Keine Angst vor politischen Risiken – volatile Marktphasen nutzen

Politische Risiken sorgen aktuell für Nervosität am Markt – Beispiele dafür sind die Krise um die Regierungsbildung in Italien oder die Konflikte um die populistische Handelspolitik der USA. (30.05.)

Entspannung ist noch lange nicht in Sicht, denn zeitnah stehen weitere politische Ereignisse ins Haus. Dazu zählen beispielsweise die Parlamentswahlen in Mexiko und Brasilien, das Auslaufen des dritten Rettungspakets für Griechenland, die Zwischenwahlen in den USA im November und natürlich die laufenden Brexit-Verhandlungen. All dies könnte an den Nerven der Investoren zehren, haben politische Entwicklungen doch schon öfter unter Beweis gestellt, dass sie durchaus Einfluss auf die Märkte nehmen.

„Durch Volatilität können aber auch Chancen entstehen“, sagt Serge Pizem, Head of Multi-Asset-Investments bei AXA IM. Die Versuchung sei groß, bei den ersten Anzeichen von Ärger alles zu verkaufen. „Das kann allerdings dazu führen, dass man seine Verluste realisiert und die Erholung verpasst. Investoren, die mehr Gelassenheit an Tag legen und bereit sind, langfristig höhere Risiken einzugehen, können sich in vorübergehenden volatilen Phasen vielleicht Qualitätsaktien und -anleihen zu günstigen Preisen sichern“, so der Experte weiter.

Nach Regen kommt Sonne 

So hätten die jüngsten Wahlen in Italien Investoren in Atem gehalten. Als es dann tatsächlich zum allgemein erwarteten Patt im Parlament kam, sanken die Kurse italienischer Aktien und Anleihen. Dank der zunehmenden Konjunktur in Europa fiel die Reaktion der Märkte zunächst weniger stark als üblich aus, auch wenn die Krise längst noch nicht ausgestanden ist.

Natürlich gab es auch Fälle, in denen ein Wahlausgang die Investoren kalt erwischt hat. So hatten fast alle erwartet, dass das Brexit-Referendum in Großbritannien 2016 eng ausgehen könnte. Nur wenige rechneten aber damit, dass das Land die EU verlassen würde. Als sich am 24. Juni 2016 herausstellte, dass die Briten für einen Austritt gestimmt hatten, brachen viele Märkte ein. „Einige Industrieländerindizes verloren an diesem Tag über fünf Prozent. Außerdem wertete das Pfund um enorme acht Prozent gegenüber dem US-Dollar ab, und auch die Anleihenrenditen fielen. Nach dem britischen Votum haben sich die Unternehmensanleihen-spreads jedoch schnell ausgeweitet, um sich ebenso schnell wieder zu verengen. Der FTSE 100 hat seitdem 19 Prozent zugelegt“, berichtet Pizem.

Vor den US-Präsidentschaftswahlen, ebenfalls 2016, wurde der mexikanische Peso so etwas wie ein Frühindikator für die Siegchancen von Donald Trump. Wenn dieser ankündigte, aus dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) auszutreten oder an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu errichten, ist der Peso häufig gefallen. Er erholte sich aber fast immer, wenn alles auf einen Sieg von Hillary Clinton hindeutete. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten war letztendlich für viele Investoren ein Schock. „Aber in den seitdem vergangenen fast eineinhalb Jahren ist der S&P 500 um 25 Prozent gestiegen“, erläutert Pizem.

Nicht nur Politiker können Märkte das Fürchten lehren. Ben Bernanke, der frühere Vorsitzende der US Federal Reserve, sorgte für einen enormen Anstieg der US-Staatsanleiherenditen, als er 2013 ein Ende der Anleihenkäufe ankündigte – es kam zum berüchtigten Taper Tantrum. Der Markt erholte sich jedoch unmittelbar, nachdem der Schock überwunden war.

Fokus auf langfristige Ziele setzen

Serge Pizem zufolge sollten sich Investoren auf ihre langfristigen Ziele konzentrieren, anstatt bei vorübergehenden Problemen in Panik zu geraten: „Volatilität wird es immer geben, aber deshalb sollte man seine Meinung nicht jeden Tag ändern. Tatsächlich entstehen in volatilen Phasen interessante Kaufmöglichkeiten. Um langfristig attraktive Erträge zu erzielen, ist es wichtiger, einen klaren Standpunkt zu einer bestimmten Assetklasse zu beziehen, als reflexartig auf Marktbewegungen zu reagieren.“

Er rät Investoren zudem dazu, im Blick zu behalten, wie sich Volatilität auf die unterschiedlichen Assetklassen auswirkt. „In volatilen Phasen steigen in der Regel die Korrelationen zwischen den Assetklassen. Sie sind also nicht stabil. Wenn man die Korrelation im Vorfeld berücksichtigt, nach Assetklassen und Alphaquellen diversifiziert und zudem Extremrisiken absichert, dürfte man als Investor recht gut auf Volatilität vorbereitet sein, wo immer sie entsteht“, fügt Pizem hinzu.

Unabhängig davon, ob Marktturbulenzen vorhersehbar sind oder nicht: Portfoliodiversifikation hält Pizem immer für sinnvoll: „So können Investoren alle Stürme überstehen, ob sie nun politischer oder anderer Natur entsprungen sind.“

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