Industriestrategie: Wo ist die Finanzindustrie?
Florian Beckermann. Es ist vollbracht. Endlich hat Österreich eine Industriestrategie! Besser „haben“ als „hätte“. Die Bundesregierung hat geliefert, auch wenn sich die Lieferung liest, wie ein realitätsferner Wunschzettel ans Christkind. Doch so muss das sein, wenn man hochhinaus will – Realisierbarkeit oder Konkretisierung stehen auf einem anderen Blatt.
Wichtig: Die Regierung hat wieder entdeckt, dass Wohlstand nicht aus Workshops, Berichtswesen oder Sitzkreisen, sondern aus Fabrikhallen, Laboren und Risiken kommt – eigentlich ein Festtag für Rückgewinnung der Freiheiten des Unternehmertums gegenüber der fulminanten und alles beherrschenden Staatsquote. Nur eines fehlt. Ausgerechnet das, ohne das all die schönen Industrie-Visionen ungefähr so realistisch sind wie ein Stahlwerk ohne Strom: Die Finanzindustrie und der Kapitalmarkt.
Dass Kapital organisiert werden muss, dass Risikofinanzierung eine eigene Infrastruktur braucht, dass Banken und Kapitalmärkte über den Erfolg mitentscheiden – all das bleibt einstweilen ausgespart? Man will eine Industriestrategie, aber bitte ohne Finanzkapitalismus? Man mag eine gewisse Nostalgiekomponente verorten.
Dabei wäre die Finanzindustrie eigentlich eines der naheliegendsten Industrieprodukte Österreichs! Besonders naheliegend ist das deshalb, weil sie längst selbst eine der stärksten Industrien des Landes ist: Extrem datengetrieben, extrem hoch reguliert, extrem technologieintensiv – Tendenz weiter steigend. Längst bräuchte es Anreize diese Stärke Österreichs weiter zu stärken. Nicht nur um in den Expansionsländern der Finanzindustrie zu reüssieren, sondern gerade dem heimischen Markt eine Dynamik zu verschaffen.
Es geht dabei auch um eine marktwirtschaftliche Regulierungsfunktion, ja Werthaltigkeitstestung. Finanzindustrie, Kapitalmärkte und insbesondere Risikokapitalgeber prüfen strategisch, professionell und mit einem marktwirtschaftlichen Horizont. Perspektiven, die bei Förder-Calls mit Antragsfrist nur schwerlich abgedeckt werden können. Stichwort Bürokratieabbau: Förderwesen produziert Anträge, Richtlinien, Berichtspflichten und Compliance-Kosten. Unternehmer optimieren dann nicht ihr Produkt, sondern ihre Förderfähigkeit. Innovationskraft wird durch Formularlogik ersetzt. Wollten wir das nicht gerade abschaffen?
Fazit: Solange die Finanzindustrie politisch als (notwendiges) Übel gilt und nicht als strategischer Hebel, bleibt jede Industriestrategie ein netter Regierungswunschzettel. Wer in weiterer Perspektive das europäische Sparvermögen in die Wettbewerbsfähigkeit Europas einbringen möchte, muss die Finanzindustrie mitdenken. Wer angesichts der globalen Verwerfungen noch meint, dass man solche Maßnahmen aus ideologischen Gründen auslassen muss, hat die Klima- und Wettbewerbszeichen der Zeit nicht verstanden.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
