Kapitalgedeckte Altersvorsorge: Armeniens Erfolgsmodell
8. Oktober 2026
Derzeit wird in Österreich über steuerfreie Vorsorgedepots und eine zusätzliche kapitalgedeckte Altersvorsorge aus Dividenden staatlicher Beteiligungen diskutiert. Armenien ist 2014 deutlich weitergegangen und hat sein Pensionssystem auf eine verpflichtende kapitalgedeckte Altersvorsorge umgestellt. C-Quadrat Ampega (aus der C-Quadrat Investment Group) war als Vermögensverwalter von Beginn an bei der Umsetzung des kapitalgedeckten Pensionsmodells in Armenien dabei und hat dort Pionierarbeit geleistet.
Anneliese Proissl sprach mit Andreas Wimmer, Managing Director und Partner der CQ Investment Group sowie Aufsichtsratsvorsitzender des Joint Ventures CQ Ampega in Armenien, über die dortige Pensionsreform, die Rolle privater Vermögensverwalter und mögliche Lehren für Österreich.
Das Wichtigste aus dem Interview
- Zentrales Ziel der Pensionsreform: Menschen durch eine gesicherte Altersvorsorge eine Zukunftsperspektive bieten.
- Echte Pensionskonten: Jeder Versicherte hat ein Pensionskonto, dessen Einzahlungen tatsächlich ihm in der Pension ausbezahlt werden.
- Lehren für Österreich: Wimmer empfiehlt ein Mischsystem mit verpflichtender Teilnahme oder starken finanziellen Anreizen.
Pensionsreform als Zukunftsstrategie
Börsen-Kurier: Was hat Armenien zu diesem Systemwechsel bewogen?
Armenien war damals mit einer schwachen Wirtschaft und schwieriger geopolitischer Lage konfrontiert und einer Jugend, die aufgrund fehlender Perspektiven so schnell wie möglich das Land verlassen wollte. Dass es sich ohne Reform finanziell im Alter nicht ausgehen wird, war allen Armeniern klar.
War die Pensionsreform auch ein Mittel, um jungen Menschen eine Perspektive zu geben?
Ja. Die Politik hat versucht, eine attraktive Version der Zukunft für junge Menschen zu entwickeln. Eine wichtige Perspektive sollte sein, dass die Menschen im Alter ihr Leben finanziell vernünftig gestalten können. Die Umstellung war damit nicht nur eine Pensionsreform, sondern Teil einer Zukunftsstrategie für das Land. Das war sehr visionär und zugleich aus der Notwendigkeit heraus geboren.
Wie verlief der Entscheidungsprozess?
Die Regierung hat Institutionen wie die Weltbank um Beispiele für gute Ansätze bei Pensionsreformen gebeten. Die Politik traf die Entscheidung, an welchem Modell sie sich orientiert. Die Umsetzung lag aber bei der armenischen Nationalbank. Anders als bei uns kommt dort die Politik nicht auf die Idee, die entscheidenden Parameter selbst festzulegen. Armenische Finanzexperten haben etwa auch zuvor die Fehler anderer Länder analysiert.
Welche Fehler Armenien bei der Pensionsreform vermeiden wollte
Welche schwerwiegenden Fehler kristallisierten sich heraus?
Kardinalfehler Nummer eins: zu viel staatlicher Einfluss. Da ein solcher nicht auf Know-how fundiert, sondern einer politischen Agenda folgt, trägt das selten zum Gelingen dieser Angelegenheit bei. Der zweite große Fehler liegt am anderen Ende des Spektrums: Wenn die Umsetzung zu marktwirtschaftlich angelegt ist, funktioniert es auch nicht.
Was verstehen Sie unter einer zu marktwirtschaftlichen Umsetzung?
In Chile hat der Staat viele private Asset Manager für die Verwaltung der Pensionsgelder zugelassen. Das hat zu einer erbitterten Marketingschlacht geführt, wodurch sich das Asset Management kaum noch gerechnet hat – und das System fast gekippt wäre.
Zwei Vermögensverwalter für Armeniens Pensionskapital
Wie viele Asset Manager verwalten in Armenien das Pensionsgeld?
