Coronavirus in China: Ein Unglück kommt selten allein

Von Charles Sunnucks, Co-Fondsmanager des Jupiter China Select SICAV bei Jupiter Asset Management.

Trotz eines starken Aktienmarktes im Jahr 2019 hatte China eindeutig einen unglücklichen Start in das Jahr der Ratte. Kaum wurde der „Phase-1-Deal“ als Teilabkommen im Handelsstreit mit den USA geschlossen, und Investoren atmeten erleichtert auf, dass keine weiteren Sanktionen eingeführt wurden, brach das Coronavirus in Wuhan aus.

Marktbeobachter haben die Folgen mit dem Ausbruch von SARS im Jahr 2002 verglichen. Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede. Was die Auswirkungen auf den Menschen betrifft, so war SARS deutlich weniger ansteckend, hatte aber eine wesentlich höhere Sterblichkeitsrate. Es ist wahrscheinlich, dass das Coronavirus gefährlicher ist und eine noch größere Reichweite haben wird. Auch die Auswirkungen des neuen Virus auf die Weltwirtschaft dürften weitaus verheerender sein. Als 2002 SARS ausbrach, entfielen auf China etwas mehr als vier Prozent des BIP und nur ca. fünf Prozent der weltweiten Importe – 2019 lagen diese Zahlen nun bei 16 bzw. 10 Prozent.

Coronavirus mit unterschiedlichen Auswirkungen
Auch innerhalb Chinas sind die Auswirkungen unterschiedlich. Die zunehmende Urbanisierung und eine proportional größere Dienstleistungswirtschaft dürften die Ausbreitung der Krankheit begünstigen. Glücklicherweise hat sich die Gesundheitsinfrastruktur des Landes verbessert, und die Reaktion auf den Ausbruch des Virus war zwar nicht perfekt, aber proaktiver – unterstützt durch einen großen Fortschritt in der sozialen Online-Kommunikation.

Für Investoren ist es der Öl-Spotmarkt, der in Bezug auf den prozentualen Rückgang am stärksten betroffen ist. Dies spiegelt die geschwächte Nachfrage und den Rückgang des Raffineriedurchsatzes wider. So hat beispielsweise der staatliche chinesische Öl- und Gaskonzern Sinopec laut Reuters seinen täglichen Durchsatz für Februar um 12 Prozent reduziert. Die chinesischen Aktienkurse haben sich ebenfalls abgeschwächt, obwohl das Ausmaß der Kursrückgänge darauf hindeutet, dass Investoren im Großen und Ganzen bereit waren, darüber hinweg zu sehen.

Dennoch sollte es keinen Zweifel daran geben, dass aufgrund der reduzierten wirtschaftlichen Aktivität im ersten Quartal 2020 für viele Unternehmen akute betriebliche Probleme auftreten werden. Die Besucherzahlen in Macau, Chinas Glücksspiel-Mekka, während des chinesischen Neujahrsfestes gingen im Vergleich zur gleichen Urlaubsperiode im Jahr 2019 beispielsweise um fast 80 Prozent zurück. Diese Verluste dürften jedoch im Hinblick auf die Auswirkungen auf die langfristige Bewertung eines Unternehmens unwesentlich sein.

Was Investoren stärker im Auge behalten werden, ist das Risiko, dass solche Ereignisse zu einem strukturellen Bruch innerhalb einer Wirtschaft führen, die aber stattdessen noch weiterer Reformen bedarf. Bislang ist die Kreditvergabe relativ widerstandsfähig geblieben, und Unternehmen haben sich anpassungsfähig gezeigt. Das E-Commerce-Unternehmen Alibaba hat beispielsweise Maßnahmen zur Erleichterung des Cashflows für Händler auf ihrer Plattform angekündigt.

Auch in Zukunft bleibt China eine komplexe Wirtschaft mit einem sehr breiten Spektrum von Chancen und Risiken. Obwohl die fundamentalen Auswirkungen des Coronavirus auf Unternehmensbewertungen gering sein dürften, belastet es doch die Marktstimmung und begünstigt das Risiko, dass aus anfänglichen Schwierigkeiten systemische Probleme werden. Längerfristig dürfte sich die Formalisierung von Wirtschaftsbereichen wie dem Lebensmitteleinzelhandel beschleunigen. Zudem ist zu erwarten, dass die Verlagerung von Dienstleistungen in den Online-Bereich sowie der Anstieg der Zeit, die online verbracht wird, noch deutlicher wird.

Foto: Jupiter

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