Investieren in unsicheren Zeiten

Florian Beckermann (20.03.2026). Florian Beckermann. Auf den ersten Blick wird klar: Das Übernahmeoffert der UniCredit für die Commerzbank ist kein strategischer Geniestreich oder Griff in die Mailänder Schatzkiste. Mit einem Gebot von rund 30 E je Aktie liegt man in etwa 6 E unter den Höchstwerten der Commerzbank-Aktie der vergangenen Monate und beinahe auf dem aktuellen Börsenkursniveau. Wer sollte dazu verkaufen? Nach Monaten der Ruhe wirkt es wie ein zögerlicher Sparer-Vorstoß aus dem Off. Dabei ist eines klar, jetzt wo man den Fuß in der Tür hat und bereits der größte Einzelaktionär (ca. 30 %) ist, wird kein Cent zu viel ausgegeben. So klingt die 35-Milliarden-Gesamtoffert-Summe zwar viel, ist aber realistischerweise ein knausriger Windhauch.

Doch der Reihe nach: Nach Jahren der Restrukturierung beginnt die Bank endlich, ihre operative Stärke zu entfalten. CEO Bettina Orlopp befeuert gekonnt die gesamte Klaviatur der Wert-Treibung – sehr zur Freude der Aktionäre. Außer für diejenigen, die noch Anteile zukaufen wollen. Von rund 10 Euro kletterte die Aktie auf Höchstwerte um die 36 Euro je Aktie im Jänner. Seit ein paar Wochen erfolgt eine Aktienkurskorrektur, die die UniCredit nutzen will. Für die Aktionäre kommt das Angebot zur Unzeit und zu einem zu niedrigen Preis. Ein klassischer Übernahmeaufschlag fehlt.

Wie verhalten sich die Aktionäre? Die Bundesrepublik Deutschland (aktuell rund 12 %) hat die Commerzbank in der Finanzkrise mit Milliarden gerettet. Der Verkauf des ersten großen Anteilspaktes von rund 9 % im Jahr 2024 an UniCredit durch die Bundesrepublik ist ein schlechter Nachweis der Fähigkeiten des deutschen Finanzministeriums, um am Investmentbanking-Markt lukrativ zu reüssieren. Ein ökonomischer Offenbarungseid. Jetzt gibt man sich in Berlin zurückhaltend und zeigt sich ablehnend – nicht zuletzt gibt es politischen Druck bzw. ein Umdenken, dass UniCredit vielleicht doch nicht der richtige Partner sei.

Hat man etwa nach Österreich geschaut? Es ist kein Geheimnis, dass die UniCredit Bank Austria für die Wertschaffung in Österreich leider nur noch ein Schatten früherer Tage ist. Vielleicht mag Berlin aus dieser Erfahrung lernen und auf Commerzbank übertragen. Es ist auch kein Geheimnis, dass UniCredit Boss Andrea Orcel mit der forschen Übernahmestrategie nicht nur in Berlin, sondern auch auf dem heimischen Parkett politischen „Grant“ ausfasst und daran scheitert.

Letztlich bleibt die große Masse des Streubesitzes mit institutionellen Investoren und privaten Anlegern, die individuell strategisch einen möglichen Verkauf evaluiert und möglicherweise große Pakete anzubringen gewillt ist – oder zu dem Preisniveau eher nicht. Für Belegschaft und Management rund um Orlopp ist das Offert natürlich nicht attraktiv oder verständlich. Die eigene Entmachtung vor Augen ist das nachvollziehbar. Entscheidungen würden künftig in Mailand fallen, nicht mehr in Frankfurt. Die beinahe legendäre Commerzbank-Identität und deren Bindung an den deutschen Mittelstand würde verdampfen.

Fazit: Orcel will die Kursrallye-Pause nutzen und Fakten schaffen. Dazu will er aber keine finanzielle Überzeugungsarbeit leisten. Orlopp, Belegschaft und der Streubesitz haben daran nur bedingt Interesse, sehen sie doch in der eigenständigen Weiterentwicklung mehr Potenzial als in der UniCredit-Aktie. Fortsetzung folgt – mit Emotionen.

Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at