Einzeltitel auswählen: 6 wichtige Merkmale vielversprechender Aktien
Wie kann man jene wenigen Aktien identifizieren, die auf längere Sich die Performance des Marktes treiben? Der Börsen-Kurier verrät einige Anhaltspunkte.
Kurzfassung
- Nur 46 US-Aktien erzeugten laut US-Finanzwissenschaftler die Hälfte der Nettowertschöpfung des US-Aktienmarktes seit 1926.
- Profitabilität und steigende Cash-Bestände zählen zu den Merkmalen besonders starker Unternehmen.
- Organisches Wachstum und hohe F&E-Ausgaben können beim Stockpicking weitere Hinweise liefern.
- Hohe Verschuldung trat häufiger bei später besonders schwachen Aktien auf.
- Sechs Merkmale können helfen, Einzeltitel auszuwählen.
Nur wenige Aktien treiben langfristig den Markt. Worauf Anleger bei der Auswahl von Einzeltiteln achten können.
Wer Einzeltitel auswählen möchte, steht vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Die Erkenntnisse des US-Finanzwissenschaftlers Hendrik Bessembinder dürften vor allem so manchen passionierten Stockpicker ernüchtern. Der Professor an der Arizona State University hat seine viel beachteten Untersuchungen inzwischen aktualisiert und dafür 29.754 US-Aktien über einen Zeitraum von 100 Jahren – von 1926 bis 2025 – analysiert. Das Ergebnis: Während Aktien insgesamt enorme Vermögenszuwächse brachten, erlitten langfristige Anleger bei fast 60 % der untersuchten Aktien Vermögenseinbußen. Noch bemerkenswerter: Nur 46 Unternehmen waren für die Hälfte der gesamten Nettowertschöpfung des US-Aktienmarktes von 91 Billionen USD verantwortlich. Quelle: Hendrik Bessembinder, „One Hundred Years in the U.S. Stock Markets“, März 2026.
Die Auswahl der richtigen Einzeltitel ist also alles andere als einfach. „Wer allerdings in Aktien investiert, kommt nicht darum herum, sich damit intensiv zu beschäftigen“, sagte Bernd Kiegler, Fondsmanager bei der Raiffeisen KAG, im ursprünglichen Gespräch mit dem Börsen-Kurier.
Welche Merkmale können bei der Aktienauswahl helfen? Bessembinder hat sich auch mit dieser Frage beschäftigt. Seine Untersuchungen von US-Aktien seit 1950 zeigen einige auffällige Gemeinsamkeiten besonders starker Titel. Eine Garantie für künftige Kursgewinne liefern sie allerdings nicht.
1. Profitabilität
Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Ertragskraft des Unternehmens. Kiegler empfiehlt, den in der Vergangenheit – beispielsweise über fünf bis sechs Jahre – erwirtschafteten operativen Gewinn (EBIT) zu betrachten. Dabei sollte auch die EBIT-Marge als Maß für die Profitabilität berücksichtigt werden.
„Bei einem Wert von 1 bis 2 % ist das Geschäftsmodell angreifbar bzw. bei starker Konkurrenz kann das Unternehmen schnell in der Verlustzone landen“, warnt Kiegler. Als Orientierung nannte er eine durchschnittliche EBIT-Marge von mindestens 5 bis 10 %.
Dass Profitabilität eine Rolle spielt, zeigen auch Bessembinders Untersuchungen. Unternehmen mit besonders starken Ergebnissen über Zehnjahreszeiträume waren im Durchschnitt profitabler als andere Unternehmen. Umgekehrt gehörte geringe Profitabilität zu den Merkmalen, die bei den später besonders schwachen Aktien häufiger zu beobachten waren. Quelle: Hendrik Bessembinder, „Extreme Stock Market Performers, Part III und IV“, 2020.
2. Steigende Cash-Bestände
Ein weiteres auffälliges Merkmal ist die Entwicklung der liquiden Mittel. In Bessembinders Untersuchung wiesen Unternehmen mit besonders starken langfristigen Ergebnissen eine überdurchschnittlich starke Cash-Akkumulation auf.
Von 22 untersuchten fundamentalen Unternehmensmerkmalen laut der Untersuchung von Bessembinder gehörte diese zu den wenigen Faktoren, die bei den besonders starken Unternehmen statistisch hervorstachen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ein hoher Cash-Bestand automatisch eine gute Aktie ausmacht. Entscheidend ist vielmehr die Entwicklung des Unternehmens im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren.
3. Organisches Wachstum
Auch rasches Wachstum der Vermögenswerte war bei den besonders starken Unternehmen überdurchschnittlich häufig zu beobachten. Bessembinders Untersuchung verweist dabei insbesondere auf organisches Wachstum – also Wachstum aus dem Unternehmen selbst und nicht primär durch Übernahmen.
Es kann beispielsweise durch steigende Produktion, neue Produkte oder die Expansion des bestehenden Geschäfts entstehen. In der Untersuchung gehörte rasches Wachstum der Vermögenswerte gemeinsam mit der starken Cash-Akkumulation zu den auffälligsten Merkmalen der Unternehmen mit besonders guten langfristigen Ergebnissen.
