Commerzbank im Abwehrkampf
Offizielles Übernahmeangebot durch den Konkurrenten Unicredit rückt immer näher.
Stefan Riedel. Für Vorstand, Belegschaft und Aktionäre der Commerzbank bahnt sich ein heißer Herbst an. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob dem Übernahmepoker von Unicredit ein konkretes Angebot folgt. 29,34 % der Commerzbank-Anteile kontrolliert das italienische Geldhaus aktuell. Wird die 30-%-Marke überschritten, wäre die Unicredit laut dem Wertpapierhandelsgesetz verpflichtet, den übrigen Aktionären ein Pflichtangebot vorzulegen. Ein solches Pflichtangebot müsste mindestens dem durchschnittlichen Aktienkurs der letzten drei Monate entsprechen.
Am 25. September hatte die Commerzbank ein Programm zum Aktienrückkauf zum Wert von
1 Milliarde Euro angekündigt. Insgesamt 912.937 Stück hat die Bank zum 26. September zurückgekauft. Werden die Papiere eingezogen, wird Unicredit wahrscheinlich auf einen Anteil von mehr als 30 % des Aktionariats kommen. Die Konzernspitze selbst lehnt eine Übernahme ab. Darüber hinaus hält die Bundesregierung weiter 12 % an der Commerzbank und will sich von diesem Anteil nicht trennen.
Für den Abwehrkampf hat die seit genau einem Jahr amtierende Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp die Renditeziele für die kommenden Jahre nach oben gesetzt. Zugleich lockt die Commerzbank ihre Aktionäre mit höheren Ausschüttungen – auch um sie vom etwaigen Verkauf ihrer Aktien an die Unicredit abzubringen. Und das Geschäft läuft rund: Im ersten Halbjahr 2025 hat der Dax-Konzern das beste operative Ergebnis in seiner 155-jährigen Firmenhistorie erzielt.
Riskante Kapitalmaßnahme
Durch einen „Kurs-Verdoppler“ seit Jahresanfang hat sich der Börsenwert der Commerzbank auf mehr als 36 Milliarden Euro erhöht. Die Strategie im Abwehrkampf, den eigenen Aktienkurs so hoch wie möglich treiben, um eine Übernahme so unattraktiv wie möglich zu machen, scheint also aufzugehen. Allerdings notiert die Aktie aktuell deutlich unter ihrem Ein-Jahres-Hoch bei 38,40 Euro, das sie am 22. August erreicht hatte.
Kritiker melden sich zu Wort, die dem Vorstand vorwerfen, mit dem Rückkauf eigener Aktien ein konkretes Übernahmeangebot zu beschleunigen. „Es besteht das Risiko, dass die Commerzbank unbeabsichtigt in eine strategische Falle tappt. Ich empfehle der Commerzbank, ihre Aktienrückkäufe komplett auszusetzen und bei ihren Ausschüttungen vorerst ausschließlich auf Dividenden zu setzen“, meint Roy Adams von der US-Investmentfirma Metronuclear, die 500.000 Commerzbank-Aktien hält.
Fundamental ist die Aktie gut bezahlt
Dazu kommt, dass eine wachsende Zahl von Analysten das kräftige Renditewachstum mit dem Höhenflug der Aktie weitgehend eingepreist sieht. So hat Kian Abouhossein von JPMorgan gerade sein Kursziel von 30 auf 33 Euro erhöht. Zugleich sieht er die Effekte jetzt als fair bewertet und sieht sie nur noch als Halteposition. Die Kursziele aller Analysten, die den Wert covern, liegen zwischen 22 und 35 Euro.
Bewertungstechnisch wird es für die Aktie mit einem 2026er-KGV von elf langsam dünn. Wer bereits investiert ist, sollte die bisherigen Buchgewinne genau durchrechnen. Liegen diese bei 50 % und darüber, empfiehlt es sich, bis zur Hälfte der bislang eingegangenen Positionen glattzustellen.
Kommt es tatsächlich zu einem Übernahmeangebot, erhöht sich die Rendite. Floppt die Transaktion, sollten die Gewinne aus den verkauften Aktien die zu erwartenden Kursverluste der „Coba“-Aktie mehr als kompensieren.
Foto: Commerzbank
Milliardäre gehören verboten!
Florian Beckermann – Mit dieser für wirtschaftlich denkende Menschen befremdende Aussage machte kürzlich ein Regionalpolitiker der prosperierenden Stadt Salzburg keinen Hehl aus seiner Einstellung. Dieser Aussage zugrunde liegt die Absicht eines Bürgers der Stadt, eine durch einen Tunnel führende Zufahrt zu seinem Wohnsitz zu schaffen.
Wie immer man die Wirtschaftlichkeit bzw. Sinnhaftigkeit eines solchen Anliegens beurteilt, so lange die Maßnahme privat finanziert wird und keinerlei Nachteile für die Allgemeinheit entstehen, gibt es keinen Grund zur Aufregung.
Es sei denn, man ist Teil der Neidgesellschaft. Dieser Gruppe, oft mit geringer Wirtschaftsbildung und häufig weniger erfolgreichen Menschen fällt es schwer zu ertragen, dass ein Teil der Mitmenschen ein größeres Vermögen besitzt als der andere Teil.
In Normalfall fällt einem das Vermögen ja nicht zu, außer man hat das seltene Glück, es zu erben. Im Normalfall ist es das Resultat intensiver Arbeit und der Bereitschaft, unternehmerisches Risiko zu tragen. Auch über mehrere Generationen hinweg und vor allem in Familienbetrieben. Gerade in Europa haben erfolgreiche Familienbetriebe nicht selten über hundert Jahre maßgeblichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg unseres Kontinents. Erfolgreiche Familienbetriebe geben hunderttausenden Menschen Arbeit und tragen so zur Entstehung des kollektiven Wohlstands bei. Sie finden gar manch-mal den lukrativen Weg an den Kapitalmarkt!
Doch diese bisher positive Entwicklung ist wieder akut gefährdet. Vor allem durch die absurde Wirtschaftspolitik von Parteien und Gesellschaftsgruppen, denen es an Wirtschaftskompetenz und an Leistungsbereitschaft fehlt. Obwohl diese Gruppen in den vergangenen Jahrzehnten wohl kaum zur Wohlstandsschaffung beigetragen haben, fühlen sie sich jetzt berufen, die Umverteilung von Vermögen zu fordern. Sie wollen auch einen Teil des Kuchens haben, den andere Menschen durch Leistung, Verzicht auf Freizeit und die Bereitschaft oft hohe Risiken zu tragen erwirtschaftet haben.
Neid, Unkenntnis oder Ignoranz der wirtschaftlichen Realität und letztlich mangelnde Bereitschaft eigene Arbeitsleistung einzubringen dürfen nicht belohnt werden!
Milliardäre gehören nicht verboten. Sie sind wichtige Stützen einer über Jahrzehnte gewachsenen Unternehmerstruktur. Sie setzen unternehmerischen Erfindungsgeist um. Sie investieren ihre Arbeitsleistung, ihr Kapital und sie tragen immense unternehmerische Risiken. Und sie schaffen hunderttausende Arbeitsplätze.
Diese stehen sicher auch jenen Mitgliedern der Neidgesellschaft offen, die eventuell bereit sein, sich aus der sozialen Hängematte zu schwingen und vielleicht doch einen produktiven Beitrag zur Gesellschaft zu leiten.
Autor Dr. Franz Jahn, MBA ist Unternehmensberater und Beirat im IVA, Interessenverband der Anleger
Europa hat weiterhin eine Chance für eine bessere Performance als die USA-Märkte
Ein Marktkommentar von Sebastian Schrott, Regional Portfolio Manager Equity bei T. Rowe Price.
(29.09.) Die wirtschaftlichen Aussichten sind ungewiss, vielleicht sogar noch mehr als sonst, angesichts der verschiedenen geopolitischen Probleme weltweit und in Europa. Dennoch sehen wir, auch wenn die Aussichten für die einzelnen Länder recht unterschiedlich aussehen, eine Chance für eine Verbesserung der europäischen Wirtschaft in 2026. Der Inflationsdruck hat nachgelassen, die Zinsen sinken und die europäischen Regierungen werden wirtschaftsfreundlicher. Nach erheblichen Belastungen für die Unternehmenskosten und die Haushaltsbudgets unmittelbar nach dem Ukraine-Krieg (höhere Energiepreise, höhere Zinsen, Lohninflation usw.) sind die verfügbaren Einkommen der Haushalte und die Bilanzen der Unternehmen heute in einer relativ stärkeren Position. Die Konsumausgaben und die Unternehmensaktivitäten waren in den letzten zwei bis drei Jahren rückläufig. Wenn sich die Stimmung verbessert – unterstützt durch eine bessere Wirtschaftspolitik, mehr geopolitische Stabilität und staatliche Konjunkturmaßnahmen in Ländern wie Deutschland – könnte das BIP-Wachstum 2026 wieder anziehen.
Zudem sehen wir das Potenzial für eine weiterhin bessere Performance in Europa. Zwar haben sich europäische Aktien im Jahr 2025 bislang besser entwickelt (insbesondere in vergleichbaren Währungen), doch ging dem eine rund 15-jährige Underperformance voraus. Die Kluft zwischen den Aktienbewertungen – in den USA recht hoch, in Europa eher angemessen – bleibt ebenfalls groß. Es gibt in Europa ein aufgestautes Potenzial für eine wirtschaftliche Erholung – die Aussichten in den USA sind weniger klar, da das Risiko einer höheren Inflation aufgrund höherer Zölle, einer sehr angespannten Haushaltslage und einer etwas unberechenbaren Politik besteht (auch wenn die beiden Volkswirtschaften selten völlig unabhängig voneinander sind). Ein Umfeld mit etwas höherer Inflation und normalisierten Zinssätzen ist für die europäische Sektorenzusammensetzung relativ gesehen ebenfalls günstiger als das extrem niedrige (negative) Zinsumfeld zwischen 2008 und 2022.
Adidas mit Potenzial
Unser Modell für die Aktienauswahl legt den Schwerpunkt vor allem auf die Attraktivität eines Unternehmens (einschließlich seiner Kapitalrendite und Wachstumsaussichten sowie qualitativer Faktoren), die Bewertung und die Geschäftsdynamik (ob sich die Fundamentaldaten in den nächsten 12 bis 18 Monaten beschleunigen oder verlangsamen). Ein Beispiel, das gut in unser Modell passt und derzeit eine bedeutende Position im Portfolio einnimmt, ist Adidas. Das Geschäft von Adidas ist attraktiv, mit hohen und sich weiter verbessernden Kapitalrenditen von rund 20 %, einem guten strukturellen Wachstum im attraktiven globalen Sportartikelmarkt und einem starken Managementteam. Die Bewertung ist nach dem Rückgang der Aktie in diesem Jahr auf ein KGV von etwa 16 für 2026, eine FCF-Rendite von 6-7 % und eine starke Bilanz attraktiv geworden. Wir glauben, dass das organische Umsatzwachstum mit fast 10 % robust bleiben kann und die operativen Margen das Potenzial haben, von etwa 6 % im Jahr 2024 und etwa 8 % im Jahr 2025 in den nächsten Jahren auf niedrige zweistellige Werte zu steigen – was auch die Kapitalrendite von Adidas weiter verbessern dürfte.
Übergewichtung im Immobilien- und Energiesektor
Innerhalb Europas sind wir derzeit in Deutschland übergewichtet und in Frankreich untergewichtet. Die Haushaltslage Deutschlands (Staatsverschuldung/BIP und Haushaltsdefizit) ist deutlich gesünder als die Frankreichs. Die deutsche Politik und Wirtschaftspolitik scheint sich unter der neuen Regierung zu verbessern, während die Lage in Frankreich schwieriger wird und für die nächsten ein bis zwei Jahre keine offensichtlichen einfachen Lösungen in Sicht sind.
Was die Sektoren betrifft, so sind wir in den Bereichen Immobilien und Energie übergewichtet, die in letzter Zeit wenig Beachtung fanden und mittelfristig attraktive Anlagemöglichkeiten bieten. Wir sind in den Bereichen Rohstoffe und zyklische Konsumgüter untergewichtet.
EU plant neue Steuer für Firmen
Das Budget 2028 bis 2034 sieht umsatzabhängige Extra-Steuer für Unternehmen vor.
Andreas Dolezal. Mitte Juli legte die EU-Kommission ihren Vorschlag für einen „ehrgeizigen und dynamischen“ Finanzrahmen für die Jahre 2028 bis 2034 vor. Die lange Vorlaufzeit ist notwendig, da auf politischer Ebene üblicherweise zwei Jahre lang über die Begehrlichkeiten der Kommission diskutiert und gestritten wird. Auch diesmal bergen die Ideen gehörige Sprengkraft.
Fast 2.000 Milliarden Euro
Für die Jahre 2021 bis 2027 begnügte sich die EU-Kommission mit einem Rahmen von 1,211 Milliarden Euro (exklusive „NextGeneration-EU-Paket“ als Reaktion auf die Corona-Pandemie). In die aktuelle Diskussion startet sie mit fast 2.000 Milliarden Euro, also einem 60 % höheren Budgetrahmen, der etwa 1,26 % des EU-Bruttoinlandsprodukts im Schnitt der Jahre 2028 bis 2034 entspricht. Diese stolze Summe ist wohl auch den aktuellen geopolitischen sowie wirtschaftlichen Herausforderungen geschuldet.
Neue Eigenmittel für die EU
Der neue EU-Budgetplan soll Europa mit langfristigem Investitionskapital ausstatten, das für eine „unabhängige, wohlhabende, sichere und florierende Gesellschaft und Wirtschaft“ sorgt. Der Finanzrahmen enthält unter anderem ein „ausgewogenes Paket neuer Eigenmittel“, das angemessene Einnahmen für die Prioritäten der EU-Kommission sicherstellen und gleichzeitig den Druck auf die nationalen Finanzen minimieren soll.
Unternehmen sollen zahlen
„Um sich selbst die Mittel zum Handeln zu geben, muss sich Europa auch mit einer modernen und diversifizierten Einnahmequelle ausstatten“, wirbt die EU-Kommission auf ihrer Internetseite, und stellt neue Geldquellen vor.
Neben „gezielten Anpassungen“, vulgo Verteuerungen, des EU-Emissionshandelssystems EHS und des CO2-Grenzausgleichssystems CBAM möchte sich die Kommission auch 15 % der nationalen Einnahmen aus den Tabaksteuern einverleiben. Alleine letztgenannte Idee würde die Mitgliedstaaten rund 11,2 Milliarden Euro jährlich kosten.
Unternehmen im Visier: CORE – Corporate Resource for Europe
Hinter dieser weiteren Geldquelle verbirgt sich ein jährlicher, umsatzabhängiger Pauschalbetrag, den alle in der EU tätige Unternehmen mit mindestens 100 Millionen Euro Jahresumsatz leisten sollen. Denn, so die Kommission in ihrem Arbeitsdokument, Unternehmen profitieren in vielerlei Hinsicht davon, in der EU geschäftlich tätig zu sein. Die EU spiele eine einzigartige Rolle beim Gewährleisten von Infrastruktur, Wachstum und Innovation, Umweltstandards, Bildung und Forschung, Sicherheit und Vielem mehr. Dafür sollen Firmen augenscheinlich extra bezahlen. So als ob die Abgabenlast nicht ohnehin schon hoch genug wäre.
50.000 Unternehmen betroffen
Die Kommission erwartet sich aus aus diesen Corporate-Resource-for-Europe-Einnahmen (CORE) von rund 6,8 Milliarden Euro jährlich. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) schätzt, dass von dieser Steuer EU-weit 50.000 Unternehmen betroffen sind, davon alleine 20.000 in Deutschland.
Die Höhe des jährlichen Pauschalbeitrages würde sich – unabhängig davon, ob das Unternehmen Gewinn erzielt, oder nicht – nach dem Umsatz richten. Betriebe mit einem Jahresumsatz von 100 bis 250 Millionen Euro sollen 100.000 Euro zahlen, jene mit 250 bis 500 Millionen Euro sollen 250.000 Euro abliefern, von 500 bis 750 Millionen Euro werden 500.000 Euro fällig, ab 750 Millionen Euro Jahresumsatz sind es 750.000 Euro. Diese Staffelung führt auch dazu, dass Unternehmen mit 750 Millionen Euro Umsatz unverständlicherweise genauso viel zahlen wie Konzerne mit Milliardenumsätzen.
Der bereits massive Widerstand aus Politik und Wirtschaft nährt jedoch die Hoffnung, dass CORE entweder ganz scheitert oder erheblich abgeschwächt wird.
Foto: AdobeStock / mpix-foto
UBM-CEO Winkler sieht Licht am Ende des Tunnels
Neue Anleihe soll Liquidität stärken und richtet sich vor allem an Privatanleger.
Marius Perger. „Erfolg in schlechten Zeiten schaut anders aus als Erfolg in guten Zeiten.“ Das sagte Thomas Winkler, CEO der UBM Development AG, vor einigen Monaten bei der Hauptversammlung. Die Frage, ob wir uns aktuell in guten oder schlechten Zeiten befinden, müsse man differenziert sehen, betonte er nun im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.
Zwar habe niemand erwartet, dass die Krise so lange dauert, doch es gebe eine gute Nachricht: „Wohnen ist aus der Krise heraus.“ UBM verkaufe derzeit im Schnitt 100 Wohnungen pro Quartal. Und die steigende Nachfrage führe aufgrund des gleichbleibenden Angebots auch zu einem Preisanstieg. „Extrem mühsam“ sei es allerdings nach wie vor im Bereich der Vermietung. Doch nach einer langen Durststrecke zeige sich auch hier Licht am Ende des Tunnels. Erste Indikatoren aus Deutschland würden darauf hinweisen, dass sich der massive Rückstau der vergangenen 18 Monate aufzulösen beginnt – ein Grund zur Entwarnung sei dies aber noch nicht, so Winkler.
Mit beigetragen zur positiven Entwicklung habe das Auslaufen der KIM-Verordnung. Denn damit sei bei vielen privaten Wohnungskäufern eine psychologische Barriere weggefallen: „Die KIM-Verordnung hat bei vielen potenziellen Käufern für Verunsicherung gesorgt – nicht unbedingt wegen ihrer praktischen Auswirkungen, sondern wegen der gefühlten Hürde. Wer will schon gern zurückgewiesen werden?“ Die nun etwas flexiblere Handhabung der Kreditvergabe habe UBM „im Jahresverlauf sicherlich geholfen, die hohe Verkaufsrate in Österreich zu halten“, so Winkler.
Nach wie vor schwierig sei die Situation im Büro-Bereich. Erst vor wenigen Tagen hat die heimische Finanzmarktaufsicht gewarnt, dass Risiken bei Gewerbeimmobilien präsent bleiben. Angesichts der Tatsache, dass es im Bürobereich nahezu keinen Neubau gebe, würden Bestandsvermieter die Konkurrenz darstellen. Und die seien „zu allem bereit, die Mieter zu halten“. Dennoch habe man zuletzt Mietverträge auf hohem Preisniveau abschließen können: „Es gibt Mieter, die bereit sind, das zu zahlen“, sagt Winkler.
Die guten Ergebnisse des zweiten Quartals – beim Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) wurde eine „schwarze Null“ erzielt – seien aber fast ausschließlich auf die positive Entwicklung beim Wohnen zurückzuführen gewesen. Winkler: „Wir können vom Wohnen leben. Aber nicht gut.“ Für das dritte und vierte Quartal erwartet der CEO wieder ein positives EGT, auch weil der Aufschwung beim Wohnen anhalten dürfte.
Neue Anleihe richtet sich an Privatanleger
War die Sicherung der Liquidität zuletzt vorrangig, so gehe es seit dem zweiten Quartal um „Liquidität und Profitabilität“, betont Winkler. Entscheidend sei es, keine Zweifel über die Anleihen-Rückzahlungen aufkommen zu lassen. Dank erfolgreicher Refinanzierungen seien im November nur noch 87 Millionen Euro und im nächsten Mai 110 Millionen Euro zurückzuzahlen. Gleichzeitig verfügte UBM zum Halbjahr über 167 Millionen Euro Cash. Das sei „riesig viel Geld“, so Winkler, aus Sicherheitsgründen sei man aber aufgrund der anhaltenden Krise nicht in der Lage, die Cash-Position zu reduzieren: „Wir fahren nach wie vor auf Sicht und halten einen größeren Sicherheitsabstand, als es unter normalen Umständen notwendig wäre.“
Und damit „möglichst wenig Geld für die Zukunft verloren geht“, launcht UBM nun eine weitere Anleihe, die vor allem der Reduktion der Rückzahlungsverpflichtung dienen soll. Dabei handelt es sich um einen „Senior Green Bond“, also eine „ganz normal vorrangig zu bedienende Anleihe“, mit einer Laufzeit von fünf Jahren und einem Coupon von 6,75 %.
Mit diesem vergleichsweise hohen Zinssatz wolle man „loyalen Gläubigern, die kontinuierlich bei uns investiert sind“ ein attraktives Angebot machen. Und mit einer Stückelung von 500 Euro wende man sich vor allem an Privatanleger. Winkler betont, dass UBM damit „einer der letzten Retail-Anleihen-Emittenten“ in Österreich sei. Man adressiere auch in der Ansprache ganz bewusst das Retail-Publikum und sei mittlerweile bei Anlegern ein „populärer Wert“ – das gelte auch für die Aktie.
Foto: Copyright Philip Horak
Bankenzukunft – digital und glaubwürdig.
Florian Beckermann. Für Selbstzufriedenheit ist im Bankensektor keine Zeit. Hand aufs Herz: Junge Kunden erwarten personalisierte, digitale Services. Eine Generation von Digital-Natives wächst mit Apps und Neobanken heran. KI und Krypto sind hier Standard und kein IT-Projekt vom Computer-Fuzzi, in dessen Büro Disketten gesammelt werden. Banken, die deren Erwartungen nicht erfüllen, gelten schnell als veraltet. Wir sprechen nicht von der Enttäuschung durch einen abgewiesenen Kreditantrag, sondern von einer extrem flexiblen Generation, der Tradition oder lokale Verbundenheit gleichgültig sind und die viel schneller abcancelt. Eine Generation, die allergisch auf unechte Typen reagiert, problemlos ausländischen Strukturen mehr zutraut und schlicht den „Anbieter“ wechselt oder herunterlädt – da klingt nicht mehr der biedere Begriff „Finanzinstitut“ durch. Wer sich noch als solches begreift, dem sei „Gute Nacht“ gewünscht. Unterstützt wird diese Generation des „IT-Anspruchs“ übrigens von vielen Aktionären, denen eine hohe Digitalisierungsquote mehr bedeutet als irgendeine erfolgreiche M&A-Transaktion mit langwierigen Integrationskosten – auch wenn man den Profit daraus mag.
Die innere Zerrissenheit des europäischen Bankensektors wäre so allein nicht erklärt. Was sind die Hindernisse, diesem Wettbewerb standzuhalten? Wie ein Anker in stürmischer See gilt insbesondere die komplexe Regulatorik und Aufsicht, als Sicherungsmechanismus für das dauerhafte Andenken an die abgehobenen „Institute“. Ohne mit EU-Akronymen und Details zu nerven: Eine regulatorische Resilienz wird sich wohl auch durch Banking-Systeme und integrierte Plattformen erreichen lassen? Ob diese (globale) Herausforderung überall gleich angesehen ist, kann man gern bezweifeln. Einige weitreichende Optimierungsmöglichkeiten sind jedenfalls zu prüfen. Bankmanagement ist hier gefragt, und dass nicht seit gestern.
Den Bankmitarbeitern kommt in dieser Transformation eine besondere Rolle zu. Einen Wettbewerb um das Abdrehen des letzten Lichtschalters wird es kaum geben. Die Lust, sich selbst durch Computersysteme oder KI abzuschaffen, wird sich in Grenzen halten. Im Verhältnis zu einer komplexen Regulatorik sind sie jedoch das betriebswirtschaftlich leichter zu optimierende Managementsubjekt. Auch das ist keine neue traurige Erkenntnis.
Der legendäre Mut von Österreichs Banken kann sich daher nicht in einer Osteuropa-Expedition erschöpfen. Sich von der Hoffnung zu nähren, dass sich irgendwann jemand findet, der das IT-Best-of der Branche umsetzt, ist keine tragfähige Strategie. Womöglich ist dann bereits signifikanter Marktanteil verloren.
Dies weist auf die Schlüsselqualifikation hin: Die interne Glaubwürdigkeit für den Transformationsprozesses, sowie die externe Glaubwürdigkeit, die Interessen einer Generation verstanden zu haben, sind Führungsaufgaben, die offen gelebt werden müssen. Nur dann ist eine Koexistenz bei digitaler Überlegenheit der Konkurrenz möglich.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Capital Group zur Leitzinsentscheidung der Bank of Japan
Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, kommentiert:
(19.09.) „Die Entscheidung der Bank of Japan (BoJ), die Zinsen unverändert zu lassen, unterstreicht ihre vorsichtige Haltung angesichts der nachlassenden Inflation und der globalen Unsicherheit: Stabilität hat Vorrang vor einer verfrühten Straffung. Durch die Beibehaltung ihrer politischen Flexibilität signalisiert die BoJ ihre Bereitschaft, auf externe Volatilität zu reagieren und gleichzeitig die Stärke der wirtschaftlichen Erholung Japans weiter zu bewerten.
Im Gegensatz zu den USA und Europa, wo die Zentralbanken zu Zinssenkungen neigen, erfordern die makroökonomischen Bedingungen in Japan einen bedächtigeren Ansatz. Die Strategie der BoJ unterstützt die frühen Phasen eines Reflationszyklus, anstatt eine Kehrtwende einzuleiten. Wir gehen davon aus, dass der Yen mit dem Verringern der Zinsunterschiede allmählich an Wert gewinnen wird, was die Kaufkraft Japans stärkt und die Binnennachfrage stützt.
Auch strukturelle Rückenwindfaktoren gewinnen an Dynamik. Reformen der Corparate Governance, steigende Löhne und höhere Investitionsausgaben beflügeln den Binnenkonsum und die Produktivität. Da Japan seine Rolle als globale Handelsmacht stärkt, bleiben wir hinsichtlich seines langfristigen Wachstumskurses optimistisch.
Für langfristige Anleger ist dies ein guter Zeitpunkt, um die Chancen in Japan neu zu bewerten. Wir sehen weiterhin Wertpotenzial in Sektoren wie dem japanischen Industrie-, Fertigungs- und Automobilsektor – Branchen, die gut positioniert sind, um Handelshemmnisse zu meistern und von den Veränderungen in der globalen Lieferkette zu profitieren. Wir glauben, dass Japan für Anleger, die nach Wachstums- und Ertragsmöglichkeiten suchen, nach wie vor ein attraktives Ziel ist.“
Wie Anleger ihr Depot aufrüsten können
Geopolitische Spannungen erhöhen den Bedarf an Sicherheit. Das bietet neue Investmentchancen.
Raja Korinek. Die Kriege in der Ukraine sowie im Nahen Osten toben weiter. Und so mehren sich die Schlagzeilen zur globalen Aufrüstung. Vor wenigen Tagen verkündete Dänemark sein Interesse am Kauf von Langstrecken-Präzisionswaffen. In Australien gab Verteidigungsminister Richard Marles den Ausbau einer Werft für atombetriebene U-Boote in Höhe von umgerechnet 6,8 Milliarden Euro bekannt. Frankreich hat jüngst mehrere Kampfflieger nach Polen geschickt.
Dabei hatten die globalen Rüstungsausgaben bereits 2024 mit 2,72 Billionen US-Dollar ein Rekordhoch erreicht. Dies geht aus Zahlen des „Trends in World Military Expenditure 2024“-Berichts des schwedischen Forschungsinstituts „Stockholm International Peace Research Institute“ hervor. Gut möglich, dass die Zahl heuer nochmals übertroffen werden könnte.
Unternehmen aus der Verteidigungs- und Rüstungsbranche sowie aus dem Software- und Cybersektor verdienen derzeit gutes Geld, ihre Aktienkurse sind teils stark gestiegen. Andreas Bartels, Analyst bei der deutschen Ratingagentur Scope, hebt weitere Merkmale der Branchenkonzerne hervor: Sie profitieren oftmals von staatlichen Aufträgen und seien in internationale Sicherheitsnetzwerke stark eingebunden. Auch die geopolitischen Entwicklungen haben einen Einfluss auf die Auftragslage.
Regionaler Fokus in der Produktpalette
Für Anleger, die breit gestreut in den Sektor investieren wollen, gibt es solch eine Möglichkeit mit börsengehandelten Indexfonds ETFs (Exchange Traded Funds) sowie aktiv verwalteten Fonds. Viele der Produkte wurden erst in jüngster Vergangenheit lanciert. Scope nahm die Entwicklung zum Anlass, sich die Entwicklungen anzusehen.
Eines fällt auf: „Zunächst wurden vor allem global ausgerichtete Rüstungsfonds aufgelegt, inzwischen rücken verstärkt Produkte mit europäischem Fokus nach und zuletzt auch mit jenem auf den indopazifischen Raum.“ Inzwischen gibt es 20 in der EU zugelassene Produkte mit einem gesamten verwalteten Vermögen von 13,3 Milliarden Euro (per 3.9.).
Bartels unterstreicht ein weiteres Detail. So liegen die laufenden Kosten der ETFs in einer Spanne von 0,18 bis 0,65 %, während die aktiv gemanagten Rüstungsfonds mit 1,20 bis 1,95 % jährlichen Kosten teurer sind. Die laufenden Kosten setzen die im Fonds anfallenden jährlichen Kosten, vor allem für das Management, in Relation zum Fondsvolumen.
Liquidität im Fokus
Auch der Blick auf die Volumina offenbart Interessantes, sie sind maßgeblich für die Liquidität. Die größten ETFs sind der „VanEck Defense UCITS ETF“ (5,8 Milliarden Euro) – mit einem globalen Fokus – sowie der „WisdomTree Europe Defence UCITS ETF“ (3 Milliarden Euro).
Anleger, die ihren Fokus in Richtung Asien legen wollen, können dies mit dem „Future of Defence Indo-Pacific ex-China UCITS ETF“ tun. Darin ist Südkorea mit fast 60 % am höchsten gewichtet, gefolgt von Japan und Australien. Hanwha Aerospace aus Südkorea sicherte sich etwa einen Auftrag über 270 Milliarden Korea Won von DAPA („Defense Acquisition Program Administration“, die für den Rüstungsaufbau im Land zuständig ist) zur Lieferung von Robotern, die Sprengstoff aufspüren können. Mitsubishi Heavy Industries mischt in Japans Rüstungsindustrie stark mit, der Konzern baut U-Boote sowie Raketen – etwa die H3, eine mittelschwere Trägerrakete. Bei allen Produkten und Aktien sind auch Verluste möglich, etwa dann, wenn angestrebte Friedensverhandlungen fruchten sollten.
Foto: Pixabay / DiceME
Sachwerte immer öfters als Zuflucht
Immobilien, Gold und Infrastruktur als Bollwerk gegen Inflation und geopolitische Unsicherheit.
Michael Kordovsky. Der Goldpreis ist in den vergangenen fünf Jahren in Euro gerechnet um knapp 89 % gestiegen (per 17.9.); auf Jahressicht liegt das Plus sogar bei
35 %. Fakt ist, dass Gold nach den hohen Inflationsraten der beiden Jahre davor im Jahr 2024 mit einem Plus von mehr als 34 % aufgeholt hat. Nicht umsonst halten die Vermögensverwalter von Flossbach von Storch in ihrem „Multiple Opportunities II – R“, einem aktienorientierten Mischfonds, rund 10 % Gold als eine Art „Feuerversicherung“ gegen bekannte und unbekannte Risiken des Finanzsystems.
Dass dies seine Berechtigung hat, zeigt eine Publikation von Rothschild & Co mit dem Titel „Unverhofft kommt oft? Inflation und die Entwicklung von Anlageklassen“ aus dem Jahr 2022: Demnach habe Gold Im Zeitraum von 1971 bis 2021 ab Inflationsraten von 6 % die höchste durchschnittliche reale Performance gezeigt, und zwar von 17,8 % bei einer US-Inflationsrate von 6 bis 8 % und sogar von 22 % im Falle von mehr als 8 % Inflation. In einem Niedriginflationsumfeld von 0 bis 2 % habe sich Gold dagegen im Schnitt leicht negativ entwickelt. Aktien hingegen florieren in einem Umfeld niedrigerer Inflationsraten, bieten aber bei hoher Volatilität im Falle einer Hyperinflation einen realen Vermögenserhalt – so Erfahrungswerte aus Deutschland in den Jahren 1920 bis 1923.
Immobilien als Dauerbrenner
Wer Geld oder Zugang zu günstigen Finanzierungen hat, flieht in unsicheren Zeiten in Betongold – eine Entwicklung, die zwar durch höhere Zinsen 2023 und 2024 etwas gebremst wurde, aber immer noch intakt ist. Wirft man einen Blick auf den von der OeNB veröffentlichten Wohnimmobilienpreisindex, dann ist im Zeitraum 2007 bis zum 2. Quartal 2025 in Wien der Preis für gebrauchte Wohnungen um 5,3 % p.a. gestiegen. Im Falle vermieteter Wohnungen kommen dann noch laufende Mieteinnahmen hinzu. Aktuell sind bei gebrauchten Wohnungen Mietrenditen von 4 % und teilweise auch mehr durchaus erzielbar und unter freien Marktbedingungen gäbe es sogar eine Steigerung der Mieterträge im Einklang mit dem Verbraucherpreisindex. Wer hierzulande als Vermieter mit gewissen Rahmenbedingungen nicht ganz zufrieden ist, findet im Falle von geplanten Immobilienkäufen, die ausschließlich mit Eigenmitteln getätigt werden, in Ländern wie Albanien, Serbien, Rumänien und der Türkei noch lukrative Wohnungsmärkte mit Angeboten zu erschwinglichen Preisen.
Infrastruktur-Aktien
Weitere Möglichkeiten sind Infrastrukturaktien bzw. „Listed Infrastructure“. Der Vorteil: Einschlägige Fonds und ETFs ermöglichen auch kleinere Investmentsummen zur Portfoliodiversifikation. In den vergangenen Jahren ist diese Anlagekategorie wieder zu neuem Leben erwacht, da Unternehmen, die im Bereich der Infrastruktur tätig sind, je nach Segment über eine – mehr oder weniger starke – Pricing-Power verfügen. Im Einklang mit der Teuerung steigen dann die Einnahmen dieser Firmen. Der 75 Werte der Cluster Energie, Transport und Versorger enthaltende S&P Global Infrastructure Index brachte es in Euro in den vergangen zehn Jahren umgerechnet auf eine Performance (Total Return) von 8,14 % p.a. (Stichtag 16.9.). Auf Jahressicht liegt das Plus bei 10,4 %. Dabei stimmen auch die Fundamentaldaten mit einem Forward-KGV von 18,9 bei einer indikativen Dividendenrendite von 3,66 % (per 29.8.).
Schutz gegen Geldentwertung
Geldanlagen kosten Spesen und die realisierten Erträge müssen versteuert werden. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob jemand sich ausschließlich mit 1,50 bis 1,75 % p.a. auf Festgeldkonten zufriedengibt und im Umfeld von Inflationsraten um die 4 % Jahr für Jahr einen schleichenden realen Wertverlust erleidet, oder die Geldanlage selbst in die Hand nimmt und mit Aktienfonds/ETF-Sparplänen, Infrastruktur-Fonds/ETF-Investments, Goldsparplänen und im Falle größerer Summen auch Anlageimmobilien diversifiziert. In letzterem Fall wären die Cash-Reserven auf einen „Notgroschen“ beschränkt und das veranlagte Geld beginnt zu arbeiten. Die erwarteten Bruttorenditen sollten dabei insgesamt über der Inflationsrate liegen. Zwar kann nach Abzug von Kosten und Steuern auch hier niemand einen realen Vermögenserhalt garantieren, doch die Ausgangsposition ist in Form wesentlich höherer Performance-Erwartungswerte als auf dem Sparkonto eine wesentlich bessere.
Foto: AdobeStock / Subbotina Anna
Bauwerksbuch wird für Immobilien-Eigentümer Pflicht
Die Wiener Bauordnung schreibt für Altbauten die Erstellung eines „Bauwerksbuches“ in den nächsten Jahren vor.
Marius Perger. Bis spätestens 31. Dezember 2027 sind Eigentümer bzw. Miteigentümer von Gebäuden, die vor dem 1. Jänner 1919 errichtet wurden, in Wien zur Registrierung eines Bauwerksbuches verpflichtet. Für Gebäude, die vor dem 1. Jänner 1945 errichtet wurden, besteht die Verpflichtung per 31. Dezember 2030. Ein Bauwerksbuch muss unter anderem alle Baubewilligungen für das Gebäude, den Zeitpunkt der erstmaligen Überprüfung, Intervalle für weitere Überprüfungen, Ergebnisse der Überprüfungen, sowie festgestellte Mängel und einen Plan zu deren Behebung enthalten.
In der Bundeshauptstadt sind laut Statistik Austria davon mehr als 32.000 vor 1919 errichtete Gebäude sowie rund 25.000 zwischen 1919 und 1945 errichtete Gebäude betroffen. Der Börsen-Kurier sprach dazu mit den beiden Ziviltechniker Ferdinand und Michael Toms.
Häuser sollen erhalten bleiben
„Wir begrüßen diese Regelung als Planer ausdrücklich“, sagt Ferdinand Toms. Es gehe darum, dass der Zinshausbestand in Wien erhalten bleibt. Aber nicht nur in Wien: Zu vermuten sei, dass ähnliche Regelungen auch in anderen Bundesländern kommen werden.
Die Verpflichtung zur Erhaltung habe es in der Wiener Bauordnung eigentlich „immer schon“ gegeben; dazu empfehle Önorm B1300, wie oft gewisse Bauteile untersucht werden müssen. Allerdings fehle häufig die Kontrolle, denn die Behörden hätten limitierte Ressourcen, so Ferdinand Toms. Michael Toms ergänzt, dass die neue Verpflichtung auch Vorteile für den Eigentümer hat: Er könne präventiv Schäden erkennen, die später teuer werden, ein Budget planen und werde nicht durch Schäden überrascht. Nun dränge allerdings bereits die Zeit, vor allem Termine für die verpflichtende Planeinsicht bei der Magistratsabteilung 37 (Baupolizei) könnten einen Engpass darstellen. „Viele werden es zeitlich nicht schaffen und dann im Schadenfall Probleme bekommen“, glaubt Ferdinand Toms.
Folgen für Versicherer
Versicherungen werden sich wohl überlegen müssen, wie sie mit dieser neuen Regelung umgehen, vermutet er. Denn die Verpflichtung betreffe explizit versicherte Sachen: „Das ist, wie wenn jemand ohne Führerschein fährt.“ Beim Bauwerksbuch gehe es zwar nicht um den Wert des Gebäudes, sondern um Statik und eine mögliche Gefahr für Leib und Leben. Für Versicherer sei es aber natürlich wichtig, dass Häuser kontrolliert und überwacht werden. Der Ziviltechniker erwartet auch, dass zukünftig das Bauwerksbuch als Grundlage in Versicherungsgutachten verwendet wird. Die Mehrzahl der Häuser in Wien sei aber „in Ordnung“, es gebe „nur ganz wenige Häuser, die lebensgefährlich sind“, weiß er aus langjähriger Erfahrung.
Versicherer zeigen sich vorbereitet
Wir haben bei heimischen Versicherern gefragt, ob sie von dieser Verpflichtung betroffen sind und welche Kosten sie dafür erwarten. Antworten erhielten wir von der Generali, der Helvetia, der Uniqa und der Zürich.
„Als Eigentümerin der berühmten Wiener Ankeruhr und weiterer historischer Gebäude“ sei Helvetia von der Verpflichtung zur Erstellung eines Bauwerksbuches betroffen, so Vorstand Andreas Bayerle. Insgesamt würden sich 18 Objekte, die vor 1945 errichtet wurden, im Besitz des Versicherers befinden. Helvetia bereite sich rechtzeitig auf die Umsetzung vor, Ziel sei es dabei, die Vorgaben sorgfältig zu erfüllen und die Bestandsgebäude ordnungsgemäß zu dokumentieren. Kosten dafür würden von der Größe und vorhandenen Dokumentation abhängen und ließen sich derzeit nur grob abschätzen.
Man habe sich frühzeitig mit dem Thema auseinandergesetzt und plane die Erstellung der Bauwerksbücher für die betroffenen Liegenschaften noch heuer, so die Zürich. Die damit betroffenen Aufwände für erstmalige Erstellung und laufende Pflege würden derzeit intern bewertet.
Bestand bereits gut dokumentiert
Uniqa betont, den Zustand der Immobilien im Portfolio bereits bisher sorgfältig und auch in digitaler Form dokumentiert zu haben. Die Umsetzung des Bauwerksbuches sei daher ein eher überschaubarer Schritt im „professionellen Immobilienmanagement“ des Konzerns. Die Umsetzung des verpflichtenden Bauwerksbuches sei ein weiterer Schritt im Bereich der Gebäudedokumentation. Aus dem Blickwinkel des Immobilien Asset Managements von Uniqa werden aber keine Auswirkungen hinsichtlich Risikobewertung des Portfolios gesehen.
Generali schreibt uns, dass die Fristen selbstverständlich erfüllt werden; das Immobilienportfolio werde laufend instandgehalten und verfüge bereits über umfangreiche Dokumentationen. Im Zuge der geplanten Umsetzung werden daher keine Überraschungen erwartet.
Auswirkungen auf Versicherungsnehmer
Zur Frage, welche Auswirkungen die Verpflichtung für Versicherungsnehmer haben wird, erklärt Zürich, dass die zuständige Fachabteilung derzeit prüfe, inwiefern ein regelmäßig gepflegtes Bauwerksbuch auch Einfluss auf die Versicherbarkeit oder die Prämiengestaltung hat. Eine vollständige und nachvollziehbare Dokumentation könne jedenfalls eine fundierte Risikoeinschätzung erleichtern und somit auch versicherungsrelevante Aspekte positiv beeinflussen.
Für Uniqa kann ein vollständiges und aktuelles Bauwerksbuch die Versicherbarkeit eines Gebäudes verbessern, da es wichtige Informationen zur Gebäudesicherheit liefert. Es habe jedoch keinen direkten Einfluss auf die Versicherungsprämie.
Foto: Toms Ziviltechniker GmbH
Trump-Administration sägt an Rechnungslegungsstandards IFRS
Florian Beckermann. An Merkwürdigkeiten aus den USA ist man in der zweiten Trump-Administration bereits gewöhnt. So passt auch dieser Vorstoß des SEC-Vorsitzenden Paul Atkins ins Bild, den er vergangene Woche in Paris anlässlich seiner Antrittsrede bei der OECD formulierte: Die Trump-Administration wehrt sich massiv gegen „ESG“ und schreckt vor extremen Maßnahmen nicht zurück. Das Drohszenario: Die Internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS und deren Anwendung in den USA. Durch eine „Überleitungsvorschrift“ gelten seit 2007 in den USA „Sonderregelungen für ausländische Emittenten“, die Zugang zu den US-Kapitalmärkten haben. Diese können Finanzberichte vorlegen, die gemäß den International Financial Reporting Standards (IFRS) des International Accounting Standards Board (IASB) erstellt wurden, ohne dass eine Überleitung auf US-GAAP erforderlich ist. Durch den Einfluss der IASB-Schwesterorganisation ISSB (International Sustainability Standard Board) befürchtet die US-Administration, dass die Finanzberichterstattung „als Hintertür zur Durchsetzung politischer oder sozialer Agenden“ genutzt wird. Atkins stellte fest, dass man die Überleitungsvorschrift schlicht streichen könnte. Was natürlich kaum sinnvoll durchsetzbar ist, ohne nicht massiven Schaden für US-Investoren anzurichten.
So sinnierte der SEC-Chairman über eine komplexe Daumenschraube, der Finanzierung des IASB und ISSB über die unabhängige IFRS-Foundation. Eine Stiftung die
über verschiedene Einkommensquellen verfügt, aber zuweilen auf der Geldsuche ist. Atkins formulierte es so: „Wir alle haben ein großes Interesse daran, dass der IASB vollständig finanziert und einsatzfähig ist, und ich ermutige die IFRS-Stiftung, ihr Ziel
einer ‚stabilen Finanzierung‘ zu erreichen, bei der der IASB und sein Fokus auf Standards für die Rechnungslegung Vorrang vor zweifelhaften und spekulativen Themen haben. Wenn der IASB keine vollständige, stabile Finanzierung erhält, könnte eine der Grundvoraussetzungen für die Streichung der Überleitungsvorschrift für ausländische Unternehmen durch die SEC im Jahr 2007 nicht mehr gegeben sein, und wir müssten diese Entscheidung möglicherweise rück-wirkend überprüfen.“
Das Spiel mit dem Geldhahn der IFRS-Standardsetzer mag nicht freuen. Es wirkt wie ein beinahe typische Trump-Maßnahme gegen eine vermeintlich- gegnerische Interessengruppe. In der Tat hat das ISSB in der Vergangenheit zwar konservativ, aber verhältnismäßig konstruktiv die europäischen Ideen in Sachen Nachhaltigkeit aufgegriffen. So ist davon auszugehen, dass neben der EU auch das ISSB aktuell in Sachen Berichterstattungspflichten auf Druck der Industrie wieder zurückrudern wird – das oft zitierte Omnibus-Verfahren wirft seine Schatten voraus. Man fragt sich, ob Atkins mit seiner Drohung daher generell richtig unterwegs ist.
Manch ein Investor mag in diesem Zusammenhang die Historie der IFRS Revue passieren lassen und melancholisch an alte UGB-Abschlüsse zurückdenken. Nicht wenige sehen die IFRS als Wurzel vieler Übel und wünschen sich alte Zeiten. Doch Vorsicht mit dem Wünschen, es kann teuer werden.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Trügerische Ruhe vor dem Sturm?
Die unterschiedliche Entwicklung der Wirtschaftssektoren mahnt zu Wachsamkeit.
Roman Steinbauer. Sich abzeichnende Zinssenkungen in den Vereinigten Staaten stimulieren nach wie vor die Notizen an den Finanzmärkten. Schwache Öl- und Gaspreise sorgen zusätzlich für Auftrieb. Doch könnte sich dies als trügerisch erweisen. Anhand mehrerer Indikatoren wird ebenso deutlich: Die Risikoaversion reduzierte sich sowohl bei institutionellen als auch bei Privatanlegern seit dem Frühjahr stetig. Selbst passiven Börsen-Beobachtern entgeht die derzeit vorherrschende Ignoranz der Kapitalmärkte gegenüber strukturellen Schieflagen und globalen Unsicherheiten nicht. Investoren sehen dazu weder die gefährdete Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed, hohe Marktbewertungen, noch schwächelnde Arbeitsmarktdaten in westlichen Volkswirtschaften oder die ausufernde Haushaltsschieflage Frankreichsals Kaufhemmnis.
USA: Nur die Gesamtdatenlage passt
Wie der New Yorker Marktkorrespondent der Financial Times (FT), George Steer, in einem Beitrag am 4. September anführte, laufe die US-Wirtschaft zunehmend einer gespaltenen Gewinnentwicklung der diversen Wirtschaftssektoren entgegen. Steer weist dabei explizit auf die aufgehende Schere zur Profitabilität der einzelnen Sektoren hin. Während die Margen im Bankensegment und im Umfeld der Technologiegiganten auf der einen Seite zunehmen, strauchelt diese Kennzahl bei immer mehr Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf einer verbraucherorientierten Basis stünden. Die FT gibt zu bedenken, führende Indizes wie der S&P 500, zuletzt wiederum auf einen Höchststand geklettert, seien in erster Linie durch Titel wie JPMorgan, Goldman Sachs, Meta, Apple oder Microsoft, deren Quartalsergebnisse jüngst glänzten, angetrieben. Der Analyst verweist auf den Umstand, wonach der Großteil der „Corporate America“-Gesellschaften mit erodierenden Profiten und den Unwägbarkeiten der Zollpolitik durch die Trump-Administration kämpfe. Dabei stützt sich Steer auf Zahlen des Analysehauses FactSet Data aus Connecticut, wonach von der US-Konsumgüterbranche bis zu Materialverarbeitern die Gewinne im vergangenen Quartal auf Jahresbasis zwischen 0,1 und 5,0 % schmolzen. Ebenso wies die Investmentabteilung der Société Générale zuletzt für 52 % der im S&P 500 gelisteten Unternehmen fallende Gewinnmargen aus. Diese Ertragsschwäche sei laut der Bank ein Prozess, der punktuell selbst bei Umsatzsteigerungen zu beobachten sei. Daraus sei zu schließen, der Kostendruck könne seitens der Unternehmen immer weniger auf die Verkaufspreise umgewälzt werden.
Potenzial an Enttäuschungen bedroht Bewertungen
Nach Angaben der Investoren-Plattform TradingView stand das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der im S&P 500 enthaltenen Werte am 9. September im Median bei dem Faktor 30. Die Dividenden-Rendite lag hingegen bei dünnen 1,18 % – ein Wert, der sich, abgesehen von der Internet-Blase im Jahr 1999, zuvor nie so mager ausnahm. Des Weiteren setzte sich laut der Nachrichtenagentur Bloomberg auch eine kaum gesehene spekulative Welle fort, in der Währungen wie der US-Dollar geliehen werden, um extrem hohe Zinssätze in der türkischen Lira und dem argentinischen Peso zu generieren. Diese beiden Positionen, der im Finanz-Universum genannten „Carry Trades“, machen unterdessen 45 bzw. 31 % des Aktionsvolumens aus. Da Glattstellungen derartig einseitiger Gewichtungen in der Vergangenheit meist zu Verwerfungen führten, sei ein weiterer möglicher Brennpunkt vorhanden.
Foto: AdobeStock / Ben
ATX-Aufsteiger im Börsen-Kurier-Check
Porr und Strabag haben trotz jüngster Kursanstiege weiteres Potenzial. (17.09.)
Michael Kordovsky. Die 1869 gegründete Porr AG ist das am längsten an der Wiener Börse gelistete Unternehmen, während die Geschichte der Strabag-Gruppe 1835 mit der Gründung des Familienhandwerksbetriebs Anton Lerchbaumer in Spittal, dem Ursprung der ILBAU, beginnt. Beide Aktien haben sich binnen eines Jahres im Kurs mehr als verdoppelt.
Strabag – Profiteur des deutschen Infrastrukturprogramms
Strabag zählt mit einem Leistungsvolumen von 19,2 Milliarden Euro im Jahr 2024 zu den führenden Unternehmen in Zentral- und Osteuropa. 36 % davon fallen auf Transportinfrastruktur und 8 % auf den Tunnelbau. Das Unternehmen erwirtschaftete im ersten Halbjahr 2025 eine im Jahresvergleich um 7 % höhere Leistung von rund 8,9 Milliarden Euro, wobei die Hälfte der Leistungssteigerung auf die Erstkonsolidierung der Georgiou Group in Australien zurückzuführen ist.
Australien trug Ende Juni 2025 bereits rund 660 Millionen Euro zum Auftragsbestand bei, der insgesamt im Jahresvergleich um 13 % auf 28,4 Milliarden Euro wuchs, was u.a. auf Projektakquisitionen in den Bereichen Bahnbau, Energieinfrastruktur, High-Tech-Bauten sowie Universitäts- und Forschungseinrichtungen zurückzuführen ist. Zu den positiven Entwicklungen sagte Erste-Group-Analyst Michael Marschallinger zum Börsen-Kurier: „Die Strabag ist am deutschen Straßeninfrastrukturmarkt unangefochtener Marktführer und sollte daher entsprechend vom angekündigten 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket profitieren.“ Für die Erste Group ist Strabag der Hauptnutznießer innerhalb deren Coverage-Universums, „was vor allem auf das bedeutende Engagement des Unternehmens auf dem deutschen Markt zurückzuführen ist“. „Diese Mittel dürften Strabag in den kommenden Jahren eine hohe Kapazitätsauslastung in Deutschland sichern“, so Marschallinger.
Porr kann qualitativ wachsen
Der Schwerpunkt von Porr liegt in der DACH-Region sowie in Polen, Rumänien, Tschechien und Slowakei. Wichtige Bereiche des Unternehmens sind Tunnel-, Brücken-, Straßen- und Bahnbau. Eine deutliche Ausweitung der Infrastrukturprojekte fand im ersten Halbjahr 2025 in einem Anstieg des Auftragseingangs um 25,4 % auf 4,05 Milliarden Euro Ausdruck. Dazu Stefan Scharff, Analyst bei SRC Research in Berlin, gegenüber dem Börsen-Kurier: „Porr gewinnt zahlreiche neue Eisenbahnbau- und andere Infrastrukturaufträge, beispielsweise in Rumänien und Polen, wo im zweiten Quartal Bahnaufträge im Wert von 818 Millionen Euro lukriert werden konnten. Generell war der Tiefbau ein Wachstumsmotor, der bis Ende Juni gegenüber Jahresende 2024 einen weiteren Zuwachs des Auftragsbestands um über 10 % auf 9,4 Milliarden Euro ermöglichte.“ Das sollte sich positiv auf die Rentabilität auswirken. „Porr ist damit nämlich in der glücklichen Ausgangsposition, sich bei neuen Projekten die margenträchtigsten Aufträge aussuchen zu können, was sich positiv auf die Zielerreichung auswirken sollte. Ihr für 2030 gestecktes Ziel einer Ebit-Marge von 3,5 bis 4,0 % sollte nach unseren Schätzungen bereits 2027 (3,5 %) möglich sein, nach rund 3,0 % im laufenden Jahr“, erklärt Scharff. Mit der steigenden Rentabilität sollte auch eine Verbesserung der Eigenkapitalquote von 20,9 % im Jahr 2024 auf 25,7 % bis 2027 einhergehen. SRC Research stuft die Aktie auf „Buy“ mit einem Kursziel von 35 Euro.
Analysten sehen Strabag solide aufgestellt
Strabag konnte laut Angaben in der aktuellen Präsentation „Strabag Investment Case“ im Zeitraum von 2015 bis 2024 das Ebit von 341 Millionen Euro auf 1,06 Milliarden Euro steigern, während sich die Ebit-Marge von 2,6 auf 6,1 % verbesserte. Das Unternehmen verfolgt eine interessante Diversifikationsstrategie, was im laufenden Jahr die Übernahme der WTE Wassertechnik GmbH, Essen zeigt, durch die man zum Komplettanbieter für Wasserinfrastruktur aufsteigt (kombiniertes Portfolio mit 400 Millionen Euro Jahresleistung). WTE plant, finanziert, baut und betreibt Projekte in den Bereichen Abwassermanagement, Wasserversorgung, Klärschlammbehandlung und Energierückgewinnung in Europa und dem Nahen Osten.
Die Netto-Cash-Position stieg binnen zwölf Monaten bis Ende Juni um 15 % auf 1,87 Milliarden Euro. Das ist bei einer bilanziellen Eigenkapitalquote von 32,4 % eine solide Basis. Die Analysten der Erste Group stufen Strabag auf „Akkumulieren“ mit einem Kursziel von 93 Euro bei weitgehend unveränderten Gewinnschätzungen für 2025 und 2026. Marschallinger sagt in diesem Zusammenhang gegenüber dem Börsen-Kurier: „Allerdings hat sich der Aktienkurs in diesem Jahr annähernd verdoppelt und mit KGVs von 15,9x und 15,6x für 2025e und 2026e notiert die Strabag mit Prämien gegenüber Peer-Unternehmen. Auf der anderen Seite – und dies unterstützt unsere positive Empfehlung – steht die überragende Bilanz mit Netto-Cash-Position von geschätzt 2,6 Milliarden Euro Ende 2025e, die die EV/Ebitda-Bewertungen weiterhin attraktiv machen (4,3x und 4,0x für 2025e bzw. 2026e).“ Zudem geht er in den Jahren 2025 bis 2029 im Schnitt von 4,4 % Ebitda-Wachstum aus, während die Nettogewinne bei steigenden Umsätzen und gleichzeitig steigenden Margen im Schnitt um 6,2 % wachsen sollten. Der Schätzungskonsens von MarketScreener rechnet indessen damit, dass, der Gewinn/Aktie von 2025 bis 2027 von 5,62 auf rund 6,55 Euro steigt.
Wachstumsdynamik bei Porr
Porr konnte von 2021 bis 2024 das Betriebsergebnis (Ebit) von 95,2 auf 158,4 Millionen Euro steigern und war in der Lage die Ebit-Marge von 1,8 auf 2,6 % zu verbessern. Ein Kostensenkungsprogramm ermöglichte eine Reduktion der Overhead-Kosten von 8,2 % im Jahr 2020 bis 2024 auf 7,6 % des Umsatzes.
Patrick Speck, Senior Analyst bei Montega AG (Hamburg), stuft die Aktien von Porr auf „Kaufen“ mit einem Kursziel von 36 Euro. Zu den Möglichkeiten äußert er sich gegenüber dem Börsen-Kurier wie folgt: „Die größten Chancen sehe ich in Deutschland, aber auch in Osteuropa. Für Deutschland ergibt sich dies aus der Modernisierung der in die Jahre gekommenen Infrastruktur sowie weiteren strukturellen Faktoren wie der Energiewende, Urbanisierung und Digitalisierung. In Osteuropa erleben wir nach wie vor einen Auf- und Ausbau der Infrastruktur aufstrebender Länder wie Polen. All dies bringt umfangreiche und zum Teil hochkomplexe Bauprojekte mit sich, auf die Porr spezialisiert ist. In der Ukraine selbst wird Porr meines Erachtens nicht aktiv sein, könnte aber indirekt von der Bindung der Kapazitäten anderer Wettbewerber dort profitieren“. Zu den Schwachpunkten meint Speck: „Eine der Schwächen ist meines Erachtens die nach wie vor relativ geringe Profitabilität. Das amtierende Management hat in den letzten Jahren aber einen guten Job gemacht, die Marge sukzessive zu verbessern. Im Bauwesen sind zudem Projekt- und Beschaffungsrisiken immanent. Marktrisiken im Sinne einer ausbleibenden Nachfrage oder die aktuellen Zollstreitigkeiten dürften für Porr hingegen keine große Rolle spielen. Auf die Frage nach den Wachstumsraten in den kommenden fünf Jahren antwortet Speck: „Wir rechnen hier mit überproportionalem Gewinnwachstum von rund 7 % bei Ebitda bzw. 12 % beim Gewinn pro Aktie, da Porr angesichts des bereits heute vollen Orderbuchs eine sehr selektive Projektakquise betreiben kann. Hinzu kommt, dass durch die branchenweit steigende Kapazitätsauslastung sowie Spezialfähigkeiten Porrs wie das patentierte Slab.Track-System im Bahnbau sich auch die Pricing Power des Konzerns weiter verbessern sollte.“
Wirft man einen Blick auf den Schätzungskonsens von MarketScreener, dann sollte der Gewinn/Aktie von 2024 bis 2026 von rund 2,89 auf 3,60 Euro steigen.
Foto: Pixelio / Bernd-Sterzl
Investieren wie die Großen
Was sich Kleinanleger an der Wiener Börse von institutionellen Investoren abschauen können.
Patrick Baldia. Sich an der Börse am Anlageverhalten institutioneller Investoren zu orientieren, ist sicher nicht der schlechteste Zugang. Die Idee dahinter: professionelle Anleger sind in der Regel erfolgreicher unterwegs als „Normalsterbliche“, was auch diverse Analysen bestätigen. Folglich setzen Banken, Pensionskassen, Versicherungen, Fonds oder Kapitalanlagegesellschaften bevorzugt auf stabile, liquide Aktien aus einem breiten Spektrum an Sektoren – Stichwort: Diversifikation – mit langfristigem Wachstumspotenzial. Dabei profitieren sie von mehr Fachwissen und Ressourcen sowie der Möglichkeit, höhere Volumina bewegen zu können.
Positiv zu sehen ist in diesem Zusammenhang die starke Präsenz institutioneller Investoren an der Wiener Börse – vor allem mit internationalem Background. Wie die aktuelle Ausgabe einer Studie, die regelmäßig von S&P Global Market Intelligence im Auftrag der Wiener Börse
durchgeführt wird, aufzeigt, werden nicht weniger als rund 92 % (Stand Ende 2024) des institutionellen Streubesitzes von internationalen Playern gehalten. Kurz: Auch für globale Portfolios sind die Aktien heimischer Top-Unternehmen durchaus attraktiv.
35 % US-Großinvestoren
Unter den „Internationalen“ geben in Wien jedenfalls Großinvestoren aus den USA den Ton an. Vanguard, BlackRock, Dimensional Fund Advisors und Konsorten verantworten fast 35 % des institutionell gehaltenen Streubesitzes. Dabei haben sie ihr Engagement gegenüber 2022, als sich ihr Anteil bei fast 33 % belief, leicht verstärkt. Dasselbe gilt für Institutionelle aus Großbritannien, die mit rund 21 % (2022: 19,8 %) den zweiten Platz belegen. Etwas zurückgegangen ist hingegen der Anteil französischer Großinvestoren, konkret von 9,1 % im Jahr 2022 auf 7,8 % Ende des Vorjahres. Heimische Institutionelle rangieren mit lediglich 7,7 % knapp dahinter auf dem vierten Platz. Erwähnenswert ist auch das Exposure von Playern aus Norwegen (5 %) und Deutschland (4,5 %).
Wie angelegt wird
Interessant ist auch ein Blick auf die Strategien, mit denen globale institutionelle Anleger an der Wiener Börse investieren. „Growth“- kommt hier mit 33, 2 % vor „Value“-Investing mit 28,5 %. Aber auch passive Strategien spielen eine große Rolle. Rund ein Viertel der Großanleger ist mittlerweile in Indexfonds bzw. ETFs investiert. Positiv: Die niedrige bis mittlere geringe Umschlaghäufigkeit der untersuchten Portfolios zeigt, dass langfristige Strategien unter den Institutionellen dominieren, so die Studienautoren.
Wo angelegt wird
Und wie schaut es bei den Top-Unternehmen im ATX Prime aus? Nur ein paar Beispiele: Bei der Erste Group stellen institutionelle Investoren mit einem Anteil von rund 61 % die größte Aktionärsgruppe. Bei einem weiteren Indexschwergewicht, der OMV, sind 28,4 % der Aktionäre Institutionelle. Davon kommen 35 % aus den USA, aus Österreich nicht mehr als 6 %. Bei der Wienerberger befinden sich wiederum sämtliche Aktien im Streubesitz. Mit rund 75 % befindet sich der Großteil der Aktien des weltgrößten Ziegelproduzentens in der Hand von institutionellen Anlegern.
Foto: AdobeStock / Mirjana
Sind wir wirklich überreguliert?
Florian Beckermann. Darf man den EU-Bashing-Klassiker überhaupt in Frage stellen? Ein Wirtschaftsraum, der die Krümmung der Gurke zu regulieren wünscht, oder gar für den DSGVO-Klick-Irrsinn verantwortlich zeichnet, muss zwangsläufig in einem Überregulierungs-Nirvana stecken. Schnell ist ein unternehmerfeindliches und Innovation-hemmendes Meinungsfeld abgesteckt, in dem der Populismus wenig Widerworte erwarten kann. Die Extrembeispiele zerlegen jede vernünftige Diskussion. Ernsthaft: Ist es denn woanders, insbesondere in den USA, wirklich besser? Der Vergleich ist nicht so leicht, wie uns die öffentliche Diskussion teilweise glauben machen möchte. Beleuchten wir kurz den Anlegerschutz.
Regulatorischer Rahmen: Die EU zwingt in detaillierte und stark harmonisierte Vor-gaben (MiFID II, MiFIR, PRIIPs, AIFMD, CRR/CRD etc.). Das Ziel: hoher Verbraucherschutz, Markttransparenz, Stabilität. Die US-Seite verwirrt mit fragmentierten Bundes-behörden (SEC, CFTC, OCC, FDIC usw.) zuzüglich bundesstaatlicher Regulierungen. Tendenziell mehr Marktflexibilität, aber teils redundante Zuständigkeiten. Eine Akronym-Party ohne erkennbare Vorteile.
Für den Anleger konkret, setzt die EU auf hohe Standards: Transparenzpflichten (z.B. Kostenausweise, Beratungsprotokolle). Strenge Regeln bei Derivaten, Anlageberatung, Wertpapierprospekten. Manche Kleinanleger sind von einigen Produkten gar ausgeschlossen. Ob die damit einhergehende Bürokratie dem Anleger mehr hilft als irritiert oder kostet, kann man im Detail diskutieren.
Die USA legen den Fokus auf „Disclosure“. Anleger erhalten viele Informationen, aber weniger Eingriff in die Produktauswahl. Letztlich ist es ein schwächerer Schutzmechanismus für unerfahrene Investoren, daher ein höherer Eigenverantwortungszwang – je nach Philosophie, ein Vor-/Nachteil der US-Regulatorik.
Die größte Diskrepanz ergibt sich bei der „Industriefreundlichkeit“. Beispiele: Im US-Markt existieren Venture Capital und Private Equity wirklich, d.h. mit wenig Beschränkung und hoher Flexibilität erreicht man schnell Zugang zu Risikokapital. Die Innovationsfreude bei Krypto, Fintech oder Finanzinstrumenten beflügelt die Entstehung eines großen Krypto- und Startup-Ökosystems. Solange Risiken offengelegt sind, dürfen Produkte gehandelt werden. Die USA genießen hier oft einen Frist-Mover-Vorteil. EU: Insbesondere die europäische MiFID II (gerade im Review) gilt als bürokratisch und teuer für Banken und Asset Manager. Hohe Compliance-Kosten belasten besonders kleinere Marktteilnehmer. Eine Industrie wirkt gehemmt.
Das Fazit: Die EU-Regulierung muss dem Bürger der Union helfen. Sie darf nicht Selbstzweck oder Schikane sein, weil sie den schwierigeren, langsameren Weg geht. In Zusammenarbeit mit der Finanzindustrie kann man sinnvolle Verbesserungen durchführen, die den Zweck von gut gedachten Regulierungen nicht aushöhlen. Das ist ein konstruktiver Überarbeitungsprozess von vorgeblicher (Über-)Regulatorik. Es sollte im Interesse der Anleger in Europa sein, den Schutz nachhaltig weiter zu verbessern und nicht im Trump‘schen Sinne mit dem Schlagwort Überregulierung rücksichtslos zu streichen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Europäische Aktien vor Aufholjagd – aber Reform- und Investitionsrisiken bleiben
Ein Marktkommentar von Francesco Sedati, Head of Equity Research & Portfolio Management bei Eurizon.
(09.09.) Das makroökonomische Umfeld in Europa präsentiert sich stabil, mit moderatem Wachstum, das sich jedoch dank der fiskalischen Impulse in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2025 und im Jahr 2026 potenziell beschleunigen könnte. Dies schafft positive Rahmenbedingungen für Aktien, insbesondere nach der Klärung der Zollunsicherheit. In den USA ist mit einigen Zinssenkungen zu rechnen, wenngleich unklar ist, ob das Gleichgewicht zwischen einem sich abschwächenden Arbeitsmarkt und den möglichen Auswirkungen der Zölle auf die Inflation erhebliche geldpolitische Impulse zulassen wird. Wir erwarten in den kommenden Monaten eine Konvergenz des Wirtschafts- und Gewinnwachstums zwischen den USA und Europa. Das könnte für europäische Aktien von Vorteil sein, da sie weiterhin mit einem Abschlag gehandelt werden.
Der US-Markt hat durch das Gewicht der Technologiebranche am Gesamtmarkt einen strukturellen Vorteil. Die Führungsposition in diesem Bereich ist unangefochten und treibt das Wachstum weiter an. Europa hat seinerseits eine sich möglicherweise wieder beschleunigende Konjunktur und günstige Bewertungen, die seiner relativen Performance in den nächsten zwölf Monaten helfen könnten, vorausgesetzt, die von Deutschland angekündigten Konjunkturmaßnahmen werden umgesetzt.
Verbesserte Rentabilität trifft günstige Bewertungen – Chancen in Banken und in Osteuropa
Wir favorisieren Banken aufgrund ihrer seit 2020 deutlich verbesserten Rentabilität, die sich jedoch noch nicht in den moderaten Bewertungen widerspiegelt. Künstliche Intelligenz könnte in diesem Bereich ein wichtiger Treiber für Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen sein. Dieser Sektor könnte potenziell am meisten von einer Senkung der Back- und Front-Office-Kosten profitieren.
Aufgrund der durch den Ukraine-Krieg verursachten Unsicherheit sind mehrere Länder in Mittel- und Osteuropa nach wie vor sehr günstig bewertet. Zwar möchten wir keine konkrete Zahl für die Wahrscheinlichkeit einer Lösung des Konflikts nennen, wir glauben jedoch, dass das Aufwärtspotenzial für die Makroökonomie und die Unternehmensgewinne erheblich sein könnte.
Zyklische Sektoren profitieren – ohne Reformen droht Standortnachteil gegenüber USA
Wir glauben, dass zyklische Werte in Europa noch mehr Spielraum haben, da sich der Konjunkturzyklus bis ins nächste Jahr hinein fortsetzt. Traditionelle defensive Werte sind in vielen Fällen strukturellen Risiken ausgesetzt, beispielsweise in Bezug auf Konsumtrends bei Basiskonsumgütern oder die Pipeline im Gesundheitswesen, und bieten wenig Visibilität hinsichtlich des Gewinnwachstums.
Abgesehen von einer möglichen Verschlechterung oder Verbesserung der Beziehungen zu den USA, die sich nur schwer vorhersagen lassen, sind die größten Risiken, dass Deutschland die fiskalischen Impulse nicht umsetzt und die EU die Chance zur Reform und Vereinfachung des regulatorischen Umfelds nicht nutzt. Dies würde die EU historisch gesehen zu einem weniger attraktiven Investitionsstandort als die USA machen. Darüber hinaus könnten die Spannungen um die Staatshaushalte in Europa und den USA zu Gewinnmitnahmen führen. Wir würden diese allerdings eher als Kaufgelegenheiten betrachten, solange sich die Inflationslage nicht wesentlich verschlechtert.
Jenseits der Tech-Giganten: Warum Value-Aktien eine genauere Betrachtung verdienen
Ein aktueller Marktkommentar von Ritu Vohora, Investment Specialist, Global Capital Markets bei T. Rowe Price.
(09.09.) Etwas außerhalb von Washington, D.C., in einem Vorort im Norden Virginias, liegt die „Data Center Alley“, eine dichte Ansammlung von lagerhausähnlichen Einrichtungen, die den Aufstieg der KI vorantreiben. Diese Zentren treiben nicht nur Innovationen voran, sie sind auch eine Metapher für die heutige Marktdynamik: konzentriert, leistungsstark und immer teurer. Während Tech-Giganten die Schlagzeilen und die Aufmerksamkeit der Anleger dominieren, ist das noch nicht alles. Die steigende Nachfrage nach physischer Infrastruktur – zusammen mit entschlossenen politischen Maßnahmen – schafft attraktive Chancen für Value-Aktien auf den globalen Märkten. Während Kapital in KI und digitale Transformation fließt, eröffnen die Auswirkungen taktische Möglichkeiten in Sektoren, die oft übersehen werden.
Wertaktien erleben ein Comeback
Nachdem sie fast zwei Jahrzehnte lang hinterherhinkten, erlebten Value-Aktien und globale Aktien außerhalb der USA Anfang dieses Jahres eine Wiederbelebung und profitierten von einer Rotation weg von US-Technologieaktien. Protektionistische Handelspolitiken und umfassendere Bemühungen um Deglobalisierung sowie Bedrohungen für die Gewinne der Technologiebranche schürten die Ängste der Anleger und führten zu einer Hinwendung zu Diversifizierung und Defensivität. Robuste Gewinne, Handelsabkommen und der Optimismus hinsichtlich Präsident Trumps „Big Beautiful Bill” haben jedoch die Animal Spirits und die Begeisterung für das Wachstum der USA und US-Technologieaktien wiederbelebt. Erneut sind die Bewertungen in wachstumsorientierten Sektoren gestiegen, wobei die Kurs-Gewinn-Verhältnisse von US-Technologieaktien die historischen Normen übertreffen. Während die Gewinne der Technologiebranche weiterhin beeindruckend sind, deuten die aktuellen Kurse darauf hin, dass wertorientierte und Nicht-US-Aktien ein besseres Wertpotenzial bieten könnten.
Obwohl die Zollkonflikte das Wirtschaftswachstum in den USA in Schwankungen gehalten haben, legen Teile von Trumps politischer Agenda den Grundstein für eine mögliche Belebung der Industrieaktivität. Steuerliche Anreize wie die dauerhafte vollständige Abschreibung von Fabriken und anderen Kapitalinvestitionen – die auch
für Technologieaktien von Vorteil sind – dürften Industrie-, Rohstoff- und Energieaktien, die für den Aufbau der KI-Infrastruktur unerlässlich sind, Rückenwind verleihen. Diese wertorientierten Sektoren dürften auch von Deregulierungs- und Reshoring-Initiativen profitieren.
Während der anfängliche Schock des Liberation Day nachgelassen hat, bestehen weiterhin Risiken im Zusammenhang mit Zöllen – darunter Aufwärtsrisiken für die Inflation und anhaltende Gefahren für Wachstumssegmente, die vom globalen Handel abhängig sind. Vor diesem Hintergrund könnten Value-Sektoren ein ähnliches Aufwärtspotenzial bei geringerem Abwärtsrisiko sowie eine Inflationsabsicherung bieten.
Goldilocks-Zinsen in Europa
Auf der anderen Seite des Atlantiks stützen die makroökonomischen und geopolitischen Entwicklungen in Europa die eigene Wertestrategie. Die mögliche Reduzierung der US-Militärpräsenz hat Deutschland dazu veranlasst, seinen finanzpolitischen Rahmen zu überdenken und höhere Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur und die Energiewende zu planen. Unterdessen hat der Inflationsfortschritt es der EZB ermöglicht, ihre Geldpolitik zu normalisieren und ein „angemessenes” Zinsumfeld für die eher zyklische Wirtschaft Europas zu schaffen. Darüber hinaus könnten positive Zinsen und steilere Zinskurven dazu beitragen, die Bewertungslücken für europäische Banken zu verringern. Obwohl ihre Kurs-Buchwert-Verhältnisse einen Aufwärtstrend verzeichnen, liegen sie hinter denen ihrer US-amerikanischen Konkurrenten zurück und bleiben unter dem Niveau von vor 2008. Verbesserte Nettozinsmargen, Kreditwachstum und stärkere Gewinnaussichten sorgen für günstige Rahmenbedingungen.
Strukturelle Rückenwindfaktoren in Asien
Strukturreformen in Asien verleihen der Ausweitung des Aktienmarktes zusätzliche Dynamik. In Japan und Südkorea könnten Maßnahmen zur Verbesserung der Unternehmensführung und andere aktionärsfreundliche Maßnahmen zu einer besseren Kapitalallokation und Betriebsleistung in zyklisch schwachen Segmenten führen. Auch China macht Anzeichen einer Stabilisierung. Fiskalische Anreize, Fortschritte bei den Handelsverhandlungen und eine mögliche Bodenbildung im Schuldenabbau schaffen ein günstigeres Umfeld für das Gewinnwachstum.
Natürlich ist der Weg in die Zukunft nicht ohne Risiken. Die Märkte profitieren von einer Kombination aus starken Fundamentaldaten und hohen Bewertungen, was in der Vergangenheit sowohl Chancen als auch Risiken mit sich gebracht hat. Die Gesundheit des US-Arbeitsmarktes und der Kurs der Federal Reserve werden dabei besonders wichtig sein. Jegliche Anzeichen einer weiteren Abschwächung der Beschäftigungslage oder abrupte politische Kurswechsel – in Bezug auf Personal oder Zinssätze – könnten sich auf die globalen Märkte auswirken. Führende Technologieunternehmen sind aufgrund ihrer soliden Fundamentaldaten möglicherweise besser in der Lage, einem solchen Umfeld standzuhalten. Auch das Timing stellt eine Herausforderung dar. Die Innovationskultur und der starke freie Cashflow der US-Technologieriesen machen ihre langfristigen Aussichten attraktiv. Die Nachhaltigkeit der Renditen ist jedoch ungewiss, was für eine Diversifizierung und ein taktisches Engagement in Value-Aktien spricht.
Ein ausgewogener Ansatz
Letztendlich geht es bei der Argumentation für Value nicht darum, die Technologie aufzugeben. Es geht darum, den Blickwinkel zu erweitern. Wir sind für die nächsten 6 bis 12 Monate vorsichtig optimistisch, da nachlassende makroökonomische Unsicherheiten und mögliche Zinssenkungen für Unterstützung sorgen dürften.
Unser Asset Allocation Committee nimmt eine neutrale Haltung gegenüber US-Wachstums- und Value-Aktien ein, bevorzugt jedoch aufgrund attraktiver Bewertungen, politischer Impulse und sich verbessernder Gewinne vor allem in Europa und Japan Aktien außerhalb der USA. Trotz hoher Bewertungen bleibt die Anziehungskraft der US-Technologiebranche stark, da KI-getriebene Investitionen Anzeichen einer Monetarisierung machen und Wachstumsimpulse setzen. Die Nachhaltigkeit dieser Renditen ist jedoch ungewiss, sodass ein diversifizierter Ansatz unerlässlich ist. Value entwickelt sich weiter und ist einen genaueren Blick wert. Anleger sollten diszipliniert bleiben und die potenziellen Chancen von Value-Anlagen gegen die inhärenten Risiken der Marktvolatilität und globaler Wirtschaftsveränderungen abwägen.
Wiener Börse weiter im Aufschwung
Wiederholen sich die 80er? Infrastrukturausgaben und Ukraine-Wiederaufbau stimmen zuversichtlich.
Michael Kordovsky. Der Wiener Börse Index WBI, der alle im amtlichen Handel notierenden Aktien der Wiener Börse enthaltet, gewinnt wieder an Dynamik. Zuletzt betrug das Plus auf Dreijahres-Sicht 49,2 %, und im laufenden Jahr (YTD) bereits 25 %. Laut den Daten des iShares ATX UCITS ETFs liegt das 12-Monats-KGV des ATX bei niedrigen 12,20. Anfang September lagen die für 2026 geschätzten KGVs von OMV und Erste Group nur noch bei 8,5 bzw. 9,0. Der ATX-Neuling Porr weist angesichts des erwarteten Wachstums ein für 2027 geschätztes KGV von nur 8,2 auf. Ein weiterer ATX-Neuzugang ist die Strabag, mit einem für 2027 geschätzten attraktiven KGV von 11,4. Per 30. Juni zeugen eine um 15 % höhere Netto-Cash-Position von 1.868 Millionen Euro sowie 32,4 % Eigenkapitalquote von Solidität.
Konstellation von Wachstumspotenzialen
Eine Konstellation aus dem Rearm-Europe-Programm der EU (800 Milliarden Euro Rüstungsausgaben bis 2030), der Aufstockung der Verteidigungsetats der Nato-Länder, steigender Infrastruktur-Ausgaben sowie dem sich abzeichnenden Wiederaufbau der Ukraine birgt hervorragende Chancen für österreichische Firmen, die vor allem in Zentral- und Osteuropa gut vernetzt sind.
Zum großen Wachstumsmotor könnte der Wiederaufbau werden, der laut Schätzungen aus Kiew über einen Zeitraum von 14 Jahren umgerechnet 850 Milliarden Euro kosten könnte. Bei der entsprechenden Konferenz für die Ukraine schlug der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal zwei Fonds im Umfang von 1 Billionen US-Dollar (umgerechnet rund 856 Milliarden Euro) vor. Insbesondere Porr, Strabag und Wienerberger könnten vom Wiederaufbau der Infrastruktur profitieren. Andritz verfügt weiters über zusätzliche Auftragspotenziale im Bereich Wasserkraftwerke und Industrieanlagen. Sobald Friede herrscht, der Wiederbau einsetzt und an Dynamik gewinnt, werden in weiterer Folge Banken wie RBI und Erste Group aber auch Versicherer wie Uniqa und VIG die Chancen bekommen, entsprechend am Wachstum zu partizipieren.
Goldgräberstimmung wie in den 80er-Jahren?
Die Wiener Börse stellte dem Börsen-Kurier archivierte Daten zur Verfügung, aus denen hervorgeht: Der WBI unterlag 17 Jahre lang einer Seitwärtsbewegung, die zu einer massiven Unterbewertung der Aktien führte. Von Ende 1967 bis Ende1984 lag das Plus lediglich bei 19,6 %, ehe 1985 ein Anstieg von 130,3 % folgte, als US-Investor Jim Rogers auf die Unterbewertung des österreichischen Kapitalmarktes hinwies. Ausländische Anleger, u.a. aus Deutschland und Großbritannien, entdeckten Wien. 1986 folgte eine Konsolidierung und 1987 trübte der Oktober-Crash die Performance.
Doch mit dem Börsengang der OMV am 3. Dezember 1987 begann die Privatisierungswelle mit Austrian Airlines und Verbund 1988 sowie der EVN 1989. Gleichzeitig schritt die Ostöffnung voran, die dann 1989 einen weiteren größeren Kursschub auslöste, der bis März 1990 anhielt. Im Zeitraum von Anfang 1985 bis März1990 stieg der WBI um knapp 520 %.
Dieses Ausmaß wird sich aller Voraussicht nach nicht mehr so schnell wiederholen. Dennoch bestehen Gewinnchancen, die sich aus einer Kombination aus Gewinnwachstum und Bewertungsanpassung nach oben ergeben könnten: Geläufige Analystenschätzungen gehen für 2025 und 2026 im ATX von jeweils einem Gewinnwachstum im unteren zweistelligen Bereich aus. Es gibt 2025 einen Basiseffekt nach einem Gewinnrückgang 2024. In den Jahren 2027 bis 2029 erscheint eine Wachstumsrate von 9 % plausibel. Unter Annahme einer Höherbewertung um 20 % sind bis Anfang 2030 im ATX sogar Kursgewinne bis zu rund 110 % möglich. Ebenfalls entsprechend erfreulich sollte sich der WBI entwickeln.
WBI-Performance 1985 bis 1989:
1985: +130,3 %
1986: -5,0 %
1987: -20,9 %
1988: +17,3 %
1989: +110,8 %
Quellen: Daten: Wiener Börse; eigene Berechnungen
Foto: Wiener Börse / Nik Pichler
Neid-Debatte vs. Reality Check
Studie der Anlegerschützer zum Thema Vergütung bei Austro-AGs.
Klaus Schweinegger. „Für manche verdient der Vorstand immer zu viel. Da macht es keinen Unterschied, ob dafür extreme Steuern bezahlt werden oder es weniger wird. Man stelle sich in diesem Zusammenhang nur eine analoge Kürzung bei Tarifverträgen vor. Die von uns untersuchte Transparenz der Vergütung ermöglicht jedenfalls einen Vergleich. Das ist ein wichtiger Schritt beim Thema Angemessenheit“, so IVA-Präsident Florian Beckermann im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Hintergrund ist die vom Interessenverband für Anleger regelmäßig durchgeführte Studie, in der heuer wieder 40 Unternehmen aus dem ATX Prime Market bzw. die Vergütung der 161 Vorstände untersucht wurden.
Im Schnitt weniger verdient
Für 2024 lässt sich festhalten, dass das Management der österreichischen börsengelisteten Unternehmen – losgelöst von der Performance der entsprechenden Aktien – im Durchschnitt um 7,7 % oder rund 480.000 Euro weniger verdient hat. Mit großem Abstand Spitzenreiter sowohl bei der Vorstands- wie auch bei der Aufsichtsratsvergütung bleibt die ehemalige Arbeiterbank Bawag, deren Vorstandsvorsitzender Anas Abuzaakouk fast das Doppelte erhält wie der Zweitplatzierte, Andritz-CEO Joachim Schoenback, der weltweit aber immerhin mehr als 30.000 Mitarbeiter verantwortet.
Abseits dieses Ausreißers nach oben gibt es Seitens des IVA aber wenig Kritik an der Höhe der Gehälter. Beckermann, der die heimischen Bezüge im internationalen Vergleich als gering einstuft, dazu: „Die ATX-Gehälter messen auch den österreichischen Markt für hochqualifiziertes Management. Wer nicht wettbewerbsfähig zahlt, bekommt nur zweitrangiges Personal. Kein Aktionär kann das wollen, Arbeitnehmer wohl auch nicht. Wenn wir weniger als die Hälfte bspw. deutscher Gehälter zahlen, haben wir einen Nachteil. Von internationalen Aufsichtsräten spreche ich nicht.“
Risikoaversion?
Ein Ergebnis der Untersuchung ist auch, dass der Anteil der variablen Vergütung 2024 zwar bei mehr als 40 % blieb, aber insgesamt gesunken ist. Die im Umkehrschluss gestiegenen fixen Gehälter könnten ein Indiz für eine gewisse Risikoaversion des Managements in unsicheren Zeiten sein, so der IVA. Und Beckermann gibt zu bedenken: „Wenn Vorstände weniger verdienen, ist die Lage grundsätzlich ernst: Das Unternehmen wächst nicht entsprechend, die Zielerreichung findet nicht statt und die variable Vergütung sinkt. Das ist eine Erkenntnis aus unserer Untersuchung.“
Nicht wettbewerbsfähig
Große Sorgen bereiten Beckermann die niedrigen Aufsichtsratstantiemen, auch wenn diese im vergangenen Jahr um 6,5 % auf in Summe 21,7 Millionen Euro (für die 291 Aufsichtsräte im ATX Prime, Anm.) gestiegen sind. Diese seien in Österreich lediglich Entschädigungen und vor allem „nicht wettbewerbsfähig“. Obwohl es sich etwa bei Banken und Versicherungen eigentlich um verantwortungsvolle Full Time Jobs handle, so der Branchenkenner.
Besonders eklatant tritt das Problem im staatsnahen Bereich zutage. Beckermann gegenüber dem Börsen-Kurier: „Insbesondere die Aufsichtsratshonorare in ÖBAG-Beteiligungen machen mir Sorgen. Die dahinterliegende Frage: Wie soll man unabhängiges Top-Personal in den Aufsichtsrat bekommen, wenn man nicht entsprechend zu zahlen bereit ist? Wer widerspricht für teilweise nicht mal 1.000 Euro netto im Monat?“ Sowohl die Aufsichtsrats- als auch die Vorstandsvergütungen von OMV, Post und Co. bewegen sich tendenziell im hinteren Mittelfeld, dies steht laut der Anlegerschützer aber meist in keiner Relation zur Unternehmensgröße.
Der Grüne Deal ist in der Realität angekommen
Viele grüne Leuchtturmprojekte der EU werden verschoben und vereinfacht.
Andreas Dolezal. Es ist still geworden um den europäischen Grünen Deal und sein visionäres Ziel der Klimaneutralität bis 2050. Was EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2019 mit viel politischer Motivation präsentiert hat, verliert angesichts geopolitischer Brandherde, kriselnder Wirtschaft, technologischem Wettbewerb und US-Zoll-Kapriolen spürbar an Tempo und Zuspruch aus der Wirtschaft. Auch der Schwenk vom „Grünen Deal“ zum „Clean Industrial Deal“ verhindert nicht, dass viele grüne Pläne der EU mit Sand im Getriebe kämpfen.
EU-Kommission knickt ein
Bereits Ende 2024 knickte die EU-Kommission angesichts der zunehmenden und teils vollkommen berechtigten Kritik an der überbordenden grünen Bürokratie ein erstes Mal ein. Die Anwendung der missliebigen EU-Entwaldungsverordnung EUDR wurde um ein Jahr verschoben. Ob und was davon Ende dieses Jahr tatsächlich kommt, bleibt abzuwarten. Österreich setzt sich für deren gänzliche Abschaffung ein.
Schlankere Taxonomie & mehr Rüstung
Die Anwendung des zentralen Regelwerks, der EU-Taxonomie-Verordnung, soll für Unternehmen vereinfacht werden. Weniger Verwaltungsaufwand soll die EU wieder wettbewerbsfähiger machen – ohne die EU-Klima- und Umweltziele zu vernachlässigen. Gleichzeitig keimt im Zusammenhang mit der europäischen Verteidigungsfähigkeit die Diskussion auf, ob Investitionen in die Rüstungsindustrie als nachhaltig gelten können. Dafür müssten die ESG-Kriterien allerdings sehr situationselastisch ausgelegt werden.
Omnibus-Paket für Vereinfachungen
Anfang 2025 kündigte die EU-Kommission deutliche Vereinfachungen der Pflichten zur Nachhaltigkeitsberichterstattung CSRD sowie der EU-Berichtsstandards ESRS an. Um Zeit für das Überarbeiten zu schaffen, wurde die Anwendung der CSRD vorsorglich verschoben. Ebenfalls bereits verschoben wurde die Anwendung der EU-Lieferketten-Richtlinie CSDDD, die Unternehmen zu umfassenden Sorgfaltspflichten in ihren globalen Wertschöpfungsketten verpflichten sollte. Gewichtige politische Akteure wie der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Kanzler Friedrich Merz fordern gar deren komplette Abschaffung.
Zugeständnisse an Autoindustrie
Die Absatzflaute bei Elektro-Pkw veranlasste die europäische Autoindustrie zur Forderung, die strengen, ab 2025 geltenden Flottenverbrauchsziele aufzuweichen. Auch hier fand die EU-Kommission keine andere Lösung, als einzuknicken und die CO2-Flottenemissionsziele auf die Jahre 2025 bis 2027 zu strecken. Kritiker dieses Entgegenkommens sehen damit die Abkehr vom Verbrenner-Aus ab 2035 eingeläutet.
Vertreter der schwächelnden Autoindustrie, wie Mercedes Bank-Chef Ola Källenius, sprechen sich, wie n-tv berichtete, bereits klar gegen das Verbrenner-Verbot aus, das dem Klima gar nichts nützen würde und den europäischen Automarkt kollabieren ließe. Elektroautos sollten durch niedrige Strompreise an Ladesäulen und Steuervorteile gefördert werden. Eine wohl nicht ganz uneigennützige Forderung.
Vieles auf dem Prüfstand
Abseits der öffentlichen Wahrnehmung wird beispielsweise überlegt, die Richtlinie über Umweltaussagen (Green Claims Directive) aufzugeben und es bei der bereits in Kraft befindlichen neuen EU-Konsumentenschutz-Richtlinie zu belassen. Im Finanzbereich befindet sich die Offenlegungsverordnung SFDR in Überarbeitung, da sich unter anderem die EU-Klassifizierung für nachhaltige Finanzprodukte (Artikel 8/9-Produkte) als Fehlkonstruktion erwiesen hat.
Clean Industrial Deal
Sogar der Kommission selbst scheint der Grüne Deal mittlerweile zu grün zu sein. Der neue gemeinsame EU-Fahrplan heißt daher „Clean Industrial Deal“. Bemerkenswert ist, dass dieser bereits in der Überschrift die Wettbewerbsfähigkeit vor die Dekarbonisierung stellt. Das Zieldatum der Dekarbonisierung 2050 bleibt aufrecht, wird in dem 30-seitigen Dokument allerdings nur mehr ein einziges Mal erwähnt.
Foto: AdobeStock / AI.noevation
Alpbach-Echo: Einigkeit und Arbeit
Florian Beckermann. Das „schönste Blumendorf Europas“ Alpbach in Tirol ist alljährliche Heimstätte des gleichnamigen Europäischen Forums. Heuer zum 80. Male trifft sich eine Mixtur aus Wirtschaftsführern, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Herausgefordert von 500 jungen Stipendiaten und mehr als 4.000 Besuchern über drei Wochen hinweg zu Diskussion und Austausch – fachübergreifend, offen und zuweilen provokativ. Ein spannendes Format abseits herkömmlicher Konferenzen. Eine organisatorische Mammutleistung von vielen freiwilligen Helfern und Sponsoren.
Was schallt aus Alpbach heraus? Das Motto „RechargeEurope“ bildete einen vielseitigen Reflexionsspielraum, der das Gefühl vieler Teilnehmer für Europa und Österreich etwas Aufladendes tun zu müssen, gut umfasste. So war es kaum verwunderlich, dass das Thema „Sicherheit“ im geopolitischen Kontext einen weiten Raum einnahm. Überschattet und verwoben mit dem globalen Impact „Trump“. Die Politik des US-Präsidenten lieferte unendlichen Stoff für politische und wirtschaftliche Diskussionen. Ihr folgte eine vergebliche (europäische) Suche nach Verständnis – selbst der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz fand kaum rationale Antworten.
So blieb die wichtige Erkenntnis, dass Europa, angesichts seiner Größe und Kraft, durch Einigkeit diese Aufgaben bewältigen kann – ein arbeitsreicher Prozess. Zuletzt vor zehn Jahren war die Unterstützung der Integration der EU innerhalb Bevölkerung so hoch. Eine Chance „endlich den Job zu machen“ (Andreas Treichl). Bundespräsident Alexander van der Bellen setzt dazu einen markigen Motivationssatz, der vielen Teilnehmern im Gedächtnis blieb: „Let‘s keep going“ – im Bezug auf geopolitischen Durchhaltewillen oder den Umweltschutz mag er Recht haben, wirtschaftlich darf man auf Innovation hoffen.
Österreichs globale Wichtigkeit ist übersichtlich. Die heimische Kleinkrämerei überwiegt im Tagesgeschäft. Für junge (und alte) Teilnehmer keine zufriedenstellende Situation, ein typischer Diskussionsbedarf. Kritik: Da hilft es natürlich kaum, wenn sich heimische Politiker in einen Event setzen und diesen nach eigenem Statement aufgrund von „Terminen“ vorzeitig verlassen. Für Frontalkommunikation kommt kaum jemand nach Alpbach. Positiv: Ohne inhaltliche Vernachlässigung, wurde die Situation der Ukraine weniger emotional diskutiert. Eine sinnvolle Entwicklung.
Dieses Jahr fand das Forum erstmalig unter der Führung des ehemaligen Vize-Präsidenten des Europaparlaments Othmar Karas statt, der von Erste-Group-Doyen Treichl den Posten zu Anfang des Jahres übernommen hatte. Während Treichl in der Vergangenheit oft mit Gänsehaut-Reden Stimmung entfachte und durch seine liberale Rationalität begeistern konnte, bringt Karas die Aura des erfahrenen politischen Arbeiters mit – eine Schlüsselqualifikation.
Fazit: Alpbach ist ein Unikum. Es muss immer wieder neu mit Leben gefüllt werden, es muss sich rechnen, darf sich nicht zerfleddern. Insofern ist es Europa ziemlich ähnlich. Da kennt sich Karas aus. Man darf auf 2026 gespannt sein.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
US-Aktien: Chancen jenseits der Tech-Giganten
Ein Gastkommentar von Shep Perkins, Chief Investment Officer Putnam, Teil von Franklin Templeton.
(27.08.) Hohe Bewertungen und makroökonomische Unsicherheiten könnten die Aktienmärkte vor Herausforderungen stellen, allerdings sehen wir auch positive Trends. Bislang war der Aktienmarkt 2025 von einer „zweiseitigen“ Volatilität geprägt. Auf die historisch starken Verluste Anfang April folgte eine bemerkenswerte Erholung und Rekordhochs für den S&P 500 Index und den Nasdaq zur Jahresmitte.
Auch die Anlegerstimmung war „zweigeteilt“ – sie schwankte innerhalb kurzer Zeit zwischen extrem pessimistisch und optimistisch. Derzeit scheinen die Märkte außerhalb der USA mehr Rückenwind zu haben als die US-Märkte. Zu diesem Rückenwind zählen höhere Staatsausgaben, ein schwacher US-Dollar, nachlassender Inflationsdruck, Zusagen für höhere Staatsausgaben und im Vergleich zu US-Aktien niedrige Bewertungen.
Gewinne entscheidend für die Aktienkurse
Für Anleger ist es wichtig, dass sich eine Vielzahl negativer Szenarien nicht bewahrheitet hat. Trotz der historisch niedrigen Verbraucherstimmung sind die Konsumausgaben in den USA insgesamt stabil geblieben. Trotz der Zölle ist die Inflation unter Kontrolle geblieben. Und wir sehen stabile Schätzungen für ein zweistelliges Wachstum für die Kalenderjahre 2025 und 2026.
Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten.
Darüber hinaus gibt es weiterhin Fragen zur Nachhaltigkeit der Ausgaben für künstliche Intelligenz (KI) und zum Wachstum der Infrastruktur sowie zu den Auswirkungen des Einsatzes von KI-Anwendungen auf die Unternehmen. Da die Unternehmen mit KI und der Unsicherheit hinsichtlich der Zölle zu kämpfen haben, halten sie sich mit Investitions- und Einstellungsentscheidungen zurück.
Was das verabschiedete „Big Beautiful Bill”-Gesetz angeht, so war es für den Anleihemarkt bislang eher enttäuschend. Angesichts der steigenden Defizite der US-Regierung könnte eine Veränderung der Stimmung jedoch zu höheren langfristigen Anleiherenditen führen, was wiederum den Aktienmarkt belasten würde.
Das KGV des S&P 500 liegt bei mehr als dem 20-fachen der optimistischen Gewinnschätzungen für 2026. Wenn Aktien teuer sind, kommt es auf die Gewinne – und das Gewinnwachstum – an. Da das Aufwärtspotenzial für die KGVs gering ist, werden die Gewinne für den Rest des Jahres entscheidend für die Aktienkurse sein.
Meta profitiert vom Produktivitätsanstieg durch KI
Ein zentrales Ziel der Agenda von US-Präsident Trump ist die Wiederbelebung der Industrieproduktion, des verarbeitenden Gewerbes und des Bergbaus in den USA. Während die Debatte über die besten Strategien zur Erreichung dieses Ziels weitergeht, dürften diese Bemühungen an Dynamik gewinnen, auch wenn ihre Auswirkungen nicht in allen Regionen gleich sein dürften.
Unter den US-Aktien werden die größten Chancen in den Sektoren Industrie, Rohstoffe und Versorger erwartet, insbesondere durch den Bau neuer Produktionsanlagen und die Beschaffung von Energie für deren Betrieb. Während traditionelle Fertigungsbranchen wie die Automobilindustrie oft die Schlagzeilen dominieren, liegt der strategische Fokus zunehmend auf Branchen wie KI, Halbleiter, Biopharma (einschließlich Impfstoffe) und kritische Mineralien. Diese Sektoren gelten im Gegensatz zu den weniger strategischen Konsumgüterbranchen als entscheidend für die nationale Sicherheit und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.
Trotz der makroökonomischen Herausforderungen sehen wir viele vielversprechende Trends für Aktien. So machen beispielsweise Large-Cap-Unternehmen weiterhin einen bemerkenswerten zweistelligen organischen Umsatz.
KI bietet überzeugende Chancen, die über den Technologiesektor hinausgehen. KI entwickelt sich in atemberaubendem Tempo und bietet Anlegern neue Gruppen potenzieller Gewinner und eine Vielzahl potenzieller Anwendungsfälle. Die DeepSeek-Panik zu Beginn des Jahres scheint längst vergessen, da die Investitionspläne im Bereich KI unvermindert voranschreiten und die Prognosen für die Investitionsausgaben steigen. Meta Platforms beispielsweise profitiert eindeutig vom Produktivitätsanstieg durch KI und verzeichnet ein beschleunigtes Umsatzwachstum und eine höhere Produktivität. Bei der Bewertung von Unternehmen ist die Frage entscheidend, ob KI eine Chance oder eine Bedrohung darstellt – welche Unternehmen werden davon profitieren und welche werden davon beeinträchtigt sein? Die Antworten darauf werden sich in den kommenden Quartalen und Jahren zeigen.
Mit einem Ausblick erwarten wir, dass aktive Manager von einer größeren Streuung der Renditen am Aktienmarkt profitieren könnten. Bislang übertreffen in diesem Jahr etwa 45 % der Aktien den S&P 500 Index.2 Dies ist zwar historisch gesehen normal, aber im Vergleich zum Vorjahr, als nur 19 % der Aktien eine Outperformance erzielten, bemerkenswert. Bemerkenswert sind auch die unterschiedlichen Renditen der „Magnificent Seven“ im Jahr 2025 nach ihrer bemerkenswerten Outperformance und Dominanz in den Jahren 2023 und 2024. Zwar werden uns in den kommenden Monaten weiterhin volatile Märkte und Unsicherheiten begleiten, doch ebenso attraktiv bleiben die Chancen für aktive Anleger, die sich auf Fundamentalanalysen konzentrieren.
Schnäppchenjagd am Immo-Markt
In welchen Regionen Anleger in Österreich am günstigsten investieren können.
Patrick Baldia. Schön langsam kommt der heimische Immobilienmarkt wieder in Schwung. Zumindest verdichten sich die Anzeichen, dass der Tiefpunkt, der seit dem Sommer 2022 anhaltenden Krise, tatsächlich überwunden ist. Wer etwa im ersten Halbjahr 2025 eine Immobilie gekauft hat, musste um 0,3 % mehr auf den Tisch legen als am Ende des Vorjahres, wie der Wohnimmobilienpreisindex der OeNB aufzeigt. Am Wiener Markt belief sich das Plus sogar bei 0,8 %. Zur Erinnerung: Seit dem Beginn des Zinsanhebungszyklus der EZB im 3. Quartal 2022 bis Ende 2024 haben die Immobilienpreise österreichweit um 5 % nach unten korrigiert.
„Die Eiszeit auf dem Immobilienmarkt wurde im ersten Halbjahr beendet“, meint Matthias Reith, Senior Ökonom für den österreichischen Wohnimmobilienmarkt bei Raiffeisen Research. Er mahnt allerdings weiter zur Vorsicht, denn die Erholung sei keine Einbahnstraße, wie leicht rückläufige Preisdaten für das 2. Quartal 2025 vor Augen führen würden. Für eine nachhaltige Trendwende würden jedoch die gesunkenen Zinsen und vor allem die gestiegenen Einkommen sprechen. Für das Gesamtjahr rechnet der Analyst jedenfalls mit leicht steigenden Preisen – erstmals seit 2022.
Vor allem in demographischen Hotspots wie Wien, Innsbruck und Salzburg-Stadt, wo die Nachfrage nach Wohnraum hoch ist und – bei gleichzeitig knappem Angebot – weiterwächst, erwartet man bei Raiffeisen Research steigende Immobilienpreise. Anders ausgedrückt: Bereits Teures sollte schneller wieder teurer werden. Weniger groß sind daher die Chancen in Wien zu einem Schnäppchen zu kommen, wo der Quadratmeter laut einer Studie von ImmoScout24 aktuell 6.615 Euro kostet. Daraus ergebe sich ein durchschnittlicher Preis von 463.000 Euro für eine 70-Quadratmeter-Wohnung, so die Studienautoren. Deutlich weniger kostet ein Objekt derselben Größe nur in Bezirken wie Rudolfsheim-Fünfhaus (375.808 Euro), Favoriten (403.262 Euro) oder der Brigittenau (416.737 Euro).
Tipp: Burgenland
Schnäppchenjäger sollten sich also abseits der betretenen Pfade bzw. in entsprechender Entfernung zu den Ballungszentren bewegen und etwa ihre Fühler ins Burgenland auszustrecken, wo laut Raiffeisen Research aktuell für den Quadratmeter Einfamilienhaus im Schnitt 2.760 Euro verlangt werden. Nirgendwo sonst in Österreich kostet es weniger, sich den Traum vom Haus im Grünen zu verwirklichen. Besonders günstig sind die Preise im Burgenland in den Bezirken Oberpullendorf (2.049 Euro pro Quadratmeter), Güssing (2.134 Euro), Jennersdorf (2.227 Euro) und Oberwart (2.260 Euro).
Neben dem Burgenland gehören Kärnten und die Steiermark zu den günstigsten heimischen Bundesländern. In der grünen Mark lag der Quadratmeterpreis laut RE/MAX Ende des Vorjahres bei 2.795 Euro. Einfamilienhäuser wechseln dort für typischerweise 265.880 Euro den Besitzer. Deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegen die Bezirke Bruck-Mürzzuschlag (211.729 Euro), Voitsberg (208.244 Euro) und Südoststeiermark (205.432 Euro). Wohnungen kosten in der grünen Mark im Schnitt 177.877 Euro. Im Murtal hingegen rund 100.908 Euro, in Bruck-Mürzzuschlag nur 90.822 Euro.
Zu den Kärntner-Schnäppchentipps für Wohnungssuchende der RE/MAX-Experten gehören wiederum Hermagor, wo im Vorjahr jede vierte gehandelte Wohnung billiger war als 99.000, in Völkermarkt unter 90.000 und in St. Veit günstiger als 70.000 Euro. Wer ein Einfamilienhaus bevorzugt, musste dafür in Wolfsberg weniger als 185.500 Euro auf den Tisch legen. In Völkermarkt und in Feldkirchen sogar weniger als 150.000 bzw. 147.742 Euro.
Foto: AdobeStock / jPhoto 5000
Ohne Netz keine KI
Datenzentren werden zu „Ankerkunden“ der Stromwirtschaft – mit Preisrisiken für Haushalte und Industrie.
Michael Kordovsky. Künstliche Intelligenz wächst nicht nur mit mehr Rechenchips, sondern vor allem auch mit Stromverbrauch. Laut International Energy Agency (IEA) in ihrer Publikation „Electricity 2024 – Analysis and forecast to 2026” lag der weltweite Strombedarf von Rechenzentren im Jahr 2022 bei 460 TWh und könnte im Jahr 2026 mehr als 1.000 TWh erreichen, was in etwa dem Stromverbrauch Japans entspricht. Treiber dieser Dynamik ist dabei die KI.
Der Aufstieg des „Ankerkunden“: Zahlen, Trends, Hotspots
In Irland sind die Dimensionen bereits sichtbar: Datenzentren verbrauchten 2024 rund 22 % des Landesstroms. Bis 2026 könnten es laut IEA bereits 32 % sein. Bereits im Juni 2023 waren in Irland 82 Datenzentren in Betrieb, 14 weitere im Bau und für 22 Projekte waren bereits 40 weitere genehmigt. Irlands Netzbetreiber EirGrid kalkuliert im mittleren Szenario für den Zeitraum 2023 bis 2034 mit einem Anstieg der Stromnachfrage um 45 % und die Spitzennachfrage wird bis 2034 voraussichtlich um 24 % (gegenüber 2023) steigen. Die Folgen: Zwar sind für den Zeitraum 2028 bis 2032 unter normalen Bedingungen ausreichend Kapazitäten für den Betrieb des Systems gegeben. Aber unter schwierigen Bedingungen entsteht eine Lücke von 600 bis 800 MW. Von 2032 bis 2034 werden in beiden Szenarien zusätzliche Kapazitäten im Bereich von 100 bis 1.000 MW benötigt.
Auch Deutschland ist ein Hotspot. Laut Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz benötigten Rechenzentren und kleinere IT-Anlagen in Deutschland bereits 2024 20 TWh Strom, was rund 4 % des deutschen Bruttostromverbrauchs von 2023 entsprach. Im Jahr 2030 werden es bereits 31 TWh sein, u.a. getrieben von KI und dem Cloud-Boom.
In den USA wird im gewerblichen Sektor im Jahr 2025 mit einer Steigerung des Stromabsatzes um 3 % gerechnet – und 2026 bereits um 4,5 %, was vor allem auf die höhere Nachfrage von Rechenzentren zurückzuführen ist. Ein Bericht des US- Energieministeriums gelangt zu dem Ergebnis, dass Rechenzentren im Jahr 2023 etwa 4,4 % des gesamten Stromverbrauchs der USA ausmachten und bis 2028 voraussichtlich etwa 6,7 bis 12 % ausmachen werden.
Preise, Netzausbau, Versorgung: Wer zahlt die KI-Skalierung?
Wird der „Ankerkunde Datenzentrum“ zum Preismacher? Drei Mechanismen sprechen dafür:
• Netz- & Erzeugungsausbau: Neue Kraftwerkskapazitäten, Reserveleistung, Transformatoren und Leitungen verursachen enorme Investitionskosten. Diese werden über Netzentgelte und Tarife auf alle Verbraucher verteilt. Hinzu kommt, dass Netzbetreiber im Zuge der KI-Skalierung oftmals kurzfristig zusätzliche Reservekraftwerke vorhalten müssen, um Lastspitzen abzufangen. Das treibt die Systemkosten weiter nach oben. Beispiel Irland: Der Netzbetreiber EirGrid warnt vor Kapazitätsengpässen und organisiert Auktionen, zur Sicherung von Kapazitäten vier Jahre im Voraus (T-4-Auktionen), die von Stromerzeugern gegen Kapazitätszahlungen angeboten werden.
• Lastspitzen & Lokalisierung: Große Cloud-Konzerne („Hyperscaler“) siedeln ihre Rechenzentren bevorzugt an wichtigen Netzknoten an, also dort, wo große Stromleitungen zusammenlaufen. Dadurch konzentriert sich der Stromverbrauch auf wenige Punkte. Da Rechenzentren Gleichstrom für Server und Kühlung benötigen, steigt der Stromverbrauch lokal besonders stark. Bis 2030 können sich die Lasten in KI-optimierten Zentren sogar vervielfachen. Das erhöht den Bedarf an Regelenergie und lässt Spitzenstrompreise an bestimmten Standorten überdurchschnittlich steigen.
• Kostenverschiebung: Große Cloud-Anbieter bauen immer mehr Rechenzentren, die viel Strom verbrauchen. Große Unternehmen sichern sich über PPAs (Power Purchase Agreements) oder eigene Aggregate Verfügbarkeit. Die Kosten für Netzausbau, Reservekraftwerke und Netzsteuerung werden in der Regel über alle Tarife verteilt. Haushalte zahlen also mit. Laut einer Analyse der N.C. State University und der Carnegie Mellon University wird die steigende Zahl von Rechenzentren über das gesamte US-Bundesgebiet bis 2030 voraussichtlich zu einem Anstieg der Stromkosten um durchschnittlich 8 % führen. Dieser Preisanstieg könnte in Hotspots für Rechenzentren sogar noch höher ausfallen, beispielsweise um bis zu 25 % in Nord-Virginia, wo sich einige der höchsten Konzentrationen von Rechenzentren befinden.
Drei Stellschrauben gegen die KI-Preisspirale
Damit KI nicht zur Preisfalle für Haushalte und Mittelstand wird, braucht es drei Ansätze.
Erstens Effizienz: Rechenzentren müssen ihren Energieverbrauch senken, z.B. durch bessere Kühlung, höhere Serverauslastung oder Abwärmenutzung in Stadtquartieren.
Zweitens Flexibilität: Lasten können in wind- oder sonnenreiche Stunden verschoben werden. Speicher (große Batterien oder Wasserstoff-Tanks) und Co-Location mit erneuerbaren Energien (z.B. Datenzentrum neben Windpark) stabilisieren zusätzlich.
Drittens faire Kostenregeln: Netzgebühren und Tarife müssen so gestaltet sein, dass Großkunden einen angemessenen Anteil für Reservierungen und Spitzenlasten zahlen. Nur wenn Effizienz, Flexibilität und Fairness zusammenspielen, bleibt Digitalisierung bezahlbar und die Energiewende auf Kurs.
Foto: Wikimedia / Cabramon
Oberbank mit optimistischem Ausblick
CEO Franz Gasselsberger zeigt sich anlässlich der Halbjahresergebnisse positiv gestimmt.
Tibor Pásztory. Eine positive Grundstimmung herrscht beim nie um ein deutliches Wort verlegenen Oberbank CEO Franz Gasselsberger. Die Ergebnisse des ersten Halbjahres stimmen ihn zufrieden, und – wichtiger noch – detto der Ausblick. Vor allem die Kernkapitalquote ist abermals (auf 18,8 %) gestiegen, das Eigenkapital insgesamt um 5,4 % auf 4,18 Milliarden Euro. „Das Eigenkapital befindet sich auf europäischem Spitzenniveau“, kommentiert Gasselsberger dies selbstbewusst. Den Lohn hierfür stellt ein Single-A Rating von Standard & Poor’s dar.
Stabile Daten
Auch mit dem operativen Ergebnis zeigt sich der Bankchef zufrieden, obwohl das Zinsergebnis aufgrund der Zinssenkungen um 4,8 % und, ganz allgemein, der Überschuss vor Steuern um 9,2 % auf 235 Millionen Euro zurückgegangen ist. Warum?
Die Antwort liegt in der Positionierung der Bank sowie den einzelnen Strängen des Bankgeschäftes: Das Dienstleistungsgeschäft hat sich hervorragend entwickelt, die Kundenanzahl im Private Banking liegt erstmals bei mehr als 10.000, die Cost-Income-Ratio im niedrigen 40er-Bereich und die Liquiditätsausstattung nennt Gasselsberger „exzellent“. Vor allem aber, erklärt er, muss eine Bank, die Geld verleiht, einen Überschuss an Einlagen einnehmen, um von der Spanne leben zu können. „Einlagen first!“ nennt er das im O-Ton. Und das tut die Bank, da die Kundeneinlagen um 5,6 % auf mehr als 20 Milliarden Euro gestiegen sind. Ergänzt man diese um die Wertpapierdepots, kommt die Bank auf betreute Kundengelder in Höhe von knapp 41,7 Milliarden Euro. In der Folge ist auch das Provisionsergebnis im zweistelligen Prozentbereich gestiegen.
Kreditfinanzierungen wieder beliebt
Auf der anderen Seite erwies sich das Kreditportfolio (um 4,2 % auf 21,45 Milliarden Euro gestiegen) als sehr stabil und die NPL-Quote daher mit 2,99 % als sehr niedrig. Dies liegt sicher auch daran, dass die Oberbank im Gegensatz zu diversen Großbanken ihr Filialnetz nicht ausdünnt, sondern ausweitet. So habe man mehr direkten Kontakt zu Kunden und könne diese besser einschätzen (und umgekehrt). In Österreich habe man mit 91 Filialen den Plafond erreicht, in den anderen betreuten Märkten Deutschland, Tschechien und Ungarn sind aufgrund eines sehr guten Geschäftsverlauf weitere Filialen geplant.
Umfeld und Ausblick
Gasselsberger ist sich sehr sicher, dass sich das zweite Halbjahr sehr gut entwickeln wird: „Der gordische Knoten scheint gelöst zu sein.“ Sowohl bei Kommerzkrediten als auch im privaten Wohnbau herrsche wieder eine gestiegene Nachfrage. Doch auch die beste Bank kommt nicht an den Rahmenbedingungen vorbei. International hänge natürlich viel von der US-Zollpolitik ab, trotzdem sei Europa zurück. Vor allem vom deutschen Infrastrukturpaket wird Stimulierung erwartet.
Kritik und Wünsche
Nicht ganz so sicher ist sich der CEO allerdings bei den notwendigen Reformen in Österreich: „Ich hätte die großen heißen Eisen gleich angegangen“, beantwortet er unverblümt eine Frage des Börsen-Kurier und meint damit Staatsausgaben, Steuern und Pensionen. Jetzt diskutiere die heimische Politik lieber über Teilzeit und lasse wertvolle Zeit verstreichen. Dafür sei die Erhöhung der Bankenabgabe überfallsartig gewesen. Überraschend zufrieden zeigt er sich mit der Finanzmarktaufsicht. Diese tue nur ihre Pflicht, „vielleicht mit manchmal ein bisschen mehr Augenmaß“, äußert er einen frommen Wunsch.
Zurück zur Bank: Der Generationswechsel in der Bank sei mehr oder weniger vollzogen, und nächstes Jahr feiere man 40 Jahre an der Börse. Angestrebt würde eine Kernkapitalquote von 19 % und eine Bilanzsumme von mehr als 30 Milliarden Euro. Damit falle die Bank unter eine Direktbeaufsichtigung durch die EZB. Längerfristig, in der Strategie 2030, soll die Dividendenausschüttung sukzessive in Richtung 2 Euro steigen.
Foto: Joachim Haslinger
Entwürdigend: Die virtuelle Hauptversammlung.
Florian Beckermann. Das Format der rein virtuellen Hauptversammlung hat nach dem Ende der Covid19-bedingten Zwangs-Virtualität in Österreich seine Relevanz verloren. Gerade einmal eine Gesellschaft – Frauenthal AG – nutzt diese Art der Versammlung. Was dort geschieht, muss man hinterfragen. So sehr ärgert die Szenerie und die Darstellung des Aktionärs.
Vorab: Es ist kaum nachvollziehbar warum eine Gesellschaft, bei der in den letzten physischen Versammlungen kaum 30 Personen zugegen waren, auf ein virtuelles Format insistiert. Einen Marketing-Zweck kann man ausschließen – mit IT hat Frauenthal nur als Anwender durchaus positive Erfahrung. Ferner mag man sich auch fragen, warum die Einberufung zwei Monate vor der Versammlung erfolgte, wo sonst durchaus kürzere Fristsetzungen üblich sind. Warum der ursprüngliche Hauptversammlungstermin nicht genutzt wurde, ist ähnlich rätselhaft. Es konnte übrigens kein Streubesitzaktionär namhaft gemacht werden, der sich vorab für eine virtuelle Hauptversammlung ausgesprochen hätte. Objektiv betrachtet, riecht die Szenerie nach Aktionärsvermeidung.
Doch dies lässt sich nach dem österreichischen Gesetz für virtuelle Hauptversammlungen nicht gänzlich umgehen. Auch wenn dem Aktionär nicht die gleichen Rechte zukommen, wie bei einer Präsenzversammlung – eine der großen Baustellen und signifikanten Rechtsunsicherheiten dieses Formats. Gesetzgeber und Höchstgerichte werden damit irgendwann Arbeit bekommen. Sohin hat das virtuelle Format ein Geschmäckle schlechter Governance …
Konkret: Gerade eine Handvoll Aktionäre waren anwesend. Über hundert Interessierte waren eingeloggt (Gruß an die Beraterszene). Die Präsentation war solide. Mit dem Beginn der Diskussion zeigte sich, dass das gesamte Pre-HV-Set-Up ein juristisches Wünsch-Dir-Was bliebt. Beispielsweise wurde keine Frage vor dem HV-Tag eingereicht. Die Videoverbindungen kamen zustande oder auch nicht – unzählige Versuche scheiterten, insbesondere bei einem älteren Aktionär. Ein unwürdiges technisches Schauspiel, dass die inhaltliche Tragweite der Aktionärsfragen und Reden massiv erodierte. So etwas ist niemandem zuzumuten. Gerade dann, wenn er auch noch dafür bei seiner Bank und indirekt bei der Gesellschaft dafür zahlt!
