheint das erwartete Gewinnwachstum für 2026 mit 14,6 % und für 2027 mit 12,2 % recht hoch. Gleichzeitig liegt das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis moderat und deutlich unter dem historischen Durchschnitt. Dies deutet darauf hin, dass der Markt diese Schätzungen mit großer Vorsicht betrachtet.
Hohe Bewertungen könnten die positiven Marktreaktionen auf günstige Nachrichten begrenzen und im Gegenzug die Reaktionen auf negative Nachrichten verstärken.
Insgesamt erscheint die kurzfristige Entwicklung der Aktienmärkte angespannt, doch die Fortsetzung des Konjunkturzyklus und des Gewinnwachstums sowie die erwarteten Zinssenkungen der Fed bieten mittelfristig eine solide Stütze.
Pfisterer sorgt für Hochspannung an der Börse
Die Aktie des Komponentenherstellers für Stromnetze begeistert nach dem IPO die Anleger.
Stefan Riedel, München. Mit fast 150 % Kursplus seit dem IPO im Mai ist die Pfisterer-Aktie (ISIN: DE000PFSE212) in diesem Jahr das absolute Highlight unter den aktuell sechs Börsengänge an der Frankfurter Börse. Mit der Börsenpremiere im Nebenwertesegment Scale (bei gleichzeitiger Orientierung an den strengeren Transparenzregeln des Prime Standard, Anm.) schlug das im schwäbischen Winterbach ansässige Familienunternehmen zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Eigentümerfamilie Pfisterer löste die Nachfolgefrage, indem der Enkel des Firmengründers sich aus dem Unternehmen zurückzog, aber weiter rund 46,2 % der Aktienanteile hält, die künftig in eine Stiftung eingebracht werden sollen.
Zugleich fließt ein Großteil des Nettoemissionserlöses von rund 85 Millionen Euro in den Ausbau der Fertigungskapazitäten und in neue Technologien. Im Zentrum steht die neue Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, kurz HVDC. Diese spielt eine zentrale Rolle für den internationalen Stromtransport aus erneuerbaren Quellen. Pfisterer hat die Typprüfung für das 320-kV-HVDC-Kabelsystem bestanden und wird damit zum weltweit ersten unabhängigen Anbieter von Kabelzubehör für HVDC-Systeme.
Nischenchampion im Stromnetz
Verbaut werden die elektrischen Verbindungs- und Isolationslösungen von Pfisterer unter anderem in Windkraftanlagen, Umspannwerken, Zügen und Erdkabelanlagen. Das Unternehmen sieht sich als Nutznießer der weltweiten Investitionen in Stromnetze, sei es beim Bau von neuen Stromleitungen oder bei der Erneuerung der bestehenden Netze. „Das Marktumfeld für unsere spezialisierten Lösungen bleibt äußerst günstig. Unsere strategische Positionierung entlang der gesamten energetischen Wertschöpfungskette liefert hervorragende Ergebnisse“, zeigte sich Ko-Vorstandschef Johannes Linden vor zwei Wochen auf dem Eigenkapitalforum in Frankfurt gegenüber Investoren optimistisch.
Nachfrage boomt
Wie gut es bei Pfisterer läuft, untermauern die jüngsten Quartalsergebnisse. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres kletterte der Umsatz um 14,5 % auf 326,6 Millionen Euro. Im dritten Quartal schaffte Pfisterer dabei ein Umsatzplus von 25,5 % auf 113,1 Millionen Euro. Der Auftragsbestand erreichte mit 338,7 Millionen Euro einen neuen Rekordwert. Während der operative Gewinn auf Ebit-Basis um 33,5 % auf 47,6 Millionen Euro zulegte, ging es mit dem Konzerngewinn um 67,2 % auf 35,2 Millionen Euro nach oben.
Für die Zukunft erwartet das Management ein anhaltendes Umsatzwachstum von rund 15 %, angetrieben durch die Expansion in den HVDC-Märkten sowie das nachhaltige Wachstum im Nahen Osten und in Europa. Die Analysten gehen davon aus, dass sich das Gewinnwachstum nach dem Sprung im laufenden Geschäftsjahr für 2026 und 2027 in den mittleren zweistelligen Bereich halbiert, das Ganze bei einer auf 15 % steigenden operativen Marge.
Zwei Branchenexperten empfehlen die Aktie zum Kauf, einer plädiert für Halten.
Klar ist: Die Messlatte für die Aktie liegt mittlerweile hoch. Im operativen Geschäft muss sich Pfisterer den schwankenden Energiepreisen und in Zukunft auch dem zunehmenden Wettbewerbsdruck bei den Hochspannungskomponenten stellen. Vor diesem Hintergrund wird die Luft für die Aktie in Kursregionen oberhalb von 80 Euro langsam dünner.
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Politik darf „nicht alles schönfärben“
Merkur-Vorstände zur Zukunft von Lebens-, Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung.
Marius Perger. Die Lebensversicherung erlebte in den vergangenen Jahren schwierige Zeiten – das Niedrigzinsumfeld machte der klassischen Lebensversicherung das Leben schwer, die fondsgebundene litt unter Volatilitäten am Kapitalmarkt. Die Zukunft der Personenversicherung und aktuelle Herausforderungen standen deshalb im Zentrum eines Interviews mit Markus Spellmeyer und Markus Zahrnhofer im Merkur Campus, dem Headquarter der Merkur Gruppe in Graz. Vor allem Mut habe es gebraucht, in dieser Situation im Frühjahr 2022 die damalige Nürnberger Versicherung AG in Österreich zu übernehmen, betont Spellmeyer, Vorstandsmitglied der Merkur Versicherung AG, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.
Als Personenversicherer positioniert
Als ein „Pionier“ in der Sparte Krankenversicherung sei es die Strategie der Merkur gewesen, sich als „Personenversicherer“ in Österreich zu positionieren und kein Einspartenversicherer zu sein. Man stand dabei vor der Entscheidung, die nötige Expertise selbst aufzubauen oder zu „schauen, was am Markt möglich ist“. Als sich dann dazu die Möglichkeit ergab, kaufte Merkur die Nürnberger – wie sich heute zeigt, ein „sehr guter und strategisch richtiger Schritt“, so Spellmeyer. Damit habe man das Portfolio auf fondsgebundene Lebensversicherungen und biometrische Versicherungen erweitert, sodass „jetzt, nach drei Jahren, man am österreichischen Markt im Bereich der Personenversicherungen nicht mehr an uns vorbeikommt“.
Starkes Wachstum
Mit der Übernahme der Nürnberger Versicherung habe die Merkur einen klaren Plan verfolgt, so Zahrnhofer, er ist CEO der Merkur Lebensversicherung AG: Im Fokus standen dabei Kunden, Vertriebspartner und Service. Wichtig sei es gewesen dafür das richtige Umfeld zu schaffen, das habe man „in geordnete Bahnen gelenkt“. Und das wirke sich auch in der Realität aus, so Spellmeyer. So sei der Lebensversicherungsmarkt in Österreich von September des Vorjahres bis September 2025 um 3,2 % gewachsen, die Merkur Lebensversicherung habe in diesem Zeitraum aber um 11,3 % zulegen können. Und im Neugeschäft habe man einen Zuwachs um 40 % erzielt, wobei es bei Verträgen mit laufender Prämie sogar ein Plus von 50 % gegeben habe. Zahrnhofer: „Der Markt wächst mit Einmalerlägen, wir auch mit laufender Prämie.“ Geholfen habe dabei aber auch der Weggang der HDI Leben.
Der Markt für die dritte Säule ist angerichtet
Um die Zukunft der fondsgebundenen Lebensversicherung macht sich Zahrnhofer jedenfalls keine Sorgen. Denn die „demografische Bombe“ sei die beste Werbung: „Der Markt ist angerichtet.“ Angesichts der Unsicherheiten, die sich durch die Veränderung des Verhältnisses zwischen Beschäftigten und Pensionisten für die staatliche Pension ergeben, komme das Thema jetzt sukzessive auch an die Öffentlichkeit. In Zukunft werde es in der Altersvorsorge deshalb aller drei Säulen bedürfen, ist Zahrnhofer überzeugt: „Man braucht etwas Individuelles“ und Merkur sei „stark in der dritten Säule“. Die klassische Lebensversicherung habe allerdings keine Zukunft, ergänzt Spellmeyer.
Der Ball liegt bei der Politik
„Die Politik muss Tacheles reden und nicht alles schönfärben“, betont Spellmeyer in diesem Zusammenhang. In Deutschland sei man bereits über seinen Schatten gesprungen und habe erklärt, dass die gesetzliche Rente nicht reichen werde und private Vorsorge nötig ist.
Für die Kommunikation in die breite Masse sei es nötig, dass die Politik den ersten Schritt macht. „Wir schieben den Stein an, ins Rollen bringen muss ihn die Politik“, sagt Zahrnhofer. Denn mit der österreichischen Mentalität, „es wird schon gehen“, werde es eng werden.
In der Krankenversicherung ein Stück weiter
Im Bereich der Krankenversicherung sei man in Österreich dagegen schon ein Stück weiter, so Spellmeyer. Vor allem aber müsse es uns bewusstwerden, dass wir uns mit unserem Gesundheitssystem im Schlaraffenland befänden.
Kritik äußert Spellmeyer daran, dass Wahlärzte hierzulande „frei sind, was die Rechnungslegung betrifft“: Es gebe keine Standards, andere Länder würden das dagegen „ordentlich regeln“. So könne es aber nicht weitergehen: „Auch wir als Versicherer müssen kalkulieren können.“ Die heimischen Versicherer hätten im Vorjahr 2,6 Milliarden Euro ausbezahlt und seien damit eine wichtige Stütze des gesetzlichen Systems. Die Ärztekammer verteidige die aktuelle Regelung, doch das sei nicht im Sinn der Allgemeinheit. Es sei deshalb „Zeit, dass alle an einen Tisch kommen“.
Und Zahrnhofer macht darauf aufmerksam, dass die Probleme ineinandergreifen: Es gehe auch darum, dass Menschen möglichst lange im Arbeitsmarkt bleiben können. Wichtig sei es, dass sie dafür auch selbst Verantwortung übernehmen.
BU-Versicherung: „Es tut sich was“
Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung profitiere Merkur von der 30-jährigen Expertise, die unter Nürnberger-Flagge aufgebaut wurde, sagt Zahrnhofer. Sie sei „fixer Bestandteil unserer Strategie“, seit ihrer Überarbeitung im Vorjahr verzeichne man eine deutlich positive Entwicklung.
Nach wie vor besteht im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherung in Österreich Nachholbedarf. Zahrnhofer betont, Merkur habe dies zum Thema gemacht, Geld in die Hand genommen und sie aktiv beworben. Mittlerweile habe der Markt aber verstanden, „dass das ein Thema in Österreich ist“, auch andere Anbieter würden hier proaktiv agieren.
„Wir sind froh, dass das auch andere verstanden haben“, ergänzt Spellmeyer, und, optimistisch: „Wir werden unser Stück vom Kuchen abbekommen.“
Foto: Merkur Versicherung AG
Europa besser als öffentlich dargestellt
Aufwärtsrevisionen beim BIP-Wachstum und stabile Jobs statt Schwäche und Niedergang.
Michael Kordovsky. In zahlreichen Medien herrscht derzeit eine Art „Eurosklerose“. Es geht häufig um eine schwache europäische Wirtschaft und mangelnde Sicherung der Energieversorgung oder schlichtweg um eine düstere Zukunft. Doch die aktuelle Faktenlage zeigt ein wesentlich differenzierteres Bild.
Aufwärtsrevision des Wirtschaftswachstums
Noch in der am 30. Oktober von Eurostat veröffentlichten vorläufigen Schnellschätzung des BIP im dritten Quartal gingen die Volkswirte für den Euroraum gegenüber dem Vorjahresquartal von 1,3 % BIP-Wachstum (2. Quartal 2025: 1,5 %) und in der EU von 1,5 % (2. Quartal 2025: 1,6 %) aus.
Die Aufwärtsrevision der jährlichen Wachstumsraten folgte nur zwei Wochen später am 14. November mit der Schnellschätzung des BIP: Sowohl in der EU als auch im Euroraum wuchs die Wirtschaft um je 0,1 %-Punkt stärker als zuvor angenommen, also um 1,6 bzw. 1,4 %.
Irland hebt ab
Von allen EU-Mitgliedsstaaten, die Zahlen veröffentlichten, weist für das dritte Quartal lediglich Finnland eine rückläufige Wirtschaftsleistung auf. Deutschland und Frankreich wachsen um 0,3 bzw. 0,9 %. Irland schert aus, und profitierte vor allem in der ersten Jahreshälfte von starken Vorzieheffekten bei den Exporten. Im dritten Quartal 2025 waren es nach 18 % (!) im zweiten Quartal, auf Jahresbasis noch immer 12,3 % BIP-Zuwachs. Das zweitstärkste Wachstum mit 3,7 % wies Polen auf. Gleichzeitig verharrt die Arbeitslosenquote im Euroraum in den Monaten Juli bis September mit 6,3 % nur marginal über dem Rekordtief. In Malta und Tschechien liegt sie nur bei 3 % und in der nur minimal wachsenden Leitwirtschaft Deutschlands bei 3,9 %.
„Hire and Fire“ ist out
In früheren Phasen schwachen Wirtschaftswachstums waren die Arbeitslosenquoten viel höher. Heute halten Unternehmen in unsicheren Zeiten an ihren Beschäftigten fest, da diese als „Humankapital“ gelten, dessen Aufbau mit Zeit und Kosten verbunden ist. Somit passt das alte „Hire and Fire“ nicht mehr ins Konzept moderner Unternehmensführung. Hinzu kommt noch eine demografische Alterung der Bevölkerung mit zunehmenden Pensionierungswellen. Die gute Nachricht ist dabei: Wer ernsthaft einen adäquaten Job sucht, wird im Regelfall schnell fündig.
Vorsichtiger Optimismus
Die Industriekonjunktur schwächelt, wobei bei den Industrie-PMIs im November innerhalb des Euroraums eine differenzierte Entwicklung zu beobachten war: Die Daten der Industrie-Einkaufsmanager-Indizes von S&P Global zeigen jeweils ein Neun-Monats-Tief im Kontraktionsbereich in den beiden bedeutenden Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich. Irland, Spanien, Griechenland, Niederlande, Österreich und Italien sind indessen alle im Expansionsbereich, wobei Italien ein 32-Monats-Hoch und Österreich ein 40-Monats-Hoch markieren.
Cyrus de la Rubia, er ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, verweist in einer Presseaussendung vom 1. Dezember in Bezug auf Frankreich und auf Deutschland auf mögliche Ursachen. Im Falle Frankreichs vermutet er eine weiterhin ungeklärte politische Situation, und in Deutschland eine Enttäuschung über den bisherigen Kurs der Bundesregierung. Allerdings sollten schon bald sichtbare Investitionen in die Infrastruktur die Stimmung wieder beleben.
Wirft man einen Blick auf die gesamte Privatwirtschaft inklusive Service-Sektor, sieht es besser aus: Eine vorläufige Datenauswertung (HCOB-Flash PMI Eurozone) zeigt im Euroraum eine klare Expansion der Privatwirtschaft im November. Die Geschäftstätigkeit des Service-Sektors markierte ein 18-Monats-Hoch und insgesamt steigt in der Privatwirtschaft der Optimismus bezüglich der Geschäftsaussichten binnen Jahresfrist, nachdem sich die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe aufgehellt hatte.
Der von der Europäischen Kommission veröffentlichte Economic Sentiment Indicator (ESI; ein Stimmungsindikator der Wirtschaft in der EU und des Euroraums, Anm.), der die Verbraucherstimmung sowie die Manager-Erwartungen in der Industrie, dem Dienstleistungsbereich, dem Einzelhandel und der Bauwirtschaft widerspiegelt, zeigte sich im November sowohl in der EU als auch dem Euroraum stabil (je +0,2 auf 96,8 bzw.
97 Punkte). Stimmungsverbesserungen im Service-Sektor, im Einzelhandel und in der Bauwirtschaft standen einer Stimmungsverschlechterung in der Industrie gegenüber. Hingegen war die Verbraucherstimmung gegenüber Oktober marginal rückläufig. Die gesamte Wirtschaftsstimmung der EU hat sich allerdings seit dem Zwischentief im Juni um 2,5 Punkte auf 96,8 verbessert.
Positives Fazit
Die aktuellen Wachstums- und Stimmungstrends deuten auf einen weiterhin moderaten BIP-Wachstumstrend in Europa hin, der sich durch verstärkte Rüstungs- und Infrastrukturinvestitionen verstärken kann. Auf der anderen Seite können Zollkonflikte, geopolitische Eskalationen und Lieferkettenunterbrechungen natürlich zu einer Wachstumsverlangsamung führen.
Foto: Adobe Shop Pinit / Generiert mit KI
Finanzdienstleister warnen vor unseriösen Angeboten
Über die Insolvenz der Sun Contracting-Gruppe und die Lehren für Anleger und Investoren.
Martin Trettler. Zur Rückschau: In den vergangenen Jahren wurden Gelder von Sun Contracting bei Investoren eingesammelt, um Photovoltaik-Anlagen in Österreich und Mitteleuropa zu errichten. Den Investoren wurden sehr hohe Renditen versprochen, meist über die Zeichnung von Anleihen oder Konstrukten wie Nachrangdarlehen in unterschiedlichen Tranchen mit unterschiedlichen Laufzeiten. Man sprang auf den boomenden Zug der „Green Energy“ auf und erhoffte sich dadurch exorbitante Umsatzsteigerungen und Gewinne. Seit Anfang November ist diese Story nun vorbei und vielen Anlegern droht der Totalverlust, auch Betrugsvorwürfe stehen im Raum. Dieser Kommentar dient allerdings nicht dazu, um Erklärungen für den bereits entstandenen Scherbenhaufen anzuführen, sondern vielmehr als eine Anleitung für Investoren, um zukünftig die Wahrscheinlichkeit des Eintritts solcher „Totalausfälle“ zu minimieren.
1. Recherchen zum Emittenten
Nutzen Sie alle zur Verfügung stehenden Informationsquellen. In der heutigen Zeit ist die Recherchetätigkeit durch das Internet um ein Vielfaches einfacher geworden. Schauen Sie dazu etwa auf die Homepage der FMA unter www.fma.gv.at. Hier gibt es die Rubrik Investorenwarnungen, allgemeine Infos zum leichteren Erkennen von Anlagebetrug und hilfreiche Verweise auf weitere unterstützende Institutionen.
Informieren Sie sich über die handelnden Personen! Es kommt häufiger vor, als man vermutet, dass sich immer wieder dieselben Personen Gedanken darüber machen, wie sie die eigene Kasse optimieren und die der anderen erleichtern können. Die treibenden Kräfte – Emittent & Vertriebskanäle – sind oftmals dieselben Personen, sie haben nur eine andere „tolle“ Geschäftsidee mit einem anderen rechtlichen Mäntelchen an. Die erwünschte Läuterung aus vorangegangenen, gescheiterten Projekten ist bei diesen Personen enden wollend, und für jeden Investor ein Warnsignal.
2. Geschäftsmodell
Stellen Sie sich bei jedem Investment diese einfachen Fragen. Verstehe ich den Investitionsprozess? Ist das Geschäftsmodell schlüssig und nachvollziehbar? Sind der gesetzliche Rahmen und die steuerliche Gebarung klar und transparent? Gibt es im Investmentprodukt zahlreiche und unterschiedliche „Verschachtelungen“ (mehrere Gesellschaften, intransparente Vertriebskanäle, steuerliche Verschachtelungen auf Grund internationaler Firmenkonglomerate etc.). Wenn das Geschäftsmodell nicht klar und offensichtlich ist, ist es auch meistens keine gute Idee, hier Kapital zu investieren!
3. Renditeversprechen und Rücknahmemodalitäten
Am Ende des Tages zählt für den Kapitalgeber die Verzinsung seiner Investition, auch Rendite oder ROI (für Return on Investment) genannt. Hierbei ist bei Renditeprognosen, die weit weg von marktkonformen Renditeprognosen sind, immer Vorsicht geboten. Genauso wichtig ist die Betrachtung und der Fokus auf den Renditetreiber. Was sind die Effekte und Inputs, die diese Anlageform renditeseitig vorantreibt? Und da gibt es erheblich mehr als nur eine florierende Nachfrage! Und last but not least – wie schaut es mit den Kosten des Finanzproduktes aus? Auch hier ist auf Marktkonformität zu achten, und sollten auch hier unterschiedliche Stellen an den Kosten partizipieren, ist prinzipiell Vorsicht walten zu lassen. Vergessen Sie auch nicht die Bindungsdauer – bei manchen Finanzprodukten gibt es nur eine eingeschränkte Möglichkeit, sein Kapital (dann meist ohne Ertrag) abzurufen. Liegt die Rücknahmemöglichkeit zu weit in der Zukunft, ist auch hier Achtsamkeit angesagt. Verwechseln Sie aber den Planungshorizont eines Investments (hier liegt der Ball des Verkaufs bei Ihnen), nicht mit dem Ausschluss der Rücknahme von Einlagen für eine gewisse Zeit (da liegt der Ball beim Emittenten).
Mein Fazit
Summa summarum sind obige Überlegungen immer anzustellen. Ein fundierter, fachkundiger Berater unterstützt Sie bei der Entscheidungsfindung sehr gerne. Aber auch hier gilt der Recherchegrundsatz. Schauen Sie daher ins GISA (Gewerbeinformationssystem Austria) unter www.gisa.gv.at und überprüfen Sie, welche Gewerbeberechtigungen die Beraterin oder der Berater Ihres Vertrauens hat. Nur eine vollumfängliche Gewerbeberechtigung des Vermögensberaters erleichtert eine Entscheidungsfindung im Investitionsprozess!
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Der Staat taumelt durch die Immo-Wirtschaft
Florian Beckermann. Die börsengelisteten Immobilienkonzerne sind nur noch ein Schatten früherer Glanzzeiten. Nicht nur die Zinswende ist daran schuld. Die Geschäftsmodelle sind gestresst: Mietern und Vermietern galoppieren die Kosten davon. Der Staat generiert sich nicht unbedingt hilfreich. Wie das Beratungsunternehmen PwC und der Thinktank ULI (Urban Land Institute) jüngst veröffentlichten, gehört „De-Globalisierung“ zu den wichtigsten Immobilientrends für 2026. Diese Priorisierung lokaler Interessen ist schwierig zu managen. Der Staat hat entscheidenden Einfluss auf die langfristige Gestaltung des Geschäftsmodells. Durch das Fehlen des konsequenten, fachspezifischen Durchdenkens taumeln staatliche Maßnahmen gefährlich herum.
Als Anlassgesetzgebung mit merkwürdigem Echo kann man die steuerliche „Lex Benko“, das Umsatzsteuervorabzugsverbot für repräsentative Luxusimmobilien jenseits der Zwei-Millionen-Euro, bezeichnen. Was genau „repräsentativ“ sein soll, ist fraglich. Ferner scheint der Mietertrag aus solchen Immobilien umsatzsteuerfrei zu sein (Umsatzsteuerneutralität). In aller Konsequenz ist die „Lex-Benko“ ein Luxusimmobilienförderprogramm, Herr Marterbauer?
In Österreich ist die Mietzinshöhe weitgehend indexiert und so stark von lokaler Inflation abhängig. Die Echoeffekte der Inflation zu berücksichtigen, gehört zu den wichtigsten und kompliziertesten Aufgaben des Staates. Beispielsweise schlagen Energiepreis-Kapriolen direkt in den Betriebskosten, wie auch (verzögert als Inflationstreiber) in den Mietzinsen, zu. Ein doppelter Effekt auf die Mieterkosten insgesamt.
Wenn nun nach mehr als 43 Jahren Stillstand eine Grundsteueranpassung der Bemessungsgrundlage durch die Gemeinden gefordert wird, ist das fiskalisch verständlich. Der Aufschrei, der in Deutschland bei dieser Übung jüngst schrillte, ist noch nicht verklungen. Aufgrund der Umlagefähigkeit verteuert es die Betriebskosten in unbekannter Höhe für alle Mieter. Das Geschäftsmodell des Mieters bröselt weiter – muss Österreich immer Deutschlands Fehler kopieren? Ein mehrjähriger Anpassungsplan könnte abhelfen.
Deutsche Immo-Statistiken geben genug Anlass für gescheite staatliche Flexibilität. Der Büromarkt kämpft mit zu viel Fläche. Seit der Corona-Pandemie ist „Homeoffice“ das neue „Normal“ – keine unumstrittene These. Die Folgen sind erheblich. In Deutschland rechnet man mit einer Verdoppelung der bisherigen Leerstandsquote für die Top-9-Städte (auf 12 %). Davon besonders betroffen sind ältere B-Lagen-Gebäude mit Schwächen bei der ESG-Zertifizierung. ESG-zertifizierte Gebäude erzielen in Europa eine im Schnitt 6 % höhere Miete bei niedrigen Leerstandsquoten (6 %). Oder der Einzelhandel: Unter dem „Alpdruck“ des Strukturwandels im
Einkauf (Stichwort: Versandhandel) verschwanden zwischen innerhalb von drei Jahren 17,9 % der Modegeschäfte aus deutschen Innenstädten – teilweise kompensiert durch Gastronomiezuwachs. Aus diesen Fakten lassen sich nicht nur immobilienpolitische Wünsche ableiten.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Unterschätzte Schweizer Aktien
Qualität und Kursdynamik von Nebenwerten oft durch die großen Player verdeckt.
Roman Steinbauer. Helvetische Aktien gelten als sinnvolle Depot-Ergänzung. Erst recht, nachdem es Anlegern seit Mai dieses Jahres wieder möglich ist, Schweizer Aktien uneingeschränkt an EU-Börsenplätzen zu handeln. Sind doch die 2019 eingetretenen Einschränkungen durch den Zwist um ein Rahmenabkommen zwischen Brüssel und Bern beseitigt.
Die Schweizer Börse SIX Swiss büßte indes nichts an Attraktivität ein. Trotz hoher Exportabhängigkeit zeichnen sich die AGs des Nachbarlandes durch eine hohe Kapital- und Innovationskraft, Flexibilität, Gewinnorientierung, Effizienz als auch relative Krisenresistenz aus.
Starker Aufwärtstrend prolongiert
Während die prominenten 20 gewichtigsten eidgenössischen Unternehmen im Börsenindex SMI die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, stehen oft die mittleren und kleiner kapitalisierten Titel (Small & Mid Caps; also Firmen mit Marktkapitalisierungen unterhalb von 500 Millionen Euro bzw. 2 Milliarden Euro) zu Unrecht im Windschatten der weltbekannten Marktführer. Anhand der Daten von e-fundresearch.com ist die starke Entwicklung der Nebenwerte – in einer Drei-Jahres-Performance der Notizen entsprechender Fondsanteile – ablesbar. So weisen die sieben führenden „Swiss Small & Mid Cap“-Fonds diverser Anbieter während dieses Zeitraums eine Wertsteigerung von 25 bis 36 % auf. Der SMI-Index als Benchmark verzeichnete hingegen lediglich einen Zuwachs von 15 %.
Geschätzte Nutzung des Optimierungspotenzials
Der Aktien-Analyst des Schweizer Vermögensverwalters Schroders, Lawrence Hess, wies in einer Aussendung zur Bewertung des ersten Halbjahres bereits im Sommer auf eine Resilienz der Schweizer Small-&-Mid-Cap-Werte hin. Als Ursache dafür sieht er die oft sinnvoll strukturierte globale Streuung der Geschäftsaktivitäten der Firmen und deren Fähigkeit, selbst Stärkephasen des Frankens an der Devisenfront effizient zu managen. Das Risiko einer Abhängigkeit von US-Zöllen hält Hess hingegen als „überschaubar“. Damit lohnt sich stets ein Blick auf den breiteren Gesamtindex Swiss Performance Index (SPI). Zum Unterschied der Dax-Kategorien der Deutschen Börse gilt beim SPI: Wird ein Auswahlkriterium erfüllt, wird die Aktie umgehend in den Index aufgenommen – bzw. bei Nichterfüllung entfernt. Dadurch ist die Anzahl involvierter Aktien (derzeit 202 Gesellschaften) nicht konstant. Jene Beteiligungspapiere, deren Streubesitz kleiner als 20 % ist, sind übrigens im Swiss All Share Index vertreten.
Abseits des Mainstreams
Der Großteil der Small-&-Mid-Cap-Swiss-Fonds ist in CHF aufgelegt. Doch besteht u.a. beim thesaurierenden Produkt von Schroder International, dem „Selection Swiss Small & Mid Equity A“-Fonds, die Möglichkeit, diesen über das Gettex-Handelssystem der Bayerischen Börse in Euro-Notiz zu ordern. Ein Blick auf das Anlageprofil dieser Fonds-Kategorie zeigt: Herbe Rückschläge an Leitbörsen dürften sich nur gedämpft auf die Notizen niederschlagen. So ist der thesaurierende „Small-Mid Cap Equity Fund“ der Swisscanto (Zürcher Kantonalbank) derzeit vorrangig mit 6,62 % bei Sandoz, mit 4,81 % bei SGS (Zertifizierungen, Prüf- und Testdienstleistungen), 4,6 % bei Galderma (Pharma), bis zur Schindler Holding mit 2,78 % investiert. Am gewichtigsten sind darin Industrietitel mit 34 % berücksichtigt, an zweiter Stelle liegt die Gesundheitssparte mit 21 %, vor Finanzen mit 15 % und Konsumgütern mit 12 %.
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Afrika: die Wachstumsraten sprechen für den Kontinent
Mit einzelnen Fonds oder ausgewählten Aktien an neuen Zukunftsmärkten partizipieren.
Michael Kordovsky. Afrika bleibt trotz globaler Flaute ein Wachstumsblock. Der IWF erwartet für Subsahara-Afrika 2025 rund 4,1 % BIP-Wachstum und 4,4 % für 2026. Danach werden bis 2030 Wachstumsraten von 4,4 bis 4,6 % prognostiziert – verglichen mit 3,1 bis 3,2 % in der Weltwirtschaft. Gleichzeitig sollte sich in dieser Region die Staatschuldenquote von 2024 bis 2030 von rund 59 auf 53 % des BIP reduzieren.
Besonders dynamisch sind Länder wie Ruanda mit knapp 9 % Wachstum im vergangenen Jahr und einer Projektion von im Schnitt 7,2 % in den Jahren 2025 bis 2030, Côte d‘Ivoire mit rund
6,6 % Wachstum sowie Tansania, Uganda, Benin und Togo mit mittelfristigen Wachstumsraten um 5 bis 7 %. Nigeria sollte bis 2030 um rund 4 % p.a. wachsen, während in Südafrika nicht zuletzt infolge begrenzter Verfügbarkeit von Strom nur mit moderaten Zuwächsen zu rechnen ist. Laut Länderdaten.info liegt das Median-Alter von Nigeria bei 19,3 Jahren, in Südafrika bei 30,4 und in Ägypten bei 24,4 Jahren. In Angola, Benin und Uganda liegt es sogar unter 18. Diese demografische Struktur ist gesund und entlastet die Staatshaushalte.
Infrastruktur, Rohstoffe und Freihandel
Ruanda, Kenia, Tansania und Uganda profitieren beispielsweise von stark steigenden Investitionen in Infrastruktur, Energie und Dienstleistungen, während Côte d‘Ivoire, Ghana und Senegal als politisch relativ stabile Reformländer mit wachsender Mittelschicht gelten.
Kenia hat enormen Nachholbedarf, und als idealer Zielwert werden in Medien erforderliche Infrastrukturausgaben von 8 bis 9 % des BIP kolportiert. Aktuell wird beispielsweise der Handelsweg zwischen Kwa Jomvu und Mariakani ausgebaut, um die Kapazität von einer zweispurigen auf eine vier- oder sechsspurige Doppelautobahn zu erhöhen. In Nordafrika modernisieren vor allem Ägypten und Marokko ihre Häfen, Stromnetze und Industriezonen und ziehen vermehrt Fertigung und Nearshoring an.
Binnenmarkt mit 1,3 Milliarden Menschen
Handelspolitisch entstand 2021 mit der African Continental Free Trade Area (AfCFTA) ein Binnenmarkt mit 1,3 Milliarden Menschen in 55 Ländern. Die AfCFTA könnte die Realeinkommen bis 2035 um 7 % erhöhen bzw. bis zu umgerechnet 390 Milliarden Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung bringen. Gegenüber dem Status-quo vor der Freihandelszone sollte bis 2035 das gesamte Exportvolumen um 29 % steigen, so die Ergebnisse einer von der Weltbank 2020 veröffentlichten Studie mit dem Titel: „The African Continental Free Trade Area: Economic and Distributional Effects“.
Rohstoffseitig ist Afrika ein Hebel der globalen Dekarbonisierung. Laut African Ministerial Conference on the Environment (AMCEN) verfügt der Kontinent über 30 % der weltweiten Reserven an kritischen Mineralien: über 92 % der Reserven an Platingruppenmetallen (Südafrika, Zimbabwe), 56 % der Kobaltreserven (DRC, Südafrika, Zambia, Madagaskar), 54 % des Mangans und 36 % des Chroms. Namibia gehört mit einem Anteil von rund 10 % zu den bedeutendsten Uranproduzenten der Welt und Zimbabwe war 2021 bereits der siebtgrößte Lithium-Produzent.
Wie kann man investieren?
Es gibt nur wenige „Afrika-Fonds“ und auch einschlägige ETFs. In der Regel ist Südafrika mit Abstand am stärksten gewichtet, weshalb hier Alternativen mit noch möglichst ausgewogener Streuung und geringerem Südafrika-Anteil selektiert werden: Ein interessanter ETF, der auf fünf Jahre 9,7 % p.a. im Plus liegt, ist der „Amundi Pan Africa UCITS ETF“, der 30 Werte enthält und Südafrika mit rund 34 % gewichtet, gefolgt von Marokko (24 %) und Kanada (wegen der Minentitel 22 %) und Ägypten (9 %). Eine weitere Möglichkeit wäre der „Robeco Afrika Fonds“, der Südafrika mit 46 % gewichtet, aber gefolgt von Ghana (10 %), Nigeria und Ägypten (je ca. 9 %), Kenia (7 %) und Mauritius.
Und Aktien?
Beispiele relativ liquider „Afrika-Aktien“ mit Notiz an einer westlichen Börse wären hingegen:
Airtel Africa etwa betreibt Mobilfunk und Mobile Money in 14 Ländern und ist ein direkter Profiteur von Demografie und Urbanisierung. Der Konzern meldete im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres fast 26 % Umsatzwachstum und eine Cashflow-Steigerung von knapp 42 %.
Jumia Technologies ist als E-Commerce-Unternehmen in elf afrikanischen Ländern aktiv, betreibt ein umfangreiches Logistiknetzwerk und einen eigenen Zahlungsdienst. Noch zeigt das Geschäftsmodell eine starke Volatilität und die Gewinnzone ist noch nicht in Reichweite.
Die Commercial International Bank ist eine der größten ägyptischen Bankengruppen und im Firmen- und Privatkundengeschäft sowie im Investmentbanking tätig.
Endeavour Mining wiederum betreibt mehrere Goldminen in Côte d’Ivoire, Burkina Faso und Senegal und ist einer der größten Goldproduzenten Westafrikas, der von steigenden Goldpreisen profitieren sollte.
Und Helios Towers PLC besitzt und betreibt Telekommunikationstürme und Infrastruktur in afrikanischen Märkten. Analysten erwarten in den kommenden Jahren ein kontinuierliches Wachstum.
Foto: Ahsan Rahman Khan
Omnibus-Paradox: Erleichterung mit unerwünschter Wirkung
Weniger Berichtspflichten bedeuten aus Sicht der Banken nicht weniger Arbeit, aber mehr Unsicherheit. Ein Gastkommentar von Dr. Thomas Siwik, Geschäftsführer der Credarate Solutions GmbH.
Red. Die Europäische Union will mit dem Omnibus-Paket die Berichtspflichten für Unternehmen drastisch reduzieren – auf Basis des letzten Vorschlags des EU-Parlaments um bis zu 95 % auf weniger als 2.000 Unternehmen. Was erstmal nach Entlastung klingt, entpuppt sich aber als Paradox: Laut dem ESG-Daten Monitor 2025 erwarten rund 70 % der befragten Banker zusätzlichen Aufwand bei der Kreditvergabe für – nun umso mehr – nicht-berichtspflichtige Firmenkunden.
Die soeben erschienene, größte Studie zur Nutzung von ESG-Daten in Finanzinstituten im deutschsprachigen Raum zeigt: Weniger Berichtspflichten bedeuten nicht weniger Arbeit, sondern mehr Unsicherheit. 165 Experten aus Instituten mit insgesamt mehr als 6 Billionen Bilanzsumme bestätigen, dass fehlende Daten die Risikosteuerung erschweren. Besonders betroffen sind nicht-berichtspflichtige Firmenkunden einschließlich KMU, bei denen Banken künftig noch häufiger auf Schätzwerte zurückgreifen müssen, wenn Kunden keine validen Daten bereitstellen. Damit wird deutlich: ESG-Daten sind kein regulatorischer Luxus, sondern eine Notwendigkeit für fundierte, risikoorientierte Kreditentscheidungen und nachhaltige Geschäftsmodelle. Die EZB warnte bereits im August dieses Jahres eindringlich vor einer regulatorischen Schieflage: Klimarisiken haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Preisstabilität und erfordern belastbare Daten.
ESG bleibt strategisch
Trotz politischem Gegenwind halten Finanzinstitute an ihren ESG-Vorhaben fest. 86 % nutzen bereits ein ESG-Scoring für KMU oder stehen kurz vor der Einführung. Das zeigt: ESG ist aus der anfänglichen Hype-Phase heraus und Teil der operativen Banksteuerung geworden. Selbst wenn der Einfluss auf Kreditentscheidungen kurzfristig gesunken ist, erwarten die befragten Experten eine Umkehr: Bis 2027 sollen ESG-Risiken wieder über 40 % der Kreditentscheidungen bei Großunternehmen und über 30 % bei KMU beeinflussen. Warum das wichtig ist? ESG sichert nicht nur regulatorische Konformität, sondern eröffnet Geschäftschancen: 60 % der Banken sehen Sustainable Finance als strategischen Hebel für Wachstum. Die Integration von ESG-Kriterien in die Banksteuerung schreitet voran: ESG-Scorings sind Standard, auch wenn ihre Wirkung auf die Kreditmarge bisher begrenzt ist. Bei großen Instituten beeinflussen sie die Marge in immerhin 45 % der Fälle.
Datenqualität als Schlüssel für Glaubwürdigkeit
Die größte operative Hürde bleibt die Verfügbarkeit belastbarer ESG-Daten. Die Studie bewertet die Relevanz dieses Problems mit 5,2 von 6 Punkten am höchsten, als Zweites die Datenqualität. Be-sonders im KMU-Segment dominieren immer noch Schätzwerte und Branchendurchschnitte – 63 % der Scorings basieren darauf. Das ist ein Dilemma, denn ohne valide Daten wird ESG zur reinen Formalität. Banken müssen deshalb in digitale Lieferstrecken und standardisierte Datenerhebung investieren. So überrascht es, dass kleine wie große Institute auf ihre Kundenbetreuer als Datenkollektoren setzen, während die Datenerhebung durch Dienstleister eine geringe und die direkte Erfassung durch Kreditnehmer überhaupt keine Rolle spielen.
Fazit
Das Omnibus-Paket zeigt eine paradoxe Wirkung: Bürokratieabbau führt in der Kreditwirtschaft zu Mehraufwand. Wer ESG-Daten vernachlässigt, gefährdet nicht nur die Einhaltung regulatorischer Vorgaben, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Ob ein verpflichtender VSME-Standard die Datenlücke schließen kann, wird sich noch herausstellen. Die Botschaft der Studie ist klar: ESG ist keine zusätzliche Belastung, sondern eine strategische Chance für Banken.
Foto: Dr. Thomas Siwik; Copyright: www.himkurth.de
Hochsaison der Bauernfängerei
Florian Beckermann. Es ist Vorweihnachtszeit. Hektik und Stress machen sich breit. Es ist Hochsaison für Bauernfänger, die diese Periode geschickt ausnutzen. Kaum einer in Österreich erhielt noch nicht vermeintliche Bank-SMS, dubiose Anrufe oder wunderte sich über KI-generierte Promi-Werbeträger. Eine Welle überrollt das Land. Von massiven Betrügereien auf Kosten älterer Menschen liest man immer wieder, die Dunkelziffer bleibt ein Rätsel. Der IVA wird regelmäßig zu den Finanzbetrügereien befragt. Ein kurzes Update:
- Fake-Influencer: Im Kontext der Anlageberatung werben vermeintliche Influencer massiv auf sozialen Medien mit „Finanzausbildung“ oder speziellen nachahmungswürdigen „Erfolgsstrategien“. Das Opfer wird vielfach in ein komplexes Handelssystem oder Chatgruppen eingeführt und „investiert“ hier in verschiedene Finanzprodukte (häufig Krypto-Assets). Die Einstiege in solche Systeme werden auch mit „Prominenten“ bzw. mit einer KI-generierten Figur mit großer Ähnlichkeit, beworben. Nicht selten sind die Investitionen restlos verloren. Die bisher bekannten Schäden gehen bei österreichischen Opfern Richtung niedriger Millionenbereich, europaweit wird ein Milliardenbetrag vermutet. Eine Abgrenzung zu seriösen Influencern fällt häufig nicht leicht. Es ist grundsätzlich höchste Vorsicht geboten.
- Bankdaten-/Telefonbetrug, Schema: Ein Anrufer gibt sich als Bankmitarbeiter aus und behauptet es gäbe auffällige Transaktionen. Ziel ist die Installation einer „Sicherheits-App”, die in Wahrheit Schadsoftware ist – oder direkt die Herausgabe von TAN-Codes oder der PIN. Dieser Trick wird im Zusammenhang mit Bank-Kommunikation in verschiedenen Varianten angewendet (klassischer SMS-Betrug, Chats, Emails). Ähnlich der „Microsoft“-/Computer-Support-Betrug: Anrufer gibt sich als „Microsoft”, „Windows Support” oder ein Sicherheitsdienst aus. Man behauptet, der Computer sei infiziert. Ziel: Fernzugriff und Zugang zum PC oder man verlangt Geld für die „Reparatur“.
- „Krypto-Konto“: Eine aktuelle Masche im Zusammenhang mit Krypto-Währungen. Betrüger geben sich auch hier als technischer (Bank-)Support aus und verlangen eine „Kontoeröffnungsgebühr für das Kryptokonto“ etc.
Lehren: Empfehlungen von Influencern sollte immer eine intensive Recherche voraus gehen. Wird die Identität des Anrufers verdeckt und eine umgehende Überweisung/Transaktion urgiert, ist höchste Vorsicht geboten (Gefahr des ‚Spoofing‘). Von Überweisungen während eines Telefonats sei an dieser Stelle generell abgeraten. Die Hinzuziehung einer Vertrauensperson sei empfohlen. Im Zweifel sollte jedenfalls der Kontakt mit dem Finanzinstitut etc. aufgenommen und die Polizei kontaktiert werden.
Fazit: Die Kosten der Bauernfängerei für die Volkswirtschaft sind schwer bezifferbar. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein gesetzlicher Eingriff hier Abhilfe schaffen kann. Die Regulierung von Influencern fällt schwer. Denkbar wäre die Zulässigkeit von Werbung auf sozialen Medien an gewisse Bedingungen zu knüpfen, wie auch die technischen Regelmöglichkeiten gegen betrügerische Anruf-Kampagnen zu prüfen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Seltene Erden – ein risikoreiches Investment
Ein Kommentar von Steiermärkische Sparkasse Private Banking.
(14.11.) Seltene Erden sind aufgrund des steigenden Bedarfs für moderne Technologien in den Fokus gerückt und bieten Potenzial für Investorinnen und Investoren. Vor dem Hintergrund der extremen Abhängigkeit von China, das eine Vormachtstellung bei der Förderung und Aufbereitung von Seltenen Erden hat, sowie dem Handelsstreit zwischen der Volksrepublik und den USA, gelten aber Seltene Erden als sehr spekulativ – so die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.
17 Elemente
Seltene Erden sind 17 chemische Elemente (Neodym, Dysprosium, Cer, Europium, Terbium, Lanthan, Erbium und Yttrium etc.). Sie werden in vielen High-Tech-Anwendungen benötigt, etwa für Permanentmagneten in Windturbinen, für Batterien und Elektromotoren in Elektroautos, für die Elektronik in Smartphones und Computern sowie für Präzisionswaffen und Satelliten in der Militärtechnik. Sie haben ähnliche chemische und physikalische Eigenschaften, etwa eine hohe Reaktivität, besonders mit Sauerstoff und Wasser, hohe Schmelz- und Siedepunkte im Vergleich zu leichtmetallischen Elementen, gute magnetische Eigenschaften und eine gute Leitfähigkeit für Elektrizität. Seltene Erden sind daher wirtschaftlich wertvoll und politisch strategisch wichtig. Durch die Energiewende, Elektromobilität und Digitalisierung steigt der Bedarf.
Geografisch stark konzentriert
Trotz des Namens „Seltene Erden“ sind sie geologisch nicht extrem selten, aber stark konzentriert in wenigen Lagerstätten, oft chemisch gebunden und schwer zu extrahieren. China dominiert den Markt zu rund 60 bis 70 Prozent der weltweiten Produktion. In westlichen Ländern stößt die Förderung von Seltenen Erden häufig auf Widerstand, da dies sehr umweltschädlich ist. Beim Abbau werden nämlich oft radioaktive Elemente wie Thorium mitgefördert. Das Recycling von Seltenen Erden ist noch relativ gering.
Spekulativ
Aktien von Unternehmen, die Seltene Erden fördern, können aufgrund der steigenden Nachfrage für Anlegerinnen und Anleger interessant sein, weil sie strategische Rohstoffe für die genannten Zukunftstechnologien liefern. Geopolitische Faktoren, Handelskonflikte oder Exportbeschränkungen können die Preise und auch die Aktienkurse der Branche stark beeinflussen. Diese Volatilität bietet Chancen und Risiken für spekulative Anleger. Diese spekulative Anlage sollte man nur mit einem diversifizierten Portfolio und gutem Verständnis für die Märkte ins Auge fassen.
Rohstoff-Fonds
In Seltene Erden kann man direkt über Rohstoffaktien oder Unternehmen, die Seltene Erden fördern oder aufbereiten, investieren. Auch einige Rohstoff- oder Tech-orientierte Fonds und ETFs beinhalten Seltene Erden. Professionelle Anleger investieren mittels Rohstoff-Kontrakten, die aber hochspekulativ sind. Zudem gibt es viele kleine Förderbetriebe, die an den Börsen nicht gehandelt werden.
Langfristiges Investment
Fazit: Seltene Erden eignen sich für langfristige Investments, die nicht auf schnellen Gewinn setzen. Die Risiken kann man durch eine Mischung von Einzelaktien und Fonds reduzieren. Entscheidend sind auch die Qualität und das Gesamtbild der Unternehmen, wie Produktionsstandorte, Verarbeitungskapazität sowie die nachgelagerten Stufen eines Prozesses, bei denen Produkte verarbeitet, verfeinert und an Endverbraucher vertrieben werden. Nicht zuletzt sind makro und geopolitische Entwicklungen wie speziell die politische Entwicklung in China, Subventionen und die weltweiten Lieferketten im Auge zu behalten.
Immo-Aktien im Comeback-Modus
Nach Abwertungen wieder neue Chancen. Und Bauwerte profitieren von Infrastrukturboom.
Michael Kordovsky. Die Signa-Insolvenz-Kaskade und zunehmende Ausfälle im Gewerbeimmobilienbereich führten dazu, dass österreichische Kreditinstitute seit 1. Juli 2025 einen sektoralen Systemrisikopuffer von 1 % der risikogewichteten Positionsbeträge der gewerblichen Immobilienrisikopositionen halten müssen. Das ist ein Umstand, der medial umfassend diskutiert wurde. Doch bei den einzelnen Immobilien- und Immobilienentwicklungsgesellschaften der Wiener Börse und weiter zurück in der Wertschöpfungskette bei den börsennotierten Bauunternehmen und dem Baustoffhersteller Wienerberger sieht es differenzierter aus, da diese Unternehmen auf unterschiedliche Standbeine und Länder diversifiziert sind. Entsprechend positiv fallen die jüngsten Zahlen aus.
Comeback der Immo-Aktien
Die Zeit der Abwertungen ist bei den Immo-Gesellschaften zumindest weitgehend abgeschlossen, und niedrigere Zinsen wirken sich bereits positiv aus. Auf Jahressicht liegt UBM Development bereits rund 24 % im Plus (per 20. November) und die Kurse von CPI Europe und CA Immo könnten sich bald stabilisieren.
CPI Europe unter Buchwert
Beispielsweise war CPI Europe im ersten Halbjahr 2025 in der Lage, im Zuge eines positiven Bewertungsergebnisses aus Bestandsimmobilien (97,9 % des Buchwertes) und Firmenwerten das Konzernergebnis von 43 auf 211,0 Millionen Euro zu steigern. CPI Europe und S Immo haben im August 2025 ihre Strategien und Portfolios an die Assetklassen der CPI Property Group angeglichen. Dabei wurden die Nutzungsarten Büro und Einzelhandel um relevante von der Muttergesellschaft (CPI Property Group) abgedeckte Bereiche und Kernmärkte erweitert. Laut Analystenschätzungskonsens unter Finanzen.at ist bis 2027 mit stabilen Gewinnen zu rechnen und die Aktie notiert derzeit weit unter ihrem Buchwert von 30,09 Euro (Kurs per 21.11., nach Börsenschluss: 15,55 Euro).
CA Immo mit solidem Vermietungsgrad
Die auf hochwertige Büros spezialisierte CA Immobilien Anlagen AG steigerte im ersten Halbjahr 2025 den operativen Cashflow um 145 % auf 125,7 Millionen Euro. Trotz des Verkaufs von Bestandsimmobilien, die nicht zum Kernportfolio gehören, konnte das Nettomietergebnis um 8 % auf 105,8 Millionen Euro gesteigert werden. Der Verkauf von sieben nicht zum Kerngeschäft gehörenden Liegenschaften konnte sogar mit einem Aufschlag auf den Buchwert abgeschlossen werden, und der wirtschaftliche Vermietungsgrad liegt bei soliden 93,9 %. Schwerpunkt mit 66 % des Portfoliowertes ist Deutschland, gefolgt von Polen und Tschechien (je 12 % bzw. 10 %). Der IFRS-NAV (Net Asset Value; Nettovermögenswert) liegt per 30. Juni bei 25,72 Euro gegenüber einem aktuellen Kurs von 22,92 Euro.
UBM für Baustart bereit
Last but not least baut UBM Development „antizyklisch“ genau jetzt die Wohnungen, die dringend benötigt werden, denn in Deutschland sind die Baustarts von Wohnungen im Q2/25 um 85 % gegenüber der Spitze im Q4/22 zurückgegangen. Die Preise steigen. UBM verkaufte im ersten Halbjahr 2025 mehr als 200 Wohnungen und somit mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Insgesamt sind derzeit rund 2.800 Wohneinheiten in Entwicklung, Umsetzung oder bereits im Vertrieb. Im ersten Halbjahr konnte bei 39 % Umsatzsteigerung der Verlust bereits deutlich reduziert werden und UBM rechnet mit einer Rückkehr in die Profitabilität im zweiten Halbjahr 2025. Das Unternehmen, das neben Wohnungen auch Büro- und Hotelprojekte abwickelt, ist primär in Österreich, Deutschland und Polen tätig. Einen kräftigen Sprung in die Gewinnzone erwarten Analysten für das Jahr 2026 und auf Basis eines Kurses von 22,90 Euro liegt das für 2027 geschätzte KGV nur noch bei ca. fünf.
Porr und Strabag profitieren
Porr und Strabag profitieren vom Ausbau der Infrastruktur. Porr steigerte in den ersten drei Quartalen den Auftragseingang um 26,7 % auf 6,05 Milliarden Euro. Vor allem im Bahn- und Verkehrswegebau konnte das Unternehmen punkten. Das Ergebnis je Aktie stieg um 21,2 % auf 1,43 Euro und Analysten trauen dem Unternehmen in den kommenden Jahren eine deutliche Gewinnsteigerung zu. Ebenfalls über gute Wachstumsperspektiven verfügt Strabag. Das für 2027 geschätzte KGV auf Basis eines Kurses von 72,80 Euro liegt nur noch bei 11,0.
Wienerberger sehr günstig
Eine entsprechende Wachstumsdynamik in einem Umfeld verstärkter Infrastrukturinvestitionen trauen Analysten auch der Wienerberger zu: Von 2025 bis 2027 sollte der Gewinn je Aktie von 2,04 auf 3,12 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 27,50 Euro ein für 2027 erwartetes KGV von sehr günstigen 8,8 resultieren würde. In den ersten neun Monaten 2025 konnte das Unternehmen den Gewinn nach Steuern von 49 auf 173 Millionen Euro steigern.
Im Bild: das UBM-Wohnprojekt „Rezidence Na Plzeňce“ im Prager Stadtteil Smíchov, das 2027 fertig sein soll.
Copyright: UBM
Der Technologiesektor bleibt Treiber
Heimische Anleger gehen allmählich aus der Deckung – und setzen vermehrt auf KI-Trends.
Raja Korinek. Das Börsenjahr 2025 war bislang von neuen Rekordhochs geprägt, wenngleich es zwischenzeitlich reichlich Turbulenzen gab. Und das weckt, wenn auch von einem niedrigen Niveau, allmählich ein wenig Risikoappetit bei den heimischen Anlegern. Heiko Geiger, Zertifikate-Experte bei der Bank Vontobel, verweist im Gespräch mit dem Börsen-Kurier auf jüngste Entwicklungen und sagt, „laut den verfügbaren Daten und Studien ist der Anteil der Aktienbesitzer in Österreich im internationalen Vergleich immer noch relativ gering. Allerdings ist aufgrund des niedrigen Zinsumfelds und der Inflation ein Anstieg des Risikoappetits festzustellen“.
Dies sehe man sowohl an der kontinuierlichen Zunahme der ETF-Sparpläne wie auch an der Anzahl der Aktienbesitzer im Land. „Auch bei Hebelprodukten ist das zu verzeichnen.“ So ist das ausstehende Volumen bei Hebelprodukten – Zertifikate, die einiges mehr Risiko beinhalten als jene mit einem (Teil-)Kapitalschutz –gemäß Zertifikate Forum Austria allein im dritten Quartal 2025 auf 204,3 Millionen Euro angestiegen, ein Plus von knapp mehr als 100 % seit Jahresbeginn.
Technologie bleibt begehrt
Zudem gibt es klare Trends, die im kommenden Jahr anhalten dürften. Geiger verweist in diesem Zusammenhang auf den aktuellen „Techno-Boom“ und sagt, „wir sehen nach wie vor eine große Nachfrage nach Technologie-Titeln sowohl auf der Anlage- wie auch auf der Hebelprodukte-Seite“. Themen wie Künstliche Intelligenz (KI), Blockchain, Cyber-Security und Quantum-Computing zählten weiterhin zu den präferierten Themen. „Auf der Einzelaktienseite spiegelt sich dieses Interesse beispielsweise beip8 Nvidia, Palantir, AMD oder Meta Platforms wider, wobei die meisten Marktteilnehmer davon ausgehen, dass das Interesse an Technologie-Titeln anhalten könnte.“
Das anhaltende Interesse ist nachvollziehbar. Allein Nvidia, dessen Halbleiter in der KI stark gefragt sind, übertraf im dritten Quartal 2025 die Erwartungen. Der Umsatz legte im Jahresvergleich um 62 % auf 57 Milliarden US-Dollar zu. Auch Bitcoin bleibt im Fokus. „Preisrückgänge werden zum Kauf genutzt, während Phasen von Seitwärtsbewegungen im Preis von eher unterdurchschnittlichen Umsätzen in den Produkten gekennzeichnet sind“, zieht Geiger ein Fazit. Im Großen und Ganzen könne man sagen, dass sich Kryptowährungen als eigenständige Anlageklasse in Anlegerportfolios etabliert haben.
Deutschland mit reichlich Chancen
Und selbst in Europa werden Chancen genutzt, so etwa mit dem Leitindex der Frankfurter Börse. „Der Dax ist bei Zertifikaten nach wie vor der als Index meist gehandelte Basiswert“, konstatiert der Bank Vontobel-Experte. Obendrein seien heuer vor allem Aktien aus dem Rüstungsbereich wie Rheinmetall oder Hensoldt in den Fokus gerückt, wie auch Siemens Energy. „Hier könnte man bereits Zusammenhänge zwischen geplanten Investitionen aus den Fiskalpaketen und Anlageentscheidungen herstellen.“
Doch selbst die Entwicklungen bei den Währungen, insbesondere beim Euro zum US-Dollar, stehen im Fokus, allein da Investments jenseits des Atlantiks aufgrund des sinkenden US-Dollars an Wert verlieren. „Anleger beschäftigen sich mit der Auswirkung des Wechselkurses auf ihre US-Investments.“ Die Bandbreite ist breit gefasst, und betrifft nicht nur US-Aktien, sondern beispielsweise auch Rohstoffinvestments. Als Absicherungsmöglichkeiten bieten sich etwa Turbozertifikate sowie Faktorzertifikate auf das Währungspaar an.
Foto: Vontobel
Die versteckten Risiken passiver Anlagestrategien
Ein Kommentar von Guy Wagner, Chief Investment Officer bei BLI – Banque de Luxembourg Investments.
Red./ks. Nur wenige Trends haben die moderne Finanzwelt so tiefgreifend verändert wie der hin zum passiven Investieren. Mit den Versprechungen von niedrigen Kosten, Diversifizierung und zuverlässigen langfristigen Renditen ist er zur Standardstrategie für Millionen von privaten und institutionellen Investoren geworden. In den vergangenen zehn Jahren haben Indexfonds und ETFs von massiven Kapitalzuflüsse profitiert, während aktive Manager mit stetigen Abflüssen konfrontiert waren. Heute machen passive Instrumente etwa die Hälfte der globalen Aktienmarktkapitalisierung aus – und diese Zahl steigt weiter an. Diese Kapitalflüsse sind nicht in erster Linie das Ergebnis bewusster Anlageentscheidungen, sondern das Ergebnis eines komplexen Geflechts aus politischen Anreizen, regulatorischen Rahmenbedingungen und automatisierten Standardeinstellungen, die von den meisten Anlegern kaum wahrgenommen werden.
Der Trugschluss
Passives Investieren bietet unbestreitbare Vorteile. Es demokratisiert den Zugang zu den Finanzmärkten und ermöglicht es Anlegern, zu minimalen Kosten diversifizierte Portfolios zu besitzen. Sein rasantes Wachstum veranschaulicht jedoch ein klassisches wirtschaftliches Paradoxon: den Fehlschluss der Zusammensetzung – die irrtümliche Annahme, dass das, was für den Einzelnen rational ist, zwangsläufig auch für das System als Ganzes gut ist. Für einen einzelnen Anleger ist der Kauf eines Indexfonds sinnvoll. Wenn jedoch die Mehrheit dies tut, beginnt der Mechanismus, der die Effizienz der Märkte aufrechterhält – die aktive Preisfindung -, zu erodieren.
Passive Strategien sind zwar auf individueller Ebene effizient, aber ihre kollektive Dominanz birgt tiefgreifende, oft versteckte Risiken, die die Grundlagen moderner Märkte bedrohen.
Die Annahmen dahinter
Passives Investieren basiert auf zwei zentralen Überzeugungen: Auf der Markteffizienz (die Preise spiegeln alle verfügbaren Informationen wider, sodass es sinnlos ist, zu versuchen, den Markt zu übertreffen) und der Marktneutralität (passives Investieren hat keinen wesentlichen Einfluss auf die Preise). Beide Annahmen sind fehlerhaft.
Annahme der Markteffizienz
Passives Investieren behandelt Preise als unantastbar – als würden sie immer den wahren Wert eines Unternehmens widerspiegeln. Diese Annahme ist selbst in den besten Zeiten fragwürdig. Sie trifft jedoch nur dann zu, wenn die Märkte von aktiven Teilnehmern dominiert werden, die Unternehmen analysieren, Bewertungen hinterfragen und Fehlbewertungen korrigieren. Wenn die aktive Beteiligung zurückgeht, verlieren die Märkte diese Selbstkorrekturfunktion und werden weniger effizient.
Passiv ist nicht passiv
Passive Strategien werden oft als statisch dargestellt, aber in Wirklichkeit beinhalten sie ständige Käufe und Verkäufe, die durch Zuflüsse von Anlegern, Rücknahmen, Indexaufnahmen und -streichungen sowie regelmäßige Neugewichtungen getrieben werden. Diese mechanischen Transaktionen können die Preise stark beeinflussen. Passives Investieren ist nicht „hands-off“ – es ist algorithmisch, reflexiv und prozyklisch.
Der Mythos
Passive Manager behaupten gerne, dass ihre Fonds lediglich „den Markt widerspiegeln“. In Wahrheit prägen sie ihn. Wenn Milliarden von Dollar in Indexfonds fließen oder aus ihnen abfließen, bewegen sie gleichzeitig ganze Aktienkörbe, verstärken Schwankungen und tragen zu synchronisierten Preisbewegungen bei.
Die Risiken passiver Anlagen
Diese Fehlannahmen spielten kaum eine Rolle, weil passive Fonds nur einen kleinen Anteil am Markt hatten. Jetzt, da sie dominieren, setzen sie die Anleger – und das System – einer Reihe von Risiken aus.
1. Erosion der Preisfindung: Aktive Anleger erfüllen eine wichtige Aufgabe: Sie analysieren Unternehmen, bewerten Fundamentaldaten und tragen zur Festlegung fairer Preise bei. Passive hingegen akzeptieren einfach die vorherrschenden Marktpreise.
2. Steigende Bewertungen: Die Gewichtung nach Marktkapitalisierung sorgt dafür, dass passive Fonds mehr Kapital in Firmen investieren, deren Kurse bereits gestiegen sind – unabhängig von Fundamentaldaten. Dieser Effekt führt das Risiko der Überbewertung fort, da die Kapitalströme kontinuierlich Größe und Preis verfolgen.
3. Erhöhte Korrelation: Mit der Ausweitung des passiven Investierens nimmt auch die Korrelation zwischen Aktien zu. Indexfonds investieren unabhängig von den individuellen Merkmalen und der Performance in dieselben Large-Caps, wodurch sich die Preise in vielen Sektoren synchron entwickeln. Dies untergräbt die Diversifizierung – und damit genau den Vorteil, den viele Anleger suchen.
4. Marktkonzentration: Große Indizes sind oft stark auf eine Handvoll Mega-Cap-Aktien ausgerichtet. Da passive Fonds diese Indizes nachbilden, fließt unverhältnismäßig viel Kapital in dieselben wenigen Unternehmen.
5. Die Illusion der Liquidität: Die scheinbare Liquidität passiver Anlageinstrumente kann trügerisch sein. Zuflüsse treiben die Preise insgesamt in die Höhe, aber wenn sich die Stimmung dreht und Abflüsse einsetzen, kann die Liquidität verschwinden.
6. Synthetische Nachfrage: Die passive Nachfrage übersteigt oft das Angebot an verfügbaren Aktien. Um ihr Engagement aufrechtzuerhalten, können Fonds auf Derivate wie Futures zurückgreifen, anstatt die zugrunde liegenden Aktien zu kaufen.
7. Systemisches Risiko: Die Kombination aus hoher Korrelation, synthetischem Engagement und Liquiditätsillusionen erhöht die systemische Anfälligkeit. Passive Produkte versprechen Anlegern tägliche Liquidität, aber ihre zugrunde liegenden Vermögenswerte können in der Praxis illiquide werden. Im Wesentlichen hat passives Investieren große Teile des Marktes in einen einzigen, synchronisierten Handel verwandelt.
8. Verzerrung der Narrative: Da die Preisfindung immer mehr an Bedeutung verliert, schaffen die Märkte zunehmend die Fundamentaldaten, anstatt sie widerzuspiegeln. Steigende Aktienkurse führen zu optimistischen Narrativen, die dann weitere Kursanstiege rechtfertigen – eine zirkuläre Logik, die die Bewertungen von der Realität abkoppelt. Aktuelle Beispiele dafür gibt es im Technologiesektor zuhauf.
9. Marktsignale und Politik: Politische Entscheidungsträger suchen oft nach wirtschaftlichen Signalen an den Aktienmärkten, da sie davon ausgehen, dass die Gesundheit des Marktes die Gesundheit der Gesamtwirtschaft widerspiegelt. Wenn die Märkte jedoch weitgehend von passiven Kapitalflüssen und nicht von Fundamentaldaten getrieben werden, werden diese Signale unzuverlässig.
10. Governance-Risiken: Eine kleine Anzahl von Vermögensverwaltern – insbesondere BlackRock, Vanguard und State Street – kontrolliert mittlerweile den Großteil der globalen passiven Anlageprodukte. Durch ihre Stimmrechtsvertretung beeinflussen sie die Unternehmensführung, die Vergütung von Führungskräften, die Umweltpolitik und strategische Entscheidungen in der Wirtschaft. Ihre Fähigkeit, einzelne Unternehmen zu überwachen, ist jedoch aufgrund des schieren Umfangs ihrer Beteiligungen begrenzt. Das Ergebnis ist eine Konzentration von Macht bei gleichzeitig verwässerter Rechenschaftspflicht – und Governance-Entscheidungen, die kurzfristige Renditen gegenüber langfristiger Wertschöpfung priorisieren können.
Über die Finanzstabilität hinaus hat die Dominanz passiver Anlagen weitreichende wirtschaftliche und soziale Folgen.
1. Weniger Börsengänge: Private Unternehmen sehen zunehmend wenig Vorteile in einem Börsengang. Passive Fonds zeigen wenig Interesse an Unternehmen, welche neu an der Börse sind, was die Anreize für Börsennotierungen verringert und den Innovationsfluss in die öffentlichen Aktienmärkte verlangsamt.
2. Weniger Innovation: Durch die Kanalisierung von Kapital in große, etablierte Unternehmen entzieht passives Investieren kleineren, innovativen Firmen die Finanzierung. Das Ergebnis ist eine statischere Wirtschaft, die weniger offen für neue Ideen und disruptive Technologien ist.
3. Zunehmende Ungleichheit: Passives Investieren verstärkt die Konzentration von Vermögen. Da das Kapital zu den größten Unternehmen fließt, kommen die Gewinne unverhältnismäßig stark denen zugute, die bereits deren Aktien besitzen. Diese Dynamik festigt zudem die Dominanz der großen Unternehmen und vergrößert die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede, wobei die Kluft zwischen den Kapitaleignern und dem Rest der Gesellschaft größer wird.
4. Weniger Wettbewerb: Wenn passives Kapital ständig die etablierten Unternehmen belohnt, steigen die Eintrittsbarrieren. Die Marktkonzentration vertieft sich, der Wettbewerb nimmt ab.
Regulierung und das Wachstum
Der Aufstieg passiver Anlagen wurde ebenso durch die Politikgestaltung wie durch die Marktpräferenzen vorangetrieben. Steuerbegünstigte Altersvorsorge wie die 401(k)-Pläne in den USA ermutigten Anleger, kostengünstige, diversifizierte Anlageinstrumente zu bevorzugen. Vorschriften wie der Employee Retirement Income Security Act institutionalisierten passive Fonds in Pensionsportfolios und verankerten sie als Standardoptionen für langfristige Sparer.
Heute kontrollieren BlackRock, Vanguard und State Street zusammen mehr als 70 % des globalen passiven Marktes und geben mehr für Lobbyarbeit aus als der Rest der Finanzbranche zusammen. Ihr Einfluss auf die Politik ist enorm. Angesichts ihrer Größe und politischen Macht erscheint eine sinnvolle regulatorische Intervention unwahrscheinlich. Die Politik, die ein scheinbar stabiles System der Altersvorsorge nicht stören will, wird wahrscheinlich erst nach einer Krise handeln.
Aufstieg zum Marktfaktor
Benchmarks waren einst neutrale Messgrößen für die Performance, eine einfache Möglichkeit, die Entwicklung der Märkte zu verfolgen. Heute treiben sie die Performance an. Der Aufstieg des passiven Investierens hat Indizes wie den S&P 500 oder den MSCI World von bloßen Maßstäben zu mächtigen Kapital-Allokatoren gemacht. Die Unternehmen, die diese Indizes entwickeln und pflegen, üben mittlerweile einen enormen Einfluss auf das Verhalten von Unternehmen und die Richtung globaler Ersparnisse aus. Der Benchmark selbst ist zu einem der aktivsten Teilnehmer am Markt geworden.
Argumente für das aktive Management
Für aktive Manager war der Index einst eine Benchmark – ein Maßstab, an dem die Performance gemessen wurde. Heute ist er sowohl Maßstab als auch Herrscher. Wenn das einzige Ziel aktiver Manager darin besteht, den Index zu schlagen, fragen sich viele Anlegerinnen und Anleger verständlicherweise: Warum nicht einfach den Index kaufen?
Die Antwort liegt in der umfassenderen Rolle des aktiven Managements. Aktive Anleger bringen Urteilsvermögen, Flexibilität und Disziplin mit – Eigenschaften, die Algorithmen und regelbasierten Strategien fehlen. Sie tragen zur Aufrechterhaltung der Markteffizienz bei, indem sie Fundamentaldaten analysieren, Narrative hinterfragen und Kapital den produktivsten Verwendungszwecken zuweisen. Aktives Management ist nicht nur das Streben nach Outperformance, sondern ein öffentliches Gut, das die Märkte rational hält.
In einer von passiven Anlegern dominierten Welt ist die Aufgabe aktiver Manager schwieriger geworden. Momentumgetriebene Märkte belohnen in erster Linie reines Trendfolgeverhalten. Um in einem solchen Markt eine Outperformance zu erzielen, können aktive Manager ihre Anlagen nicht mehr ausschließlich auf der Grundlage von Fundamentaldaten auswählen. Sie müssen möglicherweise sogar das Gegenteil tun und in Unternehmen investieren, die sie für überbewertet halten. Dadurch sinkt jedoch ihr Vertrauen in die Unternehmen, deren Aktien sie halten, so dass sie weniger bereit sind, bestimmte Aktien in schwierigen Zeiten zu halten. Ihre Performance kann sich dadurch sogar im Endeffekt noch verschlechtern. Mit zunehmenden passiven Kapitalflüssen verstärken sich Preisverzerrungen, die aktive Performance verschlechtert sich und es wandert noch mehr Kapital in passive Anlagen – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
Ohne aktives Management verlieren die Märkte jedoch ihre Informationsintegrität. Die Preise verlieren ihre Aussagekraft, und das Kapital wird nicht mehr effizient allokiert.
Mein Fazit: Aktive Anleger sind der Sauerstoff der Finanzmärkte – unsichtbar, aber unverzichtbar.
Foto: BLI
Causa Wirecard: BGH schwächt Anlegerschutz
Florian Beckermann. Der deutsche Bundesgerichtshof hat eine für Anleger und Insolvenzverwalter wichtige Grundsatzfrage geklärt: Aktionäre einer insolventen AG können ihre kapitalmarktrechtlichen Schadensersatzansprüche nicht als einfache Insolvenzforderungen geltend machen – eine schlechte Nachricht für den deutschen Anlegerschutz und österreichische Geschädigte ebenso.
Die Fakten: Im Rahmen der Insolvenz von Wirecard meldeten rund 50.000 Aktionäre Schadensersatzforderungen an. Nach Medienberichten handelt es sich um einen Betrag von rund 8,5 Milliarden Euro. Sie machten geltend, die Gesellschaft habe durch falsche Angaben über ihre Vermögenslage zum Erwerb von Aktien verleitet. Die Anleger wollten ihre Schadensersatzansprüche als einfache Insolvenzforderungen behandelt wissen, um an der Verteilung der Insolvenzmasse teilzunehmen – eine der wenigen sinnvollen Vermögensmassen in der Wirecard-Causa überhaupt (ca. 650 Millionen Euro). Hauptkläger war die bekannte deutsche Union Investment Anlagegesellschaft. Deutsche Rechtsexperten unterstützten dieses Ansinnen mit nachvollziehbaren Gründen, es entflammte der so genannte „Gutachterstreit“.
Der Insolvenzverwalter Michael Jaffe und andere Gläubiger wandten sich „klassisch“ dagegen: Die Forderungen der Aktionäre stünden in engem Zusammenhang mit ihrer Stellung als Anteilseigner und seien deshalb nachrangig. Der Bundesgerichtshof bestätigt jetzt diese Sichtweise: Kapitalmarktrechtliche Schadensersatzansprüche von Aktionären sind keine einfachen Insolvenzforderungen. Solche Ansprüche sind mit der Stellung als Aktionär verbunden. Das Gesetz ordnet Forderungen im Rang hinter Insolvenzgläubigern ein, wenn die Forderung hinreichend mit der Beteiligung an der Gesellschaft verknüpft ist. Dies sei vorliegend der Fall. Werde eine Aktie aufgrund von Täuschung erworben, handele es sich wirtschaftlich um eine fehlgeschlagene Investition in die eigene Gesellschaft. Schäden, die hieraus resultieren, seien Teil des unternehmerischen Risikos – nicht einer Gläubigerposition. In der Praxis bedeutet dies, dass Anleger keine Forderung an die Insolvenzmasse aus der Aktionärseigenschaft herausstellen können. Die Anleger gehen auf diesem juristischen Wege folglich leer aus.
Der BGH stärkt mit diesem Urteil die Rangordnung des Insolvenzrechts und schwächt die Position des Anlegers. Wer sich an einer Gesellschaft beteiligt, trägt das Risiko des eigenen Investments – selbst dann, wenn der Erwerb der Aktien durch Täuschung erfolgte. Die Entscheidungsgründe des BGH sind einstweilen nicht publik und werden eine weitere Kontroverse nach sich ziehen.
Die Konsequenzen daraus sind jedenfalls hoch interessant: Klassische Insolvenzgläubiger, beispielsweise Banken, sehen ihre Position gestärkt. Die möglicherweise deliktische Haftung der Wirecard-Verantwortlichen (Vorstand, Aufsichtsrat, ggf. Wirtschaftsprüfer) rückt noch mehr in den Focus. Das KapMuG-Verfahren (Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, Anm.) Wirecard bleibt unberührt, erfährt jedoch eine Aufwertung. Insgesamt ist die Position des deutschen Aktionärs und das Vertrauen auf die deutsche Marktkommunikation massiv geschwächt.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Aktien mit Luft viel nach oben
Etliche Enttäuschungen könnten im kommenden Jahr zu den Gewinnern zählen.
Patrick Baldia. Der ATX hat heuer ordentlich an Fahrt aufgenommen und nicht nur ein neues Jahreshoch erreicht, sondern mit rund 4.900 Zählern auch den höchsten Stand seit 2007 (!). Seit Jahresbeginn eine Performance von rund 30 % zu Buche. Würden die Dividendenzahlungen mitberücksichtigt werden, würde sich das Plus sogar bei knapp 40 % belaufen. Kurz: Der ATX hatte schon mal schlechtere Jahre.
Einen maßgeblichen Anteil an der guten Entwicklung des heimischen Leitindex hatten heuer die hochgewichteten Banktitel. Seit Jahresbeginn ist etwa der Kurs der RBI-Aktie um mehr als 60 % gestiegen. Erste Group und Bawag folgen mit rund 50 bzw. 40 %. Stark unterwegs waren auch die Versicherungen. Uniqa und VIG können seit Anfang 2025 ein Plus von 65 bzw. 47 % vorweisen. Für Wolfgang Matejka, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter Matejka & Partner Asset Management, haben die heimischen Financials heuer auch davon profitiert, dass der regulatorische Gegenwind geringer ausgefallen ist.
Voestalpine und Strabag top
Absolute ATX-Top-Performer sind seit Jahresbeginn jedenfalls Voestalpine und Strabag mit 86 bzw. 74 %. So weit, so gut. Auch wenn Experten für die Höhenflieger optimistisch gestimmt sind, könnte es für Anleger spannender sein, sich jenen Werten zuzuwenden, die heuer bislang enttäuscht haben bzw. nicht die Erwartungen erfüllt haben. Dazu zählt etwa Wienerberger (YTD-Performance: -4,5 %). „Trotz Top-Management und strategischer Positionierung kann sich das Unternehmen nicht aus dem Zyklus befreien“, sagt Matejka zum Börsen-Kurier. Ein weiterer Kandidat: Verbund (YTD-Performance: -11 %). Der Versorger wäre eigentlich ein Profiteur von steigenden Gaspreisen, hat allerdings zuletzt mit den Kraftwerken Limberg I und III ein ziemliches Problem bekommen.
Zumtobel: Profiteur der Konjunkturhilfen?
Für Zumtobel schaut es nach Einschätzung von Matejka „eher positiv“ aus. „CEO Alfred Felder geht richtig zur Sache, stellt etwa 40 % der Kosten in Frage“, so der Fondsmanager. In einem halben Jahr könne die Lage schon anders ausschauen. Matejka glaubt nämlich, dass der Leuchtenhersteller auch von den Konjunkturprogrammen in Deutschland profitieren könnte. Ebenfalls auf der Rechnung hat er die Agrana. „Das Unternehmen könnte 2026 wie ein Phönix aus der Asche steigen, wenn sich die Restrukturierungen von 2025 bemerkbar machen“, hält er fest. SBO (YTD-Performance: -11 %) sollten ebenso wie die OMV (+24,5 %) vom steigenden Energiebedarf des boomenden Tech-Sektors – Stichwort: Rechenzentren – profitieren.
Wer auf ein Comeback von Lenzing hofft, muss sich allerdings wohl noch gedulden. Nach aktuellem Stand sehen Experten keinen Sondereffekt, der die hohen Finanzverbindlichkeiten aus der Welt schaffen könnte. „Bei dem schwer angeschlagenen Unternehmen hat man kaum Fortschritte gesehen“, so Alois Wögerbauer zum Börsen-Kurier. Für den Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft stellt sich die Frage, ob sie überhaupt den Boden erreicht hat.
Für Matejka müssen die Eigentümer einen „großen Teil der Verantwortung für die schlechte Entwicklung der vergangenen Jahre tragen müssen“. „Die hohen Investitionen hätten konsequenter zurückgefahren werden müssen“, sagt er abschließend.
Foto: Wienerberger / Robert Oberbichler
Deutschlandfonds profitieren von Staatsinvestitionen
Auch nach der heuer starken Performance sind Experten positiv auf deutsche Aktien gestimmt.
Patrick Baldia. Die deutsche Konjunktur kommt weiter nicht richtig in Schwung. Erst kürzlich haben die Experten von Deutsche Bank Research die BIP-Wachstumsprognose für 2025 von 0,5 auf 0,2 % nach unten revidiert. Und auch die Prognose für das kommende Jahr wurde gesenkt. Anstatt einem Plus von 2 % rechnen die Analysten nun mit einem Anstieg von nur 1,5 %. „Angesichts der starken globalen Gegenwinde habe der finanzpolitische Expansionskurs der Bundesregierung die deutsche Wirtschaft – mit Ausnahme der Rüstungsindustrie – bisher nur schwach belebt“, meinen sie.
Der Dax hat sich von der mauen wirtschaftlichen Lage bislang relativ unbeeindruckt gezeigt und seinen seit längerem andauernden Höhenflug weiter fortgesetzt. Erst im Oktober ist der deutsche Leitindex auf ein neues Allzeithoch von 24.611 Punkten geklettert. Kurz vor Redaktionsschluss stand ein Plus von rund 18 % seit Jahresbeginn zu Buche. Da stellt sich die berechtigte Frage, wieviel Potenzial er weiterhin hat, vor allem nach der starken Performance in den Jahren 2023 mit +19 % und 2024 mit +20 %.
Bei der Commerzbank ist man jedenfalls weiter positiv auf den Dax gestimmt. Bis Ende 2025 prognostiziert Sören Hettler, Leiter Anlagestrategie Privatkunden, einen Stand von 27.500 Zählern. „Den deutschen Indizes hilft neben freundlicheren globalen Bedingungen und den staatlichen Investitionen in die Verteidigungsfähigkeit das Infrastrukturpaket der Bundesregierung“, meint er. Im Dax dürften 2026 neben dem Industrie- und Verteidigungsbereich Technologieunternehmen und die Finanzbranche Auftrieb erfahren.
2026: Zweistelliges Gewinnwachstum möglich
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Andreas Wendelken, Fondsmanager für deutsche Aktien bei der DWS, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier: „Die fiskalpolitischen Maßnahmen der neuen Bundesregierung, unter anderem in Form von Infrastrukturinvestitionen und Verteidigungsausgaben, sollten nach vorne blickend positive Impulse liefern und dem Wirtschaftswachstum in Deutschland zugutekommen.“ Davon könnten die Unternehmen profitieren und im kommenden Jahr ein zweistelliges Gewinnwachstum erzielen. Nachsatz des Fondsmanagers: „Ein solches Szenario könnte auch weiterhin unterstützend für die Kursentwicklung der Aktien sein.“
„Qualität und Ertragskraft vieler Dax-Unternehmen könnten die aktuelle Bewertung im internationalen Vergleich weiterhin rechtfertigen“, so Wendelken weiter. Gemessen an den Schätzungen für 2026 liege das KGV für den Dax derzeit bei etwa 16. Verglichen mit dem US-Markt wären deutsche Standardwerte damit aber nach wie vor günstig bewertet. Die attraktivsten Gelegenheiten macht der Experte beispielsweise ebenfalls bei Industrieunternehmen aus, die von den angekündigten Infrastrukturpaketen beziehungsweise geplanten Infrastrukturmaßnahmen und von der Erhöhung der Verteidigungsausgaben profitieren könnten. „Auch Small und Mid Caps könnten von den potenziell positiven Impulsen für die Wirtschaftsentwicklung profitieren“, so Wendelken.
Von der starken Entwicklung des deutschen Leitindex haben klarerweise auch Deutschland-Aktienfonds profitiert. Zu den aktuellen Top-Performern seit Jahresbeginn zählt mit einem Plus von rund 22 % etwa der von Wendelken verantwortete „DWS Aktien Strategie Deutschland“ (ISIN: DE0009769869).
Am besten unterwegs war im laufenden Jahr bisher der „MEAG ProInvest“ (ISIN: DE0009754119) mit einer Wertentwicklung von rund 28 % zuletzt. Und unter den Indexfonds waren vor allem der „Amundi DAX II UCITS ETF“ (LU02526 33754) sowie der iShares „Core DAX UCITS ETF“ (DE000 5933931) gute Performer.
Foto: Tobias Reich für Unsplash+
Der Kospi-Index schlägt sie alle
Südkoreas Börse auf dem Weg zum lukrativsten Handelsplatz des Jahres.
Roman Steinbauer. An die Entwicklung der Börse in Seoul reichen andere Indizes heuer bisher nicht heran. Stieg der Kospi 200 seit Jahresbeginn bis Mitte November doch um knapp 80 %. Vor allem nach den politischen Turbulenzen (am 4. April wurde Präsident Yoon Suk-yeol durch das Verfassungsgericht des Amtes enthoben, Anm.) stieg die Kauflaune der Investoren am Aktienmarkt gehörig an. Einen weiteren starken Impuls setzte es durch die südkoreanische Wirtschaftszeitung The Chosun Daily: Ein darin veröffentlichter optimistischer Ausblick durch die Investmentbank JPMorgan Chase trieb die Notizen führender Aktien des Landes weiter hoch.
Die US-Analysten verwiesen auf sich positiv entfaltende Reformen der Regierung, was eine Anhebung des Investment-Ratings von „neutral“ auf „übergewichten“ rechtfertige. JPMorgan sehe den Kospi-50-Index bis Ende 2027 auf mehr als 5.000 Punkten anziehen. Auch solle dafür die günstige Bewertung des Marktes zur Benchmark in Tokio oder Taipeh dafür sorgen.
Und doch gilt die Republik Südkorea, in deren Metropolen Seoul und Busan insgesamt über 13 der 52 Millionen Einwohner leben, keines-wegs als Musterland einer freien Marktwirtschaft. Der starke Einfluss diverser Familienclans in großen Unternehmen, der oft bis weit in die Spitzenpolitik reicht, gerät immer wieder in die Schlagzeilen. In kaum einem anderen hoch entwickelten Industrieland dominieren derart wenige Konglomerate über börsennotierte Gesellschaften, wie es in Südkorea der Fall ist.
Stimulus aus mehreren Richtungen
Doch bestehen in der ostasiatischen Republik aktuell Rahmenbedingungen, die scharenweise Kapital ins Land locken. Die starke Stellung global relevanter Anbieter in Hochtechnologiebereichen führt zu einer regen Nachfrage internationaler Fondsmanager.
Darüber hinaus zeigen sich weitere Aktien-Sektoren südlich des 38. Breitengrades der Halbinsel als treibende Kräfte der Börsenhausse: So florieren Titel traditionell starker Branchen wie der Seefracht-Sparte. Insbesondere wird die Fertigungskompetenz von Containerschiffen oder LNG-Carriern durch Anbieter wie die Korea Shipbuilding & Offshore Eng., Samsung Heavy Industries oder Hanwha Ocean weltweit geschätzt. Durch eine schwache Won-Währung gegenüber dem Euro und dem US-Dollar erfährt zudem die Auftragslage einen weiteren Schub.
Kooperationen in oberster Technologie-Liga
An vorderster Front entpuppen sich Aktien der Halbleiterkonzerne und deren Perspektiven als Triebfeder. So führte unter anderem das Wirtschaftsmagazin The Global Business Anfang Oktober die verkündete Partnerschaft von Samsung Electronics und Hynix mit dem US KI-Pionier OpenAI als Grund für den Fortbestand des Erfolgslaufs an. Soll diese Interessenbündelung doch nicht weniger als die Vorherrschaft in der globalen KI-Infrastruktur mit sich bringen. Dabei werde Samsung Electronics optimierte Halbleiterlösungen für OpenAIs „Stargate“-Initiative bereitstellen, zum anderen werde Samsung SDS (Data Systems) Datencenter für OpenAI entwickeln und AI-Services anbieten.
Starke Wirtschaftsdaten als Eckpfeiler
Südkoreas BIP-Wachstum gewann im dritten Quartal an Fahrt, während die Inflation nur moderat anzog. Die Exporterfolge schlagen sich unterdessen in einem stark ausgeweiteten Handelsbilanzüberschuss nieder. Nach einer sich bis Sommer 2024 hinziehenden Stagnation begünstigte die aufstrebende Wirtschaftsentwicklung dazu eine Aufstockung der Währungsreserven. Anhand der niedrigen Renditen langlaufender Staatsanleihen wird an den Finanzmärkten das hohe Vertrauen in die Bonität des Landes deutlich.
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Interessenskonflikt im Fall Nexperia: neue Herausforderung für Governance
Florian Beckermann. Aktionäre haben selten Freude mit einem Interessenskonflikt. Dieser entsteht dann, wenn persönliche, wirtschaftliche oder institutionelle Interessen mit den Pflichten gegenüber Kunden, Investoren oder dem Markt kollidieren. In der modernen Finanzwelt ist dies ein strukturelles Problem, das nicht vollständig beseitigt, sondern lediglich offengelegt und reguliert werden kann – selten genug transparent und wahrnehmbar. Der Fall Nexperia verdeutlicht eine neue globale Dimension, die den Regulator noch mehr ins Boot holt.
Staatliche Intervention
Der niederländische Halbleiterhersteller Nexperia hat einen chinesischen Mutterkonzern „Wingtech Technology“. Die niederländische Regierung übernahm unlängst zeitweise die Kontrolle bei Nexperia wegen „schwerwiegender Governance-Mängel“. So soll der CEO unter anderem große Aufträge an eine mit „Wingtech“ verbundene chinesische Wafer-Fabrik vergeben haben, obwohl der tatsächliche Bedarf deutlich geringer war – und zwar in einem Ausmaß, dass dieses „Geschäft“ unternehmensgefährdend war, stellte ein Gericht fest. Solche Vorgänge deuten darauf hin, dass der Eigentümer Entscheidungen traf, die möglicherweise den strategischen Zielen Chinas dienten, etwa durch die Stärkung chinesischer Produktionskapazitäten, Know-how-Transfer und einem „finanziellen Ausräumen“, somit im Widerspruch zu den Interessen der niederländischen Wirtschaftssicherheit standen. Die Regierung sah darin eine potenzielle Gefährdung – mit der Konsequenz, dass die europäische Automobilindustrie, welche auf Nexperia-Chips angewiesen ist, stillstand. Ein mutiger und schädlicher Schritt zugleich. Man stelle sich das in Österreich vor.
Lehren für die Governance
Learnings: Klar ist, die Eigentümerstruktur ist wesentlich für die gelebte Governance. Diese muss international, auch gegenüber Mutterkonzernen, belastbar sein. Interessenskonflikte entstehen nicht nur auf individueller Ebene, sondern können auch geopolitische Dimension haben. Es zeigt sich das Problem moderner Industriepolitik: In einer globalisierten Wirtschaft, in der Eigentum, Produktion und Technologie über Ländergrenzen hinweg verflochten sind, lassen sich Konflikte zwischen wirtschaftlichen, politischen und sicherheitsrelevanten Interessen kaum vermeiden. Wenn klassische Governance wie Transparenz, Offenlegung und ethisch-individuelle Eignung versagt, müssen Staaten dann als Ultima Ratio eingreifen, um nationale Interessen und technologische Unabhängigkeit zu schützen.
Ob Staaten hierzu die nötige Schnelligkeit und Kompetenz haben, darf man hinterfragen. Einstweilen entsteht ein neues juristisches Schlachtfeld mit massiven Eingriffen in die Privatautonomie, auch abseits der Sicherheitspolitik.
Die Dialektik dieser Entwicklung kann man sich leicht vorstellen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Aktien, die noch günstig sind
Wir haben Biotech- und Pharmaaktien mit Aufholpotenzial für Sie analysiert.
Michael Kordovsky. Zollunsicherheit bei europäischen Pharmafirmen und Donald Trumps Forderung nach Preissenkungen belasteten die Stimmung. Die Branche erlebt eine „neue Realität“, die aber in zahlreichen Aktienkursen bereits eingepreist ist. Ein Indiz dafür: Der 64 Werte enthaltende World Pharmaceuticals, Biotechnology and Life Sciences Index (USD) weist per 31. Oktober mit 15,7 ein niedrigeres Forward-KGV auf als der MSCI World (20,6) aus.
So findet man Aspiranten
Neben einem niedrigen KGV und im Falle von roten Zahlen hohen Cash-Reserven ist ein Blick auf den Chart sehr wichtig. Gemäß dem Motto „In der Ruhe liegt die Kraft“ sollte auf eine idealerweise mehrjährige, zumindest aber monatelange Seitwärtsbewegung geachtet werden. Ist bereits ein Ausbruch erfolgt, kann auf den fahrenden Zug aufgesprungen werden, sofern etwas Neues bevorsteht, sprich erfolgversprechende Umstrukturierungen im Gange oder besondere Medikamente in der Pipeline sind.
Die ganz großen Klassiker: Biontech und Pfizer
Nach dem Abflauen des Corona-Impfbooms läuft Biontech seitwärts. Das Fundament bleibt stark: 16,7 Milliarden Euro liquide Mittel versus 21,6 Milliarden Euro Marktkapitalisierung. Mehr als 20 Onkologie-Studien in Phase II/III sichern Pipeline-Potenzial. Das Unternehmen hat zuletzt seine Umsatzprognose angehoben und die Chancen stehen gut, dass bis 2028 besondere Krebsmittel des Unternehmens auf den Markt kommen.
Eine längere Seitwärtsbewegung auf niedrigerem Niveau zeigt auch der Kurs von Pfizer, die Unsicherheit durch einen Deal mit der US-Regierung reduzierte, indem sie Medienberichten zufolge, die Medikamentenpreise in den USA an die niedrigsten Preise anderer Industrienationen anpasst. Pfizer hat ein Kostensenkungsprogramm laufen, das von 2024 bis Ende 2027 Nettoeinsparungen von umgerechnet 6,3 Milliarden Euro bringen sollte. Hinzu kommen eine Reihe vielversprechender Krebsmittel in Phase III. Das Unternehmen rechnet für 2025 mit einem bereinigten Gewinn je Aktie 2,61 bis 2,74 Euro, was einem KGV von rund 8,1 entspricht. Das Unternehmen hat in den vergangenen vier Quartalen die Gewinnprognosen der Analysten im Schnitt um 35 % übertroffen.
Weitere günstige Bewertungen
Der Aktienkurs des erfolgreichen Onkologie-Unternehmens Exelixis befindet sich in einem Aufwärtstrend. Ein aktuelles Highlight kommentiert Michael M. Morrissey, Präsident und CEO von Exelixis in der Aussendung vom 4. November: „Das Cabozantinib-Franchise entwickelte sich weiterhin überdurchschnittlich gut und verzeichnete ein anhaltendes Wachstum bei Nierenzellkarzinomen und neuroendokrinen Tumoren, wo Cabometyx seine Position als führende orale Therapie für neue Patientenanteile im Second-Line- und späteren Setting ausbauen konnte.“ Die Analysten von Zacks rechnen 2026 mit 15 % Gewinnanstieg pro Aktie, und das für 2026 geschätzte KGV liegt bei 13,2.
Auf niedrigem Niveau nachhaltig nach oben aufbrechen könnte der Kurs von Sanofi, deren Flaggschiff-Produkt, Dupixent (Behandlung von Neurodermitis, COPD und Asthma) im dritten Quartal 26,2 % Umsatzwachstum verzeichnete. Der Gewinn pro Aktie sollte laut Analystenschätzungen von 7,74 Euro im Jahr 2025 bis 2029 auf 11,04 Euro wachsen. Bei einem Kurs von 85,6 Euro liegt das für 2027 geschätzte KGV bei 9,5.
Nach langjähriger Durststrecke wieder im Aufwärtstrend ist auch der bedeutende Anbieter von Medikamenten gegen HIV und Hepatitis C, Gilead Sciences, der per 6. November laut Zacks-Konsens mit einem für 2026 geschätzten KGV von 14,5 bewertet ist.
Foto: AdobeStock / Watcharee
„Institutionelle Investoren stehen in den Startlöchern“
21Shares-Experte Bernhard Wenger über das Bitcoin-Kurspotenzial und das steigende Interesse am Krypto-Asset.
Patrick Baldia. Vor kurzem wurde die Übernahme des weltweit ersten und größten Emittenten von Krypto-ETPs (Exchange Traded Products; das sind Finanzinstrumente, die an einem etablierten Handelsplatz gehandelt werden und eine Alternative zu direkten Investments in Kryptowährungen sind, Anm.) durch das US-Unternehmen FalconX bekannt. Grund genug, mit Bernhard Wenger, Head of Northern Europe 21Sha-res, über die Transaktion, aber auch das steigende Interesse an der Anlageklasse zu sprechen.
Börsen-Kurier: 21Shares wurde von FalconX, einem Prime-Broker aus den USA, übernommen. Was bedeutet das für Ihre Kunden?
Bernhard Wenger: Zunächst einmal nicht viel. Wir werden unser Geschäft nach der Übernahme eigenständig weiterführen. Was laufende Produkte bzw. ETPs betrifft, wird es keinerlei Veränderungen geben. Sehr wohl werden wir jedoch in Zukunft institutionellen und privaten Investoren ein noch umfassenderes Angebot an Lösungen bzw. regulierten, digitalen Vermögenswerten anbieten können. Hier kommt uns zugute, dass FalconX ebenfalls ein Krypto-Unternehmen ist, das zum Beispiel bei Derivaten sehr gut aufgestellt ist. Wir werden also, wenn ein ETP oder ETF nicht die richtige Lösung ist, flexibler sein können, vor allem, was den institutionellen Bereich betrifft.
Börsen-Kurier: Können Sie zu geplanten neuen gemeinsamen Produkten etwas sagen?
