Ein Crash kann auch nützlich sein
Ob er kommt oder nicht: Ein reinigendes Gewitter kann nie schaden.
(03.07.2026) Nach börslichen Höheflügen der Sonderklasse im abgelaufenen Jahr begann 2026 mit vorsichtig-realistischem Optimismus. Erste Group Research-Chef Friedrich Mostböck etwa sah das (damalige) geopolitische Momentum (Venezuela) aus Börsensicht nicht dramatisch und vermutete die größere Gefahr in einem Grönland-Konflikt mit der EU. Überdies stünden Höchstständen im Dax, ATX und anderen Indizes immer noch moderate KGVs gegenüber. Am 28. Februar begannen jedoch die US-Angriffe auf den Iran, was natürlich niemand voraussagen hatte können. Die Börsen gaben daraufhin kurzfristig nach, um bald wieder Höchststände zu erreichen. Man gewöhnt sich eben schnell an so ziemlich alles …
Erinnerungen kommen hoch
Doch auch die verzwickte Situation am Golf änderte nichts an der guten Börsenlaune, da sich der Fokus der Kapitalmärkte in einer Mischung aus Kalkül und Gier auf die Künstliche Intelligenz fokusiert. Da auf diesem Gebiet aller-dings bislang nur die Wenigsten Geld verdienen, werden wohl Ausdrücke, die wir aus der Dotcom-Blase kennen, wie „Cashburningrate“ oder „Stranded Investment“, wieder an Popularität gewinnen.
Den bisherigen Gipfel dieser Entwicklung erreichte wohl Elon Musk mit seinem SpaceX-Börsengang, mit dem eigentlich andere defizitäre Bereiche des Musk-Imperiums querfinanziert werden sollten. Ein Pyramidenspiel auf höchstem Niveau?
Als weitere Folge gilt KI an den Börsen längst als überrepräsentiert, auch in zahlreichen ETFs. Zusätzlich zog SpaceX auch Geld aus anderen Tech-Aktien ab. Die Erfahrung aus der Dotcom-Blase oder vorhergegangenen technischen Revolutionen wie dem Automobilbau um 1900 sagt uns aller-dings auch, dass bei jedem Meilenstein technologischer Entwicklung nur eine Handvoll Gewinner übrigbleiben. Und das bezieht sich nicht nur auf KI, sondern auch auf Chip- und Leiterplattenhersteller als deren Grundlage.
Dazu meint AT&S-CEO Michael Mertin auf Anfrage des Börsen-Kurier allerdings: „Wir sehen keine Überhitzung des Marktes, denn wir stehen mit allen unseren Kunden im Silicon Valley in engem Kontakt und kennen ihre Road Maps für die kommenden Jahre. Da stehen nachhaltige Businessmodelle dahinter. Selbst wenn einzelne Aktien aktuell überbewertet erscheinen und es daher kurzfristig zu Kursrückgängen kommen sollte, sehen wir die langfristigen profitablen Wachstumsperspektiven weiterhin als intakt an.“
Wenn sich die Spreu vom Weizen trennt
Ob die Tech-Aktienkurse derzeit wirklich überhitzt sind, darüber scheiden sich die Geister, preisgünstig sind sie jedenfalls nicht. Solange es keine wirklich attraktiven Alternativen zur Aktie gibt, werden Aktienkurse aber auch nicht dramatisch fallen – sofern die Geopolitik keine weiteren schlechten Streiche spielt.
Was als Warnsignal allerdings oft übersehen wird, ist das Desinteresse an den „traditionellen“ Industrien (die längst nicht mehr so traditionell sind; Anm.). Dies führt schon seit längerem zu konjunkturellen Dellen und zu schlechter Stimmung, allen voran in Deutschland.
Dass das Münchner Ifo-Insitut nun feststellt, dass sich dessen deutscher Geschäftsklimaindex im Juni leicht auf 85,6 Punkte verbessert hat, ändert daran nichts. Eine Korrektur im Tech-Sektor würde aber vermutlich keinen großen Schaden anrichten. Man könnte die Spreu vom Weizen trennen, und es gäbe wieder attraktivere Einstiegskurse – wichtig wäre das auch für kapitalmarktbasierte Vorsorge- und Pensionsmodelle.
Autor: Tibor Pásztory
Bild: KI generiert/Börsen-Kurier