Doch dem nicht genug: Unterbrechungen, vage Antworten, wieder Unterbrechungen usw. ziehen jedem Aktionär den Geduldszahn am Bildschirm. Das Warten auf das Abstimmungsergebnis wird zur Laptop-Akku-Challenge. Die Nachvollziehbarkeit einer Abstimmung in Präsenz hat mit der virtuellen Durchführung gar nichts gemein. Wo ist die Transparenz?
Fazit: Frauenthal Kernaktionär und CEO Hannes Winkler hat die Gesellschaft mit fulminanter Management-Cleverness optimiert. Es bleibt offen, warum dieser Erfolg nicht am Kapitalmarkt zur entsprechenden Würdigung reicht. Verstecken muss er ihn keinesfalls. Die HV-Posse wird auch ihm nicht gerecht. Einstweilen steht er noch im Wege, dem Wege der virtuellen Hauptversammlung ins juristische Nimmerwiedersehen-Depot.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Warum Anleger auf US Mid-Cap-Aktien setzen sollten
Ein Kommentar von Dina Ting, Leiterin des Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton.
(12.08.) Angesichts der anhaltenden Entwicklung des US-Aktienmarktes bieten Mid-Cap-Aktien aktuell attraktive Anlagechancen. Das Marktsegment ist aufgrund seiner einzigartigen Position besonders gut positioniert, um vom Wachstum der Industrie, von Infrastrukturinvestitionen und von technologischen Fortschritten zu profitieren.
Im Rahmen seiner Neuausrichtung der „America First“-Politik bringt Donald Trump weiterhin neue oder verbesserte Anreize und Subventionen zur Förderung der heimischen Produktion auf den Weg. Mid-Cap-Unternehmen in den USA scheinen von diesen wachstumsfördernden Maßnahmen zu profitieren. Mittelständische Unternehmen, die oft flexibler und anpassungsfähiger sind als ihre größeren Konkurrenten, sind unserer Meinung nach wichtige Nutznießer der erneuten Fokussierung auf die Wettbewerbsfähigkeit der USA. Sie befinden sich in einer einzigartigen Position, um von der wachsenden Nachfrage nach in den USA hergestellten Gütern und Infrastrukturlösungen in einem von Reshoring und Energieunabhängigkeit geprägten wirtschaftlichen Umfeld zu profitieren. Durch gezielte Steuererleichterungen, Deregulierung und die Fokussierung auf die heimische Produktion bieten diese Unternehmen unserer Ansicht nach attraktive Wachstumschancen.
Industriewerte machen derzeit fast 22 % des US-Mid-Cap-Segments aus (gemessen am S&P Midcap 400 Index), verglichen mit nur etwa 8,5 % für den S&P 500 Index. Diese Sektor-Gewichtung versetzt Midcaps in die Lage, erheblich vom erwarteten Infrastrukturboom zu profitieren, da das US Congressional Budget Office in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr feststellte, dass sich die Infrastrukturinvestitionen bis 2033 voraussichtlich auf bis zu 1 BioUSD belaufen werden, wobei erhebliche Beiträge aus den Bereichen Transport, Energie und Technologie kommen werden.
Ein Markt im Wandel
Der US-Aktienmarkt hat in den vergangenen zehn Jahren einen bemerkenswerten Wandel durchgemacht. Die Dominanz von Big Tech hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Nur noch 155 Aktien im S&P 500 repräsentieren heute die oberen 70 % der Marktkapitalisierung – gegenüber 274 Unternehmen vor einem Jahrzehnt. Der Aufstieg der Mega-Cap-Technologieunternehmen hat diese Verschiebung weitgehend vorangetrieben, wobei die „Magnificent Seven“ inzwischen jeweils einen Marktwert von über 1 BioUSD haben.
Doch genau diese Konzentration kann auch an anderer Stelle Chancen schaffen. Da sich institutionelle und private Anleger in die größten Namen gedrängt haben, wird unserer Meinung nach die mittlere Marktschicht zunehmend übersehen. Das Mid-Cap-Universum selbst ist seit 2015 von mehr als 620 auf etwa 410 Bestandteile geschrumpft, was unserer Analyse zufolge ein selektiveres, aber potenziell lohnendes Chancenspektrum für anspruchsvolle Anleger bietet. Darüber hinaus deutet die historische Tendenz zur Rotation der Marktführerschaft im Laufe der Zeit darauf hin, dass die jahrzehntelange Dominanz von Mega-Caps möglicherweise nicht unbegrenzt bestehen bleibt.
Während der Mid-Cap-Index seit Jahresbeginn schlechter abgeschnitten hat als Large Caps, hat er gegenüber kleineren Unternehmen seine relative Stärke beibehalten. US-Midcaps schnitten in den Zeiträumen von drei, fünf und zehn Jahren bis Mitte 2025 besser ab als Small Caps. Wenn man weiter herauszoomt, zeigt sich, dass die annualisierte Rendite für Mid Caps (9,27 %) seit Juni 2000 die von Small Caps (8,98 %) und Large Caps (7,96 %) übertroffen hat. Darüber hinaus übertrafen sie Large Caps in 301 Monaten (von Juni 2000 bis Juni 2025) in 65 % der Fälle über einen monatlichen rollierenden Zeitraum von fünf Jahren.
Wir glauben, dass der Mid-Cap-Bereich eine überzeugende Schnittstelle zwischen Chancen und Wandel darstellt. Er umfasst schnell wachsende Unternehmen, die vor nicht allzu langer Zeit Small Caps waren, gefallene Large Caps, die sich durch vorübergehende Herausforderungen kämpfen, und Spin-offs, die neue unabhängige Einheiten schaffen. Wir sehen, dass diese Dynamik zu einer sich ständig weiterentwickelnden Landschaft von Anlagemöglichkeiten führt. Die Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) von „Big Tech“ kurbeln die nachgelagerte Nachfrage an, wovon industrielle, technologienahe Midcaps profitieren. Unserer Meinung nach sind Mid-Cap-Aktien, die an KI-Infrastruktur, Rechenzentrumskomponenten oder Automatisierungstechnologie gebunden sind, gut positioniert, um von dieser breiteren Investitionswelle zu profitieren.
Da Midcaps kleiner sind, können sie sich schnell anpassen und schlankere Strukturen nutzen, um Innovationen voranzutreiben. Wir glauben, dass sie damit für ein potenziell nachhaltiges Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in einer KI-gesteuerten Wirtschaft gerüstet sind.
Bewertungen und Chancen
Die aktuellen Marktbedingungen haben auch zu einer bemerkenswerten Bewertungsstreuung geführt. Mid-Caps werden derzeit auf Kurs-Gewinn-Basis (KGV) mit einem Abschlag von fast 31 % gegenüber Large Caps gehandelt. Für Anleger mit einem längerfristigen Horizont könnte diese Bewertungsdivergenz einen überzeugenden Einstieg in übersehene Qualitätsunternehmen darstellen, die bisher von der Fokussierung des Marktes auf Mega-Cap-Titel überschattet wurden.
Mid-Cap-Aktien sind für Anleger, die über die aktuellen Marktfavoriten hinausblicken, eine attraktive Chance. Sie ermöglichen es, differenzierte Renditen und Risikopositionen zu erzielen, und lassen sich gut mit dem aktuellen „Made in America“-Trend vereinbaren. Gleichzeitig können Anleger von attraktiveren Bewertungen und Wachstumsfaktoren profitieren.
Echter Luxus ist besser gegen Zollbelastungen gewappnet
Ein Marktkommentar von Rebecca Irwin, Portfoliomanagerin des PGIM Jennison Global Equity Opportunities Fund bei Jennison Associates.
(18.08.) Zölle, Handel und geopolitische Unsicherheit belasten die globalen Aktienmärkte. Trotz eines EU-US-Handelsabkommens bleibt das Gesamtumfeld äußerst unsicher.
Unternehmen aus vielen Branchen dürften es zunehmend schwer haben, Margen zu halten oder die Endnachfrage zu sichern. Allerdings sind nicht alle Sektoren und Unternehmen gleichermaßen betroffen, sondern unterschiedlich stark verwundbar.
Ein gutes Beispiel ist der globale Luxusmarkensektor. Auch wenn es in einer Welt höherer Zölle schwierig bleibt, sich anzupassen, sind einige Luxusunternehmen – insbesondere jene an der absoluten Spitze des Marktes – besser in der Lage, anhaltende Belastungen abzufedern. Andere hingegen sehen sich gleichzeitig mit Margendruck und nachlassender Nachfrage konfrontiert.
Unterschiede im Luxussegment erkennen
Es ist wichtig, zwischen verschiedenen Arten von Luxusunternehmen zu unterscheiden. Viele profitieren von einem langjährig gewachsenen, beständigen Markenwert. Zudem hat der Aufstieg von Direktvertriebsmodellen den Unternehmen größere Kontrolle über Lagerbestände und Preise verschafft.
Diese Preissetzungsmacht ist dabei ein entscheidender Vorteil in einem Umfeld, in dem Zölle die Rentabilität direkt schmälern können. Im Vergleich zu anderen Branchen sind Luxusunternehmen mit starkem Markenwert in der Regel besser in der Lage, zollbedingte Mehrkosten an ihre Kunden weiterzugeben.
Dennoch sind nicht alle Luxusunternehmen gleich aufgestellt: Firmen mit geringerem Markenwert oder einer breiteren, preisempfindlicheren Zielgruppe haben es deutlich schwerer, ihre Preissetzungsmacht zu halten und Kosten weiterzugeben.
Preissetzungsmacht und Umsatzdynamik halten
Zölle bergen sogenannte „Risiken erster Ordnung“ – direkte Kostensteigerungen bei Importwaren – und „Risiken zweiter Ordnung“, etwa makroökonomische Folgewirkungen. So kann sich die Frage stellen, ob höhere Zölle zu einer Konjunkturabkühlung und damit zu sinkender Nachfrage führen.
In einem schwächeren Nachfrageumfeld werden nur die widerstandsfähigsten Luxusmarken ihre Preissetzungsmacht und ihre Verkaufsdynamik halten. Dies sind die Unternehmen an der Spitze der Luxuspyramide – Marken mit außergewöhnlichem Markenwert, begrenztem Angebot und weltweiter Bekanntheit. Hermès und Ferrari ragen hier besonders heraus.
Zwar entging die EU der angedrohten 30-prozentigen Zollerhöhung auf US-Importe, doch für viele europäische Unternehmen stieg der Zollsatz von zehn Prozent auf 15 Prozent. Bereits der frühere Satz von zehn Prozent veranlasste die meisten Luxusfirmen, ihre US-Preise um vier bis fünf Prozent anzuheben – und so die Kostensteigerung weitgehend ohne größere Beeinträchtigungen aufzufangen.
Bedeutung von Knappheit und starker Markenidentität
Noch ist es früh, doch bislang haben die US-Konsumenten ihr Kaufverhalten vor dem Hintergrund dieser Preisanpassungen nicht merklich verändert, und die Premium-Positionierung des Sektors bleibt vorerst erhalten. Ein besonders interessantes Beispiel liefert Ferrari: Ferrari ist ein Luxusunternehmen, dass sozusagen „zufälligerweise“ Autos verkauft, womit es in einer anderen Schublade steckt als andere Luxusunternehmen. Ferrari unterlag in den USA einem Zollsatz von 25 Prozent, erhöhte die Preise um zehn Prozent und verbuchte den Rest der Mehrkosten als Aufwand. Nun profitiert das Unternehmen von der Senkung der Zölle auf 15 Prozent. Trotz der Preiserhöhung blieb die Nachfrage stabil – dank des auf Knappheit ausgerichteten Geschäftsmodells, der Preissetzungsmacht und der starken Markenidentität.
Nicht alle Luxusunternehmen sind gleich widerstandsfähig
Marken aus dem zugänglicheren oder Massenluxussegment stehen vor größeren Hürden. Sie sprechen eine breitere Kundenschicht an, die preisempfindlicher ist, und haben es schwerer, Kosten weiterzugeben.
Auch Unternehmen, die ihre Preise während der Pandemie zu stark angehoben haben, verfügen heute über weniger Spielraum. Wenn die Preisakzeptanz der Kunden bereits ausgereizt wurde, lassen sich in einem zollgetriebenen Inflationsumfeld weitere Erhöhungen nur schwer durchsetzen.
Anleger müssen daher sorgfältig zwischen echtem Luxus und Massenprestige unterscheiden. Unternehmen mit starker Markentradition, direktem Vertrieb und Preissetzungsmacht sind deutlich besser gerüstet, um die kommenden Herausforderungen zu meistern. Für andere hingegen könnten steigende Kosten und ein sich wandelndes Konsumverhalten weitaus einschneidender wirken.
Weltmarktführer fürs Portfolio
An der Wiener Börse notiert eine stattliche Zahl an global führenden Nischenplayern.
Patrick Baldia. Dass die Exportwirtschaft der wichtigste Impulsgeber der österreichischen Konjunktur ist, steht für Experten außer Frage. Letztere soll laut Wifo-Prognose 2025 – auch nach zwei Jahren Rezession – weiter stagnieren und erst im kommenden Jahr wieder an Fahrt gewinnen.
Und auch der diesjährige Ausblick der Ökonomen für die Exportwirtschaft ist eingetrübt. Kein Wunder angesichts der vielen geo-politischen Risiken und vor allem der laufenden Neuausrichtung der internationalen Handelspolitik. Ganz zu schweigen von der im internationalen Vergleich hohen Inflation, die die Wettbewerbsfähigkeit und die Absatzmöglichkeiten schmälert.
Maßgeblich getragen wird die Exportindustrie von heimischen KMU. Nicht selten handelt es sich dabei um sogenannte „Hidden Champions“. Laut wissenschaftlicher Definition bzw. dem deutschen Unternehmensberater und ehemaligen Wirtschaftsprofessor Hermann Simon gehören dazu Unternehmen, die einen Jahresumsatz von weniger als 3 Milliarden Euro aufweisen, zu den drei größten in einem Marktsegment in Europa oder weltweit gehören sowie inhabergeführt sind.
Heimische „Hidden Champions“ zeichnet nach Georg Jungwirth von der Fachhochschule der Wirtschaft Graz wiederum die Tätigkeit in einem Nischenmarkt aus, in dem man weltweit zu den Top 3 zählt oder in Europa Marktführer ist, einen Jahresumsatz von weniger als 300 Millionen Euro aufweist und der breiten Öffentlichkeit weitgehend nicht bekannt ist. Darüber hinaus sind diese Unternehmen fast durchwegs im B2B-Bereich aktiv, am häufigsten im Maschinenbau, der Metallverarbeitung und der Elektronikindustrie.
Sich auf die Top Player in einer Nische zu konzentrieren, ist jedenfalls aus Anlegersicht einleuchtend: Marktführer auf internationaler Ebene wird man nicht, wenn man nicht auch für hohe Qualität steht. Einen Haken gibt es aber bei der Sache: die meisten „Hidden Champions“ notieren nicht an der Börse – auch hierzulande. Nach internationaler Definition gibt es jedoch an der Wiener Börse eine stattliche Zahl an „Hidden Champions“. Auch wenn KMU-Experte Jungwirth wohl per Definition eher von „Weltmarktführern“ spricht.
SBO: vielversprechend
Zu diesen Weltmarktführern, konkret im Bereich Hochpräzisionsteile aus hochlegiertem Stahl (bei Schlüsselkomponenten für die Ölindustrie gehört man zu den führenden Anbietern), zählt SBO. An der Börse war das Unternehmen mit Sitz im niederösterreichischen Ternitz zuletzt weniger gut unter-wegs, auf Ein-Jahres-Sicht steht ein Minus von fast 12 % zu Buche. Die Analysten der Erste Group stufen die langfristigen Aussichten dennoch als „vielversprechend“ ein, „untermauert durch die Flexibilität, Innovationsführerschaft und die wachsende Präsenz im Nahen Osten und Asien“, so Expertin Vladimira Urbankova.
Andritz, Palfinger und Co.
Wie SBO zählt auch Andritz zu den aktuellen Top-Picks der Erste Group. Das steirische Unternehmen zählt zu den der weltweit führenden Lieferanten von unter anderem Anlagen, Ausrüstungen und Serviceleistungen für Wasserkraftwerke, die Zellstoff- und Papierindustrie, die metallverarbeitende Industrie und die Stahlindustrie.
Eine weitere Kaufempfehlung: Palfinger, und damit der Weltmarktführer von Ladekranen, Forst- und Recyclingkranen, Marinekranen, Windkranen, Hooklifts und Eisenbahnsystemen. Immerhin „Akkumulieren“ lautet wiederum die Einschätzung für AT&S, einem der weltweit führenden Hersteller von Leiterplatten und IC-Substraten.
Ein paar weitere versteckte Weltmarktführer: Frequentis, Kapsch TrafficCom, Mayr-Melnhof, Rosenbauer und Wienerberger.
Foto: AdobeStock / Ali Sher
Was neue US-Zölle für Europa bedeuten
Moderate Zölle sind verkraftbar, aber ein Zollkrieg gefährdet das Wachstum.
Michael Kordovsky. In der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump wurde aus einem Streit um Handelsdefizite mit der Volksrepublik China rasch eine Serie von Strafzöllen. 2018 traf es Solarzellen, Waschmaschinen, Stahl und Aluminium. 2019 kühlte der globale Handel messbar ab und der weltweite Handelsumsatz in US-Dollar sank um 2,5 %. Parallel dazu verlangsamte sich das BIP-Wachstum in den USA von 3,0 auf 2,6 % und in China von 6,8 auf 6,1 %. Aktuell geht es hingegen um Zölle auf breiter Front. Historisch war in diesem Zusammenhang der 2. April als Trump neben einem pauschalen Zoll von 10 % auf Importgüter
60 Länder mit „reziproken Zöllen“ auf Grundlage des jeweiligen Handelsüberschusses konfrontierte – um diese dann am 9. April wieder für 90 Tage auszusetzen. Es gab dann noch ein weiteres „Gnadenmonat“, doch seit 7. August gelten neue Einfuhrzölle: Für Länder, mit denen die USA ein Handelsdefizit haben, sind 10 – 41 % vorgesehen. Für die meisten Einfuhren aus der EU liegt die neu ausgehandelte Obergrenze allerdings bei 15 %. Aber 50 % Zoll auf Stahl und Aluminium bleiben.
Besonders hart trifft es die Schweiz mit 39 %, zumal die USA im vergangenen Jahr mit 18,6 % der eidgenössischen Exporte das wichtigste Zielland waren. Die Exporte in die USA belaufen sich sogar auf knapp 7 % des BIP.
Vor allem Pharmaexporte sind für die Schweiz und auch die EU von Bedeutung. Im Jahr 2024 exportierten die EU-Länder laut Eurostat Pharmaprodukte im Wert von knapp 120 Milliarden Euro in die USA, importierten aber lediglich pharmazeutische Produkte im Wert von 46 Milliarden Euro aus den USA. Das ist Trump ein Dorn im Auge, weshalb er eine mögliche Zollanhebung von 150 und später sogar 250 % auf Pharmaimporte in den Raum stellte.
15 % Zoll noch zu verkraften …
Was bedeutet aber der jüngste Deal mit einem fast einheitlichen Zollsatz von 15 % und weiterhin 50 % für Stahl- und Aluminiumerzeugnisse für Europa und Österreich konkret? Die OeNB hat mit einem globalen Input-Output-Modell gerechnet. Ergebnis für Österreich ist ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,2 %. Dahinter verbergen sich unterschiedliche Brancheneffekte. Am stärksten ist die reale Wertschöpfung in der Herstellung pharmazeutischer und medizinischer Erzeugnisse mit -2,1 % getroffen, gefolgt vom Bereich „Kraftwagen und Kraftwagenteile“ mit -1,4 % und der Metallerzeugung und Metallbearbeitung mit -0,8 %. Für die Union insgesamt ergibt sich ebenfalls ein BIP-Rückgang um 0,2 % mit starken Unterschieden. Irland ist laut OeNB mit -1,2 % wegen der pharmazeutischen US-Exportstruktur am stärksten betroffen.
Für die gesamte Union liefert das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln eine Größenordnung: Bei einem Zollsatz von 15 % und gleichzeitigem zollfreien Zugang für die USA zum EU-Markt entstünden im Vergleich zu der Situation aus der Zeit vor der Wende der US-Handelspolitik (handelsgewichteter US-Zollsatz von 2,2 %) jährliche Kosten von rund 67 Milliarden Euro. In einem Szenario mit
Zöllen in Höhe von 35 % steigt der jährliche Verlust auf etwa 175 Milliarden Euro bzw. 1 % des BIP des Jahres 2024. Bei Vergeltungsmaßnahmen der EU wären es sogar rund 210 Milliarden Euro. Nicht berücksichtigt ist dabei eine weitere Eskalation gegenüber anderen Ländern wie etwa mit der Schweiz.
Größere Herausforderungen für Unternehmen
Der Blick auf die Konjunkturdynamik hilft bei der Einordnung: Höhere Zölle verteuern Importe und wirken kurzfristig inflationär. Mit abkühlender Nachfrage überwiegt jedoch eine disinflationäre Tendenz. Bei einer extremen Eskalation sind deflationäre Effekte nicht auszuschließen.
Für Unternehmen in Europa bedeutet das neue Umfeld drei Dinge: Erstens nimmt die Planungssicherheit ab. Ankündigungen, Aussetzungen und Neujustierungen kommen in kurzen Abständen. Zweitens nimmt der Druck zu, Lieferketten breiter aufzustellen. Drittens werden Verhandlungen über Ausnahmen und Schwellenwerte zum Teil des Tagesgeschäfts. Die Politik wird sich auf zwei Ebenen bewegen müssen, nämlich auf der einen Seite hinsichtlich der Verteidigung des Marktzugangs über Verhandlungen und auf der anderen Seite hinsichtlich gezielter Unterstützung jener Branchen, die von den aktuellen US-Zöllen am stärksten betroffen sind.
Unser Fazit
Handelskonflikte sind mehr als nur Schlagzeilen. Sie wirken messbar auf Wachstum, Preise und Investitionen und beeinflussen mittelfristig via zunehmender Ertragsbelastungen betroffener Firmen auch die Börsenkurse.
Foto: AdobeStock / Realistic AI Studio
Steyr Motors AG: mehr als nur eine a.o. HV
Der Motorhersteller ließ sich unter anderem ein Aktienoptionsprogramm genehmigen.
Cornelius Pirch. Nur 20 Aktionäre sowie der Börsen-Kurier hatten den Weg ins idyllische Steyr auf sich genommen, wohin der oberösterreichische Motorenhersteller zur außerordentlichen Hauptversammlung geladen hatte. Und das, obwohl die Tagesordnung fast schon jener einer ordentlichen Hauptversammlung entsprach, lediglich Gewinnverwendung sowie die Entlastungen der Organe fehlten.
Gutes erstes Halbjahr
Nach den üblichen Präambeln ergriff Alleinvorstand Julian Cassutti das Wort und ging kurz auf das erste Halbjahr ein, wobei er betonte, dass das Ergebnis den Erwartungen entsprach: „Unser Kurs wurde klar bestätigt, die Auftragslage ist mit 300 Millionen Euro bis 2030 hervorragend.“ Dazu merkte er an, dass sehr profitable Umsätze stichtagsbedingt ins zweite Halbjahr fallen, für das er eine steigende Profitabilität erwartet.
Dazu sieht er gute Chancen für kurzfristige Aufträge, vor allem durch das Sonderbeschaffungsprogramm der deutschen Bundeswehr, das ja die Anschaffung von mehreren Hundert Rad- und Kettenpanzern vorsieht.
Neuer Aufsichtsrat und Vorratsbeschlüsse
Im Anschluss gaben er und Aufsichtsratsvorsitzender Christian Klingler einige Erläuterungen zu den sechs Tagesordnungspunkten. „Sie werden verstehen, dass unser neuer Ankeraktionär, die B&C Holding, einen Sitz im Aufsichtsrat einnehmen möchte, darum soll heute Alexander Fitzka statt Philipp Berghofer, dem ich herzlich für seine Tätigkeit danke, in den AR gewählt werden“, erklärte Klingler. Die Punkte 2 bis 4 seien reine Vorratsbeschlüsse, wobei das Aktienoptionsprogramm zunächst nur für Cassutti gelten soll, sobald ein zweiter Vorstand gefunden ist, auch für diesen und „weitere leitende Angestellte“. Top 3 (bedingte Kapitalerhöhung) und 4 (Aktienrückkauf) sind für die Erfüllung des Programms vorgesehen.
Top 5, die Überarbeitung der Satzung sei unabdingbar, da in der alten Version nicht klar gewesen sei, ob die deutsche oder englische Fassung maßgeblich ist- Außerdem wurde sie gestrafft und an die üblichen Standards angepasst. Top 6 schließlich ist nur die Ergänzung des Prüfungsauftrags durch den Konzernabschluss an den in der ordentlichen Hauptversammlung gewählten Abschlussprüfer.
Nur ein Redner
Die folgende Generaldebatte wurde von einem einzigen Redner bestritten, der anmerkte, dass er das Optionsprogramm „engagiert“ finde, es aber dafür noch zu früh sei, da „so etwas erst ab einem Umsatz von 100 Millionen Euro üblich“ sei. Hier handle es sich um einen Anreiz für den Vorstand, erwiderte Klingler. „Er hat einen hervorragenden Job gemacht, soll das Wachstum weiter steigern und schließlich auch was davon haben.“
Warum im Programm eine Behaltedauer von nur einem statt sonst zwei Jahren und dafür ein (unübliches) Pönale von sechs Monatsgehältern und 20 % Zinsen stehe, wollte der Anteilseigner auch wissen. „Wir wollen nicht, dass kurzfristig Profit gezogen wird, und da ist ein Jahr völlig ausreichend“, erklärte Klingler. „Und das Pönale gehört halt auch dazu.“
Weiters folgte die unvermeidliche, aber verständliche Kritik an der Aufnahme der virtuellen Hauptversammlung in die Satzung, da dies „die Aktionäre eh net wollen“. Das sei inzwischen Standard, antwortete Klingler, außerdem gebe es internationale Investoren, die solche Regelungen „gern sehen“. „Wir wollen grundsätzlich die Hauptversammlung in Präsenz hier in Steyr abhalten, das versichere ich Ihnen, da müssen Sie sich keine Sorgen machen“, kalmierte der Aufsichtsratsvorsitzende.
Schlussendlich gab es noch Schmunzeln im Publikum, als Klingler die Frage, wer im Aufsichtsrat für den Streubesitz zuständig sei, mit „alle“ beantwortete.
Und so kam es nach etwas mehr als einer Stunde zu den Abstimmungen, wobei es bei der Wahl von Fitzka, dem Aktienoptionsprogramm und der bedingten Kapitalerhöhung rund 20 % Gegenstimmen gab, bei der Satzungsänderung aber nur 0,0091 %, was ob der Kritik doch etwas erstaunte.
Wie sich Investmentstrategien gezielt nutzen lassen
Derzeit prägt eine Vielzahl an Trends die Märkte. Heiko Geiger von Vontobel liefert Einblicke.
Raja Korinek. Die Unsicherheiten an den globalen Finanzmärkten dürften anhalten, wenngleich eine größere Korrektur bislang ausbleibt. Doch selbst solch ein Umfeld bietet Chancen etwa mit Zertifikaten, bei denen Anleger auf verschiedene Szenarien setzen können. Die Nachfrage nach solchen Wertpapieren sei jedenfalls anhaltend sehr groß, verweist Zertifikate-Experte Heiko Geiger (Foto) von der Bank Vontobel im Gespräch mit dem Börsen-Kurier auf aktuelle Entwicklungen in seinem Haus. Er hebt dabei einen Aspekt hervor und meint, dass seit April das Interesse an Anlageprodukten (Index-, Garantie- und Teilschutzprodukte) zwar leicht zurückgegangen sei. „Demgegenüber bleibt aber das Interesse an Hebelprodukten sehr hoch.“
Schwankungen bieten auch Chancen
Doch was steckt hinter dem aktuellen Trend? Auch hier liefert Geiger eine Antwort. „Anleger in Hebelprodukten mögen schwankungsintensive Märkte. Sie handeln die ganze Bandbreite an Anlageklassen von Aktien, über Indizes bis hin zu Währungen, Rohstoffen und Kryptowährungen.“ Neben der unsicheren Geopolitik habe dem Vontobel-Experten zufolge auch der erratische Regierungsstil des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump dazu geführt, dass solche Anleger sehr aktiv am Markt waren. Für das zweite Halbjahr werde es nunmehr entscheidend sein, ob die vielschichtige Unsicherheit bestehen bleibe.
„Darüber hinaus gilt es zu beachten, dass viele Märkte auf Allzeithochs notieren. Das könnte auf der einen Seite ein gewisses Korrekturpotenzial implizieren, auf der anderen Seite die Chance auf seitwärtstendierende Kurse eröffnen.“ In einer solchen Marktkonstellation könnten Anlageprodukte für seitwärtstendierende Märkte mit Barriere und begrenzter Partizipation als Aktienersatz sinnvoll erscheinen. Dazu zählen etwa Bonus- sowie Discount-Zertifikate. Bei beiden Produkten sind die Chancen nach oben begrenzt. Dafür winken bei einem Seitwärtstrend oder leicht sinkenden Kursen Renditechancen. Allzu stark dürfen die Basiswerte, auf die hierbei gesetzt wird, aber nicht sinken, da ansonsten auch die Produkte in die Verlustzone rutschen können – je nachdem, ob sich der Basiswert zum Laufzeitende der Zertifikate dann wieder erholt hat, oder nicht.
Welche Trends stehen im Fokus?
Darüber hinaus wird das aktuelle Umfeld von einigen Trends stark geprägt. „Einen direkten Zusammenhang von geopolitischen Konflikten und Anlegerverhalten sehen wir vor allem bei Edelmetallen und Rüstungsaktien“, präzisiert Geiger. Auf letzteren Sektor können Anleger zum Beispiel mit dem Solactive Europe Aerospace and Defense Indexzertifikat setzen. Darin sind zehn europäische Titel enthalten, die in der Verteidigungsbranche kräftig mitmischen. Zu den größten Positionen zählen Rolls Royce Holdings, Safran und MTU Aero Engines Holdings.
Auch das Thema Cyber Security wird immer wichtiger, mit dem auch zahlreiche Unternehmen zunehmend Geld verdienen. „Cyberangriffe sind heute keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. In dem Zusammenhang wird der Handlungsbedarf immer größer, da sich die Bedrohungslage stetig wandelt.“ Das Cyber-Security-Performance-Indexzertifikat setzt dabei auf 15 Branchenunternehmen fast ausschließlich aus den USA, mit kleinen Ausnahmen (Israel und Japan). Zu den größten Positionen im Index zählen Cloudflare, Cyberark Software und Zscaler. Verluste sind bei beiden Produkten möglich.
Foto: Vontobel
Russisches Roulette im Mietrecht
Die Immobilienbranche und vor allem ihre Proponenten stehen im Schmuddeleck. Wem ist die Schadenfreude und der Argwohn zu verdenken. Jahrelang hat die Branche von steigenden Preisen, Mieten, Renditen profitiert – selber schuld, wenn es ihr jetzt also schlecht geht. Und überhaupt brauchen „Miet-Haie“ keinen Schutz. Aber wie bei allem im Leben ist nicht alles schwarz oder weiß – spätestens seit „Soul Man“ (Kultfilm der 80er Jahre, Anm.) wissen wir, dass es alle möglichen Schattierungen in Grau gibt.
Und wer Eigentum hat, weiß, dass damit auch Verantwortung und Kosten verbunden sind. Immobilien müssen instandgehalten werden – auch das kostet Geld. Und wer keine entsprechenden (Miet-)Einnahmen hat, wird nicht investieren. Was insbesondere in Zeiten, in denen der Ruf nach nachhaltigen Immobilien immer lauter wird, ein Problem ist.
Dem nicht genug, hängt über jedem Mietvertrag das Damoklesschwert der ungültigen Klauseln, insbesondere dann, wenn der Mietvertrag zwischen einem Unternehmer und einem Mieter abgeschlossen und somit das Konsumentenschutzgesetz gilt.
Ganz wesentlich in jedem Mietvertrag, vor allem bei längerfristigen oder gar unbefristeten, ist die Wertsicherungsklausel: Die Miete soll, kommt es zu einer Anpassung des Verbraucherpreisindexes, ebenfalls entsprechend angepasst werden können und somit den Vermieter (ebenso wie den Mieter bei einer Deflation) vor einem Wertverlust schützen.
Wertsicherungsklauseln finden sich seit Jahrzehnten in Mietverträgen und hielten bis vor Kurzem auch oberstgerichtlicher Prüfung stand. Seit 2023 ergingen jedoch drei Entscheidungen, die Vermietern seither schlaflose Nächte bereiten: Wertsicherungsklauseln in Mietverträgen, die eine mögliche Indexierung in den ersten Monaten nicht ausschließen, verstoßen gegen § 6 Abs 2 Z 4 KSchG und seien daher unwirksam, da bei kundenfeindlichster Auslegung in den ersten beiden Monaten nach Vertragsabschluss eine Entgeltänderung eintreten könnte. Dies führt zum Ergebnis, dass ein Vermieter das Mietentgelt während der gesamten Laufzeit nicht anpassen darf und der Mieter rückwirkend bereits erfolgte Anpassungen zurückverlangen kann, und zwar für die letzten 30 (!) Jahre.
Nun hat der 10. Senat des OGH für Aufatmen gesorgt: § 6 Abs 2 Z 4 KSchG sei auf längerfristige Verträge nicht anwendbar, weil der Mieter gerade nicht darauf vertraut, dass sich die Miete nicht ändert. Diese Auslegung begründet der OGH auch damit, dass die Folge, nämlich der komplette Wegfall der Möglichkeit der Anpassung und die nachträgliche Rückforderung für bereits geleistete Mietanpassungen in keinem Verhältnis stünden und überschießend seien.
Es bleibt zu hoffen, dass ein anderer Senat des OGH nicht eine gegenteilige Auffassung vertritt. Dann müsste sich wohl irgendwann ein verstärkter Senat mit der Rechtsfrage der Anwendbarkeit der Regelung befassen. In der Zwischenzeit bleibt Vermietern geraten, ihre Verträge prüfen zu lassen.
Autorin Dr. Birgit Kraml, LL.M. ist Partnerin und leitet das Immobilienrechtsteam bei DLA Piper Rechtsanwälte in Wien
Die Weltwirtschaft dümpelt weiter vor sich hin
Ein Kommentar von Guy Wagner von BLI – Banque de Luxembourg Investments.
(04.08.) Die Weltwirtschaft dümpelt weiter vor sich hin, in Erwartung der Auswirkungen der jüngsten fiskalischen Unterstützungsmaßnahmen in den USA und Deutschland. Dies schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.
„Das annualisierte BIP-Wachstum der USA von drei Prozent im zweiten Quartal war auf einen ungewöhnlich hohen Beitrag des Handels zurückzuführen, da die Importe, die im ersten Quartal in Erwartung von Zöllen stark angestiegen waren, zurückgingen“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. „Der private Konsum wuchs nur um 1,4 Prozent, womit sich die bereits im ersten Quartal eingetretene Abschwächung fortsetzte.“ In der Eurozone konnte die Wirtschaft im zweiten Quartal eine Kontraktion vermeiden, da das BIP um 0,1 Prozent stieg, obwohl die Unterstützung durch die Exporte, die im ersten Quartal vor der Ankündigung der US-Zölle zugenommen hatten, wegfiel. In China wuchs das BIP zwischen April und Juni im Jahresvergleich um 5,2 Prozent und verzeichnete damit ein solides Wachstum, „das von widerstandsfähigen Exporten getragen wurde, während der Binnenkonsum aufgrund der fehlenden Erholung des Immobilienmarktes weiterhin fragil blieb“, so die Einschätzung des luxemburgischen Ökonomen. In Japan wird das Handelsabkommen mit den USA, das Zölle in Höhe von 15 Prozent vorsieht, kaum zu einer Verbesserung des Wirtschaftswachstums beitragen.
Inflation in Eurozone bleibt unverändert
In den USA zeigte die Einführung der Zölle einen ersten leichten Einfluss auf die Preisindikatoren im Juni. So stieg die Gesamtinflationsrate von 2,4 Prozent im Mai auf 2,7 Prozent im Juni. In der Eurozone blieb die Inflation im Juli unverändert. Die Gesamtinflationsrate lag bei 2,0 Prozent und die Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel bei 2,3 Prozent.
Keine Änderung bei Geldpolitik der US-Notenbank
Trotz des Drucks von Präsident Donald Trump änderte die US-Notenbank auf ihrer Juli-Sitzung nichts an ihrer Geldpolitik. Präsident Jerome Powell bekräftigte, wie schon bei der vorangegangenen Sitzung im Juni, seine abwartende Haltung, um beobachten zu können, welches der beiden Ziele – Vollbeschäftigung oder eine Inflationsrate von zwei Prozent – sich aufgrund der Preispolitik der neuen Regierung als stärker gefährdet erweisen wird. In der Eurozone ließ die Europäische Zentralbank ihren Einlagensatz unverändert bei zwei Prozent, nachdem sie ihn seit Juni 2024 bei fast jeder Sitzung gesenkt hatte. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte, dass die EZB mit dem derzeitigen Leitzinsniveau zufrieden sei, da das Inflationsziel von zwei Prozent wieder erreicht worden sei.
Wenig Bewegung an den Anleihemärkten
Die Anleihemärkte bewegten sich im Juli kaum. In den USA stieg die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe leicht und erreichte damit in etwa wieder das Niveau von Ende Mai. In der Eurozone war der Trend ähnlich, wobei die langfristigen Zinsen im Monatsverlauf in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien leicht anstiegen.
Technologie, Energie und Kommunikationsdienstleistungen mit bester Performance
Die Erholung der Aktienmärkte setzte sich im Juli fort und wurde von der anhaltenden Dynamik der Technologiewerte in den USA und der Finanzwerte in Europa angetrieben. Guy Wagner: „Die Steuersenkungen, die in den USA vom Kongress und vom Senat verabschiedet wurden, sowie die Tatsache, dass die ‚endgültigen‘ Zollsätze weniger hoch ausfielen als am ‚Liberation Day‘ angekündigt, lieferten das Narrativ für die Fortsetzung des Aufwärtstrends.“ So stieg der Weltaktienindex MSCI All Country World Index Net Total Return in Euro, unterstützt durch den starken US-Dollar, im Monatsverlauf um 4,0 Prozent. Auf regionaler Ebene stiegen der S&P 500 in den USA, der Stoxx Europe 600, der japanische Topix und der MSCI Emerging Markets Index. „Auf Sektorenebene verzeichneten Technologie, Energie und Kommunikationsdienstleistungen die beste Performance, während sich Materialien, Gesundheit und Basiskonsumgüter am ungünstigsten entwickelten.“
Capital Group zur Leitzinsentscheidung der Fed
Kommentare zu Makroökonomie, Aktien und Anleihen der Capital Group. (30.07.)
Makroökonomischer Kommentar
Robert Lind, Ökonom bei Capital Group, sagt:
„Die volle Wirkung der jüngsten Handelsabkommen ist noch nicht spürbar, sodass die Geldpolitik weiterhin zwischen einer nachlassenden Konjunktur und dem Risiko anhaltender Inflation abwägen muss. Die US-Notenbank hat aktuell eine neutrale Haltung eingenommen, dennoch sind wir im Hinblick auf das globale Wachstum verhalten optimistisch.
Gleichzeitig zeigen sich erste Anzeichen einer Abschwächung in der US-Wirtschaft. Die Auswirkungen der Zölle dürften die Inflation zusätzlich anheizen und gleichzeitig das Wachstum bremsen, was den Druck auf die Fed erhöhen dürfte. Eine moderate Lockerung der Geldpolitik im weiteren Jahresverlauf erscheint möglich, auch wenn der Spielraum begrenzt sein könnte, sollte sich die Inflation als hartnäckiger erweisen als erwartet.
In Europa rechnen wir ebenfalls mit einer leichten Lockerung der Geldpolitik, um den Auswirkungen der Zölle und einer starken Währung gegenüber dem US-Dollar entgegenzuwirken. In Japan dürfte sich hingegen der Kurs einer schrittweisen Straffung fortsetzen. Insgesamt bleibt das globale geldpolitische Umfeld uneinheitlich. Anleger sollten aufmerksam verfolgen, wie die Zentralbanken das Spannungsfeld zwischen Inflationsrisiken und Konjunkturstützung steuern.“
Kommentar zu den Aktienmärkten
Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, sagt:
„Die Führungsrolle an den Aktienmärkten hat sich in diesem Jahr allmählich über US-amerikanische und technologieorientierte Unternehmen hinaus ausgeweitet. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob dieser Trend anhält. In einem von Unsicherheit geprägten Umfeld sollten sich Anleger nicht auf eindeutige Szenarien festlegen, sondern widerstandsfähige Portfolios aufbauen, die in unterschiedlichen Marktzyklen, Regionen und Stilrichtungen bestehen können. Flexibilität und Diversifikation sind entscheidend, um sich in einem potenziell volatileren und strukturell veränderten Marktumfeld zurechtzufinden. Unternehmen mit globaler Präsenz, breit aufgestellten Einnahmequellen und anpassungsfähigen Lieferketten könnten besonders gut gerüstet sein, um auf sich wandelnde geopolitische und handelsbezogene Rahmenbedingungen zu reagieren.“
Kommentar zu den Anleihemärkten
Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group, sagt:
„Obwohl die Fed bei ihrer jüngsten Zinssitzung beschlossen hat, die Zinsen unverändert zu lassen, bleibt die Möglichkeit von Zinssenkungen bei den kommenden Sitzungen bestehen. Die Fed balanciert dabei zwischen nachlassenden Konjunkturdaten und dem Risiko anhaltender Inflation. Ein unterstützender geldpolitischer Zyklus dürfte weiterhin qualitativ hochwertige Kreditengagements begünstigen.“
Abgesehen von einem kurzzeitigen Ausverkauf im April nach dem Liberation Day haben sich Kreditbewertungen als widerstandsfähig erwiesen, gestützt durch starke technische Faktoren. Hohe Liquidität, signifikante Barmittel am Seitenrand und anhaltende politische Unterstützung führen weiterhin zu einer Verengung der Risikoprämien und dämpfen die Volatilität. Diese Dynamik kann dazu beitragen, die Spreads trotz wirtschaftlicher Unsicherheit relativ eng zu halten. In einem solchen Umfeld ist eine durchdachte Positionierung entscheidend. Der Fokus auf qualitativ hochwertige Anleihen kann Portfolios schützen und gleichzeitig laufende Erträge bieten. Da die Märkte anfällig für plötzliche Richtungswechsel sind, bleiben Selektivität und Flexibilität von zentraler Bedeutung. Eine wichtige Lehre aus der jüngsten Volatilität ist der Wert einer soliden defensiven Allokation zur Glättung der Renditen. Wir sind überzeugt, dass qualitativ hochwertige Anleihen hierfür gut geeignet sind.
Die zugrunde liegende Stärke im Kreditbereich wird durch solide Unternehmensdaten und einen robusten Konsum gestützt – trotz handelspolitischer Unsicherheiten. Im Bereich Investment-Grade-Unternehmensanleihen sind die Kreditkennzahlen im historischen Vergleich besonders stark. Chancen ergeben sich in Segmenten wie europäischen Banken, US-Energieversorgern und der Pharmaindustrie. Diese Anleihen bieten zudem Duration, was bei einer anhaltenden wirtschaftlichen Abkühlung hilfreich sein kann. Vor dem Hintergrund gesunder Unternehmensbilanzen und eines widerstandsfähigen Konsums sind wir überzeugt, dass qualitativ hochwertige Anleihen weiterhin die defensive Stütze liefern können, die Portfolios benötigen.“
Weshalb Künstliche Intelligenz treibende Kraft bleibt
Turbulenzen werden die Märkte noch länger prägen, Chancen sollten gezielt genutzt werden.
Raja Korinek. Der Antritt des US-Präsidenten Donald Trump zu seiner zweiten Amtszeit hat tiefe Spuren auf den internationalen Märkten hinterlassen. Allein der Liberation Day am 2. April, an dem höhere Zölle verkündet wurden, löste einen Crash aus. Es war zugleich der Startschuss für den Abwärtstrend beim US-Dollar. Europäische Aktien hatten begonnen, den US-amerikanischen Pendants davonzuziehen.
Einzig, völlig überraschend kamen die hohen Schwankungen nicht, konstatiert Anita Frühwald, Country Head Austria & CEE bei der BNP Paribas Asset Management, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. „Die meisten Investoren hatten mit Trumps Aktionen gerechnet.“ Letztendlich hätten sich viele der „Sorgenkinder“, so etwa eine Rezession aufgrund des US-Handelskonflikts, aber auch eine Eskalation im Nahostkrieg, ohnedies nicht materialisiert. Frühwald mahnt jedoch vor Euphorie: „Eine erhöhte Volatilität dürfte uns noch länger begleiten, wenngleich wir insgesamt mit einem positiven Trend an den Börsen rechnen.“
Zollverschiebung verunsichert
Damit dürfte die langjährige Expertin recht behalten. Allein die Ankündigung Trumps, die EU-Zölle in Höhe von 15 %, die am 1. August hätten in Kraft treten sollen, um eine Woche zu verschieben, löste erneut ein Verkaufswelle aus. Dabei dürften die Zölle zahlreiche große europäische Exporteure eher treffen, ein Umstand, der allmählich der Outperformance europäischer Aktien der vergangenen Monate einen Dämpfer verpassen dürfte. Dennoch sollten Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben allein in Deutschland eine Stütze vor allem in den entsprechenden Sektoren bieten.
Frühwald nennt zudem Eigenschaften, die ihr am US-Markt besonders gefallen. Dazu zählen die niedrigeren Energiepreise, Deregulierung aber auch der Fiskalstimulus. Tatsächlich sieht Trumps jüngstes Steuerpaket – das „One Big Beautiful Bill“ – jede Menge Vergünstigungen vor. Auch weitere Unternehmensübernahmen sollten zu einem insgesamt positiven Umfeld beitragen. Vor allem die US-Technologiebörse Nasdaq steht dabei im Fokus. „Der Technologiesektor ist vom Zollstreit weniger betroffen, da die Umsätze mit Dienstleistungen erzielt werden.“ Auch die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) sieht Frühwald als wichtigen Treiber. Schon jetzt macht sich dies in den Zahlen bemerkbar.
KI ist der Wachstumstreiber
So vermeldete Microsoft gute Geschäfte mit Produkten zur Nutzung von KI. Im Geschäftsjahr 2024/25 verdiente der Konzern insgesamt 102 MrdUSD, ein Plus von 16 % im Jahresvergleich. Die Suchmaschine Google setzt inzwischen auf einen KI-Assistenten. Und Apple zeigt sich offen für Zukäufe im Bereich der KI. Der iPhone-Hersteller musste zugleich eine KI-Version der Sprachassistentin Siri auf 2026 verschieben.
Doch auch der Blick auf die Emerging Markets kann sich lohnen. An der Börse im Reich der Mitte könnte ebenfalls der Technologiesektor die Nase vorne haben. „Die Ankündigung von Deep Seek vor einigen Monaten verdeutlichte den Fortschritt des Landes in Bezug auf KI.“ Der breite Markt dürfte sich hingegen eher mau entwickeln. Frühwald führt dies auf die anhaltende Zurückhaltung chinesischer Konsumenten aufgrund des schwachen Immobiliensektors zurück. Die Regierung dürfte daher auch weiterhin die Binnennachfrage stimulieren, verweist die Expertin auf weitere mögliche Eingriffe. Alles in Allem dürfte der Herbst turbulent bleiben. Chancen sollten langfristig und selektiv genutzt werden.
Foto: Adobe Stock / Supatman
Geht Dax-Rekordjagd im zweiten Halbjahr weiter?
Wie Anleger auch von einem seitwärts tendierenden oder fallenden Markt profitieren.
Patrick Baldia. Der Höhenflug des Dax hat sich auch zu Beginn des dritten Quartals weiter fortgesetzt. Am 9. Juli stieg der deutsche Leitindex auf den neuen Rekordstand von knapp 24.480 Punkte. Damit wurden allein seit Jahresbeginn mehr als 30 (!) neue Allzeithochs gefeiert. Und dass obwohl der Dax Anfang April nach der Ankündigung neuer Zölle durch US-Präsident Donald Trump zwischenzeitlich die 20.000-Punkte-Grenze nach unten durchbrach. Auch der Anfang vergangener Woche verkündete Zoll-Deal zwischen den USA und der EU, der vor allem in Deutschland viel kritisiert wird, scheint bislang keine gröberen Spuren zu hinterlassen.
Nach dem besten ersten Halbjahr seit der Finanzkrise, der vor allem auf Zuflüsse aus Übersee zurückzuführen ist und in dem sich Anleger auf konjunktursensible Sektoren wie Energie, Industrie und Finanzen (Top-Performer in Q2/2025: Siemens Energy, Rheinmetall und Commerzbank) konzentriert haben, stellt sich die Frage, ob es in einer ähnlichen Tonart weitergehen wird? Zuletzt haben sich die Stimmen gemehrt, die zur Vorsicht mahnen oder zumindest über die Sommermonate, von einer Konsolidierung ausgehen. Aber auch gröbere Turbulenzen können in den kommenden Wochen und Monaten angesichts der erratischen Wirtschaftspolitik von Trump und der Vielzahl an aktuellen globalen Herausforderungen keineswegs ausgeschlossen werden.
Für Optimisten: Indexzertifikate
Gerade in so einem schwierigen Umfeld wie derzeit können Zertifikate mit ihren unterschiedlichen Charakteristiken der richtige Zugang sein, wenn man Einzelaktien als zu riskant einstuft. Für all jene, die auf eine wirtschaftliche Erholung bzw. einen weiter steigenden Markt setzen, bieten sich Partizipationszertifikate an, die den Dax 1:1 abbilden. Dazu gehört etwa das Index-/Partizipations-Zertifikat „Long DAX (TR) EUR“. Philipp Arnold, Head of Department Certificates Sales & Marketing beim Emittenten Raiffeisen Zertifikate, spricht von einem „absoluten Klassiker“ mit dem man auch von Dividenden „voll profitiert“. Ein weiteres Beispiel: das Partizipationszertifikat auf den Dax 40 von Société Générale Zertifikate.
Wer wiederum eine Verschnaufpause des Dax bzw. seitwärts tendierende, leicht fallende oder leicht steigende Kurse erwartet, könnte zu Bonus-Zertifikaten greifen. Bewegt sich der deutsche Leitindex über die Laufzeit hinweg innerhalb einer vorab bestimmten Kursspanne, erhält der Anleger einen Bonusbetrag – vorausgesetzt die bei der Emission definierte Barriere wird nicht berührt oder unterschritten. In diesem Fall entspricht die Rückzahlung am Laufzeitende der Performance des Dax.
Mit dem Bonus-Zertifikat auf den Dax von Vontobel erhält man etwa 260 Euro falls bis zum Ende des letzten Handelstags (20.3.2026) die Barriere von 18.000 Euro nicht berührt wird. Mit etwas mehr Risiko ist das Dax-Bonus-Zertifikat von Goldman Sachs verbunden, bei dem Anleger 480 Euro ausbezahlt bekommen sofern bis zum Laufzeitende am 20.3.2026 die Barriere von 19.600 Euro unberührt bleibt.
Foto: Börse Frankfurt / Gerald Schilling
ATX: Der jahrelang unterschätzte Index
Wien warf „unter dem Radar“ in fünf Jahren mehr Rendite ab als der Dax.
Harald Kolerus. Das kann sich sehen lassen: Der ATX TR (also inklusive Dividenden) legte in den vergangenen fünf Jahren mehr als 160 % zu, der Dax schaffte im selben Zeitraum „nur“ rund 95 % – ebenfalls unter Berücksichtigung der Ausschüttungen. Lässt man die Dividenden weg, kommt der ATX im selben Zeitraum auf gerundet 115 %, der Dow Jones, eine der weltweit am meisten beachteten Benchmarks, auf 70 %.
Wobei man hinzufügen muss, dass die Wiener Börse auch schon schlechtere Zeiten gesehen hat, so litt sie aufgrund der starken Bindung an CEE überproportional unter dem Ukraine-Krieg, auch die Corona-Pandemie haben andere Indizes besser überstanden. Wie geht es also in Wien weiter? Zu dieser Frage versammelte das Finanzjournalistenforum Bernhard Haas (Fondsmanager Erste Stock Vienna und RT Österreich Aktienfonds), Paul Pichler (Fondsmanager LLB Aktien Österreich) und Dietmar Rupar (Geschäftsführer des Fondsverbandes VÖIG) um den runden Tisch.
Eine Frage der Zölle
Ein großer Teil der Diskussion drehte sich um den Zoll-Konflikt. Die Teilnehmer stellten fest, dass die Auswirkungen auf ATX-Unternehmen sehr unterschiedlich ausfielen. Pichler: „Die AMAG hat ein Werk in Kanada und ist somit von 50-%igen Zöllen betroffen; Palfinger profitiert hingegen davon, dass man über ein Werk in den USA verfügt.“ Haas brachte ein weiteres Beispiel: „Die Hälfte der Produktion der Voestalpine, die in den USA verkauft wird, erfolgt in den Vereinigten Staaten, die andere Hälfte hat in den USA wenig Konkurrenz und die Zölle können zu einem Gutteil weitergegeben werden. Financials sind ohnedies nur sehr indirekt von den Zöllen betroffen.“
Wobei ja manche Beobachter behaupten, dass Donald Trump die EU-Kommissionspräsidentin Von der Leyen bei den Verhandlungen in Schottland „über den Tisch gezogen“ hätte. Den Börsen-Kurier interessierte, inwiefern die Runde diese Meinung teilt? Darauf Haas: „Es ist natürlich schwierig, Kritik auszusprechen, wenn man nicht selbst mit am Verhandlungstisch gesessen ist. Der USA-EU-Deal erscheint jedenfalls nicht unähnlich zu jenem mit Japan. Sehr wichtig ist, dass europäische Unternehmen im Vergleich zu der internationalen Konkurrenz nicht schwer benachteiligt werden. Wenn alle Länder Zölle im Bereich von 10, 11 oder 15 % entrichten müssen, kann das mit gewissen Einschränkungen an die Endkunden weitergegeben werden – das ist manageable. Wenn ein Land 50 % zahlen müsste und ein anderes beispielsweise 15 %, wäre das hingegen eine zu starke Verzerrung.“ Pichler fügte hinzu: „Die EU hat nicht einen gleich starken Hebel wie etwa China und spricht auch nicht immer in einer Sprache. Angesichts dessen liegt das Übereinkommen wohl nahe am bestmöglichen Szenario. Ein Deal ist besser als noch mehr zerbrochenes Porzellan.“
Attraktiv bewertet
Abgesehen davon spricht für den ATX die günstige Bewertung mit einem KGV von 11. Einen gewissen Rückenwind könne man sich auch von den massiven Konjunkturpaketen Deutschlands erwarten. Für sein Allzeithoch aus dem Jahr 2007 fehlt dem ATX noch ein Kursanstieg von 10 %. Auch hier werde man ein neues Hoch sehen, waren sich die Experten einig – wann, das wisse nur die „Glaskugel“. Positiv erwähnt wurden Einzelwerte wie Do & Co, Andritz, OMV, Kontron und als Turnaround-Case Agrana.
Charttechnisch gesehen befindet sich der ATX seit der April-Korrektur im Aufwärtstrend, die gute Performance macht kurzfristige Gewinnmitnahmen wahrscheinlich, langfristig spricht aber vieles weiterhin für Wien.
Gefährlich: Beschlüsse am Aufsichtsrat vorbei
Das Treffen von Beschlüssen am Aufsichtsrat vorbei bedeutet in der Regel, dass der Vorstand Entscheidungen trifft, für die – laut Gesetz, Satzung oder Geschäftsordnung – eigentlich die Zustimmung des Aufsichtsrats erforderlich gewesen wäre. Trotz der Klarheit ist das immer wieder ein Diskussionspunkt für Aktionäre: Geht das überhaupt? Konsequenzen?
Aufhänger ist die kürzliche Diskussion um die neue „Kapitalallokation“ des Vorstands der Voestalpine. Der Gesamtaufsichtsrat wurde erst zwei Tage nach der Ad-hoc-Meldung dazu informiert – ein Graubereich des Möglichen. Nicht immer leicht zu entscheiden. Selbst scheinbare Standards können zu Streit führen …
1. Unternehmensakquisition ohne Zustimmung: Ein Vorstand beschließt den Kauf eines anderen Unternehmens, obwohl die Satzung oder der Katalog zustimmungspflichtiger Geschäfte vorgibt, dass der Aufsichtsrat zustimmen muss. Beispiel: Ein Vorstand eines ATX-Konzerns übernimmt ein vielversprechendes Start-up für 50 Millionen Euro, obwohl ab 25 Millionen Euro die Zustimmung des Aufsichtsrats nötig ist. Der Wert des Start-ups liegt deutlich höher, ein sehr gutes Geschäft. Was tun?
2. Veräußerung wesentlicher Vermögenswerte: Verkauf von Tochtergesellschaften, Immobilien oder Maschinenparks ohne Zustimmung. Beispiel: Ein Vorstand verkauft eine profitable Tochtergesellschaft, um kurzfristig Liquidität zu sichern, ohne den Aufsichtsrat zu informieren. Eine Rettungsmaßnahme in der Krise ist so denkbar. Falsch?
3. Dividenden und krumme Bilanzen: Im Fall Wirecard zeigte sich besonders deutlich, wie gravierend das Versagen bzw. die Umgehung des Aufsichtsrats sein kann. Zwar bestand formal ein Aufsichtsrat, jedoch hat er seine Kontrollpflichten unzureichend wahrgenommen – insbesondere bei der Prüfung der Bilanzen und zentraler Entscheidungen des Vorstands. So wurden dort letztlich Bilanzen und Dividenden verabschiedet, deren Inhalte nicht ausreichend überprüft worden waren. Konsequenz war die gerichtlich festgestellte Unwirksamkeit, heute eine Säule der Anklagen gegen das Management.
5. Vergütungsentscheidungen für den Vorstand: Eigenmächtige Festlegung oder Veränderung von Vorstandsgehältern, Boni oder Abfindungen. Beispiel: Bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone im Jahr 2000 wurde u.a. heftig über millionenschwere Bonuszahlungen an Vorstände – etwa an den Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser – diskutiert. Der Vorwurf: Die Zahlungen seien ohne ausreichende Aufsichtsratsprüfung erfolgt und hätten den Aktiengesetz-Compliance-Rahmen möglicherweise überschritten. Strafanzeigen wegen Untreue, sowie das gesamte Zivilverfahren wurden letztlich eingestellt. Heute gibt es Claw-back-Klauseln in vielen Verträgen, die Rückforderungen einfacher werden lassen.
6. Strategische Richtungsentscheidungen: Grundlegende Strategieänderungen (z.B. Ausstieg aus einem Markt, Schließung von Werken), die eigentlich mit dem Aufsichtsrat abgestimmt werden müssten, markieren einen Graubereich. Zuletzt ist manchmal kaum ein Nachteil für ein Unternehmen festzustellen. Soll das ein Gericht entscheiden?
Juristische Folge: Neben der rechtlichen Anfechtbarkeit kommen zivilrechtliche oder gar strafrechtliche Haftungen. Der Aufsichtsrat kann den Vorstand abberufen oder abmahnen. Konsequenz: Für die Gesellschaft sind die Reputationsschäden durch solche Aktionen enorm. Der Vertrauensverlust bei Aktionären, der Öffentlichkeit und den Mitarbeitern ist kaum zu beziffern. Geschäftsordnungen und Beschlüsse haben nicht umsonst einen gewissen Formzwang – es sind Ableitungen aus einer Vielzahl von Informationen, Kompromissen und Balancen im Vorfeld. Eine Missachtung dessen, mag zwar im Einzelfall durchaus nachvollziehbar sein, der Beispieleffekt ist jedoch verheerend für den Aufsichtsrat und Vorstand.
Autor Florian Beckermann ist Präsident des IVA
„Wir rechnen mit einer Neubewertung des Biotech-Sektors“
Ein Kommentar von Rune Sand-Holm, Portfoliomanager bei DNB Asset Management.
(11.07.) Der Biotech-Sektor hat sich im bisherigen Jahresverlauf 2025 schlechter entwickelt als der breite Aktienmarkt, wobei Small- und Mid-Cap-Titel am stärksten unter Druck geraten sind. Large-Cap-Unternehmen in der kommerziellen Phase haben sich insbesondere in den USA relativ robust gezeigt. Wir glauben jedoch, dass sich die Aussichten in der zweiten Jahreshälfte aufhellen werden. Komprimierte Bewertungen, solide Fundamentaldaten und erste Anzeichen für eine Belebung der M&A-Aktivitäten beginnen die Stimmung zu verbessern. Auch das Finanzierungsumfeld macht Anzeichen einer Stabilisierung, insbesondere für Unternehmen mit differenzierten Plattformen oder kurzfristigen Katalysatoren. Mit dem Abklingen der makroökonomischen Unsicherheit und der Klärung der politischen Ausrichtung der neuen US-Regierung rechnen wir mit einer Neubewertung des Sektors. In diesem Umfeld sehen wir attraktive Chancen bei hochrangigen, cashflowstarken Biotech-Titeln und partiell bei innovationsgetriebenen Small- und Mid-Cap-Unternehmen mit klinischen oder kommerziellen Wendepunkten. Mit Blick auf die Zukunft könnte ein selektiver Ansatz, der sich auf hochrangige, cashflow-starke Biotech-Titel konzentriert, in einem ansonsten volatilen Umfeld stabilere Chancen bieten.
Welche Aktien haben das Wachstum in Europa und den USA vorangetrieben?
Die Aktien mit der besten Performance seit Jahresbeginn sind US-Biotech-Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung, insbesondere Cashflow starke Titel wie Gilead und Amgen. Mid-Cap-Unternehmen in der Kommerzialisierungsphase mit starken Produkteinführungen wie Ascendis haben ebenfalls solide Renditen erzielt. Dagegen waren US-Biotech-Unternehmen mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung das Segment mit der schwächsten Performance, belastet durch die negative Stimmung und ein schwieriges Finanzierungsumfeld. Ausgewählte Unternehmen in der Entwicklungsphase mit erfolgreichen klinischen Ergebnissen wurden jedoch mit starken Kursanstiegen belohnt. Ein bemerkenswertes Beispiel ist Merus, ein in den USA notiertes europäisches Biotech-Unternehmen, das nach positiven Daten aus seiner Onkologie-Pipeline deutliche Kursgewinne verzeichnete.
UCB und Argenx könnten in der zweiten Jahreshälfte an Wert gewinnen
Mehrere Biotech-Aktien mussten in diesem Jahr aufgrund von Verzögerungen bei der Zulassung, negativen Rückmeldungen der FDA, enttäuschenden Ergebnissen klinischer Studien, Finanzierungsproblemen oder politischen Kurswechseln unter der neuen US-Regierung Dämpfer hinnehmen. So sahen sich beispielsweise Impfstoffentwickler nach Führungswechseln im Gesundheitsministerium (HHS) und in der Arzneimittelbehörde FDA mit Herausforderungen konfrontiert. In Europa haben Unternehmen wie UCB und Argenx seit Jahresbeginn eine schwache Performance verzeichnet, doch wir glauben, dass sie gut positioniert sind, um in der zweiten Jahreshälfte wieder an Wert zu gewinnen. Sarepta Therapeutics, dass eine Gentherapie für eine seltene neuromuskuläre Erkrankung entwickelt, hat nach dem Tod von zwei Patienten in seinem Programm mit mehreren Herausforderungen zu kämpfen. Diese Vorfälle sind zwar selten, haben jedoch zu einer verstärkten behördlichen Kontrolle, der Rücknahme von Prognosen und einem komplexeren weiteren Vorgehen geführt. Obwohl es in der gesamten Branche mehrere Rückschläge gegeben hat, sehen wir darin auch erhebliche Chancen. Viele Unternehmen mit soliden Fundamentaldaten werden derzeit mit erheblichen Abschlägen gehandelt. In diesem Umfeld sehen wir attraktive Aufwärtspotenziale in einem Markt, der unserer Meinung nach echte Stock-Picker begünstigt, in dem differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse, eine solide Umsetzung und kurzfristige Katalysatoren die Performance bestimmen werden.
US-Gesundheitspolitik: Verunsicherung, aber auch Lichtblicke
Seit der Amtseinführung von Präsident Trump hat das US-Gesundheitsministerium (HHS) erhebliche Veränderungen und Reformen durchlaufen, darunter umfangreicher Personalabbau, Führungswechsel und Mittelkürzungen, die von der Regierung als Maßnahmen zur Bekämpfung von „Betrug, Verschwendung und Missbrauch” bezeichnet werden. Es wurden mehrere hochkarätige und umstrittene Ernennungen vorgenommen, darunter vor allem die von Robert F. Kennedy Jr. zum HHS-Minister. Kennedy ist ein bekannter Impfkritiker und scheint einen restriktiveren Ansatz bei der Bereitstellung von Impfstoffen zu verfolgen. Der Personalabbau und die Konsolidierungen innerhalb des HHS haben auch Befürchtungen geweckt, dass wichtige Funktionen der Behörde beeinträchtigt werden könnten. Besonders besorgniserregend sind Änderungen bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA, die zu Verzögerungen bei der Zulassung von Medikamenten und damit zu einer Verzögerung der Markteinführung neuer Medikamente führen könnten. Auch die dem HHS unterstellten National Institutes of Health (NIH) sind von der neuen Regierung stark betroffen. Trump hat versucht, die Mittel der NIH für medizinische Forschungszuschüsse erheblich zu kürzen. Derzeit laufen mehrere Gerichtsverfahren zu den Kürzungen, und es sieht so aus, als könnten einige Mittel wieder bereitgestellt werden. Selbst wenn ein Teil der Mittel wieder fließt, werden die ursprünglichen Kürzungen den Fortschritt mehrerer Forschungsprojekte beeinträchtigt haben, was Anlass zu Sorge über die langfristigen Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Fortschritt gibt. Darüber hinaus hat auch die „Meistbegünstigungsklausel“ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Präsident Trump unterzeichnete im Mai eine Durchführungsverordnung zur Einführung dieses neuen Preismodells als Versuch der Trump-Regierung, die Arzneimittelpreise in den USA zu senken, die deutlich höher sind als im Rest der Welt. Dies hat in der Branche Besorgnis ausgelöst, da es sich wahrscheinlich negativ auf die Innovation in der Arzneimittelentwicklung auswirken würde.
Trumps „Big Beautiful Bill” ist ein weiterer Gegenwind, da sie bislang eine Reihe von Bestimmungen zum Gesundheitswesen enthält. Die vorgeschlagenen Kürzungen bei Medicaid würden nicht nur Millionen von Amerikanern ohne Krankenversicherung zurücklassen, sondern auch Krankenhäuser treffen, da sie deren Medicaid-Zahlungen reduzieren würden. Das Ausmaß der Kürzungen ist noch ungewiss, und es sieht so aus, als hätte der Senatsparlamentarier einige der Vorschläge, die Medicaid betreffen, abgelehnt. Generell hat die Unsicherheit, die durch die vielen von der Regierung in Gang gesetzten Veränderungen entstanden ist, die Stimmung in der Branche negativ beeinflusst. Das Ausmaß der Auswirkungen vieler dieser Veränderungen ist noch unklar, da noch nicht entschieden ist, welche Änderungen tatsächlich umgesetzt werden. Obwohl viele der Veränderungen negativ sind, gibt es auch einige positive Aspekte der neuen Regierung. Unter anderem hat der neue FDA-Direktor positive Ansichten hinsichtlich der regulatorischen Flexibilität geäußert und möchte den Einsatz von KI im Zulassungsverfahren für neue Medikamente verstärken. Darüber hinaus scheinen trotz des Personalabbaus die meisten wichtigen Funktionen der FDA weiterhin intakt zu sein, was für künftige Arzneimittelzulassungen positiv ist.
Zollpolitik: Investoren warten auf Klarheit
In der Vergangenheit waren sowohl Arzneimittel als auch Medizintechnik (Medtech) von Zollerhöhungen oder Sanktionen ausgenommen. Dennoch sind große Pharma- und Medizintechnikunternehmen aufgrund ihrer globalen Lieferketten einem potenziellen Handelskrieg ausgesetzt. Bislang sind Arzneimittel von den von Trump eingeführten Zöllen ausgenommen, aber die Regierung hat mehrfach angekündigt, dass bald weitere Ankündigungen folgen werden. Obwohl weder der Umfang noch der Zeitpunkt möglicher Zölle klar sind, hat die Gefahr von Zöllen einige Unternehmen wie Eli Lilly dazu veranlasst, umfangreiche Investitionen in Produktionsstätten in den USA anzukündigen. Viele große Pharmaunternehmen haben ihre Produktionsstätten außerhalb der USA in Ländern mit niedrigeren Unternehmenssteuern wie Irland errichtet. Trump will mit Zöllen erreichen, dass große Pharmaunternehmen einen größeren Teil ihrer Produktion in die USA verlagern. Zölle auf Arzneimittel sind komplex und würden sowohl europäische Pharmaunternehmen als auch US-Unternehmen mit Produktionsstätten außerhalb der USA treffen. Das Ausmaß der Auswirkungen hängt davon ab, was besteuert wird und zu welchem Satz. Wenn die Zölle nur für pharmazeutische Wirkstoffe (APIs) gelten, wären die Folgen für die meisten Unternehmen überschaubarer und besser zu bewältigen. Wenn die Zölle hingegen auf den Endpreis der Medikamente abzielen, könnten die Auswirkungen weitaus gravierender sein. Die Zölle könnten auch auf den internen Verrechnungspreisen der Unternehmen basieren, was einen Mittelweg zwischen den beiden anderen Optionen darstellen würde. Die anhaltende Unsicherheit hinsichtlich möglicher Zollmaßnahmen erschwert es den Unternehmen, sich zu den langfristigen Investitionen zu verpflichten, die für den Aufbau oder die Erweiterung von Produktionsstätten erforderlich sind und oft mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Obwohl die Aufmerksamkeit für Trumps geplante Zölle im Gesundheitswesen seit der ersten Ankündigung nachgelassen hat, werden sie den Sektor weiterhin belasten, bis die Investoren mehr Klarheit haben.
Stimmungsverbesserung im zweiten Halbjahr
Wir glauben, dass sich die Aussichten für die zweite Jahreshälfte aufhellen. Niedrige Bewertungen, solide Fundamentaldaten und erste Anzeichen für eine Belebung der M&A-Aktivitäten tragen zu einer Verbesserung der Stimmung bei. Auch das Finanzierungsumfeld macht Anzeichen einer Stabilisierung, insbesondere für Unternehmen mit differenzierten Plattformen oder kurzfristigen Katalysatoren. Historisch gesehen tendiert der Biotechnologiesektor in der zweiten Jahreshälfte zu einer besseren Performance, unterstützt durch eine Reihe von klinischen Studienergebnissen, regulatorischen Entscheidungen und der Positionierung zum Jahresende. Da die makroökonomische Unsicherheit nachlässt und die politische Ausrichtung der neuen US-Regierung klarer wird, erwarten wir eine bessere Performance des Sektors. Dennoch glauben wir, dass dies ein Markt für Stock Picker ist, in dem unternehmensspezifische Impulse und die Umsetzung der Strategie die wichtigsten Performancefaktoren sein werden. Zwar haben Large-Cap-Biotech-Unternehmen, insbesondere solche mit starker Cash-Generierung, seit Jahresbeginn die Performance angeführt, doch erwarten wir nicht, dass sich dieser Trend in der zweiten Jahreshälfte fortsetzen wird. Stattdessen sehen wir attraktivere Chancen im Mid-Cap-Segment, insbesondere bei Titeln mit bevorstehenden klinischen Meilensteinen, der Umsetzung von Markteinführungen oder hohem strategischem Wert. In Europa stützen niedrige Bewertungen und das erneute Interesse US-amerikanischer Anleger an differenzierten Plattformen ausgewählte Titel mit Katalysatoren in der späten Phase.
Droht ein turbulenter Herbst 2025?
Der Zollstreit tobt und hinterlässt seine Spuren. Worauf Anleger nun achten müssen
Raja Korinek. Die US-Handelspolitik des Präsidenten Donald Trump ist aus dem globalen Wirtschaftsgeschehen längst nicht mehr wegzudenken. Allein am 10. Juli wurde bekannt, dass Brasiliens Ausfuhren in die USA mit einem Zollsatz von 50 % belegt werden. Sie sollen ab dem 1. August gelten – jene Frist, die zugleich der EU für eine Einigung mit den USA gesetzt wurde. Letzterer Region drohen – ohne neuen Deal – 30 % Zölle.
Die Entwicklungen werfen freilich Fragen zum Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr auf. Karsten Junius, Chief Economist der Schweizer Bank J. Safra Sarasin, liefert im Gespräch mit dem Börsen-Kurier eine Prognose. „Wir erwarten ein BIP-Wachstum von 0,8 % für den Euroraum und 1,5 % für die USA.“ Dies ist ein Rückgang gegenüber dem vergangenen Jahr. Da legte das BIP um 0,9 %, respektive 2,8 % zu.
Zölle werden belasten
Die erwartete Abschwächung in den USA führt Junius auf die Zölle zurück. Von einer Rezession geht der Ökonom aber nicht aus. Auch auf die Entwicklungen diesseits des Atlantiks geht er ein. So dürfte im Sommer das Wachstum voraussichtlich schwächer ausfallen. Und das aus gutem Grund: „Viele Exporte in die USA sind im ersten Quartal vorgezogen worden. Zudem belastet der stärkere Euro die Wettbewerbsfähigkeit.“ Allein zu Jahresbeginn notierte die europäische Gemeinschaftswährung bei rund 1,035 USD. Zuletzt mussten Investoren rund 1,16 USD bezahlen.
Wenigstens bietet der stärkere Euro der EZB weiteren Spielraum für Zinssenkungen. Denn damit werde die importierte Inflation weiter nach unten gedrückt. „Auch von der Lohnseite erwarten wir keinen überdurchschnittlichen Kostendruck mehr.“ So rechnet man bei der Bank J. Safra Sarasin im September mit dem nächsten Schritt. Da dürfte der Einlagensatz auf 1,75 % und im Dezember auf 1,5 % gesenkt werden. In den USA könnte der Leitsatz von 4,5 auf 4 % im 4. Quartal 2025 gesenkt werden.
Inflation bleibt vorerst mäßig
Doch wie sehen die Inflationsschätzungen aus? Im Euroraum wird für 2025 mit 2,1 % gerechnet. In den USA dürfte die Teuerung auf 2,8 % sinken. Anleger sollten in letzterer Region die Entwicklung dennoch genau beobachten. Schließlich wird im weiteren Jahresverlauf aufgrund der US-Zollpolitik ein Inflationsanstieg erwartet. Denn die Maßnahmen verteuern Importwaren in die USA.
Auch die wachsende Bedeutung staatlicher Gelder für den Konjunkturkreislauf sollte nicht unterschätzt werden. „Zum Jahresende 2025 sowie im kommenden Jahr dürfte die expansivere Fiskalpolitik öffentliche und private Investitionen wieder stimulieren“, betont der Marktexperte. So hat erst kürzlich Trump sein neues Steuerpaket durch den Kongress gebracht. Auch in Deutschland hat man sich auf höhere Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur geeinigt.
Europaaktien werden bevorzugt
Und wie sehen die Aussichten für die Aktienmärkte aus? Hierzu hat Junius ebenfalls eine klare Meinung. „Globale Aktien haben neue Rekordhochs erreicht, getragen von einer Erholung von US-Aktien seit Anfang April.“ Damit hätten die Bewertungen in den USA wieder kritische Niveaus erreicht, die zumindest in der Vergangenheit kaum Luft nach oben ließen. Europäische Aktien waren hingegen seit Anfang April deutlich schwächer, blieben unter ihren Jahreshochs und das trotz eines stärkeren deutschen Fiskalstimulus 2025 und 2026. US-Aktien stuft man folglich „Neutral“ ein. „Aktien aus dem Euroraum werden hingegen auf ‚Most-Preferred‘ angehoben.“
Foto: AdobeStock / Babb
Palfinger positiv gestimmt
Der Kranhersteller Palfinger liefert ein punktgenau vorausgesagtes Ergebnis ab.
Tibor Pásztory. Das Unternehmen hatte es selbst prognostiziert: Das Konzernergebnis des ersten Halbjahres 2025 werde mit 50,1 Millionen Euro um knapp 27 % unter dem des Vergleichszeitraumes des Vorjahres liegen. Verantwortlich dafür zeichnen – wie für die nahezu gesamte Industrie – ein schwieriges Marktumfeld aufgrund konjunktureller Unsicherheit und daraus resultierender geringerer Auslastung der Kapazitäten.
Kursverdoppelung
Dies scheint allerdings weder das Unternehmen noch die Aktionäre sonderlich zu sorgen, und dies mit gutem Grund, hat sich doch der Aktienkurs im ersten Halbjahr verdoppelt. Hintergrund dieser Entwicklung sind spürbar höhere Auftragseingänge bereits seit dem vierten Quartal des Vorjahres, insbesondere in der Region EMEA (Europa, Naher Osten, Afrika). Aus diesem Grunde wurden sogar Kapazitätssteigerungen notwendig. Auch der asiatische Markt, vor allem Indien, zeigt gestiegenes Interesse, während der Bereich Marine weiter seinen Wachstumskurs fortsetzen kann. Selbst Nordamerika konnte im ersten Halbjahr trotz des Zollkonfliktes einen leichten Aufwärtstrend verspüren. In allen Regionen erweist sich der Servicebereich längst als wichtigster Umsatzbringer sowie als Cash Cow des Unternehmens, wenn man dessen Ebit-Marge von 10,2 mit den 7,9 % des Gesamtunternehmens vergleicht.
Regionalprinzip und Branchenvielfalt
Auch das Prinzip „In der Region für die Region“ setzt sich immer mehr durch. Zolltarife, Transportkosten und allgemein politische Unsicherheit zeigen sich weltweit verantwortlich für diesen eigentlich überfälligen Trend. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann in jeder Region die jeweils umsatzstärksten Produkte produzieren (in den USA etwa Lade- und Servicekräne, Ladebordwände und Hubarbeitsbühnen) und die Kosten durch Zölle teilweise umgehen.
CEO Andreas Klauser (im Bild links gemeinsam mit CFO Felix Strohbichler) betont die Wichtigkeit von Resilienz durch Branchenvielfalt in der Kundenstruktur. Schon bislang hat sich der Umsatz recht gleichmäßig auf Hoch-, Tief- und Wohnbau, Marine, Transport und Logistik, Entsorgung und Recycling, den Öffentlichen Sektor inklusive Railway sowie andere Sektoren aufgeteilt. Nun sollte auch das Marktpotential des Defense-Bereiches hinzukommen. Das US-Stargate Projekt (Künstliche Intelligenz) sowie das deutsche Fiskalpaket in Höhe von jeweils 500 Milliarden Euro ergeben weitere Marktchancen.
Ausblick
In diesem Zusammenhang ist die Auflösung der Kreuzbeteiligung mit dem chinesischen Hersteller Sany erwähnenswert. Die von Sany übernommenen Aktien wurden soeben institutionellen Anlegern im Rahmen einer Privatplatzierung verkauft. Der Erlös in Höhe von 100 Millionen Euro soll in neue militärische und andere Produkte investiert werden.
So wundert es nicht, dass der Ausblick für das zweite Halbjahr als durchaus positiv gesehen werden darf, und die Umsatz- wie Ergebnisrückgänge des ersten Halbjahres noch kompensiert werden sollten. Die Finanzziele für 2027 (ein Umsatz von 2,7 Milliarden Euro, eine Ebit-Marge von 10 % sowie ein Return on Capital Employed/ROCE von 12 %) bleiben jedenfalls aufrecht. Am Capital Markets Day sollen darüber hinaus, wie es heißt, „ambitionierte“ Finanzziele für 2030 bekannt gegeben werden.
Foto: Palfinger AG/APA-Fotoservice/Juhasz
Rendite mit Aufrüstung
Wie österreichische Unternehmen vom weltweiten Boom profitieren.
Christian Sec. Nach Jahrzehnten der Abrüstung setzt nun auch in Europa ein neues Wettrüsten ein. Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte in diesem Jahr an, die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas machen zu wollen. Und auch die EU schwenkt zunehmend auf Aufrüstungskurs ein. Der Europäische Verteidigungsfonds ist mit rund 8 Milliarden Euro dotiert und soll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Rüstungsindustrie fördern – auch mit Blick auf das langfristige Ziel einer EU-Verteidigungsunion.
„War es für Unternehmen vor einigen Jahren noch verpönt, ihre Verbindungen zur Rüstungsindustrie offen zu legen, hat sich dieses Bild inzwischen gewandelt“, erklärte Andreas Klauser, CEO von Palfinger, bei einem Kongress. Palfinger ist bereits seit Langem im Defense-Bereich tätig – etwa für das österreichische Bundesheer, aber auch z.B. für Deutschland und Kanada, wie Klauser einräumt. Insgesamt liegt das Engagement des Unternehmens im Defense-Bereich derzeit bei unter 5%.
Grenzenlose Euphorie
Diese neue Offenheit gegenüber der Rüstungsbranche zeigt sich auch an den Kapitalmärkten: Die Aktienkurse der Unternehmen steigen teils sprunghaft. Im April verwies Frequentis-CEO Norbert Haslacher in einem Interview mit der deutschen Börsen-Zeitung auf die großen Wachstumsperspektiven des Unternehmens im Militärbereich. Gerade die zweistelligen Margen im Defense-Bereich sind höher als in der zivilen Luftfahrt. Seit der Ankündigung ist der Kurs der Frequentis-Aktie um rund 50 % gestiegen. Der Bereich Defense machte im Vorjahr 96 Millionen Euro aus – etwa 20 % des Gesamtumsatzes der Gruppe. Im Jahr 2023 lag der Umsatz im Verteidigungsbereich bei 85 Millionen Euro, bei ähnlichem Umsatzanteil.
„Durch die veränderte geopolitische Lage erwarten wir für die kommenden Jahre steigende Investitionen in die militärische Sicherheit – also in Flugsicherung und Luftverteidigung“, erklärte das Unternehmen auf Anfrage des Börsen-Kurier. Immerhin konnte das Unternehmen einen bedeutenden Auftrag der deutschen Bundeswehr zur Modernisierung des militärischen Radardatennetzes an Land ziehen. Auch die US-Army zählt zu den Kunden: So installierte Frequentis einen digitalen Flugsicherungstower für das US-Verteidigungsministerium an der Heeresgarnison im deutschen Ansbach.
Mehr als 60 % des Umsatzes erzielt Steyr Motors im Bereich Defense. Im März gab das Unternehmen eine Rahmenvereinbarung mit der Rheinmetall Landsysteme GmbH bekannt, die eine strategische Partnerschaft für die Entwicklung und Lieferung von Motoren für militärische Anwendungen vorsieht. Die Vereinbarung führte auch zu einem deutlichen Anstieg des Auftragsbestands, der bis 2027 auf nahezu 200 Millionen Euro anwachsen soll. Nach der Veröffentlichung schnellte der Aktienkurs kurzfristig von rund 35 auf 240 Euro, um danach wieder in normale Gefilde zurückzukehren.
Auch in den USA hat Steyr Motors die Belieferung der US-Navy Seals mit Spezialmotoren weiter ausgebaut. Die Motoren des Unternehmens kommen vor allem in militärischen Spezialfahrzeugen, auf Booten sowie als Hilfsaggregate für Kampfpanzer und Lokomotiven zum Einsatz. Für das Jahr 2025 strebt Steyr Motors ein Umsatzwachstum von mindestens 40 % gegenüber dem Vorjahr an.
Profiteure vom Spielfeldrand
Aber auch Unternehmen aus dem rein zivilen Bereich profitieren indirekt vom Rüstungsboom.
So baut die FACC für Archer Aviation, einem US-Marktführer für Urban Air Mobility, zivile Drohnen. Rund 150 dieser Geräte werden in den USA für den militärischen Einsatz umgerüstet, wie Robert Machtlinger berichtete. Grundsätzlich habe der Technologiepartner der zivilen Luftfahrtindustrie jedoch nicht vor, sein Kerngeschäft auf den Verteidigungsbereich auszuweiten.
Foto: Adobe Stock / Domingo
Warum Österreicher (nicht) in heimische Aktien investieren
Potenzial des Kapitalmarkts bleibt für große Teile der Bevölkerung ungenutzt.
Marius Perger. „Die Aktie ist in Österreich ein Nischenprodukt“, sagt Thomas Schwabl, Gründer und Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Marketagent.com. Der Zugang bleibe vielen verschlossen, dafür gebe es emotionale, kognitive und finanzielle Gründe: „So bleibt das Potenzial des Kapitalmarkts für große Teile der Bevölkerung ungenutzt.“
Für die Studie „Aktien und Anlageverhalten in Österreich“ hat Marketagent Ende April/Anfang Mai 1.000 Personen zwischen 14 und 75 Jahren zu ihrer Risikobereitschaft, ihren Strategien und zu Investitionsbarrieren befragt. Die Ergebnisse seien repräsentativ für die österreichische Bevölkerung, so das Institut.
Buch mit sieben Siegeln
Geldanlage sei für viele immer noch ein „Buch mit sieben Siegeln“, heißt es in der Studie. Auch seien die Österreicher risikoscheu, sie würden lieber auf die „Sicherheit des Sparbuches“ setzen. Und schließlich fehle es an Interesse und Wissen.
Gefragt nach ihrem Wissensstand zum Thema Aktien erklären 54,2 % der Studienteilnehmer, dass dieses eher oder sehr schlecht sei. Nur 19 % glauben, eher oder sehr gut über Aktien Bescheid zu wissen. Deutlich besser steht es um den Informationsstand der jüngeren Österreicher: Immerhin 30,4 % der Generation Z (laut Wikipedia Jahrgänge 1997 bis 2012) und 21,1 % der Millennials (Jahrgänge 1981 bis 1996) kennen sich demnach eher oder sehr gut mit Aktien aus. Interessant ist auch das „Gender gap“ beim Wissensstand: Fast jeder dritte Mann (27,6 %), aber nur jede zehnte Frau (10,2 %) bezeichnet das eigene Aktienwissen als gut.
Auch gefühlsmäßig haben die Österreicher laut Studie Vorbehalte gegen Aktien: Diese seien ein „Spielcasino“, sagen 27,6 %, ein sprunghafter Fahrstuhl (25,0 %) oder ein verschlossener Raum, zu dem sie keinen Zugang haben (17,3 %). Und nur knapp 7 % sehen in Aktien einen sicheren Hafen. Als attraktive Anlageformen werden vor allem Gold und Edelmetalle, Immobilien sowie Sparbücher, Sparkonten und Bausparen gesehen. Erst an vierter Stelle rangieren hier Aktien, Aktienfonds, ETFs und Anleihen.
Wie wirklich investiert wird
Tatsächlich würden 29,4 % der Österreicher Aktien, Aktienfonds, ETFs oder Anleihen besitzen, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage. Damit liegen Wertpapiere auf Rang zwei hinter Sparbüchern, Sparkonten und Bausparen (zusammen 53,7 %). Auch hier sind Männer (37,87 %) und die Generation Z (36,0 %) überproportional vertreten.
Entscheidend für den Besitz von Wertpapieren ist laut Studie vor allem die Risikofreudigkeit: Während deutlich mehr als die Hälfte der sehr oder moderat risikofreudigen Menschen ihr Geld so anlegen, ist es bei den Risikoscheuen nur ein knappes Viertel, bei Risikoaversen sind es überhaupt nur 4,3 %.
„Kein Geld übrig“ zu haben, ist der meistgenannte Grund dafür, nicht in Wertpapiere zu investieren – das sagen 37,5 % der Befragten, wobei Mehrfach-Nennungen möglich waren. Fast ebenso viele (36,9 %) meinen, sie hätten dafür zu wenig Wissen bzw. Erfahrung. Für 29,7 % ist das Risiko zu hoch und jeder Vierte (25,2 %) hat kein Vertrauen in die Finanzmärkte. Schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit sind dagegen nur für jeden Zwanzigsten (5,4 %) ein Grund, nicht (mehr) in Wertpapiere zu investieren.
Investitionen in heimische Werte
Nur etwas mehr als ein Viertel der Aktien, Aktienfonds und ETFs in den Portfolios der Österreicher stammen von heimischen Unternehmen – exakt 27,1 %, so die Studie. „Heimatverbundener“ sind die älteren Mitbürger: So liegt der Anteil bei den Babyboomern (Jahrgänge 1946 bis 1964) bei 40,3 %, bei der Generation X (1965 bis 1980) bei 36,7 %. Wenig von österreichischen Aktien dürfte dagegen die Generation Z halten: Deren Anteil in den Portfolios der nach 1997 Geborenen beträgt nur 13,8 %.
Empfehlungen sind der meistgenannte Grund, Geld für österreichische Wertpapiere auszugeben. Insgesamt 26,5 % der Befragten sagen, dass sie deshalb Wertpapiere heimischer Unternehmen besitzen. Deutlich mehr Frauen (40,7 %) verlassen sich auf Empfehlungen als Männer (18,6 %). Regionale Verbundenheit ist für rund jeden Vierten (23,5 %) Hauptgrund für heimische Aktien, Anleihen etc., die bessere Kenntnis des österreichischen Aktienmarktes und österreichischer Unternehmen ist für 14,4 % ausschlaggebend.
Jene Studienteilnehmer, die keine österreichischen Wertpapiere besitzen, geben als Hauptgrund dafür an, dass sie bei internationalen Aktien höhere Chancen auf Kursgewinne sehen (39,8 %). Eine bessere Kenntnis der internationalen Unternehmen bzw. Märkte führen 17,7 % als Grund an. Enttäuschungen mit österreichischen Aktien in der Vergangenheit sind immerhin für 4,4 % der Grund, abgeraten von österreichischen Aktien wurde 3,9 % der Befragten.
Foto: Adobe Stock / Pixel Skull Design
Gold Plating als „Mogelpackung“
Ohne einer gut funktionierenden Justiz steht Gold Plating in direktem Widerspruch zu schneller Rechtssicherheit.
Georges Leser. Immer wieder wird „Gold Plating“, also eine übermäßige Umsetzung von EU-Richtlinien, mit einem sich daraus ergebenden Standortvorteil argumentiert. Bei diesem Verkaufsargument handelt es sich jedoch um eine „Mogelpackung“. Hohe Marktstandards in der Gesetzgebung ohne entsprechend zeitnaher Durchsetzbarkeit von auf diesen Gesetzen basierenden Ansprüchen für Unternehmen sind nicht nur „zahnlos“, sondern tödlich für jeden Wirtschaftsstandort.
Im Bereich der Wirtschaftskriminalität werden derzeit seitens der Staatsanwaltschaften Anträge von Geschädigten, wie beispielsweise auf Hausdurchsuchung, teilweise monatelang nicht bearbeitet. Danach werden die Verfahren nach Jahren „mangels Beweise“ eingestellt. Gleiches gilt für Zivilprozesse. In der Bundeshauptstadt wartet man derzeit nach Einbringung einer Zivilklage Monate auf Verhandlungstermine. Die gesamte Verfahrensdauer eines Zivilprozesses unter drei Jahren ist eine Ausnahme, wenn sich die Parteien nicht aus Frustration über die Verfahrensdauern zu einem Vergleich “drängen” lassen.
Wo liegt der Standortvorteil, wenn Unternehmen bei Gericht lediglich faule Vergleiche oder aufgrund der Verfahrensdauer jahrelange Rechtsunsicherheit erwarten können? Wo liegt der Standortvorteil, wenn Unternehmen nach Leistungserbringung im Bedarfsfall ihre Forderungen nicht zeitnah gegen ihre Kunden durchsetzen können? Wo liegt – abgesehen von der Moral – umgekehrt der Anreiz für den Kunden, diese Zahlungsverpflichtung vertragskonform zu bedienen, wenn er selbst im Falle einer Klage eine monatelange Stundung der Forderung erhält und vielleicht sogar durch einen „faulen Vergleich” auf eine Reduktion der Zahlungsverpflichtung hoffen kann.
Leider handelt es sich dabei um keine Einzelfälle. Vielmehr ist es mittlerweile systembedingt. Ursache dafür ist die für einen Wirtschaftsstandort tödliche Mischung aus völlig ausufernder Überregulierung und gleichzeitiger Budget- und Personaleinsparungen im Justizbereich.
Wenn Österreich an einem Wettbewerbsvorteil für Unternehmen interessiert ist, ist „Gold Plating” definitiv der falsche Ansatz. Unternehmen müssen wieder darauf vertrauen dürfen, dass die bestehenden Gesetze mit Hausverstand auch im Interesse der Rechtsunterworfenen exekutiert werden. Ansonsten verlieren die Rechtsunterworfenen das Vertrauen auf die Rechtsstaatlichkeit und damit Österreich seine Standortattraktivität.
Autor: Georges Leser ist Rechtsanwalt in Wien und Beiratsmitglied des IVA
Warum Anleihen Stabilität bieten
Attraktive Erträge bei wachsendem Risiko.
(07.07.) Die Anleihenmärkte bieten auch in einem Umfeld wachsender geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten attraktive Perspektiven. Laut Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group, komme festverzinslichen Anlagen wieder eine zentrale Rolle zu: als potenzielle Ertragsquelle sowie als Stabilitätsanker in einem zunehmend volatilen Marktumfeld.
Chancen für flexible Strategien
Die wirtschaftliche Entwicklung sei solide, aber stockend, besonders an den Arbeitsmärkten und bei Konsumausgaben zeichne sich ein allmählicher Rückgang ab. Gleichzeitig sorge die Unsicherheit über die zukünftige Zoll- und Migrationspolitik der USA für eine fragile Stimmung bei Unternehmen und Konsumenten. Vor diesem Hintergrund sei ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Ertragspotenzial und Risikobegrenzung entscheidend. „In einem solchen Umfeld wird die Qualität einzelner Positionierungen noch wichtiger“, erläutert Becker. „Wir setzen aktuell auf ausgewählte Engagements in solide Emittenten mit robusten Bilanzen.“
Im US-Treasury-Markt sei die Rückkehr zu einer steileren Zinsstrukturkurve bemerkenswert. Das sei ein Signal für mögliche Rezessionsrisiken, aber auch eine Chance: „Investoren setzen vermehrt auf Anleihen, um potentielle Kursverluste an den Aktienmärkten zu kompensieren”, betont der Experte. „Als der S&P 500 von Februar bis April um fast 19 Prozent einbrach, stieg der Bloomberg US Aggregate Index um ein Prozent.“
Kreditmärkte mit stabilem Fundament
Unternehmensanleihen zeigten sich in dem aktuellen Marktumfeld als besonders widerstandsfähig. Solide Bilanzen, gesunde Liquiditätspuffer und hohe Ausgangsrenditen von vier bis acht Prozent stützen sowohl Investment-Grade- als auch High-Yield-Segmente. „Yields sind ein guter Indikator für künftige Gesamterträge und aktuell liegen sie auf einem sehr attraktiven Niveau“, so Becker.
Vor allem die Entwicklung im High-Yield-Bereich sei vielversprechend. Der BB-Anteil sei in den USA auf über 50 Prozent gestiegen, während viele Unternehmen ihre Refinanzierung bereits vor der jüngsten Volatilität abgeschlossen hätten. Zudem erweise sich das Segment der nichtzyklischen Emittenten, wie Telekommunikationsanbieter oder Verteidigungsunternehmen, als vergleichsweise robust.
Zusätzliche Chancen sieht Becker im Bereich Securitised Credit, insbesondere bei Mortgage-Backed Securities (MBS) mit hohen Kupons und Asset-Backed-Securities: „Wichtig ist vor allem eine aktive Kuponselektion. Anleihen mit höheren Kupons bieten häufig weitere Spreads und reagieren weniger empfindlich auf Zinsänderungen“, analysiert Becker.
Auch bei Schwellenländeranleihen sieht Becker Potential: „Sinkende Inflationsraten und nachlassender Druck auf die Zentralbanken könnten eine expansivere Geldpolitik ermöglichen. Viele Schwellenländer verfügen heute über solide Devisenreserven, starke Inlandsinvestoren und eine geringere Abhängigkeit von ausländischem Kapital.“ Auch wenn die US-Außenpolitik die Risikobereitschaft eher trübe, sei die Ausgangslage für Schwellenländeranleihen sehr günstig.
Anleihen als strategische Säule im Portfolio
Zwar zeichne sich derzeit keine Rezession ab, das makroökonomische Umfeld bleibe jedoch angespannt. „Die Kombination aus erhöhten geopolitischen Risiken, andauernden handelspolitischen Konflikten und einem eher gedämpften Wirtschaftswachstum spricht klar für ein strategisches Exposure in Anleihen“, resümiert Becker. „Als Absicherung gegen Kursverluste an den Aktienmärkten und als nachhaltige Ertragsquelle.“
Digitaler Zwilling: Wenn das Abbild effizienter ist
Manch ein Prozessablauf lässt sich virtuell besser optimieren. Das bietet auch Investmentchancen.
Raja Korinek. Die Digitalisierung schreitet in großen Schritten voran. Vor allem die Künstliche Intelligenz (KI) benötigt jede Menge Daten, um arbeiten zu können. Damit verbunden werden auch neue Technologien entwickelt, die etwa Planungs-, Produktions- und Optimierungsprozesse stark verändern. Verwendet wird dazu inzwischen immer öfters ein virtueller Doppelgänger, ein sogenannter Digitaler Zwilling.
Doch worum geht es? Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier liefert Patrick Kesselhut, Zertifikate-Experte bei der Société Générale, Einblicke: „Ein Digitaler Zwilling ist ein digitales Abbild eines realen Objektes. Das kann etwa ein Auto, eine Produktionsanlage, eine ganze Stadt und sogar der menschliche Körper sein.“ Dabei arbeitet der Digitale Zwilling mit Echtzeitdaten des realen Objekts, um Prozesse, etwa in der Produktentwicklung, effizienter zu gestalten als von menschlicher Hand. Auch die Herstellung sowie der Einsatz von Gütern und Dienstleistungen können damit optimiert werden.
Weniger Energieaufwand
Kesselhut präzisiert: „Denken Sie an Produktionsanlagen, die mit deutlich weniger Energieaufwand das gleiche Ergebnis erzeugen können. Oder an Windräder und Brücken die selbständig melden, wann ein Bauteil gewartet werden muss.“ Dabei stehe der Einsatz Digitaler Zwillinge erst am Anfang, die Anwendungsbereiche seien vielfältig. „Breite Einsatzgebiete sind etwa im produzierenden Gewerbe, bei der Produktentwicklung, in der Medizin aber auch im Städtebau denkbar.“
Doch wie unterscheidet sich ein entsprechendes Investment von anderen Technologiethemen? Auch hierzu liefert der Fachmann eine Antwort. Kesselhut meint, es sei umfänglicher. „Bisher konnten Computermodelle einzelne Teile etwa von Produkten abbilden und optimieren. Nun können auch sämtliche Zusammenhänge in Echtzeit ausgewertet und ein reales Objekt mit Hilfe des Digitalen Zwillings optimiert werden.“
Mehrfaches Zusammenspiel
Dabei kämen all die Entwicklungen zum Einsatz, die es erst seit Kurzem gibt: umfassende Datenbanken, leistungsstarke Übertragungswege über das Internet, entsprechende Software, Sensor-Technik sowie die KI. Kesselhut verweist in Zusammenhang mit letzterem Punkt auf eine Besonderheit und sagt, „KI kommt meist dann zum Einsatz, wenn der Digitalen Zwilling Zukunftsprognosen liefern soll“.
Dennoch dürfte man den Einsatz von KI nicht als selbstverständlich betrachten. Es sei ein Werkzeug, das richtig angewendet werden müsse. „Am Ende kommt es auch hier auf den Nutzer an.“ Die – richtige – Auswertung der global vorhandenen, riesigen Datenmengen biete der Menschheit jedoch ungeahnte Möglichkeiten. „Wenn eine Krebserkrankung sehr frühzeitig und zuverlässig erkannt werden kann, wenn sich eine Flasche Bier mit 35 % weniger Energieverbrauch herstellen lässt, dann sind das signifikante Fortschritte in der Entwicklung.“
Doch wie möchte man bei der Société Générale Chancen konkret nutzen? Im Solactive Digital Twins Indexzertifikat wird in 20 Titel – vor allem aus den USA – investiert. Auch die Eurozone ist umfasst sowie Kanada. Größte Gewichtung entfällt auf den KI-Chiphersteller Nvidia gefolgt von Metso. Das finnische Unternehmen ist in der Mineralienaufbereitung und Metallveredelung tätig. Bentley Systems aus den USA programmiert Software für Infrastrukturbetreiber. Anleger sollten beachten, dass auch Verluste bei diesem Produkt möglich sind.
Foto: AdobeStock / Thongsook
Bitcoin: Kein Brechen des „Trump-Trades“
Seit November 2024 ist der Kurs der größten Cyberwährung um mehr als 60 % gestiegen.
Patrick Baldia. Nachdem der Bitcoin-Kurs zuletzt wieder an Fahrt aufgenommen hat und sich dem Allzeithoch vom Mai bei rund 112.000 USD genähert hat, schaut es für viele Experten danach aus, dass das Erreichen eines neuen
Rekordstands bevorsteht. Bis zum Jahresende könne die größte und bekannteste Kryptowährung bei rund 140.000 USD notieren, meint Bernhard Wenger im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Damit stapelt der Head of Northern Europe bei 21Shares vergleichs-weise tief. Denn BlackRock-Chef Larry Fink hält sogar einen Kurs von 700.000 USD für möglich.
Für viele Beobachter kam das Comeback der vergangenen Wochen etwas überraschend. Vor allem, nachdem der Bitcoin Anfang April im Zuge der Ankündigung neuer US-Zölle vorübergehend auf rund 76.000 USD absackte. Nicht wenige sprachen sogar vom vorzeitigen Brechen des sogenannten „Trump-Trades“, der im November auf den Wahlsieg des Republikaners folgte. Wenger widerspricht: Der „Trump-Trade“ bzw. die erhoffte neue goldene Ära für Krypto-Assets sei eher ein langfristiges Phänomen. „Vieles was Trump angekündigt hat, kann man nicht von heute auf morgen umsetzen, wie etwa die Einrichtung einer strategischen BTC-Reserve“, sagt Wenger.
Sichere Geldflüsse
„Die institutionelle Adaption nimmt weiter zu, was für sichere Geldflüsse sorgt. Gleichzeitig nehmen Bitcoin-ETFs viel vom Markt, das führt zu weiterem Preisdruck nach oben“, umschreibt der 21Shares-Experte die aktuelle fundamentale Auslage. Auch habe der Risikoappetit der Anleger wieder zugenommen. Man dürfe nicht vergessen, dass der Bitcoin ein Risky Asset sei und wenn am Markt Verunsicherung herrsche, würden diese verkauft. „Davon hat sich die Kryptowährung bislang nicht lösen können“, so Wenger. Daher habe der Bitcoin-Kurs Anfang April auch so negativ auf die Ankündigung neuer US-Zölle reagiert.
Seit dem neuerlichen Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl Anfang November 2024 hat der Bitcoin um mehr als 60 % zugelegt. Befeuert wurde das sicherlich auch von der sehr bullischen Krypto-Agenda der Trump-Regierung. Stichwort: strategische Bitcoin-Reserve. Die Idee dahinter: Ein unabhängiger Bestand von Bitcoin, der von niemand kontrolliert werden kann, soll die Wirtschaft in Krisenzeiten stabilisieren und den Wert der beschlagnahmten Vermögenswerte, mit der er aufgebaut werden soll, maximieren.
Stablecoins: Weiteres Wachstum
Stark gestiegen ist in den letzten Monaten die Marktkapitalisierung von sogenannten „Stablecoins“. Dabei handelt es sich um digitale Tokens, die eins zu eins an eine Fiat-Währung wie etwa den USD oder Euro angebunden sind und Transaktionen in Echtzeit ermöglichen. „Stablecoins sind nicht digitales Zentralbankgeld“, stellt Wenger klar. Die Anbindung an eine Fiat-Währung macht sie allerdings weniger anfällig für Preisschwankungen. Dazu kommt, dass man mit Stablecoins Kryptowährungen schneller in traditionelle Währungen wie etwa Euro oder USD umtauschen kann. „Stablecoins werden weiter wachsen“, so Wenger abschließend.
Foto: 21Shares
US-Dominanz an Weltbörsen – aber Europa legt zu
Nvidia, Microsoft und Co. weiter tonangebend, Verschiebungen sind allerdings auszumachen.
EY/Red. Ungeachtet der weltweiten Zuspitzung geopolitischer Spannungen und der steigenden Zahl von Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen: Die wertvollsten Unternehmen der Welt konnten ihren Börsenwert im ersten Halbjahr weiter steigern. Der kumulierte Wert der 100 teuersten Unternehmen legte um 6,1 % auf aktuell rund 47,4 Billionen US-Dollar zu – ein neuer Rekord.
Anders als in den Vorjahren zeigten sich diesmal die US-Unternehmen im Ranking nicht als Wachstumschampions: Während die 19 asiatischen Unternehmen unter den Top-100 ihren Wert um 6,5 % steigern konnten und die 19 europäischen Unternehmen sogar einen Wertzuwachs von 8,8 % erzielten, stieg der Börsenwert der 60 US-amerikanischen Unternehmen nur um 5,8 %.
USA weiter dominant
Trotzdem: US-Firmen dominieren aber natürlich weiterhin das Ranking. Von den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt haben 60 ihren Sitz in den USA – das sind nur zwei weniger als zu Jahresbeginn. Und unter den Top-10 finden sich neun US-Unternehmen und ein saudi-arabisches: der Ölkonzern Saudi Aramco auf Platz sieben. Die Zahl der europäischen Unternehmen unter den Top 100 stieg im ersten Halbjahr von 18 auf 19, die Zahl der asiatischen von 17 auf 19.
SAP erstmals vorne
Erstmals seit Beginn der halbjährlich durchgeführten EY-Analyse im Jahr 2007 ist ein deutscher Konzern das wertvollste europäische Unternehmen: Der Softwarekonzern SAP liegt mit einem Börsenwert von 354 Milliarden US-Dollar weltweit auf Rang 27 – vor dem niederländischen Chip-Unternehmen ASML auf Rang 30 und dem dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk auf Rang 31.
Erste und Verbund dabei
Insgesamt ist Deutschland derzeit wie schon zu Jahresbeginn mit drei Unternehmen im Top-100-Ranking vertreten. Neben SAP sind das Siemens auf Rang 74 (Börsenwert: 199 Milliarden US-Dollar) und die Deutsche Telekom auf Rang 88 (Milliarden US-Dollar). Mit der Erste Group Rang 659) und dem Verbund (Rang 818) befinden sich auch zwei österreichische Unternehmen unter den Top 1.000.
Das sind Ergebnisse einer Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsorganisation EY, die die Marktkapitalisierung der am höchsten bewerteten Unternehmen weltweit halbjährlich untersucht. Stichtag für die vorliegende Analyse ist der 30.6.2025 (Börsenschluss).
„Das erste Halbjahr war von einer schwachen Konjunkturentwicklung und einer zunehmenden Zahl geopolitischer Spannungen geprägt“, so Gunther Reimoser, Country Managing Partner von EY Österreich, dazu. „Die neue US-Regierung hat mit ihrer Zollpolitik für erhebliche Verunsicherung gesorgt und zeitweise starke Turbulenzen an den Börsen ausgelöst. Gleichzeitig hat sich die Lage im Nahen Osten zuletzt weiter verschärft. Dennoch konnten die wichtigsten Börsenindizes außerhalb der USA im ersten Halbjahr Kursgewinne verzeichnen. Offenbar gehen Investorinnen und Investoren weltweit eher von einer Stabilisierung der Lage und einer anschließenden Rückkehr auf einen Wachstumspfad aus – trotz der nach wie vor hohen Eskalationsgefahr im Nahen Osten sowie der Sorge vor einem stark anziehenden Ölpreis und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen.“
KI-Boom hält an
Schon im Vorjahr hatte der KI-Boom für eine Rekordjagd an den Börsen gesorgt und die Bewertungen vieler Unternehmen aus dem Technologiesektor in die Höhe getrieben. Inzwischen scheinen Investoren die Perspektiven des Technologiesektors etwas zurückhaltender zu bewerten, der Boom hält aber an: Die Zahl der Tech-Unternehmen im Top 100 Ranking stieg zwar leicht von 24 auf 25, ihr Gesamtwert erhöhte sich überdurchschnittlich stark um 8 % – nach einem Wertzuwachs von 40 % im Vorjahr. Klar führend sind gerade in diesem Bereich Unternehmen aus den USA: Von den 25 Technologieunternehmen unter den Top 100 haben 17 ihren Hauptsitz in den USA.
„Künstliche Intelligenz wird auch in den kommenden Jahren eine zunehmend wichtige Rolle in zahlreichen Branchen spielen. Nach der anfänglichen Euphorie befindet sich der Umgang mit KI nun in einer Phase der praktischen Umsetzung. Dieser Übergang ist oft langwierig und mit Rückschlägen verbunden – nicht alle anfänglichen Erwartungen lassen sich in der Praxis realisieren. Dennoch bleibt KI unterm Strich einer der zentralen technologischen Trends, der mittelfristig tiefgreifende Veränderungen in vielen Bereichen bewirken wird – und damit erhebliche Wertschöpfungspotenziale mit sich bringt“, so Reimoser.
Europäische Autoindustrie unter „ferner liefen“
Ende 2023 waren noch alle deutschen Autokonzerne unter den 300 teuersten Unternehmen der Welt vertreten, derzeit schafft es hingegen keiner mehr in diese Liste. Der wertvollste Autokonzern der Welt ist zur Jahresmitte der US-Autobauer Tesla auf Rang zehn mit einem Börsenwert von 1 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Die deutschen Autohersteller Mercedes-Benz, Volkswagen, BMW und Porsche kommen zusammen auf einen Börsenwert von knapp 208 Milliarden US-Dollar und belegen die Ränge 381, 402, 405 und 484. Der französisch-US-amerikanische Autokonzern Stellantis liegt auf Rang 738, Renault nur auf Rang 1.718. Der chinesische Autokonzern BYD hingegen kann sich auf Rang 121 platzieren und damit weit vor den deutschen Autobauern, deren Marktkapitalisierung im Verlauf des ersten Halbjahres zudem gerade einmal um 0,7 % stieg.
Foto: AdobeStock / Synthetic Aesthetics
Neue Börsenstars im Anflug?
Schwaches Jahr bisher, aber spannende Möglichkeiten für Anleger mit Newcomern.
Patrick Baldia. Nach einem eher ruhigen Jahr 2024, in dem laut EY die Zahl der weltweiten Börsengänge um rund 10 % zurückging, deutet sich auch 2025 bislang kein Wiederaufleben der IPO-Tätigkeit an. Vielmehr steht abermals ein Minus von rund 10 % zu Buche. Eine Trendwende deutet sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht ab. Und das ist angesichts des herausfordernden, von Volatilität geprägten Börsenumfelds auch nicht weiter verwunderlich. Geopolitik und US-Zölle lassen grüßen. Das Fazit von Martina Geisler, Leiterin IPO und Partnerin bei EY Österreich: „Erfolgreiche Börsengänge hängen mehr denn je von überzeugenden Wachstumsstrategien, realistischer Bewertung und einer guten Vorbereitung auf die Kapitalmarkterwartungen ab.“
Aber auch wenn schon einmal mehr Unternehmen den Gang aufs Börsenparkett gewagt hatten, haben heuer dennoch interessante IPOs stattgefunden. Etwa im Mai an der Hongkonger Börse, als der chinesische Batteriehersteller CATL (Contemporary Amperex Technology) mit einem Emissionserlös von rund 4 Milliarden Euro für den bislang größten Börsengang 2025 sorgte. Vor zwei Wochen folgte das Nasdaq-Debüt des US-Fintechs Chime (Emissionserlös: 900 Millionen Euro). Und erst Anfang Juni hatte Circle an derselben Börse sein IPO mit einer Milliardenbewertung gefeiert. Spektakulär ist auch die Kursentwicklung seitdem: mehr als 500 %.
Interessante neue IPO-Gelegenheiten sollten sich für Anleger auch in der zweiten Jahreshälfte ergeben. Wie möglicherweise der chinesische Fast-Fashion-Gigant Shein, der nach einem gescheiterten Versuch in London 2024, in den kommenden Wochen sein Glück in Hongkong versuchen sollte. Für April hatte eigentlich Klarna seinen Börsenstart angekündigt. Nachdem der schwedische Zahlungsdienstleister allerdings im Mai für das 1. Quartal einen satten Nettoverlust in Höhe von fast 100 Millionen US-Dollar berichten musste, wurde der IPO offensichtlich vorübergehend verschoben.
Bitpanda doch nicht 2025?
Der aus österreichischer Sicht spektakulärste IPO des Jahres 2025 wäre wohl jener von Bitpanda. Der heimische Kryptobroker hatte bereits Ende der 2010er Jahre einen Börsengang „innerhalb der nächsten fünf Jahre“, in den Raum gestellt. Nicht wenige Beobachter hatten damit gerechnet, dass das nach dem Erhalt der MiCAR-Lizenz im März, die Bitpanda erlaubt, sein komplettes Angebot an Produkten und Dienstleistungen in allen 27 EU-Mitgliedsstaaten anzubieten, noch heuer erfolgen könnte. Zum jetzigen Zeitpunkt schaut es jedenfalls nicht danach aus.
An der Wiener Börse hat bereits im Februar die Steyr Motor AG ihr Börsen-Debut begangen. Das oberösterreichische Unternehmen entwickelt Hochleistungsmotoren für militärische Spezialfahrzeuge und Boote, die auch als Hilfsaggregate für Kampfpanzer und Lokomotiven eingesetzt werden können. Anleger, die zum Eröffnungspreis von 14,90 Euro pro Aktie eingestiegen sind, können sich freuen: Kurz vor Redaktionsschluss notierten die Papiere bei rund 50 Euro.
Für diesen Dezember hat jedenfalls die Südtiroler Zeppelin Hotel Tech S.p.A., die sich auf Hotel Websites und KI-gestützte Online-Marketing-Kampagnen spezialisiert hat, ihr IPO am Wiener Marktplatz angekündigt. Börsenambitionen hat auch Neoh. Das Wiener Startup hat Süßigkeiten wie Schokoriegel, Waffeln oder Kekse entwickelt, die den Blutzuckerspiegel flach halten. Zucker wurde Großteils durch pflanzliche Ballaststoffe ersetzt.
Ein heißer heimischer IPO-Kandidat ist auch die Reploid Group AG. Das Unternehmen mit Sitz in Wels stellt Anlagen her in denen die Larven der Schwarzen Soldatenfliege organische Abfälle in hochwertige Proteine, Fette und Düngemittel verarbeiten.
Foto: Wiener Börse / Nik Pichler
Zartes Konjunktur-Pflänzchen
Zölle belasten den Welthandel, dennoch gibt es laut Experten positive Signale.
Raja Korinek. Die globale Wirtschaft steht aufgrund der Handelspolitik des US-Präsidenten vor großen Herausforderungen. Einen Ausblick gab Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der UniCredit Bank Austria, im Rahmen seines Vortrages „Europa in der Zeitenwende – Aussichten für Konjunktur, Inflation und Zinsen“ auf dem 19. Zertifikate Kongress Austria (ZFA), den der Börsen-Kurier als Medienpartner begleitete.
Gleich zu Beginn verwies Bruckbauer auf die leicht positiven Entwicklungen. So habe zuletzt der Welthandel ein wenig an Dynamik gewonnen. Einzig, die Entwicklung dürfte zum Teil auf Vorzieheffekte in den USA zurückzuführen sein, um die angekündigten US-Zölle möglichst noch zu vermeiden, mahnt der Experte vor allzu viel Euphorie. Die globale Industrieproduktion zeige ebenfalls Zeichen einer Stabilisierung, „und zwar auch in Österreich“.
Zölle dämpfen das Wachstum
Doch wie könnte es nun im Lichte der Zollmaßnahmen weitergehen? „Der Handelskrieg kostet globales Wachstum, vor allem in den USA“, konstatiert Bruckbauer. Der Ökonom liefert konkrete Zahlen. So dürfte die Weltwirtschaft heuer um 2,7 % und im kommenden Jahr um 2,9 % wachsen. In den USA dürften die Zahlen 1,5 %, respektive 1,9 % erreichen. Wie stark der Rückgang dabei ausfallen könnte, verdeutlicht der Vergleich mit den BIP-Zahlen von 2024: Da wuchs die US-Wirtschaft um 2,8 %.
Durchaus schwächer fallen die Prognosen diesseits des Atlantiks aus. So dürfte das Plus in der Eurozone bei nur 0,9 % liegen, im Jahr 2026 dann voraussichtlich 1 % erreichen. Noch verhaltener wird die Entwicklung für Österreich eingeschätzt. Die Wirtschaft dürfte um nur 0,1 % und im kommenden Jahr, dann zumindest um 1,1 % wachsen. Dennoch habe sich die Konjunkturstimmung hierzulande im Mai verbessert – eine Entwicklung, die Bruckbauer als kleinen Schritt in die richtige Richtung sieht. „Der Konjunkturindikator der UniCredit Bank Austria stieg deutlich auf minus 2 Punkte. Damit erreichte der Indikator den besten Wert seit einem Jahr“, betont der Fachmann, warnt aber auch vor allzu viel Euphorie: „Trotz des Anstiegs signalisiert der Indikator eine Fortsetzung der verhaltenen Konjunkturentwicklung.“
Stimmung hellt sich auf
Bruckbauer hebt ein weiteres Detail hervor: Er führt den Anstieg des Indikators insbesondere auf die Stimmungsaufhellung im Dienstleistungssektor zurück. Dort sei der konjunkturelle Gegenwind im Mai deutlich abgeflaut. Die Begründung fällt klar aus: „Die positive Wirkung niedrigerer Zinsen und der wiedergewonnenen Kaufkraft der Konsumenten, die sich auch in einer Stimmungsverbesserung unter den Verbrauchern zeigte, kompensierte die Verunsicherung durch die erratischen US-Zollankündigungen, Sorgen um den Arbeitsplatz und die Auswirkungen des restriktiveren Budgetkurses der Regierung.“
Überhaupt erhole sich die Konsumentenstimmung in der Eurozone insgesamt. Rückenwind könnte etwa von der aktuell hohen Sparquote kommen. Sie lag 2024 laut Eurostat bei 14,45 % des verfügbaren Einkommens. Auch die Lohnabschlüsse fielen aufgrund der zuletzt höheren Inflation üppig aus. „Darunter litt jedoch vor allem Österreichs Wettbewerbsfähigkeit“, so Bruckbauer.