Wenger: Dazu ist es noch zu früh. Die Übernahme ist ja gerade erst bekannt gegeben worden. Nun muss sie finalisiert bzw. Details ausgehandelt werden. Sehr wohl werden wir (als 21Shares) aber in den kommenden Monaten einige neue Single-Underlyings auflegen, über die ich allerdings noch nichts verraten kann. Erst Mitte Oktober haben wir ja drei neue ETPs vorgestellt, die neue Möglichkeiten im digitalen Anlageuniversum eröffnen. Bei 21shares Bittensor ETP, 21shares Maple Finanz ETP und 21shares Pendle ETP handelt es sich um eher kleinere Protokolle zu Spezialthemen wie Künstliche Intelligenz oder Decentralised Finance, die aber alle Voraussetzungen erfüllen, um auch an einer traditionellen Börse gehandelt zu werden.
Börsen-Kurier: Derzeit mehren sich die Stimmen, dass sich das Ende des laufenden Bitcoin-Booms abzeichnet. Wie sehen Sie das?
Wenger: Wir sehen den Markt eher positiv. Aber natürlich kann man nicht leugnen, dass wir in den vergangenen Wochen eine gewisse Konsolidierung gesehen haben. Phasenweise wirkte der Markt fast ein wenig orientierungslos. Man darf aber nicht vergessen, dass es neben Gewinnmitnahmen nach einer langen Hausse auch einigen Stress gab. Zuletzt etwa als US-Präsident Donald Trump neue Zölle gegen China angekündigt hat. Das alles hat der Bitcoin aber ganz gut weggesteckt. Es gibt ja weiterhin genügend Katalysatoren, die versprechen, dass es nach der aktuellen Phase nochmals ein Stück bergauf gehen kann.
Börsen-Kurier: Welche Katalysatoren wären das?
Wenger: Ein großer Treiber ist sicher die starke und weiter steigende Nachfrage nach Bitcoin-ETFs. Wir glauben, dass sobald der laufende Shutdown in den USA beendet ist, neue Krypto-ETFs aufgelegt werden könnten. Davon würde der ganze Markt profitieren. Auch die institutionelle Adaption nimmt weiter ihren Lauf. Allein die ETF-Flows zeigen, dass auch Pensionsfonds und Corporates eingestiegen sind. Dazu kommen die sogenannten Bitcoin-Treasuries, also Unternehmen deren Hauptzweck es ist, Bitcon- oder andere Krypto-Bestände aufzubauen. Sie zählen ja auch zu den institutionellen Anlegern.
Börsen-Kurier: Interessieren sich auch heimische institutionelle Investoren für Krypto-Assets?
Wenger: Eher nicht so sehr, wie das bereits in anderen Ländern der Fall ist. Meiner Einschätzung nach stehen sie jedoch in den Startlöchern. Etwas mehr Anfragen haben wir in Europa. Auch wenn man sie noch an einer Hand abzählen kann, zeigt das doch, dass sie nach Möglichkeiten suchen, sich mit neuen Assets zu diversifizieren. Noch gibt es ja die eine oder andere offene regulatorische Frage, die allerdings in den kommenden zwölf bis 18 Monaten geklärt werden sollte.
Börsen-Kurier: Kommen wir nochmals zur Performance zurück: Ist der Bitcoin mittlerweile zu teuer geworden?
Wenger: Nein, das glauben wir nicht. Vielleicht etwas auf mittlere Sicht. Der Bitcoin ist jedoch ein langfristiges Investment. Mit einem auf 21 Millionen Stück begrenztem Angebot. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Das bedeutet letztlich: Steigt die Nachfrage nach Bitcoin, wird ganz einfach auch der Preis steigen.
Börsen-Kurier: Was müsste aber passieren, damit die Krypto-Stimmung kippt bzw. es etwa zu einem neuerlichen „Krypto-Winter“ kommt?
Wenger: Bei Verschärfungen der makroökonomischen oder geopolitischen Lage geraten Risiko-Assets generell unter Druck. Davon können sich auch Kryptowährungen nicht entziehen. Ein weiteres Risiko wäre, wenn es in den USA in regulatorischer Hinsicht nicht so gut läuft, wie sich das einige wünschen. Danach schaut es im Moment jedoch nicht aus.
Börsen-Kurier: Eignet sich der Bitcoin als eine Art Goldersatz im Portfolio?
Wenger: Mit dem Begriff „digitales Gold“ tu ich mir etwas schwer. Bei 21Shares sehen wir den Bitcoin als digitalen Wertspeicher. Wie Gold ist er in erster Linie ein Investment und nicht ein Zahlungsmittel. Eine weitere Gemeinsamkeit: Sowohl das Angebot von Gold als auch Bitcoin ist begrenzt. Anders als bei der Kryptowährung, die ja bei 21 Millionen Stück begrenzt ist, wird es nicht so schnell passieren, dass uns auf der Erde Gold ausgehen wird. Bitcoin ist weniger ein Goldersatz als vielmehr eine Ergänzung mit Diversifikationseigenschaften.
Foto: 21Shares
Die Stimmung in den USA kippt
Auch, wenn der Shutdown endet: Die Sorgen der US-Konsumenten liegen tiefer.
Jens Korte, New York. Es sind eigenartige Zeiten. Zuletzt trugen Investitionen in Künstliche Intelligenz mehr zum Wirtschaftswachstum in den USA bei als der Konsum. Dabei steht die Inlandsnachfrage traditionell für rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung. Die gesamte Wirtschaftskraft der USA hängt grundsätzlich immer noch am US-Verbraucher. Deshalb ist es auch für die Wall Street nicht ganz unerheblich, ob der Supertanker auf Kurs bleibt. Die jüngsten Entwicklungen geben hier eine Antwort.
Die Stimmung schlägt um
Jüngste Daten zur Konsumentenstimmung haben fast den tiefsten Stand der Historie erreicht. Dieser Index wird erst seit den 1970er Jahren erhoben. Deshalb ist historisch ein großes Wort. Aber der Trend ist deutlich. Die Amerikaner sind nicht happy. Donald Trump führt das auf den Shutdown zurück. Es ist mit Sicherheit nicht hilfreich, dass hunderttausende Amerikaner seit Wochen auf Sozialhilfe oder andere Zahlungen warten. Aber die Sorge der Bevölkerung liegt tiefer. Laut Challenger Gray & Christmas, einem der bekanntesten Personalberater im Land, hat die Zahl der angekündigten Kündigungen den höchsten Stand seit 22 Jahren erreicht. Aufgrund des Shutdowns in Washington gibt es seit Wochen keine zuverlässigen Daten vom Arbeitsmarkt.
Kündigungen werden mehr
Wir sollten nicht zu viel in eine Erhebung hineininterpretieren. Aber es gibt sehr wohl einige Anzeichen, dass die Lage schwieriger wird. Während der Pandemie war es für viele Unternehmen extrem kompliziert, Mitarbeiter zu finden. Deshalb zögerten viele Arbeitgeber, Leute zu kündigen, als sich die Lage wieder entspannte. Doch diese Zurückhaltung scheint sich langsam aufzulösen.
Massenkündigungen gibt es bisher noch nicht, aber bei den Neueinstellungen sind die US-Konzerne vorsichtiger geworden. Laut Challenger spielt die neue, disruptive Technologie zudem eine ähnliche Rolle wie 2003, weshalb die Job-Lage schwieriger wird. Damals war es die Dot-com-Welle, heute ist es der KI-Hype. Ungeachtet dieser Trends wird das Leben für viele Amerikaner immer unerschwinglicher. Die Inflationsraten liegen zwar heute deutlich unter der Teuerung vor drei Jahren. Aber im Vergleich zu 2020 sind etwa Mieten oder Lebensmittelkosten um fast 30 % gestiegen.
Wall Street noch auf Kurs
Die Aktienmärkte haben das bisher gut abgefedert, weil ein relativ kleiner aber sehr zahlungskräftiger Teil der Bevölkerung das Wachstum am Laufen hält. Wenn jetzt die Wall Street abkühlen sollte, dann könnte auch der Schub der Wohlhabenden für die Wirtschaft nachlassen. Und dann könnte 2026 ein schwieriges Umfeld für Wirtschaft und Aktien werden.
Foto: Adobe Stock / Igor_Tichonow
Versichern gegen KI-Risiken: Geht das überhaupt?
Eine „Omni-Polizze“ für KI-Risiken werde es nie geben, den betroffen sind viele Bereiche.
Marius Perger. Welche Risiken mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz einhergehen, welche von ihnen durch Versicherungen abgedeckt werden können und welche Herausforderungen es für die Versicherungsindustrie gibt, war Thema eines Vortrags Kerstin Keltner, Managing Director Specialty beim Risikoberater Aon Austria sowie Universitätslektorin, beim diesjährigen Trendtag des Branchenmagazins Asscompact in Vösendorf bei Wien.
KI wirke in viele Unternehmensbereiche hinein, betonte Keltner einleitend. Seit 2024 werde KI aktiv als Angriffswerkzeug von Verbrechern genutzt, von KI-gestützten Ransomware-Angriffen über die Manipulation von „smarten“ Geräten bis zur Entwicklung bösartiger Inhalte. Der Einsatz von KI könne aber auch zu Beratungsfehlern führen; so habe das Beratungsunternehmen Deloitte KI für einen Bericht an ein Ministerium in Australien verwendet, die Künstliche Intelligenz habe dabei aber „halluziniert“. Diese falsche Beratung habe bei Deloitte einen Vermögensschaden verursacht. Und selbst KI-Anbieter seien nicht vor Angriffen gefeit, wie ein Fall aus Österreich aus der Vorwoche zeigt. Am vergangenen Sonntag hat das heimische Start-up Localmind.ai einen „Sicherheitsvorfall“ festgestellt und alle betroffenen Systeme vorübergehend offline genommen.
Alle Sparten betroffen
Diese Risikosituation führe dazu, dass alle Versicherungssparten betroffen sind, so Keltner. Es gebe aber keine „Omni-Polizze“ für KI-Risiken und es werde diese auch nie geben, zeigt sie sich überzeugt. Die Cyberversicherung decke jedenfalls nur einen kleinen Teil ab.
Immer stärker in den Vordergrund rücke die D&O-Versicherung (Directors-and-Officers-Versicherung, auch Organ- oder Manager-Haftpflichtversicherung, Anm.); beispielsweise handle es sich um eine Pflichtverletzung, wenn Geschäftsführer keine KI-Strategie haben. Social-Engineering-Fälle (vorgetäuschte Identitäten) wiederum fallen in den Bereich der Vertrauensschaden-Versicherung. Weitere Risiken, die jeweils explizit versichert werden müssten, sind beispielsweise Urheberrechtsverletzungen durch KI, Produktfehler durch den Einsatz von KI in der Produktion, diskriminierende Entscheidungen der KI sowie Personen-, Sach- oder Reputationsschäden.
Herausforderungen für Versicherbarkeit
Die starken und dynamischen Entwicklungen im Bereich der KI würden die Versicherungswirtschaft vor große Herausforderungen stellen, betont Keltner. Aufgrund der fehlenden Standardisierung sei die Konzeption von Produkten kaum möglich. Darüber hinaus bestehe oft Unklarheit über den Versicherungsumfang bestehender Produkte im Hinblick auf die neue Risikosituation, was häufig zu Deckungsstreitigkeiten führe. Der Versicherungsschutz müsse öfter überprüft und angepasst werden. Schließlich sei auch die Abwicklung im Schadenfall komplex. Diese stelle alle Beteiligten vor große Herausforderungen, oft führe auch die Haftung zu komplexen Rechtsfragen.
Inzwischen verschiedene Angebote
Der Versicherungsmarkt reagiere bereits auf die unterschiedlichen KI-Risiken und entwickle sich, sagt Keltner. Echte KI-Deckungen gebe es derzeit aber nur von Spezialversicherungen. Besonders achten sollte man auf mögliche Deckungseinschränkungen bei KI-Deckungen. Beispiele für auf dem Markt befindliche Angebote seien eine KI-Performance-Versicherungslösung, eine Ausweitung des Deckungsumfangs der bestehenden Cyberversicherung auf KI-Risiken oder KI-Haftpflichtversicherungen für KMU. Aber auch Versicherungen für Anbieter von KI-Lösungen oder Eigenschadenversicherungen für Unternehmen, die KI-Lösungen von Dritten beziehen, um damit ihre Betriebstätigkeit auszuüben oder KI-Lösungen in ihre Produkte einbauen, werden inzwischen angeboten.
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Private Vorsorge – ein vernachlässigtes Thema
Herausforderungen und Lösungsansätze für Finanzberater im Umgang mit Kunden.
Marius Perger. Jahrelang hat man in Österreich den Menschen erklärt, die „erste Säule“ der Altersvorsorge – also die staatliche Pension – werde ausreichen, selbst die Existenz einer Pensionslücke wurde von manchen bestritten. Nun gibt es Pläne für eine Stärkung der betrieblichen Vorsorge, also der „zweiten Säule“ – so ist im aktuellen Regierungsprogramm der „Generalpensionskassenvertrag“ vorgesehen, der es allen Arbeitnehmern ermöglichen soll, ihre Abfertigungssummen anlässlich des Pensionsantrittes an eine Pensionskasse zu übertragen, um da-durch eine lebenslange Zusatzpension zu erhalten. Die „dritte Säule“, die private Vorsorge, ist in der öffentlichen Diskussion dagegen nur wenig präsent – Grund genug für uns, das Thema im Rahmen eines Round Table mit hochrangigen Versicherungsexperten zu diskutieren.
Die Notwendigkeit
Für Stefan Otto, Vertriebsdirektor Österreich bei der WWK Lebensversicherung, ist das Thema „gar nicht präsent“, weil die Österreicher noch immer fest auf das staatliche System vertrauen. Erst jetzt habe die neue Regierung das Thema vorsichtig angegriffen, doch es sei bereits viel zu viel Zeit verloren worden. Markus Zahrnhofer, CEO der Merkur Lebensversicherung, betont, dass man über alle drei Säulen diskutieren müsse: „Dass es auch in Zukunft eine staatliche Pension geben wird, steht außer Frage – ungewiss ist jedoch ihre Höhe.“ Er plädiert für einen Schulterschluss zwischen öffentlicher Hand und Versicherungswirtschaft: „Die Branche ist bereit und hat Lösungen parat – doch die Politik muss den Stein ins Rollen bringen.“
Es sei klar, dass die staatliche Pension nicht reichen wird, sagt Michael Gadinger, Leiter Produktmanagement & Vertriebsunterstützung bei der Wiener Städtischen Versicherung. Das müsse man mit den Menschen ganz offen diskutieren, aber ohne Angst zu machen oder Horrorszenarien aufzubauen: „Es würde uns allen guttun, das Thema positiv zu besetzen und den Menschen auch zu sagen, was es bringt, wenn man rechtzeitig beginnt, privat vorzusorgen. Nämlich finanzielle Freiheit im Alter.“ Viele Menschen würden zwar wissen, dass Vorsorge wichtig ist, aber nichts tun: „Diese Diskrepanz müssen wir versuchen aufzulösen“, so Gadinger.
Schon heute würden 13,7 % des BIP in die öffentlichen Pensionen fließen, und das werde stark steigen, betont auch Patrick Rechberger, Leiter Makler- und Agenturvertrieb Österreich bei der Ergo Versicherung. Wenn man das transparent darlegt, führe es automatisch dazu, dass sich die Menschen mit der zweiten und der dritten Säule beschäftigen. Wichtig sei es auch, das Thema Vermögen positiv zu besetzen und den Vermögensaufbau auch im Sinne von Absicherung im Alter hervorzuheben.
Während viele Menschen das staatliche Pensionssystem als eine vollständige Absicherung für das Alter sehen, sei es in Wirklichkeit „maximal eine Grundsicherung“, sagt Christian Nuschele, Head of Distribution Deutschland und Österreich der Standard Life Versicherung. Und vor dem Hintergrund des demografischen Wandels werde es künftig sogar noch weniger leisten können: „Da erwarte ich schon mehr Ehrlichkeit von Seiten der Politik.“ Es werde versucht, den Status Quo des gesetzlichen Systems beizubehalten, anstatt dringend notwendige Reformen einzuleiten. Aber auch die Branche müsse noch mehr über die Notwendigkeit der privaten Pensionsvorsorge aufklären.
Wie beraten?
Es bestehe Vertrauen in die Versicherungen, seit 90 Jahren habe es in Österreich keinen insolventen Versicherer mehr gegeben, betont Zahrnhofer: „Darauf müssen wird aufbauen, das ist ein wesentliches Thema.“ Vorsorge sei aber kein Thema, das man leicht anspricht: „man muss es mit Vertrauen ansprechen und aufbauen“. Und Finanzbildung sei notwendig, um den positiven Trend, den man schon sieht, weiterzuführen.
Gerade die Auswirkungen des demografischen Wandels könne man sehr gut aufzeigen, ergänzt Nuschele: „Das sich wandelnde Verhältnis von Beitragszahler und Leistungsempfänger sollte den Menschen zeigen, dass es Einschränkungen bei der gesetzlichen Pension geben wird und an privater Vorsorge kein Weg vorbeiführt.“ Man müsse dies plakativ aufbauen, ist Otto überzeugt. Jungen Menschen müsste man erklären, „du bist jetzt 25, wenn du in Pension gehst, dann gibt es nur noch einen Erwerbstätigen für einen Pensionisten. Bei gleichen Beiträgen bedeutet das für dich nur noch die Hälfte der Pension. Bist du dir dessen überhaupt bewusst?“
Die wesentliche Rolle des Beraters bei der Altersvorsorge hebt Gadinger hervor: Spreche ein Berater das Thema nicht an, so sei dies wie „unterlassene Hilfeleistung“, wie wenn ein Arzt einem Menschen nicht helfen würde, dem es schlecht geht. Entscheidend sei der Beratungsprozess: Im ersten Schritt gehe es um die Standortbestimmung, im zweiten darum, Vorsorgelösungen darzulegen und einen Plan für die Vorsorge zu erstellen. „Und der dritte Schritt ist es, den Kunden lebenslang zu begleiten, den Vorsorgeplan auch anzupassen, denn Lebensumstände und Einkommenssituationen ändern sich.“
Zu den fachlichen Fähigkeiten komme aber noch eine emotionale Komponente dazu, so Nuschele. Menschen würden sich davor scheuen, die eigene finanzielle Situation transparent zu machen und die familiären Rahmenbedingungen offen zu legen. Gleichzeitig fehle der Appetit auf mögliche, unangenehme Ergebnisse einer Analyse. Daher sei es sehr wichtig, dass Berater neben der notwendigen Fachkompetenz auch ein hohes Maß an Empathie mitbringen, um den Kunden die Ängste nehmen zu können.
Es sei klar, dass die Lebensversicherung ein extrem attraktives Vorsorgemodell mit einem mittel- bis langfristigen Fokus sei, betont Gadinger. Die Frage sei aber, „bringt es der Berater hinüber, beim Kunden diesen mittel- bis langfristigen Fokus zu erzeugen?“ Allein durch die Steuervorteile und die Gestaltungsmöglichkeit für die Nachlassplanung sei die Lebensversicherung „das Vorsorgevehikel schlechthin für die breite Masse“. Dies müsse man bei den Beratern in den Fokus rücken, dann könnten sie mit ganz anderen Argumenten zum Kunden gehen.
Wichtig sei es, ganz nahe am Berater zu sein, sagt Zahrnhofer. Dies könne durch viele Kanäle, den persönlichen Kontakt, die persönliche Beziehung gelingen. Wichtig sei es auch, mit softwareunterstützten Prozessen und technischen Lösungen den Abschluss und die dafür nötigen Informationen einfach und transparent für den Berater bereitzustellen.
Für Berater sei es am wichtigsten, sich zu überlegen, wie eine professionelle Beratung aus ihrer Sicht aussieht und welche Leistungen sie erbringen wollen, betont Nuschele. Unabhängige Versicherungsmakler und freie Vermögensberater würden in der Praxis finanzielle Konzepte bis zum 85. Lebensjahr und darüber hinaus erstellen. „Das bietet die Möglichkeit einer lebensbegleitenden Beratung und ist die Grundlage für eine laufende Vergütung und ein regelmäßiges Einkommen für Beraterinnen und Berater“, so Nuschele.
Was tun mit dem Geld aus der Pensionskasse?
Ebenfalls im Regierungsprogramm vorgesehen ist die Möglichkeit, zum Pensionsantritt das angesparte Kapital aus der Pensionskasse herauszunehmen. Damit könnte ein neuer Bedarf entstehen, Geld auch in höherem Alter anzulegen.
In der Versicherungsbranche würden dafür „sehr vernünftige Einmalerlagslösungen“ angeboten, betont Nuschele. Grundsätzlich könne die Möglichkeit einer Entnahme sehr attraktiv sein, zum Beispiel wegen der Allokation, der steuerlichen Situation oder aufgrund der allgemeinen Lebensumstände. Für die Menschen bestehe dadurch die Möglichkeit, „nochmals in die Finanzplanung einzusteigen und für den Rest des Lebens einfach noch mal einen aktualisierten Plan aufzustellen“.
Kritisch sieht diese Möglichkeit allerdings Otto: „Ich bin da sehr zwiegespalten, wenn aus der Pensionskasse das Geld rausgenommen und wieder in ein neues Pensionsprodukt investiert wird. Dass das Geld aus der Pensionskasse in die private Pension rübergeschoben wird und da wieder neue Kosten verursacht werden für den Kunden, halte ich für bedenklich.“ Im Endeffekt müsste es sich um eine provisionsfreie Variante handeln, daran habe aber der Vermittler überhaupt kein Interesse, so Otto.
Zahrnhofer hält es hingegen unter bestimmten Umständen für sinnvoll, die Möglichkeit zu schaffen, Gelder aus der Pensionskasse oder der Abfertigung für eine Versicherung zu verwenden – etwa dann, wenn jemand mit der Performance seiner Pensionskasse unzufrieden ist. Die Versicherungswirtschaft biete dafür zahlreiche Optionen: Sie könne kostengünstige und effiziente Produkte bereitstellen, die individuell auf den jeweiligen Risikoappetit zugeschnitten sind.
Anlegen im vorgerückten Alter
Grundsätzlich würden sich aufgrund der demografischen Entwicklung zukünftig immer mehr ältere Menschen die Frage stellen, wie sie für ihren letzten Lebensabschnitt Geld sinnvoll veranlagen können, so Gadinger. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung werde es zu Pensionszeiten von 25, 30 Jahren kommen, für Gadinger „ein Super-Zeitraum, um Geld noch sinnvoll zu veranlagen“, was auch mit Kapitalmarktlösungen möglich sei. Schließlich habe auch Warren Buffett den Großteil seines Vermögens erst nach dem 65. Lebensjahr gemacht: „Es gibt Möglichkeiten, auch ab 65 vom Kapitalmarkt zu profitieren.“
Darüber hinaus biete die Lebensversicherung einen wesentlichen Vorteil gegenüber anderen Produkten: die Gestaltung der Nachlassplanung. „Gerade das Thema Nachlassplanung ist für die Generation über 65 ein wichtiges, und da kann die Lebensversicherung einen wichtigen Beitrag leisten.“ Denn in der Lebensversicherung könne ein Bezugsrecht vereinbart werden. Der Bezugsberechtige habe damit direkten Anspruch auf die Versicherungsleistung, womit diese im Ablebensfall nicht in die Verlassenschaft falle und somit nicht Teil eines langwierigen Verlassenschaftsverfahrens sei. Dies wiederum spare Geld und Zeit.
Jeder Kunde müsse für sich selbst entscheiden, ob er im höheren Alter noch das Risiko von Aktien eingehen will, betont Zahrnhofer. Eine wichtige Rolle komme dabei dem Berater zu, der auch Lebensberater sein und den Kunden ein ganzes Leben lang begleiten müsse. „Er muss das individuelle Risiko prüfen und sich ansehen, welche Anlagestrategie dazu passt. Davon abhängig kann man das entsprechende Produkt ansprechen.“ Eine Rolle spiele dafür – gerade für ältere Menschen – auch, dass die Recovery-Zeiten an den Kapitalmärkten nach einer Krise immer kürzer werden, wie Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen: „Wenn man die langfristige Entwicklung der Kapitalmärkte anschaut, sollte man Ruhe bewahren, auch wenn es einmal bergab geht“, so Zahrnhofer.
Die Frage, ob man älteren Menschen raten sollte, ins Risiko zu gehen, sei schwierig pauschal zu beantworten, betont auch Rechberger. Es sei aber klar, „wenn man Ertragschancen erzielen will, wird man ein Stück weit ins Risiko gehen müssen“.
Foto: Börsen-Kurier / Richard Tanzer
Finanzbildung- und Investmenttag sollten Weltspartag ersetzen
Florian Beckermann. Weltspartag, Allerheiligen, Allerseelen – die morbide Reihe war vergangene Woche vollständig. So kann man die Relevanz des Jahrestages des Sparens einordnen. Die Unwichtigkeit dieses „Gedenktages“ ist kaum zu überbieten, wenn man denn überhaupt solchen Tagen – abseits der Religion oder Verfassung – etwas abgewinnen kann. Als wäre der Weltkindertag nicht mindestens 365 Tage im Jahr …
Der Weltspartag soll das Bewusstsein für die Bedeutung des Sparens stärken und vor allem Kinder und Jugendliche an den verantwortungsvollen Umgang mit Geld heranführen. Trotz seiner positiven Grundidee hat seine ursprüngliche Bedeutung in der modernen Zeit an Wirkung verloren. In einer digitalisierten Finanzwelt, in der viele Menschen Online-Banking, Wertpapierdepots oder Kryptowährungen nutzen, wirkt das traditionelle Konzept des „Sparbuchsparens“ veraltet.
Die Sparschweine sind geschlachtet. Der Weltspartag vermittelt daher teilweise ein überholtes Verständnis von Geldanlage, das sich vor allem auf das klassische Sparen auf dem Bankkonto bezieht – eine Form des Sparens, die bei niedrigen Zinsen kaum noch Erträge bringt.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass der Weltspartag häufig mehr Marketinginstrument als echte Bildungsinitiative ist. Viele Marktteilnehmer nutzen diesen Tag, um neue Kunden zu gewinnen oder Kinder frühzeitig an ihre Marke zu binden, indem sie Geschenke oder kleine Prämien anbieten. Der pädagogische Wert tritt dabei oft in den Hintergrund, während wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Ist das modern?
Zudem kann der Weltspartag eine einseitige Botschaft vermitteln. Er legt den Fokus stark auf das Sparen als Tugend, ohne gleichzeitig über andere wichtige Aspekte der Finanzbildung zu informieren – etwa Investieren, nachhaltiges Wirtschaften oder Schuldenmanagement. Dadurch entsteht der Eindruck, dass reines Sparen immer die beste Lösung sei, obwohl in der heutigen Zeit auch andere Finanzstrategien notwendig sind, um Vermögen aufzubauen oder Inflation auszugleichen.
Nicht zuletzt ist der Weltspartag in vielen Ländern zu einer reinen Symbolveranstaltung geworden, die in der Bevölkerung kaum noch Aufmerksamkeit findet. Viele Menschen sehen darin eine nostalgische Tradition ohne großen praktischen Nutzen.
Insgesamt lässt sich sagen, dass der Weltspartag zwar eine gute Idee mit langer Tradition ist, seine Botschaft jedoch an die moderne Finanzrealität angepasst werden müsste. Nur wenn er breiter angelegt wird – etwa mit Themen wie Finanzkompetenz, Nachhaltigkeit und verantwortungsvollem Konsum – kann er auch in Zukunft eine wirklich sinnvolle Rolle spielen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
Auf Dividendenjagd in Wien
Fünf heimische Konzerne mit Renditen von mehr als 4,5 %.
Michael Kordovsky. Österreich ist in der Tat ein Land der Dividenden. Doch sollte man nicht nur nach der reinen Höhe der Dividendenrendite vorgehen, sondern zwei Dinge beachten: Einerseits eine positive Wertentwicklung in den vergangenen fünf Jahren von mindestens 10 % und andererseits ein Maß an Ertragskontinuität, damit eine Dividendenrendite von 4,5 % problemlos aus Gewinn und Cashflow finanziert werden kann. Mit dieser einfachen Selektion können Anleger mit einer hohen Wahrscheinlichkeit größere Enttäuschungen vermeiden. Wichtig ist noch, dass man innerhalb seines Portfolios zumindest auf vier bis fünf Dividendentitel setzt, um eine gewisse Streuung zu erreichen. In diesem abgesteckten Rahmen kommen nachstehende Werte in Frage.
Hochprozentige OMV-Aktie
Die OMV ist von der Höhe her der Dividendenkaiser: Für die Jahre 2022 und 2023 lag die Dividende bei 5,05 Euro/Aktie, und trotz rückläufiger Öl- und Gaspreise wurden für 2024 noch immer 4,75 Euro /Aktie ausgeschüttet, woraus bei einem Kurs von 46,98 Euro eine Dividendenrendite von 10,1 % resultiert.
In den Jahren 2020 bis 2024 betrug der Cashflow pro Aktie ein Vielfaches der Dividendenausschüttungen und der Gewinn pro Aktie lag im Durchschnitt dieses Zeitraums ebenfalls darüber. Laut Finanzen.net-Konsens rechnen Analysten zwar zwischendurch mit einer leichten Dividendenkürzung auf 4,34 Euro für 2025, aber mit graduellen Anhebungen auf 5,05 Euro bis 2028. Doch selbst bei nur 4 Euro läge eine Dividendenrendite bei 8,5 %.
Post und Bawag mit Potenzial
Ein regelrechter Dividendenklassiker ist die heimische Post, die mit Bank99 ein weiteres Standbein hat. Seit 2006 schüttet das Unternehmen jedes Jahr eine Dividende aus, die 2018 und 2019 mit 2,08 Euro ihr vorläufiges Hoch erreichte. Auf Basis der Dividendenausschüttung von 1,83 Euro im Jahr 2024 liegt bei einem Kurs von 30 Euro die Dividendenrendite bei 6,1 %. Rückblickend bis 2015 hat der operative freie Cashflow die Dividendenausschüttung jedes Jahr mehr als gedeckt. Analysten rechnen laut MarketScreener-Konsens bis 2027 mit einem schrittweisen Dividendenanstieg auf 2,01 Euro pro Aktie.
Ein Gipfelstürmer der Wiener Börse ist hingegen die Aktie der Bawag Group, deren Dividendenrendite auf Basis eines Kurses von 110,90 Euro und der Ausschüttung für 2024 von 5,50 E bei knapp 5 % liegt. Bis 2027 strebt das Institut einen Nettogewinn von mehr als 1 Milliarden Euro an (2024: 760 Millionen Euro), und Analysten rechnen in den kommenden Jahren mit starken Dividendenanhebungen.
Verlässliche Erträge aus Versicherung und Telekom
Ebenfalls zu den prominenten Dividendenzahlern der Wiener Börse gehört die Uniqa. Auf Basis einer Ausschüttung von 0,60 Euro und eines Aktienkurses von 12,80 Euro liegt die Dividendenrendite bei 4,7 %. Die Ertragskraft stimmt und Analysten rechnen bis 2027 mit kontinuierlichen Dividendensteigerungen.
Bei der Telekom Austria war die Dividendenausschüttung von 2018 bis 2024 jedes Jahr durch Gewinn und Cashflow gedeckt. In diesem Zeitraum hat sich das Ergebnis pro Aktie in etwa verdoppelt und die im jeweiligen Jahr bezahlte Dividende stieg von 0,20 auf 0,36 Euro und lag 2025 bei 0,40 Euro. Analysten rechnen damit, dass nach der nächsten ordentlichen Hauptversammlung im Jahr 2026 eine Dividende von 0,43 Euro pro Aktie ausgeschüttet wird, woraus bei einem Kurs von 9,16 Euro eine Dividendenrendite von 4,7 % resultieren würde.
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Schlüsseltechnologien als Chance
Unternehmen, die entsprechende Lösungen anbieten, finden sich in vielen Branchen.
Patrick Baldia. Dass die Welt mit großen Herausforderungen konfrontiert ist, ist schwer zu bestreiten – angefangen mit Handelsbarrieren und Zöllen über Energieversorgungssicherheit und militärische Bedrohungen bis hin zu digitalen Risiken wie Cyberangriffen. Eine entscheidende Rolle kommt in diesem Zusammenhang kritischen Schlüsseltechnologien zu. Sie bestimmen, wie souverän, innovativ und widerstandsfähig ein Land sein kann. Für Anleger stellen Unternehmen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette kritischer Schlüsseltechnologien Lösungen anbieten, wiederum eine spannende Investitionschance dar.
„Unterinvestitionen in Energie, Verteidigung und digitale Netze treffen auf neue geopolitische Risiken; jetzt ist die Zeit, Resilienz systematisch über Schlüsseltechnologien aufzubauen“, sagt Madeleine Ronner, Fondsmanagerin bei der DWS. Mit dem von ihr gemanagten „DWS Invest Critical Technologies“ (ISIN: LU1891278043) investiert sie in Unternehmen, die genau in dem Bereich tätig sind. Zu den kritischen Schlüsseltechnologien zählt die Expertin Robotik und fortschrittliche Fertigung, Cybersicherheit, künstliche Intelligenz und Halbleiter, Energie und Infrastruktur sowie Verteidigung und Raumfahrt.
Portfolio breit aufstellen
Herausfordernd für Anleger ist, dass sich im Anlageuniversum kritischer Schlüsseltechnologien viele Newcomer finden, die noch nicht profitabel sind. „Wir investieren daher in die Teile der Wertschöpfungskette, bei denen die Gewinne bereits heute ankommen“, so Ronner.
Das könnten zum Beispiel Unternehmen sein, die Kabelmanagement- oder Kühllösungen für Rechenzentren anbieten. Wichtig sei es, sich auch abseits der bekannten „Gewinner“-Aktien nach interessanten Themen und Unternehmen umsehen, um ein Portfolio breiter aufzustellen.
Stark vertreten im Anlageuniversum kritischer Schlüsseltechnologien sind jedenfalls Unternehmen aus den USA. Läuft man da nicht Gefahr, zu teuer zu kaufen? „Wir sehen den US-Markt sehr konstruktiv“, hält Ronner fest. Das Bewertungsniveau bereitet zwar auch ihr Sorgen, „aber wenn das Gewinnwachstum anhält, gleicht sich das weitgehend aus“, so die Expertin.
Stichwort Gewinnwachstum. Der positive Trend hält trotz des wirtschaftlich herausfordernden Umfelds weiter an, wie auch die kürzlich begonnene US-Berichtsaison bislang gezeigt hat. Auch die Prognosen für 2026 stimmen: In den kommenden zwölf Monaten sollte sich das Gewinnwachstum im S&P 500 auf 10 % belaufen.
Europa vor den USA
So konstruktiv man bei der DWS auch für den US-Aktienmarkt sein mag, bevorzuge man dennoch Europa, so die DWS-Expertin. In Deutschland würden ihr vor allem Infrastruktur-Rüstungsaktien gefallen. „Trotz der deutlichen Kursanstiege in den vergangenen Monaten sehen wir, dass in diesen Bereichen noch nicht alles eingepreist ist.“
Das spiegelt auch ihr Portfolio, wo Renk Group und Rheinmetall aktuell die größten Positionen sind, gefolgt von Nvidia und Broadcom, zwei Werten aus dem Halbleiterbereich. Mit Leonardo, BAE Systems und Saab gehören im Übrigen drei weitere Rüstungsaktien zu den zehn größten Werten in ihrem Fonds. Ein weiterer heißer Tipp für Anleger: Energie- und Stromversorger. Denn vor allem die stark steigende Zahl an Datencentern treibt den Energiebedarf in die Höhe.
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In München schläft die Börse kaum noch
Wie das vollelektronische Handelssystem Gettex seine Marktposition in Marktnischen konsequent ausbaut.
Stefan Riedel, München. Deutschlands Börse mit den längsten Handelszeiten hat ihren Sitz in einer unscheinbaren Seitenstraße nahe des Münchner Hauptbahnhofs. Dort können Anleger unter der Woche von 8.00 bis 22.00 Uhr mit Zertifikaten, und von 7.30 bis 23.00 Uhr mit Aktien, Fonds, ETPs und Anleihen handeln. Das im Jänner 2015 von der Börse München aus der Taufe gehobene Börsensegment Gettex hat auch in anderer Hinsicht eine Einzelstellung – und zeigt, wie regionale Börsen mit spezifischen Dienstleistungen eine Marktnische besetzen können.
Keine Broker, keine Banken
So ist Gettex die deutschlandweit erste Börse, auf der die Market Maker direkt ihre Preise stellen. Als erster Anbieter konnte man auch den Börsenhandel zu OTC-Preisen anbieten, was Zeit und Kosten für den Wertpapierhandel spart. Und weil die Abwicklung hochgradig automatisiert ist, arbeitet auch die Börse München kostenbewusst. Weniger als 40 Angestellte zählt man. Dazu können interne Synergien gehoben werden mit Max One, dem zweiten Handelsplatz der Börse München, etwa in der Marktsteuerung und der Handelsüberwachung.
Rund 830.000 Produkte sind aktuell an der Gettex handelbar – und für alle diese Wertpapiere besteht nach den Worten von Lars Reichel (Foto) eine reelle Nachfrage. „Wir haben hier keine Karteileichen“, betont der Head of Sales gegenüber dem Börsen-Kurier. Dafür sorge auch das Real Time Listing. In der Praxis bedeutet das: Endanleger können für Produkte, die sie auf Gettex nicht finden, per Mail an das Listing Team eine Zulassung formlos beantragen, die nach Prüfung mit den Market Makern erfolgt. Neben den Aktien spielen Anleihen in Fremdwährungen und vor allem ETFs eine wichtige Rolle. Im September 2025 beliefen sich die gesamten Mittelzuflüsse auf 50 Milliarden Euro. Mehr als 190 Milliarden Euro an Zuflüssen verzeichneten Aktien-ETFs seit Jahresanfang.
Privatanleger dominieren
„Bei den Anlegergruppen sehen wir uns aufgrund der effizienten Kostenstrukturen primär retail-getrieben, können aber auch größere institutionelle Tickets zu marktgerechten Kursen durchführen. Außerhalb der normalen Handelszeiten geben vor allem gut informierte Trader ihre Orders auf“, betont Reichel. 44 österreichische Aktien können aktuell auf Gettex zu den verlängerten Handelszeiten gekauft und verkauft werden. Steyr Motor, Kontron und OMV sind hier die aktuell meistgehandelten Wertpapiere.
Aus Österreich sind einige Order-Flow-Provider angebunden wie die Dadat Bank, Easybank, Erste Group, Raiffeisen Bank International oder Traders Place. Um die Kontakte in die österreichische Finanzwelt weiter auszubauen, ist die Gettex übrigens auch wieder am Börsentag Wien im nächsten Jahr präsent.
Neue Wachstumstreiber
Mit neuentwickelten Produkten wie Sentiment-Analysen will die Börse München weitere Anleger auf die Plattform ziehen. „Um ein Gefühl und eine Einschätzung zum positiven und negativen Anlegerverhalten auf Markttrends zu bekommen, haben wir ‚Gettex-Risiko-Indikatoren‘ formuliert, welche die aktuelle Marktstimmung visualisieren. Die Kategorien lauten Bullish und Bearish, teilweise ergänzt mit einer Volatilitäts- und Momentum-Analyse. Auf der Gettex-Webpage können sich Anleger unter der Rubrik Handelsidee einen Überblick verschaffen, ob gerade mehr Käufer oder Verkäufer aktiv sind“, erläutert Reichel. Die Risiko-Indikatoren sind nach Euro und US-Dollar bzw. nach langfristigem und kurzfristigem Bereich getrennt.
Mit Gettex will die Börse München über die bayerischen Landesgrenzen hinaus weiterwachsen. Zum einen, indem weitere Banken und Broker für das Konzept beim Wertpapierhandel begeistert werden. Zum anderen, indem der Zertifikate-Handel weiter forciert wird: Hier ist Gettex mit mehr als 50 % aller Handelsvolumina bereits die klare Nummer Eins in Deutschland.
Foto: Börse München
Liegt der Öl-Preis bald bei 30 US-Dollar?
Jens Korte ist der Wall Streeter und berichtet für uns aus New York
Drill, Baby, drill! Das versprach Donald Trump der Ölindustrie und seinen Wählern im Wahlkampf. Doch die Ölkonzerne stecken in einem Dilemma. Zum einen macht die Regierung den Weg frei für neue Öl- und Gasprojekte. Doch auf der anderen Seite droht global eine Ölschwemme. Die Opec+-Staaten wollen den Amerikanern nicht das Feld überlassen, sie kämpfen um Marktanteile und sind nicht mehr bereit, zu Lasten der eigenen Quoten die Förderung zu drosseln.
Seit April haben die Opec+ Staaten jeden Monat die Förderquoten gesteigert. Erst am vergangenen Wochenende wurde erneut eine weitere Steigerung beschlossen. Das erhöhte Angebot ist einer der Gründe, warum der Ölpreis kürzlich unter die 60-USD-Marke pro Barrel fiel (die US-Sorte West Texas Intermediate, Anm.). Die Situation könnte sich 2026 zuspitzen. Laut der International Energy Agency könnte der tägliche Überschuss im kommenden Jahr vier Millionen Barrel erreichen. Mit anderen Worten: Es würden im Schnitt pro Tag vier Millionen Barrel mehr gefördert als benötigt oder nachgefragt werden. Mitte der 90er Jahre betrug dieser Überschuss keine 500.000 Barrel. Und es würde im Vergleich zu diesem Jahr fast einer Verdoppelung entsprechen.
Erste Analysten prognostizieren, dass der Ölpreis im kommenden Jahr auf rund 35 USD pro Barrel absacken könnte. Solche Schätzungen sind aber immer mit Vorsicht zu genießen. Zum einen haben die Opec+-Staaten angedeutet, dass sie eventuell im kommenden Jahr auf weitere Steigerungen bei den Förderquoten verzichten wollen. Dann ist auch die Frage, ob die Ölkonzerne die Produktion drosseln, um die Preise zu stabilisieren. Zumindest für die großen US-Ölmultis scheint das bisher jedoch noch nicht zu gelten. Exxon Mobil hat für das abgelaufene Quartal Rekordquoten bei den Ölvorkommen in Guyana sowie den Fracking-Feldern im Permian Basin in den USA gemeldet. Chevron hat für die USA ebenfalls einen Rekord-Output erzielt.
Ölaktien sind nichts für schwache Nerven
Spurlos gehen die tiefen Preise nicht an den Ölkonzernen vorbei. Exxon meldet einen Gewinnrückgang um 12 %. Bei Chevron ist der Gewinn sogar um 21 % gefallen. Als Gegenmaßnahme hatte Chevron angekündigt, bis Ende 2026 rund 20 % der globalen Belegschaft zu kündigen. Das letzte Mal, dass der Ölpreis bei 30 USD notierte, war zur Hochphase der Pandemie. Doch dann ging es auch wieder hoch auf mehr als 100 USD pro Barrel.
Nun folgt also die nächste Stressphase für den Ölmarkt. Investitionen in den Ölsektor sind nichts für schwache Nerven.
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Auktionen, Galerien und der Markt
Zwei Welten, ein Ziel: der Wert der Kunst. So funktioniert der Kunstmarkt.
Lea Schweinegger. Wer verstehen will, wie Preise in der Kunst entstehen, muss die unterschiedlichen Mechanismen von Galerien und Auktionshäusern kennen. Beide prägen den Markt – aber auf völlig verschiedene Weise.
Primärmarkt: Die Rolle der Galerie
Galerien bilden das Fundament des sogenannten „Primärmarkts“. Hier wird ein Werk erstmals verkauft – meist direkt nach seiner Entstehung. Die Galerie arbeitet eng mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammen, entwickelt deren Karriere, organisiert Ausstellungen, trägt Kosten für Präsentationen, Kataloge oder Messen und fungiert zugleich als Berater, Kurator und Manager.
Der Preis eines Kunstwerks wird gemeinsam mit dem Künstler festgelegt – ein Fixpreis, der Stabilität garantiert. Grundlage ist häufig der sogenannte „Künstlerfaktor“ (Größe x Faktor), um Preisentwicklung und Marktwert transparent zu halten. Die Galerie erhält in der Regel eine Provision von 30 bis 50 %, die ihre Aufwendungen deckt. Preisstabilität ist hier entscheidend: Ein Unterbieten würde das gesamte System gefährden.
Sekundärmarkt: Bühne der Auktionen
Auktionshäuser agieren im Gegensatz dazu auf dem Sekundärmarkt – dem Wiederverkauf bereits im Umlauf befindlicher Werke. Hier bestimmen Angebot, Nachfrage und Emotionen den Preis. Er entsteht in Echtzeit durch das Bieten – volatil, öffentlich, oft spektakulär.
Das Auktionshaus bietet Expertise, Schätzungen und Logistik, lebt aber von der Dynamik des Augenblicks. Zuschläge können die Erwartungen weit übertreffen – oder deutlich darunterbleiben. Hinzu kommt ein Aufgeld, meist zwischen 20 und 30 %, das an das Auktionshaus geht. Die erzielten Preise sind öffentlich dokumentiert und gelten als Gradmesser des internationalen Marktwerts eines Künstlers.
Globale Player und heimische Größen
Weltweit dominieren einige Traditionshäuser die Branche – darunter Sotheby’s, Christie’s, Bonhams, Poly Auction, Holly International und andere. Sie setzen Maßstäbe bei Rekorden und Sammlertrends, insbesondere in den Sparten Alte Meister, Moderne und Zeitgenössische Kunst.
Auch Österreich spielt eine beachtliche Rolle
Das Dorotheum in Wien, gegründet 1707 unter Kaiser Joseph I., ist das älteste Auktionshaus Mitteleuropas und zählt heute zu den führenden im deutschsprachigen Raum. Mit einem Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro im Jahr 2022 und einem breiten Angebot – von Alten Meistern über Jugendstil bis zu Juwelen und Oldtimern – prägt es den Markt wie kein anderes Haus hierzulande. Besonders in der „Klassischen Moderne“ und der „Zeitgenössischen Kunst“ erzielt das Dorotheum regelmäßig Spitzenpreise für österreichische Künstler wie Martha Jungwirth oder Arnulf Rainer.
Das zweite große Wiener Haus, Auktionshaus im Kinsky, gegründet 1992 und beheimatet im barocken Palais Kinsky, gilt als Spezialist für österreichische Kunst, Jugendstil und Design. Mit einem Jahresumsatz von rund 23 Millionen Euro (2023) hat es sich als wichtigste Alternative zum Dorotheum etabliert und erzielt regelmäßig Rekordpreise für Werke von Gustav Klimt, Egon Schiele und anderen Meistern der Wiener Moderne.
Zwei Systeme – ein Markt
Galerien und Auktionshäuser verfolgen unterschiedliche Ziele, doch beide sind unverzichtbar für den Kunstmarkt. Während Galerien Karrieren aufbauen und Werte langfristig stabilisieren, spiegeln Auktionshäuser den aktuellen Puls des Marktes wider. Gemeinsam bilden sie ein spannungsreiches System zwischen Beständigkeit und Spekulation – und zeigen, dass Kunst nie nur eine Frage des Geschmacks ist, sondern immer auch eine des Werts.
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Pierer Mobility: Sanierung am Streubesitz vorbei?
Florian Beckermann. Ist die Entscheidung der Übernahmekommission, dass kein Übernahmeangebot von Bajaj an alle Aktionäre der Pierer Mobility gestellt werden muss, eine gute Nachricht? Wie ist die Situation aktuell einzuordnen, insbesondere da der Aktionär bisher von der gesamten Sanierung – Kursverluste ausgenommen – unbehelligt bliebt?
Die Entscheidung der Kommission unterstreicht den aktuellen Trend: Das Übernahmerecht steht der Unternehmenssanierung selten entgegen. Die Gründe dafür sind vielfältig, für den Streubesitz sind sie strategisch nachteilig.
Das Spannungsfeld zwischen Insolvenz und vorinsolvenzlicher Restrukturierung bei börsennotierten Unternehmen ist von hoher Komplexität geprägt, da hier rechtliche, wirtschaftliche und kapitalmarktspezifische Interessen aufeinandertreffen. Eine Insolvenz stellt nicht nur ein rechtliches Verfahren dar, sondern hat auch Auswirkungen auf das Vertrauen der Kapitalmärkte, den Unternehmenswert und die Position der verschiedenen Anspruchsgruppen. Für ein börsennotiertes Unternehmen bedeutet die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in der Regel einen massiven Reputationsverlust und den Einbruch des Aktienkurses auf null oder nahe dem. Gleichwohl kann die Insolvenz – insbesondere in Form einer Eigenverwaltung oder eines Schutzschirmverfahrens – auch eine rechtlich geordnete Möglichkeit bieten, das Unternehmen zu sanieren und neu aufzustellen. Neues Kapital ist zwingend, warum nicht auch vom Streubesitz.
Im Gegensatz dazu zielt eine Restrukturierung darauf ab, eine Insolvenz zu vermeiden, indem frühzeitig operative, finanzielle und strategische Anpassungen vorgenommen werden. Der europäische Gesetzgeber hat hier in den vergangenen Jahren viele Möglichkeiten geschaffen. Das zentrale Spannungsfeld ergibt sich aus den widerstreitenden Interessen. Während Gläubiger gerne nach einer schnellen (harten) Lösung streben können (notfalls durch eine Insolvenz), suchen Aktionäre hingegen eine Verwässerung ihrer Beteiligung zu verhindern und den Aktienwert zu schützen. Wir sehen im Pierer-Mobility-Komplex eine Vielzahl dieser widerstreitenden Interessen berührt.
Im Rahmen der Rettungsmaßnahmen und Kapitalspritzen der Bajaj für die Tochter KTM und den Pierer-Mobility-Hauptaktionär wurden insolvenzähnliche Verwässerungsmöglichkeiten durch die Hauptversammlung gewährt. Mangels einer Beteiligung der Streubesitzaktionäre an der Sanierung ist dies verständlich – die Sanierung läuft gewollt am Streubesitz vorbei. Dem entgegen stand finanziell ein zwingendes – und durch die Übernahmekommission festgestelltes – Angebot, zu dem es jetzt nicht kommt. Die Übernahmekommission pflegt ihre Entscheidungen gut abzuwägen, dennoch verliert der Streubesitzaktionär eine Wertorientierung durch eine unabhängige Instanz und Bajaj eine mögliche kostspielige Nebenbedingung. Die erwartbare Verwässerungsentscheidung wird letztlich preisliche Klarheit bringen. Ob und wie deren Überprüfung dann vonstatten gehen könnte, ist offen. Einstweilen zeigt sich der Aktienkurs der Pierer Mobility unbeeindruckt.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, , www.iva.or.at
Schwellenländer überflügeln S&P 500
Ein Kommentar von Dina Ting, Head of Global Index Portfolio Management, Franklin Templeton.
(23.10.) Aktien aus Schwellenländern (EM) haben 2025 ein bemerkenswertes Comeback erlebt, neue Rekordhöhen erreicht und ihre jahrelange relative Schwäche hinter sich gelassen. Schwellenländer haben in diesem Jahr bisher über 28 % (in US-Dollar) zugelegt, doppelt so viel wie der S&P 500 Index mit 14 %.1 Mehrere Faktoren treiben diese Dynamik an: ein schwächerer US-Dollar, politische Veränderungen, ein im Gegensatz zu den Industrieländern robustes Wachstum und sich verändernde globale Kapitalströme.
Dieser Optimismus spiegelt sich auch in den Kapitalflüssen wider: Die weltweiten Nettomittelzuflüsse in börsengehandelte ETFs aus Schwellenländern beliefen sich in diesem Jahr bislang auf 38,9 Milliarden US-Dollar.2 Für viele Anleger ist ein Engagement in Schwellenländern mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, doch verlagert sich der Fokus nun darauf, auf welche Länder und warum sie sich konzentrieren sollten. Zu den wichtigsten Gründen für die Erholung der Schwellenländer zählt die Performance von Südkorea und China, deren Aktienkurse seit Jahresbeginn um rund 61 % bzw. 37 % gestiegen sind.3
China: Widerstandskraft inmitten politischer Veränderungen
Die Erholung des chinesischen Marktes – die beste seit vier Jahren – hat die Aktienkurse auf ein Zehnjahreshoch getrieben, gestützt durch gezielte Konjunkturmaßnahmen und eine allgemeine Belebung der Stimmung bei Verbrauchern und Unternehmen. Unserer Meinung nach deutet diese Veränderung auf ein erneutes Wachstumspotenzial in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hin. Aus Bewertungssicht erscheint uns der chinesische Aktienmarkt besonders attraktiv – er wird gemessen am erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) mit einem Abschlag gegenüber den entwickelten Märkten gehandelt, während die Gewinnerwartungen weiterhin positiv sind. Für Anleger bietet diese Kombination Wachstum zu einem angemessenen Preis, insbesondere im Vergleich zu den höheren Bewertungskennzahlen in den Vereinigten Staaten und anderen entwickelten Märkten.4
Nach unserer Analyse sind die strukturellen Stärken Chinas weiterhin Garant für langfristiges Wachstum. Als zweitgrößter Markt für Risikokapitalaktivitäten nach den USA bleibt China eine Innovationskraft, insbesondere in den Bereichen Technologie und konsumorientierte Branchen. Die Beziehungen zwischen den USA und China sind zwar seit einigen Jahren zunehmend angespannt, doch in letzter Zeit gab es Anzeichen für eine Verbesserung, insbesondere dank der Schritte hin zu einer Lösung von Problemen wie beispielsweise der Debatte rund um TikTok. Neue Entwicklungen lassen darauf schließen, dass sowohl die USA als auch China Anstrengungen unternehmen, um die Spannungen zu verringern. Dies ist ein positives Signal für die Wirtschaft und den Aktienmarkt Chinas. Nach unserer Ansicht sind die besseren diplomatischen Rahmenbedingungen sowie Chinas anhaltende Investitionen in Technologie und Infrastruktur erfreuliche Vorboten für die langfristigen Aussichten des Landes.
Eine überparteiliche Delegation des US-Repräsentantenhauses unternahm kürzlich ebenfalls eine seltene Reise nach China – die erste seit sechs Jahren –, da Washington und Peking bestrebt sind, Handelskonflikte zu glätten und die Kommunikation zwischen den Streitkräften zu fördern.
Die koreanische Welle
Südkorea hat sich im bisherigen Jahresverlauf unter den Schwellenländern mit am besten entwickelt. Halbleiterexporte sind nach wie vor Koreas wichtigster Wachstumstreiber, doch auch als Exporteur von Verteidigungsgütern gewinnt das Land mehr und mehr an Bedeutung. In der Vergangenheit war Korea für fortschrittliche Waffensysteme von den USA und anderen Verbündeten abhängig, doch in den vergangenen zehn Jahren hat Seoul seine eigenen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, die Fertigung sowie die Lieferketten im Bereich Verteidigung rasant ausgeweitet. Heute exportiert das Land vollständige Systeme – von Panzern und Artillerie bis hin zu Flugzeugen und Raketen – und nicht nur Bauteile. Die Exporte von Verteidigungsgütern sind von rund 3 Mrd. USD Anfang der 2010er-Jahre auf ein Rekordniveau von 17,3 Mrd. USD im Jahr 2022 in die Höhe geschnellt. Damit gehört Südkorea zu den zehn führenden Waffenexporteuren der Welt.5
Südkoreas florierende Schiffsbauindustrie, nach China die zweitgrößte der Welt, könnte Washington möglicherweise helfen, falls Seoul Investitionen zusagt, die mit dem Ziel der USA, Fertigungskapazitäten wieder zurück auf amerikanischen Boden zu verlagern, in Einklang stehen. Der Schub hin zu „Made in America“ wird von einer starken politischen Dynamik angetrieben, doch der Wiederaufbau von fortschrittlichen industriellen Kapazitäten – insbesondere in Sektoren wie Schiffsbau und Halbleiter – wird Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte dauern. Den USA fehlt es aktuell schlicht und ergreifend an den Facharbeitskräften und frei verfügbaren industriellen Anlagen im großen Stil, um diese Ziele zu erreichen. Somit ist ein verlässlicher Partner wie Südkorea unerlässlich. Im vergangenen Jahr entfielen auf die USA lediglich 0,04 % der weltweiten Schiffsbauproduktion.6
Darüber hinaus wird der südkoreanische Aktienmarkt durch die Erholung des Technologie- und insbesondere des Halbleitersektors unterstützt, denn die Nachfrage nach Speicherchips zieht weltweit wieder an. Die führende Position des Landes in der Halbleiterfertigung sowie die Investitionen rund um das Thema KI sind wichtige Treiber dieser Dynamik. Außerdem wird der südkoreanische Markt keineswegs nur von einer einzigen Branche beherrscht: Die drei wichtigsten Sektoren – Telekommunikation, Technologie und Industrie – haben jeweils eine gleich hohe Gewichtung von ungefähr 20 %. Unternehmen aus den Bereichen Finanzen und zyklische Konsumgüter machen ebenfalls einen erheblichen Anteil des Marktes aus.7 Darüber hinaus hat Südkorea Maßnahmen ergriffen, um die langjährigen Governance-Bedenken – oft als Grund für den sogenannten „Korea-Abschlag“ angeführt – anzugehen und hat so zu einer wieder besseren Einschätzung der Anleger beigetragen. Die Reformen, die sich auf die Stärkung der Aktionärsrenditen und die Erhöhung der Transparenz konzentrieren, haben die Stimmung verbessert. So kann der Markt des Landes einige seiner früheren Herausforderungen überwinden.
Gleichzeitig entwickeln sich Koreas kulturelle und konsumgestützte Exporte zu einem leistungsstarken zweiten Wachstumsmotor. Im ersten Halbjahr 2025 erreichten die Kosmetikexporte Südkoreas ein Rekordniveau von 5,51 Mrd. USD, das entspricht einem Zuwachs von fast 15 % gegenüber dem Vorjahr. Damit hat das Land zwischenzeitlich die USA als zweitgrößter Kosmetikexporteur überholt, nur Frankreich exportiert mehr Kosmetika.8 Diese globale Reichweite von „K-Beauty“ sorgt zusammen mit der weltweiten Begeisterung für K-Pop, K-Dramen und die K-Kultur ganz allgemein dafür, dass Koreas Markenwert in den Bereichen Konsum, Mode und Lifestyle immer weiter steigt.
Für weitere Dynamik sorgt das spektakuläre Wachstum im Bereich des Medizintourismus. Zwar herrscht in dem Land Ärztemangel, doch die Zahl der ausländischen Patienten, die sich in Südkorea behandeln lassen wollen, hat erneut ein Rekordniveau erreicht: Waren es 2023 noch 606.000 Patienten, so hat sich diese Zahl 2024 bereits auf rund 1,2 Millionen fast verdoppelt.9 Dieser Zuwachs bedeutet, dass Medizintouristen inzwischen mehr als 7 % der gesamten nach Südkorea einreisenden Touristen stellen, verglichen mit 5,5 % im Vorjahr.10 Am häufigsten werden dermatologische Eingriffe vorgenommen, diese Leistungen wurden von mehr als 705.000 Patienten in Anspruch genommen (~57 %), gefolgt von Schönheitschirurgie (11 %).11 Die wirtschaftlichen Auswirkungen erstrecken sich weit über Krankenhausrechnungen hinaus auch auf Hotels, den Einzelhandel und den Konsumsektor ganz allgemein. Dies unterstreicht die Rolle der Branche als Wachstumstreiber für sowohl Medizin als auch Tourismus. Die Regierung unterstützt mit ihrer Politik den Sektor aktiv durch spezielle Visa, Subventionen und internationale Promotion-Maßnahmen, damit positioniert sich Südkorea ganz offiziell als Asiens führendes Zentrum für Medizintourismus.
Insgesamt betrachtet – mit seiner Stärke im Halbleiterbereich, der globalen Anziehungskraft seiner Kultur- und Konsumgüterexporte und dem raschen Wachstum des Medizintourismus – bietet Südkorea Anlegern vielfältige Wachstumsperspektiven. Für diejenigen, die sich in Sektoren engagieren möchten, die an der Schnittstelle zwischen globaler Industrie, Kultur und Gesundheitswesen liegen, ist Korea unserer Meinung nach wie vor eine attraktive Wahl.
Länderspezifische ETFs in Schwellenländern
Da die Schwellenländer erneut an der Spitze des globalen Wachstums stehen, wenden sich Anleger zunehmend ETFs einzelner Länder zu, um gezieltere Chancen zu nutzen. Nach unserer Analyse bieten China, Südkorea und andere Länder Engagements, die breiter angelegte regionale Fonds möglicherweise verpassen. Durch eine Ausrichtung auf Märkte wie das technologiegetriebene Wachstum Chinas oder die Führungsrolle Südkoreas bei Halbleitern und Kulturexporten können Anleger unserer Meinung nach Zugang zu den Sektoren und Volkswirtschaften mit dem höchsten Potenzial erhalten und gleichzeitig die allgemeinen Risiken der Schwellenländer steuern. Da die Schwellenländer wieder eine Führungsrolle übernehmen, verlagert sich der Fokus von der Frage, ob man investieren soll, hin zu der Frage, wo man investieren soll. Daher sind eine sorgfältige Länderauswahl und Diversifizierung entscheidend, um von der nächsten Generation globaler Innovatoren zu profitieren.
Quellen
- Quelle: Bloomberg, Stand: 23. September 2025. Schwellenländer repräsentiert durch den MSCI EM Index. Der MSCI EM Index bildet Large- und Mid-Caps aus 24 Schwellenländern ab. Mit 1.189 Titeln deckt der Index rund 85 % der streubesitzbereinigten Marktkapitalisierung in jedem Land ab. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftigen Renditen. Indizes werden nicht aktiv gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Wichtige Mitteilungen und Nutzungsbedingungen des Datenanbieters sind verfügbar unter www.franklintempletondatasources.com.
- Bloomberg, Stand: 17. September 2025.
- Quelle: Bloomberg, Stand: 23. September 2025. Der MSCI Korea Index soll die Wertentwicklung des Large- und des Mid-Cap-Segments im südkoreanischen Markt messen. Mit 81 Titeln deckt der Index rund 85 % des Aktienuniversums in Korea ab. Der MSCI China Index umfasst Unternehmen mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung in den Segmenten chinesische A-Aktien, H-Aktien, B-Aktien, Red Chips, P Chips und ausländische Notierungen (z. B. ADRs). Der Index deckt etwa 85 % dieses Aktienuniversums in China ab. Gegenwärtig sind im Index A-Aktien von Unternehmen mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung mit 20 % ihrer streubesitzbereinigten Marktkapitalisierung repräsentiert. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftigen Renditen. Indizes werden nicht aktiv gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Wichtige Mitteilungen und Nutzungsbedingungen des Datenanbieters sind verfügbar unter www.franklintempletondatasources.com.
- Quellen: Bloomberg, S&P Indizes, MSCI Indizes, Stand: 12. September 2025. US-Markt repräsentiert durch den S&P 500 Index, Industrieländer durch den MSCI EAFE Index und China durch den MSCI China Index. Der MSCI EAFE Index ist ein Aktienindex, der Titel von Unternehmen mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung aus 21 Industrieländern weltweit ohne die USA und Kanada abbildet. Mit 693 Titeln deckt der Index rund 85 % der streubesitzbereinigten Marktkapitalisierung in jedem Land ab. Der MSCI China Index umfasst Unternehmen mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung in den Segmenten chinesische A-Aktien, H-Aktien, B-Aktien, Red Chips, P Chips und ausländische Notierungen (z. B. ADRs). Der Index deckt etwa 85 % dieses Aktienuniversums in China ab. Gegenwärtig sind im Index A-Aktien von Unternehmen mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung mit 20 % ihrer streubesitzbereinigten Marktkapitalisierung repräsentiert. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftigen Renditen. Indizes werden nicht aktiv gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Wichtige Mitteilungen und Nutzungsbedingungen des Datenanbieters sind verfügbar unter www.franklintempletondatasources.com.
- Quellen: U.S. International Trade Administration, Korea Institute for Industrial Economics & Trade (KIET) und SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute).
- „Ships built by country of building, annual (analytical).“ UN Trade & Development. Zuletzt aktualisiert am 10. Juni 2025.
- Quelle: FTSE Russell, Stand: 29. August 2025. Der FTSE South Korea RIC Capped Index bildet die Wertentwicklung südkoreanischer Aktien mit hoher und mittlerer Marktkapitalisierung ab. Die Wertpapiere werden auf der Grundlage ihrer um den Streubesitz bereinigten Marktkapitalisierung gewichtet und halbjährlich überprüft. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftigen Renditen. Indizes werden nicht aktiv gemanagt und es ist nicht möglich, direkt in einen Index zu investieren. Wichtige Mitteilungen und Nutzungsbedingungen des Datenanbieters sind verfügbar unter www.franklintempletondatasources.com.
- Quelle: „Korean cosmetics exports hit record high in first half of 2025 amid K-beauty craze.“ Korean JoongAng Daily. 3. Juli 2025.
- Quelle: Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt, 2. April 2025.
- Quelle: „Korea’s Inbound and Outbound Tourism Performance in 2024.“ Yanolja Research Brief, Band 5. Februar 2025.
- Quelle: Südkoreanisches Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt, 2. April 2025.
Kommt die Jahresendrallye?
Trotz Verschnaufpause des ATX rechnen Experten mit einem schönen Jahresausklang.
Patrick Baldia. Mit einem Plus von rund 27 % seit Jahresbeginn erlebt der ATX heuer wieder ein richtig starkes Jahr. Trotz geopolitischer Unsicherheiten, schwacher Konjunktur und anhaltend hoher Inflation konnte er vor allem große globale Indizes wie Dax, Nasdaq Composite, S&P 500 oder Stoxx Europe deutlich in die Schranken weisen. Seit einigen Wochen befindet sich der heimische Leitindex jedoch mehr oder weniger in einer Seitwärtsbewegung. Bei den Anlegern drängen sich zunehmend Fragen auf: „War‘s das schon?“, „Werden künftig wieder kleinere Brötchen gebacken?“, oder: „Kommt es doch noch zur Jahresendrallye?“
„Dass der ATX seit einigen Wochen eine Verschnaufpause einlegt, ist völlig in Ordnung“, sagt Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Schließlich wären viele Wiener Titel heuer auch zu schnell und zu stark gestiegen. „Der Markt hat bei einigen Titeln einfach zu viel Hoffnung eingepreist“, urteilt der Manager des „3 Banken Österreich-Fonds“ (ISIN: AT0000662275). Das beste Beispiel ist Frequentis. Das heimische Tech-Unternehmen hat seit Anfang 2025 ein Kursplus von fast 170 % (!) verzeichnet. Und wie andere Höhenflieger der ersten Jahreshälfte, verzeichnete die Aktie zuletzt Kursrückgänge.
„Trotz aller Gegenwinde bleibt der Wiener Markt attraktiv“, sagt auch Manfred Sibrawa, Manager des „Amundi Austria Stock“ (AT0000857412), und verweist auf die im internationalen Vergleich niedrigen Bewertungen und attraktiven Dividenden. Zudem befinde man sich hierzulande erst wieder auf dem Niveau der Finanzkrise von 2008, während andere Märkte deutlich weiter wären. „In den kommenden Monaten sehe ich keinen größeren Grund zur Sorge“, zeigt sich der Experte im Gespräch mit dem Börsen-Kurier optimistisch.
Anlegerstimmung im neutralen Bereich
„Wir sind für die kommenden Wochen grundsätzlich sehr positiv auf den Wiener Markt eingestellt“, glaubt auch Roland Zauner, Manager des „Kepler DACH Plus Aktienfonds“ (AT0000647680), an die Fortsetzung des positiven Trends. Für eine Jahresendrallye spreche nicht zuletzt auch die Saisonalität bzw. dass das vierte Quartal üblicherweise gut ausfiel. Zauner weist allerdings darauf hin, dass die Lage auch von der Stimmung der Anleger abhängig sei, die er zuletzt im „neutralen Bereich“ sah.
Nicht von der Hand weisen möchte Zauner jedoch, dass viele ATX-Unternehmen heuer eher schwache Zahlen berichtet haben. “Viele tun sich mit den hohen Energiepreisen schwer”, sagt er zum Börsen-Kurier. Auch Sibrawa verweist auf die “inhomogene Kursentwicklung” des Wiener Marktes. So würden einige Titel aus dem Industrie- oder Versorgerbereich deutlich – teilweise sogar zweistellig – im Minus liegen. Andererseits würde besonders der Technologiesektor, aber auch Bau-, Infrastruktur- und Stahlunternehmen eine beeindruckende Entwicklung zeigen. Gerade in den Bereichen sind auch die Portfolios der drei Experten stark positioniert.
Und wie geht es 2026 weiter?
„Ich erwarte, dass der ATX 2026 eine Performance im hohen einstelligen Bereich erzielt“, wagt Wögerbauer eine Prognose. Ein Grund für seinen Optimismus: 2026 sollten an der Wiener Börse die ersten Effekte des deutschen Konjunkturprogramms zu spüren sein. Nicht nur deshalb sei die aktuelle Verschnaufpause des ATX kein Grund zu verkaufen. „Grundsätzlich ist es besser, wenn man langfristig investiert bleibt“, so Zauner. Nachsatz des Kepler-Experten: „Wenn man die Rücksetzer vermeiden will, wird man auch die Erholung verpassen.“
Foto: Adobe Stock / Alexandr / Generiert mit KI
Hält das Kursfeuerwerk der Banken an?
RBI, Erste und Bawag sind aktuell Top-Performer. Die Frage stellt sich, ob ein Einstieg noch lohnt.
Patrick Baldia. Dass der ATX seit Jahresbeginn mit einem Plus von mehr als 30 % zu den weltweiten Top-Performern unter den Indizes zählt, liegt auch an der starken Entwicklung der heimischen Banken. Am stärksten unterwegs seit Jahresbeginn ist unter den „Indexschwergewichten“ die RBI, die um mehr als 50 % zugelegt hat, gefolgt von der Erste Group mit fast 40 %. Und auch die Bawag muss sich mit einem Plus von rund 35 % nicht verstecken. Bleibt abzuwarten, ob der Aufwärtstrend an der Börse auch im vierten Quartal 2025 und darüber hinaus anhält.
Während Erste Group und RBI erst Ende dieser Woche ihre Zahlen für das dritte Quartal veröffentlichen werden, war das bei der Bawag bereits vergangene Woche der Fall. Die positive Entwicklung im laufenden Geschäftsjahr setzt sich bei dem Institut jedenfalls fort. Der Nettogewinn lag mit 219 Millionen Euro um 23 % über dem Vorjahrszeitraum, das Ergebnis vor Risikokosten mit 354 Millionen Euro um 33 %. Die operative Entwicklung der verschiedenen Geschäftsbereiche umschreibt CEO Anas Abuzaakouk als „solide“. „Gleichzeitig bleiben wir in einem Marktumfeld, das unserer Einschätzung nach seit einiger Zeit von übermäßiger Kreditvergabe und nachlässiger Risikoprüfung geprägt ist, weiterhin geduldig und diszipliniert“, so der Bawag-Chef.
Organisatorische Neuausrichtung bei der Bawag
Die Bawag befindet sich jeden-falls, nach eigenen Angaben, in einer organisatorischen Neuausrichtung. „Grundlage dieser Neuausrichtung ist ein ‚Digital-First‘-Ansatz im Banking, ergänzt durch ein stark beratungsorientiertes Filialnetz“, erklärt Abuzaakouk, der von einer „Entwicklung hin zu einer paneuropäischen und US-amerikanischen Bankengruppe“ spricht. Die Analysten sind aktuell jedenfalls überwiegend positiv auf die Aktie eingestellt, was die Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten betrifft. Die Kursziele liegen in einer Bandbreite von 115 und 144,15 Euro.
Update zur Ersten
Auch die Erste Group genießt derzeit die Zustimmung des Großteils der Analysten, die das Unternehmen covern. Erst in der vergangenen Woche haben etwa die Experten der Deutschen Bank ein Update zum Unternehmen veröffentlicht. Konkret wurde die Empfehlung „kaufen“ bestätigt und gleichzeitig das Kursziel von 86 auf 95 Euro angehoben. Für das dritte Quartal gehen die Analysten von steigenden Nettozinserträgen und Provisionserlösen aus, was aller-dings angesichts höherer Kosten zu einem Rückgang beim Ergebnis führen könnte. Die Übernahme von 49 % der Santander Bank Polska könnte wiederum die Rentabilität deutlich steigern, so ihre Einschätzung.
RBI: Strabag und Rasperia belasten
Bei der RBI gehen Analysten von einer Ergebnisverbesserung im zweiten Halbjahr 2025 aus. Unter anderem sollen dabei geringere Risikokosten im polnischen Kreditportfolio, eine stärkere Kreditnachfrage und geringere Regulierungsabgaben helfen. Indes laufen die Bemühungen der Bank, das Russlandgeschäft zu verkaufen, weiter.
Kein Erfolg in Sicht ist auch beim Bestreben, dass eingefrorene Strabag-Aktien im Besitz der russischen Rasperia im Wert von rund 2 Milliarden Euro freigegeben werden. Ein positiver Newsflow in beiden Fällen würde der Aktie sicher Auftrieb geben.
Foto: Bawag Group AG
Von günstigen Nahrungsmittel-Aktien profitieren
Mit Discount-Zertifikaten auf niedergeprügelte Basiskonsumgüterwerte setzen.
Michael Kordovsky. Mehrere Nahrungsmittelgiganten gerieten mangels Ertragsdynamik und infolge sinkender Rentabilität zuletzt massiv unter Druck. Generell erscheint die Basiskonsumgüter-Sparte in Europa günstig bewertet zu sein. So weist der „MSCI Europe Consumer Staples Index“ (in USD) per 30. September nur noch ein Forward-KGV von 15,1 auf, und dies bei einer Dividendenrendite von 3,6 %. Der Index zeichnet sich durch eine unterdurchschnittliche Volatilität aus. Dabei sind die Risens Nestlé und Unilever mit je 19,7 bzw. 12,1 % im Index am stärksten gewichtet.
General Mills, Nestlé und Unilever
Die Nestlé-Aktie liegt auf fünf Jahre 24 % im Minus und könnte gerade in der Phase der Bodenbildung sein. Das Unternehmen beschleunigt sein Kosteneinsparungsprogramm, fokussiert sich auf operative Effizienz, einschließlich der Automatisierung von Prozessen. In den kommenden zwei Jahren sollen rund 16.000 Stellen abgebaut werden, 12.000 Angestellte in verschiedenen Funktionen und Regionen (jährliche Einsparung umgerechnet 1,08 Milliarden Euro) und weitere 4.000 Mitarbeiter im Rahmen laufender Produktivitätsinitiativen in der Fertigung und Lieferkette. Das gesamte Kosteneinsparungspotenzial von Nestlé liegt bis Ende 2027 bei umgerechnet 3,24 Milliarden Euro.
Unilever mit den Eismarken „Ben & Jerry‘s“ und Magnum, den Brühwürfeln von Knorr, der Kartoffelprodukt-Marke Pfanni und den Parfums von Axe hat im dritten Quartal beim Umsatz positiv überrascht. Das für 2027 geschätzte KGV liegt nur noch bei 16,2.
In den USA ein ausgebombter Wert ist General Mills, Hersteller von Frühstückscerealien, Backwaren, Snacks, Joghurt und Fertiggerichten. Mit sinkender Rentabilität brach der Aktienkurs auf Jahressicht um rund 30 % ein.
Im gesamten Geschäftsjahr 2025/2026 werden das bereinigte Betriebsergebnis und das bereinigte verwässerte Ergebnis je Aktie voraussichtlich um 10 bis 15 % bei konstanten Wechselkursen zurückgehen.
Bei einem Kurs von 47,93 USD liegt laut Schätzungskonsens von Zacks das für 2026/27 geschätzte KGV nur noch bei 12,6. Das Unternehmen hat bereits ein Kostensenkungsprogramm eingeleitet und zahlt 125 Jahre ununterbrochen Dividenden. Aber es bleiben noch Restrisiken.
Discount-Zertifikate – der „abgesicherte“ Modus
Die drei genannten Aktien haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind fundamental günstig und verfügen über gute Chancen auf Kurserholung bei bestehenden Rückschlags-Risiken. Genau da kommen nun die Discount-Zertifikate ins Spiel. Sie ermöglichen den Einstieg in einen Basiswert mit einem Abschlag, wodurch Anleger am Ende der Laufzeit vor leichten Kursverlusten des Basiswerts geschützt sind. Dafür sind die Gewinnchancen durch einen festgelegten Höchstbetrag (Cap) begrenzt. Je höher dieser gewählt wird, desto geringer fällt der Discount aus – und umgekehrt.
Im Falle von General Mills wäre beispielsweise ein Cap von 50 USD (43,06 Euro) – also knapp über dem aktuellen Kurs von 47,93 USD (NYSE, 23.10.; 41,28 Euro) möglich, um bei einer Laufzeit bis 25.6.2026 eine Seitwärtsrendite (Rendite bei gleichbleibenden Kursen des Basiswerts bis Fälligkeit) von 9 % bzw. 13,8 % p.a. zu erzielen, denn auf Basis eines Briefkurses des Zertifikats von 37,86 Euro liegt der Discount zum Börsenkurs bei rund 8,3 %. Die maximal mögliche Gesamtrendite beträgt 13,7 % bis Fälligkeit – so die Daten eines von Morgan Stanley emittierten Discount-Zertifikats auf General Mills.
Etwas bullischer kann bei Nestlé vorgegangen werden mit einem von Vontobel emittierten Discount-Zertifikat, dessen Cap mit 92 CHF (99,44 Euro) um ca. 14,1 % über dem aktuellen Kurs (23.10.) von 80,64 CHF (87,16 Euro) liegt. Der Discount beträgt 3,15 %, woraus eine maximal mögliche Gesamtrendite bis Laufzeitende am 26.6.2026 von 17,8 % resultiert. Die Seitwärtsrendite beträgt immerhin noch 3,25 % und bzw. rund 5 % p.a.
Eine Unilever-Kurspartizipation im abgesicherten Modus bis zu einem Cap von 65 Euro (Kurs am 23.10. in Amsterdam: 54,04 Euro) bietet ein von Vontobel emittiertes Discountzertifikat auf Unilever, das bei einem Discount von 2,87 % eine Maximalrendite von 23,8 % bietet, während die Seitwärtsrendite 2,95 % bis Fälligkeit am 26.6.2026 bzw. rund 4,5 % p.a. beträgt.
Die Eckdaten der einzelnen Discountzertifikate unterliegen mit den Kursschwankungen des Basiswerts schnellen Änderungen.
Anmerkung: Zertifikate haben ein Emittentenrisiko. Im Falle einer Insolvenz des Emittenten wären sie eine Forderung in der Masse.
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Edelmetalle: Eintritt in die heiße Phase
Die Wahl von entsprechenden Zertifikaten erfordert derzeit höchste Konzentration.
Roman Steinbauer. Die Kurskapriolen der Goldnotizen vom 20. und 21. Oktober vergegenwärtigen, wie stark bereits spekulatives Kapital den Edelmetallmarkt erfasst hat. Kauf- und Verkaufsorders mit außerordentlich hohen Volumina wirkten an diesen beiden Handelstagen auf die Notizen ein.
Ziehen die Kurse (wie im Falle des Goldes) binnen eines Handelstags um bis zu 120 USD per Unze an, um 24 Stunden später bis zu 270 USD wieder abzugeben, entsteht unter Marktteilnehmern Raum für allerlei Interpretationen und Spekulationen. Nachdem die Aufwärtsbewegungen heuer in hohem Tempo ebenso die Silber- als auch die Platinmetalle erfassten, kann man feststellen: Die Volatilität nimmt im Spektrum der Edelmetalle empfindlich zu. Derart erratische Spitzenbildungen der Notizen, wie sie seit Mitte Oktober zu beobachten waren, verraten historisch betrachtet zwischen den Akteuren auf der Käufer- und Verkäuferseite einen starken Wechsel.
Aufbau der Förderkapazitäten
Es ist ein Muster höchster Handelsaktivität – von der Investmentbranche, Materialverarbeitern bis zu Privatanlegern – zu beobachten. Dennoch kann nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass sich der Langfrist-Aufwärtstrend der Kurse der Anlagemetalle zu Ende neigt. Denn vor allem am Silber- aber insbesondere am Platin- und Palladiummarkt ist der Anstieg der Notizen (im Gegensatz zu den Goldbegehrlichkeiten) noch relativ jung.
Zum Goldmarkt ist des Weiteren zu beobachten: Abgesehen von den vielen Publikationen zur bisherigen (auch belegten) hohen Nachfrage seitens der Notenbanken und des Investmentsektors, erfuhren Konsumenten bzw. Anleger während der vergangenen Quartale nur wenige Hinweise über den Aufbau der Förderkapazitäten in der Branche bzw. über den zunehmenden Umfang des Goldangebots.
Expansiver Bergbau
Das World Gold Council (WGC) definierte für heuer noch keine endgültige Höhe des Goldangebots. Doch stellte die internationale Handelsorganisation der Branche mit Sitz in London am 12. Oktober in den Raum, es sei mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ von einem erneuten Förderrekord auszugehen. Die 3.750-Tonnen-Marke werde voraussichtlich überschritten. Dieses Niveau bedeutet einen Anstieg um 2,5 % im Vergleich zu 2024. Da die Profitabilität der Minengesellschaften ausgesprochen hoch sei, könne weiterhin mit Ausweitungen der Kapazitäten gerechnet werden. Nach Angaben des WGC werden im Jahr 2025 vor allem die Goldproduktionen in China (380 Tonnen) als auch in Russland (330 Tonnen) Rekordwerte erreichen.
Global gesehen, werde das Edelmetall weiterhin durch eine Vielzahl an Förderstätten in nur wenigen Staaten gefördert. Nach Darstellung des WGC verschiebt sich aber die Dominanz der Länder deutlich. Nach China und der Russischen Föderation werde Australien für ein Volumen von 284 Tonnen, jenes Kanadas bei 202 Tonnen stehen. Es folgen die USA (158 Tonnen), Ghana (141 Tonnen), Mexiko und Indonesien mit jeweils 140 Tonnen. Südafrika (für den legendären Krugerrand stehend) kommt hingegen gerade noch auf 110 Tonnen des Angebots.
Hochsensible Derivate
Das Spektrum auf Edelmetalle basierender Zertifikate erweiterte sich während der vergangenen Jahre enorm. Es reicht beispiels-weise von unlimitierten Varianten auf weiter steigende Goldnotizen, wie etwa jene der Société Générale, bis zu Produkten mit Hebelwirkung (Faktor-Zertifikate), die Emittenten wie die BNP Paribas u.a. offerieren. Angesichts der derzeit zunehmenden Kursausschläge bei Edelmetallen, steigt die Risikokomponente bei Hebelprodukten allerdings stark an.
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Langzeit-CEOs: Braucht es ein Verfallsdatum?
Florian Beckermann. Jeder Investor kennt es: Ein CEO ist eine gefühlte Ewigkeit im Amt. Ein(e) Patriach(in), eine Person die alles im Unternehmen weiß, oftmals als Praktikant dort anfing – auch eine Identifikationsfigur. Mehr noch im Familienunternehmen zuhause, denn an der Börse. Über Jahre unabdingbar für den Erfolg des Unternehmens mit der entsprechenden Erfahrung. Doch neben dieser erwiesenen Leadership-Qualität gibt es auch eine negative Seite, der sich eine Vielzahl von aktuellen Studien widmen. Es entsteht eine Fachdiskussion um ein Best-Practice-Ablaufdatum für CEO-Amtszeiten. Aktionäre sollten sich eine Meinung bilden.
Warum? Mit zunehmender Dauer im Amt besteht die Gefahr, dass ein CEO an Innovationskraft verliert und weniger bereit ist, Veränderungen umzusetzen. Langjährige Führungskräfte neigen dazu, in eingefahrenen Denk- und Handlungsmustern zu verharren. Es sinkt häufig die Bereitschaft, Risiken einzugehen oder neue Ideen zu fördern, was langfristig zu Innovationsstau und Wettbewerbsnachteilen führt.
Ein weiteres Problem besteht in der zunehmenden Machtkonzentration. Je länger ein CEO im Amt ist, desto größer wird sein Einfluss auf das Unternehmen und den Aufsichtsrat. Diese Machtfülle kann dazu führen, dass Kontrollmechanismen abgeschwächt werden und kritische Stimmen im Umfeld des CEOs verstummen. Häufig entsteht eine Umgebung, in der Entscheidungen nicht mehr ausreichend hinterfragt
werden, was das Risiko von Fehlentscheidungen oder ineffizientem Management erhöht – die berühmte Bubble, der Management-Elfenbeinturm. Eine klassische Governance-Aufgabe.
Darüber hinaus kann eine lange Amtszeit Interessenskonflikte fördern. Manche CEOs richten ihr Handeln stärker auf den Erhalt ihrer eigenen Position oder kurzfristige Erfolgskennzahlen aus, anstatt langfristig nachhaltige Strategien zu verfolgen. Auch die Nachfolgeplanung wird dadurch erschwert: Potenzielle interne Nachfolger erhalten kaum Aufstiegschancen und verlassen das Unternehmen, wodurch wertvolles Wissen und Führungspotenzial verloren gehen. Der Aufsichtsrat ist hier gefragt, wenn er denn gewillt ist. Zudem kann eine zu lange Amtszeit die Unternehmenskultur negativ beeinflussen. Wenn ein CEO über Jahre hinweg die Werte und Strukturen prägt, kann das Unternehmen zu stark mit seiner Person identifiziert werden.
Die Empirie zeigt, dass die Unternehmensleistung häufig in den ersten Jahren eines CEO-Amts steigt, danach jedoch tendenziell wieder abnimmt – meist nach etwa sieben bis zehn Jahren. Es spricht viel dafür, Lösungsgedanken zu definieren.
Aktuell: Ungeachtet diverser Branchenspezifika wird die zehn Jahre Schwelle zur Evaluation herangezogen, sofern die Frist zuvor festgelegt und eine Nachfolgeregelung/-Aufbau stattgefunden hat. Dies bedeutet, dass Nachfolger vor der letzten Vertragsverlängerung definiert sein sollten. Ferner ist eine weitere Verlängerung unter gewissen Umständen opportun, beispiels-weise bei größeren Krisen. Diese Tür sollte man sich offenhalten.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, , www.iva.or.at
Kurzfristige Marktreaktion auf US-Bankenmeldungen – kein strukturelles Risiko erkennbar
Ein Kommentar von Serge Nussbaumer, Head Public Solutions & Marketing bei Maverix.
(17.10.) Neue Meldungen über Probleme bei einzelnen US-Regionalbanken haben am Freitag für spürbare Kursrückgänge im europäischen Bankensektor gesorgt. Anleger reagierten nervös auf die Nachrichten und befürchteten kurzfristig mögliche Ansteckungseffekte. Die Aktien der Deutschen Bank gaben rund sechs Prozent nach, UBS in der Spitze rund 4% und die Commerzbank-Titel verloren etwa drei Prozent. Auch andere europäische Institute wie Barclays und Bank of Ireland standen unter Druck. Der europäische Bankenindex fiel in der Folge um knapp drei Prozent.
Auslöser waren deutliche Kursrückgänge bei US-Regionalbanken wie Zions Bancorporation, Western Alliance und Jefferies, deren Aktien am Vortag um bis zu sechs Prozent eingebrochen waren. Grund dafür waren Berichte über Kreditausfälle bei Autozulieferern, die jedoch nach aktuellem Kenntnisstand kein systemisches Risiko für den Finanzsektor darstellen.
Aus unserer Sicht handelt es sich hierbei um eine kurzfristige Marktreaktion. Der Markt scheint nach der jüngsten Stärke gezielt auf negative Nachrichten zu warten, um Gewinne mitzunehmen. Entsprechend ist die aktuelle Bewegung eher technischer Natur und kein Hinweis auf eine neue Krise im Bankensektor.
Auch Analysten betonen, dass die gemeldeten Kreditausfälle zwar unschön, aber nicht systemrelevant sind. Die betroffenen Banken verfügen über solide Kapitalpuffer, und die Größenordnung der faulen Kredite ist begrenzt.
Das Thema sorgt kurzfristig für erhöhte Volatilität, ändert aber nichts an der grundsätzlich stabilen Lage des europäischen Bankensektors. Wir sehen derzeit keinen Grund, von einem strukturellen Risiko oder einer größeren Marktverwerfung auszugehen. Die aktuellen Rückschläge könnten im Gegenteil selektiv sogar als Einstiegschance betrachtet werden – sofern sie mit der jeweiligen Portfoliostrategie vereinbar sind.
Profiteure des Energiehungers
Sind Aktien der Versorger die schlüssigste Investition unserer Zeit?
Roman Steinbauer. Die Ausbreitung der Digitalisierung sowie die Durchdringung der Lebensbereiche durch Künstliche Intelligenz rückt Versorger-Aktien ins Rampenlicht. Im Gegensatz zu vagen Hoffnungen und Spekulationen nimmt die Stromnachfrage so gut wie gesichert weiter zu. Nicht zuletzt verschieben sich je nach Region und Kontinent die Marktanteile in einer zuvor nicht gekannten Geschwindigkeit. Darüber hinaus beeinflussen politisch motivierte Argumente als auch Emissionsfaktoren die Wahl der Energiequellen und letztlich der Anbieter.
Beschleunigung der Stromnachfrage
Der jüngste Ausblick der Internationalen Energieagentur (IEA) rückt Relationen zurecht, die in Europa und dem Verständnis der westlichen Welt (noch) wenig Akzeptanz finden. Einerseits weist die IEA auf den Umstand hin, wonach global im Jahr 2024 noch mehr als 730 Mio. Menschen keinen Zugang zu Elektrizität hatten. Andererseits verweisen die IEA-Analysten auf die entstandene Trendführerschaft des südostasiatischen Raums. In diesem Teil der Welt werde demnach global die Zukunft der Stromerzeugung entschieden. Die IEA sieht für heuer ein Wachstum der weltweiten Elektrizitätsnachfrage um 3,3 %, während diese 2026 bereits auf 3,7 % anziehen soll. Die Angebotskapazitäten für erneuerbare Varianten sollen sich indes bis zum Ende des Jahrzehnts verdoppeln, wobei in diesem Segment die Solarenergie rund 80 % des Wachstums bei Erneuerbaren generieren dürfte, gefolgt von Wind-, Hydro-, Bioenergie- und Geothermieanlagen.
Wachstum und Solidität als Kombination
Daraus ergibt sich für Langfristanleger eine rational und simpel gedachte Überlegung: Sind – abseits oft zeitlich begrenzter Trends im Technologiesektor – Aktien der Versorger nicht die schlüssigste Investition unserer Zeit? Die Unternehmen der Branche, die zum Unterschied zu Energieaktien auch die Infrastruktur zur Lieferung bereitstellen, sind älteren Marktteilnehmern seit Jahrzehnten als solide, defensive Wertpapieranlage geläufig. Doch treten mit dem ausgeprägten Energiehunger nun weitere Triebfedern in Kraft. Die Autorin und Marktanalystin des Finanzdienstleisters Morningstar, Tori Brovet, beschrieb Anfang Oktober in einem Artikel den Reiz von Versorger-Aktien. So biete ein großer Teil der börsennotierten Standardtitel des Segments eine äußerst attraktive Dividendenrendite. Ein potenzieller Konjunktureinbruch beeinträchtige die Nachfrage nach Strom und Gas nur gering. Dazu operieren die Gesellschaften zum Teil in regulierten Märkten, die konstante Gewinne versprechen und so die Volatilität im Portfolio reduzieren.
Dauerläufer mit reduziertem Risikopotenzial
Derzeit wirkt die Performance des „F.A.Z. Euro Energie Index“ mit einem Anstieg von +8,50 % binnen eines Jahres unspektakulär. Doch langfristig nahm sich dieser mit +91 % im Fünf-Jahres-Vergleich sehr gewinnträchtig aus. Zudem übertrumpfte im 1. Halbjahr der Branchenindex Stoxx Europe 600 Utilities mit +13 % den Stoxx Europe 600 (+8 %) deutlich. Wermutstropfen: Die Anteilscheine heimischer Anbieter wie die des Verbunds oder der EVN enttäuschten im Vergleich leider. Doch schlagen hier stets potenziell drohende staatliche Strompreiseingriffe durch, die die Gewinnentwicklung der Gesellschaften hemmen. Generell weisen die etablierten Energielieferanten Europas aber äußerst attraktive Ausschüttungen aus.
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Value-Investing mit Austro-Aktien
Wie die Chancen entlang der Infrastruktur-Wertschöpfungskette stehen?
Michael Kordovsky. In Europa werden in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren enorme Summen in die Erneuerung der Infrastruktur investiert. Der Brenner-Basistunnel, dessen Gesamtkosten auf 10,5 Milliarden Euro geschätzt werden, ist ein prominentes Beispiel. Allein Deutschland stellte für zwölf Jahre ein Sondervermögen für Infrastrukturprojekte von 500 Milliarden Euro zur Verfügung. Spanien baut vor allem Hochgeschwindigkeitsstrecken aus, und in Frankreich wollen internationale Akteure 109 Milliarden Euro in den Aufbau neuer Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren. Hinzu kommen noch Chancen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Ukraine.
Bau und Baustoffe
Vor allem die in Wien notierten Baufirmen Porr und Strabag profitieren vom Aufbau der Infrastruktur. Porr gewann im ersten Halbjahr zahlreiche Bahnbau-Neuaufträge, wie die 32,6 km lange Eisenbahnstrecke von Craiova nach Caransebes in Rumänien im Volumen von rund 425 Millionen Euro und Polens längsten Eisenbahntunnel, den Hochgeschwindigkeitstunnel in Lodz (Volumen rund 400 Millionen Euro). Der Auftragsbestand stieg um 10 % auf einen Rekordwert von 9,4 Milliarden Euro. Die Ebit-Marge soll laut Einschätzung des Vorstands heuer bei 2,8 bis 3,0 % liegen und bis 2030 auf 3,5 bis 4,0 % steigen. Analysten schätzen die weitere Ertragsentwicklung sehr positiv ein. Der Gewinn pro Aktie sollte laut MarketScreener-Konsens von 2025 bis 2027 von 2,869 auf 3,613 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 29,50 Euro ein für 2027 geschätztes günstiges KGV von 8,2 resultieren würde.
Strabag, die zwei Drittel ihrer Leistung für öffentliche Auftraggeber abwickelt, ist ebenfalls ein Profiteur von Infrastruktur-Programmen. Das Unternehmen realisiert als Generalunternehmerin einen der größten Windparks Rumäniens, modernisiert einen wichtigen Eisenbahnknoten in Polen und erhielt gemeinsam mit seinen Konsortial-Partnern in Großbritannien den Auftrag zur Modernisierung eines 110 Kilometer langen Wasserleitungssystems. Analysten rechnen von 2025 bis 2027 mit soliden Gewinnsteigerungen. Als Zulieferer von Baumaterialien ein klarer Gewinner in der Wertschöpfungskette ist auch Wienerberger, die mit Kostensenkungen und gezielten Akquisitionen in der Lage sein sollte, 2025 und in den kommenden Jahren die Ertragskraft zu steigern. Das konkrete Ausmaß hängt dabei von Markt- und Konjunkturdynamiken sowie der Entwicklung der Inputkosten ab. Derzeit ist die Aktie am Markt eher konservativ bewertet.
Anlagenbau und Schwerindustrie
Der Bau von Maschinen, Industrieanlagen und insbesondere von Kraftwerken gehört ebenfalls zu einem Infrastrukturboom, wovon vor allem Andritz profitieren sollte. Andritz ist einer der weltweit führenden Anbieter von elektromechanischen Ausrüstungen und Serviceleistungen für Wasserkraftwerke mit mehr als 185 Jahre Erfahrung beim Bau von Turbinen. Als Anbieter eines breiten Spektrums an Pumpen, einem Standbein im Bereich „grüner Wasserstoff“ und auch bei thermischen Kraftwerken ist Andritz ein klarer Gewinner des Infrastruktur-Ausbaus. Das Unternehmen konnte den Cashflow aus betrieblicher Tätigkeit von 2020 bis 2024 von 461,5 auf 636,5 Millionen Euro steigern, und von 2025 bis 2027 sollte laut Schätzungskonsens bei MarketScreener der Gewinn pro Aktie von 4,773 auf 6,1 Euro wachsen, woraus bei einem Kurs von 60,90 Euro ein für 2027 günstiges KGV von 10 resultieren würde.
