Scheuch-Rücktritt: Eine Annäherung von Gesundheit und guter Governance
(15.08.2026) Florian Beckermann. Heimo Scheuchs Rücktritt als Vorstandsvorsitzender der Wienerberger AG aus gesundheitlichen Gründen ist eine persönliche Entscheidung. Sie verdient Respekt. Nach mehr als 17 Jahren an der Spitze beendet er seine Ära unerwartet – Wienerberger wäre ohne ihn nicht so eine Erfolgsgeschichte. Über Ursachen, Diagnosen oder Hintergründe zu spekulieren, verbietet sich. Das sollte selbstverständlich sein. Und dennoch berührt dieser Rücktritt eine Frage, die der Kapitalmarkt selten stellt: Welche Rolle spielt Gesundheit in guter Governance?
Wir sprechen oft über Risikomanagement, Compliance, Nachfolgeplanung und Kontrollsysteme. Wir prüfen Bilanzen, Vergütungen und Zielerreichung. Unternehmen werden aber von Menschen geführt. Menschen sind keine unbegrenzt belastbaren Faktoren. Sie können erkranken, erschöpfen, ausfallen oder Mutter werden. Das ist keine Schwäche, sondern Teil menschlicher Existenz. Die Demut und Achtsamkeit davor kommt oft zu kurz.
Der Aufsichtsrat hat nicht die Aufgabe, in das Privatleben eines Vorstands einzudringen. Gesundheit ist eine sinnvolle Privatsache. Aber er muss Strukturen schaffen, in denen kein Unternehmen von der permanenten Verfügbarkeit einer einzelnen Person abhängt. Stellvertretung, Nachfolgeplanung, ein funktionierendes Vorstandsteam und eine Kultur, in der auch ein Spitzenmanager Grenzen ziehen darf, sind Ausdruck institutioneller Reife.
Kommt dem einen oder anderen Marktteilnehmer jetzt ein unangenehmer Schauer? Banken haben so etwas längst institutionalisiert. Ein Unternehmen, das zu stark um eine dominante Führungspersönlichkeit gebaut ist, trägt ein massives Governance-Risiko. Gute Führung zeigt sich paradoxerweise auch darin, organisatorisch entbehrlich zu werden. Oft hört man: Jeder ist ersetzbar. Einzig fehlt der Glaube.
Heimo Scheuch hat Wienerberger über viele Jahre unvergleichlich geprägt. Gerade deshalb erinnert sein Rücktritt daran, wie schnell sich die Perspektive ändern kann: Was gestern Kontinuität hieß, ist heute Nachfolge. Der Aufsichtsrat hat mit der interimistischen Bestellung von Gerhard Hanke für Kontinuität gesorgt. Hanke kann das. Er ist ein anderer Typ. Aktionäre kennen und vertrauen ihm.
Als Anlegervertreter wünsche ich mir in solchen Momenten zweierlei: Ruhe auf Seiten des Unternehmens und Anstand auf Seiten des Kapitalmarkts. Aktionäre haben ein legitimes Interesse an einer geordneten Nachfolge. Sie haben aber keinen Anspruch auf die gesundheitliche Privatsphäre eines Menschen.
Fazit: Gesundheit und Governance haben eine Gemeinsamkeit. Sie setzen Grenzen. Nicht alles, was relevant ist, ist messbar. Nicht alles, was ein Unternehmen wissen möchte, darf es wissen. Und nicht jede Unterbrechung ist ein Versagen. Kapitalmärkte denken gern in Renditen und Perioden. Gute Governance denkt weiter. Sie schützt das Unternehmen, wenn Personen wechseln. Und eine humane Governance schützt zugleich die Würde der Menschen, die Verantwortung tragen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at