Sinkflug des US-Dollar
Und wie sieht es auf dem Devisenmarkt aus? Schließlich ist der US-Dollar zum Euro in den vergangenen Monaten gesunken. Zuletzt – per 19. Juni – notierte die Währung bei knapp 1,15 USD zum Euro. Bis Ende 2025 könnte die Währung auf 1,12 USD sinken, bis Ende 2026 hingegen wieder auf rund 1,14 USD steigen.
Foto: AdobeStock / m.mphoto
Backup für den österreichischen Kapitalmarkt
Ohne die Infrastruktur- und Backoffice-Services der OeKB würde der heimische Markt nicht funktionieren.
Tibor Pásztory. Die Oesterreichische Kontrollbank AG (OeKB) ist einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch ihre Aktivitäten in der Exportfinanzierung und -absicherung bekannt. Dabei würde ohne OeKB der Kapitalmarkt nicht funktionieren, denn ohne deren Dienstleistungen im Hintergrund gäbe es keine Wertpapiere, die ihren Namen auch verdienen. Der Börsen-Kurier unterhielt sich mit der Vorständin Angelika Sommer-Hemetsberger über die kapitalmarktbezogenen Aufgaben der OeKB und was man am österreichischen Kapitalmarkt noch verbessern könnte.
Börsen-Kurier: Kurz zur Einleitung – der Oesterreichischen Kontrollbank AG steht eine Doppelspitze vor. Wie sind die Zuständigkeiten zwischen Ihnen und Helmut Bernkopf aufgeteilt?
Angelika Sommer-Hemetsberger: Die Verantwortungsbereiche sind klar getrennt. Der Exportbereich, also Export Finance, Export Garantien und International Finance liegen bei Helmut Bernkopf. Darüber hinaus ist er für Marketing und Kommunikation, das Personalwesen, rechtliche Angelegenheiten, Compliance, Treasury und ESG verantwortlich. Meine Zuständigkeiten betreffen vor allem die Verantwortungsbereiche Capital Market Services, aber auch Finance, IT-Services, Organisation und Risk Controlling, auch den Risikobereich der Export Services betreffend.
Börsen-Kurier: Fokussieren wir auf den Kapitalmarktbereich. Lässt sich in einem Satz beschreiben, welche Services Sie diesem bieten?
Sommer-Hemetsberger: Ganz einfach! Wir begleiten das Wertpapier über seinen gesamten Lebenszyklus. Und tatsächlich fungieren wir bereits als Geburtshelfer von Wertpapieren, indem wir die ISIN-Nummern vergeben und als gesetzliche Meldestelle den Emissionskalender und den Prospekt des Emittenten entgegennehmen. Schließlich erstellen wir digitale Sammelurkunden und nehmen sie zur Verwahrung.
Börsen-Kurier: Dies alles dient noch der Emissionsvorbereitung. Was folgt dann?
Sommer-Hemetsberger: Dann werden die Wertpapiere emittiert. Wir, genauer gesagt, unsere Tochter OeKB CSD, verbuchen diese dann im Zuge der Emission. Danach fängt eine unserer kapitalmarktbezogen wichtigsten Aktivitäten an, indem wir im Sekundärmarkt, also im börslichen Handel, in sämtliche Börsengeschäfte an der Wiener Börse eintreten, indem wir den Käufern wie den Verkäufern einen reibungs- und risikolosen Ablauf gewährleisten. Dieses Clearing wird von der Tochtergesellschaft CCP.A durchgeführt. Ähnlich verhält es sich beim außerbörslichen Handel, aber dort ist die OeKB CSD verantwortlich.
Börsen-Kurier: Das klingt alles sehr digitallastig. Wie war das früher?
Sommer-Hemetsberger: Tatsächlich sind mittlerweile schon 85 % aller Sammelurkunden digital verbrieft. Aber wir sind seit 1946 tätig. Damals haben wir die ersten Bundesschatzscheine emittiert. Seit 1949 sind wir Abwicklungsstelle für die Wiener Börse. Damals war von „digital“ noch nicht die Rede und die Papierberge hoch. Seit 2021 gib es die papierlose digitale Sammelurkunde.
Börsen-Kurier: Die Aufgaben von OeKB CSD und CCP.A betreffen eigentlich Ihr Kerngeschäft. Warum ist dieses ausgelagert? Und, naiv gefragt, was haben Investoren wie Emittenten davon?
Sommer-Hemetsberger: Die Auslagerung erfolgte jeweils aus regulatorischen Gründen. Beide Unternehmen erfüllen als Österreichs zentrale Wertpapiersammelbank bzw. zentrale Gegenpartei in Wertpapier- und Strombörsegeschäften höchste europäische Standards und nutzen die vom Eurosystem bereitgestellte Plattform TARGET2-Securities. Mit ihren hocheffizienten und sicheren Services sorgen für das reibungslose Funktionieren des heimischen Kapitalmarkts. Darüber hinaus erfüllen wir in der OeKB eine Reihe von weiteren gesetzlichen Funktionen. So stellen wir unter anderem eine zentrale Infrastruktur zur Verfügung, mit der diverse Melde- und Informationspflichten einfach und kostenschonend durchgeführt werden können. Dazu zählen beispiels-weise Kapitalmarktprospekte und Meldungen zum Emissionskalender, Dokumente zu Fonds und zu Wertpapieren oder auch Adhoc-Meldungen. Als Meldestelle liefern wir zudem die Grundlage für die steuerlichen Daten bei der Berechnung der KESt.
Börsen-Kurier: Ohne diese breitgefächerten Backoffice-Services würde der Kapitalmarkt tatsächlich nicht funktionieren. Aber nun zu etwas anderem. Der österreichische Kapitalmarkt funktioniert und gilt zurecht als äußerst seriös. Aber gibt es nicht einige Themen, die noch Luft nach oben haben?
Sommer-Hemetsberger: Ja, da fällt mir zunächst die mangelnde Finanzbildung ein. Hier gibt es in der breiten Bevölkerung teilweise massive Wissenslücken. Man muss daher schon in den Schulen beginnen. Eine weitere Baustelle wäre, dass KMU sich nur schlecht über den Kapitalmarkt finanzieren können. Hier müssen sicher noch Finanzinstrumente gefunden bzw. bestehende besser genutzt werden. Aber es liegt auch im kulturellen Bereich: Zwar gibt es an der Wiener Börse zwei für KMU gedachte Börsensegmente, den Direct Market und den Direct Market Plus, aber ein Börsenlisting bedeutet auch erhöhte Transparenz und die Bereitschaft, Informationen zu teilen. Hier wäre oft ein Umdenken angesagt.
Börsen-Kurier: Dem können wir nur zustimmen. Wir danken für das Gespräch.
Foto: OeKB / David Sailer
KIM-Verordnung: Fortsetzung mit anderen Mitteln
Fortführung durch Hintertür alarmiert Finanzdienstleister und Baubranche.
Rudolf Preyer. Bei den Finanzdienstleistern – und nicht nur bei denen – rumort es gerade gewaltig; die ungeliebte KIM-Verordnung bez. der eingeschränkten Vergabe von Wohnbau- und Immo-Krediten ist mit Ende Juni 2025 eigentlich ausgelaufen, aber das
Finanzmarktstabilitätsgremium (FMSG) hat jüngst ein Ersuchen an die Finanzmarktaufsicht (FMA) abgegeben, diese Standards (als Richtlinie an die Banken) fortzusetzen. Das wäre für die Häuslbauer, infolgedessen für die Baubranche und insbesondere auch für Finanzdienstleister – somit in Summe für die heimische Wirtschaft – sehr schlecht, wie sich der Tenor zusammenfassen lässt.
Gegenüber dem Börsen-Kurier stellt Fachgruppenobmann-Stv. Finanzdienstleister NÖ Michael Holzer seine Forderungen gleich spitz auf: „Die KIM-VO gehört ersatzlos abgeschafft.“ Holzer möchte dagegen kämpfen, weil er eine massive Schwächung der am Boden liegenden Wirtschaft befürchtet. Dazu später mehr.
Es regt sich schon politischer Protest
Worum genau handelt es sich also? – bzw. wie „scharf“ ist die KIM-VO wirklich, und wie soll diese also quasi „durch die Hintertür“ – den Banken vom FMSG „aufoktroyiert“ – weitergeführt werden (wogegen sich im übrigen sogar politische Parteien wehren)?
Die Vergabekriterien sehen u.a. Folgendes vor: Wohnbaukredite dürfen nicht länger als 35 Jahre laufen. Der Eigenmittelanteil muss mind. 20 % betragen und die Rückzahlungsrate darf maximal 40 % des verfügbaren Nettoeinkommens und die Beleihungsquote nicht mehr als 90 % ausmachen.
Im Gespräch mit dem Börsen-Kurier sagte Holzer, dass schon „die erste KIM-VO“ überflüssig gewesen sei, weil der Markt sich ohnedies durch die hohen Zinsen geregelt hätte, überdies gibt es ja die Bonitätsprüfungen seitens der Banken – viele Private wurden somit in die „Mietphase“ gedrängt; Eigentum schafft aber bekanntlich Unabhängigkeit (Stichwort Jungfamilien).
Kurzum: auch ohne die KIM-VO wäre die Stabilität des Finanzplatzes Österreich gewährleistet gewesen. Oder, um mit Holzer zu sprechen: „Man kann sich auch zu Tode regulieren.“ Wie könnte also ein „Leben ohne KIM-VO“ aussehen?
Länder fordern „endgültiges Aus der KIM-VO“
RLB-Steiermark-Generaldirektor Martin Schaller spricht in diesem Zusammenhang von einer „Schatten-KIM“. Schaller: „Diese Rahmenbedingungen sind nicht nachvollziehbar, insbesondere aus Sicht von Regionalbanken, die ihre Kunden sehr gut kennen und somit eine verantwortungsvolle Kreditpolitik gewährleisten.“ Für Maximilian Clary, Privatkundenvorstand der Erste Bank, sind die Regeln „zwar vernünftig, aber es braucht Flexibilität“.
Gewissermaßen könnte man vermuten: weil weisungsungebunden, macht die FMA, „was sie will“. Jetzt, wo sich die Zinsen stabilisiert haben – und in Österreich gibt es immer noch die wenigsten privaten Immobilienversteigerungen europaweit -, dürfte man doch (wieder) sein Vertrauen in die Gesetzmäßigkeit der Märkte setzen dürfen. Sollte man meinen.
Die FMA hingegen verteidigt ihr Vorgehen, FMA-Vorstand Helmut Ettl bleibt hart: „Die FMA empfiehlt den österreichischen Kreditinstituten weiterhin, auf die Vergabekriterien zu achten – und wird dies auch laufend monitoren.“
Das geht selbst den Landeshauptleuten zu weit: Zuletzt formulierte die Landeshauptleute-Konferenz gehörig Kritik an der FMA und Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer forderte im Namen aller Länder ein „endgültiges Aus der KIM-VO“.
Auch die Bundespolitik meldete sich zu Wort. ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti etwa schoss scharf: „Die öffentlichen Pläne der FMA sind ein Paradebeispiel für die Überregulierung, die dem Wirtschaftsstandort schadet.“
Fachgruppenobmann Michael Holzer nun regte im Gespräch mit dem Börsen-Kurier an, dass Betroffene sich an den ombudsmann@finanzdienstleister.at wenden. „Die Beschwerden werden dann gesammelt der Politik übergeben.“ Auch müsse das FMSG mit „mehr Praktikern, und weniger Beamten“ besetzt werden – das Nominierungsrecht sollte beim Nationalrat liegen, schlägt Holzer abschließend vor.
Shortseller: Zecke oder Zange?
Die Szene debattiert erneut über Shortseller: Wie fair spielen sie? Wie fair wird mit ihnen gespielt?
Florian Beckermann. Der aktuelle Fall von Fraser Perring gegen den US-Konzern Steward Health Care zeigt exemplarisch den Grenzbereich des „Finanzmarkts“. Ist eine Grenze überschritten?
Zunächst: Ein Shortseller (Leerverkäufer) ist ein Investor, der auf fallende Kurse spekuliert. Dabei leiht er sich beispielweise Aktien und verkauft sie sofort zum aktuellen Marktpreis. Sinkt der Kurs wie erwartet, kauft er die Papiere später günstiger zurück. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufpreis stellt den Gewinn dar. Das immense Risiko kann man sich denken. Shortseller sind oft verhasst, weil sie mit fallenden Kursen Geld verdienen und somit vom Misserfolg oder der Krise eines Unternehmens profitieren. Betroffene Unternehmen sehen sie als Parasiten, ja unmoralische Spieler mit dem Untergang.
Zur Schlammschlacht kommt es, wenn Shortseller öffentlich kritische Berichte publizieren, die den Ruf eines Unternehmens schädigen und Panik unter Anlegern auslösen könnten. Legendär ist Michael Burry, der frühzeitig gegen den US-Immobilienmarkt wettete – seine Geschichte wurde im Film „The Big Short“ verfilmt.
Weltweit sorgt aktuell Carson Block von Muddy Waters Research, der unter anderem gegen die CPI Property Group (Kernaktionär der CPI Europe) vorging, für Aufregung. Zuletzt auch der Brite Perring mit seiner Analysegesellschaft Viceroy Research, die Wirecard, Steinhoff oder Adler Real Estate avisierte.
Aktuell: Im Jahr 2023 veröffentlichte Viceroy Research Berichte, die den US-Krankenhausbetreiber Steward Health Care und deren größten Anteilseigner Medical Property Trust angriffen. Wenig überraschend führten diese Berichte zu einem juristischen Schlagabtausch. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde Perring Ziel von Überwachungsmaßnahmen verschiedener Detekteien. Dies beinhaltete unter anderem das Filmen von Perring in seinem Zuhause und das Verfolgen seiner Bewegungen, das Verängstigen seiner Tochter bis zur Einschaltung der Polizei. Grotesk: Es gab eine öffentliche Äußerung im britischen Unterhaus, in der ein Abgeordneter Perring mit Russland in Verbindung brachte und eine Agententätigkeit insinuierte. Eine professionelle Desinformationskampagne darf man getrost vermuten. Steward Health Care hat inzwischen Insolvenz angemeldet.
Für viele hat das Unternehmen eine Grenze überschritten. Man darf fragen: Was sind das für Methoden mit Aktionärsgeld? Die meisten Informationen der Shortseller sind öffentlich zugänglich oder beruhen auf validen Whistleblower-Meldungen. Ihre Zusammenfassungen fördern die Aufdeckung von Missständen. Sie zeigen Schwächen auf und helfen mögliche Betrugsfälle aufzudecken – ein Vorgehen, das auch Kleinanleger vor Verlusten schützen kann, auch wenn der Ton nicht immer gefällt. Die europäischen Gerichte, Regulatoren und Parlamentarier sollten fein beobachten, wer Zecke und wer Zange ist, ein Kill-the-Messenger schwingt mit. Wenn Unternehmen aber mit Geheimdienstmethoden arbeiten, um unliebsame Interessengruppen zu bedrängen, bewegen sie sich abseits des Kapitalmarkts auf dem Terrain des Halbschattens. Ein innerer Offenbarungseid scheint verortbar.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Das Ende der US-Dominanz?
Anleger müssen sich auch im zweiten Halbjahr auf ein schwieriges Umfeld einstellen.
Red./ks. Die Handelspolitik von Donald Trump bleibt ein Unsicherheitsfaktor für die Weltwirtschaft. Anlegerinnen und Anleger müssen sich deshalb auch im zweiten Halbjahr 2025 auf ein weiterhin schwieriges Umfeld einstellen, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking. Möglicherweise bringt dieses Jahr sogar eine Wende hinsichtlich der starken Dominanz der US-Kapitalmärkte.
Pragmatismus gegenüber Trump
Nachdem die Börsen im Februar Höchststände erreicht hatten, folgte ein markanter Rückschlag – insbesondere rund um den „Liberation Day“ am 2. April. Die Mehrheit der Marktteilnehmer geht aber zwischenzeitlich wohl davon aus, dass Trumps Ziel nicht darin bestehen kann, möglichst hohe Zölle für Importe zu verlangen und damit sowohl die US-Wirtschaft als auch die Aktienmärkte an die Wand zu fahren. Vielmehr setzt sich vermehrt die Meinung durch, dass der US-Präsident eine Art Verhandlungstaktik verfolgt. Somit sind die Märkte schwer zu prognostizieren, da sie weiterhin auf seine Äußerungen reagieren werden. Allerdings dürfte sich eine gewisse Gewöhnung und eine Portion Pragmatismus im Umgang mit dieser Unberechenbarkeit eingestellt haben.
Das Thema Zölle ist somit nach wie vor nicht vom Tisch. Anfang Juli läuft der 90-tägige Aufschub gegenüber der EU aus und auch bei der vorläufigen Einigung zwischen China und den USA sind noch viele Detailfragen offen.
Risikoappetit nimmt wieder zu
Trotz weiterhin bestehender Unsicherheit wagen sich die Anleger wieder aus der Deckung – das Schlimmste für die Weltwirtschaft scheint abgewendet zu sein. Gleichzeitig fielen die Unternehmensergebnisse im ersten Quartal besser als erwartet aus. Währenddessen sendet die US-Wirtschaft bereits Signale der Abkühlung aus und auch die Konjunkturaussichten für den Rest der Welt werden verhaltener. Dass allerdings die Zölle nach wie vor spürbar höher sind als vor dem 2. April und der Protektionismus weltweit auf dem Vormarsch ist, ignorieren die Börsen derzeit. Auch die Gefahr, die von der „one big beautiful bill“ ausgeht, die Steuererleichterungen und eine damit verbundene signifikant höhere US-Staatsverschuldung – womit strukturell höhere Zinsen drohen – vorsieht, ist zuletzt etwas in den Hintergrund getreten. Kurzum: An den Finanzmärkten heißt es derzeit wieder Risk on.
Old Europe is back
Zumal die globalen Investoren eine „alte“ Region wieder neu entdeckt haben: Europa. Europäische Aktien haben zuletzt eine bemerkenswerte Wende hingelegt. Während sich der US-Index S&P 500 seit Jahresbeginn nur wenig verbesserte, legte das europäische Pendant Eurostoxx50 mehr als 10 % zu. Aufgrund der aktuellen Dollarschwäche liegt der S&P 500 Index in Euro sogar mit rund 8,4% im Minus (Daten YTD per 13.6.2025).
Milliardenbeträge strömen in europäische Aktien, während US-Titel Mittelabflüsse verzeichnen. Neben der politischen Stabilität und der damit verbundenen rechtlichen Sicherheit punkten Europa-Aktien mit vergleichsweise günstigen Bewertungen. Auch die Lösung der Schuldenbremse in Deutschland und die geplanten milliardenschweren Ausgaben für Infrastruktur und Rüstung haben das positive Momentum für Europa verstärkt.
USA auf Verliererposten?
Sollte 2025 wirklich zu einem der seltenen Jahre werden, in denen Europa die USA an den Aktienmärkten hinter sich lassen kann? Auch wenn sich die Bedingungen für Innovationen und Kreativität als Folge der Trump-Politik verschlechtern, dürfte der Vorsprung von US-Firmen gerade im Tech-Bereich für Jahre unaufholbar bleiben. Zwar hat auch Europa Unternehmen in Zukunftssektoren wie erneuerbare Energien oder Medizintechnik, zudem attraktive Luxusmarken, die von der expansiveren Fiskalpolitik und niedrigeren Zinsen profitieren könnten. Die Qualität der Geschäftsmodelle und die Innovations-Pipelines sprechen aber derzeit noch für amerikanische Unternehmen.
2025: Große Belastungen
Die Entwicklungen haben aber Zweifel an der Dominanz der US-Kapitalmärkte aufgeworfen. Von zollbedingter Unsicherheit bis hin zu Veränderungen in der globalen Politiklandschaft – die Belastungsfaktoren für US-Vermögenswerte haben zugenommen. Es ist jedoch noch zu früh, um die Dynamik der USA gänzlich abzuschreiben. Die USA sind nach wie vor weltweit die flexibelste und vielfältigste wirtschaftliche Großmacht, die sich durch starke Kapitalmärkte und ein beispielloses Ökosystem für Innovationen auszeichnet.
Global investierende Anleger sollten daher im Sinne einer breiten Streuung in den USA und in Europa investiert sein.
Foto: AdobeStock / Shahida
Vom Ölpreisschock zum Wirtschaftsabschwung
Nach US-Angriff auf den Iran: Ölpreisschocks waren oft Auslöser für Rezessionen.
Michael Kordovsky. Energiekrisen bzw. Energiepreisschocks können Auslöser einer Verkettung sein, die letztlich zu einer Rezession führen kann. Höhere Energiepreise belasten die Industrie mit höheren Produktionskosten und Kosten für den Transport. Je weniger Unternehmen diese Kosten auf den Groß- und Einzelhandel abwälzen können, desto mehr belastet dies ihre Gewinnmargen. Wenn es ihnen hingegen gelingt, die Preise an den Handel weiterzugeben, ist, je nach Pricing-Power des Einzelhandels, mit einer entsprechenden Weitergabe der Preiserhöhungen an Verbraucher zu rechnen.
Mit einer gewissen Zeitverzögerung reagieren die Notenbanken darauf mit Zinsanhebungen. Die Folge ist eine Investitionszurückhaltung der Unternehmen, die geplante Projekte aufschieben oder stornieren. Private Haushalte verschieben Immobilienkäufe und reduzieren den Konsum, da die Lebenshaltungskosten ansteigen. Laut dem ECB Economic Bulletin, Ausgabe 5/2022, würde ein Anstieg der Ölpreise um 1 % mittelfristig einen Rückgang des Produktionspotenzials im Euroraum um etwa -0,02 % bedeuten. Unter der Annahme eines dauerhaften Ölpreisschocks von 40 % würde das Produktionspotenzial im Euroraum nach vier Jahren um 0,8 % nach unten korrigiert werden. Wie Ölschocks die Wirtschaft beeinflusst haben, zeigen verschiede historische Rückblicke.
Oktober 1973: Jom-Kippur-Krieg
Es begann mit einem Überraschungsangriff von Ägypten und Syrien gegen Israel am 6. Oktober 1973. Der Ausgang: Schon am 22. Oktober rief der UN-Sicherheitsrat in der Resolution 338 zum Ende des Kriegs auf. Die Folge des Krieges war die Ölkrise 1973/74. Die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) drosselte die Fördermengen um rund 5 %, um die westliche Welt bezüglich ihrer Unterstützung Israels unter Druck zu setzen. In der Folge stieg der Ölpreis am 17. Oktober 1973 von rund 3 USD/Barrel auf mehr als 5 USD, um im Verlauf des Jahres 1974 einen Peak von mehr als 12 USD zu erreichen. Die US-Inflationsrate stieg von
7,4 % im September 1973 bis zum Höhepunkt im Dezember 1974 auf 12,3 %. Im November 1973 fielen die USA in eine schwere Rezession, die bis März 1975 andauerte und einen BIP-Rückgang vom Hoch zum Tief von 3,2 % brachte.
1979/80: Iranische Revolution und Erster Golfkrieg
Auslöser: Förderungsausfälle nach der islamischen Revolution im Iran, die zum Sturz des Schah Mohammad Reza Pahlavi führte, der am 16. Jänner 1979 das Land verließ. Spannungen im Vorfeld des Beginns des Ersten Golfkriegs mit dem Angriff des Iraks auf den Iran, der am 22. September 1980 startete trugen ebenfalls zu steigenden Ölpreisen bei.
Von Ende 1978 bis zum Peak im Jahr 1980 stieg der Ölpreis (WTI) von 14,85 auf 39,50 USD. Die US-Inflationsrate stieg von 9 % im Dezember 1978 bis zum Peak im März 1980 auf 14,8 %. Die Folge waren zwei US-Rezessionen, nämlich 1980 von Jänner bis Juli (Dauer sechs Monate) und Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,2 %; 1981/82: Juli 1981 bis November 1982 (ein Jahr und vier Monate), BIP-Rückgang um 2,7 %.
August 1990 bis Jänner 1991: Kuwait-Krise
Am 2. August 1990 besetzten irakische Truppen Kuwait. Nach langem diplomatischem Tauziehen holte am 17. Jänner 1991 unter Führung der USA eine Allianz bestehend aus 34 Ländern zum Gegenschlag aus. Die Militäroperation endete am 5. März 1991.
Der Ölpreis (WTI) schwankte 1990 zwischen einem Tief von 16,06 und einem Hoch von 41,15 USD. Die US-Inflationsrate stieg von 4,8 % im Juli 1990 bis Oktober 1990 auf 6,3 %. Folge: In der Rezession von Juli 1990 bis März 1991 (acht Monate) war die US-Wirtschaftsleistung um 1,4 % rückläufig.
2008: Starke Schwellenländernachfrage
Eine starke Wachstumsdynamik der Schwellenländer, insbesondere Chinas, führte zu einer enormen Nachfrage nach Industrierohstoffen und Rohöl. Obwohl infolge steigender Dollarzinsen bereits schwarze Wolken über dem US-Immobilienkreditmarkt aufzogen, stieg der Ölpreis (WTI) bis 11. Juli 2008 auf ein historisches Hoch von 147,16 USD (verglichen mit Tiefstand 2007 von 49,89 USD). Die US-Inflationsrate stieg von Jänner 2007 bis zum Peak im Juli 2008 von 2,1 auf 5,6 %. Zur Inflationsbekämpfung hat die Fed ihren wichtigsten Leitzins von noch 1 % im Juni 2004 bis 29. Juni 2006 auf 5,25 % angehoben, was der Auslöser der Subprime-Hypothekenmarkt-Krise war, die auf andere Bereiche des Immobilienkreditmarktes übergriff und sich mit der Lehman-Pleite am 15. September 2008 endgültig zu einer globalen Finanzkrise ausweitete. Die Folge: Eine ausgedehnte Rezession, die in den USA von Dezember 2007 bis Juni 2009 (1,5 Jahre) anhielt und eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung von 5,1 % bedeutete.
2022: Ukraine-Krieg
Bereits durch die Pandemie waren Lieferketten unterbrochen und im Zuge des am 24. Februar 2024 ausgebrochenen Ukraine-Kriegs kam noch eine Energieknappheit hinzu, da russisches Erdgas im Westen nicht mehr länger erwünscht war und der Ersatz, insbesondere durch LNG, entsprechend teuer war. Hinzu kam auch ein massiver Erdöl- und Erdgaspreisanstieg.
Die US-Inflationsrate war bereits schon zuvor wegen Lieferkettenunterbrechungen gestiegen und der Krieg hat diese Entwicklung nochmals beschleunigt. Von Dezember 2021 bis zum Peak im Juni 2022 stieg die Inflationsrate von 7,0 auf 9,1 % verglichen mit nur 1,4 % im Jänner 2021. Der Ölpreis (WTI) stieg von Ende 2021 bis zum Hoch 2022 um rund 69 %.
Die Folge der Lieferkettenunterbrechungen und Energiekrise des Jahres 2022 war, dass sich die Erholung von der Corona-Krise verlangsamte. Das US-BIP-Wachstum lag im vierten Quartal 2021 noch bei 5,7 %, verlangsamte sich im ersten Quartal 2022 aber auf 3,7 % um bis zum vierten Quartal 2022 auf 0,9 % zu sinken. Ob der Iran-Israel Konflikt 2025 inklusive der Beteiligung der Vereinigten Staaten seit dem vergangenen Wochenende tatsächlich einen neuen Öl-Schock auslöst, bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass nach einem kurzen zweistelligen Ölpreisanstieg wieder eine leichte Entspannung folgte.
Ölpreis und Aktienperformance
Für den Börsen-Kurier untersuchte Pascal Kielkopf, Kapitalmarktanalyst bei HQ Trust, die Zusammenhänge zwischen Ölpreisveränderung (Brent) in den vergangenen zwölf Monaten und der Total-Return-Performance im S&P 500 in den darauffolgenden zwölf Monaten. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von Jänner 1971 bis Mai 2025. Kielkopf teilte die Performance des Ölpreises in zehn Dezile, wobei mehr als 29,3 % Ölpreisrückgang im niedrigsten Dezil über 62,8 % Anstieg im höchsten Dezil gegenüberstehen. Es ist eine klare Tendenz erkennbar: Am besten performte der S&P 500 (auf Zwölf-Monats-Sicht) nach dem Ölpreis-Entwicklungs-Dezil mit der schlechtesten Entwicklung (-29,3 %) mit 18,6 % verglichen mit nur 4,1 % Performance nach dem zweitstärksten Ölpreis-Entwicklungs-Dezil (41,8 bis
62,8 %). Eine klare Tendenz als Orientierungshilfe lässt sich vor allem dann erkennen, wenn man eine Glättung vornimmt und die Durchschnittsperformance der jeweils drei schwächsten und stärksten Ölpreisentwicklungsdezile auswertet: Dann stehen im Schnitt nur 6,2 % Ein-Jahres-Performance im S&P 500 nach Szenarien mit jährlichen Ölpreisanstiegen ab 21,2 % einem Plus von durchschnittlich 15,7 % nach Szenarien von jährlichen Ölpreisrückgängen von mindestens 6,5 % gegenüber.
Zum Vergleich: Über den gesamten Untersuchungszeitraum liegt die Performance des S&P 500 bei 10,3 % p.a. (in USD).
Foto: AdobeStock / studio v-zwoelf
Wie Anleger vom KI-Boom profitieren können
Chancen wie Risiken sind für Firmen der Branche enorm, Experte rät zu Diversifikation.
Red/ks. Für Raj Shant, Managing Director bei Jennison Associates, befinden wir uns in der Spätphase des Investitionszyklus im Universum der Künstlichen Intelligenz. Im Interview mit dem Börsen-Kurier erklärt er, wie Anleger nichtsdestoweniger von dieser revolutionären Entwicklung profitieren können und auf was dabei zu achten ist.
Börsen-Kurier: Sind wir noch in der ersten Welle der KI, also bei der Infrastruktur, oder sind wir bereits weiter fortgeschritten?
Raj Shant: Bei jeder großen Revolution lässt sich ein wiederkehrendes Muster erkennen. Die ersten großen Erträge stammen aus den Bereichen Hardware und Infrastruktur. Bei der generativen KI waren dies GPU-Chips und Rechenzentren. Mit der Veröffentlichung des R1-Modells von Deepseek wurde der Übergang zu Software und Anwendungen beschleunigt, die daraufhin leichter zugänglich wurden. Somit befinden wir uns in der späten Phase des Investitionszyklus und in der frühen Phase der Anwendungs- und Verbreitungsphase.
Börsen-Kurier: Welche Unternehmen profitieren hier am stärksten? Können Sie uns Beispiele nennen?
Shant: Die größten Profiteure der Infrastruktur-Investitionsphase waren Hardware-Unternehmen wie Nvidia und Broadcom. Von der erwarteten „Token-Explosion“ werden die Hyperscaler profitieren, da sich die Technologie in den meisten Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft weiterverbreitet. Dies wird zu einer Zunahme der Nutzung sowie zu einer größeren Breite und Tiefe der ausgeführten Aufgaben führen. Zu den wichtigsten Rechenzentrumsbetreibern zählen Amazon AWS und Microsoft Azure.
Börsen-Kurier: Wie schlagen sich die „MAG 7“ im Bereich KI? Wer liegt hier vorne?
Shant: Wie zuvor FAANG verliert auch die Abkürzung „MAG 7“ bereits an Bedeutung und Kohärenz. Besser ist es, von Big Tech zu sprechen, die in dieser Anfangsphase der KI-Revolution aufgrund der hohen Kosten in diesem Bereich generell vorne liegen. In den nächsten Phasen der Einführung und Verbreitung besteht jedoch die Chance, dass Big Tech seine Führungsrolle verliert, wenn KI-native Unternehmen an Bedeutung gewinnen.
Börsen-Kurier: Alle reden derzeit über Europa. Gibt es in Europa Unternehmen, die sich im Bereich KI besonders hervorheben?
Shant: Europäische Unternehmen sind mit dem Risiko eines restriktiven regulatorischen Rahmens konfrontiert, während der US-Markt Innovation priorisiert. Die attraktivsten Chancen werden wahrscheinlich noch lange Zeit in den USA und China zu finden sein. SAP gilt derzeit zwar als Marktführer, aber es bleibt abzuwarten, ob generative KI neue Chancen für etablierte Softwareunternehmen bietet oder ob neuere, günstigere und schnellere KI-Agenten auf den Markt kommen, die den Kunden neue Optionen bieten.
Börsen-Kurier: Wie gut sind KI-Agenten heute schon? Wie wird sich dieser Trend entwickeln?
Shant: Generell sollte man immer davon ausgehen, dass die KI-Version, die wir heute verwenden, die schlechteste ist, die wir jemals verwenden werden, da sich KI so schnell verbessert. Möglicherweise werden KI-Agenten letztendlich die bahnbrechende Anwendung sein, die generative KI in den Mainstream bringt. Eventuell werden sie aber auch einfach die vorherrschende Methode sein, um Unternehmen und Privatpersonen die Leistungsfähigkeit der KI zur Verfügung zu stellen – ohne dass es einer eigenständigen App bedarf.
Börsen-Kurier: Welchen Rat würden Sie Anlegern geben, die in KI investieren möchten?
Shant: Die Veränderungen sind rasant und tiefgreifend. Sie bergen für einige Unternehmen enorme Chancen, für andere hingegen existenzielle Risiken. Die größten Erfolge in den nächsten drei bis fünf Jahren könnten AI-native Unternehmen erzielen, die gerade erst gegründet werden. Es ist ratsam, sich über ein diversifiziertes Portfolio in diesem vielversprechenden Bereich zu engagieren, dies jedoch über Experten zu tun, die über fundierte Kenntnisse und die Ressourcen verfügen, um diesen dynamischen Bereich angemessen zu verfolgen.
Foto: Jennison Associates
Risiken und Ärger mit ETFs
Es ist Hauptversammlungssaison. Zeit der Abrechnung, Diskussion und Entscheidung. Teils recht emotional wird die Debatte geführt.
Florian Beckermann. ETFs (Exchange Traded Funds) sind das Produkt einer Epoche. Kaum ein anderes Investmentvehikel erfreut sich so großer Beliebtheit. Sie sind eine weitgehend kostengünstige und transparente Anlagemöglichkeit. Dennoch poppen unzählige Fragen und Risiken auf, die Anleger verunsichern.
Zehn wichtige Punkte:
1. Angebotsüberflutung: Es gibt Tausende ETFs mit ähnlichen Namen, Strategien und Indizes. Einsteiger können leicht ungeeignete oder unnötig teure Produkte wählen. Gerade bei beratungsarmen Online-Anbietern kommt man hier nicht weiter.
2. Marktrisiko: ETFs bilden einen Index oder ein Marktsegment nach. Wenn der zugrunde liegende Markt fällt, verliert auch der Fonds an Wert. So einfach, so klar?
3. Verantwortungslücke: Der ETF-Anleger gibt sein Aktienstimmrecht weitgehend auf. Die Stimmrechtsberater der ETF-Emittenten übernehmen diese Aufgabe und damit die Macht. Eine Situation entsteht, in der die eigene Ethik nicht unbedingt gewürdigt wird.
4. Dividendenfrage: Viele Fonds reinvestieren die erhaltenen Dividenden. Das muss nicht jedem gefallen, da Ertrag nur durch Verkauf des Produkts entsteht.
5. Konzentrationsrisiko: Viele Indizes sind nicht gleichgewichtet. Große Unternehmen dominieren oft. Ein MSCI World ETF enthält viele US-Tech-Aktien wie Apple, Nividia oder Microsoft. Der kürzliche, zeitweise Rückgang dieser Großunternehmen führte zu viel Verunsicherung im Markt.
6. Währungsrisiko: Wenn ein ETF in Fremdwährungen investiert, kann sich ein starker Wechselkurs negativ auswirken. Ein in Euro notiertes Produkt mit US-Aktien leidet, wenn der US-Dollar fällt, auch bei positiven Aktienkursen.
7. Liquiditätsrisiko: Bei exotischeren ETFs (z. B. mit Nischenmärkten) oder synthetischen Produkten (hier: Vertragspartnerrisiko) kann es sein, dass sie sich in Krisenzeiten nur schwer handeln lassen. Das kann teuer werden oder Probleme beim Verkauf machen.
8. Gebühren: Der ETF bildet den Index nicht immer 1:1 ab, z. B. durch Gebühren oder Steuern. Die tatsächliche Performance kann leicht schlechter sein als der Index. Die negativen Effekte von Gebühren werden regelmäßig erst nach Jahren im ETF-Ansparplan sichtbar. Teilweise werden 2,5 % nicht investiert, was langfristig zu ärgerlichen Kosten führt. Auch ein ETF ist (noch) nicht kostenlos!
9. Steuerliche Komplexität: In manchen Ländern gelten spezielle Regeln für thesaurierende und ausschüttende ETFs (z. B. Vorabpauschale in Deutschland; gibt es aber nicht in Österreich). Der Anleger muss sich mit dem eigenen Steuerregime vertraut machen und manchmal einen Steuerberater hinzuziehen. Diese Situation ist in Österreich in letzter Zeit öfter eingetreten. Kosten, die bei nationalen Produkten kaum entstehen.
10. Verhaltensrisiko/Fehlnutzung: Anleger kaufen ETFs oft aufgrund ihrer Einfachheit, sind aber emotional nicht auf Marktschwankungen vorbereitet. Panikverkäufe in Krisenzeiten oder schlechtes Timing schmälert den Erfolg.
Fazit
Basis der allermeisten ETFs sind börsennotierte Aktien. Wie auch dort, kann
eine genaue Analyse des Investmentprodukts vor dem Kauf viel Ärger ersparen. Die Investition in eine gute Beratung kann ebenfalls nicht schädlich sein.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Europas Comeback? Wie es funktionieren könnte
Amerikanische Verteidigung, russisches Gas, unendlicher Absatzmarkt China – das ist vorbei.
Tibor Pásztory. Im Rahmen der diesjährigen Country Risk Conference lud Dagmar Koch, Country Managerin des Kreditversicherers Coface Österreich, 170 Gäste aus dem Wirtschafts- und Finanzwesen in den Apothekertrakt des Schlosses Schönbrunn zu inspirierenden Vorträgen des US-Wahlkampfexperten Julius van der Laar sowie des Historikers und Journalisten Christoph von Marschall. Das Thema: „Europas Comeback?“ – mit Fragezeichen, wohlgemerkt.
Ins Tun kommen
„Das Comeback Europas kann gelingen. Wir dürfen dabei nicht unsere langfristigen Ziele den kurzfristigen Krisen opfern. Unsere Werte wie Menschenwürde, Freiheit und Demokratie bilden dabei das Fundament für nachhaltiges Wachstum und Wohlstand“, leitete Koch das Thema ein und meinte aber auch: „Wir müssen unsere Aufgaben endlich angehen, das ist entscheidend.“ Tatsächlich scheint es hoch an der Zeit, die Scheu vor ungewohnten Herausforderungen abzulegen und ins Tun zu kommen. Das betrifft nicht nur die politische und makroökonomische Ebene, sondern auch zutiefst betriebswirtschaftliche Entscheidungen der Unternehmen, „denn wer macht große Investitionen, wenn er nicht weiß, was morgen ist?“, wie Christiane von Berg, Head of Economic Research Coface BeNeLux & DACH, das Kernproblem in simplen Worten zusammenfasste.
Drei bequeme Pölster sind weg
Europa hat sich über die letzten 35 Jahre auf drei bequemen Erfolgsgrundlagen ausgeruht, so Christoph von Marschall: Die Verteidigungskosten übernahmen die USA, aus Russland bezog man billige Energie, und China wurde zu einem riesigen Absatzmarkt. Alle drei Faktoren sind nahezu gleichzeitig und binnen kürzester Zeit verschwunden.
Denkt man an die Verteidigungskosten und die Unsicherheiten bezüglich der Zukunft der NATO, fällt unweigerlich der Name Donald Trump. Auch wer diesen Namen nicht mehr hören kann, muss sich nach 150 Tagen seiner zweiten Amtszeit mit dessen Handeln auseinandersetzen – und verstehen, warum laut van der Laar 47 % der Amerikaner mit dessen Amtsführung zufrieden sind – „gigantisch gute Werte im Vergleich zu Joe Biden!“ Trump sei eben der ultimative Meister der medialen Inszenierung, er sei wie der Produzent einer eigenen Netflix-Serie. In den Augen seiner Wähler gelte das Prinzip „Versprochen – gehalten!“, denn seinen ultraharten Kurs habe er im Wahlkampf angekündigt.
Geostrategisch schlecht aufgestellt
Die USA tendieren wieder zum Isolationismus, und so wackelt auch die Nato-Beistandsgarantie, während Wladimir Putin Grenzen mit Gewalt ändern will und so Europas Friedensordnung in den Müll wirft. Die EU ist allenfalls ökonomisch Weltmacht, nicht militärisch, und wird von anderen Großmächten nicht mehr ernstgenommen. „If you have no seat on the table, you are on the menue“, so ein amerikanischer Spruch. In diesem Sinne könnte man die Ukraine als Vorspeise verstehen, danach kommt – und da scheint sich Marschall ziemlich sicher – Litauen dran. Damit wäre ein Landkorridor via Weißrussland in das russische nördliche Ostpreußen (heute nach Lenins Schlächter Mikhail Kalinin Kaliningrad benannt) hergestellt, das Russland als wichtiger Stützpunkt für seine Seestreitkräfte dient.
Wenn Litauen fällt, fallen wohl auch Lettland und Estland. Polen wäre schon eine größere Nummer. Deutschland müsste im eigenen Interesse in den Krieg gegen Russland einsteigen, verfügt aber nur über Munition für zehn Tage. Das ist aber noch nicht die ganze Wahrheit: Selbst wenn Deutschland unter dem neuen Kanzler Friedrich Merz alle finanziellen Mittel zur Nachrüstung ausschöpfe, fehle immer noch das Personal. Die Wehrpflicht hatte Deutschland ja 2011 ausgesetzt. „Die Politik schlafwandelt seit Jahren“, so Marschall. Deutschland liege oft falsch mit seinen Erwartungen an die internationale Entwicklung, wie zum Beispiel bei der Wahl Trumps 2016 und 2024 sowie dem Angriff Putins auf die Ukraine: „Keine Vorbereitung, kein Plan B!“.
Und doch ins Positive?
Dabei sollte sich die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft Deutschland nicht andauernd selbst unterbewerten. Immerhin produziert man mit 1 % der Weltbevölkerung 4,3 % der Weltwirtschaft. Diese ökonomische Stärke sei jedoch stark exportgetrieben, aber die Märkte USA und China wackeln derzeit gehörig. „Ohne Sicherheit ist alles andere nichts“, die Erhöhung des Wehretats von 1,5 auf 3,5 bis 5 % sei daher absolute Priorität (und ein Wachstumstreiber).
„Deutschland kann Krise“, gibt sich Marschall überzeugt. Die Abhängigkeit von russischem Gas sei in atemberaubender Geschwindigkeit abgelegt worden, so ein Positivbeispiel. Auch Frankreich und Großbritannien (trotz Brexit) scheinen gewillt, sich gegen Russland zu stellen. Ob die EU hier das richtige Vehikel für neue Stärke ist, scheint schon alleine aufgrund des Einstimmigkeitsprinzips in vielen Fragen zweifelhaft. Eine Koalition der Willigen, also von Nationalstaaten, scheint auch nicht perfekt, aber unkomplizierter. Feiert etwa Charles de Gaulle‘s „Europa der Vaterländer“ ein Comeback? Amerikanische Verteidigung, russisches Gas, unendlicher Absatzmarkt China – das ist vorbei.
Foto: AdobeStock / MNStudio
Der Kampf um Seltene Erden
Trotz Entspannung erwartet die IEA eine unsichere Versorgungslage.
Roman Steinbauer. Die Versorgungslage bei kritischen Mineralien wie Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer, Graphit sowie 17 Elemente von Seltenen Erden hat sich seit 2022 entspannt. Doch nimmt die Abhängigkeit zu diesen „Schlüssel-Rohstoffen“ in der auf Diversifikation setzenden Energiewirtschaft rascher als angenommen zu. Diese Entwicklung zeigt die jüngste Ausgabe des „Global Critical Minerals Outlook 2025“ der Internationalen Energie Agentur (IEA) vom 25. Mai auf. Der globale Abnahmeanteil der Energieproduzenten an Nickel beträgt immerhin 62 %, an Lithium 80 %, an Kobalt 82 % und an Graphit 99 %. Fakt ist: Wenn auch die Ölindustrie teils durch die politische Agenda der USA wieder Unterstützung erfährt, führt dies laut IEA derzeit zu Investitionskürzungen, aber keineswegs zu einer Umkehr der Energietransformation.
Trügerisches Gleichgewicht
Die IEA sieht überhaupt eine neuerliche Brisanz um kritische Mineralien heranziehen. Denn die Dominanz weniger Exportstaaten nimmt, trotz weltweit steigender Förderung, weiter zu. 2024 entfielen auf nur drei Länder 86 % des Gesamt-Angebots – 2020 waren es noch 82 %. Indonesien steht bei Nickel, China bei Mangan, Sulfate und Phosphor (Gallium: 99 %) der Verfügbarkeit an vorderster Stelle. Der Förderanteil Chinas liegt bei 19 der 20 strategischen Mineralien bei mehr als 70 %. 15 Elemente verzeichnen dabei eine Preisvolatilität, die jene des Rohöls übertrifft. Weiters stehen weltweit 55 % der gesuchten Rohstoffe unter Exportkontrolle. Dazu verlangsame sich die Erschließung neuer Förderprojekte in Europa, und die Explorationsdynamik nahm global nur noch um 4 % zu (2023: +14 %).
Und so prognostiziert die IEA für den Nickelmarkt bis 2035 ein Angebotsdefizit von 30 %. Die in Paris ansässige Energiebehörde weist explizit auf mögliche Engpässe hin. Deren Direktor Fatih Birol äußerte sich zur Lage beunruhigt: „Gegenüber Lieferschocks werden die Lieferketten noch fragiler. Zur zuverlässigen Versorgung braucht es vorrangig eine relative Preisstabilität, eine Widerstandsfähigkeit zu Handelsbeschränkungen und gegen technische Ausfälle. Im 21. Jahrhundert wurden kritische Mineralien zum wichtigsten Faktor für die globale Energiesicherheit.“
Bloß ein Intermezzo an Verfügbarkeit?
Aus dem 310 Seiten umfassenden Bericht der IEA filterte der Börsen-Kurier: Der Bedarf der Energiewirtschaft zog im Vorjahr durchgehend (von +3 % im Kupfer bis zu +29 % bei Lithium) weiter an. Im Gegensatz zu klassischen Basismetallen gaben 2024 die Preise jener Materialien, die für die Batterieherstellung nachgefragt werden (Silber, Platin, Mangan, Nickel, Graphit, Kobalt, Lithium, Uranium sowie die Gruppe Seltener Erden), aber teils bis zu über 30 % (Lithium) nach. Ursache dafür war eine Angebotszunahme, die die steigende Nachfrage teils erheblich übertraf. Der Überhang betrug bei Kupfer 1 % und bis zu 6 % bei Nickel, Kobalt, Graphit und Seltenen Erden.
Ergänzend: Wie die Bloomberg vergangene Woche verlautbarte, erhielten Chinas Exporteure erneut die Erlaubnis der Regierung, kritische Mineralien wieder in die USA zu liefern. Gegenüber dem Sender umriss der Leitende Mitarbeiter des Royal United Services Institute (RUSI), Charles Parton, die starke Position der zweitgrößten Wirtschaftsmacht um die sensible Ware mit den Worten: „Das ist eine Waffe, die China stets einsetzen wird.“
Foto: AdobeStock / Zain / KI generiert
Falsche Sparsamkeit bei Österreichs AGs
Es ist Hauptversammlungssaison. Zeit der Abrechnung, Diskussion und Entscheidung. Teils recht emotional wird die Debatte geführt.
Florian Beckermann. Einer der Aufreger ist regelmäßig die Vergütung des Vorstands und des Aufsichtsrats – eine verkappte Neiddebatte für einige, ein wirtschaftlich-sozialer Lenkungsimpuls für andere.
Auch die internationalen Stimmrechtsberater bearbeiten das Thema, und damit die großen internationalen Investoren, wie Blackrock, Vanguard usw. Der Pflicht-Tagesordnungspunkt „Vergütungsbericht“ wird von ihnen zerpflückt – oft führt dies zu schnaufenden Gesichtsausdrücken des betroffenen Vergütungsausschusses. Dabei geht es nicht um die Höhe der Vergütung, sondern deren transparente Zusammensetzung. Es ist also die Nachvollziehbarkeit der Vergütung, die aneckt. Ein vermeintlich vermeidbarer Bauchfleck? Mitnichten. Die involvierten Agenturen lassen sich nicht in die Karten schauen. Warum sie die Vergütung ablehnen, bleibt oft nicht erkenntlich. Insofern fordert man Transparenz, die man selbst nicht einhält? Vielleicht. Jedenfalls rätselhaft für Entscheider im Aufsichtsrat.
Absurd wird die Diskussion um die Höhe. Im internationalen Vergleich sind insbesondere die Aufsichtsratsvergütungen zu gering. Ein Aufsichtsratsmitglied der Telekom Austria – immerhin ein Milliardenkonzern – soll für 20.000 Euro pro Jahr eine ernstzunehmende, unabhängige Überwachungsaufgabe ausüben und die Interessen aller Aktionäre vertreten? Welcher geeignete Manager mit vernünftigem Netzwerk und Erfahrung tut so etwas? Es bleiben Kernaktionärsvertreter übrig, die entsendet werden und sich bei der Dress vielleicht nicht immer so ganz im Klaren sind. Wie am Beispiel der HV-Debatte bei Uniqa zu sehen war, ist die Kontrolle des Vergütungsberichts dennoch sinnvoll. 20.000 Euro Vergütung für einen Ausschuss der nicht tagt? Das ist kein hinnehmbarer Zustand – für keinen Aktionär.
Abseits dieser Sondersituation stellt sich die Frage: Warum die magere Vergütung? Es kann nicht an der weitgehend guten Aktienperformance liegen, es liegt auch kaum an den Aktionären (Streubesitz), die leistungsorientierte, unabhängige Überwachung ihres Kapitals erwarten. Es mag vielleicht falsche Sparsamkeit sein.
Lösungsidee: Gerade im Hinblick auf teilweise überragende Ergebnisse für die Aktionäre und andere Stakeholder ist Sparsamkeit zwar löblich und hinterfragenswert, aber nicht verhältnismäßig zum Erfolg aktuell. Angesichts der extrem niedrigen Aktienquote bei heimischen Aufsichtsräten wäre es doch überlegenswert, eine Vergütung in Form eines nachhaltigen Beteiligungsprogramms auf Aktienbasis zu gewähren (angelehnt an die Kriterien für die Vorstandsvergütung). Nachsatz: Wenn man schon keinen Mut/Konsens bei der Erhöhung des Salärs in Barmitteln findet. Der Attraktivität des Marktes würde es guttun, hier wettbewerbsfähig zu werden.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Die sichersten Austro-Aktien
Eine exklusive Auswertung der Erste Group liefert interessante Ergebnisse.
Michael Kordovsky. Exklusiv für den Börsen-Kurier analysiert Erste-Group-Chefanalyst Christoph Schultes das sogenannte „Beta“ der ATX-Prime-Werte der vergangenen zehn Jahre. Beta ist ein Maß für die Schwankungsbreite des Kurses von Finanztiteln im Vergleich zum Gesamtmarkt, also in unserem Fall der österreichischen Aktien zum ATX Prime. Daneben wurde auf die Performance geachtet, wobei diese als Total Return, also Kursgewinne plus Dividenden der letzten zehn Jahre, gemessen wurde. „Je weiter die Punkte unter der Regressionslinie liegen, desto sicherer sind die Werte unter der Berücksichtigung der Performance. (Anm.: Eine Regressionsanalyse stellt Betas mit Total Returns in Beziehung, wobei das Bestimmtheitsmaß in unseren Fällen erwartungsmäßig niedrig ausfällt.) Man kann sagen, dass Verbund und Strabag hier aufgrund ihres Total Returns am attraktivsten erscheinen, rückt man die Sicherheit in den Vordergrund wäre es der Flughafen Wien. Attraktiv sind unter diesem Aspekt auch noch EVN, Telekom Austria und CA Immo. Dieses Ergebnis ist, meiner Meinung nach, aussagekräftig, auch wenn der Zeithorizont hier eine besondere Rolle spielt“, erklärt Schultes gegenüber dem Börsen-Kurier. Die Top-Performer der Low-Beta-Aktien Verbund, Strabag und EVN brachten es in den vergangenen zehn Jahren (per 3. Juni) auf eine Performance von je 528, 496 bzw. 232 %.
Defensive Branchen und wenig Streubesitz
Schultes verweist auf einen wichtigen Zusammenhang: „Defensive Titel haben generell ein niedrigeres Beta als zyklische Aktien.“ „Ein Vorteil könnte auch ein geringer Streubesitz bzw. eine geringe Marktkapitalisierung sein, die die Handelbarkeit der Aktie einschränken, dies könnte z. B. Titel wie die Amag unterstützt haben.“ Die Amag ist dabei auch fundamental solide. Sie hat in den Jahren 2012 bis 2024 jedes Jahr ein positives Ergebnis nach Ertragssteuern erzielt und konnte in diesem Zeitraum den Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit in etwa auf gleichem Niveau halten. Was auf den Aktienkurs noch stützend wirken könnte, ist laut Meinung des Autors eine hohe Dividendenrendite. Bei einem Kurs von 24,50 Euro liegt die aktuelle bei 4,9 %.
Ranking über zehn Jahre
Per 3. Juni 2025 zeigt ein Beta Ranking der vergangenen zehn Jahre mit einem Beta von 0,35 Amag als Gewinner, wobei sich deren Total Return mit 14 % in Grenzen hielt. „Zweitsicherster“ und „Drittsicherster“ Wert sind Flughafen Wien und Agrana mit jeweils rund 0,41. Während Agrana mit -2 % keinen Total Return brachte kam Flughafen Wien auf ein Plus von 203 %. An weiterer Stelle kommt die Post (Beta: 0,42), deren Gesamtperformance mit 17 % eher mäßig ausfällt, da sich der Kurs vor ziemlich genau zehn Jahren auf dem Höchststand befand. Doch der nächstbeste Wert, die Telekom (Beta: 0,48), brachte es im Untersuchungszeitraum auf beachtliche 145 %. Und was ergibt die Betrachtung der Ertragshistorie? Von 2017 bis 2024 konnte Telekom den Gewinn/Aktie um 7,6 % p.a. steigern und die Dividendenausschüttung stieg von 0,20 auf 0,36 Euro. Verbund konnte von 2020 bis 2024 das Konzernergebnis von 631,4 auf 1.875,3 Millionen Euro erhöhen. Mit einem zweistelligen Ebit-Wachstum im gleichen Zeitraum überzeugt Strabag. Flughafen Wien hat mit Ausnahme des Pandemie-Jahres 2020 seit selbigem immer schwarze Zahlen geschrieben, und die aufgrund der bisherigen Beta-Historie vielversprechende Frequentis (Beta von 0,38) war in der Lage, von 2017 bis 2024 den Gewinn/Aktie um 10,6 % p.a. zu steigern, wobei lediglich das Jahr 2020 negativ war.
Foto: AdobeStock / Pixel Skull Design
Die EU überarbeitet die Regeln
Überarbeitung der Regeln für grüne Finanzprodukte, verstärkter Fokus auf Klimarisiken.
Andreas Dolezal. Die aktuelle Definition nachhaltiger Finanzprodukte in der EU-Offenlegungsverordnung SFDR gilt unter Experten und Asset Managern als nicht besonders geglückt. Zwar weisen Studien regelmäßig steigende Anlagevolumina für „grüne“ Anlageprodukte aus, ob diese tatsächlich zum vollständigen Erreichen der visionären EU-Klimaziele – Klimaneutralität bis 2050 – beitragen, ist mittlerweile aber auch auf EU-Ebene fraglich.
Kritik an SFDR
Bereits im Dezember 2022 leitete die EU-Kommission die Überarbeitung der SFDR ein. Im Rahmen zweier Konsultationen holte sie Rückmeldungen zu etwaigen Mängeln und zur Verbesserung der Funktionsweise ein. Finanzbranche und Öffentlichkeit sparten dabei nicht mit Kritik. Als Schwachstellen der SFDR wurden unter anderem mangelnde Rechtsklarheit, die geringe Relevanz bestimmter Offenlegungspflichten (Produktinformationen) und Probleme hinsichtlich der Datenverfügbarkeit genannt.
Dadurch mobilisieren die geltenden Vorschriften weniger private Investitionen in nachhaltige Geschäftspraktiken und die strategischen Ziele Europas. Diese Mängel gelte es mit gezielten Vereinfachungen und Anpassungen zu beheben. Die Kommission erkennt auch an, dass die Schwachstellen zu unverhältnismäßigen operativen Kosten für die Finanzindustrie geführt haben. Die mangelnde Vergleichbarkeit nachhaltiger Finanzprodukte berge zudem die Gefahr von Grünfärberei.
Transitionsprodukte in Planung
Noch ist nicht absehbar, wann mit der fertig überarbeiteten SFDR zu rechnen ist. Das Ziel ist jedenfalls, sie sowohl für Finanzindustrie als auch Endanleger klarer zu gestalten, etwa durch das Straffen und Reduzieren der Offenlegungspflichten und der neuen Kategorisierung von nachhaltigen Finanzprodukten. Beispielsweise sollen künftig nicht nur jene Wirtschaftstätigkeiten als nachhaltig investierbar gelten, die im Sinne der EU-Taxonomie bereits nachhaltig sind, sondern auch jene, die sich erst auf dem Weg dorthin („Transition“) befinden.
Nachhaltiges Risikomanagement
Bereits seit 1. April verfügbar, ist der neue Leitfaden der Finanzmarktaufsicht FMA zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken. Die FMA versteht darunter beispiels-weise Klimarisiken, die durch den Klimawandel entstehen oder infolge des Klimawandels verstärkt werden, sowie soziale Risiken, Rechts- und Reputationsrisiken und Greenwashing-Risiken.
Solche und weitere Risiken können nicht nur wesentliche negative Auswirkungen auf den Wert von Vermögenswerten, wie finanzierten oder versicherten Gebäuden, haben, sondern auch die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie die Reputation eines Unternehmens. Nachhaltigkeitsrisiken sollen daher (noch mehr als sie das bereits sind) integrierter Bestandteil des Risikomanagements von Finanzdienstleistern wie Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Wertpapierfirmen sein.
Klimarisiken werden relevanter
Welche dramatischen Folgen klima- und umweltbezogenen Extremwetterereignisse für Unternehmen und Bevölkerung haben können, führten erst im September 2024 die großflächigen Überschwemmungen im Wiener Tullnerfeld vor Augen. Die FMA beziffert in einem Praxisbeispiel die Schäden bei Unternehmen auf rund 1,3 Milliarden Euro, entstanden durch Produktionsausfälle, beschädigtes Inventar sowie Ausfälle bei Betrieben in der Lieferkette.
Naturkatastrophen können sich direkt negativ auf die Schuldentragfähigkeit der betroffenen Unternehmen auswirken. Solche Kreditrisiken müssen finanzierende Banken vorsorglich bewerten und reduzieren, indem beispielsweise die regionale Konzentration von Krediten bzw. Vermögenswerten zur Besicherung reduziert wird.
Als besonders anfällig für Klimawandelfolgen nennt die FMA unter anderem Land- und Forstwirtschaft (etwa durch Ernteausfälle, erhöhtes Waldbrandrisiko), Tourismus (Anstieg der Schneefallgrenze) sowie Bauen und Wohnen (erhöhter Kühlbedarf).
Greenwashing-Risiko
Mit der steigenden Nachfrage nach „grünen“ Anlageprodukten rückt der Anlegerschutz stärker in den Fokus. Finanzinstitute sind zum Beispiel verpflichtet, beim Vertrieb nachhaltiger Produkte im Vorfeld mögliche Interessenkonflikte zu ermitteln und im Beratungsprozess die Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden abzufragen und zu berücksichtigen. Dazu sei es notwendig, dass Kunden die verschiedenen Nachhaltigkeitsgrade der Produkte hinreichend verstehen, denn nur so können sie Greenwashing erkennen und fundierte Anlageentscheidungen treffen, unterstreicht die FMA.
Foto: AdobeStock / Vanessa
Produkte, um das Risiko zu reduzieren
Der deutsche Bundesverband für strukturierte Wertpapiere widerlegt Vorurteile mit klaren Zahlen.
Raja Korinek. Das Nischendasein von Zertifikaten ist in Österreich längst vorbei. Allein im ersten Quartal 2025 wurde die Marke von 16 Milliarden Euro an Open Interest übersprungen, wie aus den Zahlen des Zertifikate Forum Austria (ZFA) hervorgeht. Open Interest ist der Fachjargon für die Gesamtzahl aller offenen Kontrakte. „Die Entwicklung unterstreicht, dass diese Produktgruppe beim Anleger längst angekommen ist“, konstatiert Frank Weingarts von Onemarkets/UniCredit – er ist Vorstandsvorsitzender des ZFA. Mit diesen Worten eröffnete Weingarts den 19. ZFA-Kongress am 3. Juni in Wien. (Der Börsen-Kurier ist Medienpartner.) Dabei sei das Produktangebot diversifiziert, jedoch blieben Produkte mit vollem Kapitalschutz am gefragtesten. Hier lag das Open Interest zu Quartalsende bei 4,26 Milliarden Euro.
Vorurteil Zockerpapiere
Auch in Deutschland hat das Volumen auf zuletzt knapp mehr als 100 Milliarden Euro weiter zugelegt, wie der Bundesverband für strukturierte Wertpapiere (BSW) berichtet. Auf seinem Vortrag „Fakten gegen Vermutungen – mehr Transparenz durch Risikoausweis des Gesamtmarkts“ räumte Christian Vollmuth, Geschäftsführender Vorstand des BSW, zudem mit Vorurteilen dazu auf, dass Zertifikate reine Zockerpapiere seien.
Vollmuth verwies auf die Vorhaben der alten Regierung. So hatte die einstige Ampelkoalition eine Reform der privaten Altersvorsorge geplant. Der damalige Finanzminister Christian Lindner plante insbesondere die Förderung eines privaten Altersvorsorgedepots. Dies sollte mit Wertpapieren befüllbar sein. Für Vollmuth hatte der Vorschlag jedoch ein großes Manko. So wären lediglich Fonds, Aktien und ETFs bis zur Risikoklasse 5 – laut Basisinformationsblatt (BIB) – in Frage gekommen. Zertifikate seien pauschal als zu riskant eingestuft worden, ein Umstand, den der BSW-Chef nicht nachvollziehen kann. „Zertifikate hatten es nicht auf die Positivliste geschafft. Dies sollte sich ändern, wenn das Thema Altersvorsorge von der neuen Regierung aufgenommen wird.“
Zusätzliche Risikokennzahlen
Die Entwicklung war Anlass genug, bei der Veröffentlichung der Marktvolumina nunmehr auch Risikokennzahlen für den gesamten Markt für strukturierte Wertpapiere und zusätzlich detailliert für sämtliche Produktkategorien offenzulegen. Die Angaben basieren auch auf der verbindlichen Risikoklassifizierung für Wertpapiere, sind somit im BIB festgehalten.
Das Ergebnis war eindeutig. Vollmuth meint, Zertifikate würden Großteils eher zur Risikoreduktion genutzt. So entfiel zum Stichtag 31. März von den 100,1 Milliarden Euro mehr als die Hälfte (50,7 %) auf die niedrigste Risikoklasse 1. Dies ließe sich etwa mit einem Investment in Euro-Geldmarkt-ETFs und Euro-Geldmarktfonds vergleichen. „Aktien europäischer Konzerne gehören Großteils den Risikoklassen 5 und 6 an, während Aktienfonds und Aktien-ETFs, die sich an breit gestreute internationale, regionale oder nationale Aktienindizes orientieren, wie den MSCI World oder den Euro Stoxx 50, zumeist den Risikoklassen 4 und 5 zugeordnet sind.“
Niedriges Durchschnittsrisiko
Vollmuth zieht ein klares Fazit. Er verweist auf das volumengewichtete durchschnittliche Risiko aller strukturierten Wertpapiere: Die Kennzahl entspricht einem SRI (Summary Risk Indicator) von 2,55. Und damit seien die Risiken mit strukturierten Wertpapieren geringer als viele vermuteten, fügt Vollmuth noch hinzu.
Foto: AdobeStock / wsf-f
Polen: Reiz und Ärger am Expansionsmarkt für Österreichs Konzern
Florian Beckermann. Nicht erst seit dem beschlossenen Kauf der Santander Bank Polska durch die Erste Group ist Polen ein Wachstumszielmarkt. Nein, viele andere österreichische börsengelistete Unternehmen haben Polen seit Jahren im Visier und sind dort tätig. In weiten Teilen ist es eine Erfolgsgeschichte. Andere Teile sind betrübt durch nationale Besonderheiten, ja strategische polnische Interessen, die insbesondere auf Österreichs Expansionen eine Zwangswirkung entfalten, die nicht jedem gefällt. Aktionäre kommen zum Handkuss.
Niemand bezweifelt den fulminanten Aufstieg Polens zu einer nachhaltigen Wirtschaftsmacht in Zentraleuropa mit Führungsanspruch. Wer heute durch Polen reist, wird Zeuge eines modernen, selbstbewussten Landes. Längst sind die Zeiten von Ampeln auf Autobahnen oder Tempolimits als Mindestreisegeschwindigkeitsangaben vorbei – sofern man die Schlaglöcher ignorierte. So weist Polen seit Jahren hohe Wachstumsraten in nahezu allen ernstzunehmenden makroökonomischen Kennzahlen auf. Österreich wollen wir in diesem Zusammenhang besser aktuell nicht erwähnen.
Zusätzlich gibt die politische Positionierung als unerschütterlicher Nachbar und Freund der Ukraine dem Land eine weitere Wachstumsmöglichkeit, sollte es dort zum baldigen Wiederaufbau kommen. So ist es wenig verwunderlich, dass Strategen längst die dortige Marktpräsenz für zwingend erforderlich halten. In weiterer Folge – wie bei Erste zu sehen – nicht ohne auch kräftig dafür zu zahlen. Die Immobilienindustrie war zweifelsohne eine der Vorreiterinnen und ist bis heute erheblich investiert. Man erinnert sich an die Großinvestitionen in den Spire Tower der vormaligen Immofinanz, heute CPI Europe. Versicherungen wie Uniqa oder VIG sind feste Größen.
Geht es um polnische Interessen, kann die Situation auch weitaus weniger „erfreulich“ werden. Es waren vor allem polnische Kunden, die Strabag zur Reduktion des Deripaska-Anteils zwangen und so einen Dominoeffekt erzeugten, der zunächst Milliardenkosten für RBI beinhaltet. Es war auch RBI, die sich mit den Polbank-Transaktionen ein Schweizer Franken Fremdwährungsrisiko einfing, das bisher in der Abwicklung mehr als 2 Milliarden Euro gekostet hat. Die mitunter protektionistische Justiz und regulatorische Verwaltung haben schon manchen internationalen Konzern verzweifeln lassen und zur „Flucht“ bewegt.
Fazit: Neben Rumänien stellt Polen den stärksten zentraleuropäischen Markt dar – mit attraktiven Wachstumsperspektiven. Nicht dabei zu sein, kann sich kaum ein zentraleuropäischer Spieler leisten, sofern er denn den Anspruch hat, eben dieser sein zu wollen. Ab einer gewissen Unternehmensgröße ist es zwingend, sich für Märkte, wie Polen Lösungen zu überlegen. Die Kunden fragen es nach. Wer hier dann nicht liefern kann verliert viel – insbesondere Marktanteile.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
BRICS: Neubewertung unter Trump?
Marktkommentar von Marcus Weyerer, CFA, Director of ETF Investment Strategy EMEA bei Franklin Templeton.
(02.06.) Die BRICS-Staaten streben seit langem danach, ihren globalen Einfluss unilateral und außerhalb von Institutionen wie dem IWF oder der Weltbank auszubauen. Chinas Außenpolitik kann auch unter dem Gesichtspunkt des Aufbaus von Koalitionen – insbesondere mit Ländern des Globalen Südens – betrachtet werden, um die Vereinten Nationen besser auf die eigenen Interessen auszurichten. All dies ist nicht wirklich neu (so wurde beispielsweise 2015 die Gründung der New Development Bank (NDB) initiiert, um unabhängiger von westlich dominierten Institutionen und Kontrollmechanismen zu werden). Aber Trumps nonchalante und gleichgültige Haltung gegenüber langjährigen Partnerschaften und Verbündeten der USA könnte neue Möglichkeiten eröffnen.
Es gibt jedoch einen großen Vorbehalt. Die BRICS-Staaten sind kein Monolith und haben in vielen Fällen sogar konkurrierende Interessen. Die offensichtlichste Feindseligkeit besteht zwischen China und Indien, aber auch unter der Oberfläche brodeln andere Spannungen. Während Indiens Handel mit Russland in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen ist (um das Fünffache) und Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen laufen, ist Indien auch daran interessiert, enge Beziehungen zum Westen aufrechtzuerhalten. Es hat Handelsabkommen mit der EFTA und zuletzt mit Großbritannien geschlossen. Das Land ist auch unzufrieden mit der engen „Freundschaft“ zwischen Russland und China.
Südafrika ist ebenfalls vorsichtig angesichts der bedeutenden Präsenz Chinas im Land durch Investitionen und Geschäftsinteressen. Unter Trump sind die Beziehungen zwischen den USA und Südafrika jedoch in eine Eiszeit eingetreten, die Südafrika näher an China heranrücken lassen könnte – nicht unbedingt freiwillig.
Die Haltung Brasiliens ist oft ambivalent, obwohl sich die Beziehungen des Landes zu Russland und China unter Lula generell verbessert haben. Schließlich bringt die Erweiterung der BRICS-Staaten im Jahr 2024 um Länder wie Saudi-Arabien und Iran – unter anderem – neue wirtschaftliche und geopolitische Rivalitäten in ein bereits komplexes Geflecht.
Trotz alledem bietet das derzeitige volatile Umfeld auch Chancen. So könnte Brasilien beispielsweise als Nutznießer der Handelskonflikte hervorgehen, wenn China – und andere – mit Vergeltungsmaßnahmen gegen die US-Zölle reagieren und dabei einige der wichtigsten Wählergruppen Trumps ins Visier nehmen, beispielsweise Sojabohnen- und Rindfleischproduzenten. Durch die Einführung von Zöllen auf US-Exporte dieser Produkte könnte Brasilien in die Bresche springen, um die Lücke zu schließen und das Vertrauen der Investoren zu stärken.
Die Kürzung der US-Hilfen weltweit könnte China die Möglichkeit bieten, Länder stärker in seinen Einflussbereich zu ziehen – wie zuletzt in Kambodscha zu beobachten war. In der Gesamtbetrachtung wird es jedoch schwierig sein, die USA kurz- und mittelfristig zu ersetzen. Die Zolloffensive dürfte nicht von Dauer sein, auch wenn es mehr als wahrscheinlich ist, dass wir in eine Phase der beschleunigten Deglobalisierung eintreten. Der Handel in anderen Währungen als dem US-Dollar hat zwar zugenommen, macht aber nach wie vor nur einen Bruchteil des gesamten Handels aus. Die Skepsis des Westens gegenüber China – und innerhalb der BRICS-Staaten, wie oben erwähnt – bedeutet, dass eine Alternative zum US-Dollar in naher Zukunft unwahrscheinlich ist. Der Dollar hat einen Vertrauensverlust erlitten, was sich in den zerbrochenen Korrelationen zwischen VIX und Treasuries sowie VIX/US-Dollar-Index zeigt. Wir glauben jedoch nicht, dass sein Status als sicherer Hafen irreparabel beschädigt ist. Es kommt darauf an, was von nun an geschieht. Das Abkommen zwischen den USA und Großbritannien – wenn auch inhaltlich wenig substanziell – ist ein erstes positives Zeichen. Trump hat auch schnell einen Rückzieher gemacht, nachdem er angedeutet hatte, Powell als Fed-Chef ablösen zu wollen. Auch die aufgeschobenen Zölle gegen EU-Einfuhren und entsprechende Verhandlungen deuten darauf hin, dass der US-Regierung durchaus an tragfähigen und pragmatischen Lösungen gelegen sein dürfte.
Wir sehen daher Chancen in ausgewählten BRICS-Ländern, jedoch nicht in der Gruppe als Ganzes. Der Rückzug der USA schafft taktische, interessensgetriebene Möglichkeiten für mehr Zusammenarbeit, aber es gibt kaum Übereinstimmungen bei den Grundwerten oder strategischen Interessen. Der vielleicht stärkste Zusammenhalt innerhalb der BRICS-Gruppe ist das Misstrauen gegenüber den USA und der westlichen Vorherrschaft – eine Situation etwa nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. In Indien sehen wir starke langfristige Wachstumschancen, die durch die Verbesserung der Produktionskapazitäten, die demografische Entwicklung und eine wachsende Mittelschicht getrieben werden. Das Konsumumfeld im Land ist eine Priorität der Regierung. China ist ein eher taktisches Spiel mit großem Aufwärtspotenzial, aber Anleger müssen die Volatilität des Übergangs von einem export- und investitionsgetriebenen zu einem konsumgetriebenen Geschäftsmodell verkraften können. Die Fantasie in Tech-Werten und zuletzt wieder ein positives IPO-Umfeld sorgen aber für ein verbessertes Sentiment an den chinesischen Aktienmärkten, das auch ausländische Anleger wieder vermehrt anlocken dürfte.
Europäische Aktien können nach wie vor eine Outperformance erzielen: Potenzial bei den Sektoren IT, Healthcare und Basiskonsumgüter
Stephen Dover, Head des Franklin Templeton Institute, untersucht potenzielle Chancen.
(02.06.) Auch wenn die Zollpolitik unter Trump weiter für Unsicherheit sorgt, halten wir an unserer dargelegten Einschätzung fest, dass europäische Aktien in diesem Jahr eine Outperformance erzielen werden. Das Gewinnwachstum in Europa wird weiterhin durch die synchronisierte geld- und fiskalpolitische Lockerung gestützt, welche die Binnennachfrage und die Gewinne der IT- und Verteidigungsindustrie sowie des Finanzsektors ankurbeln wird. Darüber hinaus dürften Trumps jüngste Äußerungen, ähnlich wie „gegenseitige“ Zölle, eine Verhandlungstaktik sein. Die Zölle für EU-Waren werden sich wahrscheinlich in der Nähe der globalen Norm von 10 % und für Autos bei 25 % einpendeln. Daher ändern wir unsere positive Einschätzung der europäischen Aktienmärkte aufgrund der heutigen Äußerungen nicht.
Nach Jahren der Underperformance führen europäische Aktien 2025 die globale Aktienrendite an. Und unserer Ansicht nach werden sie diese Position so schnell nicht wieder abgeben. Anlegern kann man ihre Skepsis nachsehen. Schließlich hat der breite europäische Markt (STOXX Europe 600 Index) in den letzten 15 Jahren gegenüber seinem US-Pendant (S&P 500 Index) in lokaler Währung um satte 296 % und in US-Dollar um über 300 % unterdurchschnittlich abgeschnitten. Es braucht also entweder Mut oder Leichtsinn, um zu behaupten, dass es jetzt anders sein könnte. Nun, vielleicht ist es anders. Schließlich sind europäische Aktien in den ersten viereinhalb Monaten des Jahres 2025 um 8,5 % gestiegen und liegen damit deutlich vor dem mageren 1,1 % des S&P 500.
Geldpolitische Rahmenbedingungen in Europa besser als in den USA
Ein genauerer Blick auf die Fundamentaldaten, Bewertungen und andere Faktoren deutet darauf hin, dass der absolute und relative Aufschwung in Europa kein Zufall ist. Aus makroökonomischer Sicht profitiert Europa von mehreren zukunftsweisenden konjunkturellen Vorteilen. Erstens konnte die Europäische Zentralbank (EZB) nach der niedrigeren Inflation im letzten Jahr ihre geldpolitische Lockerung im Jahr 2025 fortsetzen – im Gegensatz zur US-Notenbank. Infolgedessen liegt der Leitzins in Europa nun bei 2,25 % und damit ganze zwei Prozentpunkte unter dem Niveau in den USA. Kreditnehmer in Europa profitieren derzeit von einem realen (inflationsbereinigten) Zinssatz von null Prozent, der ebenfalls rund zwei Prozentpunkte unter dem Niveau in den Vereinigten Staaten liegt. Kurz gesagt: Die geldpolitischen Rahmenbedingungen sind in Europa derzeit deutlich günstiger als in den Vereinigten Staaten.
Zweitens hat die Kombination aus der Bedrohung der europäischen Souveränität durch Russland und der Ambivalenz der USA in Fragen der globalen Sicherheit die europäische Fiskalpolitik zum Handeln veranlasst. Die diesjährigen Wahlen in Deutschland spiegelten eine in ganz Europa zu beobachtende Stimmungsänderung wider, die eine Erhöhung der Kreditaufnahme und der Ausgaben befürwortet, um den militärischen, energiepolitischen und nationalen Sicherheitsbelangen Europas gerecht zu werden. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird die Veränderung des strukturellen Haushaltssaldos in Deutschland in den nächsten zwei Jahren einen fiskalischen Impuls in Höhe von 1,6 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und in Frankreich von 0,8 % des BIP ausmachen. Die entsprechende Schätzung des IWF für die USA beläuft sich auf einen fiskalischen Bremseffekt in Höhe von -1,4 % des BIP. Einfach ausgedrückt scheint die zyklische Unterstützung durch geld- und fiskalpolitische Maßnahmen nun eine Beschleunigung des europäischen BIP-Wachstums gegenüber den USA in den nächsten 18 Monaten zu begünstigen.
Prognose: Zweistelliges Gewinnwachstum
Und wo das Wirtschaftswachstum hingeht, folgen in der Regel auch die Unternehmensgewinne. Nach einem miserablen Jahr 2024, in dem die europäischen Gewinne (MSCI-Basis) zurückgingen, sind die Analysten nun optimistischer und prognostizieren für dieses und das nächste Jahr ein zweistelliges Gewinnwachstum. Unterdessen sinken die Gewinnschätzungen für den S&P 500 für 2025. Die von FactSet zusammengestellten Zahlen deuten auf ein Gewinnwachstum von 9,0 % für das Gesamtjahr hin, was leicht unter den europäischen Gewinnprognosen liegt. Auch die Bewertungen sprechen für Europa. Ein Vergleich der für das nächste Jahr erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) macht deutlich, dass der S&P 500 mit einem Vielfachen von 20,2 gehandelt wird, während das KGV des STOXX Europe 600 Index nur bei 14,2 liegt.
Zwei weitere Faktoren könnten die Waage zugunsten Europas ausschlagen lassen. Erstens bieten europäische Aktien Ertragschancen, sowohl durch eine höhere Dividendenrendite (3,2 % gegenüber 1,4 %) als auch durch einen höheren Anteil dividendenstarker Aktien (93 % gegenüber 75 %) als am US-Aktienmarkt. Sollte sich das globale Wachstum im Laufe des Jahres verlangsamen, könnten Ertragschancen für viele Aktienanleger in den Vordergrund rücken.
Und schließlich gibt es noch den „X-Faktor“. Für Anleger, die angesichts der unberechenbaren innen- und außenpolitischen Lage in den USA nervös werden, könnten europäische Aktien eine Möglichkeit bieten, sich von den spezifischen politischen Risiken in den USA zu diversifizieren. Das ist zwar ein neuartiger Gedanke, der jedoch Gewicht haben könnte, zumal Anleger in diesem Jahr zeitweise gleichzeitig Kursverluste bei US-Aktien, Anleihen und dem Dollar hinnehmen mussten.
Wie Anleger von dem gegenwärtigen Szenario profitieren können
Unsere kürzlich veröffentlichte Umfrage unter den Anlageverwaltern von Franklin Templeton hat eine klare Präferenz für Large Caps, Wachstums- und Value-Stile gemacht. Zu den bevorzugten Sektoren unserer Experten zählen Informationstechnologie, Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter.
In den europäischen Märkten finden sich mehrere dieser Themen ebenfalls wieder. Ein Großteil der fiskalischen Impulse in Europa wird in die Bereiche Verteidigung und Sicherheit fließen, was im Hinblick auf die moderne Kriegsführung intelligente Waffen und nationale Sicherheitssysteme von Technologieunternehmen bedeutet. Europa dürfte auch weiterhin stark in die Energieinfrastruktur, einschließlich Speicherung und Übertragung, investieren. Und wie bereits erwähnt, dürften Unternehmen mit starken und nachhaltigen Dividenden, darunter auch solche aus dem Bereich Basiskonsumgüter, gefragt sein. Schließlich bieten Finanzwerte, sofern der Euro stark bleibt (US-Dollar schwach), was die Gewinne europäischer Aktien mit größerer Marktkapitalisierung durch negative Wechselkurseffekte beeinträchtigen könnte, Möglichkeiten, an der zugrunde liegenden Wachstums- und Gewinnerholung in Europa teilzuhaben.
Welche Risiken gibt es?
Die Outperformance Europas ist nicht gesichert. Wie im März/April zu beobachten war, drücken Unsicherheitsspitzen die Aktienkurse weltweit. Daher stellen ein erneuter Ausbruch von Handelskonflikten oder geopolitische Turbulenzen klare Risiken für unsere Einschätzung dar. Alle Aktienmärkte könnten auch durch einen weiteren starken Anstieg der globalen Staatsanleiherenditen gefährdet sein. Die fiskalische Expansion in Europa, die Unfähigkeit der USA, ihre hohen Haushaltsdefizite einzudämmen, und die höchste Inflationsrate in Japan seit einer Generation üben weltweit Aufwärtsdruck auf die langfristigen Zinsen aus.
Schließlich hängen die Gewinne europäischer Unternehmen von globalen Faktoren ab, sodass eine ausgeprägte Dollarschwäche (d. h. eine Eurostärke) sich über schwächere Umrechnungseffekte bei den Auslandsgewinnen und eine geringere Wettbewerbsfähigkeit der Exporte negativ auf die Unternehmensgewinne in Europa auswirken würde, was nur teilweise durch niedrigere Importkosten ausgeglichen würde.
Schwellenländermärkte halten sich angesichts des schwächeren US-Dollars und der Zollunsicherheit stabil
Ein Marktkommentar von James Syme, Senior Fund Manager bei J O Hambro.
(03.06.) Die Volatilität an den Finanzmärkten nahm weiter zu, dies galt insbesondere für die US-Finanzmärkte, die sich durch einen schwächeren US-Dollar und steigende Anleiherenditen auszeichneten. Während einige Analysten dies als „klassische Schwellenländerkrise“ bezeichnet haben, als Veteranen tatsächlicher Schwellenländerkrisen, die bis ins Jahr 1994 zurückreichen, halten wir dies für eine stark übertriebene Sichtweise. Von Ende Februar bis Ende April waren die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen sehr volatil, blieben aber bei 4,2 % stabil, während die Renditen 30-jähriger US-Anleihen von 4,5 auf 4,7 % stiegen. Besonders ungewöhnlich war, dass diese Marktbewegungen mit einem schwächeren US-Dollar einhergingen: Der DXY-Index des Dollars gegenüber den wichtigsten Währungen fiel in diesem Zeitraum um 7,6 %, während der breite handelsgewichtete Index um 3,9 % nachgab.
Um das Ausmaß dieser ungewöhnlichen Entwicklungen zu veranschaulichen: In den letzten 30 Jahren gab es nur vier weitere Gelegenheiten, bei denen der US-Dollar um mehr als 1,5 % fiel, während die 30-jährigen Renditen um mehr als 10 Basispunkte stiegen. Dies war während der globalen Finanzkrise im Februar 2009, während der europäischen Staatsschuldenkrise im Oktober 2011, während der „Taper Tantrum“-Phase im Mai 2013 und nach dem ersten Wahlsieg von Präsident Trump im November 2016. Die Renditen der 30-jährigen US-Staatsanleihen stiegen in diesem Zeitraum an, aber der von den Anlegern geforderte höhere Zinssatz ist nicht auf Inflationserwartungen zurückzuführen, da auch die Renditen inflationsgeschützter Anleihen am Ende des Zeitraums höher waren.
Schwellenländerwährungen legen gegenüber dem Dollar zu
Es gibt eine Redewendung, die besagt: „Wenn die USA niesen, erkältet sich die Welt.“ Wie haben sich die wichtigsten Schwellenländermärkte angesichts der derzeitigen Volatilität und Schwäche an den wichtigsten US-Finanzmärkten geschlagen? Von Ende Februar bis Ende April legten die Währungen fast aller Schwellenländer gegenüber dem US-Dollar zu (die vier Golfstaaten mit an den US-Dollar gekoppelten Währungen wurden von dieser Analyse ausgenommen, ebenso wie Griechenland, das den Euro verwendet). Die stärkste Währung war der ungarische Forint mit einem Plus von 8,6 %, die schwächste die indonesische Rupiah mit einem geringfügigen Rückgang.
Darüber hinaus gingen die Anleiherenditen (bei Anleihen in Landeswährung mit einer Laufzeit von höchstens 10 Jahren) in den meisten großen Schwellenländern zurück. Für die allergrößten Schwellenländer war die Kombination der Bewegungen besonders positiv. In Brasilien legte die Währung um 3,7 % zu und die Renditen 10-jähriger Anleihen sanken um 1,2 Prozentpunkte; in Indien betrugen diese Zahlen +3,6 % und -0,4 Prozentpunkte. Trotz der Aussicht auf US-Zölle schnitten die großen Exporteure im Allgemeinen gut ab. In Mexiko (+4,8 %, -0,1 Prozentpunkte), Südkorea (+2,4 %, -0,1 Prozentpunkte) und Taiwan (+2,9 %, -0,1 Prozentpunkte) legten die Währungen zu und die Anleiherenditen sanken. China (Währung geringfügig schwächer, Anleiherenditen geringfügig höher) war die einzige signifikante Ausnahme. Die beste Erklärung für diese scheinbar verwirrenden Marktsignale ist unseres Erachtens, dass sich einige globale Anleger weniger auf den US-Dollar und US-Staatsanleihen als risikofreie Benchmarks verlassen – während der US-Dollar gegenüber den wichtigsten Währungen um 7,6 % nachgab, verlor er gegenüber Gold 15,1 %.
Internationale Kapitalströme und Handel treiben Schwellenmärkte
Die Schwellenmärkte werden von zwei wichtigen globalen Faktoren angetrieben: internationale Kapitalströme und internationaler Handel. Ein schwächerer Dollar bedeutet, dass Kapital aus den USA in den Rest der Welt fließt, und ein schwächerer Dollar war in den letzten 30 Jahren durchweg positiv für die Schwellenmärkte. Obwohl die sich entwickelnde Zollpolitik einen Abschwung des Welthandels bedroht, ist die Botschaft der Finanzmärkte, dass die Unsicherheit der globalen Anleger über die US-Wirtschaftspolitik eindeutig positiv für die Schwellenländer und die Anleger in den Schwellenländern ist.
Gold und Bitcoin: Kein Ende des Höhenflugs
Sowohl das Edelmetall als auch die Kryptowährung könnten bis 2030 weiter gehörig zulegen.
Harald Kolerus. In den vergangenen fünf Jahren schlägt bei Gold ein Plus von rund 50 % zu Buche; ein Allzeithoch nach dem anderen wurde geknackt, rund 3.300 USD pro Feinunze waren es zuletzt. Aber dem nicht genug: Bis ins Jahr 2030 könnte das Edelmetall bis auf 5.000 USD steigen.
„Goldenes Zeitalter“
Das sagt zumindest Ronald-Peter Stöferle, Portfolio-Manager bei der Incrementum AG und Co-Autor des vielbeachteten „In Gold We Trust-Report“. Schon seit 2020 spricht Stöferle von einer „goldenen Dekade“ und ist mit seinen Prognosen immer ziemlich richtig gelegen. Für den weiteren Höhenflug führt er Argumente ins Treffen wie: rekordhohe Zentralbank-Käufe, die bedenkliche strukturelle Überschuldung der USA und die Tatsache, dass viele Finanzinvestoren den Gold-Bullenmarkt bis-lang verschlafen haben. Für den letztgenannten Punkt spricht, dass die Portfolio-Struktur von Family Offices (per Stand 2023) lediglich ein Prozent Goldanteil enthält. Stöferle: „In einem alternativen Szenario könnte Gold bis zum Ende des Jahrzehnts sogar 8.900 USD je Feinunze erreichen. Dann, wenn die Welt mit weiteren Inflationswellen konfrontiert wird, was nicht auszuschließen ist.“
Bitcoin: Für gute Nerven
Neben Gold hat Incrementum auch Bitcoin-Veranlagungen im Programm. Mit dem Edelmetall hat Bitcoin gemeinsam, als alternatives Investment gehandelt zu werden, allerdings mit weit höherer Volatilität – gute Nerven sind gefragt. Wobei: Die Krypto-Währung feierte mit mehr als 111.000 USD im vergangenen Mai einen neuen Höchststand. Damit soll das Ende der Fahnenstange aber noch lange nicht erreicht sein.
Mark J. Valek, ebenfalls Incrementum, hält es für möglich, dass Bitcoin bis 2030 rund 925.000 USD erreichen kann: „Bitcoin wird von immer mehr Institutionellen Investoren als Wertbewahrungsmittel angenommen. Er wird wahrscheinlich noch besser performen als Gold, wobei die hohe Volatilität bleiben wird“, so der Experte.
Rund ums Gold
Wem aber Kryptowährungen zu heiß sind, der kann natürlich beim bewährten Gold bleiben. Der Börsen-Kurier hat bei Philoro Edel-metalle nachgefragt, wo der Kurs in Zukunft liegen könnte. Dazu meint Florian Höller, CFO des Unternehmens: „Blicken wir auf die letzten Monate zurück, hat ein Allzeithoch das nächste gejagt. Das Umfeld für Gold ist momentan sehr gut. Analysten gehen von einem Anstieg auf bis zu 4.000 USD pro Feinunze bis ins 2. Quartal 2026 aus. Für Ende 2025 halten wir 3.800 USD für realistisch.“
Und welcher Anteil von Gold empfiehlt sich für ein gut diversifiziertes Portfolio? „Das kommt natürlich immer auf die persönliche Investment- bzw. Anlagestrategie an. Wir empfehlen im aktuellen Marktumfeld, eine Beimischung von rund 10 % im Gesamtportfolio. Gold dient hier immer als langfristiger Stabilisator“, so der Experte. Langfristig sieht er mehrere Treiber für Gold: „Zum einen die politische Lage in den USA – die Zollpolitik von Trump und sein Konfrontationskurs könnten neue wirtschaftliche Spannungen auslösen. Zudem nimmt die De-Dollarisierung weltweit zu: Viele Staaten wollen unabhängiger vom US-Dollar werden und setzen verstärkt auf Goldreserven. Dazu kommen die anhaltenden geopolitischen Krisen, etwa in der Ukraine, im Nahen Osten oder in Asien – Gold bleibt in solchen Phasen ein klassischer sicherer Hafen.“ Auch die Inflation sei strukturell präsent, unter anderem durch gestiegene Produktionskosten infolge globaler Handelskonflikte. Höller abschließend: „Schließlich stützt die starke Nachfrage nach Gold – sowohl von Zentralbanken als auch von Privatanlegern – den Preis zusätzlich.“
Foto: AdobeStock / tunedin
Das Vermächtnis des Warren Buffett
Was hinter der herausragenden Performance von Berkshire Hathaway steckt.
Patrick Baldia. Früher oder später musste der Zeitpunkt wohl kommen: Investmentlegende Warren Buffett, auch bekannt als „das Orakel von Omaha“, zieht sich als Vorstandsvorsitzender von Berkshire Hathaway zurück. Zum Jahresende wird sein Vertrauter Greg Abel seine Nachfolge antreten. Damit geht eine Ära zu Ende. Aufgrund seines herausragenden Erfolgs – zwischen 1965 und Ende 2024 erzielte die Aktie der Investmentholding im Durchschnitt ein jährliches Plus von 20 % – hingen weltweit Millionen von Anlegern an seinen Lippen, strömten in Scharen zu den HVs und versuchten der Investmentphilosophie auf den Grund zu gehen.
Erstaunlicherweise haben sich bislang nur wenige rigorose wissenschaftliche Analysen mit der Strategie von Buffett bzw. Berkshire Hathaway auseinandergesetzt. Interessante Ergebnisse liefert etwa ein preisgekröntes wissenschaftliches Papier von Andrea Frazzini, David Kabiller und Lasse Heje Pedersen (alle drei Direktoren bei AQR Capital Management), das 2018 im Financial Analysts Journal erschien. In „Buffett‘s Alpha“ widerlegen sie die Kritik der Anhänger der Markteffizienztheorie, die behaupten Buffetts Erfolg sei einfach nur Glück.
Seinen Zugang beim Investieren erklärt Buffett schon im Berkshire-Hathaway-Geschäftsbericht des Jahres 1994: „Ben Graham hat mich gelehrt, dass es beim Investieren nicht notwendig ist, außergewöhnliche Dinge zu tun, um außergewöhnliche Ergebnisse zu erzielen.“ Der US-Ökonom, der an der Columbia University unterrichtete und dort Buffetts Professor war, verfasste gemeinsam mit seinem Kollegen David Dodd „Die Geheimnisse der Wertpapieranalyse“ (Erstausgabe: 1934), das als Standardwerk des Value-Investing gilt.
Mix aus Value- und Growth-Ansatz
Doch es wäre zu einfach, das Erfolgsgeheimnis des „Orakels von Omaha“ allein auf die fundamentale Analyse von Unternehmen und die Suche nach unterbewerteten Aktien zu zurückzuführen, wie in „Buffett’s Alpha“ aufgezeigt wird. Demnach weist Buffetts Portfolio einige allgemeine Charakteristika auf: Investiert wird in Titel, die sicher, günstig und von hoher Qualität sind.
Kurz: Der Value- wird mit dem Growth-Ansatz kombiniert. Gleichzeitig habe Buffett über etliche Jahrzehnte seine Investments gehebelt und war dabei auch bereit, signifikante Risiken einzugehen sowie Phasen mit Verlusten und starken Korrekturen zu akzeptieren.
Stichwort Hebel: Finanziert wurde zum Teil günstig mit dem „Float“, also den liquiden Mitteln, die Versicherungen zwischen dem Eingang der Versicherungsprämien und der Auszahlung im Schadensfall zur Verfügung stehen, von nicht börsennotierten Playern im Portfolio. Dazu kommt ein weiterer Grund, wieso es wohl für Kleinanleger eine Utopie bleiben dürfte, Buffetts Philosophie eins zu eins nachzueifern: Die Investmentlegende hat mit dem „notwendigen Kleingeld“ investiert.
Sehr wohl können aber auch „normale“ Anleger von Buffetts Grundprinzip profitieren: Kaufe wenige sichere und hochqualitative Aktien zu einem attraktiven Preis und halte über viele Jahre an ihnen fest. Aber auch nicht für immer. Hilfreich sind sicher auch die Publikationen von Berkshire Hathaway. Im Bericht für das erste Quartal ist etwa zu erfahren, dass man zuletzt bei Constellation Brands, Domino‘s Pizza, Heico Corp, Occidental Petroleum, Pool Corp, Sirius XM und Verisign auf der Käuferseite war.
Verkauft oder reduziert wurden wiederum Bank of America, Capital One Financial, Charter Communications, Citigroup, Davita, Liberty Media Corp Series C, NU Holdings und T-Mobile.
Foto: AdobeStock / Johannes / KI generiert
Verdienen mit Platin und Palladium
Der Ausblick für die Edelmetalle ist verhalten. Anlegern bieten sich trotzdem Chancen.
Raja Korinek. Die Welt der Edelmetalle ist jüngst vor allem aufgrund des Höhenflugs beim Goldpreis in die Schlagzeilen geraten. Ein wenig anders ist das Bild bei Platin und Palladium. Letzteres erzielte Anfang März 2022 mit knapp mehr als 3.166 USD je Unze ein Rekordhoch. Bei Platin wurde dies bereits 2008 bei 2.248 USD je Unze erreicht. Zuletzt bewegten sich beide Notierungen in einem Seitwärtstrend.
Heuer dürfte die Platinnachfrage laut Prognose des World Platinum Investment Council (WPIC) und UK-Branchenberater „Metals Focus“ um gut 4 % auf knapp 8 Millionen Unzen fallen, so Carsten Fritsch, er ist Analyst bei der Commerzbank. Die Nachfrage allein aus der Automobilindustrie dürfte um knapp 2 % auf 3,05 Millionen Unzen fallen. Und die Investmentnachfrage soll um 2 % sinken.
Südafrika im Fokus
Dass der Platinmarkt dennoch unterversorgt bleiben dürfte, liege am erwarteten Rückgang des Platinangebots von gut 4 % auf 7 Millionen Unzen. „Die Minenproduktion in Südafrika, dem wichtigsten Produzentenland, soll auf das niedrigste Niveau seit fünf Jahren fallen, als die Corona-Lockdowns und der Ausfall einer Verarbeitungsanlage zu größeren Produktionsausfällen führten.“ Diesmal sei es das niedrige Preisniveau, das zu Minen-schließungen führte. Bei „Metals Focus“ verweist man jedoch auch auf die oberirdischen Lagerbestände. Sie liegen bei 9,2 Millionen Unzen, was den Bedarf von 14 Monaten decken würde. Dies könne daher das Aufwärtspotenzial beim Platinpreis begrenzen.
Und wie sieht es bei Palladium aus?
Grundsätzlich werde das Angebot ebenso, wie Platin, vom niedrigen Preisniveau gebremst, so Fritsch. Laut Schätzung von „Metals Focus“ waren 2024 überhaupt gut 16 % der Produktion von Platinmetallen verlustbringend, was zur Ankündigung von Kosteneinsparungen und Produktionskürzungen führte. Auch bei Palladium erwartet „Metals Focus“ daher ein physisches Angebotsdefizit (ohne ETF-Nachfrage), und zwar von 254.000 Unzen. Doch das Defizit wäre damit heuer zumindest geringer als 2024. „Grund dafür liegt in einer voraussichtlich ebenfalls sinkenden Nachfrage um 3 % auf 9,42 Millionen Unzen.“ Auch dies sei auf eine schwächere Nachfrage aus der Automobilindustrie zurückzuführen. „Die fallende Nachfrage sowie das in der Folge verringernde Angebotsdefizit sprechen gegen einen deutlich höheren Palladiumpreis. Wir sehen den Preis bis Ende des 3. Quartals bei 950 USD je Unze.“
Zertifikate für Seitwärtstrends
Risikobereite Anleger können auf einen breiten Seitwärtstrend mit einem Discount-Zertifikat setzen. Mit dem Produkt kauft man sich in den Basiswert günstiger ein, als dieser an der Börse kostet. Dafür profitiert man von möglichen Kursanstiegen des Basiswertes begrenzt – bis zu einem fixen Cap. Nach unten hin gibt es einen Puffer in Höhe des Diskonts, zu dem man den Basiswert günstiger erworben hat. Erst wenn der Kurs des Basiswertes derart kräftig sinkt, so dass der Puffer aus dem Diskont aufgebraucht ist, erleidet man mit dem Zertifikat einen Verlust. Dann ist zugleich der Break-Even-Punkt unterschritten worden.
So bietet etwa BNP Paribas ein Discount-Zertifikat auf Palladium an. Der Cap liegt bei 1.100 USD, der Break-Even-Punkt lag zuletzt bei 943,672 USD (per 29.5.) Bewertungstag ist am 19.12.2025.
Auf Platin bietet die Bank Vontobel ein entsprechendes Produkt an. Hier liegt der Cap bei 1.150 USD, der Break-Even-Punkt erreichte zuletzt 1.015,231 USD. Auch hier fällt der Bewertungstag auf den 19.12.2025.
Foto: AdobeStock / Zhuan
Die HV-Saison und die Grenzen des Protests
Florian Beckermann. Die österreichische Hauptversammlung gilt nicht als Wohlfühl- oder Unterhaltungsveranstaltung. Das soll sie auch nicht sein. Das jährliche Aktionärstreffen ist eine Versammlung, in der berichtet, diskutiert und beschlossen wird. Das dabei zuweilen rhetorisch gehobelt wird, gehört dazu.
In der heurigen Hauptversammlungssaison haben teilweise Aktivisten unterschiedliche Resonanz hervorgerufen. Während politisch-motivierte Protestierende die Sache der Ukraine auf der RBI-Hauptversammlung propagierten und eine Unterbrechung provozierten, wurden unlängst bei der Erste Group zahlreiche Fragen von Aktivisten mit Umweltschutzhintergrund gestellt. Einige Vertreter von Greenpeace stellten bei der VIG-Hauptversammlung sowohl Fragen, als auch scheiterten sie mit einer kleinen Protestaktion am wachen Sicherheitspersonal. In allen Fällen war die Versammlungsleitung äußerst souverän, bzw. recht positiv gegenüber den teils spannenden Fragestellungen. Nicht wenige Aktionäre lehnen jegliche Intervention der „Nachhaltigkeitstypen“ grundsätzlich ab. Die Übervorteilung des Themas in der Nachhaltigkeitsberichterstattung genügt ihnen. Andere wiederum können dem Aktivismus gegenüber Verständnis aufbringen und sehen nur einen Spiegel des aktuellen gesellschaftlichen Zeitgeistes – jede Generation hat seine Aufreger. Protest muss nicht angenehm sein, um dennoch erlaubt zu sein. Einige Gesellschaften sind seit vielen Jahrzehnten, teilweise gar in drei Jahrhunderten im HV-Kalender, man hat dort schon viel gesehen. Wo hört demnach eine kritische Beteiligung an einer Hauptversammlung auf, wo ist die Grenze überschritten?
Lehnt man sich bei grundsätzlichen juristischen Gedanken zur Versammlungsfreiheit an, so ist deren Friedlichkeit eine der Grundvoraussetzungen. Eine Beteiligung an einer Versammlung setzt keine Unterstützung des Versammlungsziels voraus, Protest und Widerspruch sind erlaubt. Wohl aber setzt die Beteiligung auch die Bereitschaft voraus, die Versammlung in ihrem Bestand hinzunehmen und abweichende Ziele allein mit kommunikativen Mitteln zu verfolgen. Wer dagegen eine Versammlung in der Absicht aufsucht, sie durch seine Einwirkung zu verhindern, kann nicht darauf hoffen, rechtlich entsprechend geschützt zu sein. Nun ist die Hauptversammlung eine weitgehend strukturierte gesellschaftsrechtliche Versammlung mit allerlei Tradition, deren Regeln insbesondere einen effizienten Ablauf gewährleisten sollen. Dabei kommt der Versammlungsleitung eine übergeordnete Rolle zu. Diese hilft sich bei der Grenzziehung zum Geduldeten mit Hausverstand, Hausordnung und im Notfall gar mit einer Hausmacht. Die Gewährleistung der Aktionärsrechte schwingt mit. In Summe eine sehr individuelle Lagebeurteilung mit Restrisiko ist nötig, die keine pauschale Antwort zulässt. Im Konfliktfall obliegt es daher dem Versammlungsleiter, die Grenze zwischen rechtmäßigem Protest und illegaler Störung zu ziehen, die jedenfalls bei Körperlichkeit erreicht wird.
Florian Beckermann ist Präsident des IVA – Interessenverband für Anleger
Die Börsenhausse hat noch Potenzial
Der erste Zollschock ist laut Kepler Fonds KAG verdaut, Chancen mit Aktien sollten genutzt werden.
Raja Korinek. Der 2. April wird vielen Anlegern länger in Erinnerung bleiben. An jenem Tag, dem „Liberation Day“, verkündete US-Präsident Donald Trump weitere Zollanhebungen, ein Umstand, der größere Kursverluste an den globalen Märkten auslöste – selbst bei US-Staatsanleihen. Kurz darauf folgte immerhin ein 90tägiges Zollmoratorium. Uli Krämer, Leiter Portfoliomanagement bei der Kepler Fonds KAG, zieht im Gespräch mit dem Börsen-Kurier ein Fazit zu den Geschehnissen, und meint, die ärgsten Turbulenzen seien derzeit überstanden: „Dies erkennt man auch anhand diverser Indikatoren.“ So hat der Volatilitätsindex VIX inzwischen wieder stark korrigiert. Dieser Barometer misst die erwartete Schwankungsbreite des S&P 500 anhand von Optionspreisen. Zum Vergleich: Am 8. April schnellte der VIX kurz über die Marke von 52 Punkten. Zuletzt lag die Notierung (per 22. Mai) bei rund 20 Punkten.
Zwischenphase wird genutzt
Wie lange die aktuelle Beruhigung andauern wird, bleibt freilich abzuwarten. „Wir sind aktuell in einer Zwischenphase“, verweist Krämer auf die Befristung des Zollmoratoriums. Doch immerhin werde verhandelt. Mit Großbritannien wurde bereits ein Abkommen erzielt. „Dies war für die USA allerdings ein relativ einfaches Unterfangen, denn sie haben mit Großbritannien einen Handelsüberschuss.“ Auch in Richtung China habe es erste positive Signale gegeben.
Alles in allem stimmen die jüngsten Entwicklungen den Kepler-Experten zuversichtlich. Sollten die Verhandlungen insgesamt nicht allzu negativ verlaufen, dürften die Märkte sich stabilisieren. „Wir gehen nicht davon aus, dass wir die jüngsten Tiefs noch einmal in nächster Zeit testen werden.“ Einzig, sollte die globale Wirtschaft in eine scharfe Rezession rutschen, würden auch die Märkte einmal mehr stark unter Druck geraten, konstatiert Krämer. „Damit rechnen wir aber nicht.“ Vor allem der private Konsum sei weiterhin stark – und ein wichtiger Treiber des US-BIP.
Solide Quartalszahlen
Auch die Berichtssaison für das erste Quartal 2025 ist voll im Gange. Mehr als 90 % der S&P-500-Unternehmen haben ihre Ergebnisse für das erste Quartal 2025 inzwischen veröffentlicht. In Europa sind es rund 75 % der Unternehmen im Stoxx Europe 600 Index, zeigt Josef Stadler, Portfoliomanager bei der Kathrein Privatbank, auf. „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ergebnisse kaum von den Berichten der Vorquartale abweichen.“
Die Frage ist nun, wie es weitergehen dürfte. Aufgrund des unsicheren Umfelds hielten sich viele Unternehmen mit ihrem Ausblick zurück, wagten stattdessen lieber mögliche Szenarien. Dazu zählten etwa mögliche Entwicklungen bei den Lieferketten, sowie der Fähigkeit, höhere Preise an Konsumenten weiterzugeben.
Pessimismus als Kaufchance
Anleger sollten sich aber nicht verunsichern lassen, betont Krämer. Er meint, dass sich der Einstieg bei Aktien vor allem dann lohne, wenn die Stimmung besonders pessimistisch sei. Bei vielen Titeln könne man dann günstig zukaufen. Genau solch einen Schritt unternahm man bei der Kepler Fonds KAG Mitte März, etwa im „Kepler Vorsorge Mixfonds“. Aktuell sind knapp 63 % in Anleihen investiert, weitere 35 % in Aktien. Auch ein klein wenig Liquidität wird vorgehalten. Zu den größten Aktienpositionen zählen Apple, Microsoft und Nvidia. Im Bondsegment wird in erster Linie auf Staatsanleihen – etwa aus Frankreich und Italien – gesetzt, sowie auf Pfandbriefe.
Foto: Pixabay / Lassedesignen
Globalisierung wird weiter voranschreiten
Trotz Zollkonflikten und eingeschränkter Lieferketten wird die Vernetzung im 21. Jahrhundert nicht weniger.
Red. Das war eine zentrale Aussage beim jüngsten Expertengespräch des Steiermärkischen Sparkasse Private Banking am Wiener Standort, zu dem Alexander Eberan (am Bild ganz rechts), Leiter Private Banking Wien, zwei prominente Experten eingeladen hatte. Christian Helmenstein (2. von rechts), Chefökonom der Industriellenvereinigung und Professor für Volkswirtschaftslehre/SCU, sowie Andreas Beck (ganz links), Gründer und CEO der Index Capital GmbH in München, diskutierten über „den neuen Unilaterismus“, so der Titel der Veranstaltung. Im angeregt teilnehmenden Publikum war auch die Spitze der Steiermärkischen Sparkasse in Person von Georg Bucher (2. von links), der als Vorstandsvorsitzender ab Mitte des Jahres die Geschicke der Bundesländersparkasse leiten wird, vertreten.
Neue Weltordnung
Bei ihrem professionellen Blick auf die neue Weltordnung, ihre Auswirkung auf die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte sowie die Folgen für Investoren zeigten sich Helmenstein und Beck unisono gelassen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine und die ungewöhnliche Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump würden zwar das Bild einer von zuvor von Frieden und wirtschaftlicher Kooperation geprägten Weltordnung verändern, so Helmenstein. Aber: „Ich bin nicht pessimistisch für die Globalisierung. Es wird sogar im Welthandel der Zukunft mehr Lieferketten geben, wir werden also im 21. Jahrhundert mehr Globalisierung sehen, auch in Form neuer Allianzen.“ Man könne die „Lieferketten nicht sprengen“, unterstrich Beck, wofür der Grund auf der Hand liege: Die Menschen auf der ganzen Welt streben nach Wohlstand und wollen möglichst niedrige Preise für Güter bezahlen. Der Garant dafür sei die Globalisierung.
„Trump hat keine Chance“
Besonderen Fokus legten beide Experten auf die Rolle von Trump im neuen Spiel der Mächte. Mit einem US-Anteil von 11 % am Welthandel habe er mit seinem Zollkrieg „keine Chance“, sagte Helmenstein. „Während in den USA die Inflation steigt und die Zinsen durch eine konsequente Geldpolitik der US-Notenbank Fed hoch bleiben werden, haben die Kapitalmärkte ihr Vertrauen in Trump verloren. Auch die Ratingagenturen haben bereits mit Herabstufungen reagiert.“ Gleichzeitig profitiere Europa von den jüngsten Entwicklungen. Europa sei relativ attraktiver geworden, brauche aber tiefgreifende Reformen.
Auch die Wirtschaftsmacht China habe durch ihre Standhaftigkeit gegenüber den Zolldrohungen des US-Präsidenten an Standing gewonnen. „Man kommt an China nicht vorbei,“ sagte Beck. Sogar ein von vielen gefürchteter Angriff auf Taiwan würde daran nichts ändern, vermutet er. Es wäre ein Fehler, China als wichtigen wirtschaftlichen Player des 21. Jahrhunderts zu ignorieren, bestätigt auch Helmenstein, der Unverständnis darüber äußerte, dass sich Österreich nicht um Ansiedlungen chinesischer Produzenten bemühe. So würde etwa im Bereich der Photovoltaik trotz der Importe billiger Panele aus China 70 % der Wertschöpfung in Österreich generiert.
Bester Ratgeber: Gelassenheit
Wie sollten also Investoren auf die neuen Entwicklungen reagieren? Der beste Ratgeber für Anleger in einer Welt, die sich neu ordnet, sei Gelassenheit, betonte Beck, der ausgebildeter Mathematiker ist: „Ein weltweit breit gestreutes Portfolio schützt. Damit investiert man sozusagen in eine Weltholding. Meine Untersuchungen von rund 90.000 Portfolios zeigten auch, dass man vor allem durch zyklisches Handel Geld verliert.“ Ein Aktienanteil von mindestens 60 %, wie ihn das Steiermärkische Sparkasse Private Banking für ein gemischtes Portfolio empfiehlt, ist bei mittel- bis langfristiger Anlage ein Minimum, um eine gute Performance zu erreichen und auch, um das Vermögen vor Inflation zu schützen. „Der Aktienmarkt ist wie ein Inflationskorb“, präzisierte Beck, der auf YouTube hohe Zugriffsraten hat. Einmal mehr brachte er das Erfolgsmodell des Norwegischen Staatsfonds auf den Tisch. Dieser passt seine Aktienquote durch antizyklisches Kaufen und Verkaufen von Assets regelmäßig an, sodass diese stets
70 % beträgt.
Foto: Steiermärkische Sparkasse / Caroline Frank
Die Ruhe vor dem Sturm?
Immo-Preise: Angesichts erwarteter Preisanstiege sei aktuell ein guter Kaufzeitpunkt.
Patrick Baldia. Nach zwei schwierigen Vorjahren hat sich die Erholung am heimischen Wohnungsmarkt in den vergangenen Wochen fortgesetzt. Zwar scheinen die goldenen Zeiten wie vor den Zinserhöhungen im Sommer 2022 noch in weiter Ferne zu liegen, aber immer-hin berichten Marktbeobachter von deutlich gestiegener Nachfrage und einer zunehmenden Anzahl an Kaufabschlüssen. Das spiegelt sich natürlich auch in der Preisentwicklung wider. „Die Angebotspreise sind im 1. Quartal zumindest teilweise wieder moderat gestiegen und die Abschlusspreise nähern sich den geforderten Verkaufspreisen an“, heißt es in einer aktuellen Analyse des Immobiliendienstleisters EHL Wohnen.
Schaut man sich die Entwicklung des Angebots an, scheinen weitere Preisanstiege unvermeidlich. 2024 erreichte die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen mit 32.100 ein neues Rekordtief, wie die Statistik Austria kürzlich vermeldete. Bereits 2023 wurde der bis dahin niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2010 gemessen (46.600 Wohnungen). „In den kommenden Jahren ist daher mit einem deutlichen Rückgang neuer Wohnungen auf dem Markt zu rechnen, und das bei gleichzeitig steigender Bevölkerungszahl“, so Statistik-Austria-Geschäftsführer Tobias Thomas.
„Entwickelt sich die Nachfrage weiter wie zuletzt oder nimmt sie weiter zu, wovon wir ausgehen, wird das Angebot an Eigentumswohnungen ab dem Jahresende bzw. Anfang 2026 zurückgehen“, sagt Bernhard Reikersdorfer, Managing Partner Remax Austria, zum Börsen-Kurier. Die Folge: Spürbar anziehende Preise. Beim heimischen Marktführer geht man davon aus, dass das bereits im kommenden Jahr der Fall sein wird. Sein Fazit: „Aktuell ist sicher noch ein guter Zeitpunkt für einen Kauf.“
Auch die Experten der J&P Immobilienmakler GmbH machen aktuell einen guten Zeitpunkt aus, um eine Immobilie zu kaufen. „Die Neuflächenproduktion ist derzeit stark rückläufig – gleichzeitig sinken die Zinsen. Das erleichtert den Zugang zu Eigentum und schafft bessere Rahmenbedingungen für den Immobilienkauf“, so Geschäftsführer Wolfgang Schnopfhagen. Stichwort sinkende Zinsen. Laut dem Infina-Kreditindex haben sich die variablen Kreditzinsen allein im ersten Quartal 2025 von 3,874 auf 3,505 % verbilligt. 20-jährige Fixzinsbindungen verteuerten sich hingegen um 30 Basispunkte auf 3,828 %. Das ist zwar der höchste Stand seit dem vergangenen Juli, im längerfristigen Vergleich aber immer noch attraktiv. Daher empfehlen die Infina-Experten: Rasch handeln, um sich langfristig günstige Zinsen zu sichern.
Wo bezahlt man am meisten für eine Wohnung? Im Bundesländer-Ranking sind laut Remax-Immospiegel derzeit die durchschnittlichen Wohnungspreise in Vorarlberg am höchsten (Stand Ende 2024: 338.753 Euro), gefolgt von Tirol (313.224 Euro), Salzburg (313.509 Euro) und Wien (303.237 Euro). Unter den Landeshauptstädten sind Eigentumswohnungen in Bregenz am teuersten (357.155 Euro). Den zweiten Platz belegt Salzburg (339.050 Euro) vor Innsbruck (331.589 Euro), Linz (243.715 Euro) und Graz (196.085 Euro). Fast vollkommen in Wiener Hand ist wiederum das Preisranking nach Bezirken. Die Innere Stadt führt hier vor Kitzbühel, Döbling, Wieden und Mariahilf. Bei den durchschnittlichen Quadratmeterpreisen hat Wien mit 5.174 Euro die Nase vorn, gefolgt von Salzburg (5.013 Euro) und Vorarlberg (4.857 Euro). Am wenigsten kostet der Quadratmeter hingegen mit 3.408 bzw. 2.795 Euro in Niederösterreich und der Steiermark. Die teuersten Bundesländer: Vorarlberg, Salzburg, Tirol und Wien. Nach Bezirken führt die Wiener Innenstadt vor Kitzbühel und Wien-Döbling.
Foto: AdobeStock / Elxeneize
Comeback der Infrastrukturinvestments
Solide Renditen, Inflationsschutz und ein neuer Kursauftrieb erwarten Anleger.
Michael Kordovsky. Infrastruktur-Aktien umfassen Unternehmen aus Sektoren wie Versorger (Utilities), Transport (z. B. Mautstraßen, Flughäfen, Bahnen), Energie (Pipelines, Netze, Stromversorger), Datenzentren und Kommunikationsinfrastruktur. Sie gelten als defensiv, mit relativ stabilen Cashflows und Dividendenrenditen, oft inflationsgeschützt. Und zuletzt kam auch wieder mehr Kursdynamik ins Spiel.
