Externe Schocks werden unterschätzt
Erstveröffentlichung: 15. Mai 2024, aktualisiert: 14. Oktober 2026
Börsianer holen ihre entscheidungsrelevanten Zahlen, Daten und Fakten primär aus Publikationen über Investments und wirtschaftliche Entwicklungen. Das erscheint auch logisch. Doch immer wieder treten Ereignisse ein, die sämtliche Prognosen über Bord werfen. Dazu zählen einschneidende Ereignisse wie Naturkatastrophen, Kriege und Pandemien. Die Wirkung dieser externen Schocks auf Wirtschaft und Börsengeschehen wird häufig unterschätzt, obwohl sie die Wirtschaftsgeschichte entscheidend geprägt haben. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele.
Externe Schocks in der Volkswirtschaft: Definition und Auswirkungen
In der Volkswirtschaft bezeichnet man als externe Schocks unerwartete Einflüsse, die von außen auf die Ökonomien einwirken. Dazu zählen Kriege, Pandemien, Naturkatastrophen oder plötzliche Veränderungen der Energiepreise. Sie können Produktion und Nachfrage beeinträchtigen, Lieferketten unterbrechen, die Inflation antreiben und das Wirtschaftswachstum bremsen. Auch an der Börse können solche Ereignisse erhebliche Kursbewegungen auslösen.
Kriege als externe Schocks: Inflation, Rezession und Kapitalvernichtung
So hatte der verlorene Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) infolge der enormen Kriegsfolgekosten, hoher Staatsschulden und einer übermäßigen Geldschöpfung in der Weimarer Republik 1923 eine Hyperinflation zur Folge. Die wirtschaftliche und politische Instabilität begünstigte den Aufstieg radikaler Kräfte und trug neben weiteren Faktoren zum Weg in den Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) bei.
Danach folgte eine lange Phase wirtschaftlichen Aufschwungs, zunächst getragen vom Wiederaufbau. Ab den 1990er-Jahren eröffneten sich durch den Zusammenbruch des Ostblocks neue Märkte in Mittel- und Osteuropa sowie in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Gleichzeitig wurden nach dem Ende des Kalten Krieges vielerorts Rüstungsausgaben reduziert, wodurch finanzielle Mittel für andere wirtschaftliche Zwecke frei wurden.
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 verdeutlichten erneut, wie unerwartete Ereignisse die Finanzmärkte erschüttern können. Die New Yorker Börse blieb vom 11. bis zum 14. September für vier Handelstage geschlossen. Nach der Wiedereröffnung am 17. September verlor der Dow Jones rund 7,1 %. Die Anschläge verstärkten die ohnehin angespannte Stimmung nach dem Platzen der Technologieaktienblase.
Straße von Hormus: Externer Schock für die Weltwirtschaft
Wie stark geopolitische Konflikte die Volkswirtschaft beeinflussen können, zeigt aktuell die Straße von Hormus. Seit Beginn des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran Ende Februar 2026 ist der Schiffsverkehr durch die strategisch wichtige Meerenge massiv beeinträchtigt. Durch sie wurden 2025 täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte transportiert – etwa ein Viertel des weltweiten seegestützten Ölhandels. Hinzu kommt knapp ein Fünftel des globalen Handels mit Flüssigerdgas (LNG).
Die Folgen reichen weit über den Nahen Osten hinaus. Lieferausfälle, höhere Transport- und Versicherungskosten sowie steigende Energiepreise belasten Unternehmen und Verbraucher. Der Ölpreisschock verstärkt den Inflationsdruck und bremst das Wirtschaftswachstum. Auch die Börsen reagieren auf die Unsicherheit.
Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) errechnete in einer Analyse, dass der Ölpreis bei einer vollständigen Sperre der Meerenge ohne Gegenmaßnahmen auf 101 bis 146 USD je Barrel Brent steigen könnte. Strategische Ölreserven und alternative Transportwege können den Preisanstieg allerdings abmildern.
Die Krise zeigt, wie ein regionaler Konflikt innerhalb kurzer Zeit zu einem externen Schock für die gesamte Weltwirtschaft werden kann.
Ukrainekrieg: Wie Energiepreisschocks die Wirtschaft belasten
Der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 löste einen weiteren externen Schock für die Weltwirtschaft aus. Die Preise für Erdöl und Erdgas stiegen massiv und bremsten die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Pandemie. Die hohe Inflation und die darauf folgenden Zinserhöhungen verteuerten Investitionen für Unternehmen und die Finanzierung von Eigenheimen.
