100-Mrd.-Markt: Neue Adipositas‑Medikamente läuten nächste Phase ein
Ein Gastkommentar von Christian Lach und Lukas Leu von Bellevue Asset Management. Die beiden Autoren sind die Portfolio Manager des Bellevue Obesity Solutions (Lux) Fonds.
Adipositas wird zur globalen Gesundheitskrise
Laut einer aktuellen Studie im The Lancet leiden weltweit bereits über eine Milliarde Menschen an Übergewicht oder Fettleibigkeit. 2020 waren 38 % der Weltbevölkerung über fünf Jahre übergewichtig – bis 2035 dürfte dieser Anteil auf 51 % steigen. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von 3 %. Seit 1975 hat sich die Zahl der Betroffenen nahezu verdreifacht.
Ein Markt mit enormem Wachstumspotenzial
Trotz der dramatischen Zahlen werden in den USA bislang nur 2 % der Adipositas‑Patienten medizinisch behandelt. Der Markt für sichere und effektive Therapien ist daher weit offen. Für die kommenden Jahre wird ein jährliches Wachstum von 25–30 % erwartet (CAGR 2022–2030).
Derzeit dominieren Novo Nordisk und Eli Lilly den Markt für sogenannte GLP‑1‑Medikamente, . Bisher war Novo Nordisk der Marktführer. Dieser schätzt den Umsatz für den globalen Adipositasmarkt auf 100 Mrd. US‑Dollar bis 2030. Die Pipeline umfasst Wirkstoffkombinationen wie CagriSema und Amycretin, die das Potenzial haben, die nächste Generation der Adipositastherapie zu prägen.
Aktien von Novo Nordisk um fast 80 Prozent abgestürzt
Doch das Feld der Gewinner und Verlierer in diesem hart umkämpften Markt ist noch klar verteilt und herbe Rückschlägen müssen stets auch von Anlegern einkalkuliert werden. So ist die Aktie von Novo Nordisk von Mitte 2024 bis März 2025 um 76 Prozent abgestürzt und weist nur noch ein KGV von 10 auf.
Gründe für den Kursrückgang von Novo Nordisk
Eine wichtige Studie zu CagriSema, einem Hoffnungsträger der nächsten GLP‑1‑Generation, hat das primäre Ziel verfehlt. In einem direkten Vergleich zeigte sich das Medikament weniger wirksam als Eli Lillys Zepbound, was das Vertrauen der Anleger erschütterte.
Ein weiteres Problem: Novo Nordisk musste die Preise seiner Blockbuster‑Medikamente um bis zu 50 Prozent senken, um im US‑Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Das belastet Margen und zukünftige Gewinne erheblich.
Novo Nordisk: Umsatz- und Gewinnrückgang für 2026 prognostiziert
Für 2026 erwartet das Unternehmen nun einen Rückgang von Umsatz und operativem Gewinn um 5–13 % – ein Schock für einen Konzern, der jahrelang zweistellig gewachsen ist.
Analysten sehen langfristig dennoch Potential
Trotz Rückschlägen bleibt Novo Nordisk laut Morningstar und Business Insider ein Kernwert im Adipositas‑Segment. Das Unternehmen ist weiterhin Marktführer bei Abnehm-Medikamenten wie Wegovy und Ozempic. Analysten sehen langfristig großes Potenzial, auch wenn kurzfristige Risiken bestehen.
Adipositas-Medikamente: Wettbewerb nimmt Fahrt auf
Dennoch Rückschlägen arbeiten mindestens sieben Biopharma-Unternehmen fieberhaft an neuen Wirkstoffen mit noch stärkerem Gewichtsverlust. Darunter
Amgen (orale Pille gegen Übergewicht, statt Spritze)
Viking Therapeutics (starke Phase-2-Daten)
Structure Therapeutics (ebenfalls orales Medikamente zur Adipositastherapie)
Roche über Akquisitionen im Feld aktiv
Rückschläge bei Novo Nordisk bringt Vorteil für Eli Lilly
Der Rückschlag bei Novo Nordisk stärkt Konkurrent Eli Lilly gleich doppelt:
- Zepbound/Mounjaro gelten nun klar als wirksamere Therapien gegen Fettleibigkeit.
- Lilly hat eine breitere Pipeline, die in Studien teils deutlich stärkere Gewichtsreduktionen zeigt.
- Die Preissenkungen von Novo Nordisk erhöhen den Druck auf die Margen, während Lilly seine Preise stabiler halten kann.
Für Investoren bedeutet das: Der Marktführer könnte sich dauerhaft verschieben.
Markt für Pillen für die Gewichtsreduktion wird neu bewertet
Der Sektor war extrem hoch bewertet – mit Erwartungen, die fast nur perfekte Daten zuließen. Der Absturz von Novo Nordisk führt zu:
- Bewertungsabschlägen bei allen diesen Spezialisten für Appetitzügler
- höherer Risikoprämie für Biotech‑Werte mit Adipositasfokus
- kritischerer Sicht auf diese sogenannten „Next‑Gen‑GLP‑1“ (Kombinationstherapien, orale Biologika)
Das Narrativ „Appetithemmer lösen alles“ wird durch ein realistischeres Bild ersetzt.
Segment für Appetitzügler‑Medikamente wird differenzierter
Trotz des Kurssturzes bleibt der Adipositasmarkt einer der größten Wachstumsmärkte im Gesundheitssektor:
- über 1 Milliarde Betroffene weltweit
- nur 2 % der Patienten in den USA werden überhaupt behandelt
- erwartetes Marktvolumen bis 2030: 100 Mrd. USD.
Der Kurssturz ist also kein Ende des Booms, sondern der Beginn einer neuen Phase, in der Wettbewerb, Evidenz und Preisgestaltung stärker zählen als reine Euphorie.
Foto: AdobeStock / tournee
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