Der 92 Infrastrukturwerte aus 23 entwickelten Ländern enthaltende „MSCI World Core Infrastructure Index“ (USD) wies im Zeitraum 28. November 2003 bis 30. April 2025 eine Performance von knapp 9,3 % p.a. auf – verglichen mit 8,4 % p.a. im MSCI World. Die Volatilität lag dabei leicht unter jener des Welt-Aktienindex. Allerdings haben Infrastrukturwerte eine Dekade der Underperformance hinter sich. Erst in den vergangenen zwölf Monaten (bis 30. April) zeigten sich wieder stärkere Impulse. Einem Plus von 21,8 % im MSCI World Core Infrastructure standen 12,2 % im MSCI World gegenüber. Auf Zwölf-Monats-Sicht ebenfalls eine Outperformance zeigt der „FTSE Global Core Infrastructure Index“, der die Aktien von Next-Era Energy (Stromerzeugung und -verteilung in den USA), der US-Eisenbahngesellschaft Union Pacific und von American Tower (Sendemasten und Datenzentren) am stärksten gewichtet.
Der Vorteil reiner Infrastrukturbetreiber liegt in ihrer Regionalität. Sie sind von globalen Konflikten – sofern sie nicht in einem Krisenherd tätig bzw. domiziliert sind – in der Regel nicht betroffen. Reine Infrastruktur-Fonds und ETFs können noch mit einzelnen Aktien der Wertschöpfungskette Bauunternehmen, Baumaterialien, Stahl und Kupferbergbau ergänzt werden. Für eine mögliche Beimischung dieser Einzeltitel sprechen derzeit nachstehende Faktoren.
Enormer Investitionsbedarf
Alleine Deutschland stellt ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre insbesondere für nachhaltige Infrastruktur zur Verfügung; und weltweit, insbesondere in den Schwellenländern, wächst bei zunehmender Urbanisierung die Bevölkerung weiter. Laut dem Global Infrastructure Hub werden die weltweiten Ausgaben für grundlegende Infrastruktur – Verkehr, Energie, Wasser und Kommunikation – zwischen 2016 und 2040 voraussichtlich insgesamt knapp 70 Billionen Euro ausmachen, während der tatsächliche Investitionsbedarf mehr als 83 Billionen Euro betragen soll. Dieser Umstand ermöglicht auch im Rahmen der staatlichen Preisregulierungen eine starke Preisfestsetzungsmacht der Infrastrukturbetreiber, was einen gewissen Inflationsschutz ermöglichen sollte.
Attraktive ETFs und Fonds
Infrastrukturinvestments via ETFs kostengünstig abdecken, ist die naheliegendste Alternative für Anleger: Mit 262 Positionen breit diversifiziert ist der „iShares Global Infrastructure UCITS ETF USD“, dessen Schwerpunkt in Versorgern liegt. Darüber hinaus sind zahlreiche Flughäfen, Öl/Gaspipeline-Unternehmen und unter anderem auch Eisenbahngesellschaften enthalten. Der zugrundeliegende Index ist der „FTSE Global Core Infrastructure Index“.
Per 20. Mai auf fünf Jahre knapp 75 % im Plus liegt der „Xtrackers S&P Global Infrastructure Swap UCITS ETF“, der den „S&P Global Infrastructure Index“ nachbildet. Letzterer besteht aus je 30 Versorgungs- und Transportunternehmen und 15 Energieunternehmen.
Wer in modernere Infrastruktur investieren möchte, sollte einen Blick auf den „iShares Smart City Infrastructure UCITS ETF USD“ werfen, der Werte wie Palantir Technologies (IT-Security), Ciena (Hochgeschwindigkeitskonnektivität), Ericsson B (ein Netzwerkausrüster), Republic Services (Abfallentsorgung) oder Nokia enthält.
Unter den Produkten im obersten Viertel der risikoadjustierten Performance ist mit 7,06 % p.a. (auf Euro-Basis) der „Lazard Global Listed Infrastructure Equity Fund A“ in den vergangenen zehn Jahren der Spitzenperformer. In ihm sind Versorger, Mautstraßen und Wasserversorger am stärksten gewichtet. Unter den Top-Positionen der insgesamt 28 Werte befinden sich National Grid (Versorger), Vinci (Mautstraßen), Snam (ein Gasversorger) und Norfolk Southern (Eisenbahn).
Foto: Pixabay / torstensimon
Wo überall gespart werden muss
Haushaltsdefizite im internationalen Vergleich – ehemalige Krisenländer glänzen mit Überschüssen.
Michael Kordovsky. Österreichs Budgetlage ist angespannt: 2024 lag das Staatsdefizit bei 22,5 Milliarden Euro bzw. 4,7 % des BIP – ohne Gegenmaßnahmen wären es im Jahr 2025 sogar 5,8 % geworden. Mit dem Doppelbudget 2025/26 will Finanzminister Markus Marterbauer das Defizit schrittweise auf 4,2 % senken. Die Abgabenquote steigt von 44,5 auf 45,5 %, während die Ausgabenquote von 56,8 % (2025) bis 2029 auf 55 % sinken soll. Die Zinsbelastung erhöht sich dabei von 1,5 auf 2,4 % des BIP. Konsolidierungsmaßnahmen in Höhe von
6,4 Milliarden Euro (2025) und 8,7 Milliarden Euro (2026) treffen so gut wie jeden. Betroffene Bereiche sind beispiels-weise Steuerlücken, Sozialausgaben und Infrastruktur. Die Rückkehr zur Maastricht-Grenze von 3 % wird erst für 2028 erwartet.
Öffentliche Defizite tendenziell rückläufig
Doch nicht nur Österreich ist dabei, Haushaltsdefizite einzuschränken. Eine Reihe von Euroländern ist es bereits gelungen, ihre Haushaltsdefizite deutlich zu reduzieren: Starke Verbesserungstendenzen zeigen die ehemaligen Krisenländer der Eurozone – Irland, Portugal und Griechenland – aber auch die baltischen Länder und Luxemburg als solider Dauerbrenner. Die Wirtschaft hat sich von der Pandemie dort erholt und die Teuerungswelle spülte über höhere Umsatzsteuern zusätzliche Mittel in die Staatskassen. Somit war es wenig verwunderlich, dass vom vierten Quartal 2022 bis zum vierten Quartal 2024 das saison-bereinigte öffentliche Defizit der ganzen Eurozone von 4,9 auf 3,2 % schrumpfte.
Die Gesamteinnahmen der Euroländer stiegen in diesem Zeitraum von 46,1 auf 46,6 % des BIP, während die Gesamtausgaben mit dem Auslaufen von „Corona-Hilfen“ von 51,0 auf 49,9 % rückläufig waren. Auf Jahressicht gingen die Gesamtausgaben um 0,4 %-Punkte zurück, während die Gesamteinnahmen um 0,3 %-Punkte anstiegen.
Einstige Krisenländer im Schuldenabbau-Modus
Wirft man einen Blick auf die einzelnen Euroländer, so hatten bereits sechs Euroländer im vierten Quartal 2024 einen Haushaltsüberschuss: das waren Zypern (3,4 % des BIP), Griechenland (2,2 %), Irland (1,3 %), Luxemburg (1,1 %), Lettland (1 %) und Slowenien (0,8 %). Die höchsten Defizite leisteten sich andererseits Malta (-10,7 % des BIP), die Slowakei (-8,8 %) und Frankreich (-6,1 %). Auffallend gut gelang Portugal und Griechenland in den zwei Jahren bis zum 4. Quartal 2024 die Verbesserung des öffentlichen Saldos (um +4,7 bzw. 4,3 %-Punkte). Portugal hatte im Gesamtjahr 2024 einen Überschuss von 0,7 % des BIP und war in der Lage, vom vierten Quartal 2023 bis zum vierten Quartal 2024 die Staatsschuldenquote um 2,8 %-Punkte auf mittlerweile 94,9 % des BIP zu reduzieren. Noch stärker (um 10,3 %-Punkte auf 153,6 %) ging die Staatsschuldenquote Griechenlands zurück. Am Peak lag die Staatsverschuldung Griechenlands bei mehr als 200 % der Wirtschaftsleistung. Es kam zu Maßnahmen wie besseren Steuervollzug und zu Privatisierungen. Der Tourismus feierte nach der Pandemie ein Comeback und bereits im Oktober 2023 stufte die Ratingagentur Standard & Poor‘s die Kreditwürdigkeit Griechenlands erstmals seit über zehn Jahren wieder auf das Niveau „BBB minus“ hoch (letzte Stufe im Investmentgrade-Bereich).
Portugal wiederum konnte vor allem Einnahmen aus Einkommens- und Vermögenssteuern erhöhen. Gleichzeitig führte die jüngste Inflationsphase zu höheren Mehrwertsteuer-Einnahmen. Hinzu kommt noch eine effiziente Nutzung von EU-Fördermitteln und eine günstige Schuldenstruktur (ESM und IWF mischen dabei mit). Ein stärkerer Schuldenabbau auf Jahressicht ist übrigens auch Spanien (-3,3 %-Punkte) und Zypern (-8,6 %-Punkte) gelungen.
Konsolidierungsbedarf in Frankreich
Hingegen fand ein ungünstiger Anstieg um 4,5 %-Punkte auf 82,1 % des BIP im vierten Quartal 2024 in Finnland statt. Ebenfalls unvorteilhaft waren die Entwicklungen in Österreich (+3,3 %-Punkte auf 81,8 %) und Frankreich (+3,2 %-Punkte auf bereits 113 % des BIP!). Frankreich ist mit der aktuellen Schuldenquote kritisch zu betrachten. Das Land hat Steuersenkungen ohne entsprechende Gegenfinanzierungen vorgenommen und unterhält ein kostspieliges großzügiges Sozialsystem. Italien hingegen ist trotz Staatsschuldenquote von 135,3 % auf einem guten Weg, zumal die Regierung einen positiven Primärsaldo anstrebt und Staatsanleihen im Inland gut platziert werden können.
Wirft man einen Blick auf den gesamten Euroraum, so stagniert die Staatsschuld auf Jahressicht: Sie liegt im vierten Quartal 2024 bei 87,4 % des BIP (4. Quartal 2023: 87,3 %). Doch mittelfristig positiv werden sich der rückläufige Zinstrend und die Budgetkonsolidierungsbemühungen diverser Euroländer auswirken. Das gibt Spielraum für konjunkturstimulierende Staatsausgaben.
Foto: BKA / Andy Wenzel
Wo ESG draufsteht, muss ESG drinnen sein
Seit dem 21. Mai gelten strenge Regeln für Investmentfonds, die ESG-Begriffe im Namen tragen.
Andreas Dolezal. Schon seit Jahren sagen die EU und die europäischen Aufsichtsbehörden ESAs (EBA für Banken, EIOPA für Versicherungen, ESMA für Markt und Wertpapiere, Anm.) Greenwashing den Kampf an. Anleger sollen auf Grundlage von faktenbasierten und wahrheitsgetreuen Informationen entscheiden können, wie nachhaltig ein Finanzprodukt, etwa ein Investmentfonds, ist.
Lücke in der SFDR
Was im Sinne der EU als nachhaltiges Finanzprodukt gilt, legt seit 2021 die EU-Offenlegungs-Verordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) fest. Zu erkennen sind solche nachhaltigen Anlageprodukte am Zusatz „Artikel 8/9“. Erstaunlicherweise vergisst die SFDR aber, Mindestanteile für nachhaltige Investitionen im Produkt festzulegen. Diese müssen lediglich offengelegt werden. Das führt in der Praxis zur skurrilen Situation, dass manch ein „grüner“ Artikel-9-Fonds nur zu 1 % nachhaltig investiert.
Was ist Greenwashing?
René Brunner, Jurist der Vereinigung österreichischer Investmentgesellschaften VÖIG, hält dazu fest, dass es für den Begriff Greenwashing keine Legaldefinition gibt. Sowohl die ESAs als auch die SFDR machen kaum inhaltliche Vorgaben. Entsprechend groß
und – mehr oder weniger – nachhaltig ist auch das Angebotsspektrum an grünen Fonds.
ESMA schließt Lücke
Im Jahr 2021 scheiterte die deutsche Finanzmarktaufsicht BaFin mit dem Versuch, nachhaltigen Investmentfonds einen Mindestanteil an „grünen“ Investitionen von 75 % verpflichtend vorzuschreiben. Was der BaFin misslang, vollendete die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA. Sie legt in einer seit 21. Mai für alle Publikumsfonds geltenden Leitlinie fest, dass Fonds, die ESG- oder nachhaltigkeitsbezogene Begriffe im Namen verwenden, zu mindestens 80 % nachhaltig investieren müssen. Zusätzlich gelten die Ausschlusskriterien der Paris Aligned Benchmarks PAB (EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel und auf das Pariser Klima-Abkommen abgestimmte Referenzwerte).
Das Spektrum der betroffenen Begriffe ist groß, es reicht von „Transformation“ und „grün“ über „Klima“ und „ESG“ bis „nachhaltig“ und „sozial“. Europaweit mussten Fondsmanager und Fondsgesellschaften ihre nachhaltigen Produkte überprüfen und gegebenenfalls – mit Anpassung der Fondsbestimmungen oder einer Namensänderung – reagieren.
Antragswelle bei der FMA
Laut Finanzmarktaufsicht sind 239 österreichische Publikumsfonds von den neuen ESMA-Bestimmungen betroffen. Davon haben 189 Fonds mit einem Gesamtvolumen von 38 Milliarden Euro die Fondsbestimmungen angepasst und den ursprünglichen Namen behalten. Lediglich ein Fünftel der Fonds mit einem Volumen von in Summe 4,3 Milliarden Euro hat den „grünen“ Fondsnamen aufgegeben bzw. geändert. Zum Vergleich: In Deutschland haben Fonds mit einem Gesamtvolumen von 150 Milliarden Euro ihren Namen geändert.
Anpassung nur Formalität
Für die Erste Asset Management (EAM) waren die Anpassungen an die neuen ESMA-Vorgaben nur eine Formalität, berichtet Dominik Benedikt, Nachhaltigkeits-Experte der EAM. Im Einzeltitelbereich ergaben sich keine wirklichen Probleme, lediglich im Dachfonds-segment kam es zu Umbenennungen, da die Datenqualität bei Sub-Fonds für die strengen Vorgaben zu mangelhaft ist. Die EAM-Kriterien sind zudem strenger als von der Regulatorik gefordert, etwa im Rüstungsbereich.
Nicht 80, sondern 100 %
Stefan Grünwald, Senior Fondsmanager der Raiffeisen Capital Management (RCM) und Experte für Zukunftsthemen, begrüßt die ESMA-Leitlinie, da sie zu einer Begrenzung des Wildwuchses bei nachhaltigen Fonds führen wird. Auch bei RCM ergab sich nur minimaler Anpassungsbedarf, denn der Investmentprozess von RCM geht bereits über die Bestimmungen der SFDR sowie der ESMA-Leitlinie hinaus. Der „grüne“ Portfolioansatz wird nicht nur auf die von der ESMA geforderten 80 % des Fondsvermögens angewandt, sondern auf 100 %.
Foto: AdobeStock / Olivier Le Moal
Der ATX Total Return liefert, was der ATX verschweigt
Dominik Huber/Young Shareholders. Der ATX Total Return (ATX TR) ist ein Performanceindex der Wiener Börse, der die tatsächliche Wertentwicklung der 20 wichtigsten börsennotierten Unternehmen Österreichs abbildet. Im Gegensatz zum bekannteren ATX, der lediglich als Kursindex geführt wird, berücksichtigt der ATX TR zusätzlich die Bruttodividendenzahlungen der enthaltenen Unternehmen. Dies macht ihn zu einem besonders aussagekräftigen Indikator für die langfristige Performance des österreichischen Aktienmarkts.
Der klassische ATX reflektiert ausschließlich die Kursveränderungen der Indexmitglieder. Dividendenzahlungen – ein zentraler Bestandteil vieler Aktienstrategien – bleiben dabei unberücksichtigt. Der ATX TR hingegen reinvestiert hypothetisch alle ausgeschütteten Dividenden. Das hat zur Folge, dass der ATX TR über längere Zeiträume eine deutlich höhere Rendite aufweist als sein kursbasierter Bruder.
Zur Veranschaulichung: Während der ATX in den vergangenen zehn Jahren eine durchschnittliche jährliche Rendite von etwa 5,1 % erzielte, lag jene des ATX TR bei rund 8,9 % (Stand 19.5.2025). Diese Differenz unterstreicht die Bedeutung von Dividenden für die Gesamtperformance und lässt den ATX viel schlechter dastehen, als er tatsächlich ist.
Auch der Dax – Deutschlands Leitindex – ist nämlich ein Performanceindex. Er berücksichtigt ebenso Dividendenzahlungen und reinvestiert diese hypothetisch. Somit ist der ATX TR in seiner Struktur direkt mit dem Dax vergleichbar, während der ATX eher dem Euro Stoxx 50 oder dem Dow Jones entspricht, die als reine Kursindizes geführt werden.
Der Dax weist über die vergangenen zehn Jahre eine durchschnittliche jährliche Performance von etwa 7,5 % auf. Im 10-Jahres-Vergleich liegt der Dax damit deutlich hinter der Performance des ATX TR mit 8,9 %. Der Vollständigkeit halber muss aber erwähnt werden, dass der Dax aufgrund seiner größeren Marktbreite und Liquidität eine bessere Risikostruktur bietet, insbesondere weil er breiter, diversifiziert mit signifikanten Anteilen in der Industrie-, Technologie- und Konsumgüter-Branche, aufgestellt ist.
Der ATX Total Return bietet Anlegern aber jedenfalls ein realistischeres Bild der Entwicklung des österreichischen Aktienmarkts als der klassische ATX. Für Anleger, die einen langfristigen Anlagehorizont haben, ist daher der Performanceindex von großer Bedeutung. Im internationalen Vergleich steht der ATX TR dem Dax in Sachen Performance um nichts nach, auch wenn die Marktbreite und Liquidität in Österreich geringer sind. Wer die Entwicklung der österreichischen börsennotierten Aktiengesellschaften und deren Dividendenstärke abgebildet sehen möchte, kommt somit am ATX Total Return nicht vorbei.
Dominik Huber ist Vorstandssprecher von Young Shareholders Austria
Der Zoll-Schock scheint verdaut
Alles halb so wild, fragt Ivan Domjanic, Kapitalmarktstratege für die DACH-Region bei M&G.
(20.05.) Tatsächlich klangen die jüngsten Aussagen von Donald Trump und anderen Regierungsvertretern gegenüber den Handelspartnern, einschließlich China, etwas versöhnlicher. So hat Donald Trump bereits weitreichende Deals mit diversen Ländern in Aussicht gestellt. Die Märkte scheinen dies zum Anlass genommen zu haben, die extrem hohen Zölle des „Liberation Days“ quasi vollständig wieder auszupreisen (sofern sie zuvor überhaupt in angemessener Weise eingepreist waren). Dass einige Risiken bis auf Weiteres bestehen bleiben dürften, scheint an den Aktienmärkten derzeit kaum eine Rolle zu spielen. Dabei lassen sich durchaus Gründe feststellen, die einer nachhaltigen Erholung vom Zoll-Schock entgegenstehen könnten.
Allein die Tatsache, dass Donald Trump diverse Deals mit wichtigen Handelspartnern in Aussicht gestellt hat, bedeutet noch nicht, dass diese in absehbarer Zeit auch tatsächlich abgeschlossen werden. Abgesehen davon ist festzustellen, dass die Aussetzung der Zölle für 90 Tage nur für die Gegenzölle gilt, nicht jedoch für die universellen Zölle von 10 %. Es ist daher davon auszugehen, dass diese weiterhin bestehen bleiben und es für die meisten Handelspartner schwer werden dürfte, eine Reduktion der Zölle unter diese Marke von 10 % zu erreichen. Dies hat der jüngste Deal mit Großbritannien gezeigt, einem Land, dem Donald Trump noch relativ wohlgesonnen zu sein scheint. Ein wesentlicher Risikofaktor bleibt zudem der Handelskonflikt zwischen den USA und China – den beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Zwar scheinen die Verhandlungen zwischen beiden Ländern zuletzt zu einer deutlichen Entspannung geführt zu haben, dennoch dürften die Zölle nach einem erfolgreichen Deal wahrscheinlich deutlich höher liegen als vor dem Amtsantritt von Donald Trump. Sollten die effektiven Zölle mit allen Handelspartnern im Durchschnitt deutlich über der 10%-Marke bleiben, hätte dies wohl einen negativen Effekt auf den Welthandel und die Konjunktur. Von einer Rückkehr zum Status-Quo ist daher wohl eher nicht auszugehen, auch wenn die jüngste Marktentwicklung den Anschein erwecken mag.
Die Stimmungsindikatoren in den USA senden Warnsignale
Bereits vor dem Liberation Day befanden sich diverse Sentiment-Indikatoren in den USA im Rückwärtsgang. Seitdem ist beispielsweise das Konsumentenvertrauen weiter eingebrochen. Erschwerend kommt hinzu, dass die überschüssigen Ersparnisse der US-Haushalte mittlerweile mehr oder weniger aufgebraucht sein dürften. Vieles spricht daher aus meiner Sicht für eine Verlangsamung des Konsums in den USA, der knapp 70 % der Wirtschaftsleistung ausmacht und der treibende Faktor hinter dem Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre nach Covid war. Neben dem Konsumentenvertrauen befindet sich auch das Geschäftsklima im Sinkflug. Die Unsicherheiten aufgrund der Unberechenbarkeit der US-Regierung dürften selbst bei einer (teilweisen) Rücknahme der Zölle weiterhin bestehen bleiben, was die Investitionsentscheidungen der Unternehmen erschweren dürfte. Halten sich Unternehmen mit Investitionsentscheidungen zurück, sind das keine guten Nachrichten für den Industriesektor. Sollten sich der Konsum und der Industriesektor in den USA gleichzeitig abkühlen, würde das Rezessionsrisiko erheblich steigen.
Zwar zeigen sich die harten Wirtschaftsdaten in den USA derzeit noch relativ robust (abgesehen von den jüngsten Daten zum BIP-Wachstum, das durch vorgezogene Importe verzerrt wurde), das könnte sich aber in den nächsten Monaten ändern. Sollten bald auch die harten Wirtschaftsdaten erste Schwächesignale senden, könnten weitere Rückschläge am US-Aktienmarkt drohen, zumal die Bewertung des S&P 500 Index nach wie vor rund 10% über dem Zehnjahresmedian liegt.
Steht eine Neuausrichtung globaler Aktienportfolios bevor?
Während sich die Stimmung in den USA eintrübt, könnte sich ein Blick auf Regionen außerhalb der USA lohnen. So scheint sich in Europa – und hier vor allem in Deutschland – die Stimmung in der Wirtschaft nach dem beschlossenen Fiskalprogramm sogar langsam aufzuhellen. In Japan schreitet die strukturelle Veränderung der Unternehmenslandschaft hin zu einer aktionärsorientierteren Unternehmenskultur weiter voran. Und auch China, das den Zorn der US-Regierung bislang am stärksten zu spüren bekommen hat, verfügt noch über großen fiskalpolitischen Spielraum, um die Wirtschaft zu unterstützen und so den negativen Auswirkungen der Zölle entgegenzuwirken. Zudem ist auch dort mit den zuletzt steigenden Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufen eine vermehrt aktionärsfreundliche Ausrichtung der Unternehmen zu beobachten. Die Tatsache, dass viele Aktienmärkte außerhalb der USA zudem deutlich moderater bewertet sind, lässt die Ausgangslage dieser Märkte vergleichsweise günstig erscheinen. Es ist daher durchaus möglich, dass Investoren bestrebt sein werden, ihre Portfolios neu auszubalancieren und ihre nach wie vor hohe Konzentration in US-Aktien in den kommenden Monaten zu reduzieren. Diese mögliche Neuausrichtung könnte den Aktienmärkten außerhalb der USA zugutekommen.
Im Krisenfall zählt nur Bargeld
Skandinavien empfiehlt Bargeld; iberisches Blackout zeigt: Nur Bares ist Wahres.
Andreas Dolezal. Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland gelten als die Vorreiter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Laut der britischen Tageszeitung The Guardian rudern die skandinavischen Länder aber zurück. Denn so bequem und praktisch elektronische Zahlungen sind, haben sie im Krisenfall große Nachteile. Das zeigt auch der landesweite Stromausfall in Spanien und Portugal Ende April.
Österreicher lieben Bargeld
Laut einer Umfrage zahlten 2023 bereits 90 % aller Schweden bargeldlos per Karte oder App. Ähnlich hoch ist der Anteil bargeldloser Zahlungen in den Niederlanden. Einen Boom erlebte das kontaktlose Bezahlen während der Corona-Pandemie. Zur Bequemlichkeit kam damals die Hygiene dazu. Diese Sondersituation half globalen Tech-Giganten wie Apple und Alphabet (Google) sich als alternativer Zahlungsdienstleister zu etablieren.
Wir Österreicher hingegen lieben unser Bargeld. Laut der Zahlungsmittelumfrage der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) wickelten wir 2023 immer noch 63 % aller Zahlungen in bar ab. Durchschnittlich haben wir 102 Euro Bargeld in der Geldbörse.
Weltmeister Schweden
In Schweden können Kunden so gut wie überall bargeldlos einkaufen. Nirgendwo auf der Welt ist im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt so wenig Bargeld in Umlauf wie in Schweden. Das macht das skandinavische Land aber auch zum attraktiven Ziel für Cyber-Attacken. Sollte das elektronische Zahlungssystem flächendeckend ausfallen, wäre Chaos vorprogrammiert.
Bargeld für den Krisenfall
Angesichts des Konflikts in der Ukraine, der unberechenbaren Entwicklung in den USA und der Angst vor russischen Hybrid-Angriffen machen sich die schwedischen Behörden zunehmend Sorgen. Die Situation wird laut The Guardian als so ernst empfunden, dass staatliche Stellen dazu ermutigen, im Sinne des Zivilschutzes Bargeld zu halten und wieder häufiger bar zu zahlen. Norwegen erteilt seiner Bevölkerung ähnliche Ratschläge.
Das schwedische Verteidigungsministerium verschickte die bereits im Mai 2018 erstellte Broschüre „If Crisis or War comes“ an jeden Haushalt im ganzen Land. Schweden und Norwegen überdenken augenscheinlich ihre Pläne für eine bargeldlose Gesellschaft und setzen bei der Notfallvorsorge für Krisenfälle wieder vermehrt auf Bargeld.
Keine Zahlungen im Blackout
Am 28. April 2025 legte ein landesweiter Stromausfall weite Teile der iberischen Halbinsel lahm. Züge, U-Bahnen, Ampeln, Mobilfunknetze fielen in der Sekunde aus – ebenso wie Zahlungsterminals und Geldausgabeautomaten. Wer inmitten des allgemeinen Chaos kein Bargeld in der Tasche hatte, sich also nicht vorsorglich eine Bargeld-Reserve für Notfälle angelegt hatte, konnte weder einkaufen noch Bargeld aus dem Automaten ziehen.
Über die Gründe für das iberische Blackout wird gerätselt. Eine Cyber-Attacke soll nicht die Ursache gewesen sein. Energieexperten schließen nicht aus, dass massive Instabilitäten im Stromnetz, verursacht durch ein Überangebot an Solarstrom zur Mittagszeit ohne gleichzeitigem Strombedarf, zum Zusammenbruch geführt haben.
Risiken latent vorhanden
Das iberische Stromnetz ist weitgehend isoliert, daher waren die Auswirkungen auf Resteuropa gering. Wirklich sicher vor flächendeckenden Stromausfällen ist aber kein Land. Die Risiken nehmen eher zu als ab. Zumindest was das Bargeld betrifft, sind wir Österreicher den Skandinaviern einige Schritte voraus.
Foto: AdobeStock / Mediteraneo
China mit dem Rücken zur Wand?
Zwischen Konjunkturhoffnung und strukturellen Risiken.
Michael Kordovsky. Die chinesische Wirtschaft zeigt im Frühjahr 2025 eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Im ersten Quartal wuchs das BIP um 5,4 % gegenüber dem Vorjahr und übertraf damit die Erwartungen, zumal mehrere internationale Banken ihre Prognosen für Chinas BIP-Wachstum zuletzt auf rund 4 % oder darunter gesenkt hatten. Die Lücke zu den Wachstumszielen der Regierung müsse nun mit Staatsausgabenprogrammen kompensiert werden, so die weit verbreitete Meinung.
Doch die offiziellen Zahlen scheinen dem zu widersprechen: Getragen wurde dieses Wachstum von einer robusten Industrieproduktion (+6,5 % im ersten Quartal), und im März beschleunigte sich Chinas Industrieproduktion be-reits auf 7,7 %, wobei die Branchen IT und Kommunikation sowie Automobil mit 13,1 bzw. 11,5 % die stärksten Zuwächse zeigten. Die Exporte wuchsen im ersten Quartal um 6,9 % insbesondere durch Lieferungen von E-Fahrzeugen, Batterien und Photovoltaikmodulen. Hinzu kommt im März eine Beschleunigung des Anstiegs der Einzelhandelsumsätze im Vorjahresvergleich auf 5,9 % – der stärkste Zuwachs seit Dezember 2023.
Exportboom trotz Zollspirale?
Im April 2025 verzeichneten Chinas Exporte ein überraschendes Plus von 8,1 % im Vergleich zum Vorjahr – und dies trotz eines Rückgangs der US-Exporte um mehr als 21 %. Volkswirte rechneten laut Reuters-Umfrage nur noch mit +1,9 % nach +12,4 % im März (dies war auf Hamsterkäufe von US-Importeuren vor möglichen weiteren Zollerhöhungen zurückzuführen). Doch im April kamen China die steigenden Handelsverflechtungen mit anderen Schwellenländern zugute. In den ersten vier Monaten stiegen im Vorjahresvergleich die Exporte nach Südostasien um 11,5 %, jene nach Lateinamerika und Afrika um 11,5 bzw. 15 %, und die Indien-Exporte sogar um fast 16 %. Indessen waren im April die Importe Chinas mit -0,2 % marginal rückläufig.
Widersprüchliche Zahlen?
Die zuvor erzählte „Erfolgsstory“ basiert auf den von der chinesischen Statistikbehörde veröffentlichten Zahlen. Doch es gibt „Nebengeräusche“, die aufhorchen lassen: Das reale BIP-Wachstum Chinas lag im ersten Quartal bei 5,4 %. Doch das nominale Wachstum, das normalerweise höher ist als das reale, ist in diesem Fall um 1,2 %-Punkte niedriger (4,6 %). Das bedeutet Deflation, also sinkende Verbraucherpreise und Einkaufspreise – schlecht für Wirtschaft und Unternehmenserträge. Hinzu kommen Kapitalabflüsse ausländischer Investoren und möglicherweise widersprüchliche Stromverbrauchsdaten. Im ersten Quartal stieg der Stromverbrauch um 3,4 %, das nominelle BIP aber um 4,6 % – also eine Lücke von 1,2 %-Punkten. Ist auf einmal die Energieeffizienz so stark gestiegen? Somit sollten auch kritische Nebenschauplätze wie der chinesische Immobilienmarkt genau beobachtet werden. Sinkt die Stärke der Realwirtschaft, dann könnten bisher verdeckte Probleme in diesem Sektor an die Oberfläche kommen.
Immobilienkrise verliert an Abwärtsdynamik
Der chinesische Immobiliensektor blieb kurzfristig noch ein Sorgenkind. Die Preise für Wohnimmobilien in chinesischen Großstädten sind im letzten Quartal 2024 weiter gesunken und spiegeln damit die anhaltenden Herausforderungen für den Immobiliensektor des Landes wider. Laut dem Index ausgewählter Wohnimmobilienpreise, einem Aggregat von Daten auf Stadtebene, die vom „Nationalen Statistikamt Chinas“ zusammengestellt und von der „Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“ gemeldet werden, fielen die Preise im Jahresvergleich um 8,57 % bzw. inflationsbereinigt um real 8,75 %.
Im März 2025 hatte sich der Rückgang der Verkaufspreise für gewerblich genutzte Wohnimmobilien im Jahresvergleich in den verschiedenen Stadtebenen abgeschwächt. In den Städten der ersten Ebene sanken die Preise für neu gebaute Wohnungen im Jahresvergleich um 2,8 % – eine Verbesserung um 0,2 %-Punkte gegenüber dem Vormonat. Die Preise für Gebrauchtimmobilien fielen den Daten des Statistikamts zufolge im Jahresvergleich um 4,1 % und verringerten den Rückgang um 0,8 %-Punkte. Auch in den Städten der zweiten und dritten Ebene verlangsamte sich der Preisrückgang, wenngleich der allgemeine Abwärtstrend anhielt (je -7,0 bzw. -7,8 % bei gebrauchten Wohnimmobilien).
Die Verkäufe von Neubauwohnungen sind weiterhin rückläufig, wenngleich sich das Tempo des Rückgangs verlangsamt hat. 2024 wurden landesweit 814,5 Millionen m2 Neubauwohnungen verkauft, was einem Rückgang von rund 14 % gegenüber dem Vorjahr entspricht, verglichen mit stärkeren Rückgängen von 17,3 % im Jahr 2022 und 25,8 % im Jahr 2021. Die Verlangsamung des Rückgangs setzte sich im ersten Quartal 2025 mit 184,8 Millionen verkauften Quadratmetern fort. Analysten führen dies auf die Lockerung der Politik in den Großstädten zurück – einschließlich der Aufhebung von Kaufbeschränkungen und insgesamt durchgesetzter lockererer Hypothekenbedingungen. Marktbeobachter rechnen bis 2027 mit einer nachhaltigen Stabilisierung der Wohnungsmärkte in China. Doch Risikofaktoren bleiben der Welthandel und natürlich die Geopolitik.
Handelskonflikt: Entspannung
Goldman Sachs schätzt, dass zwischen 10 und 20 Millionen Arbeitsplätze in China von Exporten in die USA abhängen. Nach einer Phase eskalierender Zölle – die USA hatten Importzölle auf chinesische Waren auf bis zu 145 % erhöht, woraufhin China mit Gegenzöllen von 125 % reagierte – kam es zuletzt zu einer temporären Entspannung. Vor wenigen Tagen einigten sich beide Länder auf eine 90-tägige Aussetzung der erhöhten Zölle. Diese Maßnahme soll den Weg für weitere Verhandlungen ebnen, bleibt jedoch eine kurzfristige Lösung ohne langfristige Garantie.
Fazit: Riskanter Balanceakt
Chinas Wirtschaft zeigt sich außen stark, bleibt aber innen fragil. Wachstumsdaten überdecken Schwächen wie Deflation, Kapitalabflüsse und einen angeschlagenen Immobilienmarkt. Die Zollpause mit den USA bringt nur kurzfristige Entlastung. Ohne tiefgreifende Reformen droht langfristig der Verlust wirtschaftlicher Substanz. Der Druck auf Peking wächst – politisch wie ökonomisch.
Foto: AdobeStock / Maina / KI generiert
Developer stehen am Anfang der Kette
UBM-CEO Winkler: Wohnbaukrise beendet, es gibt aber zu wenige Immobilienentwickler.
Marius Perger. „Die Krise im Wohnbau ist aus meiner Sicht in der Tat vorbei“, sagt Thomas Winkler (im Bild links), CEO der UBM Development AG, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Dies sei auch mit Zahlen belegbar: UBM habe zuletzt den Verkauf vervierfacht und in Wien mit rund 700 Einheiten so viele Neubauwohnungen am Start wie kein anderer Anbieter. Und der Trend gehe ungebrochen weiter, zeigt sich Winkler zuversichtlich. Auffällig sei, dass die jetzigen Käufer weit überwiegend Eigennutzer sind, die mit einer bestehenden Finanzierung kommen; nur ein verschwindend kleiner Teil von ihnen habe Probleme bei der Bankfinanzierung. Auch interessant: „Größere Wohnungen werden derzeit zuerst verkauft.“ Gründe für die Aufbruchsstimmung ortet der UBM-CEO im Auslaufen der KIM-Verordnung und den gesunkenen Zinsen. Aber auch Bedenken, dass die Preise nicht mehr sinken werden, Inflation und andere Sorgen seien stark genug, dass die Menschen jetzt Wohnungen kaufen. Das Phänomen sei auch nicht auf Wien beschränkt. Bester Markt für UBM sei, trotz der höheren Zinsen, derzeit Prag.
UBM setzt dabei zunehmend, wie beispielsweise beim Leopoldquartier in Wien, auf Holz-Hybrid-Bauweise. „Wenn Holz richtig behandelt wird, ist es auf keinen Fall ein Baumaterial, das Nachteile aufweist“, so Winkler. Das würden mittlerweile auch die Versicherungen verstehen. Es gebe keine geringere Bereitschaft, Gebäude in Holz-Bauweise zu versichern, und auch keine höheren Prämien. Rückfragen von Versicherern, insbesondere was Brandschutz und Lebensdauer betrifft, können alle beantwortet werden. Es gebe zwar Erklärungsbedarf, der Höhepunkt sei hier aber auch bereits überschritten.
Developer unverzichtbar
Insgesamt sei die Wohnbaukrise beendet, die Baugenehmigungen würden aber „in atemberaubendem Tempo“ sinken – den Grund dafür sieht Winkler darin, dass es hier-zulande immer weniger Developer und damit zu wenig Angebot gebe. Niemand habe begriffen, dass der Developer am Anfang der „Nahrungs-Kette“ steht. Immobilienentwickler würden Dienstleistungen erbringen, die im Leben eines Normalbürgers nicht vorkommen: von der Einholung von Genehmigungen über die Paketvergabe von Aufträgen, Koordinierung und Finanzierung bis zur Vermarktung. Baufirmen dagegen bauen – sie ergreifen nicht die Projektinitiative, weil es sich hier um einen intern schwer aufzulösenden, natürlichen Interessenkonflikt handelt. Es sei wichtig, die Profit Center getrennt zu halten, die Zukunft sieht Winkler in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Baufirmen.
Büromarkt noch mit Herausforderungen
Der Büromarkt dagegen sei „noch nicht dort, wo wir ihn gern sehen wollen“, so Winkler. Zwar steige die Nachfrage, weil Unternehmer ihre Mitarbeiter wieder ins Büro bekommen wollen. Dazu gebe es immer weniger Neubaubüros, die am besten die Anforderungen an die neue Arbeitswelt erfüllen. Problematisch sei aber, dass derzeit kein vernünftiger Verkaufspreis zu erzielen sei: Die Käufer seien noch nicht bereit, so viel zu zahlen, wie die Verkäufer es brauchen, um zumindest ihre Investitionen zurückzubekommen. „Wer verkaufen muss, verkauft zu einem nicht kostendeckenden Preis“, so Winkler. Notwendig sei es derzeit deshalb, für jedes Gebäude einen „Plan B“ zu haben. Es gehe darum, Ideen zu entwickeln, wie man diesen Zeitraum übersteht, und finanziell über einen langen Atem zu verfügen. Für UBM stehe deshalb Liquidität weiterhin im Mittelpunkt.
In diesem Zusammenhang sei auch die jüngste Begebung einer Hybridanleihe – der ersten grünen Hybridanleihe von UBM übrigens – zu sehen. Denn Hybridkapital gelte nach IFRS als Eigenkapital, und es sei für die Zukunft entscheidend, über wieviel Eigenkapital man verfügt. Dieses bestimme die Bilanzgröße und damit auch das Projektvolumen: „Wenn wir nicht 30 bis 35 % Eigenkapital haben, sinkt unser Projektvolumen.“ Das Ziel für eine stabile Eigenkapitalbasis habe man jedenfalls jetzt erreicht.
Nachhaltigkeit und mehr
Nachhaltigkeit ist in Europa ohne Alternative, ist Winkler überzeugt. Zu den Gründen dafür zählen die hohen Kosten für den Import von Öl und Gas, dass sich der europäische Kontinent am schnellsten von allen Erdteilen erwärmt und dass die Klimaziele der EU für 2050 weiterhin aufrecht sind. Fazit: „Wir können uns die Folgen des vom Menschen beschleunigten Klimawandels nicht leisten.“ Allerdings sei in vielen Bereichen in der Vergangenheit übertrieben worden, die „inakzeptable Bürokratie“ überfordere Unternehmen.
Das betreffe den gesamten Bereich ESG, insbesondere aber die Lieferkettenthematik. Winkler: „Es ist nicht Aufgabe eines Unternehmens, für die Einhaltung der Menschenrechte zu sorgen.“ Es handle sich um eine „zutiefst hoheitliche Aufgabe“, weshalb eine Korrektur nötig sei.
Foto: UBM
Investmentday im Zeichen der Diversifikation
Bawag und Easybank brachten Speaker von Partnergesellschaften zu ihren Kunden.
Rudolf Preyer. Der Investmentday 2025, veranstaltet von Bawag und Easybank, war einen Besuch wert: Mittwoch der Vorwoche brachte dieser in der Event-Location „Stage 3“ in Wien interessante Vorträge zu aktuellen Marktthemen und Trends.
Den Reigen begannen Markus Fila und Alexander Brechler vom Assetmanager Candriam. Sie meinten, Zukunft lasse sich mit Global High Yield und thematischen Aktien im Kontext von Megatrends gestalten. Als einen Megatrend in der „Society 5.0“ machten sie etwa den Bereich Global Health Care aus.
Christian Glaser von der BNP Paribas beschäftigte sich mit der Frage „Warum Zertifikate und Optionsscheine in jedes aktive Depot gehören?“. Seine Antwort lautet ganz einfach: Diversifizierung. Interessant auch der Umstand, dass Warren Buffett vorschlägt, dass alle Länder oder Unternehmen, die in die USA exportieren wollen, im Gegenzug Handelszertifikate erwerben sollten, die sie aber nur bekommen, wenn sie auch entsprechende Einfuhren aus den USA vorweisen können – nach dem Motto „geben und nehmen“.
Der Vortrag von Markus Sevcik von JP Morgan stand unter dem Motto „Go Global – der Charme der Dividende“. Im Hinblick auf die Risikostreuung sieht Sevcik es darüber hinaus für die meisten Privatanleger als sinnvoll an, auf Fondslösungen, statt auf Einzelaktien zu setzen. Denken viele vordergründig an den Dividendensegen, so sei doch auch klar, dass der Zeitpunkt des Einstiegs entscheidend sei: nach Kursrückgängen am Aktienmarkt könne es auch schnell wieder nach oben gehen – und sich diese somit als Einstiegsgelegenheit anbieten.
Investieren in einer Welt neuer Herausforderungen
Tomas Packa von DWS X-Trackers empfahl einen „Frühjahrsputz für das Portfolio“. Er stellte ETFs näher vor. Grundsätzlich seien diese sehr demokratisch: Sie haben eine hohe Qualität und erfüllen die Vorgaben der anspruchsvollsten großen institutionellen Investoren wie Pensionskassen, die genau darauf achten, was in den Produkten passiert. Ein Vorteil sei auch die Risikostreuung: Anleger können mit einem einzigen ETF-Trade ein Wertpapier kaufen, das sehr breit diversifiziert sei.
Für Black Rock sprach Bahram Sadighian. Er stellte seine nachhaltige Multi-Asset-Strategie als „Kerninvestment für die Zukunft“ vor und wies auf den Umstand hin, dass Black Rock in kontinuierlichem Dialog mit den Unternehmen sei, in die sie im Auftrag ihrer Kunden investiere, auch, um eine langfristige und nachhaltige Unternehmensführung zu fördern.
Thorsten Schrieber von der DJE Kapital AG erklärte, wie aktives Management den Markt neu definiere. Es gehe auch um eine ausgewogene Balance zwischen Titeln mit dem höchsten Wachstumspotenzial und einer möglichst guten Marktbreite. Darunter können auch die typischen Large- oder Mega-Caps fallen.
Josef Obermann und Oliver Beck sprachen für Amundi Austria zum Investieren in einer Welt mit neuen Herausforderungen. Demnach weisen Europas und Asiens Aktienmärkte ein höheres Renditepotenzial über die nächsten zehn Jahre auf als die USA.
Und schließlich sprach Marcus Weyerer von Franklin Templeton über den Technologieführer Asien, er empfahl eine Diversifikation mit ETFs. Überraschend war seine Anmerkung, dass mittlerweile auch Schwellenländer als unverzichtbare Player im Technologiewettbewerb angenommen werden müssen.
Gut besucht, bot sich beim Investmentday für zahlreiche Interessenten die einmalige Gelegenheit zum direkten Austausch mit den Partnergesellschaften der Bawag und Easybank an deren Eventständen. In diesem Sinne freuen wir uns schon auf den Investmentday 2026 und werden auch wieder berichten.
Foto: AdobeStock / William W. Potter
Politiker jubilieren, Branche bleibt skeptisch
Die Generalpensionskasse ist so gut wie fix, bestätigten Abgeordnete bei der 12. bAV-Konferenz.
Barbara Ottawa. Ein seltenes Bild bot sich am vergangenen Donnerstag am Cobenzl über Wien – Nationalratsabgeordnete stellten sich den Fragen von Branchenvertretern der betrieblichen Altersvorsorge. Dieses Zusammentreffen zweier oft viel zu ferner Welten, wurde von Thomas Wondrak (Foto), Gründer der Beraterfirma Konsequent Wondrak, anlässlich seiner 12. bAV-Konferenz organisiert. Vertreter von ÖVP, Neos und Grünen waren außergewöhnlich sattelfest im Thema, was den Diskurs vereinfachte – aber auch teilweise Gräben in den Zukunftsvorstellungen zur Altersvorsorge noch deutlicher werden ließ.
Gamechanger
„Es ist entscheidend, dass alle Menschen Zugang zu einer Pensionskassenlösung haben – hier kann der Generalpensionskassenvertrag ein Gamechanger werden“, zeigte sich Neos-Abgeordneter Johannes Gasser überzeugt. Laut ihm könnte bis Jahresende ein dementsprechendes Gesetz stehen. Dabei soll es allen Menschen möglich gemacht werden, das Geld aus ihrer Vorsorgekasse zu Pensionsantritt in eine Pensionskasse zu übertragen und somit das Angesparte steuerbegünstigt in eine lebenslängliche Pension umzuwandeln.
Entnahmemöglichkeit?
Auch ÖVP-Abgeordnete Heike Eder, sieht im Generalpensionskassenvertrag einen „wichtigen Schritt“ in Richtung Stärkung der Zweiten Säule. „Dann sollten wir darüber reden, wie wir die Pensionskassen weiterentwickeln, z. B. eine Entnahmemöglichkeit einer größeren Summe für den Hausbau oder bei Pensionsantritt, wie es in der Schweiz möglich ist“, so die Vorarlbergerin über Erfahrungen, die sie aus ihrem Nachbarland kennt.
Lohnbestandteil, keine private Altersvorsorge
Für den Generalpensionskassenvertrag sprach sich auch der Vertreter der Opposition am Podium, der Grünen-Abgeordnete Markus Koza, aus. Er betonte aber, dass die Übertragung freiwillig bleiben müsse, um den Charakter der Abfertigung als Lohnbestandteil nicht zu verlieren: „Die Abfertigung als private Altersvorsorge ‚umzubestimmen‘, war nicht der Sinn.“
Wondrak selbst betonte seine Wertschätzung des direkten Diskurses mit der Politik, musste den Abgeordneten dann aber doch etwas den Wind aus den Generalpensionskassen-geblähten Segeln nehmen: „Das ist eine technische schnelle Lösung, die in zwei Absätzen im Gesetz gelöst ist, niemandem schadet und freiwillig bleibt. Aber sie bringt auch für keinen Menschen mehr betriebliche Vorsorge.“ Eine größere Verbreitung der Zweiten Säule wäre jedoch wichtig, betonte Wondrak.
Vieles noch im Dunklen
Dem stimmten die Regierungsvertreter am Podium zu, auch wenn sie noch keine genauen Pläne vorlegen konnten und viele Ansätze in den Reformverhandlungen „budgetabhängig“ angedacht werden. Doch hier zeigte sich auch deutlich der Graben zur Opposition. Koza „akzeptiert die Zweite Säule zwar als Realität“, aber eine großflächige staatliche Unterstützung der betrieblichen oder privaten Vorsorge in Form von Steuern, anderen Anreizen oder gar einem Obligatorium solle es nicht geben.
Automatische Reform
Die Aussage der Regierung, dass sie die „größte Pensionsreform der letzten 20 Jahre“ auf den Weg bringen werde, war von der Branche über den Tagungstag verteilt mehrfach belächelt worden. Aber Gasser gab zu bedenken, dass das Kernstück der Reform noch in Verhandlung sei – der Nachhaltigkeitsmechanismus. Erstmals soll damit über eine Legislaturperiode hinaus, ein Automatismus geschaffen werden, der eine Pensionsreform auslöst, sobald bestimmte – noch festzulegende Parameter – nicht mehr erreicht werden. Welche Maßnahmen dann ergriffen werden müssen, ist auch noch in Diskussion.
Viel Skepsis
Doch auch hier zeigte sich die Branche skeptisch. Wondrak merkte an: „Der Nachhaltigkeitsmechanismus ist eine sachlich gute Lösung. Es wird sich jedoch erst zeigen, wie das Gesetz aussieht und ob es im Anlassfall dann nicht vielleicht doch wieder ein Sondergesetz gibt.“ Er referenzierte damit auf einen Vortrag von Thomas Url. Der Wifo-Chefökonom hatte vor Ort dargelegt, dass die Pensionsvalorisierungsformel in 20 Jahren nur zwei Mal so angewandt worden ist, wie vorgesehen. In den restlichen Jahren hatten die Pensionisten höhere Inflationsanpassungen erhalten.
Positives Signal
Trotz aller Verschiedenheiten wurde die Diskussionsrunde dennoch von den Teilnehmern als positives Signal gewertet. Auch Gasser betonte es brauche „einen neuen Diskurs zwischen Pensionskassen und der Regierung.“ Die Einladung von Eder an die Branche, sich mehr in den Reformdialog einzubringen und sie vielleicht im Parlament zu besuchen, wurde begeistert aufgenommen.
Foto: Konsequent Wondrak/Florian Schrötter
Erste Group in Polen: Santander-Kauf ein Coup?
Florian Beckermann. Die Entscheidung der Erste Group, einen 49 %igen Anteil an der Santander Bank Polska für rund 6,8 Milliarden Euro zu erwerben, sorgte für stark hochgezogene Augenbrauen in der Szene. Was lange erwartet wurde, wird endlich gut? Nicht wenige hegen aber auch Zweifel. Ein kritischer Überblick:
1. Strategische Expansion in einem wachstumsstarken Markt?
Fakt ist, die Erste steigert ihre Präsenz in Zentral- und Osteuropa erheblich. Polen gilt als einer der dynamischsten Bankenmärkte Europas, mit stabiler Wirtschaft und attraktiven Margen. Durch die Beteiligung an der drittgrößten Bank mit rund 7,5 Millionen Kunden stärkt sie ihre Position. Ob das starke Wachstum in Polen anhalten wird, ist offen. Der Bankenmarkt ist kompetitiv. Der polnische Regulator beinahe legendär, wenn es um die Wahrung nationaler Interessen gegen ausländische Finanzinstitute geht. Dennoch ist aus strategischer Hinsicht der Schritt nach Warschau unvermeidbar und klares Bekenntnis zur Bankausrichtung.
2. Finanzielle Tragfähigkeit und solide Kapitalbasis?
Die Erste strotzt vor Finanzkraft. Die Finanzierung der Transaktion erfolgt vollständig aus internen Mitteln, unterstützt durch die Streichung eines geplanten Aktienrückkaufprogramms in Höhe von 700 Millionen Euro und einem „Eindampfen“ der Dividende. Für Aktionäre kann dies eine traurige Nachricht sein (obwohl der Aktienkurs zunächst sehr positiv reagierte). Warum keine Kapitalerhöhung angestrebt und die Dividendenstrategie beibehalten wurde, wird zu Diskussionen führen.
3. Bewertung und Renditeaussichten
Der Kaufpreis entspricht dem 2,2-fachen des materiellen Buchwerts der Santander Bank Polska – nicht billig. Dennoch erwartet man eine Kapitalrendite von etwa 11 % im ersten Jahr nach Abschluss der Transaktion. Einstweilen fehlen noch genaue und aktuelle Bewertungsdaten für eine kritische Analyse. Fraglich ist beispielsweise dennoch, welchen Preis pro Kunde die Erste zahlen wird, bzw. ob, durch die Abgabe von Kunden an die Santander Consumer Bank, diese bisher katastrophale Ratio nicht noch schlechter wird. Ferner dürfte jedem im Erste Management klar sein, dass ein schlagendes CHF-Risiko analog zum RBI-Fiasko in Polen sofortige Konsequenzen zur Folge haben wird. Offensichtlichere Learnings aus den Fehlern der Konkurrenz gibt es nicht.
4. Partnerschaft mit Santander
Trotz des Verkaufs bleibt Santander mit einem Anteil von 13 % an der polnischen Bank beteiligt und plant eine strategische Zusammenarbeit im Corporate & Investment Banking, sowie im Zahlungsverkehr. Grundsätzlich eine professionelle Staffelstabübergabe. Dennoch: die Erste hat – auch ohne die 50-%-Schwelle zu überschreiten – die Führung inne. Die Erwartungshaltung richtet sich auf die Kommandos aus Wien. Man fühlt sich an die BCR-Transaktion erinnert. Der damalige Kauf war lang zu verdauen. Das Leben mit Minderheitsaktionären der BCR gehörte dazu.
Fazit: Die Erste stärkt ihre Marktposition in der Zielregion und ihre Kundenbasis erheblich. Strategisch handelt es sich um einen vielfach geforderten Schritt, der sicher positiv zu bewerten ist. Die finanziellen
Konditionen klingen dagegen hart. Doch: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert?“ Diesem Sinnspruch getreu mag man auf die Qualität hoffen, für die Santander nicht immer gestanden hat.
Und bei aller Diskussion darum, in welchen Regionen man vertreten sein mag, zählt am Ende eines: Profit. Daher werden einige die Frage stellen, wäre die Kaufkraft der Erste Group nicht in Deutschland besser aufgehoben gewesen …
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Finanzmärkte zeigen Trump seine Grenzen auf
Erstaunlich robuste Märkte, Indikatoren ergeben ein gemischtes Bild.
(09.05.) Mit erratischen Entscheidungen hält US-Präsident Donald Trump die Investorinnen und Investoren in Atem. Es gibt aber auch leise Hoffnung. Während hinter den Kulissen nahezu weltweit mit den USA über Zölle verhandelt wird, haben die Finanzmärkte in den letzten Tagen eine Robustheit an den Tag gelegt, die viele überrascht hat. Trotz vieler Indikatoren, die infolge des Zollsturms schwächere Wachstumsdaten und sinkende Unternehmensgewinne erkennen ließen, zeigten sich die Finanzmärkte – nach den Turbulenzen Anfang April – wieder erstaunlich standhaft, berichten die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.
Märkte erstaunlich standhaft
Wie stark die Angst unter Anlegern grassierte, zeigt ein Blick auf den „Angst-und-Gier-Index“ des Nachrichtensenders CNN. Anfang April signalisierte dieser „extreme Angst“. Aktuell befindet er sich nur noch knapp im Angst-Bereich. Globale und US-Aktien schlossen die Vorwoche mit Zuwächsen von bis zu 3%, der Dollar legte zu, die Renditen der US-Staatsanleihen stiegen und die Volatilität des VIX-Index an den US-Aktienmärkten gab nach. Auch Gold, ein Gradmesser für die Krisenstimmung, verlor zuletzt nach einem rasanten Anstieg leicht an Wert. Oberflächlich betrachtet war es eine starke Woche für die Anleger- und die Risikostimmung. Auffallend ist im Übrigen, dass nach Daten der US-Banken Goldman Sachs und JPMorgan Kleinanleger nicht die Nerven verloren hatten, sondern zu niedrigen Kursen nachgekauft hatten. „Buy the Dip“ scheint sich unter individuellen Investoren mitunter großer Beliebtheit zu erfreuen.
Gemischtes Umfeld
Das Umfeld könnte derzeit abwechslungsreicher nicht sein. Die US-Wirtschaft ist im ersten Quartal geschrumpft. Es ist der erste Rückgang nach 3 Jahren. Dem standen zum Teil positive BIP-Zahlen aus der Eurozone gegenüber. Renditen und Aktien profitierten in den USA auch von den Beschäftigtenzahlen für April, die zeigten, dass der globale Handelskrieg der Trump-Regierung bislang auf dem US-Arbeitsmarkt noch nicht wesentlich zu spüren ist.
Dutzende von führenden globalen Unternehmen haben ihre Gewinnprognosen für das erste Quartal gesenkt, da die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der US-Zollpolitik groß ist. Noch gibt es aber kaum Hinweise darauf, dass die Handelsunsicherheit die Unternehmen dazu veranlasst, Arbeiter zu entlassen oder die Preise in die Höhe zu treiben.
Japan im Fokus
Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen für die Weltmärkte kam zuletzt aus Tokio, wo die Bank of Japan die Zinssätze wie erwartet unverändert hielt, aber ihre Wachstumsaussichten senkte und ihre Inflationsprognosen senkte. Der Yen stürzte ab, beendete die vergangene Woche aber immer noch im Wesentlichen unverändert.
Wird Trump weniger aggressiv agieren?
An den Märkten wächst die Überzeugung, dass US-Präsident Donald Trump von seinen aggressiveren Zolldrohungen abrücken wird und dass ein aufgeschlosseneres Washington sich mehreren bilateralen Handelsabkommen nähert. Auch die Spannungen mit China könnten sich abkühlen. Die Risiken für das Wachstum und die Märkte bleiben jedoch, es ist weiterhin mit volatilen Wochen und Monaten zu rechnen, nicht zuletzt, da in den USA angesichts der sinkenden Verbraucherstimmung und der steigenden Inflationserwartungen das Gespenst der Stagflation auf dem Horizont aufgetaucht ist.
Am 30. April war Trump 100 Tage im Amt. In seiner ersten Amtszeit hatte US-Präsident Donald Trump in den sozialen Medien regelmäßig die Lorbeeren für den Boom an der Wall Street für sich in Anspruch genommen. Diesmal war er ein wenig kleinlauter, da die Aktien seit seiner Amtseinführung gefallen sind. Die Aktien haben nach dem Kursdesaster, das er mit dem „Liberation Day“ verursacht hatte, nun also einen Teil dieser Verluste wieder wettgemacht. Sollte sich die Erholung fortsetzen, wird sich Trump dies wohl als Erfolg seiner Wirtschaftspolitik auf seine Fahnen heften.
Nordische Nebenwerte: Günstig bewertet und strukturell stark
Ein Marktkommentar von Hans-Marius Lee Ludvigsen, Lead Portfoliomanager bei DNB Asset Management.
(09.05.) In einem Jahr globaler Unsicherheiten, zunehmender Handelsspannungen und steigender wirtschaftlicher Fragmentierung suchen viele Anleger nach einem Hafen, der Renditechancen bietet, aber zugleich Diversifikation und ein gewisses Maß an Abschirmung gegenüber globalen Schocks ermöglicht. Eine Anlageklasse, die bislang wenig im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, erfüllt genau diese Kriterien: nordische Small Caps.
Was zunächst wie eine enge Nische klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als hochinteressanter Markt. Die nordischen Small-Cap-Indizes – allen voran der MSCI Nordic Small Cap – haben seit 1999 jährlich eine Rendite von rund 11 % in Euro erzielt. Damit übertrifft diese Anlageklasse nicht nur nordische Blue Chips, sondern auch globale Small- und Large-Cap-Indizes deutlich. Auch operativ überzeugen die Unternehmen: Mit durchschnittlichen jährlichen Umsatzzuwächsen von 11 % und Gewinnsteigerungen von 17 % zeigt sich eine beeindruckende Wachstumsdynamik. Nicht zufällig werden jährlich rund 40 Unternehmen aus dem Small-Cap-Universum für mehr als 35 Prozent ihres Marktwertes übernommen.
Anders als es der Name vermuten lässt, ist das nordische Small-Cap-Segment breit aufgestellt. In Summe stehen knapp 2.000 börsennotierte Unternehmen aus fünf Ländern zur Auswahl. Die Vielfalt reicht von regionalen Einzelhändlern über spezialisierte Industriebetriebe bis hin zu global agierenden Technologieführern. Die länderspezifischen Sektorunterschiede wirken dabei wie ein natürlicher Hedge: Während Schweden einen Schwerpunkt auf Technologie und Gesundheitswesen legt, finden sich in Norwegen starke Akteure in den Bereichen Energie und Aquakultur. Dänemark ist traditionell stark in Pharma, Finnland in IT und Chemie.
Klare Outperformacne gegenüber europäischen Vergleichswerten
Auch bewertungstechnisch ist die Anlageklasse derzeit so attraktiv wie lange nicht. Nach einer Rallye 2020 und 2021, die Small Caps zwischenzeitlich um 15 bis 20 % teurer als Large Caps machte, kam die abrupte Wende. Seit Februar 2022 haben nordische Nebenwerte stark unterperformt. Das Ergebnis: Small Caps werden aktuell mit einem Forward-KGV von etwa 14 gehandelt – rund 20 % unterhalb der Bewertung von Large Caps (19) und auch unter dem historischen eigenen Schnitt von 15. Trotz eines Marktumfelds mit erhöhten Unsicherheiten bei Gewinnschätzungen wird für viele nordische Small Caps ein durchschnittliches EPS-Wachstum von rund 20 % in den kommenden Jahren erwartet – eine klare Outperformance gegenüber europäischen Vergleichswerten.
Ein weiterer Vorteil liegt in der geringeren globalen Verflechtung vieler Unternehmen. Während große Konzerne stark von internationalen Lieferketten und Märkten abhängig sind – und damit anfällig für Zölle, wie sie aktuell wieder in den USA drohen – sind viele nordische Nebenwerte auf ihre Heimatmärkte konzentriert. Das bedeutet nicht Isolation, sondern eine strukturelle Robustheit. Gerade Konsumgüterunternehmen wie Humble Group, Byggmax, Clas Ohlson oder Kid setzen auf eine klare Fokussierung auf die nordischen Verbraucher. Auch Bau- und Infrastrukturzulieferer wie Instalco, Bravida oder Inwido bedienen primär Nordeuropa. Selbst international aktive Unternehmen wie Camurus oder Sectra – aus dem Biotech- bzw. Medtech-Bereich – punkten mit führenden Nischenstellungen, die ihnen Preissetzungsmacht und Resilienz verleihen.
Attraktiver Markt für Stockpicker
Dass sich hier ein Markt für aktive Stockpicker auftut, zeigen auch die Analysezahlen. Während Large Caps im Schnitt von 16 Analysten begleitet werden, liegt der Wert bei Small Caps bei nur drei. Entsprechend höher ist die Chance, durch detaillierte Unternehmensanalyse unterbewertete Titel zu identifizieren. Tatsächlich steigen in einem durchschnittlichen Jahr rund 16 % der nordischen Small-Cap-Aktien um mehr als 50 %. Fondsmanager mit lokalem Know-how können zudem in IPOs oder Kapitalerhöhungen investieren – Gelegenheiten, die institutionellen Anlegern oft vorbehalten bleiben.
Gerade im aktuellen Umfeld – mit schwankenden Zinsen, nervösen Märkten und geopolitischer Unsicherheit – bietet der nordische Small-Cap-Markt ein seltenes Gesamtpaket: starke Fundamentaldaten, günstige Bewertungen, regionale Diversifikation und strukturelle Abschirmung. Während viele große Märkte mit Bewertungsrisiken und politischen Unsicherheiten kämpfen, könnten die Börsen in Stockholm, Helsinki, Oslo und Kopenhagen zur stabilen Ertragsquelle der nächsten Jahre werden.
Werden Rüstungsaktien in ESG-Fonds salonfähig?
Kategorischer Ausschluss von Rüstung und Waffen aus „grünen“ Investments wackelt.
Andreas Dolezal. Im Sinne der ESG-Kriterien (Umwelt, Gesellschaft und gute Unternehmensführung) gelten Investments in die Rüstungs- und Waffenindustrie als „socially harmful“ (deutsch: sozial schädlich) und sind daher kategorisch ausgeschlossen. Neben menschlichem Leid verursachen Panzer und Raketen auch massive Umweltschäden, und der Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur erzeugt enorme CO2-Emission. Doch anhaltende geopolitische Krisen und der neue Stellenwert von Verteidigungsfähigkeit führen zu einem Überdenken dieses Ausschlusses.
Dilemma der Finanzbranche
Hersteller von Waffen, Munition und Kriegsgeräten gelten bei der „grünen“ Kreditvergabe und Geldanlage (noch) als No-Go. Nicht nur die regulatorischen Vorgaben gemäß den ESG-Faktoren verhindern das Investment, auch die Reputation des Kapitalgebers leidet. Welcher Anleger vertraut sein Geld gerne Banken und Fondsmanagern an, die in Rheinmetall (Panzer), BAE Systems (Eurofighter) oder General Dynamics (Hubschrauber und Raketen) investieren? Nicht nur nachhaltig orientierte Investoren haben ethische Bedenken. Doch Ukraine- und Gaza-Konflikt, russische Aggressionen und das mögliche Aus des US-amerikanischen Beitrags zur europäischen Sicherheit führen dazu, dass die Finanzierung der europäischen Rüstungsindustrie neu gedacht wird. Bereits Ende 2022 stellte die EU-Kommission fest, dass die Verteidigungsindustrie zur Sicherheit der europäischen Bürger beiträgt und daher Zugang zu Finanzmitteln auch aus dem privaten Sektor haben sollte.
Ausschluss wackelt
Ende April berichteten Branchenmedien, dass namhafte Asset Manager, wie der zur Deutschen Bank gehörende Vermögensverwalter DWS und Allianz Global Investors, Rüstungstitel in nachhaltigen Fonds und ETFs erlauben wollen. Dazu kommt, dass gerade diese Werte unter dem Gesichtspunkt der Performance attraktiv sind. Im aktuell schwierigen Börsenumfeld ist das ein gewichtiges Argument für viele Investoren und Asset Manager.
Kritik aus der ESG-Branche
Mitglieder des Forums Nachhaltige Geldanlagen FNG positionieren sich gegen die uneingeschränkte Aufnahme von Rüstungskonzernen aus aller Welt in nachhaltige Finanzprodukte. Die Notwendigkeit der Rüstungsfinanzierung begründe keine Nachhaltigkeit, meinen die unterzeichnenden Banken.
Auch der österreichische Verein für Konsumenteninformation VKI, der im Auftrag des Klimaministeriums für das Umweltzeichen für Nachhaltige Finanzprodukte verantwortlich ist, hält am strikten Ausschluss von Waffen und Rüstung fest.
Ein ESG-Siegel für Rüstungsaktien schließen beide aus.
Glaubwürdigkeit leidet
Ob es der Glaubwürdigkeit nachhaltiger Finanzströme und Finanzprodukte dient, wenn die Rüstungsindustrie als vereinbar mit den ESG-Kriterien angesehen wird, ist mehr als zweifelhaft. Das Spannungsfeld bleibt jedenfalls weiterhin bestehen, denn das Wiedererlangen der europäischen Verteidigungsfähigkeit wird sehr viel Geld kosten.
Foto: AdobeStock / Andrii Fanta
Ohne Kapitalmarkt geht es nicht
Boschan und Felbermayr nehmen sich kein Blatt vor den Mund.
Tibor Pásztory. Im Rahmen der diesjährigen Bilanzpressekonferenz der Wiener Börse setzten CEO Christoph Boschan und Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr unmissverständliche Worte an die österreichische Bundesregierung sowie die Europäische Union. Während es bei ersterer hauptsächlich um die Berücksichtigung des Kapitalmarktes bei der Altersvorsorge ging, wurde die EU deutlich eines „Regulierungstsunamis“ geziehen: „Wie oft habe ich eigentlich schon aus Brüssel über das Vorhaben gehört, die Kapitalmarktregularien zu entbürokratisieren? Für jede neue Regel sollte eine alte gestrichen werden, hieß es, aber nichts ist geschehen!“, äußert sich Boschan durchaus eindeutig über sein, wie er es nennt, „Leib- und Magenthema“. Dabei hält er einen Austausch eins zu eins sowieso für sinnlos, denn jeweils nur eine Regel zu streichen, brächte sowieso nicht viel. Als logische Konsequenz fordert Boschan ein Regulierungsmoratorium, also null neue Regeln.
Nicht im Regierungsprogramm
Freilich sieht auch der Börsen-CEO die Notwendigkeit einheitlicher Regulatorik im EU-Raum. Ohne Harmonisierung gäbe es für mittlere oder kleinere Börsen wie Wien bzw. Prag (eine Tochter der Wiener Börse) kein Überleben. „Niemand ist international an österreichischen Sonderregulierungen interessiert!“, fasst er knapp zusammen. Was die neue Österreichische Bundesregierung anbelangt, gibt sich Boschan deutlich milder. Zwar hätte er schon an die zehn Finanzminister erlebt, die nicht gerade durch großes Interesse am heimischen Kapitalmarkt aufgefallen seien, aber mit der aktuellen Regierung fänden immerhin Gespräche statt. Trotzdem kommt er nicht um eine Kritik am Regierungsprogramm herum, in dem sich nur ein kümmerlicher Absatz zum Thema Kapitalmarkt finden lässt (wie auch der Börsen-Kurier schon mehrfach kritisiert hat): „In diesem möge man beachten, was darin nicht steht.“ Höflich zusammengefasst hält Boschan fest: „Der Kapitalmarkt hält zahlreiche Hebel bereit, damit Österreich noch mehr Potenzial entfalten kann, der politische Wille ist entscheidend.“
Internationale Best-Practice-Beispiele
Auch Felbermayr stößt in das gleiche Horn und präsentiert die zentralen Erkenntnisse neuester Wifo-Berechnungen, die Kapitalismuskritikern durchaus aufstoßen sollten, denn ein Ausbau der betrieblichen Altersversorgung unter Berücksichtigung des Kapitalmarktes würde Altersarmut und die Einkommensungleichheit der verschiedenen Bevölkerungsschichten durchaus bekämpfen. Wie schon andere Experten vor ihm (etwa Eco-Austria-Direktorin Monika Köppl-Turyna, Ex-Erste-CEO Andreas Treichl oder VIG-CEO Hartwig Löger) verweist auch er auf Best-Practice-Beispiele aus Dänemark, Schweden und den Niederlanden. In allen drei genannten Staaten werde die staatliche Daseinsvorsorge durch den Kapitalmarkt für alle gewinnbringend ergänzt. So machen alleine die bescheidenen 2,5 % des Bruttoeinkommens, die in Schweden in kapitalgedeckte Pensionsfonds investiert werden, einiges aus – zum Wohle der Pensionisten wie der Staatskasse. „Österreich hat eine im internationalen Vergleich unterentwickelte zweite Säule der Altersversorgung“, zitiert Felbermayr. Insgesamt mache die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Österreich nur 6,9 % des BIP aus, im OECD-Durchschnitt jedoch 86,7 % (sic!).
Rekordergebnis bei Wiener Börse
Die Frage der Altersversorgung stellt nur eine von vielen Herausforderungen dar, die unter Hinzuziehung des Kapitalmarktes gelöst werden könnte. Auch die Gründung eines international investierenden Staatsfonds wäre für den heimischen Kapitalmarkt belebend, so Boschan.
Als erfreulich erweist sich die zunehmende Akzeptanz von Aktien in Österreich, denn immerhin 30 % der Bevölkerung besäßen bereits Aktien (in anderen Ländern freilich noch viel mehr). Aus diesem Grunde konnte die Wiener Börse AG 2024 mit einem Jahresumsatz von 81,8 Millionen Euro und einem Ergebnis vor Steuern von 50,1 Millionen Euro auch Rekordgeschäftszahlen erzielen. Kerngeschäft bleibt dabei der Aktienumsatz in Höhe von 74 Milliarden Euro, wobei der heimische Aktienmarkt durch Dividendenstärke glänzt. Dividenden eingerechnet habe der ATX am 6. März 2025 die 10.000-Punkte-Marke überstiegen. „Das ist die Realität“, so Boschan.
Foto: Wiener Börse/Alexander Felten
Indiens Wirtschaft boomt
Für Anleger eröffnen sich vielfältige Investitionsmöglichkeiten.
Michael Kordovsky. Indien erlebt einen bemerkenswerten Wirtschaftsaufschwung, der sowohl durch robuste makroökonomische Fundamentaldaten als auch durch dynamische Branchen wie IT und Pharmazie getragen wird.
Starkes Wachstum und aufstrebende Mittelschicht
Laut aktuellen Schätzungen des IWF wuchs Indiens Wirtschaft 2024 um 6,5 %, und für 2025, 2026 und 2027 werden 6,2 %, 6,3 % sowie 6,5 % erwartet. Vor allem im Bereich Infrastruktur ist das Land in einem raschen Wandel: Seit 2014 wurde das Autobahnnetz um 60 % erweitert und das Eisenbahnnetz täglich um 7,9 Kilometer ausgebaut. Auch die Hafenkapazität und die Anzahl der Flughäfen wurden verdoppelt. Und bis 2047 will die Regierung jährlich 3,4 % des BIP in die Infrastrukturentwicklung investieren.
Die indische Mittelschicht ist von 19 % im Jahr 2015 auf 32 % im Jahr 2024 angewachsen und wird Prognosen zufolge bis 2030 rund 47 % der Bevölkerung ausmachen. Laut Internationalem Währungsfonds dürfte das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bis 2047 um etwa 60 % auf 4.280 USD (3.795 Euro) steigen.
Mit diesem wirtschaftlichen Aufstieg verändert sich auch das Konsumverhalten: Es zeigt sich eine wachsende Offenheit für neue Trends in Bereichen wie Wohnen, Mode, Kunst und Kultur. Importierte Konsumgüter erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, Einkaufszentren und Supermärkte gehören längst zum Alltag.
Fonds und ETFs
Indien profitiert zunehmend auch vom anhaltenden Outsourcing. In diesem Bereich ist Indiens IT-Branche schon seit den 1990ern gut positioniert. Weiteres Wachstum wird prognostiziert.
Der MSCI India Index (in USD gerechnet) hat in den vergangenen Jahren seinen Anstieg beschleunigt. Per 30. April 2025 steht eine 10-Jahres-Performance von 7,9 % p.a. einer 5-Jahres-Performance von 17,2 % gegenüber. Da Einzelaktien aus Indien tendenziell spekulativ sind, sollte der Markt aber über Fonds bzw. Exchange Traded Funds (ETFs) abgedeckt werden.
Der ETF-Klassiker mit fast 4,8 Milliarden Euro Volumen ist der „iShares MSCI India UCITS ETF USD“. Per 31. März ist der Finanzsektor mit 29,4 % am stärksten gewichtet, gefolgt von Basiskonsumgütern und IT mit 12,2 bzw. 10,5 %. Eine Alternative ist der „Franklin FTSE India UCITS ETF“, der den „FTSE India 30/18 Capped Index“ abbildet, aber auch sehr ähnlich verläuft.
Stärkere Abweichungen – auch nach oben – bieten indessen einschlägige Indien-Fonds: Ein Beispiel ist der „Nomura Funds Ireland – India Equity Fund A EUR“, der laut Datenerhebung am 8. April auf 10-Jahressicht mit 11,7 % p.a. im Plus liegt – und auf fünf Jahre sogar 20,1 %. Das Produkt ist auf 40 bis 50 Werte eines fundamental orientierten Management-Teams fokussiert, das auch die Unternehmen vor Ort besucht. Zu den Top-Positionen zählen ICICI Bank, HDFC Bank, Ultratech Cement und Infosys.
Ein weiterer Top-Performer ist der „Robeco Indian Equities (EUR) F“, der auf zehn Jahre mit 10,9 % p.a. im Plus liegt und es in fünf Jahren auf 20,8 % brachte. Dieser nimmt ebenfalls eine fundamentale Selektion vor und berücksichtigt neben Large-Caps auch Mid-Caps. Zu den Top-Positionen zählen unter anderem die ICICI Bank, Bharti Airtel (Kommunikationsdienstleister) und Reliance Industries (Energie).
Foto: AdobeStock / N7
Kanadas neuer Premier schafft Umwelt-Steuern ab
Carney will die Wirtschaft ankurbeln, auch um Trump die Stirn zu bieten.
Roman Steinbauer. Der am 14. März als Nachfolger von Justin Trudeau angetretene kanadische Premierminister Mark Carney schaffte als erste aufsehenerregende Amtshandlung schon am 1. April die CO2-Steuern für Verbraucher per Ministerrichtlinie ab.
Laut deutscher Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes, Germany Trade & Invest (GTAI), verabschiedete der flächenmäßig zweitgrößte Staat bis 2023 mit dem „Greenhouse Gas Pollution Act“, dem „Impact Assessment“ und dem „Canadian Net-Zero Emissions Accountability Act“ drei Gesetze zum Klimaschutz. Dabei hatte jedes Territorium die Möglichkeit, ein System zu etablieren, das mit den Zielen des Bundes konform geht. Für alle Provinzen, die dem nicht nachkamen, trat ein CO2-Preissystem des Bundes in Kraft. Belastungen, die die Konsumenten betreffen, wurden nun jedoch annulliert.
Wirtschaft ankurbeln, um Trump die Stirn zu bieten
In einer Zeit, in der ein US-Präsident Kanada mit seinen 9.985 Mio km² (somit flächenmäßig größer als die Vereinigten Staaten selbst) skurriler Weise als 51. Bundesstaat in die Vereinigten Staaten eingliedern will, zeigt sich nun: Carneys Weg ist keineswegs „grün“, die Stimulierung der Wirtschaft ist vorrangig, die Abgrenzung zu Donald Trump indes dennoch eindeutig.
Im Magazin The European führte der Herausgeber Ansgar Graw (Graw ist unter anderem für die Konrad-Adenauer-Stiftung tätig) vor allem eine, alles überlagernde Ursache für Carneys Sieg gegen seinen konservativen Konkurrenten Pierre Poilievre an. Der Autor, der kürzlich sein Buch „Trump, Chancen und Risiken für Amerika und die Welt“ veröffentlichte, führt Carneys Wahlsieg auf dessen unmissverständliche, harte Wortwahl nach Trumps Zoll-Ankündigungen zu Ungunsten der kanadischen Autozulieferindustrie zurück. Nach Ansicht Graws verfingen sich die prägnanten Ansagen des als „ideologiefrei“ bezeichneten ehemaligen Gouverneurs der Bank of England – wie „die Vereinigten Staaten sind für uns kein verlässlicher Handelspartner mehr“ – in den Köpfen der Wähler.
Zu Sätzen wie „die bisher vertiefte Integration zu den USA ist vorbei“ bot der 60jährige darüber hinaus einen Pfad an, der eine Annäherung an Europa versprach und ergänzte: „Unsere Handelsbeziehungen werden sich in einem zuvor nicht für möglich gehaltenen Tempo auf andere Felder ausrichten. Wir werden unser Land verteidigen.“
Noch keine Belebung erkennbar
Die jüngsten Daten für Kanada nehmen sich durchwachsen aus. So meldete das staatliche Statistikamt in Ottawa für April gegenüber dem Vormonat ein zartes BIP-Wachstum von 0,1 %, das einem Rückgang im März (-0,2 %) folgt. Die Kern-Inflationsrate (ohne die volatilen Energiepreise) kam im März im Vergleich zum Vorjahresmonat bei +2,2 % zu liegen, befindet sich damit aber über dem Niveau der letzten drei Quartale 2024. Die Arbeitslosenrate (das Statistikamt erhebt die Quote jener Menschen, die aktiv Arbeit suchen) wurde für März mit 6,7 % ausgewiesen, steigt somit seit zwei Jahren kontinuierlich an. Im Einzelhandel konnte (nach drei aufeinander folgenden Monaten mit Minuszeichen) wieder eine Belebung zur Vorperiode um 0,7 % verzeichnet werden. Wie in Mitteleuropa drücken jedoch steigende Lohnkosten, die im Februar (diese Erfassung hinkt stets nach) mit +5,4 % deutlich anzog.
Relevant für das ressourcenreiche Land ist stets die Preislage der Rohwaren. Der Rohstoffindex (RMPI), der die Einkaufspreise für Produzenten misst (ebenso ein Inflationsindikator), ermäßigte sich im März um 1,0 % (M/M). Die Bank of Canada senkte seit März 2024 die Zinssätze in der Spitze bei 5,0 % auf aktuell noch 2,75 %.
Foto: Pixabay / Geralt
Wandelanleihen: Warum sie jetzt wieder an Bedeutung gewinnen
Experte Andrew Raab über Vor- und Nachteile der Assetklasse.
Wandelanleihen erleben ein Comeback. In einem Umfeld bereits deutlich gefallener Zinsen, moderater Inflation und wachsender Hoffnung auf eine „sanfte Landung“ der Weltwirtschaft rücken sie erneut in den Fokus vieler Anleger. Der Börsen‑Kurier hat mit Andrew Raab, Portfoliomanager und Analyst im Global Convertibles Team bei Lazard Asset Management, gesprochen – und seine Einschätzungen zeigen, warum diese hybride Anlageklasse gerade jetzt strategisch spannend ist.
Warum Unternehmen Wandelanleihen begeben
Unternehmen nutzen Wandelanleihen aus mehreren Gründen – und Raab bringt es klar auf den Punkt: „Ein Vorteil für Emittenten von Wandelanleihen sind niedrigere Zinskosten.“ Denn im Gegenzug für die eingebettete Option, die Wandelanleihe in Aktien des gleichen Unternehmens umzuwandeln, nehmen die Käufer von Wandelanleihen niedrigere Kuponsätze in Kauf. Es überrascht nicht, dass angesichts des im Vergleich zum letzten Jahrzehnt höheren Zinsniveaus die Emissionstätigkeit in dieser Assetklasse zugenommen hat.
Da Investoren im Gegenzug die Option erhalten, die Anleihe später in Aktien umzuwandeln, akzeptieren sie niedrigere Kupons.
Raab betont zudem zwei weitere Motive für Unternehmen:
- Diversifikation der Anlegerbasis
- „Eine Art verzögertes Aktieninvestment“, wie er es nennt, da im Geld liegende Wandelanleihen bei Fälligkeit oft in Aktien zurückgezahlt werden.
Damit sind Wandelanleihen für Unternehmen ein flexibles Finanzierungsinstrument: günstiger als reine Anleihen und weniger verwässernd als eine sofortige Aktienemission.
Risiken für Investoren: Kredit, Duration – und Aktienbezug
Für Anleger sind Wandelanleihen ein Hybrid: Sie tragen Merkmale von Unternehmensanleihen, aber auch von Aktien.
Raab erklärt: „Wandelanleihen sind Unternehmensanleihen, was bedeutet, dass sie einem Durations- und Kreditrisiko ausgesetzt sind.“
Gleichzeitig reagieren sie auf Aktienbewegungen – allerdings nicht linear. Die Sensitivität hängt davon ab, wie nah der Aktienkurs am Wandlungspreis liegt.
Diese Dynamik ist ein Kernmerkmal der Assetklasse:
- Steigende Aktienmärkte: hohe Partizipation
- Risk‑off‑Phasen: Abwärtsrisiken werden durch den Anleihecharakter abgefedert
Raab fasst es so zusammen: Wandelanleihen bieten „einen wichtigen Schutz nach unten“, ohne die Chance auf Aktiengewinne zu verlieren.
Zinsen, Konjunktur und das „Goldilocks“-Szenario
Das makroökonomische Umfeld spielt Wandelanleihen direkt in die Karten.
Die großen Zentralbanken – Fed, EZB, BoE – haben ihre Zinssenkungszyklen 2024 begonnen und 2025 fortgesetzt. 2026 befinden sich die Kapitalmärkte nun in einer Phase stabiler, moderat niedriger Zinsen, nachdem die Inflation in den meisten Industrieländern wieder nahe den Zielwerten liegt.
Andrew Raab beschreibt die Wirkung dieser Entwicklung so: „Ähnlich wie bei anderen Unternehmensanleihen dürften niedrigere Zinssätze aufgrund des Durationsrisikos den Anleihenwert einer Wandelanleihe erhöhen.“
Gleichzeitig betont er, dass die Zinsen auch die Aktienseite beeinflussen – und genau hier zeigt sich 2026 ein entscheidender Punkt: Mid‑Cap‑ und Wachstumsunternehmen, traditionell wichtige Emittenten von Wandelanleihen, haben sich nach den Zinssenkungen der vergangenen zwei Jahre deutlich erholt. Raab verweist darauf, dass diese Unternehmen historisch eine hohe Korrelation zu den Zinssätzen aufweisen und daher besonders stark von einem Umfeld profitieren, in dem die Finanzierungskosten sinken und Investitionen wieder zunehmen.
Die Zentralbanken haben ihren Fokus inzwischen klar auf Wachstum und Beschäftigung verlagert. Die Kombination aus rückläufiger Inflation, stabilisierten Lieferketten und vorsichtig optimistischer Konsumentwicklung erhöht die Wahrscheinlichkeit einer „sanften Landung“ weiterhin. Raab formuliert es so: Mit Wandelanleihen können Anleger an diesem „Goldilocks“-Szenario teilhaben – also einem Umfeld, das weder zu heiß (Inflation) noch zu kalt (Rezession) ist. Gleichzeitig bleiben sie im Falle neuer Wachstumsbedenken besser geschützt als mit einem reinen Aktieninvestment.
Vergleich zu Aktien und Corporate Bonds: Wo Wandelanleihen glänzen
Wandelanleihen sind kein Ersatz für Aktien oder Anleihen – sie sind eine eigene Kategorie mit einem „einzigartigen Auszahlungsprofil“, wie Raab betont.
Die Vorteile von Wandelanleihen im Überblick
- Defensiveres Aktienengagement Trotz der typischen Emittentenstruktur (Mid Caps, Growth) bieten Wandelanleihen ein stabileres Risikoprofil.
- Positive Wirkung von Volatilität „Eine erhöhte Volatilität kann den Wert einer Wandelanleihe steigern.“ Ein Vorteil, den klassische Anleihen nicht haben.
- Sektordiversifikation Rund 60 % der Emittenten geben ausschließlich Wandelanleihen aus. Besonders stark vertreten:
Technologie, Biotechnologie, Nicht‑Basiskonsumgüter. - Defensiveres Kreditprofil Seit 2000 gab es 44 % weniger Ausfälle als bei High‑Yield‑Anleihen. Dennoch werden Wandelanleihen aktuell mit einem deutlichen Creditspread‑Aufschlag gehandelt – ein potenziell attraktives Bewertungsniveau.
Wie Privatanleger investieren können
Für europäische Anleger führt der Weg meist über UCITS‑Fonds.
Raab betont, dass die Assetklasse technisch anspruchsvoll ist: „In Anbetracht der technischen Aspekte […] bietet sich in der Regel ein aktiver Managementansatz an.“
Lazard setzt dabei auf ein spezialisiertes Team und verschiedene Strategien. Ein Beispiel ist der Lazard Convertible Global Fund (ISIN: FR0000098683), der global in Wandelanleihen investiert.
Fazit: Wandelanleihen sind zurück – das Umfeld spielt ihnen in die Hände
Wandelanleihen haben sich im aktuellen Marktumfeld als bemerkenswert robuste und zugleich chancenreiche Anlageklasse erwiesen. Nach zwei Jahren globaler Zinssenkungen, einer weitgehend normalisierten Inflation und einer stabileren wirtschaftlichen Grunddynamik profitieren sie heute gleich doppelt: von der Aufwertung ihrer Anleihekomponente und von der Erholung jener Mid‑Cap‑ und Wachstumsunternehmen, die traditionell zu den wichtigsten Emittenten zählen. Gleichzeitig bleiben die Creditspreads weiterhin attraktiv, da viele Wandelanleihen trotz ihres historisch defensiveren Profils mit einem deutlichen Aufschlag gegenüber vergleichbaren Nominalanleihen gehandelt werden.
Damit verbinden Wandelanleihen 2026 ein seltenes Profil: Sie ermöglichen Anlegern die Teilnahme an einem konstruktiven Marktumfeld, das von moderatem Wachstum, sinkenden Finanzierungskosten und einer vorsichtig optimistischen Stimmung geprägt ist, bieten aber zugleich einen strukturellen Puffer gegen mögliche Rückschläge. Die Kombination aus asymmetrischem Renditepotenzial, sektoraler Diversifikation und einem im historischen Vergleich niedrigen Ausfallrisiko macht sie zu einem Instrument, das in vielen Portfolios wieder eine strategische Rolle einnimmt.
Autor: Marius Perger
Foto: Lazard
Dieser Artikel könnte Sie auch interessieren:
Wandelsanleihen 2026: Stabil und mit starkem Wachstum
Karl-Heinz Grassers dickes finanzielles Ende für Österreich.
Die Erkenntnis, sich etwas verrannt zu haben, mag auch in der EU-Kommission gereift zu sein.
Florian Beckermann. Wer alt genug ist und sich für Wirtschaft und Politik interessiert, kam am sogenannten „Buwog-Prozess“ gar nicht vorbei. „Buwog“ genannt, da es um Straftaten rund um Veräußerung der staatlichen „Bundeswohnbaugesellschaft“ gleichen Namens ging – nach einem Börsengang 2014 gehört die Gesellschaft heute der deutschen Vonovia SE.
Seinerzeit erfolgte der Verkauf im Rahmen eines vermeintlich geheimen Bieterverfahrens an ein „Österreich“-Konsortium aus Immofinanz AG u.a. um genau eine Million Euro mehr (961 Millionen Euro) als das zweithöchste Gebot der CA Immobilien Anlagen AG. Kurz: Allein diese Preisnähe ließ die Wahrscheinlichkeit eines „Zufallstreffers“ auf Lotto-Jackpot-Niveau fallen. Nicht nur gelernte Österreicher verorteten die Mischung aus krimineller Energie und Geiz. Es mag den Verdacht der absoluten Schieflage noch erhärtet haben, dass mit diesem Preis 60.000 Wohnungen mit einem Quadratmeterpreis von rund 594 Euro verkauft wurden, obwohl schon damals ungefähr das Doppelte am Markt üblich war. Beide Bieter witterten ein gutes Geschäft. Die Republik schluckte wohl einen Schaden von mehr als einer Milliarde. Doch damit nicht genug.
Ab 2009 kamen weitere Beweise hinzu, die aus dem Verdacht viele Jahre später nun zur Verurteilung des ehemaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser führten. Die glaubhafte „Umkehr“ des Mittäters Peter Hochegger wird dazu seinen Beitrag geleistet haben – andernfalls wäre ein solcher Urteilsspruch über einen ehemaligen Finanzminister allein auf Indizien nicht nur in Österreich ein juristischer Stunt geworden. Mit dem Urteil wegen Veruntreuung und Geschenkannahme durch Beamte ist strafrechtlich festgestellt, dass zum Schaden der Republik gehandelt worden ist – der zumindest die „Provision“ zugestanden hätte. Grasser muss die Haft antreten und hat Privatinsolvenz erklärt. Für ihn kommt das dicke Ende bereits jetzt.
Doch gibt es auch andere Geschädigte? Voluminös ist der Schadensersatzanspruch der CA Immo gegen die Republik von rund 1,9 Milliarde Euro (ein Betrag, den Finanzminister Markus Marterbauer wohl nicht im Budgetdefizit berücksichtigt hat). Wie angedeutet, machte Immofinanz mit dem Verkauf wenige Jahre später wohl den besten Deal der
Unternehmensgeschichte. Ein Deal, den die CA Immo hätte machen können, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Grassers endgültiges Urteil hilft der zivilrechtlichen Durchsetzung gegen die Republik natürlich weiter.
Ein ganz dickes Ende für den Steuerzahler droht. Insbesondere mit der Einrede der Verjährung kann man dagegen argumentieren – dünnes Eis. Zusätzlich kann man, wie üblich, die praktischen Schwierigkeiten der Herleitung des entgangenen Gewinns ausdiskutieren – mühsam, aber machbar. Doch wie steht die Republik da, wenn selbst erwiesenes kriminelles Verhalten seitens der Amtsträger nicht zum Schadensersatz führt? Muss der Staat für die Mauscheleien der Amtsträger haften? Es geht mal wieder um die Glaubwürdigkeit der Republik und seiner Beteiligung am freien Wirtschaftsmarkt. Nichts weniger.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Europaweiter Anstieg der Pleiten
Im Jahr 2024 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Westeuropa erneut deutlich gestiegen. Das zeigt eine ak-tuelle Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung. Demnach erhöhten sich die Fallzahlen gegenüber dem Vorjahr um 12,2 Prozent auf insgesamt 190.449 Fälle (2023: 169.792) – der höchste Stand seit 2013.
(06.05.) „Drei Jahre Stagnation und wirtschaftliche Flaute haben nicht nur Deutschland im Griff. Europa leidet insgesamt unter einer schwachen konjunkturellen Entwicklung. Der deutlich verschärfte Wettbewerb hat zu einem signifikanten Anstieg der Insolvenzen geführt. Die Pleiten sind auch mitnichten reine Nachholeffekte aus der Coronazeit. Seit dem bisherigen Tiefpunkt im Jahr 2021 ist die Zahl der Firmenpleiten in Westeuropa um fast 70 Prozent gestiegen – und ein weiterer Anstieg zeichnet sich ab“, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung in Neuss.
„Hohe Zinsen, steigende Energiepreise, eine insgesamt schwache Nachfrage sowie geopolitische Unsicherheiten belasteten die Stabilität vieler Unternehmen. Besonders betroffen waren kleine und mittlere Betriebe, die oft nur über geringe finanzielle Rücklagen verfügen“, ergänzt Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform in Österreich.
Breiter Anstieg in nahezu allen Ländern
In 15 der 17 untersuchten westeuropäischen Staaten nahmen die Insolvenzzahlen zu. Lediglich in Dänemark und Großbritannien wurden Rückgänge verzeichnet. Be-sonders stark fiel der Anstieg in Griechenland (plus 42,5 Prozent), Irland (plus 32,0 Prozent) und den Nieder-landen (plus 31,7 Prozent) aus. Auch in den großen Volkswirtschaften Deutschland (plus 22,5 Prozent), Frank-reich (plus 17,4 Prozent) und Italien (plus 8,9 Prozent) wurde ein deutlicher Zuwachs registriert. In fast allen untersuchten Ländern liegen die aktuellen Fallzahlen inzwischen klar über dem Niveau von 2019, das als Vergleichs-größe aus der Zeit vor der Corona-Pandemie dient.
„Mit dem Auslaufen der pandemiebedingten Sonderrege-lungen hat sich der erwartete Nachholeffekt eingestellt. Dass die Zahl der Insolvenzen inzwischen deutlich über dem Vor-Corona-Niveau liegt, hängt jedoch auch mit einer Reihe anhaltender Krisen und struktureller Versäumnisse der Vergangenheit zusammen. Die Unternehmen haben kaum Gelegenheit sich zu erholen und weiterzuentwickeln“, erklärt Hantzsch.
Baugewerbe besonders betroffen
Am stärksten betroffen war 2024 das Baugewerbe, das einen Zuwachs von 15,4 Prozent verzeichnete. Steigende Baukosten, hohe Finanzierungskosten und eine schwächelnde Nachfrage erhöhten den wirtschaftlichen Druck auf die Branche. Auch im Dienstleistungssektor nahm die Zahl der Insolvenzen mit plus 14,2 Prozent überdurch-schnittlich zu. Im Verarbeitenden Gewerbe schwächte sich der Anstieg gegenüber dem Vorjahr auf plus 9,3 Prozent ab (Handel plus 8,1 Prozent).
„Das Baugewerbe zählt zu den Hauptleidtragenden der aktuellen Wirtschaftsschwäche. Bereits in den vergangenen Jahren ist der Anteil dieses Sektors am Insolvenzgeschehen gestiegen. Inzwischen entfällt nahezu jede fünfte Unternehmensinsolvenz in Westeuropa auf diesen Be-reich“, so Weinhofer. Der Anteil des Handels hingegen sei leicht auf 30,0 Prozent zurückgegangen – ein Hinweis auf eine beginnende Konsolidierung in dieser Branche.
Entwicklung in Mittel- und Osteuropa
Auch in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen, wenngleich die Fallzahlen in vielen Fällen noch unter dem Niveau von 2019 liegen. Besonders deutlich war der Anstieg zuletzt in Polen, Lettland, Slowenien, Litauen und Estland. Ein starker Rückgang in Ungarn beeinflusste jedoch das Gesamt-bild spürbar: Mit 39.681 registrierten Fällen lag die Gesamtzahl der Insolvenzen in Osteuropa dadurch deutlich unter dem Vorjahreswert von 64.917.
In der Türkei stieg die Zahl der Unternehmensaufgaben um 20,9 Prozent auf 32.591 Fälle. Das war der sechste Anstieg in Folge. Ein starker Zuwachs wurde hier im Handel verzeichnet.
„Häufige Ursachen für Unternehmensinsolvenzen in Ost-europa sind schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Finanzierungschwierigkeiten, gestiegene Kosten so-wie eine schwache Kaufkraft“, ergänzt Hantzsch.
Steigende Insolvenzzahlen in den USA
In den Vereinigten Staaten nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zu – um 16,6 Prozent auf 30.009 Fälle. Trotz eines moderaten Wirtschaftswachstums belasteten weiterhin hohe Zinsen und zurückgehende Konsumaus-gaben die Unternehmen. Die Fallzahlen blieben aber unter dem Vor-Corona-Niveau. Noch 2018 und 2019 wur-den in den USA jeweils fast 40.000 Unternehmensinsolvenzen registriert.
Private Equity Investment Outlook Q2 2025: In unsicheren Zeiten sind kleine Unternehmen attraktiv
Ein Kommentar von Dr. Nils Rode, Chief Investment Officer, Schroders Capital.
(30.04.) Trotz der zunehmenden Unsicherheit aufgrund weitreichender politischer Veränderungen in den USA bleibt unser Ausblick für Private Equity positiv. Anleger sollten sehr selektiv bleiben und auf eine Diversifizierung über Strategien und Portfoliounternehmen hinwegsetzen, um sich in einem volatileren Markt effektiv zu positionieren.
Die politischen Veränderungen in den USA und die Unsicherheiten in Bezug auf KI-getriebene Investitionen, wie sie DeepSeek aufzeigt, haben die Volatilität an den Märkten mit notierten Papieren verstärkt. Diese Entwicklungen bergen erhebliche Risiken für das Wirtschaftswachstum, die Inflation und die Zinsen. Vor diesem Hintergrund sollten sich Anleger auf Private-Equity-Strategien konzentrieren, die Merkmale wie günstige Einstiegsbewertungen, ein Engagement auf dem Inlandsmarkt und robusten Schutz vor Verlusten aufweisen und gleichzeitig eine geringere Korrelation mit den öffentlichen Märkten und das Potenzial für zusätzliche Risikoprämien bieten.
Politische Veränderungen in den USA sorgen für Unsicherheit
Nach einer dreijährigen Abschwächung der privaten Märkte in Bezug auf Kapitalbeschaffung, neue Transaktionen und Exits sind die Bewertungen und Renditen an den Privatmärkten sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen im Allgemeinen attraktiv.
Seit Jahresbeginn haben die Risiken jedoch aufgrund der Politikänderungen der US-Regierung und der Unsicherheiten rund um deren Umsetzung und Auswirkungen stark zugenommen. Dies zeigt sich vor allem in Bezug auf Handelszölle, Einwanderung, ESG-Aspekte und eine eher isolationistischere Haltung in der Geopolitik und Verteidigungspolitik.
Dies hat die Volatilität an den Märkten mit notierten Papieren deutlich erhöht und die kurzfristigen Risiken für das Wirtschaftswachstum, die Inflation und die Zinsen erhöht. Die globalen Auswirkungen der politischen Veränderungen in den USA dürften auch zu branchenspezifischen und regionalen Herausforderungen führen und damit zu einer anhaltend erhöhten Volatilität beitragen.
Fragezeichen bei KI-bezogenen Investitionen
Die potenziellen Effizienzgewinne, die DeepSeek für Modelle generativer KI aufzeigt, führen zu neuen Unsicherheiten hinsichtlich der Investitionen und Bewertungen von Unternehmen, die vom KI-Narrativ profitieren.
Bei sorgfältiger Konstruktion kann Private Equity die Widerstandsfähigkeit des Portfolios verbessern Private Equity bietet in der Regel Schutz vor Schwankungen an den öffentlichen Märkten und kann selbst in unsicheren Zeiten erfolgreich sein. Dennoch stellen wir fest, dass einige Strategien im aktuellen Marktumfeld ein deutlich besseres Risiko-Rendite-Profil aufweisen als andere.
Daher empfehlen wir Anlegern, bei der Auswahl ihrer Strategien und Anlagen mit Bedacht vorzugehen. Darüber hinaus ist eine Diversifizierung über verschiedene Strategien hinweg wichtig. Die attraktivsten Anlagechancen sehen wir derzeit in folgenden Bereichen:
• Ausgewogene Dynamik zwischen Kapitalangebot und -nachfrage, die zu günstigen Einstiegsbewertungen und Renditen führt;
• Inländische Unternehmen und Vermögenswerte, die eine gewisse Abschirmung vor geopolitischen Risiken und Handelskonflikten bieten;
• Möglichkeiten für zusätzliche Risikoprämien, die sich aus Komplexität, Innovation, Transformation oder Marktineffizienzen ergeben;
• Robuster Schutz vor Verlusten durch begrenzte Fremdkapitalaufnahme oder Absicherung durch Vermögenswerte;
• Reduzierte Korrelation mit Märkten mit notierten Papieren aufgrund unterschiedlicher Risikoexpositionen.
Kleine und mittelgroße Buyouts erscheinen aus mehreren Gründen besonders attraktiv
Wie wir bereits gezeigt haben, hat sich Private Equity in den letzten 25 Jahren in Zeiten von Marktverwerfungen gut entwickelt und in Zeiten hoher Volatilität eine doppelt so hohe Outperformance erzielt wie in stabileren Phasen. Wichtig ist, dass bei vier der fünf größten Marktstörungen innerhalb dieses Zeitraums kleine und mittlere Buyouts maßgeblich zur Widerstandsfähigkeit von Private Equity beitrugen. Auch im Jahr 2025 gehen wir davon aus, dass kleine und mittlere Buyouts besonders attraktive Möglichkeiten zur Stärkung der Resilienz des Portfolios bieten werden.
Wir bevorzugen kleine bis mittlere Buyouts gegenüber größeren Transaktionen, da sie von einer günstigen Dynamik zwischen Kapitalangebot und -nachfrage profitieren und einem geringeren Wettbewerb um ein breiteres Spektrum von Transaktionen ausgesetzt sind. Darüber hinaus bietet dieses Marktsegment überzeugende Einstiegspunkte für Investitionen mit geringerer Abhängigkeit von Fremdfinanzierung und erheblichem Wertschöpfungspotenzial. Darüber hinaus können kleine bis mittlere Buyouts zu Akquisitionszielen für größere Buyout-Fonds werden und somit einen zusätzlichen Exit-Weg bieten.
Im aktuellen Marktkontext ist es für kleinere Buyouts besonders vorteilhaft, dass sie sich in der Regel auf inländische Unternehmen konzentrieren, was sie weniger anfällig für handels- und geopolitische Spannungen macht.
Continuation-Fonds setzen starken Wachstumstrend fort
Der Secondaries-Markt verzeichnete im Jahr 2024 ein Rekordtransaktionsvolumen von 160 Milliarden US-Dollar. Continuation-Fonds blieben ein wichtiger Wachstumsbereich, der den Anlegern wertvolle Liquiditätsoptionen bot und einen Rekordwert von 71 Milliarden US-Dollar bei den Transaktionen ausmachte.
Continuation-Fonds sind ein überzeugender Exit-Weg für Portfoliounternehmen, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen mit erheblichem transformatorischem Wachstumspotenzial. Kurzfristig wird diese Attraktivität durch die aktuellen Unsicherheiten verstärkt, die die Erholung der Exitmärkte verlangsamen.
Langfristig gehen wir davon aus, dass das Marktsegment der Continuation-Fonds angesichts des anhaltenden Wachstums von Private Equity und des Trends, dass Unternehmen länger im Privatbesitz bleiben, innerhalb des nächsten Jahrzehnts einen jährlichen Transaktionswert von 250 Milliarden US-Dollar erreichen könnte.
Trotz des Überschwangs rund um KI bleibt die Innovationsdynamik attraktiv
Die von DeepSeek gezeigten Effizienzsteigerungen haben Bedenken hinsichtlich der erheblichen Investitionen im Zusammenhang mit KI geweckt, was zu einem Bewertungsdruck für bestimmte KI-Unternehmen, insbesondere in den USA, geführt hat. Wir halten diese Risiken für private Unternehmen für relativ begrenzt, da Risiko- und Wachstumskapitalinvestitionen in der Regel Investitionen mit geringem Investitionsaufwand bevorzugen, die sich auf die Anwendungsebene des KI-Stacks konzentrieren. Unternehmen, die KI-Modelle nutzen, können von den damit verbundenen Effizienzgewinnen erheblich profitieren.
Während KI-Investitionen im Jahr 2024 15 % der weltweiten Risikokapitalinvestitionen erreichten, gehen Innovation und Disruption über KI hinaus und umfassen Sektoren wie Biotech, Fintech, Climate Tech und Deep Tech. Die Beschleunigung der Innovationsdynamik in verschiedenen Sektoren wird durch den verstärkten politischen Fokus auf Risikokapital als strategisches Instrument zur Stärkung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit unterstützt.
Wir sehen erhebliches Potenzial im sich erholenden Biotech-Sektor, der seit Jahren mit Risikoaversion zu kämpfen hat, und sind der Meinung, dass Early-Stage-Ventures preislich attraktiver und von den aktuellen Unsicherheiten isoliert sind als Late-Stage-Venture- und Wachstumskapital.
Analysten werden vorsichtiger
Nach Stimmungswechsel: Entwicklung ist hilfreich, um das Portfolio zu optimieren.
Roman Steinbauer. Seit rund zwölf Wochen haben Anleger einen sich rasch vollziehenden Stimmungswechsel zu verdauen. Noch Anfang Februar waren 22 deutsche Aktientitel laut einer Auswertung der Analyse-Agentur Morningstar unterbewertet. Unmittelbar darauf gab es Abstufungen und Kürzungen diverser Wertpapier-Kursziele von im Dax-Index enthaltenen Gesellschaften, bevor wiederum eine Erholung um sich griff.
Betroffen von Rückstufungen waren am 21. Februar die Deutsche Börse, am 7. März der Rüstungshersteller Hensoldt – bis zu Rückversicherern wie Münchner oder Hannover Rück in der vergangenen Woche.
Downgrade-Meldungen mehrten sich ebenso zu US-Aktien. Von diesen News wurden am 21. April Amazon und nur drei Tage danach IBM erfasst. Dies setzte dem Dow-Jones-Index erheblich zu. Darüber hinaus berichtete die US-Finanzwochenzeitung Barron‘s bereits am 14. April über die Feststellung der New Yorker Investmentbank Citi, wonach die US-Aktienmärkte nicht mehr als bevorzugter Handelsplatz zu empfehlen seien.
Abkoppeln von Hysterie-Wellen
Ein weiteres Mal zeigte sich: Auf eine Flut an Downgrades folgen Verkaufswellen an den Finanzmärkten. Erfahrene Portfolio-Manager raten indes innezuhalten und vor panikartigen Verkäufen zu reflektieren. So sprach sich die Strategin der Merrill Bank of America Privat Bank, Marci McGregor, in der Marktanalyse der dritten Aprilwoche des Hauses zu Vorsicht vor einem emotionalen Handeln infolge von negativen Schlagzeilen aus und mahnte an: „Man sollte einen vorausblickenden Ansatz wählen, wie sich das Kaufverhalten entwickeln könnte, sobald die hohe Unsicherheit entweicht.“
McGregor empfiehlt, sich geradewegs in derartigen Marktsituationen eine potenzielle Einkaufsliste bereit zu halten. Die Analystin unterstreicht, eine gesteigerte Volatilität biete für einen Portfolio-Umbau Richtung Langfrist-Diversifizierung oft ideale Chancen.
Am falschen Fuß erwischt zu werden
Treffen Abstufungen Anleger unvorbereitet, ist es oft ein schwieriges Unterfangen, schlüssige Entscheidungen zu treffen. Wird da-durch der Gesamtmarkt negativ beeinflusst, ist Vorsicht geboten, sich emotional der allgemeinen Verkaufswelle anzuschließen. Eine Abstufung einer Aktie, die sich im eigenen Portfolio befindet, wirkt schmerzhaft.
Auf lange Sicht steht dies aber nicht unbedingt für eine düstere Aussicht. Denn es ist von Bedeutung, die angegebene Ursache für die mindere Benotung durch das Institut zu kennen. Trübte sich das Umfeld für die Branche durch externe Faktoren ein oder verliert das Unternehmen im eigenen Sektor an Wettbewerbsfähigkeit? Kamen klare Strategien des Managements abhanden? Sprengen jüngste Kurs-einbrüche den Rahmen der eigenen Risikotoleranz oder der Akzeptanz zur Volatilität? Wurden selbst gesetzte Kursverlust-Grenzen durchbrochen?
In jedem Fall ist es vorteilhaft, die finanzielle Stabilität sowie Stellung der Produkte des Unternehmens zur Konkurrenz grob abschätzen zu können. Änderte sich zu diesen Punkten kaum etwas, lohnt sich oft ein Abwarten bis zu einer Kurserholung der Notizen.
Investoren, die eine Langfrist-Strategie verfolgen, zeigen sich durch derartige „Zwischenrufe“ bezüglich der Aktieneinstufungen durch Investmentbanken in der Regel eher unbeeindruckt. Antizyklisch agierende Akteure mit langem Atem kaufen wiederum gerade im depressiven Nachhall von Abstufungen solide Blue-Chip-Aktien mit einer kontinuierlichen Dividenden-Historie.
Foto: AdobeStock / linno
Edelsteine als Investment
Smaragd und Co. sind sinnvolle Beimischung für jedes Sachwert-Portfolio.
Ein Gastbeitrag des Finanzexperten Stefan Brozyna. Edelsteine können auf eine lange „Investmentgeschichte“ zurückblicken. Sie waren das Investmentgut vieler alter Kulturen, oft, bevor Gold als Anlagemöglichkeit entdeckt wurde. Schon damals dienten Gold und Edelsteine aber auch, um Status und Wohlstand nach außen zu zeigen. Oft wurden die Edelsteine – wie heute auch – von Generation zu Generation weitergegeben. Fernab Erbschaft-, Vermögenssteuer und gläsernem Vermögensstatus jedes Staatsbürgers …
Was macht nun ein gutes Investment aus?
Jeder Investmentedelstein muss zwingend ein Prüfzertifikat haben. Es dokumentiert die Charakteristika jedes Steins (Gewicht, Farbe, Schliff, Reinheit etc.) und nennt auch den aktuellen Marktwert des Steines. Zertifikate und Steine sollten getrennt gelagert werden, wobei jedes Zertifikat eine Nummer hat und jederzeit neuerlich seitens des Labors zugesendet werden kann – an jeden Ort der Welt. Damit, und durch die hohe Wertdichte des Steines, werden diese zur optimalen Fluchtwährung. Und zum diskreten Zahlungsmittel allerorten.
Zur Diversifikation des Investments sollte ein Edelstein-Portfolio aus z. B. Rubin, Smaragd und Saphir angeschafft werden. Ab 10.000 Euro ist das möglich! Einzel-Edelsteine sind ab rund 3.000 Euro zu haben. Zu beachten ist auch die Herkunftsmine bzw. das Herkunftsland des Steines hinsichtlich der zu erwartenden Wertentwicklung.
Wie ist die steuerliche Behandlung?
Wenn der Edelstein physisch ausgeliefert werden soll und nicht im Zollfreidepot verbleibt, fällt Mehrwertsteuer an. Da es sich um einen Warenkauf handelt, greift die einjährige Spekulationsfrist; das heißt nach einem Jahr und einem Tag sind die Verkaufsgewinne (für Privatpersonen, nicht Firmen!) steuerfrei.
Die Lagerung – wenn nicht im Zollfreidepot – kann (im Tresor) zuhause oder im Bankschließfach (passende Versicherungssumme und Tresorsicherheitsklasse beachten!) bzw. im Schließfach des Händlers erfolgen. Die Steine sind nicht mittels Detektoren auffindbar, sodass andere Lagerorte am Wohnort möglich sind, wie mir berichtet wurde, z. B. an der Rückseite einer Sesselleiste – unüblich, aber möglich! Obwohl ein Investmentedelstein ganz andere Qualitätskriterien als ein Schmuckedelstein hat, wird er fallweise auch in Schmuckstücke eingefügt und von den Besitzern getragen. Der höherwertige Investmentstein erfreut das Herz des Trägers und der hohe Wert bleibt dem Auge des Laien verborgen.
Wie sieht es mit der Wertentwicklung aus?
Die Wertentwicklung (Rendite pro Jahr) lag – soweit meine Erfahrung reicht – zwischen 2 und 8 % pro Jahr, abhängig von Steinart/Größe/Herkunftsmine und Verkaufsdruck im Fall des Verkaufs. Größere, wertvollere Steine haben tendenziell eine bessere Wertentwicklung als kleinere Steine.
Wo wird verkauft?
Neben den bekannten Versteigerungshäusern ist ein Rückverkauf an den Händler, an einen anderen Händler, oder an einen anderen Anleger möglich. Da die Preise kontinuierlich steigen, findet sich ein Abnehmer meist recht schnell. Wobei die laufende Handelbarkeit der Steine nicht im Vordergrund steht, sondern das langfristige (länger als zehn Jahre) Halten der Investmentedelsteine. Oft wird von einer emotionalen Bindung der Käufer an ihre Edelsteine berichtet. So wird der Kauf meist nicht ausschließlich nach wirtschaftlichen, sondern auch nach emotionalen Kriterien (Farbe, Funkeln …) getroffen.
Wodurch steigt der Wert?
In vielen wirtschaftlich aufstrebenden Ländern wie Indien oder China werden traditionell Gold und Edelsteine als langfristiges Investment angesehen. Da die dortige Mittelschicht stetig wächst, ist ein langfristiger Wertanstieg zu erwarten. Das Angebot ist auch nicht beliebig erweiterbar, da die Menge der geschürften Rohsteine begrenzt ist. Interessanterweise führt die Öffnung einer neuen Mine nicht zu fallenden Preisen, da viele (wohlhabende) Investoren auch Steine aus dieser neuen Mine erwerben. Die meisten Anleger kaufen immer wieder Steine nach.
Fazit: Wer sich mit der Welt der Farbedelsteine beschäftigt, wird bald feststellen, wie faszinierend und fesselnd dieses Investment ist.
Foto: AdobeStock / Jagat Aji
Investieren in den Kampf gegen Kunststoffe
Die Plastikberge wachsen weltweit. Lösungen sind gefragt – einige Konzerne haben sie parat.
Raja Korinek. Kaum ein Bereich des Alltags kommt inzwischen ohne den Einsatz von Plastik aus, einerlei, ob zum Einschweißen von Lebensmitteln, für Behälter von Reinigungsmitteln oder der Herstellung von Zahn- und Haarbürsten. Selbst zahlreichen Kosmetika werden Plastikteile auf sogenannter „Mikroebene“ beigemischt – und landen damit über das Abwasser zunehmend in den Flüssen und Weltmeeren. Die Vorteile von Plastik rücken angesichts der wachsenden Berge an Plastikabfällen allmählich in den Hintergrund.
Bei der Umweltorganisation WWF in Deutschland hat man sich jüngst die Fakten angesehen. Demnach landen pro Jahr rund 19 bis 23 Millionen Tonnen Kunststoffmüll in den Meeren. Denn auch anderer Plastikabfall wird achtlos in den Ozeanen entsorgt. Inzwischen haben die schwimmenden Abfallberge rund 80 bis 150 Millionen Tonnen erreicht, hält man beim WWF weiters fest. Das Problem: Das Material verrottet erst nach Jahrzehnten. Auch die Folgen für den Menschen sollten nicht unterschätzt werden. Kleinste Plastikpartikel werden von den Meeresbewohnern aufgenommen. Werden diese Tiere von Menschen konsumiert, nehmen auch sie die Plastikpartikel auf.
Plastik ist überall
Auch über andere Wege gelangen solche Partikel in die Menschen. Erst im März etwa gab das Umweltbundesamt Ergebnisse einer Studie, die im Auftrag der Arbeiterkammer Salzburg durchgeführt wurde, bekannt. Dazu wurden 15 Limonaden und fünf Eistees auf Mikroplastikpartikel untersucht, mit einem wenig erfreulichen Fazit. Denn in 17 der 20 Proben wurden tatsächlich Mikroplastikpartikel unterschiedlicher Art entdeckt. Dazu wird auch der Bogen zu den einzelnen Komponenten gespannt: So bestanden alle Flaschen aus dem Kunststoff „Polyethylenterephthalat“ (PET), die Verschlüsse aus „Polyethylen“ (PE) und die Etiketten vor allem aus „Polypropylen“ (PP). Diese drei Kunststoffe wurden in den Getränken dabei am häufigsten nachgewiesen. Erste Versuche, den Zuwachs an Plastikbergen einzudämmen, gibt es bereits. Die Vereinten Nationen arbeiten an einer verpflichtenden Plastikkonvention. In immer mehr Teilen der Welt wird Pfand auf Plastikflaschen verrechnet, damit sie zurückgebracht anstatt weggeschmissen werden.
Chancen mit Zertifikaten
Auch zahlreiche Unternehmen engagieren sich im Kampf gegen Plastik. Die heimische Mayr-Melnhof Karton stellt Verpackungen aus Karton her und setzt dazu wiederverwertetes Material ein. So wird etwa die Lebensmittelindustrie sowie der Pharmakonzern beliefert. Der Bio-Chemie-Konzern Carbios aus Frankreich forscht am Einsatz spezieller Enzyme, die Plastik zersetzen. Dies gilt für PET-Produkte wie Verpackungen und Textilien aus Polyester.
Tomra Systems aus Norwegen stellt unter anderem Maschinen für die Rücknahme von Leergut her. Der Konzern ist weltweit in 60 Ländern tätig. Alle drei Konzerne sind im Übrigen Teil des „Zero Plastic Index“. Dieser umfasst insgesamt sieben europäische Titel. Auf den Index selbst hat Morgan Stanley entsprechend ein Indexzertifikat begeben.
Risikobereite Anleger können auch gehebelt auf die weitere Kursentwicklung der Aktie der Mayr-Melnhof Karton, etwa mit einem Turbo-Long-Zertifikat, setzen. Ein solches Produkt bietet Raiffeisen Zertifikate an, mit einem aktuellen Hebel von 3,24 (per 2. Mai). Wird hier jedoch die Marke von 61,26 Euro berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat und man erleidet einen Totalverlust.