4. Investitionen in Forschung und Entwicklung
Ein weiteres Ergebnis überrascht auf den ersten Blick: Besonders starke Unternehmen gaben im Durchschnitt mehr für Forschung und Entwicklung (F&E) aus und waren gleichzeitig profitabler.
Noch interessanter für die Aktienauswahl: Höhere F&E-Ausgaben in einem vorausgegangenen Zehnjahreszeitraum gehörten zu den Merkmalen, die laut Bessembinder statistisch mit besonders hohen Aktienrenditen im darauffolgenden Jahrzehnt verbunden waren.
F&E-Ausgaben allein sind freilich kein Qualitätsmerkmal. Sie zeigen aber, wie wichtig Innovation und die Fähigkeit eines Unternehmens sein können, in zukünftiges Wachstum zu investieren.
5. Verschuldung im Auge behalten
Auch die Finanzierung eines Unternehmens verdient Aufmerksamkeit. Bessembinders Untersuchung zur Vorhersage besonders guter und schlechter Aktienentwicklungen zeigt: Unternehmen, deren Aktien im folgenden Jahrzehnt zu den schwächsten gehörten, waren zuvor tendenziell stärker verschuldet.
Für Anleger bedeutet das nicht, Unternehmen mit Schulden grundsätzlich auszusortieren. Die Ergebnisse sprechen aber dafür, die Verschuldung bei der Auswahl von Einzeltiteln nicht außer Acht zu lassen.
6. Die Bewertung muss passen
„Der wichtigste Ansatzpunkt beim Investieren, der allerdings für Laien schwer einzuschätzen ist, ist, dass ein Unternehmen billig sein muss“, so Kiegler im Gespräch mit dem Börsen-Kurier.
Ein mögliches Kriterium zur Einschätzung der Bewertung ist das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Kiegler sieht diese Kennzahl insbesondere bei Finanzwerten als relevant. Bei Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen kann wiederum EV/Sales – der Unternehmenswert inklusive Nettoverschuldung im Verhältnis zum Umsatz – Hinweise darauf liefern, ob sich die Bewertung eher am unteren oder oberen Ende des historischen Spektrums bewegt.
Dabei sollte die Bewertung jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Interessant ist auch, warum es für ein Unternehmen zuletzt gut oder schlecht gelaufen ist und ob zyklische oder strukturelle Gründe dahinterstehen. Ebenso wichtig ist die Einschätzung der zukünftigen Ertragskraft.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang allerdings ein Ergebnis von Bessembinder: In seiner Untersuchung der fundamentalen Merkmale besonders starker Aktien gehörte die Bewertung nicht zu den wenigen statistisch signifikanten Faktoren. Das bedeutet nicht, dass der Kaufpreis einer Aktie unwichtig ist. Es zeigt vielmehr, wie schwierig es ist, außergewöhnliche langfristige Kursentwicklungen anhand einzelner Kennzahlen vorherzusagen.
Auch gute Aktien können stark fallen
Bessembinders Forschung liefert noch eine wichtige Erkenntnis für Anleger: Selbst Aktien, die sich langfristig außergewöhnlich gut entwickelten, mussten zwischenzeitlich erhebliche Kursverluste verkraften.
Bei den 100 erfolgreichsten Aktien-Zehnjahresperioden seit 1950 betrug der stärkste zwischenzeitliche Kursrückgang innerhalb dieser erfolgreichen Jahrzehnte im Durchschnitt 32,5 %. In der jeweils vorausgegangenen Dekade lag der durchschnittliche maximale Rückgang sogar bei 51,6 %, so Bessembinder im Artikel über extreme Aktienmarktperformance.
Die Auswahl von Einzeltiteln bleibt damit anspruchsvoll. Profitabilität, steigende Cash-Bestände, organisches Wachstum, Investitionen in Forschung und Entwicklung, eine tragfähige Verschuldung und die Bewertung liefern Anhaltspunkte für die Analyse eines Unternehmens. Keine dieser Größen erlaubt für sich allein eine verlässliche Prognose.
Bessembinders aktuelle 100-Jahres-Analyse zeigt vielmehr, wie stark sich die langfristige Wertschöpfung des Aktienmarktes auf wenige Titel konzentriert. Für Anleger ist das zugleich ein Argument, bei der Auswahl von Einzeltiteln genau hinzusehen – und das Risiko ausreichend zu streuen.
Wer Einzeltitel auswählen möchte, sollte deshalb sechs Merkmale liefern Anlegern Anhaltspunkte für die Auswahl von Einzeltiteln, aber keine Erfolgsformel. Bessembinders Forschung zeigt vielmehr, wie schwierig es ist, jene wenigen Aktien frühzeitig zu erkennen, die langfristig einen großen Teil der Marktrendite erwirtschaften. Gerade deshalb bleiben eine gründliche Aktienanalyse und ausreichende Diversifikation entscheidend.
Autoren: Patrick Baldia, Anneliese Proissl
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