Stille Wasser sind tief – ruhiger Aktienmarkt mit drei Fragezeichen

Die Aktienkurse sind seit Monaten überraschend stabil und die Bullen behalten weiter die Oberhand. Dennoch sind unter der Oberfläche drei wesentliche Entwicklungen zu beachten, analysiert Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich AG, in seinem Marktkommentar. Allen voran das Weltwirtschaftswachstum, das nach der Erholung der letzten Monate nun einen Gang zurückschaltet.

(08.09.) An den Aktienmärkten ist es außerordentlich ruhig. Sowohl in den USA als auch in Europa bewegen sich die Volatilitätsindizes auf sehr niedrigem Niveau. Der S&P 500 Index hat beispielsweise in den letzten zehn Monaten keinen Rückgang verzeichnet, der auch nur fünf Prozent erreicht hat. Der Kurs bewegte sich entweder schnurgerade nach oben oder eher seitwärts, aber eine richtige Korrektur hat nie stattgefunden. Solche Perioden sind sehr selten. Der Status quo zeigt, dass nach wie vor viel Kraft und Momentum in dieser Bewegung stecken. Denn sobald die Kurse nur ein wenig nach unten gehen, besteht sofort wieder Interesse, nachzukaufen und Positionen zu erhöhen. Es gibt scheinbar immer noch genügend Investoren, die nicht voll investiert sind und an der Seitenlinie auf solche Gelegenheiten warten.

Höhepunkt des Wirtschaftswachstums

Auch wenn es an den Börsen ruhig ist, bewegt sich unter der Oberfläche einiges, das es zu beachten gilt. Zum ersten ist die Entwicklung des Wirtschaftswachstums maßgeblich. Wir sehen eine nachlassende Dynamik in den USA, aber auch in den Emerging Markets. In Europa wird wahrscheinlich im dritten Quartal der Zenit der Wirtschaftserholung erreicht. Das Beste liegt dann wohl hinter uns. Das ist nicht alarmierend, sondern signalisiert lediglich, dass der Höhepunkt der Erholung überschritten ist. Die gute Nachricht ist, dass das überdurchschnittliche Wachstum – wenn auch auf niedrigerem Niveau – bis Mitte 2022 anhält. Das ist für Aktieninvestoren beruhigend: Gröbere Aktienbaissen hat es in der Vergangenheit nur gegeben, wenn die Wirtschaft eine Rezession durchlaufen hat.

Der zweite wichtige Aspekt ist die Reaktion der Notenbanken auf die Wirtschaftsentwicklung. Der Blick ist vor allem auf die US-amerikanische Notenbank Fed gerichtet. Nachdem Anleihen in rauen Mengen gekauft wurden, stellt sich nun die Frage, wann die Anleihenkäufe zurückgefahren werden. Hier spielt auch das Thema Inflation mit. Wenn wir nur ungefähr auf dem prognostizierten Pfad bleiben, nähern sich die Inflationsraten auch bei einer mehrjährigen Durchschnittsbetrachtung der Zielmarke von zwei Prozent, die die amerikanische Notenbank festgelegt hat. Damit wäre eine wichtige Voraussetzung für eine weniger expansive Geldpolitik erfüllt. Nun ist entscheidend, wann die US-Notenbank glaubt, dass auch die wirtschaftliche Erholung kräftig genug ist, um wieder in Richtung Normalisierung zu gehen. Wie der Fed-Sitzung im Juli zu entnehmen war und wie Fed-Chef Jerome Powell beim virtuellen Zentralbanktreffen in Jackson Hole im August bekräftigte, ist eine erste Reduktion der Anleihenkäufe noch in diesem Jahr realistisch. Nach dieser Rechnung könnten die Käufe dann im dritten Quartal 2022 eingestellt werden und die Zinserhöhungen 2023 beginnen.

Zusammenhang zwischen Durchimpfungsrate und Restriktionen
Drittens ist die Ausbreitung der Delta-Variante weiterhin ein Risikofaktor, der beachtet werden muss. Sorgen über wirtschaftliche Einschränkungen bestehen weiterhin und die enormen Lieferengpässe bremsen die Produktion in der Industrie. Die Situation ist aber nicht überall gleich. In der EU, wo bereits 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft sind,[1] rechnen wir nicht mit harten Restriktionen, die die Erholung gefährden. Damit dürfte die Eurozone sich als widerstandsfähiger erweisen als andere Regionen. Auch in den USA ist die aktuelle konjunkturelle Verlangsamung nur zum Teil auf die hochansteckende Delta-Variante zurückzuführen. Versorgungsengpässe und steigenden Preise spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle.

Aktien: Fortgeschrittene Bewertungen, aber alternativlos

Im aktuellen Umfeld bleiben Aktien die bevorzugte Anlageklasse. Die Bewertungen sind recht hoch, was aber aufgrund der hohen Gewinnsteigerungsraten der Unternehmen auch berechtigt ist. Attraktive Alternativen sind kaum vorhanden. Während im Frühjahr die zyklische Erholung der globalen Wirtschaft für steigende Inflationserwartungen und damit höhere Anleiherenditen gesorgt hat, hat sich diese Bewegung zuletzt wieder umgekehrt – die Renditen in dieser Assetklasse sind mittelfristig zu tief. Daher bleibt die Zürcher Kantonalbank Österreich AG bei Aktien weiterhin übergewichtet und belässt den Fokus hierbei auf den Industrienationen. Emerging Markets und der pazifische Raum bleiben untergewichtet.

Foto: Zürcher Kantonalbank Österreich AG

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