Foto: Pixabay / stux
Was die Retail Investment Strategy bringt
Experten warnen: unter Kosten von (Über-)Regulierung würden die Kleinanleger leiden.
Manfred Kainz. Die Retail Investment Strategy (RIS) wird frühestens 2026 „schlagend“, so Michael Gruber von der Uni Salzburg. Er ist bekannter Auskenner und Zerpflücker von finanzdienstleistungsrechtlichen Neuerungen. Dass die Ausgestaltung dauert, ergibt sich aus dem Umstand, dass es eine „Omnibus-Richtlinie“ ist, die „alles mögliche novelliert“. Mit dem Kernanliegen: „Die Kleinanleger sollen noch mehr geschützt werden.“ Aber auch wenn noch Galgenfrist besteht, rät Gruber vor allem Vermögensberatern, „sich jetzt schon dafür zu wappnen“.
Treiber und Opfer
Auch Thomas Stern sieht „das Phänomen des Kleinanlegerschutzes“ als Rechtfertigung für die RIS. Stern unterrichtet an der Universität Liechtenstein und ist Experte der FMA Liechtenstein. Er bezeichnet die Kleinanleger als „Treiber und Opfer der Finanzmarktregulierung“. Denn ja, es gebe falsche Aufbereitung von Produktinformationen; und Rund-um-Information sei zwar wichtig, denn immer mehr Menschen seien von Social Media beeinflusst. Aber die „nichtprofessionellen Kunden“, also die Kleinanleger, zahlen auch die Zeche: Sie seien mit bis zu
40 % mehr Kosten belastet als Institutionelle, so Stern. Und: Wenn man die „Definition des Kleinanlegers“ verstrengert, heißt das auch, dass sich das Schutzniveau verstrengert. Und das heiße, dass manche Assetklassen für Kleinanleger „nicht mehr verfügbar“ wären.
Die Ziele
Martin Ramharter, Experte im Finanzministerium, ist in die RIS-(Trilog-)Verhandlungen in Brüssel eingebunden: Die Retail Investment Strategy fällt unter die sogenannte „Conduct-Aufsicht“, also die Sicherstellung von „ehrlichem, redlichem und professionellem Handeln im besten Kundeninteresse“. Ziele der RIS seien daher die Stärkung des Vertrauens der Anleger und attraktivere Finanzprodukte. Die Instrumente der RIS dafür sind ambitioniert: „Value for Money“, also ein nachvollziehbares Preis-Leistungs-, sprich Kosten-Rendite-Verhältnis soll gewährleistet sein, „Inducements“ beschränkt, dafür die Beratungsqualität verbessert werden.
Best Interest in Anlageberatung
In Diskussion ist jedenfalls das „Best Interest“-Prinzip. Im Zuge einer Neuregelung der Anlageberatung ist die Ablöse des Qualitätsverbesserungstests durch einen „Client‘s best Interest“-Test am Tisch. Wenn es nach der EU-Kommission geht, soll ein „Best-Interest-Test“ den gesamten Anwendungsbereich der Anlageberatung umfassen. Mit den drei Kernpunkten: ausreichend breite Produktpalette, ein „kosten-effizientestes Finanzprodukt“ innerhalb der Vorgabe des Art 25 (2) MiFID 2, und mindestens ein Finanzprodukt „ohne zusätzliche Merkmale, die für Anlageziele des Kunden nicht erforderlich sind und zusätzliche Kosten verursachen“, so Mona Ladler, Juristin der Vereinigung Österreichischer Investmentgesellschaften. Das unterstelle, das Kunden stets das „kosteneffizienteste“ Finanzprodukt wollen. Zusammen mit „keine zusätzlichen Kosten verursachen“ würde das beispielsweise dazu führen, dass bei Gegenüberstellung eines aktiv gemanagten Fonds mit einem passiven Fonds, immer das passive Produkt ausgewählt würde, kritisiert Lagler die Forderung.
Dem gegenüber steht der „Best-Interest-Test“ nach Wunsch des Europäischen Parlaments: Dort umfasst der Anwendungsbereich nur die provisionsbasierte Anlageberatung. Mit einer ausreichend breiten Produktpalette, die den „Bedürfnissen des Kunden und dem Geschäftsmodell der Wertpapierfirma entspricht“; sowie ein „effizientestes Finanzprodukt innerhalb Art 25 (2) anhand Performance, Risiko, qualitativer Elemente, Kosten und Gebühren“.
Und laut EU-Rat soll der „Best-Interest-Test“ eine „diversifizierte Auswahl an Produkten verschiedener Hersteller“, ein „kosten-effizientestes“ Finanzprodukt innerhalb Art 25 (2) „anhand Kosten und Gebühren, Performance und erwarteter Rendite“, plus „Integration in die Eignungsprüfung“ vorsehen. (Auch damit würden aktiv gemanagte Fonds ausscheiden, meint Lagler.)
Achtung!
„Marktnäher und leichter umsetzbar“ sei die Position des EU-Parlaments, bewertet sie daher. Wobei die Problematik der Ermittlung des „effizientesten“ Produkts bleibe. In der Kommissionsposition sieht Lagler in der Erweiterung der Eignungsprüfung um ein Produkt „ohne zusätzliche Merkmale“ eine „Wettbewerbsverzerrung“. Und eine „Duplikation von Tests“ würde zu Doppelprüfungen und zu mehr „Komplexität der Anlageberatung“ führen.
Worin sich alle genannten Experten einig sind: In der Warnung vor Kosten von (Über-)Regulierung. Denn „jede Regulierung kostet“ (Lagler); und unter den Kosten von (Über-)Regulierung würden die Kleinanleger leiden – und aus dem Markt ausscheiden, was wiederum die Produktpalette für sie einschränkt und eine „Filterwirkung“ (Stern) Richtung vermeintlich billiger Produkte entstehe.
INFO: Was ist die RIS?
Die Retail Investment Strategie (RIS), die Mitte Mai 2023 von der EU als Teil des „Aktionsplan Kapitalmarktunion“ vorgestellt wurde, hat folgende Ziele: die stärkere Beteiligung von Kleinanlegern an den Kapitalmärkten, die Stärkung des rechtlichen Rahmens für Kleinanleger sowie die Erhöhung der Transparenz von Finanzprodukten.
Foto: AdobeStock / tardatw007
„Omnibus“: Das EU-Parlament fährt halb mit
Die Erkenntnis, sich etwas verrannt zu haben, mag auch in der EU-Kommission gereift zu sein.
Florian Beckermann. Dass die europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattungspflichten eine kostspielige Datensammlung geschaffen haben, ist keine Neuigkeit. Dass die Sammlung teils völlig überschießend ist, auch nicht. Dass es außerhalb von einer spezialisierten Nachhaltigkeitsszene bisher kaum Widerhall findet, ist etwas erstaunlicher. Man wäre fast versucht zu behaupten, dass der Anleger bei den Nachhaltigkeitsberichten schlicht abgehängt wurde. Die zu hohe Neuerungsgeschwindigkeit und die marginale monetäre Ergebnisrelevanz insinuiert, erzeugen die Tabellen in den aktuellen Nachhaltigkeitsberichten der Hauptversammlungssaison bei Privatanlegern nicht mal ein müdes Lächeln – von Fragen dazu ganz zu schweigen. Die Erkenntnis, sich etwas verrannt zu haben, mag auch in der EU-Kommission gereift zu sein. Mit dem Ergebnis, dass eine „Modifikation“ erfolgt – man schickt den Anlegern (und den Unternehmen) einen „Omnibus“. Man möge doch aufschließen. Genug der Polemik …
Bekanntlich hat die EU-Kommission grundsätzlich zwei Richtlinien unter dem Oberbegriff „Omnibus“ in Arbeit: Einerseits die so genannte Stop-the-clock-Richtlinie: Hier soll die zweite Welle der Berichtspflichten nach der CSRD (Corporate Sustainable Reporting Directive – Nachhaltigkeitsberichterstattungsrichtlinie) sowie die Anwendung der umstrittenen Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) zeitlich (zwei Jahre) verschoben werden. Sprich, Länder und Unternehmen erhalten mehr Zeit zur Umsetzung – hiervon wäre auch Österreich betroffen, da die CSRD noch nicht durch den Nationalrat in nationales Recht umgesetzt wurde.
Die zweite Richtlinie geht ans Eingemachte. Sie soll inhaltliche Anpassungen für die CSRD und CSDDD beinhalten. Aktuell wüst diskutiert werden neue Unternehmensgrößenschwellen für die Anwendungspflicht der CSRD-Richtlinie sowie eine massive Verkürzung der verantwortbaren Lieferkettentiefe. Das Expertengremium EFRAG arbeitet seit März daran und soll bis Oktober 2025 mit konkreten Vorschlägen kommen. Mithin braucht diese Richtlinie mehr rare Zeit, denn ohne Update werden die „alten“ Timelines aktiv. In diesem Sinne beschloss nun nach der EU-Kommission auch das Europäische Parlament in einem Eilverfahren die Stop-the-clock-Richtlinie. Es ist davon auszugehen, dass der Europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs, hier nicht mit zusätzlichen Bedenken eine schleunigste Umsetzung behindern.
Die EU-Kommission möchte in dieser Sache grundsätzlich die Fähigkeit zum Bürokratieabbau und schnellen Verfahren unter Beweis stellen. Beispielhaft für die Dringlichkeit sind die Eingabefristen. Für Unternehmen, die sich zur zweiten „Omnibus“-Richtlinie äußern wollen, gilt der 6. Mai als Stichtag. Vor dem Sommer will Brüssel Fakten schaffen.
Aus Anlegersicht ein grundsätzlich positives Bestreben, wenn sich das erzeugte Chaos schnell beruhigt und die eigentliche Lenkungsarbeit beginnen kann.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Übernimmt KI das Steuer?
Laut einer Umfrage von Pictet Alternative Advisors, dem Geschäftsbereich für alternative Anlagen der Pictet-Gruppe, erwarten zwei Drittel (68 %) der Private-Equity-Firmen, dass künstliche Intelligenz (KI) ihre Geschäftskosten senken wird. Über 60 % der Befragten berichten, KI habe bei ihren Portfoliounternehmen zu einem Umsatzanstieg geführt.
(29.04.) Um zu klären, wie sich KI auf die Zukunft der Private-Equity-Branche auswirken wird, hat Pictet Alternative Advisors (PAA) von Oktober bis November 2024 eine Umfrage unter Private-Equity-Firmen, auch General Partner (GP) genannt, durchgeführt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Branche die Möglichkeiten der Technologie zunehmend erkennt und nutzt: 60 % der GPs halten den Hype um KI für berechtigt. Fast 40 % haben in ihrem Unternehmen eine Strategie für den Einsatz von KI entwickelt, während ein Viertel (25 %) die Technologie bereits aktiv nutzt. 54 % der Befragten sind dabei, die Anwendungsmöglichkeiten aktiv zu testen oder zu prüfen.
Als Hürden für die Verwendung von KI nennen die GPs insbesondere die Qualität von Daten und Ergebnissen, Datenschutz sowie Cybersicherheit, wobei mehr als ein Drittel (36 %) angibt, die Daten- und Output-Qualität stelle allmählich ein kritisches Thema dar.
Trotz dieser Herausforderungen erkennen die GPs zunehmend den Mehrwert der Integration von KI in ihren Portfoliounternehmen: 36 % berichten, dass mehr als jedes vierte Unternehmen KI bereits in verschiedenen Prozessen nutzt, und 25 % geben an, dass die Mehrheit ihrer Portfoliounternehmen KI testet oder in Pilotprojekten einsetzt.
Mehr als 60 % der Befragten berichten, bei ihren Portfoliounter-nehmen sei der Umsatz durch KI gestiegen, und ein GP gibt an, 25 % seines Umsatzwachstums seien direkt auf die Technologie zurückzuführen.
Pierre Stadler, Head of Thematics – Private Equity bei PAA, kommentiert: „Private Unternehmen waren beim Aufstieg von KI-Systemen Vorreiter. Wir freuen uns zu sehen, dass viele unserer General Partner auf das Potenzial von KI setzen, sowohl für das eigene Anlagegeschäft als auch für die Wertschöpfung in ihren Portfoliounternehmen.“
Stanislas Chanavat, Principal Thematics – Private Equity bei PAA, ergänzt: „KI-Anbieter können mittlerweile mit viel weniger Rechenleistung hervorragende Ergebnisse erzielen. Deshalb gehen wir davon aus, dass mehr Unternehmen von der Einführung dieser Technologie profitieren werden. Dieser Übergang von Herstellern zu Nutzern bereitet den Boden für die nächste KI-Wachstumswelle und eröffnet ein breiteres Spektrum von Investitionsmöglichkeiten.“
Volatilität im historischen Kontext – warum Ruhe bewahren entscheidend ist
Die Kapitalmärkte haben in den letzten Monaten erneut eine Phase erhöhter Unsicherheit durchlaufen. Makroökonomische Sorgen, geopolitische Spannungen und geldpolitische Kurswechsel führten zu teils starken Kursschwankungen. Für viele Anleger stellt sich angesichts solcher Marktbewegungen die Frage: Wie soll man sich in einem Umfeld vermehrter Volatilität verhalten?
(29.04.) Arne Tölsner, Head of DACH Client Group bei Capital Group, ordnet die aktuelle Situation ein: „Zwischenzeitige Rücksetzer gehören zum Wesen der Kapitalmärkte. Entscheidend ist jedoch, nicht das große Bild aus dem Blick zu verlieren.“ Wie er betont, lohne sich ein Blick in die Geschichte, um aus kurzfristigen Turbulenzen keine falschen Schlüsse zu ziehen.
Marktschwankungen sind die Regel, nicht die Ausnahme
Eine zentrale Erkenntnis aus der historischen Betrachtung: Volatilität sei kein Anzeichen für ein Scheitern der Märkte, sondern ein natürlicher Bestandteil langfristiger Wertentwicklung. Tölsner verweist darauf, dass der S&P 500 allein im Jahr 2022 insgesamt 63 Tage mit Kursverlusten von mehr als einem Prozent verzeichnet habe, im historischen Durchschnitt liege diese Zahl bei 62 pro Jahr. Auch in Jahren mit insgesamt positivem Jahresergebnis würden solche Ausschläge regelmäßig auftreten.
Tölsner betont, dass diese Erkenntnis Anlegern helfen könne, emotionale Reaktionen zu vermeiden: „Volatilität kann beunruhigend wirken. Doch wer erkennt, dass solche Unruhe am Markt historisch normal ist, trifft rationalere Entscheidungen.“
Rückschläge bieten langfristige Chancen
Gerade größere Rücksetzer würden sich rückblickend oft als attraktive Einstiegsgelegenheiten entpuppen. Der S&P 500 habe nach Rückgängen von 15 % oder mehr in den jeweils folgenden zwölf Monaten im Durchschnitt eine Rendite von 52 % erzielt. Selbst nach Rückgängen von über % – also im Bärenmarktumfeld – habe die durchschnittliche Einjahresrendite immer noch bei % gelegen.
„Das zeigt, wie wichtig es ist, investiert zu bleiben – auch wenn die Schlagzeilen etwas anderes suggerieren“, betont Tölsner. Wer in schwierigen Marktphasen aussteigt, riskiere, die stärksten Erholungsphasen zu verpassen und lediglich Verluste mitzunehmen.
Bärenmärkte sind deutlich kürzer als Bullenmärkte
Ein weiterer beruhigender Blick in die Statistik: Seit 1950 hätten Bärenmärkte durchschnittlich lediglich zwölf Monate gedauert, während sich Bullenmärkte über rund 67 Monate erstreckt hätten. Die Erholungsphasen seien also nicht nur häufiger, sondern auch deutlich länger. Dieses Missverhältnis zeige laut Tölsner, dass „Panikverkäufe in Krisenzeiten oft zu spät kommen und langfristig wertvernichtend sein können.“
Diversifikation bleibt das Gebot der Stunde
Neben einem kühlen Kopf sei auch eine ausgewogene Portfoliostruktur zentral. Während viele Aktienindizes im bisherigen Jahresverlauf unter Druck gestanden hätten, habe sich der US-Anleihemarkt stabil gehalten: Der „Bloomberg U.S. Aggregate Bond Index“ habe bis Mitte April eine Rendite von 1,% verzeichnen können. In der Kombination mit Aktien würden solche Anleiheinvestments ihre stabilisierende Wirkung besonders in volatilen Phasen entfalten.
„Ein gut diversifiziertes Portfolio ist der beste Schutz gegen emotionale Entscheidungen in unsicheren Zeiten“, resümiert Tölsner. „Gleichzeitig ist es der entscheidende Schlüssel, um langfristig Vermögen aufzubauen.“
Warnung vor KI bei der Geldanlage
Anlagetipps aus dem Internet sollte man immer mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnen.
Andreas Dolezal. Fragwürdige „Anlageprofis“, Renditeversprechen, die zu gut klingen um wahr zu sein, und zweifelhafte Überweisungswege lauern hundertfach im Netz. Auch Künstliche Intelligenz (KI) wird bei der Geldanlage, für Marktanalysen und Handelsmodelle immer beliebter. Eine wachsende Anzahl von Internetseiten und Apps bieten KI-generierte Ideen und Empfehlungen für den Handel an, häufig gegen (hohe) monatliche oder jährliche Gebühren.
Behörde warnt
Die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA sieht sich veranlasst, Anlegern mitzuteilen, worauf sie im Zusammenhang mit der Geldanlage bei öffentlichen KI-Tools und Apps achten sollten. Denn KI-Tools leisten, so die ESMA, potenziell wertvolle Unterstützung, sind aber auch mit einer Reihe von Risiken verbunden. KI-Tipps können unzutreffend oder irreführend sind und zu schlechten Anlageentscheidungen sowie erheblichen finanziellen Verlusten führen.
Vorsicht geboten
Öffentliche KI-Tools erteilen bei einer entsprechenden Anfrage sehr überzeugend klingende und anscheinend professionelle Anlagetipps. Anleger sollten sich bewusst sein, dass Online-KI-Tools nicht durch Finanzaufsichtsbehörden zugelassen oder beaufsichtigt sind. Anleger sind also nicht in gleicher Weise geschützt wie bei Empfehlungen von zugelassenen Finanzdienstleistern. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Aufsichtsbehörde Regulierung als wichtig ansieht.
KI-Tools unterliegen nicht der Pflicht, stets ehrlich und redlich im besten Interesse der Anleger zu handeln. Ebenso leisten sie keine auf persönliche Umstände zugeschnittene Beratung. Anleger sollten überlegen, ob sie bei Anlageentscheidungen, die sich auf ihr finanzielles Wohl auswirken könnten, besser Berater mit Erlaubnis (und idealerweise auch Fachwissen) um Rat fragen. Zumindest sollten sich Anleger nicht alleine auf solche Tools verlassen, sondern Informationen aus mehreren Quellen nutzen.
Black Box
Die ESMA moniert, dass KI-Tools (auch zahlungspflichtige) häufig in einer Weise funktionieren, die noch nicht einmal ihre Entwickler zur Gänze verstehen. Dadurch sei es riskant, auf sie zu vertrauen, insbesondere mit Blick auf komplexe, nicht vorhersehbare Finanzmärkte. Denn niemand, weder Mensch noch KI-Tool, kann Finanzmärkte exakt vorhersehen.
KI-basierte Tools (auch zahlungspflichtige), die Handelsideen bereitstellen, können fehlerhafte Informationen generieren, weil sie auf veralteten, falschen oder unvollständigen Informationen beruhen. Die Genauigkeit von KI-generierten Prognosen kann erheblich variieren. Anleger könnten Geld verlieren, wenn sie alleine auf diese Tools vertrauen, warnt die ESMA. Es sei unverzichtbar, dass ein Mensch die Ergebnisse überprüft.
Privatsphäre gefährdet
Online-Tools verfügen möglicherweise nicht über angemessene Sicherheitsvorkehrungen, um personenbezogene Daten und Angaben zu finanziellen Verhältnissen zu schützen, mahnt die ESMA.
Gesunde Skepsis
Anleger dürften nicht vergessen, dass niemand – auch keine KI-basierten Tools, die Handelsideen generieren – den Erfolg am Aktienmarkt garantieren kann. Behauptungen und unverhältnismäßig hohen Renditeversprechungen mit Misstrauen zu begegnen, sei wichtig. Anleger sollten auch die mit dem Wertpapierhandel verbundenen Risiken verstehen und bei Internetseiten und Apps skeptisch sein, die behaupten, zukünftige Wertpapierkurse mit hoher Genauigkeit vorhersagen zu können.
Foto: AdobeStock / Top Images
Transatlantische Verschiebungen
Immer mehr Investoren schichten von den USA nach Europa um. Experten erklären, warum.
Raja Korinek. Die Zeiten, in denen die US-Aktienmärkte stets die Nase vorne hatten, scheinen derzeit zu Ende zu gehen. Allein die US-Technologiebörse Nasdaq hat in den vergangenen Monaten kräftig an Wert verloren, und zwar mehr als etwa der Dax oder der Eurostoxx 50. Besonders bitter ist für europäische Anleger freilich der Umstand, dass der US-Dollar zuletzt ebenfalls kräftig an Wert verloren hat, was zusätzlich auf der Performance lastet.
Francis Ellison, Client Portfolio Manager, European Equities bei Columbia Threadneedle Investments, meint, die Zölle von US-Präsidenten Donald Trump zeigten Wirkung – jedoch nicht unbedingt so, wie vom Präsidenten geplant sei. „Sie schaden auch US-amerikanischen Unternehmen.“ Ellison sieht daher in Europa aktuell die interessanteren Chancen, schon allein, da die Märkte diesseits des Atlantiks wesentlich günstiger bewertet seien. Aufholpotenzial gebe es genug, schließlich sei der Anteil europäischer Aktien in vielen Portfolios unterrepräsentiert, auch da US-Aktien bei einem Investment in den MSCI-Weltindex stärker gewichtet sind.
Offene Verhandlungen – günstige Refinanzierung
Ähnlich lautet der Tenor in anderen Häusern. „Europäische Aktien erschienen angesichts attraktiver Bewertungen und fiskalischer Unterstützung interessant, trotz anhaltender Belastungsfaktoren“, konstatiert Desiree Sauer, Investmentstrategin bei Lazard Asset Management. So ist immer noch offen, wie Verhandlungen mit Trump ausgehen werden. Doch wie sehen die Bewertungen aus? Beim MSCI-Europe-Index lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis per Ende März bei 15,53. Beim MSCI-Weltindex – in dem US-Technologieaktien besonders hoch gewichtet sind – liegt die Kennzahl bei knapp mehr als 21. Die Dividendenrendite liegt beim europäischen Index bei 3,13 %. Sie ist mit 1,83 % beim MSCI-Weltindex geringer.
Das ist nicht alles. „Ein weiteres Argument für europäische Aktien ist die Entwicklung der Zinssätze“, unterstreicht Ellison von Columbia Threadneedle Investments. Die Fed hatte zuletzt verkündet, es bestünde keine Eile, die Sätze weiter zu senken. Derzeit liegt der Leitsatz in einer Bandbreite von 4,25 bis 4,50 %. „Die EZB scheint einen größeren Spielraum zu haben.“ Sie hat im März den Einlagensatz erneut gesenkt. Der Satz, den Banken für ihre Einlagen bei der EZB erhalten und der inzwischen maßgeblich ist, liegt bei 2,5 %. „Weitere Senkungen dürften anstehen. Das schafft ein günstiges Umfeld für Unternehmen“, fügt die Columbia Threadneedle-Expertin hinzu.
Chancen mit Fonds
Eine breite Streuung bieten Europa-Aktienfonds. So kann sich etwa der „Alken Fund European Opportunities Fund“ auf fünf Jahre mit einem Plus von 123,65 % (per 22. April) gut behaupten. Vor allem Industrie- und Finanztitel werden hoch gewichtet. Regional nehmen französische Titel die größte Gewichtung ein. Zu den Top-Einzelpositionen zählen etwa die französische Vallourec, die Pipelines an Öl- und Gasunternehmen liefert. Der Rüstungsproduzent Rheinmetall sowie der Energieversorger RWE – beide aus Deutschland – zählen ebenfalls zu den größten Einzelpositionen.
Anders ist der Zugang beim „Schroder International Selection Fund European Value Fund“. Hier nimmt regional Großbritannien die größte Gewichtung ein, gefolgt von Frankreich und Deutschland. Dazu zählen etwa Société Générale, der OMV sowie Roche. Bei beiden Produkten sind auch Verluste möglich.
Foto: AdobeStock / Ilja
Die Schweiz bleibt ein Hort der Stabilität
Trotz globaler Unsicherheiten bleiben die Eidgenossen in ruhigem Fahrwasser.
Michael Kordovsky. Die Schweiz steht wirtschaftlich auf vergleichsweise soliden Beinen – und das trotz zunehmender internationaler Unsicherheiten. Zwar hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) die Prognosen für die BIPs in 2025 und 2026 im März gegen-über Dezember leicht nach unten korrigiert, doch von einer Rezession ist Österreichs westlicher Nachbar weit entfernt. Der Grund: eine robuste Binnenwirtschaft (Konsumausgaben), stabile Preise und eine verlässliche Industrie.
Moderate Wachstumsprognosen und keine Rezessionsgefahr
Für 2025 rechnet die Expertengruppe des Bundes mit einem realen Wirtschaftswachstum von 1,4 %, leicht gesenkt gegenüber der letzten Prognose von 1,5 %. Für 2026 wird ein Wachstum von 1,6 % erwartet (vorher 1,7 %). Damit liegt die Schweiz unter ihrem historischen Wachstumsschnitt von rund 1,8 % – von einer echten wirtschaftlichen Krise kann aber keine Rede sein.
Diese Korrekturen spiegeln nämlich vor allem die Unsicherheiten im internationalen Umfeld wider. Insbesondere der globale Handel – etwa durch geopolitische Spannungen oder protektionistische Tendenzen – hemmt die weltweite Nachfrage. Trotzdem bleibt die Schweizer Wirtschaft vergleichs-weise stabil.
Stabilisierende Faktoren
Ein zentrales Standbein ist die exportstarke Pharmaindustrie. Trotz konjunktureller Eintrübung leistet sie weiterhin einen wichtigen Beitrag zum Wachstum, sofern nicht Donald Trumps Einfuhrzölle in die USA einen Strich durch die Rechnung machen. Gleichzeitig sorgt die stabile Inlandsnachfrage für Rückhalt. Ein Grund dafür ist die vergleichsweise niedrige Inflation: Mit nur 0,3 % im Jahresmittel 2025 und 0,6 % für 2026 sollte laut den aktuellen SECO-Prognosen die Teuerung in der Schweiz weiterhin deutlich unter jener im Euroraum bleiben.
Niedrige Preise stützen den privaten Konsum – ein zentraler Faktor für das Wachstum. Hinzu kommt eine anhaltend hohe Zuwanderung, die nicht nur den Konsum stärkt, sondern auch zur Entspannung auf dem Arbeitsmarkt beiträgt. Die Arbeitslosenquote wird trotz aller Herausforderungen 2025 und 2026 stabil bei 2,8 % erwartet.
Was wäre, wenn?
Das SECO hat auch alternative Szenarien durchgerechnet. Selbst im Fall eines globalen Handelsschocks – einem sogenannten Negativszenario mit einer Rezession in den USA – würde die Schweiz keine Rezession erleben. Das Wirtschaftswachstum würde dann zwar auf 1,1 % im Jahr 2025 und 0,8 % im Jahr 2026 sinken, bliebe aber im positiven Bereich. Umgekehrt ist auch ein Positivszenario denkbar, etwa durch fiskalische Impulse in Europa. In einem solchen Fall könnte das BIP-Wachstum der Schweiz auf 2,0 % im Jahr 2026 steigen.
Fonds und ETFs
Anleger können von dieser Entwicklung über einschlägige Schweiz-Aktienfonds oder ETFs profitieren. Zu möglichen Kursgewinnen kommen noch Chancen auf eine weitere Aufwertung des Frankens zum Euro, der auf Fünf-Jahres-Sicht über 12 % im Plus liegt. Ein interessanter Fonds ist der „GAM Swiss Equity A“, der per Datenerhebung am 23. April auf 15 Jahres gesehen umgerechnet in Euro 9 % p.a. im Plus liegt. Dessen größte Positionen sind Roche, Novartis, UBS und Nestle.
Als kostengünstige ETF-Alternative kommt der „UBS (Lux) Fund Solutions – MSCI Switzerland 20/35 UCITS ETF“ in Frage, der 42 Positionen enthält und dabei Nestle, Roche und Novartis massiv übergewichtet.
Indessen fokussiert auf die 30 größten und liquidesten schweizerischen Unternehmen ist der „iShares SLI UCITS ETF“.
Foto: AdobeStock / Jürgen Fälchle
Realwirtschaftsinvestments abseits der Börse
ELTIF 2.0 öffnet Privaten unkompliziert die Tür zur Welt der Private-Equity-Beteiligungen.
Michael Kordovsky. European Long-Term Investment Funds (ELTIF) wurden von der EU geschaffen, um neben Institutionellen auch Privatanlegern den direkten Zugang zu langfristigen Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen (Private Equity) sowie Infrastrukturprojekten zu ermöglichen. Ziel ist es, privates Kapital stärker zur Finanzierung des Mittelstands und wichtiger Infrastrukturvorhaben zu aktivieren. Ursprünglich geregelt wurde diese Anlagekategorie in der ELTIF-1.0-Verordnung aus dem Jahre 2015. Doch zu komplexe und restriktive Auflagen führten dazu, dass ELTIFs ein Nischenprodukt blieben. Mit dem ELTIF 2.0 erfolgte eine Entbürokratisierung und ein erleichterter Zugang für Privatanleger: Diese können nun mit geringen Mindestanlagesummen investieren wie professionelle Anleger.
Chance für Anleger und Vermögensberater
Auch österreichische Anleger können sich nun wieder – unabhängig von Nettovermögen und An-lagequoten – über einen Vermögensberater unmittelbar an mittelständischen Unternehmen beteiligen. Ein bedeutender Schritt, denn 99 % aller Unternehmen agieren abseits der Börse und so konnten sich Anleger auch nur an dem einen Prozent beteiligen.
„Private-Equity-Fonds des Buy-out-Spektrums für mittelständische Unternehmen beteiligen sich mehrheitlich an Hidden Champions, erarbeiten individuelle Wachstumsstrategien und setzen sie in den folgenden fünf bis sieben Jahren um. Das Ziel ist dabei immer dasselbe: Den Wert des Unternehmens nachhaltig zu steigern, um es anschließend mit Gewinn wieder zu verkaufen“, erklärt Birgit Schmolmüller (Foto), Geschäftsführerin von MPE (Munich Private Equity) Austria, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Beispiele erfolgreicher Mittelständler mit PE-Background sind das tschechische Sicherheitssoftware-Unternehmen Avast und die beiden österreichischen Innovatoren Agilox (fahrerlose Logistikstapler) und Innio (Wasserstoffmotoren und Gasmotoren zur Stromerzeugung).
Dachfondsprinzip
Breit gestreut kann in diese Unternehmen über einen ELTIF investiert werden, der nach dem Dachfondsprinzip in diverse Zielfonds investiert. So beteiligen sich Anleger insgesamt an bis zu mehr als einhundert Firmen verschiedener Länder und Branchen im Sinne der Anlagesicherheit. Die Renditen können nach Kosten und vor Steuern – je nach Szenario – im Bereich von 6 bis 10 % p.a. liegen. Universitätsstiftungen, Pensionskassen in Übersee und auch Family Offices sind entsprechend in Private Equity investiert. Laut einer Goldman-Sachs-Umfrage bei 166 Family Offices fielen 2023 rund 26 % des Portfolios auf Private Equity.
Für österreichische Kleinanleger ist diese Anlagekategorie oft völliges Neuland. Doch über ELTIF bekommen sie über ihren Vermögensberater nun einen Zugang. Dazu Schmolmüller: „Mit dem ELTIF können Berater ihren Kundenportfolios einen stabilen Baustein mit attraktiver Renditekomponente hinzufügen. Für die Kunden heißt das: bessere Diversifikation und niedrigere Volatilität. Die Berater profitieren von einem Produkt mit geringem Betreuungsaufwand.“
Allerdings sollten sie sich die verschiedenen Konzepte der Private-Equity-ELTIFs genau ansehen. „So können wenige Einzelobjekte oder hunderte Beteiligungen enthalten sein. Auch der Investitionsfokus – ob Start-ups, Mittelstand oder Großkonzerne – beeinflusst das Rendite-Risiko-Profil deutlich. Dazu gibt es nun semi-liquide Konzepte, die dem eigentlichen Naturell von Private Equity widersprechen. Es gilt also verschiedene Parameter zu beachten“, erklärt Schmolmüller.
Ein aktuelles Beispiel: stabiles Europa
Der „MPE Mid Market Private Equity ELTIF“ für europäische mittelständische Unternehmensbeteiligungen etwa wird derzeit von Munich Private Equity bis Jahresende zur Zeichnung angeboten. Die Aufbauphase läuft bis Ende 2029. Ab 2030 beginnen die Ausschüttungen und die geplante Laufzeit endet voraussichtlich Ende 2037. Ab 5.000 Euro können Anleger einsteigen. Das Agio beträgt 5 %. Ein Vorteil des Produkts soll laut Schmolmüller der Schwerpunkt auf mehr als 100 europäischen Firmen sein: „Die EU zählt zu den stabilsten Anlageregionen weltweit – mit demokratischen Systemen, klaren Regeln und hoher Marktreife für Private Equity. Die Deal-Aktivität ist entsprechend hoch. Gerade der Mittelstand, oft als ‚Rückgrat der Wirtschaft‘ bezeichnet, bietet zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. Viele dieser Unternehmen treiben Innovation und Wachstum und verfügen über erhebliches Potenzial zur Wertsteigerung – besonders innerhalb der vielfältigen Märkte der EU.“ Die Auswahl der Zielfonds erfolgt in einem Due-Diligence-Prozess. „Grundsätzlich suchen wir nur Zielfonds aus, die bereits bewiesen haben, dass sie erfolgreich den Wert von Unternehmen steigern können – auch in Krisenzeiten. Wichtig ist uns auch, dass die Fondsmanager selbst mit privatem Geld in ihre Fonds investiert sind. So kann die Interessengleichheit mit unseren Anlegern sichergestellt werden“, so Schmolmüller abschließend.
Foto: MPE Austria
Addiko-Bank: Berechtigte Sanktionen oder Unrecht?
Dividendenstreichung sorgt für Unmut unter den Anlegern.
Florian Beckermann. Der Begriff „Sanktion“ trifft den österreichischen Aktionär immer häufiger. Zuletzt prominent im Zusammenhang mit russischen ADRs oder in der komplexen Strabag-Aktionäre-RBI-Situation. Die Materie ist so kompliziert und politisch überladen, dass eine seriöse Diskussion darüber kaum möglich scheint. Wenn schon nicht die befassten Juristen eine griffige Erklärung liefern können, bleibt in weiterer Folge der Aktionär auf der Strecke.
Der Fall der Dividendenstreichung bei der Addiko-Bank reiht sich ein.
Für Anleger wirken Sanktionen nicht selten wie ein Blitzeinschlag. Ein Selbstverschulden zu verorten, fällt schwer. Oft ist das Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit der technischen Administration und des Anlegerschutzes überzeichnet größer als die internationale Realität. Auch wenn in der jüngsten Vergangenheit immer wieder Rückschritte in der politischen Förderung von Kleinanlegern zu verbuchen waren, befindet sich die zentraleuropäische Anlegerkultur auf einem angemessenen Niveau – Spitzenklasse wünschenswert. Sie ist jedoch teils weit von dem entfernt, was außerhalb der EU oder Nordamerikas geboten wird. Wer dort Wertpapiere kauft, kauft das dortige Rechtssystem mit. Im Falle der Addiko Bank kauft umgekehrt eine serbische Investorengruppe Aktien einer EU-Gesellschaft in Österreich. Die Befindlichkeiten der EZB kauft man in diesem Falle ebenso mit. Im Einzelfall mögen die ausgesprochenen Sanktionen der EZB wenig nachvollziehbar sein, ja ungerecht wirken. Insbesondere dann, wenn die Sperrung der Dividende als Gruppenstrafe alle Aktionäre trifft. Selten hat die EZB mit ihrer Meinung jedoch völlig danebengelegen.
Wer nun Auskunft begehrt, muss lange suchen – eine Behörde für alles gibt es nicht. Die meisten Sanktionen entstehen im Rahmen der UN oder EU. Anknüpfungspunkt ist hier das Außenministerium. Die Überwachung von Sanktionsmaßnahmen erfolgt auf Grundlage des Sanktionengesetzes 2024 und des Devisengesetzes 2004. Die Umsetzung von Finanzsanktionen, die Kredit-, Finanz- und Zahlungsinstitute betreffen, wird durch die OeNB überwacht. Unter Finanzsanktionen ist beispielsweise das Einfrieren von Vermögen von Personen, die Einschränkungen von Zahlungsverkehrssystemen oder das Melden von Vermögen von bestimmten Personengruppen durch Kredit-, Finanz- und Zahlungsinstitute zu verstehen. Finanzsanktionen richten sich als „restriktive Maßnahmen“ gegen Terrorismusfinanzierung, Cyberangriffe, Chemiewaffen oder gegen schwere Menschenrechtsverletzungen und -verstöße. Die OeNB überwacht auch länderspezifische Sanktionsmaßnahmen. Eine andere Lesart erfolgt für güterbezogene Sanktionen. Hier ist die Exportkontrolle des Wirtschaftsministeriums zuständig und für die Durchsetzung der Zoll – bspw. nach dem Investitionskontrollgesetz. Die Überwachung sonstiger Sanktionsmaßnahmen erfolgt durch das Innenministerium, gegenständlich die DSN.
Fazit: Die unberechtigte Sanktion ist weitgehend unbekannt, deren Herleitung erschließt sich jedoch aktuell nur in ausgewählten Fällen. Auch wenn viele Anleger das Instrument damit grundsätzlich als berechtigt ansehen, erodiert es, wenn die Herleitung scheitert. Dann wirkt es intransparent und ungerecht. Dass die involvierten Behörden mehr aufklären könnten, ist kein Geheimnis.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
EY-Analyse Automotive Bilanzen 2024
Gewinn schrumpft bei allen Herstellern zusammen um 20 Prozent.
(22.04.) Der Umsatz der 16 weltweit führenden Autokonzerne legte im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent zu. Vor allem die japanischen Hersteller Suzuki und Honda konnten sich über ein zweistelliges Wachstum freuen. Hingegen verzeichneten die deutschen Autobauer zusammen ein Umsatzminus von 2,8 Prozent. Nur der französisch-amerikanische Autokonzern Stellantis erzielte mit minus 17 Prozent eine noch deutlich schwächere Umsatzentwicklung als die drei deutschen Autokonzerne.
Insgesamt schrumpften die Gewinne über alle Konzerne hinweg um 20 Prozent. „Gerade die für österreichische Zulieferer sehr wichtige deutsche Autoindustrie verzeichnete ein sattes Minus“, sagt Axel Preiss, Leiter Advanced Manufacturing & Mobility bei EY. Insgesamt lag der Gewinnrückgang von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW bei 27 Prozent. Schlechter als Mercedes-Benz und BMW entwickelten sich nur Nissan (minus 73 %) und Stellantis (minus 84 %).
Das sind Ergebnisse einer Analyse der Finanzkennzahlen der 16 größten Autokonzerne der Welt, die die Beratungs- und Prüfungsorganisation EY quartalsweise erstellt.
Auch bei der Profitabilität gab es starke Einbußen. Im Vorjahr waren noch Mercedes-Benz, Stellantis und BMW die margenstärksten Autokonzerne der Welt gewesen. Im Jahr 2024 wurde das Margenranking hingegen angeführt von Kia, Suzuki und Toyota. Mercedes-Benz rutscht vom ersten auf den vierten Platz, BMW vom dritten auf den sechsten, und Stellantis sogar von Platz zwei auf Platz 15. Der Volkswagen-Konzern belegte 2024 wie im Vorjahr den zehnten Platz.
Vor allem die japanischen Hersteller entwickelten sich im internationalen Vergleich besser. Deren Gesamtumsatz legte um acht Prozent zu, während der Gewinn nur um ein Prozent schrumpfte. Die US-Autobauer legten zusammen sowohl beim Umsatz – um sechs Prozent –, als auch beim Gewinn – um fünf Prozent – zu.
Preiss sieht die Gründe für die Entwicklungen am deutschen Markt in folgenden Punkten: „Schwacher Absatz, hohe Investitionen in die Elektromobilität, die sich aufgrund der schwächeren Nachfrage nicht rechnen. Hinzu kommen Probleme wie teure Software-Fehlschläge, Restrukturierungskosten und Rückrufe. Außerdem noch hohe Investitionskosten in Forschung und Entwicklung, die die Marge belasten.“ Im vergangenen Jahr stiegen die Aufwendungen der drei deutschen Autokonzerne für Forschung und Entwicklung um fünf Prozent auf den Rekordwert von 31,2 Milliarden Euro. Die hohen Forschungsausgaben seien allerdings auch auf veraltete und ineffiziente Prozesse in diesem Bereich zurückzuführen, so Preiss – insbesondere im Vergleich zu den asiatischen Wettbewerbern. Zudem gebe es keine klare Fokussierung in Bezug auf die zu adressierenden Kundensegmente und bei der Modellpalette.
Noch im Jahr zuvor war es gerade den Premiumherstellern gelungen, hohe Preise durchzusetzen und hervorragende Margen einzufahren – dank den Nachwirkungen einer künstlichen Verknappung und einer hohen Nachfrage nach Premiumfahrzeugen in wirtschaftlich aufstrebenden Wirtschaftsregionen. „Das hat sich geändert“, sagt Preiss. „Geopolitische Spannungen und eine schwache Wirtschaft wirken sich negativ auf die Nachfrage aus. Das trifft besonders das Premiumsegment, da dieses am stärksten von potenziellen Verschiebungen in der Kaufentscheidung als auch einem möglich Down- oder Up-Grade bei der Entscheidung für ein Alternativfahrzeug betroffen ist. Der bestimmende Wettbewerbsfaktor ist daher im Moment der Preis.“
Weltweiter Absatz rückläufig
Die meisten großen Konzerne verkauften im vergangenen Jahr weniger Neuwagen als im Jahr zuvor: Insgesamt schrumpfte der Pkw-Absatz der 16 größten Autokonzerne um drei Prozent. Die stärksten Einbußen vermeldeten Stellantis (minus 12 %), und Honda (minus 6 %). Fünf Unternehmen konnten mehr Pkw verkaufen als im Vorjahr: Ford und Renault steigerten ihren Absatz jeweils um ein Prozent, Mazda um drei Prozent, Suzuki um sechs Prozent und Mitsubishi sogar um acht Prozent. Die deutschen Konzerne verzeichneten zusammen ein Absatzminus von vier Prozent.
Ausblick: Keine kurzfristige Besserung der Lage – Sparen ist das Gebot der Stunde
Preiss geht im laufenden Jahr von keiner Trendwende aus – weder beim Absatz noch bei Umsatz und Gewinn: „Europa steckt mitten in der Konjunkturkrise, die neuen Zölle dürften in den USA in erheblichen Absatzeinbußen resultieren und in China herrscht ein erbitterter Verdrängungswettbewerb.“
Umso wichtiger sei es daher, dass die Konzerne jetzt ihre Hausaufgaben machen, so Preiss: „Eine deutliche strategische Neuausrichtung und Konzentration auf den Markenkern, das eigene Leistungsversprechen sowie ein passendes Fahrzeugportfolio sind unerlässlich. Allerdings: Sparmaßnahmen können lediglich als Mittel zur Transformation dienen, indem notwendige finanzielle Mittel ‘freigemacht’ werden, um eine grundlegende Neuausrichtung aller wichtigen Unternehmensbereiche zu ermöglichen. Dazu zählt unter anderem die umfassende Digitalisierung der Unternehmensprozesse und die Harmonisierung der Datenstrukturen, die als Grundlage für den breiten Einsatz von AgenticAI in den indirekten Funktionen sowie besonders im Forschungsbereich dient. Darüber hinaus sind umfassende Partnerschaften in den Bereichen Software, Elektromobilitäts-Ökosystem sowie Batterien und Halbleiter erforderlich. Die Zeit drängt.“
Emotionen erkennen – Chancen nutzen
Wichtig, jetzt rationale Entscheidungen treffen und langfristig denken.
(16.04.) In einem Umfeld zunehmender Unsicherheit und wachsender Volatilität an den Märkten wird einmal mehr deutlich, dass emotionale Reaktionen für viele Investoren zu einem großen Risiko werden können. „Niemand ist immun gegen die Angst vor Verlusten“, erklärt Arne Tölsner, Head of DACH Client Group bei Capital Group. Besonders in Phasen starker Kurseinbrüche sei die Versuchung groß, übereilt zu handeln – ein Verhalten, das langfristig hohe Kosten verursachen könne.
Die Datenlage zeigt: Rücksetzer kommen zwar regelmäßig vor, sind aber selten von Dauer. Der S&P 500 habe im Zeitraum von 1954 bis 2024 im Durchschnitt alle 18 Monate um mindestens zehn Prozent nachgegeben, rund alle sechs Jahre sogar um 20 Prozent oder mehr. Dennoch sei bislang auf jeden dieser Abschwünge früher oder später eine Erholung gefolgt, nicht selten verbunden mit neuen Höchstständen.
Markttiming bleibt ein Trugschluss
Wer glaubt, durch gezieltes Ein- und Aussteigen den Markt schlagen zu können, riskiere vielmehr, entscheidende Performancephasen zu verpassen. Tölsner verweist auf eine Analyse von Capital Group, wonach ein hypothetisches Investment von 1.000 US-Dollar in den S&P 500 zwischen 2014 und 2024 auf 2.869 US-Dollar angewachsen wäre – sofern der Anleger durchgehend investiert geblieben wäre. Das Verpassen der zehn besten Handelstage hätte diesen Wert jedoch beinahe halbiert.
Rationale Entscheidungen in irrationalen Zeiten
Dass Anleger in Krisenzeiten irrational handeln, sei kein Zufall, sondern gut dokumentiert. „Der Schlüssel liegt darin, emotionale Muster zu erkennen und ihnen nicht nachzugeben“, betont der Experte. Dazu gehöre auch ein Verständnis für typische kognitive Verzerrungen wie Bestätigungsfehler oder Verfügbarkeitsheuristiken, eine mentale Faustregel, die Menschen unbewusst bei Entscheidungen oder dem Fällen von Urteilen nutzen. Eine strukturierte Anlagestrategie helfe, impulsives Verhalten zu vermeiden.
Zu den empfohlenen Instrumenten zählen dabei klassische Ansätze wie das sogenannte „Dollar Cost Averaging“, also regelmäßige Investitionen in konstantem Umfang, unabhängig vom aktuellen Marktpreis. Diese Methode ermögliche es, langfristig einen günstigeren Durchschnittspreis zu erzielen, ohne auf das perfekte Timing angewiesen zu sein.
Diversifikation und Anleihen als Stabilitätsanker
Ein weiteres zentrales Element sei laut Tölsner eine breite Diversifikation über Anlageklassen hinweg. Sie könne zwar keine Verluste ausschließen, reduziere aber das Risiko extremer Ausschläge: „Insbesondere Anleihen haben sich in der Vergangenheit oft als Puffer in volatilen Phasen erwiesen.“ Natürlich müsse man auch den Anleihemarkt genauer analysieren und auch hier breiter streuenZwar hätten Anleihen 2022 ihre Rolle als sicherer Hafen nur eingeschränkt erfüllt – doch die historische Bilanz zeige, dass eine Kombination aus Aktien und festverzinslichen Wertpapieren ein robusteres Portfolio ergibt.
Langfristiges Denken zahlt sich aus
Auch wenn die Gegenwart von Unsicherheit geprägt sei, dürfe der langfristige Blick nicht verloren gehen. „Die Märkte haben langfristig immer wieder gezeigt, dass sie Investoren belohnen“, resümiert Tölsner. Von 1939 bis 2024 lag die durchschnittliche jährliche Rendite des S&P 500 über sämtliche rollierende Zehnjahreszeiträume hinweg bei 10,94 %.
Letztlich gelte es, Ruhe zu bewahren und sich auf bewährte Prinzipien zu stützen. Wer in turbulenten Zeiten diszipliniert agiere und einem soliden Investmentplan folge, habe gute Chancen, die Marktturbulenzen nicht nur zu überstehen, sondern auch von ihnen zu profitieren.
Auf Schnäppchen-Jagd gehen
Nicht nur am US-Tech-Sektor, auch an der Wiener Börse finden sich Gelegenheiten.
Patrick Baldia. Die letzten Wochen hatten es an den Börsen wahrlich in sich. Nachdem die Ankündigung überraschend hoher Zölle durch US-Präsident Donald Trump unter Anlegern vorübergehend Panik ausgelöst hat (allein an den US-Börsen wurden Anfang April Milliarden US-Dollar „vernichtet“), bleibt das Umfeld weiter unsicher. Selten zuvor war es so schwer, eine Prognose für die Zukunft abzugeben. Nur so viel scheint klar: die Stimmung an den Aktienmärkten ist so schlecht wie schon lange nicht mehr.
Mit einer raschen Normalisierung der Lage, ganz zu schweigen von einer Rückkehr zu alten Höchstständen, rechnen Experten jedenfalls nicht. Zu erwarten sei keine „V-förmige“, aber eine sich über mehrere Quartale erstreckende moderate Erholung, heißt es etwa bei Raiffeisen Research.
Für Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft, befinden wir uns aktuell in einer Phase, in der die Märkte alles neu definieren würden. „Sie kann über Wochen, unserer Meinung nach aber mindestens über das gesamte zweite Quartal anhalten“, sagt er zum Börsen-Kurier.
So unsicher die Lage auch scheint, nicht von der Hand zu weisen ist, dass die starken Kursrückgänge der vergangenen Wochen Anlegern auch Chancen eröffnen. „Die stärksten Verlierer werden die größten Gewinner sein“, meint Manuel Schleifer von Raiffeisen Research. „US-Tech sollte daher das Feld anführen.“
Für Wögerbauer drängen sich da drei Namen auf: Alphabet, Amazon und Microsoft. Sie wären zuletzt um rund 20 bis 30 % billiger geworden. „Ich sehe in den nächsten fünf Jahren kein Szenario, in dem diese Unternehmen nicht erfolgreich sein sollten“, sagt er.
Chancen im ATX Prime
Auch im ATX Prime haben sich interessante Gelegenheiten ergeben. Etwa bei Unternehmen, die sich eigentlich auf einem positiven Trend befanden, über die letzten vier Wochen aber starke, für Wögerbauer „in fundamentaler Hinsicht nicht nachvollziehbare“, Kursrückgänge verzeichneten. Interessant wären etwa Andritz, Palfinger, SBO und Wienerberger.
Auf europäischer Ebene scheine der Bau- und Rüstungssektor interessant. Ein paar Beispiele: Heidelberg Materials, Holcim und Sika. In Europa sollte man jedenfalls etwas langfristiger denken. „Schließlich wird es seine Zeit dauern, bis sich die Infrastruktur- und Rüstungspakete in den Zahlen der Unternehmen spiegeln werden.“
Bei BlackRock wurden europäische Aktien zuletzt auf „neutral“ hochgestuft. „Eine größere Einheit und eine wachstumsfreundliche Agenda in ganz Europa könnten die Nachfrage möglicherweise deutlich ankurbeln“, erklärt Roelof Salomons vom Investment Institute des weltgrößten Asset Managers. Bevor man jedoch optimistischer werde, werde man zunächst beobachten, wie die Eurozone auf die sich verändernde globale Dynamik reagiere und ihre strukturellen Herausforderungen angehe. Selektive Chancen für Anleger sieht der Experte ebenfalls in Branchen, die mit Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben verbunden wären, ebenso wie im Finanzsektor.
Insgesamt empfehlen Experten Anlegern, nicht in Extreme zu verfallen, sondern maximal kleinere Adaptionen vorzunehmen, wie beispielsweise die USA etwas zu reduzieren. In der größten Volkswirtschaft der Welt gebe es auf Sektoren- und Einzeltitelebene weiterhin Gelegenheiten. „Anleger sollten erwägen, ihr Portfolio in weniger teure Aktienmärkte zu diversifizieren“, so Monica Defend, Leiterin des Amundi Investment Institute.
Foto: AdobeStock / Cedric
Nachhaltige Rendite ist machbar
VBV-Diskussion: Wettbewerbsfähigkeit ohne Nachhaltigkeit in Gefahr.
Marius Perger. Mit der Diskussionsreihe „VBV im Diskurs“ will sich die VBV-Gruppe brennenden Fragen der Gegenwart stellen und Impulse für eine nachhaltige Gestaltung unserer Zukunft setzen, heißt es auf der Website. Als neunte Veranstaltung dieser Reihe ging es in einer hochrangig besetzten Diskussion um die Frage, ob wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit ein Widerspruch sind und ob Nachhaltigkeit sogar ein Wettbewerbsfaktor sein kann.
Kurs halten in volatilen Zeiten
Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass sich derzeit „alles im Umbruch“ befindet. Und die Finanzmärkte würden zum Ausdruck bringen, was sich derzeit abspielt, so Michaela Attermeyer, im VBV-Vorstand für die Veranlagung zuständig. Investoren würden sich derzeit für Zölle oder Rüstung interessieren, Nachhaltigkeit interessiere niemanden, ergänzt Walter Oblin, Generaldirektor der Österreichischen Post. Doch die Herausforderungen für die Erde seien gleichgeblieben, alle seien auch in volatilen Zeiten gefordert, Kurs zu halten: „Das Falscheste wäre es, alles über Bord zu werfen.“
Das Thema Nachhaltigkeit sei zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt, bestätigt auch Richard Stralz, CEO der Mayr-Melnhof Holz Holding. Es sei aber in der Bevölkerung und in den Betrieben angekommen, und es werde auch keinen anderen Ausweg geben, schon angesichts der vielen Regularien der EU. Und er erinnert daran, dass Rohstoffe endlich sind; wesentlicher Punkt sei es, „mehr in Re-Use zu gehen“.
„Wir spüren es alle.“ Wolfgang Anzengruber, früherer Vorstandsvorsitzender des Verbund und nun Aufsichtsratsvorsitzender der Oekostrom AG, betont, dass die Herausforderungen immer größer werden. Das Thema Nachhaltigkeit sei zwar inflationär geworden, tatsächlich seien aber beachtliche Fortschritte erzielt worden. Man dürfe nicht in alte Verhaltensmuster zurückfallen und nicht erst dann darüber reden, wenn es der Wirtschaft wieder gut geht.
Wettbewerbsfähigkeit sichern
Eine gut funktionierende Wirtschaft braucht eine gut funktionierende Gesellschaft und eine intakte Natur, sagt Sigrid Stagl, Universitätsprofessorin an der Wirtschaftsuniversität Wien und Wissenschaftlerin des Jahres 2024. Ohne Nachhaltigkeit würden enorme Kosten entstehen, und sie warnt vor „falschen Freunden“: Nachgelagerte Technologien wie „Carbon Capture“ seien keine generellen Lösungen und würden die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.
Man müsse aus dem Teufelskreis „hohe Schulden – weniger Investitionen in Infrastruktur – geringere Resilienz – höhere Kosten“ heraus, so Stagl. Bei knappen Budgets müsse man Subventionen überdenken.
Was die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs betrifft, betont Anzengruber, dass diese deshalb zurückgegangen ist, weil fossile Energie teurer wurde. „Mit mehr erneuerbarer Energie hätte uns das weniger getroffen.“ Der Preisvorteil der erneuerbaren Energien müsse sich endlich in den Energiepreisen widerspiegeln.
Intelligente Regulierung
Auch Oblin ist der Meinung, dass Nachhaltigkeit kein Grund für fehlende Wettbewerbsfähigkeit ist.
Er kritisiert vor allem die Überregulierung, wichtig wäre es, auf Dinge zu fokussieren, „die uns weiterbringen“: Er wünscht sich „mehr Fokus auf Maßnahmen, weniger auf Reporting“. Man solle Regulatorik aber nicht nur negativ sehen, ist Attermeyer überzeugt. Sie könne helfen, Dinge zu konkretisieren, notwendig sei aber eine „intelligente Regulatorik“.
Es brauche ein Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und zu einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft, ergänzt Oblin. Voraussetzung sei freilich eine Stabilität der Rahmenbedingungen. Als Negativbeispiel führt er die Einführung der motorbezogenen Versicherungssteuer für E-Fahrzeuge an: Das Versprechen der Entlastung habe höhere Erstinvestitionen motiviert, nun herrsche Verunsicherung.
Nachhaltige Rendite ist machbar
Für Stagl ist es wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen: Immer, wenn man sich entschied, auf Produktionsfaktoren – beispielsweise Sklaverei oder Kinderarbeit – zu verzichten, sei man nachher besser ausgestiegen. Man müsse nur die Übergangsphase organisieren, diese werde aber nicht lange dauern. Es gehe nun darum, nachhaltiges Handeln günstiger zu machen.
Gute Rendite mit Nachhaltigkeit ist möglich, weiß Attermeyer. Die VBV mache dies seit Anbeginn, es sei ihr Auftrag, im Interesse der versicherten Personen eine ansprechende Rendite zu generieren. Es sei kein „entweder – oder“ sondern ein „sowohl – als auch“, nimmt Moderatorin Gabriele Faber-Wiener vom Center for Responsible Management als Learning mit.
Foto: AdobeStock / RFsole
Eine Welt in schweren Umbrüchen
Die US-Zölle führen an den Märkten zu Verwerfungen – eröffnen aber auch neue Möglichkeiten.
Raja Korinek. Die globale Wirtschaftswelt wird derzeit gehörig auf den Kopf gestellt. Den Wankelmut des US-Präsidenten Donald Trump bei seiner Zollpolitik bekommen Länder rund um den Globus zu spüren. Auch die Welt der Nachhaltigkeit bleibt nicht verschont, so soll etwa die Öl- und Gasförderung wieder kräftig angekurbelt werden. Angesichts all solcher Entwicklungen sprach der Börsen-Kurier mit Finanzexperten zu ihren Einschätzungen.
Maria Vassalou, Leiterin des Pictet Research Institute, findet klare Worte. Sie meint, „Trumps umfassende Zölle und die scharfen Vergeltungsmaßnahmen Chinas sind symptomatisch für einen neuen Wettbewerb um die globale Führung, der die geopolitische und wirtschaftliche Welt neu ordnet“. Dabei gehe es dem Reich der Mitte insbesondere um die Führungsposition in den Bereichen Technologie und Innovation.
Anita Frühwald, CEO Austria & CEE BNP Paribas Asset Management, verweist zudem auf Trumps jüngste Aktion: Er habe – am 2. April – noch höhere Zölle auf Einfuhren angekündigt, diese aber anschließend verschoben oder ausgesetzt. „Wenn sich grundsätzlich nichts an seinen Plänen ändert, droht der US-Wirtschaft ein Stagflationsschock, der das Wachstum bremsen und die Rezessionsgefahr erhöhen könnte.“ Zugleich steigt die Inflation in einem stagflationären Umfeld. Die Reaktionen seien Frühwald zufolge auf den Finanzmärkten bereits sichtbar. „Risikoanlagen erlebten einen Ausverkauf.“ Selbst der Ölpreis gab kräftig nach.
Angesichts der aktuellen Lage stehe die Risikominimierung im Vordergrund. „Wir haben die Positionen verringert, die für einen Wachstums- bzw. Zollschock anfällig sind“, sagt Frühwald. Im Fokus stehen nunmehr Unternehmen mit stabilen Bilanzen, starken inländischen Lieferketten und Produktion sowie soliden ausstehenden Umsätzen.
„Außerdem setzen wir auf Large-Cap-Unternehmen mit sogenanntem ,Long-Cycle-Engagement‘.“ Solche Konzerne verfolgen eine langfristige Strategie.
Verwerfungen am Bondmarkt
Auch am Anleihemarkt gab es reichlich Bewegung. Während deutsche Bundesanleihen als sicherer Hafen gefragt waren, erlebten US-Staatsanleihen einen Abverkauf. Am 11. April übersprangen deshalb die Renditen 10jähriger Treasuries zwischenzeitlich die Marke von 4,4 %. Das Vertrauen in die US-Wirtschaft und damit den US-Dollar schwindet derzeit.
Und so bleiben auch die Notenbanken auf der Hut. Am 17. April senkte die EZB den Einlagensatz einmal mehr auf nunmehr 2,25 %. Schließlich gerät das Wachstum aufgrund der Zölle unter Druck. Die US-Notenbank müsse hingegen berücksichtigen, dass die politischen Entscheidungen, die zu der aktuellen Krise geführt haben, auch wieder schnell zurückgenommen werden könnten, konstatiert Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin, gegenüber dem Börsen-Kurier. „Die Fed wird daher abwarten, wie sich Inflation und Konjunktur entwickeln, bevor sie unserer Einschätzung nach im Juni erneut die Zinsen senkt.“
Anleihen sollten Junius zufolge jenseits des Atlantiks dann wieder ein sicherer Hafen sein. Denn dann würde sich der US-Staat wieder günstiger refinanzieren können. Dies dürfte auch das Anlegervertrauen wieder stärken. „Mit Abstrichen gilt das auch für Unternehmensanleihen, bei denen im Einzelfall die Auswirkungen der neuen US-Zollpolitik zu überprüfen ist.“
Unter dem Strich dürfte sich jedenfalls dann auch eine breite Streuung wieder verstärkt lohnen. Maria Vassalou von Pictet rät Anlegern jedenfalls Multi-Asset-Strategien in ihre Portfolios mehr zu integrieren.
Aufschwung für die Kreislaufwirtschaft?
Doch wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus? Hier ergeben sich Junius zufolge Chancen vor allem dort, wo die strategische Neuausrichtung der Lieferketten und der Fokus auf Resilienz Innovationen fördern. In diesem Zusammenhang könnte insbesondere auch die Kreislaufwirtschaft verstärkt in den Fokus rücken. So hat erst im Mai 2024 etwa die EU den „Critical Raw Materials Act“ (CRMA) ins Leben gerufen. Der CRMA soll sicherstellen, dass die Recyclingkapazität in der EU bis 2030 zumindest 25 % des jährlichen Verbrauchs an strategischen Rohstoffen decken kann. Damit wird nicht nur die Versorgungssicherheit erhöht – sondern auch die Umwelt ein Stück mehr geschont.
Foto: AdobeStock / Dimitry
Energiekonzern kürzt Investitionen
RWE fordert mehr Realismus bei der Energiewende.
Roman Steinbauer. Die Transformation in Richtung Erneuerbare Energien schritt bei den großen Strom-Anbietern seit Jahren – in unterschiedlichem Tempo – voran. Der stufenweise Ausstieg aus der Atomenergie stellte dabei vor allem die deutschen Gesellschaften vor zusätzliche Herausforderungen.
Unterdessen mahnen Entscheidungsträger führender Großkonzerne in Europa nicht nur aus Gründen der Wirtschaftsflaute zu mehr Vorsicht beim Tempo der Transformation. So berichtete das Handelsblatt in der Ausgabe von 21. März von einer Einforderung des RWE-Chefs Markus Krebber zu „mehr Realismus zur Energiewende“. Das Essener Unternehmen selbst werde die Investitionen in diesem Bereich bis 2030 deshalb von 55 auf 45 Milliarden Euro kürzen, wobei 10 Milliarden Euro bereits investiert seien. Krebber skizzierte bei der Vorlage der Jahreszahlen am 20. März (die Hauptversammlung findet am 30. April statt, Anm.) ein Umfeld, das zur Vorsicht mahne. So drohen nicht nur durch Zölle Unsicherheiten, sondern könnten auch eine zähe Inflation und steigende Zinsen als Belastungsfaktor bestehen bleiben.
Chancenreich, aber volatil, Analysten positiv gestimmt
Die Zeit, in der die RWE-Aktie als träges, aber „sturmsicheres“ Investment galt, sind längst vorbei. Der Prozess der Neuordnung im Sektor der Energiegewinnung lässt die Gewinnprognosen der Analysten weit auseinanderdriften. Der Einbruch des Ebitda um 26 % auf 5,7 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2024, der nicht nur auf gestiegene Kosten, sondern auch niedrigere Strom- und Gaspreise zurückzuführen war, verdeutlicht die neue Volatilität im Energiemarkt. Die Schwankungen der Aktiennotiz der RWE um bis zu 8 % binnen einer Woche sind unterdessen eher die Regel als die Ausnahme.
Anzumerken ist hingegen, dass sich der Wertpapierkurs nach den umfassenden Einbrüchen an den Finanzmärkten zu Anfang April vom Tiefpunkt rasch um mehr als 12 % überdurchschnittlich erholte. Analystenhäuser sehen ein weiteres Aufwärtspotenzial gegeben. Nach Angaben der Deutschen Presse Agentur beließ Jefferies die Einstufung für RWE vor den Zahlen zum ersten Quartal auf „buy“ mit einem Kursziel von 40 Euro, während JP Morgan am 10. April für das Papier einen Zielwert von 47,50 Euro mit dem Zusatz „übergewichten“ ausgab.
Die Aktionärsstruktur der RWE zeigt den starken Einfluss internationaler Investoren beim bedeutenden Energieversorger auf. So ist die Qatar Holding LLC mit 9,10 % der größte Einzelaktionär. Bereits dahinter folgt BlackRock Fund Advisors mit 5 %, vor Amundi Asset Management mit 3,1 % und der Government of Singapore Investment Corporation (GIC) mit 3 %.
Foto: RWE / Andre Laaks
Partner für Vertrieb, Produktgeber und Kunden
Der Börsen-Kurier blickt hinter die Kulissen von Sachwertespezialist Valued Asset.
Marius Perger. Werner Holzhauser (Foto) war zehn Jahre lang im Vorstand der Uniqa für Lebensversicherungen verantwortlich, die Maklerplattform Wefox baute er in Österreich mit auf. Heute ist er mit dem von ihm gegründeten Unternehmen Valued Asset auf Sachwerte spezialisiert. Der Börsen-Kurier sprach mit ihm darüber, wie es dazu kam und warum Immobilien und Edelmetalle in keinem Portfolio fehlen sollten.
Er habe in seiner beruflichen Laufbahn einige Male mitbekommen, dass sich hochgelobte Produkte in Luft aufgelöst haben; als er 2013 dann sein erstes Beratungsmandat erhalten hat, habe er erkannt, wie interessant Sachwerte sind, sagt Holzhauser. Dabei seien Produkte wichtig, die einen Bezug zu ökonomischen, ökologischen und sozialen Themen haben. Ein gut diversifiziertes Portfolio besteht für ihn zu je einem Drittel aus Wertpapieren, Immobilien und Gold.
Immobilien und Edelmetalle
Zu seinen Schwerpunkten zählen im Immobilienbereich Bauherrenmodelle, weil sie „fair“ sind: Sie schaffen einerseits leistbaren Wohnraum, andererseits gibt es für Investoren eine steuerliche Optimierung, im Gegenzug müssten diese dafür gedeckelte Mieten akzeptieren. Zielgruppe seien Investoren, die ihre private Wohnsituation geklärt haben und ab einem gewissen Einkommen „nichts mehr steuerlich tun können“. Diese Investoren würden vom aktuellen „Zwang zur Mietwohnung“ profitieren – viele Menschen hätten heute keine Chance mehr, auf die Käuferseite zu kommen; Investoren wissen, dass eine Wohnung sofort vermietet werden kann. Sein Produktpartner in diesem Bereich ist die IFA AG, die zuletzt mit der Fertigstellung einer Reihe von Projekten einen Vertrauensbeweis geliefert habe.
Wer im Immobilienbereich aber ansparen möchte, dem stehen beispielsweise Gewerbeimmobilienfonds nach französischem Recht von Corum Investments zur Verfügung, die eine Rendite von 5 bis 6 % abwerfen, so Holzhauser. Diese Produkte seien für eine sehr viel breitere Kundenschicht von Interesse, da bereits mit kleinen Summen begonnen werden kann.
Neben Immobilien liegt der Fokus von Valued Asset auf Gold – mit Auvesta als Produktpartner. Gold sei aber kein Anlageprodukt im herkömmlichen Sinn, sondern eine Versicherung gegen Inflation und Angst. Wer das Thema Gold besetzen will, sollte Goldminenaktien oder physisches Gold kaufen, empfiehlt Holzhauser, nicht aber „Forderungswertpapiere, die vorgaukeln, Gold zu sein“. Gold diene dazu, Liquidität zu haben, wenn etwas passiert, man solle deshalb kleinere Einheiten kaufen.
Partner für Berater und Kunden
Valued Asset verstehe sich vorrangig als Partner für selbständige Vermögensberater, derzeit rund 120 in ganz Österreich, die ihr Produktportfolio erweitern wollen. Man biete österreichweit Beratung, Schulung und Unterstützung, keinesfalls sei man Konkurrent, sondern Bindeglied zwischen Produktgeber und Vertrieb. Man betreue allerdings auch selbst Investoren, denn „ohne Kontakt zu Endkunden könnten wir nicht über Produkte sprechen“, betont Holzhauser.
Konkret bietet Valued Asset beispielsweise Vertriebspartnern die Veranstaltung von Kunden-events auch gemeinsam mit Produktpartnern sowie Weiterbildung in Zusammenarbeit mit der Fachakademie für Finanzdienstleister. Daneben gibt es ein eigenes Filmstudio und die Möglichkeit, Büroräumlichkeiten zu nutzen. Nicht zuletzt biete man jungen Vermögensberatern eine Besuchsbegleitung, denn gerade Bauherrenmodelle seien komplex, es gehe auch darum, mit Steuerberatern zu reden.
Das alles sei auch für die Produktpartner von Interesse, betont Holzhauser. Man verstehe sich als Vertriebsweg-Entwickler und Vertriebsplattform für Produktgeber, sie bekämen dadurch „eine andere Breite“ und hätten keine Kosten, das alles selbst aufzubauen.
Foto: Valued Asset
Knifflige Jagd nach den Besten
Fürs Management wünscht sich der Aktionär nichts sehnlicher als die Qualifiziertesten.
Florian Beckermann. Fürs Management wünscht sich der Aktionär nichts sehnlicher als die qualifiziertesten und motiviertesten Vorstände und Aufsichtsräte. Kurzum: Die Besten sind gerade gut genug. Doch dieser Wunsch ist äußerst schwierig zu erreichen, wenn die entsprechenden Mittel nicht zur Verfügung stehen. In der modernen Wirtschaftswelt zumindest sind echte Leistungsträger kaum noch mit ein paar blasierten Funktionstiteln zu ködern. Die Karriereperspektive und nicht zuletzt wettbewerbsfähige Vergütung müssen gewährt werden, wenn die Unternehmung sich erfolgreich und nachhaltig behaupten soll. Bei der jährlichen Vergütungsdebatte im Rahmen von Hauptversammlungen geht es den Aktionären und dem kritischen Stimmrechtsberater-Votum oft nur am Rande um die Höhe der Remuneration, sondern meist um die Nachvollziehbarkeit. Somit der Einordnung, ob die gewährte Vergütung auch den Anforderungsparametern entspricht. Diese wären (nicht abschließend):
1. Strategische Exzellenz: Top-Manager sollen Erfahrung und spezifische Weitsicht mitbringen um passgenauere, nachhaltige Strategien zu entwickeln und um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
2. Führungskompetenz & Governance: Leistungsorientierte Führung von Teams, Motivation und die Schaffung einer resilienten Unternehmenskultur sind zwingende Voraussetzungen – dies sind charakterliche Eigenschaften.
3. Finanzielle Performance & Shareholder Value: Unternehmen mit exzellenten Managern erzielen in der Regel bessere finanzielle Ergebnisse, höhere Renditen und stabile Wertentwicklung.
4. Krisenmanagement: In schwierigen Zeiten braucht es kühlen Kopf und Erfahrung. Entschlossenes Handeln und das Minimieren von Risiken führen sicher durch Krisen.
5. Netzwerk & Reputation: Top-Manager sollen wertvolle Kontakte zu Investoren, Politik, Wirtschaft und Medien mitbringen. Mit einem guten Ruf kann ein Manager das Vertrauen steigern – ein starkes Signal für Qualität und Professionalität.
6. Innovation & Wandel: Gute Führung soll Trends früh erkennen, Innovation entsprechend fördern und die (grüne und soziale) Transformation aktiv vorantreiben. Heute wichtiger denn je.
Es ist bei Aktiengesellschaften die Aufgabe des Aufsichtsrates bzw. des Nominierungs- und Vergütungsausschusses diese Parameter in messbare Teile zu zerlegen und in der Vergütungspolitik festzulegen. Das gelingt sichtbar nicht überall. Diskretionäres Gewurschtel ist nicht nachvollziehbar und wird abgelehnt. Der Aufsichtsrat scheitert. Problem: Österreichs Unternehmen verfügen bereits in den Aufsichtsräten über zu wenig Mittel, um für sich selbst das Personal zu generieren, das den Unternehmensanforderungen genügt. Die Aufsichtsräte sind weitgehend zu schlecht vergütet um unabhängig, leistungsorientiert und interventionsfrei agieren zu können – es gibt ein paar Ausnahmen. Welcher internationale Manager mit den oben genannten Qualifikationen übernimmt für 1.500 Euro im Monat und 500 Euro Sitzungsgeld (alles vor Steuern), entsprechende Verantwortung und Zeitbürde? Die erste Reihe, große Motivation oder gar eine Professionalisierung erreicht man so nicht. Hier macht man sich allzu häufig etwas vor. Es muss die Frage erlaubt sein, ob schon die Jagd nach den Besten an der Jägerauswahl scheitert. Die Wettbewerbssituation tritt dann noch hinzu. Hier gibt es Verbesserungspotenzial.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Experte sieht Rezessionssorgen übertrieben
„In Europa herrscht Aufbruchstimmung – Trumps Zöllen zum Trotz“
(07.04.) Wirtschaftlich hat sich in den USA nach den ersten Monaten unter Präsident Donald Trump Ernüchterung eingestellt. Rezessionssorgen hält Felix Herrmann, Chefvolkswirt bei ARAMEA Asset Management, aber für übertrieben. In Europa steht das deutsche Infrastrukturpaket im Fokus. Dieses könnte aus seiner Sicht die Statik am Rentenmarkt verändern. Am Aktienmarkt sollte die Aufholjagd europäischer Papiere gegenüber US-amerikanischen Titeln weitergehen.
Nach dem Wahlsieg Trumps waren sich die meisten Marktteilnehmer einig: Er wird den US-Konjunkturmotor unter dem Strich weiter anfeuern. Nun wird jedoch deutlich, dass die eher wachstumsfreundlichen „Reformen“ Trumps auf sich warten lassen, während Zollpolitik und Entlassungen im öffentlichen Sektor die Stimmung im Land zunächst einmal stark belasten. Die USA dürften aber auch im Jahr 2025 einen Bogen um eine Rezession machen. Weiterhin profitieren sie wie weltweit keine andere Region von den großen Megatrends dieser Zeit, vornehmlich dem KI-Trend.
Während in den USA die Zeichen eher auf Verlangsamung der Wirtschaft stehen, herrscht in Europa spätestens seit der Verabschiedung des deutschen „Sondervermögens“ Aufbruchstimmung – Trumps Zöllen zum Trotz. Ob das Fiskalpaket in Deutschland jedoch der erhoffte „Game Changer“ wird – frei nach dem Motto „viel hilft viel“ – ist fraglich. Die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute er-warten, dass es einen spürbaren Wachstumseffekt geben wird. Da die freien Produktionskapazitäten der europäischen Industrie jedoch auch aufgrund des Fachkräftemangels beschränkt sind, dürften die Ausgabensteigerungen auch zu Produktionsengpässen und somit zu mehr Inflation beziehungsweise mehr Importen – insbesondere aus den USA – führen.
USA: höhere Inflation, weniger Spielraum für Zinssenkungen
Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) stehen vor schwierigen Monaten. In den USA feuert ein Präsident, der nicht versteht, welch hohes Gut die Unabhängigkeit der Notenbank darstellt, eine Salve nach der anderen in Richtung Fed-Chef Jerome Powell, der sich „weigert“ die Zinsen zu senken. Tatsächlich stellen die steigenden Inflationserwartungen aufgrund der Zollpolitik jedoch eine Gefahr für die Preisstabilität in den USA dar.
Obwohl die Einführung von Zöllen das Preisniveau nur einmalig anhebt, hat die Politik Trumps zumindest kurzfristig höhere Inflationszahlen in den USA zur Folge. Zu erwarten ist, dass die Zölle die Kerninflation trotz eines unterliegenden disinflationären Trends in den kommenden zwölf Monaten auf über drei Prozent treiben werden, bevor sie sich wieder dem Zielwert annähert. Der Spielraum für die Fed, die Geldpolitik kurzfristig zu lockern, ist somit äußerst überschaubar. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass dies nur für eine unabhängige Notenbank gelten dürfte. Ersetzt Trump Jerome Powell im Frühjahr 2026 durch einen gefügsamen Notenbankchef, der bereitwillig trotz höherer Inflation die Zinsen senkt, ist theoretisch alles möglich. Wenn die Wochen seit Trumps Amtsantritt eines gezeigt haben, dann, dass er vor nichts zurückschreckt. Allerdings würde ihm der Markt wohl die rote Karte zeigen – die einzige rote Karte, die er vermutlich zur Kenntnis nimmt.
Europäische Währungshüter dürften vorsichtiger werden
Die EZB sieht sich zwar keinen Angriffen auf ihre Unabhängigkeit ausgesetzt, aber auch sie agiert spätestens seit Trumps Amtsantritt unter höherer Unsicherheit. Hinzu kommt nun die Aufgabe, abzuschätzen, inwiefern die steigenden Staatsausgaben die Inflation womöglich wieder anfachen. Beide Aspekte sprechen für sich genommen für eine in Zukunft etwas vorsichtigere Vorgehensweise im Zinssenkungs-prozess – zumal das neutrale Zinsniveau in Reichweite ist. Den neutralen Zins verankert die EZB laut einer neuen Studie bei 1,75 Prozent bis 2,25 Prozent. Vom Mittelwert dieser Spanne ist man somit nur noch 50 Basispunkte entfernt. Wir erwarten, dass sich der Zinssenkungsspielraum durch die jüngsten Nachrichten verkleinert hat und das Ende des Senkungszyklus nun bei 2,00 Prozent zu erwarten ist.
Am Rentenmarkt der Eurozone steigen die Renditen
Für den Rentenmarkt in Europa ergibt sich durch Deutschlands Schuldenwende eine veränderte Statik. Da die Bundkurve die wichtigste Referenz am Markt darstellt, verschieben sich durch den deutschen Renditeanstieg die Renditestrukturkurven nahezu aller Euro-Schuldner nach oben. Und ein weiterer Renditeanstieg für länger laufende Bundesanleihen scheint vorgezeichnet.
Höhere Schuldenstände führen keinesfalls unausweichlich zu schlechteren Ratings beziehungsweise höheren Risikoaufschlägen. So war Deutschlands Top-Rating zuletzt eher wegen fehlenden Wachstums in Gefahr – nicht wegen schlechter Bonität. Da Deutschland in den nächsten Jahren aufgrund massiv steigender Fiskalausgaben sehr wahrscheinlich stärker wachsen wird, als es ohne das Paket der Fall gewesen wäre, und auch die Inflation tendenziell etwas höher ausfallen dürfte, rechnen wir mittelfristig dennoch mit steigenden Bundrenditen. Wir kalkulieren mit einem neuen gleichgewichtigen Renditeniveau bei zehnjährigen Bundesanleihen von 3,25 Prozent. Die deutsche Zinskurve sollte im Zuge dessen weiterhin steiler werden.
Europäische Aktien dürften Positivtrend fortsetzen
Europäische Aktien haben in den ersten Wochen des Jahres 2025 ein bemerkenswertes Comeback hingelegt und US-Titeln deutlich die Rücklichter gezeigt. Die Aufbruchstimmung in Europa dürfte weitere Kräfte freisetzen, sodass die Aufholjagd europäischer Papiere gegenüber US-amerikanischen Titeln weitergehen sollte. Bei US-Aktien steht die Ampel aus unserer Sicht nach dem Ausverkauf auf gelb bis grün. Kurzfristig drohen weiter Verluste. Hohe Margen und eine übertriebene Rezessionsangst machen zumindest ausgewählte Branchen attraktiv.
Die Performance von Dax & Co. wurde bislang allein durch einen Anstieg der Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) getrieben. Da wir damit rechnen, dass neben weiteren „Fortschritten“ bei den KGVs auch das Gewinnwachstum in Europa unter anderem vor dem Hintergrund steigender Staatsausgaben zulegen wird, sind weitere Kursgewinne für den breiten Markt aus unserer Sicht wahrscheinlich. Diese könnten dann wiederum Anleger zusätzlich unter Druck setzen, da viele Investoren bei europäischen Aktien stark unterallokiert sind.
Als problematisch erachten wir hingegen Branchen, die stark unter dem von Trump lancierten Handels-krieg leiden. Hier ist zuvorderst die Autobranche zu nennen. Trotz des Gegenwinds höherer Zinsen rechnen wir hingegen mit einer Outperformance von Small und Mid Caps in Europa, da diese überproportional von den Ausgabenprogrammen profitieren dürften.
Jetzt kühlen Kopf bewahren
Trotz des jüngsten Zollschocks sei es zu früh, die USA abzuschreiben, so Experten.
Patrick Baldia. Mit den von US-Präsident Donald Trump am 2. April in seiner Rede zum „Liberation Day“ angekündigten und mittler-weile in Kraft getretenen neuen Zöllen wurden die schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Die Antwort einiger betroffenen Staaten ließ nicht lange auf sich warten. Andere bereiten noch Gegenmaßnahmen vor.
Die Reaktionen an den Börsen seitdem deuten darauf hin, dass die neuen Tatsachen keineswegs als der von Trump angekündigte „Befreiungsschlag“ gesehen werden. Allein am 2. April hat der S&P 500 mit einem Minus von fast 5 % abgeschlossen, während der Dow Jones Industrial Average um 4 % zurückging. Der techlastige Nasdaq Composite brach sogar um 6 % ein. Ganz zu schweigen von den globalen Börsen. „Angesichts der erheblichen Erschütterung des globalen Handelssystems erscheint es schwer vorstellbar, dass sich die Aktienmärkte von den jüngsten Verlusten erholen – weitere Kursrückgänge scheinen wahrscheinlich“, hält Chris Iggo, CIO Core Investments bei AXA Investment Managers, fest.
Wie sollen Anleger, die in den USA Investiert sind, reagieren? Für Christoph Vahs, Senior Fund Manager bei der Erste Asset Management (EAM) und verantwortlich für den Erste Responsible Stock America, kann Trumps Entscheidung durchaus ein „Wegweiser“ sein. „Insgesamt sollten Anleger im aktuellen Umfeld dennoch einen kühlen Kopf bewahren, sich der Fundamentaldaten besinnen, aber auch über den Tellerrand – sprich in andere Länder – schauen“, sagt er zum Börsen-Kurier. Denn selbst mit den neuen Zöllen sei es zu früh, die USA abzuschreiben. Tatsache sei, dass dort in den vergangenen Jahren die größten und innovativsten Unternehmen zu finden waren und sich Anlegern auch mehr Möglichkeiten als etwa in Europa boten.
Ein Zugang für Investoren könnte sein, sich für Sektoren und Unternehmen zu entscheiden, die überwiegend in den USA tätig sind und damit nicht vom neuen Zollregime betroffen sind. Dazu gehören etwa Telekom- oder Immobilien-werte. „Für viele anderen US-Unternehmen ist es dagegen schwer ihre Supply Chains, die über viele Jahre mit ausländischen Zulieferern aufgebaut wurden, neu auszurichten“, meint Vahs.
Sich auf breiter Ebene in defensiven Titeln zu positionieren, scheint aktuell jedenfalls auch nicht die ideale Lösung zu sein. Nur ein Beispiel: Der US-Health- Care-Sektor hat seit dem Antritt des US-Gesundheitsministers Robert F. Kennedy Jr. rund 12 % verloren. Interessanter könnten laut Vahs dagegen unterbewertete Industriewerte oder Unternehmen aus der Bauwirtschaft sein, wie zum Beispiel Caterpillar, die von steigenden Infrastrukturausgaben profitieren könnten. Ein Anstieg der Inflation könnten wiederum Discounter-Konsumgüterfirmen wie Dollar Tree attraktiv machen.
Einstiegsmöglichkeiten könnten sich auch im weiterhin hoch bewerteten Tech-Sektor bieten. „Beispielsweise ist das für 2025 erwartete KGV von Google (18,3x) so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr“, so Vahs. Auch der Chipgigant Nvidia sei trotz zuletzt stärker gestiegener Gewinne billiger als noch vor zwei Jahren. Stark unterwegs war zuletzt auch Netflix.
Hat Trump den Bogen diesmal überspannt? „Eine der zentralen Fragen ist, wo Trumps Schmerzgrenze liegt – wie lange wird er an den Zöllen festhalten und was könnte einen Umschwung auslösen? Die weit verbreitete Annahme, dass Trump sehr empfindlich auf Rückgänge am Aktienmarkt reagieren würde, hat sich eindeutig nicht bestätigt“, sagt Libby Cantrill, Head of Public Policy bei Pimco.
Foto: Pixabay / Synthetics Aestethics
Gasselsberger sieht Gründe für Aufschwung
Oberbank trotzt dem Pessimismus mit gutem Ergebnis und erhöht die Dividende.
Tibor Pásztory. „Ich habe mich nie auf Wirtschaftsforscher verlassen!“, stellt Oberbank CEO Franz Gasselsberger (Foto) im Gespräch mit Journalisten klar. „Ich spreche lieber mit meinen Kunden. Die wissen genauer, wie die Stimmung in der Wirtschaft läuft“, sagt der 66-Jährige, der nach eigenem Bekunden pro Woche zehn Bankkunden persönlich trifft.
Als Conclusio dieser persönlichen Kontakte erweist sich der langjährige Chef der Oberbank merkbar optimistischer, was die konjunkturelle Zukunft in unserem Land betrifft, als so manch anderer. Als Beweis führt er das bereits im abgelaufenen Jahr entspanntere Kreditrisiko sowie eine spürbare Kreditnachfrage bei der Oberbank an. „Selbst im Wohnbau sehen wir ein zartes Pflänzchen wachsen.“ In Zahlen ausgedrückt, bleibt bei der Oberbank die NPL(Non-Performing Loan)-Quote, also die Quote notleidender Kredite, stabil bei niedrigen 3,56 %. Im Privatkundengeschäft sei das Kreditrisikogeschäft über-haupt kein Thema, so der CEO.
Budgetdefizit
Weniger begeistert zeigt sich Gasselsberger von der schrittweisen Kenntnis des österreichischen Budgetdefizits – womit wir wieder beim Thema Wirtschaftsforscher wären. „Als börsennotierte Bank hätten wir in so einer Situation schon mehrfach Ad-hoc-Meldungen herausgeben müssen“, ärgert er sich und gibt zu verstehen, dass er sich nicht vorstellen könne, wie jemand über sein Budgetloch nicht Bescheid wüsste.
Die Österreichische Bundesregierung wird sich hier wohl einiges einfallen lassen müssen. Die angekündigte Bankenabgabe sei jeden-falls gegen die Abmachungen. Wie auch andere Bankenchefs, etwa Erste-CEO Peter Bosek, weist er darauf hin, dass das Thema seinerzeit durch eine einmalige Abschlagszahlung eigentlich erledigt worden sei. Im abgelaufenen Jahr habe die Oberbank 4 Millionen Euro berappt, für 2025 erwartet Gasselsberger gut 14 Millionen Euro.
Konjunkturoptimismus
Zurück zum Thema Konjunktur, nennt der CEO einige Hard Facts der Bank: Bei der Wohnbaufinanzierung sei die Vergabe 2024 gegenüber dem Jahr zuvor um 50 % gewachsen. Die Sparquote ist im Steigen begriffen. Heuer habe sie bei der Oberbank bereits 60 % des geplanten Jahresbudgets 2025 überschritten, da sich die Bevölkerung nicht mehr auf die staatliche Pension verlasse. Die betreuten Kundengelder seien um 5 % gestiegen und hätten die 40-Milliarden-Euro-Grenze überschritten. Auch das Firmenkundengeschäft sei in allen Formen der Investitionsfinanzierung um 5 % auf 17,1 Milliarden Euro gewachsen. Als CEO einer der größten Förderbanken Österreichs stellt Gasselsberger allerdings die klare Forderung an die Bundesregierung, mehr Planbarkeit bei der Umweltförderung zu gewährleisten.
Obgleich der Kernmarkt der Bank in Österreich, und hier wiederum besonders in Oberösterreich und Salzburg, liegt, setzt die Bank weiter klar auf Expansion, nach einer langen Phase in CEE und Süddeutschland nun auch in Nordrhein-Westfalen. „Beim Wirtschaftswachstum überholt CEE Österreich allerdings klar“, stellt Gasselsberger nüchtern fest. Trotzdem gäbe es auch hierzulan-de eindeutige positive Indikatoren bzw. Anlass zur Hoffnung.
Da wäre die Erwartung noch zweimaliger Zinssenkungen im heurigen Jahr. Selbst die erratische Politik Donald Trumps verursache Kollateralnutzen in Form eines Abebbens der EU-Regulierungswut. Das 500- Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket Deutschlands sei sogar als „Gamechanger“ zu sehen. 1 % Wachstum in Deutschland verursache 0,2 bis 0,4 % Wachstum in Österreich, so der CEO, der aber trotz positiven Denkens keinen präzisen Ausblick auf 2025 geben kann.
Immerhin: 2024 konnte das Rekordergebnis von 2023 von 5,37 Euro pro Aktie mehr oder weniger gehalten werden. Der Hauptversammlung soll daher eine Erhöhung der Dividende um 15 % auf 1,15 Euro pro Aktie vorgeschlagen werden.
Foto: Oberbank / Joachim Haslinger
Insurtechs: Warum die Disruption ausgeblieben ist
Vor zehn Jahren war es ein Hype, heute sind die meisten wieder verschwunden.
Marius Perger. Vor rund zehn Jahren wurden die ersten „Insurtechs“ gegründet. Die Fintech-Welle sei damals in die Versicherungsbranche hinübergeschwappt und zum Hype geworden, resümierte Nikolai Dördrechter, COO und Managing Partner der XTP GmbH, eines auf die Beratung institutioneller Investoren spezialisierten Unternehmens, beim diesjährigen Insurance Forum Austria in Stegersbach. Bald allerdings habe es erste Phasen des Umbruchs gegeben, Ernüchterung habe sich im Markt breitgemacht. Heute stehe fest, dass die groß angekündigten Disruptoren mit ihren Modellen im DACH-Raum – Deutschland, Österreich, Schweiz – gescheitert sind.
Warum die Disruption ausgeblieben ist
Die ersten Gründer hätten versucht, E-Commerce-Erfolgsrezepte auf die Versicherungsbranche zu übertragen, doch dies habe nicht funktioniert. Sie hätten die Regulatorik und die hohen Kosten der Kundenakquisition unterschätzt, und Geschäftskunden seien vorsichtig, wenn sie mit neuen Playern arbeiten. Dazu komme, dass die Finanzierung über Business Angels oder Venture Capital für lizenzierte Versicherer der falsche Weg sei. Deren kurzfristiges Denken könne für Startups eine Katastrophe bedeuten, so Dördrechter.
Da viele Startups scheitern oder nur mäßig Erfolg haben, benötige es „Raketen“, die das Potenzial haben, den gesamten Fonds zurückzuzahlen. Das sei in einem fixkostenintensiven Geschäft wie den Versicherungen kaum zu erreichen. Die Gründung lizenzierter Versicherer benötige kein disruptives, sondern ein bewährtes Geschäftsmodell, da es Kapital mit einem anderen Risikoprofil braucht.
Einige wenige erfolgreich
Viele der einstigen Insurtechs seien mittlerweile wieder vom Markt verschwunden, nur einige wenige hätten es geschafft, wirklich erfolgreiche Geschäftsmodelle aufzubauen, betonte Dördrechter. Allerdings gebe es im Versicherungsbereich kein „Hypergrowth“, das heißt kein überdurchschnittliches Wachstum in extremem Tempo. Der Erfolg sei eine Mischung aus harter Arbeit und organischem sowie anorganischem Wachstum gewesen.
Potenzial für Insurtechs sieht Dietmar Kottmann, Partner beim Managementberater Oliver Wyman, in drei Bereichen. Was ihr Angebot betrifft, würden sich jene durchsetzen, die Differenzierung durch Technologie bieten, beispielsweise bei Risikobewertung oder Underwriting. Darüber hinaus würden Vertriebsplattformen funktionieren und im Bereich des Betriebes könnten unter anderem Technologieplattformen oder Front-Office-Lösungen erfolgreich sein.
Größe entscheidet
„Gleich und Gleich gesellt sich gern“, sagt Kottmann. Große Versicherer wollen Sicherheit und Verlässlichkeit ihrer Anbieter, die Insurtechs seien „nicht an die Fleischtöpfe herangelassen worden“. Für eine echte Relevanz als Technologie- bzw. Serviceanbieter sei Größe notwendig; große Versicherer würden nämlich große Technologieanbieter bevorzugen. Im B2B-Geschäft gebe es „schnellen Druck zur Größe“. Diese könne auch anorganisch erreicht werden. So entstanden unter anderem durch M&A auch im DACH-Raum größere Anbieter, international gebe es „wahre Gorillas“.
Von Insurtechs zu Techsurance
Anfangs seien die Versicherer „schläfrig“ gewesen, seien dann aber aufgewacht und haben ihre Fähigkeiten hausintern aufgebaut, so Kottmann. Außerdem hätten sie Technologie zugekauft, teilweise auch von den Startups. Geld für „Big Data Analytics“ sei jedenfalls vorhanden.
Insurtechs seien in den vergangenen zehn Jahren Innovationstreiber gewesen; nun gehe es darum, Versicherung über Technologie besser zu machen: „Aus Insurtechs wird Techsurance“. Innovationsanstöße seien eher von Versicherern zu erwarten. Dabei werden sich rund um große Spieler Tech-Ökosysteme bilden, erwartet Kottmann: „Es werden jene gewinnen, die mit echtem Wissen über die Versicherungsbranche Versicherung neu denken.“
Foto: AdobeStock / Ticha
Innovation durch FinTech-Scouts
Mit Hilfe von externen Experten wurden bei der RBI bereits viele Projekte gestartet.
Patrick Baldia. Die digitale Transformation hat in den vergangenen Jahren in der Finanzbranche bekanntlich zu gewaltigen Umwälzungen geführt. Vor allem wurden die etablierten Player mit neuen, unverhofften Konkurrenten konfrontiert, die nicht aus dem etablierten Bankbereich kommen: den FinTechs. Mit ihren einschlägigen technologiegestützten Innovationen und Anwendungen, die neue Geschäftsmodelle ermöglichen, haben sie für gehörigen Wettbewerbsdruck gesorgt und die Banken dazu veranlasst, ihre Strategien und Geschäftsmodelle zu überdenken und weiterzuentwickeln.
Die Raiffeisen Bank International (RBI) hat sich für einen interessanten Zugang entschieden, um Finanzinnovationen voranzutreiben. Ein im Vorjahr gegründetes Team aus globalen FinTech-Experten soll über wichtige Marktentwicklungen berichten und der RBI direkten Zugang zu den relevanten Anbietern des weltweiten Technologie-Ökosystems verschaffen. Bei einem Pressegespräch Anfang der vergangenen Woche in Wien präsentierten die externen Experten ihre aktuellen Erkenntnisse.
„Die Scouts sind nicht nur unsere Augen und Ohren vor Ort, sondern wir nutzen die bestens vernetzten Experten auch als Türöffner, um attraktive Partner aus dem Technologie-Umfeld nach Österreich zu bringen“, erklärt Christian Wolf, Head of Strategic Partnerships & Ecosystems. Das erklärte Ziel der Zusammenarbeit mit den Fachleuten sei es, ausgewählte Technologien nahtlos in das Dienstleistungsportfolio der RBI zu integrieren. Basierend auf den Input habe man bereits eine Reihe von Projekten gestartet, die sich mit KI-Transformation, Embedded Finance und Digital Assets beschäftigen.
KI-Einsatz im Geldwäsche-Monitoring
Zu den FinTech-Scouts, die bei besagtem Pressegespräch dabei waren, gehört etwa Aditi Subbarao, Global Financial Services Lead bei Instabase in London. Die KI-Expertin zeigte auf, wie die Technologie, die derzeit in aller Munde ist, bei Banken zum Einsatz kommt. Und die Anwendungsbereiche sind durchaus vielfältig: Angefangen mit der Kundenkommunikation über die operative Effizienzsteigerung und Risikomanagement bis hin zu Compliance-Themen wie Geldwäsche-Monitoring.
Akshat Mittal, General Manager of Core Payments bei Revolut in Delhi, gab wiederum Einblicke, wie mittels Stable Coins (Kryptowährungen, die die Wertentwicklung traditioneller Vermögenswerte wie US-Dollar, Euro oder Gold abbilden und daher als besonders stabil gelten, Anm.) Geld transferiert werden kann. „Und zwar jederzeit sofort rund um den Globus“, so der Experte. Außerdem würden die „stabilen Kryptowährungen“ Ländern, die mit hoher Inflation kämpfen als wertsichernde Alternative zur Landeswährung dienen.
Nicht minder spannend sind die Anwendungsbereiche der Embedded Finance, die die Expertin Varija Raj, Product Manager bei Lendable in London, aufzeigte. So würden Unternehmen wie Sams-ung, Visa oder Mastercard in die bargeldlose Zahlungsabwicklung mit mobilen Endgeräten wie Handys oder Tablets einsteigen. Noch ein Beispiel: Wie „Buy Now Pay Later“-Anbieter wie Klarna, Splitit oder Leanpay Händlern erhebliche Umsatzsteigerungen bescheren können.
Daniel Minarik, Chief Data & Innovation Officer der RBI-Tochter Tatra banka in Bratislava beschäftigt sich wiederum mit dem Thema der persönlichen Finanzanlage bei Endkunden – und zwar mittels einer App. Weiters setzt er sich unter anderem mit Quanten-Computing und den damit verbundenen Auswirkungen auf Kryptografie sowie generell mit neuen Geschäftsmodellen auseinander.
Foto: Pixabay / Tylijura – KI generiert
Mit Goldplating gegen die Geschlechterquote
Der Entwurf zum Leitungspositionengesetz sorgt für Stress bei börsennotierten Unternehmen.
Florian Beckermann. Es geht um die Geschlechtergleichstellung, eine „neue“ Geschlechterquotendebatte. Eine IVA-Umfrage verdeutlicht den Bruch in der Gesellschaft. Das Thema ist emotional, komplex und politisch bespielt. Wie sieht der Entwurf aus? Eine schleunigst umzusetzende EU-Richtlinie lässt börsennotierten Unternehmen die Wahl: Entweder mindestens 40 % Männer oder Frauen im Vorstand, oder 33 % für Vorstand und Aufsichtsrat zusammen. Doch der noch von Alma Zadic (Grüne) eingebrachte österreichische Entwurf des Justizministeriums sieht vor, dass ab einem Zweier-Vorstand mindestens ein anderes Geschlecht, und dem Aufsichtsrat mindestens 40 % Männer oder Frauen angehören sollen. Eine schärfere nationale Umsetzung einer EU-Richtlinie droht, so genanntes „Goldplating“ – einen Wettbewerbsnachteil kann man verorten. Und alles bitte zeitlich kurzfristig. Zwar erfüllen viele Börsenunternehmungen diese Vorgaben bereits heute, doch manche eben nicht. Sie schwitzen.
Statistik: Wie eine Blitzumfrage des IVA herausstellte, halten 68 % die Vorgabe der EU-Richtlinie für ausreichend oder votieren für eine Abmilderung des Gesetzesvorschlags, während jedoch 68 % der befragten Frauen den Gesetzesvorschlag präferiert. 48 % sind gegen eine Quotenregelung, 43 % halten sie für sinnvoll (Frauen 89 %). Eine tiefe Kluft.
Klar ist, das Erreichen einer Geschlechtergleichstellung stößt auf gesellschaftsstrukturelle Probleme. Die für die Börse naheliegenden Instrumente der BWL oder Leistungsmessung sind wenig geeignet, eine Antwort auf die Quotenfrage zu entwickeln. Sie sind geschlechtsneutral. Es geht um eine gesellschaftlich-soziale Frage.
Kritik: Dass eine Quotenregelung gegen das Leistungsprinzip verstößt, Diskriminierung, Frust oder Vorurteile gar provozieren könnte, ist System-immanent. Zusätzlich wirkt ein solcher Eingriff in die Privatautonomie für Einige gar als Börsenhindernis. Er ist geeignet, Unternehmen vom österreichischen Markt abzuhalten oder zu verdrängen – mithin der genannte Wettbewerbsnachteil. Mit der prognostizierbaren Vermeidungsstrategie „Zweiervorstand“ wird Transparenz, Gremien- und Berichterstattungsqualität umgehend erodiert – US-Verhältnisse drohen. Dass zusätzlich die beschleunigte Zwangsquote zu nachteiligem Stückwerk führen wird, verwundert nicht.
Fazit: Der IVA empfiehlt in seiner Stellungnahme, den Zeitrahmen zu überdenken und Unternehmen mehr Anpassungsfrist zu gewähren. Ferner legt er den Fokus auf eine Leistungsbestellung in Vorstand und Aufsichtsrat. Dies ist nur durch eine Breitenwirkung zu erreichen. Flexible Arbeitszeitmodelle, anonyme Bewerbungsverfahren, verbesserte Elternkarenzzeitlösungen oder – speziell für Frauen – die gezielte Förderung für Führungspositionen oder Mutterschutzlösungen auf Vorstandsebene sollten als geeignetere Mittel zumindest überprüft werden.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
EU-Neuwagenmarkt weiter im Rückwärtsgang
Der Absatz von E-Autos wächst laut einer Anlyse von EY aber um ein Viertel.
(25.03.) Der EU-Neuwagenmarkt kommt nicht in Fahrt: Wie schon im Jänner gingen auch im Februar die Pkw-Neuzulassungen zurück – im Februar um 3,4 Prozent. Damit bleibt das Vorkrisenniveau in weiter Ferne. Im Februar 2019 – also vor der Corona-Pandemie und dem anschließenden Chipmangel – wurden 17 Prozent mehr Neuwagen in der EU verkauft.
In Österreich wurde ein Rückgang der Neuzulassungen um 2,0 Prozent registriert, der Absatz lag damit 22 Prozent niedriger als im Vergleichsmonat des Jahres 2019.
Während der Gesamtmarkt schwächelt, legen die Neuzulassungen von Elektroautos aktuell deutlich zu. Die Zahl der neu zugelassenen E-Autos stieg im Vergleich zum Vorjahresmonat EU-weit um 24 Prozent, in Österreich um 27 Prozent. Der Elektro-Marktanteil kletterte in der EU von 12,0 Prozent im Februar 2024 auf 15,4 Prozent und lag damit auch deutlich über dem Durchschnittswert des Gesamtjahres 2024 (13,6 %). In Österreich erhöhte sich der Marktanteil von Elektroautos von 16,6 auf 21,6 Prozent. In immerhin 21 der 27 EU-Länder stiegen die Elektro-Neuzulassungen – einen insgesamt wachsenden Neuwagenmarkt verzeichneten hingegen nur sieben der 27 Länder.
Axel Preiss, Leiter Advanced Manufacturing & Mobility bei EY, rechnet mit einem Abflauen des Wachstums bei Elektro-Neuzulassungen in den kommenden Monaten: „Der aktuelle Anstieg der Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen in der EU lässt sich durch mehrere Faktoren erklären: In Deutschland, dem größten Markt, war der Verkauf von Elektroautos zu Beginn des letzten Jahres – nach dem Wegfall der Umweltprämie – auf einem sehr niedrigen Niveau. Dies führt zwar zu großen Wachstumsraten, jedoch wird erwartet, dass diese im weiteren Verlauf des Jahres deutlich abnehmen. Zudem ist die Entwicklung der Verkaufszahlen in der gesamten EU stark von nationalen oder regionalen Förderungen abhängig. Wenn diese wegfallen, wird der Absatz erheblich zurückgehen. Darüber hinaus plant die EU-Kommission, den Herstellern mehr Zeit zu gewähren, um die Emissionsziele zu erreichen. Das verringert den Druck auf die Hersteller, den Absatz von Elektroautos kurzfristig zu steigern. Infolgedessen sind drastische Preisreduzierungen und verlockende Leasingangebote weniger wahrscheinlich geworden.“
Die Versuchung könnte allerdings groß sein, das Prinzip Hoffnung walten zu lassen und auf eine Erhöhung der Nachfrage nach Elektroautos in den kommenden Jahren zu setzen, warnt Preiss: „Es ist zu erwarten, dass das Interesse an Elektroautos nicht in dem erforderlichen Maße zulegt, um die Vorgaben der EU zu erfüllen. Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Neuregelung verschiebt lediglich das Problem weiter nach hinten, anstatt eine nachhaltige Lösung zu erzielen.“
Laut Preiss gelte nach wie vor: „Die Nachfrage und das Interesse an Elektrofahrzeugen ist begrenzt und stark von staatlichen Förderprogrammen abhängig. Die Mehrheit der Konsumentinnen und Konsumenten steht der Elektromobilität nach wie vor skeptisch gegenüber. Positiv zu vermerken ist jedoch, dass in diesem Jahr einige vielversprechende Elektrofahrzeuge auf den Markt kommen. Das könnte insbesondere im gewerblichen Segment, beispielsweise bei Dienstwagen, einen Anstieg der Nachfrage bewirken.“
Neuzulassungen von Elektroautos im Februar
Wie schon im Jänner konnte der Elektro-Pionier Tesla auch im Februar nicht vom Aufwärtstrend bei Elektroautos profitieren. So sanken die Tesla Neuzulassungen gegenüber dem Vorjahresmonat um 47 Prozent, der Anteil am Elektro-Markt hat sich von 21 auf neun Prozent verringert. Der Anteil am Gesamtmarkt schrumpfte von 2,5 auf 1,4 Prozent. In Österreich ging der der Tesla-Absatz sogar um 70 Prozent zurück, in Deutschland sogar um 76 Prozent.
Keine Wachstumsimpulse: Auch 2025 wird kein gutes Autojahr
Generell sei die Lage auf dem Neuwagenmarkt weiterhin kritisch, betont Preiss: „Die Neuwagennachfrage schwächelt und liegt deutlich unter dem Niveau vor der Krise. Die anhaltende wirtschaftliche Stagnation und die geopolitischen Unsicherheiten wirken sich negativ auf die Kaufbereitschaft aus. Die Automobilhersteller müssen sich auf ein weiteres herausforderndes Jahr einstellen.“
Elektro-Marktanteil bleibt im Osten Europas weiterhin sehr niedrig
Einen hohen Anteil am Neuwagenmarkt hatten E-Autos im Februar vor allem in Nordeuropa und den Benelux-Ländern – auch dank großzügiger staatlicher Fördermaßnahmen. In vielen EU-Ländern sind Elektroautos hingegen nach wie vor ein Nischenprodukt: In immerhin 15 EU-Ländern lag der Elektro-Marktanteil im Februar unter zehn Prozent.
Besonders niedrig ist der Marktanteil von Elektroautos in den ost- und südosteuropäischen Ländern: In Kroatien lag er im Februar z.B. bei gerade einmal 1,2 Prozent, in Polen und Bulgarien bei 3,7 Prozent.
In den skandinavischen und nordeuropäischen Ländern hingegen erfreuen sich Elektroautos großer Beliebtheit: Dänemark wies im Februar mit 66 Prozent erneut den EU-weit höchsten Marktanteil von Elektroautos auf – vor den Niederlanden und Schweden mit 37 bzw. 35 Prozent. Deutschland lag mit einem Elektro-Marktanteil von 17,7 Prozent im EU-Vergleich im oberen Mittelfeld.
Chancen am deutschen Markt
Investitionspaket weckt Kursfantasie. Auch Analysten sind positiv gestimmt.
Patrick Baldia. Kaum zu glauben: Nachdem der Dax Ende des Vorjahres erstmals die historische Marke von 20.000 Punkten überschritt, zeigte er auch in den ersten drei Monaten 2025 keinerlei Ermüdungserscheinungen. Im Gegenteil: Der deutsche Leitindex eilte zuletzt von Rekordstand zu Rekordstand, um am 18. März schließlich ein neues Allzeithoch von 23.476 Punkten zu erreichen. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass es nicht das letzte des Jahres bleiben wird – trotz der hohen Volatilitäten aufgrund der US-Zoll-Politik.
Was steckt aber hinter der Dax-Rallye? Denn eigentlich befindet sich die größte Volkswirtschaft Europas ja in der längsten Rezession ihrer Geschichte. Und auch die Prognosen für 2025 – das BIP soll nur um 0,2 % gegenüber 2024 liegen – sind nicht gerade Anlass für Euphorie. Die 40 großteils stark international ausgerichteten Konzerne zeigen sich davon wenig beeindruckt. Nur 2021 und 2022 sprudelten ihre Gewinne stärker als im Vorjahr. Vom laufenden Geschäftsjahr erwarten sich Experten weniger und hoffen auf positive Überraschungen. Hinter dem laufenden Dax-Höhenflug stehen zweifellos auch die Zinssenkungen der EZB seit dem Vorjahr. Heuer folgten bereits zwei weitere Zinsschritte. Zuletzt Anfang März auf 2,75 %.
Der wirkliche Gamechanger folgte ebenfalls Anfang März, als die Pläne für ein gigantisches Investitionspaket in Deutschland bekannt wurden, das schließlich vor zwei Wochen im deutschen Bundestag beschlossen wurde. Rund 500 Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren in Infrastruktur, Verteidigung und Klimaschutz fließen. Die Analysten der Deutschen Bank sprechen von einer „spürbaren Konjunkturspritze“. „Ob es das Wirtschaftswachstum nachhaltig stärkt, wird davon abhängig sein, ob es in den kommenden Monaten auch mit angebotsorientierten Reformen unterstützt wird“, heißt es etwa in einem aktuellen Paper.
Rüstungsaktien im Hoch
Für Anleger eröffnen sich dadurch dennoch vielfältige Chancen mit den Aktien von Firmen, die in diesen Bereichen aktiv sind bzw. direkt oder indirekt von staatlichen Aufträgen profitieren. Zum Beispiel mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall. Die Aktie, die 2025 bislang um +120 % zulegte, war zwar bereits vor der Bekanntgabe des Pakets gut unterwegs, ihr wird aber von Analysten weiteres Kurspotenzial bescheinigt. Siemens Energy deckt wiederum die gesamte Energielandschaft ab. Auch Siemens würde von den steigenden Infrastrukturausgaben in Deutschland profitieren, so Erste Group Analyst Hans Engel, der die Aktie zum Kauf empfiehlt. Das Industrieunternehmen bietet unter anderem Mobilitätslösungen für den Schienen- und Straßenverkehr an. Zwei weitere Dax-Ideen: Beiersdorfer und Henkel. Beide Unternehmen stellen Klebstoffe her, die auch im Militärbereich, beispielsweise etwa in der Drohnentechnologie, zum Einsatz kommen.
Auch im MDax, TecDax und SDax, finden sich spannende Werte, die vom Milliardenpaket der deutschen Regierung profitieren könnten. Etwa die Bauunternehmen Bilfinger (Entwicklung seit Jahresbeginn: +50 %) und Hochtief (+30 %). Oder der Baustoffkonzern Heidelberg Materials (+45 %), der „wesentliche Baustoffe wie Zement, Zuschlagstoffe, Transportbeton und Asphalt liefert – Materialien, die für Neubau, Sanierungs- und Ausbauprojekte unverzichtbar sind“, so Gregor Koppensteiner, Analyst bei Raiffeisen Research. Nutznießer der Erneuerung der deutschen Bahninfrastruktur könnte wiederum der Spezialist für Bahntechnik Vossloh sein. Ebenso wie zwei Rüstungswerte: Renk, ein Hersteller von Antrieben von militärischen Fahrzeugen, hat seit Jahresbeginn ein Plus von +140 % zu Buche stehen. Beim Rüstungselektroniker Hensoldt sind es +100 %.
Foto: AdoeStock / bluedesign
Europas Rüstungssektor im Visier der ETF-Emittenten
In gefragte Aktien der Branche mit entsprechenden Produkten investieren.
Roman Steinbauer. Ein zweiter eindrucksvoller Kursschub brachte Rüstungsaktien seit Jahreswechsel erneut in den Blickpunkt der Investoren. Schon während der fulminanten Entwicklung vom Sommer 2023 bis ins Frühjahr 2024 sahen Anleger bei den Aktiennotizen europäischer Vertreter dieser Kategorie teils eine Verdoppelung der Kursnotizen und darüber hinaus. Aufgrund hoher Bewertungen pendelte sich das Geschehen dann im Zuge einer seitwärts gerichteten Tendenz ein. Doch politische Maßnahmen verdeutlichten zuletzt erneut: Der europäische Verteidigungssektor wird von großen öffentlichen Investitionen profitieren; und die Perspektiven für eine langfristige Erweiterung der Geschäftsfelder und des Produktionsumfangs um Waffen, Rüstungsgüter und dazugehöriger Technologien wachsen weiter rasant.
Einerseits wird das Geschehen im Finanzsektor schon als „Superzyklus“ definiert, andererseits weisen aber einzelne Aktien der Branche zu den laufenden Geschäftsergebnissen schon stolze Bewertungen von bis zum 40-Fachen des Jahresgewinns auf. Entsprechende Auftragssteigerungen sind in den Kursen zum Teil längst eingepreist, weshalb das Segment mittlerweile einem hohen Risikoprofil zuzuordnen ist.
Eine Vorreiter-Rolle mit Trendfolger?
Die Etablierung neuer Offerte an ETF-Produkten, die auf die außergewöhnliche Performance der Rüstungsaktien abzielen, ist indes abzusehen. So präsentierte die global aktive und in New York ansässige Investmentgesellschaft WisdomTree, deren Anteilscheine selbst im S&P 600 aufscheinen, kürzlich zum Thema einen neuen ETF. Dabei wurden explizit europäische Hersteller bzw. Zulieferer für Endfertiger der Rüstungsindustrie und dem Militärbedarf berücksichtigt. Dieser, am 4. März aufgelegte, thesaurierende und in Euro ausgestattete „WisdomTree Europe Defence ETF“ bietet Anlegern die Möglichkeit, an einer weiteren Aufwärtsdynamik teilzunehmen. Das Produkt weist ein Fondsvolumen von 500 Millionen Euro auf und wird über die Tochtergesellschaft Irish Life Investment Managers betreut. Eine Notiz ist sowohl an deutschen Börsen als auch an den Handelsplätzen in London und Mailand gegeben. Derzeit vorwiegend in westeuropäischen Staaten zugelassen, kommt dabei die übliche EU-Richtlinie für Anlegerschutz innerhalb der Europäischen Union (UCITS – Undertakings for Collective Investments in Transverable Securities) zum Tragen. Eine Ablaufzeit ist dabei nicht vorgesehen (Open-End-Struktur). Laut Angaben des Fach-Portals JustETF liegt die Gesamtkostenquote (TER-Ratio) bei 0,40 %. Im deutschen elektronischen Handelssystem Gettex ergab sich in der Vorwoche beim „WisdomTree Europe Defence ETF“ ein Spread (Differenz zwischen dem An- und Verkaufskurs), der während der Börsen-Öffnungszeiten in einer attraktiven Spanne zwischen 0,02 und 0,15 % (bei Notizen um 26,50 Euro) lag. Ein konträres Produkt, das einer Short-Strategie (um auf fallende Notizen der beinhaltenden Titel zu setzen) nachkommt, ist indes derzeit nicht verfügbar.
Ethik als singuläre Anlegerbewertung
ETF-Emittenten verleihen angebotenen Produkten, die sich auf die Rüstungsindustrie beziehen, punktuell ein moralisch „saubereres“ Erscheinungsbild. So würden Unternehmen, die mit Waffen wie Streumunition, Minen oder chemischen und biologischen Einsatzobjekte zu tun haben bzw. nach internationalem Recht verboten sind, gemieden. Investoren und Anlegern obliegt es somit individuell, dies ethisch vertretbar oder ausreichend zu werten.
Foto: Pixabay / maja 7777
Der „alte“ Kontinent erwacht aus dem Dornröschenschlaf
Pictet Asset Management setzt auf die Renaissance europäischer Aktien.
Raja Korinek. Der Handelskrieg gewinnt an Fahrt. Inzwischen werden neue US-Zölle fast im Wochentakt ausgesprochen oder zumindest angedroht. Zuletzt hatte US-Präsident Donald Trump entsprechende Maßnahmen in Höhe von 25 % auf Autoimporte verhängt, ein Umstand, der unmittelbar auf den Branchenaktien lastete. Manch eine Zollverordnung wird teils auch wieder zurückgenommen – oder aufgeschoben. „All solche Entwicklungen verunsichern Investoren“, konstatierte Adrian Pusz, Sales Manager bei Pictet Asset Management, anlässlich eines Vortrages in der vergangenen Woche in Wien. Der Börsen-Kurier war dabei.
Europa-Aktien im Aufwind
Die Folgen sind auf den Kapitalmärkten sichtbar. Europäische Aktien rückten zuletzt verstärkt in den Fokus. Allein der deutsche Leitindex Dax erreichte neue Rekordhochs und schloss am 27. März bei knapp 22.679 Punkten. Der Eurostoxx 50 erreichte die Marke von 5.381 Punkten.
Überhaupt kann Luca Paolini, Chefanlagestratege bei Pictet, europäischen Aktien so einiges abgewinnen. Er verweist auf die Aufteilung der Anlageklassen in seinem Haus und sagt, „wir haben europäische Aktien auf Übergewichten hochgestuft, da wirtschaftliche Indikatoren Anzeichen einer Verbesserung zeigen, die mit steigenden Gewinnerwartungen und erwarteten Zinssenkungen der EZB einhergehen“. Auch die zahlreichen Fiskalpakete allen voran aus Deutschland dürften Europas Unternehmen einen kräftigen Schub verleihen.
