Back in the U.S.S.R

Ein Kommentar von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE. (15.03.)

(15.03.) Mit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar dieses Jahres ist für die Opfer, die Verletzten und die Geflüchteten eine düstere Zeit angebrochen. Aus der Ferne betrachtet erinnert dieser Einmarsch an finstere Episoden wie die Invasion der UdSSR in Afghanistan 1979 oder die des Iraks in Kuwait 1990. In beiden Fällen musste sich übrigens der vermeintlich besser bewaffnete Angreifer zurückziehen…

Zudem scheinen die wehmütigen Reden des heutigen russischen Präsidenten von einem Sowjetreich und sein vorwurfsvoller Tonfall gegenüber der NATO ein Umfeld zu schaffen, das durchaus mit dem Kalten Krieg vergleichbar ist. Sind wir „Back in the U.S.S.R.“, wie es im Song der Beatles aus dem Jahr 1968 heißt – übrigens nur kurze Zeit nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Sowjets?

Dies ist durchaus zutreffend, was die „antiimperialistischen“ Parolen betrifft, wenngleich von kommunistischer Rhetorik nichts mehr zu hören ist. Es stimmt auch im Hinblick auf den autokratischen Charakter des Regimes und die verschärfte Zensur in Russland.

Lokaler Konflikt mit harten globalen Folgen
Was die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen für den Rest der Welt anbelangt, stimmt es hingegen nicht. Denn auf wirtschaftlicher Ebene sind die unmittelbaren globalen Konsequenzen dieses lokalen Konflikts weitreichender als zahlreiche sowjetische Konflikte in der Vergangenheit (abgesehen vom zweiten Weltkrieg, versteht sich). Dieser Konflikt hat die Inflation auf Rekordniveaus getrieben, indem er für eine Preisexplosion bei den meisten Rohstoffen gesorgt hat. Natürlich hatten auch einige Konflikte zur Zeit des Kalten Krieges bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen. Der Vietnamkrieg hatte beispielsweise die Kassen der USA geleert und das Ende des Goldstandards zugunsten des Dollars beschleunigt. Die Rohstoffversorgung blieb davon jedoch weitgehend unberührt. Ein Beispiel aus der Geschichte, das der derzeitigen Lage eher ähnelt, ist die Ölpreiskrise Ende 1973, die nicht unmittelbar mit dem Kalten Krieg verknüpft ist. Seinerzeit hatte sich der Ölpreis in nur wenigen Monaten vervierfacht. Beim zweiten Preisschock im Jahr 1979 hatte er sich fast verdreifacht.

Zurzeit ist das Ausmaß gewiss geringer. Doch zum einen ist der Konflikt noch nicht beendet, und zum anderen wirkt er sich auch auf andere Rohstoffe aus, insbesondere auf einige für die Energiewende wichtige Metalle (Palladium, Nickel, Cobalt usw.) und auf essenzielle Agrarrohstoffe (Weizen, Mais, Soja usw.). Der derzeitige Preisschock bei den Rohstoffen ist in diesem Stadium also vielleicht weniger stark, dafür aber weitreichender. Außerdem verschärft er die bereits kritische Lage für bestimmte Güter (Autos, Halbleiter) und Sektoren (insbesondere amerikanische Immobilien).

Wenn Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät …
Die beiden Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre hatten verheerende wirtschaftliche Konsequenzen und setzten den „dreißig glorreichen Jahren“ ein Ende. Da die vergangenen dreißig Jahre dieses Mal nicht so „glorreich“ waren, wird die aktuelle Inflation auch keiner florierenden Wirtschaft ein Ende setzen. Sie könnte hingegen etwas anderem ein Ende setzen, nämlich der – trotz einiger Phasen schrittweiser Leitzinserhöhungen – insgesamt akkommodierenden Politik der Zentralbanken und den tendenziell sinkenden Nominalzinsen.

Denn wenn sich die Inflation erst einmal im Wirtschaftssystem festgesetzt hat, lässt sie sich nicht mehr schmerzfrei bekämpfen. Dies gilt insbesondere dann, wenn eine hohe Nachfrage auf ein rückläufiges Angebot trifft, was zurzeit der Fall ist. Ihr ein Ende zu machen, kann drastische Anhebungen der Leitzinsen erfordern, wovor die Zentralbanken zurzeit zurückschrecken, weil sie damit die Konjunktur abwürgen würden. Natürlich bewegen sie sich im Moment in diese Richtung, aber mit augenfälliger Verspätung und einem Höchstmaß an Zurückhaltung. Daher liegt der US-Leitzins immer noch nahe null, während sich die Inflation bereits der 8-%-Marke nähert. In Europa belässt die EZB die Leitzinsen im negativen Bereich, obwohl sie für 2022 mit einer Teuerung von fast 5 % rechnet! Wenn die Inflation noch weiter außer Kontrolle gerät, müsste man viel energischer handeln und die gesamte Wirtschaft ausbremsen.

Neue wirtschaftliche Konstellation entsteht
Die Verbraucher auf der ganzen Welt werden also die Auswirkungen des Konflikts zu spüren bekommen, ebenso wie die Produzenten, die von Rohstoffen abhängen, und sogar Dienstleistungsunternehmen, die durch eine mögliche Verschlechterung der Stimmung der Privathaushalte, weniger wirtschaftliche Transparenz und schlechterer Finanzierungsbedingungen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Doch aus dieser Flaute ergibt sich auch eine neue wirtschaftliche Konstellation, die Chancen birgt. Zu den ersten Gewinnern werden Unternehmen gehören, die in den Bereichen lokale oder erneuerbare Energien oder Energieeffizienz tätig sind. Auch Unternehmen mit Bezug zu den Bereichen Rüstung und Sicherheit werden gestärkt, da sie insbesondere von den Aufrüstungsmaßnahmen Deutschlands profitieren, durch die der über 70 Jahre niedrig gehaltene Verteidigungsetat nun umfassend erhöht wird. Erzeuger von Energie aus traditionellen Quellen können wiederum ihre Gewinnüberschüsse zur Finanzierung ihrer Energiewende nutzen. Ganz allgemein dürfte jedes Unternehmen, das zur Optimierung von Ressourcen oder zur Unabhängigkeit Europas von strategischen Waren, Dienstleistungen und Materialien beiträgt, von einem gewissen Aufwind profitieren. So wie der in die UdSSR zurückkehrende Reisende im Song der Beatles: „You don’t know how lucky you are, boy“.

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