Aufgrund der Verlagerung des Produktmixes in Richtung Innovation und Qualität ist derzeit auch die Voestalpine wahrscheinlich unterbewertet. Das Unternehmen profitiert zum Beispiel mit Baustahl, Stahlteilen für den Maschinen- und Anlagenbau sowie Stahl für Rohrleitungen am Ausbau der Infrastruktur. Die Voestalpine ist bei einem Kurs von 32,18 Euro mit einem für 2027/28 geschätzten KGV von 9,1 günstig bewertet.
Feuerwehren und Kräne
Feuerwehrfahrzeuge, Pumpen, Hydranten und Ausrüstung sind Teil der Ausgaben der städtischen Infrastruktur. Urbanisierung erhöht und verändert den Bedarf an Fahrzeugen: nicht nur mehr Einheiten, sondern auch mehr Spezialisierung (schnelle Einsatzfahrzeuge für enge Gassen, passende Löschfahrzeuge für Flughäfen …). Hier kommt Rosenbauer ins Spiel, dessen globaler Marktanteil bei Löschfahrzeugen auf 11 % geschätzt wird. Ein hoher Auftragsbestand gibt dem Unternehmen Spielräume für Umsatz- und Ertragssteigerungen. Der Gewinn pro Aktie sollte laut Analystenschätzungs-Konsens von 2025 bis 2027 von 3,45 auf 7,115 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 45,25 Euro ein für 2027 geschätztes KGV von nur noch 6,4 resultieren würde.
Teil der Infrastruktur-Wertschöpfungskette ist indessen Palfinger – mit Kränen, Mitnahmestaplern und Ladeboardwänden für die Bauwirtschaft oder direkt im Infrastruktur-Bereich mit Ladekränen, Brückeninspektionsgeräten und Hubarbeitsbühnen. Trotz zyklischer Schwankungen war das Unternehmen in der Lage, von 2018 bis 2024 das Konzernergebnis von 58 auf 100 Millionen Euro zu steigern. Der Free Cashflow verbesserte sich im selben Zeitraum von 46,8 auf 119,5 Millionen Euro. Auf Basis eines Kurses von 30,68 Euro wäre die Aktie mit einem für 2027 geschätzten KGV von 7,6 günstig bewertet.
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Dotcom 2.0: (Wann) Platzt die KI-Blase?
Der aktuelle KI-Hype erinnert frappant an die Tech-Bubble Ende der 1990er-Jahre.
Andreas Dolezal. Die teils absurden Milliardenbeträge, die derzeit in Künstliche Intelligenz (KI) und große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) wie ChatGPT investiert werden, erinnern an den Tech-Hype der späten 1990er-Jahre. Bekanntlich platzte diese Tech-Bubble im März 2000, viele Unternehmen verschwanden ebenso wie Investitionen und Börsenwerte auf Nimmerwiedersehen. Droht dem aktuellen KI-Boom ein ähnliches Schicksal? Anzeichen und Stimmen dafür gibt es.
Geschichte wiederholt sich
Tech-Giganten wie OpenAI und die „Magnificent 7“ (Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Nvidia und Tesla) investieren Hunderte Milliarden US-Dollar in Rechenzentren sowie deren Stromversorgung, Chips und Software, finanziert durch Risikokapital und Kredite. Kleine wie große Anleger befeuern mit ihren Investitionen den Börsenhype dieser Titel. Sie alle wurden in den letzten Monaten und Jahren mit astronomischen Kursgewinnen belohnt.
Nvidia, dessen Chips unverzichtbar sind, und dessen Kurs-Gewinn-Verhältnis KGV bei 47 liegt, ist so zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen. Der Börsenwert von Nvidia hat die Dimension des Bruttoinlandsprodukts von Deutschland erreicht.
Das Bedenkliche daran ist, dass bis dato keine KI-Anwendung ein tragfähiges Geschäftsmodell vorweisen kann, das auch nur ansatzweise in der Lage wäre, die investierten Milliarden zu Lebzeiten der Investoren zurückzuverdienen. Die Gefahr, dass dieser Hype zu einer enormen Kapitalvernichtung führt, steigt. Die Parallelen zur Überbewertung Ende der 1990er-Jahre sind frappant. Experten meinen sogar, dass die Kluft zwischen Erwartung und Realität noch gigantischer als bei der Dotcom-Blase ist.
Auch Protagonisten warnen
Neu sind die Warnungen vor einer Blase nicht. Sogar führende KI-Unternehmer wie OpenAI-CEO Sam Altman gestehen ein, dass eine übermäßige Begeisterung vorherrscht. Auch Meta-Chef Mark Zuckerberg hält eine KI-Blase für durchaus möglich. Amazon-Gründer Jeff Bezos nennt KI eine Blase, dennoch werde der Nutzen für die Gesellschaft gigantisch sein.
„FOMO“ (Fear of Missing Out) – die Angst, einen wichtigen Trend zu versäumen – treibt die Protagonisten zu immer neuen Milliardeninvestments. Es wäre zwar bedauerlich, wenn hunderte Milliarden US-Dollar falsch investiert und vielleicht verloren sind, aber das Risiko, zu wenig zu investieren und beim „nächsten großen Ding“ nicht dabei zu sein, ist noch größer.
Risiken und Herausforderungen
Die „Magnificent 7“ sind höchst profitabel und verfügen über riesige Bargeld-Reserven. Auch der Zuspruch der (Risiko-)Investoren ist ungebrochen. Alleine die finanzielle Potenz kann jedoch grundlegende Probleme nicht lösen. Um den enormen Strombedarf der Serverfarmen zu decken, müssen Kraftwerke gebaut und Stromnetze optimiert werden. Microsoft geht sogar soweit, ein altes Atomkraftwerk zu reaktivieren. Die zunehmende Billigkonkurrenz aus China bedroht Preise, Margen und Börsenkurse. Nach der Vorstellung des chinesischen LLM DeepSeek korrigierten die Börsenkurse der US-Tech-Giganten unmittelbar um Milliarden US-Dollar.
Eine Frage der Zeit
Die Wahrscheinlichkeit einer Kurskorrektur steigt mit jedem Tag, an dem die Aktienkurse neue All-Time-Highs erreichen. Die Gefahr, dass Börsenkapitalisierungen und KGVs auf ein nachhaltiges Niveau zurückkehren, rückt näher – erste Banken warnen bereits. Die Frage ist, wann der Hype seinen Zenit erreicht und überschritten hat. Denn Unternehmen, die dauerhaft keine Gewinne erzielen, verweigern Investoren irgendwann frisches Geld. Damit droht bei den derzeitigen Cash-Burn-Rates rasch die Zahlungsunfähigkeit und eine massive Korrektur der Börsenwerte.
Was sagt ChatGPT dazu?
Auf die Frage „Wird die KI-Blase platzen?“ antwortet ChatGPT 5: „Die aktuelle KI-Euphorie ist tatsächlich ein Hype – aber eine Hype-Phase bedeutet nicht zwingend, dass die Blase platzen wird. Vielmehr dürfte es zu einer Abkühlung und Konsolidierung kommen, nicht zu einem vollständigen Zusammenbruch.“ Wollen wir hoffen, dass die KI recht hat und nicht halluziniert.
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Sind Goldminenaktien bereits zu teuer?
Die Goldhausse bescherte Branchenaktien starke Gewinne. Der Aufschwung ist laut Experten noch intakt.
Raja Korinek. Die Goldhausse kennt kein Halten. Am Montag, den 13. Oktober, schoss die Notierung über die Marke von 4.000 US-Dollar je Unze. Kurz zuvor hatte US-Präsident Donald Trump eine Anhebung der US-Zölle auf chinesische Exporte auf 100 % angekündigt. Die Sorge vor einer weiteren Eskalation ist groß, der Bedarf an einem sicheren Hafen ebenso.
Einen ersten Preisschwung gab es 2019, der jedoch Mitte 2022 einen Rückschlag erlitt. Denn die Notenbanken, etwa in der Eurozone sowie in den USA, hoben die Zinsen kräftig an, um der aufkeimenden Inflation nach dem Pandemieende zu kontern. Generell gilt: Je höher die Verzinsung ist – insbesondere nach Abzug der Inflation –, desto mehr lohnt sich eine Veranlagung, etwa in solide Staatsanleihen im Vergleich zu einem zinslosen Goldinvestment.
Die Rolle der Zinsen
Anfang 2024 begann dann der große Ausbruch, für den es mehrere Gründe gibt. Die Zinsen wurden vor allem in der Eurozone wieder gesenkt. Die geo- sowie die handelspolitischen Konflikte begannen sich zu verschärfen. Auch die Käufe der Notenbanken sind wesentlicher Treiber. Benjamin Louvet, Head of Commodities bei Ofi Invest Asset Management, meint: „Physisches Gold macht erstmals seit 1996 einen größeren Anteil der Reserven aus als US-Staatsanleihen. Die Abkopplung vom US-Dollar schreitet voran, weil viele der Institutionen verstärkt diversifizieren“.
Von dem Aufwind haben Goldminenaktien kräftig profitiert. Für Andreas Böger, Fondsmanager des Erste Stock Gold-Fonds, ist die Entwicklung nachvollziehbar: „Die Produktionskosten liegen im Schnitt bei 1.500 bis 2.000 US-Dollar je Unze. Bei dem aktuellen Preisniveau lukrieren zahlreiche Produzenten eine hohe Gewinnspanne.“
Noch immer günstige Bewertungen
Auch die Bewertungen, gemessen am erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis der großen Minengesellschaften seien zwar auf durchschnittlich 15 gestiegen, jedoch immer noch günstig. „In früheren Hausse-Phasen lagen die Bewertungen um einiges höher“, konstatiert Böger. Er verweist auf einen weiteren Aspekt. So sei die Marktkapitalisierung – grob gerechnet die Anzahl der Aktien multipliziert mit dem Aktienkurs – aller an der Börse notierten Goldminenkonzerne bei rund 700 Milliarden US-Dollar. Jene allein von Microsoft liegt bei 3,8 Billionen US-Dollar.
Auch gingen zahlreiche Konzerne disziplinierter mit ihrem Cashflow um. „Während der vergangenen Hausse, die 2000 begann, wurden teils kostspielige Übernahmen getätigt.“ Als der Goldpreis danach fiel, wurden solche Transaktionen zu einem Verlust. Inzwischen gehe man weitaus vorsichtiger vor. Obendrein werde Geld für Kapitalmaßnahmen, so etwa Aktienrückkäufe, eingesetzt. Aktuelles Beispiel ist Agnico Eagle Mines – die Aktie ist zudem Teil des Fonds. Gemeinsam mit Kinross Gold und Anglogold Ashanti zählen solche Konzerne zu den großen, etablierten Branchen-Player.
Doch auch in kleinere Unternehmen wird investiert, etwa in OceanaGold mit Sitz in Kanada. Das Unternehmen fördert jährlich rund 490.000 Unzen des gelben Edelmetalls. Das Volumen könnte in den kommenden ein bis zwei Jahren auf gut 620.000 Unzen steigen. „Das wäre ein ansehnliches Wachstum“, gefällt Böger die Perspektive. Wie lange insgesamt die Goldhausse anhalten wird, lässt sich freilich schwer prognostizieren. Auf Zwischenkorrekturen müssten sich Anleger allemal einstellen, fügt Böger mahnend hinzu. Wie bei allen Investments sind jedenfalls auch hier Verluste möglich.
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Altbewährt, aber keineswegs altmodisch
Die ältesten Unternehmen der Wiener Börse zeigen Stabilität, Substanz und teils überraschend Dynamik.
Michael Kordovsky. Die drei ältesten Gesellschaften der Wiener Börse sind Porr, Wienerberger und UBM Development. Alle drei sind hervorragend aufgestellt.
Das Bauunternehmen Porr etwa war in der Lage, von 2021 bis 2024 das Ebit von 95,2 auf 158,4 Millionen Euro zu steigern. Die Analysten hatten laut MarketScreener zuletzt ihre Prognosen für 2027 tendenziell nach oben geschraubt. Von 2025 bis 2026 sollte der Gewinn pro Aktie von rund 2,87 auf rund 3,61 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 30,55 Euro ein für 2027 geschätztes KGV von günstigen 8,5 resultiert.
Zu den Dauerbrennern in Wien gehört auch Wienerberger, die im Falle eins Infrastrukturbooms die Nase vorne hätte. Das Unternehmen steht laut Analystenkonsens vor einem Ertragssprung und würde bei einem Kurs von 27,02 Euro für 2027 nur noch mit einem erwarteten Kurs/Cash-Flow-Verhältnis von 6,9 und einem KGV von 7,8 bewertet sein.
UBM ist indessen ein Immobilienentwickler mit geographischem Schwerpunkt Deutschland und Österreich. Die aktuelle Pipeline besteht bereits zu 60 % aus dem soliden Wohnimmobilienbereich. Nach zwei Jahren mit roten Zahlen sollten heuer wieder Gewinne erzielt werden. Größere Gewinnsteigerungen erwarten Analysten in den Jahren 2026 und 2027.
Eine im Verlauf der Jahre größere Transformation vollzog die – viertälteste notierende Aktiengesellschaft in Wien – Semperit, die ihren primären Fokus auf Industrieprodukte verlagerte und nun über verhaltene Investitionen der Unternehmen infolge der Unsicherheiten rund um die US-Einfuhrzölle mit einer leichten Abwärtsrevision ihrer Ebitda-Prognose konfrontiert war. Erst ab 2026 erwarten die Analysten wieder spürbare Umsatz- und Gewinnsteigerungen.
Häufig solide Fundamentaldaten, aber illiquider Aktienhandel
Die Linz Textil notiert im Marktsegment Standard Market Auction und weist per 10. Oktober laut Wiener Börse eine Marktkapitalisierung von 72 Millionen Euro auf. Das Unternehmen bietet Garne und Rohgewebe und Frottierwaren an und erzielte 2024 bei einem Umsatz von knapp 69 Millionen Euro ein Ebit von 2,9 Millionen Euro. Per 30. Juni ist die Eigenkapitalquote mit 85 % auffallend hoch. Ebenfalls im amtlichen Handel der Wiener Börse notiert die Maschinenfabrik Heid, die mit einer Marktkapitalisierung von 5,4 Millionen Euro äußerst illiquide gehandelt wird. Der letzte Kurs von 1,38 Euro ist vom 15. September. Das Unternehmen verwaltet auch nur mehr Finanzanlagen und Beteiligungen.
Viel ereignisreicher ist die Josef Manner & Comp. AG, der Spezialist für Waffeln, Schaumzuckerwaren und Dragees. Das Unternehmen war in der Lage von 2019 bis 2024 den Umsatz von 206,9 auf 288,4 Millionen Euro zu steigern, während der Cashflow aus betrieblicher Tätigkeit sogar von 11,3 auf 44 Millionen Euro verbessert werden konnte. Im ersten Halbjahr 2025 steigen die Erträge weiter. Nach einer mehrjährigen Seitwärtsbewegung könnte der Aktienkurs schon alleine aus fundamentalen Gründen bald wieder einen Aufwärtsschub erfahren.
Auch sehr illiquide und in einer aktuellen Seitwärtsbewegung erfolgt hingegen der Handel der Aktien der Stadlauer Malzfabrik AG, deren Marktkapitalisierung lediglich 29,1 Millionen Euro beträgt. Das Unternehmen fungiert als Besitzgesellschaft und stellt der Stamag Stadlauer Malzfabrik GesmbH wesentliche Betriebsgrundlagen in Wien zur Verfügung.
Besondere IPOs der 80er-Jahre
Ab dem Jahr 1985 belebte sind der Handel an der Wiener Börse und in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre gab es zahlreiche Börsengänge. Der Faserhersteller Lenzing ging 1985 an die Börse und zeigt eine Geschichte zyklischer Ertragsschwankungen, wobei das Unternehmen aufgrund herausfordernder Rahmenbedingungen am Fasermarkt eine längere Durststrecke durchläuft.
Von den IPOs des Jahres 1986 notieren derzeit die Aktien der drei Regionalbanken BKS, BTV und Oberbank in Wien.
Solide bedeutende Versorgungsunternehmen aus der Privatisierung von Staatsbetrieben sind indessen OMV, Verbund und EVN.
Die 20 ältesten in Wien gelisteten Unternehmen (Quelle: Wiener Börse)
| ISIN | Name | Erstnotiz |
| AT0000609607 | Porr AG | 08.04.1869 |
| AT0000831706 | Wienerberger AG | 15.04.1869 |
| AT0000815402 | UBM Development AG | 10.04.1873 |
| AT0000785555 | Semperit AG Holding | 27.09.1890 |
| AT0000723606 | Linz Textil Holding AG | 28.07.1890 |
| AT0000690151 | Maschinenfabrik Heid AG | 04.05.1906 |
| AT0000728209 | Josef Manner & Comp. AG | 14.05.1919 |
| AT0000797303 | Stadlauer Malzfabrik AG | 13.03.1922 |
| AT0000644505 | Lenzing AG | 19.09.1985 |
| AT0000624705 | BKS Bank AG | 01.07.1986 |
| AT0000625108 | Oberbank AG | 01.07.1986 |
| AT0000625504 | BTV Vier Länder Bank AG | 01.07.1986 |
| AT0000743059 | OMV AG | 03.12.1987 |
| AT0000641352 | CA Immobilien Anlagen AG | 20.04.1988 |
| AT0000746409 | Verbund AG | 06.12.1988 |
| AT0000741053 | EVN AG | 27.11.1989 |
| AT0000767306 | Rath AG | 20.12.1989 |
| AT0000640552 | Burgenland Holding AG | 14.05.1990 |
| AT0000762406 | Frauenthal Holding AG | 10.06.1991 |
| AT00000VIE62 | Flughafen Wien AG | 15.06.1992 |
Foto: Wiener Börse
Scout24 – für Anleger nicht günstig, aber äußerst renditehaltig
Der Dax-Neuling hat mit seiner Immobilienplattform ein robustes und wachstumsstarkes Geschäftsmodell entwickelt.
Stefan Riedel. Das Geschäftsmodell der seit September im Dax gelisteten Scout24 SE (DE000A12DM80) ist schnell erklärt. Die 1998 gegründete Firma aus München bringt auf ihrer Onlineplattform Eigentümer und Vermieter von Immobilien mit Käufern und Mietern zusammen. Als Anzeigenprotal ist Scout24 hier zusammen mit Immobilienwelt Marktführer in Deutschland.
Diversifikation treibt die Marge
Die stabilen Erträge mit der Kernplattform ImmoScout24 und die Preissetzungsmacht bei Produktpaketen wie Makler-Abos schieben die Profitabilität immer weiter nach oben. Dazu kommen zusätzliche Services für Eigentümer und Makler. Mit der Summe dieser Angebote, die wiederkehrende Erlöse generieren, schafft es Scout24, die Umsätze pro Kunde zu erhöhen. „Scout24 überzeugt mit stabilen Plattformerlösen, einem robusten Abo-Fundament und wiederkehrenden Cashflows“, begründet Marcus Diebel von JP Morgan sein Overweight-Rating mit einem Kursziel von 146 Euro.
Zehn der 15 Branchenexperten, die Scout24 covern, empfehlen die Aktie zum Kauf und verweisen dabei auf die stetig wachsenden Erträge. Während der Konzernumsatz zwischen 2019 und 2024 um 57 % auf 566,3 Millionen Euro stieg, schnellte der operative Gewinn im selben Zeitraum um fast 140 % auf 253,3 Millionen Euro nach oben. Nach dem erwarteten Gewinnsprung von mehr als 40 % in diesem Jahr erwarten die Analystenschätzungen für die nächsten zwei Geschäftsjahre ein durchschnittliches Gewinnplus im mittleren zweistelligen Prozentbereich.
Nach dem starken ersten Halbjahr hat das Management die Jahresprognose für 2025 angehoben: Scout24 erwartet 14 bis 15 % Umsatzwachstum und einen Anstieg der Ebitda-Marge um bis zu 70 Basispunkte. 2024 waren es 61,5 %. Die beiden größten Geschäftsfelder Wohnimmobilien und Gewerbeimmobilien arbeiten dabei gleich profitabel.
Neue Wachstumsfelder
Weitere Einnahmen will sich Scout24 nach den Worten von Ralf Weitz mit Künstlicher Intelligenz erschließen. „Wir transformieren uns vom Anzeigenportal zu einem vernetzten Ökosystem. Dabei revolutionieren wir alle Prozesse rund um Immobilien mit modernsten KI-Lösungen“, gibt der seit 15 Jahren im Unternehmen arbeitende und seit März 2025 an der Konzernspitze stehende Vorstandschef die Richtung vor. Firmenkunden können mit speziellen KI-Produkten schnell Videos erstellen oder Bilder verbessern. Die Privatkunden unterstützt KI etwa bei der Objektsuche.
Akquisitionen ergänzen das organische Wachstum: Die im Dezember 2024 übernommene Bulwiengesa AG aus München, ein auf die Beratung und Analyse der Immobilienbranche spezialisiertes Unternehmen, betreibt die Datenbank Riwis, die seit 1990 Daten zu Wohn- und Gewerbeimmobilien sammelt. Um im attraktiven und zugleich fragmentierten spanischen Immobilienmarkt Fuß zu fassen, hat Scout24 weiters im September die zwei spanischen Immobilienplattformen Fotocasa und Habitaclia für 153 Millionen Euro gekauft.
Die Börse reagierte negativ, weil einige Branchenkenner den Kaufpreis als zu hoch einschätzten. Langfristig orientierten Anlegern bietet der aktuelle Kursrücksetzer gute Einstiegskurse. Das optisch stattliche 2026er-KGV ist angemessen für ein Unternehmen, das in seiner Branche operative Topmargen von zuletzt 63 % einfährt.
Foto: AdobeStock / Schulzfoto
Oberstes Ziel: Große Korrekturen meiden
Ein Fonds von DNB Asset Management zielt auf eine stabile Performance in jedem Marktumfeld ab.
Patrick Baldia. In Kürze ist es so weit: Der „DNB Fund Stable Alpha“ (ISIN: LU2092772982) feiert den europaweiten Start. Neu ist der Fonds von DNB Asset Management allerdings keineswegs. Am Heimmarkt Norwegen war sein Debut bereits 2020, weshalb man sich ein gutes Bild darüber machen kann, wie sich der Fonds bislang in unterschiedlichen Marktszenarien geschlagen hat.
So viel darf verraten werden: Die Zielrendite von 4 % gegenüber risikofreien, kurzlaufenden deutschen Bundesanleihen wurde bislang immer erreicht. Und es schaut gut aus, dass das heuer auch wieder der Fall sein wird: Ende September stand ein Plus von 3 % seit Jahresbeginn zu Buche.
„Der ‚DNB Fund Stable Alpha‘ stellt eine aktiv gemanagte Kombination aus verschiedenen hauseigenen Strategien mit geringer Korrelation zueinander dar“, sagt Co-Fondsmanager Daniel Berg (im Bild links) zum Börsen-Kurier. Ziel sei es, in verschiedenen Marktszenarien eine stabile Rendite zu erzielen. Dabei sei der Fonds zwei Risk Buckets ausgesetzt: dem ersten, Alpha (aktueller Anteil an der Allokation: 86 %), gehören Strategien wie Equity Long/Short, Macro/Trading und Trendfolge, die über verschiedene Assetklassen ausgespielt werden, an. Beta (14 %) basiert wiederum auf einem traditionellen Long-Only-Ansatz und umfasst Aktien mit niedriger Volatilität oder Fixed-Income-Instrumente, wie norwegische Investment-Grade-Unternehmensanleihen, US-amerikanische und europäische Staatsanleihen sowie „gefallene Engel“ am High-Yield-Markt.
Um die Zielrendite zu erreichen, setzt das Fondsmanagement ausschließlich auf liquide Märkte und Strategien. „Exotische Märkte sind keine Spielwiese für uns“, bringen es Berg und Kollege Kim Stefan Anderson (im Bild rechts) unisono auf den Punkt. Bislang war man erfolgreich: Seit 2023 hat das Produkt in 85 % der Monate eine positive Performance geliefert. „Stand die Ampel auf Rot für Aktien, war der Fonds stets im grünen Bereich“, so Anderson.
Beta-Exposure signifikant reduziert
„Langfristig hat der Fonds einen signifikanten Wandel von einem Beta-Exposure von 70 % zum aktuellen Niveau von weniger als 20 % erlebt“, hält Co-Fondsmanager Anderson fest. Die Allokation sei dagegen über die vergangenen zwei, drei Jahre nicht großartig verändert worden. Zu den Anpassungen, die seit Jahresbeginn vorgenommen wurden, zählt Anderson auf der Beta-Seite die Erhöhung des Fixed-Income-Exposures im Frühsommer. Die Aufstockung der Erneuerbaren-Energien-Strategien auf der Alpha-Seite zu Jahresbeginn habe man dagegen über den Sommer wieder etwas abgebaut.
Klare Meinung
Neue Strategien oder Assets würden grundsätzlich nur nach einer strengen Prozedur Zugang ins Portfolio finden, so Anderson weiter. „Die Mindestanforderung für eine Aufnahme ist eine zweijährige Probezeit.“ Damit nicht genug: Beobachtungen und Erkenntnisse werden in den zweimal wöchentlich stattfindenden Meetings mit den Fondsmanagern der insgesamt zwölf Strategien diskutiert. „Sie sehen: Entscheidungen werden nicht auf Basis einer Einzelmeinung getroffen“, betont Anderson. Vielmehr verfolge man einen sehr umfassenden, aktiven Zugang mit klarer Meinung über alle Positionen im Portfolio. „Am Ende des Tages treffen Daniel und ich die Entscheidungen“, räumt der Fondsmanager ein.
Private und institutionelle Anleger
Und welche Zielgruppen sollen mit dem „DNB Fund Stable Alpha“ angesprochen werden? „Wir richten uns an ein großes Universum an privaten und institutionellen Investoren, die eines gemeinsam haben: Sie möchten in eine Strategie investieren, die ihre Portfolios mit Hinblick auf Beta und Volatilität widerstandsfähiger macht“, sagt Berg, nur um hinzuzufügen: „Vor allem in Zeiten unruhiger Märkte.“ Eines der obersten Ziele des Fonds, dass alle Fondsmanager verinnerlicht hätten, sei es, große Korrekturen zu meiden.
Foto: DNB Asset Management
Ein Blick auf Peter Hocheggers „Schattenrepublik“
Florian Beckermann. Für Meinung zu einem Buch wird diese Kolumne wirklich selten genutzt. Insofern kommt dem anschließenden Kommentar eine gewisse Sonderstellung zu. Das Werk des ehemaligen Lobbyisten Peter Hochegger „Die Schattenrepublik – ein Lobbyist packt aus“ beherrscht nicht nur durch den Podcast „Die Dunkelkammer“, sondern auch sonst die Gespräche der Szene. Wobei sich die Kommentatoren zwischen Schrecken und Faszination kaum entscheiden können, soviel Dreistigkeit und Chuzpe ist man heute wohl eher aus US-Wirtschaftsfilmen gewohnt.
Hochegger lässt seine Karriere Revue passieren. Er geht schonungslos mit sich selbst ins Gericht. Er skizziert sich als bedingungslosen Opportunisten und geschickten Manipulator der öffentlichen Meinung – mit fulminantem Erfolg, oft am Rande der ethischen Vertretbarkeit. Heutzutage völlig unvertretbar. Ohne einen Funken solcher Bedenken, hebelt er den Erfolg des Systems Hochegger für sein wirtschaftliches Fortkommen und zugunsten der vermeintlichen politischen Grandiosität anderer. Wer andere glänzen lässt, war schon immer beliebt. Er will nicht erkennen, dass er eine Rolle in einem korrupten System erfüllt. Er schützt und nützt ein System von Unfähigen, deren Unzulänglichkeiten er zu nutzen weiß. Oft gezahlt von der Telekom Austria – der finanziellen Melkkuh der Schattenrepublik, die er beherrscht. Er kann nicht aussteigen und denkt auch nicht daran: Was soll schon passieren, schließlich irrlichtert er gemeinsam mit den „Mächtigen“?
Es entsteht eine Republik-Beschau der Nullerjahre mit epochaler Gier und Machtmissbrauch, ohne irgendeine kritische Selbstwahrnehmung. Erst mit den Hausdurchsuchungen bei der Immofinanz setzt eine Kettenreaktion ein, die die Cause Buwog und Linz Terminal Tower hervorbringt und Hochegger zu einem Teilgeständnis bewegt. Das Ergebnis einer kalkulierten juristischen Risikoanalyse, die ihm Erleichterung verschafft? Nein, Hochegger hat nichts zu verlieren und ist glaubhaft – so befand auch das Gericht. Selbstverständlich weiß er um seine Stellung in der öffentlichen Wahrnehmung, doch juristisch wird er nicht geschont. Der erneute Haftantritt oder eine Fußfessel ist dieser Tage zu erwarten.
Fazit: Einblicke in den „Staat“ im Staate lieferte einst Hans Pretterebner in der präzisen Aufarbeitung des Falls Lucona. Politische Karrieren endeten. Mit einer anderen Perspektive und verklärter, blickt Hochegger auf sein eigenes Wirken, jenseits der Verjährung möglicher Haftung. Ohne die Causa Buwog könnte ein Karl-Heinz Grasser heute wohl fast alles sein, was politisch verschaffbar gewesen wäre. Wer glaubt, dass sich die Welt nach Hocheggers Abtritt verändert hat, irrt. Der Dunst der Hochegger-Systeme liegt weiter über Österreichs politischer Landschaft, auch wenn er selbst nicht mehr die Fäden in der Hand hält. Nicht zuletzt für kommende Generationen sollte daher der ethische Einsatz für die saubere Funktionsweise von Staat und Wirtschaft nicht abreißen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, , www.iva.or.at
Aktienrückkäufe untermauern Attraktivität britischer Aktien
Ein Kommentar von Tom Matthews, Fund Manager der UK Dynamic Strategy bei J O Hambro.
(07.10.) Unter Investoren hält sich die Sorge, die britische Wirtschaft stehe unter Druck – und damit auch sämtliche börsennotierte Unternehmen. Doch das Bild ist differenzierter. Zwar hat die Unternehmensstimmung in den vergangenen Monaten nachgegeben, nicht zuletzt wegen wachsender Befürchtungen über Steuererhöhungen im anstehenden Herbsthaushalt. Laut dem Lloyds Business Barometer liegt das Vertrauen der Firmen jedoch weiterhin auf einem Zehnjahreshoch. Und auch wenn der Einkaufsmanagerindex (PMI) zuletzt schwächer ausfiel, bewegt er sich immer noch über dem Niveau in Europa.
Trotz der etwas eingetrübten Stimmung bleibt das Vertrauen in britische Aktien ausgesprochen hoch. Besonders Unternehmen mit starkem Binnenmarktbezug spüren zwar derzeit Gegenwind, doch die Zahlen zeichnen ein anderes Bild: Im Jahr 2025 gab es im Schnitt zwei Übernahmeangebote pro Woche für britische Firmen. Zudem liegt der Anteil der Large Caps, die eigene Aktien zurückkaufen, in Großbritannien aktuell höher als in jedem anderen G7-Land – sogar höher als in den USA. Das unterstreicht nicht nur die attraktive Bewertung britischer Titel, sondern zeigt auch, dass die Unternehmensführungen – ob als Käufer oder über Rückkäufe – die Perspektiven der britischen Wirtschaft sehr positiv einschätzen.
Aus Sicht der Investoren erscheinen die Chancen zunehmend attraktiver in den Nebenwert-Indizes wie dem FTSE 250 und dem FTSE Small Cap zu sein, die in den vergangenen vier Jahren rund 20 % hinter dem FTSE All-Share zurückgeblieben sind, während der FTSE 100 um 5 % besser abgeschnitten hat. Zwar sind diese Indizes weitaus stärker auf den heimischen Markt ausgerichtet als der FTSE 100 mit seinen Large-Cap-Unternehmen, doch gibt es viele international führende Unternehmen, die zu Unrecht wie rein inländische Unternehmen bewertet werden und daher Gefahr laufen, zu internationalen M&A-Zielen zu werden. Für Anleger ergibt sich damit ein deutlich asymmetrisches, zugunsten der Chancen verzerrtes Profil.
Hohe Sicherheitsmarge
Makroökonomisch gesehen bleibt die Weltpolitik das größte Problem, nicht die Innenpolitik. Anleger sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Unsicherheit in der globalen Politik weiterhin hoch ist – sowohl hinsichtlich der Häufigkeit als auch des Ausmaßes von Veränderungen. Als Investoren sind wir gefordert, darauf zu reagieren, indem wir sicherstellen, dass unser Portfolio gegenüber exogenen Schocks widerstandsfähig bleibt. Wir haben in Großbritannien die Möglichkeit, Unternehmen mit hoher Ertragskraft kaufen zu können, die sich in einer Phase der Transformation befinden, hohe Free-Cashflow-Renditen erzielen und eine geringe Bilanzverschuldung aufweisen. Diese bieten uns angesichts der unsicheren globalen Politik eine hohe Sicherheitsmarge.
Im Vergleich zu anderen Ländern ist Großbritannien relativ gut vor den harten Auswirkungen der US-Politik geschützt, da es die niedrigsten Zölle weltweit hat – es wird wohl zu einem „Zoll-Sicherheitshafen“, was seine Attraktivität für internationale Fusionen und Übernahmen nur noch erhöht. Aber wenn die USA niesen, bekommen wir alle einen Schnupfen, sodass niedrigere Zölle nicht bedeuten, dass Großbritannien immun ist.
Insgesamt zeigt sich damit: Trotz geopolitischer Unsicherheiten und kurzfristiger wirtschaftlicher Herausforderungen bleibt der britische Aktienmarkt strukturell attraktiv bewertet. Sowohl Übernahmeaktivitäten als auch Aktienrückkäufe unterstreichen das Vertrauen in die Zukunft britischer Unternehmen – ein Fundament, das mittel- bis langfristig weiteres Aufwärtspotenzial eröffnet.
Trotz der US-Zölle bleibt das weltweite Wirtschaftswachstum momentan stabil
Ein Kommentar von Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments.
(06.10.) Bislang haben die US-Zölle das weltweite Wirtschaftswachstum, das im Sommer stabil geblieben ist, nicht sonderlich beeinträchtigt, schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.
„In den Vereinigten Staaten scheint der Anstieg des Binnenkonsums weiterhin ungebrochen, obwohl er zunehmend von den wohlhabendsten Haushalten getragen wird“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. „Auch die Unternehmensausgaben entwickeln sich robust, insbesondere dank Investitionen im Bereich der Künstlichen Intelligenz.“ In der Eurozone ist das Wirtschaftswachstum schwächer, vor allem im verarbeitenden Gewerbe. „Die Hoffnungen auf eine Erholung ruhen auf den positiven Auswirkungen der Erhöhung der deutschen Staatsausgaben spätestens ab Anfang kommenden Jahres.“ In China hält der Deflationsdruck aufgrund der schwachen Binnennachfrage, der ausbleibenden Erholung des Immobilienmarktes und der Überkapazitäten in der Industrie an. In Japan gingen die Exporte im August aufgrund der US-Zölle zum vierten Mal in Folge gegenüber dem Vorjahr zurück, so dass das BIP-Wachstum nun hauptsächlich auf den Schultern der inländischen Verbraucher lastet.
US-Inflation stabilisiert sich bei drei Prozent
In den Vereinigten Staaten hat sich die Inflation bei rund drei Prozent stabilisiert und „zeigt sich bislang wenig beeinträchtigt von den Zöllen, liegt jedoch weiterhin über dem Zielwert der Federal Reserve von zwei Prozent“, so der luxemburgische Ökonom. So stieg die Gesamtinflationsrate im August von 2,7 Prozent auf 2,9 Prozent, während die Inflation ohne Energie und Lebensmittel stabil bei 3,1 Prozent blieb. In der Eurozone liegt die Inflation nahe am Ziel der Europäischen Zentralbank, wobei die Gesamtinflationsrate im September von 2,0 Prozent auf 2,2 Prozent stieg.
US-Notenbank senkt Leitzins um 25 Basispunkte
Gemäß den Erwartungen senkte die US-Notenbank den Zielkorridor für den Leitzins um 25 Basispunkte auf 4 bis 4,25 Prozent. Angesichts des weiterhin restriktiven Zinsniveaus und der schwachen Beschäftigungsentwicklung in den vergangenen Monaten kam Fed-Chef Jerome Powell zu dem Schluss, dass im Rahmen seines doppelten Mandats das Ziel der Vollbeschäftigung stärker gefährdet sei als das Ziel einer Inflationsrate von zwei Prozent. In der Eurozone beließ die EZB ihre Leitzinsen unverändert, da sie davon ausgeht, dass sich der seit Oktober 2022 andauernde Desinflationsprozess dem Ende zuneigt.
Aktienmärkte erreichen neue Höchststände
Im September setzten die Aktienmärkte ihren Aufwärtstrend fort und erreichten neue Höchststände. Guy Wagner: „Erneut wurde die Dynamik weitgehend vom Thema Künstliche Intelligenz getragen, nachdem Oracle ein spektakuläres Wachstum seiner Rechenzentrumsinfrastruktur in den kommenden Jahren angekündigt hatte. Diese Welle des Optimismus griff schnell auf die asiatischen Märkte über, die ihrerseits durch die Ankündigung massiver Investitionen chinesischer Technologieriesen in diesem Bereich beflügelt wurden.“ Vor diesem Hintergrund legte der weltweite MSCI All Country World Index Net Total Return, ausgedrückt in Euro, im Monatsverlauf um 3,2% zu. Auf regionaler Ebene stiegen sowohl der S&P 500 (in USD), der STOXX Europe 600 (in EUR), der Topix (in JPY) und der MSCI Emerging Markets Index (in USD). „Auf Sektorenebene erzielten Technologie, Kommunikationsdienstleistungen und zyklische Konsumgüter die besten Ergebnisse, während Immobilien, Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter Rückgänge verzeichneten.“
Dividenden: Sicherer Hafen in turbulenten Zeiten
Globale Ausschüttungen könnten auch im Jahr 2025 ein neues Rekordniveau erreichen.
Patrick Baldia. Schwächelnde Weltwirtschaft hin oder her, auch 2025 flossen die globalen Dividenden bislang üppig: Laut einer Studie der Capital Group schütteten Unternehmen im ersten Halbjahr den neuen Rekordwert von rund 1,14 Billionen US-Dollar aus. Gegenüber 2024, im Übrigen auch ein Rekordjahr, bedeutet das ein starkes Plus von fast 8 %. Um die Dynamik der Entwicklung etwas zu veranschaulichen: Im ersten Halbjahr 2025 wurde so viel ausgeschüttet wie im gesamten Jahr 2024. Kurz: Es schaut nach einem weiteren Rekordjahr aus.
Neue Rekordwerte an Ausschüttungen wurden der Studie zufolge in den USA, die den größten Beitrag zum globalen Plus lieferten, in Kanada, Japan und in Teilen Europas (wie beispielsweise Deutschland, Spanien oder den Niederlanden) sowie einigen Schwellen- und Pazifikmärkten erreicht. Auf Sektoren heruntergebrochen waren Financials mit einem Plus von rund 9 % auf bereinigter Basis (auf 299 Milliarden US-Dollar) am großzügigsten. Sie zeichneten für zwei Fünftel des globalen Dividendenwachstums verantwortlich. Ebenfalls einen starken Anstieg verzeichneten die Dividenden auch bei Unternehmen aus den Bereichen Transport, Maschinenbau und Software.
Weitere wichtige Erkenntnisse der Capital-Group-Studie: 86 % der globalen Unternehmen haben im ersten Halbjahr ihre Dividenden entweder erhöht oder zumindest stabil gehalten. Das mediane Kernwachstum belief sich in den ersten sechs Monaten von 2025 dabei auf 6,1 %. „Dividendenströme können ein wichtiger Indikator für die finanzielle Gesundheit und Stabilität eines Unternehmens sein“, erklärt Alexandra Haggard, Head of Asset Class Services, Europa und Asien Pazifik bei der Capital Group, wieso das für Anleger wichtig ist, um hinzuzufügen: „Firmen, die ihre Dividenden kontinuierlich zahlen und steigern, zeichnen sich in der Regel durch solide Gewinne, gesunden Cashflow und diszipliniertes Management aus.“
Dividenden wichtig für Gesamterträge
„Dividenden sind seit jeher ein entscheidender Bestandteil der Gesamterträge an den Aktienmärkten“, meint auch Sam Witherow, Portfolio Manager des Global Dividend Fund von JPMorgan. Gerade langfristig orientierte Anleger sollten nicht unterschätzen, wie vorteilhaft es sei, die lukrierten Dividenden zu reinvestieren. Dies habe seit 1987 nicht weniger als rund 55 % der Marktrenditen ausgemacht. Weiters legt der Experte Anlegern eine globale Dividendenstrategie ans Herz. Damit könne man regionale Unterschiede besser ausgleichen. Auf Branchenebene hat Witherow vor allem den Technologiesektor auf der Rechnung. Längst wären Tech-Konzerne nicht mehr bloß Wachstumswerte, sondern würden vielmehr aktiv zum weltweiten Dividendenwachstum beitragen. Zur Veranschaulichung: Allein Meta und Alphabet haben 2024 gemeinsam rund 15 Milliarden US-Dollar an Dividenden ausgeschüttet – was einem Fünftel (!) des weltweiten Dividendenwachstums entspricht.
Tipp für Anleger: Aristokraten
Ein Tipp für Anleger, die ein Dividenden-Portfolio zusammenstellen und nicht auf einschlägige Fonds oder ETFs setzen möchten, ist, sich den so genannten „Dividendenaristokraten“ zu widmen. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die ihre Ausschüttungen seit mindestens 25 Jahren kontinuierlich gesteigert haben. Dazu gehören beispielsweise 3M, Abbvie, British American Tobacco, Caterpillar, Coca-Cola, Colgate-Palmolive und Exxon-Mobile. An der Wiener Börse weisen laut Analysten unter anderem Erste Group, OMV, die Post und der Verbund die richtige Mischung aus Liquidität und hoher Dividendenrendite auf.
Gerade im aktuellen Umfeld mit wachsender Unsicherheit und nach Jahren mit starken Kursbewegungen würden Dividendenaktien eine attraktive Balance aus defensiver Stabilität und langfristigem Wachstumspotenzial bieten, so Witherow. Für Arne Tölser, Head of DACH Client Group bei der Capital Group, sind dividendenstarke Unternehmen „seit jeher ein sicherer Hafen“. „Sie bieten Anlegern, Stabilität, wenn die Märkte turbulent werden“, erklärt er abschließend.
Foto: AdobeStock / somyuzu
Österreichs High-Tech-Aktien im Check
Der Börsen-Kurier hat sich die Unternehmen und deren Chancen angeschaut.
Michael Kordovsky. Während an der Nasdaq bei den Technologie-Blue-Chips für 2026 geschätzte KGVs im Bereich von 25 bis 30 niemanden erschrecken, erscheinen einzelne österreichische Technologieunternehmen regelrecht „ausgebombt“. Doch das hat seine Gründe: Die Unternehmen sind kleiner skaliert als die US-Giganten, haben teilweise mit relativ hohen Kosten zu kämpfen und zuletzt kam noch ein schwacher US-Dollar hinzu.
ams Osram mit Belastungen
Im Falle von ams Osram belastet zusätzlich noch eine hohe Verschuldung. Im Sommer hat Fitch das langfristige Emittenten-Ausfallsrating des Unternehmens von B+ auf B herabgestuft (mit Ausblick stabil). Die Begründung lag auch darin, dass die wichtigsten Kreditkennzahlen wie Bruttoverschuldungsquote und auch die Free-Cashflow-Marge gegenüber dem Rating schwach waren.
Positiver Ausblick bei AT&S
Besser sind die Perspektiven beim Leiterplattenhersteller AT&S, der unter anderem im Zuge einer Kooperation mit Intel von einer höheren Nachfrage nach IC-Substraten profitieren sollte. Zudem sollte sich bald die Rentabilität verbessern – wir schrieben darüber bereits in der Ausgabe vom 2. Oktober.
Fabasoft mit Wachstum
Ein österreichisches Software-Unternehmen, das im Cloud-Bereich wächst, ist Fabasoft. Der Spezialist ist primär in der DACH-Region aktiv und war in der Lage, vom Geschäftsjahr (endet am 31.3.) 2019/20 bis 2024/25 bei einer Umsatzsteigerung von 11,2 % p.a. den Cashflow um 10,4 % zu steigern. Laut Schätzungskonsens von MarketScreener sollte der Gewinn pro Aktie in den kommenden zwei Jahren von 0,81 auf 1,06 Euro wachsen, woraus bei einem Kurs von 16,10 Euro ein für 2027/28 erwartetes KGV von günstigen 15,2 resultiert.
Austriacard mit Wachstumsschub
Regelrecht „ausgebombt“ ist der Kurs der Austriacard Holdings, die gemeinsam mit Dell Technologies die „GaiaB Appliance“, eine Generative-KI-Lösung zur Automatisierung von Geschäftsprozessen und Unternehmensabläufen entwickelt. Austriacard ist auf Zahlungslösungen, Identifikation, Smart Cards, Personalisierung, Digitalisierung und sicheres Datenmanagement spezialisiert.
Der Aktienkurs geriet infolge einer Abwärtsrevision der Ertragsprognose des Managements unter Druck. Ein Umsatzrückgang von 16 % im ersten Halbjahr 2025 ist auf eine Normalisierung des türkischen Zahlungskartenmarktes, einen vorübergehenden Rückgang der Metallkartenverkäufe an Fintechs in Europa sowie auf administrative Verzögerungen bei einzelnen vertraglich vereinbarten Digitalisierungsprojekten im öffentlichen Sektor in Griechenland zurückzuführen. Die Folge: Umsatzverschiebungen ins Jahr 2026, das dann einen Wachstumsschub bringen sollte. Laut MarketScreener liegt das mittlere Kursziel der Analysten bei 7,22 Euro verglichen mit einem Kurs von 5,10 Euro, auf dessen Basis das für 2026 geschätzte KGV lediglich bei 8,2 liegt.
Frequentis und der Drohnenhype
Frequentis erhielt einen Kursschub, da das Unternehmen eine wichtige Rolle in der Ausstattung der Luftraumüberwachung spielt – insbesondere im aktuellen Umfeld der gehäuften Drohnensichtungen. Der Konzern, der in der Lage war, den Gewinn pro Aktie von 0,82 Euro im Jahr 2017 auf 1,66 Euro in 2024 zu steigern, verzeichnete im ersten Halbjahr 2025 folglich auch einen Auftragsschub.
Allerdings ist der Kurs mit einem Plus von rund 240 % in den vergangenen zwölf Monaten schon heiß gelaufen und eine Konsolidierung wäre natürlich, denn auf Basis eines Kurses von 90 Euro liegt – trotz allen Wachstums – das für 2027 erwartete KGV bereits bei 32,8.
Kontron noch günstig bewertet
Interessant erscheint die auf IoT-Lösungen spezialisierte Kontron, die durch Fokussierung auf rentablere Aufträge eine deutliche Verbesserung erzielen konnte. Das Management hob den Ausblick an und wirft man einen Blick auf den aktuellen Schätzungskonsens, dann sollte der Gewinn pro Aktie von 2025 bis 2027 von 2,18 auf 2,44 Euro steigen, woraus bei einem Kurs von 26,34 Euro ein für 2027 geschätztes KGV von günstigen 10,8 resultiert.
Die Analysten heben ihre Gewinnprognosen zuletzt wieder tendenziell an und es bestehen bei anhaltend positiven Einschätzungen gute Chancen auf mittelfristige Kursgewinne.
Foto: AdobeStock / josepperianes
Chinas Börsen starten wieder durch
Die Bewertungen sind günstig, staatliche Maßnahmen stützen: Vieles spricht für einen Aufschwung.
Raja Korinek. Derzeit vergeht beinahe kaum ein Tag ohne Meldungen zum US-Handelskonflikt oder Europas Pläne zur Aufrüstung. Dabei lohnt der Blick in den Fernen Osten, so etwa nach China. In der Region haben die Börsen in den vergangenen zwölf Monaten ein gutes Stück zugelegt. Allein der MSCI China Index verzeichnete ein Plus von rund 48 % (auf USD-Basis per 29.9.).
Dabei werde die Rallye von mehreren Faktoren angetrieben, betont Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. „So lenken niedrige Zinsen auf Sparkonten mit weniger als 1 % und fallende Immobilienpreise zunehmend Liquidität in den Aktienmarkt.“ Stephan verweist in diesem Zusammenhang auf aktuelle Statistiken und meint, „die Spareinlagen chinesischer Haushalte haben sich im Juli um 0,7 % auf umgerechnet 19,6 BioE reduziert“.
Günstiges Kurs-Gewinn-Verhältnis
Die Bewertungen sind jedenfalls günstig. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des MSCI China Index für die kommenden zwölf Monate liegt bei 12,4, somit ein gutes Stück unter dem Rekordhoch von 18, das 2021 erreicht wurde, erklärt James Donald, Leiter der Emerging-Markets-Plattform von Lazard Asset Management. Interessant ist auch der Vergleich zum MSCI Emerging Markets Index: Hier liegt das erwartete KGV bei knapp mehr als 13 und somit ebenfalls über jenem Chinas – obwohl das Reich der Mitte mit gut einem Drittel den größten Anteil darin ausmacht.
Doch es gibt auch fundamentale Treiber, die das Vertrauen wieder stärken dürften. Donald nennt die politische Unterstützung für Unternehmen. Die Regierung habe ein klares Bekenntnis zur Stabilisierung der Wirtschaft abgegeben. Tatsächlich soll der Binnenmarkt weiter angekurbelt, der Konsum ein wichtiger Wachstumsmotor werden. Zugleich wird der Fokus auf die Exportwirtschaft reduziert. Dabei sorgte der Aufschub möglicher US-Zölle bis zum 10.11. für Erleichterung in letzterem Sektor.
Langfristige Wachstumstreiber
Donald verweist auf weitere strukturelle Wachstumstreiber und nennt den Ausbau Künstlicher Intelligenz (KI) sowie die dafür notwendige Halbleiterfertigung. Auch in der grünen Wende mischt China kräftig mit. Das Land verfügt über die weltweit größten Kapazitäten in der Photovoltaik.
Anleger, die auf die weitere Entwicklung an den Börsen Chinas – vor allem im Technologiebereich – setzen wollen, können dies mit Zertifikaten tun.
Das „Solactive-China-Dragons-7-Indexzertifikat“ der Société Générale setzt auf die Kursentwicklung sieben chinesischer Technologieaktien. Dazu gehört der E-Kommerzanbieter Alibaba. Der Konzern investiert derzeit in KI, um Kunden mit Werbeinseraten zielgenauer anzupeilen. Baidu, ebenfalls Teil des Indexes, betreibt eine Suchmaschine, während Tencent trotz staatlicher Regulierung immer noch stark im Online-Spielemarkt mitmischt. Zudem betreibt der Konzern die größte Social-Media-Plattform WeChat und den Online-Bezahldienst WeChat Pay.
Das „Solactive-China-Internet-Indexzertifikat“ der Bank Vontobel umfasst sogar zehn Unternehmen, die am wachsenden Online-Konsummarkt verdienen. Dazu zählt das Reisebüro Trip.com. Das Potenzial ist groß. So springt die Reiselust in China zunehmend an und wird oftmals mit der App des Konzerns abgedeckt. Kuaishou Technology, in das ebenso investiert wird, betreibt soziale Plattformen für Kurzvideos und Livestreaming. Bei beiden Zertifikaten sind auch Verluste möglich.
Foto: AdobeStock / Argus
Commerzbank im Abwehrkampf
Offizielles Übernahmeangebot durch den Konkurrenten Unicredit rückt immer näher.
Stefan Riedel. Für Vorstand, Belegschaft und Aktionäre der Commerzbank bahnt sich ein heißer Herbst an. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob dem Übernahmepoker von Unicredit ein konkretes Angebot folgt. 29,34 % der Commerzbank-Anteile kontrolliert das italienische Geldhaus aktuell. Wird die 30-%-Marke überschritten, wäre die Unicredit laut dem Wertpapierhandelsgesetz verpflichtet, den übrigen Aktionären ein Pflichtangebot vorzulegen. Ein solches Pflichtangebot müsste mindestens dem durchschnittlichen Aktienkurs der letzten drei Monate entsprechen.
Am 25. September hatte die Commerzbank ein Programm zum Aktienrückkauf zum Wert von
1 Milliarde Euro angekündigt. Insgesamt 912.937 Stück hat die Bank zum 26. September zurückgekauft. Werden die Papiere eingezogen, wird Unicredit wahrscheinlich auf einen Anteil von mehr als 30 % des Aktionariats kommen. Die Konzernspitze selbst lehnt eine Übernahme ab. Darüber hinaus hält die Bundesregierung weiter 12 % an der Commerzbank und will sich von diesem Anteil nicht trennen.
Für den Abwehrkampf hat die seit genau einem Jahr amtierende Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp die Renditeziele für die kommenden Jahre nach oben gesetzt. Zugleich lockt die Commerzbank ihre Aktionäre mit höheren Ausschüttungen – auch um sie vom etwaigen Verkauf ihrer Aktien an die Unicredit abzubringen. Und das Geschäft läuft rund: Im ersten Halbjahr 2025 hat der Dax-Konzern das beste operative Ergebnis in seiner 155-jährigen Firmenhistorie erzielt.
Riskante Kapitalmaßnahme
Durch einen „Kurs-Verdoppler“ seit Jahresanfang hat sich der Börsenwert der Commerzbank auf mehr als 36 Milliarden Euro erhöht. Die Strategie im Abwehrkampf, den eigenen Aktienkurs so hoch wie möglich treiben, um eine Übernahme so unattraktiv wie möglich zu machen, scheint also aufzugehen. Allerdings notiert die Aktie aktuell deutlich unter ihrem Ein-Jahres-Hoch bei 38,40 Euro, das sie am 22. August erreicht hatte.
Kritiker melden sich zu Wort, die dem Vorstand vorwerfen, mit dem Rückkauf eigener Aktien ein konkretes Übernahmeangebot zu beschleunigen. „Es besteht das Risiko, dass die Commerzbank unbeabsichtigt in eine strategische Falle tappt. Ich empfehle der Commerzbank, ihre Aktienrückkäufe komplett auszusetzen und bei ihren Ausschüttungen vorerst ausschließlich auf Dividenden zu setzen“, meint Roy Adams von der US-Investmentfirma Metronuclear, die 500.000 Commerzbank-Aktien hält.
Fundamental ist die Aktie gut bezahlt
Dazu kommt, dass eine wachsende Zahl von Analysten das kräftige Renditewachstum mit dem Höhenflug der Aktie weitgehend eingepreist sieht. So hat Kian Abouhossein von JPMorgan gerade sein Kursziel von 30 auf 33 Euro erhöht. Zugleich sieht er die Effekte jetzt als fair bewertet und sieht sie nur noch als Halteposition. Die Kursziele aller Analysten, die den Wert covern, liegen zwischen 22 und 35 Euro.
Bewertungstechnisch wird es für die Aktie mit einem 2026er-KGV von elf langsam dünn. Wer bereits investiert ist, sollte die bisherigen Buchgewinne genau durchrechnen. Liegen diese bei 50 % und darüber, empfiehlt es sich, bis zur Hälfte der bislang eingegangenen Positionen glattzustellen.
Kommt es tatsächlich zu einem Übernahmeangebot, erhöht sich die Rendite. Floppt die Transaktion, sollten die Gewinne aus den verkauften Aktien die zu erwartenden Kursverluste der „Coba“-Aktie mehr als kompensieren.
Foto: Commerzbank
Milliardäre gehören verboten!
Florian Beckermann – Mit dieser für wirtschaftlich denkende Menschen befremdende Aussage machte kürzlich ein Regionalpolitiker der prosperierenden Stadt Salzburg keinen Hehl aus seiner Einstellung. Dieser Aussage zugrunde liegt die Absicht eines Bürgers der Stadt, eine durch einen Tunnel führende Zufahrt zu seinem Wohnsitz zu schaffen.
Wie immer man die Wirtschaftlichkeit bzw. Sinnhaftigkeit eines solchen Anliegens beurteilt, so lange die Maßnahme privat finanziert wird und keinerlei Nachteile für die Allgemeinheit entstehen, gibt es keinen Grund zur Aufregung.
Es sei denn, man ist Teil der Neidgesellschaft. Dieser Gruppe, oft mit geringer Wirtschaftsbildung und häufig weniger erfolgreichen Menschen fällt es schwer zu ertragen, dass ein Teil der Mitmenschen ein größeres Vermögen besitzt als der andere Teil.
In Normalfall fällt einem das Vermögen ja nicht zu, außer man hat das seltene Glück, es zu erben. Im Normalfall ist es das Resultat intensiver Arbeit und der Bereitschaft, unternehmerisches Risiko zu tragen. Auch über mehrere Generationen hinweg und vor allem in Familienbetrieben. Gerade in Europa haben erfolgreiche Familienbetriebe nicht selten über hundert Jahre maßgeblichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg unseres Kontinents. Erfolgreiche Familienbetriebe geben hunderttausenden Menschen Arbeit und tragen so zur Entstehung des kollektiven Wohlstands bei. Sie finden gar manch-mal den lukrativen Weg an den Kapitalmarkt!
Doch diese bisher positive Entwicklung ist wieder akut gefährdet. Vor allem durch die absurde Wirtschaftspolitik von Parteien und Gesellschaftsgruppen, denen es an Wirtschaftskompetenz und an Leistungsbereitschaft fehlt. Obwohl diese Gruppen in den vergangenen Jahrzehnten wohl kaum zur Wohlstandsschaffung beigetragen haben, fühlen sie sich jetzt berufen, die Umverteilung von Vermögen zu fordern. Sie wollen auch einen Teil des Kuchens haben, den andere Menschen durch Leistung, Verzicht auf Freizeit und die Bereitschaft oft hohe Risiken zu tragen erwirtschaftet haben.
Neid, Unkenntnis oder Ignoranz der wirtschaftlichen Realität und letztlich mangelnde Bereitschaft eigene Arbeitsleistung einzubringen dürfen nicht belohnt werden!
Milliardäre gehören nicht verboten. Sie sind wichtige Stützen einer über Jahrzehnte gewachsenen Unternehmerstruktur. Sie setzen unternehmerischen Erfindungsgeist um. Sie investieren ihre Arbeitsleistung, ihr Kapital und sie tragen immense unternehmerische Risiken. Und sie schaffen hunderttausende Arbeitsplätze.
Diese stehen sicher auch jenen Mitgliedern der Neidgesellschaft offen, die eventuell bereit sein, sich aus der sozialen Hängematte zu schwingen und vielleicht doch einen produktiven Beitrag zur Gesellschaft zu leiten.
Autor Dr. Franz Jahn, MBA ist Unternehmensberater und Beirat im IVA, Interessenverband der Anleger
Europa hat weiterhin eine Chance für eine bessere Performance als die USA-Märkte
Ein Marktkommentar von Sebastian Schrott, Regional Portfolio Manager Equity bei T. Rowe Price.
(29.09.) Die wirtschaftlichen Aussichten sind ungewiss, vielleicht sogar noch mehr als sonst, angesichts der verschiedenen geopolitischen Probleme weltweit und in Europa. Dennoch sehen wir, auch wenn die Aussichten für die einzelnen Länder recht unterschiedlich aussehen, eine Chance für eine Verbesserung der europäischen Wirtschaft in 2026. Der Inflationsdruck hat nachgelassen, die Zinsen sinken und die europäischen Regierungen werden wirtschaftsfreundlicher. Nach erheblichen Belastungen für die Unternehmenskosten und die Haushaltsbudgets unmittelbar nach dem Ukraine-Krieg (höhere Energiepreise, höhere Zinsen, Lohninflation usw.) sind die verfügbaren Einkommen der Haushalte und die Bilanzen der Unternehmen heute in einer relativ stärkeren Position. Die Konsumausgaben und die Unternehmensaktivitäten waren in den letzten zwei bis drei Jahren rückläufig. Wenn sich die Stimmung verbessert – unterstützt durch eine bessere Wirtschaftspolitik, mehr geopolitische Stabilität und staatliche Konjunkturmaßnahmen in Ländern wie Deutschland – könnte das BIP-Wachstum 2026 wieder anziehen.
Zudem sehen wir das Potenzial für eine weiterhin bessere Performance in Europa. Zwar haben sich europäische Aktien im Jahr 2025 bislang besser entwickelt (insbesondere in vergleichbaren Währungen), doch ging dem eine rund 15-jährige Underperformance voraus. Die Kluft zwischen den Aktienbewertungen – in den USA recht hoch, in Europa eher angemessen – bleibt ebenfalls groß. Es gibt in Europa ein aufgestautes Potenzial für eine wirtschaftliche Erholung – die Aussichten in den USA sind weniger klar, da das Risiko einer höheren Inflation aufgrund höherer Zölle, einer sehr angespannten Haushaltslage und einer etwas unberechenbaren Politik besteht (auch wenn die beiden Volkswirtschaften selten völlig unabhängig voneinander sind). Ein Umfeld mit etwas höherer Inflation und normalisierten Zinssätzen ist für die europäische Sektorenzusammensetzung relativ gesehen ebenfalls günstiger als das extrem niedrige (negative) Zinsumfeld zwischen 2008 und 2022.
Adidas mit Potenzial
Unser Modell für die Aktienauswahl legt den Schwerpunkt vor allem auf die Attraktivität eines Unternehmens (einschließlich seiner Kapitalrendite und Wachstumsaussichten sowie qualitativer Faktoren), die Bewertung und die Geschäftsdynamik (ob sich die Fundamentaldaten in den nächsten 12 bis 18 Monaten beschleunigen oder verlangsamen). Ein Beispiel, das gut in unser Modell passt und derzeit eine bedeutende Position im Portfolio einnimmt, ist Adidas. Das Geschäft von Adidas ist attraktiv, mit hohen und sich weiter verbessernden Kapitalrenditen von rund 20 %, einem guten strukturellen Wachstum im attraktiven globalen Sportartikelmarkt und einem starken Managementteam. Die Bewertung ist nach dem Rückgang der Aktie in diesem Jahr auf ein KGV von etwa 16 für 2026, eine FCF-Rendite von 6-7 % und eine starke Bilanz attraktiv geworden. Wir glauben, dass das organische Umsatzwachstum mit fast 10 % robust bleiben kann und die operativen Margen das Potenzial haben, von etwa 6 % im Jahr 2024 und etwa 8 % im Jahr 2025 in den nächsten Jahren auf niedrige zweistellige Werte zu steigen – was auch die Kapitalrendite von Adidas weiter verbessern dürfte.
Übergewichtung im Immobilien- und Energiesektor
Innerhalb Europas sind wir derzeit in Deutschland übergewichtet und in Frankreich untergewichtet. Die Haushaltslage Deutschlands (Staatsverschuldung/BIP und Haushaltsdefizit) ist deutlich gesünder als die Frankreichs. Die deutsche Politik und Wirtschaftspolitik scheint sich unter der neuen Regierung zu verbessern, während die Lage in Frankreich schwieriger wird und für die nächsten ein bis zwei Jahre keine offensichtlichen einfachen Lösungen in Sicht sind.
Was die Sektoren betrifft, so sind wir in den Bereichen Immobilien und Energie übergewichtet, die in letzter Zeit wenig Beachtung fanden und mittelfristig attraktive Anlagemöglichkeiten bieten. Wir sind in den Bereichen Rohstoffe und zyklische Konsumgüter untergewichtet.
EU plant neue Steuer für Firmen
Das Budget 2028 bis 2034 sieht umsatzabhängige Extra-Steuer für Unternehmen vor.
Andreas Dolezal. Mitte Juli legte die EU-Kommission ihren Vorschlag für einen „ehrgeizigen und dynamischen“ Finanzrahmen für die Jahre 2028 bis 2034 vor. Die lange Vorlaufzeit ist notwendig, da auf politischer Ebene üblicherweise zwei Jahre lang über die Begehrlichkeiten der Kommission diskutiert und gestritten wird. Auch diesmal bergen die Ideen gehörige Sprengkraft.
Fast 2.000 Milliarden Euro
Für die Jahre 2021 bis 2027 begnügte sich die EU-Kommission mit einem Rahmen von 1,211 Milliarden Euro (exklusive „NextGeneration-EU-Paket“ als Reaktion auf die Corona-Pandemie). In die aktuelle Diskussion startet sie mit fast 2.000 Milliarden Euro, also einem 60 % höheren Budgetrahmen, der etwa 1,26 % des EU-Bruttoinlandsprodukts im Schnitt der Jahre 2028 bis 2034 entspricht. Diese stolze Summe ist wohl auch den aktuellen geopolitischen sowie wirtschaftlichen Herausforderungen geschuldet.
Neue Eigenmittel für die EU
Der neue EU-Budgetplan soll Europa mit langfristigem Investitionskapital ausstatten, das für eine „unabhängige, wohlhabende, sichere und florierende Gesellschaft und Wirtschaft“ sorgt. Der Finanzrahmen enthält unter anderem ein „ausgewogenes Paket neuer Eigenmittel“, das angemessene Einnahmen für die Prioritäten der EU-Kommission sicherstellen und gleichzeitig den Druck auf die nationalen Finanzen minimieren soll.
Unternehmen sollen zahlen
„Um sich selbst die Mittel zum Handeln zu geben, muss sich Europa auch mit einer modernen und diversifizierten Einnahmequelle ausstatten“, wirbt die EU-Kommission auf ihrer Internetseite, und stellt neue Geldquellen vor.
Neben „gezielten Anpassungen“, vulgo Verteuerungen, des EU-Emissionshandelssystems EHS und des CO2-Grenzausgleichssystems CBAM möchte sich die Kommission auch 15 % der nationalen Einnahmen aus den Tabaksteuern einverleiben. Alleine letztgenannte Idee würde die Mitgliedstaaten rund 11,2 Milliarden Euro jährlich kosten.
Unternehmen im Visier: CORE – Corporate Resource for Europe
Hinter dieser weiteren Geldquelle verbirgt sich ein jährlicher, umsatzabhängiger Pauschalbetrag, den alle in der EU tätige Unternehmen mit mindestens 100 Millionen Euro Jahresumsatz leisten sollen. Denn, so die Kommission in ihrem Arbeitsdokument, Unternehmen profitieren in vielerlei Hinsicht davon, in der EU geschäftlich tätig zu sein. Die EU spiele eine einzigartige Rolle beim Gewährleisten von Infrastruktur, Wachstum und Innovation, Umweltstandards, Bildung und Forschung, Sicherheit und Vielem mehr. Dafür sollen Firmen augenscheinlich extra bezahlen. So als ob die Abgabenlast nicht ohnehin schon hoch genug wäre.
50.000 Unternehmen betroffen
Die Kommission erwartet sich aus aus diesen Corporate-Resource-for-Europe-Einnahmen (CORE) von rund 6,8 Milliarden Euro jährlich. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) schätzt, dass von dieser Steuer EU-weit 50.000 Unternehmen betroffen sind, davon alleine 20.000 in Deutschland.
Die Höhe des jährlichen Pauschalbeitrages würde sich – unabhängig davon, ob das Unternehmen Gewinn erzielt, oder nicht – nach dem Umsatz richten. Betriebe mit einem Jahresumsatz von 100 bis 250 Millionen Euro sollen 100.000 Euro zahlen, jene mit 250 bis 500 Millionen Euro sollen 250.000 Euro abliefern, von 500 bis 750 Millionen Euro werden 500.000 Euro fällig, ab 750 Millionen Euro Jahresumsatz sind es 750.000 Euro. Diese Staffelung führt auch dazu, dass Unternehmen mit 750 Millionen Euro Umsatz unverständlicherweise genauso viel zahlen wie Konzerne mit Milliardenumsätzen.
Der bereits massive Widerstand aus Politik und Wirtschaft nährt jedoch die Hoffnung, dass CORE entweder ganz scheitert oder erheblich abgeschwächt wird.
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UBM-CEO Winkler sieht Licht am Ende des Tunnels
Neue Anleihe soll Liquidität stärken und richtet sich vor allem an Privatanleger.
Marius Perger. „Erfolg in schlechten Zeiten schaut anders aus als Erfolg in guten Zeiten.“ Das sagte Thomas Winkler, CEO der UBM Development AG, vor einigen Monaten bei der Hauptversammlung. Die Frage, ob wir uns aktuell in guten oder schlechten Zeiten befinden, müsse man differenziert sehen, betonte er nun im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.
Zwar habe niemand erwartet, dass die Krise so lange dauert, doch es gebe eine gute Nachricht: „Wohnen ist aus der Krise heraus.“ UBM verkaufe derzeit im Schnitt 100 Wohnungen pro Quartal. Und die steigende Nachfrage führe aufgrund des gleichbleibenden Angebots auch zu einem Preisanstieg. „Extrem mühsam“ sei es allerdings nach wie vor im Bereich der Vermietung. Doch nach einer langen Durststrecke zeige sich auch hier Licht am Ende des Tunnels. Erste Indikatoren aus Deutschland würden darauf hinweisen, dass sich der massive Rückstau der vergangenen 18 Monate aufzulösen beginnt – ein Grund zur Entwarnung sei dies aber noch nicht, so Winkler.
Mit beigetragen zur positiven Entwicklung habe das Auslaufen der KIM-Verordnung. Denn damit sei bei vielen privaten Wohnungskäufern eine psychologische Barriere weggefallen: „Die KIM-Verordnung hat bei vielen potenziellen Käufern für Verunsicherung gesorgt – nicht unbedingt wegen ihrer praktischen Auswirkungen, sondern wegen der gefühlten Hürde. Wer will schon gern zurückgewiesen werden?“ Die nun etwas flexiblere Handhabung der Kreditvergabe habe UBM „im Jahresverlauf sicherlich geholfen, die hohe Verkaufsrate in Österreich zu halten“, so Winkler.
Nach wie vor schwierig sei die Situation im Büro-Bereich. Erst vor wenigen Tagen hat die heimische Finanzmarktaufsicht gewarnt, dass Risiken bei Gewerbeimmobilien präsent bleiben. Angesichts der Tatsache, dass es im Bürobereich nahezu keinen Neubau gebe, würden Bestandsvermieter die Konkurrenz darstellen. Und die seien „zu allem bereit, die Mieter zu halten“. Dennoch habe man zuletzt Mietverträge auf hohem Preisniveau abschließen können: „Es gibt Mieter, die bereit sind, das zu zahlen“, sagt Winkler.
Die guten Ergebnisse des zweiten Quartals – beim Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) wurde eine „schwarze Null“ erzielt – seien aber fast ausschließlich auf die positive Entwicklung beim Wohnen zurückzuführen gewesen. Winkler: „Wir können vom Wohnen leben. Aber nicht gut.“ Für das dritte und vierte Quartal erwartet der CEO wieder ein positives EGT, auch weil der Aufschwung beim Wohnen anhalten dürfte.
Neue Anleihe richtet sich an Privatanleger
War die Sicherung der Liquidität zuletzt vorrangig, so gehe es seit dem zweiten Quartal um „Liquidität und Profitabilität“, betont Winkler. Entscheidend sei es, keine Zweifel über die Anleihen-Rückzahlungen aufkommen zu lassen. Dank erfolgreicher Refinanzierungen seien im November nur noch 87 Millionen Euro und im nächsten Mai 110 Millionen Euro zurückzuzahlen. Gleichzeitig verfügte UBM zum Halbjahr über 167 Millionen Euro Cash. Das sei „riesig viel Geld“, so Winkler, aus Sicherheitsgründen sei man aber aufgrund der anhaltenden Krise nicht in der Lage, die Cash-Position zu reduzieren: „Wir fahren nach wie vor auf Sicht und halten einen größeren Sicherheitsabstand, als es unter normalen Umständen notwendig wäre.“
Und damit „möglichst wenig Geld für die Zukunft verloren geht“, launcht UBM nun eine weitere Anleihe, die vor allem der Reduktion der Rückzahlungsverpflichtung dienen soll. Dabei handelt es sich um einen „Senior Green Bond“, also eine „ganz normal vorrangig zu bedienende Anleihe“, mit einer Laufzeit von fünf Jahren und einem Coupon von 6,75 %.
Mit diesem vergleichsweise hohen Zinssatz wolle man „loyalen Gläubigern, die kontinuierlich bei uns investiert sind“ ein attraktives Angebot machen. Und mit einer Stückelung von 500 Euro wende man sich vor allem an Privatanleger. Winkler betont, dass UBM damit „einer der letzten Retail-Anleihen-Emittenten“ in Österreich sei. Man adressiere auch in der Ansprache ganz bewusst das Retail-Publikum und sei mittlerweile bei Anlegern ein „populärer Wert“ – das gelte auch für die Aktie.
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Die AT&S befindet sich auf gutem Weg
Noch dämpfen die Kosten für das Hochfahren von Kapazitäten die Margen.
Patrick Baldia. Nach einem schwierigen Börsenjahr 2024, das mit einem Verlust von fast 50 % beendet wurde, steht die AT&S-Aktie seit Jahresbeginn mit rund 85 % im Plus. Dabei hatte es Ende Juli, als der Kurs nach der Vorlage der Ergebnisse für das 1. Quartal 2025/26 an nur einem Tag um 20 % einbrach, so ausgesehen, als ob die Party vorbei sei. Dabei lagen die Margen über der Guidance und auch das Umsatzplus von 14 % gegenüber dem Vorjahresquartal – trotz Preisdruck und negativen Wechselkurseffekten hätte als positives Zeichen gedeutet werden können, dass sich das kriselnde Unternehmen gut zurückkämpft.
Auch, dass erneut ein Verlust berichtet wurde, kam nicht wirklich überraschend – die Ausweitung auf 55,9 Millionen Euro (1. Quartal 2024/25: 34 Millionen Euro) dürfte so manchen Anleger dann doch am falschen Fuß erwischt haben. Für Daniel Lion, er ist Analyst bei der Erste Group, könnte der Kurseinbruch nach der Zahlenvorlage darauf hindeuten, dass „die Markterwartungen eventuell zu hoch waren“. „AT&S befindet sich unserer Meinung nach auf einem guten Weg, die erweiterten Kapazitäten und das wachsende Kundenportfolio im IC-Bereich zu monetarisieren“, meint er in einer aktuellen Analyse.
„Unser Fokus auf hochwertige IC-Substrate und die neuen Werke in Kulim (Malaysia, Anm.) und im heimischen Leoben sind für uns ein entscheidender Schritt zu profitablem Wachstum“, wie auch AT&S-CEO Michael Mertin anlässlich der Ergebnisvorlage Ende Juli bekräftigte. Dass bis dahin beträchtliche Investitions- und Anlaufkosten, die die Zahlen belasten, verdaut werden müssen, dürften viele Anleger jedoch ausgeblendet haben. Positiv zu sehen sind in diesem Kontext die eingeführten Effizienzprogramme und Kostensenkungsmaßnahmen. Im laufenden Geschäftsjahr soll etwa die Kostenbasis um weitere rund 130 Millionen Euro gesenkt werden. 2024/25 lagen sich die Einsparungen bei
120 Millionen Euro.
Schwieriges Umfeld
Nicht hilfreich ist bei diesen Anstrengungen das schwierige Marktumfeld mit geopolitischen Spannungen, Preisdruck und Inflation. Unklar bleibt etwa, wie sich die Zoll-Debatte weiterentwickeln wird. Zwar erwartet das AT&S-Management keinen unmittelbaren gewichtigen Einfluss auf die eigenen Produkte. Allerdings könnte das sehr wohl erhebliche Auswirkungen auf die Endprodukte der Kunden haben – und damit auch die Produkte des steirischen Halbleiterherstellers. Auch die Auswirkungen auf die Wechselkurse gilt es, im Auge zu behalten. Die Folge dieser Umstände: Das Management hält sich mit einem Ausblick für das Gesamtjahr vorerst noch zurück.
Sehr wohl gibt es einen Ausblick für das 1. Halbjahr 2025/26, das im November berichtet wird: Der Umsatz soll leicht auf 820 Millionen Euro ansteigen (1. Halbjahr 2024/25: 800 Millionen Euro) und die Ebitda-Marge sich bei rund 20 % belaufen – was laut dem Vorstand die Anlaufkosten der weiteren Produktionslinien widerspiegelt. Weitere 110 Millionen Euro sollen investiert werden (1. Halbjahr 2024/25: 254 Millionen Euro). In einem ähnlichen Rahmen sollen sich die Investitionen in der zweiten Jahreshälfte bewegen. Für das Geschäftsjahr 2026/27 geht das Management dann von einem Umsatz von 2,1 bis 2,4 Milliarden Euro und einer Ebitda-Marge von 24 bis 28 % aus.
Was sagen die Experten
Aus den insgesamt fünf Analysten-Berichten bzw. -Updates, die heuer bislang veröffentlicht wurden, geht jedenfalls keine klare Meinung zur Aktie hervor: Zwei „Verkaufen“-Empfehlungen stehen einer „Halten“- sowie jeweils einer „Akkumulieren“- und „Kaufen“-Empfehlung gegenüber. Nimmt man die Kursziele unter die Lupe, die sich aktuell in einer Bandbreite zwischen 10 und 22,50 Euro bewegen, so dürfte sich das Kurspotenzial (Kurs kurz vor Redaktionsschluss: rund 22 Euro) in einem überschaubaren Rahmen bewegen. Lion hat erst in der vergangenen Woche das Kursziel für die Aktie von 24,30 auf 22,50 Euro reduziert.
Für einen Kurssprung sorgte Mitte September die Nachricht, dass Nvidia mit einem Aktienpaket im Wert von umgerechnet 4,2 Milliarden Euro bei Intel einsteigt. Kleines Detail am Rande: Intel ist einer der wichtigsten Kunden der AT&S. „Für AT&S dürfte diese Kooperation eine höhere Nachfrage nach IC-Substraten bedeuten und die mittelfristigen Aussichten für die Produktionskapazitäten in Chong-qing stark verbessern“, so die Einschätzung der Erste Group. Positiv sehen Experten eine weitere Neuigkeit, die ebenfalls kürzlich bekannt wurde: AT&S will, wie auch der Börsen-Kurier berichtete, in den Rüstungsbereich einsteigen bzw. entsprechende Leiterplatten und Substrate produzieren.
Foto: AT&S
Bankenzukunft – digital und glaubwürdig.
Florian Beckermann. Für Selbstzufriedenheit ist im Bankensektor keine Zeit. Hand aufs Herz: Junge Kunden erwarten personalisierte, digitale Services. Eine Generation von Digital-Natives wächst mit Apps und Neobanken heran. KI und Krypto sind hier Standard und kein IT-Projekt vom Computer-Fuzzi, in dessen Büro Disketten gesammelt werden. Banken, die deren Erwartungen nicht erfüllen, gelten schnell als veraltet. Wir sprechen nicht von der Enttäuschung durch einen abgewiesenen Kreditantrag, sondern von einer extrem flexiblen Generation, der Tradition oder lokale Verbundenheit gleichgültig sind und die viel schneller abcancelt. Eine Generation, die allergisch auf unechte Typen reagiert, problemlos ausländischen Strukturen mehr zutraut und schlicht den „Anbieter“ wechselt oder herunterlädt – da klingt nicht mehr der biedere Begriff „Finanzinstitut“ durch. Wer sich noch als solches begreift, dem sei „Gute Nacht“ gewünscht. Unterstützt wird diese Generation des „IT-Anspruchs“ übrigens von vielen Aktionären, denen eine hohe Digitalisierungsquote mehr bedeutet als irgendeine erfolgreiche M&A-Transaktion mit langwierigen Integrationskosten – auch wenn man den Profit daraus mag.
Die innere Zerrissenheit des europäischen Bankensektors wäre so allein nicht erklärt. Was sind die Hindernisse, diesem Wettbewerb standzuhalten? Wie ein Anker in stürmischer See gilt insbesondere die komplexe Regulatorik und Aufsicht, als Sicherungsmechanismus für das dauerhafte Andenken an die abgehobenen „Institute“. Ohne mit EU-Akronymen und Details zu nerven: Eine regulatorische Resilienz wird sich wohl auch durch Banking-Systeme und integrierte Plattformen erreichen lassen? Ob diese (globale) Herausforderung überall gleich angesehen ist, kann man gern bezweifeln. Einige weitreichende Optimierungsmöglichkeiten sind jedenfalls zu prüfen. Bankmanagement ist hier gefragt, und dass nicht seit gestern.
Den Bankmitarbeitern kommt in dieser Transformation eine besondere Rolle zu. Einen Wettbewerb um das Abdrehen des letzten Lichtschalters wird es kaum geben. Die Lust, sich selbst durch Computersysteme oder KI abzuschaffen, wird sich in Grenzen halten. Im Verhältnis zu einer komplexen Regulatorik sind sie jedoch das betriebswirtschaftlich leichter zu optimierende Managementsubjekt. Auch das ist keine neue traurige Erkenntnis.
Der legendäre Mut von Österreichs Banken kann sich daher nicht in einer Osteuropa-Expedition erschöpfen. Sich von der Hoffnung zu nähren, dass sich irgendwann jemand findet, der das IT-Best-of der Branche umsetzt, ist keine tragfähige Strategie. Womöglich ist dann bereits signifikanter Marktanteil verloren.
Dies weist auf die Schlüsselqualifikation hin: Die interne Glaubwürdigkeit für den Transformationsprozesses, sowie die externe Glaubwürdigkeit, die Interessen einer Generation verstanden zu haben, sind Führungsaufgaben, die offen gelebt werden müssen. Nur dann ist eine Koexistenz bei digitaler Überlegenheit der Konkurrenz möglich.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Capital Group zur Leitzinsentscheidung der Bank of Japan
Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, kommentiert:
(19.09.) „Die Entscheidung der Bank of Japan (BoJ), die Zinsen unverändert zu lassen, unterstreicht ihre vorsichtige Haltung angesichts der nachlassenden Inflation und der globalen Unsicherheit: Stabilität hat Vorrang vor einer verfrühten Straffung. Durch die Beibehaltung ihrer politischen Flexibilität signalisiert die BoJ ihre Bereitschaft, auf externe Volatilität zu reagieren und gleichzeitig die Stärke der wirtschaftlichen Erholung Japans weiter zu bewerten.
Im Gegensatz zu den USA und Europa, wo die Zentralbanken zu Zinssenkungen neigen, erfordern die makroökonomischen Bedingungen in Japan einen bedächtigeren Ansatz. Die Strategie der BoJ unterstützt die frühen Phasen eines Reflationszyklus, anstatt eine Kehrtwende einzuleiten. Wir gehen davon aus, dass der Yen mit dem Verringern der Zinsunterschiede allmählich an Wert gewinnen wird, was die Kaufkraft Japans stärkt und die Binnennachfrage stützt.
Auch strukturelle Rückenwindfaktoren gewinnen an Dynamik. Reformen der Corparate Governance, steigende Löhne und höhere Investitionsausgaben beflügeln den Binnenkonsum und die Produktivität. Da Japan seine Rolle als globale Handelsmacht stärkt, bleiben wir hinsichtlich seines langfristigen Wachstumskurses optimistisch.
Für langfristige Anleger ist dies ein guter Zeitpunkt, um die Chancen in Japan neu zu bewerten. Wir sehen weiterhin Wertpotenzial in Sektoren wie dem japanischen Industrie-, Fertigungs- und Automobilsektor – Branchen, die gut positioniert sind, um Handelshemmnisse zu meistern und von den Veränderungen in der globalen Lieferkette zu profitieren. Wir glauben, dass Japan für Anleger, die nach Wachstums- und Ertragsmöglichkeiten suchen, nach wie vor ein attraktives Ziel ist.“
Wie Anleger ihr Depot aufrüsten können
Geopolitische Spannungen erhöhen den Bedarf an Sicherheit. Das bietet neue Investmentchancen.
Raja Korinek. Die Kriege in der Ukraine sowie im Nahen Osten toben weiter. Und so mehren sich die Schlagzeilen zur globalen Aufrüstung. Vor wenigen Tagen verkündete Dänemark sein Interesse am Kauf von Langstrecken-Präzisionswaffen. In Australien gab Verteidigungsminister Richard Marles den Ausbau einer Werft für atombetriebene U-Boote in Höhe von umgerechnet 6,8 Milliarden Euro bekannt. Frankreich hat jüngst mehrere Kampfflieger nach Polen geschickt.
Dabei hatten die globalen Rüstungsausgaben bereits 2024 mit 2,72 Billionen US-Dollar ein Rekordhoch erreicht. Dies geht aus Zahlen des „Trends in World Military Expenditure 2024“-Berichts des schwedischen Forschungsinstituts „Stockholm International Peace Research Institute“ hervor. Gut möglich, dass die Zahl heuer nochmals übertroffen werden könnte.
Unternehmen aus der Verteidigungs- und Rüstungsbranche sowie aus dem Software- und Cybersektor verdienen derzeit gutes Geld, ihre Aktienkurse sind teils stark gestiegen. Andreas Bartels, Analyst bei der deutschen Ratingagentur Scope, hebt weitere Merkmale der Branchenkonzerne hervor: Sie profitieren oftmals von staatlichen Aufträgen und seien in internationale Sicherheitsnetzwerke stark eingebunden. Auch die geopolitischen Entwicklungen haben einen Einfluss auf die Auftragslage.
Regionaler Fokus in der Produktpalette
Für Anleger, die breit gestreut in den Sektor investieren wollen, gibt es solch eine Möglichkeit mit börsengehandelten Indexfonds ETFs (Exchange Traded Funds) sowie aktiv verwalteten Fonds. Viele der Produkte wurden erst in jüngster Vergangenheit lanciert. Scope nahm die Entwicklung zum Anlass, sich die Entwicklungen anzusehen.
Eines fällt auf: „Zunächst wurden vor allem global ausgerichtete Rüstungsfonds aufgelegt, inzwischen rücken verstärkt Produkte mit europäischem Fokus nach und zuletzt auch mit jenem auf den indopazifischen Raum.“ Inzwischen gibt es 20 in der EU zugelassene Produkte mit einem gesamten verwalteten Vermögen von 13,3 Milliarden Euro (per 3.9.).
Bartels unterstreicht ein weiteres Detail. So liegen die laufenden Kosten der ETFs in einer Spanne von 0,18 bis 0,65 %, während die aktiv gemanagten Rüstungsfonds mit 1,20 bis 1,95 % jährlichen Kosten teurer sind. Die laufenden Kosten setzen die im Fonds anfallenden jährlichen Kosten, vor allem für das Management, in Relation zum Fondsvolumen.
Liquidität im Fokus
Auch der Blick auf die Volumina offenbart Interessantes, sie sind maßgeblich für die Liquidität. Die größten ETFs sind der „VanEck Defense UCITS ETF“ (5,8 Milliarden Euro) – mit einem globalen Fokus – sowie der „WisdomTree Europe Defence UCITS ETF“ (3 Milliarden Euro).
Anleger, die ihren Fokus in Richtung Asien legen wollen, können dies mit dem „Future of Defence Indo-Pacific ex-China UCITS ETF“ tun. Darin ist Südkorea mit fast 60 % am höchsten gewichtet, gefolgt von Japan und Australien. Hanwha Aerospace aus Südkorea sicherte sich etwa einen Auftrag über 270 Milliarden Korea Won von DAPA („Defense Acquisition Program Administration“, die für den Rüstungsaufbau im Land zuständig ist) zur Lieferung von Robotern, die Sprengstoff aufspüren können. Mitsubishi Heavy Industries mischt in Japans Rüstungsindustrie stark mit, der Konzern baut U-Boote sowie Raketen – etwa die H3, eine mittelschwere Trägerrakete. Bei allen Produkten und Aktien sind auch Verluste möglich, etwa dann, wenn angestrebte Friedensverhandlungen fruchten sollten.
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Sachwerte immer öfters als Zuflucht
Immobilien, Gold und Infrastruktur als Bollwerk gegen Inflation und geopolitische Unsicherheit.
Michael Kordovsky. Der Goldpreis ist in den vergangenen fünf Jahren in Euro gerechnet um knapp 89 % gestiegen (per 17.9.); auf Jahressicht liegt das Plus sogar bei
35 %. Fakt ist, dass Gold nach den hohen Inflationsraten der beiden Jahre davor im Jahr 2024 mit einem Plus von mehr als 34 % aufgeholt hat. Nicht umsonst halten die Vermögensverwalter von Flossbach von Storch in ihrem „Multiple Opportunities II – R“, einem aktienorientierten Mischfonds, rund 10 % Gold als eine Art „Feuerversicherung“ gegen bekannte und unbekannte Risiken des Finanzsystems.
Dass dies seine Berechtigung hat, zeigt eine Publikation von Rothschild & Co mit dem Titel „Unverhofft kommt oft? Inflation und die Entwicklung von Anlageklassen“ aus dem Jahr 2022: Demnach habe Gold Im Zeitraum von 1971 bis 2021 ab Inflationsraten von 6 % die höchste durchschnittliche reale Performance gezeigt, und zwar von 17,8 % bei einer US-Inflationsrate von 6 bis 8 % und sogar von 22 % im Falle von mehr als 8 % Inflation. In einem Niedriginflationsumfeld von 0 bis 2 % habe sich Gold dagegen im Schnitt leicht negativ entwickelt. Aktien hingegen florieren in einem Umfeld niedrigerer Inflationsraten, bieten aber bei hoher Volatilität im Falle einer Hyperinflation einen realen Vermögenserhalt – so Erfahrungswerte aus Deutschland in den Jahren 1920 bis 1923.
Immobilien als Dauerbrenner
Wer Geld oder Zugang zu günstigen Finanzierungen hat, flieht in unsicheren Zeiten in Betongold – eine Entwicklung, die zwar durch höhere Zinsen 2023 und 2024 etwas gebremst wurde, aber immer noch intakt ist. Wirft man einen Blick auf den von der OeNB veröffentlichten Wohnimmobilienpreisindex, dann ist im Zeitraum 2007 bis zum 2. Quartal 2025 in Wien der Preis für gebrauchte Wohnungen um 5,3 % p.a. gestiegen. Im Falle vermieteter Wohnungen kommen dann noch laufende Mieteinnahmen hinzu. Aktuell sind bei gebrauchten Wohnungen Mietrenditen von 4 % und teilweise auch mehr durchaus erzielbar und unter freien Marktbedingungen gäbe es sogar eine Steigerung der Mieterträge im Einklang mit dem Verbraucherpreisindex. Wer hierzulande als Vermieter mit gewissen Rahmenbedingungen nicht ganz zufrieden ist, findet im Falle von geplanten Immobilienkäufen, die ausschließlich mit Eigenmitteln getätigt werden, in Ländern wie Albanien, Serbien, Rumänien und der Türkei noch lukrative Wohnungsmärkte mit Angeboten zu erschwinglichen Preisen.
Infrastruktur-Aktien
Weitere Möglichkeiten sind Infrastrukturaktien bzw. „Listed Infrastructure“. Der Vorteil: Einschlägige Fonds und ETFs ermöglichen auch kleinere Investmentsummen zur Portfoliodiversifikation. In den vergangenen Jahren ist diese Anlagekategorie wieder zu neuem Leben erwacht, da Unternehmen, die im Bereich der Infrastruktur tätig sind, je nach Segment über eine – mehr oder weniger starke – Pricing-Power verfügen. Im Einklang mit der Teuerung steigen dann die Einnahmen dieser Firmen. Der 75 Werte der Cluster Energie, Transport und Versorger enthaltende S&P Global Infrastructure Index brachte es in Euro in den vergangen zehn Jahren umgerechnet auf eine Performance (Total Return) von 8,14 % p.a. (Stichtag 16.9.). Auf Jahressicht liegt das Plus bei 10,4 %. Dabei stimmen auch die Fundamentaldaten mit einem Forward-KGV von 18,9 bei einer indikativen Dividendenrendite von 3,66 % (per 29.8.).
Schutz gegen Geldentwertung
Geldanlagen kosten Spesen und die realisierten Erträge müssen versteuert werden. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob jemand sich ausschließlich mit 1,50 bis 1,75 % p.a. auf Festgeldkonten zufriedengibt und im Umfeld von Inflationsraten um die 4 % Jahr für Jahr einen schleichenden realen Wertverlust erleidet, oder die Geldanlage selbst in die Hand nimmt und mit Aktienfonds/ETF-Sparplänen, Infrastruktur-Fonds/ETF-Investments, Goldsparplänen und im Falle größerer Summen auch Anlageimmobilien diversifiziert. In letzterem Fall wären die Cash-Reserven auf einen „Notgroschen“ beschränkt und das veranlagte Geld beginnt zu arbeiten. Die erwarteten Bruttorenditen sollten dabei insgesamt über der Inflationsrate liegen. Zwar kann nach Abzug von Kosten und Steuern auch hier niemand einen realen Vermögenserhalt garantieren, doch die Ausgangsposition ist in Form wesentlich höherer Performance-Erwartungswerte als auf dem Sparkonto eine wesentlich bessere.
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Bauwerksbuch wird für Immobilien-Eigentümer Pflicht
Die Wiener Bauordnung schreibt für Altbauten die Erstellung eines „Bauwerksbuches“ in den nächsten Jahren vor.
Marius Perger. Bis spätestens 31. Dezember 2027 sind Eigentümer bzw. Miteigentümer von Gebäuden, die vor dem 1. Jänner 1919 errichtet wurden, in Wien zur Registrierung eines Bauwerksbuches verpflichtet. Für Gebäude, die vor dem 1. Jänner 1945 errichtet wurden, besteht die Verpflichtung per 31. Dezember 2030. Ein Bauwerksbuch muss unter anderem alle Baubewilligungen für das Gebäude, den Zeitpunkt der erstmaligen Überprüfung, Intervalle für weitere Überprüfungen, Ergebnisse der Überprüfungen, sowie festgestellte Mängel und einen Plan zu deren Behebung enthalten.
In der Bundeshauptstadt sind laut Statistik Austria davon mehr als 32.000 vor 1919 errichtete Gebäude sowie rund 25.000 zwischen 1919 und 1945 errichtete Gebäude betroffen. Der Börsen-Kurier sprach dazu mit den beiden Ziviltechniker Ferdinand und Michael Toms.
Häuser sollen erhalten bleiben
„Wir begrüßen diese Regelung als Planer ausdrücklich“, sagt Ferdinand Toms. Es gehe darum, dass der Zinshausbestand in Wien erhalten bleibt. Aber nicht nur in Wien: Zu vermuten sei, dass ähnliche Regelungen auch in anderen Bundesländern kommen werden.
Die Verpflichtung zur Erhaltung habe es in der Wiener Bauordnung eigentlich „immer schon“ gegeben; dazu empfehle Önorm B1300, wie oft gewisse Bauteile untersucht werden müssen. Allerdings fehle häufig die Kontrolle, denn die Behörden hätten limitierte Ressourcen, so Ferdinand Toms. Michael Toms ergänzt, dass die neue Verpflichtung auch Vorteile für den Eigentümer hat: Er könne präventiv Schäden erkennen, die später teuer werden, ein Budget planen und werde nicht durch Schäden überrascht. Nun dränge allerdings bereits die Zeit, vor allem Termine für die verpflichtende Planeinsicht bei der Magistratsabteilung 37 (Baupolizei) könnten einen Engpass darstellen. „Viele werden es zeitlich nicht schaffen und dann im Schadenfall Probleme bekommen“, glaubt Ferdinand Toms.
Folgen für Versicherer
Versicherungen werden sich wohl überlegen müssen, wie sie mit dieser neuen Regelung umgehen, vermutet er. Denn die Verpflichtung betreffe explizit versicherte Sachen: „Das ist, wie wenn jemand ohne Führerschein fährt.“ Beim Bauwerksbuch gehe es zwar nicht um den Wert des Gebäudes, sondern um Statik und eine mögliche Gefahr für Leib und Leben. Für Versicherer sei es aber natürlich wichtig, dass Häuser kontrolliert und überwacht werden. Der Ziviltechniker erwartet auch, dass zukünftig das Bauwerksbuch als Grundlage in Versicherungsgutachten verwendet wird. Die Mehrzahl der Häuser in Wien sei aber „in Ordnung“, es gebe „nur ganz wenige Häuser, die lebensgefährlich sind“, weiß er aus langjähriger Erfahrung.