Schweiz bleibt ein sicherer Hafen
Eine Region sticht Paolini zufolge im aktuellen Umfeld besonders positiv hervor: „In Schweizer Aktien bleiben wir übergewichtet, da sie in einem von erhöhter Unsicherheit geprägten Marktumfeld unser bevorzugter defensiver Markt sind.“
Im Gegensatz dazu habe man US-amerikanische Aktien auf neutral herabgestuft. Der Grund liegt für Paolini auf der Hand. So böten die Unternehmensgewinne keinen Ausgleich mehr für die hohen Bewertungen. Tatsächlich wächst inzwischen insbesondere die Sorge, ob viele der US-Technologieaktien weiterhin ein starkes Wachstum bieten können, oder ob die Konkurrenz aus China etwa im Bereich der Künstlichen Intelligenz sowie die US-Handelszölle solche Sektor-Aktien aus den USA verstärkt belasten werden.
Und wie sieht es mit den Emerging Markets aus? Hier bleibt der Pictet-Experte positiv. Als Ausnahme verweist Paolini auf China. Nach wie vor schwächelt freilich die Konjunktur, während das Schuldendilemma am Immobiliensektor längst noch nicht gelöst ist.
Foto: AdobeStock / beugdesign
Goldminenaktien rücken wieder ins Rampenlicht
Die Branche profitiert von der steigenden Notierung und holt allmählich an der Börse auf.
Raja Korinek. Es ist nicht lange her, da knackte der Goldpreis die Marke von 3.000 USD je Unze. Die Gründe für den Aufschwung sind vielfältig. Meldungen zufolge wächst etwa die Sorge, dass US-Handelszölle demnächst Goldimporte treffen könnten, weshalb die Einfuhren aus England und der Schweiz an die New Yorker Comex kräftig zulegten – und damit die Notierung antrieben.
Die Schweizer Zollbehörde hat jüngst Zahlen zu den Goldexporten im Februar veröffentlicht. „Sie zeigen, dass sich die Goldnachfrage stark von Ost nach West verlagert hat“, konstatiert Carsten Fritsch, Analyst bei der Commerzbank.
Asien schwächelt, USA im Kaufrausch
So fielen die Lieferungen nach Asien sehr schwach aus, was angesichts des stark gestiegenen Preisniveaus wenig überraschend sei. „Anders sieht es bei den Goldexporten der Schweiz in die USA aus. Dorthin gingen im Februar 147,4 Tonnen.“ Das entsprach dem zweithöchsten jemals registrierten Wert nach 193 Tonnen im Jänner. Zudem verzeichneten Gold-ETFs in den USA laut Daten des World Gold Council im Februar starke Netto-Zuflüsse, so Fritsch. Auch die Notenbanken greifen kräftig zu.
Von dem Aufwind des Goldpreises hatten in früheren Phasen Goldminenaktien meist überdurchschnittlich profitiert, vor allem dann, sobald Fixkosten gedeckt sind. Doch in jüngster Vergangenheit hatte die Wertentwicklung dieser Anlageklasse hinten nachgehinkt. Zum einen dominierten einige große US-Technologiekonzerne das Marktgeschehen. Zum anderen belasteten Nachwehen vergangener Fehltritte. Bis 2007 hatten etwa zahlreiche Branchenunternehmen größere Finanzierungen aufgenommen, um kräftig zu wachsen. Nach Ausbruch der Finanzkrise wurde vielen Konzernen dieser Umstand zum Verhängnis. Projekte waren nicht mehr finanzierbar, Minen wurden geschlossen.
Reichlich Aufholpotential
Doch das Blatt wendet sich inzwischen, auch da immer mehr Anleger nach Alternativen zu einem Investment in US-Technologietitel suchen. Und sichtlich das veränderte Umfeld bei Goldminenproduzenten allmählich zur Kenntnis nehmen. Die Verschuldungsquoten haben sich verbessert, zeigt Imaru Casanova, Portfoliomanagerin bei Van Eck, auf. „Die Barbestände sowie die Dividenden steigen. Zudem finden umfangreiche Rückkaufprogramme statt.“ Obendrein entstehen durch Übernahmen immer größere Mitspieler, die damit ihre Reserven erhöhen und Synergieeffekte nutzen. 2018 kaufte der kanadische Minenriese Barrick Gold den UK-Rivalen Randgold Resources. Vier Jahre später griff die kanadische Agnico Eagle Mines bei Kirkland Gold zu.
Tatsächlich hat der Goldminensektor seit Jahresbeginn inzwi-schen deutlich besser abgeschnitten als der Goldpreis, zeigt Charlotte Peuron, Fondsmanagerin bei Crédit Mutuel Asset Management, auf. Anleger können auf die weitere Entwicklung etwa mit einem Indexzertifikat der UniCredit auf den NYSE Arca Gold BUGS Index setzen. Darin enthalten sind 28 Aktien, die größtenteils ihren Hauptsitz in Kanada haben, gefolgt von den USA. Zu den größten Positionen zählen Agnico Eagle Mines, Newmont und Barrick Gold. Verluste sind jedoch ebenso möglich, wenn entsprechende Aktien korrigieren.
Wer sich ein noch größeres Risiko zutraut, kann auf Agnico Eagle Mines mit einem Turbo-Long-Zertifikat gehebelt setzen. Ein solches Produkt bietet die BNP Paribas an. Der aktuelle Hebel (per 27. März) liegt bei rund 2,34. Wird die Marke von 61,377 USD berührt oder unterschritten, verfällt das Zertifikat.
Foto: AdobeStock / Subbotina Anna
OMV & Adnocs Meisterarbeit
Ob alle die große Dimension dieses Zusammenschlusses begriffen haben?
Florian Beckermann. Als im Sommer 2023 die OMV ad hoc tickerte, dass man über die Borealis-Zukunft unter neuem Dach verhandelt, gingen einige Augenbrauen in die Höhe. Erst wenige Jahre zuvor hatte die OMV – noch unter CEO Rainer Seele – 75 % an der Borealis von Adnoc „günstig“ erworben. Es roch nach „Nachverhandlungen“ zum ungünstigen Zeitpunkt. Gerade unter dem Aspekt, dass die gesamte OMV-Konzernstrategie in Richtung nachhaltiger Petrochemie-Konzern umgelenkt wurde, wirkte die Idee konträr. OMV und Borealis sollte man doch zusammendenken.
Erst langsam reifte der Gedanke in der Szene, dass zusammen mit Adnocs Borouge in Abu Dhabi ein echter Weltplayer geschaffen werden könnte. Die Parameter eines Joint-Ventures waren entscheidend. Schnell kristallisierten sich komplexe Kriterien her-aus: OMV und Adnoc agieren auf Augenhöhe, eine bare Zuzahlung der OMV gleicht Bewertungsfragen aus. Für Standort und Entsendungsrechte gibt es Präferenzen. In diesem Stadium versank der Deal für über ein Jahr. Einzig auf der Hauptversammlung poppte die Frage ohne neuen Erkenntnisgewinn auf. Man verhandelte im Geheimen.
Entscheidende Figuren: OMV-CEO Alfred Stern war Borealis-Vorstandschef – nicht nur auf dem Papier der geeignetste Vertreter. Ihm gegenüber OMV-Aufsichtsrat und Adnoc-Chef-Manager Khaled Salmeen. Bereits bei seiner Wahl in den Aufsichtsrat hinterließ er einen eindeutigen Eindruck: Der Mann beherrscht sein Geschäft perfekt und hat ein Ziel vor Augen – Abu Dhabis Konzerne auf Weltniveau im Kunststoffbereich zu führen.
Verzögerung: Doch Adnocs-Milliarden-Opportunitätskauf der deutschen Covestro AG hemmte das Thema Borealis nur zeitlich. Zumal aufgrund der weltwirtschaftlichen Lage nicht unbedingt leichte Zukunftsprognosen einzupreisen waren. Auch Tochter-zu-Schwester-Verhandlungen mit Mutterkonzernen haben besondere Eigenheiten, Staatsbeteiligungen ebenso. Das geht selten schnell.
Ergebnis: Angesichts dieser Ausgangslage ist das Ergebnis auf beiden Seiten als Meisterarbeit zu bezeichnen. Einerseits gelingt es der OMV, den Standort Wien mit dem dann wohl größten Börse-gelisteten Unternehmen Österreichs zu bereichern. Die oben genannten Kriterien werden eingehalten. Mehr noch, man einigt sich darauf, den „Kuchen“ durch die kanadische Nova Chemicals noch globaler und größer werden zu lassen. Kein schlechter Schachzug in einem heiß umkämpften Markt. Angesichts dessen ist die bare Zuzahlung verkraftbar. Dass Adnoc zukünftig den Aufsichtsratsvorsitz der Borouge Int. stellen wird, mag dem Umstand geschuldet sein, dass die meisten Assets der Borouge bereits heute in Abu Dhabi liegen. Wie sich die Führungsebene zusammensetzt, ist offen. Ob alle in Österreich die große Dimension dieses Zusammenschlusses begriffen haben, ist ebenso offen.
Auf den zweiten Blick ergeben sich auch eine Reihe von Anschlussfragen: Welche Investoren will das Zweitlisting der Borouge in Österreich und Europa ansprechen? Stimmt die Equity-Story? Wie muss sich die Nachhaltigkeitsstrategie der OMV ändern? Personell deuten viele Finger auf Stern als Boss für die Borouge International. Der Job könnte ihm irgendwie bekannt vorkommen.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Der Wertpapierbesitz in Österreich steigt signifikant
Fast ein Drittel der Bevölkerung ist aktuell in Fonds, Aktien oder Anleihen investiert.
Patrick Baldia. Immerhin 2,3 Millionen Menschen sind hierzulande in Wertpapieren investiert. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Aktienbarometer 2025“, die jährlich von Meinungsforscher Peter Hajek im Auftrag der Industriellenvereinigung, dem Aktienforum und der Wiener Börse durchgeführt wird. Dass mittlerweile 30 % der Österreicher Wertpapiere besitzen, kann sich jedenfalls durchaus sehen lassen. Vor allem wenn man bedenkt, dass dieser Anteil 2022, als die Umfrage erstmals durchgeführt wurde, noch bei 25 % lag.
„Der langfristige Vermögensaufbau ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, so Hajek am Donnerstag der Vorwoche bei der Präsentation der Studienergebnisse im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz. Mit 79 % ist das für die Österreicher auch das häufigste Motiv für den Wertpapierbesitz, gefolgt von Werterhalt bzw. Inflationsschutz (74 %) sowie Pensionsvorsorge (57 %). Dabei wird bevorzugt auf Investmentfonds bzw. ETFs (21 %) sowie Aktien (16 %) gesetzt. Eine deutlich geringere Rolle spielen dagegen Anleihen (8 %).
Besitz quer durch die Bevölkerung
Zwar besitzen, wenig überraschend, Hochschulabsolventen (51 %) und Besserverdiener (53 %) häufiger Wertpapiere. „Menschen mit geringeren Einkommen investieren zwar weniger, aber dennoch“, so Hajek. Auch zeige die Erhebung auf, dass der Wertpapierbesitz keineswegs nur Großstadtbewohnern vorbehalten ist. Besonders erfreulich ist jedenfalls ein weiteres Ergebnis der Studie: 1,4 Millionen Menschen, die aktuell keine Wertpapiere besitzen, haben Interesse daran zu investieren. „Es ist angerichtet“, so Hajek am Ende der Präsentation.
Kapitalmarkt Teil der Lösung
Auch Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung (IV), zeigt sich erfreut, dass die Österreicher die Pensionsvorsorge mit dem Kauf von Wertpapieren verstärkt selbst in die Hand nehmen. Vor allem weil der Wirtschaftsstandort vor großen Herausforderungen stehe. „Ein starker Kapitalmarkt ist essenziell – nicht nur für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes, sondern auch für die Absicherung unseres Sozialsystems und damit für unseren Wohlstand“, so Knill. In Bezug auf den Kapitalmarkt, ist das Regierungsprogramm für den IV-Chef „noch etwas vage“. Er gibt sich aber durchaus optimistisch, dass die neue Regierung die richtigen Rahmenbedingungen schaffen wird, um den heimischen Kapitalmarkt zu stärken und den Menschen die Pensionsvorsorge zu erleichtern.
Reichlich Handlungsbedarf beim heimischen Pensionssystem macht auch Angelika Sommer-Hemetsberger, die Präsidentin des Aktienforums, aus: „Der Kapitalmarkt kann aber Teil der Lösung sein.“ Sie verweist auf kapitalmarktorientierte Länder wie Dänemark oder die Niederlande. Dort würden erfolgreiche Modelle dafür sorgen, dass langfristige Investitionen in die Wirtschaft fließen, Innovationen finanziert und der Wohlstand gesichert bleibe. Mehr als 200 % des BIP würden in Dänemark und den Niederländen in kapitalgedeckten Pensionsplänen stecken, in Österreich dagegen nur 7 %. „Daher müssen wir einen weit höheren Anteil der Wirtschaftsleistung für die öffentliche Pension aufwenden“, so Sommer-Hemetsberger.
Dass der Kapitalmarkt das Potenzial hat, die sozialen Sicherungssysteme zu entlasten, steht auch für Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, außer Frage. Ebenso wie, dass es wenig Sinn macht im Pensionssystem auf Aktienrenditen zu verzichten. „Schließlich ist die Aktie langfristig die sicherste und renditeträchtigste Anlageklasse, wie auch immer mehr Menschen erkennen.“
Grafik: Peter Hayek
Börsen unter mehr EU-Kontrolle
Nicht nur die Kapitalmarktaufsicht steht vor einer Zentralisierung.
Roman Steinbauer. Der an die EZB, den EU-Rat sowie das EU-Parlament am 10. März adressierte Entwurf zur stärkeren Überwachung der Kapitalmärkte durch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen war aufsehenerregend. Sieht doch die Vorlage unter anderem eine Beschneidung nationaler Kompetenzen der Mitgliedstaaten vor. Argumentiert wird dies mit der Notwendigkeit, „mehr Gleichgewicht zwischen der Aufsichtsverantwortung auf EU und nationaler Ebene“ zu erzielen. Eindeutiger aber jene Zeilen: „Nationale Abweichungen sind gezielter zu identifizieren und zu unterbinden, wenn sie die Entwicklung integrierter Kapitalmärkte behindern.“ Weitere Details sollen folgen, ein ausgearbeiteter Plan in der zweiten Jahreshälfte 2026 präsentiert werden.
Die Schwerpunkte der Transaktionen sind in der EU nach wie vor fragmentiert. Deshalb mehrten sich Stimmen einflussreicher Politiker – vom damit beschäftigten ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta bis zum ehemaligen EZB-Chef Mario Draghi -, die Finanzaufsicht in der EU zu bündeln. Auch rückt eine Konzentration der Handelsplätze tatsächlich näher.
Für Brisanz ist gesorgt
Nicht nur durch diese Vorlage ist von Kritik und Widerstand auszugehen. Sollen die anvisierten Regularien immerhin institutionelle Investoren verpflichten, mehr Derivat-Geschäfte in der EU selbst abzuwickeln. Doch geht es alleine in dieser Sparte um erhebliche Umsätze. Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) rechnet mit einer „spürbaren Verlagerung“. Von der Leyen propagierte zudem eine „Spar- und Investitionsunion“ (SIU), die private Sparvermögen in Investitionen überführe (wörtlich „umwandelt“). Mag dies bei vielen klassischen Sparern Alarmsignale auslösen, regt das Vorhaben anderer-seits im Finanzsektor Investitionsfantasie an. Indes ist noch unklar, wie ein derartiger Eingriff einer „Umwidmung“ aussehen soll, rechtlich umsetzbar und an die Bürger zu kommunizieren ist. Die Folgen werden indes vielschichtig ausfallen.
Mehr Klarheit für Anleger?
Wie in der Vorwoche berichtet wurde, plant die neu angetretene EU-Finanzkommissarin Maria Luís Albuquerque (Foto) nicht nur einen tiefgreifenden Umbau der Finanzaufsicht, sondern auch ein höheres Tempo in Richtung Kapitalmarktunion.
Die Portugiesin war durch EU-Abgeordnete aufgrund ihrer Tätigkeit in privaten Finanzinstitutionen massiver Kritik ausgesetzt (nahestehende Fondsgesellschaften sollen durch Investitionen in notleidende Vermögenswerte des Landes profitiert haben, Anm.), doch sie hat auch viele Fürsprecher. Erhoffen sich Teile der Finanzwirtschaft durch Albuquerques Beschlagenheit in der Investmentbranche doch mehr Durchschlagskraft zur Realisierung einer Kapitalmarktunion. Ihre Entschlussfreudigkeit, eine Zentralisierung der Kompetenzen in Europa voranzubringen, zeigte sie den Delegierten gegenüber mit den Worten: „Wir müssen Regeln umsetzen und dürfen sie nicht zurücknehmen.“
Hürden bleiben bestehen
Der angepeilte Weg zur Vertiefung der Kapitalmärkte in der EU geht bei involvierten Finanzakteuren an deren Vorstellungen indes vorbei. Einer internen März-Umfrage des deutschen Berufsverbandes der Investment Professionals (DVFA) zufolge, forderten die Teilnehmer mit 29 % der Stimmen prioritär weniger kleinteilige Regulierungen, gefolgt von einer einfacheren Besteuerung der Dividenden. Erst mit 13 % ist ihnen der Ausbau der ESMA zu einer „europäischen SEC“ (US-Börsenaufsicht, Anm.) ein Anliegen.
Foto: Europäische Union, 2025
„Entwicklung an der Börse bleibt spannend“
Robert Ertl, Vorstand der Bayerischen Börse und zuständig für das Handelssystem Gettex, im Interview.
Börsen-Kurier: Wie erklären Sie sich den starken Jahresauftakt auf Gettex?
Robert Ertl: Normalerweise ist das erste Quartal des Jahres immer ein sehr lebhaftes, was die Umsätze betrifft. Und das ist auch heuer der Fall. Die Zahl der Trades liegt bereits jetzt schon deutlich über dem Vorjahreszeitraum und dem bisherigen Rekordquartal, dem vierten Quartal 2024. Getrieben wird der Börsenhandel überwiegend von der Politik. Das alte Sprichwort „politische Börsen haben kurze Beine“ bewahrheitet sich derzeit also nicht. Neben der erratischen Politik von US-Präsident Donald Trump, tragen aber auch die Maßnahmen, die wir im Vorjahr eingeleitet haben, um den Handel auf Gettex für Anleger attraktiver zu machen, zur positiven Entwicklung bei.
Börsen-Kurier: Wer ist für die starke Entwicklung der letzten Wochen verantwortlich? Deutsche oder internationale Anleger?
Ertl: Das wissen wir nicht genau, da der Börsenhandel ja anonym ist. Da müssten Sie die Banken, Broker und Neo-Broker fragen, bei denen die Anleger ihre Orders aufgeben. Wir gehen aber davon aus, dass der überwiegende Teil der Trades aus Deutschland stammt.
Börsen-Kurier: In was wurde hauptsächlich investiert?
Ertl: Auch wenn wir auch in anderen Assetklassen, wie etwa bei Zertifikaten eine starke Dynamik sehen, so bleiben Aktien trotzdem unser Hauptprodukt. Während früher schwerpunktmäßig internationale Aktien und US-Werte gehandelt wurden, sind seit Anfang 2025 deutsche Aktien wieder verstärkt im Blickpunkt der Anleger. Das zeigt sich auch aktuell bei den fünf meistgehandelten Papieren unter denen sich auch Rheinmetall, Nvidia, Hensoldt, Deutz und Renk finden.
Börsen-Kurier: Weil Sie eingangs die im Vorjahr eingeleiteten Maßnahmen angesprochen haben, im Jänner haben Sie neue Handelszeiten eingeführt. Wie wird das von den Anlegern angenommen?
Ertl: Seit Februar können zwischen 7.30 und 23 Uhr alle Aktien, ETFs, ETNs, ETCs, Fonds und Anleihen getraded werden. Davor war das nur zwischen 8 und 22 Uhr möglich. Die neuen Handelszeiten werden jedenfalls sehr gut angenommen. Gerade in der Berichtsaison. Viele US-Unternehmen veröffentlichen ihre Zahlen nämlich nach 22 Uhr (CET). Und dass jetzt bereits ab 7.30 Uhr gehandelt werden kann, hat den Hintergrund, dass viele deutsche und europäischen Unternehmen ihre Zahlen sehr früh veröffentlichen. Die Anleger können jetzt sehr schnell auf Impulse reagieren.
Börsen-Kurier: Was können Anleger neben der Einführung der neuen Handelszeiten heuer noch erwarten?
Ertl: 2024 hat sich bei uns unter anderem mit dem Relaunch der Gettex-Website, der Entwicklung von vier Risiko-Indikatoren für Europa und Nordamerika, die die Risikoneigung der Investoren wiedergeben, dem neuen Zertifikate-Finder (auf der Website) und der Ausstrahlung des Podcasts „Börse aufs Ohr“ mit seinem Zertifikate-Schwerpunkt ja bereits einiges getan. Nach der Einführung der neuen Handelszeiten wollen wir im zweiten Quartal das Angebot auf sämtliche der mehr als 8.300 Aktien, die an der Börse München gehandelt werden können, ausweiten. Zudem wollen wir 2025 ein, zwei neue Bankpartner und Zertifikate-Anbieter präsentieren.
Börsen-Kurier: Bleibt 2025 ein gutes Börsenjahr?
Ertl: Das ist eine gute Frage. Die Börse ist ähnlich wie der Fußball. Man weiß nie so recht was passieren wird. Man kann aber davon ausgehen, dass in der Regierungszeit von Donald Trump weiterhin für Überraschungen gesorgt sein wird. Daher sollte auch die Entwicklung an der Börse spannend bleiben und die Volatilität hoch. Und dass derzeit gerade im März, im oft ruhigsten Monat im sonst sehr lebhaften ersten Quartal bei uns so viel los ist, könnte darauf hindeuten, dass die Handelsumsätze in 2025 hoch bleiben werden.
Foto: Bayrische Börse AG
Österreich-Aktienfonds zu Jahresbeginn sehr stark
Befragte Fondsmanager sind optimistisch, dass 2025 ein gutes Jahr für die Wiener Börse bleibt.
Patrick Baldia. Nach einem relativ unspektakulären aber angesichts des herausfordernden Umfelds doch zufriedenstellenden Vorjahr, erlebte die Wiener Börse zuletzt einen überraschenden Höhenflug. Mit einer Performance von mehr als +17 % seit Jahresbeginn stellt der ATX viele internationale Indices in den Schatten – darunter S&P 500 (-3,42 %), Nasdaq (-8 %), Stoxx Europe 600 (+8 %), Dax (+15 %) und FTSE (+6 %). Und würden im heimische Leitindex – wie bei der „Konkurrenz“ – auch die Dividenden berücksichtigt werden, so wäre der Vorsprung aktuell noch größer.
Alois Wögerbauer, Manager des 3-Banken-Österreich-Fonds, führt die starke Performance vor allem auf folgende Faktoren zurück: die Stabilisierung der europäischen Wirtschaft, ein mögliches Ende des Ukraine-Krieges, sowie das 500 Millionen Euro schwere deutsche Finanzpaket für Rüstung und Infrastruktur. Von Letzterem wurden an der Wiener Börse vor allem Bauaktien, die ohnehin schon einen starken Jahresauftakt hinlegten, beflügelt. Angeführt werden die Höhenflieger von der Strabag, die seit Jahresbeginn ein Plus von +70 % aufweist, gefolgt von Porr (60 %) und Palfinger (+52 %) und Wienerberger (+28 %). Zuletzt haben aber auch Grundmaterialwerte und Industrietitel eine gute Performance hingelegt.
Im Fokus: Stabile bzw. gesunde Bilanzen
Selbstredend sind aktuell auch die erhältlichen Österreich-Aktienfonds gut unterwegs. Die rund ein Dutzend Produkte haben seit Jahresbeginn ein Plus zwischen 17,63 und 11,75 % zu Buche stehen. Spitzenreiter ist im Moment der Amundi Austria Stock. Die aktuell fünf größten Positionen im Portfolio sind Andritz, Erste Group, Wienerberger, RBI und Bawag.
„Der Fonds konzentriert sich auf fundamental attraktive Werte an der Wiener Börse und verfolgt eine aktive Stockpicking-Strategie“, erklärt Fondsmanager Manfred Sibrawa dem Börsen-Kurier. Bevorzugt würden Unternehmen mit stabilen und gesunden Bilanzen, einem soliden Cashflow und einer nachhaltigen Dividendenstrategie. Eine wichtige Rolle spiele auch Nachhaltigkeit. So würden ESG-Kriterien in die Finanzanalyse integriert.
„Wir setzen auf die Devise, ‚The Trend is your friend‘ und versuchen nicht zu stark antizyklisch zu investieren“, sagt Roland Zauner, Manager des Kepler-DACH-Plus Aktienfonds im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Wie es der Fondsname schon nahe legt, darf Zauner nicht nur in Wien investieren, sondern auch in Deutschland, der Schweiz und Italien. „Theoretisch kann auch in Tschechien und Ungarn veranlagt werden, allerdings gibt es dort nur wenig Titel mit ausreichend Liquidität“, so Zauner. Konkret setze man einen täglichen Handelsumsatz von 2 Millionen Euro voraus. Während sein Fonds aktuell mit einer YTD-Performance von mehr als +12 % am unteren Ende der Performance-Skala rangiert, belegt Wögerbauers 3-Banken-Österreich-Fonds mit einem Plus von knapp +17 % den dritten Platz.
Erfreulich entwickeln sich derzeit auch zwei ETFs, die den heimischen Leitindex abbilden: Sowohl der Xtrackers ATX UCITS ETF 1C als auch der iShares ATX UCITS ETF (DE) (ISIN DE000A0D8Q23) haben seit Anfang Jänner eine Performance um die +19 % geliefert.
Foto: AdobeStock / Dilok
Strabag: Streubesitz-Befreiungsschlag?
Mehr Freefloat würde dem Unternehmen und der Aktie gut tun.
Florian Beckermann. Florian Beckermann. Bei Strabag-Aktionären herrscht Jubelstimmung: Die Aktie auf Allzeithoch. Um 70 Euro je Aktie wurde für den Baukonzern kürzlich an der Wiener Börse bezahlt. Ein Wert, der noch vor wenigen Monaten utopisch erschien. Kausal, ist nicht nur das gigantische Infrastrukturpaket Deutschlands, sondern auch gemachte Hausaufgaben. Zeit, die Streubesitz-Phobie abzulegen und mehr Anleger zu gewinnen.
Der Kurs: Kurz nach dem IPO im Jahr 2006 erreichte die Strabag knapp über 50 Euro. Um sehr bald danach diese Zone für viele Jahre nicht mehr wieder zu sehen. Die Finanzkrise schlug vollständig zu. Dabei fehlte nicht das Projektkapital, man quälte sich – ein Margenkampf. Aktionären ist noch Ex-CEO Thomas Birtel in Erinnerung, der mit ruhiger Hand die 3-%ige Ebit-Marge predigte, um sie nach Jahren zu erreichen. Der Kurs steckte zuletzt um die 40 Euro fest. Heute sprechen wir von realistischer 5-%iger Ebit-Marge. Man sollte nicht vergessen, dass der Konzern mit über 70.000 Beschäftigten ein „Tanker“ ist, der auf schnelle Lenkbewegungen wenig reagiert. Der kürzlich so tragisch verstorbene CEO Klemens Haselsteiner setzte den Kurs in die Zukunft: Digitalisierung, pragmatische Nachhaltigkeit und Margenwachstum prägten seine Zeit. Heute präsentiert sich die Strabag so aufgestellt, dass das deutsche Wachstumspaket beim Branchenführer mit ca. 5 % Marktanteil (Tendenz steigend), zusätzlich zum ohnehin guten Wachstum, ein zusätzliches Drittel an Marktkapitalisierung beschert. Das Glück bevorzugt den Vorbereiteten. Ein Nachfragehoch, das auf wenig verkaufswillige Aktionäre trifft.
Die Eigentümer: Die „Beziehung“ des Syndikats der Haselsteiner-Privatstiftung, Vehikel der Raiffeisen Niederösterreich-Wien & Uniqa und der Rasperia Trading MKAO, die dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska zugerechnet wird, ist dramatisch. Grob umschrieben: Entstanden aus viel Ost-Fantasie, blieb zeitweise nur noch die Dividendenkontinuität der Eheklebstoff. Dem Streubesitz mit etwas über 10 % war die Beiwagerlrolle zugedacht, obwohl dem Unternehmen schon seit 2014 (mit den ersten Sanktionen gegen Deripaska) ein größerer Streubesitz gut getan hätte. Doch blieb das Syndikat selbst nach Rauswurfs Deripaskas bis heute. Angesichts der Kapitalunterlegungspflichten für derart Industriebeteiligungen bei Finanzinstituten fast ein Unikum.
Die Erweiterung: In den Planspielen von Börsenexperten geisterte eine Vergrößerung des Streubesitzes längst herum. Der geringe Freefloat war vielen institutionellen Investoren trotz interessanter Geschäftslage schlicht zu dünn, warum nicht ändern? Sodenn stellt sich die Frage, ob mit einer sanktionsbedingten Lösung der Rasperia Beteiligung eine Möglichkeit entsteht, den Streubesitz zu erhöhen. Strategisch interessant ist es ohnehin. Der wirtschaftliche Erfolg hängt jedoch auch an der Glaubwürdigkeit der Equity-Story für den Streubesitz. Diese braucht jedenfalls noch ein Update für diese Strategie. Zusätzlich scheint es sinnvoll eine Platzierung in Deutschland anzustreben – der stärkste Markt für die Strabag.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
2025: Märkte von Politik getrieben
Fünf Themen für Anleihen-Investoren in diesem Jahr.
Capital Group/Red. Lange Zeit waren die Notenbanken, und insbesondere die Fed, die Hauptantriebskraft für die Anleihenmärkte. „2025 wird das anders“, prognostiziert Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group. Er sieht die Weltwirtschaft am Beginn einer Ära der fiskalischen Dominanz: „Die Fed tritt in den Hintergrund. Stattdessen orientieren sich die Märkte an der anderen dominierenden makroökonomischen Kraft: den Regierungen.“
Fiskalausgaben und -politik – von Handel und Einwanderung bis hin zu Steuern und Regulierung – seien für die künftige Entwicklung von Wachstum und Inflation von großer Bedeutung. „Da die US-Politik im Fluss ist, glaube ich, dass die Volatilität an den Märkten hoch bleiben wird, was sowohl zu einem höheren Risiko als auch zu größeren Chancen für Anleger und aktive Manager führt“, so der Experte. Er nennt fünf Themen, die Anleiheportfolios im Jahr 2025 bestimmen werden.
1. Günstiges makroökonomisches Umfeld
Der Amtsantritt von Donald Trump und die politischen Veränderungen, die dieser mit sich bringe, könnten dazu führen, dass das US-Wachstum stärker ausfalle als bisher erwartet. „Die US-Wirtschaft dürfte von dem unternehmensfreundlicheren Klima profitieren, das durch mögliche Deregulierung und Steuersenkungen geprägt ist“, sagt Becker. Gleichzeitig könne sich die Inflation als hartnäckiger herausstellen als bisher angenommen, da Zölle und die Einwanderungspolitik das Tempo der Preissteigerungen beeinflussen könnten. Dennoch ist Becker nicht übermäßig besorgt, da eine Reihe von Faktoren dazu beitragen könne, eine potenziell inflationäre Finanzpolitik auszugleichen. Dazu gehöre die deflationäre Wirkung eines starken US-Dollars. Zudem sei es einer Trump-Regierung schon einmal gelungen, Zölle einzuführen, ohne die Inflation anzuheizen.
2. Erhöhte Zinssätze und Zinsvolatilität
Becker erwartet, dass die Fed die Zinssätze im Jahr 2025 mit Bedacht weiter senken wird, wenn auch vielleicht nur ein- bis zweimal um 25 Basispunkte. Unter dieser Annahme dürfte die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen zwischen 4 und 5 % liegen. Auch die Zinsvolatilität dürfte hoch bleiben. „In diesem Umfeld kann die Positionierung in der Renditekurve und in der Duration Möglichkeiten bieten, sowohl offensiv als auch defensiv zu agieren“, erläutert Becker. „Die Risiken bei längerfristigen Investitionen erscheinen ausgewogener und könnten mittelfristig attraktiv sein, während die Schwankungen der Zinssätze nach oben und unten Möglichkeiten bieten, sich gegen potenzielle Überreaktionen des Marktes abzusichern.“
3. Anleihen höherer Qualität
Der Rendite-Unterschied zwischen höherwertigen und minderwertigen Anleihen habe sich stark verringert, und die Risikokompensation sei auf ein historisch niedriges Niveau gesunken. Die geringen Spreads würden Anleiheinvestoren nicht mehr angemessen für das gestiegene Risiko entschädigen. „Ein vergleichsweise kleiner Schock hätte bereits das Potenzial, zusätzliche Erträge zunichtezumachen“, sagt Becker. Der Bewertungsdruck biete Anlegern jedoch die seltene Gelegenheit, die Qualität ihrer Anleihen-Allokation zu verbessern, ohne dabei Abstriche bei der Rendite zu machen, und möglicherweise sogar eine höhere Rendite zu erzielen. Investment-Grade-Anleihen mit höherer Qualität beispielsweise könnten ähnliche Ergebnisse wie ihre Pendants mit niedrigerer Qualität liefern, böten aber ein viel größeres Potenzial für den Schutz vor Verlusten. „Ich gehe davon aus, dass die Streuung der Kreditqualität in den kommenden Jahren wieder zunehmen und eine defensivere Haltung belohnt werden wird. Qualitativ hochwertige Emittenten in Branchen wie Pharmazeutika, Versorger und erstklassige Finanzwerte können in einem Risk-off-Umfeld aufgrund ihres defensiveren Profils attraktiv sein“, so Becker.
4. Korrelationen dürften sich normalisieren
Da die Inflation mittlerweile viel näher am Zielwert der Fed liege, sei es nicht länger das Bestreben der US-Notenbank, ein langsameres Wachstum zu erreichen. Sie konzentriere sich nun vielmehr darauf, das derzeitige Wachstumsniveau bei stabiler Inflation zu halten. „Dieser Kurswechsel ist für Anleiheinvestoren äußerst wichtig, denn er ist der entscheidende Faktor, wenn es darum geht, bei der Korrelation zwischen Aktien und Anleihen zu historischen Normen zurückzukehren“, erklärt Becker. Im Falle eines Wachstumsschocks habe die Fed die Möglichkeit, die Zinssätze zu senken, um das Wirtschaftswachstum zu stützen, wodurch die Renditen sinken und die Anleihekurse steigen würden. Hochwertige Anleihen könnten damit in einem potenziell ungünstigen Marktumfeld erneut eine Diversifizierung gegenüber Aktien und anderen Risikoanlagen bieten. „Der potenzielle Diversifizierungsnutzen von Anleihen ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, sagt der Experte.
5. Technische Faktoren
Die Nachfrage nach Anleihen dürfte 2025 hoch bleiben. Grund dafür sei unter anderem das hohe Renditepotenzial: „Der ,Bloomberg US Aggregate Index‘ bietet aktuell eine Rendite von etwa 5 % und liegt damit deutlich über seinem Zehn-Jahres-Durchschnitt von etwa 2,9 %“, argumentiert der Experte. Höhere Anfangsrenditen hätten in der Vergangenheit zu höheren zukünftigen Erträgen geführt. Und Anleiheinvestoren könnten potenziell sogar zweistellige Erträge erzielen, wenn die Wachstumserwartungen nachlassen sollten. Diese Kombination aus höherem Ertragspotenzial und überzeugendem Abwärtsschutzpotenzial könne im Jahr 2025 zu einer höheren Allokation in festverzinsliche Anlagen führen. Da sich Aktien und viele andere Assetklassen auf oder in der Nähe von rekordhohen Bewertungen befänden, könnten Anleger außerdem zunehmend versuchen, ihre erheblichen Gewinne zu sichern und sie durch höhere Anleiherenditen zu vermehren. Selbst eine Rückkehr der Anleger zu einer neutralen Aktien-/Anleihen-Allokation – aktuell seien viele Portfolios angesichts der starken jüngsten Aktienmarktgewinne zu stark auf Aktien ausgerichtet – dürfte zu einer erheblichen zusätzlichen Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren führen.
Fazit
Angesichts eines gesunden US-Wirtschaftswachstums, hoher Anfangsrenditen und einer Inflation, die unter Kontrolle zu sein scheint, dürften Anleihen im Jahr 2025 positive Renditen liefern. Zudem habe die Fed reichlich Spielraum, um die Zinsen im Falle eines negativen wirtschaftlichen Schocks zu senken, was zu einem sehr attraktiven Risiko-Ertrags-Profil für hochwertige festverzinsliche Wertpapiere führe. „Anleger haben jetzt die Chance, ein hochwertiges, hochverzinsliches Portfolio aufzubauen, das in verschiedenen Szenarien ein attraktives Ertragspotenzial und einen gewissen Schutz vor Kursverlusten bieten kann“, so Becker abschließend. „Die anbrechende Ära der fiskalischen Dominanz bietet Anlegern und aktiven Managern vielfältige Chancen.“
Was für China, Indien, Korea und Taiwan in einem EM-Portfolio spricht
Aktuell interessante Länder und welche Auswirkungen die angekündigten Zölle haben könnten.
Franklin Templeton/Red. In der Vergangenheit wurden die Allokationen in Schwellenländer überwiegend durch Kapitalzuflüsse nach China bestimmt. Nach Covid und angesichts der geopolitischen Fragmentierung, des harten Durchgreifens gegen Tech-Unternehmen und der immobilienbezogenen Herausforderungen in China haben viele Anleger, insbesondere in den USA, ihr Engagement in China überdacht. Die Europäer haben einen pragmatischeren Ansatz gewählt, aber dennoch ihr Engagement reduziert. Die Abflüsse aus chinesischen Aktien wurden teilweise von Indien und einigen anderen Ländern aufgefangen, aber nicht vollständig. Ende 2020 lag beispielsweise das Gewicht Chinas im MSCI ACWI-Index bei fast 5 %, das Indiens bei etwa 1,2 %. Ende vergangenen Jahres lag China bei 2,5 %, während Indien auf 1,9 % kletterte.
Das gestiegene Gewicht Indiens ist auch auf die hervorragende Wertentwicklung zurückzuführen, da die Strukturreformen der Regierung erste Früchte tragen und das Land auf der globalen Bühne immer mehr an Bedeutung gewinnt – sowohl politisch als auch wirtschaftlich.
Auch in China ist wieder ein verstärktes Interesse zu beobachten. Die großen und gezielten Konjunkturpakete in der zweiten Hälfte des Jahres 2024 haben das Vertrauen der Investoren gestärkt, und die jüngste Veröffentlichung von DeepSeek hat China im globalen KI-Wettlauf fest etabliert.
Wir haben also gesehen, dass Investoren ihr strategisches Engagement in Schwellenländeraktien beibehalten, aber innerhalb dieses Bereichs waren die letzten Jahre von erheblichen Verschiebungen geprägt. Es wächst auch das Bewusstsein, dass diese Märkte einen differenzierten Ansatz erfordern, sodass das Thema „Disaggregation“ – die Betrachtung einzelner Länder statt der Schwellenländer als Ganzes – stark an Bedeutung gewonnen hat, ebenso wie Strategien außerhalb Chinas, beispielsweise in Form von ETFs. Diese vermitteln nicht unbedingt eine negative Sicht auf China, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass China als Volkswirtschaft wichtig genug ist, um eine separate Allokation zu rechtfertigen. Dies kann Anlegern auch dabei helfen, das spezielle Profil des Landes besser zu managen.
Chancen innerhalb der heterogenen EM-Gruppe
Strategisch sind wir nach wie vor von Indien überzeugt. Die Märkte haben in letzter Zeit eine Korrektur durchlaufen und die Bewertungen haben sich deutlich abgeschwächt. Sie liegen jetzt im Rahmen oder leicht unter den langfristigen Durchschnittswerten. Das starke demografische Profil, die Regierungsreformen und die technologische Innovation im Land sind anderswo kaum zu finden, schon gar nicht in dieser Kombination. Bevorzugte Sektoren sind Konsumgüter und Finanzen. Letztere werden benötigt, um das rasante Wachstum zu fördern, und werden davon profitieren. Der indische Anlagemarkt ist jedoch nicht so groß. Von Tausenden börsennotierten Unternehmen sind nur wenige hundert wirklich relevant. Anleger sollten also auch nicht zu eng gefasst vorgehen, um diversifiziert zu bleiben und wirklich alle Aspekte der vielschichtigen Möglichkeiten auf dem Markt abzudecken.
China ist aus Bewertungssicht interessant, und wir sind konstruktiv. Aber Investoren müssen in der Lage sein, die Volatilität zu ertragen. Die staatlichen Anreize sind ermutigend, aber wir müssen die Situation beobachten, um sicherzugehen, dass die Wirtschaft tatsächlich wieder ganz oben auf der Tagesordnung der Regierung steht. Der Markt wird mehr Unterstützung sehen wollen. Und wir rechnen weiterhin mit einem Aufflammen der Volatilität sowohl im Immobiliensektor als auch aufgrund geopolitischer Spannungen mit dem Westen. Die Technologiechancen sind beträchtlich, aber der Sektor birgt auch einzigartige Risiken aufgrund seiner Sensibilität für die nationale Sicherheit und US-Sanktionen. Auch hier gilt: Anleger, die einen breiten Ansatz verfolgen, können ihre Risiken diversifizieren und an der potenziellen Trendwende der Wirtschaft in ihrer Gesamtheit teilhaben, ohne in dem einen oder anderen Sektor übermäßig exponiert zu sein.
Taiwan und Korea
Schließlich sehen wir sowohl Taiwan als auch Korea positiv, aber aus unterschiedlichen Gründen. Taiwan ist bereits ein wichtiger Nutznießer des KI-Themas. TSMC ist derzeit eines der wenigen Unternehmen, das in der Lage ist, KI-fähige Chips herzustellen, die von den großen US-amerikanischen Halbleiterherstellern wie Nvidia in Auftrag gegeben werden. Wir gehen davon aus, dass dieser Trend die Märkte weltweit weiter antreiben wird und Taiwan davon profitieren wird.
Korea hat in diesem Bereich etwas an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und eine recht schwache Leistung erbracht. Wir sehen hier eine potenzielle Trendwende. Wenn es dem Land gelingt, technologisch aufzuholen, oder der Markt für Unterhaltungselektronik an Fahrt gewinnt, ist das Land gut positioniert. Da sowohl Taiwan als auch Korea Schlüsselelemente der globalen Technologie-Lieferketten besetzen, können wir uns auch vorstellen, dass sie trotz ihrer starken Exportabhängigkeit relativ wenig von der US-Handelspolitik betroffen sein werden.
Die Auswirkungen von möglichen Zöllen
Jeder Markt kann in gewissem Maße betroffen sein, aber die zu betrachtenden Kennzahlen sind die Höhe des Handelsüberschusses mit den USA, der Anteil der Exporte am BIP und die Frage, wo der Markt produktbezogen positioniert ist.
Mexiko ist eindeutig verwundbar. Etwa 40 % seines BIP basieren auf Exporten, und zwar hauptsächlich auf Rohstoffen, Baugruppen und Komponenten. Diese sind für die USA von geringerer strategischer Bedeutung, sodass Mexikos Einfluss minimal ist. Kanada ist ebenfalls sehr verwundbar, aber weniger als Mexiko. Seine riesigen Ölvorkommen sind bei allen Verhandlungen von Vorteil.
Als Nächstes kommt die EU, und zwar vor allem Deutschland, mit einem großen Handelsüberschuss. Aber trotz des schwachen Wachstums ist die EU aufgrund ihrer Größe und Bevölkerung ein beachtlicher Markt, sodass sie erheblichen Widerstand leisten kann.
Auch China wird betroffen sein, nicht nur, weil es einen großen Handelsüberschuss mit den USA hat, sondern auch, weil es als strategischer Konkurrent oder potenzieller Feind angesehen wird. Es handelt sich also um ein vielschichtiges Problem. Aber wir haben während der ersten Präsidentschaft von Trump gesehen, dass die Länder eine funktionierende Beziehung gefunden haben, bevor Covid die Bande vollständig zerriss.
Schließlich sind wir der Meinung, dass Indien in einer starken Position ist. Zwischen Modi und Trump besteht eine persönliche Beziehung, Indien hat bereits die Zölle gesenkt, um der Entwicklung voraus zu sein, und ein Großteil des Wachstums in Indien wird durch den Binnenmarkt angetrieben. Die Exporte wachsen und sind wichtig, aber nicht das entscheidende Element für die Wirtschaft.
Reichlich Rendite auf der Schiene
Bahn-Aktien glänzen mit stabilen Gewinnen, digitalen Innovationen und ökologischer Nachhaltigkeit.
Stefan Riedel, München. Mehr als 50 % hat die Vossloh-Aktie in den vergangenen zwei Monaten zugelegt. Für den deutschen Bahntechnikspezialisten ist ein solches Kursfeuerwerk eher ungewöhnlich. Die Euphorie der Anleger ausgelöst haben die Pläne der künftigen deutschen Bundesregierung, dass aus dem geplanten Sondervermögen milliardenschwere Investitionen in die Sanierung des Straßen-, Brücken- und Schienennetzes fließen werden. Mit seinen Weichensystemen, Betonschwellen und Hightech-Geräten für das Schleifen von Bahnschienen würde Vossloh von der Sanierung der deutschen Schienennetze profitieren.
Nachhaltiges Wachstum
Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit sind Eisenbahnen ein Verkehrsmittel, mit dem sich stabile Renditen erzielen lassen. „Als eine der saubersten Formen der Fortbewegung bietet die Bahninfrastruktur ein langfristig attraktives Wachstumspotenzial“, ist Daniel Fauser überzeugt. Der Analyst bei Swisscanto zählt dazu die Segmente Gleisinfrastruktur, Signaltechnik und Rollmaterial einschließlich der Komponenten für die Digitalisierung.
Spannend aus Investorensicht sind für Fauser zum einen Unternehmen, die technologisch führend sind bei der Modernisierung von Frachtlokomotiven und bei digitalisierten Kontrollsystemen der Züge. Außerdem favorisiert er Firmen, die bei Bremssystemen und in der Signaltechnik top sind. „Neben der Attraktivität dieser Endmärkte spielt für uns eine wichtige Rolle, dass die Unternehmen eine solide Kapitaldisziplin haben, zugleich aber aus der eigenen Forschung und Entwicklung immer neue Produktinnovationen auf den Markt bringen.“
Nischenplayer und Blue Chips
Zulieferer für Bahn und Schiene auf dem Radar hat auch Alexander Funk von der Fondsboutique Rezoom Capital. Als Beispiel nennt er die US-Firma Wabtec, die Bremsen, Türsysteme und Klimaanlagen in ihrem Produktsortiment hat. Unter den Blue Chips in den Fondsportfolios von Rezoom sind europäische Konzerne wie Legrand oder Schneider Electric, die bei einzelnen Komponenten ihren technologischen Vorsprung und ihre Preissetzungsmacht ausspielen. Etwa beim Brandschutz oder der Elektrifizierung des Eisenbahnverkehrs. Die Zughersteller Alstom, Siemens, Bombardier und Stadler Rail sind ebenfalls im Anlage-Universum von Funk.
Firmen mit Software und Hardware für Betriebssteuerung, Ticketzahlungen und Fahrgastinformationen sind eine weitere Marktnische. Init Innovations deckt mit seinen Telematik-Lösungen alle Bereiche vom Ticketing und den Fahrgastinformation bis zur Betriebssteuerung ab. Mit mehr als 1.100 Kunden ist das Unternehmen aus Karlsruhe hier die weltweite Nummer Eins. Die britische Preisvergleichs- und Buchungsplattform Trainline verdient Geld, indem sie von den Bahnreisenden eine Buchungsgebühr für jedes verkaufte Ticket erhält. Zuletzt kam die Aktie unter Druck, weil die politischen Pläne zur Umstrukturierung des britischen Bahnsystems auch darauf abzielen, die Ticketwebseiten der Bahnbetreiber auf einer einzigen Plattform zu konsolidieren. Solange mögliche negative Auswirkungen auf das Geschäft von Trainline nicht geklärt sind, drängt sich der Einstieg nicht auf. Im Gegensatz dazu bieten Rücksetzer eine gute Chance, um die Vossloh-Aktie zu kaufen. Knorr-Bremse ist ein weiteres attraktives Langfristinvestment.
Geduld bei Giganten
Abwarten ist gerade bei den großen börsennotierten Bahnbetreibern angesagt, die vor allem in Nordamerika und Japan ansässig sind. Wie in gesamten Logistikbranche hängt auch das Geschäft von Eisenbahngesellschaften wie Union Pacific, CSX Corp oder Canadian National Railway an der konjunkturellen Entwicklung. Die Sorge vor stagnierenden Frachtraten ließ die Aktienkurse dieser Giganten zuletzt absacken. Zieht die Nachfrage wieder an, sind diese Konzerne auch wegen ihrer nachhaltigen Dividendenpolitik wieder einen Blick wert.
Foto: AdobeStock / Oleksiy Mark
Durch die Turbulenzen tauchen
Bei Flossbach von Storch setzt man auf diversifizierte Portfolios, um sich zu wappnen.
Raja Korinek. Das aktuelle Börsenumfeld bleibt turbulent, wenngleich dies für viele Marktbeobachter angesichts des neuen Zollregimes durch Donald Trump wenig überraschend kommt. Dennoch wächst die Verunsicherung bei manch einem Anleger. Vermögensverwalter Kurt von Storch (Foto) Mitglied des Verwaltungsrats bei Flossbach von Storch SE, rät Anlegern investiert zu bleiben. „Turbulenzen hat es auf den Märkten immer gegeben. Das richtige Timing gelingt hingegen den wenigsten Anlegern.“
Von Storch gründete im Jahr 1999 gemeinsam mit Bert Flossbach
die Flossbach von Storch SE zunächst als Vermögensverwaltung (und damals als Aktiengesellschaft). Im Jahr 2007 wurden dann auch erste Publikumsfonds aufgelegt, erklärt von Storch anlässlich der Eröffnung der Österreich-Vertriebsstelle der Kölner Muttergesellschaft im ersten Wiener Bezirk. Der Börsen-Kurier war dabei.
Aktives Management verstärkt gefragt
Dem unruhigen Marktumfeld kann von Storch auch positives abgewinnen. „Während jüngst verstärkt passive Investments etwa mit ETFs zunehmend gefragt waren, wird ein aktives Management jetzt wieder vermehrt seine Stärken ausspielen können.“
Tobias Schafföner, er ist Vorstandsmitglied und Leiter des Investmentmanagements, mahnt auch die Folgen des Handelskrieges etwa auf die US-Inflation gut im Auge zu behalten. Im Monat Februar stiegen die Verbraucherpreise um 2,8 % im Vergleich zum Vorjahresvergleichswert, schwächten sich damit ein wenig gegenüber Jänner ab. Angesichts der aktuellen Entwicklungen glaubt Schafföner nicht, dass die US-Notenbank die Zinsen noch allzu weit senken werde. Zuletzt lagen die Leitzinsen jenseits des Atlantiks bei 4,25 bis 4,50 %. Der Entwicklung werde sich Europa nicht entziehen können, so der Marktexperte.
Schulden treiben Renditen an
Auch die Schulden werden weiterwachsen, mahnt Schafföner. Tatsächlich ist dieser Aspekt derzeit vor allem in Deutschland großes Thema. Dort möchte die voraussichtlich künftige Regierung von CDU/CSU und SPD ein Sondervermögen in Höhe von 500 Milliarden Euro sowie eine Ausnahme von der Schuldenbremse für ein erhöhtes Verteidigungsbudget erwirken.
Die Aussicht auf höhere Schulden lastet auch auf den Kursen deutscher Bundesanleihen, wodurch wiederum die Renditen steigen. „Es ist wahrscheinlich, dass die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen die 3-%-Marke testen werden“, konstatiert etwa Florian Späte, Senior Bond Strategist bei Generali Investments. Sie lagen zuletzt bei rund 2,86 % (per 13.3.).
Und wie sieht es mit Gold aus? Immerhin verharrt die Notierung auf Rekordniveau von rund 2.900 USD je Unze. Schafföner findet klare Worte und meint, „das gelbe Edelmetall bietet trotz hoher Preise eine Absicherung gegen mögliche Risiken im Finanzsystem“. Gold betrachte man dabei als „Währung“ und wichtigen Teil eines diversifizierten Portfolios, ergänzt von Storch. Er spannt hier einmal mehr den Bogen zum Thema der wachsenden Schuldenberge weltweit.
Aktien sind nicht überteuert
Auch viele Aktienbarometer haben zuletzt kräftig angezogen. Schafföner hält die Märkte im Durchschnitt nicht für überteuert und wirft dazu einen Blick auf den S&P 500. „Weil der Index vor allem von den ‚Magnificent 7‘ kräftig angetrieben wurde, zeichnet sich vordergründig ein verzerrtes Bild ab.“ Das Börsenbarometer hat zuletzt weitaus stärker angezogen als die Gewinne je Aktie der vergangenen zwölf Monate. Vergleicht man aber den gleich gewichteten S&P 500 mit der Gewinnentwicklung, so sind die Zuwächse praktisch gleichauf.
Foto: Flossbach von Storch SE
Welchen Schutz Unternehmen in Krisenzeiten brauchen
Kreditversicherungen ermöglichen das Überleben, so der Sukkus einer Diskussion bei der R+V-Fachtagung.
Marius Perger. Die Bedeutung der Kreditversicherung im B2B-Geschäft war Thema einer Podiumsdiskussion bei der Fachtagung „Risiko und Rendite: Strategien für mehr Sicherheit von Firmenkunden“ der R+V Allgemeine Versicherung AG. Angesichts der massiven Zunahme der Insolvenzen in Österreich sei das Umfeld für heimische Firmen derzeit schwierig, so Elisabeth Poschauko, Leiterin Kredit und Kaution bei der R+V. Umfragen zufolge seien 71 % der österreichischen Unternehmen von Zahlungsausfällen betroffen. Früher hätten Unternehmen Zeit gehabt, wenn sie in eine Krisensituation kommen, heute gebe es kaum noch Zeit, sich zu erholen. Dies sei herausfordernd, und überdies sei ein weiterer Anstieg der Insolvenzen zu erwarten.
Nicht warten, bis der Kunde in Konkurs ist
Es gebe zwar Betrugsfälle, dies sei aber nicht die Regel, betonte Hadi Hashemi, Chief Underwriter Kredit und Kaution (Underwriter bewerten Risiken und entwickeln und analysieren Versicherungskonzepte, Anm.). Hauptsächlich habe man es mit Insolvenzen zu tun, die auf die steigenden Zinsen oder Lieferanten- bzw. Rohstoffprobleme zurückzuführen seien. Häufig seien derzeit Folge-insolvenzen: Hier handle es sich um einen Dominoeffekt, wenn große Unternehmen insolvent werden. Kleine Unternehmen „können nichts dafür“, wenn ihre großen Auftraggeber nicht zahlen können, betont Hashemi. Nur mit einer Warenkreditversicherung sei es dann möglich zu überleben. Aber nicht nur bei einer Insolvenz, auch bei Zahlungsverzug helfe die Warenkreditversicherung, Unternehmen liquide zu halten, so Poschauko. Damit könnten Kontokorrentlinien schnell wieder freigespielt werden. Als Versicherungsfall gelte ein Zahlungsverzug zwei Monate nach Fälligkeit, erläutert Hashemi. Der Versicherer ersetze den weitaus größten Teil der Forderung und versuche den Rest einzutreiben: „Man muss nicht warten, bis der Kunde in Konkurs ist.“
Sinnvoll für viele Szenarien
Gerade wenn bisherige Kunden insolvent werden, sei es nötig, neue Märkte und/oder neue Kunden auf sicherer Basis zu erarbeiten. Auch dabei sei die Warenkreditversicherung sinnvoll, weil es oft noch an Erfahrungen mangle und man die Kunden noch nicht kenne, so Poschauko. Und auch neugegründete Unternehmen können versichert werden; gerade für diese könnte ein Zahlungsausfall ja gleich wieder das Ende bedeuten. Hashemi betont auch die laufende Überwachung der Bonität. Dies sei für Unternehmen wichtig, die in langfristigen Projekten beschäftigt sind. Oft sei die Bonität des Kunden zu Beginn des Projekts gut, Probleme würden erst am Ende auftauchen. „Wir stehen bis zum Ende eines Auftrags zu unserem Wort.“
Leistbarkeit sollte dabei kein Thema sein, so Hashemi: Die Kosten für die Versicherung würden im Bereich von zwei bis acht Promille des Umsatzes liegen, das könne sich auch ein kleineres Unternehmen leisten. Schließlich bedürfe es eines großen Umsatzes, um einen Ausfall zu kompensieren.
Garantieversicherung schützt Liquidität
Florian Seipka, Underwriter Kredit-/Kautionsversicherung, ging anschließend auf die insbesondere für Unternehmen aus den Bereichen Bau, Baunebengewerbe, Maschinenbau und Industrie wichtige Garantieversicherung ein. Anwendungsfall seien vor allem Anzahlungen. Entscheidend sei, dass dabei das zugrundeliegende Rechtsgeschäft nicht geprüft wird. Der Begünstigte der Garantie werde vom Versicherer bezahlt, der dann das Unternehmen in Regress nehmen kann. Vorteil für das versicherte Unternehmen gegenüber einem Haftrücklass sei, dass die Banklinien geschont werden. Durch die Versicherung verfüge es über mehr freie Liquidität.
Unterschätzte Vertrauensschadenversicherung
Abgerundet werden könne das Zusammenspiel der Versicherungen für Unternehmen schließlich durch eine Vertrauensschadenversicherung, betonte Christian Narten, Underwriter Kredit-/Kautionsversicherung.
Bei dieser handle es sich um die am meisten unterschätzte gewerbliche Versicherung, die an sämtliche anderen Produkte wie Kredit-, Cyber- oder D&O-Versicherung anknüpft und als einzige auch Vorsatz umfasst.
Foto: AdobeStock / Treety
Wirecard-KapMuG: Feierlaune für EY?
Enttäuschendes Zwischenergebnis für Wirecard-Geschädigte
Florian Beckermann. Es war eine verstörende Nachricht für die geschädigten Anleger im deutschen KapMuG-Verfahren der Wirecard-Pleite vergangene Woche. Das befasste OLG München hatte ein Zwischenergebnis veröffentlicht. Kurzform: Man sieht im Bestätigungsvermerk des Wirecard-Wirtschaftsprüfers Ernst & Young Deutschland („EY“) keine Kapitalmarkt-relevante Information im Sinne des (alten) Gesetzes. Eine Haftung von EY in diesem Verfahren verliert damit an Wahrscheinlichkeit. Nicht wenige Anleger zogen beide Augenbrauen in die Höhe. In der ersten Reaktion unkten einige: Man mag kaum eine praxisfernere Einschätzung abgeben.
Im KapMuG-Verfahren, ausgeschrieben „Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz“, gibt es in Deutschland die Möglichkeit einer „Sammelklage“. Die Anführungszeichen sind Absicht, da es keine Sammelklage nach US-Vorbild ist. Vielmehr werden mit einem Musterkläger eine Reihe von Fragen entschieden, anhand deren eine Einzelfallentscheidung leichter fallen soll. Insofern ist es eher eine Klags-Managementtool, als eine Sammelklage. Selbst unter Juristen ist es wenig beliebt – nicht zuletzt wegen langer Verfahrensdauern bisher. Der Fall der Deutschen Telekom dauerte 20 Jahre und der Musterkläger verstarb über die Prozessdauer. Vorteil: Geschädigte können sich leicht beteiligen. Dies haben bei Wirecard knapp 30.000 Anleger getan, unter ihnen einige tausend Österreicher. Die Aktie war in Österreich nicht nur bei mutigen Tradern beliebt.
Ein Grund, warum auch konservative Investorenkreise Wirecard kauften, lag in der Existenz des Bestätigungsvermerks durch die renommierte Wirtschaftsprüfungskanzlei EY, die großes Vertrauen genoss. Der mögliche Kriminalfall, lanciert durch die Vorstände Markus Braun, Jan Marsalek und Co., beschäftigt die Strafgerichte und Verfolgungsbehörden (es gilt die Unschuldsvermutung). Er rückte aber auch die Prüfungstätigkeit von EY in Zweifel. Soweit, dass EY als einer der gewichtigen Schadensersatzquellen von großem Interesse ist. Das KapMuG zielte hierauf.
Pikant: Aufgrund des Wirecard-Falls hatte der Deutsche Bundestag ein Gesetz beschlossen, welches den Bestätigungsvermerk des Wirtschaftsprüfers deutlicher als relevante Kapitalmarktinformation qualifiziert. Für Fälle zeitlich nach Wirecard ist die Beurteilung einfacher. Diskutabel ist, ob das neue Gesetz die bisherige Praxisrealität nur „klarstellt“ und somit schon zuvor eine Haftung bejaht werden könnte. Das OLG verneint dies.
Fazit: Ein ‚Zwischenergebnis‘ ist weder ein erstinstanzliches Urteil noch eine endgültige Entscheidung dieser Fallfrage. Nicht nur der Instanzenzug, sondern auch andere Entscheidungen in Parallelverfahren mögen die Einschätzung des OLG München korrigieren. Für Feierlaune bei EY oder allzu große Enttäuschung bei den Anlegern scheint es etwas verfrüht. Andere Verfahren, z. B. das Verfahren des DSW (Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz) über eine niederländische Stiftung, bleiben gefährlich und aufrecht.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Rechnung ohne Wirt(schaft) gemacht
Grüner Deal: EU-Kommission kündigt massive Vereinfachungen der grünen Regulatorik an.
Andreas Dolezal. Als die damals neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2019 den „Grünen Deal“ präsentierte, war die Welt noch eine andere. Der von Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg initiierte „Schulstreik für das Klima“ wuchs zur globalen Bewegung „Fridays for Future“ an, grüne Regierungsbeteiligungen in Deutschland und Österreich machten den Kampf gegen den Klimawandel zu zentralen Themen. Die Auswirkungen der viel zitierten Klimakatastrophe wurden auch für die Bevölkerung immer sichtbarer. Das visionäre EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 folgte diesem Zeitgeist, machte die Rechnung aber ohne die Wirtschaft und mit zu wenig Realitätssinn.
Bürokratie-Monster
Aus dem Deal, der ursprünglich nur 29 Seiten umfasste, ist, ausgehend von der EU-Taxonomie, über die Jahre ein Monstrum geworden, das viele tausend Seiten Gesetzestext umfasst: Von A wie Abfallrahmenrichtlinie über Lieferkettengesetz (CSDDD) und Nachhaltigkeitsberichtspflichten (CSRD/ESRS) bis Z wie (CBAM-)Zertifikate. In dieses enge regulatorische Korsett gezwängt, sollen Unternehmen dazu beitragen, Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent der Erde zu machen.
Trickle-Down-Effekt unterschätzt
Was in der Finanzindustrie seinen Anfang nahm, sickerte sukzessive zur gesamten europäischen Wirtschaft durch: eine horrende Bürokratie. Der Plan, nur große Unternehmen in die Pflicht zu nehmen, verpuffte. Denn die Großen können ihre „grünen“ Pflichten nur erfüllen, wenn sie auch ihre kleinen Lieferanten einbinden. So entstand eine Kaskade an direkt und indirekt betroffenen Unternehmen aller Größen, der so genannte Trickle-Down-Effekt.
Zu komplex, auch für den Regulator
Zusätzlich bewahrheitete sich das Sprichwort, dass viele Köche den Brei verderben. Im Dickicht der Regelwerke verlor auch der europäische Gesetzgeber den Überblick. Viele Rechtsakte sind inhaltlich und zeitlich nicht aufeinander abgestimmt, die EU schaffte es mehrfach nicht, die sich selbst gesetzten Fristen für Detailregelungen einzuhalten. Mitgliedstaaten hinken mit der nationalen Umsetzung von EU-Richtlinien hinter-her, wie zum Beispiel Österreich mit dem Umsetzen der CSRD. Rechtsunsicherheit für Unternehmen paart sich von Beginn an mit dem Grünen Deal.
Mehr Optimismus als Realismus
Manche visionären Pläne der EU klingen auf dem Papier hervorragend und erstrebenswert, sind für die Realität aber viel zu optimistisch (etwa die grüne Vorreiterrolle für die ganze Welt) bis hin zu technisch gar nicht realisierbar (der EU-Rechnungshof empfiehlt etwa der EU-Wasserstoff-Strategie dringend einen Realitätscheck). Gemeinsam mit Bürokratie-Last und Trickle-Down-Effekt nährte dies den Widerstand der Wirtschaft.
Herausfordernde Zeiten
Die grüne Regulatorik verlangt Unternehmen in der aktuell wirtschaftlichen und geopolitisch schwierigen Phase sehr viel ab. Nach der Corona-Pandemie kämpfen Betriebe weiterhin mit hohen Energie- und Rohstoffpreisen, dem Fachkräftemangel und der Konsumflaute. Österreich und Europa stecken in einer Rezession. Mitten im Bewältigen dieser Herausforderungen, die für Unternehmen, unseren Wohlstand und unser gesellschaftliches Gefüge existenziell sind, beansprucht die grüne Regulatorik finanzielle und personelle Ressourcen, die große Unternehmen Millionen Euro kostet und kleine bis mittlere Unternehmen schlichtweg überfordert.
EU-Kommission erkennt Realität
„Damit Europa aufholen kann, müssen wir auch unseren Unternehmen das Leben leichter machen“, kündigte EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen Ende November 2024 an. Zu viel Berichterstattung, zu viele Überschneidungen, zu komplex und zu teuer, um sie einzuhalten, sei die Bürokratie, gestand sie ein
Am 26. Februar 2025 präsentierte die EU-Kommission einen Vorschlag für eine Omnibus-Verordnung, mit der EU-Taxonomie, Nachhaltigkeitsberichtspflichten und Lieferkettengesetz vereinfacht werden sollen. Die Wirtschaft begrüßt diesen Schritt als wichtig und unverzichtbar, Klimaaktivisten und NGOs befürchten, dass Klima- und Umweltschutz abgeschafft werden.
Nachhaltigkeit bleibt in zentrales Thema, die grüne Regulatorik findet lediglich den Weg zurück in die Realität.
Foto: AdobeStock / Pcess609
Brüssel lockert Abgasnormen für Autohersteller
EU-Kommission erspart der Automobilindustrie Milliardenstrafzahlungen.
Andreas Dolezal. Europäische Automobilhersteller haben es gerade schwer. Zu lange setzten sie ausschließlich auf den Verbrennungsmotor, erst spät erfolgte der Schwenk zur Elektromobilität. Rezession, Konsumflaute und gestrichene Vergünstigungen für E-Autos drücken den Neuwagenabsatz. In großen Märkten wie China verlieren sie Marktanteile an einheimische Hersteller. In den USA drohen ihnen hohe Einfuhrzölle. Und das Jahr 2025 hätte zum Horrorjahr mit Milliardenstrafzahlungen werden können.
Strenge Flottengrenzwerte
Als Beitrag zu den EU-Klimazielen müssen Automobilhersteller den durchschnittlichen CO2-Ausstoß aller verkauften Neuwagen, den sogenannten „Flottengrenzwert“, Jahr für Jahr reduzieren. Ab 1. Jänner 2025 liegt dieser Wert bei nur noch 93,6 Gramm CO2 pro Kilometer. Auch Kleinwagen stoßen bei diesem Wert an ihre technischen Grenzen. Ein Renault Clio mit 67 PS-Benzinmotor verursacht (kombiniert nach WLTP) beispielsweise 121 Gramm CO2 pro Kilometer, ein Audi A3 mit einem 116-PS-Dieselmotor mindestens 118 Gramm.
Allein mit Verbrennungsmotoren ist der strenge CO2-Grenzwert unerreichbar. Damit alle verkauften Neuwagen – vom Kleinwagen bis zum Luxus-SUV – durchschnittlich nur mehr 93,6 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, müssen Automobilhersteller (mehr) Elektro-Autos verkaufen. Denn diese haben per EU-Definition einen CO2-Ausstoß von null Gramm.
Flaute bei Elektro-Autos
Die Absatzflaute bei Elektroautos macht den Herstellern aber einen Strich durch die Rechnung. Firmenkunden haben sich eingedeckt, Private halten sich zurück, nicht zuletzt deshalb, weil wichtige Absatzmärkte wie Deutschland die Kaufprämien gestrichen haben. Auch attraktive Steuervorteile für Elektroautos werden derzeit eher gestrichen als neu eingeführt. In Österreich soll ab 1. April 2025 die motorbezogene Versicherungssteuer anfallen, von der E-Autos bis dato verschont blieben.
Hinzu kommt, dass gerade deutsche Hersteller am Bedarf vorbei entwickelt haben. Viele Modelle sind zu groß und damit zu teuer für die Mehrzahl der Konsumenten, die gerne kleine E-Autos hätten – und diese vermehrt bei chinesischen Autobauern kaufen.
Drastische Strafen für CO2-Sünder
Als es den europäischen Automobilherstellern dämmerte, dass sie die CO2-Emissionsziele im Jahr 2025 nie und nimmer erreichen werden, schrien sie im vergangenen Jahr laut auf. Denn es drohten ihnen Strafzahlungen von bis zu 16 Milliarden Euro. Davon hat sie die EU-Kommission Anfang März befreit. „Wir werden an unseren vereinbarten Emissionszielen festhalten, jedoch mit einem pragmatischen und flexiblen Ansatz“, verkündete Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, nachdem sie schon im Jänner einen „strategischen Dialog über die Zukunft der europäischen Automobilindustrie“ einleitete.
Flexibler in Bezug auf CO2-Ziele
Automobilhersteller müssen den Flottengrenzwert von 93,6 Gramm CO2 pro Kilometer nicht bereits im Jahr 2025 erreichen, sondern erst im Durchschnitt der Jahre 2025 bis 2027. Dies ermögliche es den Autobauern, „etwaige Defizite in einem oder zwei Jahren durch Überschreitungen in den anderen Jahren auszugleichen und gleichzeitig die allgemeinen Ziele für 2025 beizubehalten“, gibt sich die Kommission überzeugt.
Parallel dazu möchte Brüssel Anreize für den Umstieg auf emissionsfreie Fahrzeuge bieten und das Vertrauen der Verbraucher durch Maßnahmen wie eine verbesserte Batteriegesundheit und Reparierbarkeit stärken. Die europäische Autoindustrie erspart sich (vorerst) nicht nur horrende Strafzahlungen, die EU stellt zusätzlich 1,8 Milliarden Euro bereit, um die europäische Batterieproduktion anzukurbeln und das Wachstum der Autobranche zu unterstützen.
Foto: Pixabay / geralt
Dividenden klettern auf Rekordwert von 1,75 BioUSD
Und auf für das laufende Jahr 2025 wird ein Gesamtwachstum von 5 % erwartet.
Janus Henderson/Red. Laut dem aktuellen „Janus Henderson Global Dividend Index“ stiegen die weltweiten Dividenden 2024 auf einen Rekordwert von 1,75 Billionen US-Dollar – ein Plus von 6,6 % auf bereinigter Basis. Das Jahresergebnis lag leicht über der Prognose des Assetmanagers von 1,73 Billionen US-Dollar, was hauptsächlich auf die unerwartet starke Entwicklung in den USA und Japan im letzten Quartal zurückzuführen ist. Die Ausschüttungen für das vierte Quartal stiegen bereinigt um 7,3 %.
Im Jahresverlauf war das Wachstum in Europa sowie in den USA und Japan kräftig. Einige wichtige Schwellenländer wie Indien und Teile Asiens wie Singapur und Südkorea verzeichneten ebenfalls ein ordentliches Wachstum. 17 der 49 Länder im Index erzielten Rekorddividenden, darunter einige der größten Dividendenzahler wie die USA, Kanada, Frankreich, Japan und China.
Leichter Rückgang in Deutschland
„Die Dividendenausschüttungen in Deutschland gingen 2024 bereinigt um 0,3 % zurück und beliefen sich auf 51,7 Milliarden US-Dollar (47,5 Milliarden Euro). Drei große Kürzungen beeinträchtigten die Gesamtsumme. Bayer kürzte seine Dividende um 95 % bzw. 2,5 Milliarden US-Dollar, um die Schulden aus der Übernahme von Monsanto 2016 zu reduzieren. Auch BMW reduzierte erheblich mit der Absicht, die Dividende nach der Rekordausschüttung von 2023 wie-der auf ein normaleres Niveau zu bringen. Und der private Gesundheitskonzern Fresenius strich seine Dividende, um weiterhin staatliche Subventionen zu erhalten“, erklärt Daniela Brogt, Head of Sales für Deutschland und Österreich bei Janus Henderson. Das Gesamtbild war jedoch positiver. „89 % der deutschen Unternehmen haben ihre Dividende entweder erhöht oder konstant gehalten – der Median der Erhöhung auf Unternehmensebene lag bei 5,7 %“, fasst Brogt das Ergebnis zusammen.
Tech-Giganten geben Ton an
Große Unternehmen, die erstmals eine Dividende ausschütteten, hatten insgesamt einen überproportionalen Einfluss. Die größten Dividendenausschüttungen kamen von Meta und Alphabet in den USA sowie von Alibaba in China. Zusammen schütteten sie 15,1 Milliarden US-Dollar aus und trugen 1,3 %-Punkte bzw. ein Fünftel zum weltweiten Dividendenwachstum 2024 bei.
Bankensektor sehr großzügig
Aus sektoraler Sicht kam fast die Hälfte des Dividendenwachstums 2024 aus dem Finanzsektor – insbesondere aus dem Bankensektor, dessen Dividenden bereinigt um 12,5 % stiegen. Die Dividenden des Mediensektors verzeichneten ebenfalls ein gutes Wachstum und verdoppelten sich auf bereinigter Basis dank der Zahlungen von Meta und Alphabet. Das Wachstum war jedoch sehr breit aufgestellt: Telekommunikation, Baugewerbe, Versicherungen, Gebrauchsgüter und Freizeit verzeichneten allesamt zweistellige Zuwächse. Die schwächsten Sektoren waren Bergbau und Verkehrswesen, die zusammen 26 Milliarden US-Dollar weniger auszahlten als im Vorjahr.
Der größte Zahler
Microsoft war das zweite Jahr in Folge der mit Abstand größte Dividendenzahler weltweit. Der nach der Übernahme von Pioneer Resources erweiterte Exxon-Konzern stieg auf Platz zwei – eine Position, die er zuletzt 2016 belegte.
Weltweit erhöhten 88 % der Unternehmen ihre Dividenden oder hielten sie konstant, und der Median, also die durchschnittliche Steigerung der Unternehmen, lag bei 6,7 %.
Positiver Ausblick
Für das kommende Jahr rechnet Janus Henderson mit einem Dividendenwachstum von 5,0 %, was den Gesamtbetrag der Ausschüttungen auf einen Rekordwert von 1,83 Millionen US-Dollar bringen würde. Da der US-Dollar gegenüber vielen Währungen zulegt, was die Gesamtwachstumsrate verlangsamt, dürfte das bereinigte Wachstum für das Jahr eher bei 5,1 % liegen.
Jane Shoemake vom Global Equity Income Team bei Janus Henderson sagt: „Einige der wertvollsten Unternehmen der Welt, vor allem diejenigen, die ihre Wurzeln im US-Technologiesektor haben, zahlen zum ersten Mal Dividenden. Damit entkräften sie die Behauptung, diese Gruppe würde diesen Weg der Kapitalrückgabe an die Aktionäre meiden. Sie beweisen damit, dass sie genau wie die erfolgreichen Unternehmen vor ihnen mit zunehmender Reife Liquiditätsüberschüsse erwirtschaften, die sie an ihre Anleger zurückgeben können. Diese Unternehmen geben dem weltweiten Dividendenwachstum derzeit einen deutlichen Schub.
Generell scheint 2025 ein Jahr der Unsicherheit für die Weltwirtschaft zu sein. Sie dürfte weiterhin in einem vernünftigen Tempo wachsen, aber das Risiko von Zöllen und möglichen Handelskriegen könnte zusammen mit der hohen Staatsverschuldung in vielen großen Volkswirtschaften 2025 zu weiterer Marktvolatilität führen. Auf einigen Anleihemärkten sind die Renditen bereits auf den höchsten Stand seit Jahren gestiegen. Höhere Marktzinsen bremsen die Investitionen, verlangsamen das längerfristige Gewinnwachstum und erhöhen die Finanzierungskosten, was sich auf die Profitabilität auswirkt. Dennoch erwarten die Märkte nach wie vor steigende Unternehmensgewinne in diesem Jahr – den Konsensprognosen zufolge um mehr als 10 %. Auch wenn dies angesichts einiger der aktuellen weltwirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen zu optimistisch ist, gibt es für einkommensorientierte Anleger eine gute Nachricht: Dividenden erweisen sich über Konjunkturzyklen hinweg meist als wesentlich stabiler als Gewinne. Die Unternehmen können nach eigenem Ermessen entscheiden, wie viel sie an die Aktionäre ausschütten, sodass die Einkommensströme aus Dividenden viel weniger schwanken. Daher erwarten wir für dieses Jahr einen neuen Rekord bei den Dividenden.“
Foto: Pixabay / Jamu_Jay
US-Wirtschaft startet etwas schwächer ins neue Jahr
Notenbank Fed dämpft Hoffnung auf weitere Lockerung der Geldpolitik.
BLI/Red. Die Wirtschaft der USA scheint das aktuelle Jahr etwas schwächer begonnen zu haben, verglichen mit dem robusten Wachstum, das sie im gesamten Jahr 2024 verzeichnete, so Guy Wagner von Banque de Luxembourg Investments. „Eine hohe Vergleichsbasis nach dem starken Anstieg des Inlandsverbrauchs im vierten Quartal und die zerstörerischen Brände in Kalifornien scheinen das Wachstum in den ersten beiden Monaten des Jahres 2025 leicht beeinträchtigt zu haben“, sagt der Chief Investment Officer des Assetmanagers. „Der anhaltende Anstieg der Haushaltseinkommen deutet jedoch darauf hin, dass das etwas zurückhaltendere Verhalten der US-Verbraucher nicht zu einem neuen Trend werden dürfte, der sich noch verstärken wird. In Europa nährt die Aussicht auf eine handlungsfähige christlich-sozialdemokratische Koalition in Deutschland und die rasche Bereitstellung von Finanzmitteln auf europäischer Ebene zur Wiederbewaffnung des alten Kontinents die Hoffnung auf eine wirtschaftliche Wiederbelebung.“ In China könnte die Einführung von Zöllen durch die USA zu einem Zeitpunkt, an dem die Exporte die dynamischste Komponente des Bruttoinlandsprodukts darstellen, die staatlichen Behörden dazu veranlassen, die Maßnahmen zur Unterstützung des Binnenkonsums bald zu verstärken. In Japan lag der BIP-Anstieg im vierten Quartal 2024 dank der starken Exporte deutlich über den Erwartungen, wobei der Binnenkonsum jedoch kaum zum Wachstum beitrug.
Inflation stagniert seit Monaten
Nach ihrem deutlichen Rückgang von den Rekordwerten, die 2022 erreicht wurden, stagniert die Inflation seit einigen Monaten. So stieg in den USA die Gesamtinflationsrate von 2,9 % im Dezember auf 3,0 % im Jänner. In der Eurozone sank die Gesamtinflationsrate leicht.
US-Notenbank dämpft Hoffnung
Im Februar hielten die beiden wichtigsten Zentralbanken keine Sitzungen ab. „Im Laufe des Monats dämpften die US-Geldpolitiker weiterhin die Hoffnungen auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik und deuteten an, dass sie den Status quo vorziehen, solange die Inflation keine Anzeichen einer deutlicheren Verlangsamung verzeichnet“, betont der luxemburgische Ökonom. Selbst in der Eurozone begannen die Behörden, das Potenzial für weitere Zinssenkungen zurückhaltender zu beurteilen, um nicht die Gefahr einer schnellen Rückkehr einer beschleunigten Inflation zu riskieren.
Euroraum: Langfristige Zinssätze fast unverändert
Die Anzeichen für ein weniger robustes US-Wirtschaftswachstum zu Jahresbeginn führten zu einem Rückgang der langfristigen Zinssätze in den USA. Im Euroraum blieben die langfristigen Zinssätze fast unverändert aufgrund der Aussicht auf eine deutliche Erhöhung der Militärausgaben auf dem alten Kontinent finanziert durch zusätzliche neue Schulden. So sank der zehnjährige Referenzzinssatz nur geringfügig in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien.
Europäische Aktien mit günstigem Trend
Im Februar kaschierte der leichte Rückgang des führenden globalen Aktienindex „MSCI All Country World Index Net Total Return“ die heterogenen Entwicklungen an den Aktienmärkten sowohl auf geografischer als auch auf sektoraler Ebene. Wagner: „Trotz der Schwäche der Wall Street hielten die europäischen Aktien ihren günstigen Trend vom Jahresbeginn aufrecht, da die Hoffnung besteht, dass die wahrscheinliche Abkehr von der fiskalischen Orthodoxie in der Eurozone zur Aufrüstung des alten Kontinents eine spürbarere wirtschaftliche Erholung auslösen könnte.“
Unter den Schwellenländern zeigten sich die chinesischen Börsen besonders euphorisch, wobei der Hang Seng Index in Hongkong sogar um 13,4 % (in HKD) zulegte und damit seine Rallye fortsetzte, die seit der Ankündigung des Sprachmodells für Künstliche Intelligenz von DeepSeek begonnen hatte. „Auf Sektorenebene verzeichneten Basiskonsumgüter, Immobilien und Finanzen die höchsten Zuwächse, während Konsumgüter, Kommunikationsdienste und Technologie die deutlichsten Rückgänge auswiesen.“
Foto: AdobeStock / cassis
MIPIM 2025: Wo sich aktuell Immo-Investments lohnen
Exklusive Marktnews von Principal Asset Management und eine Einschätzung von Corum.
Rudolf Preyer. „2025 erlebt einen rasanten Start mit Transaktionen und Investoraktivitäten, die am Immobilienmarkt Fahrt aufnehmen“ so Rachel Shone, Managing Director Real Estate bei Principal Asset Management. Es wird allgemein erwartet, dass geopolitische Kräfte den Fokus vieler Diskussionen auf der MIPIM bestimmen werden, da diese Faktoren die Investoren – wenig überraschend – stark beeinflussen.
Sehen und gesehen werden: Seit 1990 hat sich die MIPIM (Marché International des Professionnels de l‘immobilier; heuer von 11. bis 14. März) im sonnigen Cannes zum „Place to be“ für global aufgestellte Immobilienentscheider in den Bereichen Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie Betriebsansiedlung entwickelt.
Strategien zum Investieren
Angesichts drohender US-Zölle, einer Minderheitsregierungen in Frankreich, der Regierungsneubildung in Deutschland und fortlaufender Konflikte in Europa sowie dem Nahen Osten sollten diese Faktoren als potenzielle Gegenwinde gesehen werden, auf die sich Investoren bei der Verwaltung ihrer Portfolios einstellen müssen, so wieder Shone: „Daher rechnen wir damit, dass sich Strategien auf Bereiche mit langanhaltendem Wachstum konzentrieren werden sowie Assetklassen in größeren Finanzmärkten, die weniger anfällig für Volatilität sind.“ Nichtsdestoweniger sehe Principal Asset Management dieses Jahr auch Lichtblicke am Immobilienmarkt. Es wird angenommen, „dass 2025 dank stabilisierender Immobilienwerte und gut positionierten Fundamentaldaten die richtigen Zutaten hat, um ein guter Jahrgang zu werden.“ Wo sieht Shone gute Möglichkeiten? „Wir präferieren Strategien für einzelne Sektoren. Dabei bleibt unser Appetit für Wohnen, Logistik und alternative Sektoren am größten.“
Zudem gebe es keine Anzeichen dafür, dass die Nachfrage nach Rechenzentren zeitnah sinken könnte. „Principal“ nimmt an, dass dieser Sektor angesichts der Angebotsbeschränkungen, die sich aus der Verfügbarkeit von Strom und Land ergeben, stark wachsen wird.
Und schließlich Hotels: Sowohl operativ als auch beim Transaktionsvolumen erzielten Hotels 2024 starke Ergebnisse. Die Nachfrage bleibt hoch, während das Angebotswachstum auf einem sehr niedrigen Niveau verweilt, weshalb der Ausblick auf 2025 positiv ist. Dazu Shone abschließend: „Wir favorisieren weiterhin interessante Value-Add-Möglichkeiten.“
Logistik und Einzelhandel weiter gefragt
Der Börsen-Kurier hat Corum Investments um ein Statement zur MIPIM gebeten. Martin Linsbichler, Country Manager Austria, sagt: „Wir bei Corum haben normalerweise eine andere Sichtweise als die meisten anderen Marktteilnehmer. Ich denke aber, das Hauptthema wird das Licht am Ende des Tunnels sein, das nach dem Ende der Inflation in Europa und ihren Folgen jetzt sichtbar wird.“ Die EZB hat nun die Zinsen um 0,25 auf 2,5 % gesenkt. Infolgedessen werden laut Corum die Immobilienpreise steigen, wie es in einigen Anlageklassen seit dem zweiten Halbjahr 2024 bereits passiert ist.
Welche Assetklassen den Geschmack des Marktes treffen werden? Im Jahr 2025 werden das laut Linsbichler von Corum wahrscheinlich immer noch Logistik und Einzelhandel sein. „Das bedeutet auch, dass die Preisnachlässe für Büroimmobilien in Europa immer noch recht gut sind.“
Wer aller aus Österreich an die Côte d‘Azur anreist und vor Ort vertreten ist, findet sich hier, am: oesterreichstand.at/mipim – traditionell gibt man sich am „Austria Pavillon“ ein fröhliches Stelldichein der Branche. Für heuer werden rekordverdächtige 80 heimische Unternehmen ebendort erwartet.
Foto: oesterreichstand.at
Hat die EU gegen die USA Chancen?
Der Zolldisput zwischen der Union und den Staaten kennt keine Gewinner.
Florian Beckermann. Es ist kein Geheimnis, dass die zweite Trump-Administration das Thema der Strafzölle gegen die EU hoch priorisiert. Das Tempo ist rasant. Die EU-Vertreter hocken schwitzend daneben und hoffen, dass es schon nicht so schlimm werden könnte. Doch Donald Trump liebt die Eskalation und die EU ist ein gefundenes Opfer? Abwarten.
Strafzölle erzeugen ein Lose-Lose-Szenario. Sie verteuern Importe, sie erzeugen höhere Kosten für Verbraucher. Eine steigende Inflation ist oft die Folge. Globale Lieferketten werden gestört und auch hier verteuern sich die Produkte für den Endverbraucher. Die gesamte Wettbewerbsfähigkeit leidet – Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum sowieso. Die Vergeltungsmaßnahme – Gegenzoll – belastet die Situation weiter. Investitionen in solchen Szenarien unterbleiben, eine globale Produktionsverlagerung setzt ein. Darüber hinaus werden nicht wettbewerbsfähige Unternehmen am Leben gehalten, mit entsprechenden verheerenden Konsequenzen später. Letztlich leiden insbesondere niedrige Einkommen besonders unter dieser Situation.
USA und EU beglücken sich bereits heute mit Zoll-Böswilligkeiten (z. B. für Eisen-, Stahl- und Aluminiumerzeugnisse). Am 12. März werden dann 25 % hierfür aufgeschlagen. Die EU revanchiert sich mit Zöllen gegen Produkte aus US-Bundesstaaten, die Trump unterstützt haben, z. B. Harley Davidson in Florida.
Wie könnte man einem Eskalationsszenario durch umfassende Importzölle begegnen? Einstweilen kaufen die US-Amerikaner europäische Produkte und bezahlen in Dollar. Was wiederum zum Kauf von US-Anleihen oder Aktien führt. Die Finanzkraft landet partiell wieder in Europa. Bekanntermaßen sind US-Fonds die größten Investoren auf den europäischen Märkten. Ihre Erträge übertreffen gar europäische Profite in den USA. Ähnlich geht es den Einkünften aus US-Dienstleistungen gegenüber der EU, auch hier hat die EU ein Defizit.
Der österreichische Ökonom Gabriel Felbermayr sieht hierin eine Chance, einen wirkungsvollen Gegenschlag zu setzen, indem man einen Strafzoll hier ansetzt. Was bei Dienstleistungen noch aussichtsreich erscheint, kann gerade bei Kapitaleinkünften nach hinten losgehen. US-Fonds haben selten Probleme damit, ihre Investments mit Verlust zu verkaufen. Emotionalität gibt es nicht. Der Verlust wäre enorm, da sie selbst als Käufergruppe ausfielen. Europäische Investoren/Anleger sind zwar finanziell in der Lage, gegenzuhalten, doch die europäische Aktienkultur würde die Chance nicht ergreifen (können), selbst wenn man den Willen dazu besäße. Gleichermaßen darf man das Exposure europäischer Anleger in den USA nicht vergessen, es ist massiv. Ein Gegenzoll hätte ähnliche Effekte. Ein fulminanter Börsenabschwung wäre jedenfalls zu erwarten.
Angesichts der kurzen Zeitachse Trumps in Sachen Strafzölle, scheint eine Beruhigung der Lage politisch nicht einzutreten. Zu leicht ist politisches Kleingeld verdient, zu spät werden die katastrophalen Folgen sichtbar. Die Abschreckung durch eigene Defizitsektoren Trump von einer weiteren Eskalation abzuhalten, ist ein gefährliches Spiel – aber nicht verloren. Besser wäre jedoch für alle, das Spiel gänzlich sein zu lassen.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Warum die Künstliche Intelligenz vor einem Paradigmenwechsel steht
Ein Kommentar von Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group
(04.03.) Künstliche Intelligenz ist weiterhin das Thema, das Anleger am meisten umtreibt. Laut Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, sei es entscheidend, den nächsten Schritt in der KI-Entwicklung vorauszusagen. Der Experte ist sich sicher, dass KI aktuell an einem entscheidenden Wendepunkt stehe: „Wir sehen in der KI nicht nur eine technologische Evolution, sondern eine Revolution, die sämtliche Wirtschaftssektoren grundlegend verändern wird.“
Mit einem aktuellen Marktvolumen von rund 420 Milliarden US-Dollar habe sich Künstliche Intelligenz bereits als zentraler Wachstumstreiber etabliert. Doch Prognosen zufolge werde die Branche bis 2030 auf beeindruckende 1,8 Billionen US-Dollar anwachsen – eine Entwicklung, die das Potenzial dieser Technologie unterstreiche. „Wenn wir auf die Geschichte technologischer Innovationen blicken, stellen wir fest, dass selbst erfahrene Analysten das tatsächliche Marktwachstum häufig unterschätzen“, erläutert Braun und verweist auf Daten, die zeigen, dass die Wachstumsprognosen für frühere technologische Umbrüche – darunter Computer, Internet und Cloud – im Durchschnitt um 144 Prozent zu niedrig angesetzt waren.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den derzeitigen Paradigmenwechsel sei das rasante Wachstum von KI-Anwendungen wie ChatGPT. Während dieses KI-Modell nur fünf Tage benötigt habe, um eine Million Nutzer zu erreichen, habe Instagram dafür 2,5 Monate gebraucht und Netflix sogar 3,5 Jahre. Diese Geschwindigkeit verdeutliche, wie rasant sich der Markt entwickle und welche enorme Nachfrage nach KI-Technologien bestehe.
Wertschöpfungskette auf vier Ebenen
Dieser Fehler könne sich nun wiederholen, denn die Wertschöpfung innerhalb der KI-Branche erstrecke sich über mehrere essenzielle Ebenen, die alle eine zentrale Rolle für den weiteren Fortschritt spielen würden:
1. Halbleiter: Die Basis für leistungsfähige KI-Modelle liege in modernsten Chiptechnologien. Unternehmen, die spezialisierte Halbleiter für KI-Anwendungen entwickeln, könnten erheblich von der steigenden Nachfrage profitieren.
2. Infrastruktur: Die nächste Ebene umfasse Cloud- und Rechenzentrumskapazitäten, die notwendig seien, um KI-Modelle zu trainieren und auszuführen. Große Tech-Unternehmen würden massiv in Rechenleistung investieren, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern.
3. Modelle: Fortschritte bei den KI-Algorithmen selbst bildeten die dritte Säule. Hier würden große Sprachmodelle, multimodale Systeme und spezialisierte KI-Anwendungen das Innovationspotenzial weiter steigern.
4. Anwendungen: Die Endnutzung der KI-Technologie in der Wirtschaft sei die vierte und vielleicht spannendste Ebene. Von Automatisierung über medizinische Diagnostik bis hin zu individualisierten Kundeninteraktionen – die Anwendungsfälle seien nahezu unbegrenzt und hätten das Potenzial, Geschäftsmodelle grundlegend zu transformieren.
Während diese Entwicklung einen erheblichen Mehrwert für die Industrie mit sich bringe, sei jedoch auch zu erwarten, dass die Schere zwischen den Gewinnern und Verlierern dieser Transformation groß sein werde. Unternehmen, die frühzeitig in KI-Technologie investieren und diese effizient nutzen würden, könnten überproportional profitieren, während traditionelle Geschäftsmodelle unter Druck geraten könnten.
China und USA übernehmen die Führungsrolle
Zudem werde sich die KI-Welt vermutlich bipolar entwickeln, wobei die USA und China die Hauptrollen spielen dürften. Die USA würden die technologische Führungsrolle für die gesamte westliche Welt übernehmen, während China seinen Markt größtenteils für sich selbst dominiere. Diese geopolitische Aufteilung könne weitreichende wirtschaftliche und strategische Konsequenzen nach sich ziehen.
Abschließend hebt Braun hervor, dass die Investitionschancen im KI-Sektor bereits heute beträchtlich seien. „Wir stehen erst am Anfang eines exponentiellen Wachstumszyklus, dessen gesamte Dimension aktuell noch schwer zu erfassen ist“, lautet sein Fazit.
Wie wichtig Analysten und HVs für Investoren sind
Diskussion des IVA zur Bedeutung von Analysen und Hauptversammlungen für Privatanleger.
Marius Perger. „Die verschiedenen Perspektiven aufzeigen“ wolle der Börsen-Kurier-Partner Interessenverband für Anleger (IVA), sagte dessen Präsident Florian Beckermann (2. von rechts) zu Beginn des Streitgesprächs „Analyst vs. Anleger“ in der Vorwoche in der Säulenhalle der Wiener Börse. Friedrich Mostböck (ganz links), Chefanalyst der Erste Group und Präsident der Oesterreichischen Vereinigung für Finanzanalyse & Asset Management (ÖVFA), betonte, dass Aktienanalyse mehr eine Kunst als eine „formale Zahlengeschichte“ sei. Sein Rüstzeug seien natürlich Zahlen, aber auch Soft facts, und er brauche viel Gefühl und Gespür für Timing. Es gehe darum, Informationen herauszufinden, inwieweit sich Aktien besser oder schlechter entwickeln als der Markt.
Immer weniger Analysen
Privatinvestor Rupert-Heinrich Staller (ganz rechts) kritisierte, dass die großen Banken in Österreich immer weniger heimische Unternehmen analysieren. Es sei nicht möglich, Unternehmen zu covern, deren Marktkapitalisierung unter 100 Millionen Euro liegt, die weniger als 10 % Streubesitz haben und keine Investor Relations betreiben, erklärt Mostböck.
Gerade in jenen Unternehmen, die nicht gecovert werden, seien deutlich mehr österreichische Privatanleger als internationale Institutionelle investiert, so Staller. Privatanleger hätten auch keinen Zugang zu professionellem Research. Seit dem Inkrafttreten von MiFID II dürfen Analysen nur noch an institutionelle Kunden, nicht aber an Privatanleger weitergegeben werden, sagt Mostböck. Es gebe aber aus seinem Haus beispiels-weise Factsheets zu allen gecoverten Werten, was für einen Retail-Aktionär ausreichend sei. Und informationsmäßig werde dieser von Anlageberatern in den Banken versorgt.
Für die gecoverten Unternehmen seien Analysten als Multiplikatoren wichtig, so Bernd Maurer (2. von links), früher selbst Analyst und nun Head of Capital Markets beim Flughafen Wien. Sie machen Informationen für den Markt zugänglich, häufig sei der Fokus auf Analysen größer als jener auf Unternehmensmeldungen. Und man dürfe Analysten nicht auf die geschriebene Analyse reduzieren, sie seien Sparringpartner für Investoren und wissen „so viel mehr als den geschriebenen Zettel“.
Privatanleger braucht HV
Analysten würden den Vorstand persönlich kennen und brauchen nicht auf Hauptversammlungen zu gehen, so Mostböck: „Ich höre dort keine Neuigkeiten.“ Dem kontert Staller: „Einen Analysten kann ich anlügen, ihm Geschichten erzählen. In der HV müssen die Organe die Wahrheit sagen.“ Für Privataktionäre sei die HV wichtig, gesteht Mostböck zu: Dies sei die einzige Gelegenheit für sie, Kontakt zu Vorstand und Aufsichtsrat und einen Überblick zu bekommen, wie die Gesellschaft intern funktioniert. Maurer ergänzt: Gerade in der HV erhalte man einen persönlichen Eindruck vom Management, von dessen Herangehensweise und von der Art, wie es Fragen beantwortet. Staller pflichtet dem bei: Man könne in einer HV sehen, wie der Vorstand unter Druck reagiert und wie er „mit den blödesten Fragen eines Aktionärs umgeht“.
Weniger wichtig sind für Staller Investoren-Calls: Ihre Qualität habe in jüngerer Zeit abgenommen, auch weil von Seite der Analysten meist nur wenige qualitätsvolle Fragen gestellt werden. Und auch bei Investorentreffen erfahre man wenig. Es habe aber niemand einem Analysten verboten, gescheite Fragen zu stellen, sagt Maurer: Es gehe darum, so viel wie möglich zu fragen, dann bekomme man umso mehr Information.
Eine große Bedeutung für Investoren habe schließlich Corporate Governance, und das nicht erst, seit ESG zur Mode geworden ist. Wesentliches Kriterium dabei sei die Interaktion des Vorstands untereinander, so Staller. Und „das sehe ich nur in der HV“. Überhaupt sei Corporate Governance für ihn bei Hauptversammlungen ein „Kernfragenkomplex“, um herauszufinden, ob er sich auf das Management verlassen kann.
Foto (v. l. n. r.): Friedrich Mostböck, Bernd Maurer, Florian Beckermann sowie Rupert-Heinrich Staller / IVA
IPO-Potenzial häufig ungenutzt
KMUs in Europa, die einen Börsengang andenken, stehen vor erheblichen Hürden.
Red./ks. Strenge Transparenz- und Berichtspflichten, hohe Kosten für den Börsengang sowie laufende Compliance-Auflagen schrecken viele mittelständische Unternehmen davon ab, an die Börse zu gehen. Im Gegensatz zu großen Konzernen, die über umfangreiche Ressourcen verfügen, fehlt es kleineren Unternehmen oft an Kapital und Expertise, um die hohen Anforderungen zu erfüllen. Zudem befürchten viele Unternehmer einen Kontrollverlust und verspüren hohen Druck durch die Quartalsberichterstattung.
Vorbild USA?
„Im Vergleich zu den USA ist das Potenzial kaum ausgeschöpft, das Mindset und die Rahmenbedingungen sind Faktoren, die in Zukunft geändert werden müssen, um als Weltregion wettbewerbsfähig zu bleiben“, kennt Stefan Petrikovics (Foto), Gründer der SMG Holding, die Herausforderungen. Mit seinem Unternehmen ist er auf IPO-Sponsoring im europäischen Raum spezialisiert und begleitet KMU als Partner von der Idee bis zum Listing. In Europa sieht der Finanzexperte enormes Potenzial: „Wir sehen besonders in den drei Märkten Immobilien, Technologie und Energie enorme Chancen. Auch im Tourismussektor besteht ein deutlicher Aufholbedarf, denn obwohl dieser deutlich größer als jener der USA ist, machen der öffentliche Kapitalmarkt und der Anteil an börsennotierten Unternehmen nur einen Bruchteil aus.“
Oft auch Vorurteile
Dabei sind die Gründe für die Zurückhaltung vielseitig. Neben den oft fehlenden fachlichen, personellen und finanziellen Ressourcen haben viele Unternehmer auch Vorurteile gegenüber einem Börsengang. Um diese aus dem Weg zu räumen, fordern Experten umfassende Beratungsangebote und Fördermaßnahmen, die die potenziellen Vorteile vermitteln.
Zurückhaltend zeigen sich in Europa und vor allem auch in Österreich, die institutionellen Investoren. Während in den USA gerade sie einen großen Teil der Risikofinanzierung ausmachen, ist dies in Europa nur bedingt der Fall. „Vielmehr wird bei Investitionen hierzulande viel Wert auf Risikoarmut gelegt. Das ergibt ein Henne-Ei-Problem: Fehlen in Europa die KMU, die an die Börse wollen, oder fehlen die Investoren, die dies möglich machen würden? Langfristig orientierte Investoren würden vor allem den KMU eine Planungssicherheit geben und die Angst vor einem Börsengang lindern“, weist Petrikovics gegenüber dem Börsen-Kurier auf die verzwickte Lage hin.
Bessere Bedingungen für KMU
Experten fordern gezielte Maßnahmen, um eine Trendwende zu ermöglichen und Börsengänge attraktiver zu machen. Dazu zählen vereinfachte regulatorische Prozesse mit weniger Bürokratie und angepassten Reporting-Pflichten. Auch steuerliche Anreize können dazu beitragen, den Kapitalmarkt als Finanzierungsquelle zu stärken.
Ohne die notwendigen Reformen wird das erhebliche Potenzial für Börsengänge in Europa wohl weiterhin ungenutzt bleiben. Eine proaktive Unterstützung von KMU könne nicht nur deren Wachstum fördern, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten europäischen Wirtschaftsraums stärken, so Petrikovics.
Foto: SMG / Wexplore
Gelingt Luxus nunmehr die Wende?
Die Umsätze schwächelten zuletzt teilweise, chinesische Käufer hielten sich zurück.
Raja Korinek. Luxus bleibt gefragt. Dennoch kühlte sich 2024 der Gesamtmarkt ein wenig ab. Dies geht aus der jährlichen „Luxury Goods Worldwide Market“-Studie hervor. Sie wird vom US-Beratungshaus Bain & Company gemeinsam mit Fondazione Altagamma, der italienischen Handelsorganisation für italienische Hersteller von Luxusgütern, herausgegeben.
Umsatzrückgang 2024
Demnach sanken die Ausgaben auf 1,478 nach 1,498 Billionen Euro im Jahr 2023. Hierzu wurden sämtliche Bereiche miteinbezogen, von exquisiten Reisen und teuren Boliden bis hin zu persönlichen Luxusgütern – ein wichtiger Kernbereich im Übrigen, wie man bei Bain & Company festhält. Dazu zählen Schmuck, teure Taschen und hochpreisige Bekleidung. Allein dieser Bereich verzeichnete einen Umsatzrückgang von beinahe 2 % auf 363 Milliarden Euro.
Die Gründe sind vielfältig. So wird auf die Zurückhaltung chinesischer Konsumenten verwiesen. Schließlich schwächelt die Konjunktur wie auch der Immobilienmarkt. Ausgerechnet darin haben viele Chinesen einen guten Teil ihrer Ersparnisse investiert. Heiko Geiger, Zertifikate-Experte bei der Bank Vontobel, hebt gegenüber dem Börsen-Kurier einen weiteren Aspekt hervor: „Insbesondere die Gruppe junger, aufstrebender Konsumenten, die den Löwenanteil der chinesischen Luxusgüterkunden ausmachen, wandten sich ab. Der Trend ist angesichts der hohen chinesischen Jugendarbeitslosigkeit von fast 20 % wenig verwunderlich.
Schwäche bremst sich ein
Auch Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank, hat sich den Sektor angesehen: So seien die Branchenumsätze allein im 4. Quartal um nur noch 1 % gesunken, verweist der Experte auf die Verlangsamung. Die Bandbreite ist allerdings groß. LVMH verzeichnete einen geringen Umsatzrückgang im Jahresvergleich auf 23,93 Milliarden Euro. Wesentlich höher war das Minus bei Kering, zu dem etwa Gucci gehört, wo der Umsatz auf 4,39 Milliarden Euro sank.
Zudem seien die Unternehmen optimistisch, dass die Nachfrage insbesondere aus den USA wieder zurückkomme, meint Stephan. Kreditkartendaten zeigten, dass das vergangene Quartal das zehnte in Folge war, in dem weniger für Luxusartikel ausgegeben wurde als im jeweiligen Vorjahresquartal. Im Jänner wurden aber wieder steigende Ausgaben beobachtet, ein Umstand, der zahlreichen Sektor-Aktien Rückenwind verschafft hatte. Ob die Kurse derzeit weiteres Potential haben, bleibe abzuwarten. Stephan findet die Branchenaktien inzwischen recht teuer bewertet, wie er sagt.
Kommen bald Zölle?
Hinzu sollten handelspolitische Geschehnisse nicht unterschätzt werden, so Geiger. „Obwohl Luxusgüter zum aktuellen Zeitpunkt nicht im Fokus von Donald Trumps Zöllen stünden, bereite die Ungewissheit Sorgen. Die Hersteller schauen jedoch nicht nur untätig zu.“ So produziere LVMH bereits an mehreren US-Standorten und könnte bei entsprechenden Entwicklungen weitere Produktionskapazitäten dorthin verlagern.
Anleger, die der Branche weiteres Potenzial einräumen, können darauf mit dem Luxury-Performance-Indexzertifikat der Bank Vontobel setzen. Darin enthalten sind zehn Titel, so etwa der Schweizer Uhrenhersteller Richemont, der italienische Jackenhersteller Moncler sowie Kering und LVMH. Wer etwa Kering in nächster Zeit nur ein begrenztes Plus einräumt, kann darauf mit einem Discount-Zertifikat der BNP Paribas setzen. Der Cap liegt bei 280 Euro, der Break-Even-Kurs bei 252,39 Euro. Bewertungstag ist am 20.06.2025. Verluste sind bei beiden Produkten möglich.
Foto: AdobeStock / Tor Gilje KI generiert
2024 ein Jahr des Übergangs im Biotech-Segment
Christian Koch, der Leiter des Investment-Teams von BB Biotech, im Gespräch.
Klaus Schweinegger. BB Biotech investiert in Gesellschaften des Wachstumsmarkt Biotechnologie und ist einer der weltweit größten Anleger in diesem Bereich. Die BB Biotech-Aktie (ISIN: CH0038389992) ist an der SIX Swiss Exchange und an der Deutschen Börse notiert. Der Fokus der Beteiligungen liegt auf börsennotierten Gesellschaften, die sich auf die Entwicklung und Vermarktung neuartiger Medikamente mit einem Mehrwert für das Gesundheitssystem konzentrieren.
Börsen-Kurier: Herr Koch, das Biotech-Segment hat in den vergangenen Jahren einige Turbulenzen erlebt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in 2024?
Christian Koch: 2024 war ein Jahr des Übergangs. Nach einer Phase schwacher Performance und gedämpfter Anlegerstimmung hat sich der Sektor im vierten Quartal strukturell erholt. Anleger haben sich wieder verstärkt auf Fundamentaldaten konzentriert – klinische Meilensteine, regulatorische Fortschritte und erfolgreiche Kommerzialisierungen rückten in den Fokus. Einige unserer Positionen wie Scholar Rock, Wave Life Sciences und Edgewise Therapeutics haben in diesem Umfeld stark zugelegt, ein Zeichen für das wiedererstarkte Anlegervertrauen. Trotz dieser positiven Entwicklungen bleibt die Volatilität hoch, und selektives Investieren ist wichtiger denn je.
Börsen-Kurier: Was erwarten Sie für 2025? Setzt sich die Erholung fort?
Koch: Wir sehen vielversprechende Signale dafür, auch wenn es kurzfristig volatil bleiben dürfte. Die Pipeline vieler Biotech-Unternehmen hat sich gefestigt, und 2025 dürfte ein wichtiges Jahr werden. Die Bewertungen sind weiter-hin attraktiv, insbesondere für Unternehmen mit innovativen Therapien in der mittleren bis späten Entwicklungsphase. Zudem steigt der Druck auf die Pharmakonzerne, ihre Pipelines zu erneuern. Wir erwarten eine anziehende M&A-Aktivität, was sich bereits mit der Übernahme von Intra-Cellular Therapies durch Johnson & Johnson für rund 15 MrdUSD zeigt. Insgesamt bleiben wir optimistisch, setzen aber auf eine disziplinierte Titelauswahl.
Börsen-Kurier: Welche Rolle spielen regulatorische Entwicklungen in den USA für den Biotech-Sektor?
Koch: Die politische und regulatorische Landschaft ist ein entscheidender Faktor. Die US-Präsidentschaftswahl hat für Unsicherheit gesorgt, insbesondere im Gesundheitssektor. Die Ernennung von Robert F. Kennedy Jr. zum Gesundheitsminister wirft Fragen hinsichtlich künftiger FDA-Entscheidungen und Medikamentenerstattungen auf. Gleichzeitig könnte die Berufung von Martin Makary als FDA-Leiter Stabilität bringen. Der Inflation Reduction Act bleibt ebenfalls ein Thema, da er Medikamentenpreise unter Druck setzt. Unternehmen mit klar differenzierten Therapieansätzen könnten aber davon profitieren.
Börsen-Kurier: Sie haben Anfang des Jahres die Leitung des Investment-Management-Teams übernommen. Welche strategischen Anpassungen haben Sie vorgenommen?
Koch: Wir haben unseren Investmentprozess verfeinert, um noch gezielter Kapital zu allokieren. Unser Bewertungsmodell wurde dynamischer, sodass wir schneller auf Marktveränderungen reagieren können. Wir haben unsere Einstiegs- und Exitstrategien optimiert und uns verstärkt auf Unternehmen mit nachgewiesenem Proof-of-Concept fokussiert. Gleichzeitig haben wir unser Team ausgebaut – vor allem in den USA, dem Zentrum der Biotech-Industrie.
Börsen-Kurier: Was bedeutet das konkret für die Zusammensetzung des Teams?
Koch: Ein Meilenstein war der Ausbau unserer US-Präsenz: Seit Dezember 2024 leitet Wendy Lam die wachsende Niederlassung in New York. Mit ihrer umfassenden Biotech-Investmenterfahrung und ausgezeichneten Vernetzung in der Branche stärkt sie unsere Position vor Ort. Auch in der Schweiz haben wir unser Team erweitert – Anna Guinot Aguado ergänzt uns mit wertvoller Expertise in der Onkologie und im Venture-Capital-Sektor.
Börsen-Kurier: Abschließend die Frage: Wie positionieren Sie sich im laufenden Jahr?
Koch: Das Jahr 2025 wird für mehrere unserer Portfolio-Unternehmen ein entscheidendes Jahr. Argenx erweitert den Einsatz seines Autoimmun-Medikaments Vyvgart mit einer neuen Fertigspritze und zusätzlichen Indikationen. Alnylam wiederum steht kurz vor der Markteinführung von Amvuttra zur Behandlung einer schweren Herzerkrankung (ATTR-Kardiomyopathie) und adressiert damit einen großen medizinischen Bedarf. Aber auch in der klinischen Forschung gibt es spannende Entwicklungen: Incyte arbeitet an der Entwicklung krankheitsmodizfizierender Therapien gegen myeloproliferative Neoplasie, eine seltene Blutkrebserkrankung, und prüft eine vielversprechende orale Behandlung für Hidradenitis suppurativa, eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Und last but not least: Rivus untersucht in einer großen Studie, ob seine neue Therapie effektiv gegen die weit verbreitete Stoffwechselerkrankung MASH hilft.
Foto: BB Biotech
Pensionskassen: einfache Produkte und leichter Zugang
Es gelte, auch kleine Unternehmen zu erreichen, sagt VBV-Pensionskassen-CEO Günther Schiendl.
Marius Perger. „Ich bin Optimist und glaube, dass die Dinge funktionieren“, sagt Günther Schiendl, (Foto) seit September des Vorjahres CEO der VBV-Pensionskasse AG, im persönlichen Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Das staatliche Pensionssystem in Österreich funktioniere gut und sei auch finanzierbar, „solange es Wirtschaftswachstum und Innovation gibt“. Allerdings sei zu bedenken, dass es in den vergangenen drei Jahren hierzu-lande kein Wachstum gegeben habe.
Was die Pensionskassen betrifft, seien alle Großunternehmen und die meisten großen mittelständischen Unternehmen abgedeckt. Was fehlt, seien viele kleine Unternehmen. Hier gelte es einen Zugang zu finden, nötig sei dafür ein einfaches Produkt. Der Mensch sei bequem, Produkte müssten daher so gestaltet sein, dass sie dieser Bequemlichkeit entgegenkommen. Es gehe darum, Arbeitgeber und Betriebsräte zu überzeugen, „den Rest macht die Pensionskasse“. Und darum, leicht zugänglich zu sein – daran arbeite man.
Nicht alle in einem Veranlagungstopf
Als die Pensionskassen in Österreich vor 35 Jahren geschaffen wurden, habe es einen sehr homogenen Bestand gegeben, betont Schiendl. Das habe sich geändert, heute gebe es viele, die bereits eine Pension beziehen, und sehr viele junge Menschen in den Unternehmen.
Es sei problematisch, wenn sich alle diese Menschen in einer Veranlagungs- und Risikogemeinschaft (VRG) befinden. Dies führe zu „extremen Zielkonflikten“, man tue den Menschen damit nichts Gutes. Auflösen könne man dieses Problem mit einem Lebensphasenmodell. Dabei gehe es darum, bis zu einem Alter Mitte 50 Vermögen aufzubauen, dann folgt eine Übergangsphase, anschließend soll eine konservative Strategie für stabile Pensionen sorgen. Dazu habe man im Vorjahr ein Modell zum automatischen „Life cycle pension investing“ entwickelt. Dies diene dazu, die Ansparphase zu optimieren, so Schiendl. Damit werde es möglich, auch bei einem niedrigen Rechnungszins nach 30 Jahren einen hohen Kapitalstock und damit eine gute Pension zu erzielen. Der weitaus überwiegende Teil der Berechtigten wäre dann in der für sie altersmäßig optimalen VRG.
Kleine technische Details ändern
Seit langem tragen die Pensionskassen vor allem Wünsche zu steuerlichen Erleichterungen an die Politik heran. Realistischer und damit sinnvoller sei es aber, kleine technische Änderungen zu fordern, deren Umsetzung den Staat nichts kostet, sagt Schiendl. So wäre es wichtig, dass der Rechnungszins erst dann final festgelegt wird, wenn der Arbeitnehmer in Pension geht und nicht schon beispielsweise 30 Jahre vorher vom Arbeitgeber mit der Pensionskasse fix vereinbart wird. So könnte jede Generation mit einem Rechnungszins in Pension gehen, der marktnahe ist.
Eintreten sollte die Politik in die Diskussion um ein Obligatorium für Pensionskassen, wie es in skandinavischen Staaten oder der Schweiz existiert. „Wir haben das bei den Vorsorgekassen, warum nicht auch bei den Pensionskassen?“, stellt Schiendl die Frage in den Raum.
Lebensphasenmodell auch für Pensionisten
Möglich wäre es auch, das Lebensphasenmodell für Pensionisten zu öffnen und ihnen die gleiche Möglichkeit zu geben wie den Anwartschaftsberechtigten, nämlich zwischen konservativen, ausgewogenen oder dynamischen Anlagestrategien mit unterschiedlich hohen Ertragserwartungen und Risikogehalt zu wählen. Heute seien viele Menschen aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung auch 30 Jahre in Pension. Für sie ändere sich die Welt ebenfalls und nicht jeder will eine vorsichtige Anlagestrategie, weil nicht jeder Pensionist gleich ist, so Schiendl.
(K)ein Imageproblem?
Immer wieder kommt es wegen der Vornahme von Pensionskürzungen zu Kritik an Pensionskassen. Hier gebe es sehr viel „selektive Wahrnehmung“, betroffen seien nur wenige alte Verträge mit hohem Rechnungszins. Das „stabile Pensionskassensystem“ will sich Schiendl „nicht kaputtreden lassen“. Tatsächlich sei das Image sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Betriebsräten und Anwartschaftsberechtigten gut, betont Schiendl. Bei Umfragen würden mehr als 90 % der Kunden angeben, zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. Auch erhöhe die VBV regelmäßig Pensionen. Mit einigen Pensionistengruppen befinde man sich in einem sehr konstruktiven Dialog, es gebe allerdings eine kleine Gruppe, die Kritik übt. Begegnen könne man der Kritik, indem man zuhört und sich gemeinsam an einen Tisch setzt; notwendig sei aber Dialogbereitschaft auf beiden Seiten. Wichtig sei, faktenbasiert zu informieren. So seien Pensionskassen beispielsweise verpflichtet, ihre Anlagen zu diversifizieren. Ein Vergleich mit einem Einzelindex sei daher nicht möglich, man dürfe ein privates Depot nicht mit einer Pensionskasse verwechseln.
Foto: VBV / Tanzer
Ein Wort zur Bankenabgabe …
Vorsicht! Die Gefahren einer solchen fiskalischen Maßnahme sind immens. (26.02.)
Florian Beckermann. Eine kritische Haltung zur Bankenabgabe in dieser Kolumne ist keine Überraschung. Es ist kaum verwunderlich, dass hier für die wirtschaftlichen Interessen der tausenden Bank-Aktionäre in Österreich aufgezeigt wird. Die folgenden Punkte richten sich nicht gegen steuerliche Solidarität, es geht nicht um Schuldzuweisungen oder ideologische Vorbehalte. Basierend auf Tatsachen sollen nochmals die Gefahren einer solchen fiskalischen Maßnahme herausgearbeitet werden:
1. Signalwirkung: Eine sachfremde „Abgabe“ erzeugt international den Eindruck der steuerlichen Willkür. Die negativen Effekte für den Markt sind tiefgreifend. Das Vertrauen wird nachhaltig gestört. Die bloße Existenz einer solchen Abgabe reicht!
2. Wettbewerbsnachteil: Heimische Banken verlieren an Attraktivität im internationalen Vergleich – nicht nur als Aktieninvestment, sondern auch als Geschäftspartner. Bei der dringenden Bankenkonsolidierung am europäischen Markt wird der Standort geschwächt.
