Österreich liebt Kapital. Wann liebt es den Anleger?

Auf dem Europäischen Forum in Alpbach wird dieser Tage unter dem Motto „How Europe Wins“ darüber nachgedacht, wie Europa wettbewerbsfähiger, souveräner und investitionsfähiger werden kann. Die Antwort wird vermutlich viele Panels, Strategiepapiere und Anglizismen hervorbringen. Dabei wäre ein Teil davon ziemlich einfach: Europa braucht Menschen, die bereit sind, ihr eigenes Geld zu riskieren und Investoren zu werden.

Ein paar Täler weiter liefert Lenzing dazu praktischen Anschauungsunterricht. Der Konzern steckt mitten in einer tiefgreifenden Transformation – der Hut brennt. Neue Finanzierungen von bis zu 300 MioE sollen die Bilanz stärken. Sie werden wirksam, wenn auch die Eigentümer (sprich: die Aktionäre) frisches Eigenkapital von bis zu 300 Millionen bereitstellen. Am Dienstag waren deshalb die Aktionäre gefragt – und sie waren dafür (Pfeil S. x).

Erkenntnis: Das ist der Moment, in dem der sonst so gern übersehene Investor plötzlich systemrelevant wird. Es ist kein Geheimnis: Österreich liebt Investitionen. Investoren sind ihm verdächtig. Zu lange fuhr man im ideologischen Kreisverkehr nach links.

Jetzt wollen Milliarden für Energiewende, Infrastruktur, Digitalisierung, Start-ups und Industrieumbau mobilisiert werden. Längst beklagt man zu wenig Eigenkapital, zu geringe Börsenaktivität und eine im internationalen Vergleich schwache Aktienkultur. Aber gleichzeitig besteuern wir Anleger, regulieren sie bis ins Kleingedruckte und behandeln sie teils wie Kleinkinder. Paradox: Beim Gewinn heißt der Aktionär dann Spekulant. Beim Verlust ist er selbst schuld. Und wenn ein Unternehmen neues Eigenkapital braucht, heißt er plötzlich Hoffnungsträger.

Diese wirtschaftliche Kurzsichtigkeit haben andere Länder bereits abgelegt. Eigenkapital fällt nicht vom Himmel. Eigenkapital ist Geld, das jemand freiwillig zur Verfügung stellt, obwohl er nicht weiß, ob er es vollständig zurückbekommt. Der Anleger steht in der Schlange ganz hinten: Natürlich werden Arbeitnehmer bezahlt, Lieferanten stellen Rechnungen, Banken verlangen Zinsen und der Staat seine Steuern. Was übrig bleibt, gehört ihm. Wenn nichts übrig bleibt, eben auch.

Europa redet derzeit viel über strategische Autonomie. Wirtschaftliche Autonomie beginnt jedoch beim Kapital. Wer seine Unternehmen aus eigener Kraft finanzieren will, braucht starke Eigentümer, breite Kapitalmärkte und Bürger, die am Produktivvermögen beteiligt sind. „How Europe Wins?“ Vielleicht indem wir aufhören, den Anleger als Übel des Kapitalismus zu behandeln. Denn ohne Eigentümer gibt es keine Eigenverantwortung. Ohne Eigenkapital keine Transformation. Und ohne Menschen, die bereit sind, eigenes Geld zu riskieren, bleibt von Europas großen Zukunftsplänen am Ende vor allem eines übrig: eine gute Gelegenheit für ausländische Investoren oder eben nichts.