Mehr Macht für die ESMA?

(02.10.2026) Florian Beckermann Wenn es hierzulande um die Performance der FMA geht, wird die Debatte schnell wüst und emotional: Die Behörde sei zu langsam, zu fragmentiert, zu wenig Durchsetzungsstark. Aufgebläht mit Daten, die schwerlich verfügbar seien, überbordender Formalismus-Irrsinn und schwacher internationaler Anlegerschutz hört man dabei ebenso. Diese Kritik gilt nicht nur für Wien, auch andere Mitgliedstaaten schwächeln. Brüssel will darauf bis zum Ende des Jahres reagieren: Mit dem Market Integration and Supervision Package, kurz MISP, will die Kommission nicht nur Hindernisse im europäischen Kapitalmarkt beseitigen, sondern auch die Rolle der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA deutlich stärken. Klingt zunächst vernünftig: Wer einen europäischen Kapitalmarkt will, braucht irgendwann europäische Aufsicht.

Tatsächlich ist die heutige Konstruktion widersprüchlich. Unternehmen können ihre Dienstleistungen grenzüberschreitend anbieten, beaufsichtigt werden sie aber vielfach national. Unterschiedliche Überwachungsintensität und Ressourcen der Behörden sorgen für Durcheinander. Hier setzt MISP an. Die ESMA soll insbesondere bei bedeutenden grenzüberschreitenden Marktakteuren mehr direkte Verantwortung übernehmen. Genannt werden unter anderem Wertpapierverwahrer, Handelsplätze und Krypto-Dienstleister.

Für Anleger hat das Charme: Eine einheitliche Aufsicht könnte regulatorische Arbitrage erschweren. Wer europaweit tätig ist, muss überall mit vergleichbaren Maßstäben rechnen. ESMA selbst verweist auf weniger „Forum Shopping“, bessere europäische Daten und die Möglichkeit, Marktmissbrauch, Liquiditätsprobleme oder systemische Risiken früher zu erkennen.

Bei grenzüberschreitenden Anlageangeboten ist das spannend. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das Passporting allein noch keinen europäischen Anlegerschutz schafft. Die ESMA stellte 2026 zwar Fortschritte bei der nationalen Aufsicht grenzüberschreitender Wertpapierdienstleistungen fest. Gerade dieser Befund zeigt aber auch: Harmonisierung kann durch bessere Zusammenarbeit funktionieren, ohne automatisch jede Kompetenz zu zentralisieren.

Kritik an der Idee: Nationale Aufseher kennen ihren Markt, die Geschäftsmodelle und die lokalen Besonderheiten. Die Pariser ESMA kann europäische Daten besser überblicken, aber nicht zwangsläufig einen österreichischen Mittelständler besser beurteilen als die FMA. Mehr Zuständigkeiten können außerdem neue Schnittstellen schaffen. Dann beaufsichtigt nicht eine Behörde weniger, sondern Europa möglicherweise doppelt oder gar nicht.

Noch ist nichts entschieden. Typisch Brüssel rittert man um den Umfang der direkten ESMA-Aufsicht, die Definition „bedeutender“ Marktteilnehmer, die Machtverteilung innerhalb der ESMA sowie die künftige Rolle der nationalen Behörden. Die Verhandlungen sollen im Oktober abgeschlossen werden.

Fazit: Für den Anleger relevant, sollte die Frage nicht lauten: ESMA oder nationale Aufsicht? Sondern, welche Aufsichtsebene kann welches Problem besser lösen? Und, welche Vorteile hat ein Kleinanleger davon? MISP wäre ein Fortschritt, wenn Europa dort zentralisiert, wo Märkte tatsächlich europäisch sind: Bei großen grenzüberschreitenden Akteuren, gemeinsamen Daten und einheitlicher Rechtsdurchsetzung. Wo Märkte national bleiben, sollte auch lokales Wissen Gewicht behalten. Wie

Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA, Interessenverband der Anleger, www.iva.or.at