Zwei Szenarien für den Brexit

SYZ Asset Management zeichnet zwei Szenarien für den Brexit und die europäischen Märkte nach der britischen Wahl. (09.06.)

Die Parlamentswahl in Großbritannien ist so verlaufen, wie viele Experten es erwartet und befürchtet haben: Die Konservative Partei hat die meisten Stimmen erhalten, allerdings mit einem sehr geringen Vorsprung. Dadurch hat Theresa May ihre Wette verloren, durch Neuwahlen eine neue, komfortable Mehrheit zu gewinnen. SYZ Asset Management rechnete schon Anfang dieser Woche mit einem solchen Wahlausgang, der durch ein „Hung Parliament“ nicht nur die Brexit-Verhandlungen verkomplizieren sondern auch die Markterwartungen enttäuschen wird.

Hartwig Kos, Vize-CIO und Co-Head des Multi-Asset-Teams, und Mike Clements, Leiter Europäische Aktien, beide bei SYZ Asset Management, stellen Ihnen ihre Analyse und Szenarien der politischen und marktwirtschaftlichen Auswirkungen des Wahlausgangs vor.

Hartwig Kos, Vize-CIO und Co-Head Multi-Asset Team bei SYZ Asset Management, über die möglichen politischen Folgen der gestrigen Wahl:

„Während Theresa May in den nächsten Wochen und Monaten dafür kämpft, an der Macht zu bleiben, dürfte insbesondere der Pound volatil sein. Unserer Ansicht nach wird May extreme Schwierigkeiten haben, sich im Amt zu halten, denn das Wahlergebnis stellt ein klares Misstrauensvotum der britischen Wähler gegenüber der Premierministerin dar. Innerhalb der Konservativen Partei ist daher mit ziemlich viel Gezänk und Schuldzuweisungen zu rechnen.

Zwar würden die Konservativen von einer Koalition mit der Tory-freundlichen Democratic Unionist Party (DUP), der größten protestantischen Partei Nordirlands, profitieren. Denn damit hätten sie im House of Commons genug Sitze für eine Mehrheit. Jedoch sind solche Koalitionen zerbrechlich und werden die Verhandlungen um den Brexit mit Sicherheit erschweren.

Wahlen wurden überhaupt erst angesetzt, damit die Premierministerin durch eine größere Tory-Mehrheit mehr Flexibilität bei den Verhandlungen mit der Europäischen Union (EU) erhält. Diese Flexibilität wird bei einer sehr knappen Mehrheit im Parlament und der DUP als Koalitionspartner - diese ist mehrheitlich dem Lager der Brexit-Befürworter „Brexiteers“ zuzuordnen - wesentlich schrumpfen.

Zwei verschiedene Szenarien sind unserer Ansicht nach möglich:

  • Entweder gibt es einen vollständigen und harten Brexit, der von den „Brexiteers“ unter den Konservativen und der DUP geführt wird,
  • oder die Verhandlungen mit den europäischen Partnern – wenn diese eine Verlängerung der Gespräche nach zwei Jahren überhaupt erlauben – werden sich endlos in die Länge ziehen, vielleicht sogar bis zur nächsten Parlamentswahl, verursacht durch die Spaltungen innerhalb der Tory Party und die eindeutigen Schwächen, die mit einer Koalition verbunden sind.“

Mike Clements, Leiter Europäische Aktien bei SYZ Asset Management, über die Konsequenzen der Wahl über die Märkte:

„Die britische Wahl hat zwar politische Schockwellen verursacht, aber nicht genug, um die britischen oder europäischen Märkte in Bewegung zu versetzen, die diesen Morgen höher handelten. Wir sehen mittelfristiges Potenzial für Chancen in Großbritannien, je nachdem, welche Erfolge die neue britische Regierung bei den Brexit-Verhandlungen erzielt. Unklar ist allerdings, inwiefern das dramatische Ergebnis von gestern Marktstürze wahrscheinlich macht.

Einerseits ist Großbritannien dank Theresa Mays gescheiterten Versuchs, eine größere Mehrheit zu bekommen, nun in einer schwächeren Verhandlungsposition mit der EU als vorher. Andererseits steigt mit diesem Ergebnis die Wahrscheinlichkeit, dass das Land größere Kompromisse mit der EU wird eingehen müssen. Dies würde eher einen „sanften“ anstelle eines „harten“ Brexit bedeuten und das Risiko einer akuten Volatilität verringern.

Das Risiko von Kursdifferenzen auf den Märkten bestünde in dem Fall, wenn ein Verhandlungsengpass ein politisches Patt und dementsprechend eine Marktpanik verursacht. Die beste Haltung für Investoren lautet unserer Meinung nach: Ruhig bleiben und weitermachen. Wir werden die Entwicklungen weiterhin beobachten und Volatilitätsmomente für attraktive Markteinstiege suchen und bewerten.“

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