Aufgrund dieser Erfahrung waren von Anfang an nur zwei vorgesehen. Die Wahl fiel auf Amundi und C-Quadrat Ampega. Es kamen bewusst nur etablierte ausländische Vermögensverwalter zum Zug. Ziel war es, so Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen.
Was unterscheidet sie beide?
Die Vorgaben sind für beide die gleichen. Der einzige Unterschied ist die Performance. Die Menschen können selbst entscheiden, welchen sie wählen, und jederzeit kostenlos wechseln.
War der Systemwechsel für den Staat teuer?
Die Republik Armenien hat das nichts gekostet, wir haben mit null Veranlagungskapital begonnen. Das neue System war zunächst nur für Beamte und in weiterer Folge für alle unter 40-Jährigen verpflichtend. Alle, die älter waren, hat man noch im alten Umlagesystem belassen, sie konnten aber freiwillig wechseln.
Ein echtes Pensionskonto statt fiktiver Ansprüche
Haben die Bürger wie in Österreich ein fiktives Pensionskonto?
Nein, und das ist ein wesentlicher Unterschied: Jeder hat ein reales Pensionskonto. Ähnlich wie bei einem Wertpapierdepot kann jeder jederzeit nachsehen, wie viel Geld angespart wurde und wie es sich entwickelt.
Was sind die Vorteile für den Staat?
Ab dem Moment, in dem jemand in Pension geht, ist der Staat für diesen Menschen nicht mehr verantwortlich und muss für ihn nie wieder Pensionszahlungen leisten. Ab Pensionsantritt muss das veranlagte Kapital in eine Lebensversicherung transferiert werden, die das Geld in Form einer lebenslangen Rente ausbezahlt. Das angesparte Kapital ist sogar vererbbar.
Was Österreich von Armenien lernen kann
Würden Sie Österreich ein kapitalgedecktes System empfehlen?
Ich würde zu einem Mischsystem raten. Die Teilnahme am kapitalgedeckten System müsste aber verpflichtend sein. Oder es müsste der Anreiz so groß sein, dass es jeder freiwillig macht, weil er sonst Geld liegen lässt, etwa durch einen erheblichen Steueranreiz. Wäre es in Armenien nicht verpflichtend gewesen, wäre die Reform nicht gelungen, da wahrscheinlich zu wenige aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit den Schritt gewagt hätten.
Die Vorbehalte der Bevölkerung, Kapital für die Pension an der Börse zu investieren, sind wahrscheinlich hoch. Gab es in Armenien Widerstand dagegen?
In Armenien war die Skepsis anfänglich schon groß und politisch motiviert. Die Gegner haben gerufen: ‚Diebstahl! Der Staat wird euch euer Geld stehlen!‘“ Deshalb hat man letztlich bei der Systemumstellung zuerst nur mit den Beamten begonnen. Wir haben aber von Anfang an zwischen 8 und 10 Prozent Performance pro Jahr erzielt und das neue Modell hat in der Bevölkerung rasch Anklang gefunden. 2019 hat die Regierung deshalb beschlossen, dass Berufstätige aller Altersgruppen verpflichtend in dieses System einzahlen. Ein Erfolgsmodell für alle Beteiligten.
Zur Person:
Mag. Andreas Wimmer ist Group Managing Director der CQ Investment Group und seit 2001 im Unternehmen. Er ist auch Aufsichtsratsvorsitzender von C-QUADRAT Ampega Asset Management Armenia, die seit 2014 mit der Verwaltung armenischer Pensionsgelder betraut wurde. Zudem ist Wimmer stellv. Aufsichtsratsvorsitzender der polnischen Investmentfondsgesellschaft VIG/C-QUADRAT (ein Joint Venture mit der Vienna Insurance Group) und des größten armenischen Versicherers LIGA Insurance (ein Joint Venture mit der GRAWE Group). Er studierte Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien.
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:
Pensionen: Was FPÖ, ÖVP und SPÖ wollen
Betriebliche Vorsorge in Österreich: Was die Reform bringt
