USA und China: Gelingt Phase 1 des Handelsabkommens und was bedeutet das für die Aktienmärkte?

Autor: Rob Mumford, Investmentmanager im Team Schwellenländeraktien bei GAM Investments

Die USA und China haben sich kürzlich grundsätzlich auf die erste Phase eines Handelsabkommens geeinigt, dessen genaue Ausgestaltung nun erarbeitet wird. Die Teilvereinbarung deckt eine ganze Reihe von Fragen bezüglich des Handels und der allgemeinen Wirtschafts- und Industriepolitik ab. Ob das ausgearbeitete Abkommen jedoch wie ursprünglich geplant bereits im November 2019 zur Unterzeichnung fertiggestellt werden kann, erscheint noch ungewiss. Sollte dies gelingen, dürften kurz darauf Gespräche über die zweite Phase des Abkommens aufgenommen werden, das Punkte umfasst, die in dieser ersten Vereinbarung noch nicht berücksichtigt wurden.

Die grundsätzlich vereinbarten Punkte umfassen den Aufschub einer bevorstehenden Zollerhöhung (allerdings ohne die für Dezember geplanten weiteren Verschärfungen), den Kauf zusätzlicher US-Agrarprodukte durch China, Fragen des Technologietransfers, den Schutz geistigen Eigentums, die Ausarbeitung eines Streitbeilegungsmechanismus und Schritte in Richtung eines transparenteren Währungsregimes.

„Light Version“ eines Handelsabkommens

Das Bemerkenswerte an den bisherigen Ankündigungen, die vom chinesischen Lager nicht als Vereinbarung, sondern lediglich als „signifikante Fortschritte“ bezeichnet wurden, sind nach unserer Einschätzung die Punkte, die nicht enthalten sind (zum Beispiel das Thema Huawei) und die schwammige Formulierung der Punkte, die theoretisch vereinbart wurden. Von konkreten Fortschritten zu einer nachhaltigen Verbesserung der Beziehungen zwischen den USA und China ist bislang nur wenig zu sehen. Unter Marktgesichtspunkten stellt die Vereinbarung jedoch einen wichtigen positiven Schritt dar, da dadurch die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und China – mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf das Wachstum der Weltwirtschaft sowie Rezessionsrisiken – zumindest vorübergehend gestoppt wurde. Die Alternative war eine kontinuierliche Zuspitzung in den unterschiedlichen Bereichen des strategischen Konflikts, die zuletzt unter anderem auch die Drohung der Regierung Trump umfassten, den Zugang chinesischer Unternehmen zu den Kapitalmärkten der USA einzuschränken. Damit wurde in diesem Konflikt, der sich ohnehin schon über den Handel hinaus auf eine Reihe anderer Bereiche ausgeweitet hatte, eine weitere Front eröffnet.

Dies ist die „Light-Version“ eines Handelsabkommens, mit dem viele gerechnet hatten, nachdem sich die beiden Regierungschefs im Juni in Japan auf dem G20-Gipfel getroffen und vereinbart hatten, die Gespräche im Juli fortzusetzen. Im August verhängten die USA jedoch abermals neue Zölle auf die verbleibenden chinesischen Exporte im Wert von 300 Milliarden USD und bezeichneten China als Währungsmanipulator, als der Renminbi über die Schwelle von 7 CNY je USD stieg. Dieses potenzielle Abkommen kommt nun möglicherweise zustande, nachdem zuletzt einige sehr beunruhigende Konjunkturindikatoren veröffentlicht wurden, insbesondere die US-Renditen und die Entwicklung der Zinsstrukturkurve sowie die jüngsten Daten des US Institute for Supply Management (ISM) zum Fertigungssektor. Die chinesischen Inlandsdaten standen unterdessen ebenfalls unter Druck und fielen insbesondere für den Handel und die Industrie relativ schwach aus. Dazu kam es, obwohl die Wirtschaft durch die fortgesetzte moderate Lockerung der Zinspolitik, die fiskalische Unterstützung und die Industriepolitik (einschließlich Konsumanreizen und voraussichtlich höheren Infrastrukturinvestitionen) gestützt wurde.

Positive Reaktion der Aktienmärkte aber Restrisiko bleibt

Die Aktienmärkte reagierten bislang leicht positiv auf diese Maßnahmen. Einige chinesische Indizes stiegen an dem Tag, an dem das Handelsabkommen angekündigt wurde, zwischen 0,5% und 1%, während die Preise der in den USA notierten American Depositary Receipts (ADRs) chinesischer Unternehmen deutlich zulegten, da die Bedrohung ihres Notierungsstatus erheblich abnahm. Der Renminbi verteuerte sich und kletterte an das obere Ende seiner Konvertierungs-Bandbreite von 7,05 bis 7,20, die er seit August einnahm. Der zwölfmonatige Terminkurs des Renminbi liegt unterdessen bei 7,11 und impliziert damit einen stabilen Währungshintergrund. Die Renditen chinesischer Staatsanleihen stiegen gegenüber ihrem Tiefpunkt im August ebenfalls: Die Rendite der zehnjährigen chinesischen Staatsanleihen notiert derzeit etwas über der Spanne der vergangenen Monate von 3,00 bis 3,15 %.

Dennoch besteht die Gefahr, dass selbst diese abgespeckte Vereinbarung nicht ratifiziert wird. Mögliche Hürden könnten der innenpolitische Druck in den USA und Gespräche auf hoher Regierungsebene in China am Monatsende darstellen. Wir gehen jedoch davon aus, dass eine Vereinbarung zustande kommen wird, da die bisher beschriebenen Punkte eine Reihe von Zusicherungen abdecken, die die chinesische Regierung bereits geplant hatte oder an denen sie derzeit arbeitet. Hierzu zählen unter anderem der Wunsch, eine stabile Währung zu halten, ein neues Gesetz für ausländische Investitionen, der Trend zu einem besseren Schutz des geistigen Eigentums und sogar höhere Importe von US-Agrarprodukten, die angesichts des jüngsten Anstiegs der Lebensmittelpreisinflation hilfreich sein könnten. Zugleich dürfte sich die US-Regierung ebenfalls Sorgen über die Entwicklung der Wirtschaftsdaten und die Rolle des Handelskonflikts als treibende Kraft dieses Trends machen, während die Agrarvereinbarung der Regierung einen Pluspunkt bei den Wählern verschaffen dürfte – ein wichtiger Faktor vor den Wahlen im nächsten Jahr.

Die chinesische Regierung wünscht sich nach unserer Einschätzung in erster Linie ein stabiles externes Umfeld. Das Land verfügt über ausreichenden Spielraum bezüglich des strukturellen Wachstums und ausreichend konventionelle geld- und fiskalpolitische Munition, um strukturelle Anpassungen für die Steuerung, Unterstützung und Verbesserung der Qualität des Binnenwachstums einzusetzen, wohingegen ein übermäßiger externer Druck ein Risiko für diesen Prozess darstellt. Dies ist ein wichtiges Thema für den Aktienmarkt, der darüber hinaus das Thema «Premiumwachstum mit verbesserter Qualität» widerspiegelt und attraktive Bewertungen aufweist. Nach unserer Einschätzung dürften sich chinesische Aktien weiterhin gut entwickeln, sofern Extremrisiken – wie etwa Weltuntergangsszenarien für die künftige Beziehung zwischen den USA und China – vermieden werden können.

(Foto: GAM)

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