Digitaler Euro: EZB schuldet Antworten
Florian Beckermann. Der digitale Euro steht vor der Tür. In Brüssel soll in diesem Jahr entschieden werden und es herrscht bisher weitgehend Einigkeit, dass er kommen wird. Eine echte Opposition hat sich nicht herausgebildet, obwohl es viele offene Fragen gibt. Nicht nur Anleger sind verunsichert. Schafft die Europäische Zentralbank (EZB) eine Lösung, ohne ein Problem zu haben?
Argumente für die Einführung eines digitalen Euros
Der digitale Euro ist ein von der EZB geplantes, staatliches, digitales Zahlungsmittel, das das Bargeld ergänzen, aber nicht ersetzen soll. Er wäre direktes Zentralbankgeld, analog dem Bargeld, nur in elektronischer Form. EZB-Ziel ist die Sicherstellung, dass Zentralbankgeld auch im digitalen Zeitalter verfügbar bleibt.
Weiters sollen die Abhängigkeit Europas von privaten und meist außereuropäischen Zahlungsanbietern wie Visa, Mastercard oder PayPal verringert und eine einheitliche, europaweit nutzbare digitale Zahlungsinfrastruktur geschaffen werden. Der digitale Euro soll über Banken und Zahlungsdienstleister genutzt werden, wobei die EZB das Geld ausgibt, aber nicht selbst die Kundenbeziehungen führt. Eine tatsächliche Einführung wäre ab 2029 realistisch.
Geplant sind Obergrenzen für Guthaben in digitalen-Euro-Wallets, um Risiken für das Bankensystem zu begrenzen, sowie hohe Datenschutzstandards, einschließlich begrenzter Offline-Funktionen, die Bargeld ähneln sollen.
Argumente, die dennoch gegen einen digitalen Euro sprechen:
- Risiko Finanzstabilität: Kritiker befürchten, dass Menschen in Krisenzeiten ihr Geld massenhaft von Geschäftsbanken in den digitalen Euro verschieben könnten, da dieser als besonders sicher gilt. Das könnte Banken Liquidität entziehen – selbst dann, wenn Guthabenobergrenzen vorgesehen sind.
- Begrenzter praktischer Nutzen: Viele Verbraucher nutzen bereits heute schnelle, günstige und komfortable digitale Zahlungsmethoden, sodass der digitale Euro aus Sicht vieler Ökonomen kaum einen echten Mehrwert bietet. Gerade erst haben große europäische Geschäftsbanken das Zahlungsprojekt „Wero“ gestartet. Wenn der digitale Euro hier nicht hineinpasst, gewinnt er keine Freunde.
- Hohe Entwicklungs-, Einführungs- und Betriebskosten, die von der Allgemeinheit oder dem Finanzsektor getragen werden müssten. Besonders stark diskutiert werden außer dem Datenschutz- und Überwachungsbedenken.
- Zahlungen kontrollierbar. Auch wenn die EZB betont, dass sie keine individuellen Zahlungsprofile erstellen will und Privatsphäre ein zentrales Designziel sei, Zahlungsstromkontrolle ist dennoch möglich.
- Beim Schwurblerthema „Bargeldverbot“ gewinnt das digitale Zentralbankgeld volle Relevanz.
- Programmierbarkeit des elektronischen Euros ist problematisch: Kann er überall im und auch außerhalb des Euroraums genutzt werden? Gibt es ein Verfallsdatum, bis wann man ihn genutzt haben muss?
Fazit: Das staatliche Digitalgeld ist ein strategisch motiviertes Projekt, mit dem die EZB Europas geldpolitische Souveränität im digitalen Raum sichern will. Das ist gut. USA und China sind längst weiter. Gleichzeitig stehen dem Projekt in Europa erhebliche Zweifel gegenüber: Am Nutzen für die Bürger, an den Kosten, an möglichen Risiken/Chancen für das Bankensystem sowie an der gesellschaftlichen Akzeptanz. Die EZB sollte mit einer Antwortoffensive beginnen, sonst platzt ein solches Projekt schnell am Angst macher-Populismus.