Versicherer zeigen sich vorbereitet
Wir haben bei heimischen Versicherern gefragt, ob sie von dieser Verpflichtung betroffen sind und welche Kosten sie dafür erwarten. Antworten erhielten wir von der Generali, der Helvetia, der Uniqa und der Zürich.
„Als Eigentümerin der berühmten Wiener Ankeruhr und weiterer historischer Gebäude“ sei Helvetia von der Verpflichtung zur Erstellung eines Bauwerksbuches betroffen, so Vorstand Andreas Bayerle. Insgesamt würden sich 18 Objekte, die vor 1945 errichtet wurden, im Besitz des Versicherers befinden. Helvetia bereite sich rechtzeitig auf die Umsetzung vor, Ziel sei es dabei, die Vorgaben sorgfältig zu erfüllen und die Bestandsgebäude ordnungsgemäß zu dokumentieren. Kosten dafür würden von der Größe und vorhandenen Dokumentation abhängen und ließen sich derzeit nur grob abschätzen.
Man habe sich frühzeitig mit dem Thema auseinandergesetzt und plane die Erstellung der Bauwerksbücher für die betroffenen Liegenschaften noch heuer, so die Zürich. Die damit betroffenen Aufwände für erstmalige Erstellung und laufende Pflege würden derzeit intern bewertet.
Bestand bereits gut dokumentiert
Uniqa betont, den Zustand der Immobilien im Portfolio bereits bisher sorgfältig und auch in digitaler Form dokumentiert zu haben. Die Umsetzung des Bauwerksbuches sei daher ein eher überschaubarer Schritt im „professionellen Immobilienmanagement“ des Konzerns. Die Umsetzung des verpflichtenden Bauwerksbuches sei ein weiterer Schritt im Bereich der Gebäudedokumentation. Aus dem Blickwinkel des Immobilien Asset Managements von Uniqa werden aber keine Auswirkungen hinsichtlich Risikobewertung des Portfolios gesehen.
Generali schreibt uns, dass die Fristen selbstverständlich erfüllt werden; das Immobilienportfolio werde laufend instandgehalten und verfüge bereits über umfangreiche Dokumentationen. Im Zuge der geplanten Umsetzung werden daher keine Überraschungen erwartet.
Auswirkungen auf Versicherungsnehmer
Zur Frage, welche Auswirkungen die Verpflichtung für Versicherungsnehmer haben wird, erklärt Zürich, dass die zuständige Fachabteilung derzeit prüfe, inwiefern ein regelmäßig gepflegtes Bauwerksbuch auch Einfluss auf die Versicherbarkeit oder die Prämiengestaltung hat. Eine vollständige und nachvollziehbare Dokumentation könne jedenfalls eine fundierte Risikoeinschätzung erleichtern und somit auch versicherungsrelevante Aspekte positiv beeinflussen.
Für Uniqa kann ein vollständiges und aktuelles Bauwerksbuch die Versicherbarkeit eines Gebäudes verbessern, da es wichtige Informationen zur Gebäudesicherheit liefert. Es habe jedoch keinen direkten Einfluss auf die Versicherungsprämie.
Foto: Toms Ziviltechniker GmbH
Trump-Administration sägt an Rechnungslegungsstandards IFRS
Florian Beckermann. An Merkwürdigkeiten aus den USA ist man in der zweiten Trump-Administration bereits gewöhnt. So passt auch dieser Vorstoß des SEC-Vorsitzenden Paul Atkins ins Bild, den er vergangene Woche in Paris anlässlich seiner Antrittsrede bei der OECD formulierte: Die Trump-Administration wehrt sich massiv gegen „ESG“ und schreckt vor extremen Maßnahmen nicht zurück. Das Drohszenario: Die Internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS und deren Anwendung in den USA. Durch eine „Überleitungsvorschrift“ gelten seit 2007 in den USA „Sonderregelungen für ausländische Emittenten“, die Zugang zu den US-Kapitalmärkten haben. Diese können Finanzberichte vorlegen, die gemäß den International Financial Reporting Standards (IFRS) des International Accounting Standards Board (IASB) erstellt wurden, ohne dass eine Überleitung auf US-GAAP erforderlich ist. Durch den Einfluss der IASB-Schwesterorganisation ISSB (International Sustainability Standard Board) befürchtet die US-Administration, dass die Finanzberichterstattung „als Hintertür zur Durchsetzung politischer oder sozialer Agenden“ genutzt wird. Atkins stellte fest, dass man die Überleitungsvorschrift schlicht streichen könnte. Was natürlich kaum sinnvoll durchsetzbar ist, ohne nicht massiven Schaden für US-Investoren anzurichten.
So sinnierte der SEC-Chairman über eine komplexe Daumenschraube, der Finanzierung des IASB und ISSB über die unabhängige IFRS-Foundation. Eine Stiftung die
über verschiedene Einkommensquellen verfügt, aber zuweilen auf der Geldsuche ist. Atkins formulierte es so: „Wir alle haben ein großes Interesse daran, dass der IASB vollständig finanziert und einsatzfähig ist, und ich ermutige die IFRS-Stiftung, ihr Ziel
einer ‚stabilen Finanzierung‘ zu erreichen, bei der der IASB und sein Fokus auf Standards für die Rechnungslegung Vorrang vor zweifelhaften und spekulativen Themen haben. Wenn der IASB keine vollständige, stabile Finanzierung erhält, könnte eine der Grundvoraussetzungen für die Streichung der Überleitungsvorschrift für ausländische Unternehmen durch die SEC im Jahr 2007 nicht mehr gegeben sein, und wir müssten diese Entscheidung möglicherweise rück-wirkend überprüfen.“
Das Spiel mit dem Geldhahn der IFRS-Standardsetzer mag nicht freuen. Es wirkt wie ein beinahe typische Trump-Maßnahme gegen eine vermeintlich- gegnerische Interessengruppe. In der Tat hat das ISSB in der Vergangenheit zwar konservativ, aber verhältnismäßig konstruktiv die europäischen Ideen in Sachen Nachhaltigkeit aufgegriffen. So ist davon auszugehen, dass neben der EU auch das ISSB aktuell in Sachen Berichterstattungspflichten auf Druck der Industrie wieder zurückrudern wird – das oft zitierte Omnibus-Verfahren wirft seine Schatten voraus. Man fragt sich, ob Atkins mit seiner Drohung daher generell richtig unterwegs ist.
Manch ein Investor mag in diesem Zusammenhang die Historie der IFRS Revue passieren lassen und melancholisch an alte UGB-Abschlüsse zurückdenken. Nicht wenige sehen die IFRS als Wurzel vieler Übel und wünschen sich alte Zeiten. Doch Vorsicht mit dem Wünschen, es kann teuer werden.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Trügerische Ruhe vor dem Sturm?
Die unterschiedliche Entwicklung der Wirtschaftssektoren mahnt zu Wachsamkeit.
Roman Steinbauer. Sich abzeichnende Zinssenkungen in den Vereinigten Staaten stimulieren nach wie vor die Notizen an den Finanzmärkten. Schwache Öl- und Gaspreise sorgen zusätzlich für Auftrieb. Doch könnte sich dies als trügerisch erweisen. Anhand mehrerer Indikatoren wird ebenso deutlich: Die Risikoaversion reduzierte sich sowohl bei institutionellen als auch bei Privatanlegern seit dem Frühjahr stetig. Selbst passiven Börsen-Beobachtern entgeht die derzeit vorherrschende Ignoranz der Kapitalmärkte gegenüber strukturellen Schieflagen und globalen Unsicherheiten nicht. Investoren sehen dazu weder die gefährdete Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed, hohe Marktbewertungen, noch schwächelnde Arbeitsmarktdaten in westlichen Volkswirtschaften oder die ausufernde Haushaltsschieflage Frankreichsals Kaufhemmnis.
USA: Nur die Gesamtdatenlage passt
Wie der New Yorker Marktkorrespondent der Financial Times (FT), George Steer, in einem Beitrag am 4. September anführte, laufe die US-Wirtschaft zunehmend einer gespaltenen Gewinnentwicklung der diversen Wirtschaftssektoren entgegen. Steer weist dabei explizit auf die aufgehende Schere zur Profitabilität der einzelnen Sektoren hin. Während die Margen im Bankensegment und im Umfeld der Technologiegiganten auf der einen Seite zunehmen, strauchelt diese Kennzahl bei immer mehr Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf einer verbraucherorientierten Basis stünden. Die FT gibt zu bedenken, führende Indizes wie der S&P 500, zuletzt wiederum auf einen Höchststand geklettert, seien in erster Linie durch Titel wie JPMorgan, Goldman Sachs, Meta, Apple oder Microsoft, deren Quartalsergebnisse jüngst glänzten, angetrieben. Der Analyst verweist auf den Umstand, wonach der Großteil der „Corporate America“-Gesellschaften mit erodierenden Profiten und den Unwägbarkeiten der Zollpolitik durch die Trump-Administration kämpfe. Dabei stützt sich Steer auf Zahlen des Analysehauses FactSet Data aus Connecticut, wonach von der US-Konsumgüterbranche bis zu Materialverarbeitern die Gewinne im vergangenen Quartal auf Jahresbasis zwischen 0,1 und 5,0 % schmolzen. Ebenso wies die Investmentabteilung der Société Générale zuletzt für 52 % der im S&P 500 gelisteten Unternehmen fallende Gewinnmargen aus. Diese Ertragsschwäche sei laut der Bank ein Prozess, der punktuell selbst bei Umsatzsteigerungen zu beobachten sei. Daraus sei zu schließen, der Kostendruck könne seitens der Unternehmen immer weniger auf die Verkaufspreise umgewälzt werden.
Potenzial an Enttäuschungen bedroht Bewertungen
Nach Angaben der Investoren-Plattform TradingView stand das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der im S&P 500 enthaltenen Werte am 9. September im Median bei dem Faktor 30. Die Dividenden-Rendite lag hingegen bei dünnen 1,18 % – ein Wert, der sich, abgesehen von der Internet-Blase im Jahr 1999, zuvor nie so mager ausnahm. Des Weiteren setzte sich laut der Nachrichtenagentur Bloomberg auch eine kaum gesehene spekulative Welle fort, in der Währungen wie der US-Dollar geliehen werden, um extrem hohe Zinssätze in der türkischen Lira und dem argentinischen Peso zu generieren. Diese beiden Positionen, der im Finanz-Universum genannten „Carry Trades“, machen unterdessen 45 bzw. 31 % des Aktionsvolumens aus. Da Glattstellungen derartig einseitiger Gewichtungen in der Vergangenheit meist zu Verwerfungen führten, sei ein weiterer möglicher Brennpunkt vorhanden.
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ATX-Aufsteiger im Börsen-Kurier-Check
Porr und Strabag haben trotz jüngster Kursanstiege weiteres Potenzial. (17.09.)
Michael Kordovsky. Die 1869 gegründete Porr AG ist das am längsten an der Wiener Börse gelistete Unternehmen, während die Geschichte der Strabag-Gruppe 1835 mit der Gründung des Familienhandwerksbetriebs Anton Lerchbaumer in Spittal, dem Ursprung der ILBAU, beginnt. Beide Aktien haben sich binnen eines Jahres im Kurs mehr als verdoppelt.
Strabag – Profiteur des deutschen Infrastrukturprogramms
Strabag zählt mit einem Leistungsvolumen von 19,2 Milliarden Euro im Jahr 2024 zu den führenden Unternehmen in Zentral- und Osteuropa. 36 % davon fallen auf Transportinfrastruktur und 8 % auf den Tunnelbau. Das Unternehmen erwirtschaftete im ersten Halbjahr 2025 eine im Jahresvergleich um 7 % höhere Leistung von rund 8,9 Milliarden Euro, wobei die Hälfte der Leistungssteigerung auf die Erstkonsolidierung der Georgiou Group in Australien zurückzuführen ist.
Australien trug Ende Juni 2025 bereits rund 660 Millionen Euro zum Auftragsbestand bei, der insgesamt im Jahresvergleich um 13 % auf 28,4 Milliarden Euro wuchs, was u.a. auf Projektakquisitionen in den Bereichen Bahnbau, Energieinfrastruktur, High-Tech-Bauten sowie Universitäts- und Forschungseinrichtungen zurückzuführen ist. Zu den positiven Entwicklungen sagte Erste-Group-Analyst Michael Marschallinger zum Börsen-Kurier: „Die Strabag ist am deutschen Straßeninfrastrukturmarkt unangefochtener Marktführer und sollte daher entsprechend vom angekündigten 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket profitieren.“ Für die Erste Group ist Strabag der Hauptnutznießer innerhalb deren Coverage-Universums, „was vor allem auf das bedeutende Engagement des Unternehmens auf dem deutschen Markt zurückzuführen ist“. „Diese Mittel dürften Strabag in den kommenden Jahren eine hohe Kapazitätsauslastung in Deutschland sichern“, so Marschallinger.
Porr kann qualitativ wachsen
Der Schwerpunkt von Porr liegt in der DACH-Region sowie in Polen, Rumänien, Tschechien und Slowakei. Wichtige Bereiche des Unternehmens sind Tunnel-, Brücken-, Straßen- und Bahnbau. Eine deutliche Ausweitung der Infrastrukturprojekte fand im ersten Halbjahr 2025 in einem Anstieg des Auftragseingangs um 25,4 % auf 4,05 Milliarden Euro Ausdruck. Dazu Stefan Scharff, Analyst bei SRC Research in Berlin, gegenüber dem Börsen-Kurier: „Porr gewinnt zahlreiche neue Eisenbahnbau- und andere Infrastrukturaufträge, beispielsweise in Rumänien und Polen, wo im zweiten Quartal Bahnaufträge im Wert von 818 Millionen Euro lukriert werden konnten. Generell war der Tiefbau ein Wachstumsmotor, der bis Ende Juni gegenüber Jahresende 2024 einen weiteren Zuwachs des Auftragsbestands um über 10 % auf 9,4 Milliarden Euro ermöglichte.“ Das sollte sich positiv auf die Rentabilität auswirken. „Porr ist damit nämlich in der glücklichen Ausgangsposition, sich bei neuen Projekten die margenträchtigsten Aufträge aussuchen zu können, was sich positiv auf die Zielerreichung auswirken sollte. Ihr für 2030 gestecktes Ziel einer Ebit-Marge von 3,5 bis 4,0 % sollte nach unseren Schätzungen bereits 2027 (3,5 %) möglich sein, nach rund 3,0 % im laufenden Jahr“, erklärt Scharff. Mit der steigenden Rentabilität sollte auch eine Verbesserung der Eigenkapitalquote von 20,9 % im Jahr 2024 auf 25,7 % bis 2027 einhergehen. SRC Research stuft die Aktie auf „Buy“ mit einem Kursziel von 35 Euro.
Analysten sehen Strabag solide aufgestellt
Strabag konnte laut Angaben in der aktuellen Präsentation „Strabag Investment Case“ im Zeitraum von 2015 bis 2024 das Ebit von 341 Millionen Euro auf 1,06 Milliarden Euro steigern, während sich die Ebit-Marge von 2,6 auf 6,1 % verbesserte. Das Unternehmen verfolgt eine interessante Diversifikationsstrategie, was im laufenden Jahr die Übernahme der WTE Wassertechnik GmbH, Essen zeigt, durch die man zum Komplettanbieter für Wasserinfrastruktur aufsteigt (kombiniertes Portfolio mit 400 Millionen Euro Jahresleistung). WTE plant, finanziert, baut und betreibt Projekte in den Bereichen Abwassermanagement, Wasserversorgung, Klärschlammbehandlung und Energierückgewinnung in Europa und dem Nahen Osten.
Die Netto-Cash-Position stieg binnen zwölf Monaten bis Ende Juni um 15 % auf 1,87 Milliarden Euro. Das ist bei einer bilanziellen Eigenkapitalquote von 32,4 % eine solide Basis. Die Analysten der Erste Group stufen Strabag auf „Akkumulieren“ mit einem Kursziel von 93 Euro bei weitgehend unveränderten Gewinnschätzungen für 2025 und 2026. Marschallinger sagt in diesem Zusammenhang gegenüber dem Börsen-Kurier: „Allerdings hat sich der Aktienkurs in diesem Jahr annähernd verdoppelt und mit KGVs von 15,9x und 15,6x für 2025e und 2026e notiert die Strabag mit Prämien gegenüber Peer-Unternehmen. Auf der anderen Seite – und dies unterstützt unsere positive Empfehlung – steht die überragende Bilanz mit Netto-Cash-Position von geschätzt 2,6 Milliarden Euro Ende 2025e, die die EV/Ebitda-Bewertungen weiterhin attraktiv machen (4,3x und 4,0x für 2025e bzw. 2026e).“ Zudem geht er in den Jahren 2025 bis 2029 im Schnitt von 4,4 % Ebitda-Wachstum aus, während die Nettogewinne bei steigenden Umsätzen und gleichzeitig steigenden Margen im Schnitt um 6,2 % wachsen sollten. Der Schätzungskonsens von MarketScreener rechnet indessen damit, dass, der Gewinn/Aktie von 2025 bis 2027 von 5,62 auf rund 6,55 Euro steigt.
Wachstumsdynamik bei Porr
Porr konnte von 2021 bis 2024 das Betriebsergebnis (Ebit) von 95,2 auf 158,4 Millionen Euro steigern und war in der Lage die Ebit-Marge von 1,8 auf 2,6 % zu verbessern. Ein Kostensenkungsprogramm ermöglichte eine Reduktion der Overhead-Kosten von 8,2 % im Jahr 2020 bis 2024 auf 7,6 % des Umsatzes.
Patrick Speck, Senior Analyst bei Montega AG (Hamburg), stuft die Aktien von Porr auf „Kaufen“ mit einem Kursziel von 36 Euro. Zu den Möglichkeiten äußert er sich gegenüber dem Börsen-Kurier wie folgt: „Die größten Chancen sehe ich in Deutschland, aber auch in Osteuropa. Für Deutschland ergibt sich dies aus der Modernisierung der in die Jahre gekommenen Infrastruktur sowie weiteren strukturellen Faktoren wie der Energiewende, Urbanisierung und Digitalisierung. In Osteuropa erleben wir nach wie vor einen Auf- und Ausbau der Infrastruktur aufstrebender Länder wie Polen. All dies bringt umfangreiche und zum Teil hochkomplexe Bauprojekte mit sich, auf die Porr spezialisiert ist. In der Ukraine selbst wird Porr meines Erachtens nicht aktiv sein, könnte aber indirekt von der Bindung der Kapazitäten anderer Wettbewerber dort profitieren“. Zu den Schwachpunkten meint Speck: „Eine der Schwächen ist meines Erachtens die nach wie vor relativ geringe Profitabilität. Das amtierende Management hat in den letzten Jahren aber einen guten Job gemacht, die Marge sukzessive zu verbessern. Im Bauwesen sind zudem Projekt- und Beschaffungsrisiken immanent. Marktrisiken im Sinne einer ausbleibenden Nachfrage oder die aktuellen Zollstreitigkeiten dürften für Porr hingegen keine große Rolle spielen. Auf die Frage nach den Wachstumsraten in den kommenden fünf Jahren antwortet Speck: „Wir rechnen hier mit überproportionalem Gewinnwachstum von rund 7 % bei Ebitda bzw. 12 % beim Gewinn pro Aktie, da Porr angesichts des bereits heute vollen Orderbuchs eine sehr selektive Projektakquise betreiben kann. Hinzu kommt, dass durch die branchenweit steigende Kapazitätsauslastung sowie Spezialfähigkeiten Porrs wie das patentierte Slab.Track-System im Bahnbau sich auch die Pricing Power des Konzerns weiter verbessern sollte.“
Wirft man einen Blick auf den Schätzungskonsens von MarketScreener, dann sollte der Gewinn/Aktie von 2024 bis 2026 von rund 2,89 auf 3,60 Euro steigen.
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Investieren wie die Großen
Was sich Kleinanleger an der Wiener Börse von institutionellen Investoren abschauen können.
Patrick Baldia. Sich an der Börse am Anlageverhalten institutioneller Investoren zu orientieren, ist sicher nicht der schlechteste Zugang. Die Idee dahinter: professionelle Anleger sind in der Regel erfolgreicher unterwegs als „Normalsterbliche“, was auch diverse Analysen bestätigen. Folglich setzen Banken, Pensionskassen, Versicherungen, Fonds oder Kapitalanlagegesellschaften bevorzugt auf stabile, liquide Aktien aus einem breiten Spektrum an Sektoren – Stichwort: Diversifikation – mit langfristigem Wachstumspotenzial. Dabei profitieren sie von mehr Fachwissen und Ressourcen sowie der Möglichkeit, höhere Volumina bewegen zu können.
Positiv zu sehen ist in diesem Zusammenhang die starke Präsenz institutioneller Investoren an der Wiener Börse – vor allem mit internationalem Background. Wie die aktuelle Ausgabe einer Studie, die regelmäßig von S&P Global Market Intelligence im Auftrag der Wiener Börse
durchgeführt wird, aufzeigt, werden nicht weniger als rund 92 % (Stand Ende 2024) des institutionellen Streubesitzes von internationalen Playern gehalten. Kurz: Auch für globale Portfolios sind die Aktien heimischer Top-Unternehmen durchaus attraktiv.
35 % US-Großinvestoren
Unter den „Internationalen“ geben in Wien jedenfalls Großinvestoren aus den USA den Ton an. Vanguard, BlackRock, Dimensional Fund Advisors und Konsorten verantworten fast 35 % des institutionell gehaltenen Streubesitzes. Dabei haben sie ihr Engagement gegenüber 2022, als sich ihr Anteil bei fast 33 % belief, leicht verstärkt. Dasselbe gilt für Institutionelle aus Großbritannien, die mit rund 21 % (2022: 19,8 %) den zweiten Platz belegen. Etwas zurückgegangen ist hingegen der Anteil französischer Großinvestoren, konkret von 9,1 % im Jahr 2022 auf 7,8 % Ende des Vorjahres. Heimische Institutionelle rangieren mit lediglich 7,7 % knapp dahinter auf dem vierten Platz. Erwähnenswert ist auch das Exposure von Playern aus Norwegen (5 %) und Deutschland (4,5 %).
Wie angelegt wird
Interessant ist auch ein Blick auf die Strategien, mit denen globale institutionelle Anleger an der Wiener Börse investieren. „Growth“- kommt hier mit 33, 2 % vor „Value“-Investing mit 28,5 %. Aber auch passive Strategien spielen eine große Rolle. Rund ein Viertel der Großanleger ist mittlerweile in Indexfonds bzw. ETFs investiert. Positiv: Die niedrige bis mittlere geringe Umschlaghäufigkeit der untersuchten Portfolios zeigt, dass langfristige Strategien unter den Institutionellen dominieren, so die Studienautoren.
Wo angelegt wird
Und wie schaut es bei den Top-Unternehmen im ATX Prime aus? Nur ein paar Beispiele: Bei der Erste Group stellen institutionelle Investoren mit einem Anteil von rund 61 % die größte Aktionärsgruppe. Bei einem weiteren Indexschwergewicht, der OMV, sind 28,4 % der Aktionäre Institutionelle. Davon kommen 35 % aus den USA, aus Österreich nicht mehr als 6 %. Bei der Wienerberger befinden sich wiederum sämtliche Aktien im Streubesitz. Mit rund 75 % befindet sich der Großteil der Aktien des weltgrößten Ziegelproduzentens in der Hand von institutionellen Anlegern.
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Sind wir wirklich überreguliert?
Florian Beckermann. Darf man den EU-Bashing-Klassiker überhaupt in Frage stellen? Ein Wirtschaftsraum, der die Krümmung der Gurke zu regulieren wünscht, oder gar für den DSGVO-Klick-Irrsinn verantwortlich zeichnet, muss zwangsläufig in einem Überregulierungs-Nirvana stecken. Schnell ist ein unternehmerfeindliches und Innovation-hemmendes Meinungsfeld abgesteckt, in dem der Populismus wenig Widerworte erwarten kann. Die Extrembeispiele zerlegen jede vernünftige Diskussion. Ernsthaft: Ist es denn woanders, insbesondere in den USA, wirklich besser? Der Vergleich ist nicht so leicht, wie uns die öffentliche Diskussion teilweise glauben machen möchte. Beleuchten wir kurz den Anlegerschutz.
Regulatorischer Rahmen: Die EU zwingt in detaillierte und stark harmonisierte Vor-gaben (MiFID II, MiFIR, PRIIPs, AIFMD, CRR/CRD etc.). Das Ziel: hoher Verbraucherschutz, Markttransparenz, Stabilität. Die US-Seite verwirrt mit fragmentierten Bundes-behörden (SEC, CFTC, OCC, FDIC usw.) zuzüglich bundesstaatlicher Regulierungen. Tendenziell mehr Marktflexibilität, aber teils redundante Zuständigkeiten. Eine Akronym-Party ohne erkennbare Vorteile.
Für den Anleger konkret, setzt die EU auf hohe Standards: Transparenzpflichten (z.B. Kostenausweise, Beratungsprotokolle). Strenge Regeln bei Derivaten, Anlageberatung, Wertpapierprospekten. Manche Kleinanleger sind von einigen Produkten gar ausgeschlossen. Ob die damit einhergehende Bürokratie dem Anleger mehr hilft als irritiert oder kostet, kann man im Detail diskutieren.
Die USA legen den Fokus auf „Disclosure“. Anleger erhalten viele Informationen, aber weniger Eingriff in die Produktauswahl. Letztlich ist es ein schwächerer Schutzmechanismus für unerfahrene Investoren, daher ein höherer Eigenverantwortungszwang – je nach Philosophie, ein Vor-/Nachteil der US-Regulatorik.
Die größte Diskrepanz ergibt sich bei der „Industriefreundlichkeit“. Beispiele: Im US-Markt existieren Venture Capital und Private Equity wirklich, d.h. mit wenig Beschränkung und hoher Flexibilität erreicht man schnell Zugang zu Risikokapital. Die Innovationsfreude bei Krypto, Fintech oder Finanzinstrumenten beflügelt die Entstehung eines großen Krypto- und Startup-Ökosystems. Solange Risiken offengelegt sind, dürfen Produkte gehandelt werden. Die USA genießen hier oft einen Frist-Mover-Vorteil. EU: Insbesondere die europäische MiFID II (gerade im Review) gilt als bürokratisch und teuer für Banken und Asset Manager. Hohe Compliance-Kosten belasten besonders kleinere Marktteilnehmer. Eine Industrie wirkt gehemmt.
Das Fazit: Die EU-Regulierung muss dem Bürger der Union helfen. Sie darf nicht Selbstzweck oder Schikane sein, weil sie den schwierigeren, langsameren Weg geht. In Zusammenarbeit mit der Finanzindustrie kann man sinnvolle Verbesserungen durchführen, die den Zweck von gut gedachten Regulierungen nicht aushöhlen. Das ist ein konstruktiver Überarbeitungsprozess von vorgeblicher (Über-)Regulatorik. Es sollte im Interesse der Anleger in Europa sein, den Schutz nachhaltig weiter zu verbessern und nicht im Trump‘schen Sinne mit dem Schlagwort Überregulierung rücksichtslos zu streichen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Europäische Aktien vor Aufholjagd – aber Reform- und Investitionsrisiken bleiben
Ein Marktkommentar von Francesco Sedati, Head of Equity Research & Portfolio Management bei Eurizon.
(09.09.) Das makroökonomische Umfeld in Europa präsentiert sich stabil, mit moderatem Wachstum, das sich jedoch dank der fiskalischen Impulse in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2025 und im Jahr 2026 potenziell beschleunigen könnte. Dies schafft positive Rahmenbedingungen für Aktien, insbesondere nach der Klärung der Zollunsicherheit. In den USA ist mit einigen Zinssenkungen zu rechnen, wenngleich unklar ist, ob das Gleichgewicht zwischen einem sich abschwächenden Arbeitsmarkt und den möglichen Auswirkungen der Zölle auf die Inflation erhebliche geldpolitische Impulse zulassen wird. Wir erwarten in den kommenden Monaten eine Konvergenz des Wirtschafts- und Gewinnwachstums zwischen den USA und Europa. Das könnte für europäische Aktien von Vorteil sein, da sie weiterhin mit einem Abschlag gehandelt werden.
Der US-Markt hat durch das Gewicht der Technologiebranche am Gesamtmarkt einen strukturellen Vorteil. Die Führungsposition in diesem Bereich ist unangefochten und treibt das Wachstum weiter an. Europa hat seinerseits eine sich möglicherweise wieder beschleunigende Konjunktur und günstige Bewertungen, die seiner relativen Performance in den nächsten zwölf Monaten helfen könnten, vorausgesetzt, die von Deutschland angekündigten Konjunkturmaßnahmen werden umgesetzt.
Verbesserte Rentabilität trifft günstige Bewertungen – Chancen in Banken und in Osteuropa
Wir favorisieren Banken aufgrund ihrer seit 2020 deutlich verbesserten Rentabilität, die sich jedoch noch nicht in den moderaten Bewertungen widerspiegelt. Künstliche Intelligenz könnte in diesem Bereich ein wichtiger Treiber für Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen sein. Dieser Sektor könnte potenziell am meisten von einer Senkung der Back- und Front-Office-Kosten profitieren.
Aufgrund der durch den Ukraine-Krieg verursachten Unsicherheit sind mehrere Länder in Mittel- und Osteuropa nach wie vor sehr günstig bewertet. Zwar möchten wir keine konkrete Zahl für die Wahrscheinlichkeit einer Lösung des Konflikts nennen, wir glauben jedoch, dass das Aufwärtspotenzial für die Makroökonomie und die Unternehmensgewinne erheblich sein könnte.
Zyklische Sektoren profitieren – ohne Reformen droht Standortnachteil gegenüber USA
Wir glauben, dass zyklische Werte in Europa noch mehr Spielraum haben, da sich der Konjunkturzyklus bis ins nächste Jahr hinein fortsetzt. Traditionelle defensive Werte sind in vielen Fällen strukturellen Risiken ausgesetzt, beispielsweise in Bezug auf Konsumtrends bei Basiskonsumgütern oder die Pipeline im Gesundheitswesen, und bieten wenig Visibilität hinsichtlich des Gewinnwachstums.
Abgesehen von einer möglichen Verschlechterung oder Verbesserung der Beziehungen zu den USA, die sich nur schwer vorhersagen lassen, sind die größten Risiken, dass Deutschland die fiskalischen Impulse nicht umsetzt und die EU die Chance zur Reform und Vereinfachung des regulatorischen Umfelds nicht nutzt. Dies würde die EU historisch gesehen zu einem weniger attraktiven Investitionsstandort als die USA machen. Darüber hinaus könnten die Spannungen um die Staatshaushalte in Europa und den USA zu Gewinnmitnahmen führen. Wir würden diese allerdings eher als Kaufgelegenheiten betrachten, solange sich die Inflationslage nicht wesentlich verschlechtert.
Jenseits der Tech-Giganten: Warum Value-Aktien eine genauere Betrachtung verdienen
Ein aktueller Marktkommentar von Ritu Vohora, Investment Specialist, Global Capital Markets bei T. Rowe Price.
(09.09.) Etwas außerhalb von Washington, D.C., in einem Vorort im Norden Virginias, liegt die „Data Center Alley“, eine dichte Ansammlung von lagerhausähnlichen Einrichtungen, die den Aufstieg der KI vorantreiben. Diese Zentren treiben nicht nur Innovationen voran, sie sind auch eine Metapher für die heutige Marktdynamik: konzentriert, leistungsstark und immer teurer. Während Tech-Giganten die Schlagzeilen und die Aufmerksamkeit der Anleger dominieren, ist das noch nicht alles. Die steigende Nachfrage nach physischer Infrastruktur – zusammen mit entschlossenen politischen Maßnahmen – schafft attraktive Chancen für Value-Aktien auf den globalen Märkten. Während Kapital in KI und digitale Transformation fließt, eröffnen die Auswirkungen taktische Möglichkeiten in Sektoren, die oft übersehen werden.
Wertaktien erleben ein Comeback
Nachdem sie fast zwei Jahrzehnte lang hinterherhinkten, erlebten Value-Aktien und globale Aktien außerhalb der USA Anfang dieses Jahres eine Wiederbelebung und profitierten von einer Rotation weg von US-Technologieaktien. Protektionistische Handelspolitiken und umfassendere Bemühungen um Deglobalisierung sowie Bedrohungen für die Gewinne der Technologiebranche schürten die Ängste der Anleger und führten zu einer Hinwendung zu Diversifizierung und Defensivität. Robuste Gewinne, Handelsabkommen und der Optimismus hinsichtlich Präsident Trumps „Big Beautiful Bill” haben jedoch die Animal Spirits und die Begeisterung für das Wachstum der USA und US-Technologieaktien wiederbelebt. Erneut sind die Bewertungen in wachstumsorientierten Sektoren gestiegen, wobei die Kurs-Gewinn-Verhältnisse von US-Technologieaktien die historischen Normen übertreffen. Während die Gewinne der Technologiebranche weiterhin beeindruckend sind, deuten die aktuellen Kurse darauf hin, dass wertorientierte und Nicht-US-Aktien ein besseres Wertpotenzial bieten könnten.
Obwohl die Zollkonflikte das Wirtschaftswachstum in den USA in Schwankungen gehalten haben, legen Teile von Trumps politischer Agenda den Grundstein für eine mögliche Belebung der Industrieaktivität. Steuerliche Anreize wie die dauerhafte vollständige Abschreibung von Fabriken und anderen Kapitalinvestitionen – die auch
für Technologieaktien von Vorteil sind – dürften Industrie-, Rohstoff- und Energieaktien, die für den Aufbau der KI-Infrastruktur unerlässlich sind, Rückenwind verleihen. Diese wertorientierten Sektoren dürften auch von Deregulierungs- und Reshoring-Initiativen profitieren.
Während der anfängliche Schock des Liberation Day nachgelassen hat, bestehen weiterhin Risiken im Zusammenhang mit Zöllen – darunter Aufwärtsrisiken für die Inflation und anhaltende Gefahren für Wachstumssegmente, die vom globalen Handel abhängig sind. Vor diesem Hintergrund könnten Value-Sektoren ein ähnliches Aufwärtspotenzial bei geringerem Abwärtsrisiko sowie eine Inflationsabsicherung bieten.
Goldilocks-Zinsen in Europa
Auf der anderen Seite des Atlantiks stützen die makroökonomischen und geopolitischen Entwicklungen in Europa die eigene Wertestrategie. Die mögliche Reduzierung der US-Militärpräsenz hat Deutschland dazu veranlasst, seinen finanzpolitischen Rahmen zu überdenken und höhere Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur und die Energiewende zu planen. Unterdessen hat der Inflationsfortschritt es der EZB ermöglicht, ihre Geldpolitik zu normalisieren und ein „angemessenes” Zinsumfeld für die eher zyklische Wirtschaft Europas zu schaffen. Darüber hinaus könnten positive Zinsen und steilere Zinskurven dazu beitragen, die Bewertungslücken für europäische Banken zu verringern. Obwohl ihre Kurs-Buchwert-Verhältnisse einen Aufwärtstrend verzeichnen, liegen sie hinter denen ihrer US-amerikanischen Konkurrenten zurück und bleiben unter dem Niveau von vor 2008. Verbesserte Nettozinsmargen, Kreditwachstum und stärkere Gewinnaussichten sorgen für günstige Rahmenbedingungen.
Strukturelle Rückenwindfaktoren in Asien
Strukturreformen in Asien verleihen der Ausweitung des Aktienmarktes zusätzliche Dynamik. In Japan und Südkorea könnten Maßnahmen zur Verbesserung der Unternehmensführung und andere aktionärsfreundliche Maßnahmen zu einer besseren Kapitalallokation und Betriebsleistung in zyklisch schwachen Segmenten führen. Auch China macht Anzeichen einer Stabilisierung. Fiskalische Anreize, Fortschritte bei den Handelsverhandlungen und eine mögliche Bodenbildung im Schuldenabbau schaffen ein günstigeres Umfeld für das Gewinnwachstum.
Natürlich ist der Weg in die Zukunft nicht ohne Risiken. Die Märkte profitieren von einer Kombination aus starken Fundamentaldaten und hohen Bewertungen, was in der Vergangenheit sowohl Chancen als auch Risiken mit sich gebracht hat. Die Gesundheit des US-Arbeitsmarktes und der Kurs der Federal Reserve werden dabei besonders wichtig sein. Jegliche Anzeichen einer weiteren Abschwächung der Beschäftigungslage oder abrupte politische Kurswechsel – in Bezug auf Personal oder Zinssätze – könnten sich auf die globalen Märkte auswirken. Führende Technologieunternehmen sind aufgrund ihrer soliden Fundamentaldaten möglicherweise besser in der Lage, einem solchen Umfeld standzuhalten. Auch das Timing stellt eine Herausforderung dar. Die Innovationskultur und der starke freie Cashflow der US-Technologieriesen machen ihre langfristigen Aussichten attraktiv. Die Nachhaltigkeit der Renditen ist jedoch ungewiss, was für eine Diversifizierung und ein taktisches Engagement in Value-Aktien spricht.
Ein ausgewogener Ansatz
Letztendlich geht es bei der Argumentation für Value nicht darum, die Technologie aufzugeben. Es geht darum, den Blickwinkel zu erweitern. Wir sind für die nächsten 6 bis 12 Monate vorsichtig optimistisch, da nachlassende makroökonomische Unsicherheiten und mögliche Zinssenkungen für Unterstützung sorgen dürften.
Unser Asset Allocation Committee nimmt eine neutrale Haltung gegenüber US-Wachstums- und Value-Aktien ein, bevorzugt jedoch aufgrund attraktiver Bewertungen, politischer Impulse und sich verbessernder Gewinne vor allem in Europa und Japan Aktien außerhalb der USA. Trotz hoher Bewertungen bleibt die Anziehungskraft der US-Technologiebranche stark, da KI-getriebene Investitionen Anzeichen einer Monetarisierung machen und Wachstumsimpulse setzen. Die Nachhaltigkeit dieser Renditen ist jedoch ungewiss, sodass ein diversifizierter Ansatz unerlässlich ist. Value entwickelt sich weiter und ist einen genaueren Blick wert. Anleger sollten diszipliniert bleiben und die potenziellen Chancen von Value-Anlagen gegen die inhärenten Risiken der Marktvolatilität und globaler Wirtschaftsveränderungen abwägen.
Wiener Börse weiter im Aufschwung
Wiederholen sich die 80er? Infrastrukturausgaben und Ukraine-Wiederaufbau stimmen zuversichtlich.
Michael Kordovsky. Der Wiener Börse Index WBI, der alle im amtlichen Handel notierenden Aktien der Wiener Börse enthaltet, gewinnt wieder an Dynamik. Zuletzt betrug das Plus auf Dreijahres-Sicht 49,2 %, und im laufenden Jahr (YTD) bereits 25 %. Laut den Daten des iShares ATX UCITS ETFs liegt das 12-Monats-KGV des ATX bei niedrigen 12,20. Anfang September lagen die für 2026 geschätzten KGVs von OMV und Erste Group nur noch bei 8,5 bzw. 9,0. Der ATX-Neuling Porr weist angesichts des erwarteten Wachstums ein für 2027 geschätztes KGV von nur 8,2 auf. Ein weiterer ATX-Neuzugang ist die Strabag, mit einem für 2027 geschätzten attraktiven KGV von 11,4. Per 30. Juni zeugen eine um 15 % höhere Netto-Cash-Position von 1.868 Millionen Euro sowie 32,4 % Eigenkapitalquote von Solidität.
Konstellation von Wachstumspotenzialen
Eine Konstellation aus dem Rearm-Europe-Programm der EU (800 Milliarden Euro Rüstungsausgaben bis 2030), der Aufstockung der Verteidigungsetats der Nato-Länder, steigender Infrastruktur-Ausgaben sowie dem sich abzeichnenden Wiederaufbau der Ukraine birgt hervorragende Chancen für österreichische Firmen, die vor allem in Zentral- und Osteuropa gut vernetzt sind.
Zum großen Wachstumsmotor könnte der Wiederaufbau werden, der laut Schätzungen aus Kiew über einen Zeitraum von 14 Jahren umgerechnet 850 Milliarden Euro kosten könnte. Bei der entsprechenden Konferenz für die Ukraine schlug der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal zwei Fonds im Umfang von 1 Billionen US-Dollar (umgerechnet rund 856 Milliarden Euro) vor. Insbesondere Porr, Strabag und Wienerberger könnten vom Wiederaufbau der Infrastruktur profitieren. Andritz verfügt weiters über zusätzliche Auftragspotenziale im Bereich Wasserkraftwerke und Industrieanlagen. Sobald Friede herrscht, der Wiederbau einsetzt und an Dynamik gewinnt, werden in weiterer Folge Banken wie RBI und Erste Group aber auch Versicherer wie Uniqa und VIG die Chancen bekommen, entsprechend am Wachstum zu partizipieren.
Goldgräberstimmung wie in den 80er-Jahren?
Die Wiener Börse stellte dem Börsen-Kurier archivierte Daten zur Verfügung, aus denen hervorgeht: Der WBI unterlag 17 Jahre lang einer Seitwärtsbewegung, die zu einer massiven Unterbewertung der Aktien führte. Von Ende 1967 bis Ende1984 lag das Plus lediglich bei 19,6 %, ehe 1985 ein Anstieg von 130,3 % folgte, als US-Investor Jim Rogers auf die Unterbewertung des österreichischen Kapitalmarktes hinwies. Ausländische Anleger, u.a. aus Deutschland und Großbritannien, entdeckten Wien. 1986 folgte eine Konsolidierung und 1987 trübte der Oktober-Crash die Performance.
Doch mit dem Börsengang der OMV am 3. Dezember 1987 begann die Privatisierungswelle mit Austrian Airlines und Verbund 1988 sowie der EVN 1989. Gleichzeitig schritt die Ostöffnung voran, die dann 1989 einen weiteren größeren Kursschub auslöste, der bis März 1990 anhielt. Im Zeitraum von Anfang 1985 bis März1990 stieg der WBI um knapp 520 %.
Dieses Ausmaß wird sich aller Voraussicht nach nicht mehr so schnell wiederholen. Dennoch bestehen Gewinnchancen, die sich aus einer Kombination aus Gewinnwachstum und Bewertungsanpassung nach oben ergeben könnten: Geläufige Analystenschätzungen gehen für 2025 und 2026 im ATX von jeweils einem Gewinnwachstum im unteren zweistelligen Bereich aus. Es gibt 2025 einen Basiseffekt nach einem Gewinnrückgang 2024. In den Jahren 2027 bis 2029 erscheint eine Wachstumsrate von 9 % plausibel. Unter Annahme einer Höherbewertung um 20 % sind bis Anfang 2030 im ATX sogar Kursgewinne bis zu rund 110 % möglich. Ebenfalls entsprechend erfreulich sollte sich der WBI entwickeln.
WBI-Performance 1985 bis 1989:
1985: +130,3 %
1986: -5,0 %
1987: -20,9 %
1988: +17,3 %
1989: +110,8 %
Quellen: Daten: Wiener Börse; eigene Berechnungen
Foto: Wiener Börse / Nik Pichler
Neid-Debatte vs. Reality Check
Studie der Anlegerschützer zum Thema Vergütung bei Austro-AGs.
Klaus Schweinegger. „Für manche verdient der Vorstand immer zu viel. Da macht es keinen Unterschied, ob dafür extreme Steuern bezahlt werden oder es weniger wird. Man stelle sich in diesem Zusammenhang nur eine analoge Kürzung bei Tarifverträgen vor. Die von uns untersuchte Transparenz der Vergütung ermöglicht jedenfalls einen Vergleich. Das ist ein wichtiger Schritt beim Thema Angemessenheit“, so IVA-Präsident Florian Beckermann im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Hintergrund ist die vom Interessenverband für Anleger regelmäßig durchgeführte Studie, in der heuer wieder 40 Unternehmen aus dem ATX Prime Market bzw. die Vergütung der 161 Vorstände untersucht wurden.
Im Schnitt weniger verdient
Für 2024 lässt sich festhalten, dass das Management der österreichischen börsengelisteten Unternehmen – losgelöst von der Performance der entsprechenden Aktien – im Durchschnitt um 7,7 % oder rund 480.000 Euro weniger verdient hat. Mit großem Abstand Spitzenreiter sowohl bei der Vorstands- wie auch bei der Aufsichtsratsvergütung bleibt die ehemalige Arbeiterbank Bawag, deren Vorstandsvorsitzender Anas Abuzaakouk fast das Doppelte erhält wie der Zweitplatzierte, Andritz-CEO Joachim Schoenback, der weltweit aber immerhin mehr als 30.000 Mitarbeiter verantwortet.
Abseits dieses Ausreißers nach oben gibt es Seitens des IVA aber wenig Kritik an der Höhe der Gehälter. Beckermann, der die heimischen Bezüge im internationalen Vergleich als gering einstuft, dazu: „Die ATX-Gehälter messen auch den österreichischen Markt für hochqualifiziertes Management. Wer nicht wettbewerbsfähig zahlt, bekommt nur zweitrangiges Personal. Kein Aktionär kann das wollen, Arbeitnehmer wohl auch nicht. Wenn wir weniger als die Hälfte bspw. deutscher Gehälter zahlen, haben wir einen Nachteil. Von internationalen Aufsichtsräten spreche ich nicht.“
Risikoaversion?
Ein Ergebnis der Untersuchung ist auch, dass der Anteil der variablen Vergütung 2024 zwar bei mehr als 40 % blieb, aber insgesamt gesunken ist. Die im Umkehrschluss gestiegenen fixen Gehälter könnten ein Indiz für eine gewisse Risikoaversion des Managements in unsicheren Zeiten sein, so der IVA. Und Beckermann gibt zu bedenken: „Wenn Vorstände weniger verdienen, ist die Lage grundsätzlich ernst: Das Unternehmen wächst nicht entsprechend, die Zielerreichung findet nicht statt und die variable Vergütung sinkt. Das ist eine Erkenntnis aus unserer Untersuchung.“
Nicht wettbewerbsfähig
Große Sorgen bereiten Beckermann die niedrigen Aufsichtsratstantiemen, auch wenn diese im vergangenen Jahr um 6,5 % auf in Summe 21,7 Millionen Euro (für die 291 Aufsichtsräte im ATX Prime, Anm.) gestiegen sind. Diese seien in Österreich lediglich Entschädigungen und vor allem „nicht wettbewerbsfähig“. Obwohl es sich etwa bei Banken und Versicherungen eigentlich um verantwortungsvolle Full Time Jobs handle, so der Branchenkenner.
Besonders eklatant tritt das Problem im staatsnahen Bereich zutage. Beckermann gegenüber dem Börsen-Kurier: „Insbesondere die Aufsichtsratshonorare in ÖBAG-Beteiligungen machen mir Sorgen. Die dahinterliegende Frage: Wie soll man unabhängiges Top-Personal in den Aufsichtsrat bekommen, wenn man nicht entsprechend zu zahlen bereit ist? Wer widerspricht für teilweise nicht mal 1.000 Euro netto im Monat?“ Sowohl die Aufsichtsrats- als auch die Vorstandsvergütungen von OMV, Post und Co. bewegen sich tendenziell im hinteren Mittelfeld, dies steht laut der Anlegerschützer aber meist in keiner Relation zur Unternehmensgröße.
Der Grüne Deal ist in der Realität angekommen
Viele grüne Leuchtturmprojekte der EU werden verschoben und vereinfacht.
Andreas Dolezal. Es ist still geworden um den europäischen Grünen Deal und sein visionäres Ziel der Klimaneutralität bis 2050. Was EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2019 mit viel politischer Motivation präsentiert hat, verliert angesichts geopolitischer Brandherde, kriselnder Wirtschaft, technologischem Wettbewerb und US-Zoll-Kapriolen spürbar an Tempo und Zuspruch aus der Wirtschaft. Auch der Schwenk vom „Grünen Deal“ zum „Clean Industrial Deal“ verhindert nicht, dass viele grüne Pläne der EU mit Sand im Getriebe kämpfen.
EU-Kommission knickt ein
Bereits Ende 2024 knickte die EU-Kommission angesichts der zunehmenden und teils vollkommen berechtigten Kritik an der überbordenden grünen Bürokratie ein erstes Mal ein. Die Anwendung der missliebigen EU-Entwaldungsverordnung EUDR wurde um ein Jahr verschoben. Ob und was davon Ende dieses Jahr tatsächlich kommt, bleibt abzuwarten. Österreich setzt sich für deren gänzliche Abschaffung ein.
Schlankere Taxonomie & mehr Rüstung
Die Anwendung des zentralen Regelwerks, der EU-Taxonomie-Verordnung, soll für Unternehmen vereinfacht werden. Weniger Verwaltungsaufwand soll die EU wieder wettbewerbsfähiger machen – ohne die EU-Klima- und Umweltziele zu vernachlässigen. Gleichzeitig keimt im Zusammenhang mit der europäischen Verteidigungsfähigkeit die Diskussion auf, ob Investitionen in die Rüstungsindustrie als nachhaltig gelten können. Dafür müssten die ESG-Kriterien allerdings sehr situationselastisch ausgelegt werden.
Omnibus-Paket für Vereinfachungen
Anfang 2025 kündigte die EU-Kommission deutliche Vereinfachungen der Pflichten zur Nachhaltigkeitsberichterstattung CSRD sowie der EU-Berichtsstandards ESRS an. Um Zeit für das Überarbeiten zu schaffen, wurde die Anwendung der CSRD vorsorglich verschoben. Ebenfalls bereits verschoben wurde die Anwendung der EU-Lieferketten-Richtlinie CSDDD, die Unternehmen zu umfassenden Sorgfaltspflichten in ihren globalen Wertschöpfungsketten verpflichten sollte. Gewichtige politische Akteure wie der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Kanzler Friedrich Merz fordern gar deren komplette Abschaffung.
Zugeständnisse an Autoindustrie
Die Absatzflaute bei Elektro-Pkw veranlasste die europäische Autoindustrie zur Forderung, die strengen, ab 2025 geltenden Flottenverbrauchsziele aufzuweichen. Auch hier fand die EU-Kommission keine andere Lösung, als einzuknicken und die CO2-Flottenemissionsziele auf die Jahre 2025 bis 2027 zu strecken. Kritiker dieses Entgegenkommens sehen damit die Abkehr vom Verbrenner-Aus ab 2035 eingeläutet.
Vertreter der schwächelnden Autoindustrie, wie Mercedes Bank-Chef Ola Källenius, sprechen sich, wie n-tv berichtete, bereits klar gegen das Verbrenner-Verbot aus, das dem Klima gar nichts nützen würde und den europäischen Automarkt kollabieren ließe. Elektroautos sollten durch niedrige Strompreise an Ladesäulen und Steuervorteile gefördert werden. Eine wohl nicht ganz uneigennützige Forderung.
Vieles auf dem Prüfstand
Abseits der öffentlichen Wahrnehmung wird beispielsweise überlegt, die Richtlinie über Umweltaussagen (Green Claims Directive) aufzugeben und es bei der bereits in Kraft befindlichen neuen EU-Konsumentenschutz-Richtlinie zu belassen. Im Finanzbereich befindet sich die Offenlegungsverordnung SFDR in Überarbeitung, da sich unter anderem die EU-Klassifizierung für nachhaltige Finanzprodukte (Artikel 8/9-Produkte) als Fehlkonstruktion erwiesen hat.
Clean Industrial Deal
Sogar der Kommission selbst scheint der Grüne Deal mittlerweile zu grün zu sein. Der neue gemeinsame EU-Fahrplan heißt daher „Clean Industrial Deal“. Bemerkenswert ist, dass dieser bereits in der Überschrift die Wettbewerbsfähigkeit vor die Dekarbonisierung stellt. Das Zieldatum der Dekarbonisierung 2050 bleibt aufrecht, wird in dem 30-seitigen Dokument allerdings nur mehr ein einziges Mal erwähnt.
Foto: AdobeStock / AI.noevation
Alpbach-Echo: Einigkeit und Arbeit
Florian Beckermann. Das „schönste Blumendorf Europas“ Alpbach in Tirol ist alljährliche Heimstätte des gleichnamigen Europäischen Forums. Heuer zum 80. Male trifft sich eine Mixtur aus Wirtschaftsführern, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Herausgefordert von 500 jungen Stipendiaten und mehr als 4.000 Besuchern über drei Wochen hinweg zu Diskussion und Austausch – fachübergreifend, offen und zuweilen provokativ. Ein spannendes Format abseits herkömmlicher Konferenzen. Eine organisatorische Mammutleistung von vielen freiwilligen Helfern und Sponsoren.
Was schallt aus Alpbach heraus? Das Motto „RechargeEurope“ bildete einen vielseitigen Reflexionsspielraum, der das Gefühl vieler Teilnehmer für Europa und Österreich etwas Aufladendes tun zu müssen, gut umfasste. So war es kaum verwunderlich, dass das Thema „Sicherheit“ im geopolitischen Kontext einen weiten Raum einnahm. Überschattet und verwoben mit dem globalen Impact „Trump“. Die Politik des US-Präsidenten lieferte unendlichen Stoff für politische und wirtschaftliche Diskussionen. Ihr folgte eine vergebliche (europäische) Suche nach Verständnis – selbst der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz fand kaum rationale Antworten.
So blieb die wichtige Erkenntnis, dass Europa, angesichts seiner Größe und Kraft, durch Einigkeit diese Aufgaben bewältigen kann – ein arbeitsreicher Prozess. Zuletzt vor zehn Jahren war die Unterstützung der Integration der EU innerhalb Bevölkerung so hoch. Eine Chance „endlich den Job zu machen“ (Andreas Treichl). Bundespräsident Alexander van der Bellen setzt dazu einen markigen Motivationssatz, der vielen Teilnehmern im Gedächtnis blieb: „Let‘s keep going“ – im Bezug auf geopolitischen Durchhaltewillen oder den Umweltschutz mag er Recht haben, wirtschaftlich darf man auf Innovation hoffen.
Österreichs globale Wichtigkeit ist übersichtlich. Die heimische Kleinkrämerei überwiegt im Tagesgeschäft. Für junge (und alte) Teilnehmer keine zufriedenstellende Situation, ein typischer Diskussionsbedarf. Kritik: Da hilft es natürlich kaum, wenn sich heimische Politiker in einen Event setzen und diesen nach eigenem Statement aufgrund von „Terminen“ vorzeitig verlassen. Für Frontalkommunikation kommt kaum jemand nach Alpbach. Positiv: Ohne inhaltliche Vernachlässigung, wurde die Situation der Ukraine weniger emotional diskutiert. Eine sinnvolle Entwicklung.
Dieses Jahr fand das Forum erstmalig unter der Führung des ehemaligen Vize-Präsidenten des Europaparlaments Othmar Karas statt, der von Erste-Group-Doyen Treichl den Posten zu Anfang des Jahres übernommen hatte. Während Treichl in der Vergangenheit oft mit Gänsehaut-Reden Stimmung entfachte und durch seine liberale Rationalität begeistern konnte, bringt Karas die Aura des erfahrenen politischen Arbeiters mit – eine Schlüsselqualifikation.
Fazit: Alpbach ist ein Unikum. Es muss immer wieder neu mit Leben gefüllt werden, es muss sich rechnen, darf sich nicht zerfleddern. Insofern ist es Europa ziemlich ähnlich. Da kennt sich Karas aus. Man darf auf 2026 gespannt sein.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
US-Aktien: Chancen jenseits der Tech-Giganten
Ein Gastkommentar von Shep Perkins, Chief Investment Officer Putnam, Teil von Franklin Templeton.
(27.08.) Hohe Bewertungen und makroökonomische Unsicherheiten könnten die Aktienmärkte vor Herausforderungen stellen, allerdings sehen wir auch positive Trends. Bislang war der Aktienmarkt 2025 von einer „zweiseitigen“ Volatilität geprägt. Auf die historisch starken Verluste Anfang April folgte eine bemerkenswerte Erholung und Rekordhochs für den S&P 500 Index und den Nasdaq zur Jahresmitte.
Auch die Anlegerstimmung war „zweigeteilt“ – sie schwankte innerhalb kurzer Zeit zwischen extrem pessimistisch und optimistisch. Derzeit scheinen die Märkte außerhalb der USA mehr Rückenwind zu haben als die US-Märkte. Zu diesem Rückenwind zählen höhere Staatsausgaben, ein schwacher US-Dollar, nachlassender Inflationsdruck, Zusagen für höhere Staatsausgaben und im Vergleich zu US-Aktien niedrige Bewertungen.
Gewinne entscheidend für die Aktienkurse
Für Anleger ist es wichtig, dass sich eine Vielzahl negativer Szenarien nicht bewahrheitet hat. Trotz der historisch niedrigen Verbraucherstimmung sind die Konsumausgaben in den USA insgesamt stabil geblieben. Trotz der Zölle ist die Inflation unter Kontrolle geblieben. Und wir sehen stabile Schätzungen für ein zweistelliges Wachstum für die Kalenderjahre 2025 und 2026.
Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten.
Darüber hinaus gibt es weiterhin Fragen zur Nachhaltigkeit der Ausgaben für künstliche Intelligenz (KI) und zum Wachstum der Infrastruktur sowie zu den Auswirkungen des Einsatzes von KI-Anwendungen auf die Unternehmen. Da die Unternehmen mit KI und der Unsicherheit hinsichtlich der Zölle zu kämpfen haben, halten sie sich mit Investitions- und Einstellungsentscheidungen zurück.
Was das verabschiedete „Big Beautiful Bill”-Gesetz angeht, so war es für den Anleihemarkt bislang eher enttäuschend. Angesichts der steigenden Defizite der US-Regierung könnte eine Veränderung der Stimmung jedoch zu höheren langfristigen Anleiherenditen führen, was wiederum den Aktienmarkt belasten würde.
Das KGV des S&P 500 liegt bei mehr als dem 20-fachen der optimistischen Gewinnschätzungen für 2026. Wenn Aktien teuer sind, kommt es auf die Gewinne – und das Gewinnwachstum – an. Da das Aufwärtspotenzial für die KGVs gering ist, werden die Gewinne für den Rest des Jahres entscheidend für die Aktienkurse sein.
Meta profitiert vom Produktivitätsanstieg durch KI
Ein zentrales Ziel der Agenda von US-Präsident Trump ist die Wiederbelebung der Industrieproduktion, des verarbeitenden Gewerbes und des Bergbaus in den USA. Während die Debatte über die besten Strategien zur Erreichung dieses Ziels weitergeht, dürften diese Bemühungen an Dynamik gewinnen, auch wenn ihre Auswirkungen nicht in allen Regionen gleich sein dürften.
Unter den US-Aktien werden die größten Chancen in den Sektoren Industrie, Rohstoffe und Versorger erwartet, insbesondere durch den Bau neuer Produktionsanlagen und die Beschaffung von Energie für deren Betrieb. Während traditionelle Fertigungsbranchen wie die Automobilindustrie oft die Schlagzeilen dominieren, liegt der strategische Fokus zunehmend auf Branchen wie KI, Halbleiter, Biopharma (einschließlich Impfstoffe) und kritische Mineralien. Diese Sektoren gelten im Gegensatz zu den weniger strategischen Konsumgüterbranchen als entscheidend für die nationale Sicherheit und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.
Trotz der makroökonomischen Herausforderungen sehen wir viele vielversprechende Trends für Aktien. So machen beispielsweise Large-Cap-Unternehmen weiterhin einen bemerkenswerten zweistelligen organischen Umsatz.
KI bietet überzeugende Chancen, die über den Technologiesektor hinausgehen. KI entwickelt sich in atemberaubendem Tempo und bietet Anlegern neue Gruppen potenzieller Gewinner und eine Vielzahl potenzieller Anwendungsfälle. Die DeepSeek-Panik zu Beginn des Jahres scheint längst vergessen, da die Investitionspläne im Bereich KI unvermindert voranschreiten und die Prognosen für die Investitionsausgaben steigen. Meta Platforms beispielsweise profitiert eindeutig vom Produktivitätsanstieg durch KI und verzeichnet ein beschleunigtes Umsatzwachstum und eine höhere Produktivität. Bei der Bewertung von Unternehmen ist die Frage entscheidend, ob KI eine Chance oder eine Bedrohung darstellt – welche Unternehmen werden davon profitieren und welche werden davon beeinträchtigt sein? Die Antworten darauf werden sich in den kommenden Quartalen und Jahren zeigen.
Mit einem Ausblick erwarten wir, dass aktive Manager von einer größeren Streuung der Renditen am Aktienmarkt profitieren könnten. Bislang übertreffen in diesem Jahr etwa 45 % der Aktien den S&P 500 Index.2 Dies ist zwar historisch gesehen normal, aber im Vergleich zum Vorjahr, als nur 19 % der Aktien eine Outperformance erzielten, bemerkenswert. Bemerkenswert sind auch die unterschiedlichen Renditen der „Magnificent Seven“ im Jahr 2025 nach ihrer bemerkenswerten Outperformance und Dominanz in den Jahren 2023 und 2024. Zwar werden uns in den kommenden Monaten weiterhin volatile Märkte und Unsicherheiten begleiten, doch ebenso attraktiv bleiben die Chancen für aktive Anleger, die sich auf Fundamentalanalysen konzentrieren.
Schnäppchenjagd am Immo-Markt
In welchen Regionen Anleger in Österreich am günstigsten investieren können.
Patrick Baldia. Schön langsam kommt der heimische Immobilienmarkt wieder in Schwung. Zumindest verdichten sich die Anzeichen, dass der Tiefpunkt, der seit dem Sommer 2022 anhaltenden Krise, tatsächlich überwunden ist. Wer etwa im ersten Halbjahr 2025 eine Immobilie gekauft hat, musste um 0,3 % mehr auf den Tisch legen als am Ende des Vorjahres, wie der Wohnimmobilienpreisindex der OeNB aufzeigt. Am Wiener Markt belief sich das Plus sogar bei 0,8 %. Zur Erinnerung: Seit dem Beginn des Zinsanhebungszyklus der EZB im 3. Quartal 2022 bis Ende 2024 haben die Immobilienpreise österreichweit um 5 % nach unten korrigiert.
„Die Eiszeit auf dem Immobilienmarkt wurde im ersten Halbjahr beendet“, meint Matthias Reith, Senior Ökonom für den österreichischen Wohnimmobilienmarkt bei Raiffeisen Research. Er mahnt allerdings weiter zur Vorsicht, denn die Erholung sei keine Einbahnstraße, wie leicht rückläufige Preisdaten für das 2. Quartal 2025 vor Augen führen würden. Für eine nachhaltige Trendwende würden jedoch die gesunkenen Zinsen und vor allem die gestiegenen Einkommen sprechen. Für das Gesamtjahr rechnet der Analyst jedenfalls mit leicht steigenden Preisen – erstmals seit 2022.
Vor allem in demographischen Hotspots wie Wien, Innsbruck und Salzburg-Stadt, wo die Nachfrage nach Wohnraum hoch ist und – bei gleichzeitig knappem Angebot – weiterwächst, erwartet man bei Raiffeisen Research steigende Immobilienpreise. Anders ausgedrückt: Bereits Teures sollte schneller wieder teurer werden. Weniger groß sind daher die Chancen in Wien zu einem Schnäppchen zu kommen, wo der Quadratmeter laut einer Studie von ImmoScout24 aktuell 6.615 Euro kostet. Daraus ergebe sich ein durchschnittlicher Preis von 463.000 Euro für eine 70-Quadratmeter-Wohnung, so die Studienautoren. Deutlich weniger kostet ein Objekt derselben Größe nur in Bezirken wie Rudolfsheim-Fünfhaus (375.808 Euro), Favoriten (403.262 Euro) oder der Brigittenau (416.737 Euro).
Tipp: Burgenland
Schnäppchenjäger sollten sich also abseits der betretenen Pfade bzw. in entsprechender Entfernung zu den Ballungszentren bewegen und etwa ihre Fühler ins Burgenland auszustrecken, wo laut Raiffeisen Research aktuell für den Quadratmeter Einfamilienhaus im Schnitt 2.760 Euro verlangt werden. Nirgendwo sonst in Österreich kostet es weniger, sich den Traum vom Haus im Grünen zu verwirklichen. Besonders günstig sind die Preise im Burgenland in den Bezirken Oberpullendorf (2.049 Euro pro Quadratmeter), Güssing (2.134 Euro), Jennersdorf (2.227 Euro) und Oberwart (2.260 Euro).
Neben dem Burgenland gehören Kärnten und die Steiermark zu den günstigsten heimischen Bundesländern. In der grünen Mark lag der Quadratmeterpreis laut RE/MAX Ende des Vorjahres bei 2.795 Euro. Einfamilienhäuser wechseln dort für typischerweise 265.880 Euro den Besitzer. Deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegen die Bezirke Bruck-Mürzzuschlag (211.729 Euro), Voitsberg (208.244 Euro) und Südoststeiermark (205.432 Euro). Wohnungen kosten in der grünen Mark im Schnitt 177.877 Euro. Im Murtal hingegen rund 100.908 Euro, in Bruck-Mürzzuschlag nur 90.822 Euro.
Zu den Kärntner-Schnäppchentipps für Wohnungssuchende der RE/MAX-Experten gehören wiederum Hermagor, wo im Vorjahr jede vierte gehandelte Wohnung billiger war als 99.000, in Völkermarkt unter 90.000 und in St. Veit günstiger als 70.000 Euro. Wer ein Einfamilienhaus bevorzugt, musste dafür in Wolfsberg weniger als 185.500 Euro auf den Tisch legen. In Völkermarkt und in Feldkirchen sogar weniger als 150.000 bzw. 147.742 Euro.
Foto: AdobeStock / jPhoto 5000
Ohne Netz keine KI
Datenzentren werden zu „Ankerkunden“ der Stromwirtschaft – mit Preisrisiken für Haushalte und Industrie.
Michael Kordovsky. Künstliche Intelligenz wächst nicht nur mit mehr Rechenchips, sondern vor allem auch mit Stromverbrauch. Laut International Energy Agency (IEA) in ihrer Publikation „Electricity 2024 – Analysis and forecast to 2026” lag der weltweite Strombedarf von Rechenzentren im Jahr 2022 bei 460 TWh und könnte im Jahr 2026 mehr als 1.000 TWh erreichen, was in etwa dem Stromverbrauch Japans entspricht. Treiber dieser Dynamik ist dabei die KI.
Der Aufstieg des „Ankerkunden“: Zahlen, Trends, Hotspots
In Irland sind die Dimensionen bereits sichtbar: Datenzentren verbrauchten 2024 rund 22 % des Landesstroms. Bis 2026 könnten es laut IEA bereits 32 % sein. Bereits im Juni 2023 waren in Irland 82 Datenzentren in Betrieb, 14 weitere im Bau und für 22 Projekte waren bereits 40 weitere genehmigt. Irlands Netzbetreiber EirGrid kalkuliert im mittleren Szenario für den Zeitraum 2023 bis 2034 mit einem Anstieg der Stromnachfrage um 45 % und die Spitzennachfrage wird bis 2034 voraussichtlich um 24 % (gegenüber 2023) steigen. Die Folgen: Zwar sind für den Zeitraum 2028 bis 2032 unter normalen Bedingungen ausreichend Kapazitäten für den Betrieb des Systems gegeben. Aber unter schwierigen Bedingungen entsteht eine Lücke von 600 bis 800 MW. Von 2032 bis 2034 werden in beiden Szenarien zusätzliche Kapazitäten im Bereich von 100 bis 1.000 MW benötigt.
Auch Deutschland ist ein Hotspot. Laut Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz benötigten Rechenzentren und kleinere IT-Anlagen in Deutschland bereits 2024 20 TWh Strom, was rund 4 % des deutschen Bruttostromverbrauchs von 2023 entsprach. Im Jahr 2030 werden es bereits 31 TWh sein, u.a. getrieben von KI und dem Cloud-Boom.
In den USA wird im gewerblichen Sektor im Jahr 2025 mit einer Steigerung des Stromabsatzes um 3 % gerechnet – und 2026 bereits um 4,5 %, was vor allem auf die höhere Nachfrage von Rechenzentren zurückzuführen ist. Ein Bericht des US- Energieministeriums gelangt zu dem Ergebnis, dass Rechenzentren im Jahr 2023 etwa 4,4 % des gesamten Stromverbrauchs der USA ausmachten und bis 2028 voraussichtlich etwa 6,7 bis 12 % ausmachen werden.
Preise, Netzausbau, Versorgung: Wer zahlt die KI-Skalierung?
Wird der „Ankerkunde Datenzentrum“ zum Preismacher? Drei Mechanismen sprechen dafür:
• Netz- & Erzeugungsausbau: Neue Kraftwerkskapazitäten, Reserveleistung, Transformatoren und Leitungen verursachen enorme Investitionskosten. Diese werden über Netzentgelte und Tarife auf alle Verbraucher verteilt. Hinzu kommt, dass Netzbetreiber im Zuge der KI-Skalierung oftmals kurzfristig zusätzliche Reservekraftwerke vorhalten müssen, um Lastspitzen abzufangen. Das treibt die Systemkosten weiter nach oben. Beispiel Irland: Der Netzbetreiber EirGrid warnt vor Kapazitätsengpässen und organisiert Auktionen, zur Sicherung von Kapazitäten vier Jahre im Voraus (T-4-Auktionen), die von Stromerzeugern gegen Kapazitätszahlungen angeboten werden.
• Lastspitzen & Lokalisierung: Große Cloud-Konzerne („Hyperscaler“) siedeln ihre Rechenzentren bevorzugt an wichtigen Netzknoten an, also dort, wo große Stromleitungen zusammenlaufen. Dadurch konzentriert sich der Stromverbrauch auf wenige Punkte. Da Rechenzentren Gleichstrom für Server und Kühlung benötigen, steigt der Stromverbrauch lokal besonders stark. Bis 2030 können sich die Lasten in KI-optimierten Zentren sogar vervielfachen. Das erhöht den Bedarf an Regelenergie und lässt Spitzenstrompreise an bestimmten Standorten überdurchschnittlich steigen.
• Kostenverschiebung: Große Cloud-Anbieter bauen immer mehr Rechenzentren, die viel Strom verbrauchen. Große Unternehmen sichern sich über PPAs (Power Purchase Agreements) oder eigene Aggregate Verfügbarkeit. Die Kosten für Netzausbau, Reservekraftwerke und Netzsteuerung werden in der Regel über alle Tarife verteilt. Haushalte zahlen also mit. Laut einer Analyse der N.C. State University und der Carnegie Mellon University wird die steigende Zahl von Rechenzentren über das gesamte US-Bundesgebiet bis 2030 voraussichtlich zu einem Anstieg der Stromkosten um durchschnittlich 8 % führen. Dieser Preisanstieg könnte in Hotspots für Rechenzentren sogar noch höher ausfallen, beispielsweise um bis zu 25 % in Nord-Virginia, wo sich einige der höchsten Konzentrationen von Rechenzentren befinden.
Drei Stellschrauben gegen die KI-Preisspirale
Damit KI nicht zur Preisfalle für Haushalte und Mittelstand wird, braucht es drei Ansätze.
Erstens Effizienz: Rechenzentren müssen ihren Energieverbrauch senken, z.B. durch bessere Kühlung, höhere Serverauslastung oder Abwärmenutzung in Stadtquartieren.
Zweitens Flexibilität: Lasten können in wind- oder sonnenreiche Stunden verschoben werden. Speicher (große Batterien oder Wasserstoff-Tanks) und Co-Location mit erneuerbaren Energien (z.B. Datenzentrum neben Windpark) stabilisieren zusätzlich.
Drittens faire Kostenregeln: Netzgebühren und Tarife müssen so gestaltet sein, dass Großkunden einen angemessenen Anteil für Reservierungen und Spitzenlasten zahlen. Nur wenn Effizienz, Flexibilität und Fairness zusammenspielen, bleibt Digitalisierung bezahlbar und die Energiewende auf Kurs.
Foto: Wikimedia / Cabramon
Oberbank mit optimistischem Ausblick
CEO Franz Gasselsberger zeigt sich anlässlich der Halbjahresergebnisse positiv gestimmt.
Tibor Pásztory. Eine positive Grundstimmung herrscht beim nie um ein deutliches Wort verlegenen Oberbank CEO Franz Gasselsberger. Die Ergebnisse des ersten Halbjahres stimmen ihn zufrieden, und – wichtiger noch – detto der Ausblick. Vor allem die Kernkapitalquote ist abermals (auf 18,8 %) gestiegen, das Eigenkapital insgesamt um 5,4 % auf 4,18 Milliarden Euro. „Das Eigenkapital befindet sich auf europäischem Spitzenniveau“, kommentiert Gasselsberger dies selbstbewusst. Den Lohn hierfür stellt ein Single-A Rating von Standard & Poor’s dar.
Stabile Daten
Auch mit dem operativen Ergebnis zeigt sich der Bankchef zufrieden, obwohl das Zinsergebnis aufgrund der Zinssenkungen um 4,8 % und, ganz allgemein, der Überschuss vor Steuern um 9,2 % auf 235 Millionen Euro zurückgegangen ist. Warum?
Die Antwort liegt in der Positionierung der Bank sowie den einzelnen Strängen des Bankgeschäftes: Das Dienstleistungsgeschäft hat sich hervorragend entwickelt, die Kundenanzahl im Private Banking liegt erstmals bei mehr als 10.000, die Cost-Income-Ratio im niedrigen 40er-Bereich und die Liquiditätsausstattung nennt Gasselsberger „exzellent“. Vor allem aber, erklärt er, muss eine Bank, die Geld verleiht, einen Überschuss an Einlagen einnehmen, um von der Spanne leben zu können. „Einlagen first!“ nennt er das im O-Ton. Und das tut die Bank, da die Kundeneinlagen um 5,6 % auf mehr als 20 Milliarden Euro gestiegen sind. Ergänzt man diese um die Wertpapierdepots, kommt die Bank auf betreute Kundengelder in Höhe von knapp 41,7 Milliarden Euro. In der Folge ist auch das Provisionsergebnis im zweistelligen Prozentbereich gestiegen.
Kreditfinanzierungen wieder beliebt
Auf der anderen Seite erwies sich das Kreditportfolio (um 4,2 % auf 21,45 Milliarden Euro gestiegen) als sehr stabil und die NPL-Quote daher mit 2,99 % als sehr niedrig. Dies liegt sicher auch daran, dass die Oberbank im Gegensatz zu diversen Großbanken ihr Filialnetz nicht ausdünnt, sondern ausweitet. So habe man mehr direkten Kontakt zu Kunden und könne diese besser einschätzen (und umgekehrt). In Österreich habe man mit 91 Filialen den Plafond erreicht, in den anderen betreuten Märkten Deutschland, Tschechien und Ungarn sind aufgrund eines sehr guten Geschäftsverlauf weitere Filialen geplant.
Umfeld und Ausblick
Gasselsberger ist sich sehr sicher, dass sich das zweite Halbjahr sehr gut entwickeln wird: „Der gordische Knoten scheint gelöst zu sein.“ Sowohl bei Kommerzkrediten als auch im privaten Wohnbau herrsche wieder eine gestiegene Nachfrage. Doch auch die beste Bank kommt nicht an den Rahmenbedingungen vorbei. International hänge natürlich viel von der US-Zollpolitik ab, trotzdem sei Europa zurück. Vor allem vom deutschen Infrastrukturpaket wird Stimulierung erwartet.
Kritik und Wünsche
Nicht ganz so sicher ist sich der CEO allerdings bei den notwendigen Reformen in Österreich: „Ich hätte die großen heißen Eisen gleich angegangen“, beantwortet er unverblümt eine Frage des Börsen-Kurier und meint damit Staatsausgaben, Steuern und Pensionen. Jetzt diskutiere die heimische Politik lieber über Teilzeit und lasse wertvolle Zeit verstreichen. Dafür sei die Erhöhung der Bankenabgabe überfallsartig gewesen. Überraschend zufrieden zeigt er sich mit der Finanzmarktaufsicht. Diese tue nur ihre Pflicht, „vielleicht mit manchmal ein bisschen mehr Augenmaß“, äußert er einen frommen Wunsch.
Zurück zur Bank: Der Generationswechsel in der Bank sei mehr oder weniger vollzogen, und nächstes Jahr feiere man 40 Jahre an der Börse. Angestrebt würde eine Kernkapitalquote von 19 % und eine Bilanzsumme von mehr als 30 Milliarden Euro. Damit falle die Bank unter eine Direktbeaufsichtigung durch die EZB. Längerfristig, in der Strategie 2030, soll die Dividendenausschüttung sukzessive in Richtung 2 Euro steigen.
Foto: Joachim Haslinger
Entwürdigend: Die virtuelle Hauptversammlung.
Florian Beckermann. Das Format der rein virtuellen Hauptversammlung hat nach dem Ende der Covid19-bedingten Zwangs-Virtualität in Österreich seine Relevanz verloren. Gerade einmal eine Gesellschaft – Frauenthal AG – nutzt diese Art der Versammlung. Was dort geschieht, muss man hinterfragen. So sehr ärgert die Szenerie und die Darstellung des Aktionärs.
Vorab: Es ist kaum nachvollziehbar warum eine Gesellschaft, bei der in den letzten physischen Versammlungen kaum 30 Personen zugegen waren, auf ein virtuelles Format insistiert. Einen Marketing-Zweck kann man ausschließen – mit IT hat Frauenthal nur als Anwender durchaus positive Erfahrung. Ferner mag man sich auch fragen, warum die Einberufung zwei Monate vor der Versammlung erfolgte, wo sonst durchaus kürzere Fristsetzungen üblich sind. Warum der ursprüngliche Hauptversammlungstermin nicht genutzt wurde, ist ähnlich rätselhaft. Es konnte übrigens kein Streubesitzaktionär namhaft gemacht werden, der sich vorab für eine virtuelle Hauptversammlung ausgesprochen hätte. Objektiv betrachtet, riecht die Szenerie nach Aktionärsvermeidung.
Doch dies lässt sich nach dem österreichischen Gesetz für virtuelle Hauptversammlungen nicht gänzlich umgehen. Auch wenn dem Aktionär nicht die gleichen Rechte zukommen, wie bei einer Präsenzversammlung – eine der großen Baustellen und signifikanten Rechtsunsicherheiten dieses Formats. Gesetzgeber und Höchstgerichte werden damit irgendwann Arbeit bekommen. Sohin hat das virtuelle Format ein Geschmäckle schlechter Governance …
Konkret: Gerade eine Handvoll Aktionäre waren anwesend. Über hundert Interessierte waren eingeloggt (Gruß an die Beraterszene). Die Präsentation war solide. Mit dem Beginn der Diskussion zeigte sich, dass das gesamte Pre-HV-Set-Up ein juristisches Wünsch-Dir-Was bliebt. Beispielsweise wurde keine Frage vor dem HV-Tag eingereicht. Die Videoverbindungen kamen zustande oder auch nicht – unzählige Versuche scheiterten, insbesondere bei einem älteren Aktionär. Ein unwürdiges technisches Schauspiel, dass die inhaltliche Tragweite der Aktionärsfragen und Reden massiv erodierte. So etwas ist niemandem zuzumuten. Gerade dann, wenn er auch noch dafür bei seiner Bank und indirekt bei der Gesellschaft dafür zahlt!
Doch dem nicht genug: Unterbrechungen, vage Antworten, wieder Unterbrechungen usw. ziehen jedem Aktionär den Geduldszahn am Bildschirm. Das Warten auf das Abstimmungsergebnis wird zur Laptop-Akku-Challenge. Die Nachvollziehbarkeit einer Abstimmung in Präsenz hat mit der virtuellen Durchführung gar nichts gemein. Wo ist die Transparenz?
Fazit: Frauenthal Kernaktionär und CEO Hannes Winkler hat die Gesellschaft mit fulminanter Management-Cleverness optimiert. Es bleibt offen, warum dieser Erfolg nicht am Kapitalmarkt zur entsprechenden Würdigung reicht. Verstecken muss er ihn keinesfalls. Die HV-Posse wird auch ihm nicht gerecht. Einstweilen steht er noch im Wege, dem Wege der virtuellen Hauptversammlung ins juristische Nimmerwiedersehen-Depot.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Warum Anleger auf US Mid-Cap-Aktien setzen sollten
Ein Kommentar von Dina Ting, Leiterin des Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton.
(12.08.) Angesichts der anhaltenden Entwicklung des US-Aktienmarktes bieten Mid-Cap-Aktien aktuell attraktive Anlagechancen. Das Marktsegment ist aufgrund seiner einzigartigen Position besonders gut positioniert, um vom Wachstum der Industrie, von Infrastrukturinvestitionen und von technologischen Fortschritten zu profitieren.
Im Rahmen seiner Neuausrichtung der „America First“-Politik bringt Donald Trump weiterhin neue oder verbesserte Anreize und Subventionen zur Förderung der heimischen Produktion auf den Weg. Mid-Cap-Unternehmen in den USA scheinen von diesen wachstumsfördernden Maßnahmen zu profitieren. Mittelständische Unternehmen, die oft flexibler und anpassungsfähiger sind als ihre größeren Konkurrenten, sind unserer Meinung nach wichtige Nutznießer der erneuten Fokussierung auf die Wettbewerbsfähigkeit der USA. Sie befinden sich in einer einzigartigen Position, um von der wachsenden Nachfrage nach in den USA hergestellten Gütern und Infrastrukturlösungen in einem von Reshoring und Energieunabhängigkeit geprägten wirtschaftlichen Umfeld zu profitieren. Durch gezielte Steuererleichterungen, Deregulierung und die Fokussierung auf die heimische Produktion bieten diese Unternehmen unserer Ansicht nach attraktive Wachstumschancen.
Industriewerte machen derzeit fast 22 % des US-Mid-Cap-Segments aus (gemessen am S&P Midcap 400 Index), verglichen mit nur etwa 8,5 % für den S&P 500 Index. Diese Sektor-Gewichtung versetzt Midcaps in die Lage, erheblich vom erwarteten Infrastrukturboom zu profitieren, da das US Congressional Budget Office in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr feststellte, dass sich die Infrastrukturinvestitionen bis 2033 voraussichtlich auf bis zu 1 BioUSD belaufen werden, wobei erhebliche Beiträge aus den Bereichen Transport, Energie und Technologie kommen werden.
Ein Markt im Wandel
Der US-Aktienmarkt hat in den vergangenen zehn Jahren einen bemerkenswerten Wandel durchgemacht. Die Dominanz von Big Tech hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Nur noch 155 Aktien im S&P 500 repräsentieren heute die oberen 70 % der Marktkapitalisierung – gegenüber 274 Unternehmen vor einem Jahrzehnt. Der Aufstieg der Mega-Cap-Technologieunternehmen hat diese Verschiebung weitgehend vorangetrieben, wobei die „Magnificent Seven“ inzwischen jeweils einen Marktwert von über 1 BioUSD haben.
Doch genau diese Konzentration kann auch an anderer Stelle Chancen schaffen. Da sich institutionelle und private Anleger in die größten Namen gedrängt haben, wird unserer Meinung nach die mittlere Marktschicht zunehmend übersehen. Das Mid-Cap-Universum selbst ist seit 2015 von mehr als 620 auf etwa 410 Bestandteile geschrumpft, was unserer Analyse zufolge ein selektiveres, aber potenziell lohnendes Chancenspektrum für anspruchsvolle Anleger bietet. Darüber hinaus deutet die historische Tendenz zur Rotation der Marktführerschaft im Laufe der Zeit darauf hin, dass die jahrzehntelange Dominanz von Mega-Caps möglicherweise nicht unbegrenzt bestehen bleibt.
Während der Mid-Cap-Index seit Jahresbeginn schlechter abgeschnitten hat als Large Caps, hat er gegenüber kleineren Unternehmen seine relative Stärke beibehalten. US-Midcaps schnitten in den Zeiträumen von drei, fünf und zehn Jahren bis Mitte 2025 besser ab als Small Caps. Wenn man weiter herauszoomt, zeigt sich, dass die annualisierte Rendite für Mid Caps (9,27 %) seit Juni 2000 die von Small Caps (8,98 %) und Large Caps (7,96 %) übertroffen hat. Darüber hinaus übertrafen sie Large Caps in 301 Monaten (von Juni 2000 bis Juni 2025) in 65 % der Fälle über einen monatlichen rollierenden Zeitraum von fünf Jahren.
Wir glauben, dass der Mid-Cap-Bereich eine überzeugende Schnittstelle zwischen Chancen und Wandel darstellt. Er umfasst schnell wachsende Unternehmen, die vor nicht allzu langer Zeit Small Caps waren, gefallene Large Caps, die sich durch vorübergehende Herausforderungen kämpfen, und Spin-offs, die neue unabhängige Einheiten schaffen. Wir sehen, dass diese Dynamik zu einer sich ständig weiterentwickelnden Landschaft von Anlagemöglichkeiten führt. Die Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) von „Big Tech“ kurbeln die nachgelagerte Nachfrage an, wovon industrielle, technologienahe Midcaps profitieren. Unserer Meinung nach sind Mid-Cap-Aktien, die an KI-Infrastruktur, Rechenzentrumskomponenten oder Automatisierungstechnologie gebunden sind, gut positioniert, um von dieser breiteren Investitionswelle zu profitieren.
Da Midcaps kleiner sind, können sie sich schnell anpassen und schlankere Strukturen nutzen, um Innovationen voranzutreiben. Wir glauben, dass sie damit für ein potenziell nachhaltiges Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in einer KI-gesteuerten Wirtschaft gerüstet sind.
Bewertungen und Chancen
Die aktuellen Marktbedingungen haben auch zu einer bemerkenswerten Bewertungsstreuung geführt. Mid-Caps werden derzeit auf Kurs-Gewinn-Basis (KGV) mit einem Abschlag von fast 31 % gegenüber Large Caps gehandelt. Für Anleger mit einem längerfristigen Horizont könnte diese Bewertungsdivergenz einen überzeugenden Einstieg in übersehene Qualitätsunternehmen darstellen, die bisher von der Fokussierung des Marktes auf Mega-Cap-Titel überschattet wurden.
Mid-Cap-Aktien sind für Anleger, die über die aktuellen Marktfavoriten hinausblicken, eine attraktive Chance. Sie ermöglichen es, differenzierte Renditen und Risikopositionen zu erzielen, und lassen sich gut mit dem aktuellen „Made in America“-Trend vereinbaren. Gleichzeitig können Anleger von attraktiveren Bewertungen und Wachstumsfaktoren profitieren.
Echter Luxus ist besser gegen Zollbelastungen gewappnet
Ein Marktkommentar von Rebecca Irwin, Portfoliomanagerin des PGIM Jennison Global Equity Opportunities Fund bei Jennison Associates.
(18.08.) Zölle, Handel und geopolitische Unsicherheit belasten die globalen Aktienmärkte. Trotz eines EU-US-Handelsabkommens bleibt das Gesamtumfeld äußerst unsicher.
Unternehmen aus vielen Branchen dürften es zunehmend schwer haben, Margen zu halten oder die Endnachfrage zu sichern. Allerdings sind nicht alle Sektoren und Unternehmen gleichermaßen betroffen, sondern unterschiedlich stark verwundbar.
Ein gutes Beispiel ist der globale Luxusmarkensektor. Auch wenn es in einer Welt höherer Zölle schwierig bleibt, sich anzupassen, sind einige Luxusunternehmen – insbesondere jene an der absoluten Spitze des Marktes – besser in der Lage, anhaltende Belastungen abzufedern. Andere hingegen sehen sich gleichzeitig mit Margendruck und nachlassender Nachfrage konfrontiert.
Unterschiede im Luxussegment erkennen
Es ist wichtig, zwischen verschiedenen Arten von Luxusunternehmen zu unterscheiden. Viele profitieren von einem langjährig gewachsenen, beständigen Markenwert. Zudem hat der Aufstieg von Direktvertriebsmodellen den Unternehmen größere Kontrolle über Lagerbestände und Preise verschafft.
Diese Preissetzungsmacht ist dabei ein entscheidender Vorteil in einem Umfeld, in dem Zölle die Rentabilität direkt schmälern können. Im Vergleich zu anderen Branchen sind Luxusunternehmen mit starkem Markenwert in der Regel besser in der Lage, zollbedingte Mehrkosten an ihre Kunden weiterzugeben.
Dennoch sind nicht alle Luxusunternehmen gleich aufgestellt: Firmen mit geringerem Markenwert oder einer breiteren, preisempfindlicheren Zielgruppe haben es deutlich schwerer, ihre Preissetzungsmacht zu halten und Kosten weiterzugeben.
Preissetzungsmacht und Umsatzdynamik halten
Zölle bergen sogenannte „Risiken erster Ordnung“ – direkte Kostensteigerungen bei Importwaren – und „Risiken zweiter Ordnung“, etwa makroökonomische Folgewirkungen. So kann sich die Frage stellen, ob höhere Zölle zu einer Konjunkturabkühlung und damit zu sinkender Nachfrage führen.
In einem schwächeren Nachfrageumfeld werden nur die widerstandsfähigsten Luxusmarken ihre Preissetzungsmacht und ihre Verkaufsdynamik halten. Dies sind die Unternehmen an der Spitze der Luxuspyramide – Marken mit außergewöhnlichem Markenwert, begrenztem Angebot und weltweiter Bekanntheit. Hermès und Ferrari ragen hier besonders heraus.
Zwar entging die EU der angedrohten 30-prozentigen Zollerhöhung auf US-Importe, doch für viele europäische Unternehmen stieg der Zollsatz von zehn Prozent auf 15 Prozent. Bereits der frühere Satz von zehn Prozent veranlasste die meisten Luxusfirmen, ihre US-Preise um vier bis fünf Prozent anzuheben – und so die Kostensteigerung weitgehend ohne größere Beeinträchtigungen aufzufangen.
Bedeutung von Knappheit und starker Markenidentität
Noch ist es früh, doch bislang haben die US-Konsumenten ihr Kaufverhalten vor dem Hintergrund dieser Preisanpassungen nicht merklich verändert, und die Premium-Positionierung des Sektors bleibt vorerst erhalten. Ein besonders interessantes Beispiel liefert Ferrari: Ferrari ist ein Luxusunternehmen, dass sozusagen „zufälligerweise“ Autos verkauft, womit es in einer anderen Schublade steckt als andere Luxusunternehmen. Ferrari unterlag in den USA einem Zollsatz von 25 Prozent, erhöhte die Preise um zehn Prozent und verbuchte den Rest der Mehrkosten als Aufwand. Nun profitiert das Unternehmen von der Senkung der Zölle auf 15 Prozent. Trotz der Preiserhöhung blieb die Nachfrage stabil – dank des auf Knappheit ausgerichteten Geschäftsmodells, der Preissetzungsmacht und der starken Markenidentität.
Nicht alle Luxusunternehmen sind gleich widerstandsfähig
Marken aus dem zugänglicheren oder Massenluxussegment stehen vor größeren Hürden. Sie sprechen eine breitere Kundenschicht an, die preisempfindlicher ist, und haben es schwerer, Kosten weiterzugeben.
Auch Unternehmen, die ihre Preise während der Pandemie zu stark angehoben haben, verfügen heute über weniger Spielraum. Wenn die Preisakzeptanz der Kunden bereits ausgereizt wurde, lassen sich in einem zollgetriebenen Inflationsumfeld weitere Erhöhungen nur schwer durchsetzen.
Anleger müssen daher sorgfältig zwischen echtem Luxus und Massenprestige unterscheiden. Unternehmen mit starker Markentradition, direktem Vertrieb und Preissetzungsmacht sind deutlich besser gerüstet, um die kommenden Herausforderungen zu meistern. Für andere hingegen könnten steigende Kosten und ein sich wandelndes Konsumverhalten weitaus einschneidender wirken.
Weltmarktführer fürs Portfolio
An der Wiener Börse notiert eine stattliche Zahl an global führenden Nischenplayern.
Patrick Baldia. Dass die Exportwirtschaft der wichtigste Impulsgeber der österreichischen Konjunktur ist, steht für Experten außer Frage. Letztere soll laut Wifo-Prognose 2025 – auch nach zwei Jahren Rezession – weiter stagnieren und erst im kommenden Jahr wieder an Fahrt gewinnen.
Und auch der diesjährige Ausblick der Ökonomen für die Exportwirtschaft ist eingetrübt. Kein Wunder angesichts der vielen geo-politischen Risiken und vor allem der laufenden Neuausrichtung der internationalen Handelspolitik. Ganz zu schweigen von der im internationalen Vergleich hohen Inflation, die die Wettbewerbsfähigkeit und die Absatzmöglichkeiten schmälert.
Maßgeblich getragen wird die Exportindustrie von heimischen KMU. Nicht selten handelt es sich dabei um sogenannte „Hidden Champions“. Laut wissenschaftlicher Definition bzw. dem deutschen Unternehmensberater und ehemaligen Wirtschaftsprofessor Hermann Simon gehören dazu Unternehmen, die einen Jahresumsatz von weniger als 3 Milliarden Euro aufweisen, zu den drei größten in einem Marktsegment in Europa oder weltweit gehören sowie inhabergeführt sind.
Heimische „Hidden Champions“ zeichnet nach Georg Jungwirth von der Fachhochschule der Wirtschaft Graz wiederum die Tätigkeit in einem Nischenmarkt aus, in dem man weltweit zu den Top 3 zählt oder in Europa Marktführer ist, einen Jahresumsatz von weniger als 300 Millionen Euro aufweist und der breiten Öffentlichkeit weitgehend nicht bekannt ist. Darüber hinaus sind diese Unternehmen fast durchwegs im B2B-Bereich aktiv, am häufigsten im Maschinenbau, der Metallverarbeitung und der Elektronikindustrie.
Sich auf die Top Player in einer Nische zu konzentrieren, ist jedenfalls aus Anlegersicht einleuchtend: Marktführer auf internationaler Ebene wird man nicht, wenn man nicht auch für hohe Qualität steht. Einen Haken gibt es aber bei der Sache: die meisten „Hidden Champions“ notieren nicht an der Börse – auch hierzulande. Nach internationaler Definition gibt es jedoch an der Wiener Börse eine stattliche Zahl an „Hidden Champions“. Auch wenn KMU-Experte Jungwirth wohl per Definition eher von „Weltmarktführern“ spricht.
SBO: vielversprechend
Zu diesen Weltmarktführern, konkret im Bereich Hochpräzisionsteile aus hochlegiertem Stahl (bei Schlüsselkomponenten für die Ölindustrie gehört man zu den führenden Anbietern), zählt SBO. An der Börse war das Unternehmen mit Sitz im niederösterreichischen Ternitz zuletzt weniger gut unter-wegs, auf Ein-Jahres-Sicht steht ein Minus von fast 12 % zu Buche. Die Analysten der Erste Group stufen die langfristigen Aussichten dennoch als „vielversprechend“ ein, „untermauert durch die Flexibilität, Innovationsführerschaft und die wachsende Präsenz im Nahen Osten und Asien“, so Expertin Vladimira Urbankova.
Andritz, Palfinger und Co.
Wie SBO zählt auch Andritz zu den aktuellen Top-Picks der Erste Group. Das steirische Unternehmen zählt zu den der weltweit führenden Lieferanten von unter anderem Anlagen, Ausrüstungen und Serviceleistungen für Wasserkraftwerke, die Zellstoff- und Papierindustrie, die metallverarbeitende Industrie und die Stahlindustrie.
Eine weitere Kaufempfehlung: Palfinger, und damit der Weltmarktführer von Ladekranen, Forst- und Recyclingkranen, Marinekranen, Windkranen, Hooklifts und Eisenbahnsystemen. Immerhin „Akkumulieren“ lautet wiederum die Einschätzung für AT&S, einem der weltweit führenden Hersteller von Leiterplatten und IC-Substraten.
Ein paar weitere versteckte Weltmarktführer: Frequentis, Kapsch TrafficCom, Mayr-Melnhof, Rosenbauer und Wienerberger.
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Was neue US-Zölle für Europa bedeuten
Moderate Zölle sind verkraftbar, aber ein Zollkrieg gefährdet das Wachstum.
