Führungskultur: Wo bleibt ein Rücktritt?

Florian Beckermann. Der Rücktritt vom Amt ist in Österreich ein mythologisches Wesen. Man hat von ihm gehört, irgendwo zwischen Drachen und Einhörnern, doch gesehen hat ihn noch niemand. Er soll erscheinen, so heißt es, wenn Verantwortung übernommen wird. In Freiwilligkeit erscheint er sowieso nie. Wenn überhaupt, erfolgt eher ein Umtritt. Die Blutgrätsche lässt grüßen.

Fehler werden nicht gemacht, sie geschehen einfach. Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten existieren, aber nur als dekorative Gobelins in Ministerien und Vorstandsetagen. Wenn etwas schiefläuft, tritt nicht der Verursacher zurück, sondern die Realität einen Schritt zur Seite, um niemanden zu behelligen. Schuld ist stets das System, der Markt, das Wetter oder, besonders beliebt, die „Komplexität der Lage“.

Die Rücktrittskultur dieses Landes ist theoretisch vorhanden und praktisch ignoriert. Man bekennt sich zur Verantwortung wie zu einem guten Vorsatz am Neujahrsmorgen – ernsthaft, öffentlich und ohne jede Absicht, ihn einzuhalten. Statt Rücktritten gibt es Pressekonferenzen, Spin-Doktoren telefonieren die Nächte durch – so wie Fitnesscenter mit Anmeldungen im Jänner reüssieren. Statt Konsequenzen gibt es Arbeitsgruppen, Expertenkreise. Statt Einsicht gibt es Bedauern, vorzugsweise im Passiv: „Es wurden Fehler gemacht.“

Bemerkenswert ist die erstaunliche Haltbarkeit im Amt. Skandale werden ausgesessen. Wer doch einmal ins Straucheln gerät, wird nicht entlassen, sondern „neu aufgestellt“. Das ist keine Flucht, das ist ein Perspektivwechsel mit Dienstwagen – bei ähnlichen Bezügen selbstverständlich. Rücktritt wäre schließlich ein Schuldeingeständnis und Schuldeingeständnisse gefährden Karrieren. Sollte man nicht zumindest respektvoll einen solchen Schritt akzeptieren?

Die Öffentlichkeit agiert passiv. Ein Unterhaltungsfaktor spielt mit. Empörung wird in haushaltsüblichen Portionen konsumiert, Empathie mit den Verantwortlichen oder Shitstorms inklusive. Man weiß ja, wie stressig Macht ist und wie böse Social Media sein können. Und morgen ist ohnehin ein neuer Aufreger fällig. Eine Erinnerung gilt als unhöflich.

So bleibt der Rücktritt ein exotischer Import aus fremden Ländern. Eine echte Fehlerkultur ist ein Fremdwort. Manch einer mag darin eine gewisse Unreife verorten. Die Effekte sind beachtlich. Was bei Hans nicht zu Konsequenzen führt, wird Hänschen verführen. Allenfalls eine Mittelklasse kann aus einem solchen Umfeld entstehen. Junge Menschen, die etwas bewegen wollen, werden durch diese Kultur langfristig frustriert. Eine Kultur des Wegsehens etabliert sich. Ein Abstieg muss unweigerlich folgen. Wäre es nicht sinnvoll, Rücktritte gesellschaftlich deutlich positiver zu goutieren?

Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at