3. Kostenüberwälzung: Banken geben
die Abgabe über höhere Gebühren oder schlechtere Konditionen an Kunden weiter. Die Profiteure sind beispielsweise ausländische Direktbanken. Ist das sinnvoll?
4. Wachstumsbremse: Analog verteuert eine Zusatzsteuer die Kreditvergabe, hemmt Investitionen und damit wirtschaftliches (Binnen-)Wachstum. Ein Wachstum, welches Österreich dringend benötigt.
5. Doppelbelastung: Banken zahl(t)en bereits hohe Steuern und Regulierungsgebühren. In den 18 Jahren seit der Finanzkrise wurde hochverzinsliches, staatliches „Rettungskapital“ zurückgezahlt. Unmengen von teuren regulatorischen Risikopuffern wurden eingebaut. Erst in diesen Tagen erreichen die Bankaktien wieder das Niveau von 2007 – bei einer vielfach größeren Geldmenge. Die regulatorische Belastung hat den Plafond erreicht.
6. Fehlanreize: Finanzgeschäfte wandern (weiter) in den unregulierten Schattenbankensektor ab. Finanzierungsquellen jenseits einer staatlichen Überwachung werden weiter gestärkt. Die Causa Signa könnte ein warnendes Beispiel vor einer solchen Entwicklung sein.
7. Gießkannenprinzip: Auch risikoarme Banken werden belastet, ohne die eigentlichen Ursachen von Finanzkrisen zu adressieren – Haupttreffer werden wohl bei Erste Group und Bawag gelandet. Ein Lenkungseffekt dieser „Abgabe“ fehlt bisher völlig.
8. Bürokratiekosten: Hoher Verwaltungsaufwand für Banken und Behörden. Unzweifelhaft wird eine solche Abgabe zu komplexen Einhebungs- und Vermeidungsberechnungen führen. Zusätzliche Kapazitäten werden dort gebunden.
Fazit: Bankinvestments liefen in den vergangenen Jahren gut. Basierend auf den Zinsvorgaben der EZB und einer ausgehungerten Kostenstruktur blieb auch bei geringem taktischen Geschäftsgeschick einiges im Institut. Diese Profite wecken Begehrlichkeiten, insbesondere in Zeiten einer forcierten Budgetknappheit.
Für den Markt und den Aktionär wirken diese Wünsche mehr als befremdlich, geradezu verfehlt. Die Auswirkungen auf unseren Standort sind toxisch. Und Aktienhistorisch gesehen sind die Auswirkungen unfair. Es bleibt zu hoffen, dass die politischen Parteien in ihrem Bemühen um ausgewogene Lösungen für das Budgetproblem noch weitere Möglichkeiten prüfen.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Was ein Frieden in der Ukraine Anlegern bringt
Aussicht auf Gespräche zwischen den USA und Russland sorgt für einen Paradigmenwechsel.
Raja Korinek. Diese Nachricht sorgte für reichlich Aufsehen: Am 12. Februar wurde bekannt, dass US-Präsident Donald Trump mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin telefoniert hatte, um ein Treffen – in Saudi-Arabien – zu vereinbaren.
Das Ziel ist klar, es geht um Friedensgespräche zur Ukraine. Dass die EU-Führungsspitze nicht eingeladen war, schlug in Europa ebenso hohe Wellen wie die Aussagen des US-Vizepräsidenten James David „JD“ Vance auf der jüngsten Münchner Sicherheitskonferenz. Dort forderte Vance Europa auf, mehr in die eigene Verteidigung zu investieren.
Märkte reagieren überwiegend positiv
Auf den Märkten kamen die Nachrichten jedenfalls gut an. Gleich mehrere Segmente zählen sichtlich zu den Gewinnern, wie der Börsen-Kurier recherchiert hat. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank, wirft insbesondere einen Blick in den Osten Europas und hebt etwa den WIG Ukraine Index in Warschau hervor. „Dieser ist seit dem 5. Februar dieses Jahres um rund 35 % gestiegen und erreicht damit den höchsten Stand seit Beginn des Russland-Ukraine-Krieges.“
Zur Erklärung: Im Index sind Unternehmen gelistet, die ihren Sitz in der Ukraine haben und bzw. oder einen Großteil ihrer Umsätze ebendort erzielen. „Sollte es zu einer dauerhaften diplomatischen Lösung kommen, könnte dies auch den Aktienmärkten der osteuropäischen Anrainerstaaten positive Impulse geben.“ Selbst auf den ATX färbte die Aussicht positiv ab, ein Umstand, der nachvollziehbar ist. Schließlich sind zahlreiche Firmen eng mit Osteuropa verzahnt. Der Deutsche-Bank-Experte räumt jedoch auch ein, dass ein Scheitern möglicher Verhandlungen und eine weitere Eskalation nicht auszuschließen seien.
Verteidigung einmal mehr im Fokus
Die Aussicht auf höhere Verteidigungsausgaben in Europa nach der Münchner Sicherheitskonferenz beschert deutschen Rüstungskonzernen weiteren Rückenwind, so etwa den Aktien von Rheinmetall, Renk und Hensoldt. Selbst der Stahlhersteller ThyssenKrupp profitierte vor rund einer Woche von einem Kommentar von Jason Fairclough, Analyst bei der Bank of America. Darin verwies Fairclough auf den verborgenen Firmenwert der Rüstungssparte ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS). TKMS baut unter anderem konventionelle U-Boote und entwickelt Über- und Unterwassertechnologien für die Marine.
Überlegungen zu einem möglichen Börsengang Ende 2025 oder Anfang 2026 stellte Thyssen bereits im November 2024 an. Erst vergangenen Dezember unterzeichneten sowohl Deutschlands als auch Norwegens Marine jeweils einen Vertrag für U-Boot-Bestellungen bei TKMS.
Bernd Meyer, Chefanlagestratege bei der Berenberg Bank, verweist auf weitere mögliche Gewinner. Er zählt dazu Maschinenbau- und Grundstoffunternehmen. „Sie könnten vom Wiederaufbau der Ukraine profitieren.“ Auch jene Firmen mit hohem Energiebedarf hebt Meyer positiv hervor.
Nicht alle Anlageklassen profitieren
Der Berenberg-Bankexperte verweist in diesem Zusammenhang auf den Ölpreis. „Die Möglichkeit einer Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Russland und damit einer Aufhebung der Sanktionen gegen Russland lastete zuletzt auf der europäischen Nordseemarke Brent-Rohöl.“ Auch die Entwicklungen am Devisenmarkt sollte man nicht übergehen. Meyer sieht Chancen einer Euro-Erholung zu Lasten des US-Dollars. Einzig, die Entwicklungen rund um neue Zölle sollten auch nicht unterschätzt werden, wobei abzuwarten bleibt, wie weitreichend sie ausfallen werden.
Foto: AdobeStock / Brodion Bondarenko
Was US-Zölle für die Börse bedeuten
Die im US-Wahlkampf angekündigten Zölle, hätten erhebliche Folgen, so Experten.
Patrick Baldia. Lange hat US-Präsident Donald Trump nach seinem Amtsantritt im Jänner nicht gefackelt und die Diskussion um die im Wahlkampf angekündigten Zölle auf Einfuhren in die USA in Gang gesetzt. In den Raum gestellt wurden in den vergangenen Wochen neben Handelsbeschränkungen auf Stahl- und Aluminiumimporte zu-letzt auch Zölle auf Autos, Pharmazeutika, Halbleiterchips und Holz. Zwar erinnern Experten an die erste Amtszeit von Trump, als auf aggressive Drohungen oft Verhandlungen mit weniger drastischen Ergebnissen folgten. Gleichzeitig warnen sie auch vor negativen Auswirkungen für Wirtschaft und Kapitalmärkte.
Die globalen Märkte zeigten sich zuletzt von der Zoll-Debatte weitgehend unbeeindruckt. Die Ernüchterung könnte allerdings schnell eintreten, so Experten. Bei J.P. Morgan Asset Management geht man etwa davon aus, dass im Falle der Einführung der im Wahlkampf angekündigten Zölle der durchschnittliche Zollsatz auf US-Warenimporte auf fast 12 % des Gesamtwerts der US-Importe ansteigen würde und damit auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Folgen für Welthandel, Inflation und Kapitalmärkte wären erheblich, so ihre Schlussfolgerung. Kapitalmarktstratege Tilman Galler verweist auf die Handelskonflikte während Trumps erster Präsidentschaft, die den globalen Warenverkehr nachhaltig beeinflusst hätten. Seit Dezember 2017 sei etwa der Importanteil chinesischer Güter in die USA von 21,5 auf 13 % zurückgegangen.
Zölle könnten Inflation treiben
Für Galler unterscheiden sich die aktuellen Rahmenbedingungen in zweierlei Hinsicht von 2018: „Erstens ist der Wert des handelsgewichteten US-Dollars 25 % höher und zweitens ist der angedrohte Zollanstieg deutlich massiver.“ Daher sei es schwieriger, die negativen Folgen der US-Zölle mit Wechselkursanpassungen zu kompensieren. Die Folge: Die Margen ausländischer Exportunternehmen könnten stärker unter Druck geraten und die Preise für US-Konsumenten stärker steigen. Im Falle einer noch schärferen Zollpolitik als angekündigt, drohe auch ein negativer Wachstumsschock für die globale Wirtschaft.
„Die letzten Wochen haben gezeigt, dass Zölle für den ATX von geringerer Bedeutung sind als andere Themen“, sagt Christoph Schultes, Chief Analyst Equity CEE bei der Erste Group, im Gespräch mit dem Börsen-Kurier. Auch wenn Diskussionen über Zölle immer wieder zu Rücksetzern führen würden. Ohnehin sei die Zahl der Unternehmen, die an der Wiener Börse von den angekündigten Zöllen betroffen sei, sehr überschaubar. Dazu würden unter anderem Voestalpine, Palfinger, SBO und Amag zählen. Wie stark sie letztlich von Handelsbeschränkungen betroffen sind, hänge davon ab, wieviel sie in die USA exportieren bzw. dort in eigenen Werken produzieren.
Beispielsweise produziert SBO in den USA und Kanada. Die Amag besitzt das Werk Alouette in Kanada, wäre also von Zöllen betroffen. Allerdings sind die USA sehr stark abhängig von Kanada, was Aluminium angeht, daher ist es fraglich, ob Zölle eine große Auswirkung auf die Nachfrage nach Aluminium haben, oder ob die höheren Preise einfach akzeptiert werden.
Zudem besteht die Möglichkeit, das Aluminium in andere Länder zu verkaufen, also auch bei der Amag sollten sich – auch wenn noch nicht abschätzbar – die Auswirkungen der Zölle in Grenzen halten. „Das größere Thema sind derzeit die Rohstoffpreise, die zu einem Druck auf die Margen führen“, so Schultes.
Unternehmen, die im Automotive-Bereich tätig sind, wie die Voestalpine oder Andritz, schützt wiederum nach Einschätzung von Schultes auch ein diversifiziertes Geschäftsmodell. Die Voestalpine hat im Übrigen kürzlich die Auswirkungen von Zöllen auf das Unternehmen als verkraftbar erklärt und die Kosten mit 30 bis 40 Millionen Euro beziffert.
Diversifizierte Portfolios
Angesichts der drohenden Zollentwicklungen legen jedenfalls Experten Anlegern stärker diversifizierte Portfolios ans Herz. „Alternative Investments können dazu beitragen, einige der Aufwärtsinflationsrisiken abzumildern, während europäische Staatsanleihen im Falle eines deflationären Schocks einen Puffer bieten sollten“, sagt Galler. Im Aktienbereich stünden europäische Werte be-sonders im Risiko. Schließlich würden 24 % der Umsätze der Unternehmen im MSCI Europa aus den USA kommen.
Auch Madeleine Ronner, sie ist Fondsmanagerin bei der DWS, glaubt, dass US-Zölle europäische Aktien belasten könnten. Ebenso wie deutsche. „Mögliche US-Strafzölle auf europäische Produkte haben den Markt Anfang Februar durchgerüttelt. Sollten sie höher ausfallen als erwartet, würde das zumindest einige Dax-Unternehmen deutlich belasten“, sagt sie.
Wer am Wiener Börsenparkett aktiv ist und sich gegen das Makro-Thema Zölle absichern möchte, könnte sich Versorgern, Telekom-Unternehmen und Versicherungen widmen, die von möglichen Zöllen gar nicht betroffen sind. „Bei anderen Branchen, wie zum Beispiel Banken, steht die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Vordergrund“, so Schultes abschließend.
Foto: Pixabay / YvonneHuijbens
Der Optimismus bei US-Small Caps steigt
Entsprechende Aktien führten den Markt Ende 2024 an. Wird sich das fortsetzen? Ein Gastkommentar von Michele A. Ward, sie ist Portfolio Specialist bei T. Rowe Price.
Michele A. Ward. Small-Cap-Aktien stellen eine wirklich wichtige Ergänzung zu ihren größeren Pendants in den USA dar. In der Regel machen Large-Cap-Aktien langfristig etwa 80 % des US-Marktes aus und kleinere Unternehmen etwa 20 %. Viele Anleger verfolgen zwar bei Large-Cap-Investitionen in den USA einen passiven Ansatz, doch bei Small-Cap-Investitionen ist dies weitaus schwieriger. In den letzten 25 Jahren ist die Zahl der börsennotierten US-Unternehmen erheblich zurückgegangen. Vor 25 Jahren gab es mehr als 7.000 Unternehmen. Heute sind es weniger als 4.000. Und infolgedessen hat sich die Qualität der Small-Cap-Benchmark im Laufe der Zeit verschlechtert. Es gibt viel mehr Unternehmen, die keine Gewinne erwirtschaften, und viele Unternehmen, die hoch verschuldet sind. Diese stellen einen Teil eines passiven Portfolios dar. Für Anleger ist es schwieriger geworden auszuwählen. Wo finden sie beispielsweise Unternehmen, die heute vielleicht keine Gewinne erwirtschaften, aber in Zukunft viel Gewinn erzielen wird.
Seit Mitte Oktober haben Small-Cap-Aktien den Markt angeführt. Tatsächlich war der November mit fast zweistelligen Renditen der viertbeste Monat für Small-Cap-Aktien in den Jahren seit 1926. Und Small-Cap-Aktien übertrafen ihre größeren Pendants um etwa 300 Basispunkte. Ist dies also eine grundlegende Veränderung für Small-Cap-Aktien? Nun, wir wissen es nicht mit Sicherheit, aber unser Kapitalmarktstratege, hat kürzlich festgestellt, dass es viele Dinge gibt, die für Small-Cap-Aktien bis 2025 günstig sind. Zu den größten Pluspunkten für Small-Cap-Aktien gehören Fusionen und Übernahmen. Da 90 % der übernommenen Unternehmen in den Vereinigten Staaten in der Vergangenheit kleine Unternehmen waren, ist dies ein positiver Aspekt. Und das Jahr 2024 selbst war sehr stark, mit einer fast rekordverdächtigen Anzahl an abgeschlossenen Transaktionen. Dafür gibt es wirtschaftliche Gründe, unabhängig davon, was in Washington passiert ist. Große Unternehmen brauchen Wachstum, und kleine Unternehmen bieten dies oft.
Und ihre Bewertungen sind im Vergleich zu ihren größeren Pendants wirklich attraktiv. Dies ist also eine gute Gelegenheit, zu einem größeren Unternehmen zu wachsen. Eine positivere Prognose der Federal Trade Commission könnte diesen Trend in den kommenden Jahren fortsetzen. Sollte die neue Regierung in Washington ihre Vorschläge für weniger Regulierung umsetzen, dürfte dies kleinen Unternehmen mehr zugutekommen als großen Unternehmen; insbesondere, weil die Kosten für die Einhaltung der Vorschriften für sie eine größere Belastung darstellen als für ihre größeren Pendants. Und schließlich steigt der Optimismus bei kleineren Unternehmen. Tatsächlich zeigt die jüngste Messung den größten Anstieg seit mehr als 30 Jahren. Dies wird wahrscheinlich eine aufgestaute wirtschaftliche Nachfrage freisetzen und vielleicht das Wachstum ankurbeln, wenn wir auf das Jahr 2025 und darüber hinausblicken.
Die größten Risiken, die wir heute sehen, sind die Inflation und die Fed. Die Inflation wird wahrscheinlich auf ihrem Abwärtstrend innehalten oder vielleicht wieder ansteigen, wenn man die Auswirkungen bedenkt, die sowohl von den Zöllen als auch von möglichen Maßnahmen in der Einwanderungspolitik ausgehen werden. Nun war die Inflation in der Vergangenheit nicht unbedingt ein so großes Problem für Small-Cap-Aktien, wie viele Anleger befürchten.
Tatsächlich waren Small-Cap-Aktien in den 1970er Jahren, der inflationsreichsten Zeit der jüngeren Vergangenheit, Marktführer. Darüber hinaus wird die Fed bei ihrem bevorstehenden Programm für Zinsänderungen wahrscheinlich einen vorsichtigeren Ton anschlagen. Der Markt rechnet be-reits mit weniger Zinssenkungen als bisher. Für Unternehmen, die eine Refinanzierung benötigen, ist das ein Problem. Unser Portfolio weist jedoch im Allgemeinen bessere Bilanzen auf, sodass das Refinanzierungsrisiko geringer ist. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, bei Small-Cap-Investitionen selektiv vorzugehen. Das ist immer wichtig, aber wahrscheinlich nie so wichtig wie 2025 und darüber hinaus.
Foto: T. Rowe Price
Politisches Weiterwurschteln wäre schlimm
Was droht dem Wirtschaftsstandort Österreich als nächstes? (19.02.)
Florian Beckermann. Realwirtschaft und Börsenwirklichkeit klaffen auseinander. Wirtschaftsvertreter wechseln vom taktischen Alarmismus bald zur Dauer-Sirene. Österreichs Industrieproduktion schrumpft am stärksten in der Euro-Zone (-9,5 %). Staatsquote und Abgabenlast sind am Plafond. Dazu ist der Staat politisch gelähmt. Trotz Börsenhoch verstärkt sich die Depression – fiskalische Raubideen wie die Bankenabgabe gießen Öl ins Feuer. Der Blick in die USA beruhigt nicht. Ein Update.
Mit der legendären mehrjährigen Verschlafenheit erreichte der ATX Total Return letzte Woche sein Allzeithoch. Der Dax/Nasdaq etc. übertreffen sich seit Jahren. Gerade der Vergleichsindex Dax ist weniger von der Binnenwirtschaft abhängig, er ist vielmehr ein partieller Weltwirtschaftsindex. Die ATX-Höhe hängt fundamental an der Bewertung der Banken und Versicherungen, letztlich dem Zinsniveau. Deutschland und Österreich sind aber Binnenkonjunkturschwächlinge. ATX/Dax sind daher nicht völlig repräsentativ. Die Binnenwirtschaft schlägt Alarm – politische Hilfe vergeudet blind Zeit in Koalitionsverhandlungen. Ein Ergebnis ist nicht zählbar. Ähnlich zur Sicherheitspolitik klaffen auch für die Wirtschaft politischer Gestaltungswille und realitätsgetriebene Erfordernisse auseinander.
Anders in den USA: Die zweite Trump-Regierung prescht mit einem Kahlschlag in Regulatorik und Institutionen sowie massiven Steuerentlastungen derart vor, dass Staatswirtschafts-Europa (und Österreich) nur noch Standort-Rettungspolitik betreiben kann. Donald Trumps System-Axt, geschwungen von Elon Musk, wird aufzeigen, welche Institutionen oder Steuern entbehrlich sind. Frei nach Milton Friedman: „Wirtschafts-, Agrar-, Bildungs-, Wohnbau- oder Arbeitsministerium usw.? Abolish.“ Die US-Einkommensteuer (!) wackelt. Die Wettbewerbsvorteile sind kaum zu beziffern. Wenn man noch bedenkt, welche Staatslasten in Europa durch angemessene Verteidigungskosten noch hinzukommen werden, wird der Stress der heimischen Wirtschaft nachvollziehbar. Aber Trump wäre nicht Trump hätte er nicht ein diabolisches Sedativ für Europa in der Tasche: Der schnelle (Zwangs-)Frieden in der Ukraine. Eine Erlösung für die europäische Politik und ein Booster für die Märkte. Die Vorlage für ein politisches Weiterwurschteln mit geringem Erkenntnisgewinn? Langfristig ein sehr teurer Deal für Europa, wohl nicht nur geopolitisch.
Fazit: „Niemals das erste Angebot annehmen“ oder „manchmal ist der beste Deal, derjenige den man nicht macht“ sind Business-Sprüche, die übertragen in die Welt der Politik schwerwiegende (traurige) Konsequenzen haben können. Wir sehen es gerade im Koalitionschaos in Österreich. Andererseits ist das Verschlanken eines Staates, Deregulierung und Kostensenkung wie in den USA gerade vorgemacht, hoch interessant. Österreich wäre nach Jahrzehnten der Staatsausdehnung gut beraten, hier genau abzuschauen. Besser als guter Beifahrer, denn als schlechter. Es geht um mehr als nur Peanuts.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
Trumps Zölle: Die möglichen Auswirkungen in den USA und anderswo
Die angedrohten Zölle von Trump erschüttern die Märkte. Die Schroders-Ökonomen George Brown (Senior US Economist) und David Rees (Leiter der globalen Wirtschaftspolitik) diskutieren die möglichen Auswirkungen.
(17.02.) Die globalen Aktien fielen am 3. Februar und der US-Dollar stieg, als bekannt wurde, dass die USA ab dem 4. Februar Zölle auf Waren aus Mexiko, Kanada und China erheben werden. Am selben Tag wurde bekannt, dass die Zölle gegen Mexiko und Kanada nicht nach dem ursprünglichen Zeitplan umgesetzt würden, sondern für einen Monat pausiert würden, was zu einer gewissen Umkehr der Marktreaktion führte. China wehrte sich mit Zöllen in Höhe von 10 bis 15 % auf eine Reihe von US-Waren (ab dem 10. Februar) und einer kartellrechtlichen Untersuchung gegen Google.
Die Marktreaktion zeigt, wie schwierig es für Anleger ist, politische Maßnahmen wie Zölle einzuschätzen. Die Finanzmärkte warten nicht darauf, alle Details zu erfahren, bevor sie mögliche Auswirkungen einpreisen, was zu einer erhöhten Volatilität in allen Anlageklassen führt.
Sind Zölle nur eine Verhandlungstaktik?
Das Weiße Haus erklärte, die Zölle zielten darauf ab, Druck auf die drei Länder auszuüben, um die illegale Einwanderung und den Drogenfluss in die USA zu bekämpfen. Bisher scheint dies effektiv gewesen zu sein, da Mexiko und Kanada sich darauf geeinigt haben, die Grenzsicherheit im Gegenzug für eine Verzögerung des Inkrafttretens der Zölle zu verschärfen.
Ein ähnliches Szenario haben wir im Januar gesehen, als Kolumbien US-Militärflügen mit abgeschobenen Migranten die Einreise verweigerte. Die USA drohten Kolumbien mit Handelszöllen, und Kolumbien erlaubte daraufhin die Einreise des Flugzeugs, um die Verhängung von Zöllen zu verhindern.
Die Zölle gegen Mexiko und Kanada wurden jedoch pausiert, nicht abgeschafft. Präsident Trump hat seine Plattform, einschließlich der sozialen Medien, genutzt, um die Zölle zu erklären: Er scheint bereit zu sein, die potenziellen wirtschaftlichen Schmerzen in Kauf zu nehmen, die sie in Form von Börsenverlusten und höheren Preisen für die US-Verbraucher verursachen könnten. Aus dieser Perspektive können die Anleger nicht davon ausgehen, dass es sich bei Zolldrohungen um eine reine Verhandlungstaktik handelt.
Wie umfangreich sind die vorgeschlagenen Tarife?
Am Wochenende des 1. und 2. Februar erließ Trump eine Durchführungsverordnung, die Zölle von 25 % auf alle Importe aus Mexiko und Kanada (mit Ausnahme eines Zolls von 10 % auf Öl aus Kanada) sowie zusätzliche Zölle von 10 % auf Importe aus China vorsieht.
Während seiner ersten Amtszeit hatte Trumps Handelskrieg mit China nur minimale Auswirkungen auf die Inflation. Die Preise der elf von den Zöllen betroffenen Kategorien stiegen um 2,5 %, was die Inflation des US-Kern-CPI (Verbraucherpreisindex) nur um etwa 0,1 % erhöhte.
Die angekündigten Zölle gegen Kanada und Mexiko dürften jedoch eine größere Wirkung haben, wenn sie so strikt umgesetzt werden, wie ursprünglich vorgeschlagen. Ein Grund dafür ist, dass ein viel größerer Teil des Handels betroffen wäre, wenn Mexiko und Kanada beteiligt wären. Auf diese Länder entfallen 28,3 % der gesamten US-Importe gegenüber 13,6 % auf China.
Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hätten die vorgeschlagenen Zölle auf die USA?
Die Zölle gegen Mexiko und Kanada wurden für einen Monat ausgesetzt, aber jede Einführung von Zöllen deutet auf eine höhere Inflation und ein geringeres Wachstum der US-Wirtschaft hin.
In unseren jüngsten Wirtschaftsprognosen haben wir ein Szenario skizziert, das wir als „aggressiven Trump“ bezeichnen. Dieses Szenario basiert auf umfassenderen Zöllen als bisher angekündigt sowie auf erheblichen Abschiebungen von Migranten.
Die Prognosen für Wachstum und Inflation würden sich in diesem Szenario in eine „stagflationäre“ Richtung bewegen, wobei sich die Wachstumsaussichten in den USA abschwächen, begleitet von einer höheren Inflation und einem niedrigeren Wachstum bzw. einer niedrigeren Inflation für den Rest der Welt.
Allerdings ist die US-Wirtschaft heute viel stärker als während Trumps erster Amtszeit. Die relativ hohe Nachfrage bedeutet, dass die Unternehmen besser in der Lage sein werden, Preiserhöhungen weiterzugeben. Ein starker US-Dollar und niedrigere Gewinnmargen der Unternehmen werden immer noch unter Druck gesetzt werden, aber wahrscheinlich nicht so stark wie in der Vergangenheit.
Könnten betroffene Länder die Zölle umgehen?
China stand während der ersten Amtszeit von Präsident Trump im Mittelpunkt der Zölle. Das Land konnte aber einen Großteil der Zölle vermeiden, indem es Waren durch Drittländer, einschließlich Mexiko, umleitete.
Offensichtlich wäre die Umleitung von Gütern für Mexiko und Kanada viel schwieriger, da die Waren auf dem Landweg transportiert werden. Das bedeutet, dass die Auswirkungen dieser Zölle, wenn sie erhoben werden, dieses Mal wahrscheinlich größer sein werden als in Trumps erster Amtszeit.
Was bedeutet das für China und die EU?
Es wird erwartet, dass sich Trump in den kommenden Tagen mit Präsident Xi Jinping treffen wird, was die Möglichkeit eines Kompromisses eröffnet. Wenn nicht, wird China wahrscheinlich seine Währung abwerten, um die Auswirkungen der Zölle auszugleichen, wie es im ersten Handelskrieg der Fall war. Die Behörden werden sich des Risikos bewusst sein, dass eine schwächere Währung die bereits trübe Stimmung im Inland noch zusätzlich belastet. Die rasche Einführung von Zöllen erhöht aber auch die Wahrscheinlichkeit eines größeren fiskalischen Impulses zur Unterstützung des Binnenwachstums.
Bisher wurden keine Zölle gegen die EU angekündigt, obwohl Trump dies versprochen hat. Für EU-Unternehmen besteht die Gefahr, dass China angesichts der Zölle auf chinesische Exporte in die USA Produkte in der EU zu Dumpingpreisen anbietet.
Für den Fall, dass sich das Gespräch auf Europa verlagert, wird die EU wahrscheinlich ein Abkommen aushandeln wollen, bevor die Zölle in Kraft treten. Europa könnte versuchen, mehr Waffen und LNG (Liquified Natural Gas) von den USA zu kaufen. Die EU erwirtschaftet Außenhandelsüberschüsse (d. h. sie exportiert mehr als sie importiert), und wenn sie aufgrund von Zöllen die Nachfrage in den USA verlieren würde, wäre es schwierig, diese durch Nachfrage aus anderen Ländern zu ersetzen.
2025: das Jahr von Chinas Aktien?
Trotz vieler Herausforderungen sehen Experten Chancen für einen Aufschwung.
Patrick Baldia. Kommt es heuer, nach drei Jahren Bärenmarkt, zum langersehnten Comeback chinesischer Aktien? Zumindest mit Hinblick auf die chinesische Astrologie könnte die Ausgangslage dafür besser sein, steht doch das Jahr im Tierkreiszeichen der Schlange. Und das war in der Vergangenheit meist nicht vorteilhaft für die Börsen, wie auch Analysen belegen. Nur ein Beispiel: 1929, als es zum „Schwarzen Freitag“ kam, stand im Zeichen des Reptils.
Ivy Ng, CIO für die Region Asien-Pazifik der DWS, verweist darauf, dass Schlangen in der chinesischen Astrologie auch mit Weisheit, Anpassungsfähigkeit und strategischem Denken in Verbindung gebracht werden. „Schlangen sind für ihre Fähigkeit bekannt, sich mit Geduld und Präzision durch komplexes Gelände zu bewegen – Eigenschaften, die besonders relevant sind, wenn wir auf die Wirtschafts- und Kapitalmarktaussichten für China im Jahr 2025 schauen“, sagt sie.
Tatsächlich steht die chinesische Wirtschaft vor großen Herausforderungen. Dazu zählen der kriselnde Immobilienmarkt, hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Schuldenkrise der lokalen Regierungen. Ganz zu schweigen von einem möglichen neuen Handelskonflikt mit den USA. Laut aktuellem Stand sind chinesische Einfuhren in die USA mit Zöllen von 10 % belegt. Im Gegenzug hat China unter anderem auf Kohle, Flüssigerdgas und landwirtschaftliche Maschinen aus den USA Zölle eingeführt. Beobachter befürchten, dass das ab dem zweiten Quartal negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum Chinas haben könnte.
Hoffnung auf Stimulus-Maßnahmen
Andererseits besteht die Hoffnung auf weitere fiskalpolitische Stimulierungsmaßnahmen der chinesischen Regierung. Bereits im vergangenen Herbst haben u.a. Programme zur Ankurbelung von Konsum und Modernisierungsinvestitionen eine vorübergehende Rallye am Aktienmarkt ausgelöst. Peking habe Ende 2024 sehr deutlich signalisiert, dass die Toleranzschwelle für eine Schwäche der Wirtschaft und der Aktienkurse überschritten sei, und dass man alles tun werde, um den Abwärtstrend zu stoppen, meint etwa Stephen Li Jen, CEO von Eurizon SLJ Capital. Nachsatz: „Das wird wahrscheinlich auch 2025 der Fall sein.“
DWS-Expertin Ivy Ng erwartet, dass Chinas Aktienmärkte 2025 zunächst in einer engen Bandbreite handeln dürften. Für Entspannung sorgen könne im Laufe des Jahres ein Durchbruch im Handelskonflikt mit den USA. Bis dahin würden Anleger Vorsicht walten lassen. „Der entscheidende Faktor für die Stimmung an den Märkten wird die Veränderungsrate bei den Unternehmensgewinnen sein“, sagt sie.
Lohnt es sich für Anleger überhaupt, auf das „China-Risiko“ einzugehen? „Wie die USA ist China für Investoren einfach zu groß, um es direkt oder indirekt vollständig zu meiden“, hält Stephen Li Jen fest. Aktuell scheint jedenfalls ein China-Index oder -Fonds riskanter als Einzelaktien. Experten erinnern an die Größe und Vielseitigkeit des chinesischen Aktienmarktes und damit auch an unterschiedliche Bewertungen und Wachstumsaussichten der Branchen und Unternehmen.
Aussichtsreich scheinen Sektoren, die weniger von Export und Produktion abhängen, wie Dienstleistungen und Basiskonsumgüter. Auf der Rechnung haben Experten etwa die Tech-Werte Alibaba, Tencent Holdings Ltd. und Xiaomi. Interessant sei auch der weltgrößte E-Autohersteller BYD, der kürzlich eine neue Innovation im Bereich des autonomen Fahrens vorgestellt hat. Allein seit Mitte August hat das Papier um fast 70 % zugelegt. Positiv: Analysten erwarten mehrheitlich weitere Kursanstiege. Die ISINs der vorgestellten
Foto: AdobeStock / Pattozher
Der Aufstieg Afrikas
Börsengewinne mit den Wachstumsmärkten der Zukunft.
Michael Kordovsky. Die afrikanischen Volkswirtschaften rücken immer stärker in den Fokus internationaler Investoren. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) wird Sub-Sahara-Afrika in den kommenden Jahren im Schnitt um rund 4 % pro Jahr wachsen – damit zählt die Region zu den dynamischsten Wirtschaftsräumen weltweit. Unter den Wachstumstreibern finden sich Megatrends wie eine rasch wachsende Bevölkerung, zunehmende Urbanisierung und eine breite Digitalisierung, die vor allem in der Fintech- und Telekommunikationsbranche Afrikas neue Potenziale eröffnet. Der S&P Africa 40 Index liegt per 14. Februar 2025 auf Jahressicht 18 % im Plus und der Stoxx Morocco TMI sogar 26 %.
Vielfalt statt Einheitsmarkt
Afrika ist kein homogenes Gebilde, sondern ein Kontinent mit 54 Staaten, unterschiedlichsten Regulierungen und stark variierenden Rohstoffvorkommen. Während ölreiche Nationen wie Nigeria wirtschaftliche Aufschwünge und Abschwünge oft an den Ölpreis koppeln müssen, profitieren Länder wie Kenia, Äthiopien oder Côte d‘Ivoire stärker von einem expandierenden Dienstleistungs- und Agrarsektor. Marokko wie-derum investiert in Solar- und Windkraft, um sich als grüner Energie-Hub zu positionieren.
Das Potenzial lässt sich an konkreten Zahlen ablesen: Laut IWF-Daten wuchs die Region Sub-Sahara-Afrika im Jahr 2023 bereits um 3,6 % und 2025 soll sich das BIP-Wachstum auf 4,2 % beschleunigen, gefolgt von mehr als 4,3 % von 2026 bis 2028. Côte d‘Ivoire, Ruanda oder Äthiopien verzeichneten in den letzten Jahren teils Wachstumsraten von mehr als
7 %. Gleichzeitig fördern Initiativen wie die African Continental Free Trade Area (AfCFTA) den innerkontinentalen Handel, indem sie Zollbarrieren abbauen und die Freizügigkeit von Personen und Gütern erleichtern. Außerdem haben chinesische Firmen und Finanzinstitute in zahlreichen afrikanischen Ländern die Infrastruktur modernisiert.
Neben Südafrika – traditionell die größte Volkswirtschaft mit dem am besten entwickelten Finanzmarkt und den Tourismushochburgen Ägypten, Marokko und Mauritius – rücken weitere Staaten ins Rampenlicht: Kenia punktet mit innovativen Fintech-Unternehmen (M-Pesa von Safaricom) und einem dynamischen Agrarsektor. In Äthiopien liegen – trotz politischer Spannungen – die Märkte für Telekommunikation und Textilproduktion im Aufwind, weil die Bevölkerung rasch wächst. Ghana wiederum versucht, sich von Gold- und Öleinnahmen unabhängiger zu machen und investiert in die Agrarindustrie.
Solche Diversifizierungspolitiken können attraktive Chancen eröffnen, sind aber keineswegs risikofrei: Fehlende Infrastruktur, Korruption oder schwankende Währungen können die Rendite schnell schmälern. Für eine breite Beteiligung an der Wertentwicklung vieler Länder hat daher ein Korb aus unterschiedlichen Märkten Sinn.
Boom an Afrikas Börsen
Auf dem Kontinent gibt es rund 30 Börsenplätze, die insgesamt diverse Anlagechancen bieten. Beson-ders im Blickpunkt stehen die Johannesburg Stock Exchange (JSE) in Südafrika – größte und liquideste Börse des Kontinents – sowie die Börsen in Lagos (Nigeria) und Nairobi (Kenia). Der FTSE/JSE All Share Index zeigte sich in den vergangenen Jahren robust, obwohl das Land mit diversen innenpolitischen Herausforderungen zu kämpfen hat. Per 31. Jänner liegt dessen Performance in den vergangenen fünf Jahren (in Heimatwährung) bei 84,7 %. bzw. 13,1 % p.a. Nigeria wiederum profitiert von der großen Bevölkerung und einem beachtlichen Konsummarkt, leidet aber unter Währungs- und Inflationsrisiken. Aus diesem Grund liegt in US-Dollar gerechnet der MSCI Nigeria Index per Ende Januar 2025 mit mehr als 64 % im Minus.
Hingegen nimmt man den „MSCI Frontier Markets Africa Index“ (US), der zwölf afrikanische Märkte abdeckt, dann liegt dieser auf Jahressicht (per 31.1.) um 17,6 % im Plus. Das ist nach einer längeren Durststrecke mit nur 0,5 % p.a. auf fünf Jahre ein Comeback. Seit 31. Mai 2002 liegt die Langzeitperformance bei 8,27 % p.a. Die Bewertungsniveaus sind mit einem KGV von 12 und einer Dividendenrendite von 3,90 % (per 31.1.2025) günstig. Der Index besteht zu rund 63 % aus Marokko, 15 % Kenia, 10 % Mauritius und rund 5 % Tunesien.
Fonds und ETFs für den Afrika-Boom
Um das Risiko zu streuen, setzen viele Anleger auf Fonds oder ETFs mit Schwerpunkt Afrika. Beispiele sind der „Amundi Pan Africa UCTIS ETF“: Dieser bildet den aus 30 Werten bestehenden SGI Pan Africa Index ab. Es geht um Unter-nehmen, die in Afrika aktiv sind. Am stärksten gewichtet sind per 31.1.2025 Südafrika (33,4 %), Marokko (24,5 %), Kanada (21,6 %) und Ägypten (9,1 %). Finanzwerte und Grundstoffe sind zusammen mit rund 72 % gewichtet.
Wer nur Südafrika abdecken möchte, wird im „iShares MSCI South Africa UCITS ETF“ fündig, der den „MSCI South Africa Capped Index“ abdeckt. Das Portfolio des ETF hat ein günstiges KGV von 13,6 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,83 (per 31.1.2025). Finanzwerte sind in diesem Index mit fast 39 % am stärksten gewichtet.
Eine ausgewogenere Ländergewichtung bei Südafrika-Schwerpunkt (38,2 %) bietet der „Robeco Afrika Fonds EUR E“, der nach Südafrika die Länder Ägypten, Nigeria und Kenia mit je 13,5 %; 11,4 % bzw. 8 % am stärksten gewichtet, gefolgt von Ghana, Mauritius und Botswana. Der Finanzsektor ist hier sogar mit 48,4 % (per 31.12.2024) vertreten.
Eine weitere Alternative ist der „DWS Invest Africa LC“, der die Länder Südafrika (36,5 %), Ägypten (32,5 %), Großbritannien (13,7 %) und Marokko (7,1 %) zuletzt am stärksten gewichtet hat.
Foto: Pixabay / Rauschenberger
Wie Berater für Kunden Mehrwert generieren können
Adviser‘s Alpha – eine Best-Practice-Richtlinie für hochwertige Finanzberatung.
Marius Perger. Seit mehr als 20 Jahren entwickelt der US-amerikanische Finanzdienstleister und Vermögensberater Vanguard Group, der für mehr als 60 Mio Anleger rund 9,9 BioUSD Assets under management verwaltet, das „Adviser-Alpha-Konzept“. Beratern sollen damit Strategien an die Hand gegeben werden, um nachweisbaren Mehrwert zu generieren. Der Börsen-Kurier sprach mit Cora Kaczmarek, Sales Executive bei Vanguard Deutschland.
Börsen-Kurier: Können Sie uns die Kernaussagen des „Adviser-Alpha-Konzepts“ kurz beschreiben?
Cora Kaczmarek: Unser Adviser‘s Alpha ist ein wissenschaftlich fundiertes Konzept, das zeigt, wie Finanzberater und -beraterinnen gezielt Mehrwert für ihre Kundschaft schaffen können und Ansätze dazu vermittelt, welche Bedeutung eine gute Beratung dabei hat. Im Fokus des Konzepts stehen die strategische Vermögensplanung, diszipliniertes Investieren und die Vermeidung kostspieliger Anlagefehler, beispielsweise durch kurzfristiges Markt-Timing oder die Auswahl einzelner Wertpapiere. Besonders in volatilen Marktphasen ist es entscheidend, dass Anleger und Anlegerinnen nicht aus Angst oder Unsicherheit Fehlentscheidungen treffen und bei-spielsweise bei kurzfristigen Markteinbrüchen ihre Wertpapiere verkaufen – hier können Berater und Beraterinnen durch professionelles Verhaltenscoaching unterstützen. Unsere Studien belegen, dass eine konsequente Anwendung von Adviser‘s Alpha eine jährliche Mehrperformance von bis zu 3 % generieren kann – nicht durch Spekulation, sondern durch kluge, langfristig bewährte Strategien.
Börsen-Kurier: Wie kann das Konzept von Beratern eingesetzt werden?
Kaczmarek: Es lässt sich sehr gut in bestehende Beratungsprozesse integrieren, da es auf drei zentrale Prinzipien setzt.
Erstens, die Portfolio-Strukturierung: Für den langfristigen Anlageerfolg ist eine durchdachte Asset-Allokation und kosteneffiziente Implementierung im Portfolio der Grundstein des Konzepts. Das impliziert die Berücksichtigung der persönlichen Ziele und Risikotoleranz der Kunden sowie die Minimierung der Gesamtkosten der Geldanlage bei Berücksichtigung von langfristigen Marktentwicklungen.
Zweitens besagt das Konzept, dass Berater und Beraterinnen ihre Expertise für die steuerliche Optimierung des Portfolios und die Ruhestandsplanung nutzen. Die richtige Platzierung von Anlagen innerhalb steuerlich begünstigter Strukturen kann langfristig erhebliche Vorteile bringen und Kosten einsparen, wodurch überdurchschnittliche Renditen generiert werden können.
Das dritte Prinzip umfasst das bereits genannte Verhaltenscoaching. Anlegerinnen und Anleger neigen dazu, emotional zu handeln. Eine der wichtigsten Aufgaben der Beratung ist es daher, Kunden langfristig auf Kurs zu halten. Ein erfolgreicher Berater baut dazu eine langfristige, vertrauensvolle Beziehung zu seinen Kunden auf, die auf offener Kommunikation und Transparenz basiert.
Das Besondere an dem Konzept ist dabei, dass Berater und Beraterinnen keine radikal neuen Strategien entwickeln müssen, sondern es nutzen können, um ihre Kunden systematisch besser durch Marktzyklen zu führen.
Börsen-Kurier: Welche Voraussetzungen müssen Berater dafür haben? Gibt es Schulungen bzw. Unterlagen?
Kaczmarek: Eine erfolgreiche Beratung benötigt neben finanziellem Fachwissen auch ein tiefes Verständnis für das Verhalten und die Emotionen der Kunden. Genau hier setzt das Konzept an und bietet umfassende Studien, Schulungen und Leitfäden, die Beratern und Beraterinnen helfen, diese Prinzipien gezielt einzusetzen. Finanzberater und -beraterinnen unterstützen ihre Kunden damit bei der Überwindung von kognitiven Verzerrungen und emotionalen Entscheidungen, die oft zu suboptimalen Anlageentscheidungen führen.
Aber natürlich bleiben Fachwissen und die kontinuierliche Weiterbildung sehr wichtig, denn die Finanzmärkte entwickeln sich stetig weiter. Um hier Berater und Beraterinnen zu unterstützen, haben wir letztes Jahr ein kostenfreies digitales Beratungsprogramm ins Leben gerufen – Vanguard 365 – mit dem Berater und Beraterinnen auf exklusives Research und Marktanalysen jederzeit zugreifen können, um ihre Beratungskompetenz zu stärken und langfristige Kundenbeziehungen aufzubauen.
Börsen-Kurier: Berater sind ja zu „Best Practice“ verpflichtet. Wie weit kann Adviser‘s Alpha dazu beitragen?
Kaczmarek: Es ist im Kern eine Best-Practice-Richtlinie für hochwertige Finanzberatung. Unsere Studien belegen, dass bis zu 150 Basispunkte (1,5 %) der jährlichen Rendite allein durch Verhaltenscoaching gesichert werden können, indem Kunden langfristig an ihrer Strategie festhalten und beispielsweise nicht in Panik verkaufen. Hinzu kommen die Vorteile einer kosteneffizienten Implementierung und einer steueroptimierten Anlagestrategie. Durch die Anwendung dieser nachweislich erfolgreichen Methoden können Berater und Beraterinnen sich nicht nur klar von Wettbewerbern abheben, sondern auch einen objektiv messbaren Mehrwert für ihre Kunden erzielen.
Börsen-Kurier: Wie profitiert ein Berater vom Einsatz von Adviser‘s Alpha?
Kaczmarek: Die Finanzberatung verändert sich: Kunden suchen nicht mehr nur jemanden, der ihnen einzelne Produkte verkauft (das können sie mittlerweile selber), sondern einen strategischen Partner für ihre finanzielle Zukunft. Adviser‘s Alpha hilft Beratern und Beraterinnen dabei, genau diese Rolle zu erfüllen. Wer das Konzept einsetzt, kann nicht nur bessere Anlageerfolge für seine Kunden schaffen, sondern stärkt auch deren Vertrauen und Loyalität – und das führt langfristig zu höherer Kundenzufriedenheit, Weiterempfehlungen und einem nachhaltigen Wachstum des eigenen Geschäfts.
Börsen-Kurier: Wie weit sind die Angebote der Versicherer dazu geeignet, Adviser‘s Alpha einzusetzen?
Kaczmarek: Versicherungsprodukte – insbesondere fondsgebundene Lösungen – können eine sinnvolle Ergänzung im Rahmen des Adviser‘s-Alpha-Ansatzes sein, wenn sie langfristige Anlageziele unterstützen. Wichtig ist, dass Berater und Kunden gemeinsam prüfen, wie sich eine Polizze in die individuelle Finanzplanung einfügt und welche Vorteile sie im Hinblick auf Steueroptimierung, Risikomanagement und Kapitalaufbau bietet. Gerade in Österreich sind die steuerlichen Aspekte ein wichtiges Thema.
Adviser‘s Alpha fokussiert sich darauf, die gesamte Vermögensstruktur eines Kunden zu optimieren – dazu können natürlich auch Versicherungsprodukte gehören, wenn sie effizient, fair bepreist und auf die Bedürfnisse des Anlegers abgestimmt sind. Die richtige Auswahl und Strukturierung dieser Lösungen ist daher ein zentraler Aspekt der Finanzplanung.
Börsen-Kurier: Wie ist der Anlageerfolg messbar?
Kaczmarek: Anleger und Anlegerinnen fragen verständlicherweise: „Wie erkenne ich, dass meine Beratung wirklich erfolgreich ist?“
Der Erfolg lässt sich anhand verschiedener Kriterien bewerten:
• Kosteneffizienz: Wurden unnötige Gebühren minimiert, um die Nettorendite zu maximieren? Hier kann eine Beratung Aufschluss geben, ob es noch Optimierungspotenziale gibt.
• Steueroptimierung: Wurden die besten steuerlichen Strukturen genutzt?
• Risikoadjustierte Rendite: Wurde ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag erreicht?
• Langfristige Strategie-Treue: Hat der Kunde an seinem Plan festgehalten oder wurde er durch Marktbewegungen verunsichert?
Der wahre Erfolg zeigt sich langfristig: Kunden, die eine disziplinierte, kosteneffiziente und strategische Beratung erhalten, stehen am Ende besser da als Investoren und Investorinnen, die ohne professionelle Begleitung investieren. Das Konzept hilft der Beratung, diesen Mehrwert objektiv messbar zu machen und selbstbewusst zu kommunizieren. Es ist ein Konzept, von dem beide Parteien profitieren.
Adviser‘s Alpha ist kein theoretisches Konzept, sondern ein praxisnaher Ansatz, der Berater und Beraterinnen unterstützt, ihren Kunden langfristigen Anlageerfolg zu ermöglichen. Gerade in einem sich wandelnden Marktumfeld ist eine strategische Beratung der Schlüssel zu einer erfolgreichen und vertrauensvollen Kundenbeziehung.
Foto: Vanguard Deutschland
Zuviel Bürokratie: Schutz oder Belastung für Anleger?
Regeln werden immer komplexer, aber weniger treffsicherer. Das führt nicht zu besserer Beratung.
Marius Perger. Immer mehr Bürokratie zulasten der Privatanleger ortete Eric Samuiloff, Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister Wien in der WKO, bei einem Pressegespräch auf Einladung des Finanzjournalistenforums in der Vorwoche. Überregulierung diene nicht automatisch dem Schutz des Privatanlegers, so Samuiloff. Er kritisiert 2komplexe, jedoch damit nicht automatisch treffsichere Vorschriften in der Beratung“. Dies sei aber keine Kritik an den Aufsichtsbehörden: „Die machen ihren Job.“ Vielmehr gehe es darum, eine europäische Entwicklung aufzuzeigen, die dazu führe, dass der Aufwand in der Beratung zu hoch wird.
Komplexer, aber nicht treffsicher
In den vergangenen 20 Jahren seien die Regularien stetig komplexer, gleichzeitig aber weniger treffsicher geworden, betonte auch Günther Ritzinger, Experte für Wertpapieraufsicht und Compliance. Das mache ihm auf Makroebene Sorgen, weil es nicht zielführend sei. Die Treffsicherheit sei dabei am Maßstab der Zielsetzung der Regularien zu beurteilen. Erstes Prinzip, das diese verfolgen, sei Anleger- bzw. Verbraucherschutz, dazu kommen Integrität und Stabilität der Finanzmärkte. Am Maßstab dieser Ziele werde die Treffsicherheit immer schlechter, so Ritzinger. Außerdem nehme die Geschwindigkeit neuer Regularien ständig zu. Die Mischung dieser Faktoren führe zu einer immer angespannteren Situation bei Anbietern von Finanzdienstleistungen, was nicht zu besserer Anlageberatung, aber zu höheren Kosten für Anleger führe.
Bürokratie in jeder Phase der Beratung
Bereits im Onboarding-Prozess bei der Beratung bzw. Vermittlung beginne die Bürokratie. Es gebe „wahnsinnig viele Formulare und Fragestellungen“, die bei der Beratung von Neukunden zu beachten sind, betont Samuiloff. Allein für eine Wertpapierdepoteröffnung für die Fondsgebundene Lebensversicherung seien dies 40 bis 45 Seiten, deren Kenntnisnahme vom Kunden unterschrieben werden muss. Es stelle sich die Frage, ob die Beratung dadurch besser wird.
Probleme gebe es auch in der laufenden Betreuung. Samuiloff nennt als Beispiel die Atomkraft, die nun plötzlich als nachhaltig gelte: Hier stelle sich für den Berater die Frage: „Wie erkläre ich das meinem Kunden?“ Aufwendig sei auch die laufende Prüfung politisch exponierter Personen.
Eine weitere Herausforderung könne der Wechsel einer Bankverbindung darstellen. Denn für die neue Bank handle es sich um einen Neukunden, der Prüfungsprozess beginne von vorne und es sei möglich, dass die Mittelherkunft auch über einen sehr langen Zeitraum nachgewiesen werden muss.
Informationspflichten, Geldwäsche und mehr
Auf die vorvertraglichen Informationspflichten ging dann Ritzinger ein. Der Gesetzgeber wolle den Anleger auf eine wohlinformierte Basis stellen, doch dies funktioniere nicht: Das Paket an Unterlagen umfasse bis zu 150 Seiten. „Wie viele Verbraucher lesen die Dokumente?“, fragt Ritzinger.
Was den Geldwäschebereich und die Überprüfung der Mittelherkunft betrifft, gebe es angesichts der heuer auf die Republik zukommenden Prüfung der Financial Action Task Force on Money Laundering (FATF) Befürchtungen, dass Österreich auf die „graue Liste“ kommt, so Veranstalter Martin Kwauka. Teilnehmer am Finanzmarkt würden in einer „Angstkultur“ leben und in vorauseilendem Gehorsam so streng wie möglich sein, um ja keinen Fehler zu machen. Kwauka kritisiert in diesem Zusammenhang auch die „sehr allgemeinen Regeln“ der Finanzmarktaufsicht, weshalb Rechtssicherheit fehle. Ritzinger weist dabei auch auf eine „gewisse Schieflage“ hin: Andere Branchen, wie Immobilienwirtschaft oder Gastronomie, die teilweise geldwäschegefährdeter seien, müssten weniger Regularien einhalten als Finanzdienstleister.
Ansätze zur Problemlösung
Grundsätzlich seien viele Vorschriften sinnvoll, so Ritzinger. Und: „Wir Menschen brauchen Regulierung.“ Es gehe allerdings um die Verhältnismäßigkeit, betont Samuiloff. Um die ausufernde Bürokratie in den Griff zu bekommen, sei es nötig, regulatorische Techniken zu überdenken, sagt Ritzinger. Wenn sie ins Leere gehen und nicht zielführend sind, müssten sie vereinfacht werden. Auch solle man überdenken, was die Aufsicht können soll. Der Gesetzgeber lasse in vielen Bereichen, so auch bei DORA (Digital Operational Resilience Act), Verhältnismäßigkeitsgrundsätze zu; es sei zu hoffen, dass die Aufsichtsbehörden dies in ihrer Interpretation berücksichtigen.
Vor allem aber müsse man in Österreich das Übel an der Wurzel packen, so Ritzinger abschließend: Es gehe um mehr und frühere Finanzbildung, um die Bevölkerung kapitalmarkttauglich zu machen. Wichtig wären nicht finanzmathematische Details, sondern eine Stärkung des Grundlagenwissens.
Foto: AdobeStock / alphaspirit
Trotz Krieg: Uniqa in der Ukraine profitabel
Das Commitment bleibt ungebrochen, der Krieg hat aber Auswirkungen auf das Geschäft.
Marius Perger. Rund drei Jahre dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine mittlerweile – für die Uniqa Insurance Group AG Grund genug, in einer Pressekonferenz über die Lage der Tochtergesellschaft im Land zu informieren sowie Solidarität und Unterstützung für die Ukraine zu bekräftigen. Wolfgang Kindl, im Vorstand der Uniqa für den internationalen Markt zuständig, betonte, dass man sich in dieser schwierigen Zeit für die rund 840 ukrainischen Mitarbeiter, ihre Familien, aber auch für das ganze Volk verantwortlich fühle.
Das Commitment zur Ukraine sei in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unerschütterlich, so Kindl. Man stehe zum Volk der Ukraine und unterstütze seine Resilienz und Tapferkeit bei jeder Herausforderung. Olena Uljee, CEO der Uniqa Ukraine, betonte, dass das Unternehmen in der gesamten Zeit stets einsatzbereit geblieben sei, um die mehr als eine Million Kunden zu servicieren und ihnen ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln.
Vielfältige Auswirkungen des Krieges
In der Ostukraine, die am stärksten vom Krieg betroffen ist, sei man schon zuvor unterrepräsentiert gewesen, weniger als zehn Prozent des Geschäfts hatte man dort generiert und sich bereits 2014 für einen Rückzug entschieden. Grundsätzlich seien Kriegsschäden nicht versicherbar, betont die Uniqa, und in den direkt betroffenen Regionen werden Risiken im Zusammenhang mit dem Krieg nicht übernommen. In anderen Gebieten habe man aber begonnen, bei kriegsbedingten Schäden bis zu 10 % des Werts zu ersetzen.
20 % der wehrfähigen, männlichen Mitarbeiter seien seit Kriegsbeginn einberufen worden, ein Mitarbeiter sei getötet worden, ein weiterer gelte als vermisst.
Seit 2006 in der Ukraine
Seit 2006 ist die Uniqa mit zwei Gesellschaften, der Uniqa Insurance Company (non-life) und der Uniqa Life Insurance Company, beide mit Firmensitz in Kiew, vertreten. Das Prämienvolumen betrug 2024 rund 4,2 Milliarden Ukrainische Hrywnja (UAH; Kurs aktuell rund 0,023 Euro). Insgesamt sei die Ukraine ein nicht sehr entwickelter Versicherungsmarkt; das gesamte Prämienaufkommen aller Versicherungen betrage rund 1 Milliarde Euro pro Jahr; zum Vergleich: Das Prämienaufkommen der Uniqa lag 2023 bei rund 7,2 Milliarden Euro.
Trotz des Krieges verzeichnet die Uniqa in der Ukraine aber deutliches Wachstum: Zwischen 2022 und 2024 stiegen die Prämien von 2,97 auf 4,19 Milliarden Hrywnja, was einer jährlichen Wachstumsrate von 18,7 % entspricht. Gleichzeitig ist die Uniqa in der Ukraine weiterhin profitabel; 2023 betrug der Vorsteuergewinn 17,5 Millionen Euro, was 6 % des Gewinns von Uniqa International entspreche. Man habe, seit man in den Markt eingetreten ist, stets Gewinne geschrieben, betont Kindl.
Krankenversicherung stark
Mit einem Anteil an den gesamten Prämien von 38 % hat die Krankenversicherung für die Uniqa in der Ukraine einen hohen Stellenwert. Dies sei Unternehmer-getrieben, angesichts des Arbeitskräftemangels zählen Krankenversicherungen zu den wichtigsten Benefits für Arbeitnehmer.
Die Schaden-/Unfallversicherung (mit Schwerpunkt auf Kfz) hat einen Prämienanteil von 52 %, Leben 10 %. 59 % der Prämien werden im Corporate- und Affinity-Bereich generiert, 20 % in Bank-Assurance und nur 21 % im Retail-Geschäft.
Zu den bedeutenden Angeboten im Gesundheitsbereich zähle der Zugang zu verschiedenen Services; so verfüge Uniqa in dem Land über 12.700 Partner unter anderem aus den Bereichen Pharmazie, Medizin und Kliniken. „Rückgrat“ für viele dieser Leistungen sei die Digitalisierung, so Kindl: Die ukrainischen Gesellschaften zählen zu den am stärksten digitalisierten Unternehmen in der Gruppe.
Soziales Engagement
Mehr als 400 Uniqa-Mitarbeiter aus der Ukraine seien nach Kriegsbeginn geflohen. Sie wurden von Kollegen anderer lokaler Uniqa-Gesellschaften umfassend unterstützt und erhielten temporäre Wohnmöglichkeiten – ein beeindruckendes Beispiel für gruppenweite Solidarität, so die Uniqa. Man habe ukrainische Mitarbeiter und deren Angehörige neben der Unterbringung auch finanziell, psychologisch und rechtlich unterstützt. Bis heute würden sogenannte „Uniqa Buddies“ geflüchteten Kollegen im täglichen Leben beistehen.
Bereits in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn habe die Uniqa in Zusammenarbeit mit Caritas Österreich und dem Österreichischen Roten Kreuz eine Spendenaktion gestartet; damit konnte unmittelbare Hilfe im Krisengebiet geleistet werden. Darüber hinaus habe man bis heute Medikamente und medizinische Ausrüstung in die vom Krieg betroffenen Gebiete an Zentren für primäre Gesundheitsversorgung und Spitäler sowie diverse Ausrüstung für hybrides Lernen an Schulen geliefert.
Foto: Uniqa
Virtuelle Hauptversammlungen: Deutsche Götterdämmerung.
Endlich gibt es ein Umdenken bei den deutschen AGs – Vorbild ist Österreich. (12.02.)
Florian Beckermann. Das Format der rein virtuellen Hauptversammlung und deren Befürworter geraten ins Schwitzen. Nachdem in der österreichischen Hauptversammlungskultur das Format nahezu völlig abgelehnt wurde, zieht jetzt auch langsam der deutsche Markt nach. Das ist eine weitgehend gute Nachricht für Investoren und Kleinanleger, die zumindest einmal im Jahr die Verantwortlichen für ihre Investments einmal physisch zu Gesicht bekommen wollen. Elfenbeinturm-Gehabe des Managements kennt man zwar auch in Österreich, doch deutsche Ausmaße hat es nie erreicht. Ein positives Signal für unseren Markt bestätigt eine Vielzahl der Marktkenner.
Was ändert sich nun? Zweifellos haben viele Berater (oder besser „Beschützer“) dem rein virtuellen Format die Phalanx gemacht: Risikoärmer, da vorhersehbarer, mehr Beratungsaufwand, Aktionärsfragen vielleicht weniger spitz – eine vermeintliche Win-Win-Situation für Management und Beratung. Plus: Aufgrund der schieren Größe der Dax-Unternehmen und mehreren Tausend Aktionären ergab es auch im Einzelfall wirtschaftlich Sinn – fast ausschließlich in Deutschland. Den Nachteil des vermeintlichen Aktionärsunmutes nahm man billigend in Kauf, obwohl eine Vielzahl weiterer triftiger Argumente dagegensprechen.
Doch sukzessive hat das Umdenken mit dem völligen Ende der Pandemie nun auch Vorstandsetagen erreicht, die nicht als besonders verbunden zu ihren Aktionären gelten. Mit gewichtigen Konsequenzen: Gerade dort, wo man aufgrund von Pandemiewirkung und einer virtuellen Hauptversammlung noch über Schwierigkeiten hinweggeschaut hat, herrscht jetzt intensive Aktionärsfürsorge. Großinvestoren wie Deka oder Union Investment eskalieren jedes Jahr ihre Forderung, endlich wieder ins Präsenzformat zurückzukehren, um gerade die wichtige Auseinandersetzung wieder zu führen. Die deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz hat unlängst dem Vorstand der Investorenbegehr-resistenten Siemens Energy mit Nichtentlastung gedroht, sollte wieder eine virtuelle Versammlung durchgeführt werden bzw. man sich wieder vor den Aktionären verstecken wolle.
Die Wahl des Versammlungsformats ethisch zu goutieren und mittelfristig einen Governance-Fehltritt daraus abzuleiten ist das Ergebnis falscher Rechtssetzung des deutschen Gesetzgebers und der vermeintlichen Schutz-Lobbyisten. Wohl dem Unternehmen, welches sich auf die eigenen ethischen Standards verlassen hat und weiter-hin auf das Präsenzformat gesetzt hat.
Der IVA hat in unzähligen Äußerungen auf eine Best-Practice hingewiesen, die sich aus dem Markt entwickeln muss und nicht vom Amateur-Gesetzgeber erlassen wird. Dabei wurde stets auf das Präsenzformat mit sukzessiv-moderner werdenden Elementen verwiesen. Letztlich muss der Aktionär die Wahl haben, wie er teilnehmen möchte. Das fördert die Aktienkultur.
Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessenverband für Anleger
US-Zölle: Abwarten und Tee trinken
Keine Panik bei den heimischen Konzernen, wenn es um die drohenden Einfuhrzölle geht.
Christian Sec. Die Handelsbilanzdefizite mit europäischen Ländern sind Donald Trump ein Dorn im Auge. „Sie nehmen unsere Autos nicht, sie nehmen unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht, im Grunde nehmen sie fast gar nichts.“ So argumentierte Trump seinen Grund, warum er Zölle gegen die EU verhängen wolle. Ein paar Tage später bezeichnete er das Handelsgebaren der EU als „eine Gräueltat“. Am Morgen nach dieser martialischen Wortspende verlor der Euro beim Handelsstart mehr als 1 % gegenüber dem Dollar. Europäische Aktien fielen noch stärker.
In Österreich betrug der Exportüberschuss gegenüber den USA 2023 6,8 Milliarden Euro. In Deutschland liegt dieser um den Faktor 10 höher. Offene Volkswirtschaften wie Deutschland und Österreich wären von potenziellen protektionistischen US-Maßnahmen und Verwerfungen im internationalen Handelsgefüge besonders betroffen, warnt IV-Präsident Georg Knill. Es liegen jedoch Strategien auf dem Tisch, um die drohenden Zölle abzuwenden, in dem mehr Waffen und Energie aus den USA eingekauft werden. Die EU-Präsidentin Ursula von der Leyen kündigte jedenfalls bereits an, dass Europa mehr Flüssiggas aus den USA beziehen könnte. Eine Kombination aus mehr Verteidigungsausgaben und mehr Militärequipment aus den USA zu importieren, wird von einflussreichen Medien wie dem Economist diskutiert. Schlussendlich haben die USA und Europa bei Themen wie Sicherheit, China und Ukraine gemeinsame Interessen. Gemeinsam zu agieren, würde im Falle eines Zollkonflikts dabei um einiges schwerer fallen, sind sich Experten einig.
Vor-Ort-Produktion
Die von den möglichen Zöllen betroffenen österreichischen Unternehmen selbst bleiben abwartend und beobachten die Situation, wie es oft nach Anfrage des Börsen-Kurier heißt. Der Grazer Maschinenbauer Andritz erwirtschaftet rund ein Sechstel seines Umsatzes in den USA. Jedoch wären die Auswirkungen eines Zollkonflikts überschaubar, da die lokale Beschaffung und Fertigung mittlerweile den größten Teil des Umsatzes in den USA ausmachen, Tendenz steigend, wie die Andritz uns gegenüber hervorhebt.
Auch der Lichtkomponentenhersteller ams Osram sieht aufgrund seiner globalen Aufstellung und flexiblen Fertigungsstrategie bei einer Einführung von Sonderzöllen keine großen Auswirkungen. Tatsächlich betreibt der Konzern drei Design-Zentren in den Vereinigten Staaten.
Und auch der Ziegelhersteller Wienerberger, der rund 20 % seines Umsatzes in Nordamerika tätigt, wäre mit seinen vielen Produktionsstätten in den USA wohl nur geringfügig von den möglichen Zöllen der Trump-Regierung betroffen.
Ende des Nearshorings
Anders die Situation für Unternehmen, die sich in Mexiko ansiedelten, um den US-Markt mittels sogenanntem „Nearshoring“ zu bedienen. Mit einem drohenden 25 %igen US-Importzoll für Güter aus Mexiko kommen damit ganze Lieferketten ins Wanken.
In Mexiko gibt es derzeit in etwa 100 österreichische Firmenniederlassungen mit rund 8.700 Mitarbeitern. Gerade die Automobilindustrie hat mit einer Vielzahl von Produktionsstandorten von dort aus den US-Markt beliefert. Neben den Autoherstellern wie BMW oder VW haben sich auch die Autozulieferer – wie die Voestalpine – in Mexiko angesiedelt. Aber auch der Salzburger Kranhersteller Palfinger teilte im Halbjahresbericht 2024 mit, dass der Konzern in Mexiko neue strategische Partner gewonnen habe, die zukünftig direkt an die Produktionsstandorte in den USA liefern sollen, um Transport- und Logistikkosten zu senken.
Die Auswirkungen von Trumps Zollpolitik darauf sind noch nicht abschätzbar.
Foto: AdobeStock / Aquir
Squeeze-out bei Bank Austria Creditanstalt AG
Aufbesserung erwartet nach 17 Jahren Verfahrensverschleppung. Ein Gastkommentar von Dr. Wolfgang Leitner.
Im Verfahren auf Überprüfung der Barabfindung für die im Jahr 2007 aus der BA-CA ausgeschlossenen Aktionäre des Streubesitzes mit rund 7,3 Millionen Stück Aktien ist das Gerichtsverfahren in erster Instanz nach mehr als 17 Jahren kürzlich geschlossen worden.
Die mit der Abfindung von 129,40 Euro unzufriedenen Aktionäre haben von ihrem Recht Gebrauch gemacht, eine Erhöhung durch gerichtliche Überprüfung der Abfindung zu verlangen. Derartige Anträge haben 71 Aktionäre, davon 15, die über den IVA – Interessenverband für Anleger koordiniert waren, gestellt. Wenn es in einem derartigen Verfahren gelingt, eine Erhöhung zu erlangen, wirkt sich das zu Gunsten aller anderen, also auch auf die nicht am Verfahren beteiligten Aktionäre aus.
Im Verfahren hatte sich das Gericht zunächst des sogenannten „Gremiums zur Überprüfung des Umtauschverhältnisses“ – eines Streitschlichtungs- und Sachverständigenorganes – zu bedienen. Dort wurde das Verfahren aller-dings rund eineinhalb Jahrzehnte lang verschleppt und die von UniCredit angenommen Bewertung im Wesentlichen bestätigt.
Der Umstand, dass es einigen Großaktionären gelungen ist, sich im Wege von unter Geheimhaltung geschlossener Vergleiche Aufbesserungen von bis zu 15,758 Euro pro Aktie zu verschaffen, ist erst über gerichtliche Zeugenvernehmungen im Detail hervorgekommen. Das Gremium hatte sich geweigert, über dieses Thema zu verhandeln und war der Meinung, nur für die Bewertung berufen zu sein und nicht für Fragen der Gleichbehandlung von Aktionären.
Zeitraubend war auch die Klärung der Frage, welche Eigenkapitalrendite der Vorstand der BA-CA seiner Planrechnung vor dem Squeeze-out zu Grunde gelegt hat. TP Horwath als Squeeze-out-Prüfer nannte in seinem Bericht die Zahl 10,5 %.
Die Gutachten der Sachverständigen des Gremiums und des Gremiums selbst haben schwankende und letztlich auf rund 12 % sinkende Renditeerwartungen zu Grunde gelegt. Der schließlich erst vor drei Jahren vom Gericht bestellte Sachverständige Christian Imo konnte feststellen, dass der Vorstand in seiner Planrechnung von einem ROE von 20 % ausgegangen ist. Daraus folgend ergab sich eine Bewertung mit 176,88 Euro pro Aktie.
Da sich bei einer Unternehmensbewertung nach Ertragswert das schließliche Ergebnis nach der prognostizierten Ertragserwartung zum Bewertungsstichtag richtet, und der Vorstand selbst von der hohen Ertragsprognose von 20 % ROE ausgegangen ist, bin ich der Meinung, dass jedenfalls eine Erhöhung der Barabfindung um 47,77 Euro pro Aktie erfolgen sollte.
Autor Dr. Wolfgang Leitner war Rechtsanwalt bei der Kanzlei Leitner & Häusler
Foto: AdobeStock / vege
„Werden Wachstumschancen schnell nutzen”
Die kürzlich erhaltene EU-weite MiCAR-Lizenz eröffnet Bitpanda viel Potenzial.
Patrick Baldia. Bei Bitpanda stehen die Zeichen auf Wachstum. Ende Jänner hat die heimische Krypto-Plattform als erster großer Player von der deutschen Finanzaufsicht BaFin eine MiCAR-Lizenz für die gesamte EU bekommen. Das reduziere sowohl die Komplexität als auch die Kosten und schaffe eine klare Grundlage, um das Geschäft weiter auszubauen, so das Unternehmen. Nun könne man das komplette Angebot an Produkten und Dienstleistungen in allen 27 Mitgliedsstaaten bzw. mehr als 450 Millionen Menschen an-bieten. Nicht umsonst spricht man von „unvergleichlichem Wachstumspotenzial“.
Was sind jetzt die weiteren Schritte? „Es ist nicht so, dass man mit einem Fingerschnippen sofort in allen 27 EU-Mitgliedsstaaten in relevanter Größe am Markt präsent ist“, so Lukas Enzersdorfer-Konrad, Deputy CEO von Bitpanda, zum Börsen-Kurier. Die MiCAR-Lizenz müsse zunächst im sogenannten „Passporting-Verfahren“ auf weitere Länder übertragen werden. Zudem verfolge man eine klare Strategie: In jedem Markt, in dem man aktiv sei, biete man ein auf die Bedürfnisse der lokalen Nutzer zugeschnittenes Produkt an – sei es in Bezug auf Kundenservice oder Zahlungsdienstleister. „So stellen wir sicher, dass unsere hohen Standards in puncto Sicherheit und Kundenzentrierung überall eingehalten werden“, meint Enzersdorfer-Konrad zu uns. Nachsatz: „Nichtsdestotrotz eröffnet MiCAR erhebliche Wachstumschancen für Bitpanda, die wir jetzt sehr schnell nutzen werden.“
MiCAR „großer Schritt“
Einschlägige Regulierung wurde in der Branche seit längerem gefordert. Mit der 2023 in Kraft getretenen MiCAR-Verordnung (für Markets in Crypto-Assets Regulation, Anm.) wurde jedenfalls ein harmonisierter Regulierungsrahmen für das öffentliche Angebot, die Zulassung zum Handel und die Erbringung von Dienstleistungen im Zusammenhang mit Kryptowährungen geschaffen, der Innovationen fördert und die Nutzung des Potenzials von Krypto-Assets unter Wahrung der Finanzstabilität und des Anlegerschutzes ermöglicht.
Für Lukas Enzersdorfer-Konrad ist MiCAR ein „großer Schritt in die richtige Richtung“. Ein besonders wichtiger Aspekt sei der verbesserte Verbraucherschutz, der auf ein neues Level gehoben werde. Entscheidend ist für den Bitpanda Deputy CEO nun, dass die bestehenden Regeln konsequent durchgesetzt würden. „Die beste Regulierung nützt nichts, wenn sie nicht von allen Marktteilnehmern befolgt wird“, sagt er. Besonders Krypto-Plattformen aus Drittstaaten – etwa aus asiatischen Ländern – müssten klar zur Einhaltung dieser Vorschriften verpflichtet werden. Falls nötig, müsse die EU auch Akteure vom Markt ausschließen, die sich nicht an die Regeln halten.
In Österreich ist die MiCAR-Verordnung seit dem 30. Dezember 2024 voll anwendbar. An dem Tag hat die FMA, als zuständige Behörde, in einer Aussendung das Ende der „Wildwest-Ära auf den Krypto-Märkten“ erklärt. Die neuen, klaren Spielregeln würden mehr Rechtssicherheit und faire Bedingungen für den Wettbewerb schaffen. „Wir erwarten von den zukünftigen Beaufsichtigten eine konsequente ‚Compliance-first‘-Haltung“, geben die FMA-Vorstände Helmut Ettl und Eduard Müller die Marschrichtung vor. 2025 soll ein besonderer Fokus auf die Zulassungsverfahren für die Anbieter von Krypto-Assets gesetzt werden.
Foto: Pixabay / sergeitomakov
Unterschiedliche Entwicklungen zweier Schwergewichte
Ein Marktkommentar von Christian Rom, Portfoliomanager bei DNB Asset Management, zu Ørsted und Enel.
Red. Im Bereich der erneuerbaren Energien sind Ørsted (ISIN: DK006 0094928) und Enel (IT0003128367) zwei der prominentesten Namen. Beide stehen vor Herausforderungen und Chancen, doch ihre jüngsten Entwicklungen könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Ørsted mit erheblichen Problemen in seinem US-Offshore-Windportfolio ringt, profitiert Enel von der Stabilisierung der europäischen Energiemärkte. Ein genauer Blick auf die Zahlen und Fakten zeigt, wie unterschiedlich sich diese beiden Unternehmen im aktuellen Marktumfeld entwickeln.
Große Herausforderungen
Ørsted hat in den vergangenen Jahren eine beispiellose Serie von Herausforderungen erlebt, insbe-sondere im US-Markt. Das Unternehmen musste jüngst weitere Abschreibungen in Höhe von umgerechnet 1,62 Milliarden Euro verkünden. Diese setzen sich zusammen aus 0,6 Milliarden Euro, die durch gestiegene US-Langfristzinsen im vierten Quartal 2024 verursacht wurden, 0,7 Milliarden Euro, die den Wert von US-Seegrundstücken praktisch auf null reduzieren, und weiteren 0,6 Milliarden Euro, die durch gestiegene Investitionskosten beim Sunrise-Wind-Projekt resultieren. Die Gründe für diese Probleme sind vielfältig, reichen von internen Schwächen im Projektmanagement bis hin zu externen Faktoren wie einer restriktiveren Politik der Trump-Administration.
Die politischen Unsicherheiten in den USA stellen ein besonderes Risiko dar. Eine Executive Order der Regierung hat kürzlich alle Gebiete auf dem äußeren Kontinentalschelf von neuen Offshore-Windleasing-Verträgen ausgeschlossen. Dies betrifft zwar nicht Ørsteds bestehende Projekte wie Revolution Wind (704 Megawatt) und Sunrise Wind (924 Megawatt), doch die Entwicklung neuer Projekte könnte massiv erschwert werden. Gleichzeitig hat Ørsted in den letzten drei Jahren insgesamt 6 Milliarden Euro an Abschreibungen in seinem US-Geschäft verzeichnet. Das Unternehmen könnte diese Zahl auf bis zu 6,7 Milliarden Euro erhöhen müssen, falls zusätzliche steuerliche Vergünstigungen nicht bewilligt werden. Der Gesamtverlust an Marktkapitalisierung beträgt seit Ende August 2023 15,8 Milliarden Euro.
Trotz dieser Rückschläge bleibt Ørsted optimistisch. Für das Jahr 2024 prognostiziert das Unternehmen ein Ebitda von 3,3 Milliarden Euro, was in der Mitte seiner ursprünglichen Guidance liegt. Mit einer geplanten Wachstumsrate der Gewinne im hohen einstelligen Bereich bis 2030 und einer erwarteten Kapitalrendite (ROCE) von 14 % zeigt sich das Unternehmen weiterhin als Marktführer in einem wachsenden Segment. Insbesondere die global steigende Nachfrage nach Offshore-Windenergie bietet Ørsted Chancen, langfristig profitabel zu bleiben.
Unter neuer Führung
Ørsted hat sich kürzlich von seinem bisherigen CEO Mads Nipper getrennt. Sein Nachfolger ist der bisherige stellvertretende CEO und Chief Commercial Officer Rasmus Errboe. Dieser Wechsel war nicht vollständig überraschend, da Errboe bereits im März 2024 in diese Positionen berufen wurde. Errboe bringt mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung bei Ørsted mit und hat verschiedene Schlüsselpositionen im Unternehmen bekleidet. Dies deutet darauf hin, dass er ein umfassendes Verständnis für das Geschäft besitzt. Seine Hauptaufgaben werden darin bestehen, operative Exzellenz und ein verbessertes Risikomanagement zu fördern, um das teure US-Markteintrittsdebakel als isoliertes Ereignis zu positionieren. Nach der Stabilisierung des Unternehmens wird der Fokus darauf liegen, Risiken zu minimieren und die Ziele für 2030 zu erreichen.
Polen als interessanter Markt
Mit Blick auf den Ausbau des polnischen Offshore-Marktes haben der polnische Energieversorger PGE und Ørsted die endgültige Investitionsentscheidung für den Bau des Offshore-Windparks Baltica 2 getroffen. Der Offshore-Windpark Baltica 2 in der Ostsee mit 1.500 MW Leistung ist ein Gemeinschaftsprojekt von PGE Polska Grupa Energetyczna und dem dänischen Offshore-Weltmarktführer Ørsted. Die Regierung in Polen treibt den Ausbau der Offshore-Windenergie voran und will bis 2040 insgesamt 18.000 MW (18 GW) Windkraftleistung in der Ostsee installieren. Ørsted bleibt aufgrund seiner starken Marktposition und seiner Expertise ein zentraler Akteur in der Branche.
Neuausrichtung bei Enel
Enel hingegen zeigt ein gänzlich anderes Bild. Das italienische Unternehmen hat von stabilisierten Strompreisen in Europa profitiert, die nach den durch den Ukraine-Konflikt ausgelösten Turbulenzen nun auf einem ausgeglichenen Niveau verharren. Diese Entwicklung hat die Bilanz des Unternehmens erheblich verbessert, insbesondere durch eine Reduzierung der Sicherheitenanforderungen im Bereich Hedging. Zudem haben sich die hydrologischen Bedingungen in Europa in den Jahren 2023 und 2024 erheblich erholt und befinden sich auf historischen Höchstständen, was die Stromerzeugung aus Wasserkraft stärkte. Diese positiven Entwicklungen haben geholfen, eine stabile Ertragslage und eine solide Performance an den Märkten zu erzielen.
Die strategische Neuausrichtung hat ebenfalls für Aufmerksamkeit gesorgt. Das Unternehmen setzt verstärkt auf Investitionen in Stromnetze, was von vielen Investoren begrüßt wurde. Der Fokus auf den Ausbau von erneuerbaren Energien wurde hingegen reduziert, was in der Branche gemischte Reaktionen hervorgerufen hat. Kritiker argumentieren, dass Enel sich langfristig durch die Verringerung seines Engagements in erneuerbaren Energien Marktpotenziale entgehen lassen könnte. Dennoch hat das Unternehmen durch diese Neuausrichtung kurzfristig Stabilität erreicht und bleibt ein Favorit vieler Anleger.
Potenzial bleibt ungebrochen
Die Entwicklung dieser beiden Unternehmen zeigt exemplarisch die Spannungen und Möglichkeiten im Sektor der erneuerbaren Energien. Ørsted kämpft mit kurzfristigen Herausforderungen, bleibt aber aufgrund seines führenden Marktanteils und der starken Position ein wichtiger Akteur. Enel hingegen hat kurzfristig Stabilität erreicht und könnte langfristig von einer stärkeren Fokussierung auf erneuerbare Energien profitieren. Anleger stehen damit vor einer strategischen Entscheidung: Auf die langfristigen Chancen eines angeschlagenen Marktführers wie Ørsted setzen oder die Stabilität eines etablierten Versorgers wie Enel bevorzugen.
Die Branche der erneuerbaren Energien bleibt ein Schlüsselfaktor für die globale Energiewende, und sowohl Ørsted als auch Enel spielen hierin zentrale Rollen. Trotz der Herausforderungen bleibt das Potenzial für Wachstum und Innovation in diesem Sektor ungebrochen.
Foto: AdobeStock / adobedesigner
Immobilieninvestments auf dem Prüfstand
Der OGH hat zuletzt vor allem Vermietern diesbezüglich Kopfzerbrechen bereitet. (05.02.)
Birgit Kraml. Wer Immobilien kauft, investiert in Wertsteigerung und Rendite. Wesentliches Kriterium sind dabei in der Regel die Bestandverträge. Neben der Miete spielen die Betriebskosten eine wesentliche Rolle, da sie – aus Vermietersicht – so weit wie möglich auf den Mieter überwälzt werden sollen. Auch das Mietrechtsgesetz sieht vor, dass die vom Vermieter aufgewendeten Kosten für das Gebäude vom Mieter zu tragen sind.
Der Oberste Gerichtshof (OGH) hat in den vergangenen Jahren vor allem Vermietern diesbezüglich Kopfzerbrechen bereitet. Vorgegebene Klauseln (also solche die Allgemeine Geschäftsbedingungen gleichkommen bzw. vom Vermieter vorgegeben werden) müssen, wenn das Gegenüber Verbraucher ist, transparent sein.
Eine in AGB oder Vertragsformblättern enthaltene Vertragsbestimmung ist unwirksam, wenn sie unklar oder unverständlich abgefasst ist. Gemäß OGH ist jede Bestimmung, die nicht im Einzelnen ausgehandelt wurde, eine allgemeine Geschäftsbedingung, auch dann, wenn der Vertrag individuell ausgearbeitet, aber einseitig vorformuliert wurde. Es reicht nicht aus, dass er erörtert wurde, vielmehr muss der Unternehmer zur Änderung des von ihm verwendeten Texte erkennbar bereit sein. Der OGH stellte klar, dass das Versenden eines Vertrags „zur Durchsicht“ dabei nicht ausreiche, um die Verhandlungsbereitschaft des Unternehmers kundzutun.
Konkret sah ein Vertrag vor, dass der Mieter „Bewirtschaftungskosten“ zu tragen hätte, wobei hier mit dem Adverb „insbesondere“ auf die §§ 21 ff MRG verwiesen wurde. Die beiden Erstinstanzen sahen im Adverb keine Verletzung des Transparenzgebots, der OGH stoß sich daran: Das Adverb ließe die Kläger im Unklaren darüber, was als Bewirtschaftungskosten zu verstehen sei. Er ließ den restlichen Teil der Bestimmung, der klar und eindeutig auf Betriebskosten gemäß §§ 21 ff MRG verwies, nicht gelten, da nach § 6 Abs 3 KSchG unklare und unverständliche Vertragsbestimmungen zur Gänze unwirksam sind und auch eine geltungserhaltende Reduktion nicht möglich ist.
Der Mieter kann daher sämtliche über die Jahre bisher bezahlten Betriebskosten zurückverlangen und muss auch in Zukunft keine Betriebskosten zahlen. Ob unter diesen Bedingungen ein Vermieter den Vertrag abgeschlossen hätte, darf dahingestellt bleiben.
Diese Entscheidung ist auch insofern bemerkenswert, als es nicht um eine Verbandsklage ging, die sich gegen typische Vertragsformblätter, die x-fach verwendet werden, oder gegen Kleingedrucktes, das ein Verbraucher überlesen könnte, richtete, sondern gegen einen individuell formulierten Mietvertrag, wobei sich Vermieter und Mieter auch kannten und befreundet waren und im Vorfeld auch mieterfreundliche Zugeständnisse vorbenommen worden waren. Auch auf die Frage, dass die Transparenz durch dispositives Recht (konkret §§ ff 21 MRG) klargestellt wären, ließ der OGH offen.
Davon abgesehen, dass Verbrauchern offensichtlich jegliches Verständnis und Mündigkeit abgesprochen wird, werden mit solchen Entscheidungen der Wert der Vertragsfreiheit und der (Jahrtausende alte!) Grundsatz „pacta sunt servanda“ in Frage gestellt.
Autorin Dr. Birgit Kraml, LL.M. ist Partnerin und leitet das Immobilienrechtsteam bei DLA Piper Rechtsanwälte in Wien
Drei weitere Leitzinssenkungen möglich
Wenig Potenzial der Fed versus größere Spielräume der EZB.
Michael Kordovsky. Die US-Notenbank Federal Reserve hat den Leitzins in ihrer jüngsten Sitzung am 29. Jänner unverändert bei 4,25 bis 4,50 % belassen. Damit bleibt die Geldpolitik angesichts der weiterhin erhöhten Inflation restriktiv. Dazu Fed-Chef Jerome Powell: „Wir wissen, dass eine zu schnelle oder zu starke Lockerung der geldpolitischen Restriktionen den Fortschritt bei der Inflationsbekämpfung beeinträchtigen könnte.“ Die Inflation bleibt ein zentrales Thema: Während sie in den vergangenen zwölf Monaten deutlich zurückging, verharrt sie zuletzt wieder auf einem leicht erhöhten Niveau. Die US-Verbraucherpreise stiegen im Dezember um 2,9 % im Jahresvergleich, nachdem sie bereits im dritten Monat in Folge angezogen hatten.
Auch der Arbeitsmarkt bleibt robust: Im Dezember sank die Arbeitslosenquote leicht auf 4,1 %, während 256.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Powell erklärte, der Arbeitsmarkt sei „im Gleichgewicht“ und übe keinen zusätzlichen Inflationsdruck aus. Fakt ist, dass die Stundenlöhne der US-Privatwirtschaft ex Agrar im Dezember auf Jahresbasis nur noch um 3,93 % stiegen verglichen mit 4,25 % ein Jahr zuvor.
Interessant ist der politische Druck auf die Fed. Präsident Donald Trump fordert mit Verweis auf sinkende Ölpreise sofortige Zinssenkungen und erklärte provokant: „Ich kenne mich mit Leitzinsen besser aus als die Fed.“ Die Notenbank erwartet für 2025 jedoch nur zwei Zinssenkungen und bleibt angesichts möglicher Inflationstreiber – darunter Trumps geplante Zölle und Massenabschiebungen – vorsichtig. Powell ließ sich nicht auf einen direkten Schlagabtausch mit Trump ein und betonte: „Wir warten geduldig ab und müssen nichts überstürzen.“ Der Machtkampf zwischen Trump und der Fed dürfte sich in den kommenden Monaten weiter zuspitzen und der Markt preist derzeit am wahrscheinlichsten ein bis zwei Leitzinssenkungen ein.
Eurozone: Grünes Licht
Anders sieht es im Euroraum aus, dessen Leitwirtschaft Deutschland im dritten und vierten Quartal 2024 eine leicht schrumpfende Wirtschaftsleistung aufwies. Das BIP-Wachstum im dritten und vierten Quartal 2024 lag lediglich bei je 0,9 % und eine Rezession in der Industrie drückt auf die Industriegüterpreise ex Energie und nimmt langsam den Lohnkostendruck aus dem Markt. Die Inflationsrate ist von Dezember 2023 auf Dezember 2024 von 2,9 weiter auf 2,4 % gesunken. Lediglich Basiseffekte bei den Energiepreisen führten zuletzt wieder zu einem moderaten Anstieg.
Am 30. Jänner konnte somit der EZB-Rat die fünfte Leitzinssenkung um 0,25 %-Punkte einstimmig beschließen. Einlagenzins und Hauptrefinanzierungssatz wurden auf jeweils 2,75 bzw. 2,90 % zurückgenommen. Dieser Schritt war aber in den Geldmarktzinsen schon eingepreist. Und weitere Lockerungen erscheinen wahrscheinlich, was auch aus dem Wording von EZB-Präsidentin Christine Lagarde in der Pressekonferenz zur jüngsten geldpolitischen Entscheidung abgeleitet werden kann: „Der Disinflationsprozess schreitet gut voran. Die Inflation hat sich im Wesentlichen weiterhin im Einklang mit den Projektionen entwickelt und dürfte im laufenden Jahr zu unserem mittelfristigen Zielwert von 2 % zurückkehren.“ Im weiteren Verlauf der Rede folgte eine Präzisierung: „Die meisten Indikatoren der zugrunde liegenden Inflation haben sich im Einklang mit einer nachhaltigen Rückkehr der Inflation zu unserem mittelfristigen Zielwert entwickelt.“
Und noch konkreter lautet die gute Nachricht Lagards: „Unseren Erwartungen zufolge wird die Inflation kurzfristig um das aktuelle Niveau schwanken. Danach sollte sie sich nachhaltig um den mittelfristigen Zielwert von 2 % einpendeln. Der nachlassende Arbeitskostendruck und die anhaltende Wirkung unserer vorangegangenen geldpolitischen Straffung auf die Verbraucherpreise dürften diesen Prozess unterstützen.“
Ein weiterer Punkt ist die Schätzung des neutralen Leitzinsniveaus. Darüber gibt es zahlreiche Debatten und Publikationen. Der neutrale Zins, bei dem die Geldpolitik weder expansiv noch restriktiv wirkt, liegt nach bisherigen Schätzungen von Ökonomen der EZB im Bereich von 1,75 bis 2,5 %. Auf eine Journalistenfrage dazu reagierte Lagarde: „Wir sind derzeit restriktiv. Wir sind nicht bei der neutralen Rate. Diese Debatte ist völlig verfrüht. Wenn wir uns dem nähern, werden wir auf der Grundlage eines Forschungspapiers und einer Analyse des Stabes arbeiten, und das wird uns helfen zu bestimmen, wie nahe wir dran sind und wie unser geldpolitischer Kurs aussehen sollte.“
Risiken und Verzögerungsfaktoren
Aber es gibt noch Bremsfaktoren und Restrisiken. Noch im Würgegriff der einst hohen Inflationsraten befindet sich die Binneninflation. Dazu Lagarde: „Die Binneninflation, die der Teuerung bei Dienstleistungen eng folgt, ist nach wie vor hoch, da sich die Löhne und einige Dienstleistungspreise derzeit noch mit einer erheblichen Verzögerung an den zurückliegenden Inflationsschub anpassen. Gleichzeitig deuten die jüngsten Signale darauf hin, dass die Abschwächung des Lohndrucks anhält und die Gewinne eine Pufferfunktion haben.“
Während ein beschleunigter Wirtschaftsabschwung das Zinssenkungspotenzial erhöhen würde, gibt es auch inflationäre Risikofaktoren, die das Tempo rückläufiger Leitzinsen bremsen könnten. Dazu Lagarde: „Die Inflation könnte höher ausfallen, wenn die Löhne oder die Gewinne deutlicher steigen als erwartet. Aufwärtsrisiken für die Inflation ergeben sich auch aus den erhöhten geopolitischen Spannungen. Diese könnten die Energiepreise und die Frachtkosten auf kurze Sicht in die Höhe treiben und den Welthandel stören. Zudem könnten Extremwetterereignisse und die fortschreitende Klimakrise allgemein dazu führen, dass die Nahrungsmittelpreise stärker steigen als erwartet.“
Fazit
Ausgehend vom geschätzten neutralen Zinsniveau, aktuellen Inflationstrends, jüngsten Zinskurven und Expertenmeinungen erscheinen drei weitere Leitzinssenkungen der EZB im laufenden Jahr durchaus wahrscheinlich.
Foto: AdobeStock / chaylek dunkler
Brüssel kündigt Paket für Bürokratieabbau an
Mindestens 25 % weniger Verwaltungsaufwand für Unternehmen und 35 % weniger für KMUs.
Emanuel Lampert. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Stéphane Séjourné, Kommissar für Wohlstand und Industriestrategie, stellten in der vergangenen Woche in Brüssel den Kompass für Wettbewerbsfähigkeit vor „Einfacher, schlanker, schneller“: Dieses Motto soll die europäische Regulierung künftig kennzeichnen. Dieses Bekenntnis gab jedenfalls die EU-Kommission mit ihrem neuen „Kompass für Wettbewerbsfähigkeit“ ab.
Europa habe „alles, was es braucht“, um im Wettbewerb mit anderen großen Volkswirtschaften erfolgreich zu sein, sagte Kommissionspräsidentin von der Leyen. „Gleichzeitig müssen wir jedoch unsere Schwächen überwinden und wieder wettbewerbsfähig werden.“ Eine dieser Schwächen soll durch „Vereinfachung“ abgebaut werden. Anders ausgedrückt, soll „der Regelungs- und Verwaltungsaufwand drastisch reduziert werden“.
„Viel weiter gehen als bisher“
Denn immerhin räumt die Kommission in dem Papier ein: Trotz der bereits bestehenden Grundsätze für eine bessere Regulierung sei die regulatorische Belastung für zwei Drittel der EU-Unternehmen ein wesentliches Hindernis für langfristige Investitionen. Viele hätten darauf hingewiesen, dass Komplexität, Vielfalt und Dauer der Genehmigungs- und Verwaltungsverfahren Europa zu einem im Vergleich mit anderen Regionen weniger attraktiven Raum für Investitionen machen. Um Europas Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, „müssen wir beim Bürokratieabbau viel weiter gehen als bisher“, schreibt die Kommission. Die Regulierung müsse verhältnismäßig, stabil, kohärent und technologieneutral sein. Umfassende Anstrengungen auf Unions-, mitgliedstaatlicher und lokaler Ebene seien erforderlich, um Regeln zu vereinfachen und Verwaltungsverfahren zu beschleunigen.
Durchforsten und regelmäßiger Austausch
In der Brüsseler Behörde ist ein eigener Kommissar mit der Durchforstung des EU-Rechtsbestandes beauftragt. Das Ziel: Wege finden, die Gesetzgebung nach Bedarf zu vereinfachen, zu konsolidieren und zu kodifizieren. Jeder Kommissar halte künftig regelmäßig auch Dialog mit Interessenvertretern, „zweimal jährlich“, um sich über Themen der Umsetzung der Regulierung auszutauschen, Bedenken der Wirtschaft zu hören und Möglichkeiten zur Vereinfachung und Entlastung zu identifizieren. „Reality-Checks“, die Dienststellen der Kommission mit Vertretern der Wirtschaft durchführen, sollen ebenso zum „Stresstest“ für die EU-Regulierung beitragen. Die Vereinfachung müsse von einem Verständnis der praktischen Funktionsweise von Wertschöpfungsketten geprägt sein und ein regulatorisches System im Auge haben, das mehr auf Vertrauen und Anreizen als auf detaillierter Kontrolle basiert.
Zielvorgaben für weniger Verwaltungsaufwand
Als ein konkretes Ziel hatte die Kommission bisher eine Verringerung der Berichterstattungspflichten um mindestens 25 % ausgegeben. Da Berichterstattung nur einen Teil des Aufwands darstelle, soll dieses Ziel künftig für die Kosten der gesamten administrativen Belastung gelten, im Falle von KMUs sollen es mindestens 35 % sein.
Das erste Paket ist für Februar angekündigt und soll unter anderem die Berichterstattung zur Nachhaltigkeit und die Taxonomie behandeln (der Börsen-Kurier berichtete bereits darüber). Besonderes Augenmerk will die Kommission dabei jenem Effekt widmen, dass umfangreiche Berichterstattungspflichten für größere Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette auf kleinere Unternehmen durchschlagen und bei diesen eine „exzessive“ Berichterstattung verursachen, „die von den Gesetzgebern nie beabsichtigt war“.
Neue Kategorie zwischen KMUs und den „Großen“
Die Verhältnismäßigkeit der Regulierung soll auch verbessert werden, indem eine neue Unternehmenskategorie definiert wird: Sie würde dann Unternehmen zusammenfassen, die größer als KMUs, aber kleiner als die ganz großen Unternehmen sind. Regulatorische Vereinfachungen würden auf diese Weise unionsweit „tausenden von Unternehmen“ mittlerer Kapitalisierung zugutekommen, heißt es von der Kommission.
Apropos KMU: Ein neuer KMU- und Wettbewerbsfähigkeits-Check in Folgeabschätzungen soll einen „Filter“ für neue Regulierungsvorhaben bilden. Dabei sollen nicht zuletzt Kostenunterschiede gegenüber internationalen Konkurrenten geprüft werden.
Im Übrigen gelte es, Unternehmen bei der Umsetzung der EU-Gesetzgebung besser zu begleitet, die Unterstützung dafür soll verstärkt werden. Hier wird digitalen Hilfsmitteln eine wesentliche Rolle zugedacht: Wo es geht, sollen Berichtspflichten digital erledigt werden können.
WKO: „Richtige Prioritäten“
Die Wirtschaftskammer begrüßte das Vorhaben der Kommission. Es identifiziere „die richtigen Stellschrauben“ und sei „ein wichtiges Signal“, so die stellvertretende Generalsekretärin Mariana Kühnel in einer Aussendung: „Jetzt ist es entscheidend, rasch in die Umsetzung zu kommen.“ Das Ziel, die Kapitalmarktunion mit einer Spar- und Investitionsunion „fair und effizient“ weiterzuentwickeln, sieht sie als „essenziellen Puzzlestein, um Investitionen in Wirtschaft und Innovation zu mobilisieren und damit die globale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu steigern“. Die Beseitigung regulatorischer Hürden oder die Erleichterung grenzüberschreitender Finanzströme wären für die WKO „Schritte in die richtige Richtung“. Beim Abbau bürokratischer Hürden erwartet die Wirtschaft einen „höheren Gang“. Kühnel: „Nach unzähligen Ankündigungen brauchen die Unternehmen eine rasch spürbare Entlastung. Das ist mittlerweile überfällig.“
Foto: Europäische Union / Dati Bendo
Europas Chancen mit einem Puffer nutzen
Experten räumen diesseits des Atlantiks den Märkten Chancen ein und erklären weshalb.
Raja Korinek. Auch zu Beginn des neuen Börsenjahres dominieren Geschehnisse an den US-Märkten die Schlagzeilen. So rückten erneut Technologieaktien in den Fokus, nachdem US-Präsident Donald Trump verkündete, mittels seines Programms „Stargate“ die Künstliche Intelligenz (KI) ankurbeln zu wollen. Für Turbulenzen sorgte kurz danach Chinas Bekanntgabe eines eigenen Chatbots mit dem Namen DeepSpeek, der anscheinend zu weitaus günstigeren Kosten hergestellt werden kann.
Doch auch Europas Märkte bieten Chancen, die von Anlegern bereits genutzt werden, wie der Blick auf einige Indizes zeigen. So erreichte der Dax ein neues Rekordhoch und sprang jüngst über die Marke von 21.700 Punkte. Auch der Eurostoxx ist auf dem Weg, das alte Rekordhoch von 5.464 Punkten aus dem Jahr 2000 zu übertreffen.
Starke Preissetzungsmacht gefragt
Schließlich gibt es in Europa genügend Konzerne, denen reichlich Chancen eingeräumt werden – und das trotz der von Trump angedrohten Zölle. „So sind etwa Unternehmen mit starker Preissetzungsmacht und lokaler Präsenz viel weniger anfällig“, konstatiert Thorsten Winkelmann, Chief Investment Officer European and Global Growth bei AllianceBernstein.
Winkelmann sagt aber auch, „es bleibt abzuwarten, ob die harten Ankündigungen in die Tat umgesetzt werden“. Dennoch müssten Investoren sich auf die Möglichkeit vorbereiten, dass die US-Regierung ihr Ziel, so etwa die Rückverlagerung der US-Fertigung zu fördern, angehen werde.
Auf die Lieferketten kommt es an
Der Experte analysiert dazu mögliche Auswirkungen für Europa: So werden ihm zufolge europäische Unternehmen, die ihre Lieferketten bereits als Reaktion auf die Schocks während der Covid-19-Pandemie optimiert haben, deutlich besser in der Lage sein, auch mit einer härteren Zollpolitik Effizienz- und Gewinnwachstum zu erzielen.
Auch Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen, die in ihrer Branche eine starke Position einnehmen, werde es leichter fallen, ihre Lieferketten zu optimieren, um die Zölle zu bewältigen. „Einige europäische Unternehmen sind in den USA tätig und könnten sogar von den US-Zöllen profitieren, insbesondere im Industriesektor“, fügt Winkelmann hinzu. Dazu zählen etwa deutsche Großkonzerne wie BMW, BASF und Bayer.
Anleger, die auf die weitere – jedoch begrenzte – Entwicklung europäischer Aktien setzen wollen, können dies mit einem Capped-Bonuszertifikat tun. Bei diesem Produkt wird zum Laufzeitende eine fixe Bonuszahlung in Höhe etwa eines vorab festgelegten Indexstandes in Aussicht gestellt. Dieser festgelegte Kurs ist zu-gleich der Cap, da Anleger an Kurszuwächsen darüber hinaus nicht teilhaben. Je weiter der Kaufkurs des Zertifikats unter dem Cap liegt, desto größer sind die Renditechancen.
Barriere beachten
Doch all zu tief darf der Zertifikate-Kurs während der Laufzeit nicht sinken. Wird nach unten nämlich die Barriere berührt oder unterschritten, verfällt die Bonuszahlung. Der weitere Kursverlauf des Zertifikats richtet sich dann 1:1 an jenen des Basiswerts, weshalb Verluste möglich sind, während die Chancen nach oben auf den Cap begrenzt bleiben.
Ein solches Produkt auf den Dax bietet JP Morgan an. Der Cap liegt bei 50.000 Punkten, die Barriere bei 19.000 Punkten. Bewertungstag ist der 18.12.2026. Auf den Euro Stoxx 50 bietet etwa die Société Générale ein Capped-Bonuszertifikat an. Der Cap liegt bei 6.500, die Barriere bei 4.700 Punkten.
Foto: AdobeStock / beugdesign
Corum-Immo-Fonds: Entwicklung gegen den Trend
Im Gegensatz zu den meisten Immo-Fonds schlossen die Corum-Produkte 2024 mit ansehnlichen Renditen ab.
Patrick Baldia. Mit den Zinserhöhungen ab 2022 verloren bekanntlich viele Immobilienveranlagungen an Attraktivität. Zu den größten Verlierern gehören neben Aktien offene Immobilienfonds. Nachdem die heimischen Fonds 2023 unter Mittelabflüssen im Umfang von 1,7 Milliarden Euro litten, folgten 2024 weitere 1,6 Milliarden Euro. Insgesamt schrumpfte das verwaltete Vermögen in den vergangenen beiden Jahren um 30 % und liegt aktuell bei rund 7,6 Milliarden Euro. Vor den Zinserhöhungen folgte noch ein Rekordjahr dem nächsten, was auf die besondere Affinität der Österreicher zu offenen Immobilienfonds zurückgeführt wurde.
Keine Mittelabflüsse verzeichneten im Vorjahr – sowie im Übrigen auch in den Jahren davor – die in Österreich zugelassenen Gewerbeimmobilienfonds der französischen Immobilieninvestment-Gesellschaft Corum. Vielmehr verbuchten der Corum Origin und der Corum XL ein Plus von 21 % bei den Kapitalzuflüssen. Allein österreichische Privatanleger investierten 23,3 Millionen Euro bzw. um +104 % mehr als 2023. Damit war 2024 das beste Jahr für die Franzosen in Österreich seit dem Markteintritt 2018.
Während die Performance der heimischen offenen Immobilienfonds im Vorjahr zu wünschen übrig ließ, konnten sowohl der Corum Origin als auch der Corum XL mit +6,05 bzw. +5,53 % ihre Rendite-ziele neuerlich übertreffen. Konkret, Ersterer zum 13. Mal, Zweiterer zum 8. Mal in Folge.
Erfolgsgeheimnis: antizyklische Strategie
„Das ist zweifellos das Ergebnis unserer opportunistischen und antizyklischen Immobilienstrategie, die wir in ganz Europa verfolgen, sowie der sorgfältigen Auswahl unserer Mieter“, sagt Martin Linsbichler (Foto), Corum Country Manager in Österreich. „Nur mit Mietern höchster Bonität können die Renditeziele erreicht werden.“ Ein weiteres Erfolgsgeheimnis: Fremdkapital werde nur begrenzt eingesetzt, Immobilienkäufe großteils mit Mittelzuflüssen gestemmt. Positiv entwickelte sich auch die Bewertung der Portfolios. Wie Linsbichler erklärt, hätten unabhängige Experten den Fonds einen Anstieg von +2,57 % (Corum Origin) und +2,39 % (Corum XL) zugesprochen.
Streng genommen hinkt der Vergleich mit den heimischen offenen Fonds aber etwas. Denn bei den Corum-Produkten handelt es sich um SCPIs bzw. Gewerbeimmobilienfonds nach französischem Recht. Diese kaufen und verwalten Immobilien und müssen 100 % der Mieteinnahmen und Erlöse aus Immobilienverkäufen an die Anleger ausschütten. Anders als heimische offene Immobilienfonds müssen sie keine Cash-Reserven halten und unterliegen der Aufsicht der französischen Finanzaufsichtsbehörde AMF (für: Autorité des Marchés Financiers, Anm.). Laut Linsbichler werden die Corum-Fonds von der FMA als geschlossene Fonds eingestuft.
Im vergangenen Jahr sind die beiden Corum-Fonds um 16 Immobilien gewachsen. Investiert wurden 522 Millionen Euro, und zwar zu durchschnittlichen Anfangsrenditen von 9,30 % (Corum Origin) und 7,79 % (Corum XL). Gleichzeitig wurden mit vier Verkäufen knapp 10 Millionen Euro eingenommen. „Wir erwarten, dass sich diese Dynamik auch 2025 fortsetzt, und zwar bereits im ersten Quartal, denn aus heutiger Sicht zeichnen sich bereits mehrere Verkaufsmöglichkeiten ab“, verrät Linsbichler. Man würde etwa Immobilien mit Abschlägen zwischen 20 und 30 % angeboten bekommen. Zu Verkäufen könnte es vor allem in Großbritannien kommen. „Die Entwicklung des Pfunds spielt uns in die Hände und erhöht den Wert unserer dort gehaltenen Immobilien erheblich“, so Linsbichler abschließend.
Foto: Studio-alterego.com
Fondsmanager-Umfrage: „Make Europe Great Again“
Deutschland sticht positiv hervor, Fast-Rekord für den Zufluss in den Euroraum.
(30.01.) Während die Mehrheit der Fondsmanagerinnen und Fondsmanager weltweit weiterhin auf Aktien und einen stärkeren US-Dollar setzen, hat sich zuletzt eine neue Tendenz verdeutlicht. Die Fondsmanagerumfrage der Bank of America (Global Fund Manager Survey, FMS) mit dem Titel „Make Europe Great Again“ von Jänner 2025 ergab, dass kürzlich stark in europäische Werte umgeschichtet wurde, berichtet das Team der Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.
Starker Zufluss in europäische Aktien
Die Bank of America (BofA) interviewte vom 10. bis 16. Jänner mehr als 200 professionelle Investorinnen und Investoren weltweit zu ihren Investmentpräferenzen und ihre Sicht auf die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte. Die Befragten verwalten insgesamt knapp 580 Milliarden US-Dollar an Anlagevermögen. Die Jänner-Umfrage ergab eine anhaltend positive Stimmung unter den Portfoliomanagern, wie ein Risikobarometer der BofA zeigt, das auf konjunkturellen Wachstumserwartungen, der Cash-Quote und der Aktienallokation basiert. Im Vergleich zum Vormonat gab es zwar eine leichte Abschwächung, doch der Risikoappetit bleibt hoch.
Der Dezember 2024 stand noch ganz im Zeichen von US-Aktien. Laut der BofA flossen aber zuletzt die zweithöchsten je gemessenen Volumina in Werte aus dem Euroraum. Einer der Hintergründe dürfte sein, dass sich bei Investoren die Meinung herausbildet, der neue, alte US-Präsident Donald Trump werde die europäische Wirtschaft nicht so stark belasten wie es wie mancherorts befürchtet wurde. Zweitens hatten sich die Profis auf die Suche nach „Nachzüglern“ gemacht, also nach Titeln mit Potenzial, die bislang nicht so stark gefragt waren.
Auch die Performance-Erwartungen fallen zugunsten Europas aus. Der EURO STOXX 50 hat auf Jahressicht die Nase gegenüber seinen US-Pendants vorne. Die erste Euphorie, als Trump ein goldenes Zeitalter für die USA versprach und die Anleger im November und Dezember kräftig in US-Aktien investierten, scheint sich langsam zu legen.
Innerhalb der Branchen war die Nachfrage nach Aktien aus den Bereichen Gesundheit und Basiskonsum hoch. Auch Rohstoffe und Technologiewerte waren gefragt. Dafür verringerten sie ihre Positionen in den USA, in Banken und Versicherern. Insgesamt sind Aktien im Vergleich zu Anleihen weiterhin deutlich übergewichtet. Die Bargeldquote bleibt auf einem sehr niedrigen Niveau von 3,9 %, was dem geringsten Wert seit Juni 2021 entspricht.
Niedrige Cash-Quote als Warnsignal?
Diese niedrige Cash-Quote könnte eine Kontraindikation sein. Laut BofA signalisierte ein Unterschreiten der Geldquote auf unter 4 % in der Vergangenheit einen guten Verkaufszeitpunkt. Seit dem Jahr 2011 wurde bereits zwölf Mal dieses Signal ausgelöst. Im Folgemonat gab der globale Aktienindex im Schnitt um jeweils 2,4 % nach, konnte sich aber in der Regel nach wenigen Monaten wieder erholen.
Wachstumserwartungen gedämpft
Die Wachstumserwartungen sind währenddessen gedämpft. Das Gros der Befragten geht von einer sich leicht abschwächenden Konjunktur in den USA und China aus. Negativ könnten sich ein chaotischer Anstieg der US-Anleiherenditen, Leitzinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve und ein globaler Handelskrieg auswirken. Die Fondsmanager schätzen die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession im Jahr 2025 für nur 5 % ein. 50 % der Befragten gehen anhaltend von einem „soft landing“ der Konjunktur aus. 79 % der Experten erwarten von der US-Notenbank in diesem Jahr Leitzinssenkungen, obwohl die Inflationserwartungen wieder nach oben zeigen.
Deutschland sticht positiv hervor
Im Länder-Ranking ist neuerdings Deutschland auf Platz Eins vorgerückt und hat Spanien auf Platz Zwei verwiesen, gefolgt von Italien. Schlusslichter sind Frankreich und Großbritannien. Vergangenes Jahr waren – ähnlich wie in den USA beim S&P 500 – lediglich sieben Unternehmen zu 98 % für die starke Jahresperformance des deutschen Aktienindex DAX verantwortlich, nämlich SAP, Telekom, Allianz, Siemens, Siemens Energy, Münchener Rück und Rheinmetall.
Aktien-Ausblick: Chancen auch außerhalb der USA
Ein aktueller Kommentar von Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group.
(30.01.) Sinkende Zinssätze, starkes Gewinnwachstum und umfassende Innovationen: US-Aktien haben die weltweiten Aktienmärkte in den letzten zehn Jahren dominiert. Mit Blick auf die Zukunft könnten jedoch Europa und die Schwellenländer wieder stärkere Opportunitäten bieten. Zu dieser Erkenntnis kommt Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group. Die Gründe dafür sieht er in einem stärker diversifizierten Aktienmarkt sowie in mehreren Branchen, die aufgrund der neuen Realität ein Gewinnwachstum verzeichnen könnten.
„Die US-Aktienmärkte sind mit einer Rallye in das Jahr 2025 gestartet“, sagt Braun. „Sie profitieren weiterhin von dem Schwung nach den US-Wahlen sowie einem Umfeld, das von breitem Wachstum geprägt ist.“ Die Pläne der neuen Administration in den USA könnten jedoch nicht nur für Rücken-, sondern auch für einiges an Gegenwind sorgen. Auf der Habenseite stünden Vorschläge für Steuersenkungen, höhere Verteidigungsausgaben und Deregulierung in einer Reihe von Unternehmenssektoren, darunter Banken, Energie, Luft- und Raumfahrt sowie Gesundheitsunternehmen.
„Andere Maßnahmen stellen für bestimmte Branchen eine Herausforderung dar“, so der Experte. „Die geplanten Zölle könnten langwierige Handelskonflikte mit wichtigen Handelspartnern auslösen und möglicherweise die Inflation wieder anheizen.“
Europäische Opportunitäten trotz schwachem Wachstum
Auch deshalb lohne sich ein Blick auf den europäischen Kontinent. Zwar leide die Region unter dem Krieg in der Ukraine, den hohen Energiepreisen und der engen Bindung an Chinas schleppende Wirtschaft, doch „die europäischen Unternehmen sind nicht gänzlich von der Gesundheit der heimischen Wirtschaft abhängig“, erläutert Braun. „Viele europäische Unternehmen haben globale Ertragsströme, die von einem starken säkularen Rückenwind profitieren.“
Globale Trends hätten den Grundstein für einen Investitionssuperzyklus gelegt, der Chancen für wendige europäische Industrieunternehmen eröffne. So liege beispielsweise der Flugverkehr heute über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie, was die Nachfrage nach neuen Verkehrsflugzeugen antreibe. Airbus, einer von nur zwei großen Flugzeugherstellern weltweit, habe einen Auftragsbestand, der sich über ein Jahrzehnt erstrecke. Im Bauwesen hingegen biete die wachsende Vorliebe für langlebige Materialien, die die Energieeffizienz steigern und die Kosten senken. „Diese Trends stellen Investitionsmöglichkeiten dar, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken, und wir befinden uns erst am Anfang“, resümiert Braun hinsichtlich der Potenziale des alten Kontinents. „In Europa gibt es einige große Industrieunternehmen, die in Bereichen Fuß fassen, die für ein langfristiges globales Wachstum reif sind.“
Schwellenländer profitieren von Diversifizierung
Das Wirtschaftswachstum in China sei weiterhin ausgesprochen schwach, die Wachstumsraten in anderen asiatischen Ländern sähen allerdings viel gesünder aus. „Dies könnte am ‚China-plus-One-Effekt‘ liegen, bei dem Unternehmen ihre Abhängigkeit von Lieferketten aus einer Hand verringert und ihre Produktionsstätten von China weg diversifiziert haben“, erläutert Braun. Dieser Trend könne einen neuen Schub bekommen, je nachdem, wie sich die Zölle unter der Trump-Regierung entwickeln. Während sich die ersten Diskussionen über die drohenden Zölle auf die negativen Auswirkungen konzentrieren würden, könnten die ASEAN-Staaten zu den möglichen Nutznießern gehören.
„Mehrere dieser südasiatischen Länder haben während und seit der ersten Trump-Regierung positive Auswirkungen des ‚Handelskriegs 1.0‘ erlebt“, so Braun. „Nach unseren Berechnungen ist der Anteil der ASEAN-Staaten an den US-Exporten seit 2018 um vier Prozent gestiegen, während der Anteil Chinas um fünf Prozent gesunken ist.“ Derzeit könnten die asiatischen Länder aufgrund der vergleichsweise niedrigeren US-Zollsätze einen größeren Kostenvorteil gegenüber China genießen: bis zu 60 % für China gegenüber 10-20 % für die ASEAN-Länder, wobei diese Zahlen noch bestätigt werden müssten.
In der Zwischenzeit gebe es nur wenige Alternativen für die Produktion außerhalb der ASEAN-Länder und Chinas. Der Anteil Chinas an den US-Importen von Produkten wie Telefonen und Kleidung liege immer noch bei über 25 %, was bedeute, dass die ASEAN-Länder noch Wachstumspotenzial hätten, wenn die USA eine härtere Gangart gegenüber China einlegen sollten.
Mexiko und Indien hinken hinterher
„Zwar haben auch Mexiko und Indien Anteile an den US-Ausfuhren übernommen, doch sind die Fortschritte im Vergleich zu den ASEAN-Ländern aufgrund von Standort- und kulturellen Nachteilen langsamer“, resümiert der Investment Director. „Es ist jedoch zu erwarten, dass ein ‚China plus One 2.0‘ langsamer und mit milderen Auswirkungen als in der Anfangsphase verlaufen wird.“
In den letzten Jahren habe sich das US-Handelsdefizit mit den ASEAN-Staaten erheblich vergrößert: Im schlimmsten Fall könne dies bedeuten, dass diese Länder mit höheren Zöllen belegt werden, im besten Fall, dass es zu langwierigen Handelsverhandlungen mit anhaltender Unsicherheit kommt.
Bitcoin: Vorsicht muss bleiben.
Eine Industrie findet ihren Weg in den Finanzmarkt. (22.01.)
Florian Beckermann. Viele Mitglieder des IVA haben eine grundsätzlich kritische Haltung zu Kryptowährungen. Nicht wenige teilen die Ansicht, dass deren Existenz die globale Nachfrage nach Geldwäsche widerspiegelt. Doch seit 15 Jahren beschäftigt sich Investorenszene mehr oder weniger zumindest mit der populärsten Kryptowährung Bitcoin. Mit der Zulassung eines börsengehandelten GoldmanSachs-ETFs bei der SEC im vergangenen Jahr erreicht sie einen Massenmarkt. Nicht zuletzt der Hype, den US-Präsident Donald Trump um die Währung entfachte, führte zu einem fulminanten Anstieg über 100.000 E im Wechselkurs. Wobei ein eigenes Interesse an der Wirksamkeit seines Memecoins hinzugedacht werden muss – ob seine Euphorie darüber hinaus positiv anhält, ist unklar. Jedenfalls nutzen viele Dienstleister diesen Boom für sich. Eine Industrie findet ihren Weg in den Finanzmarkt.