Michael Kordovsky. In der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump wurde aus einem Streit um Handelsdefizite mit der Volksrepublik China rasch eine Serie von Strafzöllen. 2018 traf es Solarzellen, Waschmaschinen, Stahl und Aluminium. 2019 kühlte der globale Handel messbar ab und der weltweite Handelsumsatz in US-Dollar sank um 2,5 %. Parallel dazu verlangsamte sich das BIP-Wachstum in den USA von 3,0 auf 2,6 % und in China von 6,8 auf 6,1 %. Aktuell geht es hingegen um Zölle auf breiter Front. Historisch war in diesem Zusammenhang der 2. April als Trump neben einem pauschalen Zoll von 10 % auf Importgüter
60 Länder mit „reziproken Zöllen“ auf Grundlage des jeweiligen Handelsüberschusses konfrontierte – um diese dann am 9. April wieder für 90 Tage auszusetzen. Es gab dann noch ein weiteres „Gnadenmonat“, doch seit 7. August gelten neue Einfuhrzölle: Für Länder, mit denen die USA ein Handelsdefizit haben, sind 10 – 41 % vorgesehen. Für die meisten Einfuhren aus der EU liegt die neu ausgehandelte Obergrenze allerdings bei 15 %. Aber 50 % Zoll auf Stahl und Aluminium bleiben.
Besonders hart trifft es die Schweiz mit 39 %, zumal die USA im vergangenen Jahr mit 18,6 % der eidgenössischen Exporte das wichtigste Zielland waren. Die Exporte in die USA belaufen sich sogar auf knapp 7 % des BIP.
Vor allem Pharmaexporte sind für die Schweiz und auch die EU von Bedeutung. Im Jahr 2024 exportierten die EU-Länder laut Eurostat Pharmaprodukte im Wert von knapp 120 Milliarden Euro in die USA, importierten aber lediglich pharmazeutische Produkte im Wert von 46 Milliarden Euro aus den USA. Das ist Trump ein Dorn im Auge, weshalb er eine mögliche Zollanhebung von 150 und später sogar 250 % auf Pharmaimporte in den Raum stellte.
15 % Zoll noch zu verkraften …
Was bedeutet aber der jüngste Deal mit einem fast einheitlichen Zollsatz von 15 % und weiterhin 50 % für Stahl- und Aluminiumerzeugnisse für Europa und Österreich konkret? Die OeNB hat mit einem globalen Input-Output-Modell gerechnet. Ergebnis für Österreich ist ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,2 %. Dahinter verbergen sich unterschiedliche Brancheneffekte. Am stärksten ist die reale Wertschöpfung in der Herstellung pharmazeutischer und medizinischer Erzeugnisse mit -2,1 % getroffen, gefolgt vom Bereich „Kraftwagen und Kraftwagenteile“ mit -1,4 % und der Metallerzeugung und Metallbearbeitung mit -0,8 %. Für die Union insgesamt ergibt sich ebenfalls ein BIP-Rückgang um 0,2 % mit starken Unterschieden. Irland ist laut OeNB mit -1,2 % wegen der pharmazeutischen US-Exportstruktur am stärksten betroffen.
Für die gesamte Union liefert das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln eine Größenordnung: Bei einem Zollsatz von 15 % und gleichzeitigem zollfreien Zugang für die USA zum EU-Markt entstünden im Vergleich zu der Situation aus der Zeit vor der Wende der US-Handelspolitik (handelsgewichteter US-Zollsatz von 2,2 %) jährliche Kosten von rund 67 Milliarden Euro. In einem Szenario mit
Zöllen in Höhe von 35 % steigt der jährliche Verlust auf etwa 175 Milliarden Euro bzw. 1 % des BIP des Jahres 2024. Bei Vergeltungsmaßnahmen der EU wären es sogar rund 210 Milliarden Euro. Nicht berücksichtigt ist dabei eine weitere Eskalation gegenüber anderen Ländern wie etwa mit der Schweiz.
Größere Herausforderungen für Unternehmen
Der Blick auf die Konjunkturdynamik hilft bei der Einordnung: Höhere Zölle verteuern Importe und wirken kurzfristig inflationär. Mit abkühlender Nachfrage überwiegt jedoch eine disinflationäre Tendenz. Bei einer extremen Eskalation sind deflationäre Effekte nicht auszuschließen.
Für Unternehmen in Europa bedeutet das neue Umfeld drei Dinge: Erstens nimmt die Planungssicherheit ab. Ankündigungen, Aussetzungen und Neujustierungen kommen in kurzen Abständen. Zweitens nimmt der Druck zu, Lieferketten breiter aufzustellen. Drittens werden Verhandlungen über Ausnahmen und Schwellenwerte zum Teil des Tagesgeschäfts. Die Politik wird sich auf zwei Ebenen bewegen müssen, nämlich auf der einen Seite hinsichtlich der Verteidigung des Marktzugangs über Verhandlungen und auf der anderen Seite hinsichtlich gezielter Unterstützung jener Branchen, die von den aktuellen US-Zöllen am stärksten betroffen sind.
Unser Fazit
Handelskonflikte sind mehr als nur Schlagzeilen. Sie wirken messbar auf Wachstum, Preise und Investitionen und beeinflussen mittelfristig via zunehmender Ertragsbelastungen betroffener Firmen auch die Börsenkurse.
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Steyr Motors AG: mehr als nur eine a.o. HV
Der Motorhersteller ließ sich unter anderem ein Aktienoptionsprogramm genehmigen.
Cornelius Pirch. Nur 20 Aktionäre sowie der Börsen-Kurier hatten den Weg ins idyllische Steyr auf sich genommen, wohin der oberösterreichische Motorenhersteller zur außerordentlichen Hauptversammlung geladen hatte. Und das, obwohl die Tagesordnung fast schon jener einer ordentlichen Hauptversammlung entsprach, lediglich Gewinnverwendung sowie die Entlastungen der Organe fehlten.
Gutes erstes Halbjahr
Nach den üblichen Präambeln ergriff Alleinvorstand Julian Cassutti das Wort und ging kurz auf das erste Halbjahr ein, wobei er betonte, dass das Ergebnis den Erwartungen entsprach: „Unser Kurs wurde klar bestätigt, die Auftragslage ist mit 300 Millionen Euro bis 2030 hervorragend.“ Dazu merkte er an, dass sehr profitable Umsätze stichtagsbedingt ins zweite Halbjahr fallen, für das er eine steigende Profitabilität erwartet.
Dazu sieht er gute Chancen für kurzfristige Aufträge, vor allem durch das Sonderbeschaffungsprogramm der deutschen Bundeswehr, das ja die Anschaffung von mehreren Hundert Rad- und Kettenpanzern vorsieht.
Neuer Aufsichtsrat und Vorratsbeschlüsse
Im Anschluss gaben er und Aufsichtsratsvorsitzender Christian Klingler einige Erläuterungen zu den sechs Tagesordnungspunkten. „Sie werden verstehen, dass unser neuer Ankeraktionär, die B&C Holding, einen Sitz im Aufsichtsrat einnehmen möchte, darum soll heute Alexander Fitzka statt Philipp Berghofer, dem ich herzlich für seine Tätigkeit danke, in den AR gewählt werden“, erklärte Klingler. Die Punkte 2 bis 4 seien reine Vorratsbeschlüsse, wobei das Aktienoptionsprogramm zunächst nur für Cassutti gelten soll, sobald ein zweiter Vorstand gefunden ist, auch für diesen und „weitere leitende Angestellte“. Top 3 (bedingte Kapitalerhöhung) und 4 (Aktienrückkauf) sind für die Erfüllung des Programms vorgesehen.
Top 5, die Überarbeitung der Satzung sei unabdingbar, da in der alten Version nicht klar gewesen sei, ob die deutsche oder englische Fassung maßgeblich ist- Außerdem wurde sie gestrafft und an die üblichen Standards angepasst. Top 6 schließlich ist nur die Ergänzung des Prüfungsauftrags durch den Konzernabschluss an den in der ordentlichen Hauptversammlung gewählten Abschlussprüfer.
Nur ein Redner
Die folgende Generaldebatte wurde von einem einzigen Redner bestritten, der anmerkte, dass er das Optionsprogramm „engagiert“ finde, es aber dafür noch zu früh sei, da „so etwas erst ab einem Umsatz von 100 Millionen Euro üblich“ sei. Hier handle es sich um einen Anreiz für den Vorstand, erwiderte Klingler. „Er hat einen hervorragenden Job gemacht, soll das Wachstum weiter steigern und schließlich auch was davon haben.“
Warum im Programm eine Behaltedauer von nur einem statt sonst zwei Jahren und dafür ein (unübliches) Pönale von sechs Monatsgehältern und 20 % Zinsen stehe, wollte der Anteilseigner auch wissen. „Wir wollen nicht, dass kurzfristig Profit gezogen wird, und da ist ein Jahr völlig ausreichend“, erklärte Klingler. „Und das Pönale gehört halt auch dazu.“
Weiters folgte die unvermeidliche, aber verständliche Kritik an der Aufnahme der virtuellen Hauptversammlung in die Satzung, da dies „die Aktionäre eh net wollen“. Das sei inzwischen Standard, antwortete Klingler, außerdem gebe es internationale Investoren, die solche Regelungen „gern sehen“. „Wir wollen grundsätzlich die Hauptversammlung in Präsenz hier in Steyr abhalten, das versichere ich Ihnen, da müssen Sie sich keine Sorgen machen“, kalmierte der Aufsichtsratsvorsitzende.
Schlussendlich gab es noch Schmunzeln im Publikum, als Klingler die Frage, wer im Aufsichtsrat für den Streubesitz zuständig sei, mit „alle“ beantwortete.
Und so kam es nach etwas mehr als einer Stunde zu den Abstimmungen, wobei es bei der Wahl von Fitzka, dem Aktienoptionsprogramm und der bedingten Kapitalerhöhung rund 20 % Gegenstimmen gab, bei der Satzungsänderung aber nur 0,0091 %, was ob der Kritik doch etwas erstaunte.
Wie sich Investmentstrategien gezielt nutzen lassen
Derzeit prägt eine Vielzahl an Trends die Märkte. Heiko Geiger von Vontobel liefert Einblicke.
Raja Korinek. Die Unsicherheiten an den globalen Finanzmärkten dürften anhalten, wenngleich eine größere Korrektur bislang ausbleibt. Doch selbst solch ein Umfeld bietet Chancen etwa mit Zertifikaten, bei denen Anleger auf verschiedene Szenarien setzen können. Die Nachfrage nach solchen Wertpapieren sei jedenfalls anhaltend sehr groß, verweist Zertifikate-Experte Heiko Geiger (Foto) von der Bank Vontobel im Gespräch mit dem Börsen-Kurier auf aktuelle Entwicklungen in seinem Haus. Er hebt dabei einen Aspekt hervor und meint, dass seit April das Interesse an Anlageprodukten (Index-, Garantie- und Teilschutzprodukte) zwar leicht zurückgegangen sei. „Demgegenüber bleibt aber das Interesse an Hebelprodukten sehr hoch.“
Schwankungen bieten auch Chancen
Doch was steckt hinter dem aktuellen Trend? Auch hier liefert Geiger eine Antwort. „Anleger in Hebelprodukten mögen schwankungsintensive Märkte. Sie handeln die ganze Bandbreite an Anlageklassen von Aktien, über Indizes bis hin zu Währungen, Rohstoffen und Kryptowährungen.“ Neben der unsicheren Geopolitik habe dem Vontobel-Experten zufolge auch der erratische Regierungsstil des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump dazu geführt, dass solche Anleger sehr aktiv am Markt waren. Für das zweite Halbjahr werde es nunmehr entscheidend sein, ob die vielschichtige Unsicherheit bestehen bleibe.
„Darüber hinaus gilt es zu beachten, dass viele Märkte auf Allzeithochs notieren. Das könnte auf der einen Seite ein gewisses Korrekturpotenzial implizieren, auf der anderen Seite die Chance auf seitwärtstendierende Kurse eröffnen.“ In einer solchen Marktkonstellation könnten Anlageprodukte für seitwärtstendierende Märkte mit Barriere und begrenzter Partizipation als Aktienersatz sinnvoll erscheinen. Dazu zählen etwa Bonus- sowie Discount-Zertifikate. Bei beiden Produkten sind die Chancen nach oben begrenzt. Dafür winken bei einem Seitwärtstrend oder leicht sinkenden Kursen Renditechancen. Allzu stark dürfen die Basiswerte, auf die hierbei gesetzt wird, aber nicht sinken, da ansonsten auch die Produkte in die Verlustzone rutschen können – je nachdem, ob sich der Basiswert zum Laufzeitende der Zertifikate dann wieder erholt hat, oder nicht.
Welche Trends stehen im Fokus?
Darüber hinaus wird das aktuelle Umfeld von einigen Trends stark geprägt. „Einen direkten Zusammenhang von geopolitischen Konflikten und Anlegerverhalten sehen wir vor allem bei Edelmetallen und Rüstungsaktien“, präzisiert Geiger. Auf letzteren Sektor können Anleger zum Beispiel mit dem Solactive Europe Aerospace and Defense Indexzertifikat setzen. Darin sind zehn europäische Titel enthalten, die in der Verteidigungsbranche kräftig mitmischen. Zu den größten Positionen zählen Rolls Royce Holdings, Safran und MTU Aero Engines Holdings.
Auch das Thema Cyber Security wird immer wichtiger, mit dem auch zahlreiche Unternehmen zunehmend Geld verdienen. „Cyberangriffe sind heute keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. In dem Zusammenhang wird der Handlungsbedarf immer größer, da sich die Bedrohungslage stetig wandelt.“ Das Cyber-Security-Performance-Indexzertifikat setzt dabei auf 15 Branchenunternehmen fast ausschließlich aus den USA, mit kleinen Ausnahmen (Israel und Japan). Zu den größten Positionen im Index zählen Cloudflare, Cyberark Software und Zscaler. Verluste sind bei beiden Produkten möglich.
Foto: Vontobel
Russisches Roulette im Mietrecht
Die Immobilienbranche und vor allem ihre Proponenten stehen im Schmuddeleck. Wem ist die Schadenfreude und der Argwohn zu verdenken. Jahrelang hat die Branche von steigenden Preisen, Mieten, Renditen profitiert – selber schuld, wenn es ihr jetzt also schlecht geht. Und überhaupt brauchen „Miet-Haie“ keinen Schutz. Aber wie bei allem im Leben ist nicht alles schwarz oder weiß – spätestens seit „Soul Man“ (Kultfilm der 80er Jahre, Anm.) wissen wir, dass es alle möglichen Schattierungen in Grau gibt.
Und wer Eigentum hat, weiß, dass damit auch Verantwortung und Kosten verbunden sind. Immobilien müssen instandgehalten werden – auch das kostet Geld. Und wer keine entsprechenden (Miet-)Einnahmen hat, wird nicht investieren. Was insbesondere in Zeiten, in denen der Ruf nach nachhaltigen Immobilien immer lauter wird, ein Problem ist.
Dem nicht genug, hängt über jedem Mietvertrag das Damoklesschwert der ungültigen Klauseln, insbesondere dann, wenn der Mietvertrag zwischen einem Unternehmer und einem Mieter abgeschlossen und somit das Konsumentenschutzgesetz gilt.
Ganz wesentlich in jedem Mietvertrag, vor allem bei längerfristigen oder gar unbefristeten, ist die Wertsicherungsklausel: Die Miete soll, kommt es zu einer Anpassung des Verbraucherpreisindexes, ebenfalls entsprechend angepasst werden können und somit den Vermieter (ebenso wie den Mieter bei einer Deflation) vor einem Wertverlust schützen.
Wertsicherungsklauseln finden sich seit Jahrzehnten in Mietverträgen und hielten bis vor Kurzem auch oberstgerichtlicher Prüfung stand. Seit 2023 ergingen jedoch drei Entscheidungen, die Vermietern seither schlaflose Nächte bereiten: Wertsicherungsklauseln in Mietverträgen, die eine mögliche Indexierung in den ersten Monaten nicht ausschließen, verstoßen gegen § 6 Abs 2 Z 4 KSchG und seien daher unwirksam, da bei kundenfeindlichster Auslegung in den ersten beiden Monaten nach Vertragsabschluss eine Entgeltänderung eintreten könnte. Dies führt zum Ergebnis, dass ein Vermieter das Mietentgelt während der gesamten Laufzeit nicht anpassen darf und der Mieter rückwirkend bereits erfolgte Anpassungen zurückverlangen kann, und zwar für die letzten 30 (!) Jahre.
Nun hat der 10. Senat des OGH für Aufatmen gesorgt: § 6 Abs 2 Z 4 KSchG sei auf längerfristige Verträge nicht anwendbar, weil der Mieter gerade nicht darauf vertraut, dass sich die Miete nicht ändert. Diese Auslegung begründet der OGH auch damit, dass die Folge, nämlich der komplette Wegfall der Möglichkeit der Anpassung und die nachträgliche Rückforderung für bereits geleistete Mietanpassungen in keinem Verhältnis stünden und überschießend seien.
Es bleibt zu hoffen, dass ein anderer Senat des OGH nicht eine gegenteilige Auffassung vertritt. Dann müsste sich wohl irgendwann ein verstärkter Senat mit der Rechtsfrage der Anwendbarkeit der Regelung befassen. In der Zwischenzeit bleibt Vermietern geraten, ihre Verträge prüfen zu lassen.
Autorin Dr. Birgit Kraml, LL.M. ist Partnerin und leitet das Immobilienrechtsteam bei DLA Piper Rechtsanwälte in Wien
Die Weltwirtschaft dümpelt weiter vor sich hin
Ein Kommentar von Guy Wagner von BLI – Banque de Luxembourg Investments.
(04.08.) Die Weltwirtschaft dümpelt weiter vor sich hin, in Erwartung der Auswirkungen der jüngsten fiskalischen Unterstützungsmaßnahmen in den USA und Deutschland. Dies schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.
„Das annualisierte BIP-Wachstum der USA von drei Prozent im zweiten Quartal war auf einen ungewöhnlich hohen Beitrag des Handels zurückzuführen, da die Importe, die im ersten Quartal in Erwartung von Zöllen stark angestiegen waren, zurückgingen“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. „Der private Konsum wuchs nur um 1,4 Prozent, womit sich die bereits im ersten Quartal eingetretene Abschwächung fortsetzte.“ In der Eurozone konnte die Wirtschaft im zweiten Quartal eine Kontraktion vermeiden, da das BIP um 0,1 Prozent stieg, obwohl die Unterstützung durch die Exporte, die im ersten Quartal vor der Ankündigung der US-Zölle zugenommen hatten, wegfiel. In China wuchs das BIP zwischen April und Juni im Jahresvergleich um 5,2 Prozent und verzeichnete damit ein solides Wachstum, „das von widerstandsfähigen Exporten getragen wurde, während der Binnenkonsum aufgrund der fehlenden Erholung des Immobilienmarktes weiterhin fragil blieb“, so die Einschätzung des luxemburgischen Ökonomen. In Japan wird das Handelsabkommen mit den USA, das Zölle in Höhe von 15 Prozent vorsieht, kaum zu einer Verbesserung des Wirtschaftswachstums beitragen.
Inflation in Eurozone bleibt unverändert
In den USA zeigte die Einführung der Zölle einen ersten leichten Einfluss auf die Preisindikatoren im Juni. So stieg die Gesamtinflationsrate von 2,4 Prozent im Mai auf 2,7 Prozent im Juni. In der Eurozone blieb die Inflation im Juli unverändert. Die Gesamtinflationsrate lag bei 2,0 Prozent und die Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel bei 2,3 Prozent.
Keine Änderung bei Geldpolitik der US-Notenbank
Trotz des Drucks von Präsident Donald Trump änderte die US-Notenbank auf ihrer Juli-Sitzung nichts an ihrer Geldpolitik. Präsident Jerome Powell bekräftigte, wie schon bei der vorangegangenen Sitzung im Juni, seine abwartende Haltung, um beobachten zu können, welches der beiden Ziele – Vollbeschäftigung oder eine Inflationsrate von zwei Prozent – sich aufgrund der Preispolitik der neuen Regierung als stärker gefährdet erweisen wird. In der Eurozone ließ die Europäische Zentralbank ihren Einlagensatz unverändert bei zwei Prozent, nachdem sie ihn seit Juni 2024 bei fast jeder Sitzung gesenkt hatte. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte, dass die EZB mit dem derzeitigen Leitzinsniveau zufrieden sei, da das Inflationsziel von zwei Prozent wieder erreicht worden sei.
Wenig Bewegung an den Anleihemärkten
Die Anleihemärkte bewegten sich im Juli kaum. In den USA stieg die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe leicht und erreichte damit in etwa wieder das Niveau von Ende Mai. In der Eurozone war der Trend ähnlich, wobei die langfristigen Zinsen im Monatsverlauf in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien leicht anstiegen.
Technologie, Energie und Kommunikationsdienstleistungen mit bester Performance
Die Erholung der Aktienmärkte setzte sich im Juli fort und wurde von der anhaltenden Dynamik der Technologiewerte in den USA und der Finanzwerte in Europa angetrieben. Guy Wagner: „Die Steuersenkungen, die in den USA vom Kongress und vom Senat verabschiedet wurden, sowie die Tatsache, dass die ‚endgültigen‘ Zollsätze weniger hoch ausfielen als am ‚Liberation Day‘ angekündigt, lieferten das Narrativ für die Fortsetzung des Aufwärtstrends.“ So stieg der Weltaktienindex MSCI All Country World Index Net Total Return in Euro, unterstützt durch den starken US-Dollar, im Monatsverlauf um 4,0 Prozent. Auf regionaler Ebene stiegen der S&P 500 in den USA, der Stoxx Europe 600, der japanische Topix und der MSCI Emerging Markets Index. „Auf Sektorenebene verzeichneten Technologie, Energie und Kommunikationsdienstleistungen die beste Performance, während sich Materialien, Gesundheit und Basiskonsumgüter am ungünstigsten entwickelten.“
Capital Group zur Leitzinsentscheidung der Fed
Kommentare zu Makroökonomie, Aktien und Anleihen der Capital Group. (30.07.)
Makroökonomischer Kommentar
Robert Lind, Ökonom bei Capital Group, sagt:
„Die volle Wirkung der jüngsten Handelsabkommen ist noch nicht spürbar, sodass die Geldpolitik weiterhin zwischen einer nachlassenden Konjunktur und dem Risiko anhaltender Inflation abwägen muss. Die US-Notenbank hat aktuell eine neutrale Haltung eingenommen, dennoch sind wir im Hinblick auf das globale Wachstum verhalten optimistisch.
Gleichzeitig zeigen sich erste Anzeichen einer Abschwächung in der US-Wirtschaft. Die Auswirkungen der Zölle dürften die Inflation zusätzlich anheizen und gleichzeitig das Wachstum bremsen, was den Druck auf die Fed erhöhen dürfte. Eine moderate Lockerung der Geldpolitik im weiteren Jahresverlauf erscheint möglich, auch wenn der Spielraum begrenzt sein könnte, sollte sich die Inflation als hartnäckiger erweisen als erwartet.
In Europa rechnen wir ebenfalls mit einer leichten Lockerung der Geldpolitik, um den Auswirkungen der Zölle und einer starken Währung gegenüber dem US-Dollar entgegenzuwirken. In Japan dürfte sich hingegen der Kurs einer schrittweisen Straffung fortsetzen. Insgesamt bleibt das globale geldpolitische Umfeld uneinheitlich. Anleger sollten aufmerksam verfolgen, wie die Zentralbanken das Spannungsfeld zwischen Inflationsrisiken und Konjunkturstützung steuern.“
Kommentar zu den Aktienmärkten
Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, sagt:
„Die Führungsrolle an den Aktienmärkten hat sich in diesem Jahr allmählich über US-amerikanische und technologieorientierte Unternehmen hinaus ausgeweitet. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob dieser Trend anhält. In einem von Unsicherheit geprägten Umfeld sollten sich Anleger nicht auf eindeutige Szenarien festlegen, sondern widerstandsfähige Portfolios aufbauen, die in unterschiedlichen Marktzyklen, Regionen und Stilrichtungen bestehen können. Flexibilität und Diversifikation sind entscheidend, um sich in einem potenziell volatileren und strukturell veränderten Marktumfeld zurechtzufinden. Unternehmen mit globaler Präsenz, breit aufgestellten Einnahmequellen und anpassungsfähigen Lieferketten könnten besonders gut gerüstet sein, um auf sich wandelnde geopolitische und handelsbezogene Rahmenbedingungen zu reagieren.“
Kommentar zu den Anleihemärkten
Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group, sagt:
„Obwohl die Fed bei ihrer jüngsten Zinssitzung beschlossen hat, die Zinsen unverändert zu lassen, bleibt die Möglichkeit von Zinssenkungen bei den kommenden Sitzungen bestehen. Die Fed balanciert dabei zwischen nachlassenden Konjunkturdaten und dem Risiko anhaltender Inflation. Ein unterstützender geldpolitischer Zyklus dürfte weiterhin qualitativ hochwertige Kreditengagements begünstigen.“
Abgesehen von einem kurzzeitigen Ausverkauf im April nach dem Liberation Day haben sich Kreditbewertungen als widerstandsfähig erwiesen, gestützt durch starke technische Faktoren. Hohe Liquidität, signifikante Barmittel am Seitenrand und anhaltende politische Unterstützung führen weiterhin zu einer Verengung der Risikoprämien und dämpfen die Volatilität. Diese Dynamik kann dazu beitragen, die Spreads trotz wirtschaftlicher Unsicherheit relativ eng zu halten. In einem solchen Umfeld ist eine durchdachte Positionierung entscheidend. Der Fokus auf qualitativ hochwertige Anleihen kann Portfolios schützen und gleichzeitig laufende Erträge bieten. Da die Märkte anfällig für plötzliche Richtungswechsel sind, bleiben Selektivität und Flexibilität von zentraler Bedeutung. Eine wichtige Lehre aus der jüngsten Volatilität ist der Wert einer soliden defensiven Allokation zur Glättung der Renditen. Wir sind überzeugt, dass qualitativ hochwertige Anleihen hierfür gut geeignet sind.
Die zugrunde liegende Stärke im Kreditbereich wird durch solide Unternehmensdaten und einen robusten Konsum gestützt – trotz handelspolitischer Unsicherheiten. Im Bereich Investment-Grade-Unternehmensanleihen sind die Kreditkennzahlen im historischen Vergleich besonders stark. Chancen ergeben sich in Segmenten wie europäischen Banken, US-Energieversorgern und der Pharmaindustrie. Diese Anleihen bieten zudem Duration, was bei einer anhaltenden wirtschaftlichen Abkühlung hilfreich sein kann. Vor dem Hintergrund gesunder Unternehmensbilanzen und eines widerstandsfähigen Konsums sind wir überzeugt, dass qualitativ hochwertige Anleihen weiterhin die defensive Stütze liefern können, die Portfolios benötigen.“
Weshalb Künstliche Intelligenz treibende Kraft bleibt
Turbulenzen werden die Märkte noch länger prägen, Chancen sollten gezielt genutzt werden.
Raja Korinek. Der Antritt des US-Präsidenten Donald Trump zu seiner zweiten Amtszeit hat tiefe Spuren auf den internationalen Märkten hinterlassen. Allein der Liberation Day am 2. April, an dem höhere Zölle verkündet wurden, löste einen Crash aus. Es war zugleich der Startschuss für den Abwärtstrend beim US-Dollar. Europäische Aktien hatten begonnen, den US-amerikanischen Pendants davonzuziehen.
Einzig, völlig überraschend kamen die hohen Schwankungen nicht, konstatiert Anita Frühwald, Country Head Austria & CEE bei der BNP Paribas Asset Management, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. „Die meisten Investoren hatten mit Trumps Aktionen gerechnet.“ Letztendlich hätten sich viele der „Sorgenkinder“, so etwa eine Rezession aufgrund des US-Handelskonflikts, aber auch eine Eskalation im Nahostkrieg, ohnedies nicht materialisiert. Frühwald mahnt jedoch vor Euphorie: „Eine erhöhte Volatilität dürfte uns noch länger begleiten, wenngleich wir insgesamt mit einem positiven Trend an den Börsen rechnen.“
Zollverschiebung verunsichert
Damit dürfte die langjährige Expertin recht behalten. Allein die Ankündigung Trumps, die EU-Zölle in Höhe von 15 %, die am 1. August hätten in Kraft treten sollen, um eine Woche zu verschieben, löste erneut ein Verkaufswelle aus. Dabei dürften die Zölle zahlreiche große europäische Exporteure eher treffen, ein Umstand, der allmählich der Outperformance europäischer Aktien der vergangenen Monate einen Dämpfer verpassen dürfte. Dennoch sollten Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben allein in Deutschland eine Stütze vor allem in den entsprechenden Sektoren bieten.
Frühwald nennt zudem Eigenschaften, die ihr am US-Markt besonders gefallen. Dazu zählen die niedrigeren Energiepreise, Deregulierung aber auch der Fiskalstimulus. Tatsächlich sieht Trumps jüngstes Steuerpaket – das „One Big Beautiful Bill“ – jede Menge Vergünstigungen vor. Auch weitere Unternehmensübernahmen sollten zu einem insgesamt positiven Umfeld beitragen. Vor allem die US-Technologiebörse Nasdaq steht dabei im Fokus. „Der Technologiesektor ist vom Zollstreit weniger betroffen, da die Umsätze mit Dienstleistungen erzielt werden.“ Auch die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) sieht Frühwald als wichtigen Treiber. Schon jetzt macht sich dies in den Zahlen bemerkbar.
KI ist der Wachstumstreiber
So vermeldete Microsoft gute Geschäfte mit Produkten zur Nutzung von KI. Im Geschäftsjahr 2024/25 verdiente der Konzern insgesamt 102 MrdUSD, ein Plus von 16 % im Jahresvergleich. Die Suchmaschine Google setzt inzwischen auf einen KI-Assistenten. Und Apple zeigt sich offen für Zukäufe im Bereich der KI. Der iPhone-Hersteller musste zugleich eine KI-Version der Sprachassistentin Siri auf 2026 verschieben.
Doch auch der Blick auf die Emerging Markets kann sich lohnen. An der Börse im Reich der Mitte könnte ebenfalls der Technologiesektor die Nase vorne haben. „Die Ankündigung von Deep Seek vor einigen Monaten verdeutlichte den Fortschritt des Landes in Bezug auf KI.“ Der breite Markt dürfte sich hingegen eher mau entwickeln. Frühwald führt dies auf die anhaltende Zurückhaltung chinesischer Konsumenten aufgrund des schwachen Immobiliensektors zurück. Die Regierung dürfte daher auch weiterhin die Binnennachfrage stimulieren, verweist die Expertin auf weitere mögliche Eingriffe. Alles in Allem dürfte der Herbst turbulent bleiben. Chancen sollten langfristig und selektiv genutzt werden.
Foto: Adobe Stock / Supatman
Geht Dax-Rekordjagd im zweiten Halbjahr weiter?
Wie Anleger auch von einem seitwärts tendierenden oder fallenden Markt profitieren.
Patrick Baldia. Der Höhenflug des Dax hat sich auch zu Beginn des dritten Quartals weiter fortgesetzt. Am 9. Juli stieg der deutsche Leitindex auf den neuen Rekordstand von knapp 24.480 Punkte. Damit wurden allein seit Jahresbeginn mehr als 30 (!) neue Allzeithochs gefeiert. Und dass obwohl der Dax Anfang April nach der Ankündigung neuer Zölle durch US-Präsident Donald Trump zwischenzeitlich die 20.000-Punkte-Grenze nach unten durchbrach. Auch der Anfang vergangener Woche verkündete Zoll-Deal zwischen den USA und der EU, der vor allem in Deutschland viel kritisiert wird, scheint bislang keine gröberen Spuren zu hinterlassen.
Nach dem besten ersten Halbjahr seit der Finanzkrise, der vor allem auf Zuflüsse aus Übersee zurückzuführen ist und in dem sich Anleger auf konjunktursensible Sektoren wie Energie, Industrie und Finanzen (Top-Performer in Q2/2025: Siemens Energy, Rheinmetall und Commerzbank) konzentriert haben, stellt sich die Frage, ob es in einer ähnlichen Tonart weitergehen wird? Zuletzt haben sich die Stimmen gemehrt, die zur Vorsicht mahnen oder zumindest über die Sommermonate, von einer Konsolidierung ausgehen. Aber auch gröbere Turbulenzen können in den kommenden Wochen und Monaten angesichts der erratischen Wirtschaftspolitik von Trump und der Vielzahl an aktuellen globalen Herausforderungen keineswegs ausgeschlossen werden.
Für Optimisten: Indexzertifikate
Gerade in so einem schwierigen Umfeld wie derzeit können Zertifikate mit ihren unterschiedlichen Charakteristiken der richtige Zugang sein, wenn man Einzelaktien als zu riskant einstuft. Für all jene, die auf eine wirtschaftliche Erholung bzw. einen weiter steigenden Markt setzen, bieten sich Partizipationszertifikate an, die den Dax 1:1 abbilden. Dazu gehört etwa das Index-/Partizipations-Zertifikat „Long DAX (TR) EUR“. Philipp Arnold, Head of Department Certificates Sales & Marketing beim Emittenten Raiffeisen Zertifikate, spricht von einem „absoluten Klassiker“ mit dem man auch von Dividenden „voll profitiert“. Ein weiteres Beispiel: das Partizipationszertifikat auf den Dax 40 von Société Générale Zertifikate.
Wer wiederum eine Verschnaufpause des Dax bzw. seitwärts tendierende, leicht fallende oder leicht steigende Kurse erwartet, könnte zu Bonus-Zertifikaten greifen. Bewegt sich der deutsche Leitindex über die Laufzeit hinweg innerhalb einer vorab bestimmten Kursspanne, erhält der Anleger einen Bonusbetrag – vorausgesetzt die bei der Emission definierte Barriere wird nicht berührt oder unterschritten. In diesem Fall entspricht die Rückzahlung am Laufzeitende der Performance des Dax.
Mit dem Bonus-Zertifikat auf den Dax von Vontobel erhält man etwa 260 Euro falls bis zum Ende des letzten Handelstags (20.3.2026) die Barriere von 18.000 Euro nicht berührt wird. Mit etwas mehr Risiko ist das Dax-Bonus-Zertifikat von Goldman Sachs verbunden, bei dem Anleger 480 Euro ausbezahlt bekommen sofern bis zum Laufzeitende am 20.3.2026 die Barriere von 19.600 Euro unberührt bleibt.
Foto: Börse Frankfurt / Gerald Schilling
ATX: Der jahrelang unterschätzte Index
Wien warf „unter dem Radar“ in fünf Jahren mehr Rendite ab als der Dax.
Harald Kolerus. Das kann sich sehen lassen: Der ATX TR (also inklusive Dividenden) legte in den vergangenen fünf Jahren mehr als 160 % zu, der Dax schaffte im selben Zeitraum „nur“ rund 95 % – ebenfalls unter Berücksichtigung der Ausschüttungen. Lässt man die Dividenden weg, kommt der ATX im selben Zeitraum auf gerundet 115 %, der Dow Jones, eine der weltweit am meisten beachteten Benchmarks, auf 70 %.
Wobei man hinzufügen muss, dass die Wiener Börse auch schon schlechtere Zeiten gesehen hat, so litt sie aufgrund der starken Bindung an CEE überproportional unter dem Ukraine-Krieg, auch die Corona-Pandemie haben andere Indizes besser überstanden. Wie geht es also in Wien weiter? Zu dieser Frage versammelte das Finanzjournalistenforum Bernhard Haas (Fondsmanager Erste Stock Vienna und RT Österreich Aktienfonds), Paul Pichler (Fondsmanager LLB Aktien Österreich) und Dietmar Rupar (Geschäftsführer des Fondsverbandes VÖIG) um den runden Tisch.
Eine Frage der Zölle
Ein großer Teil der Diskussion drehte sich um den Zoll-Konflikt. Die Teilnehmer stellten fest, dass die Auswirkungen auf ATX-Unternehmen sehr unterschiedlich ausfielen. Pichler: „Die AMAG hat ein Werk in Kanada und ist somit von 50-%igen Zöllen betroffen; Palfinger profitiert hingegen davon, dass man über ein Werk in den USA verfügt.“ Haas brachte ein weiteres Beispiel: „Die Hälfte der Produktion der Voestalpine, die in den USA verkauft wird, erfolgt in den Vereinigten Staaten, die andere Hälfte hat in den USA wenig Konkurrenz und die Zölle können zu einem Gutteil weitergegeben werden. Financials sind ohnedies nur sehr indirekt von den Zöllen betroffen.“
Wobei ja manche Beobachter behaupten, dass Donald Trump die EU-Kommissionspräsidentin Von der Leyen bei den Verhandlungen in Schottland „über den Tisch gezogen“ hätte. Den Börsen-Kurier interessierte, inwiefern die Runde diese Meinung teilt? Darauf Haas: „Es ist natürlich schwierig, Kritik auszusprechen, wenn man nicht selbst mit am Verhandlungstisch gesessen ist. Der USA-EU-Deal erscheint jedenfalls nicht unähnlich zu jenem mit Japan. Sehr wichtig ist, dass europäische Unternehmen im Vergleich zu der internationalen Konkurrenz nicht schwer benachteiligt werden. Wenn alle Länder Zölle im Bereich von 10, 11 oder 15 % entrichten müssen, kann das mit gewissen Einschränkungen an die Endkunden weitergegeben werden – das ist manageable. Wenn ein Land 50 % zahlen müsste und ein anderes beispielsweise 15 %, wäre das hingegen eine zu starke Verzerrung.“ Pichler fügte hinzu: „Die EU hat nicht einen gleich starken Hebel wie etwa China und spricht auch nicht immer in einer Sprache. Angesichts dessen liegt das Übereinkommen wohl nahe am bestmöglichen Szenario. Ein Deal ist besser als noch mehr zerbrochenes Porzellan.“
Attraktiv bewertet
Abgesehen davon spricht für den ATX die günstige Bewertung mit einem KGV von 11. Einen gewissen Rückenwind könne man sich auch von den massiven Konjunkturpaketen Deutschlands erwarten. Für sein Allzeithoch aus dem Jahr 2007 fehlt dem ATX noch ein Kursanstieg von 10 %. Auch hier werde man ein neues Hoch sehen, waren sich die Experten einig – wann, das wisse nur die „Glaskugel“. Positiv erwähnt wurden Einzelwerte wie Do & Co, Andritz, OMV, Kontron und als Turnaround-Case Agrana.
Charttechnisch gesehen befindet sich der ATX seit der April-Korrektur im Aufwärtstrend, die gute Performance macht kurzfristige Gewinnmitnahmen wahrscheinlich, langfristig spricht aber vieles weiterhin für Wien.
Gefährlich: Beschlüsse am Aufsichtsrat vorbei
Das Treffen von Beschlüssen am Aufsichtsrat vorbei bedeutet in der Regel, dass der Vorstand Entscheidungen trifft, für die – laut Gesetz, Satzung oder Geschäftsordnung – eigentlich die Zustimmung des Aufsichtsrats erforderlich gewesen wäre. Trotz der Klarheit ist das immer wieder ein Diskussionspunkt für Aktionäre: Geht das überhaupt? Konsequenzen?
Aufhänger ist die kürzliche Diskussion um die neue „Kapitalallokation“ des Vorstands der Voestalpine. Der Gesamtaufsichtsrat wurde erst zwei Tage nach der Ad-hoc-Meldung dazu informiert – ein Graubereich des Möglichen. Nicht immer leicht zu entscheiden. Selbst scheinbare Standards können zu Streit führen …
1. Unternehmensakquisition ohne Zustimmung: Ein Vorstand beschließt den Kauf eines anderen Unternehmens, obwohl die Satzung oder der Katalog zustimmungspflichtiger Geschäfte vorgibt, dass der Aufsichtsrat zustimmen muss. Beispiel: Ein Vorstand eines ATX-Konzerns übernimmt ein vielversprechendes Start-up für 50 Millionen Euro, obwohl ab 25 Millionen Euro die Zustimmung des Aufsichtsrats nötig ist. Der Wert des Start-ups liegt deutlich höher, ein sehr gutes Geschäft. Was tun?
2. Veräußerung wesentlicher Vermögenswerte: Verkauf von Tochtergesellschaften, Immobilien oder Maschinenparks ohne Zustimmung. Beispiel: Ein Vorstand verkauft eine profitable Tochtergesellschaft, um kurzfristig Liquidität zu sichern, ohne den Aufsichtsrat zu informieren. Eine Rettungsmaßnahme in der Krise ist so denkbar. Falsch?
3. Dividenden und krumme Bilanzen: Im Fall Wirecard zeigte sich besonders deutlich, wie gravierend das Versagen bzw. die Umgehung des Aufsichtsrats sein kann. Zwar bestand formal ein Aufsichtsrat, jedoch hat er seine Kontrollpflichten unzureichend wahrgenommen – insbesondere bei der Prüfung der Bilanzen und zentraler Entscheidungen des Vorstands. So wurden dort letztlich Bilanzen und Dividenden verabschiedet, deren Inhalte nicht ausreichend überprüft worden waren. Konsequenz war die gerichtlich festgestellte Unwirksamkeit, heute eine Säule der Anklagen gegen das Management.
5. Vergütungsentscheidungen für den Vorstand: Eigenmächtige Festlegung oder Veränderung von Vorstandsgehältern, Boni oder Abfindungen. Beispiel: Bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone im Jahr 2000 wurde u.a. heftig über millionenschwere Bonuszahlungen an Vorstände – etwa an den Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser – diskutiert. Der Vorwurf: Die Zahlungen seien ohne ausreichende Aufsichtsratsprüfung erfolgt und hätten den Aktiengesetz-Compliance-Rahmen möglicherweise überschritten. Strafanzeigen wegen Untreue, sowie das gesamte Zivilverfahren wurden letztlich eingestellt. Heute gibt es Claw-back-Klauseln in vielen Verträgen, die Rückforderungen einfacher werden lassen.
6. Strategische Richtungsentscheidungen: Grundlegende Strategieänderungen (z.B. Ausstieg aus einem Markt, Schließung von Werken), die eigentlich mit dem Aufsichtsrat abgestimmt werden müssten, markieren einen Graubereich. Zuletzt ist manchmal kaum ein Nachteil für ein Unternehmen festzustellen. Soll das ein Gericht entscheiden?
Juristische Folge: Neben der rechtlichen Anfechtbarkeit kommen zivilrechtliche oder gar strafrechtliche Haftungen. Der Aufsichtsrat kann den Vorstand abberufen oder abmahnen. Konsequenz: Für die Gesellschaft sind die Reputationsschäden durch solche Aktionen enorm. Der Vertrauensverlust bei Aktionären, der Öffentlichkeit und den Mitarbeitern ist kaum zu beziffern. Geschäftsordnungen und Beschlüsse haben nicht umsonst einen gewissen Formzwang – es sind Ableitungen aus einer Vielzahl von Informationen, Kompromissen und Balancen im Vorfeld. Eine Missachtung dessen, mag zwar im Einzelfall durchaus nachvollziehbar sein, der Beispieleffekt ist jedoch verheerend für den Aufsichtsrat und Vorstand.
Autor Florian Beckermann ist Präsident des IVA
„Wir rechnen mit einer Neubewertung des Biotech-Sektors“
Ein Kommentar von Rune Sand-Holm, Portfoliomanager bei DNB Asset Management.
(11.07.) Der Biotech-Sektor hat sich im bisherigen Jahresverlauf 2025 schlechter entwickelt als der breite Aktienmarkt, wobei Small- und Mid-Cap-Titel am stärksten unter Druck geraten sind. Large-Cap-Unternehmen in der kommerziellen Phase haben sich insbesondere in den USA relativ robust gezeigt. Wir glauben jedoch, dass sich die Aussichten in der zweiten Jahreshälfte aufhellen werden. Komprimierte Bewertungen, solide Fundamentaldaten und erste Anzeichen für eine Belebung der M&A-Aktivitäten beginnen die Stimmung zu verbessern. Auch das Finanzierungsumfeld macht Anzeichen einer Stabilisierung, insbesondere für Unternehmen mit differenzierten Plattformen oder kurzfristigen Katalysatoren. Mit dem Abklingen der makroökonomischen Unsicherheit und der Klärung der politischen Ausrichtung der neuen US-Regierung rechnen wir mit einer Neubewertung des Sektors. In diesem Umfeld sehen wir attraktive Chancen bei hochrangigen, cashflowstarken Biotech-Titeln und partiell bei innovationsgetriebenen Small- und Mid-Cap-Unternehmen mit klinischen oder kommerziellen Wendepunkten. Mit Blick auf die Zukunft könnte ein selektiver Ansatz, der sich auf hochrangige, cashflow-starke Biotech-Titel konzentriert, in einem ansonsten volatilen Umfeld stabilere Chancen bieten.
Welche Aktien haben das Wachstum in Europa und den USA vorangetrieben?
Die Aktien mit der besten Performance seit Jahresbeginn sind US-Biotech-Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung, insbesondere Cashflow starke Titel wie Gilead und Amgen. Mid-Cap-Unternehmen in der Kommerzialisierungsphase mit starken Produkteinführungen wie Ascendis haben ebenfalls solide Renditen erzielt. Dagegen waren US-Biotech-Unternehmen mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung das Segment mit der schwächsten Performance, belastet durch die negative Stimmung und ein schwieriges Finanzierungsumfeld. Ausgewählte Unternehmen in der Entwicklungsphase mit erfolgreichen klinischen Ergebnissen wurden jedoch mit starken Kursanstiegen belohnt. Ein bemerkenswertes Beispiel ist Merus, ein in den USA notiertes europäisches Biotech-Unternehmen, das nach positiven Daten aus seiner Onkologie-Pipeline deutliche Kursgewinne verzeichnete.
UCB und Argenx könnten in der zweiten Jahreshälfte an Wert gewinnen
Mehrere Biotech-Aktien mussten in diesem Jahr aufgrund von Verzögerungen bei der Zulassung, negativen Rückmeldungen der FDA, enttäuschenden Ergebnissen klinischer Studien, Finanzierungsproblemen oder politischen Kurswechseln unter der neuen US-Regierung Dämpfer hinnehmen. So sahen sich beispielsweise Impfstoffentwickler nach Führungswechseln im Gesundheitsministerium (HHS) und in der Arzneimittelbehörde FDA mit Herausforderungen konfrontiert. In Europa haben Unternehmen wie UCB und Argenx seit Jahresbeginn eine schwache Performance verzeichnet, doch wir glauben, dass sie gut positioniert sind, um in der zweiten Jahreshälfte wieder an Wert zu gewinnen. Sarepta Therapeutics, dass eine Gentherapie für eine seltene neuromuskuläre Erkrankung entwickelt, hat nach dem Tod von zwei Patienten in seinem Programm mit mehreren Herausforderungen zu kämpfen. Diese Vorfälle sind zwar selten, haben jedoch zu einer verstärkten behördlichen Kontrolle, der Rücknahme von Prognosen und einem komplexeren weiteren Vorgehen geführt. Obwohl es in der gesamten Branche mehrere Rückschläge gegeben hat, sehen wir darin auch erhebliche Chancen. Viele Unternehmen mit soliden Fundamentaldaten werden derzeit mit erheblichen Abschlägen gehandelt. In diesem Umfeld sehen wir attraktive Aufwärtspotenziale in einem Markt, der unserer Meinung nach echte Stock-Picker begünstigt, in dem differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse, eine solide Umsetzung und kurzfristige Katalysatoren die Performance bestimmen werden.
US-Gesundheitspolitik: Verunsicherung, aber auch Lichtblicke
Seit der Amtseinführung von Präsident Trump hat das US-Gesundheitsministerium (HHS) erhebliche Veränderungen und Reformen durchlaufen, darunter umfangreicher Personalabbau, Führungswechsel und Mittelkürzungen, die von der Regierung als Maßnahmen zur Bekämpfung von „Betrug, Verschwendung und Missbrauch” bezeichnet werden. Es wurden mehrere hochkarätige und umstrittene Ernennungen vorgenommen, darunter vor allem die von Robert F. Kennedy Jr. zum HHS-Minister. Kennedy ist ein bekannter Impfkritiker und scheint einen restriktiveren Ansatz bei der Bereitstellung von Impfstoffen zu verfolgen. Der Personalabbau und die Konsolidierungen innerhalb des HHS haben auch Befürchtungen geweckt, dass wichtige Funktionen der Behörde beeinträchtigt werden könnten. Besonders besorgniserregend sind Änderungen bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA, die zu Verzögerungen bei der Zulassung von Medikamenten und damit zu einer Verzögerung der Markteinführung neuer Medikamente führen könnten. Auch die dem HHS unterstellten National Institutes of Health (NIH) sind von der neuen Regierung stark betroffen. Trump hat versucht, die Mittel der NIH für medizinische Forschungszuschüsse erheblich zu kürzen. Derzeit laufen mehrere Gerichtsverfahren zu den Kürzungen, und es sieht so aus, als könnten einige Mittel wieder bereitgestellt werden. Selbst wenn ein Teil der Mittel wieder fließt, werden die ursprünglichen Kürzungen den Fortschritt mehrerer Forschungsprojekte beeinträchtigt haben, was Anlass zu Sorge über die langfristigen Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Fortschritt gibt. Darüber hinaus hat auch die „Meistbegünstigungsklausel“ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Präsident Trump unterzeichnete im Mai eine Durchführungsverordnung zur Einführung dieses neuen Preismodells als Versuch der Trump-Regierung, die Arzneimittelpreise in den USA zu senken, die deutlich höher sind als im Rest der Welt. Dies hat in der Branche Besorgnis ausgelöst, da es sich wahrscheinlich negativ auf die Innovation in der Arzneimittelentwicklung auswirken würde.
Trumps „Big Beautiful Bill” ist ein weiterer Gegenwind, da sie bislang eine Reihe von Bestimmungen zum Gesundheitswesen enthält. Die vorgeschlagenen Kürzungen bei Medicaid würden nicht nur Millionen von Amerikanern ohne Krankenversicherung zurücklassen, sondern auch Krankenhäuser treffen, da sie deren Medicaid-Zahlungen reduzieren würden. Das Ausmaß der Kürzungen ist noch ungewiss, und es sieht so aus, als hätte der Senatsparlamentarier einige der Vorschläge, die Medicaid betreffen, abgelehnt. Generell hat die Unsicherheit, die durch die vielen von der Regierung in Gang gesetzten Veränderungen entstanden ist, die Stimmung in der Branche negativ beeinflusst. Das Ausmaß der Auswirkungen vieler dieser Veränderungen ist noch unklar, da noch nicht entschieden ist, welche Änderungen tatsächlich umgesetzt werden. Obwohl viele der Veränderungen negativ sind, gibt es auch einige positive Aspekte der neuen Regierung. Unter anderem hat der neue FDA-Direktor positive Ansichten hinsichtlich der regulatorischen Flexibilität geäußert und möchte den Einsatz von KI im Zulassungsverfahren für neue Medikamente verstärken. Darüber hinaus scheinen trotz des Personalabbaus die meisten wichtigen Funktionen der FDA weiterhin intakt zu sein, was für künftige Arzneimittelzulassungen positiv ist.
Zollpolitik: Investoren warten auf Klarheit
In der Vergangenheit waren sowohl Arzneimittel als auch Medizintechnik (Medtech) von Zollerhöhungen oder Sanktionen ausgenommen. Dennoch sind große Pharma- und Medizintechnikunternehmen aufgrund ihrer globalen Lieferketten einem potenziellen Handelskrieg ausgesetzt. Bislang sind Arzneimittel von den von Trump eingeführten Zöllen ausgenommen, aber die Regierung hat mehrfach angekündigt, dass bald weitere Ankündigungen folgen werden. Obwohl weder der Umfang noch der Zeitpunkt möglicher Zölle klar sind, hat die Gefahr von Zöllen einige Unternehmen wie Eli Lilly dazu veranlasst, umfangreiche Investitionen in Produktionsstätten in den USA anzukündigen. Viele große Pharmaunternehmen haben ihre Produktionsstätten außerhalb der USA in Ländern mit niedrigeren Unternehmenssteuern wie Irland errichtet. Trump will mit Zöllen erreichen, dass große Pharmaunternehmen einen größeren Teil ihrer Produktion in die USA verlagern. Zölle auf Arzneimittel sind komplex und würden sowohl europäische Pharmaunternehmen als auch US-Unternehmen mit Produktionsstätten außerhalb der USA treffen. Das Ausmaß der Auswirkungen hängt davon ab, was besteuert wird und zu welchem Satz. Wenn die Zölle nur für pharmazeutische Wirkstoffe (APIs) gelten, wären die Folgen für die meisten Unternehmen überschaubarer und besser zu bewältigen. Wenn die Zölle hingegen auf den Endpreis der Medikamente abzielen, könnten die Auswirkungen weitaus gravierender sein. Die Zölle könnten auch auf den internen Verrechnungspreisen der Unternehmen basieren, was einen Mittelweg zwischen den beiden anderen Optionen darstellen würde. Die anhaltende Unsicherheit hinsichtlich möglicher Zollmaßnahmen erschwert es den Unternehmen, sich zu den langfristigen Investitionen zu verpflichten, die für den Aufbau oder die Erweiterung von Produktionsstätten erforderlich sind und oft mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Obwohl die Aufmerksamkeit für Trumps geplante Zölle im Gesundheitswesen seit der ersten Ankündigung nachgelassen hat, werden sie den Sektor weiterhin belasten, bis die Investoren mehr Klarheit haben.
Stimmungsverbesserung im zweiten Halbjahr
Wir glauben, dass sich die Aussichten für die zweite Jahreshälfte aufhellen. Niedrige Bewertungen, solide Fundamentaldaten und erste Anzeichen für eine Belebung der M&A-Aktivitäten tragen zu einer Verbesserung der Stimmung bei. Auch das Finanzierungsumfeld macht Anzeichen einer Stabilisierung, insbesondere für Unternehmen mit differenzierten Plattformen oder kurzfristigen Katalysatoren. Historisch gesehen tendiert der Biotechnologiesektor in der zweiten Jahreshälfte zu einer besseren Performance, unterstützt durch eine Reihe von klinischen Studienergebnissen, regulatorischen Entscheidungen und der Positionierung zum Jahresende. Da die makroökonomische Unsicherheit nachlässt und die politische Ausrichtung der neuen US-Regierung klarer wird, erwarten wir eine bessere Performance des Sektors. Dennoch glauben wir, dass dies ein Markt für Stock Picker ist, in dem unternehmensspezifische Impulse und die Umsetzung der Strategie die wichtigsten Performancefaktoren sein werden. Zwar haben Large-Cap-Biotech-Unternehmen, insbesondere solche mit starker Cash-Generierung, seit Jahresbeginn die Performance angeführt, doch erwarten wir nicht, dass sich dieser Trend in der zweiten Jahreshälfte fortsetzen wird. Stattdessen sehen wir attraktivere Chancen im Mid-Cap-Segment, insbesondere bei Titeln mit bevorstehenden klinischen Meilensteinen, der Umsetzung von Markteinführungen oder hohem strategischem Wert. In Europa stützen niedrige Bewertungen und das erneute Interesse US-amerikanischer Anleger an differenzierten Plattformen ausgewählte Titel mit Katalysatoren in der späten Phase.
Droht ein turbulenter Herbst 2025?
Der Zollstreit tobt und hinterlässt seine Spuren. Worauf Anleger nun achten müssen
Raja Korinek. Die US-Handelspolitik des Präsidenten Donald Trump ist aus dem globalen Wirtschaftsgeschehen längst nicht mehr wegzudenken. Allein am 10. Juli wurde bekannt, dass Brasiliens Ausfuhren in die USA mit einem Zollsatz von 50 % belegt werden. Sie sollen ab dem 1. August gelten – jene Frist, die zugleich der EU für eine Einigung mit den USA gesetzt wurde. Letzterer Region drohen – ohne neuen Deal – 30 % Zölle.
Die Entwicklungen werfen freilich Fragen zum Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr auf. Karsten Junius, Chief Economist der Schweizer Bank J. Safra Sarasin, liefert im Gespräch mit dem Börsen-Kurier eine Prognose. „Wir erwarten ein BIP-Wachstum von 0,8 % für den Euroraum und 1,5 % für die USA.“ Dies ist ein Rückgang gegenüber dem vergangenen Jahr. Da legte das BIP um 0,9 %, respektive 2,8 % zu.
Zölle werden belasten
Die erwartete Abschwächung in den USA führt Junius auf die Zölle zurück. Von einer Rezession geht der Ökonom aber nicht aus. Auch auf die Entwicklungen diesseits des Atlantiks geht er ein. So dürfte im Sommer das Wachstum voraussichtlich schwächer ausfallen. Und das aus gutem Grund: „Viele Exporte in die USA sind im ersten Quartal vorgezogen worden. Zudem belastet der stärkere Euro die Wettbewerbsfähigkeit.“ Allein zu Jahresbeginn notierte die europäische Gemeinschaftswährung bei rund 1,035 USD. Zuletzt mussten Investoren rund 1,16 USD bezahlen.
Wenigstens bietet der stärkere Euro der EZB weiteren Spielraum für Zinssenkungen. Denn damit werde die importierte Inflation weiter nach unten gedrückt. „Auch von der Lohnseite erwarten wir keinen überdurchschnittlichen Kostendruck mehr.“ So rechnet man bei der Bank J. Safra Sarasin im September mit dem nächsten Schritt. Da dürfte der Einlagensatz auf 1,75 % und im Dezember auf 1,5 % gesenkt werden. In den USA könnte der Leitsatz von 4,5 auf 4 % im 4. Quartal 2025 gesenkt werden.
Inflation bleibt vorerst mäßig
Doch wie sehen die Inflationsschätzungen aus? Im Euroraum wird für 2025 mit 2,1 % gerechnet. In den USA dürfte die Teuerung auf 2,8 % sinken. Anleger sollten in letzterer Region die Entwicklung dennoch genau beobachten. Schließlich wird im weiteren Jahresverlauf aufgrund der US-Zollpolitik ein Inflationsanstieg erwartet. Denn die Maßnahmen verteuern Importwaren in die USA.
Auch die wachsende Bedeutung staatlicher Gelder für den Konjunkturkreislauf sollte nicht unterschätzt werden. „Zum Jahresende 2025 sowie im kommenden Jahr dürfte die expansivere Fiskalpolitik öffentliche und private Investitionen wieder stimulieren“, betont der Marktexperte. So hat erst kürzlich Trump sein neues Steuerpaket durch den Kongress gebracht. Auch in Deutschland hat man sich auf höhere Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur geeinigt.
Europaaktien werden bevorzugt
Und wie sehen die Aussichten für die Aktienmärkte aus? Hierzu hat Junius ebenfalls eine klare Meinung. „Globale Aktien haben neue Rekordhochs erreicht, getragen von einer Erholung von US-Aktien seit Anfang April.“ Damit hätten die Bewertungen in den USA wieder kritische Niveaus erreicht, die zumindest in der Vergangenheit kaum Luft nach oben ließen. Europäische Aktien waren hingegen seit Anfang April deutlich schwächer, blieben unter ihren Jahreshochs und das trotz eines stärkeren deutschen Fiskalstimulus 2025 und 2026. US-Aktien stuft man folglich „Neutral“ ein. „Aktien aus dem Euroraum werden hingegen auf ‚Most-Preferred‘ angehoben.“
Foto: AdobeStock / Babb
Palfinger positiv gestimmt
Der Kranhersteller Palfinger liefert ein punktgenau vorausgesagtes Ergebnis ab.
Tibor Pásztory. Das Unternehmen hatte es selbst prognostiziert: Das Konzernergebnis des ersten Halbjahres 2025 werde mit 50,1 Millionen Euro um knapp 27 % unter dem des Vergleichszeitraumes des Vorjahres liegen. Verantwortlich dafür zeichnen – wie für die nahezu gesamte Industrie – ein schwieriges Marktumfeld aufgrund konjunktureller Unsicherheit und daraus resultierender geringerer Auslastung der Kapazitäten.
Kursverdoppelung
Dies scheint allerdings weder das Unternehmen noch die Aktionäre sonderlich zu sorgen, und dies mit gutem Grund, hat sich doch der Aktienkurs im ersten Halbjahr verdoppelt. Hintergrund dieser Entwicklung sind spürbar höhere Auftragseingänge bereits seit dem vierten Quartal des Vorjahres, insbesondere in der Region EMEA (Europa, Naher Osten, Afrika). Aus diesem Grunde wurden sogar Kapazitätssteigerungen notwendig. Auch der asiatische Markt, vor allem Indien, zeigt gestiegenes Interesse, während der Bereich Marine weiter seinen Wachstumskurs fortsetzen kann. Selbst Nordamerika konnte im ersten Halbjahr trotz des Zollkonfliktes einen leichten Aufwärtstrend verspüren. In allen Regionen erweist sich der Servicebereich längst als wichtigster Umsatzbringer sowie als Cash Cow des Unternehmens, wenn man dessen Ebit-Marge von 10,2 mit den 7,9 % des Gesamtunternehmens vergleicht.
Regionalprinzip und Branchenvielfalt
Auch das Prinzip „In der Region für die Region“ setzt sich immer mehr durch. Zolltarife, Transportkosten und allgemein politische Unsicherheit zeigen sich weltweit verantwortlich für diesen eigentlich überfälligen Trend. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann in jeder Region die jeweils umsatzstärksten Produkte produzieren (in den USA etwa Lade- und Servicekräne, Ladebordwände und Hubarbeitsbühnen) und die Kosten durch Zölle teilweise umgehen.
CEO Andreas Klauser (im Bild links gemeinsam mit CFO Felix Strohbichler) betont die Wichtigkeit von Resilienz durch Branchenvielfalt in der Kundenstruktur. Schon bislang hat sich der Umsatz recht gleichmäßig auf Hoch-, Tief- und Wohnbau, Marine, Transport und Logistik, Entsorgung und Recycling, den Öffentlichen Sektor inklusive Railway sowie andere Sektoren aufgeteilt. Nun sollte auch das Marktpotential des Defense-Bereiches hinzukommen. Das US-Stargate Projekt (Künstliche Intelligenz) sowie das deutsche Fiskalpaket in Höhe von jeweils 500 Milliarden Euro ergeben weitere Marktchancen.
Ausblick
In diesem Zusammenhang ist die Auflösung der Kreuzbeteiligung mit dem chinesischen Hersteller Sany erwähnenswert. Die von Sany übernommenen Aktien wurden soeben institutionellen Anlegern im Rahmen einer Privatplatzierung verkauft. Der Erlös in Höhe von 100 Millionen Euro soll in neue militärische und andere Produkte investiert werden.
So wundert es nicht, dass der Ausblick für das zweite Halbjahr als durchaus positiv gesehen werden darf, und die Umsatz- wie Ergebnisrückgänge des ersten Halbjahres noch kompensiert werden sollten. Die Finanzziele für 2027 (ein Umsatz von 2,7 Milliarden Euro, eine Ebit-Marge von 10 % sowie ein Return on Capital Employed/ROCE von 12 %) bleiben jedenfalls aufrecht. Am Capital Markets Day sollen darüber hinaus, wie es heißt, „ambitionierte“ Finanzziele für 2030 bekannt gegeben werden.
Foto: Palfinger AG/APA-Fotoservice/Juhasz
Rendite mit Aufrüstung
Wie österreichische Unternehmen vom weltweiten Boom profitieren.
Christian Sec. Nach Jahrzehnten der Abrüstung setzt nun auch in Europa ein neues Wettrüsten ein. Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte in diesem Jahr an, die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas machen zu wollen. Und auch die EU schwenkt zunehmend auf Aufrüstungskurs ein. Der Europäische Verteidigungsfonds ist mit rund 8 Milliarden Euro dotiert und soll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Rüstungsindustrie fördern – auch mit Blick auf das langfristige Ziel einer EU-Verteidigungsunion.
„War es für Unternehmen vor einigen Jahren noch verpönt, ihre Verbindungen zur Rüstungsindustrie offen zu legen, hat sich dieses Bild inzwischen gewandelt“, erklärte Andreas Klauser, CEO von Palfinger, bei einem Kongress. Palfinger ist bereits seit Langem im Defense-Bereich tätig – etwa für das österreichische Bundesheer, aber auch z.B. für Deutschland und Kanada, wie Klauser einräumt. Insgesamt liegt das Engagement des Unternehmens im Defense-Bereich derzeit bei unter 5%.
Grenzenlose Euphorie
Diese neue Offenheit gegenüber der Rüstungsbranche zeigt sich auch an den Kapitalmärkten: Die Aktienkurse der Unternehmen steigen teils sprunghaft. Im April verwies Frequentis-CEO Norbert Haslacher in einem Interview mit der deutschen Börsen-Zeitung auf die großen Wachstumsperspektiven des Unternehmens im Militärbereich. Gerade die zweistelligen Margen im Defense-Bereich sind höher als in der zivilen Luftfahrt. Seit der Ankündigung ist der Kurs der Frequentis-Aktie um rund 50 % gestiegen. Der Bereich Defense machte im Vorjahr 96 Millionen Euro aus – etwa 20 % des Gesamtumsatzes der Gruppe. Im Jahr 2023 lag der Umsatz im Verteidigungsbereich bei 85 Millionen Euro, bei ähnlichem Umsatzanteil.
„Durch die veränderte geopolitische Lage erwarten wir für die kommenden Jahre steigende Investitionen in die militärische Sicherheit – also in Flugsicherung und Luftverteidigung“, erklärte das Unternehmen auf Anfrage des Börsen-Kurier. Immerhin konnte das Unternehmen einen bedeutenden Auftrag der deutschen Bundeswehr zur Modernisierung des militärischen Radardatennetzes an Land ziehen. Auch die US-Army zählt zu den Kunden: So installierte Frequentis einen digitalen Flugsicherungstower für das US-Verteidigungsministerium an der Heeresgarnison im deutschen Ansbach.
Mehr als 60 % des Umsatzes erzielt Steyr Motors im Bereich Defense. Im März gab das Unternehmen eine Rahmenvereinbarung mit der Rheinmetall Landsysteme GmbH bekannt, die eine strategische Partnerschaft für die Entwicklung und Lieferung von Motoren für militärische Anwendungen vorsieht. Die Vereinbarung führte auch zu einem deutlichen Anstieg des Auftragsbestands, der bis 2027 auf nahezu 200 Millionen Euro anwachsen soll. Nach der Veröffentlichung schnellte der Aktienkurs kurzfristig von rund 35 auf 240 Euro, um danach wieder in normale Gefilde zurückzukehren.
Auch in den USA hat Steyr Motors die Belieferung der US-Navy Seals mit Spezialmotoren weiter ausgebaut. Die Motoren des Unternehmens kommen vor allem in militärischen Spezialfahrzeugen, auf Booten sowie als Hilfsaggregate für Kampfpanzer und Lokomotiven zum Einsatz. Für das Jahr 2025 strebt Steyr Motors ein Umsatzwachstum von mindestens 40 % gegenüber dem Vorjahr an.
Profiteure vom Spielfeldrand
Aber auch Unternehmen aus dem rein zivilen Bereich profitieren indirekt vom Rüstungsboom.
So baut die FACC für Archer Aviation, einem US-Marktführer für Urban Air Mobility, zivile Drohnen. Rund 150 dieser Geräte werden in den USA für den militärischen Einsatz umgerüstet, wie Robert Machtlinger berichtete. Grundsätzlich habe der Technologiepartner der zivilen Luftfahrtindustrie jedoch nicht vor, sein Kerngeschäft auf den Verteidigungsbereich auszuweiten.
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Warum Österreicher (nicht) in heimische Aktien investieren
Potenzial des Kapitalmarkts bleibt für große Teile der Bevölkerung ungenutzt.
Marius Perger. „Die Aktie ist in Österreich ein Nischenprodukt“, sagt Thomas Schwabl, Gründer und Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Marketagent.com. Der Zugang bleibe vielen verschlossen, dafür gebe es emotionale, kognitive und finanzielle Gründe: „So bleibt das Potenzial des Kapitalmarkts für große Teile der Bevölkerung ungenutzt.“
Für die Studie „Aktien und Anlageverhalten in Österreich“ hat Marketagent Ende April/Anfang Mai 1.000 Personen zwischen 14 und 75 Jahren zu ihrer Risikobereitschaft, ihren Strategien und zu Investitionsbarrieren befragt. Die Ergebnisse seien repräsentativ für die österreichische Bevölkerung, so das Institut.
Buch mit sieben Siegeln
Geldanlage sei für viele immer noch ein „Buch mit sieben Siegeln“, heißt es in der Studie. Auch seien die Österreicher risikoscheu, sie würden lieber auf die „Sicherheit des Sparbuches“ setzen. Und schließlich fehle es an Interesse und Wissen.
Gefragt nach ihrem Wissensstand zum Thema Aktien erklären 54,2 % der Studienteilnehmer, dass dieses eher oder sehr schlecht sei. Nur 19 % glauben, eher oder sehr gut über Aktien Bescheid zu wissen. Deutlich besser steht es um den Informationsstand der jüngeren Österreicher: Immerhin 30,4 % der Generation Z (laut Wikipedia Jahrgänge 1997 bis 2012) und 21,1 % der Millennials (Jahrgänge 1981 bis 1996) kennen sich demnach eher oder sehr gut mit Aktien aus. Interessant ist auch das „Gender gap“ beim Wissensstand: Fast jeder dritte Mann (27,6 %), aber nur jede zehnte Frau (10,2 %) bezeichnet das eigene Aktienwissen als gut.
Auch gefühlsmäßig haben die Österreicher laut Studie Vorbehalte gegen Aktien: Diese seien ein „Spielcasino“, sagen 27,6 %, ein sprunghafter Fahrstuhl (25,0 %) oder ein verschlossener Raum, zu dem sie keinen Zugang haben (17,3 %). Und nur knapp 7 % sehen in Aktien einen sicheren Hafen. Als attraktive Anlageformen werden vor allem Gold und Edelmetalle, Immobilien sowie Sparbücher, Sparkonten und Bausparen gesehen. Erst an vierter Stelle rangieren hier Aktien, Aktienfonds, ETFs und Anleihen.
Wie wirklich investiert wird
Tatsächlich würden 29,4 % der Österreicher Aktien, Aktienfonds, ETFs oder Anleihen besitzen, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage. Damit liegen Wertpapiere auf Rang zwei hinter Sparbüchern, Sparkonten und Bausparen (zusammen 53,7 %). Auch hier sind Männer (37,87 %) und die Generation Z (36,0 %) überproportional vertreten.
Entscheidend für den Besitz von Wertpapieren ist laut Studie vor allem die Risikofreudigkeit: Während deutlich mehr als die Hälfte der sehr oder moderat risikofreudigen Menschen ihr Geld so anlegen, ist es bei den Risikoscheuen nur ein knappes Viertel, bei Risikoaversen sind es überhaupt nur 4,3 %.
„Kein Geld übrig“ zu haben, ist der meistgenannte Grund dafür, nicht in Wertpapiere zu investieren – das sagen 37,5 % der Befragten, wobei Mehrfach-Nennungen möglich waren. Fast ebenso viele (36,9 %) meinen, sie hätten dafür zu wenig Wissen bzw. Erfahrung. Für 29,7 % ist das Risiko zu hoch und jeder Vierte (25,2 %) hat kein Vertrauen in die Finanzmärkte. Schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit sind dagegen nur für jeden Zwanzigsten (5,4 %) ein Grund, nicht (mehr) in Wertpapiere zu investieren.
Investitionen in heimische Werte
Nur etwas mehr als ein Viertel der Aktien, Aktienfonds und ETFs in den Portfolios der Österreicher stammen von heimischen Unternehmen – exakt 27,1 %, so die Studie. „Heimatverbundener“ sind die älteren Mitbürger: So liegt der Anteil bei den Babyboomern (Jahrgänge 1946 bis 1964) bei 40,3 %, bei der Generation X (1965 bis 1980) bei 36,7 %. Wenig von österreichischen Aktien dürfte dagegen die Generation Z halten: Deren Anteil in den Portfolios der nach 1997 Geborenen beträgt nur 13,8 %.
Empfehlungen sind der meistgenannte Grund, Geld für österreichische Wertpapiere auszugeben. Insgesamt 26,5 % der Befragten sagen, dass sie deshalb Wertpapiere heimischer Unternehmen besitzen. Deutlich mehr Frauen (40,7 %) verlassen sich auf Empfehlungen als Männer (18,6 %). Regionale Verbundenheit ist für rund jeden Vierten (23,5 %) Hauptgrund für heimische Aktien, Anleihen etc., die bessere Kenntnis des österreichischen Aktienmarktes und österreichischer Unternehmen ist für 14,4 % ausschlaggebend.
Jene Studienteilnehmer, die keine österreichischen Wertpapiere besitzen, geben als Hauptgrund dafür an, dass sie bei internationalen Aktien höhere Chancen auf Kursgewinne sehen (39,8 %). Eine bessere Kenntnis der internationalen Unternehmen bzw. Märkte führen 17,7 % als Grund an. Enttäuschungen mit österreichischen Aktien in der Vergangenheit sind immerhin für 4,4 % der Grund, abgeraten von österreichischen Aktien wurde 3,9 % der Befragten.
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Gold Plating als „Mogelpackung“
Ohne einer gut funktionierenden Justiz steht Gold Plating in direktem Widerspruch zu schneller Rechtssicherheit.
Georges Leser. Immer wieder wird „Gold Plating“, also eine übermäßige Umsetzung von EU-Richtlinien, mit einem sich daraus ergebenden Standortvorteil argumentiert. Bei diesem Verkaufsargument handelt es sich jedoch um eine „Mogelpackung“. Hohe Marktstandards in der Gesetzgebung ohne entsprechend zeitnaher Durchsetzbarkeit von auf diesen Gesetzen basierenden Ansprüchen für Unternehmen sind nicht nur „zahnlos“, sondern tödlich für jeden Wirtschaftsstandort.
Im Bereich der Wirtschaftskriminalität werden derzeit seitens der Staatsanwaltschaften Anträge von Geschädigten, wie beispielsweise auf Hausdurchsuchung, teilweise monatelang nicht bearbeitet. Danach werden die Verfahren nach Jahren „mangels Beweise“ eingestellt. Gleiches gilt für Zivilprozesse. In der Bundeshauptstadt wartet man derzeit nach Einbringung einer Zivilklage Monate auf Verhandlungstermine. Die gesamte Verfahrensdauer eines Zivilprozesses unter drei Jahren ist eine Ausnahme, wenn sich die Parteien nicht aus Frustration über die Verfahrensdauern zu einem Vergleich “drängen” lassen.
Wo liegt der Standortvorteil, wenn Unternehmen bei Gericht lediglich faule Vergleiche oder aufgrund der Verfahrensdauer jahrelange Rechtsunsicherheit erwarten können? Wo liegt der Standortvorteil, wenn Unternehmen nach Leistungserbringung im Bedarfsfall ihre Forderungen nicht zeitnah gegen ihre Kunden durchsetzen können? Wo liegt – abgesehen von der Moral – umgekehrt der Anreiz für den Kunden, diese Zahlungsverpflichtung vertragskonform zu bedienen, wenn er selbst im Falle einer Klage eine monatelange Stundung der Forderung erhält und vielleicht sogar durch einen „faulen Vergleich” auf eine Reduktion der Zahlungsverpflichtung hoffen kann.
Leider handelt es sich dabei um keine Einzelfälle. Vielmehr ist es mittlerweile systembedingt. Ursache dafür ist die für einen Wirtschaftsstandort tödliche Mischung aus völlig ausufernder Überregulierung und gleichzeitiger Budget- und Personaleinsparungen im Justizbereich.
Wenn Österreich an einem Wettbewerbsvorteil für Unternehmen interessiert ist, ist „Gold Plating” definitiv der falsche Ansatz. Unternehmen müssen wieder darauf vertrauen dürfen, dass die bestehenden Gesetze mit Hausverstand auch im Interesse der Rechtsunterworfenen exekutiert werden. Ansonsten verlieren die Rechtsunterworfenen das Vertrauen auf die Rechtsstaatlichkeit und damit Österreich seine Standortattraktivität.
Autor: Georges Leser ist Rechtsanwalt in Wien und Beiratsmitglied des IVA
Warum Anleihen Stabilität bieten
Attraktive Erträge bei wachsendem Risiko.
(07.07.) Die Anleihenmärkte bieten auch in einem Umfeld wachsender geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten attraktive Perspektiven. Laut Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group, komme festverzinslichen Anlagen wieder eine zentrale Rolle zu: als potenzielle Ertragsquelle sowie als Stabilitätsanker in einem zunehmend volatilen Marktumfeld.
Chancen für flexible Strategien
Die wirtschaftliche Entwicklung sei solide, aber stockend, besonders an den Arbeitsmärkten und bei Konsumausgaben zeichne sich ein allmählicher Rückgang ab. Gleichzeitig sorge die Unsicherheit über die zukünftige Zoll- und Migrationspolitik der USA für eine fragile Stimmung bei Unternehmen und Konsumenten. Vor diesem Hintergrund sei ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Ertragspotenzial und Risikobegrenzung entscheidend. „In einem solchen Umfeld wird die Qualität einzelner Positionierungen noch wichtiger“, erläutert Becker. „Wir setzen aktuell auf ausgewählte Engagements in solide Emittenten mit robusten Bilanzen.“
Im US-Treasury-Markt sei die Rückkehr zu einer steileren Zinsstrukturkurve bemerkenswert. Das sei ein Signal für mögliche Rezessionsrisiken, aber auch eine Chance: „Investoren setzen vermehrt auf Anleihen, um potentielle Kursverluste an den Aktienmärkten zu kompensieren”, betont der Experte. „Als der S&P 500 von Februar bis April um fast 19 Prozent einbrach, stieg der Bloomberg US Aggregate Index um ein Prozent.“
Kreditmärkte mit stabilem Fundament
Unternehmensanleihen zeigten sich in dem aktuellen Marktumfeld als besonders widerstandsfähig. Solide Bilanzen, gesunde Liquiditätspuffer und hohe Ausgangsrenditen von vier bis acht Prozent stützen sowohl Investment-Grade- als auch High-Yield-Segmente. „Yields sind ein guter Indikator für künftige Gesamterträge und aktuell liegen sie auf einem sehr attraktiven Niveau“, so Becker.
Vor allem die Entwicklung im High-Yield-Bereich sei vielversprechend. Der BB-Anteil sei in den USA auf über 50 Prozent gestiegen, während viele Unternehmen ihre Refinanzierung bereits vor der jüngsten Volatilität abgeschlossen hätten. Zudem erweise sich das Segment der nichtzyklischen Emittenten, wie Telekommunikationsanbieter oder Verteidigungsunternehmen, als vergleichsweise robust.
Zusätzliche Chancen sieht Becker im Bereich Securitised Credit, insbesondere bei Mortgage-Backed Securities (MBS) mit hohen Kupons und Asset-Backed-Securities: „Wichtig ist vor allem eine aktive Kuponselektion. Anleihen mit höheren Kupons bieten häufig weitere Spreads und reagieren weniger empfindlich auf Zinsänderungen“, analysiert Becker.
Auch bei Schwellenländeranleihen sieht Becker Potential: „Sinkende Inflationsraten und nachlassender Druck auf die Zentralbanken könnten eine expansivere Geldpolitik ermöglichen. Viele Schwellenländer verfügen heute über solide Devisenreserven, starke Inlandsinvestoren und eine geringere Abhängigkeit von ausländischem Kapital.“ Auch wenn die US-Außenpolitik die Risikobereitschaft eher trübe, sei die Ausgangslage für Schwellenländeranleihen sehr günstig.
Anleihen als strategische Säule im Portfolio
Zwar zeichne sich derzeit keine Rezession ab, das makroökonomische Umfeld bleibe jedoch angespannt. „Die Kombination aus erhöhten geopolitischen Risiken, andauernden handelspolitischen Konflikten und einem eher gedämpften Wirtschaftswachstum spricht klar für ein strategisches Exposure in Anleihen“, resümiert Becker. „Als Absicherung gegen Kursverluste an den Aktienmärkten und als nachhaltige Ertragsquelle.“
Digitaler Zwilling: Wenn das Abbild effizienter ist
Manch ein Prozessablauf lässt sich virtuell besser optimieren. Das bietet auch Investmentchancen.
Raja Korinek. Die Digitalisierung schreitet in großen Schritten voran. Vor allem die Künstliche Intelligenz (KI) benötigt jede Menge Daten, um arbeiten zu können. Damit verbunden werden auch neue Technologien entwickelt, die etwa Planungs-, Produktions- und Optimierungsprozesse stark verändern. Verwendet wird dazu inzwischen immer öfters ein virtueller Doppelgänger, ein sogenannter Digitaler Zwilling.
Doch worum geht es? Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier liefert Patrick Kesselhut, Zertifikate-Experte bei der Société Générale, Einblicke: „Ein Digitaler Zwilling ist ein digitales Abbild eines realen Objektes. Das kann etwa ein Auto, eine Produktionsanlage, eine ganze Stadt und sogar der menschliche Körper sein.“ Dabei arbeitet der Digitale Zwilling mit Echtzeitdaten des realen Objekts, um Prozesse, etwa in der Produktentwicklung, effizienter zu gestalten als von menschlicher Hand. Auch die Herstellung sowie der Einsatz von Gütern und Dienstleistungen können damit optimiert werden.
Weniger Energieaufwand
Kesselhut präzisiert: „Denken Sie an Produktionsanlagen, die mit deutlich weniger Energieaufwand das gleiche Ergebnis erzeugen können. Oder an Windräder und Brücken die selbständig melden, wann ein Bauteil gewartet werden muss.“ Dabei stehe der Einsatz Digitaler Zwillinge erst am Anfang, die Anwendungsbereiche seien vielfältig. „Breite Einsatzgebiete sind etwa im produzierenden Gewerbe, bei der Produktentwicklung, in der Medizin aber auch im Städtebau denkbar.“
Doch wie unterscheidet sich ein entsprechendes Investment von anderen Technologiethemen? Auch hierzu liefert der Fachmann eine Antwort. Kesselhut meint, es sei umfänglicher. „Bisher konnten Computermodelle einzelne Teile etwa von Produkten abbilden und optimieren. Nun können auch sämtliche Zusammenhänge in Echtzeit ausgewertet und ein reales Objekt mit Hilfe des Digitalen Zwillings optimiert werden.“
Mehrfaches Zusammenspiel
Dabei kämen all die Entwicklungen zum Einsatz, die es erst seit Kurzem gibt: umfassende Datenbanken, leistungsstarke Übertragungswege über das Internet, entsprechende Software, Sensor-Technik sowie die KI. Kesselhut verweist in Zusammenhang mit letzterem Punkt auf eine Besonderheit und sagt, „KI kommt meist dann zum Einsatz, wenn der Digitalen Zwilling Zukunftsprognosen liefern soll“.
Dennoch dürfte man den Einsatz von KI nicht als selbstverständlich betrachten. Es sei ein Werkzeug, das richtig angewendet werden müsse. „Am Ende kommt es auch hier auf den Nutzer an.“ Die – richtige – Auswertung der global vorhandenen, riesigen Datenmengen biete der Menschheit jedoch ungeahnte Möglichkeiten. „Wenn eine Krebserkrankung sehr frühzeitig und zuverlässig erkannt werden kann, wenn sich eine Flasche Bier mit 35 % weniger Energieverbrauch herstellen lässt, dann sind das signifikante Fortschritte in der Entwicklung.“
Doch wie möchte man bei der Société Générale Chancen konkret nutzen? Im Solactive Digital Twins Indexzertifikat wird in 20 Titel – vor allem aus den USA – investiert. Auch die Eurozone ist umfasst sowie Kanada. Größte Gewichtung entfällt auf den KI-Chiphersteller Nvidia gefolgt von Metso. Das finnische Unternehmen ist in der Mineralienaufbereitung und Metallveredelung tätig. Bentley Systems aus den USA programmiert Software für Infrastrukturbetreiber. Anleger sollten beachten, dass auch Verluste bei diesem Produkt möglich sind.
Foto: AdobeStock / Thongsook
Bitcoin: Kein Brechen des „Trump-Trades“
Seit November 2024 ist der Kurs der größten Cyberwährung um mehr als 60 % gestiegen.
Patrick Baldia. Nachdem der Bitcoin-Kurs zuletzt wieder an Fahrt aufgenommen hat und sich dem Allzeithoch vom Mai bei rund 112.000 USD genähert hat, schaut es für viele Experten danach aus, dass das Erreichen eines neuen
Rekordstands bevorsteht. Bis zum Jahresende könne die größte und bekannteste Kryptowährung bei rund 140.000 USD notieren, meint Bernhard Wenger im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Damit stapelt der Head of Northern Europe bei 21Shares vergleichs-weise tief. Denn BlackRock-Chef Larry Fink hält sogar einen Kurs von 700.000 USD für möglich.
Für viele Beobachter kam das Comeback der vergangenen Wochen etwas überraschend. Vor allem, nachdem der Bitcoin Anfang April im Zuge der Ankündigung neuer US-Zölle vorübergehend auf rund 76.000 USD absackte. Nicht wenige sprachen sogar vom vorzeitigen Brechen des sogenannten „Trump-Trades“, der im November auf den Wahlsieg des Republikaners folgte. Wenger widerspricht: Der „Trump-Trade“ bzw. die erhoffte neue goldene Ära für Krypto-Assets sei eher ein langfristiges Phänomen. „Vieles was Trump angekündigt hat, kann man nicht von heute auf morgen umsetzen, wie etwa die Einrichtung einer strategischen BTC-Reserve“, sagt Wenger.
Sichere Geldflüsse
„Die institutionelle Adaption nimmt weiter zu, was für sichere Geldflüsse sorgt. Gleichzeitig nehmen Bitcoin-ETFs viel vom Markt, das führt zu weiterem Preisdruck nach oben“, umschreibt der 21Shares-Experte die aktuelle fundamentale Auslage. Auch habe der Risikoappetit der Anleger wieder zugenommen. Man dürfe nicht vergessen, dass der Bitcoin ein Risky Asset sei und wenn am Markt Verunsicherung herrsche, würden diese verkauft. „Davon hat sich die Kryptowährung bislang nicht lösen können“, so Wenger. Daher habe der Bitcoin-Kurs Anfang April auch so negativ auf die Ankündigung neuer US-Zölle reagiert.
Seit dem neuerlichen Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl Anfang November 2024 hat der Bitcoin um mehr als 60 % zugelegt. Befeuert wurde das sicherlich auch von der sehr bullischen Krypto-Agenda der Trump-Regierung. Stichwort: strategische Bitcoin-Reserve. Die Idee dahinter: Ein unabhängiger Bestand von Bitcoin, der von niemand kontrolliert werden kann, soll die Wirtschaft in Krisenzeiten stabilisieren und den Wert der beschlagnahmten Vermögenswerte, mit der er aufgebaut werden soll, maximieren.
Stablecoins: Weiteres Wachstum
Stark gestiegen ist in den letzten Monaten die Marktkapitalisierung von sogenannten „Stablecoins“. Dabei handelt es sich um digitale Tokens, die eins zu eins an eine Fiat-Währung wie etwa den USD oder Euro angebunden sind und Transaktionen in Echtzeit ermöglichen. „Stablecoins sind nicht digitales Zentralbankgeld“, stellt Wenger klar. Die Anbindung an eine Fiat-Währung macht sie allerdings weniger anfällig für Preisschwankungen. Dazu kommt, dass man mit Stablecoins Kryptowährungen schneller in traditionelle Währungen wie etwa Euro oder USD umtauschen kann. „Stablecoins werden weiter wachsen“, so Wenger abschließend.
Foto: 21Shares
US-Dominanz an Weltbörsen – aber Europa legt zu
Nvidia, Microsoft und Co. weiter tonangebend, Verschiebungen sind allerdings auszumachen.
EY/Red. Ungeachtet der weltweiten Zuspitzung geopolitischer Spannungen und der steigenden Zahl von Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen: Die wertvollsten Unternehmen der Welt konnten ihren Börsenwert im ersten Halbjahr weiter steigern. Der kumulierte Wert der 100 teuersten Unternehmen legte um 6,1 % auf aktuell rund 47,4 Billionen US-Dollar zu – ein neuer Rekord.
Anders als in den Vorjahren zeigten sich diesmal die US-Unternehmen im Ranking nicht als Wachstumschampions: Während die 19 asiatischen Unternehmen unter den Top-100 ihren Wert um 6,5 % steigern konnten und die 19 europäischen Unternehmen sogar einen Wertzuwachs von 8,8 % erzielten, stieg der Börsenwert der 60 US-amerikanischen Unternehmen nur um 5,8 %.
USA weiter dominant
Trotzdem: US-Firmen dominieren aber natürlich weiterhin das Ranking. Von den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt haben 60 ihren Sitz in den USA – das sind nur zwei weniger als zu Jahresbeginn. Und unter den Top-10 finden sich neun US-Unternehmen und ein saudi-arabisches: der Ölkonzern Saudi Aramco auf Platz sieben. Die Zahl der europäischen Unternehmen unter den Top 100 stieg im ersten Halbjahr von 18 auf 19, die Zahl der asiatischen von 17 auf 19.
SAP erstmals vorne
Erstmals seit Beginn der halbjährlich durchgeführten EY-Analyse im Jahr 2007 ist ein deutscher Konzern das wertvollste europäische Unternehmen: Der Softwarekonzern SAP liegt mit einem Börsenwert von 354 Milliarden US-Dollar weltweit auf Rang 27 – vor dem niederländischen Chip-Unternehmen ASML auf Rang 30 und dem dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk auf Rang 31.
Erste und Verbund dabei
Insgesamt ist Deutschland derzeit wie schon zu Jahresbeginn mit drei Unternehmen im Top-100-Ranking vertreten. Neben SAP sind das Siemens auf Rang 74 (Börsenwert: 199 Milliarden US-Dollar) und die Deutsche Telekom auf Rang 88 (Milliarden US-Dollar). Mit der Erste Group Rang 659) und dem Verbund (Rang 818) befinden sich auch zwei österreichische Unternehmen unter den Top 1.000.
Das sind Ergebnisse einer Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsorganisation EY, die die Marktkapitalisierung der am höchsten bewerteten Unternehmen weltweit halbjährlich untersucht. Stichtag für die vorliegende Analyse ist der 30.6.2025 (Börsenschluss).
„Das erste Halbjahr war von einer schwachen Konjunkturentwicklung und einer zunehmenden Zahl geopolitischer Spannungen geprägt“, so Gunther Reimoser, Country Managing Partner von EY Österreich, dazu. „Die neue US-Regierung hat mit ihrer Zollpolitik für erhebliche Verunsicherung gesorgt und zeitweise starke Turbulenzen an den Börsen ausgelöst. Gleichzeitig hat sich die Lage im Nahen Osten zuletzt weiter verschärft. Dennoch konnten die wichtigsten Börsenindizes außerhalb der USA im ersten Halbjahr Kursgewinne verzeichnen. Offenbar gehen Investorinnen und Investoren weltweit eher von einer Stabilisierung der Lage und einer anschließenden Rückkehr auf einen Wachstumspfad aus – trotz der nach wie vor hohen Eskalationsgefahr im Nahen Osten sowie der Sorge vor einem stark anziehenden Ölpreis und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen.“
KI-Boom hält an
Schon im Vorjahr hatte der KI-Boom für eine Rekordjagd an den Börsen gesorgt und die Bewertungen vieler Unternehmen aus dem Technologiesektor in die Höhe getrieben. Inzwischen scheinen Investoren die Perspektiven des Technologiesektors etwas zurückhaltender zu bewerten, der Boom hält aber an: Die Zahl der Tech-Unternehmen im Top 100 Ranking stieg zwar leicht von 24 auf 25, ihr Gesamtwert erhöhte sich überdurchschnittlich stark um 8 % – nach einem Wertzuwachs von 40 % im Vorjahr. Klar führend sind gerade in diesem Bereich Unternehmen aus den USA: Von den 25 Technologieunternehmen unter den Top 100 haben 17 ihren Hauptsitz in den USA.
„Künstliche Intelligenz wird auch in den kommenden Jahren eine zunehmend wichtige Rolle in zahlreichen Branchen spielen. Nach der anfänglichen Euphorie befindet sich der Umgang mit KI nun in einer Phase der praktischen Umsetzung. Dieser Übergang ist oft langwierig und mit Rückschlägen verbunden – nicht alle anfänglichen Erwartungen lassen sich in der Praxis realisieren. Dennoch bleibt KI unterm Strich einer der zentralen technologischen Trends, der mittelfristig tiefgreifende Veränderungen in vielen Bereichen bewirken wird – und damit erhebliche Wertschöpfungspotenziale mit sich bringt“, so Reimoser.
Europäische Autoindustrie unter „ferner liefen“
Ende 2023 waren noch alle deutschen Autokonzerne unter den 300 teuersten Unternehmen der Welt vertreten, derzeit schafft es hingegen keiner mehr in diese Liste. Der wertvollste Autokonzern der Welt ist zur Jahresmitte der US-Autobauer Tesla auf Rang zehn mit einem Börsenwert von 1 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Die deutschen Autohersteller Mercedes-Benz, Volkswagen, BMW und Porsche kommen zusammen auf einen Börsenwert von knapp 208 Milliarden US-Dollar und belegen die Ränge 381, 402, 405 und 484. Der französisch-US-amerikanische Autokonzern Stellantis liegt auf Rang 738, Renault nur auf Rang 1.718. Der chinesische Autokonzern BYD hingegen kann sich auf Rang 121 platzieren und damit weit vor den deutschen Autobauern, deren Marktkapitalisierung im Verlauf des ersten Halbjahres zudem gerade einmal um 0,7 % stieg.
Foto: AdobeStock / Synthetic Aesthetics
Neue Börsenstars im Anflug?
Schwaches Jahr bisher, aber spannende Möglichkeiten für Anleger mit Newcomern.
Patrick Baldia. Nach einem eher ruhigen Jahr 2024, in dem laut EY die Zahl der weltweiten Börsengänge um rund 10 % zurückging, deutet sich auch 2025 bislang kein Wiederaufleben der IPO-Tätigkeit an. Vielmehr steht abermals ein Minus von rund 10 % zu Buche. Eine Trendwende deutet sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht ab. Und das ist angesichts des herausfordernden, von Volatilität geprägten Börsenumfelds auch nicht weiter verwunderlich. Geopolitik und US-Zölle lassen grüßen. Das Fazit von Martina Geisler, Leiterin IPO und Partnerin bei EY Österreich: „Erfolgreiche Börsengänge hängen mehr denn je von überzeugenden Wachstumsstrategien, realistischer Bewertung und einer guten Vorbereitung auf die Kapitalmarkterwartungen ab.“
Aber auch wenn schon einmal mehr Unternehmen den Gang aufs Börsenparkett gewagt hatten, haben heuer dennoch interessante IPOs stattgefunden. Etwa im Mai an der Hongkonger Börse, als der chinesische Batteriehersteller CATL (Contemporary Amperex Technology) mit einem Emissionserlös von rund 4 Milliarden Euro für den bislang größten Börsengang 2025 sorgte. Vor zwei Wochen folgte das Nasdaq-Debüt des US-Fintechs Chime (Emissionserlös: 900 Millionen Euro). Und erst Anfang Juni hatte Circle an derselben Börse sein IPO mit einer Milliardenbewertung gefeiert. Spektakulär ist auch die Kursentwicklung seitdem: mehr als 500 %.
Interessante neue IPO-Gelegenheiten sollten sich für Anleger auch in der zweiten Jahreshälfte ergeben. Wie möglicherweise der chinesische Fast-Fashion-Gigant Shein, der nach einem gescheiterten Versuch in London 2024, in den kommenden Wochen sein Glück in Hongkong versuchen sollte. Für April hatte eigentlich Klarna seinen Börsenstart angekündigt. Nachdem der schwedische Zahlungsdienstleister allerdings im Mai für das 1. Quartal einen satten Nettoverlust in Höhe von fast 100 Millionen US-Dollar berichten musste, wurde der IPO offensichtlich vorübergehend verschoben.
Bitpanda doch nicht 2025?
Der aus österreichischer Sicht spektakulärste IPO des Jahres 2025 wäre wohl jener von Bitpanda. Der heimische Kryptobroker hatte bereits Ende der 2010er Jahre einen Börsengang „innerhalb der nächsten fünf Jahre“, in den Raum gestellt. Nicht wenige Beobachter hatten damit gerechnet, dass das nach dem Erhalt der MiCAR-Lizenz im März, die Bitpanda erlaubt, sein komplettes Angebot an Produkten und Dienstleistungen in allen 27 EU-Mitgliedsstaaten anzubieten, noch heuer erfolgen könnte. Zum jetzigen Zeitpunkt schaut es jedenfalls nicht danach aus.