Vor allem Europa litt unter den gestiegenen Energiekosten. Das Wirtschaftswachstum schwächte sich deutlich ab. Besonders energieintensive Industrien gerieten unter Druck, während die Kaufkraft der privaten Haushalte durch die Teuerung sank.
Auch 2026 bleibt der Ukrainekrieg ein geopolitischer Risikofaktor. Hinzu kommen die Konflikte im Nahen Osten und die damit verbundenen Risiken für die Energieversorgung. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet in seinem im Oktober 2026 veröffentlichten Weltwirtschaftsausblick ein globales Wachstum von 3,1 % für 2026 und 3,4 % für 2027. Gleichzeitig warnt er vor den wirtschaftlichen Folgen anhaltend hoher Energiepreise und weiterer geopolitischer Eskalationen.
Ölpreisschocks: Wie Kriege Inflation und Rezession auslösen
Ein historisches Beispiel für die volkswirtschaftlichen Folgen eines Energiepreisschocks ist der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973. Am 6. Oktober griffen Ägypten und Syrien Israel an, um die 1967 von Israel besetzten Gebiete auf der Sinai-Halbinsel und den Golanhöhen zurückzuerobern.
Arabische Erdölexporteure drosselten daraufhin ihre Förderung und verhängten Ölembargos gegen mehrere Staaten, die Israel unterstützten. Der Ölpreis vervielfachte sich. Die Folgen waren eine stark steigende Inflation, höhere Produktionskosten und eine schwere Rezession in zahlreichen Industrieländern.
In den USA erreichte die Inflationsrate im Dezember 1974 rund 12,3 %. Die amerikanische Wirtschaft befand sich von November 1973 bis März 1975 in einer Rezession. Auch spätere Konflikte im Nahen Osten, darunter die iranische Revolution 1979, der Iran-Irak-Krieg und die Kuwait-Krise 1990, führten zu erheblichen Verwerfungen auf den Energiemärkten.
Diese Beispiele zeigen, wie externe Schocks über steigende Rohstoffpreise auf die gesamte Volkswirtschaft wirken können. Höhere Energiepreise verteuern Produktion und Transport, belasten die Kaufkraft und können über steigende Inflation eine restriktivere Geldpolitik auslösen.
Wirtschaftliche Folgen von Kriegen: BIP-Verluste und steigende Inflation
Eine Studie vom Kiel Institut für Weltwirtschaft, „Die Kosten des Krieges“, analysierte die wirtschaftlichen Auswirkungen von mehr als 150 Kriegen seit 1870. Das Ergebnis: In den unmittelbar betroffenen Kriegsgebieten sinkt das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) fünf Jahre nach Kriegsbeginn im Durchschnitt um rund 30 %, während die Inflation um etwa 15 Prozentpunkte steigt. Auch Nachbarländer und weiter entfernte Volkswirtschaften müssen wirtschaftliche Schäden hinnehmen, wobei diese mit zunehmender geografischer Entfernung tendenziell abnehmen.
Für die Ukraine errechneten die Studienautoren auf Basis historischer Erfahrungen bis 2026 einen kumulierten BIP-Verlust von rund 120 MrdUSD und einen Rückgang des Kapitalstocks um mehr als 950 MrdUSD. Die wirtschaftlichen Schäden für nicht unmittelbar am Krieg beteiligte Drittländer wurden auf rund 250 MrdUSD geschätzt, davon etwa 70 MrdUSD für die Europäische Union.
Dabei handelt es sich um modellbasierte Schätzungen aus dem Jahr 2024 und nicht um bereits festgestellte tatsächliche Schäden bis 2026.
Pandemien als externe Schocks für die Weltwirtschaft
Auch die Corona-Pandemie wurde in ihren ersten Wochen vielfach unterschätzt. Ihre wirtschaftlichen Folgen waren jedoch gravierend. Im Jahr 2020 schrumpfte die globale Wirtschaftsleistung um rund 3 %. Lockdowns, unterbrochene Lieferketten und Produktionsausfälle belasteten zahlreiche Branchen. Besonders stark betroffen waren unter anderem Tourismus, Luftfahrt und Gastronomie.
