Die Geldpolitik der EZB im historischen Vergleich: Warum sich die 1980er nicht wiederholen lassen

Historischer Blick: Die Volcker‑Ära als Referenzpunkt

Als die Inflation in den USA zwischen 1979 und 1980 auf fast 15 % kletterte, reagierte die Federal Reserve unter Paul Volcker mit einer drastischen Straffung der Geldpolitik. Die Fed Funds Rate wurde zeitweise auf 20 % angehoben – deutlich über die Inflationsrate. Diese Phase extrem hoher realer Zinsen führte dazu, dass die Teuerung bis 1982 wieder auf unter 4 % fiel. Quelle: OECD

In Deutschland lagen Anfang der 1980er‑Jahre positive Realzinsen vor: Die Inflationsrate betrug 1980/81 rund 5–6 %, während der Diskontsatz der Bundesbank auf 7–7,5 % angehoben wurde.

Diese historische Erfahrung gilt bis heute als Musterbeispiel erfolgreicher Inflationsbekämpfung.

Die Lage im Jahr 2022: Schnelle, aber begrenzte Zinsschritte

USA – kräftige Straffung nach verspäteter Reaktion

2022 hat die US‑Notenbank die Zinsen in kurzer Zeit stark erhöht: Von März bis Juli stieg die Fed Funds Rate von 0–0,25 % auf 2,25–2,50 %. Der Markt erwartete für September eine weitere Anhebung um 75 Basispunkte – ein außergewöhnlich schneller Straffungszyklus.

Die Inflation lag im August 2022 bei 8,3 %, nachdem sie bereits 2021 von 1,4 % auf 7,0 % gestiegen war. Die Fed reagierte damit deutlich später als in der Volcker‑Ära.

Eurozone – stärkste Anhebung seit zwei Jahrzehnten

Die EZB erhöhte 2022 ihre Leitzinsen in zwei Schritten um insgesamt 1,25 Prozentpunkte. Am 8. September folgte mit 0,75 Prozentpunkten die größte Einzelanhebung seit 22 Jahren.

Die Inflation stieg im Euroraum von 5,1 % (Jänner) auf 9,1 % (August). Gleichzeitig hob die EZB ihre Inflationsprognosen deutlich an:

  • 2022: von 6,8 % auf 8,1 %
  • 2023: von 3,5 % auf 5,5 %
  • Annäherung an 2 %: erst ab 2024 erwartet

Marktindikatoren wie der 2‑Jahres‑EUR‑Swapsatz (2,57 % per 16. September 2022) signalisierten weitere Zinsschritte bis etwa 2,5 %.

Warum die 1980er‑Strategie heute nicht wiederholbar ist

Der entscheidende Unterschied: Staatsverschuldung

Die wirtschaftliche Lage – hohe Inflation, geopolitische Unsicherheit, Rezessionsrisiken – erinnert oberflächlich an die frühen 1980er‑Jahre. Doch ein Faktor macht eine Wiederholung der Volcker‑Politik unmöglich:

Die Staatsverschuldung ist heute so hoch wie nie zuvor in Friedenszeiten.

USA

  • 1980: 30,9 % des BIP
  • 2022: rund 122,8 % des BIP

Damit ist die Schuldenquote viermal so hoch wie zu Beginn der Volcker‑Ära. Zinsen von 10–20 % wären für die öffentlichen Haushalte nicht tragbar. Selbst 5 % gelten bereits als mögliche Obergrenze. Quelle: Weltbank.

Eurozone

Deutschland liegt mit 68,2 % (Q1 2022) noch im moderaten Bereich. Doch mehrere große Volkswirtschaften sind hoch verschuldet:

  • Frankreich: 114,4 %
  • Spanien: 118,4 %
  • Portugal: 127,0 %
  • Italien: 155,6 %
  • Griechenland: 189,3 %

Ein EZB‑Hauptrefinanzierungssatz von 3 % wäre bereits der höchste Stand seit 2008 – und könnte in einigen Ländern eine neue Schuldenkrise auslösen.

Ausblick – Straffung ja, Volcker‑Schock nein

Die Zentralbanken werden ihre Zinsen weiter anheben, um die Inflation einzudämmen. Doch die Spielräume sind begrenzt:

  • Zu hohe Zinsen → Risiko von Schuldenkrisen
  • Zu niedrige Zinsen → anhaltend hohe Inflation

Daher ist ein moderater, schrittweiser Zinspfad wahrscheinlicher als ein radikaler Volcker‑Schock. Die EZB dürfte 2022/23 weiter anheben, aber deutlich unter den historischen Niveaus der 1980er bleiben.

FAQ

Wie stark kann die EZB die Zinsen noch erhöhen?

Marktindikatoren deuten auf einen möglichen Höchststand von rund 2,5–3,0 % hin.

Warum sind hohe Zinsen heute gefährlicher als früher?

Weil die Staatsverschuldung in vielen Ländern ein Mehrfaches des Niveaus der 1980er beträgt.

Kann die Inflation ohne drastische Zinsschritte sinken?

Ja, wenn Energiepreise, Lieferketten und Nachfrage sich normalisieren – aber der Prozess dauert länger.

Droht eine Schuldenkrise in Europa?

Ein zu schneller oder zu starker Zinsschritt könnte Länder wie Italien oder Griechenland unter Druck setzen.

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