An der Wiener Börse hat bereits im Februar die Steyr Motor AG ihr Börsen-Debut begangen. Das oberösterreichische Unternehmen entwickelt Hochleistungsmotoren für militärische Spezialfahrzeuge und Boote, die auch als Hilfsaggregate für Kampfpanzer und Lokomotiven eingesetzt werden können. Anleger, die zum Eröffnungspreis von 14,90 Euro pro Aktie eingestiegen sind, können sich freuen: Kurz vor Redaktionsschluss notierten die Papiere bei rund 50 Euro.
Für diesen Dezember hat jedenfalls die Südtiroler Zeppelin Hotel Tech S.p.A., die sich auf Hotel Websites und KI-gestützte Online-Marketing-Kampagnen spezialisiert hat, ihr IPO am Wiener Marktplatz angekündigt. Börsenambitionen hat auch Neoh. Das Wiener Startup hat Süßigkeiten wie Schokoriegel, Waffeln oder Kekse entwickelt, die den Blutzuckerspiegel flach halten. Zucker wurde Großteils durch pflanzliche Ballaststoffe ersetzt.
Ein heißer heimischer IPO-Kandidat ist auch die Reploid Group AG. Das Unternehmen mit Sitz in Wels stellt Anlagen her in denen die Larven der Schwarzen Soldatenfliege organische Abfälle in hochwertige Proteine, Fette und Düngemittel verarbeiten.
Foto: Wiener Börse / Nik Pichler
Zartes Konjunktur-Pflänzchen
Zölle belasten den Welthandel, dennoch gibt es laut Experten positive Signale.
Raja Korinek. Die globale Wirtschaft steht aufgrund der Handelspolitik des US-Präsidenten vor großen Herausforderungen. Einen Ausblick gab Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der UniCredit Bank Austria, im Rahmen seines Vortrages „Europa in der Zeitenwende – Aussichten für Konjunktur, Inflation und Zinsen“ auf dem 19. Zertifikate Kongress Austria (ZFA), den der Börsen-Kurier als Medienpartner begleitete.
Gleich zu Beginn verwies Bruckbauer auf die leicht positiven Entwicklungen. So habe zuletzt der Welthandel ein wenig an Dynamik gewonnen. Einzig, die Entwicklung dürfte zum Teil auf Vorzieheffekte in den USA zurückzuführen sein, um die angekündigten US-Zölle möglichst noch zu vermeiden, mahnt der Experte vor allzu viel Euphorie. Die globale Industrieproduktion zeige ebenfalls Zeichen einer Stabilisierung, „und zwar auch in Österreich“.
Zölle dämpfen das Wachstum
Doch wie könnte es nun im Lichte der Zollmaßnahmen weitergehen? „Der Handelskrieg kostet globales Wachstum, vor allem in den USA“, konstatiert Bruckbauer. Der Ökonom liefert konkrete Zahlen. So dürfte die Weltwirtschaft heuer um 2,7 % und im kommenden Jahr um 2,9 % wachsen. In den USA dürften die Zahlen 1,5 %, respektive 1,9 % erreichen. Wie stark der Rückgang dabei ausfallen könnte, verdeutlicht der Vergleich mit den BIP-Zahlen von 2024: Da wuchs die US-Wirtschaft um 2,8 %.
Durchaus schwächer fallen die Prognosen diesseits des Atlantiks aus. So dürfte das Plus in der Eurozone bei nur 0,9 % liegen, im Jahr 2026 dann voraussichtlich 1 % erreichen. Noch verhaltener wird die Entwicklung für Österreich eingeschätzt. Die Wirtschaft dürfte um nur 0,1 % und im kommenden Jahr, dann zumindest um 1,1 % wachsen. Dennoch habe sich die Konjunkturstimmung hierzulande im Mai verbessert – eine Entwicklung, die Bruckbauer als kleinen Schritt in die richtige Richtung sieht. „Der Konjunkturindikator der UniCredit Bank Austria stieg deutlich auf minus 2 Punkte. Damit erreichte der Indikator den besten Wert seit einem Jahr“, betont der Fachmann, warnt aber auch vor allzu viel Euphorie: „Trotz des Anstiegs signalisiert der Indikator eine Fortsetzung der verhaltenen Konjunkturentwicklung.“
Stimmung hellt sich auf
Bruckbauer hebt ein weiteres Detail hervor: Er führt den Anstieg des Indikators insbesondere auf die Stimmungsaufhellung im Dienstleistungssektor zurück. Dort sei der konjunkturelle Gegenwind im Mai deutlich abgeflaut. Die Begründung fällt klar aus: „Die positive Wirkung niedrigerer Zinsen und der wiedergewonnenen Kaufkraft der Konsumenten, die sich auch in einer Stimmungsverbesserung unter den Verbrauchern zeigte, kompensierte die Verunsicherung durch die erratischen US-Zollankündigungen, Sorgen um den Arbeitsplatz und die Auswirkungen des restriktiveren Budgetkurses der Regierung.“
Überhaupt erhole sich die Konsumentenstimmung in der Eurozone insgesamt. Rückenwind könnte etwa von der aktuell hohen Sparquote kommen. Sie lag 2024 laut Eurostat bei 14,45 % des verfügbaren Einkommens. Auch die Lohnabschlüsse fielen aufgrund der zuletzt höheren Inflation üppig aus. „Darunter litt jedoch vor allem Österreichs Wettbewerbsfähigkeit“, so Bruckbauer.
Sinkflug des US-Dollar
Und wie sieht es auf dem Devisenmarkt aus? Schließlich ist der US-Dollar zum Euro in den vergangenen Monaten gesunken. Zuletzt – per 19. Juni – notierte die Währung bei knapp 1,15 USD zum Euro. Bis Ende 2025 könnte die Währung auf 1,12 USD sinken, bis Ende 2026 hingegen wieder auf rund 1,14 USD steigen.
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Backup für den österreichischen Kapitalmarkt
Ohne die Infrastruktur- und Backoffice-Services der OeKB würde der heimische Markt nicht funktionieren.
Tibor Pásztory. Die Oesterreichische Kontrollbank AG (OeKB) ist einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch ihre Aktivitäten in der Exportfinanzierung und -absicherung bekannt. Dabei würde ohne OeKB der Kapitalmarkt nicht funktionieren, denn ohne deren Dienstleistungen im Hintergrund gäbe es keine Wertpapiere, die ihren Namen auch verdienen. Der Börsen-Kurier unterhielt sich mit der Vorständin Angelika Sommer-Hemetsberger über die kapitalmarktbezogenen Aufgaben der OeKB und was man am österreichischen Kapitalmarkt noch verbessern könnte.
Börsen-Kurier: Kurz zur Einleitung – der Oesterreichischen Kontrollbank AG steht eine Doppelspitze vor. Wie sind die Zuständigkeiten zwischen Ihnen und Helmut Bernkopf aufgeteilt?
Angelika Sommer-Hemetsberger: Die Verantwortungsbereiche sind klar getrennt. Der Exportbereich, also Export Finance, Export Garantien und International Finance liegen bei Helmut Bernkopf. Darüber hinaus ist er für Marketing und Kommunikation, das Personalwesen, rechtliche Angelegenheiten, Compliance, Treasury und ESG verantwortlich. Meine Zuständigkeiten betreffen vor allem die Verantwortungsbereiche Capital Market Services, aber auch Finance, IT-Services, Organisation und Risk Controlling, auch den Risikobereich der Export Services betreffend.
Börsen-Kurier: Fokussieren wir auf den Kapitalmarktbereich. Lässt sich in einem Satz beschreiben, welche Services Sie diesem bieten?
Sommer-Hemetsberger: Ganz einfach! Wir begleiten das Wertpapier über seinen gesamten Lebenszyklus. Und tatsächlich fungieren wir bereits als Geburtshelfer von Wertpapieren, indem wir die ISIN-Nummern vergeben und als gesetzliche Meldestelle den Emissionskalender und den Prospekt des Emittenten entgegennehmen. Schließlich erstellen wir digitale Sammelurkunden und nehmen sie zur Verwahrung.
Börsen-Kurier: Dies alles dient noch der Emissionsvorbereitung. Was folgt dann?
Sommer-Hemetsberger: Dann werden die Wertpapiere emittiert. Wir, genauer gesagt, unsere Tochter OeKB CSD, verbuchen diese dann im Zuge der Emission. Danach fängt eine unserer kapitalmarktbezogen wichtigsten Aktivitäten an, indem wir im Sekundärmarkt, also im börslichen Handel, in sämtliche Börsengeschäfte an der Wiener Börse eintreten, indem wir den Käufern wie den Verkäufern einen reibungs- und risikolosen Ablauf gewährleisten. Dieses Clearing wird von der Tochtergesellschaft CCP.A durchgeführt. Ähnlich verhält es sich beim außerbörslichen Handel, aber dort ist die OeKB CSD verantwortlich.
Börsen-Kurier: Das klingt alles sehr digitallastig. Wie war das früher?
Sommer-Hemetsberger: Tatsächlich sind mittlerweile schon 85 % aller Sammelurkunden digital verbrieft. Aber wir sind seit 1946 tätig. Damals haben wir die ersten Bundesschatzscheine emittiert. Seit 1949 sind wir Abwicklungsstelle für die Wiener Börse. Damals war von „digital“ noch nicht die Rede und die Papierberge hoch. Seit 2021 gib es die papierlose digitale Sammelurkunde.
Börsen-Kurier: Die Aufgaben von OeKB CSD und CCP.A betreffen eigentlich Ihr Kerngeschäft. Warum ist dieses ausgelagert? Und, naiv gefragt, was haben Investoren wie Emittenten davon?
Sommer-Hemetsberger: Die Auslagerung erfolgte jeweils aus regulatorischen Gründen. Beide Unternehmen erfüllen als Österreichs zentrale Wertpapiersammelbank bzw. zentrale Gegenpartei in Wertpapier- und Strombörsegeschäften höchste europäische Standards und nutzen die vom Eurosystem bereitgestellte Plattform TARGET2-Securities. Mit ihren hocheffizienten und sicheren Services sorgen für das reibungslose Funktionieren des heimischen Kapitalmarkts. Darüber hinaus erfüllen wir in der OeKB eine Reihe von weiteren gesetzlichen Funktionen. So stellen wir unter anderem eine zentrale Infrastruktur zur Verfügung, mit der diverse Melde- und Informationspflichten einfach und kostenschonend durchgeführt werden können. Dazu zählen beispiels-weise Kapitalmarktprospekte und Meldungen zum Emissionskalender, Dokumente zu Fonds und zu Wertpapieren oder auch Adhoc-Meldungen. Als Meldestelle liefern wir zudem die Grundlage für die steuerlichen Daten bei der Berechnung der KESt.
Börsen-Kurier: Ohne diese breitgefächerten Backoffice-Services würde der Kapitalmarkt tatsächlich nicht funktionieren. Aber nun zu etwas anderem. Der österreichische Kapitalmarkt funktioniert und gilt zurecht als äußerst seriös. Aber gibt es nicht einige Themen, die noch Luft nach oben haben?
Sommer-Hemetsberger: Ja, da fällt mir zunächst die mangelnde Finanzbildung ein. Hier gibt es in der breiten Bevölkerung teilweise massive Wissenslücken. Man muss daher schon in den Schulen beginnen. Eine weitere Baustelle wäre, dass KMU sich nur schlecht über den Kapitalmarkt finanzieren können. Hier müssen sicher noch Finanzinstrumente gefunden bzw. bestehende besser genutzt werden. Aber es liegt auch im kulturellen Bereich: Zwar gibt es an der Wiener Börse zwei für KMU gedachte Börsensegmente, den Direct Market und den Direct Market Plus, aber ein Börsenlisting bedeutet auch erhöhte Transparenz und die Bereitschaft, Informationen zu teilen. Hier wäre oft ein Umdenken angesagt.
Börsen-Kurier: Dem können wir nur zustimmen. Wir danken für das Gespräch.
Foto: OeKB / David Sailer
KIM-Verordnung: Fortsetzung mit anderen Mitteln
Fortführung durch Hintertür alarmiert Finanzdienstleister und Baubranche.
Rudolf Preyer. Bei den Finanzdienstleistern – und nicht nur bei denen – rumort es gerade gewaltig; die ungeliebte KIM-Verordnung bez. der eingeschränkten Vergabe von Wohnbau- und Immo-Krediten ist mit Ende Juni 2025 eigentlich ausgelaufen, aber das
Finanzmarktstabilitätsgremium (FMSG) hat jüngst ein Ersuchen an die Finanzmarktaufsicht (FMA) abgegeben, diese Standards (als Richtlinie an die Banken) fortzusetzen. Das wäre für die Häuslbauer, infolgedessen für die Baubranche und insbesondere auch für Finanzdienstleister – somit in Summe für die heimische Wirtschaft – sehr schlecht, wie sich der Tenor zusammenfassen lässt.
Gegenüber dem Börsen-Kurier stellt Fachgruppenobmann-Stv. Finanzdienstleister NÖ Michael Holzer seine Forderungen gleich spitz auf: „Die KIM-VO gehört ersatzlos abgeschafft.“ Holzer möchte dagegen kämpfen, weil er eine massive Schwächung der am Boden liegenden Wirtschaft befürchtet. Dazu später mehr.
Es regt sich schon politischer Protest
Worum genau handelt es sich also? – bzw. wie „scharf“ ist die KIM-VO wirklich, und wie soll diese also quasi „durch die Hintertür“ – den Banken vom FMSG „aufoktroyiert“ – weitergeführt werden (wogegen sich im übrigen sogar politische Parteien wehren)?
Die Vergabekriterien sehen u.a. Folgendes vor: Wohnbaukredite dürfen nicht länger als 35 Jahre laufen. Der Eigenmittelanteil muss mind. 20 % betragen und die Rückzahlungsrate darf maximal 40 % des verfügbaren Nettoeinkommens und die Beleihungsquote nicht mehr als 90 % ausmachen.
Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier sagte Holzer, dass schon „die erste KIM-VO“ überflüssig gewesen sei, weil der Markt sich ohnedies durch die hohen Zinsen geregelt hätte, überdies gibt es ja die Bonitätsprüfungen seitens der Banken – viele Private wurden somit in die „Mietphase“ gedrängt; Eigentum schafft aber bekanntlich Unabhängigkeit (Stichwort Jungfamilien).
Kurzum: auch ohne die KIM-VO wäre die Stabilität des Finanzplatzes Österreich gewährleistet gewesen. Oder, um mit Holzer zu sprechen: „Man kann sich auch zu Tode regulieren.“ Wie könnte also ein „Leben ohne KIM-VO“ aussehen?
Länder fordern „endgültiges Aus der KIM-VO“
RLB-Steiermark-Generaldirektor Martin Schaller spricht in diesem Zusammenhang von einer „Schatten-KIM“. Schaller: „Diese Rahmenbedingungen sind nicht nachvollziehbar, insbesondere aus Sicht von Regionalbanken, die ihre Kunden sehr gut kennen und somit eine verantwortungsvolle Kreditpolitik gewährleisten.“ Für Maximilian Clary, Privatkundenvorstand der Erste Bank, sind die Regeln „zwar vernünftig, aber es braucht Flexibilität“.
Gewissermaßen könnte man vermuten: weil weisungsungebunden, macht die FMA, „was sie will“. Jetzt, wo sich die Zinsen stabilisiert haben – und in Österreich gibt es immer noch die wenigsten privaten Immobilienversteigerungen europaweit -, dürfte man doch (wieder) sein Vertrauen in die Gesetzmäßigkeit der Märkte setzen dürfen. Sollte man meinen.
Die FMA hingegen verteidigt ihr Vorgehen, FMA-Vorstand Helmut Ettl bleibt hart: „Die FMA empfiehlt den österreichischen Kreditinstituten weiterhin, auf die Vergabekriterien zu achten – und wird dies auch laufend monitoren.“
Das geht selbst den Landeshauptleuten zu weit: Zuletzt formulierte die Landeshauptleute-Konferenz gehörig Kritik an der FMA und Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer forderte im Namen aller Länder ein „endgültiges Aus der KIM-VO“.
Auch die Bundespolitik meldete sich zu Wort. ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti etwa schoss scharf: „Die öffentlichen Pläne der FMA sind ein Paradebeispiel für die Überregulierung, die dem Wirtschaftsstandort schadet.“
Fachgruppenobmann Michael Holzer nun regte im Gespräch mit dem Börsen-Kurier an, dass Betroffene sich an den ombudsmann@finanzdienstleister.at wenden. „Die Beschwerden werden dann gesammelt der Politik übergeben.“ Auch müsse das FMSG mit „mehr Praktikern, und weniger Beamten“ besetzt werden – das Nominierungsrecht sollte beim Nationalrat liegen, schlägt Holzer abschließend vor.
Shortseller: Zecke oder Zange?
Die Szene debattiert erneut über Shortseller: Wie fair spielen sie? Wie fair wird mit ihnen gespielt?
Florian Beckermann. Der aktuelle Fall von Fraser Perring gegen den US-Konzern Steward Health Care zeigt exemplarisch den Grenzbereich des „Finanzmarkts“. Ist eine Grenze überschritten?
Zunächst: Ein Shortseller (Leerverkäufer) ist ein Investor, der auf fallende Kurse spekuliert. Dabei leiht er sich beispielweise Aktien und verkauft sie sofort zum aktuellen Marktpreis. Sinkt der Kurs wie erwartet, kauft er die Papiere später günstiger zurück. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufpreis stellt den Gewinn dar. Das immense Risiko kann man sich denken. Shortseller sind oft verhasst, weil sie mit fallenden Kursen Geld verdienen und somit vom Misserfolg oder der Krise eines Unternehmens profitieren. Betroffene Unternehmen sehen sie als Parasiten, ja unmoralische Spieler mit dem Untergang.
Zur Schlammschlacht kommt es, wenn Shortseller öffentlich kritische Berichte publizieren, die den Ruf eines Unternehmens schädigen und Panik unter Anlegern auslösen könnten. Legendär ist Michael Burry, der frühzeitig gegen den US-Immobilienmarkt wettete – seine Geschichte wurde im Film „The Big Short“ verfilmt.
Weltweit sorgt aktuell Carson Block von Muddy Waters Research, der unter anderem gegen die CPI Property Group (Kernaktionär der CPI Europe) vorging, für Aufregung. Zuletzt auch der Brite Perring mit seiner Analysegesellschaft Viceroy Research, die Wirecard, Steinhoff oder Adler Real Estate avisierte.
Aktuell: Im Jahr 2023 veröffentlichte Viceroy Research Berichte, die den US-Krankenhausbetreiber Steward Health Care und deren größten Anteilseigner Medical Property Trust angriffen. Wenig überraschend führten diese Berichte zu einem juristischen Schlagabtausch. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde Perring Ziel von Überwachungsmaßnahmen verschiedener Detekteien. Dies beinhaltete unter anderem das Filmen von Perring in seinem Zuhause und das Verfolgen seiner Bewegungen, das Verängstigen seiner Tochter bis zur Einschaltung der Polizei. Grotesk: Es gab eine öffentliche Äußerung im britischen Unterhaus, in der ein Abgeordneter Perring mit Russland in Verbindung brachte und eine Agententätigkeit insinuierte. Eine professionelle Desinformationskampagne darf man getrost vermuten. Steward Health Care hat inzwischen Insolvenz angemeldet.
Für viele hat das Unternehmen eine Grenze überschritten. Man darf fragen: Was sind das für Methoden mit Aktionärsgeld? Die meisten Informationen der Shortseller sind öffentlich zugänglich oder beruhen auf validen Whistleblower-Meldungen. Ihre Zusammenfassungen fördern die Aufdeckung von Missständen. Sie zeigen Schwächen auf und helfen mögliche Betrugsfälle aufzudecken – ein Vorgehen, das auch Kleinanleger vor Verlusten schützen kann, auch wenn der Ton nicht immer gefällt. Die europäischen Gerichte, Regulatoren und Parlamentarier sollten fein beobachten, wer Zecke und wer Zange ist, ein Kill-the-Messenger schwingt mit. Wenn Unternehmen aber mit Geheimdienstmethoden arbeiten, um unliebsame Interessengruppen zu bedrängen, bewegen sie sich abseits des Kapitalmarkts auf dem Terrain des Halbschattens. Ein innerer Offenbarungseid scheint verortbar.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Das Ende der US-Dominanz?
Anleger müssen sich auch im zweiten Halbjahr auf ein schwieriges Umfeld einstellen.
Red./ks. Die Handelspolitik von Donald Trump bleibt ein Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft. Anlegerinnen und Anleger müssen sich deshalb auch im zweiten Halbjahr 2025 auf ein weiterhin schwieriges Umfeld einstellen, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking. Möglicherweise bringt dieses Jahr sogar eine Wende hinsichtlich der starken Dominanz der US-Kapitalmärkte.
Pragmatismus gegenüber Trump
Nachdem die Börsen im Februar Höchststände erreicht hatten, folgte ein markanter Rückschlag – insbesondere rund um den „Liberation Day“ am 2. April. Die Mehrheit der Marktteilnehmer geht aber zwischenzeitlich wohl davon aus, dass Trumps Ziel nicht darin bestehen kann, möglichst hohe Zölle für Importe zu verlangen und damit sowohl die US-Wirtschaft als auch die Aktienmärkte an die Wand zu fahren. Vielmehr setzt sich vermehrt die Meinung durch, dass der US-Präsident eine Art Verhandlungstaktik verfolgt. Somit sind die Märkte schwer zu prognostizieren, da sie weiterhin auf seine Äußerungen reagieren werden. Allerdings dürfte sich eine gewisse Gewöhnung und eine Portion Pragmatismus im Umgang mit dieser Unberechenbarkeit eingestellt haben.
Das Thema Zölle ist somit nach wie vor nicht vom Tisch. Anfang Juli läuft der 90-tägige Aufschub gegenüber der EU aus und auch bei der vorläufigen Einigung zwischen China und den USA sind noch viele Detailfragen offen.
Risikoappetit nimmt wieder zu
Trotz weiterhin bestehender Unsicherheit wagen sich die Anleger wieder aus der Deckung – das Schlimmste für die Weltwirtschaft scheint abgewendet zu sein. Gleichzeitig fielen die Unternehmensergebnisse im ersten Quartal besser als erwartet aus. Währenddessen sendet die US-Wirtschaft bereits Signale der Abkühlung aus und auch die Konjunkturaussichten für den Rest der Welt werden verhaltener. Dass allerdings die Zölle nach wie vor spürbar höher sind als vor dem 2. April und der Protektionismus weltweit auf dem Vormarsch ist, ignorieren die Börsen derzeit. Auch die Gefahr, die von der „one big beautiful bill“ ausgeht, die Steuererleichterungen und eine damit verbundene signifikant höhere US-Staatsverschuldung – womit strukturell höhere Zinsen drohen – vorsieht, ist zuletzt etwas in den Hintergrund getreten. Kurzum: An den Finanzmärkten heißt es derzeit wieder Risk on.
Old Europe is back
Zumal die globalen Investoren eine „alte“ Region wieder neu entdeckt haben: Europa. Europäische Aktien haben zuletzt eine bemerkenswerte Wende hingelegt. Während sich der US-Index S&P 500 seit Jahresbeginn nur wenig verbesserte, legte das europäische Pendant Eurostoxx50 mehr als 10 % zu. Aufgrund der aktuellen Dollarschwäche liegt der S&P 500 Index in Euro sogar mit rund 8,4% im Minus (Daten YTD per 13.6.2025).
Milliardenbeträge strömen in europäische Aktien, während US-Titel Mittelabflüsse verzeichnen. Neben der politischen Stabilität und der damit verbundenen rechtlichen Sicherheit punkten Europa-Aktien mit vergleichsweise günstigen Bewertungen. Auch die Lösung der Schuldenbremse in Deutschland und die geplanten milliardenschweren Ausgaben für Infrastruktur und Rüstung haben das positive Momentum für Europa verstärkt.
USA auf Verliererposten?
Sollte 2025 wirklich zu einem der seltenen Jahre werden, in denen Europa die USA an den Aktienmärkten hinter sich lassen kann? Auch wenn sich die Bedingungen für Innovationen und Kreativität als Folge der Trump-Politik verschlechtern, dürfte der Vorsprung von US-Firmen gerade im Tech-Bereich für Jahre unaufholbar bleiben. Zwar hat auch Europa Unternehmen in Zukunftssektoren wie erneuerbare Energien oder Medizintechnik, zudem attraktive Luxusmarken, die von der expansiveren Fiskalpolitik und niedrigeren Zinsen profitieren könnten. Die Qualität der Geschäftsmodelle und die Innovations-Pipelines sprechen aber derzeit noch für amerikanische Unternehmen.
2025: Große Belastungen
Die Entwicklungen haben aber Zweifel an der Dominanz der US-Kapitalmärkte aufgeworfen. Von zollbedingter Unsicherheit bis hin zu Veränderungen in der globalen Politiklandschaft – die Belastungsfaktoren für US-Vermögenswerte haben zugenommen. Es ist jedoch noch zu früh, um die Dynamik der USA gänzlich abzuschreiben. Die USA sind nach wie vor weltweit die flexibelste und vielfältigste wirtschaftliche Großmacht, die sich durch starke Kapitalmärkte und ein beispielloses Ökosystem für Innovationen auszeichnet.
Global investierende Anleger sollten daher im Sinne einer breiten Streuung in den USA und in Europa investiert sein.
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Vom Ölpreisschock zum Wirtschaftsabschwung
Nach US-Angriff auf den Iran: Ölpreisschocks waren oft Auslöser für Rezessionen.
Michael Kordovsky. Energiekrisen bzw. Energiepreisschocks können Auslöser einer Verkettung sein, die letztlich zu einer Rezession führen kann. Höhere Energiepreise belasten die Industrie mit höheren Produktionskosten und Kosten für den Transport. Je weniger Unternehmen diese Kosten auf den Groß- und Einzelhandel abwälzen können, desto mehr belastet dies ihre Gewinnmargen. Wenn es ihnen hingegen gelingt, die Preise an den Handel weiterzugeben, ist, je nach Pricing-Power des Einzelhandels, mit einer entsprechenden Weitergabe der Preiserhöhungen an Verbraucher zu rechnen.
Mit einer gewissen Zeitverzögerung reagieren die Notenbanken darauf mit Zinsanhebungen. Die Folge ist eine Investitionszurückhaltung der Unternehmen, die geplante Projekte aufschieben oder stornieren. Private Haushalte verschieben Immobilienkäufe und reduzieren den Konsum, da die Lebenshaltungskosten ansteigen. Laut dem ECB Economic Bulletin, Ausgabe 5/2022, würde ein Anstieg der Ölpreise um 1 % mittelfristig einen Rückgang des Produktionspotenzials im Euroraum um etwa -0,02 % bedeuten. Unter der Annahme eines dauerhaften Ölpreisschocks von 40 % würde das Produktionspotenzial im Euroraum nach vier Jahren um 0,8 % nach unten korrigiert werden. Wie Ölschocks die Wirtschaft beeinflusst haben, zeigen verschiede historische Rückblicke.
Oktober 1973: Jom-Kippur-Krieg
Es begann mit einem Überraschungsangriff von Ägypten und Syrien gegen Israel am 6. Oktober 1973. Der Ausgang: Schon am 22. Oktober rief der UN-Sicherheitsrat in der Resolution 338 zum Ende des Kriegs auf. Die Folge des Krieges war die Ölkrise 1973/74. Die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) drosselte die Fördermengen um rund 5 %, um die westliche Welt bezüglich ihrer Unterstützung Israels unter Druck zu setzen. In der Folge stieg der Ölpreis am 17. Oktober 1973 von rund 3 USD/Barrel auf mehr als 5 USD, um im Verlauf des Jahres 1974 einen Peak von mehr als 12 USD zu erreichen. Die US-Inflationsrate stieg von
7,4 % im September 1973 bis zum Höhepunkt im Dezember 1974 auf 12,3 %. Im November 1973 fielen die USA in eine schwere Rezession, die bis März 1975 andauerte und einen BIP-Rückgang vom Hoch zum Tief von 3,2 % brachte.
1979/80: Iranische Revolution und Erster Golfkrieg
Auslöser: Förderungsausfälle nach der islamischen Revolution im Iran, die zum Sturz des Schah Mohammad Reza Pahlavi führte, der am 16. Jänner 1979 das Land verließ. Spannungen im Vorfeld des Beginns des Ersten Golfkriegs mit dem Angriff des Iraks auf den Iran, der am 22. September 1980 startete trugen ebenfalls zu steigenden Ölpreisen bei.
Von Ende 1978 bis zum Peak im Jahr 1980 stieg der Ölpreis (WTI) von 14,85 auf 39,50 USD. Die US-Inflationsrate stieg von 9 % im Dezember 1978 bis zum Peak im März 1980 auf 14,8 %. Die Folge waren zwei US-Rezessionen, nämlich 1980 von Jänner bis Juli (Dauer sechs Monate) und Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,2 %; 1981/82: Juli 1981 bis November 1982 (ein Jahr und vier Monate), BIP-Rückgang um 2,7 %.
August 1990 bis Jänner 1991: Kuwait-Krise
Am 2. August 1990 besetzten irakische Truppen Kuwait. Nach langem diplomatischem Tauziehen holte am 17. Jänner 1991 unter Führung der USA eine Allianz bestehend aus 34 Ländern zum Gegenschlag aus. Die Militäroperation endete am 5. März 1991.
Der Ölpreis (WTI) schwankte 1990 zwischen einem Tief von 16,06 und einem Hoch von 41,15 USD. Die US-Inflationsrate stieg von 4,8 % im Juli 1990 bis Oktober 1990 auf 6,3 %. Folge: In der Rezession von Juli 1990 bis März 1991 (acht Monate) war die US-Wirtschaftsleistung um 1,4 % rückläufig.
2008: Starke Schwellenländernachfrage
Eine starke Wachstumsdynamik der Schwellenländer, insbesondere Chinas, führte zu einer enormen Nachfrage nach Industrierohstoffen und Rohöl. Obwohl infolge steigender Dollarzinsen bereits schwarze Wolken über dem US-Immobilienkreditmarkt aufzogen, stieg der Ölpreis (WTI) bis 11. Juli 2008 auf ein historisches Hoch von 147,16 USD (verglichen mit Tiefstand 2007 von 49,89 USD). Die US-Inflationsrate stieg von Jänner 2007 bis zum Peak im Juli 2008 von 2,1 auf 5,6 %. Zur Inflationsbekämpfung hat die Fed ihren wichtigsten Leitzins von noch 1 % im Juni 2004 bis 29. Juni 2006 auf 5,25 % angehoben, was der Auslöser der Subprime-Hypothekenmarkt-Krise war, die auf andere Bereiche des Immobilienkreditmarktes übergriff und sich mit der Lehman-Pleite am 15. September 2008 endgültig zu einer globalen Finanzkrise ausweitete. Die Folge: Eine ausgedehnte Rezession, die in den USA von Dezember 2007 bis Juni 2009 (1,5 Jahre) anhielt und eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung von 5,1 % bedeutete.
2022: Ukraine-Krieg
Bereits durch die Pandemie waren Lieferketten unterbrochen und im Zuge des am 24. Februar 2024 ausgebrochenen Ukraine-Kriegs kam noch eine Energieknappheit hinzu, da russisches Erdgas im Westen nicht mehr länger erwünscht war und der Ersatz, insbesondere durch LNG, entsprechend teuer war. Hinzu kam auch ein massiver Erdöl- und Erdgaspreisanstieg.
Die US-Inflationsrate war bereits schon zuvor wegen Lieferkettenunterbrechungen gestiegen und der Krieg hat diese Entwicklung nochmals beschleunigt. Von Dezember 2021 bis zum Peak im Juni 2022 stieg die Inflationsrate von 7,0 auf 9,1 % verglichen mit nur 1,4 % im Jänner 2021. Der Ölpreis (WTI) stieg von Ende 2021 bis zum Hoch 2022 um rund 69 %.
Die Folge der Lieferkettenunterbrechungen und Energiekrise des Jahres 2022 war, dass sich die Erholung von der Corona-Krise verlangsamte. Das US-BIP-Wachstum lag im vierten Quartal 2021 noch bei 5,7 %, verlangsamte sich im ersten Quartal 2022 aber auf 3,7 % um bis zum vierten Quartal 2022 auf 0,9 % zu sinken. Ob der Iran-Israel Konflikt 2025 inklusive der Beteiligung der Vereinigten Staaten seit dem vergangenen Wochenende tatsächlich einen neuen Öl-Schock auslöst, bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass nach einem kurzen zweistelligen Ölpreisanstieg wieder eine leichte Entspannung folgte.
Ölpreis und Aktienperformance
Für den Börsen-Kurier untersuchte Pascal Kielkopf, Kapitalmarktanalyst bei HQ Trust, die Zusammenhänge zwischen Ölpreisveränderung (Brent) in den vergangenen zwölf Monaten und der Total-Return-Performance im S&P 500 in den darauffolgenden zwölf Monaten. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von Jänner 1971 bis Mai 2025. Kielkopf teilte die Performance des Ölpreises in zehn Dezile, wobei mehr als 29,3 % Ölpreisrückgang im niedrigsten Dezil über 62,8 % Anstieg im höchsten Dezil gegenüberstehen. Es ist eine klare Tendenz erkennbar: Am besten performte der S&P 500 (auf Zwölf-Monats-Sicht) nach dem Ölpreis-Entwicklungs-Dezil mit der schlechtesten Entwicklung (-29,3 %) mit 18,6 % verglichen mit nur 4,1 % Performance nach dem zweitstärksten Ölpreis-Entwicklungs-Dezil (41,8 bis
62,8 %). Eine klare Tendenz als Orientierungshilfe lässt sich vor allem dann erkennen, wenn man eine Glättung vornimmt und die Durchschnittsperformance der jeweils drei schwächsten und stärksten Ölpreisentwicklungsdezile auswertet: Dann stehen im Schnitt nur 6,2 % Ein-Jahres-Performance im S&P 500 nach Szenarien mit jährlichen Ölpreisanstiegen ab 21,2 % einem Plus von durchschnittlich 15,7 % nach Szenarien von jährlichen Ölpreisrückgängen von mindestens 6,5 % gegenüber.
Zum Vergleich: Über den gesamten Untersuchungszeitraum liegt die Performance des S&P 500 bei 10,3 % p.a. (in USD).
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Wie Anleger vom KI-Boom profitieren können
Chancen wie Risiken sind für Firmen der Branche enorm, Experte rät zu Diversifikation.
Red/ks. Für Raj Shant, Managing Director bei Jennison Associates, befinden wir uns in der Spätphase des Investitionszyklus im Universum der Künstlichen Intelligenz. Im Interview mit dem Börsen-Kurier erklärt er, wie Anleger nichtsdestoweniger von dieser revolutionären Entwicklung profitieren können und auf was dabei zu achten ist.
Börsen-Kurier: Sind wir noch in der ersten Welle der KI, also bei der Infrastruktur, oder sind wir bereits weiter fortgeschritten?
Raj Shant: Bei jeder großen Revolution lässt sich ein wiederkehrendes Muster erkennen. Die ersten großen Erträge stammen aus den Bereichen Hardware und Infrastruktur. Bei der generativen KI waren dies GPU-Chips und Rechenzentren. Mit der Veröffentlichung des R1-Modells von Deepseek wurde der Übergang zu Software und Anwendungen beschleunigt, die daraufhin leichter zugänglich wurden. Somit befinden wir uns in der späten Phase des Investitionszyklus und in der frühen Phase der Anwendungs- und Verbreitungsphase.
Börsen-Kurier: Welche Unternehmen profitieren hier am stärksten? Können Sie uns Beispiele nennen?
Shant: Die größten Profiteure der Infrastruktur-Investitionsphase waren Hardware-Unternehmen wie Nvidia und Broadcom. Von der erwarteten „Token-Explosion“ werden die Hyperscaler profitieren, da sich die Technologie in den meisten Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft weiterverbreitet. Dies wird zu einer Zunahme der Nutzung sowie zu einer größeren Breite und Tiefe der ausgeführten Aufgaben führen. Zu den wichtigsten Rechenzentrumsbetreibern zählen Amazon AWS und Microsoft Azure.
Börsen-Kurier: Wie schlagen sich die „MAG 7“ im Bereich KI? Wer liegt hier vorne?
Shant: Wie zuvor FAANG verliert auch die Abkürzung „MAG 7“ bereits an Bedeutung und Kohärenz. Besser ist es, von Big Tech zu sprechen, die in dieser Anfangsphase der KI-Revolution aufgrund der hohen Kosten in diesem Bereich generell vorne liegen. In den nächsten Phasen der Einführung und Verbreitung besteht jedoch die Chance, dass Big Tech seine Führungsrolle verliert, wenn KI-native Unternehmen an Bedeutung gewinnen.
Börsen-Kurier: Alle reden derzeit über Europa. Gibt es in Europa Unternehmen, die sich im Bereich KI besonders hervorheben?
Shant: Europäische Unternehmen sind mit dem Risiko eines restriktiven regulatorischen Rahmens konfrontiert, während der US-Markt Innovation priorisiert. Die attraktivsten Chancen werden wahrscheinlich noch lange Zeit in den USA und China zu finden sein. SAP gilt derzeit zwar als Marktführer, aber es bleibt abzuwarten, ob generative KI neue Chancen für etablierte Softwareunternehmen bietet oder ob neuere, günstigere und schnellere KI-Agenten auf den Markt kommen, die den Kunden neue Optionen bieten.
Börsen-Kurier: Wie gut sind KI-Agenten heute schon? Wie wird sich dieser Trend entwickeln?
Shant: Generell sollte man immer davon ausgehen, dass die KI-Version, die wir heute verwenden, die schlechteste ist, die wir jemals verwenden werden, da sich KI so schnell verbessert. Möglicherweise werden KI-Agenten letztendlich die bahnbrechende Anwendung sein, die generative KI in den Mainstream bringt. Eventuell werden sie aber auch einfach die vorherrschende Methode sein, um Unternehmen und Privatpersonen die Leistungsfähigkeit der KI zur Verfügung zu stellen – ohne dass es einer eigenständigen App bedarf.
Börsen-Kurier: Welchen Rat würden Sie Anlegern geben, die in KI investieren möchten?
Shant: Die Veränderungen sind rasant und tiefgreifend. Sie bergen für einige Unternehmen enorme Chancen, für andere hingegen existenzielle Risiken. Die größten Erfolge in den nächsten drei bis fünf Jahren könnten AI-native Unternehmen erzielen, die gerade erst gegründet werden. Es ist ratsam, sich über ein diversifiziertes Portfolio in diesem vielversprechenden Bereich zu engagieren, dies jedoch über Experten zu tun, die über fundierte Kenntnisse und die Ressourcen verfügen, um diesen dynamischen Bereich angemessen zu verfolgen.
Foto: Jennison Associates
Risiken und Ärger mit ETFs
Es ist Hauptversammlungssaison. Zeit der Abrechnung, Diskussion und Entscheidung. Teils recht emotional wird die Debatte geführt.
Florian Beckermann. ETFs (Exchange Traded Funds) sind das Produkt einer Epoche. Kaum ein anderes Investmentvehikel erfreut sich so großer Beliebtheit. Sie sind eine weitgehend kostengünstige und transparente Anlagemöglichkeit. Dennoch poppen unzählige Fragen und Risiken auf, die Anleger verunsichern.
Zehn wichtige Punkte:
1. Angebotsüberflutung: Es gibt Tausende ETFs mit ähnlichen Namen, Strategien und Indizes. Einsteiger können leicht ungeeignete oder unnötig teure Produkte wählen. Gerade bei beratungsarmen Online-Anbietern kommt man hier nicht weiter.
2. Marktrisiko: ETFs bilden einen Index oder ein Marktsegment nach. Wenn der zugrunde liegende Markt fällt, verliert auch der Fonds an Wert. So einfach, so klar?
3. Verantwortungslücke: Der ETF-Anleger gibt sein Aktienstimmrecht weitgehend auf. Die Stimmrechtsberater der ETF-Emittenten übernehmen diese Aufgabe und damit die Macht. Eine Situation entsteht, in der die eigene Ethik nicht unbedingt gewürdigt wird.
4. Dividendenfrage: Viele Fonds reinvestieren die erhaltenen Dividenden. Das muss nicht jedem gefallen, da Ertrag nur durch Verkauf des Produkts entsteht.
5. Konzentrationsrisiko: Viele Indizes sind nicht gleichgewichtet. Große Unternehmen dominieren oft. Ein MSCI World ETF enthält viele US-Tech-Aktien wie Apple, Nividia oder Microsoft. Der kürzliche, zeitweise Rückgang dieser Großunternehmen führte zu viel Verunsicherung im Markt.
6. Währungsrisiko: Wenn ein ETF in Fremdwährungen investiert, kann sich ein starker Wechselkurs negativ auswirken. Ein in Euro notiertes Produkt mit US-Aktien leidet, wenn der US-Dollar fällt, auch bei positiven Aktienkursen.
7. Liquiditätsrisiko: Bei exotischeren ETFs (z. B. mit Nischenmärkten) oder synthetischen Produkten (hier: Vertragspartnerrisiko) kann es sein, dass sie sich in Krisenzeiten nur schwer handeln lassen. Das kann teuer werden oder Probleme beim Verkauf machen.
8. Gebühren: Der ETF bildet den Index nicht immer 1:1 ab, z. B. durch Gebühren oder Steuern. Die tatsächliche Performance kann leicht schlechter sein als der Index. Die negativen Effekte von Gebühren werden regelmäßig erst nach Jahren im ETF-Ansparplan sichtbar. Teilweise werden 2,5 % nicht investiert, was langfristig zu ärgerlichen Kosten führt. Auch ein ETF ist (noch) nicht kostenlos!
9. Steuerliche Komplexität: In manchen Ländern gelten spezielle Regeln für thesaurierende und ausschüttende ETFs (z. B. Vorabpauschale in Deutschland; gibt es aber nicht in Österreich). Der Anleger muss sich mit dem eigenen Steuerregime vertraut machen und manchmal einen Steuerberater hinzuziehen. Diese Situation ist in Österreich in letzter Zeit öfter eingetreten. Kosten, die bei nationalen Produkten kaum entstehen.
10. Verhaltensrisiko/Fehlnutzung: Anleger kaufen ETFs oft aufgrund ihrer Einfachheit, sind aber emotional nicht auf Marktschwankungen vorbereitet. Panikverkäufe in Krisenzeiten oder schlechtes Timing schmälert den Erfolg.
Fazit
Basis der allermeisten ETFs sind börsennotierte Aktien. Wie auch dort, kann
eine genaue Analyse des Investmentprodukts vor dem Kauf viel Ärger ersparen. Die Investition in eine gute Beratung kann ebenfalls nicht schädlich sein.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Europas Comeback? Wie es funktionieren könnte
Amerikanische Verteidigung, russisches Gas, unendlicher Absatzmarkt China – das ist vorbei.
Tibor Pásztory. Im Rahmen der diesjährigen Country Risk Conference lud Dagmar Koch, Country Managerin des Kreditversicherers Coface Österreich, 170 Gäste aus dem Wirtschafts- und Finanzwesen in den Apothekertrakt des Schlosses Schönbrunn zu inspirierenden Vorträgen des US-Wahlkampfexperten Julius van der Laar sowie des Historikers und Journalisten Christoph von Marschall. Das Thema: „Europas Comeback?“ – mit Fragezeichen, wohlgemerkt.
Ins Tun kommen
„Das Comeback Europas kann gelingen. Wir dürfen dabei nicht unsere langfristigen Ziele den kurzfristigen Krisen opfern. Unsere Werte wie Menschenwürde, Freiheit und Demokratie bilden dabei das Fundament für nachhaltiges Wachstum und Wohlstand“, leitete Koch das Thema ein und meinte aber auch: „Wir müssen unsere Aufgaben endlich angehen, das ist entscheidend.“ Tatsächlich scheint es hoch an der Zeit, die Scheu vor ungewohnten Herausforderungen abzulegen und ins Tun zu kommen. Das betrifft nicht nur die politische und makroökonomische Ebene, sondern auch zutiefst betriebswirtschaftliche Entscheidungen der Unternehmen, „denn wer macht große Investitionen, wenn er nicht weiß, was morgen ist?“, wie Christiane von Berg, Head of Economic Research Coface BeNeLux & DACH, das Kernproblem in simplen Worten zusammenfasste.
Drei bequeme Pölster sind weg
Europa hat sich über die letzten 35 Jahre auf drei bequemen Erfolgsgrundlagen ausgeruht, so Christoph von Marschall: Die Verteidigungskosten übernahmen die USA, aus Russland bezog man billige Energie, und China wurde zu einem riesigen Absatzmarkt. Alle drei Faktoren sind nahezu gleichzeitig und binnen kürzester Zeit verschwunden.
Denkt man an die Verteidigungskosten und die Unsicherheiten bezüglich der Zukunft der NATO, fällt unweigerlich der Name Donald Trump. Auch wer diesen Namen nicht mehr hören kann, muss sich nach 150 Tagen seiner zweiten Amtszeit mit dessen Handeln auseinandersetzen – und verstehen, warum laut van der Laar 47 % der Amerikaner mit dessen Amtsführung zufrieden sind – „gigantisch gute Werte im Vergleich zu Joe Biden!“ Trump sei eben der ultimative Meister der medialen Inszenierung, er sei wie der Produzent einer eigenen Netflix-Serie. In den Augen seiner Wähler gelte das Prinzip „Versprochen – gehalten!“, denn seinen ultraharten Kurs habe er im Wahlkampf angekündigt.
Geostrategisch schlecht aufgestellt
Die USA tendieren wieder zum Isolationismus, und so wackelt auch die Nato-Beistandsgarantie, während Wladimir Putin Grenzen mit Gewalt ändern will und so Europas Friedensordnung in den Müll wirft. Die EU ist allenfalls ökonomisch Weltmacht, nicht militärisch, und wird von anderen Großmächten nicht mehr ernstgenommen. „If you have no seat on the table, you are on the menue“, so ein amerikanischer Spruch. In diesem Sinne könnte man die Ukraine als Vorspeise verstehen, danach kommt – und da scheint sich Marschall ziemlich sicher – Litauen dran. Damit wäre ein Landkorridor via Weißrussland in das russische nördliche Ostpreußen (heute nach Lenins Schlächter Mikhail Kalinin Kaliningrad benannt) hergestellt, das Russland als wichtiger Stützpunkt für seine Seestreitkräfte dient.
Wenn Litauen fällt, fallen wohl auch Lettland und Estland. Polen wäre schon eine größere Nummer. Deutschland müsste im eigenen Interesse in den Krieg gegen Russland einsteigen, verfügt aber nur über Munition für zehn Tage. Das ist aber noch nicht die ganze Wahrheit: Selbst wenn Deutschland unter dem neuen Kanzler Friedrich Merz alle finanziellen Mittel zur Nachrüstung ausschöpfe, fehle immer noch das Personal. Die Wehrpflicht hatte Deutschland ja 2011 ausgesetzt. „Die Politik schlafwandelt seit Jahren“, so Marschall. Deutschland liege oft falsch mit seinen Erwartungen an die internationale Entwicklung, wie zum Beispiel bei der Wahl Trumps 2016 und 2024 sowie dem Angriff Putins auf die Ukraine: „Keine Vorbereitung, kein Plan B!“.
Und doch ins Positive?
Dabei sollte sich die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft Deutschland nicht andauernd selbst unterbewerten. Immerhin produziert man mit 1 % der Weltbevölkerung 4,3 % der Weltwirtschaft. Diese ökonomische Stärke sei jedoch stark exportgetrieben, aber die Märkte USA und China wackeln derzeit gehörig. „Ohne Sicherheit ist alles andere nichts“, die Erhöhung des Wehretats von 1,5 auf 3,5 bis 5 % sei daher absolute Priorität (und ein Wachstumstreiber).
„Deutschland kann Krise“, gibt sich Marschall überzeugt. Die Abhängigkeit von russischem Gas sei in atemberaubender Geschwindigkeit abgelegt worden, so ein Positivbeispiel. Auch Frankreich und Großbritannien (trotz Brexit) scheinen gewillt, sich gegen Russland zu stellen. Ob die EU hier das richtige Vehikel für neue Stärke ist, scheint schon alleine aufgrund des Einstimmigkeitsprinzips in vielen Fragen zweifelhaft. Eine Koalition der Willigen, also von Nationalstaaten, scheint auch nicht perfekt, aber unkomplizierter. Feiert etwa Charles de Gaulle‘s „Europa der Vaterländer“ ein Comeback? Amerikanische Verteidigung, russisches Gas, unendlicher Absatzmarkt China – das ist vorbei.
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Altersvorsorge ab 50 ist möglich
Im Gespräch mit dem Finanzplaner und Software-Entwickler Wolfgang Ellmaier.
Klaus Schweinegger. Nicht das Alter ist entscheidend, sondern der Zeithorizont der einzelnen Lebensziele, sagt Experte Wolfgang Ellmaier im Interview mit dem Börsen-Kurier. Die Altersgruppe „50plus“ ist aus seiner Sicht sehr vielfältig mit unterschiedlichen Ansprüchen und Wünschen.
Ellmaier hat federführend auch die Software „Well+“ zur strategischen Planung von Vermögen und finanziellen Zielen entwickelt. Ziel ist es, Beraterinnen und Berater bei der Erstellung von Vermögensplänen für Kunden zu unterstützen.
Börsen-Kurier: Zunächst eine Frage aus Ihrer Beratungspraxis: Was unterscheidet die Altersgruppe 50plus von jüngeren Kunden?
Wolfgang Ellmaier: Menschen ab 50 stehen oft vor entscheidenden Weichenstellungen: richtige Strukturierung des aktuellen Vermögens, Decken der möglichen Lücken, Optimierung der Steuersituation bezüglich des Vermögens, Pensionsvorbereitung, Vermögensübertragung und vieles mehr. Generell gibt es in dieser Altersgruppe oft große Lebensveränderungen. Familiär, beruflich, gesundheitlich. Es geht nicht nur ums das Thema Ansparen, sondern auch um Struktur, Sicherheit und Zielorientierung. Viele wollen als ersten Schritt einen Status Quo und in weiterer Folge eine genaue Liquiditätsentwicklung erfahren. Klarheit darüber, wie lange ihr Vermögen reicht, ob sie sich bestimmte Wünsche leisten können etc. Die Themen finanzielle Unabhängigkeit und finanzielle Freiheit werden oft thematisiert. Für manche ist auch das Thema der Vermögensweitergabe wichtig. Dafür braucht es aber ebenso als ersten Schritt einen Status Quo.
Börsen-Kurier: Und gibt es auch innerhalb dieser spannenden Zielgruppe auch Unterschiede gibt?
Ellmaier: Ja, „50plus“ ist sehr vielfältig. Uns geht es ja auch nicht um die Zeitspanne bis zum Pensionsantritt, sondern eigentlich immer um das ganze Leben. Und da gibt es fast immer noch einen sehr langen Zeithorizont. Die meisten Kunden stehen aber noch voll im Berufsleben, andere planen die Übergabe eines Betriebs, wieder andere haben geerbt oder denken schon intensiver über den Ruhestand nach. Es braucht in jeder Phase eine sehr gute Beratung. Es handelt sich immer um sehr interessante Projekte.
Börsen-Kurier: Losgelöst vom Alter der Kundinnen bzw. der Kunden: Welche Aspekte sind es, die die Menschen bei der persönlichen Finanzplanung beschäftigt?
Ellmaier: Die großen Themen sind Nutzen der Chancen der verschiedenen Assetklassen, Decken der Pensionslücke, Sicherheit, Liquidität, Steueroptimierung und Zielerreichung. Menschen wollen wissen, wo sie finanziell stehen – und was möglich ist. Unsere Aufgabe ist es, Struktur zu schaffen und Chancen aufzuzeigen.
Börsen-Kurier: Wie kann eine optimale Finanzplanung für 50plus aussehen und was sollte bei der Planung der Pensionsphase berücksichtigt werden?
Ellmaier: Zunächst braucht es eine ehrliche Bestandsaufnahme. Alle Assets mit Produktdetails wie Rendite, Risiko, Kosten, Steuern etc. werden erfasst und in einer Vermögensbilanz zusammengefasst. Private Einnahmen und Ausgaben und die Liquiditätsströme zwischen den Assets werden erfasst. Die Lebensziele werden in die Finanzwelt „übersetzt“ und dann simulieren wir (mit der Software Well+, Anm.) verschiedene Szenarien – z. B. Ansparungen, Marktszenarien, frühere oder spätere Pensionierung, Immobilienkauf oder -verkauf, Schenkungen usw. Wir liefern einen klaren Plan und zeigen die Auswirkungen jeder Entscheidung grafisch – das schafft Sicherheit und macht Optionen sichtbar.
Börsen-Kurier: In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, welche Veranlagung für „50plus“ empfehlenswert ist? Der Zeithorizont ist ja ein gänzlich anderer als bei jungen Kunden.
Ellmaier: Nicht das Alter ist entscheidend, sondern der Zeithorizont der einzelnen Lebensziele. Wir strukturieren das Vermögen in Liquiditätsschichten: kurzfristige Rücklagen, mittelfristige Planungen, langfristiger Kapitalaufbau. Gerade der langfristige Teil darf wachstumsorientiert sein – sinnvoll abgestimmt auf Risiko, Steuern und Liquiditätsbedarf.
Und bei der Altersgruppe kann man sicher nicht vereinfacht davon ausgehen, dass immer nur wenig Zeit bis zum Pensionsantritt beispielsweise mit 65 zur Verfügung steht. Am Kapitalmarkt kann man lebenslang veranlagt sein und das Kapital exakt nach Plan verbrauchen. Der Rest kann veranlagt bleiben. Natürlich steuerlich optimiert. Das planen wir für unsere Kunden.
Börsen-Kurier: Welche Vorteile bietet eine professionelle Finanzberatung für den Kunden?
Ellmaier: Viele Menschen haben Vermögen, aber keinen Überblick. Wir liefern Struktur, zeigen Optimierungspotenziale auf – bei Steuern, Kosten, Risiko. Wir können mit unserer Software einen Plan erstellen, der realistisch, transparent und steuerlich fundiert ist. Gute Berater begleiten über alle Phasen des Lebens hinweg. Und zwar nicht als Produktverkäufer, sondern wirtschaftlich umfassend.
Börsen-Kurier: Und abschließend: Pensionsplanung ist sehr komplex. Wie kann sie dem Kunden nachvollziehbar erklärt werden?
Ellmaier: Wir visualisieren alle relevanten Faktoren – Einnahmen, Ausgaben, Rendite, Risiko, Steuern, Entnahmen, Ereignisse usw. – über die gesamte Lebensspanne. Mit einem Szenarien-Vergleich sehen Kunden sofort, wo das Optimierungspotenzial liegt. Komplexität wird greifbar – und Planen wird plötzlich einfach. Genau das ist unser Ziel.
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Der Kampf um Seltene Erden
Trotz Entspannung erwartet die IEA eine unsichere Versorgungslage.
Roman Steinbauer. Die Versorgungslage bei kritischen Mineralien wie Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer, Graphit sowie 17 Elemente von Seltenen Erden hat sich seit 2022 entspannt. Doch nimmt die Abhängigkeit zu diesen „Schlüssel-Rohstoffen“ in der auf Diversifikation setzenden Energiewirtschaft rascher als angenommen zu. Diese Entwicklung zeigt die jüngste Ausgabe des „Global Critical Minerals Outlook 2025“ der Internationalen Energie Agentur (IEA) vom 25. Mai auf. Der globale Abnahmeanteil der Energieproduzenten an Nickel beträgt immerhin 62 %, an Lithium 80 %, an Kobalt 82 % und an Graphit 99 %. Fakt ist: Wenn auch die Ölindustrie teils durch die politische Agenda der USA wieder Unterstützung erfährt, führt dies laut IEA derzeit zu Investitionskürzungen, aber keineswegs zu einer Umkehr der Energietransformation.
Trügerisches Gleichgewicht
Die IEA sieht überhaupt eine neuerliche Brisanz um kritische Mineralien heranziehen. Denn die Dominanz weniger Exportstaaten nimmt, trotz weltweit steigender Förderung, weiter zu. 2024 entfielen auf nur drei Länder 86 % des Gesamt-Angebots – 2020 waren es noch 82 %. Indonesien steht bei Nickel, China bei Mangan, Sulfate und Phosphor (Gallium: 99 %) der Verfügbarkeit an vorderster Stelle. Der Förderanteil Chinas liegt bei 19 der 20 strategischen Mineralien bei mehr als 70 %. 15 Elemente verzeichnen dabei eine Preisvolatilität, die jene des Rohöls übertrifft. Weiters stehen weltweit 55 % der gesuchten Rohstoffe unter Exportkontrolle. Dazu verlangsame sich die Erschließung neuer Förderprojekte in Europa, und die Explorationsdynamik nahm global nur noch um 4 % zu (2023: +14 %).
Und so prognostiziert die IEA für den Nickelmarkt bis 2035 ein Angebotsdefizit von 30 %. Die in Paris ansässige Energiebehörde weist explizit auf mögliche Engpässe hin. Deren Direktor Fatih Birol äußerte sich zur Lage beunruhigt: „Gegenüber Lieferschocks werden die Lieferketten noch fragiler. Zur zuverlässigen Versorgung braucht es vorrangig eine relative Preisstabilität, eine Widerstandsfähigkeit zu Handelsbeschränkungen und gegen technische Ausfälle. Im 21. Jahrhundert wurden kritische Mineralien zum wichtigsten Faktor für die globale Energiesicherheit.“
Bloß ein Intermezzo an Verfügbarkeit?
Aus dem 310 Seiten umfassenden Bericht der IEA filterte der Börsen-Kurier: Der Bedarf der Energiewirtschaft zog im Vorjahr durchgehend (von +3 % im Kupfer bis zu +29 % bei Lithium) weiter an. Im Gegensatz zu klassischen Basismetallen gaben 2024 die Preise jener Materialien, die für die Batterieherstellung nachgefragt werden (Silber, Platin, Mangan, Nickel, Graphit, Kobalt, Lithium, Uranium sowie die Gruppe Seltener Erden), aber teils bis zu über 30 % (Lithium) nach. Ursache dafür war eine Angebotszunahme, die die steigende Nachfrage teils erheblich übertraf. Der Überhang betrug bei Kupfer 1 % und bis zu 6 % bei Nickel, Kobalt, Graphit und Seltenen Erden.
Ergänzend: Wie die Bloomberg vergangene Woche verlautbarte, erhielten Chinas Exporteure erneut die Erlaubnis der Regierung, kritische Mineralien wieder in die USA zu liefern. Gegenüber dem Sender umriss der Leitende Mitarbeiter des Royal United Services Institute (RUSI), Charles Parton, die starke Position der zweitgrößten Wirtschaftsmacht um die sensible Ware mit den Worten: „Das ist eine Waffe, die China stets einsetzen wird.“
Foto: AdobeStock / Zain / KI generiert
Falsche Sparsamkeit bei Österreichs AGs
Es ist Hauptversammlungssaison. Zeit der Abrechnung, Diskussion und Entscheidung. Teils recht emotional wird die Debatte geführt.
Florian Beckermann. Einer der Aufreger ist regelmäßig die Vergütung des Vorstands und des Aufsichtsrats – eine verkappte Neiddebatte für einige, ein wirtschaftlich-sozialer Lenkungsimpuls für andere.
Auch die internationalen Stimmrechtsberater bearbeiten das Thema, und damit die großen internationalen Investoren, wie Blackrock, Vanguard usw. Der Pflicht-Tagesordnungspunkt „Vergütungsbericht“ wird von ihnen zerpflückt – oft führt dies zu schnaufenden Gesichtsausdrücken des betroffenen Vergütungsausschusses. Dabei geht es nicht um die Höhe der Vergütung, sondern deren transparente Zusammensetzung. Es ist also die Nachvollziehbarkeit der Vergütung, die aneckt. Ein vermeintlich vermeidbarer Bauchfleck? Mitnichten. Die involvierten Agenturen lassen sich nicht in die Karten schauen. Warum sie die Vergütung ablehnen, bleibt oft nicht erkenntlich. Insofern fordert man Transparenz, die man selbst nicht einhält? Vielleicht. Jedenfalls rätselhaft für Entscheider im Aufsichtsrat.
Absurd wird die Diskussion um die Höhe. Im internationalen Vergleich sind insbesondere die Aufsichtsratsvergütungen zu gering. Ein Aufsichtsratsmitglied der Telekom Austria – immerhin ein Milliardenkonzern – soll für 20.000 Euro pro Jahr eine ernstzunehmende, unabhängige Überwachungsaufgabe ausüben und die Interessen aller Aktionäre vertreten? Welcher geeignete Manager mit vernünftigem Netzwerk und Erfahrung tut so etwas? Es bleiben Kernaktionärsvertreter übrig, die entsendet werden und sich bei der Dress vielleicht nicht immer so ganz im Klaren sind. Wie am Beispiel der HV-Debatte bei Uniqa zu sehen war, ist die Kontrolle des Vergütungsberichts dennoch sinnvoll. 20.000 Euro Vergütung für einen Ausschuss der nicht tagt? Das ist kein hinnehmbarer Zustand – für keinen Aktionär.
Abseits dieser Sondersituation stellt sich die Frage: Warum die magere Vergütung? Es kann nicht an der weitgehend guten Aktienperformance liegen, es liegt auch kaum an den Aktionären (Streubesitz), die leistungsorientierte, unabhängige Überwachung ihres Kapitals erwarten. Es mag vielleicht falsche Sparsamkeit sein.
Lösungsidee: Gerade im Hinblick auf teilweise überragende Ergebnisse für die Aktionäre und andere Stakeholder ist Sparsamkeit zwar löblich und hinterfragenswert, aber nicht verhältnismäßig zum Erfolg aktuell. Angesichts der extrem niedrigen Aktienquote bei heimischen Aufsichtsräten wäre es doch überlegenswert, eine Vergütung in Form eines nachhaltigen Beteiligungsprogramms auf Aktienbasis zu gewähren (angelehnt an die Kriterien für die Vorstandsvergütung). Nachsatz: Wenn man schon keinen Mut/Konsens bei der Erhöhung des Salärs in Barmitteln findet. Der Attraktivität des Marktes würde es guttun, hier wettbewerbsfähig zu werden.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Die sichersten Austro-Aktien
Eine exklusive Auswertung der Erste Group liefert interessante Ergebnisse.
Michael Kordovsky. Exklusiv für den Börsen-Kurier analysiert Erste-Group-Chefanalyst Christoph Schultes das sogenannte „Beta“ der ATX-Prime-Werte der vergangenen zehn Jahre. Beta ist ein Maß für die Schwankungsbreite des Kurses von Finanztiteln im Vergleich zum Gesamtmarkt, also in unserem Fall der österreichischen Aktien zum ATX Prime. Daneben wurde auf die Performance geachtet, wobei diese als Total Return, also Kursgewinne plus Dividenden der letzten zehn Jahre, gemessen wurde. „Je weiter die Punkte unter der Regressionslinie liegen, desto sicherer sind die Werte unter der Berücksichtigung der Performance. (Anm.: Eine Regressionsanalyse stellt Betas mit Total Returns in Beziehung, wobei das Bestimmtheitsmaß in unseren Fällen erwartungsmäßig niedrig ausfällt.) Man kann sagen, dass Verbund und Strabag hier aufgrund ihres Total Returns am attraktivsten erscheinen, rückt man die Sicherheit in den Vordergrund wäre es der Flughafen Wien. Attraktiv sind unter diesem Aspekt auch noch EVN, Telekom Austria und CA Immo. Dieses Ergebnis ist, meiner Meinung nach, aussagekräftig, auch wenn der Zeithorizont hier eine besondere Rolle spielt“, erklärt Schultes gegenüber dem Börsen-Kurier. Die Top-Performer der Low-Beta-Aktien Verbund, Strabag und EVN brachten es in den vergangenen zehn Jahren (per 3. Juni) auf eine Performance von je 528, 496 bzw. 232 %.
Defensive Branchen und wenig Streubesitz
Schultes verweist auf einen wichtigen Zusammenhang: „Defensive Titel haben generell ein niedrigeres Beta als zyklische Aktien.“ „Ein Vorteil könnte auch ein geringer Streubesitz bzw. eine geringe Marktkapitalisierung sein, die die Handelbarkeit der Aktie einschränken, dies könnte z. B. Titel wie die Amag unterstützt haben.“ Die Amag ist dabei auch fundamental solide. Sie hat in den Jahren 2012 bis 2024 jedes Jahr ein positives Ergebnis nach Ertragssteuern erzielt und konnte in diesem Zeitraum den Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit in etwa auf gleichem Niveau halten. Was auf den Aktienkurs noch stützend wirken könnte, ist laut Meinung des Autors eine hohe Dividendenrendite. Bei einem Kurs von 24,50 Euro liegt die aktuelle bei 4,9 %.
Ranking über zehn Jahre
Per 3. Juni 2025 zeigt ein Beta Ranking der vergangenen zehn Jahre mit einem Beta von 0,35 Amag als Gewinner, wobei sich deren Total Return mit 14 % in Grenzen hielt. „Zweitsicherster“ und „Drittsicherster“ Wert sind Flughafen Wien und Agrana mit jeweils rund 0,41. Während Agrana mit -2 % keinen Total Return brachte kam Flughafen Wien auf ein Plus von 203 %. An weiterer Stelle kommt die Post (Beta: 0,42), deren Gesamtperformance mit 17 % eher mäßig ausfällt, da sich der Kurs vor ziemlich genau zehn Jahren auf dem Höchststand befand. Doch der nächstbeste Wert, die Telekom (Beta: 0,48), brachte es im Untersuchungszeitraum auf beachtliche 145 %. Und was ergibt die Betrachtung der Ertragshistorie? Von 2017 bis 2024 konnte Telekom den Gewinn/Aktie um 7,6 % p.a. steigern und die Dividendenausschüttung stieg von 0,20 auf 0,36 Euro. Verbund konnte von 2020 bis 2024 das Konzernergebnis von 631,4 auf 1.875,3 Millionen Euro erhöhen. Mit einem zweistelligen Ebit-Wachstum im gleichen Zeitraum überzeugt Strabag. Flughafen Wien hat mit Ausnahme des Pandemie-Jahres 2020 seit selbigem immer schwarze Zahlen geschrieben, und die aufgrund der bisherigen Beta-Historie vielversprechende Frequentis (Beta von 0,38) war in der Lage, von 2017 bis 2024 den Gewinn/Aktie um 10,6 % p.a. zu steigern, wobei lediglich das Jahr 2020 negativ war.
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Die EU überarbeitet die Regeln
Überarbeitung der Regeln für grüne Finanzprodukte, verstärkter Fokus auf Klimarisiken.
Andreas Dolezal. Die aktuelle Definition nachhaltiger Finanzprodukte in der EU-Offenlegungsverordnung SFDR gilt unter Experten und Asset Managern als nicht besonders geglückt. Zwar weisen Studien regelmäßig steigende Anlagevolumina für „grüne“ Anlageprodukte aus, ob diese tatsächlich zum vollständigen Erreichen der visionären EU-Klimaziele – Klimaneutralität bis 2050 – beitragen, ist mittlerweile aber auch auf EU-Ebene fraglich.
Kritik an SFDR
Bereits im Dezember 2022 leitete die EU-Kommission die Überarbeitung der SFDR ein. Im Rahmen zweier Konsultationen holte sie Rückmeldungen zu etwaigen Mängeln und zur Verbesserung der Funktionsweise ein. Finanzbranche und Öffentlichkeit sparten dabei nicht mit Kritik. Als Schwachstellen der SFDR wurden unter anderem mangelnde Rechtsklarheit, die geringe Relevanz bestimmter Offenlegungspflichten (Produktinformationen) und Probleme hinsichtlich der Datenverfügbarkeit genannt.
Dadurch mobilisieren die geltenden Vorschriften weniger private Investitionen in nachhaltige Geschäftspraktiken und die strategischen Ziele Europas. Diese Mängel gelte es mit gezielten Vereinfachungen und Anpassungen zu beheben. Die Kommission erkennt auch an, dass die Schwachstellen zu unverhältnismäßigen operativen Kosten für die Finanzindustrie geführt haben. Die mangelnde Vergleichbarkeit nachhaltiger Finanzprodukte berge zudem die Gefahr von Grünfärberei.
Transitionsprodukte in Planung
Noch ist nicht absehbar, wann mit der fertig überarbeiteten SFDR zu rechnen ist. Das Ziel ist jedenfalls, sie sowohl für Finanzindustrie als auch Endanleger klarer zu gestalten, etwa durch das Straffen und Reduzieren der Offenlegungspflichten und der neuen Kategorisierung von nachhaltigen Finanzprodukten. Beispielsweise sollen künftig nicht nur jene Wirtschaftstätigkeiten als nachhaltig investierbar gelten, die im Sinne der EU-Taxonomie bereits nachhaltig sind, sondern auch jene, die sich erst auf dem Weg dorthin („Transition“) befinden.
Nachhaltiges Risikomanagement
Bereits seit 1. April verfügbar, ist der neue Leitfaden der Finanzmarktaufsicht FMA zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken. Die FMA versteht darunter beispiels-weise Klimarisiken, die durch den Klimawandel entstehen oder infolge des Klimawandels verstärkt werden, sowie soziale Risiken, Rechts- und Reputationsrisiken und Greenwashing-Risiken.
Solche und weitere Risiken können nicht nur wesentliche negative Auswirkungen auf den Wert von Vermögenswerten, wie finanzierten oder versicherten Gebäuden, haben, sondern auch die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie die Reputation eines Unternehmens. Nachhaltigkeitsrisiken sollen daher (noch mehr als sie das bereits sind) integrierter Bestandteil des Risikomanagements von Finanzdienstleistern wie Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Wertpapierfirmen sein.
Klimarisiken werden relevanter
Welche dramatischen Folgen klima- und umweltbezogenen Extremwetterereignisse für Unternehmen und Bevölkerung haben können, führten erst im September 2024 die großflächigen Überschwemmungen im Wiener Tullnerfeld vor Augen. Die FMA beziffert in einem Praxisbeispiel die Schäden bei Unternehmen auf rund 1,3 Milliarden Euro, entstanden durch Produktionsausfälle, beschädigtes Inventar sowie Ausfälle bei Betrieben in der Lieferkette.
Naturkatastrophen können sich direkt negativ auf die Schuldentragfähigkeit der betroffenen Unternehmen auswirken. Solche Kreditrisiken müssen finanzierende Banken vorsorglich bewerten und reduzieren, indem beispielsweise die regionale Konzentration von Krediten bzw. Vermögenswerten zur Besicherung reduziert wird.
Als besonders anfällig für Klimawandelfolgen nennt die FMA unter anderem Land- und Forstwirtschaft (etwa durch Ernteausfälle, erhöhtes Waldbrandrisiko), Tourismus (Anstieg der Schneefallgrenze) sowie Bauen und Wohnen (erhöhter Kühlbedarf).
Greenwashing-Risiko
Mit der steigenden Nachfrage nach „grünen“ Anlageprodukten rückt der Anlegerschutz stärker in den Fokus. Finanzinstitute sind zum Beispiel verpflichtet, beim Vertrieb nachhaltiger Produkte im Vorfeld mögliche Interessenkonflikte zu ermitteln und im Beratungsprozess die Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden abzufragen und zu berücksichtigen. Dazu sei es notwendig, dass Kunden die verschiedenen Nachhaltigkeitsgrade der Produkte hinreichend verstehen, denn nur so können sie Greenwashing erkennen und fundierte Anlageentscheidungen treffen, unterstreicht die FMA.
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Produkte, um das Risiko zu reduzieren
Der deutsche Bundesverband für strukturierte Wertpapiere widerlegt Vorurteile mit klaren Zahlen.
Raja Korinek. Das Nischendasein von Zertifikaten ist in Österreich längst vorbei. Allein im ersten Quartal 2025 wurde die Marke von 16 Milliarden Euro an Open Interest übersprungen, wie aus den Zahlen des Zertifikate Forum Austria (ZFA) hervorgeht. Open Interest ist der Fachjargon für die Gesamtzahl aller offenen Kontrakte. „Die Entwicklung unterstreicht, dass diese Produktgruppe beim Anleger längst angekommen ist“, konstatiert Frank Weingarts von Onemarkets/UniCredit – er ist Vorstandsvorsitzender des ZFA. Mit diesen Worten eröffnete Weingarts den 19. ZFA-Kongress am 3. Juni in Wien. (Der Börsen-Kurier ist Medienpartner.) Dabei sei das Produktangebot diversifiziert, jedoch blieben Produkte mit vollem Kapitalschutz am gefragtesten. Hier lag das Open Interest zu Quartalsende bei 4,26 Milliarden Euro.
Vorurteil Zockerpapiere
Auch in Deutschland hat das Volumen auf zuletzt knapp mehr als 100 Milliarden Euro weiter zugelegt, wie der Bundesverband für strukturierte Wertpapiere (BSW) berichtet. Auf seinem Vortrag „Fakten gegen Vermutungen – mehr Transparenz durch Risikoausweis des Gesamtmarkts“ räumte Christian Vollmuth, Geschäftsführender Vorstand des BSW, zudem mit Vorurteilen dazu auf, dass Zertifikate reine Zockerpapiere seien.
Vollmuth verwies auf die Vorhaben der alten Regierung. So hatte die einstige Ampelkoalition eine Reform der privaten Altersvorsorge geplant. Der damalige Finanzminister Christian Lindner plante insbesondere die Förderung eines privaten Altersvorsorgedepots. Dies sollte mit Wertpapieren befüllbar sein. Für Vollmuth hatte der Vorschlag jedoch ein großes Manko. So wären lediglich Fonds, Aktien und ETFs bis zur Risikoklasse 5 – laut Basisinformationsblatt (BIB) – in Frage gekommen. Zertifikate seien pauschal als zu riskant eingestuft worden, ein Umstand, den der BSW-Chef nicht nachvollziehen kann. „Zertifikate hatten es nicht auf die Positivliste geschafft. Dies sollte sich ändern, wenn das Thema Altersvorsorge von der neuen Regierung aufgenommen wird.“
Zusätzliche Risikokennzahlen
Die Entwicklung war Anlass genug, bei der Veröffentlichung der Marktvolumina nunmehr auch Risikokennzahlen für den gesamten Markt für strukturierte Wertpapiere und zusätzlich detailliert für sämtliche Produktkategorien offenzulegen. Die Angaben basieren auch auf der verbindlichen Risikoklassifizierung für Wertpapiere, sind somit im BIB festgehalten.
Das Ergebnis war eindeutig. Vollmuth meint, Zertifikate würden Großteils eher zur Risikoreduktion genutzt. So entfiel zum Stichtag 31. März von den 100,1 Milliarden Euro mehr als die Hälfte (50,7 %) auf die niedrigste Risikoklasse 1. Dies ließe sich etwa mit einem Investment in Euro-Geldmarkt-ETFs und Euro-Geldmarktfonds vergleichen. „Aktien europäischer Konzerne gehören Großteils den Risikoklassen 5 und 6 an, während Aktienfonds und Aktien-ETFs, die sich an breit gestreute internationale, regionale oder nationale Aktienindizes orientieren, wie den MSCI World oder den Euro Stoxx 50, zumeist den Risikoklassen 4 und 5 zugeordnet sind.“
Niedriges Durchschnittsrisiko
Vollmuth zieht ein klares Fazit. Er verweist auf das volumengewichtete durchschnittliche Risiko aller strukturierten Wertpapiere: Die Kennzahl entspricht einem SRI (Summary Risk Indicator) von 2,55. Und damit seien die Risiken mit strukturierten Wertpapieren geringer als viele vermuteten, fügt Vollmuth noch hinzu.
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Polen: Reiz und Ärger am Expansionsmarkt für Österreichs Konzern
Florian Beckermann. Nicht erst seit dem beschlossenen Kauf der Santander Bank Polska durch die Erste Group ist Polen ein Wachstumszielmarkt. Nein, viele andere österreichische börsengelistete Unternehmen haben Polen seit Jahren im Visier und sind dort tätig. In weiten Teilen ist es eine Erfolgsgeschichte. Andere Teile sind betrübt durch nationale Besonderheiten, ja strategische polnische Interessen, die insbesondere auf Österreichs Expansionen eine Zwangswirkung entfalten, die nicht jedem gefällt. Aktionäre kommen zum Handkuss.
Niemand bezweifelt den fulminanten Aufstieg Polens zu einer nachhaltigen Wirtschaftsmacht in Zentraleuropa mit Führungsanspruch. Wer heute durch Polen reist, wird Zeuge eines modernen, selbstbewussten Landes. Längst sind die Zeiten von Ampeln auf Autobahnen oder Tempolimits als Mindestreisegeschwindigkeitsangaben vorbei – sofern man die Schlaglöcher ignorierte. So weist Polen seit Jahren hohe Wachstumsraten in nahezu allen ernstzunehmenden makroökonomischen Kennzahlen auf. Österreich wollen wir in diesem Zusammenhang besser aktuell nicht erwähnen.
Zusätzlich gibt die politische Positionierung als unerschütterlicher Nachbar und Freund der Ukraine dem Land eine weitere Wachstumsmöglichkeit, sollte es dort zum baldigen Wiederaufbau kommen. So ist es wenig verwunderlich, dass Strategen längst die dortige Marktpräsenz für zwingend erforderlich halten. In weiterer Folge – wie bei Erste zu sehen – nicht ohne auch kräftig dafür zu zahlen. Die Immobilienindustrie war zweifelsohne eine der Vorreiterinnen und ist bis heute erheblich investiert. Man erinnert sich an die Großinvestitionen in den Spire Tower der vormaligen Immofinanz, heute CPI Europe. Versicherungen wie Uniqa oder VIG sind feste Größen.
Geht es um polnische Interessen, kann die Situation auch weitaus weniger „erfreulich“ werden. Es waren vor allem polnische Kunden, die Strabag zur Reduktion des Deripaska-Anteils zwangen und so einen Dominoeffekt erzeugten, der zunächst Milliardenkosten für RBI beinhaltet. Es war auch RBI, die sich mit den Polbank-Transaktionen ein Schweizer Franken Fremdwährungsrisiko einfing, das bisher in der Abwicklung mehr als 2 Milliarden Euro gekostet hat. Die mitunter protektionistische Justiz und regulatorische Verwaltung haben schon manchen internationalen Konzern verzweifeln lassen und zur „Flucht“ bewegt.
Fazit: Neben Rumänien stellt Polen den stärksten zentraleuropäischen Markt dar – mit attraktiven Wachstumsperspektiven. Nicht dabei zu sein, kann sich kaum ein zentraleuropäischer Spieler leisten, sofern er denn den Anspruch hat, eben dieser sein zu wollen. Ab einer gewissen Unternehmensgröße ist es zwingend, sich für Märkte, wie Polen Lösungen zu überlegen. Die Kunden fragen es nach. Wer hier dann nicht liefern kann verliert viel – insbesondere Marktanteile.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
BRICS: Neubewertung unter Trump?
Marktkommentar von Marcus Weyerer, CFA, Director of ETF Investment Strategy EMEA bei Franklin Templeton.
(02.06.) Die BRICS-Staaten streben seit langem danach, ihren globalen Einfluss unilateral und außerhalb von Institutionen wie dem IWF oder der Weltbank auszubauen. Chinas Außenpolitik kann auch unter dem Gesichtspunkt des Aufbaus von Koalitionen – insbesondere mit Ländern des Globalen Südens – betrachtet werden, um die Vereinten Nationen besser auf die eigenen Interessen auszurichten. All dies ist nicht wirklich neu (so wurde beispielsweise 2015 die Gründung der New Development Bank (NDB) initiiert, um unabhängiger von westlich dominierten Institutionen und Kontrollmechanismen zu werden). Aber Trumps nonchalante und gleichgültige Haltung gegenüber langjährigen Partnerschaften und Verbündeten der USA könnte neue Möglichkeiten eröffnen.
Es gibt jedoch einen großen Vorbehalt. Die BRICS-Staaten sind kein Monolith und haben in vielen Fällen sogar konkurrierende Interessen. Die offensichtlichste Feindseligkeit besteht zwischen China und Indien, aber auch unter der Oberfläche brodeln andere Spannungen. Während Indiens Handel mit Russland in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen ist (um das Fünffache) und Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen laufen, ist Indien auch daran interessiert, enge Beziehungen zum Westen aufrechtzuerhalten. Es hat Handelsabkommen mit der EFTA und zuletzt mit Großbritannien geschlossen. Das Land ist auch unzufrieden mit der engen „Freundschaft“ zwischen Russland und China.
Südafrika ist ebenfalls vorsichtig angesichts der bedeutenden Präsenz Chinas im Land durch Investitionen und Geschäftsinteressen. Unter Trump sind die Beziehungen zwischen den USA und Südafrika jedoch in eine Eiszeit eingetreten, die Südafrika näher an China heranrücken lassen könnte – nicht unbedingt freiwillig.
Die Haltung Brasiliens ist oft ambivalent, obwohl sich die Beziehungen des Landes zu Russland und China unter Lula generell verbessert haben. Schließlich bringt die Erweiterung der BRICS-Staaten im Jahr 2024 um Länder wie Saudi-Arabien und Iran – unter anderem – neue wirtschaftliche und geopolitische Rivalitäten in ein bereits komplexes Geflecht.
Trotz alledem bietet das derzeitige volatile Umfeld auch Chancen. So könnte Brasilien beispielsweise als Nutznießer der Handelskonflikte hervorgehen, wenn China – und andere – mit Vergeltungsmaßnahmen gegen die US-Zölle reagieren und dabei einige der wichtigsten Wählergruppen Trumps ins Visier nehmen, beispielsweise Sojabohnen- und Rindfleischproduzenten. Durch die Einführung von Zöllen auf US-Exporte dieser Produkte könnte Brasilien in die Bresche springen, um die Lücke zu schließen und das Vertrauen der Investoren zu stärken.
Die Kürzung der US-Hilfen weltweit könnte China die Möglichkeit bieten, Länder stärker in seinen Einflussbereich zu ziehen – wie zuletzt in Kambodscha zu beobachten war. In der Gesamtbetrachtung wird es jedoch schwierig sein, die USA kurz- und mittelfristig zu ersetzen. Die Zolloffensive dürfte nicht von Dauer sein, auch wenn es mehr als wahrscheinlich ist, dass wir in eine Phase der beschleunigten Deglobalisierung eintreten. Der Handel in anderen Währungen als dem US-Dollar hat zwar zugenommen, macht aber nach wie vor nur einen Bruchteil des gesamten Handels aus. Die Skepsis des Westens gegenüber China – und innerhalb der BRICS-Staaten, wie oben erwähnt – bedeutet, dass eine Alternative zum US-Dollar in naher Zukunft unwahrscheinlich ist. Der Dollar hat einen Vertrauensverlust erlitten, was sich in den zerbrochenen Korrelationen zwischen VIX und Treasuries sowie VIX/US-Dollar-Index zeigt. Wir glauben jedoch nicht, dass sein Status als sicherer Hafen irreparabel beschädigt ist. Es kommt darauf an, was von nun an geschieht. Das Abkommen zwischen den USA und Großbritannien – wenn auch inhaltlich wenig substanziell – ist ein erstes positives Zeichen. Trump hat auch schnell einen Rückzieher gemacht, nachdem er angedeutet hatte, Powell als Fed-Chef ablösen zu wollen. Auch die aufgeschobenen Zölle gegen EU-Einfuhren und entsprechende Verhandlungen deuten darauf hin, dass der US-Regierung durchaus an tragfähigen und pragmatischen Lösungen gelegen sein dürfte.
Wir sehen daher Chancen in ausgewählten BRICS-Ländern, jedoch nicht in der Gruppe als Ganzes. Der Rückzug der USA schafft taktische, interessensgetriebene Möglichkeiten für mehr Zusammenarbeit, aber es gibt kaum Übereinstimmungen bei den Grundwerten oder strategischen Interessen. Der vielleicht stärkste Zusammenhalt innerhalb der BRICS-Gruppe ist das Misstrauen gegenüber den USA und der westlichen Vorherrschaft – eine Situation etwa nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. In Indien sehen wir starke langfristige Wachstumschancen, die durch die Verbesserung der Produktionskapazitäten, die demografische Entwicklung und eine wachsende Mittelschicht getrieben werden. Das Konsumumfeld im Land ist eine Priorität der Regierung. China ist ein eher taktisches Spiel mit großem Aufwärtspotenzial, aber Anleger müssen die Volatilität des Übergangs von einem export- und investitionsgetriebenen zu einem konsumgetriebenen Geschäftsmodell verkraften können. Die Fantasie in Tech-Werten und zuletzt wieder ein positives IPO-Umfeld sorgen aber für ein verbessertes Sentiment an den chinesischen Aktienmärkten, das auch ausländische Anleger wieder vermehrt anlocken dürfte.
Europäische Aktien können nach wie vor eine Outperformance erzielen: Potenzial bei den Sektoren IT, Healthcare und Basiskonsumgüter
Stephen Dover, Head des Franklin Templeton Institute, untersucht potenzielle Chancen.
(02.06.) Auch wenn die Zollpolitik unter Trump weiter für Unsicherheit sorgt, halten wir an unserer dargelegten Einschätzung fest, dass europäische Aktien in diesem Jahr eine Outperformance erzielen werden. Das Gewinnwachstum in Europa wird weiterhin durch die synchronisierte geld- und fiskalpolitische Lockerung gestützt, welche die Binnennachfrage und die Gewinne der IT- und Verteidigungsindustrie sowie des Finanzsektors ankurbeln wird. Darüber hinaus dürften Trumps jüngste Äußerungen, ähnlich wie „gegenseitige“ Zölle, eine Verhandlungstaktik sein. Die Zölle für EU-Waren werden sich wahrscheinlich in der Nähe der globalen Norm von 10 % und für Autos bei 25 % einpendeln. Daher ändern wir unsere positive Einschätzung der europäischen Aktienmärkte aufgrund der heutigen Äußerungen nicht.
Nach Jahren der Underperformance führen europäische Aktien 2025 die globale Aktienrendite an. Und unserer Ansicht nach werden sie diese Position so schnell nicht wieder abgeben. Anlegern kann man ihre Skepsis nachsehen. Schließlich hat der breite europäische Markt (STOXX Europe 600 Index) in den letzten 15 Jahren gegenüber seinem US-Pendant (S&P 500 Index) in lokaler Währung um satte 296 % und in US-Dollar um über 300 % unterdurchschnittlich abgeschnitten. Es braucht also entweder Mut oder Leichtsinn, um zu behaupten, dass es jetzt anders sein könnte. Nun, vielleicht ist es anders. Schließlich sind europäische Aktien in den ersten viereinhalb Monaten des Jahres 2025 um 8,5 % gestiegen und liegen damit deutlich vor dem mageren 1,1 % des S&P 500.
Geldpolitische Rahmenbedingungen in Europa besser als in den USA
Ein genauerer Blick auf die Fundamentaldaten, Bewertungen und andere Faktoren deutet darauf hin, dass der absolute und relative Aufschwung in Europa kein Zufall ist. Aus makroökonomischer Sicht profitiert Europa von mehreren zukunftsweisenden konjunkturellen Vorteilen. Erstens konnte die Europäische Zentralbank (EZB) nach der niedrigeren Inflation im letzten Jahr ihre geldpolitische Lockerung im Jahr 2025 fortsetzen – im Gegensatz zur US-Notenbank. Infolgedessen liegt der Leitzins in Europa nun bei 2,25 % und damit ganze zwei Prozentpunkte unter dem Niveau in den USA. Kreditnehmer in Europa profitieren derzeit von einem realen (inflationsbereinigten) Zinssatz von null Prozent, der ebenfalls rund zwei Prozentpunkte unter dem Niveau in den Vereinigten Staaten liegt. Kurz gesagt: Die geldpolitischen Rahmenbedingungen sind in Europa derzeit deutlich günstiger als in den Vereinigten Staaten.
Zweitens hat die Kombination aus der Bedrohung der europäischen Souveränität durch Russland und der Ambivalenz der USA in Fragen der globalen Sicherheit die europäische Fiskalpolitik zum Handeln veranlasst. Die diesjährigen Wahlen in Deutschland spiegelten eine in ganz Europa zu beobachtende Stimmungsänderung wider, die eine Erhöhung der Kreditaufnahme und der Ausgaben befürwortet, um den militärischen, energiepolitischen und nationalen Sicherheitsbelangen Europas gerecht zu werden. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird die Veränderung des strukturellen Haushaltssaldos in Deutschland in den nächsten zwei Jahren einen fiskalischen Impuls in Höhe von 1,6 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und in Frankreich von 0,8 % des BIP ausmachen. Die entsprechende Schätzung des IWF für die USA beläuft sich auf einen fiskalischen Bremseffekt in Höhe von -1,4 % des BIP. Einfach ausgedrückt scheint die zyklische Unterstützung durch geld- und fiskalpolitische Maßnahmen nun eine Beschleunigung des europäischen BIP-Wachstums gegenüber den USA in den nächsten 18 Monaten zu begünstigen.
Prognose: Zweistelliges Gewinnwachstum
Und wo das Wirtschaftswachstum hingeht, folgen in der Regel auch die Unternehmensgewinne. Nach einem miserablen Jahr 2024, in dem die europäischen Gewinne (MSCI-Basis) zurückgingen, sind die Analysten nun optimistischer und prognostizieren für dieses und das nächste Jahr ein zweistelliges Gewinnwachstum. Unterdessen sinken die Gewinnschätzungen für den S&P 500 für 2025. Die von FactSet zusammengestellten Zahlen deuten auf ein Gewinnwachstum von 9,0 % für das Gesamtjahr hin, was leicht unter den europäischen Gewinnprognosen liegt. Auch die Bewertungen sprechen für Europa. Ein Vergleich der für das nächste Jahr erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) macht deutlich, dass der S&P 500 mit einem Vielfachen von 20,2 gehandelt wird, während das KGV des STOXX Europe 600 Index nur bei 14,2 liegt.
Zwei weitere Faktoren könnten die Waage zugunsten Europas ausschlagen lassen. Erstens bieten europäische Aktien Ertragschancen, sowohl durch eine höhere Dividendenrendite (3,2 % gegenüber 1,4 %) als auch durch einen höheren Anteil dividendenstarker Aktien (93 % gegenüber 75 %) als am US-Aktienmarkt. Sollte sich das globale Wachstum im Laufe des Jahres verlangsamen, könnten Ertragschancen für viele Aktienanleger in den Vordergrund rücken.
Und schließlich gibt es noch den „X-Faktor“. Für Anleger, die angesichts der unberechenbaren innen- und außenpolitischen Lage in den USA nervös werden, könnten europäische Aktien eine Möglichkeit bieten, sich von den spezifischen politischen Risiken in den USA zu diversifizieren. Das ist zwar ein neuartiger Gedanke, der jedoch Gewicht haben könnte, zumal Anleger in diesem Jahr zeitweise gleichzeitig Kursverluste bei US-Aktien, Anleihen und dem Dollar hinnehmen mussten.
Wie Anleger von dem gegenwärtigen Szenario profitieren können
Unsere kürzlich veröffentlichte Umfrage unter den Anlageverwaltern von Franklin Templeton hat eine klare Präferenz für Large Caps, Wachstums- und Value-Stile gemacht. Zu den bevorzugten Sektoren unserer Experten zählen Informationstechnologie, Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter.
In den europäischen Märkten finden sich mehrere dieser Themen ebenfalls wieder. Ein Großteil der fiskalischen Impulse in Europa wird in die Bereiche Verteidigung und Sicherheit fließen, was im Hinblick auf die moderne Kriegsführung intelligente Waffen und nationale Sicherheitssysteme von Technologieunternehmen bedeutet. Europa dürfte auch weiterhin stark in die Energieinfrastruktur, einschließlich Speicherung und Übertragung, investieren. Und wie bereits erwähnt, dürften Unternehmen mit starken und nachhaltigen Dividenden, darunter auch solche aus dem Bereich Basiskonsumgüter, gefragt sein. Schließlich bieten Finanzwerte, sofern der Euro stark bleibt (US-Dollar schwach), was die Gewinne europäischer Aktien mit größerer Marktkapitalisierung durch negative Wechselkurseffekte beeinträchtigen könnte, Möglichkeiten, an der zugrunde liegenden Wachstums- und Gewinnerholung in Europa teilzuhaben.
Welche Risiken gibt es?
Die Outperformance Europas ist nicht gesichert. Wie im März/April zu beobachten war, drücken Unsicherheitsspitzen die Aktienkurse weltweit. Daher stellen ein erneuter Ausbruch von Handelskonflikten oder geopolitische Turbulenzen klare Risiken für unsere Einschätzung dar. Alle Aktienmärkte könnten auch durch einen weiteren starken Anstieg der globalen Staatsanleiherenditen gefährdet sein. Die fiskalische Expansion in Europa, die Unfähigkeit der USA, ihre hohen Haushaltsdefizite einzudämmen, und die höchste Inflationsrate in Japan seit einer Generation üben weltweit Aufwärtsdruck auf die langfristigen Zinsen aus.
Schließlich hängen die Gewinne europäischer Unternehmen von globalen Faktoren ab, sodass eine ausgeprägte Dollarschwäche (d. h. eine Eurostärke) sich über schwächere Umrechnungseffekte bei den Auslandsgewinnen und eine geringere Wettbewerbsfähigkeit der Exporte negativ auf die Unternehmensgewinne in Europa auswirken würde, was nur teilweise durch niedrigere Importkosten ausgeglichen würde.
Schwellenländermärkte halten sich angesichts des schwächeren US-Dollars und der Zollunsicherheit stabil
Ein Marktkommentar von James Syme, Senior Fund Manager bei J O Hambro.
(03.06.) Die Volatilität an den Finanzmärkten nahm weiter zu, dies galt insbesondere für die US-Finanzmärkte, die sich durch einen schwächeren US-Dollar und steigende Anleiherenditen auszeichneten. Während einige Analysten dies als „klassische Schwellenländerkrise“ bezeichnet haben, als Veteranen tatsächlicher Schwellenländerkrisen, die bis ins Jahr 1994 zurückreichen, halten wir dies für eine stark übertriebene Sichtweise. Von Ende Februar bis Ende April waren die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen sehr volatil, blieben aber bei 4,2 % stabil, während die Renditen 30-jähriger US-Anleihen von 4,5 auf 4,7 % stiegen. Besonders ungewöhnlich war, dass diese Marktbewegungen mit einem schwächeren US-Dollar einhergingen: Der DXY-Index des Dollars gegenüber den wichtigsten Währungen fiel in diesem Zeitraum um 7,6 %, während der breite handelsgewichtete Index um 3,9 % nachgab.
Um das Ausmaß dieser ungewöhnlichen Entwicklungen zu veranschaulichen: In den letzten 30 Jahren gab es nur vier weitere Gelegenheiten, bei denen der US-Dollar um mehr als 1,5 % fiel, während die 30-jährigen Renditen um mehr als 10 Basispunkte stiegen. Dies war während der globalen Finanzkrise im Februar 2009, während der europäischen Staatsschuldenkrise im Oktober 2011, während der „Taper Tantrum“-Phase im Mai 2013 und nach dem ersten Wahlsieg von Präsident Trump im November 2016. Die Renditen der 30-jährigen US-Staatsanleihen stiegen in diesem Zeitraum an, aber der von den Anlegern geforderte höhere Zinssatz ist nicht auf Inflationserwartungen zurückzuführen, da auch die Renditen inflationsgeschützter Anleihen am Ende des Zeitraums höher waren.
Schwellenländerwährungen legen gegenüber dem Dollar zu
Es gibt eine Redewendung, die besagt: „Wenn die USA niesen, erkältet sich die Welt.“ Wie haben sich die wichtigsten Schwellenländermärkte angesichts der derzeitigen Volatilität und Schwäche an den wichtigsten US-Finanzmärkten geschlagen? Von Ende Februar bis Ende April legten die Währungen fast aller Schwellenländer gegenüber dem US-Dollar zu (die vier Golfstaaten mit an den US-Dollar gekoppelten Währungen wurden von dieser Analyse ausgenommen, ebenso wie Griechenland, das den Euro verwendet). Die stärkste Währung war der ungarische Forint mit einem Plus von 8,6 %, die schwächste die indonesische Rupiah mit einem geringfügigen Rückgang.