Der Erfolg hat viele Gründe: Neben dem politischen Rückenwind kommt seit Jahren ein Vertrauensverlust gegenüber der traditionellen Investmentindustrie den Kryptos entgegen. Die unübersichtliche Marktsituation der üblichen Inflationssicherungsinstrumente z. B. Gold, trägt dazu bei. Alternativen sind gefragt. So mischt sich bei vielen Anlegern stetig und interessiert Bitcoin ins Portfolio. Die Negierung von Krypto durch Anleger lässt mithin nach, man will dabei sein. Zuweilen auch nur in geringem Ausmaß. Weniger Gier, mehr Interesse scheint die Motivation zu beeinflussen.
Kritische Haltung ist weiter notwendig:
Es ist nicht zu vernachlässigen, dass insbesondere Bitcoin für die größten Finanzskandale der jüngeren Vergangenheit gesorgt hat. Die Milliardenpleite der Plattform FTX unter der Führung von Sam Bankman-Fried ist allen noch in Erinnerung – Bitcoin Tiefstkurs rund 17.000 E.
Des Weiteren steigt die kriminelle Energie mit steigendem Wert parallel. Milliarden in der Digitalwährung verschwinden jedes Jahr. Den Opfern ist es oft zu peinlich, eine Anzeige zu erstatten. Hunderte Millionen Dollar in Kryptowährungen werden weiterhin als Lösegeld für kriminelle Hackerattacken jährlich gezahlt – von illegalen Aktivitäten im Darknet ganz zu schweigen. Nur mit höchsten Compliance-Standards kann hier eine Legalitätszone geschaffen werden, die letztlich eine Etablierung dauerhaft ermöglicht.
Kapital heißt Verantwortung: In diesem Sinne muss sich jeder Investor überlegen, wem es nützt, wenn man nicht-staatliche Währungen bzw. Zahlungsformen unterstützt und westlich-geprägte, globale Leitwährungen erodiert? Dies ist alles zusätzlich zum Kursrisiko zu bedenken. Bekanntermaßen kein unpolitisches Kursrisiko, weitgehend losgelöst von wirtschaftlichen Prämissen. Natürlich ist in jeder Anlageform ein Risiko enthalten. Innovation inkludiert oft ein erhöhtes Risiko. Insbesondere rein künstliche Formen bedingen eine erhöhte Abhängigkeit. Die entsprechende Risikoabwägung, ja der Spekulationswille, sollte weiterhin die Beträge des Investments bestimmen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessensverband für Anleger
Postings für den guten Ruf
Der hohe Aufwand zeigt die Bedeutung von Social-Media für Unternehmen.
Christian Sec. Ein Blick auf die Social-Media-Kanäle der Unternehmen zeigt vielerorts einen Fokus auf Employer Branding. In einem ihrer letzten Postings auf Instagram zeigt die Strabag eine Fotoreihe eines Pilotprojekts, bei dem zwölf Lehrlinge eigenständig ein Reihenhaus aus Ziegeln bauen. Andere aktuelle Postings auf Instagram stellen Mitarbeiter vor, die einen Einblick in ihre Jobs geben. Gegenüber dem Interessenverband für Anleger (IVA) anlässlich der Hauptversammlung 2024 erklärt die Strabag, dass aufgrund des anhaltenden Fachkräftemangels die Social-Media-Aktivitäten durch diverse Zielgruppenkampagnen ausgeweitet wurden. Insgesamt unterstützten acht Vollzeitäquivalente die Social-Media-Aktivitäten im Geschäftsjahr 2023. Die Strabag ist auf allen relevanten Social-Media-Kanälen vertreten. LinkedIn hat dabei mit mehr als 290.000 Followern den größten Stellenwert.
Dies gilt auch für die OMV. Der Mineralölkonzern hat auf LinkedIn rund 230.000 Follower, auf Instagram z. B. lediglich 15.000. Die OMV will mit dem Social-Media-Auftritt die Sichtbarkeit der Marke erhöhen und die Interaktion mit der Community fördern, erklärt das Unternehmen gegenüber dem Börsen-Kurier. Im Geschäftsjahr 2023 kümmerten sich zwei Personen um die Social-Media-Belange des Unternehmens (1,6 Vollzeitäquivalente), wie der Konzern gegenüber dem IVA bekanntgab. Die OMV setzt in seiner Social-Media-Kommunikation vor allem darauf, sich als Vordenker im Energiesektor zu zeigen.
LinkedIn dominiert
Die dominante Stellung von LinkedIn als Kommunikations-Tool der Unternehmen erklärt Claudia Hajdinyak, Head of Corporate Communications bei Wienerberger, folgendermaßen: „LinkedIn ermöglicht es uns, authentisch und zielgruppengerecht mit einem globalen Publikum zu kommunizieren. Daher bleibt die Plattform ein zentraler Bestandteil der Kommunikationsstrategie, heute und in Zukunft.“ Die Social-Media-Aktivitäten werden vor allem in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Personal integriert, erklärt Hajdinyak. 28.000 Follower hat der Baustoffanbieter auf LinkedIn. 20.000 sind es auf Facebook und rund 21.700 Abonnenten verfolgen die Aktivitäten von Wienerberger auf YouTube.
Die Ziele auf den einzelnen Kanälen sind unterschiedlich – je nach Plattform, erklärt ein Erste-Group-Sprecher in einer früheren Anfrage des Börsen-Kurier. Grundsätzlich kann man sagen, dass LinkedIn eine B2B-Plattform darstellt, während Instagram und Facebook die Endkunden ansprechen sollen. So läuft die neue „#glaubandich“-Kampagne, die die emotionale Bindung zwischen Vater und Sohn thematisiert nicht nur als TV-Spot, sondern wird auch auf YouTube, Instagram und Facebook verbreitet. Um auch das junge Publikum anzusprechen, ist die Erste Bank Sparkasse auch auf TikTok aktiv und hat dort bereits über 25.000 Follower.
Externe Hilfe
Für die Uniqa ist Social Media jedenfalls ein wichtiger Bestandteil zur Förderung der Markenbekanntheit und Kundenbindung. Die Uniqa beschäftigt ein vierköpfiges Team, das sich ausschließlich um die Entwicklung und Umsetzung von Social-Media-Strategien kümmert. Bei einzelnen Projekten kooperiert der Versicherer auch mit externen Agenturen, die bei der Konzeption, Umsetzung und Optimierung von Kampagnen unterstützen.
Die Ausgaben für den Zukauf externer Expertise variieren stark. Bei Andritz betrugen diese gruppenweit für 2023 rund 400.000 Euro, bei Wienerberger waren es vor zwei Jahren lediglich 18.000 Euro. Die Ausgaben für externe Kosten bei der Voestalpine beliefen sich im Jahr 2023 auf etwa 530.000 Euro, wie die Umfrage der IVA aus dem Vorjahr zeigt.
Foto: Pixabay / AzamKamolov
Geht es im Jahr der Schlange aufwärts?
Am chinesischen Neujahrstag, dem 29. Jänner, beginnt das „Jahr der Schlange“.
Tibor Pásztory. Aus diesem Anlass machen wir uns Gedanken über die chinesische Wirtschaft. Das Verhältnis China-USA wirkt sich auch auf Europa aus und wird so zum Dreiecksverhältnis. Da-rüber hinaus hat China auch auf seinem Binnenmarkt mit Problemen zu kämpfen, insbesondere dem Immobilienmarkt und einer zurückhaltenden Konsumnachfrage.
Schon seit Jahren weist der Börsen-Kurier darauf hin, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen, auch nicht in China. Zweistellige Wachstumsraten p.a. kann es nicht ewig geben. Heute wäre die chinesische Regierung schon mit 5 % p.a. zufrieden. Der Börsen-Kurier steht mit dieser Meinung nicht alleine da: Auch Hans Selleslagh, Österreich-Sprecher von Freedom24, der europäischen Tochtergesellschaft, der an der Nasdaq notierten internationalen Investmentgruppe Freedom Holding Corp., die weltweit rund 555.000 Kunden betreut und über eine Marktkapitalisierung von sieben Milliarden US-Dollar verfügt, fragt sich, ob im Jahr der Schlange ein Umschwung gelingt.
Hinlänglich bekannt sind die US-Strafzölle auf chinesische Produkte, die derzeit in aller Munde sind. Diese gibt es allerdings schon seit 2007. Auch die Covid-Pandemie hat Spuren hinterlassen. Viele während des Immobilienbooms gebauten Objekte stehen immer noch leer. Es existiert eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, und das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land steigt. Die Verschuldung der Regionalverwaltungen ist längst zum (öffentlich nicht zugegebenen) Problem geworden. Die Folge ist eine Beinahe-Deflation.
Was für 2025 positiv stimmt
Doch Selleslagh sieht auch Positives: „Jüngste Reformen haben ausländischen Investoren den Einstieg in chinesische A-Shares erleichtert, indem die Schwellenwerte für den Aktienbesitz gesenkt und die Behaltefrist verkürzt wurde.“ Dieser Schritt zeuge von der Entschlossenheit, den Markt zu öffnen und biete Möglichkeiten, ausländisches Kapital zu generieren. Darüber hinaus habe sich die chinesische Regierung der Ankurbelung des Konsums verschrieben, in deren Rahmen 10 Billionen Yuan (1,3 Billionen Euro) in lokale Infrastruktur und den Konsum fließen sollen.
Dies spricht dafür, dass China verstärkt auf seinen Binnenmarkt setzt, angesichts sinkender Nachfrage aus dem Ausland ist dies nachvollziehbar. Anlegern böten sich daher Chancen in Sektoren, die auf die Bedürfnisse der Konsumenten ausgerichtet seien, insbesondere in den Bereichen Technologie, elektronischer Handel und grüne Industrie, meint Selleslagh, wobei das politische Umfeld nicht unbeachtet bleiben sollte. Es gehe daher um eine Balance zwischen vernünftigem Risikomanagement und Wachstumspotenzial.
Asiatische Alternativen
Dass Asien als globaler Konjunkturmotor fungiert, ist nichts Neues. Doch warum muss es immer China sein? Taiwan, führend in der Herstellung von Halbleitern, und der Industriegigant Südkorea sind sowieso in aller Munde. Indien hat China bei der Einwohnerzahl bekanntlich schon überholt und expandiert kräftig. Für die nächsten Jahre werden 6 bis 7 % Wirtschaftswachstum p.a. erwartet. Tech-Startups stehen immer mehr im Fokus internationaler Investoren.
Selleslagh sieht auch Potenzial in Indonesien („reich an Rohstoffen und aufgrund seiner Nickel-Reserven Schlüsselfaktor in der Lieferkette für E-Auto-Batterien“). Thailand wiederum verfüge über gut entwickelte Produktionsstätten im Bereich der Auto- und Elektronikindustrie. Auch der Tourismus-Sektor erhole sich gut.
Foto: AdobeStock / Grafingator (KI generiert)
War Globalisierung gestern?
Zuerst der Pandemie-Schock und nun droht ein erneuter Zollkonflikt.
Michael Kordovsky. Das Freihandelsabkommen GATT ermöglichte, dass von 1995 bis 2023 das Welthandelsvolumen und der Wert des globalen Handelsumsatzes um jeweils 4 bzw. 5 % p.a. expandierten, wobei die WTO die Durchschnittszölle zuletzt mit 9 % quantifizierte. Doch in den vergangenen Jahren gab es zunehmend Bremsklötze für den Welthandel. Die Schutzzoll-Politik Donald Trumps führte 2019 dazu, dass der Welthandel um 2,5 % schrumpfte.
2020 kam noch die Pandemie hinzu – mit der Folge einer weiteren Schrumpfung um 7,5 %, gefolgt von einer kräftigen Erholung und einer Konsolidierung 2023. Die Pandemie führte immer wieder zu Lieferkettenunterbrechungen. Als Gegenmaßnahmen optimierten Unternehmen ihre Lieferketten und bauten höhere Lagerbestände auf, was eine kräftige Erholung befeuerte. Ab 2023 war dann der Abbau der hohen Lagerbestände die Herausforderung – eine Entwicklung, die auch noch das Jahr 2024 prägte und aus europäischer Perspektive wie folgt aussieht:
Exportschwäche und rückläufige Importe in Europa
Im Zeitraum Jänner bis November 2024 waren die Extra-Warenausfuhren der EU, also Exporte in Drittländer, wie z. B. die USA oder China, mit einem minimalen Wachstum gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres nahe der Stagnation. Ihr Wert stieg lediglich um 0,8 % auf 2,37 Milliarden Euro – ein Wert, der rund 14 % des EU-BIP im Jahr 2023 entspricht. Die Extra-EU-Einfuhren waren hingegen bereits um 4,2 % auf 2,23 Milliarden Euro rückläufig. Noch stärker ausgeprägt waren diese Tendenzen im Euroraum mit einem Extraausfuhr-Wachstum von nur noch 0,3 % und einem Rückgang der Extra-Einfuhren um 4,3 %, was auf den Abbau hoher Lagerbestände eines in der Rezession befindlichen Industriesektors zurückzuführen ist.
Im November 2024 entwickelten sich dann sowohl die Extra-Ausfuhren der EU als auch des Euroraums mit je 1,2 bzw. 1,6 % negativ. Aufgrund der schwachen Konjunktur in Europa war auch der EU-Binnenhandel bzw. der Intra-EU-Handel in den ersten elf Monaten 2024 um 2,6 % rückläufig. Dieser Rückgang hat sich im November 2024 gegenüber dem Vorjahresmonat sogar auf 5,4 % beschleunigt.
Betrachtet man die EU-Ausfuhren im November nach Ländern, so waren diese nach China, Brasilien und Großbritannien um jeweils 12,8 %, 6,8 % bzw. 4,3 % rückläufig. Die Exporte in die USA stiegen nur noch um 1,6 % auf 46,8 Milliarden Euro. Der wichtige US-Markt könnte sich aber infolge neuer Schutzzölle durch die Trump-Administration zukünftig sogar rückläufig entwickeln.
Zollkonflikt kostet Wirtschaftswachstum
Was zukünftige Schutzzölle bedeuten könnten, hat bereits im Oktober 2024 das Centre d’études prospectives et d’informations internationales (CEPII), ein französisches Forschungsinstitut für internationale Wirtschaft, errechnet: Im zentralen Szenario werden die US-Zölle auf alle Produkte aus allen Ländern außer Kanada und Mexiko um 10 %-Punkte erhöht, während die USA die Zölle auf Einfuhren aus China um 60 %-Punkte anheben. Alle Handelspartner der USA ergreifen Vergeltungsmaßnahmen: Sie erhöhen die Zölle auf US-Waren um die gleiche Spanne (10 bzw. 60 %-Punkte im Fall von China). Nur Kanada und Mexiko ändern ihre Handelspolitik nicht. Alle diese Zolländerungen erfolgen im Jahr 2025.
Die Folgen: Im Vergleich zum Baseline-Szenario der bisherigen Handelspolitik würde 2030 das globale Exportvolumen um 3,4 % schrumpfen, was 0,5 % weniger Weltwirtschaftsleistung bedeutete. Chinas Exporte in die USA würden vergleichsweise um 80,5 % und die US-Exporte nach China um 58 % einbrechen. Deutschlands Exporte in die USA und nach China würden 2030 um je 12,7 bzw. 6,1 % niedriger sein als im Falle des Status quo.
Dafür würden die deutschen Exporte nach Kanada und Mexiko um 18,3 bzw. 29,7 % höher liegen. Ähnliche Tendenzen würden dann auch für Frankreich gelten, und betrachtet man die restliche EU, dann stehen ebenfalls Rückgänge im US-Geschäft und im China-Export starken Steigerungen in Mexiko (+28,3 %) und Kanada (+13,8 %) gegenüber.
Per Saldo würde das Szenario des CEPII für China und die USA vergleichsweise Exportrückgänge von je 8,9 bzw. 22,9 % und um je 1,3 % weniger Wirtschaftsleistung bedeuten. Deutschlands Exporte hingegen wären nur um 0,6 % (BIP: -0,1 %) rückläufig. Ähnliches gilt auch für Frankreich. Die restliche EU-27 würde bei 0,4 % weniger Ausfuhren 0,1 % des BIP verlieren, weniger sogar als Großbritannien (BIP -0,3 %). Die großen Gewinner wären indessen Kanada (Exporte: +8,3 %; BIP: +1,3 %) und Mexiko (Exporte: +26,1 %; BIP +6,6 %). Ob sich das tatsächlich so zutragen wird, bleibt aber natürlich abzuwarten.
Fazit
Fakt ist, dass die „goldenen Zeiten“ des globalen Handels hinter uns liegen und US-Präsident Trump zu protektionistischen Maßnahmen, sprich Schutzzöllen, neigt. Letztere wären wegen der Gegenzölle kontraproduktiv und würden Handelsvolumen und Wachstum kosten.
Foto: Fotolia / Christos Georghiou
„Ausgezeichneter Zeitpunkt für Immobilienkauf“
Noch gebe es viel Angebot am Markt. Allerdings dämpfe das Zinsniveau die Renditeerwartungen.
Patrick Baldia. In den vergangenen zwei Jahren war die Lust der Österreicher, eine Immobilie zu kaufen, bekanntlich überschaubar. Und angesichts der herausfordernden Rahmenbedingungen mit steigenden Zinsen, verschärften Kreditvergaberichtlinien sowie hoher Inflation und Baukosten sollte das auch nicht verwundern. Zu hoch war die Unsicherheit, wie sich die Kaufpreise weiter entwickeln werden.
Stattdessen boomte die Nachfrage nach Mietwohnungen. Allein im Vorjahr stiegen laut EHL Immobilien die Mietpreise im Durchschnitt um 6,2 bis 7,7 %. Wie eine Analyse von Immoscout 24 aufzeigt, kosteten Mietwohnungen in Wien 2024 19,2 Euro pro Quadratmeter.
Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass sich eine positive Wende am Immobilienmarkt abzeichnen dürfte. Bei der s Real verweist man etwa auf die Befreiung von Grundbuch- und Pfandeintragungsgebühr bei privaten Immobilienkäufen, die Einsparungen von bis zu 11.500 Euro ermöglicht, sinkende Zinsen ab der zweiten Jahreshälfte sowie auf die Ankündigung, dass die KIM-Verordnung per 30. Juni 2025 auslaufen wird. Angesichts der „spürbaren Erleichterungen“ würden immer mehr Menschen am Markt aktiv werden bzw. die Anfragen nach Eigentumsimmobilien würden steigen.
„Die Wohnbauproduktion ist weiterhin rückläufig. Daher ist jetzt ein ausgezeichneter Zeitpunkt für einen Immobilienkauf, da es noch viel Angebot am Markt gibt“, sagt Martina Hirsch, Geschäftsführerin der s Real. Die Auswahl an Immobilien sei sogar so groß wie schon lange nicht. Käufer könnten sich ein Investment in Ruhe überlegen und auch der Verhandlungsspielraum bei den Verkäufern sei größer als in der Vergangenheit.
Weitere Mietanstiege erwartet
Ein wesentliches Argument für Anleger: Auf drastisch zurückgehende Mieten deutet in absehbarer Zeit wenig. Vor allem nicht die Kombination aus sinkendem Angebot bei hoher Nachfrage – Stichwort: stark positive Bevölkerungsentwicklung in den heimischen Metropolen. Denn die Bautätigkeit der Entwickler war zuletzt rückläufig und wird angesichts des Rückgangs bei den Baugenehmigungen auch so schnell nicht wieder an Fahrt aufnehmen. Gegenüber dem Börsen-Kurier bestätigen Makler, dass sie sich bei Vermarktungsstarts kaum retten könnten vor Anfragen.
Nachdem im Vorjahr bereits um rund ein Viertel weniger Mietwohnungen fertiggestellt wurden, erwartet man bei EHL Immobilien heuer jedenfalls ein sattes Minus von 60 % gegenüber 2024. Nicht mehr als 1.800 Wohnungen sollen fertig werden. „Diese Entwicklung markiert den stärksten Einbruch in den vergangenen zehn Jahren und bringt den Mietwohnungsmarkt weiter unter Druck“, so das Fazit von EHL Immobilien. Wenig hilfreich ist da, dass auch das Angebot an Bestandsmietwohnungen äußerst überschaubar ist.
Im Eigentumsbereich nimmt neben der Nachfrage im Eigennutzersegment jedenfalls auch die Dynamik am Anlegermarkt zu. „Auch wenn die Option mit dem klassischen Modell samt Vorsteuerabzug derzeit seltener gezogen wird“, so die Experten von EHL Immobilien. Beim Marktführer Remax sieht man die steigende Mietnachfrage zwar als gute Motivation für Anleger, zu investieren, allerdings dämpfe das allgemeine Zinsniveau derzeit die Renditeerwartungen. Auch wären alternative Anlageformen attraktiver. Sehr wohl nachgefragt wären preislich besonders interessante Wohnungen mit Renditen von mehr als 4,5 %.
Worauf sollten Anleger achten? Bei neuwertigen Immobilien sollte die Nettomietrendite bei mindestens 3,5 bis 4 % liegen, empfehlen Experten. Etwas höher sollte sie aufgrund der höheren Instandhaltungskosten und längeren Lebensdauer bei älteren Objekten sein. Ideal für eine attraktive Immobilienrendite ist jedenfalls ein attraktiver Kaufpreis bei einer möglichst hohen – aber noch immer ortsüblichen – Miete. Entscheidend für ansehnliche Mieteinnahmen wären dabei eine gute Lage und Infrastruktur. Damit gehen auch ein geringerer Leerstand und die Chance auf steigende Mieten einher.
Foto: AdobeStock / vchalup
Heikle Standortdebatte: Worauf es wirklich ankommt
Populismus schadet dem Standort; die Debatte darf aber geführt werden. (22.01.)
Florian Beckermann. Wer dieser Tage die Echokammern der österreichischen Wirtschaft belauscht, wird Zeuge einer handfesten Wirtschaftsstandort-Kampagne. Angefangen bei Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung über Thinktanks bis hin zu politischen Parteien sind sich alle einig: Der Standort ist höchst reformbedürftig. Zeitweise gewinnt man das Gefühl, eigentlich gegen die wirtschaftlichen Vorteile eines Standorts in der Wüste Gobi keinerlei Chancen zu haben! Insbesondere die steuerlichen Voraussetzungen, Lohnstückkosten und Bürokratie gelten als schlagende Argumente. Unbestritten handelt es sich um dauerhaft reformbedürftige Themen.
Eine Standortdebatte birgt aber grundsätzliche Nachteile: Neben eigener Rufschädigung tritt eine verstärkte Polarisierung ein. Die Fachebene der Diskussion wird durch umfassenden kurzdenkenden Populismus gestört, Wettbewerbsverzerrung wird in Kauf genommen.
Eine selbsterfüllende Prophezeiung tritt ein: Negative Stimmung, ja Motivationslosigkeit. Soweit die Theorie.
In der Praxis ist es kaum von der Hand zu weisen, dass sich keine zentralasiatischen Unternehmer in Österreichs Industriezonen verirren – auch aus anderen Destinationen blieb der „Ansturm“ aus. Dennoch haben andere europäische Länder mit ähnlichen Voraussetzungen Betriebsansiedlungen sehr erfolgreich erreicht. In Sonderwirtschaftszonen gelangte man beispielsweise in Polen nicht nur auf die Bürokratie-Überholspur, sondern erhielt auch noch langfristige Steuerzuckerl. Vorteile, deren Ernte das Land heute einfährt.
Die Standortqualitäten der Zukunft mögen von solchen Ideen ebenfalls profitieren, ein „Gamechanger“ in Sachen Wettbewerbsvorteil sind sie weniger. Es ist keine Neuigkeit, dass sich die nächste industrielle Revolution durch Automatisierung und künstliche Intelligenz tiefgreifend gegen die Arbeitskraft vieler Menschen stellt. Ein Standort muss daher sein Humankapital für eine resiliente Wirtschaft entwickeln.
Grundsätzlich hat Österreich dazu beste Voraussetzungen, in der Finanzwirtschaft, der hochspezialisierten Industrie, im Tourismus oder der Gesundheitsbranche ist der Faktor Mensch unverzichtbar. Eine hohe Energiequote aus nachhaltigen Quellen kommt vorteilhaft hinzu.
Umgekehrt ist das Österreich von heute leider kaum mehr ein Platz für Menschen mit Kapital, sei es finanziell oder im Knowhow. Es droht immer wieder ein leistungsfeindliches Umfeld zu entstehen – wer riskiert hier noch? Zusätzlich gab man sich allzu lange Zeit mit Mittelklasse-Standortkriterien zufrieden – wen bekommt man dann? Wer also eine zukunftsorientierte Standortdebatte führen möchte, muss hier ansetzen.
Aus Sicht des IVA kommt dabei dem international anerkannten Faktum ein nachhaltig „Sicherer Hafen“ für Kapitalanlage zu sein, überragende Bedeutung zu. Dies schließt einen hohen Qualitätsanspruch an heimische Anlageformen ein. Wenn mit einem nachhaltigen fiskalischen Pragmatismus und Rechtssicherheit, langfristige Planbarkeit entsteht, gewinnt der Standort über die Belange der parteipolitisch gefärbten betriebswirtschaftlichen Deckungsbeitragsdebatte hinaus.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessensverband für Anleger
Rendite der US-Treasuries: Signal für Wende am Aktienmarkt?
Ein Kommentar der Experten von Steiermärkische Sparkasse Private Banking.
(17.01.) An den Märkten ist der Blick derzeit auf die steigenden Renditen bzw. die sinkenden Kurse der US-Treasuries gerichtet. Starke Arbeitsmarktdaten und Sorgen über die US-Inflation ließen die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen zuletzt auf den höchsten Stand (ca. 4,7 %) seit April 2024 steigen. Ein Anstieg der 10-jährigen Benchmark-Rendite auf 5 % könnte ein Kaufsignal für Anleihen und eine mögliche Trendumkehr bei Aktien bedeuten, schreiben die Experten der Steiermärkische Sparkasse Private Banking über die aktuelle Lage.
Fokus auf Aktienrisikoprämie
Theoretisch betrachtet könnten die Wertunterschiede zwischen US-Aktien und Anleihen schließlich so groß werden, dass die Anlegerinnen und Anleger ihr Engagement in eher teuren Aktien reduzieren und sich mit Staatsanleihen eindecken. Diese „Aktienrisikoprämie“ gilt als nützlicher Indikator. Sie kann auf verschiedene Weise gemessen werden, ist aber im Wesentlichen die Differenz zwischen der Ertragsrendite des S&P 500 Index und der Rendite 10-jähriger Staatsanleihen. In „normalen“ Zeiten sollte der Wert positiv sein und den Anlegern eine angemessene Prämie für das Halten von Aktien gegenüber „risikofreien“ Staatsanleihen bieten.
Optionenmarkt in Unruhe
Währenddessen macht sich auch am Markt für Futures-Optionen Unruhe breit, wo auf einen weiteren Anstieg der Renditen gewettet wird. Dies spiegelt auch – abseits der aktuellen Wirtschaftsdaten – die Befürchtung wider, dass die Politik der neuen Trump-Regierung das bereits aufgeblähte Haushaltsdefizit erhöhen und die Inflation wiederbeleben wird. Steuersenkungen sind eines von Trumps Wahlversprechen, von denen Verbraucher und Unternehmen insgesamt profitieren dürften. Aber wenn die Steuersenkungen nicht durch Ausgabenkürzungen finanziert werden, werden sie wahrscheinlich das Staatsdefizit erhöhen. Das bedeutet, dass mehr Staatsanleihen den Markt überschwemmen, um die Ausgabenlücke zu schließen, was die Zinssätze in die Höhe treibt. Auch sind die Marktteilnehmer zunehmend besorgt über sein Versprechen, weitreichende Zölle auf Importe zu erheben, ein Schritt, der ebenso als inflationär angesehen wird.
Wohin steuert die US-Inflation?
Dazu passt die jüngst bekannt gewordene Zusammenfassung des Protokolls der Dezember-Sitzung der US-Notenbank Fed, das auf eine ernste Besorgnis über die Inflation hindeutete. Die Zusammenfassung des Treffens enthielt mindestens vier Erwähnungen über die Auswirkungen, die Änderungen in der Einwanderungs- und Handelspolitik auf die US-Wirtschaft haben könnten.
Vorsicht gegenüber Trumps Politik
Seit Trumps Wahlsieg im November hat er Pläne für aggressive Strafzölle gegen China, Mexiko und Kanada sowie die anderen Handelspartner der USA signalisiert. Darüber hinaus will er mehr Deregulierung und Massenabschiebungen vorantreiben. Das Ausmaß der Maßnahmen und insbesondere die Art und Weise, wie sie gesteuert werden, erfordert nach Ansicht der Mitglieder des Federal Open Market Commitee (FOMC, Offenmarkt-Ausschuss) extreme Vorsicht. „Fast alle Teilnehmer waren der Meinung, dass die Aufwärtsrisiken für die Inflationsaussichten zugenommen haben“, heißt es in dem Protokoll. Als Gründe für dieses Urteil nannten die Teilnehmer die jüngsten stärker als erwarteten Inflationsdaten und die wahrscheinlichen Auswirkungen möglicher Änderungen in der Handels- und Einwanderungspolitik. Die FOMC-Mitglieder stimmten laut Protokoll dafür, den Leitzins der Zentralbank auf einen Zielbereich von 4,25 bis 4,5 % zu senken. Sie senkten jedoch auch ihre Prognose für die erwarteten Kürzungen im Jahr 2025. Ging man in der Sitzung von September 2024 noch von 4 Senkungen aus, so dürfte das Tempo deutlich auf bloß zwei Zinsschritte 2025 reduziert werden.
Anleihen als Alternative zu teuren Aktien
Experten halten 2025 eine Verschiebung von Aktien in Richtung Anleihen für durchaus denkbar.
Patrick Baldia. Hält die starke Performance der großen Aktienmärkte auch 2025 an? Kaum eine Frage dürfte Anleger derzeit wohl mehr beschäftigen. Zumindest in den ersten Wochen des neuen Jahres blieben etwa US-Aktien jedenfalls weiter gefragt. Dahinter steht für Experten das erwartete Gewinnwachstum von rund 14 % und die unternehmensfreundliche Wirtschaftspolitik des 47. US-Präsidenten Donald Trump. Die Rechnung ist relativ einfach: Sollten die angekündigten Steuererleichterungen kommen, dürften die Aktienkurse aufgrund der positiven Auswirkungen auf die Unternehmenskurse weiter steigen.
Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass das Sentiment der US-Aktieninvestoren trotz der vermeintlich positiven Ausgangslage keineswegs sehr optimistisch ist, wie die Analysten der Erste Group anmerken. So sei der Anteil an bullish eingestellten Anlegern zuletzt auf das „moderate Niveau“ von 35,1 % gesunken. „Sollte es bei den Fundamentaldaten oder der Stimmung zu einem abrupten Umschwung kommen, droht jedoch eine Anpassung der Bewertungen“, warnt auch Chris Iggo, CIO Core Investments bei AXA Investment Managers. Nachsatz: „Als eine der größten Überraschungen des Jahres 2025 ist eine rasche Verschiebung von Aktien in Richtung Anleihen durchaus denkbar.“
„Bei den derzeitigen Renditeniveaus stellen Anleihen eine echte Alternative zu den hohen Bewertungen des Aktienmarktes“, sagt Thomas Kirchmair, Head of Global Rates bei Swisscanto. Der Experte verweist darauf, dass in den vergangenen Wochen Befürchtungen über eine inflationäre Finanz- und Wirtschaftspolitik in den USA die weltweiten Renditen in die Höhe getrieben hätte. „Unseres Erachtens könnte dieser ‚Trump-Trade‘ dazu führen, dass es sich mittelfristig lohnt, auf dem aktuellen Niveau in den Markt einzusteigen und Zinsrisiken aufzubauen“, so Kirchmair.
Höhere Volatilität erwartet
Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, erwartet, dass die größere Schuldenaufnahme in den USA zu höherer Volatilität bei Anleihen sorgen dürfte. Renditen und Kupons seien aber insgesamt hoch genug, um einen stärkeren Puffer bei möglichen Kulturschocks zu bekommen. Als „Stabilisator“ empfiehlt J.P.-Morgan-Experte Galler Anleihen aus dem qualitativ hochwertigen Bereich. Da die EZB die Zinsen deutlich mehr senken könne als die Fed, sieht er europäische Bonds klar besser unterstützt als Papiere aus den USA. „Allerdings muss man in Europa auch zwischen den einzelnen Ländern differenzieren“, erklärt Galler. So dürfte etwa die Lage in Frankreich schwierig bleiben, während Bundesanleihen ein sicherer Anker sein könnten.
Bei der Erste Asset Management sieht man auch Chancen bei Unternehmensanleihen. „Dass die Zinsen auch heuer weiter zurückgehen sollten, auch wenn viel-leicht nicht so schnell wie erwartet, ist sehr positiv für Corporate Bonds und vor allem für High- Yield-Papiere“, erklärt Produktmanager Mario Kaudela im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.
Um dies zu unterstreichen lanciert die Erste Asset Management zu Jahresbeginn mit dem „Erste Laufzeitfonds Hochzins 2028 II“ und dem „Erste Laufzeitfonds Hochzins 2030“ zwei neue einschlägige, in Euro denominierte, Fonds.
Die neuen Laufzeitfonds können jedenfalls bis zu 40 % in Investment-Grade-Anleihen investieren. Typischerweise werde der Anteil bei 20 bis 30 % liegen, so Kaudela. Auch das Investment-Grade-Segment sehe man positiv bzw. erwarte im Idealfall eine annähernd ähnliche Entwicklung für 2024 – allerdings bei höherer Volatilität. „Investment-Grade-Unternehmen profitieren ebenso wie High-Yield-Unternehmen von Zins-senkungen, aber der Effekt ist oft weniger ausgeprägt, da ihre Kreditkosten bereits relativ niedrig sind und sie längere Laufzeiten für ihre Anleihen haben.“
Foto: AdobeStock / maurice norbert
Weshalb Europas Hochzinsmarkt Chancen bietet
Die Zinsen dürften weiter sinken, die Firmen-Bilanzen sind großteils solide, meinen Experten.
Raja Korinek. Der Start in das neue Börsenjahr wird von vielen Unsicherheiten geprägt, so etwa vom Amtsantritt Donald Trumps und seinen geplanten Zöllen. Werner Krämer, Geschäftsführer und Ökonom bei Lazard Asset Management (AM) Deutschland, lieferte eine Prognose im Rahmen der Präsentation „Mehrrendite mit High-Yield-Anleihen auch 2025?“. Der Börsen-Kurier war dabei.
Krämer verweist auf weitere Vorhaben Trumps, so etwa auf mögliche Steuersenkungen und die Frage der Gegenfinanzierung. Letzt-endlich könnte das Budgetdefizit damit steigen, dass ohnedies sehr hoch sei. Ebenso abzuwarten seien die Pläne zur geplanten Deregulierung etwa im Bankensektor, während der Energiesektor verstärkt gefördert werden soll.
Kurzfristiger Konjunkturaufwind
Zahlreiche der geplanten Maßnahmen dürften Krämer zufolge jedoch auch einen starken Impuls auf die US-Konjunktur haben – damit aber auch zu einer höheren Inflation sowie einem steigenden US-Dollar führen.
In Europa dürfte sich ein gegenteiliges Bild abzeichnen. Dort sollte dem Lazard-AM-Experten zufolge die Inflation sinken, auch da das Wirtschaftswachstum unter Druck geraten könnte. Die Folgen für die Geldpolitik? In den USA könnte die FED von weiteren Zinssenkungen zunächst absehen, in der Eurozone dürfte eine rückläufige Inflation der EZB Spielraum für weitere Senkungen eröffnen.
In diesem Zusammenhang lohnt sich der Blick auf die Bondmärkte diesseits des Atlantiks. Generell steigen die Kurse bestehender Anleihen in einem Umfeld sinkender Zinsen. Sie sind dann besser verzinst als jene Papiere, die nach der Senkung begeben werden.
Alexia Latorre, Fixed Income-Fondsmanagerin bei Lazard Frères Gestion, geht insbesondere auf den Markt für Euro-Hochzinsanleihen ein und meint, „trotz der bislang allgemein höheren Zinsen sind die Bilanzen bei Unternehmen aus dem High-Yield-Bereich grundsätzlich solide“. Und wie sieht es mit den Ausfallraten aus? Sie lagen zuletzt bei 3,6 % und dürften in gut zwölf Monaten auf rund 3 % sinken. Das sei eine ebenso solide Entwicklung.
Emissionen nehmen wieder zu
Latorre rechnet zudem mit steigenden Emissionen, wodurch sich die Liquidität verbessern werde. Noch vor wenigen Jahren hatten Emittenten sich aufgrund der gestiegenen Zinsen zurückgehalten. Obendrein waren einige Emittenten in das obere Bondsegment, dem Investment-Grade-Bereich aufgestiegen, da sich ihre Bonitäten verbessert hatten. Aufgrund des nunmehr niedrigeren Zinsniveaus und des steigenden Refinanzierungsbedarfs dürfte sich dieser Umstand ändern, konstatiert Latorre. Zudem sind die durchschnittlichen Laufzeiten überschaubar. Sie liegen bei rund vier bis fünf Jahren. Damit kommen Anleger umso rascher an ihr eingesetztes Kapital heran, ein Umstand, der gerade bei Schuldnern mit einer schwächeren Bonität von Vorteil ist.
Doch welche Chancen gibt es? Der „Wellington Euro High Yield Bond Fund“ investiert vor allem in Emittenten aus der Kommunikationsbranche, gefolgt von dem zyklischen Konsum- sowie den Bankensektor. Rund 16 % des Fondvermögens sind derzeit in UK-Emittenten investiert. Und die durchschnittliche Fondsrendite lag zuletzt bei 4,7 %.
Im „Lazard Euro Corp High Yield Fund“ werden Finanztitel außen vorgelassen. Am höchsten werden hingegen Telekom- und Gesundheitstitel gewichtet, gefolgt von Schuldnern aus der Grundstoffindustrie. Die durchschnittliche Rendite lag zuletzt bei rund 5,4 %. Bei beiden Produkten sind Verluste möglich.
Foto: AdobeStock / rochagneux
Welche Reformen sich Wirtschaftstreuhänder wünschen
Philipp Rath, Präsident der Vereinigung österreichischer Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, im Interview.
Marius Perger. Der Börsen-Kurier hat mit Philipp Rath (Foto), Vizepräsident der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sowie Präsident der Vereinigung österreichischer Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (VWT), über aktuelle Herausforderungen für Berater und deren Klienten, Wünsche an die kommende Regierung sowie seine Ziele und Strategien in der Standesvertretung gesprochen.
Ganz großes Thema in der Bilanzsaison 2024 sei die schlechte Wirtschaftslage, betont Rath einleitend. Er befürchtet, dass die Insolvenzwelle weitergehen werde, insbesondere das erste Halbjahr 2025 werde schwierig werden. Zu erwarten seien wieder größere Insolvenzen, wobei es auch Anfechtungen oder Klagen wegen Insolvenzverschleppung seitens der Masseverwalter geben könne. Und bei Fortbestehensprognosen gelte es für Wirtschaftsprüfer vor der Unterschrift besonders aufzupassen. Rath sieht diesen Trend durchaus kritisch: „Die Klagerei hilft niemandem.“ Für Wirtschaftsprüfer und ihre Klienten stelle dies aber eine große Herausforderung dar.
Ein weiteres wichtiges Thema sei die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Zu erwarten sei die Umsetzung der EU-Richtlinie in Österreich jetzt erst im zweiten Quartal. Rath glaubt, dass es nicht zu einer rückwirkenden Anwendung kommen werde, und er hofft, dass im Sinn einer Entbürokratisierung die Regulierung weniger scharf als befürchtet ausfallen werde. Wichtig wäre es für ihn, die Grenzen für die Anwendung langsamer herunterzusetzen und bei 2.000 Mitarbeitern zu beenden: Gerade in der jetzt schwierigen Wirtschaftssituation gehe es für viele Unternehmen auch darum, ob sie sich die umfangreiche Dokumentation leisten können. Rath kritisiert auch die Vielzahl der erhobenen Daten ebenso wie die Scope-3-Bestimmungen (Ermittlung der Emissionen in der Lieferkette, Anm.). Letztere belaste die Wettbewerbsfähigkeit Europas, weil diese Anforderungen in den USA nicht gestellt werden, und Wirtschaftsprüfer würden Zahlen erhalten, die sie nicht überprüfen können.
Weniger herausfordernd sei derzeit die Steuergesetzgebung: Rath rechnet hier vorerst mit keinen großen Umbrüchen, wichtige Änderungen dürfte es frühestens 2026 geben.
Viele Aufgaben für die nächste Regierung
Vor allem sei zu hoffen, dass es bald zu einer Regierungsbildung kommt, so Rath. Die nächste Bunderegierung müsse dann sehr schnell die Gesetzgebung zur Nachhaltigkeitsberichterstattung abschließen, dabei hoffentlich die Übergangsbestimmungen erleichtern und dafür sorgen, dass es nicht sofort zu Strafen kommt.
Bei Steuern fordert Rath Reduktionen: Mit dem Progressionsanpassungsgesetz sei „ein Stück gelungen“, das sei aber nicht ausreichend: „Es muss mehr passieren bei den Lohnnebenkosten, damit vom Brutto mehr netto bleibt.“ Auch Wirtschafts- und Arbeiterkammer seien hier gefordert: Beide hätten genug Reserven und sollten mit gutem Beispiel vorangehen und die Beiträge senken. Die Kommunalsteuer sollte „ein Stück aufgemacht werden“. Rath wünscht sich dabei ein Splitting: 2,5 % fix und die weiteren 0,5 % im Ermessen der Gemeinden, wodurch es zu einem Wettbewerb der Gemeinden kommen könnte, wie es ihn in anderen Ländern gibt.
Im Bereich der Bürokratie wünscht sich Rath, dass Österreich digitaler wird. Noch immer würden nicht alle Formulare online zur Verfügung stehen und es sollte möglich sein, mehr mit digitaler Signatur zu unterschreiben: „FinanzOnline könnte man besser machen“, und auch Gemeinden und Sozialversicherung sollten sich dies zu Herzen nehmen. Auch Künstliche Intelligenz werde zunehmend eine Rolle spielen: Sie werde einerseits viel Arbeit sparen, andererseits vor allem bei der Prüfung hilfreich sein, „unsystematische Buchungen zu erkennen“.
Darüber hinaus wünscht sich Rath auch eine Reduzierung der Zahl der Kollektivverträge, insbe-sondere sollte hier das Rahmenrecht in ganz Österreich gleich sein. Und schließlich wäre es auch sinnvoll, „den Föderalismus zurückzustutzen“. Rath bleibt allerdings Realist: Zuerst gehe es für die nächste Regierung darum, das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen, eine Entbürokratisierung sei erst im zweiten oder dritten Jahr zu erwarten.
In der Standesvertretung wartet viel Arbeit
Die Standesvertretung sollte wieder etwas politischer werden, wünscht sich Rath: So sei man zuletzt bei der Gesetzgebung oft nur Zuschauer gewesen, wichtig wäre es, mehr Einfluss zu nehmen. Dabei müsse man Koalitionen mit anderen Interessenvertretungen schmieden und auch – beispiels-weise was die Kollektivverträge betrifft – die Gewerkschaften mitnehmen.
Große Aufgaben gebe es für den Berufsstand im Bereich der Digitalisierung. Wichtig sei es, Unternehmen und Kollegen auf die massiven Änderungen vorzubereiten, die durch die Einführung der e-Rechnung auf sie zukommen. Und Mitarbeiter, die durch die Digitalisierung freigesetzt werden, müssten zu höher qualifizierter, effizienterer und interessanterer Arbeit umgeschult werden.
Eine weitere Herausforderung stelle der Generationenwechsel in den Steuerberatungskanzleien dar. Zu wenige junge Kollegen wären bereit, eine Kanzlei zu übernehmen. Zu den Hauptproblemen zähle es dabei, dass auch eine Kanzlei wie ein Unternehmen geführt werden muss – hier bedürfe es mehr Unterstützung seitens der Kammer, „sonst werden die kleinen Kanzleien aussterben“.
Foto: Marek Knopp
Pierer Mobility/KTM: Es wird emotional.
Die a.o. HV der Pierer Mobility steht vor der Tür. (15.01.)
Florian Beckermann. Mit der außerordentlichen Hauptversammlung der Pierer Mobility am 27. Jänner findet die Sanierung des Pierer-Imperiums einen vorläufigen Höhepunkt. Eine Kapitalmaßnahme und eine Aufsichtsratswahl sind geplant. Aufgrund der Börsennotiz ein öffentlicher Baustein in einem sonst recht Gerüchte-affinen Verfahren. Die Gefühlslage ist aufgeheizt. Nicht nur dem IVA werden wiederholt Sorgen und Ärger geklagt. Es geht um viel.
Es ist unzweifelhaft, dass der Standort Mattighofen in den letzten Jahrzehnten aufgrund der KTM zu einem Magneten für Know-how geworden ist – mit allen positiven und negativen Effekten. Eine Region hat die Vorteile eines Weltkonzerns gespürt. Lebensentwürfe bauen auf dem Erfolg dieser Unternehmung auf. Ein gewisser Stolz schwingt mit.
Die Kritik am Management reißt nicht ab und wird auf der Hauptversammlung zur Sprache kommen: Warum wurde weiter auf Halde produziert? Warum hat man die Händler vorfinanziert? Warum wurden Qualitätsprobleme nicht erfolgreich beseitigt? Wie passt das alles mit der 2023er Bilanz zusammen? Warum konzentrierte sich die Verantwortung nahezu ausschließlich auf Stefan Pierer? Warum konnte kein Aufsichtsrat Pierer in seinen „Expeditionen“, Leoni/Rosenbauer/IV bremsen? Stichwort: Fokuszeit. Auf mögliche Antworten darf man gespannt sein. Für Emotionen scheint gesorgt.
Zurück zur Tagesordnung, deren Abstimmungsergebnisse aufgrund der mehr als 70 %igen Stimmgewalt der Pierer Bajaj AG eher formal sein werden. Im wirtschaftlichen Mittelpunkt steht die Schaffung von Finanzinstrumenten, wie Wandelschuldverschreibungen oder Genussscheinen mit einem Volumen von bis zu 900 Millionen Euro mit Bezugsrechtsausschluss für die bestehenden Aktionäre. Man erinnert sich an deutlich geringere Notwendigkeiten? Ob diese Summe ausreicht oder überhaupt insgesamt ausgenutzt wird, hängt wesentlich von der Konzerngesamtbetrachtung ab. Eine verlässliche Aussage läßt sich nicht treffen. Der Bezugsrechtsausschluss ärgert, sind doch viele Streubesitzaktionäre interessiert, an der Erholung der Marke KTM mitzuwirken – schade.
Polarisierend wirkt die Nominierung von Stephan Zöchling als Aufsichtsrat für die Pierer Mobility. Dem Ex-Investmentbanker wird Sanierungskompetenz zugeschrieben. Zusammen mit Hans-Peter Haselsteiner kaufte er vor einigen Jahren den Autozulieferer Remus.
Kritischer wiegt jedoch seine Bekanntheit aus seinem Engagement für den sanktionierten russischen Oligarchen Oleg Deripaska und dessen Firmen, sowie seine Nähe zu Siegfried Wolf. Unlängst kaufte er die Abwicklungsreste der russischen Sberbank in Wien. Ferner war er wesentlicher Bestandteil der Struktur „Iliadis“ die Deripaskas Strabag-Anteile mit den RBI-Russland-Anteilen abzutauschen suchte. Dieser Deal wurde nachvollziehbarerweise abgesagt. Eine Klage gegen die großen Raiffeisen-Aktionäre daraus in Höhe von rund 1,9 Milliarden Euro ist in Russland anhängig. Angesichts der unklaren Zukunft des Konzerns ist seine Motivations- und Interessenslage offen.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessensverband für Anleger
Lukrative Wiener Unternehmensanleihen
Heimische Corporate Bonds sind eine gute Anlagealternative.
Michael Kordovsky. Michael Kordovsky. Anleihen von Banken oder von Unternehmen mit starker Marktposition und solider Eigenkapitaldecke oder auch Emissionen von renommierten Immobilienfirmen können derzeit durchaus lukrative Investments darstellen. Ein aktuelles Beispiel ist der „7 % UBM Green Bond 2024-2029“ mit Fälligkeit 29.10.2029, der auf Basis eines Kurses von 93 % (18.12.2024 amtlicher Handel, Corporate Prime, Wiener Börse) eine effektive Rendite bis Fälligkeit von 8,824 % aufweist. Der Immobilienentwickler UBM verfügt über eine Eigenkapitalquote von rund 30 % und könnte in der zweiten Jahreshälfte 2025 wieder schwarze Zahlen schreiben.
Solide Industrieanleihen
Eine defensivere Alternative mit einem Moody‘s Rating von A3 (Ausblick stabil) und einem Fitch Rating von A- (Ausblick stabil) wären Emissionen der OMV: Die „EUR 500,000,000 Fixed Rate Notes due 4 September 2036“ weisen auf Basis eines Kurses von 99,579 % eine effektive Rendite bis Fälligkeit von 3,788 % auf. Die Sicherheit des A-Rating-Bereichs schmälert zwar die Rendite, doch mit dem Staat als Kernaktionär ist die OMV grundsätzlich gut abgesichert.
Eine nachhaltige Möglichkeit bietet die „3,75 % Grüne Anleihe 2024-2029“ der Voestalpine mit Fälligkeit 3.10.2029, deren effektive Rendite bis Fälligkeit aber lediglich bei 3,392 % liegt (Stichtag: 3.1.2025). Dafür ist das Investment relativ sicher, denn die Nettofinanzverschuldung konnte vom Geschäftsjahr 2019/20 bis 2023/24 auf 1,65 Milliarden Euro in etwa halbiert werden. Dieser steht ein Eigenkapital von 7,5 Milliarden Euro gegenüber, woraus eine überschaubare Gearing-Ratio von 22 % resultiert.
Interessant erscheinen auch die „2023-2028 Sustainability-Linked Schuldverschreibungen“ der Wienerberger AG mit Fälligkeit 4.10. 2028 und einem Kupon von 4,875 %, der sich jedoch im Falle der Verfehlung im Vorhinein definierter Nachhaltigkeitsziele ab 4. Oktober 2027 um 0,25 bis zu 75 %-Punkte erhöhen kann. Auf Basis eines Kurses von 104,50 % errechnet sich per 3. Jänner eine effektive Rendite bis Fälligkeit von 3,554 %.
Bankenanleihen mit bis zu mehr als 5 % Rendite
Relativ attraktiv ist die „3,20 % Nachrangige Anleihe“ der Oberbank AG mit Fälligkeit 25.5.2030, die per 3. Jänner bei einem Berechnungskurs von 92,11 % eine effektive Rendite bis Fälligkeit von 4,843 % aufweist. Zwar handelt es sich um eine risikoreichere Nachranganleihe, aber das Institut ist mit einer harten Kernkapitalquote von 17,9 % (per 30.9.2024) gut abgesichert. S&P stuft das langfristige Emittenten-Rating mit A (Ausblick stabil) ein.
Sogar eine Rendite von 5,141 % bei einem Berechnungskurs von 97,45 % (per 3.1.2025) bietet die „4,75 % Nachrangkapital-Schuldverschreibung“ der Hypo Vorarlberg Bank AG mit Fälligkeit 20.12. 2032. Das rentable Institut überzeugt mit einer harten Kernkapitalquote von 16,4 %.
Unser Rat an Anleger
Beim Kauf sollten sich Anlegerinnen und Anleger über die Liquidität, Handelsspannen und Transaktionskosten bei den jeweiligen Papieren erkundigen – und erst dann eine Investmententscheidung treffen.
Foto: AdobeStock / Old Man Stoker (KI)
Reizvolle Eckdaten für Dublins Börse
Am irischen Handelsplatz notieren attraktive Branchenvertreter.
Roman Steinbauer. Irlands Wirtschaft gab kürzlich einmal mehr ein kräftiges Lebenszeichen von sich. So drehte nach Angaben des Amtes der Zentralstatistik (mit Sitz in der zweitgrößten Stadt Irlands, Cork, Anm.) das BIP bereits im 3. Quartal 2024 annualisiert überraschend stark auf +3,4 %. Nachdem auf der Insel im davorliegenden Zeitabschnitt eine Kontraktion von 1 % zu verzeichnen war, kam das Ausmaß der Wende doch überraschend und stellte im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten von Mittel- bis Westeuropa den stärksten Wert dar.
An der Börse sorgte dies vorerst für keinen weiteren Auftrieb. Denn nach dem eindrucksvollen Anstieg, der sich von Oktober 2022 bis Juli 2023 erstreckte, pendelte der Irish-ISEQ-20-Aktienindex in Dublin (der Handelsplatz agiert als Tochter der Euronext) seit vergangenem Frühjahr bloß seitwärts. Unter deutlichen Schwankungen zwischen 1.550 und 1.750 Punkten lag das Niveau in der Vorwoche bei 1.640 Punkten.
Unterdurchschnittlicher Preisdruck
Auch die wesentlichen weiteren ökonomischen Eckdaten der grünen Insel präsentieren sich unter-dessen günstig. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HICP) lag im Dezember noch bei moderaten 1,0 %. Damit erfolgte eine raschere Reduktion der Inflation als dies bei großen europäischen Volkswirtschaften der Fall war, lag der Wert in der zweiten Jahreshälfte 2022 doch noch bei mehr als 9,5 %. Konform dazu stieg während dieses Zeitraums das Konsumentenvertrauen von 42 bis auf
74 Punkte im Vormonat. Seit August ermäßigte sich zudem die Arbeitslosenrate von 4,7 auf 4,1 %.
Wenig Prominenz, dennoch interessante Einzeltitel
Zu den am stärksten gehandelten Titeln an der Börse (Listings bestehen ebenso in Frankfurt) zählen in erster Linie Banken, wie etwa Allied Irish Banks (AIB) und die Bank of Ireland. Hier waren seit Sommer 2022 mit rund 150 bzw. 50 % außerordentliche Kursanstiege zu verzeichnen.
Auffällig war hingegen das Absacken der Notizen der Kingspan Group (Baustoffe) um 23 % seit Mai des Vorjahres, während die Valoren von Kerry (Nahrungsmittel) um 18 % auf 90 Euro anzogen. Einer Hochschaubahn gleichen die Kurse der zuletzt im Aufwind befindlichen Ryanair, die heuer bereits Werte zwischen 14 und 21 Euro ausloteten.
Eine Kursrallye von 0,9 auf nunmehr 2,30 Euro legten binnen zwei Jahren die Anteilscheine der Cairn Homes (Wohnbau) hin, während Dalata Hotels (es werden 49 Hotels unter den Marken Maldron sowie Clayton betrieben, Anm.) lediglich um 10 % stieg.
Investoren sehen aber auch schwächelnde Notizen der Malin Corp. (benannt nach dem nördlichsten Punkt des Landes; Bereich: Life Science/Gesundheit), der Greencote Renewable (Erneuerbare Energien), des Rohstoffkonzerns Kenmare Res. (Mineralien, Titanium) oder der Irish Residental Properties (Wohnungsvermietungen).
Depressiv verhalten sich hingegen die Notizen der Uniphar (Pharma und Medizintechnik). Seit dem Börsengang im Dezember 2021 glitten diese von 4,60 auf knapp 2 Euro ab. Bei der Mincon Group (Bohrköpfe und Komponenten für die Rohstoffindustrie) war wiederum ein Abschlag in diesem Zeitraum von 70 % zu verdauen. Enttäuschung auch für Anleger der Origin Enterprises (ein Dienstleister für die Landwirtschaft): Hier erfolgte binnen 24 Monaten eine Erosion der Bewertung um 35 %.
Foto: Ryanair / Piotr Mitelski Comp
Uniqa geht mit neuen Strategien in das Jahr 2025
Profitabilitätssteigerungen und „Netto-Null-Emissionen“ stehen dabei im Fokus.
Marius Perger. Mitte Dezember hat die Uniqa Insurance Group ihre neue Strategie „Uniqa 3.0 Growing Impact 2025 – 2028“ präsentiert; zu Beginn dieser Woche wurde diese nun ausgewählten Investoren bei einem Kapitalmarkttag vorgestellt. Der Börsen-Kurier war dabei.
Ziel sei es, Uniqa zu einer hochgradig diversifizierten, attraktiven Dividendenaktie mit einem Prämienwachstum von 5 % p.a., einer jährlichen Wachstumsrate des Gewinns/Aktie von 6 % und einer progressiv steigenden Dividende zu machen, erläuterte Finanz- und Risikovorstand Kurt Svoboda (Foto), der auch den erkrankten CEO Andreas Brandstetter vertrat. Der Fokus solle weiterhin auf Profitabilitätssteigerungen liegen.
In Österreich erwartet der Konzern in den kommenden Jahren der Strategieperiode ein Prämienwachstum von 3 % pro Jahr, das durch das Geschäft im Bereich Schaden/Unfall sowie Gesundheit getrieben sein soll; im internationalen Bereich wird mit einer Steigerung von 8 % gerechnet. Gegenüber den früheren Zielen von „Seeding the Future“ (2021 bis 2024) bedeutet das eine etwas höhere Wachstumserwartung. Weniger ambitioniert zeigt sich Uniqa dagegen nun bei der Combined Ratio (brutto, vor Rückversicherung): Hier geht man jetzt von weniger als 94 % aus, bisher war das Ziel bei unter 92 % gelegen. Und auch beim Return on Equity (ROE) wurden die Ziele leicht nach unten korrigiert: Dieser soll „stabil und nachhaltig“ bei mehr als 12 % liegen, zuvor wollte man mehr als 14 % erreichen. Die nunmehrige Zielsetzung sei realistisch, so Svoboda, nachdem das vorherige Ziel als einziges nicht erreicht wurde. Und: „Wachstum kostet Geld“.
Neben den wirtschaftlichen Zielen hat sich die Uniqa in ihrer neuen Strategie aber auch zum Ziel gesetzt, „beste Dienstleisterin“ und „beste Arbeitgeberin“ zu sein: Gemessen werden soll das an einem Kundenzufriedenheitsindex, einem Mitarbeiterzufriedenheitsindex und einem Engagement-Index.
Uniqa als Investment
Dass sich der Aktienkurs nicht zufriedenstellend entwickelt hat, räumt Svoboda ein, aber: „Wir sehen uns als Dividendentitel“ – mit einer Dividendenrendite von nachhaltig 6 bis 7 %. Schuld an der wenig erfreulichen Kursentwicklung seien zwei Gewinnwarnungen sowie die Tatsache gewesen, dass nicht alle Ziele erreicht wurden.
Attraktiver werden soll die Aktien dank der diversifizierten Erträge und Gewinnströme, wobei in Österreich Stabilität mit Fokus auf Effizienz im Vordergrund steht, im internationalen Bereich beschleunigtes Wachstum (über dem Markt) und Profitabilität. Potenzial gebe es darüber hinaus bei Gesundheitsdienstleistungen abseits der Versicherung. Und schließlich betont Svoboda auch die „robuste Kapitalposition und starke Governance“.
Einem Aktienrückkauf zur Kurspflege erteilt Svoboda dagegen eine Absage: Mit rund 36 % Streubesitz sei man „schon am Limit“.
Wie den größten Risiken begegnet werden soll
Im Rahmen von „Growing Impact“ werde Uniqa aktives Finanz- und Risikomanagement betreiben, wobei drei wichtige Aspekte in die Strategie eingebettet sind: Zinsen, Inflation und Naturkatastrophen.
Was Zinsen betrifft, bleibe der Ausblick unsicher, so Svoboda. Und weil Uniqa, aufgrund des großen Anteils der Kranken- und Lebensversicherung „seit jeher sehr zinssensitiv“ sei, gewinne Asset-Liability-Management („Matchen“ von Aktiv- und Passivseite der Bilanz) zunehmend an Bedeutung. Auswirkungen der Inflation wie-derum habe man durch aktives Management mindern können. Während in Österreich 98 % der Verträge indexangepasst sind und über eine lange Laufzeit verfügen, dominieren in den internationalen Märkten Ein-Jahres-Verträge und dynamische Preisgestaltung.
Der zunehmenden Häufigkeit von Naturkatastrophen sei man mit der Gründung des Rückversicherers „Uniqa Re“ bereits im Jahr 2003 begegnet; seit 2023 werden auch Rückversicherungsverträge für Dritte gezeichnet.
Klimatransition: Netto-Null bis 2050
Als nach eigenen Worten bisher einzige österreichische Versicherung hat die Uniqa ebenfalls im Dezember einen Plan vorgelegt, um bis 2040 in Österreich und bis 2050 im Gesamtkonzern „Netto-Null-Emissionen“ im Versicherungsgeschäft und der eigenen Betriebsführung und bis 2050 auch in der Veranlagung zu erreichen. Netto-Null bedeute nicht „Klimaneutralität“, da diese nicht erreichbar sei, erklärte Martin Zenker, Head of Group ESG Office der Uniqa. Es handle sich um die bestmögliche Reduktion der operativen CO2-Emissionen auf null oder ein Restniveau, das mit dem Pariser 1,5-Grad-Ziel kompatibel ist, sowie eine Neutralisierung aller Restemissionen mittels „Carbon Removals“ wie zum Beispiel Moor-Renaturierung oder CO2-Capture.
Die weitaus größte Wirkung gebe es für die Uniqa dabei im Bereich der Veranlagung, wo man 2020 mit dem Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung begonnen habe. Dabei verfolge man eine „Phase-out-Strategie“ (Auslaufenlassen, Anm.) und es werden keine neuen Investments mehr getätigt. Mit Unternehmen, die bereit sind, ihr Geschäftsmodell zu transformieren, wolle man „den Weg gemeinsam gehen“.
Ab 2030 sollen dann die Investments verkauft werden, 2030 ist der Ausstieg aus Kohle und Öl geplant, 2035 jener aus Gas und den (sehr geringen) Nuklear-Assets. Es gehe dabei auch darum, das Risiko von „stranded investments“ (umwelt- oder klimabezogener Werteverfall von Assets, Anm.) zu vermeiden. Parallel dazu soll der Anteil der Sustainable Investments steigen, der derzeit bei zehn Prozent des Investmentportfolios liegt.
Auch für den Bereich des Versicherungsgeschäfts gibt es eine klare Zielsetzung. Bereits seit 2019 zeichnet die Uniqa kein Neugeschäft in Kohle mehr, seit 2024 keines in Öl und ab heuer auch keines in Erdgas. Ab 2030 will man nicht mehr in Kohle und Öl, ab 2035 auch nicht mehr in Erdgas tätig sein. Um dies zu erreichen, unterstütze man bestehende Unternehmenskunden bei der Transformation ihrer Geschäftsmodelle „aktiv mit Maßnahmen“, so Zenker.
Schließlich biete aber auch die Betriebsökologie Möglichkeiten zur Erreichung des Netto-Null-Zieles. So will man beispielsweise bis 2030 die Firmenflotte auf E-Autos umgestellt haben (bereits jetzt werden nur noch E-Autos angeschafft) und bis 2035 aus Öl- und Gasheizungen aussteigen.
Foto: Börsen-Kurier / Marius Perger
Signa-Stiftung: Peschorns Nadelstiche
Fall Benko: Gefahr für Brandmauer bei Stiftungen ist große. (09.01.)
Florian Beckermann. Der Präsident der Finanzprokuratur Wolfgang Peschorn wirkt erfreulich spaßbefreit. Beruhigend nüchtern konzentriert er sich auf seine Aufgabe, der „Anwalt des Staates“ zu sein. In seiner Tätigkeit erlangte er in den vergangenen Monaten besondere öffentliche Aufmerksamkeit, indem er die geplante Insolvenzstruktur der Eigenverwaltung des Signa-Imperiums juristisch zerschoss. Pointiert nutzte er das kleine Kaliber, von einigen hunderttausend Euro Steuerschuld, um das Sanierungs-Gewurschtl zu beenden. Gewurschtl? Dieser Eindruck muss entstehen, wenn der Schuldner offensichtlich genüssliche Bootstouren unternimmt oder seine menschliche Macht mit einem Jagd-Foto untermauert – ohne René Benko wäre Georg Dornauers Ausflugserinnerung mit Traditionskopfbedeckung weit weniger „wichtig“ gewesen.
Längst kocht die Seele vieler anderer Insolventer, Gläubigervertreter und Bürger, die keine Lust auf Einserschmäh haben. Eine glaubhafte Transparenz erreichte man so nicht. Nicht zuletzt muss hinterfragt werden, ob es sich um bloßes Unvermögen des Masseverwalters handelt oder der gesetzliche Spielraum einfach missbraucht wird. Vermutlich beides. Bei Letzterem setzt Peschorn an und fordert Transparenz aus Benkos „Laura-Privatstiftung“-Dunstkreis, ja es müsse auch eine Art Konzernhaftung durch die involvierten Personen „fingiert“ werden. Er sieht juristische Ansätze. Dahinter entfaltet sich ein spannendes und gewagtes Infragestellen mit der Konstitution des Privatstiftungssystems in Österreich.
Seit Jahrzehnten hat sich die Rechtsform Privatstiftung und die ähnliche Struktur in Lichtenstein zu einem formidablen „sicheren Hafen“ für Kapital entwickelt. Kapital, welches hinter der Brandmauer der Stiftung gebunkert wurde, galt gemeinhin als fast unangreifbar. Extrem wenige nachteilige Einzelfälle bestätigen das Erfolgsmodell. Jedoch bröseln auch die sichersten Rechtskonstruktionen, wenn persönliche Haftungsfragen ausexekutiert werden. Kaum ein seriöser Beobachter glaubt, dass Benko vor der Insolvenz nicht die Zentralgestalt seiner mannigfaltigen Strukturen gewesen ist. Nach der Insolvenz mag er wohl auch weiterhin zentraler Nutznießer der Privatstiftungen sein. Eine mehr als schiefe Gesamtoptik entsteht: Ist eine eventuell auf Missbrauch und Umgehung angelegte Struktur schutzwürdig? Ob man persönlich dafür haften möchte, ist klärungsbedürftig.
Die große Mehrheit der Privatstiftungen und deren Anleger hat ein großes Interesse daran, langfristig Rechts- und Planungssicherheit zu erlangen. Viele Stiftungsvorstände leisten gute Arbeit und sichern Industriebetriebe, Vermögen und Arbeitsplätze nachhaltig in Österreich. Privatstiftungen sind mithin ein wichtiges Element der heimischen Finanzwirtschaft.
Wenn nun die Brandmauer aus nachvollziehbaren ethischen Gründen aufgeweicht wird, so ist größte Vorsicht geboten. Denn gerade diese recht solide Ausgestaltung der Rechtsform macht ihren Charme aus. Das berechtigte Transparenzerfordernis läuft Gefahr, ins Fahrwasser der „Beliebigkeit“ zu geraten. Diese Entwicklung gilt es jedenfalls zu verhindern.
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessensverband für Anleger
Globales Wachstum hängt stark von Spendierfreudigkeit der US-Haushalte ab
Ein Kommentar von Guy Wagner von BLI – Banque de Luxembourg Investments
(07.01.) Kurz vor der Amtseinführung von Donald Trump als 47. Präsident der Vereinigten Staaten hängt das globale Wachstum mehr denn je von der Spendierfreudigkeit der US-amerikanischen Haushalte ab. Allerdings profitieren die US-Haushalte von einer seit Jahren unerreichten fiskalischen Unterstützung, ohne die sie ihre Rolle als Verbraucher letzter Instanz kaum wahrnehmen könnten, schreiben Guy Wagner und sein Team in ihrem jüngsten monatlichen Marktbericht „Highlights“.
„Die steuerliche Unterstützung der US-Verbraucher schlägt sich in zerrütteten Staatsfinanzen nieder – und das nur wenige Tage vor der Rückkehr eines Präsidenten ins Weiße Haus, der wenig Neigung zur Mäßigung hat“, sagt Guy Wagner, Chief Investment Officer (CIO) von BLI – Banque de Luxembourg Investments. „In der Eurozone geht die schwache Konjunktur mit politischer Instabilität in vielen Ländern einher, was die Umsetzung wirksamer Maßnahmen, die das Wachstum wieder ankurbeln könnten, erschwert.“ In China war die Immobilienblase so groß, dass die zahlreichen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen, die im vierten Quartal ergriffen wurden, nur langsam positive Auswirkungen zeigen werden. In Japan ist ein weiterhin positives Reallohnwachstum für die Aufrechterhaltung einer günstigen Konjunkturdynamik von entscheidender Bedeutung.
Inflation tendiert zur Stagnation
Nach dem deutlichen Rückgang in den vergangenen zwei Jahren tendiert die Inflation, insbesondere die Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel, zur Stagnation. So stieg in den USA die Gesamtinflationsrate von 2,6 Prozent im Oktober auf 2,7 Prozent im November. Die Kernrate des Deflators der privaten Konsumausgaben, der bevorzugte Inflationsmaßstab der Federal Reserve, blieb unverändert. In der Eurozone stieg die Gesamtinflationsrate von 2,2 Prozent im November auf 2,4 Prozent im Dezember. Die Inflationsrate ohne Berücksichtigung von Energie und Nahrungsmitteln blieb ebenfalls unverändert.
In den USA werden 2025 nur noch zwei Zinssenkungen erwartet
Wie erwartet senkte die US-Notenbank auf ihrer letzten Sitzung 2024 die Leitzinsen um 25 Basispunkte. Für dieses Jahr gehen die Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses nur noch von zwei Zinssenkungen aus, „da sich sowohl die Inflation als auch der Arbeitsmarkt als widerstandsfähiger erweisen als bisher angenommen“, unterstreicht der luxemburgische Ökonom. In der Eurozone senkte die Europäische Zentralbank den Einlagensatz ebenfalls um 25 Basispunkte, wie auf der Dezembersitzung erwartet. Aufgrund des schwachen Wachstums in der Eurozone könnten die Zinssätze im Laufe dieses Jahres weiter zurückgehen.
Langfristige Zinssätze enden 2024 nahe den Jahreshöchstständen
In den USA führte die Widerstandsfähigkeit sowohl beim Wachstum als auch bei der Inflation dazu, dass sich die langfristigen Zinssätze wieder den Jahreshöchstständen annäherten. So stieg die Rendite der zehnjährigen US-Treasury-Bonds relativ kräftig an. „In Europa folgten die Anleiherenditen trotz einer deutlich schwächeren Konjunkturaktivität dem Trend ihrer US-amerikanischen Pendants.“ Der zehnjährige Referenzsatz stieg in Deutschland, Frankreich Italien und Spanien. Im abgelaufenen Jahr weist der ‘JP Morgan EMU Government Bond Index’ einen Anstieg von 1,8 Prozent auf.
Aktienindizes verzeichnen das zweite Jahr in Folge deutliche Gewinne
Nach einem euphorischen November konsolidierten die Aktienmärkte ihre Gewinne im Dezember und ließen das Jahr ruhig ausklingen. „Im Gesamtjahr 2024 verzeichneten die meisten Aktienindizes jedoch deutliche Gewinne, und das zum zweiten Mal in Folge.“ So gab der in Euro ausgedrückte Weltaktienindex MSCI All Country World Index Net Total Return im Dezember leicht nach und beendete das Jahr mit einem Gesamtgewinn von 25,3 Prozent. Auf regionaler Ebene fiel der S&P 500 in den USA im Monatsverlauf um 2,5 Prozent (in USD), der Stoxx 600 Europe um 0,5 Prozent (in EUR) und der MSCI Emerging Markets Index um 0,5 Prozent (in USD). Nur der Topix in Japan stieg, gestützt durch den schwachen Yen, um 3,9 Prozent (in JPY). „Auf Sektorenebene verzeichneten Kommunikationsdienste, diskretionäre Konsumgüter und Technologie die besten Monatsrenditen, während Energie, Immobilien und Materialien sich negativ entwickelten“, sagt Guy Wagner abschließend.
Der Staat als Kernaktionär
Vor- und Nachteile von Unternehmen mit staatlicher Beteiligung.
Michael Kordovsky. Der Staat als Kernaktionär kann in bestimmten Situationen und Branchen stabilisierend wirken. Allerdings besteht das Risiko, dass durch „Beamtenverwaltung“ ineffiziente Strukturen konserviert und Innovationen behindert werden. Marktverzerrungen und Ineffizienzen würden sich dann negativ auf den Aktienkurs auswirken. Aber wie sieht das bei den heimischen Firmen mit Staatsbeteiligung aus?
Ölwerte und Stromversorger
Je politisch sensibler gewisse Dienstleistungen und Produkte sind, desto mehr politisch gefärbt sind die strategischen Unternehmensentscheidungen, was anhand der OMV illustriert werden kann. Sie hat ihren langfristigen Erdgasliefervertrag mit Gazprom Export gekündigt und bezieht zukünftig Gas aus eigener Produktion in Norwegen und Österreich, von externen Produzenten und aus zusätzlichen langfristigen LNG-Volumina. Das Unternehmen wandelt sich zudem zu einem Anbieter für nachhaltige Chemikalien, Kraftstoffe und Energie. 31,5 % der Anteile hält die ÖBAG als Staatsholding, weitere 24,9 % die Abu Dhabi National Oil Company. Das Rating beträgt A3 bei Moody‘s und A- bei Fitch, was günstige Anleihen- und Kreditzinsen ermöglicht. Die große Stärke der OMV liegt in ihrer hohen Dividendenrendite, die selbst bei einem Rückgang von 5,05 auf 4,12 Euro/Aktie auf Basis eines Kurses von 37 Euro noch immer bei 11,1 % liegen würde. Dieser stehen allerdings zyklische Kursschwankungen gegenüber.
Energieversorger wie Verbund und EVN betonen immer mehr den Einsatz erneuerbarer Energiequellen. Mit dem Bundesgesetz über den Energiekrisenbeitrag-Strom vom Dezember 2022 wurden sie bezüglich der sogenannten „Überschusserlöse“ vom Staat kräftig zur Kasse gebeten. Doch der Staat ist gleichzeitig auch ein Sicherheitsfaktor: EVN ist zu 51 % im Besitz der NÖ Landes-Beteiligungsholding GmbH und 28,4 % halten die Wiener Stadtwerke (zu 100 % im Eigentum der Stadt). Moody‘s stuft die Bonität von EVN mit A1, Ausblick stabil ein. Die Mindest-Basisdividende soll ab dem Geschäftsjahr 2024/25 bei 0,82 Euro/Aktie liegen, was bei einem Kurs von 21,85 Euro einer Dividendenrendite von 3,75 % entspräche. Analysten rechnen allerdings laut Konsens unter finanzen.at für 2024/25 und 2025/26 mit 0,93 Euro/Aktie – und dies bei stabiler Ertragslage. Hingegen mit einer tendenziell rückläufigen Gewinnentwicklung bis 2028 rechnen Analysten beim Verbund, der sich zu 51 % im Besitz der Republik befindet und bei S&P und Moody‘s jeweils ein Rating von A+/stable bzw. A2/stable hat.
Post und Telekom Austria
Indessen nicht so stark im Fokus der Politik stehen die Telekom und die Post. Eine stabile Ertragslage sollte auch zukünftig hohe Dividenden ermöglichen. Seit 2006 schüttet die Österreichische Post regelmäßig Dividenden aus und auf Basis eines Kurses von 28,60 Euro liegt die aktuelle Dividendenrendite bei 6,2 %. Die ÖBAG hält 52,8 % der Aktien des Unternehmens, das für 2024 eine Ebit-Steigerung von mindestens 5 % auf etwas mehr als 200 Millionen Euro anpeilt.
Die Telekom steht zu je 60,2 bzw. 28,4 % im Besitz von America Movil, dem führenden Telekom-Unternehmen in Lateinamerika, und der ÖBAG, und liegt mit einer Kurssteigerung von mehr als 26 % in den vergangenen fünf Jahren im Peer-Group-Vergleich gut im Rennen. Hinzukommt eine attraktive Dividende von zuletzt 0,36 Euro/Aktie, was bei einem Kurs von 7,71 Euro einer Rendite von 4,67 % entspricht. Ebenso positiv: ein Fitch-Rating von A-/positiv und ein jeweils stabiles Rating von S&P und Moody‘s von je A- und A3.
Foto: Wiener Börse
Die Marktchancen im Jahr 2025 nutzen
Ob Bitcoin, ein steigender US-Dollar oder China-Aktien: Verschiedene Trends stehen im Fokus.
Raja Korinek. Die Entwicklung in manch einer Anlageklasse sorgte Ende 2024 für Überraschungen. So legte der Kurs der Kryptowährung Bitcoin nach dem Wahlsieg Donald Trumps zum nächsten US-Präsidenten kräftig zu. Mitte vergangenen Dezember schnellte die Notierung auf ein Rekordhoch von mehr als 106.000 USD. Der Aufwind könnte trotz jüngster Rücksetzer anhalten: „Die Wahl Trumps könnte den Krypto-Markt grundlegend verändern“, konstatiert Heiko Geiger, Zertifikate-Experte bei der Bank Vontobel.
Trump als Bitcoin-Stütze
Geiger präzisiert gegenüber dem Börsen-Kurier und sagt in diesem Zusammenhang: „Da Trump das Ziel ausgegeben hat, die USA zum möglichen globalen Zentrum für digitale Vermögenswerte zu machen, könnte er die Akzeptanz und Verbreitung von Bitcoin erheblich vorantreiben. Seine geplanten Maßnahmen, wie der Abbau regulatorischer Hürden und die Einführung eines ‚Bitcoin- und Krypto-Beirats‘, der klare Leitlinien für die Branche entwickeln soll, könnten das Vertrauen institutioneller Investoren stärken und gleichzeitig Innovationen im Krypto-Sektor fördern.“
Doch wie sieht es mit Aktientrends aus? Schließlich legten zahlreiche Technologie-Werte vor allem aus den USA einen fulminanten Kursaufschwung zurück. Experten räumen dem Trend noch Luft nach oben ein. „Technologie-Werte bleiben vermutlich auch 2025 wichtige Zugpferde an den Märkten. Die steigenden Gewinntrends sprechen für sich und so lange diese anhalten, relativieren sich auch die hohen Bewertungen“, betont Zertifikate-Fachmann Patrick Kesselhut von der Société Générale.
Chinas Tech-Giganten als Chance
Dabei kann sich der Blick in diesem Zusammenhang auch nach China lohnen. Im Reich der Mitte haben sich längst zahlreiche Technologie-Giganten erfolgreich etabliert. An entsprechender Unterstützung für die Branche dürfte es laut Kesselhut nicht mangeln. „Dass China für eine Überraschung gut ist, haben wir im Jahr 2024 schon einmal erlebt. Die Bekanntgabe von Konjunkturprogrammen löste zuletzt ein Kursfeuerwerk aus. Ähnlich wie in den USA dürften auch in China die großen Technologiewerte profitieren, die beispielsweise im ‚Solactive China Dragons 7 Index‘ zusammengefasst sind.“ Dazu zählen unter anderem Alibaba und Baidu.
Auch die Entwicklungen auf den Devisenmärkten sollten Anleger nicht außer Acht lassen. Volker Meinel, Head of Marketing bei der BNP Paribas, meint, 2024 habe gezeigt, wie spannend es am Währungsmarkt sein könne: Zinserhöhungen in Japan, die Wahl von Trump, das Wiedererstarken des britischen Pfunds. All diese Ereignisse haben den Devisenmarkt beeinflusst. „Ganz klar im Fokus steht derzeit der US-Dollar, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Unsicherheit gegenüber der weiteren Zinspolitik der Fed.“ So dürfte es im neuen Jahr weniger Zinssenkungen geben als ursprünglich angenommen. Solch ein Umstand ist grundsätzlich eine Stütze für den US-Dollar.
Strategien mit Zertifikaten
Interessierte Anleger können auf die verschiedenen Szenarien mit Zertifikaten setzen. Mit Turbo-Long-Zertifikaten kann man gehebelt auf einen weiteren Aufschwung des Bitcoin-Kurs setzen, wie es etwa die Bank Vontobel anbietet. Ein entsprechendes „Solactive China Dra-gons 7“-Indexzertifikat bietet die Société Générale an. Auf einen weiteren Rückgang des Euro zum US-Dollar können Anleger mit einem Turbo-Short-Zertifikat gehebelt setzen, so etwa von der BNP Paribas. Bei allen Produkten sind Verluste möglich.
Foto: AdobeStock / m.mphoto
„Bitcoin-Kurs könnte sich 2025 verdoppeln“
Experte empfiehlt einen Portfolio-Anteil von 2 bis 5 % als Stabilisator.
Patrick Baldia. Bernhard Wenger (Foto), Head of Northern Europe bei 21Shares, spricht im Börsen-Kurier-Interview über die weitere Reise des Bitcoins, die hohe Volatilität der Assetklasse und das Potenzial anderer Krypto-Assets.
Börsen-Kurier: Wie hoch ist der Anteil Donald Trumps am jüngsten Höhenflug des Bitcoins?
Bernhard Wenger: Natürlich hat der Wahlsieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl einen großen Anteil am Höhenflug des Bitcoins seit Anfang November. Dahinter steckt aber viel mehr: Klar ist Trump Krypto-freundlich und positiv für den Bitcoin und andere Krypto-Assets. Aber aktuell ist das gesamte Umfeld Krypto-freundlich. So werden die Zinsen weiter sinken. Gleichzeitig geht die institutionelle Adaption des Bitcoins weiter voran, während viel Geld in Krypto-ETFs fließt. Schon vor dem Halving im April 2024 waren die Fonds erfolgreicher als viele erwartet haben. Das war auch ein Grund, dass der Bitcoin schon im März ein neues Rekordhoch erreicht hat.
Börsen-Kurier: Aus den USA waren in der Schlussphase des Wahlkampfes Signale auszumachen, die zum Gamechanger für Krypto-Assets werden könnten …
Wenger: In den USA sollte sich das Umfeld für den Krypto-Markt gründlich ändern. Zur Rede steht etwa der Aufbau einer strategischen Bitcoin-Reserve. Auch andere Länder wie Argentinien könnten auf den Zug aufspringen.
Börsen-Kurier: Wohin geht die weitere Reise des Bitcoin-Kurses?
Wenger: Krypto-Preisprognosen sind generell sehr schwierig. Interessant ist, dass wenn Bewegung in den Kryptomarkt kommt, dies sehr schnell geschieht, vor allem bei steigenden Preisen. Das ist wirklich eine Besonderheit der Assetklasse. Das Mitte Dezember erreichte neue Bitcoin-Rekordhoch von 107.000 USD dürfte jedenfalls nicht das Ende der Fahnenstange sein. Natürlich ist auch ein Rücksetzer auf 80.000 USD möglich. Das würde aber wohl nur dazu führen, dass neue Investoren einsteigen. Wir glauben, dass sich der Bitcoin-Kurs im Laufe des Jahres 2025 verdoppeln könnte.
Börsen-Kurier: Dass viele Anleger die Finger von Krypto-Assets lassen, liegt an ihrer hohen Volatilität. Wird Letztere die Assetklasse weiter begleiten?
Wenger: Dass die Volatilität am Krypto-Markt weiterhin hoch bleibt, ist sehr wahrscheinlich. Auch wenn sie über einen längeren Zeitraum abgenommen hat. Die weitere Entwicklung wird unter anderem auch stark davon abhängen, wie schnell Donald Trump seine Versprechen umsetzt.
Börsen-Kurier: Kritiker bemängeln, dass sich der Bitcoin wegen der hohen Volatilität und mangels stabiler Korrelationen nicht als Portfolio-Stabilisator eignet?
Wenger: Der Bitcoin eignet sich trotz gegenläufiger Behauptung sehr wohl als Portfolio-Stabilisator. Klar ist, dass bei Mega-Black-Swan-Events alle Assetklassen Verluste erleiden werden. Beispielsweise hat der Bitcoin während der US-Bankenkrise im Vorjahr gut performed.
In der richtigen Menge wird der Bitcoin und andere Kryptos ein Portfolio stabilisieren. Wir empfehlen einen Anteil von 2 bis 5 %.
Börsen-Kurier: Wie schaut es 2025 mit anderen Krypto-Assets aus?
Wenger: Eine weitere unserer Investmentthesen ist, dass die zweitgrößte Krypto-Währung Ethereum 2025 den Beginn einer Umsatzrenaissance erleben wird. Überdies: Die Layer-1-Kryptowährung Solana wird weiter Marktanteile von Ethereum erobern und ein Allzeithoch beim Total Value Locked (auch „Assets under Management“ bzw. AUM, Anm.) erreichen. Insgesamt entwickeln sich auch andere Krypto- bzw. Blockchain-Technologien weiter, was dazu führt, dass Geschäftsmodelle optimiert und vereinfacht sowie sicherer werden. Auch werden Stablecoins signifikant zunehmen, was wiederum zur Adaption und Stabilisierung weiter beiträgt.
Börsen-Kurier: Was für Pläne hat 21Shares im neuen Jahr?
Wenger: Wir als 21 Shares wollen Innovationsführer bleiben. Und wir werden 2025 weitere Produkte lancieren. Neue Entwicklungen wird es etwa auf der Indexseite geben. Wir wollen jedenfalls auch weiter stark Research-basiert bleiben. Wir bieten nichts an ohne klaren Use Case. 2025 sollte jeden-falls ein spannendes Jahr werden. In den USA werden weitere Krypto-ETFs zugelassen. Auch der eine oder andere Retailmarkt könnte sich neu öffnen. Zum Beispiel Großbritannien. Insgesamt ist das Umfeld für den Kryptomarkt aktuell so konstruktiv wie schon lange nicht.
Foto: 21Shares / amanda nicolic photography
Gute Voraussetzungen für solide Renditen 2025
Die großen Asset Manager sind grundsätzlich positiv für die Aktienmärkte gestimmt.
Patrick Baldia. Die Ausgangslage für 2025 ist nicht die Schlechteste: die Zinsen werden, wenn-gleich auch mit unterschiedlichem Tempo, dies- und jenseits des Atlantiks weiter fallen, während die Inflation auf dem Rückzug ist. Die große Frage ist, ob sich das auch 2025 positiv auf die Aktienmärkte auswirken wird. Als ein Störfeuer machen Experten die von US-Präsident Donald Trump angekündigten Schutzzölle aus, die vor allem die Fed veranlassen könnten, die Zinsen langsamer zu senken, was sich negativ auf Technologiewerte auswirken könnte.
Bei BNP Paribas geht man davon aus, dass langsamer fallende Zinsen in den kommenden Monaten eine Rotation auf dem Aktienmarkt einleiten könnten. „Davon dürften dann insbesondere die zinssensiblen Technologiewerte negativ betroffen sein“, heißt es in einem Marktbericht. Gleichzeitig würden klassische US-Industrieunternehmen und Konsum-Titel von der Wirtschaftspolitik von Donald Trump profitieren, ebenso wie Nebenwerte.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Stephen Dover, Head des Franklin Templeton Institute: „Wir glauben, dass die Outperformance von Unternehmen mit Megakapitalisierung im Technologiesektor wahrscheinlich bald ein Ende haben wird“, meint er und verweist auf die „Magnificent Seven“. Die führenden Technologieunternehmen wären inzwischen in vielen Portfolios vertreten und würden keine überzeugenden Bewertungen bieten. Auch Dover verweist auf Aktien, Sektoren und Regionen, die derzeit nicht im Trend liegen würden.
Insgesamt sieht Dover gute Voraussetzungen für solide Renditen im neuen Jahr. Vor allem die Wiederwahl von Trump dürfte den Märkten 2025 Auftrieb geben. „Allerdings deuten die relativ hohen vorherrschenden Bewertungen und die historisch hohe Rentabilität bei fast allen Kennzahlen darauf hin, dass die zweistelligen Renditen der letzten zwei Jahre wahrscheinlich nicht in Sicht sind“, konkretisiert der Experte.
Aktien-Tipps: Gesundheitswesen, Energie, Finanzwerte
Im Aktienbereich haben die Experten von T. Rowe Price die Sektoren Gesundheitswesen, Energie sowie Finanzwerte auf der Rechnung. „Vor allem Banktitel dürften von steigenden Nettozinsmargen profitieren, da die Zinskurve durch die Zinssenkungen der Fed wieder steiler wird“, so Kapitalmarkt-Stratege Tim Murray. Auch internationale Small Caps mit ihrer relativ hohen Gewichtung in konjunktursensiblen Sektoren wie Finanzwerten, zyklischen Konsumgütern und Industriewerten würden diese These ebenfalls erfüllen. Eine weitere Überlegung: japanische Aktien.
Bei Nordea Asset Management empfiehlt man Anlegern im Aktienbereich auf die Bewertungs-Diskrepanz zwischen Indizes, die nach Marktkapitalisierung gewichtet sind und gleichgewichteten Indizes zu achten. Während etwa der auf Basis der Marktkapitalisierung gewichtete S&P 500 für 2025 bei einem KGV von 22x – Stichwort: „Magnificent Seven“ – über dem historischen Durchschnitt von 18 bis 19x gehandelt wird, würden die Multiplikatoren gleichgewichteter Indizes eher dem historischen Niveau entsprechen. Das Fazit: Investoren würden mehr Wert und Ertragspotenzial in gleichgewichteten Indizes finden.
Im Anleihebereich schauen für die Nordea-Experten angesichts der flacher werdenden Zinsstrukturkurve Staatsanleihen attraktiver aus. Dies stelle eine Gelegenheit für Anleger dar, ihre Allokation im Fixzinsbereich zu überdenken und etwa das Durationsrisiko in ihren Portfolios zu erhöhen. T.-Rowe-Price-Experte Murray ist wiederum der Ansicht, dass Hochzinsanleihen und Bankkredite, die in der Regel über ein Non-Investment-Grade-Rating verfügen, trotz enger Kreditspreads attraktive Gesamtrenditen bieten.
Foto: Pixabay / Geralt
„Wiener Markt könnte 2025 sehr schnell drehen“
Die Manager von Österreich-Aktienfonds sind für das neue Jahr durchaus positiv gestimmt.
Patrick Baldia. 2024 war ein herausforderndes Jahr für die Wiener Börse und dementsprechend auch für Österreich-Aktienfonds. „Im Vergleich zu anderen europäischen Märkten blieb der Wiener Markt deutlich zurück“, bringt es Manfred Sibrawa, Manager des „Amundi Austria Stock“, gegenüber dem Börsen-Kurier auf den Punkt. Er verweist auf den Performanceunterschied zwischen dem ATX und dem ATX PC8 (für ATX Prime Capped 8 in Euro, Anm.): Während der heimische Leitindex um rund 5 % zulegte, liegt der breiter gefächerte ATX PC8 mit etwas mehr als 1 % im Minus.
Dass etwa Banken und der Bausektor eine beachtliche Entwicklung an den Tag legten, konnte das Ruder auch nicht herumreißen. Vielmehr lagen sämtliche zyklische Titel und vor allem Industrieaktien oft zweistellig im Minus. Davon konnte sich auch die breite Masse der Österreich-Aktienfonds nicht abkoppeln. Diese werden das Jahr mit einem Minus abschließen, wobei die Performance-Bandbreite von -0,23 bis -8,97 % reicht.
Eine positive Ausnahme stellt neben dem „iShares ATX UCITS ETF“ und dem „Raiffeisen-Nachhaltigkeit-ÖsterreichPlus-Aktien“ der „Kepler D-A-CH Plus“-Aktienfonds dar. Mit einem Plus von rund 18 % kann ihm kein anderer Fonds das Wasser reichen. Das liegt allerdings daran, dass er nicht nur an der Wiener Börse investieren darf, sondern auch in Deutschland, der Schweiz und Italien, wie Fondsmanager Roland Zauner im Gespräch mit dem Börsen-Kurier einräumt. „Bekanntlich blickt ja der Dax auf ein sehr gutes Jahr zurück“, meint er.
Umfeld wird besser
Was kann man von 2025 erwarten? „Generell sollte das Umfeld für heimische Unternehmen mit fallenden Zinsen, zurückgehender Inflation und politischer Stabilität (in Deutschland) besser werden“, so Bernhard Haas, Manager des „RT Österreich Aktienfonds“ und des „Erste Stock Vienna“. Ebenfalls optimistisch gestimmt gibt sich Zauner: „Allerdings sollte die Performance weniger stark ausfallen als heuer.“
Auch Sibrawa ist für 2025 optimistisch, schätzt das Umfeld aus verschiedenen Gründen jedoch weiterhin als herausfordernd ein. „Geopolitische Spannungen, eine unberechenbare US-Politik und zahlreiche hausgemachte Probleme in Europa sind nur einige Faktoren“, sagt er.
Zudem sei der Wiener Markt sehr zyklisch, und ohne wirtschaftliche Erholung werde es für die Wiener Börse sehr schwierig sein, sich zu behaupten. „Gleichzeitig ist der Markt attraktiv bewertet und mit Abstand der günstigste in Europa.“ In die gleiche Kerbe schlägt auch Zauner: „Mit einem KGV von 8,9 ist der ATX aktuell billig“, sagt er.
Ist der Zeitpunkt für Nicht-Investierte richtig, einen Einstieg an der Wiener Börse zu erwägen? „Es braucht nicht viel, um eine Neubewertung auszulösen und der Markt könnte sehr schnell drehen“, hält Sibrawa fest. Erste positive Signale dafür gebe es bereits jetzt: Die erleichterte Kreditvergabe bringe neuen Schwung in den Immobiliensektor, was für die Bauwirtschaft und für die Banken wichtig sei. Nachsatz: „Sollte es gelingen, den Krieg in der Ukraine zu beenden, wäre das eine sehr positive Wende für Europa.“
Foto: © Wiener Börse/Akos Stiller
Erste Koalitions-Duftnoten
Österreichs Kapitalmarkt leider wieder nur politisches Randthema. (18.12.)
Florian Beckermann. Aus den aktuellen Koalitionsverhandlungen zum Thema Kapitalmarkt sickert wenig heraus. Der Markt ist hoffnungslos. Eine erfahrungsgenährte Austro-Lähmung erstickt jegliche Euphorie. Neben den politischen Unterschieden scheinen alle denkbaren Maßnahmen unter dem Hammer des Budget-Konsolidierungszwangs zerschlagen zu werden. Zusätzlich herrscht in Teilen der involvierten Volkswirtschaftsberater der Glaube, durch eine steuerliche Bestrafung von Sparern die Umverteilung zu vertiefen, den Binnenkonsum zu steigern und so das Budget zu sanieren. Es droht eine Verböserung der Lage des „Kapitals“. Wenn man dazu noch die Gerüchte um eine Veränderung der ÖBAG oder das Schlagwort „Volkssparbuch“ hört, drückt die Forderung nach der Wiedereinführung der KESt-befreienden Behaltefrist einen Gegensatz aus, der beispielhafter kaum sein kann.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Budget ein formidables Loch aufweist und die Sanierung ausgabenseitig nicht leicht wird. Die Baustellen: Renten, Gesundheit, Subventionen oder Eigenkosten erzeugen ein strukturelles Defizit, welches über Jahre hinweg den Staat belasten wird. Ein EU-Defizitverfahren scheint fix. Ein Effizienz-Review ist gefragt.
Also macht man sich auf die Suche nach Geld. Und findet es in der Sparquote der Haushalte. Diese ist hoch. Warum? Die Enteignung der Sparer durch die Inflation hatte in Österreich den EU-Spitzenwert erreicht. Der Kaufkraft-Raub schmerzt bis heute. Nach wie vor herrscht Angst, wieder durch Intervention zur Kasse gebeten zu werden. Die finanzielle Planungssicherheit ist bei den Bürgern nicht ausreichend! Der Konsum hängt, man (über-)spart. Anreize für den heimischen Aktienmarkt und damit Investitions- und Risikokapital für Wachstum zu generieren, z. B. durch die genannte KESt-Befreiung, hat man bisher verpasst. Die Konjunktur stottert. Ein Eingriff durch Vermögenssteuern wird die Balance zwischen Geben und Nehmen nachhaltig weiter stören. Die Abwanderung von Kapital ins Ausland ist zwangsläufig. Ein „Volkssparbuch“ wird den Effekt nicht verhindern. Der Kapitalbedarf des Staates wird dadurch letztlich nur noch höher.
Doch die Abwanderung kann noch schlimmer werden. Die ÖBAG hat sich als professioneller, ertragreicher Puffer zwischen Staat und internationalem Kapitalmarkt etabliert, der Interventionsfreiheit sei Dank. Das Pflänzchen des Vertrauens ist jedoch noch klein und weiter ausbaufähig. Rück-Politisierungsideen geraten daher nachteilig und antiquiert.
Wer die US-Entwicklungen verfolgt, sieht dort einen starken Wunsch nach dem Aufbrechen von Interventionen und Umverteilungsmechanismen. Eine „schöpferische Zerstörung“ durch Donald Trump und der amerikanische Erneuerungswille wirken wie eine Antipode zu den Duftnoten aus den Koalitionsverhandlungen. Könnte dieser Ansatz nicht auch überlegenswert sein, es wäre das Beste aus zwei Welten?
Autor Florian Beckermann ist Vorstand des IVA – Interessensverband für Anleger
Aktienmarkt 2025: Small Caps, Value-Titel und zyklische Werte könnten profitieren
Ein Kommentar von Knut Hellandsvik, Leiter Aktien bei DNB Asset Management.
(13.12.) Die Zukunft des Aktienmarktes vorherzusagen, ist kein leichtes Unterfangen – das haben uns die letzten fünf Jahre gelehrt. Es war eine Zeit voller Ereignisse, mit denen man kaum rechnen konnte. Diese reichen von der weltweiten Pandemie bis hin zu einem ausgewachsenen Krieg auf dem europäischen Kontinent. Trotz all der negativen Schlagzeilen hat sich der globale Aktienmarkt als widerstandsfähig erwiesen und geduldigen Anlegern fantastische Renditen beschert. Der US-Aktienmarkt war jedoch der wichtigste Treiber für die globale Aktienperformance. Tatsächlich ist der US-Anteil am MXWO in den letzten zehn Jahren von 54 Prozent auf 73 Prozent gestiegen. Unter den 15 größten Unternehmen in der MXWO befindet sich nur ein einziges Unternehmen, das nicht aus den USA stammt: Novo Nordisk – auf Platz 15. Zum Vergleich: Vor zwanzig Jahren waren in der MXWO noch fünf nicht-amerikanische Unternehmen vertreten. Viele sprechen von “amerikanischem Exzeptionalismus”, und in der Welt der Aktien ist dies angesichts der Dominanz des US-Aktienmarktes sicherlich ein reales Phänomen. Seit Anfang 2020 haben der S&P 500 und der Nasdaq 100 eine Rendite von 100 Prozent bzw. 146 Prozent erzielt. Im selben Zeitraum hat der Eurostoxx 600 41 Prozent der Nikkei 225 76 Prozent und der MSCI Emerging Markets nur 11 Prozent zugelegt. Ein Großteil der Outperformance der USA ist eindeutig auf die großen US-Tech-Unternehmen zurückzuführen, allen voran die Magnificent 7 (Amazon, Apple, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla). Mit dem Aufkommen der generativen künstlichen Intelligenz als jüngstem Trumpf ist die Marktkapitalisierung dieser Unternehmen allein in den letzten zwei Jahren um 200 Prozent gestiegen. Infolgedessen machen diese sieben Unternehmen nun über 30 Prozent des S&P 500 Index aus, und die 10 größten Unternehmen sogar 36 Prozent in diesem Index. Schaut man sich den MXWO an, haben diese 10 US-Aktien einen Anteil von 25 Prozent – die größte Konzentration, die wir in der Geschichte erlebt haben.
Alle wichtigen regionalen Märkte haben im Jahr 2024 einen Bewertungsanstieg verzeichnet. Es überrascht nicht, dass die USA auch hier an der Spitze stehen. Das 12-Monats-Kurs-Gewinn-Verhältnis für den US-Aktienmarkt liegt deutlich über dem bisherigen 20-Jahres-Hoch und dem Mittelwert. Das gilt selbst dann, wenn man die großen Technologiewerte ausklammert. Im Vergleich dazu werden Japan und Europa im Einklang mit ihrem 20-Jahres-Mittelwert gehandelt, während China unter diesem Niveau notiert. Was sollten wir vor diesem Hintergrund vom globalen Aktienmarkt im Jahr 2025 erwarten?
Kurzfristig positive Auswirkung der Trump-Präsidentschaft
Das Gesamtbild für Aktien sieht vielversprechend aus, da weitere Zinssenkungen der Zentralbanken, relativ niedrige Arbeitslosenquoten und eine widerstandsfähige Weltwirtschaft erwartet werden. Die neue Präsidentschaft von Trump in Kombination mit einer republikanischen Mehrheit im Kongress bedeutet einen Regimewechsel für die Weltwirtschaft und die Märkte. Kurzfristig erwarten wir, dass sich die Trumponomics positiv auf den US-Aktienmarkt auswirken werden, da niedrigere Steuern und weniger Regulierung wahrscheinlich sind. Dies dürfte sich reflationär auswirken und eine breitere Erholung auslösen, die auch kleinere und mittlere Unternehmen erreicht und insbesondere den wertorientierten und zyklischen Teilen des Aktienmarktes zugute kommt. Der Russell 2000 Index ist zwei Jahre in Folge massiv hinter dem S&P 500 Index zurückgeblieben und könnte im nächsten Jahr eine deutliche Rallye erleben. Im Blick von Anlegern sollten auch US-Finanzwerte sein, die von der geringeren Regulierung sowie den verstärkten Fusionen und Übernahmen und Kapitalmarktaktivitäten nach einigen Jahren mit unterdurchschnittlichen Aktivitäten profitieren könnten. Anreize ergeben sich für uns aus einer Reihe von Faktoren: aus auslaufenden Private-Equity-Portfolios, fällig werdenden Risikokapital-Pipelines und höheren Bewertungen. Schätzungen zufolge verfügt Private Equity über 4 Billionen US-Dollar an freien Mitteln, die amerikanischen Unternehmen weisen in ihren Bilanzen 7,5 Billionen US-Dollar an Barmitteln aus. Dennoch bleibt die Frage, wie sich Trumps erhöhte Zölle und die reduzierte Einwanderung auf die Wirtschaft auswirken werden. Die Befürchtung ist, dass diese politischen Initiativen zu einer höheren Inflation und damit zu höheren Zinsen führen werden, welche die Wirtschaft bremsen könnten.
Plus von 5 bis 10 Prozent für den globalen Aktienmarkt in 2025
Was ist mit Europa? Die Region wird mit einem Rekordabschlag gegenüber den USA gehandelt – auch wenn man die Sektorzusammensetzung berücksichtigt. Tatsächlich hat Europa in acht der letzten zehn Jahre schlechter abgeschnitten als die USA, und im laufenden Jahr wird die Underperformance in Dollar gerechnet wohl die schlechteste aller Zeiten sein. Es ist kein Wunder, dass die Stimmung unter den globalen Anlegern gegenüber der Region miserabel ist und die meisten untergewichtet sind. Selbst jetzt fällt es den Anlegern schwer, angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums, der geringen chinesischen Nachfrage, der politischen Instabilität und des Risikos erhöhter US-Zölle ein großes Potenzial zu erkennen. Weitere Zinssenkungen der EZB, ein schwächerer Euro und eine marktfreundlichere Politik könnten positive Auslöser für eine bessere Aktienperformance sein. Unter den in Europa notierten globalen Unternehmen sehen wir gute Chancen einigen, die mit einem deutlichen Abschlag gegenüber ihren US-Pendants gehandelt werden. Was die Sektoren betrifft, so haben Luxusaktien angesichts der schwachen chinesischen Nachfrage und einer allgemeinen Wachstumsverlangsamung nach dem Covid-Boom in letzter Zeit schlecht abgeschnitten. Angesichts der starken Nachfrage aus dem Nahen Osten und den USA sehen wir jedoch noch Luft nach oben für den Kurszielen. Interessant ist, dass das Nettovermögen der US-Haushalte angesichts des starken Aktien- und Immobilienmarktes allein im letzten Jahr um 10 Billionen Dollar gestiegen ist. Darüber hinaus erscheinen uns einige der führenden europäischen Technologie- und Gesundheitstitel als risikoarm.
Im Blick haben wir auch weiter den japanischen Aktienmarkt, der nach einem starken Jahresbeginn unter der Auflösung der Carry Trades Anfang August und den politischen Unruhen im Herbst litt. Die zugrundeliegende Wachstumsstory bleibt intakt, angetrieben durch die inländische Reflation, das Reallohnwachstum, den schwachen Yen, die Beschleunigung der Aktienrückkäufe und die laufenden Unternehmensreformen. Positiv sind aus unserer Sicht der Industriesektor und Unternehmen, die auf den heimischen Verbraucher ausgerichtet sind.
Für die Schwellenländer könnte es ein weiteres schwieriges Jahr werden, da die Aussichten auf einen weiterhin starken Dollar nach wie vor unser Basisszenario sind. Daher empfehlen wir Anlegern, selektiv vorzugehen. China steht weiterhin vor einer Herausforderung, da die Inlandsnachfrage nach dem Platzen der Immobilienblase schwach bleibt. Die staatlichen Konjunkturprogramme haben sich noch nicht als wirksam genug erwiesen, um den Binnenkonsum anzukurbeln. Außerdem würde ein verschärfter Handelskrieg mit den USA die Aussichten nicht verbessern. Wir sehen Indien nach wie vor als Nettogewinner, da globale Unternehmen ihr China-Engagement reduzieren. Wir gehen davon aus, dass der indische Aktienmarkt durch ein anhaltend starkes Wirtschaftswachstum unterstützt wird, das von einer wachsenden Mittelschicht, der Urbanisierung, einer unternehmensfreundlichen Regierung und einer jungen, gut ausgebildeten Erwerbsbevölkerung getragen wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir nicht mit einem dritten Jahr in Folge mit einer Rendite von 20 % für globale Aktien rechnen, sondern mit einem verhalteneren Plus von 5-10 %, der hauptsächlich durch das Gewinnwachstum getrieben wird. Wir glauben, dass sich eine Diversifizierung auszahlen wird, da wir eine breiter gestreute Ertragslage sehen: Kleinere Unternehmen, Value-Titel und zyklische Werte sollten das Potenzial haben, sich gut zu entwickeln. Schließlich erwarten wir einen volatilen Markt angesichts eines höchst unsicheren geopolitischen Hintergrunds und eines unberechenbaren Weißen Hauses.
Schwellenländer: Indien hat die Nase vorne
Ein Marktkommentar der Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking.
(13.12.) Die internationalen Börsen haben ein sehr gutes, teils sogar ausgezeichnetes Jahr hinter sich. Trotz globaler Krisen eilten die Aktienmärkte von einem Rekord zum nächsten – angeführt von den USA. Doch auch einige Schwellenländer zeigten sich überaus robust. Vor allem der indische Aktienmarkt legte eine beeindruckende Rally hin. Dieses Bild konnte auch ein Einbruch im Oktober und November nur vorübergehend trüben, schreiben die Experten des Steiermärkische Sparkasse Private Banking im jüngsten Marktkommentar.
Ist Indien das neue China?
Die Frage, ob Indien den Nachbarn China in der wirtschaftlichen Performance vom Thron stürzt, stellt sich schon länger. Während chinesische Aktien zwischen Oktober 2021 und Oktober 2023 jährlich um die acht Prozent verloren, legten indische Titel in US-Dollar gerechnet im gleichen Zeitraum um mehr als 9 Prozent zu. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Gewichtungen des MSCI Emerging Markets Index wider: Der Anteil des Subkontinents am Schwellenländerindex hat sich innerhalb von zwei Jahren von rund 10 auf fast 20 Prozent verdoppelt. Chinas Anteil sank von 40 auf 30 Prozent.
Jüngste Probleme am indischen Aktienmarkt
Doch die Euphorie bekam zuletzt einen Dämpfer. Die wichtigsten indischen Leitindizes Sensex und Nifty 50 korrigierten seit Ende September deutlich. Parallel dazu war die Landeswährung fast auf ihr historisches Tief gegenüber dem US-Dollar gefallen. Die Ursachen sind vielfältiger Natur. Während die Quartalsergebnisse indischer Unternehmen wegen der Konsumzurückhaltung im Land enttäuschend ausgefallen waren – und das bei einer ohnehin schon teuren Bewertung des Aktienmarktes –, zogen sich ausländische Investoren massenhaft aus dem Markt zurück. Zudem tobt ein Korruptionsskandal um den einflussreichen Unternehmer und Multimilliardär Gautam Adani. Ihm werden in den USA angebliche Schmiergeldzahlungen vorgeworfen, eine Anklage droht.
Die Umschichtungen der internationalen Investoren wurden auch durch die jüngste Entwicklung in China getrieben. Viele Anleger, die bisher stark in Indien investiert und in China untergewichtet waren, nutzten die Erholung am chinesischen Markt für Anpassungen.
Hohe Bewertung indischer Aktien
Wie der US-Markt werden indische Aktien mit etwas mehr als dem 20-fachen der erwarteten Gewinne gehandelt. Das ist im Vergleich zu den meisten anderen Aktienmärkten auf der ganzen Welt hoch, aber es kann durch den langfristigen Gewinnwachstumspfad gerechtfertigt werden.
Das Land hat noch einen langen Weg vor sich, wenn es um den Ausbau des Straßen- und Schienennetzes, die Verbesserung der Energiesicherheit, den Bau besserer Wohnungen und viele andere Bereiche geht, die vor etwa einem Jahrzehnt als Gründe für Investitionen in China genannt wurden.
Volatil, aber interessant
Der vorübergehende Sturm am indischen Aktienmarkt wird sich aber möglicherweise mittel- bis langfristig als Lüfterl herausstellen. Der Markt bleibt vermutlich volatil, aber interessant. Die Rahmenbedingungen gelten weiterhin als stabil bis robust.
Erstens kann die Abwanderung ausländischer Investoren durch eine breite inländische Anlegerbasis ausgeglichen werden. Zweitens hat die Zentralbank Bank of India (RBI) am vergangenen Freitag beschlossen, die Referenzzinsen unverändert bei 6,5 Prozent zu belassen. Es ist seit April 2023 das elfte Mal in Folge, dass dieser Zinssatz bestätigt wurde. Drittens verzeichnete Indien im Wirtschaftsjahr 2023/24 (bis März 2024) ein beachtliches BIP-Wachstum von 8,2 % – damit wurde der Wirtschaftseinbruch nach der Pandemie überwunden und die indische Wirtschaft befindet sich wieder auf einem positiven Wachstumspfad. Für das laufende Wirtschaftsjahr und auch mittelfristig wird ein BIP-Wachstum von um die 6,9 % prognostiziert. Indien ist damit die am stärksten wachsende Volkswirtschaft aller G20 Staaten. Diese Dynamik wird von einem wieder erstarkten Privatkonsum und einem enormen Investitionsprogramm der Regierung getragen.
Internationale Trends in der Vermögensverwaltung
Studie zur Stimmung, den Privatmärkten, KI und den Vermögenstransfer zwischen den Generationen.
Rudolf Preyer. Die aktuelle Global Investor-Insights-Umfrage des internationalen Vermögensverwalters Schroders bietet spannende Einblicke in die sich wandelnde Landschaft der Vermögensverwaltung. Sie beschreibt zentral die Herausforderungen, mit denen Vermögensberaterinnen und Vermögensberater auf dem heutigen dynamischen Markt konfrontiert sind.
Die Feldarbeit wurde von CoreData Research im Rahmen einer umfangreichen globalen Umfrage von Juni bis Juli 2024 unter fast 1.800 Vermögensberatern durchgeführt – vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen. Trotzdem bleibt die Stimmung unter den Beratern sowie ihren Kunden erfreulich positiv. „Wir sehen Anzeichen für eine zunehmend positive Einstellung gegenüber Risikoanlagen sowie gegenüber Kunden und ihren Beratern, die durch ein verstärktes Engagement in Private Assets nach neuen Renditequellen suchen“, sagt dazu Carla Bergareche, Global Head of Wealth bei Schroders.
Die Umfrage, die die Ansichten von mehr als 1.700 Vermögensberatern auf der ganzen Welt widerspiegelt, zeigt ein hohes Vertrauensniveau, insbesondere in Bezug auf das Erreichen der Renditeerwartungen der Kunden. Trotz des unsicheren Umfelds sind 62 % der Berater weltweit optimistisch, die Renditeziele ihrer Kunden in den nächsten ein bis zwei Jahren zu erreichen.
Vermögenstransfer als Herausforderung in der Beratung
Über die Rendite hinaus steht der Vermögenstransfer zwischen Ehepartnern und Generationen, der derzeit im Gange ist und noch viele Jahre andauern wird, im Mittelpunkt: 59 % der Berater weltweit halten die Vermögensübertragung für sehr wichtig. Die Privatmärkte spielen nach wie vor eine zunehmende Rolle in Vermögensportfolios: 55 % der Vermögensberater investieren bereits in Private Assets, weitere 19 % planen, dies in den nächsten Jahren zu tun.
Die Umfrage unterstreicht die wachsende Nachfrage nach Private Equity, Multi-Private-Asset-Lösungen und Infrastrukturaktien im Bereich erneuerbare Energien, wobei 65 % der Befragten das Potenzial für höhere Renditen als Hauptgrund für Investitionen in die Privatmärkte nannten.
Natürlich gibt es einige Hindernisse zu überwinden: Die Umfrage zeigt auf, dass mehr Klarheit über Liquidität und Bewertungen erforderlich ist, und unterstreicht die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Weiterbildung in diesem Bereich.
Bedürfnisse des Endkunden
Das Aufkommen von Künstlicher Intelligenz (KI) und die massive Vermögenskaskade über Generationen hinweg stellen sowohl Chancen als auch Herausforderungen für Vermögensexperten und für die Art und Weise dar, wie sie ihr Geschäft führen und mit ihren Kunden interagieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ergebnisse der diesjährigen Umfrage zeigen, dass sich Vermögensberaterinnen und Vermögensberater an komplexe aktuelle Herausforderungen anpassen, aber auch Chancen nutzen.
Da sich die Kundenerwartungen weiterentwickeln und neue Anlagethemen auftauchen, sind die Berater in der Lage, ihre Kunden durch diese Komplexitäten zu führen und in den kommenden Jahren sowohl Widerstandsfähigkeit als auch Wachstum zu gewährleisten.
Foto: AdobeStock / Pormezz
Haben nachhaltige Investments noch eine Zukunft?
Sorgen rund um die grüne Energiewende hält man bei DNB AM für übertrieben.
Raja Korinek. Der Wahlsieg Donald Trumps hat deutliche Spuren an den Börsen hinterlassen. US-Technologietitel legten kräftig zu, während zahlreiche Aktien aus der erneuerbaren Energiebranche teils stark an Wert verloren. So liegt etwa beim dänischen Windkraftanlagenbauer Vestas Wind Systems das Minus auf drei Monate bei rund 33 % (per 11.12. auf Eurobasis), beim Konkurrenten Ørsted bei minus 13 %.
Und Trump hat bereits angekündigt, wieder verstärkt auf die Förderung fossiler Brennstoffe setzen zu wollen. Die Sorge ist groß, dass der Ausbau erneuerbarer Energien deshalb ins Hintertreffen geraten könnte.
Beide Unternehmen sind dabei Teil des „DNB Fund – Renewable Energy Fonds“ von DNB AM. Christian Bergholt Rom, leitender Portfoliomanager, geht auf die jüngste Sektor-Entwicklung im Gespräch mit dem Börsen-Kurier näher ein und meint, allein bei Ørsted seien zwei Faktoren zusammengekommen. „Bei Ørsted war der Zeitpunkt unglücklich. Einen Tag nach Veröffentlichung des Berichts zum 3. Quartal, der schwächer als der Marktkonsens ausfiel, kündigte Donald Trump obendrein an, den Ausbau des Offshore-Windsektors in den USA zu stoppen.“ Das dänische Unternehmen ist auch in der Region mit Offshore-Windprojekten tätig.
Windkraft mit reichlich Potenzial
Das Schlimmste könnte dem Experten zufolge aber ausgestanden sein. „Auf dem aktuellen Niveau preist die Aktie dabei ein begrenztes zukünftiges Wachstum ein, obwohl das Unternehmen genügend Projekte erhalten hat, um sein Ziel für 2030 zu erreichen.“ Für das Investitionsszenario seien keine neuen US-Projekte erforderlich. Überhaupt räumt Rom dem gesamten Sektor noch reichlich Potenzial ein und sagt, „die Offshore-Windindustrie befindet sich in den Kinderschuhen, und Offshore-Windenergie hat sich in Ländern, in denen die Branche wächst, als wettbewerbsfähig erwiesen“.
Als globaler Fonds wird etwa auch in Sunrun aus den USA investiert. Das Unternehmen sei als Marktführer bei der Installation und dem Besitz von Solaranlagen und Batteriespeichern für Wohngebäude in den USA gut positioniert, betont Rom. Doch was, wenn Trump womöglich den Inflation Reduction Act (IRA) stoppt? Das Gesetz wurde vom amtierenden US-Präsidenten Joe Biden 2022 initiiert, um vor allem die sogenannte „grüne Wende“ in den USA zu forcieren.
IRA wird bleiben
Rom rechnet nicht mit einer vollständigen Aufhebung. „Der Anteil der Investitionen und Arbeitsplätze, die durch den IRA geschaffen wurden, war in den republikanischen Bundesstaaten stärker spürbar, was dazu führte, dass sich mehrere Republikaner für den IRA ausgesprochen haben.“ Zudem hatte Trump Steuergutschriften für Investitionen in erneuerbare Energien in seiner vorigen Amtszeit verlängert. „Drittens ist grundsätzlich die Stromnachfrage in den USA in den vergangenen zwölf Monaten um 3 % gestiegen und dürfte etwa aufgrund der Nachfrage nach KI-Rechenzentren weiter steigen.“
Die weltweit führende Rolle beim Ausbau der „Erneuerbaren“ übernimmt jedoch China. Zwar gehe man davon aus, dass die westliche Welt angesichts geopolitischer Spannungen weiterhin an der Verlagerung von Aktivitäten in diese Sektoren arbeiten werde. Vor allem die EU möchte energieautarker werden. „China wird aber wahrscheinlich die Marktführerschaft beibehalten.“
Nebst dem Thema Energie gibt es im Übrigen zwei weitere Kernbereiche im genannten Fonds von DNB Asset Management: die Elektrifizierung und die Ressourceneffizienz.
Foto: AdobeStock / fotobi
