Zinsen gegen Öl – und Österreich zahlt die Rechnung

(19.09.2026) Florian Beckermann. Die Europäische Zentralbank erhöht wieder die Zinsen. Um 0,25 % steigen die Leitzinsen, der Einlagenzins liegt nun bei 2,5 %. Die Botschaft soll Entschlossenheit vermitteln: Inflation wird bekämpft. Doch vielleicht zeigt die Entscheidung vor allem etwas anderes: Wie schwer sich die EZB damit tut, zwischen Lehrbuch und wirtschaftlicher Realität zu unterscheiden. Eine Kurzanalyse.

Die Stärke: Die EZB verteidigt ihre Glaubwürdigkeit. Preisstabilität ist ihr Auftrag, hohe Inflation kann sie nicht einfach ignorieren. Die Notenbank signalisiert Sparern, Unternehmen und Märkten: Wir haben unser Ziel nicht vergessen. Das Inflationsziel muss glaubwürdig sein.

Die Schwäche: Zinsen können nicht jede Form von Inflation bekämpfen. Wenn Öl, Gas und andere Rohstoffe aufgrund geopolitischer Verwerfungen teurer werden, entsteht zunächst ein Angebotsschock. Eine Zinserhöhung fördert weder zusätzliches Öl noch Gas. Sie macht lediglich Kredite teurer, bremst Investitionen und schwächt die Nachfrage.

Genau hier fehlt der EZB, wie oft unter Christine Lagarde bemängelt, das Gespür für Märkte. Sie schaut auf Inflationsmodelle und Kernraten. Märkte funktionieren aber nicht im Modell. Sie reagieren auf Liquidität, Finanzierungskosten, Risiko und vor allem auf Erwartungen. Eine Zinserhöhung wirkt deshalb oft toxisch im Kopf der Marktteilnehmer.

Chancen? Gelingt es der EZB, Inflationserwartungen frühzeitig einzufangen, könnte sie später umso schneller wieder lockern. Gleichzeitig verhindert sie eine Situation, in der sich Preissteigerungen dauerhaft in Löhnen und Verträgen festsetzen – was in Österreich gern scheitert.

Risiko: Die EZB könnte eine schwache europäische Konjunktur zusätzlich belasten. Und Österreich trifft das besonders. Unsere Wirtschaft wächst kaum, Investitionen bleiben schwach und die Finanzierungskosten sind für Unternehmen im internationalen Wettbewerb bereits ein Nachteil. Besonders sichtbar im Immobilienmarkt. Dort hatten fallende Zinsen gerade begonnen, etwas Luft zu verschaffen. Wohnungen wurden wieder finanzierbarer, Projekte wieder eher kalkulierbar. Nun wird dieser Prozess erneut gebremst. Aber Immobilien sind nur das Symptom. Dasselbe gilt für Industrieinvestitionen, Unternehmensübernahmen, Start-ups und Infrastruktur.

Kapital hat einen Preis – und die EZB erhöht ihn gerade für einen gesamten Wirtschaftsraum. Das Problem liegt dabei tiefer: Geldpolitik wirkt asymmetrisch. Eine Zinserhöhung trifft nicht jene, die Öl verteuern oder geopolitische Konflikte verursachen. Sie trifft den Häuslbauer, das Unternehmen mit Investitionsplänen und den Staat bei seiner Refinanzierung.

Österreich spürt das besonders deutlich, weil wir gleichzeitig unter höherer Inflation und schwächerem Wachstum leiden. Genau deshalb wäre von einer europäischen Zentralbank etwas mehr Sensibilität für unterschiedliche wirtschaftliche Ausgangslagen zu erwarten.

Gegen zu viel Nachfrage sind höhere Zinsen wirksam. Gegen teure Energie und geopolitische Unsicherheit sind sie bestenfalls ein Umweg.

Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at