Darüber hinaus gingen die Anleiherenditen (bei Anleihen in Landeswährung mit einer Laufzeit von höchstens 10 Jahren) in den meisten großen Schwellenländern zurück. Für die allergrößten Schwellenländer war die Kombination der Bewegungen besonders positiv. In Brasilien legte die Währung um 3,7 % zu und die Renditen 10-jähriger Anleihen sanken um 1,2 Prozentpunkte; in Indien betrugen diese Zahlen +3,6 % und -0,4 Prozentpunkte. Trotz der Aussicht auf US-Zölle schnitten die großen Exporteure im Allgemeinen gut ab. In Mexiko (+4,8 %, -0,1 Prozentpunkte), Südkorea (+2,4 %, -0,1 Prozentpunkte) und Taiwan (+2,9 %, -0,1 Prozentpunkte) legten die Währungen zu und die Anleiherenditen sanken. China (Währung geringfügig schwächer, Anleiherenditen geringfügig höher) war die einzige signifikante Ausnahme. Die beste Erklärung für diese scheinbar verwirrenden Marktsignale ist unseres Erachtens, dass sich einige globale Anleger weniger auf den US-Dollar und US-Staatsanleihen als risikofreie Benchmarks verlassen – während der US-Dollar gegenüber den wichtigsten Währungen um 7,6 % nachgab, verlor er gegenüber Gold 15,1 %.
Internationale Kapitalströme und Handel treiben Schwellenmärkte
Die Schwellenmärkte werden von zwei wichtigen globalen Faktoren angetrieben: internationale Kapitalströme und internationaler Handel. Ein schwächerer Dollar bedeutet, dass Kapital aus den USA in den Rest der Welt fließt, und ein schwächerer Dollar war in den letzten 30 Jahren durchweg positiv für die Schwellenmärkte. Obwohl die sich entwickelnde Zollpolitik einen Abschwung des Welthandels bedroht, ist die Botschaft der Finanzmärkte, dass die Unsicherheit der globalen Anleger über die US-Wirtschaftspolitik eindeutig positiv für die Schwellenländer und die Anleger in den Schwellenländern ist.
Gold und Bitcoin: Kein Ende des Höhenflugs
Sowohl das Edelmetall als auch die Kryptowährung könnten bis 2030 weiter gehörig zulegen.
Harald Kolerus. In den vergangenen fünf Jahren schlägt bei Gold ein Plus von rund 50 % zu Buche; ein Allzeithoch nach dem anderen wurde geknackt, rund 3.300 USD pro Feinunze waren es zuletzt. Aber dem nicht genug: Bis ins Jahr 2030 könnte das Edelmetall bis auf 5.000 USD steigen.
„Goldenes Zeitalter“
Das sagt zumindest Ronald-Peter Stöferle, Portfolio-Manager bei der Incrementum AG und Co-Autor des vielbeachteten „In Gold We Trust-Report“. Schon seit 2020 spricht Stöferle von einer „goldenen Dekade“ und ist mit seinen Prognosen immer ziemlich richtig gelegen. Für den weiteren Höhenflug führt er Argumente ins Treffen wie: rekordhohe Zentralbank-Käufe, die bedenkliche strukturelle Überschuldung der USA und die Tatsache, dass viele Finanzinvestoren den Gold-Bullenmarkt bis-lang verschlafen haben. Für den letztgenannten Punkt spricht, dass die Portfolio-Struktur von Family Offices (per Stand 2023) lediglich ein Prozent Goldanteil enthält. Stöferle: „In einem alternativen Szenario könnte Gold bis zum Ende des Jahrzehnts sogar 8.900 USD je Feinunze erreichen. Dann, wenn die Welt mit weiteren Inflationswellen konfrontiert wird, was nicht auszuschließen ist.“
Bitcoin: Für gute Nerven
Neben Gold hat Incrementum auch Bitcoin-Veranlagungen im Programm. Mit dem Edelmetall hat Bitcoin gemeinsam, als alternatives Investment gehandelt zu werden, allerdings mit weit höherer Volatilität – gute Nerven sind gefragt. Wobei: Die Krypto-Währung feierte mit mehr als 111.000 USD im vergangenen Mai einen neuen Höchststand. Damit soll das Ende der Fahnenstange aber noch lange nicht erreicht sein.
Mark J. Valek, ebenfalls Incrementum, hält es für möglich, dass Bitcoin bis 2030 rund 925.000 USD erreichen kann: „Bitcoin wird von immer mehr Institutionellen Investoren als Wertbewahrungsmittel angenommen. Er wird wahrscheinlich noch besser performen als Gold, wobei die hohe Volatilität bleiben wird“, so der Experte.
Rund ums Gold
Wem aber Kryptowährungen zu heiß sind, der kann natürlich beim bewährten Gold bleiben. Der Börsen-Kurier hat bei Philoro Edel-metalle nachgefragt, wo der Kurs in Zukunft liegen könnte. Dazu meint Florian Höller, CFO des Unternehmens: „Blicken wir auf die letzten Monate zurück, hat ein Allzeithoch das nächste gejagt. Das Umfeld für Gold ist momentan sehr gut. Analysten gehen von einem Anstieg auf bis zu 4.000 USD pro Feinunze bis ins 2. Quartal 2026 aus. Für Ende 2025 halten wir 3.800 USD für realistisch.“
Und welcher Anteil von Gold empfiehlt sich für ein gut diversifiziertes Portfolio? „Das kommt natürlich immer auf die persönliche Investment- bzw. Anlagestrategie an. Wir empfehlen im aktuellen Marktumfeld, eine Beimischung von rund 10 % im Gesamtportfolio. Gold dient hier immer als langfristiger Stabilisator“, so der Experte. Langfristig sieht er mehrere Treiber für Gold: „Zum einen die politische Lage in den USA – die Zollpolitik von Trump und sein Konfrontationskurs könnten neue wirtschaftliche Spannungen auslösen. Zudem nimmt die De-Dollarisierung weltweit zu: Viele Staaten wollen unabhängiger vom US-Dollar werden und setzen verstärkt auf Goldreserven. Dazu kommen die anhaltenden geopolitischen Krisen, etwa in der Ukraine, im Nahen Osten oder in Asien – Gold bleibt in solchen Phasen ein klassischer sicherer Hafen.“ Auch die Inflation sei strukturell präsent, unter anderem durch gestiegene Produktionskosten infolge globaler Handelskonflikte. Höller abschließend: „Schließlich stützt die starke Nachfrage nach Gold – sowohl von Zentralbanken als auch von Privatanlegern – den Preis zusätzlich.“
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Das Vermächtnis des Warren Buffett
Was hinter der herausragenden Performance von Berkshire Hathaway steckt.
Patrick Baldia. Früher oder später musste der Zeitpunkt wohl kommen: Investmentlegende Warren Buffett, auch bekannt als „das Orakel von Omaha“, zieht sich als Vorstandsvorsitzender von Berkshire Hathaway zurück. Zum Jahresende wird sein Vertrauter Greg Abel seine Nachfolge antreten. Damit geht eine Ära zu Ende. Aufgrund seines herausragenden Erfolgs – zwischen 1965 und Ende 2024 erzielte die Aktie der Investmentholding im Durchschnitt ein jährliches Plus von 20 % – hingen weltweit Millionen von Anlegern an seinen Lippen, strömten in Scharen zu den HVs und versuchten der Investmentphilosophie auf den Grund zu gehen.
Erstaunlicherweise haben sich bislang nur wenige rigorose wissenschaftliche Analysen mit der Strategie von Buffett bzw. Berkshire Hathaway auseinandergesetzt. Interessante Ergebnisse liefert etwa ein preisgekröntes wissenschaftliches Papier von Andrea Frazzini, David Kabiller und Lasse Heje Pedersen (alle drei Direktoren bei AQR Capital Management), das 2018 im Financial Analysts Journal erschien. In „Buffett‘s Alpha“ widerlegen sie die Kritik der Anhänger der Markteffizienztheorie, die behaupten Buffetts Erfolg sei einfach nur Glück.
Seinen Zugang beim Investieren erklärt Buffett schon im Berkshire-Hathaway-Geschäftsbericht des Jahres 1994: „Ben Graham hat mich gelehrt, dass es beim Investieren nicht notwendig ist, außergewöhnliche Dinge zu tun, um außergewöhnliche Ergebnisse zu erzielen.“ Der US-Ökonom, der an der Columbia University unterrichtete und dort Buffetts Professor war, verfasste gemeinsam mit seinem Kollegen David Dodd „Die Geheimnisse der Wertpapieranalyse“ (Erstausgabe: 1934), das als Standardwerk des Value-Investing gilt.
Mix aus Value- und Growth-Ansatz
Doch es wäre zu einfach, das Erfolgsgeheimnis des „Orakels von Omaha“ allein auf die fundamentale Analyse von Unternehmen und die Suche nach unterbewerteten Aktien zu zurückzuführen, wie in „Buffett’s Alpha“ aufgezeigt wird. Demnach weist Buffetts Portfolio einige allgemeine Charakteristika auf: Investiert wird in Titel, die sicher, günstig und von hoher Qualität sind.
Kurz: Der Value- wird mit dem Growth-Ansatz kombiniert. Gleichzeitig habe Buffett über etliche Jahrzehnte seine Investments gehebelt und war dabei auch bereit, signifikante Risiken einzugehen sowie Phasen mit Verlusten und starken Korrekturen zu akzeptieren.
Stichwort Hebel: Finanziert wurde zum Teil günstig mit dem „Float“, also den liquiden Mitteln, die Versicherungen zwischen dem Eingang der Versicherungsprämien und der Auszahlung im Schadensfall zur Verfügung stehen, von nicht börsennotierten Playern im Portfolio. Dazu kommt ein weiterer Grund, wieso es wohl für Kleinanleger eine Utopie bleiben dürfte, Buffetts Philosophie eins zu eins nachzueifern: Die Investmentlegende hat mit dem „notwendigen Kleingeld“ investiert.
Sehr wohl können aber auch „normale“ Anleger von Buffetts Grundprinzip profitieren: Kaufe wenige sichere und hochqualitative Aktien zu einem attraktiven Preis und halte über viele Jahre an ihnen fest. Aber auch nicht für immer. Hilfreich sind sicher auch die Publikationen von Berkshire Hathaway. Im Bericht für das erste Quartal ist etwa zu erfahren, dass man zuletzt bei Constellation Brands, Domino‘s Pizza, Heico Corp, Occidental Petroleum, Pool Corp, Sirius XM und Verisign auf der Käuferseite war.
Verkauft oder reduziert wurden wiederum Bank of America, Capital One Financial, Charter Communications, Citigroup, Davita, Liberty Media Corp Series C, NU Holdings und T-Mobile.
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Verdienen mit Platin und Palladium
Der Ausblick für die Edelmetalle ist verhalten. Anlegern bieten sich trotzdem Chancen.
Raja Korinek. Die Welt der Edelmetalle ist jüngst vor allem aufgrund des Höhenflugs beim Goldpreis in die Schlagzeilen geraten. Ein wenig anders ist das Bild bei Platin und Palladium. Letzteres erzielte Anfang März 2022 mit knapp mehr als 3.166 USD je Unze ein Rekordhoch. Bei Platin wurde dies bereits 2008 bei 2.248 USD je Unze erreicht. Zuletzt bewegten sich beide Notierungen in einem Seitwärtstrend.
Heuer dürfte die Platinnachfrage laut Prognose des World Platinum Investment Council (WPIC) und UK-Branchenberater „Metals Focus“ um gut 4 % auf knapp 8 Millionen Unzen fallen, so Carsten Fritsch, er ist Analyst bei der Commerzbank. Die Nachfrage allein aus der Automobilindustrie dürfte um knapp 2 % auf 3,05 Millionen Unzen fallen. Und die Investmentnachfrage soll um 2 % sinken.
Südafrika im Fokus
Dass der Platinmarkt dennoch unterversorgt bleiben dürfte, liege am erwarteten Rückgang des Platinangebots von gut 4 % auf 7 Millionen Unzen. „Die Minenproduktion in Südafrika, dem wichtigsten Produzentenland, soll auf das niedrigste Niveau seit fünf Jahren fallen, als die Corona-Lockdowns und der Ausfall einer Verarbeitungsanlage zu größeren Produktionsausfällen führten.“ Diesmal sei es das niedrige Preisniveau, das zu Minen-schließungen führte. Bei „Metals Focus“ verweist man jedoch auch auf die oberirdischen Lagerbestände. Sie liegen bei 9,2 Millionen Unzen, was den Bedarf von 14 Monaten decken würde. Dies könne daher das Aufwärtspotenzial beim Platinpreis begrenzen.
Und wie sieht es bei Palladium aus?
Grundsätzlich werde das Angebot ebenso, wie Platin, vom niedrigen Preisniveau gebremst, so Fritsch. Laut Schätzung von „Metals Focus“ waren 2024 überhaupt gut 16 % der Produktion von Platinmetallen verlustbringend, was zur Ankündigung von Kosteneinsparungen und Produktionskürzungen führte. Auch bei Palladium erwartet „Metals Focus“ daher ein physisches Angebotsdefizit (ohne ETF-Nachfrage), und zwar von 254.000 Unzen. Doch das Defizit wäre damit heuer zumindest geringer als 2024. „Grund dafür liegt in einer voraussichtlich ebenfalls sinkenden Nachfrage um 3 % auf 9,42 Millionen Unzen.“ Auch dies sei auf eine schwächere Nachfrage aus der Automobilindustrie zurückzuführen. „Die fallende Nachfrage sowie das in der Folge verringernde Angebotsdefizit sprechen gegen einen deutlich höheren Palladiumpreis. Wir sehen den Preis bis Ende des 3. Quartals bei 950 USD je Unze.“
Zertifikate für Seitwärtstrends
Risikobereite Anleger können auf einen breiten Seitwärtstrend mit einem Discount-Zertifikat setzen. Mit dem Produkt kauft man sich in den Basiswert günstiger ein, als dieser an der Börse kostet. Dafür profitiert man von möglichen Kursanstiegen des Basiswertes begrenzt – bis zu einem fixen Cap. Nach unten hin gibt es einen Puffer in Höhe des Diskonts, zu dem man den Basiswert günstiger erworben hat. Erst wenn der Kurs des Basiswertes derart kräftig sinkt, so dass der Puffer aus dem Diskont aufgebraucht ist, erleidet man mit dem Zertifikat einen Verlust. Dann ist zugleich der Break-Even-Punkt unterschritten worden.
So bietet etwa BNP Paribas ein Discount-Zertifikat auf Palladium an. Der Cap liegt bei 1.100 USD, der Break-Even-Punkt lag zuletzt bei 943,672 USD (per 29.5.) Bewertungstag ist am 19.12.2025.
Auf Platin bietet die Bank Vontobel ein entsprechendes Produkt an. Hier liegt der Cap bei 1.150 USD, der Break-Even-Punkt erreichte zuletzt 1.015,231 USD. Auch hier fällt der Bewertungstag auf den 19.12.2025.
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Die HV-Saison und die Grenzen des Protests
Florian Beckermann. Die österreichische Hauptversammlung gilt nicht als Wohlfühl- oder Unterhaltungsveranstaltung. Das soll sie auch nicht sein. Das jährliche Aktionärstreffen ist eine Versammlung, in der berichtet, diskutiert und beschlossen wird. Das dabei zuweilen rhetorisch gehobelt wird, gehört dazu.
In der heurigen Hauptversammlungssaison haben teilweise Aktivisten unterschiedliche Resonanz hervorgerufen. Während politisch-motivierte Protestierende die Sache der Ukraine auf der RBI-Hauptversammlung propagierten und eine Unterbrechung provozierten, wurden unlängst bei der Erste Group zahlreiche Fragen von Aktivisten mit Umweltschutzhintergrund gestellt. Einige Vertreter von Greenpeace stellten bei der VIG-Hauptversammlung sowohl Fragen, als auch scheiterten sie mit einer kleinen Protestaktion am wachen Sicherheitspersonal. In allen Fällen war die Versammlungsleitung äußerst souverän, bzw. recht positiv gegenüber den teils spannenden Fragestellungen. Nicht wenige Aktionäre lehnen jegliche Intervention der „Nachhaltigkeitstypen“ grundsätzlich ab. Die Übervorteilung des Themas in der Nachhaltigkeitsberichterstattung genügt ihnen. Andere wiederum können dem Aktivismus gegenüber Verständnis aufbringen und sehen nur einen Spiegel des aktuellen gesellschaftlichen Zeitgeistes – jede Generation hat seine Aufreger. Protest muss nicht angenehm sein, um dennoch erlaubt zu sein. Einige Gesellschaften sind seit vielen Jahrzehnten, teilweise gar in drei Jahrhunderten im HV-Kalender, man hat dort schon viel gesehen. Wo hört demnach eine kritische Beteiligung an einer Hauptversammlung auf, wo ist die Grenze überschritten?
Lehnt man sich bei grundsätzlichen juristischen Gedanken zur Versammlungsfreiheit an, so ist deren Friedlichkeit eine der Grundvoraussetzungen. Eine Beteiligung an einer Versammlung setzt keine Unterstützung des Versammlungsziels voraus, Protest und Widerspruch sind erlaubt. Wohl aber setzt die Beteiligung auch die Bereitschaft voraus, die Versammlung in ihrem Bestand hinzunehmen und abweichende Ziele allein mit kommunikativen Mitteln zu verfolgen. Wer dagegen eine Versammlung in der Absicht aufsucht, sie durch seine Einwirkung zu verhindern, kann nicht darauf hoffen, rechtlich entsprechend geschützt zu sein. Nun ist die Hauptversammlung eine weitgehend strukturierte gesellschaftsrechtliche Versammlung mit allerlei Tradition, deren Regeln insbesondere einen effizienten Ablauf gewährleisten sollen. Dabei kommt der Versammlungsleitung eine übergeordnete Rolle zu. Diese hilft sich bei der Grenzziehung zum Geduldeten mit Hausverstand, Hausordnung und im Notfall gar mit einer Hausmacht. Die Gewährleistung der Aktionärsrechte schwingt mit. In Summe eine sehr individuelle Lagebeurteilung mit Restrisiko ist nötig, die keine pauschale Antwort zulässt. Im Konfliktfall obliegt es daher dem Versammlungsleiter, die Grenze zwischen rechtmäßigem Protest und illegaler Störung zu ziehen, die jedenfalls bei Körperlichkeit erreicht wird.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Die Börsenhausse hat noch Potenzial
Der erste Zollschock ist laut Kepler Fonds KAG verdaut, Chancen mit Aktien sollten genutzt werden.
Raja Korinek. Der 2. April wird vielen Anlegern länger in Erinnerung bleiben. An jenem Tag, dem „Liberation Day“, verkündete US-Präsident Donald Trump weitere Zollanhebungen, ein Umstand, der größere Kursverluste an den globalen Märkten auslöste – selbst bei US-Staatsanleihen. Kurz darauf folgte immerhin ein 90tägiges Zollmoratorium. Uli Krämer, Leiter Portfoliomanagement bei der Kepler Fonds KAG, zieht im Gespräch mit dem Börsen-Kurier ein Fazit zu den Geschehnissen, und meint, die ärgsten Turbulenzen seien derzeit überstanden: „Dies erkennt man auch anhand diverser Indikatoren.“ So hat der Volatilitätsindex VIX inzwischen wieder stark korrigiert. Dieser Barometer misst die erwartete Schwankungsbreite des S&P 500 anhand von Optionspreisen. Zum Vergleich: Am 8. April schnellte der VIX kurz über die Marke von 52 Punkten. Zuletzt lag die Notierung (per 22. Mai) bei rund 20 Punkten.
Zwischenphase wird genutzt
Wie lange die aktuelle Beruhigung andauern wird, bleibt freilich abzuwarten. „Wir sind aktuell in einer Zwischenphase“, verweist Krämer auf die Befristung des Zollmoratoriums. Doch immerhin werde verhandelt. Mit Großbritannien wurde bereits ein Abkommen erzielt. „Dies war für die USA allerdings ein relativ einfaches Unterfangen, denn sie haben mit Großbritannien einen Handelsüberschuss.“ Auch in Richtung China habe es erste positive Signale gegeben.
Alles in allem stimmen die jüngsten Entwicklungen den Kepler-Experten zuversichtlich. Sollten die Verhandlungen insgesamt nicht allzu negativ verlaufen, dürften die Märkte sich stabilisieren. „Wir gehen nicht davon aus, dass wir die jüngsten Tiefs noch einmal in nächster Zeit testen werden.“ Einzig, sollte die globale Wirtschaft in eine scharfe Rezession rutschen, würden auch die Märkte einmal mehr stark unter Druck geraten, konstatiert Krämer. „Damit rechnen wir aber nicht.“ Vor allem der private Konsum sei weiterhin stark – und ein wichtiger Treiber des US-BIP.
Solide Quartalszahlen
Auch die Berichtssaison für das erste Quartal 2025 ist voll im Gange. Mehr als 90 % der S&P-500-Unternehmen haben ihre Ergebnisse für das erste Quartal 2025 inzwischen veröffentlicht. In Europa sind es rund 75 % der Unternehmen im Stoxx Europe 600 Index, zeigt Josef Stadler, Portfoliomanager bei der Kathrein Privatbank, auf. „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ergebnisse kaum von den Berichten der Vorquartale abweichen.“
Die Frage ist nun, wie es weitergehen dürfte. Aufgrund des unsicheren Umfelds hielten sich viele Unternehmen mit ihrem Ausblick zurück, wagten stattdessen lieber mögliche Szenarien. Dazu zählten etwa mögliche Entwicklungen bei den Lieferketten, sowie der Fähigkeit, höhere Preise an Konsumenten weiterzugeben.
Pessimismus als Kaufchance
Anleger sollten sich aber nicht verunsichern lassen, betont Krämer. Er meint, dass sich der Einstieg bei Aktien vor allem dann lohne, wenn die Stimmung besonders pessimistisch sei. Bei vielen Titeln könne man dann günstig zukaufen. Genau solch einen Schritt unternahm man bei der Kepler Fonds KAG Mitte März, etwa im „Kepler Vorsorge Mixfonds“. Aktuell sind knapp 63 % in Anleihen investiert, weitere 35 % in Aktien. Auch ein klein wenig Liquidität wird vorgehalten. Zu den größten Aktienpositionen zählen Apple, Microsoft und Nvidia. Im Bondsegment wird in erster Linie auf Staatsanleihen – etwa aus Frankreich und Italien – gesetzt, sowie auf Pfandbriefe.
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Globalisierung wird weiter voranschreiten
Trotz Zollkonflikten und eingeschränkter Lieferketten wird die Vernetzung im 21. Jahrhundert nicht weniger.
Red. Das war eine zentrale Aussage beim jüngsten Expertengespräch des Steiermärkischen Sparkasse Private Banking am Wiener Standort, zu dem Alexander Eberan (am Bild ganz rechts), Leiter Private Banking Wien, zwei prominente Experten eingeladen hatte. Christian Helmenstein (2. von rechts), Chefökonom der Industriellenvereinigung und Professor für Volkswirtschaftslehre/SCU, sowie Andreas Beck (ganz links), Gründer und CEO der Index Capital GmbH in München, diskutierten über „den neuen Unilaterismus“, so der Titel der Veranstaltung. Im angeregt teilnehmenden Publikum war auch die Spitze der Steiermärkischen Sparkasse in Person von Georg Bucher (2. von links), der als Vorstandsvorsitzender ab Mitte des Jahres die Geschicke der Bundesländersparkasse leiten wird, vertreten.
Neue Weltordnung
Bei ihrem professionellen Blick auf die neue Weltordnung, ihre Auswirkung auf die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte sowie die Folgen für Investoren zeigten sich Helmenstein und Beck unisono gelassen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine und die ungewöhnliche Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump würden zwar das Bild einer von zuvor von Frieden und wirtschaftlicher Kooperation geprägten Weltordnung verändern, so Helmenstein. Aber: „Ich bin nicht pessimistisch für die Globalisierung. Es wird sogar im Welthandel der Zukunft mehr Lieferketten geben, wir werden also im 21. Jahrhundert mehr Globalisierung sehen, auch in Form neuer Allianzen.“ Man könne die „Lieferketten nicht sprengen“, unterstrich Beck, wofür der Grund auf der Hand liege: Die Menschen auf der ganzen Welt streben nach Wohlstand und wollen möglichst niedrige Preise für Güter bezahlen. Der Garant dafür sei die Globalisierung.
„Trump hat keine Chance“
Besonderen Fokus legten beide Experten auf die Rolle von Trump im neuen Spiel der Mächte. Mit einem US-Anteil von 11 % am Welthandel habe er mit seinem Zollkrieg „keine Chance“, sagte Helmenstein. „Während in den USA die Inflation steigt und die Zinsen durch eine konsequente Geldpolitik der US-Notenbank Fed hoch bleiben werden, haben die Kapitalmärkte ihr Vertrauen in Trump verloren. Auch die Ratingagenturen haben bereits mit Herabstufungen reagiert.“ Gleichzeitig profitiere Europa von den jüngsten Entwicklungen. Europa sei relativ attraktiver geworden, brauche aber tiefgreifende Reformen.
Auch die Wirtschaftsmacht China habe durch ihre Standhaftigkeit gegenüber den Zolldrohungen des US-Präsidenten an Standing gewonnen. „Man kommt an China nicht vorbei,“ sagte Beck. Sogar ein von vielen gefürchteter Angriff auf Taiwan würde daran nichts ändern, vermutet er. Es wäre ein Fehler, China als wichtigen wirtschaftlichen Player des 21. Jahrhunderts zu ignorieren, bestätigt auch Helmenstein, der Unverständnis darüber äußerte, dass sich Österreich nicht um Ansiedlungen chinesischer Produzenten bemühe. So würde etwa im Bereich der Photovoltaik trotz der Importe billiger Panele aus China 70 % der Wertschöpfung in Österreich generiert.
Bester Ratgeber: Gelassenheit
Wie sollten also Investoren auf die neuen Entwicklungen reagieren? Der beste Ratgeber für Anleger in einer Welt, die sich neu ordnet, sei Gelassenheit, betonte Beck, der ausgebildeter Mathematiker ist: „Ein weltweit breit gestreutes Portfolio schützt. Damit investiert man sozusagen in eine Weltholding. Meine Untersuchungen von rund 90.000 Portfolios zeigten auch, dass man vor allem durch zyklisches Handel Geld verliert.“ Ein Aktienanteil von mindestens 60 %, wie ihn das Steiermärkische Sparkasse Private Banking für ein gemischtes Portfolio empfiehlt, ist bei mittel- bis langfristiger Anlage ein Minimum, um eine gute Performance zu erreichen und auch, um das Vermögen vor Inflation zu schützen. „Der Aktienmarkt ist wie ein Inflationskorb“, präzisierte Beck, der auf YouTube hohe Zugriffsraten hat. Einmal mehr brachte er das Erfolgsmodell des Norwegischen Staatsfonds auf den Tisch. Dieser passt seine Aktienquote durch antizyklisches Kaufen und Verkaufen von Assets regelmäßig an, sodass diese stets
70 % beträgt.
Foto: Steiermärkische Sparkasse / Caroline Frank
Die Ruhe vor dem Sturm?
Immo-Preise: Angesichts erwarteter Preisanstiege sei aktuell ein guter Kaufzeitpunkt.
Patrick Baldia. Nach zwei schwierigen Vorjahren hat sich die Erholung am heimischen Wohnungsmarkt in den vergangenen Wochen fortgesetzt. Zwar scheinen die goldenen Zeiten wie vor den Zinserhöhungen im Sommer 2022 noch in weiter Ferne zu liegen, aber immer-hin berichten Marktbeobachter von deutlich gestiegener Nachfrage und einer zunehmenden Anzahl an Kaufabschlüssen. Das spiegelt sich natürlich auch in der Preisentwicklung wider. „Die Angebotspreise sind im 1. Quartal zumindest teilweise wieder moderat gestiegen und die Abschlusspreise nähern sich den geforderten Verkaufspreisen an“, heißt es in einer aktuellen Analyse des Immobiliendienstleisters EHL Wohnen.
Schaut man sich die Entwicklung des Angebots an, scheinen weitere Preisanstiege unvermeidlich. 2024 erreichte die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen mit 32.100 ein neues Rekordtief, wie die Statistik Austria kürzlich vermeldete. Bereits 2023 wurde der bis dahin niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2010 gemessen (46.600 Wohnungen). „In den kommenden Jahren ist daher mit einem deutlichen Rückgang neuer Wohnungen auf dem Markt zu rechnen, und das bei gleichzeitig steigender Bevölkerungszahl“, so Statistik-Austria-Geschäftsführer Tobias Thomas.
„Entwickelt sich die Nachfrage weiter wie zuletzt oder nimmt sie weiter zu, wovon wir ausgehen, wird das Angebot an Eigentumswohnungen ab dem Jahresende bzw. Anfang 2026 zurückgehen“, sagt Bernhard Reikersdorfer, Managing Partner Remax Austria, zum Börsen-Kurier. Die Folge: Spürbar anziehende Preise. Beim heimischen Marktführer geht man davon aus, dass das bereits im kommenden Jahr der Fall sein wird. Sein Fazit: „Aktuell ist sicher noch ein guter Zeitpunkt für einen Kauf.“
Auch die Experten der J&P Immobilienmakler GmbH machen aktuell einen guten Zeitpunkt aus, um eine Immobilie zu kaufen. „Die Neuflächenproduktion ist derzeit stark rückläufig – gleichzeitig sinken die Zinsen. Das erleichtert den Zugang zu Eigentum und schafft bessere Rahmenbedingungen für den Immobilienkauf“, so Geschäftsführer Wolfgang Schnopfhagen. Stichwort sinkende Zinsen. Laut dem Infina-Kreditindex haben sich die variablen Kreditzinsen allein im ersten Quartal 2025 von 3,874 auf 3,505 % verbilligt. 20-jährige Fixzinsbindungen verteuerten sich hingegen um 30 Basispunkte auf 3,828 %. Das ist zwar der höchste Stand seit dem vergangenen Juli, im längerfristigen Vergleich aber immer noch attraktiv. Daher empfehlen die Infina-Experten: Rasch handeln, um sich langfristig günstige Zinsen zu sichern.
Wo bezahlt man am meisten für eine Wohnung? Im Bundesländer-Ranking sind laut Remax-Immospiegel derzeit die durchschnittlichen Wohnungspreise in Vorarlberg am höchsten (Stand Ende 2024: 338.753 Euro), gefolgt von Tirol (313.224 Euro), Salzburg (313.509 Euro) und Wien (303.237 Euro). Unter den Landeshauptstädten sind Eigentumswohnungen in Bregenz am teuersten (357.155 Euro). Den zweiten Platz belegt Salzburg (339.050 Euro) vor Innsbruck (331.589 Euro), Linz (243.715 Euro) und Graz (196.085 Euro). Fast vollkommen in Wiener Hand ist wiederum das Preisranking nach Bezirken. Die Innere Stadt führt hier vor Kitzbühel, Döbling, Wieden und Mariahilf. Bei den durchschnittlichen Quadratmeterpreisen hat Wien mit 5.174 Euro die Nase vorn, gefolgt von Salzburg (5.013 Euro) und Vorarlberg (4.857 Euro). Am wenigsten kostet der Quadratmeter hingegen mit 3.408 bzw. 2.795 Euro in Niederösterreich und der Steiermark. Die teuersten Bundesländer: Vorarlberg, Salzburg, Tirol und Wien. Nach Bezirken führt die Wiener Innenstadt vor Kitzbühel und Wien-Döbling.
Foto: AdobeStock / Elxeneize
Comeback der Infrastrukturinvestments
Solide Renditen, Inflationsschutz und ein neuer Kursauftrieb erwarten Anleger.
Michael Kordovsky. Infrastruktur-Aktien umfassen Unternehmen aus Sektoren wie Versorger (Utilities), Transport (z. B. Mautstraßen, Flughäfen, Bahnen), Energie (Pipelines, Netze, Stromversorger), Datenzentren und Kommunikationsinfrastruktur. Sie gelten als defensiv, mit relativ stabilen Cashflows und Dividendenrenditen, oft inflationsgeschützt. Und zuletzt kam auch wieder mehr Kursdynamik ins Spiel.
Der 92 Infrastrukturwerte aus 23 entwickelten Ländern enthaltende „MSCI World Core Infrastructure Index“ (USD) wies im Zeitraum 28. November 2003 bis 30. April 2025 eine Performance von knapp 9,3 % p.a. auf – verglichen mit 8,4 % p.a. im MSCI World. Die Volatilität lag dabei leicht unter jener des Welt-Aktienindex. Allerdings haben Infrastrukturwerte eine Dekade der Underperformance hinter sich. Erst in den vergangenen zwölf Monaten (bis 30. April) zeigten sich wieder stärkere Impulse. Einem Plus von 21,8 % im MSCI World Core Infrastructure standen 12,2 % im MSCI World gegenüber. Auf Zwölf-Monats-Sicht ebenfalls eine Outperformance zeigt der „FTSE Global Core Infrastructure Index“, der die Aktien von Next-Era Energy (Stromerzeugung und -verteilung in den USA), der US-Eisenbahngesellschaft Union Pacific und von American Tower (Sendemasten und Datenzentren) am stärksten gewichtet.
Der Vorteil reiner Infrastrukturbetreiber liegt in ihrer Regionalität. Sie sind von globalen Konflikten – sofern sie nicht in einem Krisenherd tätig bzw. domiziliert sind – in der Regel nicht betroffen. Reine Infrastruktur-Fonds und ETFs können noch mit einzelnen Aktien der Wertschöpfungskette Bauunternehmen, Baumaterialien, Stahl und Kupferbergbau ergänzt werden. Für eine mögliche Beimischung dieser Einzeltitel sprechen derzeit nachstehende Faktoren.
Enormer Investitionsbedarf
Alleine Deutschland stellt ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre insbesondere für nachhaltige Infrastruktur zur Verfügung; und weltweit, insbesondere in den Schwellenländern, wächst bei zunehmender Urbanisierung die Bevölkerung weiter. Laut dem Global Infrastructure Hub werden die weltweiten Ausgaben für grundlegende Infrastruktur – Verkehr, Energie, Wasser und Kommunikation – zwischen 2016 und 2040 voraussichtlich insgesamt knapp 70 Billionen Euro ausmachen, während der tatsächliche Investitionsbedarf mehr als 83 Billionen Euro betragen soll. Dieser Umstand ermöglicht auch im Rahmen der staatlichen Preisregulierungen eine starke Preisfestsetzungsmacht der Infrastrukturbetreiber, was einen gewissen Inflationsschutz ermöglichen sollte.
Attraktive ETFs und Fonds
Infrastrukturinvestments via ETFs kostengünstig abdecken, ist die naheliegendste Alternative für Anleger: Mit 262 Positionen breit diversifiziert ist der „iShares Global Infrastructure UCITS ETF USD“, dessen Schwerpunkt in Versorgern liegt. Darüber hinaus sind zahlreiche Flughäfen, Öl/Gaspipeline-Unternehmen und unter anderem auch Eisenbahngesellschaften enthalten. Der zugrundeliegende Index ist der „FTSE Global Core Infrastructure Index“.
Per 20. Mai auf fünf Jahre knapp 75 % im Plus liegt der „Xtrackers S&P Global Infrastructure Swap UCITS ETF“, der den „S&P Global Infrastructure Index“ nachbildet. Letzterer besteht aus je 30 Versorgungs- und Transportunternehmen und 15 Energieunternehmen.
Wer in modernere Infrastruktur investieren möchte, sollte einen Blick auf den „iShares Smart City Infrastructure UCITS ETF USD“ werfen, der Werte wie Palantir Technologies (IT-Security), Ciena (Hochgeschwindigkeitskonnektivität), Ericsson B (ein Netzwerkausrüster), Republic Services (Abfallentsorgung) oder Nokia enthält.
Unter den Produkten im obersten Viertel der risikoadjustierten Performance ist mit 7,06 % p.a. (auf Euro-Basis) der „Lazard Global Listed Infrastructure Equity Fund A“ in den vergangenen zehn Jahren der Spitzenperformer. In ihm sind Versorger, Mautstraßen und Wasserversorger am stärksten gewichtet. Unter den Top-Positionen der insgesamt 28 Werte befinden sich National Grid (Versorger), Vinci (Mautstraßen), Snam (ein Gasversorger) und Norfolk Southern (Eisenbahn).
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Wo überall gespart werden muss
Haushaltsdefizite im internationalen Vergleich – ehemalige Krisenländer glänzen mit Überschüssen.
Michael Kordovsky. Österreichs Budgetlage ist angespannt: 2024 lag das Staatsdefizit bei 22,5 Milliarden Euro bzw. 4,7 % des BIP – ohne Gegenmaßnahmen wären es im Jahr 2025 sogar 5,8 % geworden. Mit dem Doppelbudget 2025/26 will Finanzminister Markus Marterbauer das Defizit schrittweise auf 4,2 % senken. Die Abgabenquote steigt von 44,5 auf 45,5 %, während die Ausgabenquote von 56,8 % (2025) bis 2029 auf 55 % sinken soll. Die Zinsbelastung erhöht sich dabei von 1,5 auf 2,4 % des BIP. Konsolidierungsmaßnahmen in Höhe von
6,4 Milliarden Euro (2025) und 8,7 Milliarden Euro (2026) treffen so gut wie jeden. Betroffene Bereiche sind beispiels-weise Steuerlücken, Sozialausgaben und Infrastruktur. Die Rückkehr zur Maastricht-Grenze von 3 % wird erst für 2028 erwartet.
Öffentliche Defizite tendenziell rückläufig
Doch nicht nur Österreich ist dabei, Haushaltsdefizite einzuschränken. Eine Reihe von Euroländern ist es bereits gelungen, ihre Haushaltsdefizite deutlich zu reduzieren: Starke Verbesserungstendenzen zeigen die ehemaligen Krisenländer der Eurozone – Irland, Portugal und Griechenland – aber auch die baltischen Länder und Luxemburg als solider Dauerbrenner. Die Wirtschaft hat sich von der Pandemie dort erholt und die Teuerungswelle spülte über höhere Umsatzsteuern zusätzliche Mittel in die Staatskassen. Somit war es wenig verwunderlich, dass vom vierten Quartal 2022 bis zum vierten Quartal 2024 das saison-bereinigte öffentliche Defizit der ganzen Eurozone von 4,9 auf 3,2 % schrumpfte.
Die Gesamteinnahmen der Euroländer stiegen in diesem Zeitraum von 46,1 auf 46,6 % des BIP, während die Gesamtausgaben mit dem Auslaufen von „Corona-Hilfen“ von 51,0 auf 49,9 % rückläufig waren. Auf Jahressicht gingen die Gesamtausgaben um 0,4 %-Punkte zurück, während die Gesamteinnahmen um 0,3 %-Punkte anstiegen.
Einstige Krisenländer im Schuldenabbau-Modus
Wirft man einen Blick auf die einzelnen Euroländer, so hatten bereits sechs Euroländer im vierten Quartal 2024 einen Haushaltsüberschuss: das waren Zypern (3,4 % des BIP), Griechenland (2,2 %), Irland (1,3 %), Luxemburg (1,1 %), Lettland (1 %) und Slowenien (0,8 %). Die höchsten Defizite leisteten sich andererseits Malta (-10,7 % des BIP), die Slowakei (-8,8 %) und Frankreich (-6,1 %). Auffallend gut gelang Portugal und Griechenland in den zwei Jahren bis zum 4. Quartal 2024 die Verbesserung des öffentlichen Saldos (um +4,7 bzw. 4,3 %-Punkte). Portugal hatte im Gesamtjahr 2024 einen Überschuss von 0,7 % des BIP und war in der Lage, vom vierten Quartal 2023 bis zum vierten Quartal 2024 die Staatsschuldenquote um 2,8 %-Punkte auf mittlerweile 94,9 % des BIP zu reduzieren. Noch stärker (um 10,3 %-Punkte auf 153,6 %) ging die Staatsschuldenquote Griechenlands zurück. Am Peak lag die Staatsverschuldung Griechenlands bei mehr als 200 % der Wirtschaftsleistung. Es kam zu Maßnahmen wie besseren Steuervollzug und zu Privatisierungen. Der Tourismus feierte nach der Pandemie ein Comeback und bereits im Oktober 2023 stufte die Ratingagentur Standard & Poor‘s die Kreditwürdigkeit Griechenlands erstmals seit über zehn Jahren wieder auf das Niveau „BBB minus“ hoch (letzte Stufe im Investmentgrade-Bereich).
Portugal wiederum konnte vor allem Einnahmen aus Einkommens- und Vermögenssteuern erhöhen. Gleichzeitig führte die jüngste Inflationsphase zu höheren Mehrwertsteuer-Einnahmen. Hinzu kommt noch eine effiziente Nutzung von EU-Fördermitteln und eine günstige Schuldenstruktur (ESM und IWF mischen dabei mit). Ein stärkerer Schuldenabbau auf Jahressicht ist übrigens auch Spanien (-3,3 %-Punkte) und Zypern (-8,6 %-Punkte) gelungen.
Konsolidierungsbedarf in Frankreich
Hingegen fand ein ungünstiger Anstieg um 4,5 %-Punkte auf 82,1 % des BIP im vierten Quartal 2024 in Finnland statt. Ebenfalls unvorteilhaft waren die Entwicklungen in Österreich (+3,3 %-Punkte auf 81,8 %) und Frankreich (+3,2 %-Punkte auf bereits 113 % des BIP!). Frankreich ist mit der aktuellen Schuldenquote kritisch zu betrachten. Das Land hat Steuersenkungen ohne entsprechende Gegenfinanzierungen vorgenommen und unterhält ein kostspieliges großzügiges Sozialsystem. Italien hingegen ist trotz Staatsschuldenquote von 135,3 % auf einem guten Weg, zumal die Regierung einen positiven Primärsaldo anstrebt und Staatsanleihen im Inland gut platziert werden können.
Wirft man einen Blick auf den gesamten Euroraum, so stagniert die Staatsschuld auf Jahressicht: Sie liegt im vierten Quartal 2024 bei 87,4 % des BIP (4. Quartal 2023: 87,3 %). Doch mittelfristig positiv werden sich der rückläufige Zinstrend und die Budgetkonsolidierungsbemühungen diverser Euroländer auswirken. Das gibt Spielraum für konjunkturstimulierende Staatsausgaben.
Foto: BKA / Andy Wenzel
Wo ESG draufsteht, muss ESG drinnen sein
Seit dem 21. Mai gelten strenge Regeln für Investmentfonds, die ESG-Begriffe im Namen tragen.
Andreas Dolezal. Schon seit Jahren sagen die EU und die europäischen Aufsichtsbehörden ESAs (EBA für Banken, EIOPA für Versicherungen, ESMA für Markt und Wertpapiere, Anm.) Greenwashing den Kampf an. Anleger sollen auf Grundlage von faktenbasierten und wahrheitsgetreuen Informationen entscheiden können, wie nachhaltig ein Finanzprodukt, etwa ein Investmentfonds, ist.
Lücke in der SFDR
Was im Sinne der EU als nachhaltiges Finanzprodukt gilt, legt seit 2021 die EU-Offenlegungs-Verordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) fest. Zu erkennen sind solche nachhaltigen Anlageprodukte am Zusatz „Artikel 8/9“. Erstaunlicherweise vergisst die SFDR aber, Mindestanteile für nachhaltige Investitionen im Produkt festzulegen. Diese müssen lediglich offengelegt werden. Das führt in der Praxis zur skurrilen Situation, dass manch ein „grüner“ Artikel-9-Fonds nur zu 1 % nachhaltig investiert.
Was ist Greenwashing?
René Brunner, Jurist der Vereinigung österreichischer Investmentgesellschaften VÖIG, hält dazu fest, dass es für den Begriff Greenwashing keine Legaldefinition gibt. Sowohl die ESAs als auch die SFDR machen kaum inhaltliche Vorgaben. Entsprechend groß
und – mehr oder weniger – nachhaltig ist auch das Angebotsspektrum an grünen Fonds.
ESMA schließt Lücke
Im Jahr 2021 scheiterte die deutsche Finanzmarktaufsicht BaFin mit dem Versuch, nachhaltigen Investmentfonds einen Mindestanteil an „grünen“ Investitionen von 75 % verpflichtend vorzuschreiben. Was der BaFin misslang, vollendete die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA. Sie legt in einer seit 21. Mai für alle Publikumsfonds geltenden Leitlinie fest, dass Fonds, die ESG- oder nachhaltigkeitsbezogene Begriffe im Namen verwenden, zu mindestens 80 % nachhaltig investieren müssen. Zusätzlich gelten die Ausschlusskriterien der Paris Aligned Benchmarks PAB (EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel und auf das Pariser Klima-Abkommen abgestimmte Referenzwerte).
Das Spektrum der betroffenen Begriffe ist groß, es reicht von „Transformation“ und „grün“ über „Klima“ und „ESG“ bis „nachhaltig“ und „sozial“. Europaweit mussten Fondsmanager und Fondsgesellschaften ihre nachhaltigen Produkte überprüfen und gegebenenfalls – mit Anpassung der Fondsbestimmungen oder einer Namensänderung – reagieren.
Antragswelle bei der FMA
Laut Finanzmarktaufsicht sind 239 österreichische Publikumsfonds von den neuen ESMA-Bestimmungen betroffen. Davon haben 189 Fonds mit einem Gesamtvolumen von 38 Milliarden Euro die Fondsbestimmungen angepasst und den ursprünglichen Namen behalten. Lediglich ein Fünftel der Fonds mit einem Volumen von in Summe 4,3 Milliarden Euro hat den „grünen“ Fondsnamen aufgegeben bzw. geändert. Zum Vergleich: In Deutschland haben Fonds mit einem Gesamtvolumen von 150 Milliarden Euro ihren Namen geändert.
Anpassung nur Formalität
Für die Erste Asset Management (EAM) waren die Anpassungen an die neuen ESMA-Vorgaben nur eine Formalität, berichtet Dominik Benedikt, Nachhaltigkeits-Experte der EAM. Im Einzeltitelbereich ergaben sich keine wirklichen Probleme, lediglich im Dachfonds-segment kam es zu Umbenennungen, da die Datenqualität bei Sub-Fonds für die strengen Vorgaben zu mangelhaft ist. Die EAM-Kriterien sind zudem strenger als von der Regulatorik gefordert, etwa im Rüstungsbereich.
Nicht 80, sondern 100 %
Stefan Grünwald, Senior Fondsmanager der Raiffeisen Capital Management (RCM) und Experte für Zukunftsthemen, begrüßt die ESMA-Leitlinie, da sie zu einer Begrenzung des Wildwuchses bei nachhaltigen Fonds führen wird. Auch bei RCM ergab sich nur minimaler Anpassungsbedarf, denn der Investmentprozess von RCM geht bereits über die Bestimmungen der SFDR sowie der ESMA-Leitlinie hinaus. Der „grüne“ Portfolioansatz wird nicht nur auf die von der ESMA geforderten 80 % des Fondsvermögens angewandt, sondern auf 100 %.
Foto: AdobeStock / Olivier Le Moal
Der ATX Total Return liefert, was der ATX verschweigt
Dominik Huber/Young Shareholders. Der ATX Total Return (ATX TR) ist ein Performanceindex der Wiener Börse, der die tatsächliche Wertentwicklung der 20 wichtigsten börsennotierten Unternehmen Österreichs abbildet. Im Gegensatz zum bekannteren ATX, der lediglich als Kursindex geführt wird, berücksichtigt der ATX TR zusätzlich die Bruttodividendenzahlungen der enthaltenen Unternehmen. Dies macht ihn zu einem besonders aussagekräftigen Indikator für die langfristige Performance des österreichischen Aktienmarkts.
Der klassische ATX reflektiert ausschließlich die Kursveränderungen der Indexmitglieder. Dividendenzahlungen – ein zentraler Bestandteil vieler Aktienstrategien – bleiben dabei unberücksichtigt. Der ATX TR hingegen reinvestiert hypothetisch alle ausgeschütteten Dividenden. Das hat zur Folge, dass der ATX TR über längere Zeiträume eine deutlich höhere Rendite aufweist als sein kursbasierter Bruder.
Zur Veranschaulichung: Während der ATX in den vergangenen zehn Jahren eine durchschnittliche jährliche Rendite von etwa 5,1 % erzielte, lag jene des ATX TR bei rund 8,9 % (Stand 19.5.2025). Diese Differenz unterstreicht die Bedeutung von Dividenden für die Gesamtperformance und lässt den ATX viel schlechter dastehen, als er tatsächlich ist.
Auch der Dax – Deutschlands Leitindex – ist nämlich ein Performanceindex. Er berücksichtigt ebenso Dividendenzahlungen und reinvestiert diese hypothetisch. Somit ist der ATX TR in seiner Struktur direkt mit dem Dax vergleichbar, während der ATX eher dem Euro Stoxx 50 oder dem Dow Jones entspricht, die als reine Kursindizes geführt werden.
Der Dax weist über die vergangenen zehn Jahre eine durchschnittliche jährliche Performance von etwa 7,5 % auf. Im 10-Jahres-Vergleich liegt der Dax damit deutlich hinter der Performance des ATX TR mit 8,9 %. Der Vollständigkeit halber muss aber erwähnt werden, dass der Dax aufgrund seiner größeren Marktbreite und Liquidität eine bessere Risikostruktur bietet, insbesondere weil er breiter, diversifiziert mit signifikanten Anteilen in der Industrie-, Technologie- und Konsumgüter-Branche, aufgestellt ist.
Der ATX Total Return bietet Anlegern aber jedenfalls ein realistischeres Bild der Entwicklung des österreichischen Aktienmarkts als der klassische ATX. Für Anleger, die einen langfristigen Anlagehorizont haben, ist daher der Performanceindex von großer Bedeutung. Im internationalen Vergleich steht der ATX TR dem Dax in Sachen Performance um nichts nach, auch wenn die Marktbreite und Liquidität in Österreich geringer sind. Wer die Entwicklung der österreichischen börsennotierten Aktiengesellschaften und deren Dividendenstärke abgebildet sehen möchte, kommt somit am ATX Total Return nicht vorbei.
Dominik Huber ist Vorstandssprecher von Young Shareholders Austria
Der Zoll-Schock scheint verdaut
Alles halb so wild, fragt Ivan Domjanic, Kapitalmarktstratege für die DACH-Region bei M&G.
(20.05.) Tatsächlich klangen die jüngsten Aussagen von Donald Trump und anderen Regierungsvertretern gegenüber den Handelspartnern, einschließlich China, etwas versöhnlicher. So hat Donald Trump bereits weitreichende Deals mit diversen Ländern in Aussicht gestellt. Die Märkte scheinen dies zum Anlass genommen zu haben, die extrem hohen Zölle des „Liberation Days“ quasi vollständig wieder auszupreisen (sofern sie zuvor überhaupt in angemessener Weise eingepreist waren). Dass einige Risiken bis auf Weiteres bestehen bleiben dürften, scheint an den Aktienmärkten derzeit kaum eine Rolle zu spielen. Dabei lassen sich durchaus Gründe feststellen, die einer nachhaltigen Erholung vom Zoll-Schock entgegenstehen könnten.
Allein die Tatsache, dass Donald Trump diverse Deals mit wichtigen Handelspartnern in Aussicht gestellt hat, bedeutet noch nicht, dass diese in absehbarer Zeit auch tatsächlich abgeschlossen werden. Abgesehen davon ist festzustellen, dass die Aussetzung der Zölle für 90 Tage nur für die Gegenzölle gilt, nicht jedoch für die universellen Zölle von 10 %. Es ist daher davon auszugehen, dass diese weiterhin bestehen bleiben und es für die meisten Handelspartner schwer werden dürfte, eine Reduktion der Zölle unter diese Marke von 10 % zu erreichen. Dies hat der jüngste Deal mit Großbritannien gezeigt, einem Land, dem Donald Trump noch relativ wohlgesonnen zu sein scheint. Ein wesentlicher Risikofaktor bleibt zudem der Handelskonflikt zwischen den USA und China – den beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Zwar scheinen die Verhandlungen zwischen beiden Ländern zuletzt zu einer deutlichen Entspannung geführt zu haben, dennoch dürften die Zölle nach einem erfolgreichen Deal wahrscheinlich deutlich höher liegen als vor dem Amtsantritt von Donald Trump. Sollten die effektiven Zölle mit allen Handelspartnern im Durchschnitt deutlich über der 10%-Marke bleiben, hätte dies wohl einen negativen Effekt auf den Welthandel und die Konjunktur. Von einer Rückkehr zum Status-Quo ist daher wohl eher nicht auszugehen, auch wenn die jüngste Marktentwicklung den Anschein erwecken mag.
Die Stimmungsindikatoren in den USA senden Warnsignale
Bereits vor dem Liberation Day befanden sich diverse Sentiment-Indikatoren in den USA im Rückwärtsgang. Seitdem ist beispielsweise das Konsumentenvertrauen weiter eingebrochen. Erschwerend kommt hinzu, dass die überschüssigen Ersparnisse der US-Haushalte mittlerweile mehr oder weniger aufgebraucht sein dürften. Vieles spricht daher aus meiner Sicht für eine Verlangsamung des Konsums in den USA, der knapp 70 % der Wirtschaftsleistung ausmacht und der treibende Faktor hinter dem Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre nach Covid war. Neben dem Konsumentenvertrauen befindet sich auch das Geschäftsklima im Sinkflug. Die Unsicherheiten aufgrund der Unberechenbarkeit der US-Regierung dürften selbst bei einer (teilweisen) Rücknahme der Zölle weiterhin bestehen bleiben, was die Investitionsentscheidungen der Unternehmen erschweren dürfte. Halten sich Unternehmen mit Investitionsentscheidungen zurück, sind das keine guten Nachrichten für den Industriesektor. Sollten sich der Konsum und der Industriesektor in den USA gleichzeitig abkühlen, würde das Rezessionsrisiko erheblich steigen.
Zwar zeigen sich die harten Wirtschaftsdaten in den USA derzeit noch relativ robust (abgesehen von den jüngsten Daten zum BIP-Wachstum, das durch vorgezogene Importe verzerrt wurde), das könnte sich aber in den nächsten Monaten ändern. Sollten bald auch die harten Wirtschaftsdaten erste Schwächesignale senden, könnten weitere Rückschläge am US-Aktienmarkt drohen, zumal die Bewertung des S&P 500 Index nach wie vor rund 10% über dem Zehnjahresmedian liegt.
Steht eine Neuausrichtung globaler Aktienportfolios bevor?
Während sich die Stimmung in den USA eintrübt, könnte sich ein Blick auf Regionen außerhalb der USA lohnen. So scheint sich in Europa – und hier vor allem in Deutschland – die Stimmung in der Wirtschaft nach dem beschlossenen Fiskalprogramm sogar langsam aufzuhellen. In Japan schreitet die strukturelle Veränderung der Unternehmenslandschaft hin zu einer aktionärsorientierteren Unternehmenskultur weiter voran. Und auch China, das den Zorn der US-Regierung bislang am stärksten zu spüren bekommen hat, verfügt noch über großen fiskalpolitischen Spielraum, um die Wirtschaft zu unterstützen und so den negativen Auswirkungen der Zölle entgegenzuwirken. Zudem ist auch dort mit den zuletzt steigenden Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufen eine vermehrt aktionärsfreundliche Ausrichtung der Unternehmen zu beobachten. Die Tatsache, dass viele Aktienmärkte außerhalb der USA zudem deutlich moderater bewertet sind, lässt die Ausgangslage dieser Märkte vergleichsweise günstig erscheinen. Es ist daher durchaus möglich, dass Investoren bestrebt sein werden, ihre Portfolios neu auszubalancieren und ihre nach wie vor hohe Konzentration in US-Aktien in den kommenden Monaten zu reduzieren. Diese mögliche Neuausrichtung könnte den Aktienmärkten außerhalb der USA zugutekommen.
Im Krisenfall zählt nur Bargeld
Skandinavien empfiehlt Bargeld; iberisches Blackout zeigt: Nur Bares ist Wahres.
Andreas Dolezal. Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland gelten als die Vorreiter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Laut der britischen Tageszeitung The Guardian rudern die skandinavischen Länder aber zurück. Denn so bequem und praktisch elektronische Zahlungen sind, haben sie im Krisenfall große Nachteile. Das zeigt auch der landesweite Stromausfall in Spanien und Portugal Ende April.
Österreicher lieben Bargeld
Laut einer Umfrage zahlten 2023 bereits 90 % aller Schweden bargeldlos per Karte oder App. Ähnlich hoch ist der Anteil bargeldloser Zahlungen in den Niederlanden. Einen Boom erlebte das kontaktlose Bezahlen während der Corona-Pandemie. Zur Bequemlichkeit kam damals die Hygiene dazu. Diese Sondersituation half globalen Tech-Giganten wie Apple und Alphabet (Google) sich als alternativer Zahlungsdienstleister zu etablieren.
Wir Österreicher hingegen lieben unser Bargeld. Laut der Zahlungsmittelumfrage der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) wickelten wir 2023 immer noch 63 % aller Zahlungen in bar ab. Durchschnittlich haben wir 102 Euro Bargeld in der Geldbörse.
Weltmeister Schweden
In Schweden können Kunden so gut wie überall bargeldlos einkaufen. Nirgendwo auf der Welt ist im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt so wenig Bargeld in Umlauf wie in Schweden. Das macht das skandinavische Land aber auch zum attraktiven Ziel für Cyber-Attacken. Sollte das elektronische Zahlungssystem flächendeckend ausfallen, wäre Chaos vorprogrammiert.
Bargeld für den Krisenfall
Angesichts des Konflikts in der Ukraine, der unberechenbaren Entwicklung in den USA und der Angst vor russischen Hybrid-Angriffen machen sich die schwedischen Behörden zunehmend Sorgen. Die Situation wird laut The Guardian als so ernst empfunden, dass staatliche Stellen dazu ermutigen, im Sinne des Zivilschutzes Bargeld zu halten und wieder häufiger bar zu zahlen. Norwegen erteilt seiner Bevölkerung ähnliche Ratschläge.
Das schwedische Verteidigungsministerium verschickte die bereits im Mai 2018 erstellte Broschüre „If Crisis or War comes“ an jeden Haushalt im ganzen Land. Schweden und Norwegen überdenken augenscheinlich ihre Pläne für eine bargeldlose Gesellschaft und setzen bei der Notfallvorsorge für Krisenfälle wieder vermehrt auf Bargeld.
Keine Zahlungen im Blackout
Am 28. April 2025 legte ein landesweiter Stromausfall weite Teile der iberischen Halbinsel lahm. Züge, U-Bahnen, Ampeln, Mobilfunknetze fielen in der Sekunde aus – ebenso wie Zahlungsterminals und Geldausgabeautomaten. Wer inmitten des allgemeinen Chaos kein Bargeld in der Tasche hatte, sich also nicht vorsorglich eine Bargeld-Reserve für Notfälle angelegt hatte, konnte weder einkaufen noch Bargeld aus dem Automaten ziehen.
Über die Gründe für das iberische Blackout wird gerätselt. Eine Cyber-Attacke soll nicht die Ursache gewesen sein. Energieexperten schließen nicht aus, dass massive Instabilitäten im Stromnetz, verursacht durch ein Überangebot an Solarstrom zur Mittagszeit ohne gleichzeitigem Strombedarf, zum Zusammenbruch geführt haben.
Risiken latent vorhanden
Das iberische Stromnetz ist weitgehend isoliert, daher waren die Auswirkungen auf Resteuropa gering. Wirklich sicher vor flächendeckenden Stromausfällen ist aber kein Land. Die Risiken nehmen eher zu als ab. Zumindest was das Bargeld betrifft, sind wir Österreicher den Skandinaviern einige Schritte voraus.
Foto: AdobeStock / Mediteraneo
China mit dem Rücken zur Wand?
Zwischen Konjunkturhoffnung und strukturellen Risiken.
Michael Kordovsky. Die chinesische Wirtschaft zeigt im Frühjahr 2025 eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Im ersten Quartal wuchs das BIP um 5,4 % gegenüber dem Vorjahr und übertraf damit die Erwartungen, zumal mehrere internationale Banken ihre Prognosen für Chinas BIP-Wachstum zuletzt auf rund 4 % oder darunter gesenkt hatten. Die Lücke zu den Wachstumszielen der Regierung müsse nun mit Staatsausgabenprogrammen kompensiert werden, so die weit verbreitete Meinung.
Doch die offiziellen Zahlen scheinen dem zu widersprechen: Getragen wurde dieses Wachstum von einer robusten Industrieproduktion (+6,5 % im ersten Quartal), und im März beschleunigte sich Chinas Industrieproduktion be-reits auf 7,7 %, wobei die Branchen IT und Kommunikation sowie Automobil mit 13,1 bzw. 11,5 % die stärksten Zuwächse zeigten. Die Exporte wuchsen im ersten Quartal um 6,9 % insbesondere durch Lieferungen von E-Fahrzeugen, Batterien und Photovoltaikmodulen. Hinzu kommt im März eine Beschleunigung des Anstiegs der Einzelhandelsumsätze im Vorjahresvergleich auf 5,9 % – der stärkste Zuwachs seit Dezember 2023.
Exportboom trotz Zollspirale?
Im April 2025 verzeichneten Chinas Exporte ein überraschendes Plus von 8,1 % im Vergleich zum Vorjahr – und dies trotz eines Rückgangs der US-Exporte um mehr als 21 %. Volkswirte rechneten laut Reuters-Umfrage nur noch mit +1,9 % nach +12,4 % im März (dies war auf Hamsterkäufe von US-Importeuren vor möglichen weiteren Zollerhöhungen zurückzuführen). Doch im April kamen China die steigenden Handelsverflechtungen mit anderen Schwellenländern zugute. In den ersten vier Monaten stiegen im Vorjahresvergleich die Exporte nach Südostasien um 11,5 %, jene nach Lateinamerika und Afrika um 11,5 bzw. 15 %, und die Indien-Exporte sogar um fast 16 %. Indessen waren im April die Importe Chinas mit -0,2 % marginal rückläufig.
Widersprüchliche Zahlen?
Die zuvor erzählte „Erfolgsstory“ basiert auf den von der chinesischen Statistikbehörde veröffentlichten Zahlen. Doch es gibt „Nebengeräusche“, die aufhorchen lassen: Das reale BIP-Wachstum Chinas lag im ersten Quartal bei 5,4 %. Doch das nominale Wachstum, das normalerweise höher ist als das reale, ist in diesem Fall um 1,2 %-Punkte niedriger (4,6 %). Das bedeutet Deflation, also sinkende Verbraucherpreise und Einkaufspreise – schlecht für Wirtschaft und Unternehmenserträge. Hinzu kommen Kapitalabflüsse ausländischer Investoren und möglicherweise widersprüchliche Stromverbrauchsdaten. Im ersten Quartal stieg der Stromverbrauch um 3,4 %, das nominelle BIP aber um 4,6 % – also eine Lücke von 1,2 %-Punkten. Ist auf einmal die Energieeffizienz so stark gestiegen? Somit sollten auch kritische Nebenschauplätze wie der chinesische Immobilienmarkt genau beobachtet werden. Sinkt die Stärke der Realwirtschaft, dann könnten bisher verdeckte Probleme in diesem Sektor an die Oberfläche kommen.
Immobilienkrise verliert an Abwärtsdynamik
Der chinesische Immobiliensektor blieb kurzfristig noch ein Sorgenkind. Die Preise für Wohnimmobilien in chinesischen Großstädten sind im letzten Quartal 2024 weiter gesunken und spiegeln damit die anhaltenden Herausforderungen für den Immobiliensektor des Landes wider. Laut dem Index ausgewählter Wohnimmobilienpreise, einem Aggregat von Daten auf Stadtebene, die vom „Nationalen Statistikamt Chinas“ zusammengestellt und von der „Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“ gemeldet werden, fielen die Preise im Jahresvergleich um 8,57 % bzw. inflationsbereinigt um real 8,75 %.
Im März 2025 hatte sich der Rückgang der Verkaufspreise für gewerblich genutzte Wohnimmobilien im Jahresvergleich in den verschiedenen Stadtebenen abgeschwächt. In den Städten der ersten Ebene sanken die Preise für neu gebaute Wohnungen im Jahresvergleich um 2,8 % – eine Verbesserung um 0,2 %-Punkte gegenüber dem Vormonat. Die Preise für Gebrauchtimmobilien fielen den Daten des Statistikamts zufolge im Jahresvergleich um 4,1 % und verringerten den Rückgang um 0,8 %-Punkte. Auch in den Städten der zweiten und dritten Ebene verlangsamte sich der Preisrückgang, wenngleich der allgemeine Abwärtstrend anhielt (je -7,0 bzw. -7,8 % bei gebrauchten Wohnimmobilien).
Die Verkäufe von Neubauwohnungen sind weiterhin rückläufig, wenngleich sich das Tempo des Rückgangs verlangsamt hat. 2024 wurden landesweit 814,5 Millionen m2 Neubauwohnungen verkauft, was einem Rückgang von rund 14 % gegenüber dem Vorjahr entspricht, verglichen mit stärkeren Rückgängen von 17,3 % im Jahr 2022 und 25,8 % im Jahr 2021. Die Verlangsamung des Rückgangs setzte sich im ersten Quartal 2025 mit 184,8 Millionen verkauften Quadratmetern fort. Analysten führen dies auf die Lockerung der Politik in den Großstädten zurück – einschließlich der Aufhebung von Kaufbeschränkungen und insgesamt durchgesetzter lockererer Hypothekenbedingungen. Marktbeobachter rechnen bis 2027 mit einer nachhaltigen Stabilisierung der Wohnungsmärkte in China. Doch Risikofaktoren bleiben der Welthandel und natürlich die Geopolitik.
Handelskonflikt: Entspannung
Goldman Sachs schätzt, dass zwischen 10 und 20 Millionen Arbeitsplätze in China von Exporten in die USA abhängen. Nach einer Phase eskalierender Zölle – die USA hatten Importzölle auf chinesische Waren auf bis zu 145 % erhöht, woraufhin China mit Gegenzöllen von 125 % reagierte – kam es zuletzt zu einer temporären Entspannung. Vor wenigen Tagen einigten sich beide Länder auf eine 90-tägige Aussetzung der erhöhten Zölle. Diese Maßnahme soll den Weg für weitere Verhandlungen ebnen, bleibt jedoch eine kurzfristige Lösung ohne langfristige Garantie.
Fazit: Riskanter Balanceakt
Chinas Wirtschaft zeigt sich außen stark, bleibt aber innen fragil. Wachstumsdaten überdecken Schwächen wie Deflation, Kapitalabflüsse und einen angeschlagenen Immobilienmarkt. Die Zollpause mit den USA bringt nur kurzfristige Entlastung. Ohne tiefgreifende Reformen droht langfristig der Verlust wirtschaftlicher Substanz. Der Druck auf Peking wächst – politisch wie ökonomisch.
Foto: AdobeStock / Maina / KI generiert
Developer stehen am Anfang der Kette
UBM-CEO Winkler: Wohnbaukrise beendet, es gibt aber zu wenige Immobilienentwickler.
Marius Perger. „Die Krise im Wohnbau ist aus meiner Sicht in der Tat vorbei“, sagt Thomas Winkler (im Bild links), CEO der UBM Development AG, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Dies sei auch mit Zahlen belegbar: UBM habe zuletzt den Verkauf vervierfacht und in Wien mit rund 700 Einheiten so viele Neubauwohnungen am Start wie kein anderer Anbieter. Und der Trend gehe ungebrochen weiter, zeigt sich Winkler zuversichtlich. Auffällig sei, dass die jetzigen Käufer weit überwiegend Eigennutzer sind, die mit einer bestehenden Finanzierung kommen; nur ein verschwindend kleiner Teil von ihnen habe Probleme bei der Bankfinanzierung. Auch interessant: „Größere Wohnungen werden derzeit zuerst verkauft.“ Gründe für die Aufbruchsstimmung ortet der UBM-CEO im Auslaufen der KIM-Verordnung und den gesunkenen Zinsen. Aber auch Bedenken, dass die Preise nicht mehr sinken werden, Inflation und andere Sorgen seien stark genug, dass die Menschen jetzt Wohnungen kaufen. Das Phänomen sei auch nicht auf Wien beschränkt. Bester Markt für UBM sei, trotz der höheren Zinsen, derzeit Prag.
UBM setzt dabei zunehmend, wie beispielsweise beim Leopoldquartier in Wien, auf Holz-Hybrid-Bauweise. „Wenn Holz richtig behandelt wird, ist es auf keinen Fall ein Baumaterial, das Nachteile aufweist“, so Winkler. Das würden mittlerweile auch die Versicherungen verstehen. Es gebe keine geringere Bereitschaft, Gebäude in Holz-Bauweise zu versichern, und auch keine höheren Prämien. Rückfragen von Versicherern, insbesondere was Brandschutz und Lebensdauer betrifft, können alle beantwortet werden. Es gebe zwar Erklärungsbedarf, der Höhepunkt sei hier aber auch bereits überschritten.
Developer unverzichtbar
Insgesamt sei die Wohnbaukrise beendet, die Baugenehmigungen würden aber „in atemberaubendem Tempo“ sinken – den Grund dafür sieht Winkler darin, dass es hier-zulande immer weniger Developer und damit zu wenig Angebot gebe. Niemand habe begriffen, dass der Developer am Anfang der „Nahrungs-Kette“ steht. Immobilienentwickler würden Dienstleistungen erbringen, die im Leben eines Normalbürgers nicht vorkommen: von der Einholung von Genehmigungen über die Paketvergabe von Aufträgen, Koordinierung und Finanzierung bis zur Vermarktung. Baufirmen dagegen bauen – sie ergreifen nicht die Projektinitiative, weil es sich hier um einen intern schwer aufzulösenden, natürlichen Interessenkonflikt handelt. Es sei wichtig, die Profit Center getrennt zu halten, die Zukunft sieht Winkler in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Baufirmen.
Büromarkt noch mit Herausforderungen
Der Büromarkt dagegen sei „noch nicht dort, wo wir ihn gern sehen wollen“, so Winkler. Zwar steige die Nachfrage, weil Unternehmer ihre Mitarbeiter wieder ins Büro bekommen wollen. Dazu gebe es immer weniger Neubaubüros, die am besten die Anforderungen an die neue Arbeitswelt erfüllen. Problematisch sei aber, dass derzeit kein vernünftiger Verkaufspreis zu erzielen sei: Die Käufer seien noch nicht bereit, so viel zu zahlen, wie die Verkäufer es brauchen, um zumindest ihre Investitionen zurückzubekommen. „Wer verkaufen muss, verkauft zu einem nicht kostendeckenden Preis“, so Winkler. Notwendig sei es derzeit deshalb, für jedes Gebäude einen „Plan B“ zu haben. Es gehe darum, Ideen zu entwickeln, wie man diesen Zeitraum übersteht, und finanziell über einen langen Atem zu verfügen. Für UBM stehe deshalb Liquidität weiterhin im Mittelpunkt.
In diesem Zusammenhang sei auch die jüngste Begebung einer Hybridanleihe – der ersten grünen Hybridanleihe von UBM übrigens – zu sehen. Denn Hybridkapital gelte nach IFRS als Eigenkapital, und es sei für die Zukunft entscheidend, über wieviel Eigenkapital man verfügt. Dieses bestimme die Bilanzgröße und damit auch das Projektvolumen: „Wenn wir nicht 30 bis 35 % Eigenkapital haben, sinkt unser Projektvolumen.“ Das Ziel für eine stabile Eigenkapitalbasis habe man jedenfalls jetzt erreicht.
Nachhaltigkeit und mehr
Nachhaltigkeit ist in Europa ohne Alternative, ist Winkler überzeugt. Zu den Gründen dafür zählen die hohen Kosten für den Import von Öl und Gas, dass sich der europäische Kontinent am schnellsten von allen Erdteilen erwärmt und dass die Klimaziele der EU für 2050 weiterhin aufrecht sind. Fazit: „Wir können uns die Folgen des vom Menschen beschleunigten Klimawandels nicht leisten.“ Allerdings sei in vielen Bereichen in der Vergangenheit übertrieben worden, die „inakzeptable Bürokratie“ überfordere Unternehmen.
Das betreffe den gesamten Bereich ESG, insbesondere aber die Lieferkettenthematik. Winkler: „Es ist nicht Aufgabe eines Unternehmens, für die Einhaltung der Menschenrechte zu sorgen.“ Es handle sich um eine „zutiefst hoheitliche Aufgabe“, weshalb eine Korrektur nötig sei.
Foto: UBM
Investmentday im Zeichen der Diversifikation
Bawag und Easybank brachten Speaker von Partnergesellschaften zu ihren Kunden.
Rudolf Preyer. Der Investmentday 2025, veranstaltet von Bawag und Easybank, war einen Besuch wert: Mittwoch der Vorwoche brachte dieser in der Event-Location „Stage 3“ in Wien interessante Vorträge zu aktuellen Marktthemen und Trends.
Den Reigen begannen Markus Fila und Alexander Brechler vom Assetmanager Candriam. Sie meinten, Zukunft lasse sich mit Global High Yield und thematischen Aktien im Kontext von Megatrends gestalten. Als einen Megatrend in der „Society 5.0“ machten sie etwa den Bereich Global Health Care aus.
Christian Glaser von der BNP Paribas beschäftigte sich mit der Frage „Warum Zertifikate und Optionsscheine in jedes aktive Depot gehören?“. Seine Antwort lautet ganz einfach: Diversifizierung. Interessant auch der Umstand, dass Warren Buffett vorschlägt, dass alle Länder oder Unternehmen, die in die USA exportieren wollen, im Gegenzug Handelszertifikate erwerben sollten, die sie aber nur bekommen, wenn sie auch entsprechende Einfuhren aus den USA vorweisen können – nach dem Motto „geben und nehmen“.
Der Vortrag von Markus Sevcik von JP Morgan stand unter dem Motto „Go Global – der Charme der Dividende“. Im Hinblick auf die Risikostreuung sieht Sevcik es darüber hinaus für die meisten Privatanleger als sinnvoll an, auf Fondslösungen, statt auf Einzelaktien zu setzen. Denken viele vordergründig an den Dividendensegen, so sei doch auch klar, dass der Zeitpunkt des Einstiegs entscheidend sei: nach Kursrückgängen am Aktienmarkt könne es auch schnell wieder nach oben gehen – und sich diese somit als Einstiegsgelegenheit anbieten.
Investieren in einer Welt neuer Herausforderungen
Tomas Packa von DWS X-Trackers empfahl einen „Frühjahrsputz für das Portfolio“. Er stellte ETFs näher vor. Grundsätzlich seien diese sehr demokratisch: Sie haben eine hohe Qualität und erfüllen die Vorgaben der anspruchsvollsten großen institutionellen Investoren wie Pensionskassen, die genau darauf achten, was in den Produkten passiert. Ein Vorteil sei auch die Risikostreuung: Anleger können mit einem einzigen ETF-Trade ein Wertpapier kaufen, das sehr breit diversifiziert sei.
Für Black Rock sprach Bahram Sadighian. Er stellte seine nachhaltige Multi-Asset-Strategie als „Kerninvestment für die Zukunft“ vor und wies auf den Umstand hin, dass Black Rock in kontinuierlichem Dialog mit den Unternehmen sei, in die sie im Auftrag ihrer Kunden investiere, auch, um eine langfristige und nachhaltige Unternehmensführung zu fördern.
Thorsten Schrieber von der DJE Kapital AG erklärte, wie aktives Management den Markt neu definiere. Es gehe auch um eine ausgewogene Balance zwischen Titeln mit dem höchsten Wachstumspotenzial und einer möglichst guten Marktbreite. Darunter können auch die typischen Large- oder Mega-Caps fallen.
Josef Obermann und Oliver Beck sprachen für Amundi Austria zum Investieren in einer Welt mit neuen Herausforderungen. Demnach weisen Europas und Asiens Aktienmärkte ein höheres Renditepotenzial über die nächsten zehn Jahre auf als die USA.
Und schließlich sprach Marcus Weyerer von Franklin Templeton über den Technologieführer Asien, er empfahl eine Diversifikation mit ETFs. Überraschend war seine Anmerkung, dass mittlerweile auch Schwellenländer als unverzichtbare Player im Technologiewettbewerb angenommen werden müssen.
Gut besucht, bot sich beim Investmentday für zahlreiche Interessenten die einmalige Gelegenheit zum direkten Austausch mit den Partnergesellschaften der Bawag und Easybank an deren Eventständen. In diesem Sinne freuen wir uns schon auf den Investmentday 2026 und werden auch wieder berichten.
Foto: AdobeStock / William W. Potter
Politiker jubilieren, Branche bleibt skeptisch
Die Generalpensionskasse ist so gut wie fix, bestätigten Abgeordnete bei der 12. bAV-Konferenz.
Barbara Ottawa. Ein seltenes Bild bot sich am vergangenen Donnerstag am Cobenzl über Wien – Nationalratsabgeordnete stellten sich den Fragen von Branchenvertretern der betrieblichen Altersvorsorge. Dieses Zusammentreffen zweier oft viel zu ferner Welten, wurde von Thomas Wondrak (Foto), Gründer der Beraterfirma Konsequent Wondrak, anlässlich seiner 12. bAV-Konferenz organisiert. Vertreter von ÖVP, Neos und Grünen waren außergewöhnlich sattelfest im Thema, was den Diskurs vereinfachte – aber auch teilweise Gräben in den Zukunftsvorstellungen zur Altersvorsorge noch deutlicher werden ließ.
Gamechanger
„Es ist entscheidend, dass alle Menschen Zugang zu einer Pensionskassenlösung haben – hier kann der Generalpensionskassenvertrag ein Gamechanger werden“, zeigte sich Neos-Abgeordneter Johannes Gasser überzeugt. Laut ihm könnte bis Jahresende ein dementsprechendes Gesetz stehen. Dabei soll es allen Menschen möglich gemacht werden, das Geld aus ihrer Vorsorgekasse zu Pensionsantritt in eine Pensionskasse zu übertragen und somit das Angesparte steuerbegünstigt in eine lebenslängliche Pension umzuwandeln.
Entnahmemöglichkeit?
Auch ÖVP-Abgeordnete Heike Eder, sieht im Generalpensionskassenvertrag einen „wichtigen Schritt“ in Richtung Stärkung der Zweiten Säule. „Dann sollten wir darüber reden, wie wir die Pensionskassen weiterentwickeln, z. B. eine Entnahmemöglichkeit einer größeren Summe für den Hausbau oder bei Pensionsantritt, wie es in der Schweiz möglich ist“, so die Vorarlbergerin über Erfahrungen, die sie aus ihrem Nachbarland kennt.
Lohnbestandteil, keine private Altersvorsorge
Für den Generalpensionskassenvertrag sprach sich auch der Vertreter der Opposition am Podium, der Grünen-Abgeordnete Markus Koza, aus. Er betonte aber, dass die Übertragung freiwillig bleiben müsse, um den Charakter der Abfertigung als Lohnbestandteil nicht zu verlieren: „Die Abfertigung als private Altersvorsorge ‚umzubestimmen‘, war nicht der Sinn.“
Wondrak selbst betonte seine Wertschätzung des direkten Diskurses mit der Politik, musste den Abgeordneten dann aber doch etwas den Wind aus den Generalpensionskassen-geblähten Segeln nehmen: „Das ist eine technische schnelle Lösung, die in zwei Absätzen im Gesetz gelöst ist, niemandem schadet und freiwillig bleibt. Aber sie bringt auch für keinen Menschen mehr betriebliche Vorsorge.“ Eine größere Verbreitung der Zweiten Säule wäre jedoch wichtig, betonte Wondrak.
Vieles noch im Dunklen
Dem stimmten die Regierungsvertreter am Podium zu, auch wenn sie noch keine genauen Pläne vorlegen konnten und viele Ansätze in den Reformverhandlungen „budgetabhängig“ angedacht werden. Doch hier zeigte sich auch deutlich der Graben zur Opposition. Koza „akzeptiert die Zweite Säule zwar als Realität“, aber eine großflächige staatliche Unterstützung der betrieblichen oder privaten Vorsorge in Form von Steuern, anderen Anreizen oder gar einem Obligatorium solle es nicht geben.
Automatische Reform
Die Aussage der Regierung, dass sie die „größte Pensionsreform der letzten 20 Jahre“ auf den Weg bringen werde, war von der Branche über den Tagungstag verteilt mehrfach belächelt worden. Aber Gasser gab zu bedenken, dass das Kernstück der Reform noch in Verhandlung sei – der Nachhaltigkeitsmechanismus. Erstmals soll damit über eine Legislaturperiode hinaus, ein Automatismus geschaffen werden, der eine Pensionsreform auslöst, sobald bestimmte – noch festzulegende Parameter – nicht mehr erreicht werden. Welche Maßnahmen dann ergriffen werden müssen, ist auch noch in Diskussion.
Viel Skepsis
Doch auch hier zeigte sich die Branche skeptisch. Wondrak merkte an: „Der Nachhaltigkeitsmechanismus ist eine sachlich gute Lösung. Es wird sich jedoch erst zeigen, wie das Gesetz aussieht und ob es im Anlassfall dann nicht vielleicht doch wieder ein Sondergesetz gibt.“ Er referenzierte damit auf einen Vortrag von Thomas Url. Der Wifo-Chefökonom hatte vor Ort dargelegt, dass die Pensionsvalorisierungsformel in 20 Jahren nur zwei Mal so angewandt worden ist, wie vorgesehen. In den restlichen Jahren hatten die Pensionisten höhere Inflationsanpassungen erhalten.
Positives Signal
Trotz aller Verschiedenheiten wurde die Diskussionsrunde dennoch von den Teilnehmern als positives Signal gewertet. Auch Gasser betonte es brauche „einen neuen Diskurs zwischen Pensionskassen und der Regierung.“ Die Einladung von Eder an die Branche, sich mehr in den Reformdialog einzubringen und sie vielleicht im Parlament zu besuchen, wurde begeistert aufgenommen.
Foto: Konsequent Wondrak/Florian Schrötter
Erste Group in Polen: Santander-Kauf ein Coup?
Florian Beckermann. Die Entscheidung der Erste Group, einen 49 %igen Anteil an der Santander Bank Polska für rund 6,8 Milliarden Euro zu erwerben, sorgte für stark hochgezogene Augenbrauen in der Szene. Was lange erwartet wurde, wird endlich gut? Nicht wenige hegen aber auch Zweifel. Ein kritischer Überblick:
1. Strategische Expansion in einem wachstumsstarken Markt?
Fakt ist, die Erste steigert ihre Präsenz in Zentral- und Osteuropa erheblich. Polen gilt als einer der dynamischsten Bankenmärkte Europas, mit stabiler Wirtschaft und attraktiven Margen. Durch die Beteiligung an der drittgrößten Bank mit rund 7,5 Millionen Kunden stärkt sie ihre Position. Ob das starke Wachstum in Polen anhalten wird, ist offen. Der Bankenmarkt ist kompetitiv. Der polnische Regulator beinahe legendär, wenn es um die Wahrung nationaler Interessen gegen ausländische Finanzinstitute geht. Dennoch ist aus strategischer Hinsicht der Schritt nach Warschau unvermeidbar und klares Bekenntnis zur Bankausrichtung.
2. Finanzielle Tragfähigkeit und solide Kapitalbasis?
Die Erste strotzt vor Finanzkraft. Die Finanzierung der Transaktion erfolgt vollständig aus internen Mitteln, unterstützt durch die Streichung eines geplanten Aktienrückkaufprogramms in Höhe von 700 Millionen Euro und einem „Eindampfen“ der Dividende. Für Aktionäre kann dies eine traurige Nachricht sein (obwohl der Aktienkurs zunächst sehr positiv reagierte). Warum keine Kapitalerhöhung angestrebt und die Dividendenstrategie beibehalten wurde, wird zu Diskussionen führen.
3. Bewertung und Renditeaussichten
Der Kaufpreis entspricht dem 2,2-fachen des materiellen Buchwerts der Santander Bank Polska – nicht billig. Dennoch erwartet man eine Kapitalrendite von etwa 11 % im ersten Jahr nach Abschluss der Transaktion. Einstweilen fehlen noch genaue und aktuelle Bewertungsdaten für eine kritische Analyse. Fraglich ist beispielsweise dennoch, welchen Preis pro Kunde die Erste zahlen wird, bzw. ob, durch die Abgabe von Kunden an die Santander Consumer Bank, diese bisher katastrophale Ratio nicht noch schlechter wird. Ferner dürfte jedem im Erste Management klar sein, dass ein schlagendes CHF-Risiko analog zum RBI-Fiasko in Polen sofortige Konsequenzen zur Folge haben wird. Offensichtlichere Learnings aus den Fehlern der Konkurrenz gibt es nicht.
4. Partnerschaft mit Santander
Trotz des Verkaufs bleibt Santander mit einem Anteil von 13 % an der polnischen Bank beteiligt und plant eine strategische Zusammenarbeit im Corporate & Investment Banking, sowie im Zahlungsverkehr. Grundsätzlich eine professionelle Staffelstabübergabe. Dennoch: die Erste hat – auch ohne die 50-%-Schwelle zu überschreiten – die Führung inne. Die Erwartungshaltung richtet sich auf die Kommandos aus Wien. Man fühlt sich an die BCR-Transaktion erinnert. Der damalige Kauf war lang zu verdauen. Das Leben mit Minderheitsaktionären der BCR gehörte dazu.
Fazit: Die Erste stärkt ihre Marktposition in der Zielregion und ihre Kundenbasis erheblich. Strategisch handelt es sich um einen vielfach geforderten Schritt, der sicher positiv zu bewerten ist. Die finanziellen
Konditionen klingen dagegen hart. Doch: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert?“ Diesem Sinnspruch getreu mag man auf die Qualität hoffen, für die Santander nicht immer gestanden hat.
Und bei aller Diskussion darum, in welchen Regionen man vertreten sein mag, zählt am Ende eines: Profit. Daher werden einige die Frage stellen, wäre die Kaufkraft der Erste Group nicht in Deutschland besser aufgehoben gewesen …
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Finanzmärkte zeigen Trump seine Grenzen auf
Erstaunlich robuste Märkte, Indikatoren ergeben ein gemischtes Bild.
(09.05.) Mit erratischen Entscheidungen hält US-Präsident Donald Trump die Investorinnen und Investoren in Atem. Es gibt aber auch leise Hoffnung. Während hinter den Kulissen nahezu weltweit mit den USA über Zölle verhandelt wird, haben die Finanzmärkte in den letzten Tagen eine Robustheit an den Tag gelegt, die viele überrascht hat. Trotz vieler Indikatoren, die infolge des Zollsturms schwächere Wachstumsdaten und sinkende Unternehmensgewinne erkennen ließen, zeigten sich die Finanzmärkte – nach den Turbulenzen Anfang April – wieder erstaunlich standhaft, berichten die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.
Märkte erstaunlich standhaft
Wie stark die Angst unter Anlegern grassierte, zeigt ein Blick auf den „Angst-und-Gier-Index“ des Nachrichtensenders CNN. Anfang April signalisierte dieser „extreme Angst“. Aktuell befindet er sich nur noch knapp im Angst-Bereich. Globale und US-Aktien schlossen die Vorwoche mit Zuwächsen von bis zu 3%, der Dollar legte zu, die Renditen der US-Staatsanleihen stiegen und die Volatilität des VIX-Index an den US-Aktienmärkten gab nach. Auch Gold, ein Gradmesser für die Krisenstimmung, verlor zuletzt nach einem rasanten Anstieg leicht an Wert. Oberflächlich betrachtet war es eine starke Woche für die Anleger- und die Risikostimmung. Auffallend ist im Übrigen, dass nach Daten der US-Banken Goldman Sachs und JPMorgan Kleinanleger nicht die Nerven verloren hatten, sondern zu niedrigen Kursen nachgekauft hatten. „Buy the Dip“ scheint sich unter individuellen Investoren mitunter großer Beliebtheit zu erfreuen.
Gemischtes Umfeld
Das Umfeld könnte derzeit abwechslungsreicher nicht sein. Die US-Wirtschaft ist im ersten Quartal geschrumpft. Es ist der erste Rückgang nach 3 Jahren. Dem standen zum Teil positive BIP-Zahlen aus der Eurozone gegenüber. Renditen und Aktien profitierten in den USA auch von den Beschäftigtenzahlen für April, die zeigten, dass der globale Handelskrieg der Trump-Regierung bislang auf dem US-Arbeitsmarkt noch nicht wesentlich zu spüren ist.
Dutzende von führenden globalen Unternehmen haben ihre Gewinnprognosen für das erste Quartal gesenkt, da die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der US-Zollpolitik groß ist. Noch gibt es aber kaum Hinweise darauf, dass die Handelsunsicherheit die Unternehmen dazu veranlasst, Arbeiter zu entlassen oder die Preise in die Höhe zu treiben.
Japan im Fokus
Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen für die Weltmärkte kam zuletzt aus Tokio, wo die Bank of Japan die Zinssätze wie erwartet unverändert hielt, aber ihre Wachstumsaussichten senkte und ihre Inflationsprognosen senkte. Der Yen stürzte ab, beendete die vergangene Woche aber immer noch im Wesentlichen unverändert.
Wird Trump weniger aggressiv agieren?
An den Märkten wächst die Überzeugung, dass US-Präsident Donald Trump von seinen aggressiveren Zolldrohungen abrücken wird und dass ein aufgeschlosseneres Washington sich mehreren bilateralen Handelsabkommen nähert. Auch die Spannungen mit China könnten sich abkühlen. Die Risiken für das Wachstum und die Märkte bleiben jedoch, es ist weiterhin mit volatilen Wochen und Monaten zu rechnen, nicht zuletzt, da in den USA angesichts der sinkenden Verbraucherstimmung und der steigenden Inflationserwartungen das Gespenst der Stagflation auf dem Horizont aufgetaucht ist.
Am 30. April war Trump 100 Tage im Amt. In seiner ersten Amtszeit hatte US-Präsident Donald Trump in den sozialen Medien regelmäßig die Lorbeeren für den Boom an der Wall Street für sich in Anspruch genommen. Diesmal war er ein wenig kleinlauter, da die Aktien seit seiner Amtseinführung gefallen sind. Die Aktien haben nach dem Kursdesaster, das er mit dem „Liberation Day“ verursacht hatte, nun also einen Teil dieser Verluste wieder wettgemacht. Sollte sich die Erholung fortsetzen, wird sich Trump dies wohl als Erfolg seiner Wirtschaftspolitik auf seine Fahnen heften.
Nordische Nebenwerte: Günstig bewertet und strukturell stark
Ein Marktkommentar von Hans-Marius Lee Ludvigsen, Lead Portfoliomanager bei DNB Asset Management.
(09.05.) In einem Jahr globaler Unsicherheiten, zunehmender Handelsspannungen und steigender wirtschaftlicher Fragmentierung suchen viele Anleger nach einem Hafen, der Renditechancen bietet, aber zugleich Diversifikation und ein gewisses Maß an Abschirmung gegenüber globalen Schocks ermöglicht. Eine Anlageklasse, die bislang wenig im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, erfüllt genau diese Kriterien: nordische Small Caps.
Was zunächst wie eine enge Nische klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als hochinteressanter Markt. Die nordischen Small-Cap-Indizes – allen voran der MSCI Nordic Small Cap – haben seit 1999 jährlich eine Rendite von rund 11 % in Euro erzielt. Damit übertrifft diese Anlageklasse nicht nur nordische Blue Chips, sondern auch globale Small- und Large-Cap-Indizes deutlich. Auch operativ überzeugen die Unternehmen: Mit durchschnittlichen jährlichen Umsatzzuwächsen von 11 % und Gewinnsteigerungen von 17 % zeigt sich eine beeindruckende Wachstumsdynamik. Nicht zufällig werden jährlich rund 40 Unternehmen aus dem Small-Cap-Universum für mehr als 35 Prozent ihres Marktwertes übernommen.
Anders als es der Name vermuten lässt, ist das nordische Small-Cap-Segment breit aufgestellt. In Summe stehen knapp 2.000 börsennotierte Unternehmen aus fünf Ländern zur Auswahl. Die Vielfalt reicht von regionalen Einzelhändlern über spezialisierte Industriebetriebe bis hin zu global agierenden Technologieführern. Die länderspezifischen Sektorunterschiede wirken dabei wie ein natürlicher Hedge: Während Schweden einen Schwerpunkt auf Technologie und Gesundheitswesen legt, finden sich in Norwegen starke Akteure in den Bereichen Energie und Aquakultur. Dänemark ist traditionell stark in Pharma, Finnland in IT und Chemie.
Klare Outperformacne gegenüber europäischen Vergleichswerten
Auch bewertungstechnisch ist die Anlageklasse derzeit so attraktiv wie lange nicht. Nach einer Rallye 2020 und 2021, die Small Caps zwischenzeitlich um 15 bis 20 % teurer als Large Caps machte, kam die abrupte Wende. Seit Februar 2022 haben nordische Nebenwerte stark unterperformt. Das Ergebnis: Small Caps werden aktuell mit einem Forward-KGV von etwa 14 gehandelt – rund 20 % unterhalb der Bewertung von Large Caps (19) und auch unter dem historischen eigenen Schnitt von 15. Trotz eines Marktumfelds mit erhöhten Unsicherheiten bei Gewinnschätzungen wird für viele nordische Small Caps ein durchschnittliches EPS-Wachstum von rund 20 % in den kommenden Jahren erwartet – eine klare Outperformance gegenüber europäischen Vergleichswerten.
Ein weiterer Vorteil liegt in der geringeren globalen Verflechtung vieler Unternehmen. Während große Konzerne stark von internationalen Lieferketten und Märkten abhängig sind – und damit anfällig für Zölle, wie sie aktuell wieder in den USA drohen – sind viele nordische Nebenwerte auf ihre Heimatmärkte konzentriert. Das bedeutet nicht Isolation, sondern eine strukturelle Robustheit. Gerade Konsumgüterunternehmen wie Humble Group, Byggmax, Clas Ohlson oder Kid setzen auf eine klare Fokussierung auf die nordischen Verbraucher. Auch Bau- und Infrastrukturzulieferer wie Instalco, Bravida oder Inwido bedienen primär Nordeuropa. Selbst international aktive Unternehmen wie Camurus oder Sectra – aus dem Biotech- bzw. Medtech-Bereich – punkten mit führenden Nischenstellungen, die ihnen Preissetzungsmacht und Resilienz verleihen.
Attraktiver Markt für Stockpicker
Dass sich hier ein Markt für aktive Stockpicker auftut, zeigen auch die Analysezahlen. Während Large Caps im Schnitt von 16 Analysten begleitet werden, liegt der Wert bei Small Caps bei nur drei. Entsprechend höher ist die Chance, durch detaillierte Unternehmensanalyse unterbewertete Titel zu identifizieren. Tatsächlich steigen in einem durchschnittlichen Jahr rund 16 % der nordischen Small-Cap-Aktien um mehr als 50 %. Fondsmanager mit lokalem Know-how können zudem in IPOs oder Kapitalerhöhungen investieren – Gelegenheiten, die institutionellen Anlegern oft vorbehalten bleiben.
Gerade im aktuellen Umfeld – mit schwankenden Zinsen, nervösen Märkten und geopolitischer Unsicherheit – bietet der nordische Small-Cap-Markt ein seltenes Gesamtpaket: starke Fundamentaldaten, günstige Bewertungen, regionale Diversifikation und strukturelle Abschirmung. Während viele große Märkte mit Bewertungsrisiken und politischen Unsicherheiten kämpfen, könnten die Börsen in Stockholm, Helsinki, Oslo und Kopenhagen zur stabilen Ertragsquelle der nächsten Jahre werden.
Werden Rüstungsaktien in ESG-Fonds salonfähig?
Kategorischer Ausschluss von Rüstung und Waffen aus „grünen“ Investments wackelt.