Die Pandemie zeigte zugleich, wie eng die Weltwirtschaft miteinander verflochten ist. Produktionsausfälle in einzelnen Ländern führten zu Lieferengpässen auf anderen Kontinenten. In Verbindung mit der anschließenden wirtschaftlichen Erholung und weiteren Angebotsengpässen trugen diese Entwicklungen zum weltweiten Inflationsanstieg bei.
Schon die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 hatte weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen. Studien zu historischen Pandemien verdeutlichen, dass schwere Gesundheitskrisen auch langfristig Investitionen, Arbeitskräfteangebot und Wirtschaftswachstum beeinflussen können.
Klimawandel und Naturkatastrophen: Folgen für die Volkswirtschaft
Neben Kriegen und Pandemien gewinnen klimabedingte Risiken für die Weltwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen können Produktionsanlagen und Infrastruktur beschädigen, Ernten vernichten und Lieferketten unterbrechen.
Die wirtschaftlichen Folgen reichen von höheren Lebensmittelpreisen bis zu steigenden Versicherungs- und Wiederaufbaukosten. Besonders betroffen sind Landwirtschaft, Energieversorgung, Verkehr und zahlreiche energieintensive Industriezweige.
Doch wie hoch können die volkswirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel tatsächlich ausfallen?
Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Paul Waidelich von der ETH Zürich untersuchte anhand von Prognosen aus 33 globalen Klimamodellen die Auswirkungen auf das weltweite Bruttoinlandsprodukt. Die 2024 in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlichte Studie „Erhebliche globale Kosten der Klimauntätigkeit” berücksichtigt neben steigenden Durchschnittstemperaturen auch Veränderungen der Niederschläge und Temperaturschwankungen.
Das Ergebnis: Bei einer globalen Erwärmung um 3 °C könnte das weltweite BIP gegenüber einem Szenario ohne zusätzliche Erwärmung um durchschnittlich rund 10 % niedriger ausfallen. Besonders stark wären wirtschaftlich schwächere Länder in niedrigen geografischen Breiten betroffen.
Die Forscher betonen, dass die Berücksichtigung von Temperaturschwankungen und Extremereignissen die geschätzten wirtschaftlichen Schäden erhöht. Werden solche Faktoren nicht ausreichend berücksichtigt, besteht die Gefahr, die langfristigen Kosten des Klimawandels zu unterschätzen.
Wie Klimaschocks Inflation und Wirtschaftswachstum beeinflussen
Besonders problematisch sind die indirekten Auswirkungen klimabedingter Ereignisse. Dürren und Überschwemmungen können beispielsweise Ernteausfälle verursachen und dadurch die Preise wichtiger Agrarrohstoffe erhöhen.
Steigende Lebensmittel- und Energiepreise belasten wiederum die Kaufkraft der Verbraucher und die Kostenstruktur der Unternehmen. Halten solche Preisschübe länger an, können sie auch die Inflationserwartungen beeinflussen und die Geldpolitik vor zusätzliche Herausforderungen stellen.
Der Zusammenhang zwischen Klimawandel, Inflation und Wirtschaftswachstum wird damit zunehmend relevant. Anders als ein einmaliger externer Schock können klimabedingte Belastungen wiederholt auftreten und langfristig die Produktionsbedingungen ganzer Regionen verändern.
Fazit: Was externe Schocks für Wirtschaft und Börse bedeuten
Die Entwicklungen rund um die Straße von Hormus, der Ukrainekrieg und die geopolitischen Spannungen zwischen China und Taiwan zeigen, wie rasch externe Schocks die Weltwirtschaft beeinflussen können. Hinzu kommen zunehmende Klimarisiken durch Hitzewellen, Dürren und Naturkatastrophen. Für Anleger sind diese Entwicklungen besonders relevant, weil sie Energiepreise, Inflation, Zinsen und Unternehmensgewinne beeinflussen und damit auch die Börsen unter Druck setzen können. Umso wichtiger ist es, über klassische Wirtschaftsdaten und Unternehmenskennzahlen hinauszublicken und geopolitische sowie klimatische Risiken bei Anlageentscheidungen zu berücksichtigen.
Autor: Michael Kordovsky
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:
Neue Regeln gegen Greenwashing
ATX Kaufempfehlung: Die spannendsten Aktien an der Wiener Börse
