Unterbewertete Aktien finden: Der komplette Leitfaden für Value‑Investoren

Kurzfassung:

Unterbewertete Aktien sind kein Selbstläufer. Entscheidend sind Bewertung, Geschäftsmodell, Katalysatoren und Disziplin.
Dieser Leitfaden zeigt, wie man unterbewertete Aktien findet, welche Kriterien wirklich zählen und welche österreichischen Aktien laut Experten aktuell als unterbewertet gelten.

21.7.2026

Was unterbewertete Aktien sind

Unterbewertete Aktien sind Titel, deren aktueller Börsenkurs unter dem fairen Unternehmenswert liegt. Dieser faire Wert ergibt sich aus Kennzahlen wie KGV, EV/EBIT, KUV oder der Eigenkapitalrendite ROE. Eine Aktie gilt als unterbewertet, wenn der Markt das Unternehmen geringer bewertet, als es seine Gewinne, Cashflows oder Vermögenswerte rechtfertigen würden.

Typische Gründe für Unterbewertung:

  • Zyklische Schwäche der Branche
  • Gewinnrückgänge oder einmalige Belastungen
  • Marktpsychologie (Investoren bevorzugen „Good Stories“)
  • Risikoabschläge wegen Unsicherheit oder geopolitischer Faktoren

Wichtig: Unterbewertung bedeutet nicht automatisch, dass der Kurs steigen wird. Erst wenn ein Katalysator einsetzt – etwa Schuldenabbau, Managementwechsel oder ein zyklischer Aufschwung – kann der Markt die Aktie neu bewerten.

Unterbewertete Aktien finden

Viele Anleger suchen Aktien, die „unter ihrem Wert“ gehandelt werden – in der Hoffnung auf ein Kurs‑Upside. Das ist der Kern von Value Stock Picking. Doch Unterbewertung hat immer Gründe. Manche sind temporär, andere strukturell. Entscheidend ist, diese Gründe zu verstehen und zu prüfen, ob ein Katalysator bevorsteht.

Kriterien für Unterbewertung

Unterbewertete Aktien wirken attraktiv – niedrige Bewertung, vermeintlich hohes Aufholpotenzial. Doch Unterbewertung ist kein Wert an sich. Sie kann ein Warnsignal sein, ein zyklischer Effekt oder Ausdruck struktureller Probleme.

Marc Renaud, Gründer von Mandarine Gestion und Leiter des Value-Teams, das unter anderem des europäischen Nebenwertefonds  Mandarin Unique managt:

„Die Unterbewertung einer Aktie rechtfertigt für sich allein noch kein Investment.“

Damit wird deutlich: Die Frage ist nicht, ob eine Aktie unterbewertet ist – sondern warum.

1. Finanzkennzahlen richtig lesen

Für die Vorauswahl nutzt Renaud zwei Kennzahlen, die über Zeiträume hinweg stabil sind:

  • EV/EBIT — zeigt, wie teuer das operative Ergebnis bewertet wird
  • ROE — misst die Eigenkapitalrendite

Sein Ansatz:

  • Hoher EV/EBIT ist akzeptabel, wenn der ROE niedrig ist
  • Niedriger EV/EBIT ist attraktiv, wenn der ROE hoch ist

 

 2. Geschäftsmodell verstehen

Eine Aktie ist Renauds Ansicht nach nur dann sinnvoll analysierbar, wenn man das Unternehmen versteht:

  • Welche Märkte sind relevant?
  • Wie ist die Marktposition?
  • Wie funktionieren Produktion und Vertrieb?
  • Wie ist die Qualität des Managements?
  • Welche Motivation haben Schlüsselpersonen?

Erst dieses Verständnis zeigt, warum eine Aktie unterbewertet ist – und ob die Gründe temporär oder strukturell sind.

 3. Katalysatoren identifizieren

Unterbewertung allein reicht nicht. Ein Investment braucht einen Katalysator, der ein Re‑Rating auslösen kann. Renaud arbeitet mit einem Zeithorizont von 3–6 Monaten und erwartet mindestens 10 % Kursanstieg, wenn der Katalysator greift.

Die vier wichtigsten Katalysator‑Typen:

  • Bilanzbereinigung — Schuldenabbau, bessere Kapitalstruktur
  • Zyklischer Aufschwung — Branchen drehen wieder ins Wachstum
  • Strategische Veränderungen — Managementwechsel, M&A, Reorganisation
  • Rückgang der Risikoprämien — Markt normalisiert sich, Risikoabschläge sinken

Wie lange bleiben Aktien unterbewertet?

Unterbewertung kann Monate oder Jahre dauern. Häufigste Gründe:

  • Gewinnrückgänge
  • Zyklische Schwäche
  • Marktpsychologie („good stories“ werden überbezahlt)
  • Branchenrisiken
  • Managementprobleme

Nur wer die Ursache versteht, kann beurteilen, ob eine Aktie wieder aufwerten kann.

Die Rolle der Disziplin: Kaufen, Halten, Verkaufen

Die Strategie von Renaud: Für jeden einzelnen Portfoliowert wird bereits beim Kauf ein Verkaufsziel festgelegt. Dieses beruht „auf der Logik einer Rückkehr zum Durchschnitt“ von Profitabilität und Bewertung. Die Portfoliogewichtung richtet sich nach dem Aufwertungspotenzial. Wenn nach Titelkäufen deren Kurse steigen,  wird „progressiv“ verkauft. Und bei Erreichen des Verkaufskursziels wird die gesamte Beteiligung in dem Tite verkauft. Und wenn es sich mit dem Zielkurs nicht ausgeht, wird trotzdem.

Lieber eventuell einen Verlust realisieren, wenn es seine Analyse rechtfertigt, als zu lange drinbleiben. Auch wenn der Value-Stil jahrelang eine unterdurchschnittliche Wertentwicklung gezeigt hat, ist der Franzose insgesamt der Überzeugung, dass alle Übertreibungen des Marktes, nach oben oder nach unten, vorübergehende Erscheinungen sind und nicht von Dauer sein können.

🎯 Kaufdisziplin

Jeder Titel wird nur gekauft, wenn:

  • Unterbewertung nachvollziehbar ist
  • Ein Katalysator identifiziert wurde
  • Die Kennzahlen ein attraktives Verhältnis zeigen.

📉 Verkaufsdisziplin

Renaud definiert für jeden Titel ein Verkaufsziel – basierend auf der Rückkehr zum Mittelwert von Profitabilität und Bewertung.

  • Steigt der Kurs → progressive Verkäufe
  • Erreicht der Titel das Ziel → vollständiger Verkauf
  • Erreicht der Titel das Ziel nicht → trotzdem Verkauf, wenn die Analyse es rechtfertigt
Renaud hat zudem eine enge Korrelation zwischen Zinsanstieg  und Outperformance des Value-Stils festgestellt. Sein Prinzip der „Rückkehr zum Mittelwert“ sei also ein konträrer Ansatz, mit dessen Hilfe man sich „der Massenpsychologie widersetzen“ könne, von der Marktübertreibungen gekennzeichnet seien.

Fazit: Suche unterbewerteter Aktien braucht System

Unterbewertete Aktien sind kein Geheimtipp, sondern ein analytischer Prozess. Die Erfolgsformel lautet:

  1. Bewertung verstehen
  2. Geschäftsmodell analysieren
  3. Katalysatoren identifizieren
  4. Disziplin wahren

Value Investing ist kein „Schnäppchenjagen“, sondern ein konträrer Ansatz, der sich bewusst gegen Marktpsychologie stellt.

proi