Andreas Dolezal. Im Sinne der ESG-Kriterien (Umwelt, Gesellschaft und gute Unternehmensführung) gelten Investments in die Rüstungs- und Waffenindustrie als „socially harmful“ (deutsch: sozial schädlich) und sind daher kategorisch ausgeschlossen. Neben menschlichem Leid verursachen Panzer und Raketen auch massive Umweltschäden, und der Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur erzeugt enorme CO2-Emission. Doch anhaltende geopolitische Krisen und der neue Stellenwert von Verteidigungsfähigkeit führen zu einem Überdenken dieses Ausschlusses.
Dilemma der Finanzbranche
Hersteller von Waffen, Munition und Kriegsgeräten gelten bei der „grünen“ Kreditvergabe und Geldanlage (noch) als No-Go. Nicht nur die regulatorischen Vorgaben gemäß den ESG-Faktoren verhindern das Investment, auch die Reputation des Kapitalgebers leidet. Welcher Anleger vertraut sein Geld gerne Banken und Fondsmanagern an, die in Rheinmetall (Panzer), BAE Systems (Eurofighter) oder General Dynamics (Hubschrauber und Raketen) investieren? Nicht nur nachhaltig orientierte Investoren haben ethische Bedenken. Doch Ukraine- und Gaza-Konflikt, russische Aggressionen und das mögliche Aus des US-amerikanischen Beitrags zur europäischen Sicherheit führen dazu, dass die Finanzierung der europäischen Rüstungsindustrie neu gedacht wird. Bereits Ende 2022 stellte die EU-Kommission fest, dass die Verteidigungsindustrie zur Sicherheit der europäischen Bürger beiträgt und daher Zugang zu Finanzmitteln auch aus dem privaten Sektor haben sollte.
Ausschluss wackelt
Ende April berichteten Branchenmedien, dass namhafte Asset Manager, wie der zur Deutschen Bank gehörende Vermögensverwalter DWS und Allianz Global Investors, Rüstungstitel in nachhaltigen Fonds und ETFs erlauben wollen. Dazu kommt, dass gerade diese Werte unter dem Gesichtspunkt der Performance attraktiv sind. Im aktuell schwierigen Börsenumfeld ist das ein gewichtiges Argument für viele Investoren und Asset Manager.
Kritik aus der ESG-Branche
Mitglieder des Forums Nachhaltige Geldanlagen FNG positionieren sich gegen die uneingeschränkte Aufnahme von Rüstungskonzernen aus aller Welt in nachhaltige Finanzprodukte. Die Notwendigkeit der Rüstungsfinanzierung begründe keine Nachhaltigkeit, meinen die unterzeichnenden Banken.
Auch der österreichische Verein für Konsumenteninformation VKI, der im Auftrag des Klimaministeriums für das Umweltzeichen für Nachhaltige Finanzprodukte verantwortlich ist, hält am strikten Ausschluss von Waffen und Rüstung fest.
Ein ESG-Siegel für Rüstungsaktien schließen beide aus.
Glaubwürdigkeit leidet
Ob es der Glaubwürdigkeit nachhaltiger Finanzströme und Finanzprodukte dient, wenn die Rüstungsindustrie als vereinbar mit den ESG-Kriterien angesehen wird, ist mehr als zweifelhaft. Das Spannungsfeld bleibt jedenfalls weiterhin bestehen, denn das Wiedererlangen der europäischen Verteidigungsfähigkeit wird sehr viel Geld kosten.
Foto: AdobeStock / Andrii Fanta
Ohne Kapitalmarkt geht es nicht
Boschan und Felbermayr nehmen sich kein Blatt vor den Mund.
Tibor Pásztory. Im Rahmen der diesjährigen Bilanzpressekonferenz der Wiener Börse setzten CEO Christoph Boschan und Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr unmissverständliche Worte an die österreichische Bundesregierung sowie die Europäische Union. Während es bei ersterer hauptsächlich um die Berücksichtigung des Kapitalmarktes bei der Altersvorsorge ging, wurde die EU deutlich eines „Regulierungstsunamis“ geziehen: „Wie oft habe ich eigentlich schon aus Brüssel über das Vorhaben gehört, die Kapitalmarktregularien zu entbürokratisieren? Für jede neue Regel sollte eine alte gestrichen werden, hieß es, aber nichts ist geschehen!“, äußert sich Boschan durchaus eindeutig über sein, wie er es nennt, „Leib- und Magenthema“. Dabei hält er einen Austausch eins zu eins sowieso für sinnlos, denn jeweils nur eine Regel zu streichen, brächte sowieso nicht viel. Als logische Konsequenz fordert Boschan ein Regulierungsmoratorium, also null neue Regeln.
Nicht im Regierungsprogramm
Freilich sieht auch der Börsen-CEO die Notwendigkeit einheitlicher Regulatorik im EU-Raum. Ohne Harmonisierung gäbe es für mittlere oder kleinere Börsen wie Wien bzw. Prag (eine Tochter der Wiener Börse) kein Überleben. „Niemand ist international an österreichischen Sonderregulierungen interessiert!“, fasst er knapp zusammen. Was die neue Österreichische Bundesregierung anbelangt, gibt sich Boschan deutlich milder. Zwar hätte er schon an die zehn Finanzminister erlebt, die nicht gerade durch großes Interesse am heimischen Kapitalmarkt aufgefallen seien, aber mit der aktuellen Regierung fänden immerhin Gespräche statt. Trotzdem kommt er nicht um eine Kritik am Regierungsprogramm herum, in dem sich nur ein kümmerlicher Absatz zum Thema Kapitalmarkt finden lässt (wie auch der Börsen-Kurier schon mehrfach kritisiert hat): „In diesem möge man beachten, was darin nicht steht.“ Höflich zusammengefasst hält Boschan fest: „Der Kapitalmarkt hält zahlreiche Hebel bereit, damit Österreich noch mehr Potenzial entfalten kann, der politische Wille ist entscheidend.“
Internationale Best-Practice-Beispiele
Auch Felbermayr stößt in das gleiche Horn und präsentiert die zentralen Erkenntnisse neuester Wifo-Berechnungen, die Kapitalismuskritikern durchaus aufstoßen sollten, denn ein Ausbau der betrieblichen Altersversorgung unter Berücksichtigung des Kapitalmarktes würde Altersarmut und die Einkommensungleichheit der verschiedenen Bevölkerungsschichten durchaus bekämpfen. Wie schon andere Experten vor ihm (etwa Eco-Austria-Direktorin Monika Köppl-Turyna, Ex-Erste-CEO Andreas Treichl oder VIG-CEO Hartwig Löger) verweist auch er auf Best-Practice-Beispiele aus Dänemark, Schweden und den Niederlanden. In allen drei genannten Staaten werde die staatliche Daseinsvorsorge durch den Kapitalmarkt für alle gewinnbringend ergänzt. So machen alleine die bescheidenen 2,5 % des Bruttoeinkommens, die in Schweden in kapitalgedeckte Pensionsfonds investiert werden, einiges aus – zum Wohle der Pensionisten wie der Staatskasse. „Österreich hat eine im internationalen Vergleich unterentwickelte zweite Säule der Altersversorgung“, zitiert Felbermayr. Insgesamt mache die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Österreich nur 6,9 % des BIP aus, im OECD-Durchschnitt jedoch 86,7 % (sic!).
Rekordergebnis bei Wiener Börse
Die Frage der Altersversorgung stellt nur eine von vielen Herausforderungen dar, die unter Hinzuziehung des Kapitalmarktes gelöst werden könnte. Auch die Gründung eines international investierenden Staatsfonds wäre für den heimischen Kapitalmarkt belebend, so Boschan.
Als erfreulich erweist sich die zunehmende Akzeptanz von Aktien in Österreich, denn immerhin 30 % der Bevölkerung besäßen bereits Aktien (in anderen Ländern freilich noch viel mehr). Aus diesem Grunde konnte die Wiener Börse AG 2024 mit einem Jahresumsatz von 81,8 Millionen Euro und einem Ergebnis vor Steuern von 50,1 Millionen Euro auch Rekordgeschäftszahlen erzielen. Kerngeschäft bleibt dabei der Aktienumsatz in Höhe von 74 Milliarden Euro, wobei der heimische Aktienmarkt durch Dividendenstärke glänzt. Dividenden eingerechnet habe der ATX am 6. März 2025 die 10.000-Punkte-Marke überstiegen. „Das ist die Realität“, so Boschan.
Foto: Wiener Börse/Alexander Felten
Indiens Wirtschaft boomt
Für Anleger eröffnen sich vielfältige Investitionsmöglichkeiten.
Michael Kordovsky. Indien erlebt einen bemerkenswerten Wirtschaftsaufschwung, der sowohl durch robuste makroökonomische Fundamentaldaten als auch durch dynamische Branchen wie IT und Pharmazie getragen wird.
Starkes Wachstum und aufstrebende Mittelschicht
Laut aktuellen Schätzungen des IWF wuchs Indiens Wirtschaft 2024 um 6,5 %, und für 2025, 2026 und 2027 werden 6,2 %, 6,3 % sowie 6,5 % erwartet. Vor allem im Bereich Infrastruktur ist das Land in einem raschen Wandel: Seit 2014 wurde das Autobahnnetz um 60 % erweitert und das Eisenbahnnetz täglich um 7,9 Kilometer ausgebaut. Auch die Hafenkapazität und die Anzahl der Flughäfen wurden verdoppelt. Und bis 2047 will die Regierung jährlich 3,4 % des BIP in die Infrastrukturentwicklung investieren.
Die indische Mittelschicht ist von 19 % im Jahr 2015 auf 32 % im Jahr 2024 angewachsen und wird Prognosen zufolge bis 2030 rund 47 % der Bevölkerung ausmachen. Laut Internationalem Währungsfonds dürfte das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bis 2047 um etwa 60 % auf 4.280 USD (3.795 Euro) steigen.
Mit diesem wirtschaftlichen Aufstieg verändert sich auch das Konsumverhalten: Es zeigt sich eine wachsende Offenheit für neue Trends in Bereichen wie Wohnen, Mode, Kunst und Kultur. Importierte Konsumgüter erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, Einkaufszentren und Supermärkte gehören längst zum Alltag.
Fonds und ETFs
Indien profitiert zunehmend auch vom anhaltenden Outsourcing. In diesem Bereich ist Indiens IT-Branche schon seit den 1990ern gut positioniert. Weiteres Wachstum wird prognostiziert.
Der MSCI India Index (in USD gerechnet) hat in den vergangenen Jahren seinen Anstieg beschleunigt. Per 30. April 2025 steht eine 10-Jahres-Performance von 7,9 % p.a. einer 5-Jahres-Performance von 17,2 % gegenüber. Da Einzelaktien aus Indien tendenziell spekulativ sind, sollte der Markt aber über Fonds bzw. Exchange Traded Funds (ETFs) abgedeckt werden.
Der ETF-Klassiker mit fast 4,8 Milliarden Euro Volumen ist der „iShares MSCI India UCITS ETF USD“. Per 31. März ist der Finanzsektor mit 29,4 % am stärksten gewichtet, gefolgt von Basiskonsumgütern und IT mit 12,2 bzw. 10,5 %. Eine Alternative ist der „Franklin FTSE India UCITS ETF“, der den „FTSE India 30/18 Capped Index“ abbildet, aber auch sehr ähnlich verläuft.
Stärkere Abweichungen – auch nach oben – bieten indessen einschlägige Indien-Fonds: Ein Beispiel ist der „Nomura Funds Ireland – India Equity Fund A EUR“, der laut Datenerhebung am 8. April auf 10-Jahressicht mit 11,7 % p.a. im Plus liegt – und auf fünf Jahre sogar 20,1 %. Das Produkt ist auf 40 bis 50 Werte eines fundamental orientierten Management-Teams fokussiert, das auch die Unternehmen vor Ort besucht. Zu den Top-Positionen zählen ICICI Bank, HDFC Bank, Ultratech Cement und Infosys.
Ein weiterer Top-Performer ist der „Robeco Indian Equities (EUR) F“, der auf zehn Jahre mit 10,9 % p.a. im Plus liegt und es in fünf Jahren auf 20,8 % brachte. Dieser nimmt ebenfalls eine fundamentale Selektion vor und berücksichtigt neben Large-Caps auch Mid-Caps. Zu den Top-Positionen zählen unter anderem die ICICI Bank, Bharti Airtel (Kommunikationsdienstleister) und Reliance Industries (Energie).
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Kanadas neuer Premier schafft Umwelt-Steuern ab
Carney will die Wirtschaft ankurbeln, auch um Trump die Stirn zu bieten.
Roman Steinbauer. Der am 14. März als Nachfolger von Justin Trudeau angetretene kanadische Premierminister Mark Carney schaffte als erste aufsehenerregende Amtshandlung schon am 1. April die CO2-Steuern für Verbraucher per Ministerrichtlinie ab.
Laut deutscher Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes, Germany Trade & Invest (GTAI), verabschiedete der flächenmäßig zweitgrößte Staat bis 2023 mit dem „Greenhouse Gas Pollution Act“, dem „Impact Assessment“ und dem „Canadian Net-Zero Emissions Accountability Act“ drei Gesetze zum Klimaschutz. Dabei hatte jedes Territorium die Möglichkeit, ein System zu etablieren, das mit den Zielen des Bundes konform geht. Für alle Provinzen, die dem nicht nachkamen, trat ein CO2-Preissystem des Bundes in Kraft. Belastungen, die die Konsumenten betreffen, wurden nun jedoch annulliert.
Wirtschaft ankurbeln, um Trump die Stirn zu bieten
In einer Zeit, in der ein US-Präsident Kanada mit seinen 9.985 Mio km² (somit flächenmäßig größer als die Vereinigten Staaten selbst) skurriler Weise als 51. Bundesstaat in die Vereinigten Staaten eingliedern will, zeigt sich nun: Carneys Weg ist keineswegs „grün“, die Stimulierung der Wirtschaft ist vorrangig, die Abgrenzung zu Donald Trump indes dennoch eindeutig.
Im Magazin The European führte der Herausgeber Ansgar Graw (Graw ist unter anderem für die Konrad-Adenauer-Stiftung tätig) vor allem eine, alles überlagernde Ursache für Carneys Sieg gegen seinen konservativen Konkurrenten Pierre Poilievre an. Der Autor, der kürzlich sein Buch „Trump, Chancen und Risiken für Amerika und die Welt“ veröffentlichte, führt Carneys Wahlsieg auf dessen unmissverständliche, harte Wortwahl nach Trumps Zoll-Ankündigungen zu Ungunsten der kanadischen Autozulieferindustrie zurück. Nach Ansicht Graws verfingen sich die prägnanten Ansagen des als „ideologiefrei“ bezeichneten ehemaligen Gouverneurs der Bank of England – wie „die Vereinigten Staaten sind für uns kein verlässlicher Handelspartner mehr“ – in den Köpfen der Wähler.
Zu Sätzen wie „die bisher vertiefte Integration zu den USA ist vorbei“ bot der 60jährige darüber hinaus einen Pfad an, der eine Annäherung an Europa versprach und ergänzte: „Unsere Handelsbeziehungen werden sich in einem zuvor nicht für möglich gehaltenen Tempo auf andere Felder ausrichten. Wir werden unser Land verteidigen.“
Noch keine Belebung erkennbar
Die jüngsten Daten für Kanada nehmen sich durchwachsen aus. So meldete das staatliche Statistikamt in Ottawa für April gegenüber dem Vormonat ein zartes BIP-Wachstum von 0,1 %, das einem Rückgang im März (-0,2 %) folgt. Die Kern-Inflationsrate (ohne die volatilen Energiepreise) kam im März im Vergleich zum Vorjahresmonat bei +2,2 % zu liegen, befindet sich damit aber über dem Niveau der letzten drei Quartale 2024. Die Arbeitslosenrate (das Statistikamt erhebt die Quote jener Menschen, die aktiv Arbeit suchen) wurde für März mit 6,7 % ausgewiesen, steigt somit seit zwei Jahren kontinuierlich an. Im Einzelhandel konnte (nach drei aufeinander folgenden Monaten mit Minuszeichen) wieder eine Belebung zur Vorperiode um 0,7 % verzeichnet werden. Wie in Mitteleuropa drücken jedoch steigende Lohnkosten, die im Februar (diese Erfassung hinkt stets nach) mit +5,4 % deutlich anzog.
Relevant für das ressourcenreiche Land ist stets die Preislage der Rohwaren. Der Rohstoffindex (RMPI), der die Einkaufspreise für Produzenten misst (ebenso ein Inflationsindikator), ermäßigte sich im März um 1,0 % (M/M). Die Bank of Canada senkte seit März 2024 die Zinssätze in der Spitze bei 5,0 % auf aktuell noch 2,75 %.
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Große Mehrheit für verpflichtende betriebliche Vorsorge
Umfrage: Vier von Fünf glauben nicht, von künftigen staatlichen Pensionen gut leben zu können.
Rudolf Preyer. „In Umweltbelangen wollen wir nachhaltig sein, bei diesem Thema aber nicht mehr“, stellte Martin Sardelic, Vorstandsvorsitzender der Valida Vorsorge Management, bei einem Pressegespräch vergangene Woche prägnant als These in den Raum. Gemeinsam mit Philipp Mayer, Vorstandsmitglied der Valida Vorsorge Management, und Stephan Duttenhöfer, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Spectra, präsentierte er am Mittwoch eine repräsentative Studie zum Thema Pensionen, für die rund 1.900 Menschen in Österreich im Alter von 18 bis 60 Jahren befragt wurden.
Wenig Zuversicht in puncto staatlicher Pensionsvorsorge
„Das umlagefinanzierte Pensionssystem überzeugt die Österreicher aktuell nicht“, fasste Duttenhöfer die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammen. Vor allem bei Frauen und jungen Menschen sei der Anteil derer sehr hoch, die nicht davon ausgehen, von ihren späteren staatlichen Leistungen gut leben zu können. „Dies führt zu einer breiten Akzeptanz für ergänzende kapitalgedeckte Maßnahmen.“
Auf die Frage, ob man sich vorstellen könne, von der späteren staatlichen Pension gut leben zu können, antworten 58 % mit „Nein“. Drei von zehn Befragten können keine Angabe machen, und nur 17 % bejahten die Frage. Unter den Frauen äußerten sich sogar nur 12 % und bei den unter 30-Jährigen nur 13 % zuversichtlich. Die spätere Pensionslücke bei Pensionsantritt wird auf bis zu 1.243 Euro geschätzt – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zur letzten Spectra-Umfrage im Jahr 2022 (damals 824 Euro).
Breite Zustimmung für Reformen
Wie Sardelic meint, haben sich noch zu wenige Menschen mit ihrer Pensionsvorsorge auseinandergesetzt. Aber: „Im Zuge der Regierungsverhandlungen ist das Thema Pensionsvorsorge wieder mehr in die Aufmerksamkeit gerückt.“ Doch wie bereit sind Frau und Herr Österreicher für Pensionsreformen tatsächlich und welche Maßnahmen finden eine breite Zustimmung? Mit 69 % begrüße eine klare Mehrheit das Vorhaben der Bundesregierung, durch Einführung der Teilpension das Arbeiten im Alter zu fördern. Weiters seien 61 % für die Anhebung des Antrittsalters bei der Korridorpension. Ein Pensionssplitting, das jenem Elternteil mit längeren Kinderbetreuungszeiten zugutekommt, finde bei 47 % Zustimmung. Immerhin 38 % sprechen sich für eine einmalige oder schrittweise Anhebung des Pensionsantrittsalters aus. 59 % fordern, dass der Staat durch Investitionen in Wertpapiere zusätzliche Mittel für Pensionszahlungen erwirtschaftet.
Klare Mehrheit für Stärkung der zweiten Säule
Die zweite Säule, also die betriebliche Vorsorge, sollte deutlich stärker ausgebaut werden – so es nach den Wünschen der Befragten geht. Aktuell fließen rund 90 % der Pensionen aus der ersten Säule. Die betriebliche Vorsorge spielt mit 4 % nur eine untergeordnete Rolle. Nach den Vorstellungen von Frau und Herrn Österreicher wäre dies anders. Im Durchschnitt wünschen sich die Befragten, dass der Anteil der zweiten Säule auf 26 % steigt. Knapp sieben von zehn Befragten (69 %) fordern, dass betriebliche Vorsorgelösungen verpflichtend für alle Arbeitnehmer eingeführt werden.
Für die Steuerbefreiung von Eigenbeiträgen zur Pensionskasse spricht sich mit 80 % eine sehr breite Mehrheit aus. 44 % der Befragten wären sogar bereit, einen Teil ihres Gehalts für Pensionskassenbeiträge umzuwidmen.
80 % stimmen der Forderung zu, dass die Abfertigung Neu im Regelfall als spätere Zusatzpension verwendet werden soll und eine vorzeitige Auszahlung nur in finanziellen Notsituationen möglich sein darf.
Betriebliche Vorsorge in Kollektivverträgen berücksichtigen
Schließlich erläuterte Mayer – angelehnt an skandinavische Länder, wo der soziale Ausgleich und die Vorsorge verträglicher und austarierter gestaltet würden -, welche Reformen das österreichische Pensionskassensystem stärken könnten, um künftigen Anforderungen zu entsprechen. Im Idealfall sollten betriebliche Vorsorgelösungen in sämtlichen Kollektivverträgen berücksichtigt werden, um allen heute Erwerbstätigen eine Zusatzpension aus der zweiten Säule zu ermöglichen. Damit auch jeder für sich selbst zur Erhöhung seiner Zusatzpension beitragen kann, wäre ein gesetzlicher Anspruch auf die Umwidmung von Gehaltsteilen als Beitrag in eine Pensionskasse erforderlich.
„Lebensphasenmodell für alle“
Des Weiteren präsentierte Mayer ein Konzept zur Modernisierung des Pensionskassensystems, das mit keinem finanziellen Mehraufwand verbunden sei: „Wir möchten allen Pensionskassen-Kunden ein Lebensphasenmodell anbieten, bei dem die Veranlagungsstrategie immer an das Alter angepasst wird.“ Und weiter: „Für junge Menschen empfiehlt sich aufgrund der langfristig höheren Ertragschancen eine dynamische Veranlagung. Pensionisten hingegen hilft eine konservative Veranlagung, um Schwankungen bei der Auszahlungshöhe zu minimieren.“ Valida-CEO Sardelic schloss: „Wir sehen jetzt die Chance, dass sich politisch etwas ändert.“
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Karl-Heinz Grassers dickes finanzielles Ende für Österreich.
Die Erkenntnis, sich etwas verrannt zu haben, mag auch in der EU-Kommission gereift zu sein.
Florian Beckermann. Wer alt genug ist und sich für Wirtschaft und Politik interessiert, kam am sogenannten „Buwog-Prozess“ gar nicht vorbei. „Buwog“ genannt, da es um Straftaten rund um Veräußerung der staatlichen „Bundeswohnbaugesellschaft“ gleichen Namens ging – nach einem Börsengang 2014 gehört die Gesellschaft heute der deutschen Vonovia SE.
Seinerzeit erfolgte der Verkauf im Rahmen eines vermeintlich geheimen Bieterverfahrens an ein „Österreich“-Konsortium aus Immofinanz AG u.a. um genau eine Million Euro mehr (961 Millionen Euro) als das zweithöchste Gebot der CA Immobilien Anlagen AG. Kurz: Allein diese Preisnähe ließ die Wahrscheinlichkeit eines „Zufallstreffers“ auf Lotto-Jackpot-Niveau fallen. Nicht nur gelernte Österreicher verorteten die Mischung aus krimineller Energie und Geiz. Es mag den Verdacht der absoluten Schieflage noch erhärtet haben, dass mit diesem Preis 60.000 Wohnungen mit einem Quadratmeterpreis von rund 594 Euro verkauft wurden, obwohl schon damals ungefähr das Doppelte am Markt üblich war. Beide Bieter witterten ein gutes Geschäft. Die Republik schluckte wohl einen Schaden von mehr als einer Milliarde. Doch damit nicht genug.
Ab 2009 kamen weitere Beweise hinzu, die aus dem Verdacht viele Jahre später nun zur Verurteilung des ehemaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser führten. Die glaubhafte „Umkehr“ des Mittäters Peter Hochegger wird dazu seinen Beitrag geleistet haben – andernfalls wäre ein solcher Urteilsspruch über einen ehemaligen Finanzminister allein auf Indizien nicht nur in Österreich ein juristischer Stunt geworden. Mit dem Urteil wegen Veruntreuung und Geschenkannahme durch Beamte ist strafrechtlich festgestellt, dass zum Schaden der Republik gehandelt worden ist – der zumindest die „Provision“ zugestanden hätte. Grasser muss die Haft antreten und hat Privatinsolvenz erklärt. Für ihn kommt das dicke Ende bereits jetzt.
Doch gibt es auch andere Geschädigte? Voluminös ist der Schadensersatzanspruch der CA Immo gegen die Republik von rund 1,9 Milliarde Euro (ein Betrag, den Finanzminister Markus Marterbauer wohl nicht im Budgetdefizit berücksichtigt hat). Wie angedeutet, machte Immofinanz mit dem Verkauf wenige Jahre später wohl den besten Deal der
Unternehmensgeschichte. Ein Deal, den die CA Immo hätte machen können, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Grassers endgültiges Urteil hilft der zivilrechtlichen Durchsetzung gegen die Republik natürlich weiter.
Ein ganz dickes Ende für den Steuerzahler droht. Insbesondere mit der Einrede der Verjährung kann man dagegen argumentieren – dünnes Eis. Zusätzlich kann man, wie üblich, die praktischen Schwierigkeiten der Herleitung des entgangenen Gewinns ausdiskutieren – mühsam, aber machbar. Doch wie steht die Republik da, wenn selbst erwiesenes kriminelles Verhalten seitens der Amtsträger nicht zum Schadensersatz führt? Muss der Staat für die Mauscheleien der Amtsträger haften? Es geht mal wieder um die Glaubwürdigkeit der Republik und seiner Beteiligung am freien Wirtschaftsmarkt. Nichts weniger.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Europaweiter Anstieg der Pleiten
Im Jahr 2024 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa erneut deutlich gestiegen. Das zeigt eine ak-tuelle Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung. Demnach erhöhten sich die Fallzahlen gegenüber dem Vorjahr um 12,2 Prozent auf insgesamt 190.449 Fälle (2023: 169.792) – der höchste Stand seit 2013.
(06.05.) „Drei Jahre Stagnation und wirtschaftliche Flaute haben nicht nur Deutschland im Griff. Europa leidet insgesamt unter einer schwachen konjunkturellen Entwicklung. Der deutlich verschärfte Wettbewerb hat zu einem signifikanten Anstieg der Insolvenzen geführt. Die Pleiten sind auch mitnichten reine Nachholeffekte aus der Coronazeit. Seit dem bisherigen Tiefpunkt im Jahr 2021 ist die Zahl der Firmenpleiten in Westeuropa um fast 70 Prozent gestiegen – und ein weiterer Anstieg zeichnet sich ab“, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung in Neuss.
„Hohe Zinsen, steigende Energiepreise, eine insgesamt schwache Nachfrage sowie geopolitische Unsicherheiten belasteten die Stabilität vieler Unternehmen. Besonders betroffen waren kleine und mittlere Betriebe, die oft nur über geringe finanzielle Rücklagen verfügen“, ergänzt Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform in Österreich.
Breiter Anstieg in nahezu allen Ländern
In 15 der 17 untersuchten westeuropäischen Staaten nahmen die Insolvenzzahlen zu. Lediglich in Dänemark und Großbritannien wurden Rückgänge verzeichnet. Be-sonders stark fiel der Anstieg in Griechenland (plus 42,5 Prozent), Irland (plus 32,0 Prozent) und den Nieder-landen (plus 31,7 Prozent) aus. Auch in den großen Volkswirtschaften Deutschland (plus 22,5 Prozent), Frank-reich (plus 17,4 Prozent) und Italien (plus 8,9 Prozent) wurde ein deutlicher Zuwachs registriert. In fast allen untersuchten Ländern liegen die aktuellen Fallzahlen inzwischen klar über dem Niveau von 2019, das als Vergleichs-größe aus der Zeit vor der Corona-Pandemie dient.
„Mit dem Auslaufen der pandemiebedingten Sonderrege-lungen hat sich der erwartete Nachholeffekt eingestellt. Dass die Zahl der Insolvenzen inzwischen deutlich über dem Vor-Corona-Niveau liegt, hängt jedoch auch mit einer Reihe anhaltender Krisen und struktureller Versäumnisse der Vergangenheit zusammen. Die Unternehmen haben kaum Gelegenheit sich zu erholen und weiterzuentwickeln“, erklärt Hantzsch.
Baugewerbe besonders betroffen
Am stärksten betroffen war 2024 das Baugewerbe, das einen Zuwachs von 15,4 Prozent verzeichnete. Steigende Baukosten, hohe Finanzierungskosten und eine schwächelnde Nachfrage erhöhten den wirtschaftlichen Druck auf die Branche. Auch im Dienstleistungssektor nahm die Zahl der Insolvenzen mit plus 14,2 Prozent überdurch-schnittlich zu. Im Verarbeitenden Gewerbe schwächte sich der Anstieg gegenüber dem Vorjahr auf plus 9,3 Prozent ab (Handel plus 8,1 Prozent).
„Das Baugewerbe zählt zu den Hauptleidtragenden der aktuellen Wirtschaftsschwäche. Bereits in den vergangenen Jahren ist der Anteil dieses Sektors am Insolvenzgeschehen gestiegen. Inzwischen entfällt nahezu jede fünfte Unternehmensinsolvenz in Westeuropa auf diesen Be-reich“, so Weinhofer. Der Anteil des Handels hingegen sei leicht auf 30,0 Prozent zurückgegangen – ein Hinweis auf eine beginnende Konsolidierung in dieser Branche.
Entwicklung in Mittel- und Osteuropa
Auch in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen, wenngleich die Fallzahlen in vielen Fällen noch unter dem Niveau von 2019 liegen. Besonders deutlich war der Anstieg zuletzt in Polen, Lettland, Slowenien, Litauen und Estland. Ein starker Rückgang in Ungarn beeinflusste jedoch das Gesamt-bild spürbar: Mit 39.681 registrierten Fällen lag die Gesamtzahl der Insolvenzen in Osteuropa dadurch deutlich unter dem Vorjahreswert von 64.917.
In der Türkei stieg die Zahl der Unternehmensaufgaben um 20,9 Prozent auf 32.591 Fälle. Das war der sechste Anstieg in Folge. Ein starker Zuwachs wurde hier im Handel verzeichnet.
„Häufige Ursachen für Unternehmensinsolvenzen in Ost-europa sind schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Finanzierungschwierigkeiten, gestiegene Kosten so-wie eine schwache Kaufkraft“, ergänzt Hantzsch.
Steigende Insolvenzzahlen in den USA
In den Vereinigten Staaten nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zu – um 16,6 Prozent auf 30.009 Fälle. Trotz eines moderaten Wirtschaftswachstums belasteten weiterhin hohe Zinsen und zurückgehende Konsumaus-gaben die Unternehmen. Die Fallzahlen blieben aber unter dem Vor-Corona-Niveau. Noch 2018 und 2019 wur-den in den USA jeweils fast 40.000 Unternehmensinsolvenzen registriert.
Private Equity Investment Outlook Q2 2025: In unsicheren Zeiten sind kleine Unternehmen attraktiv
Ein Kommentar von Dr. Nils Rode, Chief Investment Officer, Schroders Capital.
(30.04.) Trotz der zunehmenden Unsicherheit aufgrund weitreichender politischer Veränderungen in den USA bleibt unser Ausblick für Private Equity positiv. Anleger sollten sehr selektiv bleiben und auf eine Diversifizierung über Strategien und Portfoliounternehmen hinwegsetzen, um sich in einem volatileren Markt effektiv zu positionieren.
Die politischen Veränderungen in den USA und die Unsicherheiten in Bezug auf KI-getriebene Investitionen, wie sie DeepSeek aufzeigt, haben die Volatilität an den Märkten mit notierten Papieren verstärkt. Diese Entwicklungen bergen erhebliche Risiken für das Wirtschaftswachstum, die Inflation und die Zinsen. Vor diesem Hintergrund sollten sich Anleger auf Private-Equity-Strategien konzentrieren, die Merkmale wie günstige Einstiegsbewertungen, ein Engagement auf dem Inlandsmarkt und robusten Schutz vor Verlusten aufweisen und gleichzeitig eine geringere Korrelation mit den öffentlichen Märkten und das Potenzial für zusätzliche Risikoprämien bieten.
Politische Veränderungen in den USA sorgen für Unsicherheit
Nach einer dreijährigen Abschwächung der privaten Märkte in Bezug auf Kapitalbeschaffung, neue Transaktionen und Exits sind die Bewertungen und Renditen an den Privatmärkten sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen im Allgemeinen attraktiv.
Seit Jahresbeginn haben die Risiken jedoch aufgrund der Politikänderungen der US-Regierung und der Unsicherheiten rund um deren Umsetzung und Auswirkungen stark zugenommen. Dies zeigt sich vor allem in Bezug auf Handelszölle, Einwanderung, ESG-Aspekte und eine eher isolationistischere Haltung in der Geopolitik und Verteidigungspolitik.
Dies hat die Volatilität an den Märkten mit notierten Papieren deutlich erhöht und die kurzfristigen Risiken für das Wirtschaftswachstum, die Inflation und die Zinsen erhöht. Die globalen Auswirkungen der politischen Veränderungen in den USA dürften auch zu branchenspezifischen und regionalen Herausforderungen führen und damit zu einer anhaltend erhöhten Volatilität beitragen.
Fragezeichen bei KI-bezogenen Investitionen
Die potenziellen Effizienzgewinne, die DeepSeek für Modelle generativer KI aufzeigt, führen zu neuen Unsicherheiten hinsichtlich der Investitionen und Bewertungen von Unternehmen, die vom KI-Narrativ profitieren.
Bei sorgfältiger Konstruktion kann Private Equity die Widerstandsfähigkeit des Portfolios verbessern Private Equity bietet in der Regel Schutz vor Schwankungen an den öffentlichen Märkten und kann selbst in unsicheren Zeiten erfolgreich sein. Dennoch stellen wir fest, dass einige Strategien im aktuellen Marktumfeld ein deutlich besseres Risiko-Rendite-Profil aufweisen als andere.
Daher empfehlen wir Anlegern, bei der Auswahl ihrer Strategien und Anlagen mit Bedacht vorzugehen. Darüber hinaus ist eine Diversifizierung über verschiedene Strategien hinweg wichtig. Die attraktivsten Anlagechancen sehen wir derzeit in folgenden Bereichen:
• Ausgewogene Dynamik zwischen Kapitalangebot und -nachfrage, die zu günstigen Einstiegsbewertungen und Renditen führt;
• Inländische Unternehmen und Vermögenswerte, die eine gewisse Abschirmung vor geopolitischen Risiken und Handelskonflikten bieten;
• Möglichkeiten für zusätzliche Risikoprämien, die sich aus Komplexität, Innovation, Transformation oder Marktineffizienzen ergeben;
• Robuster Schutz vor Verlusten durch begrenzte Fremdkapitalaufnahme oder Absicherung durch Vermögenswerte;
• Reduzierte Korrelation mit Märkten mit notierten Papieren aufgrund unterschiedlicher Risikoexpositionen.
Kleine und mittelgroße Buyouts erscheinen aus mehreren Gründen besonders attraktiv
Wie wir bereits gezeigt haben, hat sich Private Equity in den letzten 25 Jahren in Zeiten von Marktverwerfungen gut entwickelt und in Zeiten hoher Volatilität eine doppelt so hohe Outperformance erzielt wie in stabileren Phasen. Wichtig ist, dass bei vier der fünf größten Marktstörungen innerhalb dieses Zeitraums kleine und mittlere Buyouts maßgeblich zur Widerstandsfähigkeit von Private Equity beitrugen. Auch im Jahr 2025 gehen wir davon aus, dass kleine und mittlere Buyouts besonders attraktive Möglichkeiten zur Stärkung der Resilienz des Portfolios bieten werden.
Wir bevorzugen kleine bis mittlere Buyouts gegenüber größeren Transaktionen, da sie von einer günstigen Dynamik zwischen Kapitalangebot und -nachfrage profitieren und einem geringeren Wettbewerb um ein breiteres Spektrum von Transaktionen ausgesetzt sind. Darüber hinaus bietet dieses Marktsegment überzeugende Einstiegspunkte für Investitionen mit geringerer Abhängigkeit von Fremdfinanzierung und erheblichem Wertschöpfungspotenzial. Darüber hinaus können kleine bis mittlere Buyouts zu Akquisitionszielen für größere Buyout-Fonds werden und somit einen zusätzlichen Exit-Weg bieten.
Im aktuellen Marktkontext ist es für kleinere Buyouts besonders vorteilhaft, dass sie sich in der Regel auf inländische Unternehmen konzentrieren, was sie weniger anfällig für handels- und geopolitische Spannungen macht.
Continuation-Fonds setzen starken Wachstumstrend fort
Der Secondaries-Markt verzeichnete im Jahr 2024 ein Rekordtransaktionsvolumen von 160 Milliarden US-Dollar. Continuation-Fonds blieben ein wichtiger Wachstumsbereich, der den Anlegern wertvolle Liquiditätsoptionen bot und einen Rekordwert von 71 Milliarden US-Dollar bei den Transaktionen ausmachte.
Continuation-Fonds sind ein überzeugender Exit-Weg für Portfoliounternehmen, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen mit erheblichem transformatorischem Wachstumspotenzial. Kurzfristig wird diese Attraktivität durch die aktuellen Unsicherheiten verstärkt, die die Erholung der Exitmärkte verlangsamen.
Langfristig gehen wir davon aus, dass das Marktsegment der Continuation-Fonds angesichts des anhaltenden Wachstums von Private Equity und des Trends, dass Unternehmen länger im Privatbesitz bleiben, innerhalb des nächsten Jahrzehnts einen jährlichen Transaktionswert von 250 Milliarden US-Dollar erreichen könnte.
Trotz des Überschwangs rund um KI bleibt die Innovationsdynamik attraktiv
Die von DeepSeek gezeigten Effizienzsteigerungen haben Bedenken hinsichtlich der erheblichen Investitionen im Zusammenhang mit KI geweckt, was zu einem Bewertungsdruck für bestimmte KI-Unternehmen, insbesondere in den USA, geführt hat. Wir halten diese Risiken für private Unternehmen für relativ begrenzt, da Risiko- und Wachstumskapitalinvestitionen in der Regel Investitionen mit geringem Investitionsaufwand bevorzugen, die sich auf die Anwendungsebene des KI-Stacks konzentrieren. Unternehmen, die KI-Modelle nutzen, können von den damit verbundenen Effizienzgewinnen erheblich profitieren.
Während KI-Investitionen im Jahr 2024 15 % der weltweiten Risikokapitalinvestitionen erreichten, gehen Innovation und Disruption über KI hinaus und umfassen Sektoren wie Biotech, Fintech, Climate Tech und Deep Tech. Die Beschleunigung der Innovationsdynamik in verschiedenen Sektoren wird durch den verstärkten politischen Fokus auf Risikokapital als strategisches Instrument zur Stärkung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit unterstützt.
Wir sehen erhebliches Potenzial im sich erholenden Biotech-Sektor, der seit Jahren mit Risikoaversion zu kämpfen hat, und sind der Meinung, dass Early-Stage-Ventures preislich attraktiver und von den aktuellen Unsicherheiten isoliert sind als Late-Stage-Venture- und Wachstumskapital.
Analysten werden vorsichtiger
Nach Stimmungswechsel: Entwicklung ist hilfreich, um das Portfolio zu optimieren.
Roman Steinbauer. Seit rund zwölf Wochen haben Anleger einen sich rasch vollziehenden Stimmungswechsel zu verdauen. Noch Anfang Februar waren 22 deutsche Aktientitel laut einer Auswertung der Analyse-Agentur Morningstar unterbewertet. Unmittelbar darauf gab es Abstufungen und Kürzungen diverser Wertpapier-Kursziele von im Dax-Index enthaltenen Gesellschaften, bevor wiederum eine Erholung um sich griff.
Betroffen von Rückstufungen waren am 21. Februar die Deutsche Börse, am 7. März der Rüstungshersteller Hensoldt – bis zu Rückversicherern wie Münchner oder Hannover Rück in der vergangenen Woche.
Downgrade-Meldungen mehrten sich ebenso zu US-Aktien. Von diesen News wurden am 21. April Amazon und nur drei Tage danach IBM erfasst. Dies setzte dem Dow-Jones-Index erheblich zu. Darüber hinaus berichtete die US-Finanzwochenzeitung Barron‘s bereits am 14. April über die Feststellung der New Yorker Investmentbank Citi, wonach die US-Aktienmärkte nicht mehr als bevorzugter Handelsplatz zu empfehlen seien.
Abkoppeln von Hysterie-Wellen
Ein weiteres Mal zeigte sich: Auf eine Flut an Downgrades folgen Verkaufswellen an den Finanzmärkten. Erfahrene Portfolio-Manager raten indes innezuhalten und vor panikartigen Verkäufen zu reflektieren. So sprach sich die Strategin der Merrill Bank of America Privat Bank, Marci McGregor, in der Marktanalyse der dritten Aprilwoche des Hauses zu Vorsicht vor einem emotionalen Handeln infolge von negativen Schlagzeilen aus und mahnte an: „Man sollte einen vorausblickenden Ansatz wählen, wie sich das Kaufverhalten entwickeln könnte, sobald die hohe Unsicherheit entweicht.“
McGregor empfiehlt, sich geradewegs in derartigen Marktsituationen eine potenzielle Einkaufsliste bereit zu halten. Die Analystin unterstreicht, eine gesteigerte Volatilität biete für einen Portfolio-Umbau Richtung Langfrist-Diversifizierung oft ideale Chancen.
Am falschen Fuß erwischt zu werden
Treffen Abstufungen Anleger unvorbereitet, ist es oft ein schwieriges Unterfangen, schlüssige Entscheidungen zu treffen. Wird da-durch der Gesamtmarkt negativ beeinflusst, ist Vorsicht geboten, sich emotional der allgemeinen Verkaufswelle anzuschließen. Eine Abstufung einer Aktie, die sich im eigenen Portfolio befindet, wirkt schmerzhaft.
Auf lange Sicht steht dies aber nicht unbedingt für eine düstere Aussicht. Denn es ist von Bedeutung, die angegebene Ursache für die mindere Benotung durch das Institut zu kennen. Trübte sich das Umfeld für die Branche durch externe Faktoren ein oder verliert das Unternehmen im eigenen Sektor an Wettbewerbsfähigkeit? Kamen klare Strategien des Managements abhanden? Sprengen jüngste Kurs-einbrüche den Rahmen der eigenen Risikotoleranz oder der Akzeptanz zur Volatilität? Wurden selbst gesetzte Kursverlust-Grenzen durchbrochen?
In jedem Fall ist es vorteilhaft, die finanzielle Stabilität sowie Stellung der Produkte des Unternehmens zur Konkurrenz grob abschätzen zu können. Änderte sich zu diesen Punkten kaum etwas, lohnt sich oft ein Abwarten bis zu einer Kurserholung der Notizen.
Investoren, die eine Langfrist-Strategie verfolgen, zeigen sich durch derartige „Zwischenrufe“ bezüglich der Aktieneinstufungen durch Investmentbanken in der Regel eher unbeeindruckt. Antizyklisch agierende Akteure mit langem Atem kaufen wiederum gerade im depressiven Nachhall von Abstufungen solide Blue-Chip-Aktien mit einer kontinuierlichen Dividenden-Historie.
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Edelsteine als Investment
Smaragd und Co. sind sinnvolle Beimischung für jedes Sachwert-Portfolio.
Ein Gastbeitrag des Finanzexperten Stefan Brozyna. Edelsteine können auf eine lange „Investmentgeschichte“ zurückblicken. Sie waren das Investmentgut vieler alter Kulturen, oft, bevor Gold als Anlagemöglichkeit entdeckt wurde. Schon damals dienten Gold und Edelsteine aber auch, um Status und Wohlstand nach außen zu zeigen. Oft wurden die Edelsteine – wie heute auch – von Generation zu Generation weitergegeben. Fernab Erbschaft-, Vermögenssteuer und gläsernem Vermögensstatus jedes Staatsbürgers …
Was macht nun ein gutes Investment aus?
Jeder Investmentedelstein muss zwingend ein Prüfzertifikat haben. Es dokumentiert die Charakteristika jedes Steins (Gewicht, Farbe, Schliff, Reinheit etc.) und nennt auch den aktuellen Marktwert des Steines. Zertifikate und Steine sollten getrennt gelagert werden, wobei jedes Zertifikat eine Nummer hat und jederzeit neuerlich seitens des Labors zugesendet werden kann – an jeden Ort der Welt. Damit, und durch die hohe Wertdichte des Steines, werden diese zur optimalen Fluchtwährung. Und zum diskreten Zahlungsmittel allerorten.
Zur Diversifikation des Investments sollte ein Edelstein-Portfolio aus z. B. Rubin, Smaragd und Saphir angeschafft werden. Ab 10.000 Euro ist das möglich! Einzel-Edelsteine sind ab rund 3.000 Euro zu haben. Zu beachten ist auch die Herkunftsmine bzw. das Herkunftsland des Steines hinsichtlich der zu erwartenden Wertentwicklung.
Wie ist die steuerliche Behandlung?
Wenn der Edelstein physisch ausgeliefert werden soll und nicht im Zollfreidepot verbleibt, fällt Mehrwertsteuer an. Da es sich um einen Warenkauf handelt, greift die einjährige Spekulationsfrist; das heißt nach einem Jahr und einem Tag sind die Verkaufsgewinne (für Privatpersonen, nicht Firmen!) steuerfrei.
Die Lagerung – wenn nicht im Zollfreidepot – kann (im Tresor) zuhause oder im Bankschließfach (passende Versicherungssumme und Tresorsicherheitsklasse beachten!) bzw. im Schließfach des Händlers erfolgen. Die Steine sind nicht mittels Detektoren auffindbar, sodass andere Lagerorte am Wohnort möglich sind, wie mir berichtet wurde, z. B. an der Rückseite einer Sesselleiste – unüblich, aber möglich! Obwohl ein Investmentedelstein ganz andere Qualitätskriterien als ein Schmuckedelstein hat, wird er fallweise auch in Schmuckstücke eingefügt und von den Besitzern getragen. Der höherwertige Investmentstein erfreut das Herz des Trägers und der hohe Wert bleibt dem Auge des Laien verborgen.
Wie sieht es mit der Wertentwicklung aus?
Die Wertentwicklung (Rendite pro Jahr) lag – soweit meine Erfahrung reicht – zwischen 2 und 8 % pro Jahr, abhängig von Steinart/Größe/Herkunftsmine und Verkaufsdruck im Fall des Verkaufs. Größere, wertvollere Steine haben tendenziell eine bessere Wertentwicklung als kleinere Steine.
Wo wird verkauft?
Neben den bekannten Versteigerungshäusern ist ein Rückverkauf an den Händler, an einen anderen Händler, oder an einen anderen Anleger möglich. Da die Preise kontinuierlich steigen, findet sich ein Abnehmer meist recht schnell. Wobei die laufende Handelbarkeit der Steine nicht im Vordergrund steht, sondern das langfristige (länger als zehn Jahre) Halten der Investmentedelsteine. Oft wird von einer emotionalen Bindung der Käufer an ihre Edelsteine berichtet. So wird der Kauf meist nicht ausschließlich nach wirtschaftlichen, sondern auch nach emotionalen Kriterien (Farbe, Funkeln …) getroffen.
Wodurch steigt der Wert?
In vielen wirtschaftlich aufstrebenden Ländern wie Indien oder China werden traditionell Gold und Edelsteine als langfristiges Investment angesehen. Da die dortige Mittelschicht stetig wächst, ist ein langfristiger Wertanstieg zu erwarten. Das Angebot ist auch nicht beliebig erweiterbar, da die Menge der geschürften Rohsteine begrenzt ist. Interessanterweise führt die Öffnung einer neuen Mine nicht zu fallenden Preisen, da viele (wohlhabende) Investoren auch Steine aus dieser neuen Mine erwerben. Die meisten Anleger kaufen immer wieder Steine nach.
Fazit: Wer sich mit der Welt der Farbedelsteine beschäftigt, wird bald feststellen, wie faszinierend und fesselnd dieses Investment ist.
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Investieren in den Kampf gegen Kunststoffe
Die Plastikberge wachsen weltweit. Lösungen sind gefragt – einige Konzerne haben sie parat.
Raja Korinek. Kaum ein Bereich des Alltags kommt inzwischen ohne den Einsatz von Plastik aus, einerlei, ob zum Einschweißen von Lebensmitteln, für Behälter von Reinigungsmitteln oder der Herstellung von Zahn- und Haarbürsten. Selbst zahlreichen Kosmetika werden Plastikteile auf sogenannter „Mikroebene“ beigemischt – und landen damit über das Abwasser zunehmend in den Flüssen und Weltmeeren. Die Vorteile von Plastik rücken angesichts der wachsenden Berge an Plastikabfällen allmählich in den Hintergrund.
Bei der Umweltorganisation WWF in Deutschland hat man sich jüngst die Fakten angesehen. Demnach landen pro Jahr rund 19 bis 23 Millionen Tonnen Kunststoffmüll in den Meeren. Denn auch anderer Plastikabfall wird achtlos in den Ozeanen entsorgt. Inzwischen haben die schwimmenden Abfallberge rund 80 bis 150 Millionen Tonnen erreicht, hält man beim WWF weiters fest. Das Problem: Das Material verrottet erst nach Jahrzehnten. Auch die Folgen für den Menschen sollten nicht unterschätzt werden. Kleinste Plastikpartikel werden von den Meeresbewohnern aufgenommen. Werden diese Tiere von Menschen konsumiert, nehmen auch sie die Plastikpartikel auf.
Plastik ist überall
Auch über andere Wege gelangen solche Partikel in die Menschen. Erst im März etwa gab das Umweltbundesamt Ergebnisse einer Studie, die im Auftrag der Arbeiterkammer Salzburg durchgeführt wurde, bekannt. Dazu wurden 15 Limonaden und fünf Eistees auf Mikroplastikpartikel untersucht, mit einem wenig erfreulichen Fazit. Denn in 17 der 20 Proben wurden tatsächlich Mikroplastikpartikel unterschiedlicher Art entdeckt. Dazu wird auch der Bogen zu den einzelnen Komponenten gespannt: So bestanden alle Flaschen aus dem Kunststoff „Polyethylenterephthalat“ (PET), die Verschlüsse aus „Polyethylen“ (PE) und die Etiketten vor allem aus „Polypropylen“ (PP). Diese drei Kunststoffe wurden in den Getränken dabei am häufigsten nachgewiesen. Erste Versuche, den Zuwachs an Plastikbergen einzudämmen, gibt es bereits. Die Vereinten Nationen arbeiten an einer verpflichtenden Plastikkonvention. In immer mehr Teilen der Welt wird Pfand auf Plastikflaschen verrechnet, damit sie zurückgebracht anstatt weggeschmissen werden.
Chancen mit Zertifikaten
Auch zahlreiche Unternehmen engagieren sich im Kampf gegen Plastik. Die heimische Mayr-Melnhof Karton stellt Verpackungen aus Karton her und setzt dazu wiederverwertetes Material ein. So wird etwa die Lebensmittelindustrie sowie der Pharmakonzern beliefert. Der Bio-Chemie-Konzern Carbios aus Frankreich forscht am Einsatz spezieller Enzyme, die Plastik zersetzen. Dies gilt für PET-Produkte wie Verpackungen und Textilien aus Polyester.
Tomra Systems aus Norwegen stellt unter anderem Maschinen für die Rücknahme von Leergut her. Der Konzern ist weltweit in 60 Ländern tätig. Alle drei Konzerne sind im Übrigen Teil des „Zero Plastic Index“. Dieser umfasst insgesamt sieben europäische Titel. Auf den Index selbst hat Morgan Stanley entsprechend ein Indexzertifikat begeben.
Risikobereite Anleger können auch gehebelt auf die weitere Kursentwicklung der Aktie der Mayr-Melnhof Karton, etwa mit einem Turbo-Long-Zertifikat, setzen. Ein solches Produkt bietet Raiffeisen Zertifikate an, mit einem aktuellen Hebel von 3,24 (per 2. Mai). Wird hier jedoch die Marke von 61,26 Euro berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat und man erleidet einen Totalverlust.
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Was die Retail Investment Strategy bringt
Experten warnen: unter Kosten von (Über-)Regulierung würden die Kleinanleger leiden.
Manfred Kainz. Die Retail Investment Strategy (RIS) wird frühestens 2026 „schlagend“, so Michael Gruber von der Uni Salzburg. Er ist bekannter Auskenner und Zerpflücker von finanzdienstleistungsrechtlichen Neuerungen. Dass die Ausgestaltung dauert, ergibt sich aus dem Umstand, dass es eine „Omnibus-Richtlinie“ ist, die „alles mögliche novelliert“. Mit dem Kernanliegen: „Die Kleinanleger sollen noch mehr geschützt werden.“ Aber auch wenn noch Galgenfrist besteht, rät Gruber vor allem Vermögensberatern, „sich jetzt schon dafür zu wappnen“.
Treiber und Opfer
Auch Thomas Stern sieht „das Phänomen des Kleinanlegerschutzes“ als Rechtfertigung für die RIS. Stern unterrichtet an der Universität Liechtenstein und ist Experte der FMA Liechtenstein. Er bezeichnet die Kleinanleger als „Treiber und Opfer der Finanzmarktregulierung“. Denn ja, es gebe falsche Aufbereitung von Produktinformationen; und Rund-um-Information sei zwar wichtig, denn immer mehr Menschen seien von Social Media beeinflusst. Aber die „nichtprofessionellen Kunden“, also die Kleinanleger, zahlen auch die Zeche: Sie seien mit bis zu
40 % mehr Kosten belastet als Institutionelle, so Stern. Und: Wenn man die „Definition des Kleinanlegers“ verstrengert, heißt das auch, dass sich das Schutzniveau verstrengert. Und das heiße, dass manche Assetklassen für Kleinanleger „nicht mehr verfügbar“ wären.
Die Ziele
Martin Ramharter, Experte im Finanzministerium, ist in die RIS-(Trilog-)Verhandlungen in Brüssel eingebunden: Die Retail Investment Strategy fällt unter die sogenannte „Conduct-Aufsicht“, also die Sicherstellung von „ehrlichem, redlichem und professionellem Handeln im besten Kundeninteresse“. Ziele der RIS seien daher die Stärkung des Vertrauens der Anleger und attraktivere Finanzprodukte. Die Instrumente der RIS dafür sind ambitioniert: „Value for Money“, also ein nachvollziehbares Preis-Leistungs-, sprich Kosten-Rendite-Verhältnis soll gewährleistet sein, „Inducements“ beschränkt, dafür die Beratungsqualität verbessert werden.
Best Interest in Anlageberatung
In Diskussion ist jedenfalls das „Best Interest“-Prinzip. Im Zuge einer Neuregelung der Anlageberatung ist die Ablöse des Qualitätsverbesserungstests durch einen „Client‘s best Interest“-Test am Tisch. Wenn es nach der EU-Kommission geht, soll ein „Best-Interest-Test“ den gesamten Anwendungsbereich der Anlageberatung umfassen. Mit den drei Kernpunkten: ausreichend breite Produktpalette, ein „kosten-effizientestes Finanzprodukt“ innerhalb der Vorgabe des Art 25 (2) MiFID 2, und mindestens ein Finanzprodukt „ohne zusätzliche Merkmale, die für Anlageziele des Kunden nicht erforderlich sind und zusätzliche Kosten verursachen“, so Mona Ladler, Juristin der Vereinigung Österreichischer Investmentgesellschaften. Das unterstelle, das Kunden stets das „kosteneffizienteste“ Finanzprodukt wollen. Zusammen mit „keine zusätzlichen Kosten verursachen“ würde das beispielsweise dazu führen, dass bei Gegenüberstellung eines aktiv gemanagten Fonds mit einem passiven Fonds, immer das passive Produkt ausgewählt würde, kritisiert Lagler die Forderung.
Dem gegenüber steht der „Best-Interest-Test“ nach Wunsch des Europäischen Parlaments: Dort umfasst der Anwendungsbereich nur die provisionsbasierte Anlageberatung. Mit einer ausreichend breiten Produktpalette, die den „Bedürfnissen des Kunden und dem Geschäftsmodell der Wertpapierfirma entspricht“; sowie ein „effizientestes Finanzprodukt innerhalb Art 25 (2) anhand Performance, Risiko, qualitativer Elemente, Kosten und Gebühren“.
Und laut EU-Rat soll der „Best-Interest-Test“ eine „diversifizierte Auswahl an Produkten verschiedener Hersteller“, ein „kosten-effizientestes“ Finanzprodukt innerhalb Art 25 (2) „anhand Kosten und Gebühren, Performance und erwarteter Rendite“, plus „Integration in die Eignungsprüfung“ vorsehen. (Auch damit würden aktiv gemanagte Fonds ausscheiden, meint Lagler.)
Achtung!
„Marktnäher und leichter umsetzbar“ sei die Position des EU-Parlaments, bewertet sie daher. Wobei die Problematik der Ermittlung des „effizientesten“ Produkts bleibe. In der Kommissionsposition sieht Lagler in der Erweiterung der Eignungsprüfung um ein Produkt „ohne zusätzliche Merkmale“ eine „Wettbewerbsverzerrung“. Und eine „Duplikation von Tests“ würde zu Doppelprüfungen und zu mehr „Komplexität der Anlageberatung“ führen.
Worin sich alle genannten Experten einig sind: In der Warnung vor Kosten von (Über-)Regulierung. Denn „jede Regulierung kostet“ (Lagler); und unter den Kosten von (Über-)Regulierung würden die Kleinanleger leiden – und aus dem Markt ausscheiden, was wiederum die Produktpalette für sie einschränkt und eine „Filterwirkung“ (Stern) Richtung vermeintlich billiger Produkte entstehe.
INFO: Was ist die RIS?
Die Retail Investment Strategie (RIS), die Mitte Mai 2023 von der EU als Teil des „Aktionsplan Kapitalmarktunion“ vorgestellt wurde, hat folgende Ziele: die stärkere Beteiligung von Kleinanlegern an den Kapitalmärkten, die Stärkung des rechtlichen Rahmens für Kleinanleger sowie die Erhöhung der Transparenz von Finanzprodukten.
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„Omnibus“: Das EU-Parlament fährt halb mit
Die Erkenntnis, sich etwas verrannt zu haben, mag auch in der EU-Kommission gereift zu sein.
Florian Beckermann. Dass die europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattungspflichten eine kostspielige Datensammlung geschaffen haben, ist keine Neuigkeit. Dass die Sammlung teils völlig überschießend ist, auch nicht. Dass es außerhalb von einer spezialisierten Nachhaltigkeitsszene bisher kaum Widerhall findet, ist etwas erstaunlicher. Man wäre fast versucht zu behaupten, dass der Anleger bei den Nachhaltigkeitsberichten schlicht abgehängt wurde. Die zu hohe Neuerungsgeschwindigkeit und die marginale monetäre Ergebnisrelevanz insinuiert, erzeugen die Tabellen in den aktuellen Nachhaltigkeitsberichten der Hauptversammlungssaison bei Privatanlegern nicht mal ein müdes Lächeln – von Fragen dazu ganz zu schweigen. Die Erkenntnis, sich etwas verrannt zu haben, mag auch in der EU-Kommission gereift zu sein. Mit dem Ergebnis, dass eine „Modifikation“ erfolgt – man schickt den Anlegern (und den Unternehmen) einen „Omnibus“. Man möge doch aufschließen. Genug der Polemik …
Bekanntlich hat die EU-Kommission grundsätzlich zwei Richtlinien unter dem Oberbegriff „Omnibus“ in Arbeit: Einerseits die so genannte Stop-the-clock-Richtlinie: Hier soll die zweite Welle der Berichtspflichten nach der CSRD (Corporate Sustainable Reporting Directive – Nachhaltigkeitsberichterstattungsrichtlinie) sowie die Anwendung der umstrittenen Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) zeitlich (zwei Jahre) verschoben werden. Sprich, Länder und Unternehmen erhalten mehr Zeit zur Umsetzung – hiervon wäre auch Österreich betroffen, da die CSRD noch nicht durch den Nationalrat in nationales Recht umgesetzt wurde.
Die zweite Richtlinie geht ans Eingemachte. Sie soll inhaltliche Anpassungen für die CSRD und CSDDD beinhalten. Aktuell wüst diskutiert werden neue Unternehmensgrößenschwellen für die Anwendungspflicht der CSRD-Richtlinie sowie eine massive Verkürzung der verantwortbaren Lieferkettentiefe. Das Expertengremium EFRAG arbeitet seit März daran und soll bis Oktober 2025 mit konkreten Vorschlägen kommen. Mithin braucht diese Richtlinie mehr rare Zeit, denn ohne Update werden die „alten“ Timelines aktiv. In diesem Sinne beschloss nun nach der EU-Kommission auch das Europäische Parlament in einem Eilverfahren die Stop-the-clock-Richtlinie. Es ist davon auszugehen, dass der Europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs, hier nicht mit zusätzlichen Bedenken eine schleunigste Umsetzung behindern.
Die EU-Kommission möchte in dieser Sache grundsätzlich die Fähigkeit zum Bürokratieabbau und schnellen Verfahren unter Beweis stellen. Beispielhaft für die Dringlichkeit sind die Eingabefristen. Für Unternehmen, die sich zur zweiten „Omnibus“-Richtlinie äußern wollen, gilt der 6. Mai als Stichtag. Vor dem Sommer will Brüssel Fakten schaffen.
Aus Anlegersicht ein grundsätzlich positives Bestreben, wenn sich das erzeugte Chaos schnell beruhigt und die eigentliche Lenkungsarbeit beginnen kann.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Übernimmt KI das Steuer?
Laut einer Umfrage von Pictet Alternative Advisors, dem Geschäftsbereich für alternative Anlagen der Pictet-Gruppe, erwarten zwei Drittel (68 %) der Private-Equity-Firmen, dass künstliche Intelligenz (KI) ihre Geschäftskosten senken wird. Über 60 % der Befragten berichten, KI habe bei ihren Portfoliounternehmen zu einem Umsatzanstieg geführt.
(29.04.) Um zu klären, wie sich KI auf die Zukunft der Private-Equity-Branche auswirken wird, hat Pictet Alternative Advisors (PAA) von Oktober bis November 2024 eine Umfrage unter Private-Equity-Firmen, auch General Partner (GP) genannt, durchgeführt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Branche die Möglichkeiten der Technologie zunehmend erkennt und nutzt: 60 % der GPs halten den Hype um KI für berechtigt. Fast 40 % haben in ihrem Unternehmen eine Strategie für den Einsatz von KI entwickelt, während ein Viertel (25 %) die Technologie bereits aktiv nutzt. 54 % der Befragten sind dabei, die Anwendungsmöglichkeiten aktiv zu testen oder zu prüfen.
Als Hürden für die Verwendung von KI nennen die GPs insbesondere die Qualität von Daten und Ergebnissen, Datenschutz sowie Cybersicherheit, wobei mehr als ein Drittel (36 %) angibt, die Daten- und Output-Qualität stelle allmählich ein kritisches Thema dar.
Trotz dieser Herausforderungen erkennen die GPs zunehmend den Mehrwert der Integration von KI in ihren Portfoliounternehmen: 36 % berichten, dass mehr als jedes vierte Unternehmen KI bereits in verschiedenen Prozessen nutzt, und 25 % geben an, dass die Mehrheit ihrer Portfoliounternehmen KI testet oder in Pilotprojekten einsetzt.
Mehr als 60 % der Befragten berichten, bei ihren Portfoliounter-nehmen sei der Umsatz durch KI gestiegen, und ein GP gibt an, 25 % seines Umsatzwachstums seien direkt auf die Technologie zurückzuführen.
Pierre Stadler, Head of Thematics – Private Equity bei PAA, kommentiert: „Private Unternehmen waren beim Aufstieg von KI-Systemen Vorreiter. Wir freuen uns zu sehen, dass viele unserer General Partner auf das Potenzial von KI setzen, sowohl für das eigene Anlagegeschäft als auch für die Wertschöpfung in ihren Portfoliounternehmen.“
Stanislas Chanavat, Principal Thematics – Private Equity bei PAA, ergänzt: „KI-Anbieter können mittlerweile mit viel weniger Rechenleistung hervorragende Ergebnisse erzielen. Deshalb gehen wir davon aus, dass mehr Unternehmen von der Einführung dieser Technologie profitieren werden. Dieser Übergang von Herstellern zu Nutzern bereitet den Boden für die nächste KI-Wachstumswelle und eröffnet ein breiteres Spektrum von Investitionsmöglichkeiten.“
Volatilität im historischen Kontext – warum Ruhe bewahren entscheidend ist
Die Kapitalmärkte haben in den letzten Monaten erneut eine Phase erhöhter Unsicherheit durchlaufen. Makroökonomische Sorgen, geopolitische Spannungen und geldpolitische Kurswechsel führten zu teils starken Kursschwankungen. Für viele Anleger stellt sich angesichts solcher Marktbewegungen die Frage: Wie soll man sich in einem Umfeld vermehrter Volatilität verhalten?
(29.04.) Arne Tölsner, Head of DACH Client Group bei Capital Group, ordnet die aktuelle Situation ein: „Zwischenzeitige Rücksetzer gehören zum Wesen der Kapitalmärkte. Entscheidend ist jedoch, nicht das große Bild aus dem Blick zu verlieren.“ Wie er betont, lohne sich ein Blick in die Geschichte, um aus kurzfristigen Turbulenzen keine falschen Schlüsse zu ziehen.
Marktschwankungen sind die Regel, nicht die Ausnahme
Eine zentrale Erkenntnis aus der historischen Betrachtung: Volatilität sei kein Anzeichen für ein Scheitern der Märkte, sondern ein natürlicher Bestandteil langfristiger Wertentwicklung. Tölsner verweist darauf, dass der S&P 500 allein im Jahr 2022 insgesamt 63 Tage mit Kursverlusten von mehr als einem Prozent verzeichnet habe, im historischen Durchschnitt liege diese Zahl bei 62 pro Jahr. Auch in Jahren mit insgesamt positivem Jahresergebnis würden solche Ausschläge regelmäßig auftreten.
Tölsner betont, dass diese Erkenntnis Anlegern helfen könne, emotionale Reaktionen zu vermeiden: „Volatilität kann beunruhigend wirken. Doch wer erkennt, dass solche Unruhe am Markt historisch normal ist, trifft rationalere Entscheidungen.“
Rückschläge bieten langfristige Chancen
Gerade größere Rücksetzer würden sich rückblickend oft als attraktive Einstiegsgelegenheiten entpuppen. Der S&P 500 habe nach Rückgängen von 15 % oder mehr in den jeweils folgenden zwölf Monaten im Durchschnitt eine Rendite von 52 % erzielt. Selbst nach Rückgängen von über % – also im Bärenmarktumfeld – habe die durchschnittliche Einjahresrendite immer noch bei % gelegen.
„Das zeigt, wie wichtig es ist, investiert zu bleiben – auch wenn die Schlagzeilen etwas anderes suggerieren“, betont Tölsner. Wer in schwierigen Marktphasen aussteigt, riskiere, die stärksten Erholungsphasen zu verpassen und lediglich Verluste mitzunehmen.
Bärenmärkte sind deutlich kürzer als Bullenmärkte
Ein weiterer beruhigender Blick in die Statistik: Seit 1950 hätten Bärenmärkte durchschnittlich lediglich zwölf Monate gedauert, während sich Bullenmärkte über rund 67 Monate erstreckt hätten. Die Erholungsphasen seien also nicht nur häufiger, sondern auch deutlich länger. Dieses Missverhältnis zeige laut Tölsner, dass „Panikverkäufe in Krisenzeiten oft zu spät kommen und langfristig wertvernichtend sein können.“
Diversifikation bleibt das Gebot der Stunde
Neben einem kühlen Kopf sei auch eine ausgewogene Portfoliostruktur zentral. Während viele Aktienindizes im bisherigen Jahresverlauf unter Druck gestanden hätten, habe sich der US-Anleihemarkt stabil gehalten: Der „Bloomberg U.S. Aggregate Bond Index“ habe bis Mitte April eine Rendite von 1,% verzeichnen können. In der Kombination mit Aktien würden solche Anleiheinvestments ihre stabilisierende Wirkung besonders in volatilen Phasen entfalten.
„Ein gut diversifiziertes Portfolio ist der beste Schutz gegen emotionale Entscheidungen in unsicheren Zeiten“, resümiert Tölsner. „Gleichzeitig ist es der entscheidende Schlüssel, um langfristig Vermögen aufzubauen.“
Warnung vor KI bei der Geldanlage
Anlagetipps aus dem Internet sollte man immer mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnen.
Andreas Dolezal. Fragwürdige „Anlageprofis“, Renditeversprechen, die zu gut klingen um wahr zu sein, und zweifelhafte Überweisungswege lauern hundertfach im Netz. Auch Künstliche Intelligenz (KI) wird bei der Geldanlage, für Marktanalysen und Handelsmodelle immer beliebter. Eine wachsende Anzahl von Internetseiten und Apps bieten KI-generierte Ideen und Empfehlungen für den Handel an, häufig gegen (hohe) monatliche oder jährliche Gebühren.
Behörde warnt
Die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA sieht sich veranlasst, Anlegern mitzuteilen, worauf sie im Zusammenhang mit der Geldanlage bei öffentlichen KI-Tools und Apps achten sollten. Denn KI-Tools leisten, so die ESMA, potenziell wertvolle Unterstützung, sind aber auch mit einer Reihe von Risiken verbunden. KI-Tipps können unzutreffend oder irreführend sind und zu schlechten Anlageentscheidungen sowie erheblichen finanziellen Verlusten führen.
Vorsicht geboten
Öffentliche KI-Tools erteilen bei einer entsprechenden Anfrage sehr überzeugend klingende und anscheinend professionelle Anlagetipps. Anleger sollten sich bewusst sein, dass Online-KI-Tools nicht durch Finanzaufsichtsbehörden zugelassen oder beaufsichtigt sind. Anleger sind also nicht in gleicher Weise geschützt wie bei Empfehlungen von zugelassenen Finanzdienstleistern. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Aufsichtsbehörde Regulierung als wichtig ansieht.
KI-Tools unterliegen nicht der Pflicht, stets ehrlich und redlich im besten Interesse der Anleger zu handeln. Ebenso leisten sie keine auf persönliche Umstände zugeschnittene Beratung. Anleger sollten überlegen, ob sie bei Anlageentscheidungen, die sich auf ihr finanzielles Wohl auswirken könnten, besser Berater mit Erlaubnis (und idealerweise auch Fachwissen) um Rat fragen. Zumindest sollten sich Anleger nicht alleine auf solche Tools verlassen, sondern Informationen aus mehreren Quellen nutzen.
Black Box
Die ESMA moniert, dass KI-Tools (auch zahlungspflichtige) häufig in einer Weise funktionieren, die noch nicht einmal ihre Entwickler zur Gänze verstehen. Dadurch sei es riskant, auf sie zu vertrauen, insbesondere mit Blick auf komplexe, nicht vorhersehbare Finanzmärkte. Denn niemand, weder Mensch noch KI-Tool, kann Finanzmärkte exakt vorhersehen.
KI-basierte Tools (auch zahlungspflichtige), die Handelsideen bereitstellen, können fehlerhafte Informationen generieren, weil sie auf veralteten, falschen oder unvollständigen Informationen beruhen. Die Genauigkeit von KI-generierten Prognosen kann erheblich variieren. Anleger könnten Geld verlieren, wenn sie alleine auf diese Tools vertrauen, warnt die ESMA. Es sei unverzichtbar, dass ein Mensch die Ergebnisse überprüft.
Privatsphäre gefährdet
Online-Tools verfügen möglicherweise nicht über angemessene Sicherheitsvorkehrungen, um personenbezogene Daten und Angaben zu finanziellen Verhältnissen zu schützen, mahnt die ESMA.
Gesunde Skepsis
Anleger dürften nicht vergessen, dass niemand – auch keine KI-basierten Tools, die Handelsideen generieren – den Erfolg am Aktienmarkt garantieren kann. Behauptungen und unverhältnismäßig hohen Renditeversprechungen mit Misstrauen zu begegnen, sei wichtig. Anleger sollten auch die mit dem Wertpapierhandel verbundenen Risiken verstehen und bei Internetseiten und Apps skeptisch sein, die behaupten, zukünftige Wertpapierkurse mit hoher Genauigkeit vorhersagen zu können.
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Transatlantische Verschiebungen
Immer mehr Investoren schichten von den USA nach Europa um. Experten erklären, warum.
Raja Korinek. Die Zeiten, in denen die US-Aktienmärkte stets die Nase vorne hatten, scheinen derzeit zu Ende zu gehen. Allein die US-Technologiebörse Nasdaq hat in den vergangenen Monaten kräftig an Wert verloren, und zwar mehr als etwa der Dax oder der Eurostoxx 50. Besonders bitter ist für europäische Anleger freilich der Umstand, dass der US-Dollar zuletzt ebenfalls kräftig an Wert verloren hat, was zusätzlich auf der Performance lastet.
Francis Ellison, Client Portfolio Manager, European Equities bei Columbia Threadneedle Investments, meint, die Zölle von US-Präsidenten Donald Trump zeigten Wirkung – jedoch nicht unbedingt so, wie vom Präsidenten geplant sei. „Sie schaden auch US-amerikanischen Unternehmen.“ Ellison sieht daher in Europa aktuell die interessanteren Chancen, schon allein, da die Märkte diesseits des Atlantiks wesentlich günstiger bewertet seien. Aufholpotenzial gebe es genug, schließlich sei der Anteil europäischer Aktien in vielen Portfolios unterrepräsentiert, auch da US-Aktien bei einem Investment in den MSCI-Weltindex stärker gewichtet sind.
Offene Verhandlungen – günstige Refinanzierung
Ähnlich lautet der Tenor in anderen Häusern. „Europäische Aktien erschienen angesichts attraktiver Bewertungen und fiskalischer Unterstützung interessant, trotz anhaltender Belastungsfaktoren“, konstatiert Desiree Sauer, Investmentstrategin bei Lazard Asset Management. So ist immer noch offen, wie Verhandlungen mit Trump ausgehen werden. Doch wie sehen die Bewertungen aus? Beim MSCI-Europe-Index lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis per Ende März bei 15,53. Beim MSCI-Weltindex – in dem US-Technologieaktien besonders hoch gewichtet sind – liegt die Kennzahl bei knapp mehr als 21. Die Dividendenrendite liegt beim europäischen Index bei 3,13 %. Sie ist mit 1,83 % beim MSCI-Weltindex geringer.
Das ist nicht alles. „Ein weiteres Argument für europäische Aktien ist die Entwicklung der Zinssätze“, unterstreicht Ellison von Columbia Threadneedle Investments. Die Fed hatte zuletzt verkündet, es bestünde keine Eile, die Sätze weiter zu senken. Derzeit liegt der Leitsatz in einer Bandbreite von 4,25 bis 4,50 %. „Die EZB scheint einen größeren Spielraum zu haben.“ Sie hat im März den Einlagensatz erneut gesenkt. Der Satz, den Banken für ihre Einlagen bei der EZB erhalten und der inzwischen maßgeblich ist, liegt bei 2,5 %. „Weitere Senkungen dürften anstehen. Das schafft ein günstiges Umfeld für Unternehmen“, fügt die Columbia Threadneedle-Expertin hinzu.
Chancen mit Fonds
Eine breite Streuung bieten Europa-Aktienfonds. So kann sich etwa der „Alken Fund European Opportunities Fund“ auf fünf Jahre mit einem Plus von 123,65 % (per 22. April) gut behaupten. Vor allem Industrie- und Finanztitel werden hoch gewichtet. Regional nehmen französische Titel die größte Gewichtung ein. Zu den Top-Einzelpositionen zählen etwa die französische Vallourec, die Pipelines an Öl- und Gasunternehmen liefert. Der Rüstungsproduzent Rheinmetall sowie der Energieversorger RWE – beide aus Deutschland – zählen ebenfalls zu den größten Einzelpositionen.
Anders ist der Zugang beim „Schroder International Selection Fund European Value Fund“. Hier nimmt regional Großbritannien die größte Gewichtung ein, gefolgt von Frankreich und Deutschland. Dazu zählen etwa Société Générale, der OMV sowie Roche. Bei beiden Produkten sind auch Verluste möglich.
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Die Schweiz bleibt ein Hort der Stabilität
Trotz globaler Unsicherheiten bleiben die Eidgenossen in ruhigem Fahrwasser.
Michael Kordovsky. Die Schweiz steht wirtschaftlich auf vergleichsweise soliden Beinen – und das trotz zunehmender internationaler Unsicherheiten. Zwar hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) die Prognosen für die BIPs in 2025 und 2026 im März gegen-über Dezember leicht nach unten korrigiert, doch von einer Rezession ist Österreichs westlicher Nachbar weit entfernt. Der Grund: eine robuste Binnenwirtschaft (Konsumausgaben), stabile Preise und eine verlässliche Industrie.
Moderate Wachstumsprognosen und keine Rezessionsgefahr
Für 2025 rechnet die Expertengruppe des Bundes mit einem realen Wirtschaftswachstum von 1,4 %, leicht gesenkt gegenüber der letzten Prognose von 1,5 %. Für 2026 wird ein Wachstum von 1,6 % erwartet (vorher 1,7 %). Damit liegt die Schweiz unter ihrem historischen Wachstumsschnitt von rund 1,8 % – von einer echten wirtschaftlichen Krise kann aber keine Rede sein.
Diese Korrekturen spiegeln nämlich vor allem die Unsicherheiten im internationalen Umfeld wider. Insbesondere der globale Handel – etwa durch geopolitische Spannungen oder protektionistische Tendenzen – hemmt die weltweite Nachfrage. Trotzdem bleibt die Schweizer Wirtschaft vergleichs-weise stabil.
Stabilisierende Faktoren
Ein zentrales Standbein ist die exportstarke Pharmaindustrie. Trotz konjunktureller Eintrübung leistet sie weiterhin einen wichtigen Beitrag zum Wachstum, sofern nicht Donald Trumps Einfuhrzölle in die USA einen Strich durch die Rechnung machen. Gleichzeitig sorgt die stabile Inlandsnachfrage für Rückhalt. Ein Grund dafür ist die vergleichsweise niedrige Inflation: Mit nur 0,3 % im Jahresmittel 2025 und 0,6 % für 2026 sollte laut den aktuellen SECO-Prognosen die Teuerung in der Schweiz weiterhin deutlich unter jener im Euroraum bleiben.
Niedrige Preise stützen den privaten Konsum – ein zentraler Faktor für das Wachstum. Hinzu kommt eine anhaltend hohe Zuwanderung, die nicht nur den Konsum stärkt, sondern auch zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt beiträgt. Die Arbeitslosenquote wird trotz aller Herausforderungen 2025 und 2026 stabil bei 2,8 % erwartet.
Was wäre, wenn?
Das SECO hat auch alternative Szenarien durchgerechnet. Selbst im Fall eines globalen Handelsschocks – einem sogenannten Negativszenario mit einer Rezession in den USA – würde die Schweiz keine Rezession erleben. Das Wirtschaftswachstum würde dann zwar auf 1,1 % im Jahr 2025 und 0,8 % im Jahr 2026 sinken, bliebe aber im positiven Bereich. Umgekehrt ist auch ein Positivszenario denkbar, etwa durch fiskalische Impulse in Europa. In einem solchen Fall könnte das BIP-Wachstum der Schweiz auf 2,0 % im Jahr 2026 steigen.
Fonds und ETFs
Anleger können von dieser Entwicklung über einschlägige Schweiz-Aktienfonds oder ETFs profitieren. Zu möglichen Kursgewinnen kommen noch Chancen auf eine weitere Aufwertung des Frankens zum Euro, der auf Fünf-Jahres-Sicht über 12 % im Plus liegt. Ein interessanter Fonds ist der „GAM Swiss Equity A“, der per Datenerhebung am 23. April auf 15 Jahres gesehen umgerechnet in Euro 9 % p.a. im Plus liegt. Dessen größte Positionen sind Roche, Novartis, UBS und Nestle.
Als kostengünstige ETF-Alternative kommt der „UBS (Lux) Fund Solutions – MSCI Switzerland 20/35 UCITS ETF“ in Frage, der 42 Positionen enthält und dabei Nestle, Roche und Novartis massiv übergewichtet.
Indessen fokussiert auf die 30 größten und liquidesten schweizerischen Unternehmen ist der „iShares SLI UCITS ETF“.
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Realwirtschaftsinvestments abseits der Börse
ELTIF 2.0 öffnet Privaten unkompliziert die Tür zur Welt der Private-Equity-Beteiligungen.
Michael Kordovsky. European Long-Term Investment Funds (ELTIF) wurden von der EU geschaffen, um neben Institutionellen auch Privatanlegern den direkten Zugang zu langfristigen Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen (Private Equity) sowie Infrastrukturprojekten zu ermöglichen. Ziel ist es, privates Kapital stärker zur Finanzierung des Mittelstands und wichtiger Infrastrukturvorhaben zu aktivieren. Ursprünglich geregelt wurde diese Anlagekategorie in der ELTIF-1.0-Verordnung aus dem Jahre 2015. Doch zu komplexe und restriktive Auflagen führten dazu, dass ELTIFs ein Nischenprodukt blieben. Mit dem ELTIF 2.0 erfolgte eine Entbürokratisierung und ein erleichterter Zugang für Privatanleger: Diese können nun mit geringen Mindestanlagesummen investieren wie professionelle Anleger.
Chance für Anleger und Vermögensberater
Auch österreichische Anleger können sich nun wieder – unabhängig von Nettovermögen und An-lagequoten – über einen Vermögensberater unmittelbar an mittelständischen Unternehmen beteiligen. Ein bedeutender Schritt, denn 99 % aller Unternehmen agieren abseits der Börse und so konnten sich Anleger auch nur an dem einen Prozent beteiligen.
„Private-Equity-Fonds des Buy-out-Spektrums für mittelständische Unternehmen beteiligen sich mehrheitlich an Hidden Champions, erarbeiten individuelle Wachstumsstrategien und setzen sie in den folgenden fünf bis sieben Jahren um. Das Ziel ist dabei immer dasselbe: Den Wert des Unternehmens nachhaltig zu steigern, um es anschließend mit Gewinn wieder zu verkaufen“, erklärt Birgit Schmolmüller (Foto), Geschäftsführerin von MPE (Munich Private Equity) Austria, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Beispiele erfolgreicher Mittelständler mit PE-Background sind das tschechische Sicherheitssoftware-Unternehmen Avast und die beiden österreichischen Innovatoren Agilox (fahrerlose Logistikstapler) und Innio (Wasserstoffmotoren und Gasmotoren zur Stromerzeugung).
Dachfondsprinzip
Breit gestreut kann in diese Unternehmen über einen ELTIF investiert werden, der nach dem Dachfondsprinzip in diverse Zielfonds investiert. So beteiligen sich Anleger insgesamt an bis zu mehr als einhundert Firmen verschiedener Länder und Branchen im Sinne der Anlagesicherheit. Die Renditen können nach Kosten und vor Steuern – je nach Szenario – im Bereich von 6 bis 10 % p.a. liegen. Universitätsstiftungen, Pensionskassen in Übersee und auch Family Offices sind entsprechend in Private Equity investiert. Laut einer Goldman-Sachs-Umfrage bei 166 Family Offices fielen 2023 rund 26 % des Portfolios auf Private Equity.
Für österreichische Kleinanleger ist diese Anlagekategorie oft völliges Neuland. Doch über ELTIF bekommen sie über ihren Vermögensberater nun einen Zugang. Dazu Schmolmüller: „Mit dem ELTIF können Berater ihren Kundenportfolios einen stabilen Baustein mit attraktiver Renditekomponente hinzufügen. Für die Kunden heißt das: bessere Diversifikation und niedrigere Volatilität. Die Berater profitieren von einem Produkt mit geringem Betreuungsaufwand.“
Allerdings sollten sie sich die verschiedenen Konzepte der Private-Equity-ELTIFs genau ansehen. „So können wenige Einzelobjekte oder hunderte Beteiligungen enthalten sein. Auch der Investitionsfokus – ob Start-ups, Mittelstand oder Großkonzerne – beeinflusst das Rendite-Risiko-Profil deutlich. Dazu gibt es nun semi-liquide Konzepte, die dem eigentlichen Naturell von Private Equity widersprechen. Es gilt also verschiedene Parameter zu beachten“, erklärt Schmolmüller.
Ein aktuelles Beispiel: stabiles Europa
Der „MPE Mid Market Private Equity ELTIF“ für europäische mittelständische Unternehmensbeteiligungen etwa wird derzeit von Munich Private Equity bis Jahresende zur Zeichnung angeboten. Die Aufbauphase läuft bis Ende 2029. Ab 2030 beginnen die Ausschüttungen und die geplante Laufzeit endet voraussichtlich Ende 2037. Ab 5.000 Euro können Anleger einsteigen. Das Agio beträgt 5 %. Ein Vorteil des Produkts soll laut Schmolmüller der Schwerpunkt auf mehr als 100 europäischen Firmen sein: „Die EU zählt zu den stabilsten Anlageregionen weltweit – mit demokratischen Systemen, klaren Regeln und hoher Marktreife für Private Equity. Die Deal-Aktivität ist entsprechend hoch. Gerade der Mittelstand, oft als ‚Rückgrat der Wirtschaft‘ bezeichnet, bietet zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. Viele dieser Unternehmen treiben Innovation und Wachstum und verfügen über erhebliches Potenzial zur Wertsteigerung – besonders innerhalb der vielfältigen Märkte der EU.“ Die Auswahl der Zielfonds erfolgt in einem Due-Diligence-Prozess. „Grundsätzlich suchen wir nur Zielfonds aus, die bereits bewiesen haben, dass sie erfolgreich den Wert von Unternehmen steigern können – auch in Krisenzeiten. Wichtig ist uns auch, dass die Fondsmanager selbst mit privatem Geld in ihre Fonds investiert sind. So kann die Interessengleichheit mit unseren Anlegern sichergestellt werden“, so Schmolmüller abschließend.
Foto: MPE Austria
Addiko-Bank: Berechtigte Sanktionen oder Unrecht?
Dividendenstreichung sorgt für Unmut unter den Anlegern.
Florian Beckermann. Der Begriff „Sanktion“ trifft den österreichischen Aktionär immer häufiger. Zuletzt prominent im Zusammenhang mit russischen ADRs oder in der komplexen Strabag-Aktionäre-RBI-Situation. Die Materie ist so kompliziert und politisch überladen, dass eine seriöse Diskussion darüber kaum möglich scheint. Wenn schon nicht die befassten Juristen eine griffige Erklärung liefern können, bleibt in weiterer Folge der Aktionär auf der Strecke.
Der Fall der Dividendenstreichung bei der Addiko-Bank reiht sich ein.
Für Anleger wirken Sanktionen nicht selten wie ein Blitzeinschlag. Ein Selbstverschulden zu verorten, fällt schwer. Oft ist das Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit der technischen Administration und des Anlegerschutzes überzeichnet größer als die internationale Realität. Auch wenn in der jüngsten Vergangenheit immer wieder Rückschritte in der politischen Förderung von Kleinanlegern zu verbuchen waren, befindet sich die zentraleuropäische Anlegerkultur auf einem angemessenen Niveau – Spitzenklasse wünschenswert. Sie ist jedoch teils weit von dem entfernt, was außerhalb der EU oder Nordamerikas geboten wird. Wer dort Wertpapiere kauft, kauft das dortige Rechtssystem mit. Im Falle der Addiko Bank kauft umgekehrt eine serbische Investorengruppe Aktien einer EU-Gesellschaft in Österreich. Die Befindlichkeiten der EZB kauft man in diesem Falle ebenso mit. Im Einzelfall mögen die ausgesprochenen Sanktionen der EZB wenig nachvollziehbar sein, ja ungerecht wirken. Insbesondere dann, wenn die Sperrung der Dividende als Gruppenstrafe alle Aktionäre trifft. Selten hat die EZB mit ihrer Meinung jedoch völlig danebengelegen.
Wer nun Auskunft begehrt, muss lange suchen – eine Behörde für alles gibt es nicht. Die meisten Sanktionen entstehen im Rahmen der UN oder EU. Anknüpfungspunkt ist hier das Außenministerium. Die Überwachung von Sanktionsmaßnahmen erfolgt auf Grundlage des Sanktionengesetzes 2024 und des Devisengesetzes 2004. Die Umsetzung von Finanzsanktionen, die Kredit-, Finanz- und Zahlungsinstitute betreffen, wird durch die OeNB überwacht. Unter Finanzsanktionen ist beispielsweise das Einfrieren von Vermögen von Personen, die Einschränkungen von Zahlungsverkehrssystemen oder das Melden von Vermögen von bestimmten Personengruppen durch Kredit-, Finanz- und Zahlungsinstitute zu verstehen. Finanzsanktionen richten sich als „restriktive Maßnahmen“ gegen Terrorismusfinanzierung, Cyberangriffe, Chemiewaffen oder gegen schwere Menschenrechtsverletzungen und -verstöße. Die OeNB überwacht auch länderspezifische Sanktionsmaßnahmen. Eine andere Lesart erfolgt für güterbezogene Sanktionen. Hier ist die Exportkontrolle des Wirtschaftsministeriums zuständig und für die Durchsetzung der Zoll – bspw. nach dem Investitionskontrollgesetz. Die Überwachung sonstiger Sanktionsmaßnahmen erfolgt durch das Innenministerium, gegenständlich die DSN.
Fazit: Die unberechtigte Sanktion ist weitgehend unbekannt, deren Herleitung erschließt sich jedoch aktuell nur in ausgewählten Fällen. Auch wenn viele Anleger das Instrument damit grundsätzlich als berechtigt ansehen, erodiert es, wenn die Herleitung scheitert. Dann wirkt es intransparent und ungerecht. Dass die involvierten Behörden mehr aufklären könnten, ist kein Geheimnis.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
EY-Analyse Automotive Bilanzen 2024
Gewinn schrumpft bei allen Herstellern zusammen um 20 Prozent.
(22.04.) Der Umsatz der 16 weltweit führenden Autokonzerne legte im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent zu. Vor allem die japanischen Hersteller Suzuki und Honda konnten sich über ein zweistelliges Wachstum freuen. Hingegen verzeichneten die deutschen Autobauer zusammen ein Umsatzminus von 2,8 Prozent. Nur der französisch-amerikanische Autokonzern Stellantis erzielte mit minus 17 Prozent eine noch deutlich schwächere Umsatzentwicklung als die drei deutschen Autokonzerne.
Insgesamt schrumpften die Gewinne über alle Konzerne hinweg um 20 Prozent. „Gerade die für österreichische Zulieferer sehr wichtige deutsche Autoindustrie verzeichnete ein sattes Minus“, sagt Axel Preiss, Leiter Advanced Manufacturing & Mobility bei EY. Insgesamt lag der Gewinnrückgang von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW bei 27 Prozent. Schlechter als Mercedes-Benz und BMW entwickelten sich nur Nissan (minus 73 %) und Stellantis (minus 84 %).
Das sind Ergebnisse einer Analyse der Finanzkennzahlen der 16 größten Autokonzerne der Welt, die die Beratungs- und Prüfungsorganisation EY quartalsweise erstellt.
Auch bei der Profitabilität gab es starke Einbußen. Im Vorjahr waren noch Mercedes-Benz, Stellantis und BMW die margenstärksten Autokonzerne der Welt gewesen. Im Jahr 2024 wurde das Margenranking hingegen angeführt von Kia, Suzuki und Toyota. Mercedes-Benz rutscht vom ersten auf den vierten Platz, BMW vom dritten auf den sechsten, und Stellantis sogar von Platz zwei auf Platz 15. Der Volkswagen-Konzern belegte 2024 wie im Vorjahr den zehnten Platz.
Vor allem die japanischen Hersteller entwickelten sich im internationalen Vergleich besser. Deren Gesamtumsatz legte um acht Prozent zu, während der Gewinn nur um ein Prozent schrumpfte. Die US-Autobauer legten zusammen sowohl beim Umsatz – um sechs Prozent –, als auch beim Gewinn – um fünf Prozent – zu.
Preiss sieht die Gründe für die Entwicklungen am deutschen Markt in folgenden Punkten: „Schwacher Absatz, hohe Investitionen in die Elektromobilität, die sich aufgrund der schwächeren Nachfrage nicht rechnen. Hinzu kommen Probleme wie teure Software-Fehlschläge, Restrukturierungskosten und Rückrufe. Außerdem noch hohe Investitionskosten in Forschung und Entwicklung, die die Marge belasten.“ Im vergangenen Jahr stiegen die Aufwendungen der drei deutschen Autokonzerne für Forschung und Entwicklung um fünf Prozent auf den Rekordwert von 31,2 Milliarden Euro. Die hohen Forschungsausgaben seien allerdings auch auf veraltete und ineffiziente Prozesse in diesem Bereich zurückzuführen, so Preiss – insbesondere im Vergleich zu den asiatischen Wettbewerbern. Zudem gebe es keine klare Fokussierung in Bezug auf die zu adressierenden Kundensegmente und bei der Modellpalette.
Noch im Jahr zuvor war es gerade den Premiumherstellern gelungen, hohe Preise durchzusetzen und hervorragende Margen einzufahren – dank den Nachwirkungen einer künstlichen Verknappung und einer hohen Nachfrage nach Premiumfahrzeugen in wirtschaftlich aufstrebenden Wirtschaftsregionen. „Das hat sich geändert“, sagt Preiss. „Geopolitische Spannungen und eine schwache Wirtschaft wirken sich negativ auf die Nachfrage aus. Das trifft besonders das Premiumsegment, da dieses am stärksten von potenziellen Verschiebungen in der Kaufentscheidung als auch einem möglich Down- oder Up-Grade bei der Entscheidung für ein Alternativfahrzeug betroffen ist. Der bestimmende Wettbewerbsfaktor ist daher im Moment der Preis.“
Weltweiter Absatz rückläufig
Die meisten großen Konzerne verkauften im vergangenen Jahr weniger Neuwagen als im Jahr zuvor: Insgesamt schrumpfte der Pkw-Absatz der 16 größten Autokonzerne um drei Prozent. Die stärksten Einbußen vermeldeten Stellantis (minus 12 %), und Honda (minus 6 %). Fünf Unternehmen konnten mehr Pkw verkaufen als im Vorjahr: Ford und Renault steigerten ihren Absatz jeweils um ein Prozent, Mazda um drei Prozent, Suzuki um sechs Prozent und Mitsubishi sogar um acht Prozent. Die deutschen Konzerne verzeichneten zusammen ein Absatzminus von vier Prozent.
Ausblick: Keine kurzfristige Besserung der Lage – Sparen ist das Gebot der Stunde
Preiss geht im laufenden Jahr von keiner Trendwende aus – weder beim Absatz noch bei Umsatz und Gewinn: „Europa steckt mitten in der Konjunkturkrise, die neuen Zölle dürften in den USA in erheblichen Absatzeinbußen resultieren und in China herrscht ein erbitterter Verdrängungswettbewerb.“
Umso wichtiger sei es daher, dass die Konzerne jetzt ihre Hausaufgaben machen, so Preiss: „Eine deutliche strategische Neuausrichtung und Konzentration auf den Markenkern, das eigene Leistungsversprechen sowie ein passendes Fahrzeugportfolio sind unerlässlich. Allerdings: Sparmaßnahmen können lediglich als Mittel zur Transformation dienen, indem notwendige finanzielle Mittel ‘freigemacht’ werden, um eine grundlegende Neuausrichtung aller wichtigen Unternehmensbereiche zu ermöglichen. Dazu zählt unter anderem die umfassende Digitalisierung der Unternehmensprozesse und die Harmonisierung der Datenstrukturen, die als Grundlage für den breiten Einsatz von AgenticAI in den indirekten Funktionen sowie besonders im Forschungsbereich dient. Darüber hinaus sind umfassende Partnerschaften in den Bereichen Software, Elektromobilitäts-Ökosystem sowie Batterien und Halbleiter erforderlich. Die Zeit drängt.“
